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JULIA EXKLUSIV BAND 241

MICHELLE REID

Mehr als ein süßes Spiel

Zärtliche, aber auch dunkle Erinnerungen werden wach, als Rebecca nach Yorkshire zurückkehrt. Denn der umwerfende Jay ist noch immer der Eine, bei dem sie Schmetterlinge im Bauch hat! Doch bis heute ist ihr unbegreiflich, woran ihr Glück vor Jahren zerbrach. Allerdings spürt sie sofort, dass zwischen ihnen das süße Spiel der Verführung von Neuem beginnt …

CATHERINE GEORGE

Venezianische Verführung

Eher widerwillig holt der Venezianer Domenico Chiesa für seinen Cousin dessen Gast aus London vom Flughafen ab: Er hat ja auch nicht mit einer so atemberaubend attraktiven Frau wie Laura gerechnet! Und auch nicht damit, dass die kommenden Tage in Venedig zu einem wahren Traum werden. Nur scheint es besser, dass Laura nie erfährt, wer er wirklich ist!

KIM LAWRENCE

Keine Liebe ohne Risiko

Nie hat der erfolgreiche Bankier Drew eine so bezaubernde Frau getroffen wie die schöne Eve. Sie ist die Frau seines Lebens! Und eben nicht seine Exverlobte Charlotte, die unerwartet wieder auf der Bildfläche erscheint und nichts unversucht lässt, um ihn zurückzugewinnen. Wie kann er Eve nur unmissverständlich klarmachen, dass sein Herz nur für sie schlägt?

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Mehr als ein süßes Spiel

1. KAPITEL

Rebecca blickte blass und unbewegt auf den Anzeigenteil der überregionalen Tageszeitung, die aufgeschlagen vor ihr lag.

„Was wirst du tun?“, fragte Christina vorsichtig.

Es war früh am Morgen, der Arbeitstag hatte gerade erst begonnen. Jenseits der Tür ihres kleinen Büros hörte Rebecca das beruhigende Surren mehrerer Nähmaschinen und die gedämpften Stimmen ihrer fünf Angestellten.

„Ich weiß es nicht“, antwortete sie, ohne den Blick von der großen, schwarz umrandeten Anzeige zu wenden, die ihr bedrohlich ins Gesicht zu springen schien:

Miss Rebecca Shaw, letzte bekannte Adresse im Dorf Thornley in South Yorkshire, wird dringend gebeten, folgende Telefon­nummer anzurufen, da ihre Mutter ernsthaft erkrankt ist.

Nein! Ich werde es nicht tun! schoss es ihr durch den Kopf. Wie konnte man überhaupt nur wagen, ihr so etwas vorzuschlagen? Sie wandte sich ab und blickte zum Fenster hinaus in den grauen Wintermorgen, während sie sich zehn Jahre zurückversetzt fühlte und wieder das achtzehnjährige Mädchen war, dessen verzweifelte Bitten niemand hören wollte.

Draußen war es bitterkalt. Der scharfe Nordwind fegte über die Schneereste und wirbelte sie wie Puderzucker auf. Eine Coca-Cola-Dose kullerte scheppernd über die Straße, vom Wind getrieben, und eine alte Frau, die völlig durchfroren aussah, kämpfte mit ihren schweren Einkaufstaschen gegen die Böen an.

Ein Junge kam auf seinem Rad um die Ecke. Die kräftigen Beine traten unbeirrt in die Pedale. Ein Lächeln huschte über Rebeccas Gesicht, das erste, seit Christina ihr die Zeitung hingelegt hatte. Die Nase des Jungen war rot von der beißenden Kälte, aber die blauen Augen funkelten vor Vergnügen. Er hatte Spaß am Kampf mit dem Wind.

„Rebecca? Sie ist deine Mutter“, gab Christina zu bedenken. „Anscheinend ist sie krank und fragt nach dir. Du kannst das nicht einfach ignorieren.“

Das Lächeln verschwand. Die grauen Augen blickten starr. Im Geiste hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Du wirst es tun, Rebecca, oder du brauchst mir nie wieder unter die Augen zu kommen! „Nein, vermutlich kann ich das nicht“, stimmte sie ihrer Freundin resigniert zu.

„Ich könnte bei der Nummer für dich anrufen, wenn dir das lieber ist“, schlug Christina ihr vor. „Um erst einmal herauszufinden, wie krank sie wirklich ist.“

„Nein.“ Rebecca schüttelte den Kopf. Sie wusste genau, wessen Telefonnummer das war. Selbst nach zehn langen Jahren kannte sie sie immer noch auswendig. Es war der Privatanschluss von Thornley Hall. Jays Nummer.

Wieder hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Jay liebt dich nicht, du Närrin! Er hat sich nur genommen, was du ihm so freigiebig angeboten hast! Du hast dich ihm den ganzen Sommer über ja förmlich an den Hals geworfen!

Und wie vor zehn Jahren tat es unvorstellbar weh. Damals hatte sie den Worten ihrer Mutter natürlich nicht geglaubt. Sie war gerade erst achtzehn gewesen, blind vor Liebe und völlig verängstigt. Nein, es hatte des Beweises aus einer anderen Quelle bedurft, damit sie die Dinge akzeptieren konnte, wie sie waren. Dann aber hatte sie jedes einzelne, grausame, demütigende Wort geglaubt.

Sie hörte das Zuschlagen der Haustür. Ein Schrammen und Scheppern verriet, dass sich jemand in der engen Diele bemühte, ein Fahrrad seitlich an den Treppenaufgang zu lehnen. Im nächsten Moment wurde die Bürotür aufgerissen und das grinsende Gesicht eines Schuljungen mit roten Wangen und windzerzaustem Haar erschien. „Hallo, Mom!“, begrüßte der Junge Rebecca aufgeregt. „Wow, hast du gesehen, wie stürmisch es draußen ist? Es hat mich fast vom Rad geweht!“

Ein überwältigendes Gefühl von Liebe stieg in ihr auf, sogleich gefolgt von einer ebenso starken wie unerklärlichen Angst, die ihr die Kehle zuschnürte. Sie räusperte sich. „Kit“, wandte sie sich ruhig an ihren Sohn, „ich muss einige Tage verreisen. Macht es dir etwas aus, solange bei Christina und Tom zu bleiben?“

„Natürlich nicht!“ Er betrat den Raum und brachte einen frischen Lufthauch mit herein. „Onkel Tom wird mich zum Angeln mitnehmen, wenn ich ihn freundlich bitte.“ Bei diesen Worten lächelte er Christina spitzbübisch zu und offenbarte dabei seinen unwiderstehlichen Charme, der seiner Mutter erneut einen Stich ins Herz versetzte. „Aber wo musst du hin? Doch nicht schon wieder auf Stoffsuche, oder?“

Rebecca nahm diese Ausrede dankbar an. „Ich fürchte, das ist es wirklich“, antwortete sie und warf Christina einen bezeichnenden Blick zu. „Wir haben gerade von einer neuen Weberei in Yorkshire erfahren, und Christina meint, es würde sich lohnen, sie sich einmal anzusehen.“

„Okay.“ Kit zuckte gleichmütig die Schultern. Er war es gewohnt, dass seine Mutter ihn immer wieder einmal bei Christina und Tom ließ, wenn sie sich auf die Suche nach guten, aber preiswerten Stoffen für ihre smarten Modelle machte. Und Christina und Tom, selber kinderlos, nahmen ihn immer gern bei sich auf.

„Da gerade Schulferien sind, könnten wir vielleicht einen Besuch bei McDonald’s und im Kino einplanen“, schlug Christina fröhlich vor.

„Toll! Oh ja, bitte, Tante Chrissy!“ Er drückte Christina überschwänglich an sich. „Wann musst du los?“, wandte er sich dann an seine Mutter, und sein argloser Eifer, sie loszuwerden, ließ sie lächeln.

Doch das Lächeln verschwand sehr rasch wieder, und Rebecca wandte sich ab, damit Kit ihren sorgenvollen Ausdruck nicht bemerkte. „Ich weiß es noch nicht, aber vielleicht sofort. Ich muss vorher noch einige Anrufe machen.“

„Du liebe Güte, wie spät es schon ist!“, kam Christina ihr zu Hilfe. „Komm, Kit, hilf mir, den Tee für die Mannschaft zu machen. Dabei können wir unsere Pläne schmieden, während deine Mutter sich um ihre kümmert.“

Rebecca blickte den beiden wehmütig nach, als sie das Büro verließen. Ihr Sohn war groß und kräftig und so sehr Jays jüngeres Ebenbild, dass sie sich oftmals fragte, wie sie den Sohn so vorbehaltlos lieben konnte, wo sie den Vater doch aus tiefstem Herzen verachtete. Sie setzte sich an den Schreibtisch und barg das Gesicht in den Händen, während die Erinnerungen auf sie einstürmten. „Lieber Himmel!“, flüsterte sie. „Warum konnten sie mich nicht in Frieden lassen?“

Es war zehn Jahre her, seit Rebecca Jay zum ersten Mal als Frau begegnet war, erblüht aus einem wilden und unbändigen Kind. Gerade achtzehn und so voller Lebenslust, dass ihr junges Gesicht förmlich glühte, als Jay sie in jenem fatalen Sommer aufsuchte.

Er war mit dem Universitätsdiplom in der Tasche zurückgekehrt, ungeduldig bestrebt, seinen Platz an der Seite seines Vaters in dem Multimillionen-Pfund-Imperium einzunehmen, das dieser von Harrogate aus mit eiserner Hand leitete.

Die Familie Lorence, wohlhabende Großgrundbesitzer seit alters her, galt in dieser Gegend als die Spitze der gesellschaftlichen Elite. Doch trotz des Klassenunterschieds hatte Jay immer eine wichtige Rolle in Rebeccas Leben gespielt. Jay hatte ihr das Reiten beigebracht und damit einen Weg aufgezeigt, wie sie ihr lebhaftes Temperament in der reinen Freude darüber ausleben konnte, auf dem Rücken von einem von Jays prachtvollen Pferden durch die herrliche Landschaft von Yorkshire zu galoppieren. Lachend hatte sie das Gesicht in den Wind gehalten, der ihr die rotbraune Haarmähne zerzauste, und dieses Gefühl von Freiheit genossen. Frei zu sein vor allem von den strengen Verboten ihrer peniblen Mutter und der verletzenden Erkenntnis, dass dem Vater die Rosen mehr galten als seine Tochter. Eine Tochter, die ein wahrer Wildfang war und es schwer hatte mit einer nörgelnden Haushälterin als Mutter und einem in sich gekehrten Gärtner als Vater.

Jay war immer da gewesen, wenn sie in Schwierigkeiten steckte. Er hatte sie aus dem Fluss gezogen, als sie im Frühjahrshochwasser geschwommen und fast ertrunken war, und ihr die fällige Gardinenpredigt gehalten. Jay hatte sie in den Arm genommen und getröstet, als ihr Vater unerwartet und viel zu früh an einem Herzinfarkt gestorben war. Und er hatte sie vor dem Zorn ihrer Mutter beschützt, wenn sie wieder einmal in ihrem Drang, aus der Enge auszubrechen und das Leben zu genießen, über die Stränge geschlagen hatte.

So war es auch Jay gewesen, der sie ein Jahr vor jenem fatalen Sommer aus Joe Tyndells Wagen gezerrt hatte, als sie es für an der Zeit hielt, herauszufinden, was ihre Freundinnen in der Schule bereits längst wussten.

„Genügt es nicht, dass du sowieso schon als nicht zu bändigen giltst? Muss man dich auch noch für schamlos halten?“, schimpfte er und trieb sie vor sich her zum Haus.

„Du liebe Güte, Jay, wir haben uns doch nur geküsst!“, entgegnete sie heftig, wobei es ihr insgeheim sehr unangenehm war, dass ausgerechnet Jay sie in dieser peinlichen Situation ertappt hatte. „Irgendwann muss ein Mädchen das doch lernen.“

Er hatte sich ihr wütend zugewandt, fünf Jahre älter als sie und damals schon ein erwachsener Mann – groß, schlank und unglaublich attraktiv. Sein schwarzes Haar glänzte im Mondlicht, während er den Blick seiner blauen Augen verächtlich über ihre zarte Gestalt gleiten ließ, die mit einer weißen Sommerbluse und einem Wickelrock bekleidet war. „Sieh dich doch nur an!“, fuhr er sie an. „Es ist ein bisschen mehr als nur ein Kuss nötig, um deine Bluse aufzuknöpfen.“

Entsetzt blickte sie an sich herab und stellte fest, dass er recht hatte.

„Du trägst nicht einmal einen BH!“, fügte er hinzu.

„Das tun die Mädchen heute nicht mehr“, entgegnete sie trotzig und versuchte, die Bluse zusammenzuhalten.

„Du aber nicht!“ Und ehe Rebecca wusste, wie ihr geschah, hatte Jay sie zornig gepackt und an sich gezogen. „Wenn du unbedingt Unterricht im Küssen haben wolltest, hättest du zu mir kommen sollen, Becky“, flüsterte er. „Schließlich habe ich dir auch sonst alles beigebracht, oder nicht?“

Rebecca erinnerte sich noch gut, wie es sie heiß durchzuckt hatte, als sie zögernd zu ihm aufgeblickt und seine Absicht gespürt hatte. „Nicht, Jay“, protestierte sie halbherzig, dann nahm er schon von ihren Lippen Besitz, und sie vergaß alles um sich her. Nichts in ihren wildesten, kühnsten Träumen hatte sie auf die alles verzehrende Leidenschaft vorbereitet, die zwischen ihnen entflammte, als Jay sie küsste und ihre nackten Brüste umfasste und liebkoste. Es hatte sie erschreckt und erregt zugleich.

Dann hatte er sie fortgeschoben, war einen Schritt zurückgewichen und hatte sie wütend betrachtet, wie sie völlig benommen und atemlos vor ihm gestanden hatte. „Du hältst dich fern von den Jungen, Becky!“, befahl er rau. „Hast du mich verstanden?“ Dann machte er auf dem Absatz kehrt, ging durch das Tor zum Herrenhaus hinauf und war schon am Pförtnerhaus vorbei, wo sie mit ihrer Mutter wohnte, ehe es ihr in den Sinn kam, ihm zu folgen.

Am nächsten Tag war er fort, zurück zur Universität, und Rebecca hatte ihn fast ein Jahr lang nicht gesehen. Als Jay sie jedoch im darauf folgenden Sommer aufsuchte, fand er eine andere Rebecca vor. Sie war zur Frau gereift und hatte sich aus einer wilden Range zu einer exotischen Schönheit entwickelt.

Er fand sie unten am Fluss, wo sie auf einer Decke saß, ganz vertieft in den neuesten Sex-and-Crime-Bestseller. Es war ein strahlender, heißer Sommertag. Die Oberfläche des Flusses war fast spiegelglatt, weil sich kaum ein Lüftchen regte. Rebecca trug sehr kurze hellblaue Shorts und ein weißes Westentop, was Jay erlaubte, ihre sanft gebräunten schlanken Arme und wohlgeformten Beine zu bewundern.

Sie hatte keine Ahnung, wie lange er dort im Schatten eines Baumes gestanden hatte, aber plötzlich merkte sie, dass sie beobachtet wurde, drehte sich um und erblickte ihn. Er lehnte am Stamm des Baumes, die Hände in den Taschen seiner engen Jeans, die Miene unergründlich.

„Hallo“, grüßte er fast zögernd.

„Hallo“, antwortete sie und lächelte scheu. „Ich habe schon gehört, dass du wieder da bist.“

Einen Moment lang sahen sie sich schweigend an. Dann kam er zu ihr, ließ sich neben ihr auf der Decke nieder und warf einen prüfenden Blick auf das Buch, das sie bei seinem Anblick beiseitegelegt hatte. „Ist das nicht ein bisschen gewagt für dich?“, meinte er skeptisch, als er den Titel las.

„Ja.“ Ihre grauen Augen funkelten übermütig. Aber etwas in Jays Blick machte sie plötzlich befangen, und sie wechselte das Thema. „Übrigens, herzlichen Glückwunsch. Ich habe gehört, du hast dein Examen mit Auszeichnung bestanden.“

Er nickte. „Ich gelte jetzt tatsächlich als Mann.“ Sein spöttischer Ton fand Rebeccas Mitgefühl. Ihr ungestümes Wesen mochte sich immer wieder gegen die vielen Beschränkungen und Verbote auflehnen. Aber Jay hatte trotz des Reichtums und aller Privilegien nicht weniger Probleme, weil es nahezu unmöglich war, den hohen Erwartungen seines despotischen Vaters gerecht zu werden.

„Einen ganzen Sommer zu Hause …“ Er seufzte zufrieden und streckte sich neben ihr aus. „Danach gehe ich für ein Jahr nach Amerika, um das Geschäft von Grund auf zu lernen, bevor mein Vater mich auf irgendeine seiner Firmen loslässt.“

Rebecca blickte wehmütig zur Seite. „Wir alle müssen wohl irgendwann erwachsen werden.“

„Ja.“ Jay betrachtete ihr feines Profil. „Du hast schon längst damit angefangen.“ Er streckte die Hand aus und ließ den Zeigefinger sacht über ihr Kinn gleiten. „Warst du auch brav, während ich fort war?“

Ihre Augen blitzten amüsiert. „Oh ja. Wenigstens so brav, wie es mir möglich ist. Außerdem hatte ich auch kaum Zeit für etwas anderes, weil meine Mutter mir einen Job besorgt hat. An drei Nachmittagen in der Woche helfe ich Mrs Lumley im Gutshaus aus.“

„Im Gutshaus?“ Jay setzte sich überrascht auf. „Du solltest da nicht arbeiten, Rebecca“, meinte er ärgerlich. „Anders als deine Mutter bist du nicht dafür gemacht, andere Menschen zu be­dienen.“

Rebecca glaubte, eine Spur von Geringschätzung für die Tätigkeit ihrer Mutter herauszuhören, und richtete sich stolz auf. „Ich bin weder besser noch schlechter als meine Mutter, Jay“, entgegnete sie frostig. „Ich schäme mich nicht, Betten zu machen oder Böden zu schrubben, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“

„Wenn du schon Betten machen und Böden schrubben musst, dann wäre es mir lieber, du würdest es auf Thornley Hall tun und nicht für die Hamers!“

„Ist das nicht reizend?“ Rebecca kniete sich wütend hin und begann, ihre Sachen einzusammeln. Das rotbraune Haar fiel ihr wie ein seidiger Vorhang ins Gesicht. „Mit anderen Worten, es ist in Ordnung, wenn ich deine Böden schrubbe, aber nicht die von jemand anderem!“ Oft genug hatte sie ihrer Mutter schon geholfen, wie es von der Tochter der Haushälterin erwartet wurde.

„Das habe ich nicht gemeint.“ Er packte sie am Handgelenk, um sie am Aufstehen zu hindern. „Verdammt, Becky!“ Er ließ sich wieder auf die Decke zurückfallen und blickte zu ihr auf. „Olivia Hamer wird sich freuen, dich herumkommandieren zu können.“

„Mit Olivia komme ich schon klar.“ Rebecca wich jedoch seinem Blick aus, weil es sie tatsächlich sehr in ihrem Stolz kränkte, wie dieses Biest Olivia ihre Position ihr gegenüber ausspielte.

Olivia Hamer war zwei Jahre älter als Rebecca, eine hellblonde Schönheit, die einer ähnlich privilegierten Familie entstammte wie Jay. Doch sie war wahnsinnig eifersüchtig auf das spezielle Band zwischen Jay und Rebecca. Umso mehr genoss sie es, die Rivalin jetzt an drei Nachmittagen in der Woche unter ihrer Knute zu haben.

Obwohl Jay sie nur noch ganz lose festhielt, entzog ihm Rebecca ihre Hand nicht, sondern blickte reglos und nachdenklich auf den Fluss hinaus, während Jay ebenfalls seinen Gedanken nachhing.

„Du trägst immer noch keinen BH“, bemerkte er unvermittelt, was Rebecca veranlasste, ihn errötend anzusehen.

„Es ist zu heiß“, versuchte sie sich zu verteidigen und errötete noch mehr, als Jay den Blick vielsagend über ihre hohen, straffen Brüste schweifen ließ, die sich unter dem dünnen Stoff ihres Tops abzeichneten.

„Wunderschön“, flüsterte er. „Wunderschön …“ Er blickte auf und sah sie eindringlich an. „Ich habe den Anblick deiner wunderschönen Brüste nicht vergessen können, Becky, seit ich sie in jener Vollmondnacht gesehen habe.“

„Bitte, Jay, nicht …“ Sie wollte zurückweichen, verharrte aber wie gebannt. Jay hob die noch freie Hand, umfasste damit eine ihrer Brüste und ließ den Daumen sacht über die harte Spitze gleiten. Er spürte, wie Rebecca erschauerte. Kurz verweilte sein Blick auf ihrem verlockenden, halb geöffneten Mund, bevor er sie leidenschaftlich ansah.

„Wunderschöne Brüste. Ein wunderschöner Mund. Ich habe auch diesen Kuss nicht vergessen können“, flüsterte er. „Und ich habe ein ganzes Jahr darauf gewartet, dich wieder zu küssen!“

Mit einem Ruck zog er sie zu sich herab. Rebecca kam seinen Lippen ohne Gegenwehr entgegen und verlor sich ganz in seinen heißen Küssen und leidenschaftlichen Zärtlichkeiten. Dort im Schatten des großen Ahornbaumes am Ufer des Flusses, der träge in der Sonne glitzerte, führte Jay sie in die Kunst der Liebe ein und weckte endgültig die leidenschaftliche und heißblütige Frau in ihr.

„Ich liebe dich, Becky“, flüsterte er, als sie kurz zögerte. „Ich glaube, ich habe dich schon immer geliebt.“

Und im Vertrauen auf diese Liebeserklärung gab sie sich ihm hin. Nicht eine Sekunde zweifelte sie an der Aufrichtigkeit seiner Worte, niemals hätte sie geglaubt, dass ausgerechnet Jay sie belügen könnte. Einen ganzen, wundervollen Sommer lang waren sie praktisch unzertrennlich, trafen sich heimlich, sooft es eben ging, und schwelgten in ihrer jungen Liebe. Sie liebten sich, wann immer und wo immer es möglich war, und kamen sich so nahe, dass oftmals ein bloßer Blick oder ein Lächeln genügte, um ihre Leidenschaft anzuheizen.

Am Ende dieses Sommers war Rebecca dann furchtbar traurig, weil Jay sie verlassen und für ein ganzes Jahr nach Amerika musste.

Jay drückte sie fest an sich. „Ich muss mich vor meinem Vater beweisen, bevor ich etwas von ihm fordern kann“, versuchte er es ihr zu erklären. „Und du bist noch so jung … Aber ich verspreche dir, wenn ich zurückkomme, werden wir heiraten.“

Er ging für ein Jahr fort, und sie sah ihn nie wieder.

Mit diesem bitteren Gedanken tauchte Rebecca aus ihren Erinnerungen wieder auf. Nicht lange danach hatte auch sie Yorkshire verlassen, schwanger mit Jays Sohn. Die grausame Reaktion seines Vaters war ihr unauslöschlich im Herzen eingebrannt.

„Niemand erpresst diese Familie zu einer Heirat, meine Liebe! Sie behaupten, es sei Jays Kind, aber er streitet es ab. Tatsächlich zweifelt er sogar grundsätzlich an, dass Sie überhaupt wissen können, von wem Sie schwanger sind, weil es allgemein bekannt ist, dass Sie für jeden zu haben sind!“ Mit verächtlicher Miene hatte er ihr einen Scheck in die Hand gedrückt. „Sehen Sie zu, dass Sie es loswerden. Das ist heutzutage kein Problem, und das Geld hier sollte mehr als genug sein dafür. Ich will keinen Skandal im Zusammenhang mit meiner Familie. Mein Sohn wird Olivia Hamer heiraten, wie es immer geplant war. Deshalb werden Sie das Baby los, oder ich werde Sie und Ihre Mutter vor die Tür setzen, wobei sie Mühe haben wird, eine neue Stelle zu finden, weil Sie darauf wetten dürfen, dass ich ihr keine guten Referenzen geben werde!“ Und während sie wie am Boden zerstört vor ihm gestanden hatte, hatte er noch unbarmherzig hinzugefügt: „Davon abgesehen, möchte ich Sie hier nie wieder sehen. Verschwinden Sie mir aus den Augen und aus dem Leben meines Sohnes. Er will mit Ihresgleichen nichts tun zu haben!“

Die Reaktion ihrer Mutter war nicht weniger brutal gewesen. „Du musst tun, was er sagt, Rebecca“, hatte sie hysterisch geschrien. „Ich arbeite seit über zwanzig Jahren für die Lorences. Wer gibt mir noch einen neuen Job, wenn er mich feuert? Und ich will auch keinen anderen! Verschwinde. Sieh zu, dass du das Baby loswirst, und komm nie wieder zurück! Du hast mir genug Schande bereitet! Mehr als genug!“

Komm nie wieder zurück …

Rebecca blickte auf die aufgeschlagene Zeitung, wo die Anzeige sie jetzt genau um das Gegenteil bat. Ein ironisches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Eigentlich hätte sie die Bitte ignorieren müssen, so wie man all ihre flehentlichen Bitten vor zehn Jahren ignoriert hatte. Resigniert atmete sie tief ein, griff nach dem Telefon und wählte die Vorwahl von Yorkshire.

2. KAPITEL

Es war bereits dunkel, als der Zug in den Bahnhof von Harrogate einfuhr. Erschöpft von der langen Fahrt, war Rebecca froh, endlich aufstehen und ihren kleinen Koffer aus dem Gepäcknetz heben zu können. Sie war sich immer noch nicht sicher, warum sie überhaupt gekommen war oder was sie noch für ihre Mutter empfand.

Der Anruf in Thornley Hall war sehr kurz und rein sachlich gewesen. Zu ihrer Erleichterung hatte sich eine ihr völlig unbekannte Mrs Musgrove gemeldet, die Rebecca, sobald sie ihr Anliegen nannte, bereitwillig alle nötigen Informationen gegeben hatte. Ihre Mutter lag anscheinend auf der Intensivstation des Krankenhauses in Harrogate. „Ein Schlaganfall“, hatte ihr die fremde Frau in dem sanften Dialekt von Yorkshire erklärt, der sofort Heimweh in Rebecca weckte. „Sie fragt ständig nach Ihnen, die Ärmste. Aber ich glaube, am besten erklärt Mr Jay Ihnen alles. Wenn Sie einen Moment warten …“

„Nein!“, hatte sie sofort abgewiegelt. Allein bei dem Gedanken, mit Jay sprechen zu müssen, geriet sie in Panik. „Es wird nicht nötig sein, Mr … Lorence zu stören.“ Rasch hatte sie der Frau die Einzelheiten ihrer Reisepläne durchgegeben. „Ich hoffe also, dass ich bis zur Teezeit im Krankenhaus eintreffen werde“, hatte sie geschlossen und das Gespräch schnell beendet. Ihre Hände hatten gezittert, als sie das Telefon auf die Station zurückgelegt hatte. Es war eine Sache, dem Ruf ihrer Mutter ans Krankenbett zu folgen. Das war zumindest ihre Pflicht. Aber mit dem Mann zu sprechen, der der eigentliche Grund dafür war, dass sie sich überhaupt in der Lage befand, sich zu fragen, ob sie ihre eigene Mutter noch einmal wiedersehen wollte, war ihr eine unerträgliche Vorstellung.

Die bedrohlichen Wettervorhersagen hatten sie veranlasst, mit der Bahn und nicht mit dem Auto zu fahren. Yorkshires überraschende Schneestürme waren berüchtigt, und sie hatte keine Lust, mitten im einsamen Moor stecken zu bleiben.

„Pass auf dich auf, Mom“, hatte ihr Sohn sie fürsorglich ermahnt. „Und ruf mich an, wenn du angekommen bist. Manchmal kann so ein Schneesturm sogar einen Zug zum Halten zwingen, weißt du“, fügte er altklug hinzu.

Rebecca hatte ihm fest versprochen anzurufen, und Kit hatte ihr nachgewinkt, bis der Zug den Bahnhof verlassen hatte. Und neben dem etwas rundlichen, untersetzten Tom hatte ihr hochgewachsener, kräftiger Sohn so sehr wie Jay ausgesehen, dass die Erinnerung an vergangene Zeiten geweckt wurde und schmerzliche Sehnsucht in ihr wachrief.

Der Zug kam nun mit einem Ruck zum Stehen. Rebecca zog ihren dunklen Wollmantel über. Ärgerlich bemerkte sie, dass ihre Finger zitterten, als sie die großen schwarzen Knöpfe zumachte. Sie streifte die schwarzen Lederhandschuhe über und atmete tief ein. Trotz der ermüdenden Reise und des ernsten Anlasses sah sie gut aus. Noch eine halbe Stunde zuvor hatte sie sich auf der Zugtoilette frisch gemacht und ihr langes rotbraunes Haar noch einmal neu zu einer eleganten Frisur hochgesteckt. Doch die zittrigen Finger sprachen für sich. Rebecca fürchtete insgeheim, dass sie sich mehr um ihre Mutter sorgte, als sie sich eingestehen wollte.

Als eine von vielen Reisenden stieg sie aus dem Zug und ragte doch aus der Gruppe heraus, ohne sich dessen bewusst zu sein. Es mochte etwas mit ihrer kühlen, beherrschten Ausstrahlung zu tun haben, die sie sich vor Jahren als Teil ihrer Überlebensstrategie angeeignet hatte. Dazu war sie für eine Frau ungewöhnlich groß und von einer so natürlichen Anmut, dass man sich überall nach ihr umdrehte – vor allem natürlich die Männer.

Der Mann, der mit unbewegter Miene eingangs des Bahnsteigs wartete, erstarrte jedenfalls sichtlich bei ihrem Anblick. Denn obwohl er sie hatte aufwachsen sehen und miterlebt hatte, wie sie sich von einer wilden Range zu einer schönen jungen Frau entwickelt hatte, und obwohl er sich in all den Jahren, in denen er sie nicht gesehen hatte, immer wieder gefragt hatte, wie sie wohl aussehen mochte, war er nicht darauf vorbereitet, wie schön sie jetzt war.

Er presste die Lippen zusammen und beobachtete, wie sie sich umdrehte und den Koffer aus dem Zug holte. Dann kam sie langsam und anmutig auf ihn zu. Jeder ihrer gemessenen Schritte brachte sie näher. Sein Herz schlug schneller.

Sie hatte ihn noch nicht bemerkt. Hochgewachsen und gertenschlank, bewegte sie sich noch mit der gleichen Sinnlichkeit, wie er es in Erinnerung hatte. Das zarte, ovale Gesicht wirkte noch genauso täuschend zerbrechlich, das dichte rotbraune Haar war zwar elegant hochgesteckt, wie es die frühere Rebecca nie getan hätte, aber man brauchte nur die Haarnadeln herauszuziehen, und die unbändige Lockenmähne wäre wieder da.

Ja, dachte er verbittert. Ihre Schönheit übertraf seine kühnsten Träume und weckte in ihm ein Verlangen, das er längst für tot gehalten hatte.

Das also war Rebecca nach zehn Jahren.

Sie hatte jetzt die Sperre erreicht und zeigte dem Bediensteten mit behandschuhter Hand ihre Fahrkarte. Mit klarer, heller Stimme erkundigte sie sich nach dem Taxistand und bedankte sich mit einem Lächeln, das ihre grauen Augen kurz aufleuchten ließ. Dann ging sie durch die Sperre.

„Hallo, Rebecca“, begrüßte er sie ruhig.

Rebecca schreckte aus den Gedanken hoch, als sie ihren Namen von dieser ihr so vertrauten Stimme ausgesprochen hörte. Zögernd blickte sie auf. Sein unerwarteter Anblick machte sie für einen Moment sprachlos. Er wirkte kühl und Furcht einflößend, aber auch irgendwie angespannt. Rebecca blickte in seine blauen Augen und dachte nur: Liebe Güte, er ist Kit so ähnlich! Er sieht aus wie sein Sohn!

Die ganze Verbitterung der letzten Jahre stieg in ihr hoch und schnürte ihr die Kehle zu. Zehn Jahre, dachte sie, und er hat sich kaum verändert. Er war immer noch schlank und athletisch, das Haar dicht und pechschwarz. Immer noch dieselbe hoch aufgerichtete, leicht arrogante Haltung, dieselbe unglaublich männliche Ausstrahlung, die ihn so attraktiv und sexy machte.

Sogar jetzt, trotz ihrer schmerzlichen Erfahrung mit seiner Gefühllosigkeit, übte dieser Mann, der da in dem eleganten schwarzen Kaschmirmantel über dem dunklen Maßanzug vor ihr stand, eine geradezu magische Wirkung auf sie aus. Sein markantes, wirklich sündhaft attraktives Gesicht hatte sich kaum verändert. Es war lediglich etwas hagerer und die Züge durch die Jahre etwas schärfer geworden.

„Hallo, Jay“, erwiderte Rebecca mit einiger Verspätung seinen Gruß und fügte kühl hinzu: „Ich hatte nicht erwartet, dass mich jemand abholen würde.“

Um seine Mundwinkel zuckte es spöttisch. „Wenn der verlorene Sohn … oder in diesem Fall die verlorene Tochter … heimkehrt, ist es doch üblich, den roten Teppich auszurollen.“

„Und du hältst dich also für einen Teppich?“, antwortete sie, ärgerlich, weil er sie so aus der Fassung gebracht hatte. Sie hatte nicht im Traum damit gerechnet, dass ausgerechnet Jay sie abholen würde. Sehnsüchtig blickte sie zum Taxistand, doch Jay nahm ihr schon den kleinen Koffer aus der Hand, ehe sie protestieren konnte.

„Mein Wagen steht auf dem Parkplatz. Es sind nur wenige Schritte.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, machte er auf dem Absatz kehrt und ging davon.

Rebecca blickte ihm sprachlos nach. Nein, er hatte sich in den zehn Jahren wirklich so gut wie gar nicht verändert. Mit welcher Arroganz er hier auftauchte und die Dinge in die Hand nahm, als ginge es darum, ein aufsässiges Kind einzusammeln!

Und dennoch blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Er überquerte bereits mit langen Schritten den Parkplatz, als sie aus dem Bahnhofsgebäude trat. Ohne sich umzublicken, ging er zielstrebig durch die Reihen der geparkten Autos, als würde er nicht eine Sekunde daran zweifeln, dass sie ihm wie ein Schoßhündchen folgen würde … nein, besser noch, wie ein geprügelter Hund! Der Blick, den er ihr zugeworfen hatte, bevor er davongegangen war, hatte ihr verraten, dass er ihr genauso viel Feindseligkeit entgegenbrachte wie sie ihm.

Sie folgte ihm so würdevoll wie möglich. Das Klacken ihrer hohen Absätze hallte auf dem Asphalt wider. Als sie bei Jay anlangte, hatte er bereits ihren Koffer im Kofferraum des flachen, schnittigen Sportwagens verstaut und hielt ihr ungeduldig die Beifahrertür auf.

Rebecca nahm sich absichtlich Zeit. Er hatte kein Recht, sie wie ein leidiges, unerwünschtes Gepäckstück zu behandeln. Schließlich hatte sie nicht darum gebeten, von ihm abgeholt zu werden! Sie hatte ihn nie um irgendetwas gebeten!

Ganz bewusst blieb sie neben der offenen Wagentür stehen und atmete tief die kalte Winterluft ein. Sie roch frisch und sauber, und die Vorwarnung von Schnee lag darin. Mit dem ersten tiefen Atemzug kehrte die Erinnerung an die sprichwörtlich gute Luft von Yorkshire zurück und mit ihr die Erinnerung an die glücklicheren Tage ihrer Kindheit und Jugend, die sie hier verbracht hatte.

„Du wirst erfrieren, wenn du noch lange hier draußen herumstehst.“

„Tut mir leid.“ Sie ließ sich von Jays kritischer Bemerkung nicht beirren. Nach zehn langen Jahren der Abwesenheit kehrte sie zum ersten Mal nach Hause zurück. Seinetwegen war sie damals fortgegangen, seinetwegen war sie fortgeblieben. Wenn er sich einbildete, er könnte ihr auch die kleine Freude verderben, die sie angesichts ihrer Rückkehr in ihr geliebtes Yorkshire empfand, irrte er sich gründlich!

Sie stieg in den Wagen ein und lehnte sich auf dem niedrigen Sportsitz zurück. Es roch angenehm nach Leder und Luxus. Ein spöttisches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Für Jay war immer das Beste gerade gut genug gewesen.

„Wie geht es meiner Mutter?“, erkundigte sie sich sofort, als Jay um den Wagen herumkam und sich hinters Steuer setzte.

Er startete den Motor und lenkte den Wagen vom Parkplatz herunter, bevor er antwortete. „Ich dachte schon, du würdest gar nicht fragen“, bemerkte er dann.

„Nun, bislang hatte ich kaum die Chance dazu“, erwiderte sie kalt.

„Sie hält sich gerade noch so“, erklärte er ihr nun unverblümt.

„Erzähl mir, was passiert ist.“ Rebecca wandte den Blick von seinem markanten Profil ab. Es war nicht gut, zu viel über Jay nachzudenken. Das lenkte sie von den wirklich wichtigen Problemen ab.

„Sie hatte sich schon eine ganze Weile nicht wohlgefühlt“, begann Jay, während er den Wagen durch den regen Verkehr auf der Hauptstraße des eleganten Kurorts lenkte. „Wir haben versucht, auf sie einzuwirken, es etwas ruhiger angehen zu lassen, aber du erinnerst dich vielleicht noch daran, wie deine Mutter ist …“ Er lächelte spöttisch. „Sie beharrte darauf, es gehe ihr gut und sie könne ihren Aufgaben uneingeschränkt nachkommen.“

„Natürlich“, warf Rebecca sarkastisch ein. Die Lorences hatten für ihre Mutter immer an erster Stelle gestanden. Noch vor ihrer eigenen Tochter.

„Weil sie sich so wenigstens nützlich fühlte“, entgegnete Jay schroff und warf ihr einen ärgerlichen Blick zu. „Schließlich hatte sie sonst wenig, wofür es sich zu leben gelohnt hätte, oder?“

„Habe ich etwas anderes gesagt?“, fragte Rebecca müde.

„Nein“, erwiderte er barsch, „aber etwas anderes angedeutet. Obwohl der Himmel weiß, woher du dir das Recht nimmst, sie zu kritisieren, nachdem du zehn Jahre lang sogar vergessen hattest, dass du überhaupt noch eine Mutter hast!“

Stimmt, dachte sie. Sie hatte es vergessen, weil sie anders die schlimmen ersten Jahre gar nicht überlebt hätte.

„Sie hatte einen leichten Schlaganfall“, fuhr Jay nach kurzem Schweigen fort. „Eigentlich nichts Dramatisches, aber leider passierte es, als sie gerade im Herrenhaus die Treppe hinaufging. So stürzte sie die Stufen hinunter und brach sich die Hüfte. Durch das lange Liegen im Krankenhaus geschwächt, zog sie sich zu allem Überfluss dann noch eine Lungenentzündung zu, was in solchen Fällen nicht selten ist. Wie auch immer, ihr Zustand war zeitweise sehr kritisch, und sie fragt unaufhörlich nach dir. Irgendetwas bedrückt sie. Sie will dir unbedingt etwas sagen, wie sie ständig wiederholt. Deshalb haben wir schließlich die Anzeige in den überregionalen Tageszeitungen aufgegeben, weil wir keine Ahnung hatten, wo wir dich suchen sollten.“

„Wie lange ist sie schon krank?“, erkundigte sich Rebecca vorsichtig.

„Alles in allem jetzt einen Monat. Wie ich schon sagte, ein Übel zog sozusagen das andere nach sich. Es war gewissermaßen ein Teufelskreis.“

„Weiß sie, dass ich komme?“ Rebecca empfand zu ihrer eigenen Überraschung Mitgefühl mit ihrer Mutter. Eine Frau, deren ganzer Lebensinhalt die Arbeit gewesen war, musste besonders darunter leiden, ans Bett gefesselt und nutzlos zu sein. Ihre Mutter war immer so stark und gesund gewesen!

„Nein“, antwortete Jay. „Ich hielt es für das Beste, nicht unnötig Hoffnungen zu wecken. Falls du in letzter Minute noch deine Meinung geändert und dich entschieden hättest, es sei der Mühe nicht wert.“

„Du kannst dir deinen Sarkasmus sparen, Jay“, erwiderte sie müde. „Ich weiß auch so, was du von mir denkst.“

„Und es ist dir ziemlich egal, deinem Ton nach zu urteilen.“

„Da hast du recht“, pflichtete sie ihm bei. „Es ist mir ziemlich egal. Ich habe übrigens ein Zimmer im ‚Swan‘ gebucht“, wechselte sie dann das Thema, „würde jetzt aber am liebsten erst einmal zum Krankenhaus fahren, wenn es dir nichts ausmacht.“

„Überhaupt nicht“, antwortete er sehr bereitwillig. „Allerdings wirst du nicht im ‚Swan‘ wohnen, sondern auf Thornley Hall.“

„Auf keinen Fall!“, protestierte sie entsetzt. Womöglich noch in Gesellschaft von Olivia? Oder seines Vaters? „Nein, Jay, ich wohne lieber im ‚Swan‘. Das ist näher am Krankenhaus, und ich möchte dir nicht unnötig Mühe machen.“

„Du hast mir immer Mühe gemacht.“ Er seufzte. „Ich bin schon vor Jahren zu dem Schluss gelangt, dass es meine Bestimmung ist, Rebecca Shaw als Last meines Lebens auf mich zu nehmen.“

Sie lächelte unwillkürlich. Sein etwas schräger Sinn für Humor hatte sie schon immer angesprochen. „Na ja, dann hattest du ja wenigstens eine zehnjährige Verschnaufpause“, meinte sie trocken.

„Wer sagt das?“, erwiderte er, und plötzlich lag ein spürbares Knistern in der Luft. Der besondere Unterton und der vielsagende Blick, den er ihr zuwarf, verrieten Rebecca, dass es ihm durchaus ernst war.

Gewissensbisse? überlegte sie und wandte das Gesicht mit einem bitteren Lächeln zum Fenster. Sie hatte immer noch lebhaft im Ohr, wie brutal sein Vater ihr Jays grausame Botschaft überbracht hatte, mit der er sich gefühllos von all seinen Versprechungen losgesagt hatte.

„Wir sind da.“

Jays Stimme schreckte Rebecca unvermittelt aus ihren Gedanken. „Gut“, erwiderte sie so frostig, dass er sichtlich aufhorchte. „Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich lieber allein hineingehen.“ Sie öffnete die Fahrertür, als er vor dem hell erleuchteten Eingang des Krankenhauses angehalten hatte, und stieg aus.

Sobald sie das Foyer betrat, umgab sie der typische Krankenhausgeruch. Mit einem flauen Gefühl im Bauch näherte sich Rebecca dem Empfang.

„Ich möchte zur Intensivstation, bitte“, wandte sie sich an den Pförtner.

„Natürlich, Miss.“ Freundlich wies er ihr den Weg und fügte hinzu: „Sie haben doch eine Besuchserlaubnis, nicht wahr?“

„Ja“, behauptete sie einfach, obwohl sie keine Ahnung hatte, wovon er sprach. „Meine Mutter liegt dort.“

Trotz der Heizungswärme und ihres Wollmantels fröstelte sie, als sie zu den Aufzügen ging, und sie wurde immer blasser, je näher der Zeitpunkt rückte, da sie ihrer Mutter gegenüberstehen würde. Verbitterung, Groll und Stolz drängten sie, an den Maßstäben festzuhalten, die sie vor zehn Jahren veranlasst hatten, Yorkshire zu verlassen, und standen damit in heftigem Konflikt zu der quälenden Sorge, die sie bewegt hatte, alles stehen und liegen zu lassen und herzukommen.

Sie betrat den Aufzug und drückte auf den entsprechenden Knopf. Als die Lifttüren zuglitten, war in dem hell erleuchteten Foyer noch nichts von Jay zu sehen. Offenbar hatte er sie beim Wort genommen und überließ es ihr, diesem nächsten Trauma allein zu begegnen.

Der Aufzug trug sie im Nu nach oben. Als sich die Türen wieder öffneten, betrat sie einen breiten Korridor. Hier herrschte eine geradezu erdrückende Stille. Ein Stück den Flur hinunter befand sich erneut ein Empfangstisch, an dem eine Krankenschwester arbeitete. Rebecca ging zögernd darauf zu.

Plötzlich hielt sie inne. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Was sie für einen langen Korridor gehalten hatte, erweiterte sich unerwartet zu einem großen, quadratischen Raum, der durch Glasscheiben abgeschirmt war. Und hinter jeder Scheibe lag, gut im Blick der Krankenschwester, ein unglücklicher Mensch, mit Kabeln und Schläuchen an Maschinen angeschlossen, die ihn am Leben hielten.

Rebecca blieb wie angewurzelt stehen und tastete schwankend nach einem Halt. Sie brauchte nicht mehr zu fragen, wo sich das Bett ihrer Mutter befand, denn sie begriff plötzlich, dass sie geradewegs darauf blickte. Durch die Glasscheibe sah sie eine Frau, die so alt und zerbrechlich wirkte, dass Rebecca Mühe hatte, darin ihre Mutter zu erkennen.

„Geht es dir nicht gut?“, hörte sie hinter sich eine ruhige Stimme fragen und spürte eine starke, stützende Hand auf ihrer Taille. Dann wurde es ihr schwarz vor Augen, und sie sank in Jays Arme.

3. KAPITEL

Als Rebecca wieder zu sich kam, fand sie sich auf einer schmalen Liege wieder. Jay hockte neben ihr und rieb ihr die kalten Hände.

„Es war ein Schock für sie“, erklärte er gerade der Krankenschwester, die ihr eine kalte Kompresse auf die Stirn legte. „Sie hat erst heute früh von der Krankheit ihrer Mutter erfahren und ist sofort hergekommen.“

„Ich habe nicht erwartet, sie so … hinfällig zu sehen“, flüsterte Rebecca, was Jay veranlasste, sie anzublicken. Er sah blass und angespannt aus.

„Ich wollte dich noch warnen, aber du warst zu schnell fort.“

„Ihre Mutter schläft im Moment, Miss Shaw“, mischte sich die Krankenschwester mit sanfter Stimme ein. „Sie können sich also in aller Ruhe hier erholen, bevor Sie zu ihr gehen. Ich mache Ihnen erst einmal eine Tasse Tee. Milch und Zucker?“

„Ja, bitte beides“, antwortete Jay an ihrer Stelle und schnitt ihren Protest mit den Worten ab: „Du brauchst das jetzt. Stark und süß.“

Die Krankenschwester zog sich zurück. Rebecca schloss die Augen und dachte an ihre Mutter. „Sie sieht so zerbrechlich und … alt aus, Jay“, flüsterte sie.

„Was hast du denn erwartet nach zehn Jahren?“, entgegnete er schroff. Sein zorniger Ton veranlasste Rebecca aufzublicken. Jay sah sie kalt an. „Sie ist deinetwegen hier“, warf er ihr vor. „Weil du davongelaufen bist, sodass ihr nur noch ihre Arbeit im Herrenhaus blieb. Wir waren die einzigen Menschen, denen noch etwas an ihr lag. Erwarte also von mir kein Mitgefühl, weil das Schicksal dich endlich eingeholt hat.“ Er stand auf. „In den vergangenen zehn Jahren hatte das Leben für sie nur einen Sinn, wenn sie für uns geschuftet hat.“

„Aber das war doch immer so!“, erwiderte Rebecca trotzig, setzte sich auf und schloss die Augen, als es ihr sofort wieder schwindelig wurde. „Dein Haus und deine Familie waren ihr immer wichtiger als ich, Jay. Versuch nicht, es abzustreiten, denn gerade du weißt, dass es stimmt!“

Er schwieg und schien wie Rebecca zu spüren, dass dies nicht der rechte Zeitpunkt oder der richtige Ort für eine Auseinandersetzung war. Sie barg das Gesicht in den Händen; und er blieb neben ihr stehen. Lediglich das Zischen und Piepsen der überlebenswichtigen Maschinen ringsum brachen die bedrückende Stille.

„Hier. Trinken Sie das, dann werden Sie sich besser fühlen.“ Die Schwester reichte Rebecca eine Tasse mit dampfendem Tee. „Und lassen Sie sich Zeit. Wenn Sie fertig sind, wird Ihre Mutter sicher aufgewacht sein.“

Rebecca blickte hoffnungsvoll auf. „Dann liegt sie also nicht im Koma?“

„Nein. Sie schläft nur. Und ich denke, das Schlimmste hat sie überstanden. Die Hüfte heilt sehr gut, und das Fieber ist weg. Wenn sie jetzt noch Sie erblickt, wird sie sich sicher rasch erholen. Sie hat so oft nach Ihnen gefragt …“ Ein alarmierendes Piepsen ließ die Schwester besorgt aufblicken. „Entschuldigen Sie mich.“ Sie eilte davon.

„Du liebe Güte“, meinte Jay leise. „Ich könnte nicht hier arbeiten. Der Stress muss unerträglich sein.“

„Ich auch nicht.“ Rebecca seufzte und trank den starken, gesüßten Tee mit kleinen Schlucken. „Jay, warum hast du nicht versucht, mit mir in Verbindung zu treten, als der Zustand meiner Mutter kritisch war?“

Er sah sie nicht an. „Ehrlich gesagt“, antwortete er nach kurzem Zögern, „ist mir der Gedanke gar nicht gekommen. Du warst seit zehn Jahren fort und hattest es in all den Jahren nicht einmal für nötig befunden, uns auch nur ein Lebenszeichen von dir zu geben. Deshalb war ich schon längst zu dem Schluss gelangt, dass wir dir egal seien.“

Rebecca gestand sich ein, dass es ihr tatsächlich egal gewesen war, ob einer von ihnen noch lebte oder nicht. Nun aber, als ihr Blick zu der Intensiveinheit schweifte, in der ihre Mutter lag, wurde ihr bewusst, dass es ihr nicht mehr egal war, und wieder wurde ihr ganz flau.

„Erst als deine Mutter anfing, nach dir zu fragen, wurde mir klar, dass sie offensichtlich nie die Hoffnung aufgegeben hatte, dich wiederzusehen. Die Ärmste. Es heißt, nichts sei so unverwüstlich wie die Liebe einer Mutter“, fügte Jay hinzu, wobei er Rebecca einen verächtlichen Blick zuwarf.

Rebecca dachte an ihren Sohn, der jetzt gut behütet bei ihren besten Freunden weilte. „Und wie steht es mit der Liebe eines Vaters?“, entgegnete sie kühl. „Wie unverwüstlich ist die?“

Ihr verbitterter Ton ließ ihn aufhorchen. „Dein Vater war vielleicht ein in sich gekehrter Mann, Rebecca, aber du kannst nicht behaupten, er hätte dich nicht geliebt!“

Sie lächelte. Er hatte ihre Bemerkung missverstanden. Vorsichtig schwang sie die Beine von der Liege und stand auf. „Ich möchte jetzt meine Mutter sehen“, erklärte sie ruhig.

Jay betrachtete sie aufmerksam. Doch ihre Miene verriet nichts. Deshalb nickte er nur und packte sie dann energisch am Arm. Rebecca wehrte sich nicht, weil sie spürte, dass sie momentan seine Unterstützung brauchte.

„Deine Mutter ist immer noch sehr schwach“, warnte er sie. „Und von dem Schlaganfall ist eine leichte einseitige Gesichtslähmung zurückgeblieben. Oft redet sie unzusammenhängendes Zeug vor sich hin. Du solltest am besten so tun, als wüsstest du, wovon sie redet, anstatt Fragen zu stellen, weil sie das nur anstrengt.“

Rebecca nickte und blieb auf der Schwelle zu dem Abteil, in dem ihre Mutter lag, stehen. Ihre Mutter lag reglos in ihrem Krankenbett, die Augen geschlossen, und sah so hinfällig und erschöpft aus, dass Rebecca die Tränen kamen. Das schöne braune Haar, das sie noch so lebhaft in Erinnerung hatte, war ergraut, was ihre Mutter noch älter wirken ließ.

Jay blieb zurück, als Rebecca sich langsam dem Bett näherte, bis sie auf Schulterhöhe neben ihrer Mutter stand. Durch den Schleier ihrer Tränen sah sie das Gesicht nur verschwommen. „Mom?“, flüsterte sie kaum hörbar.

Langsam, unendlich mühsam schlug Lina Shaw die Augen auf. Sie waren von dem gleichen Grau wie Rebeccas und einst genauso klar und strahlend gewesen. Es versetzte Rebecca einen Stich ins Herz, zu sehen, dass jeglicher Glanz daraus verschwunden war.

„Becky?“, flüsterte ihre Mutter ungläubig und streckte aufgeregt eine hagere Hand nach ihr aus. „Oh Becky!“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Bist du es wirklich?“

Rebecca blickte sich besorgt nach Jay um. Er stand am Fußende des Bettes und beobachtete die Szene mit unbewegter Miene. „Kann man das entfernen?“ Sie deutete auf das Schutzgitter entlang des Bettes, denn sie wollte ihre Mutter umarmen.

„Warte.“ Jay klappte mit wenigen Handgriffen das Gitter hinunter.

„Jay?“ Lina Shaw hatte ihn erblickt und lächelte ihn matt an. „Sie haben sie gefunden. Sie haben meine Becky für mich gefunden.“

„Ja, Lina“, antwortete er freundlich und streichelte ihr sacht die Wange. „Ich habe sie gefunden.“

„Becky …“ Die Kranke blickte an Jay vorbei und suchte erneut so begierig Blickkontakt zu ihrer Tochter, dass es Rebecca einen Stich ins Herz versetzte. „Oh Jay, sehen Sie nur, wie schön sie ist. So wundervoll …“ Sie streckte die Hand nach ihrer Tochter aus, und Jay überließ Rebecca wieder den Platz am Krankenbett. Lina Shaw nahm ihre Hand, zog Rebecca auf die Bettkante und betrachtete sie überglücklich. „Du hast immer noch dieses wunderschöne Haar und diese zarte Haut …“ Ihre Mutter schien gar nicht genug von ihrem Anblick bekommen zu können, während Rebecca Mühe hatte, den körperlichen Verfall ihrer einst so starken Mutter zu akzeptieren. „Aber du bist so ernst. Früher hast du immer gelächelt, egal, was ich …“ Lina Shaw verstummte, Tränen rannen ihr über die Wangen.

„Nicht weinen“, bat Rebecca, selbst den Tränen nahe.

„Ich habe nicht gedacht, dass du kommen würdest“, schluchzte Lina Shaw. „Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen.“

„Aber jetzt bin ich ja da“, tröstete Rebecca sie. „Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen und musst nur noch gesund werden.“

„Ja.“ Lina Shaw seufzte und schloss matt die Augen. „Becky …“ Sie drückte ihrer Tochter die Hand und flüsterte: „Geh nicht fort, ja? Da ist so vieles, was ich dir sagen möchte, so vieles, was ich wiedergutmachen muss … Es gibt keine Entschuldigung … Das Leben ist viel zu kostbar … Ich … hatte nur Angst …“

„Schsch“, beruhigte Rebecca sie besorgt. „Mach dir keine Gedanken mehr deswegen. Das ist jetzt alles vorbei.“

Jay legte ihr von hinten eine Hand auf die Schulter. „Lass sie jetzt schlafen, Rebecca“, riet er ihr. „Sie ist noch sehr schwach, und ein Besuch von mehr als fünf Minuten ist zu anstrengend für sie. Wir kommen morgen wieder her.“

„Jay?“, flüsterte die Kranke erschöpft.

„Ja, ich bin hier, Lina“, antwortete er sanft.

Ein mattes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Passen Sie auf meine Becky auf, bis ich hier raus darf. Kümmern Sie sich um sie, wie Sie es früher getan haben …“

Rebeccas Herz krampfte sich zusammen. Hastig stand sie auf und schüttelte verbittert Jays Hand ab. „Ich kann jetzt selbst auf mich aufpassen, Mom“, erklärte sie energisch. „Ich bin inzwischen erwachsen.“

„Trotzdem“, mischte sich Jay nun rasch ein und warf Rebecca einen warnenden Blick zu. „Rebecca wird im Herrenhaus wohnen, Lina, sodass Sie sich keine Sorgen um sie machen müssen.“

„Bringen Sie sie morgen wieder her“, befahl Lina Shaw ihm, wobei für einen Moment die starke Persönlichkeit von früher aufblitzte.

„Sehr wohl, Ma’am“, antwortete Jay mit einem schelmischen Grinsen, das die Kranke mit einem liebevollen Lächeln erwiderte, wie Rebecca nicht ohne Eifersucht registrierte. Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihre Mutter sie je so angelächelt hätte. Aber Jay hatte ihre Mutter mit seinem Charme schon immer um den Finger wickeln können.

Genau wie dich, meldete sich eine spöttische Stimme.

Der Schock über den Zustand ihrer Mutter setzte erst richtig ein, als Rebecca wieder draußen auf dem Flur war. Sie fröstelte und zog ihren warmen Mantel fester um sich.

„Danke“, sagte Jay, als er an ihre Seite kam.

„Wofür?“ Sie warf ihm einen feindseligen Blick zu. „Sie ist meine Mutter. Vermutlich sollte ich mich bei dir bedanken, dass du dir die Mühe gemacht hast, dich um sie zu kümmern.“

„Nun, immerhin hast du es registriert“, erwiderte er eisig.

Rebecca verkniff sich eine schneidende Antwort, wandte sich ab und ging zu den Aufzügen. Sie hatte keineswegs die Absicht, ihn darüber aufzuklären, dass sie sich in den vergangenen zehn Jahren ihrerseits voller Liebe und Fürsorge um seinen Sohn gekümmert hatte!

„Rebecca …“ Er legte ihr eine Hand auf den Arm.

Sie zuckte unwillkürlich zurück. „Fass mich nicht an!“ Der hasserfüllte Ausdruck in ihren grauen Augen veranlasste ihn, erstaunt einen Schritt zurückzuweichen. „Fass mich einfach nicht an“, wiederholte sie verbittert, denn sie musste wieder einmal daran denken, um was Kit alles betrogen worden war.

Schweigend fuhren sie im Aufzug hinunter ins Erdgeschoss und verließen das Krankenhaus. Draußen blieb Rebecca stehen und atmete die eisige Luft tief ein, um sich wieder zu fassen.

Jay betrachtete sie prüfend und wandte sich ab. „Warte hier. Ich hole den Wagen.“

Er ging, ohne ihre Antwort abzuwarten, und sie blieb folgsam in der Kälte stehen, die sie nicht wirklich spürte.

Als Jays schnittiger schwarzer Sportwagen neben ihr hielt und er ihr die Beifahrertür öffnete, stieg sie ein. Sie ließ es auch zu, dass Jay an ihr vorbeigriff und sie anschnallte, bevor er weiterfuhr.

„Ich muss telefonieren.“ Ihr war eingefallen, dass sie Kit ja versprochen hatte, ihn bei ihrer Ankunft sofort anzurufen. Er würde sich inzwischen Sorgen machen.

„Du kannst von Thornley Hall aus telefonieren“, schlug Jay vor. „In zwanzig Minuten sind wir da.“

„Ich möchte aber nicht im Herrenhaus wohnen“, erklärte sie eigensinnig. „Wenn du mich durchaus nicht zum ‚Swan‘ bringen willst, dann kann ich ja auch mein altes Zimmer im Pförtnerhaus beziehen.“

„Leider nicht“, erwiderte Jay ungerührt. „Das Pförtnerhaus ist augenblicklich unbewohnbar. Wir haben die Abwesenheit deiner Mutter genutzt, um es renovieren zu lassen.“

„Dann also doch der ‚Swan‘“, beharrte Rebecca.

„Du wirst, verdammt noch mal, im Herrenhaus wohnen!“, stieß Jay so heftig aus, dass sie zusammenzuckte. „Deine Mutter erwartet es. Und wie würde es aussehen, wenn wir dich nicht als Gast aufnehmen würden? Hör also auf zu diskutieren, und nimm das Angebot gütigst an, ja?“

„Du meinst untertänigst!“, spottete sie. „Die Tochter der armen Haushälterin soll den herrschaftlichen Lorences ihren Dank erweisen, richtig?“

„Das ist überhaupt nicht komisch!“, meinte er wütend. „Und es stellt eine Beleidigung dar, wenn man bedenkt, wie du mit uns aufgewachsen bist, Rebecca. Ich kann mich nämlich an keinen einzigen Moment erinnern, da man dir das Gefühl gegeben hätte, mir oder meiner Familie untergeordnet zu sein.“

„Wie geht es übrigens deinem Vater?“, fragte Rebecca spitz.

Jay warf ihr einen erstaunten Blick zu. „Weißt du es denn nicht? Natürlich, wie solltest du auch, nachdem du dich so sehr bemüht hast, jeglichen Kontakt nach Thornley abzubrechen! Mein Vater ist schon vor einigen Jahren gestorben.“

Cedric Lorence … war tot? „Das … tut mir leid.“ Sie brachte die Worte nur mühsam über die Lippen, was Jay keinesfalls entging. „Dann bist du also jetzt der Dreh- und Angelpunkt des Lorence-Imperiums, ja?“, fügte sie spöttisch hinzu.

Danach herrschte für den Rest der Fahrt eisiges Schweigen. Rebecca war froh darüber, denn sie verspürte keine Lust, sich mit Jay zu unterhalten. Er war ein Geist aus der Vergangenheit, von dem sie sich in ihrem gegenwärtigen Leben nicht mehr quälen lassen wollte. Deshalb blickte sie zum Fenster hinaus und versuchte, in der winterlichen Dunkelheit etwas von dem malerischen Dorf Thornley zu erspähen, wo sie aufgewachsen war. Nichts schien sich verändert zu haben … außer ihr selbst.

Als sie durch die offenen Tore von Thornley Hall an dem Pförtnerhaus vorbeifuhren, stellte sie fest, dass Jay nicht übertrieben hatte. Das alte Haus war eingerüstet, das Dach abgedeckt und die Fenster ausgebaut. Eingerahmt von den winterlich kahlen, uralten Bäumen wirkte es verlassen und trostlos.

Rebecca fröstelte unwillkürlich und dachte an den letzten Sommer, den sie hier verbracht hatte. Wie sehr hatte sie Jay geliebt … und wie sehr hatte sie alles gehasst, was ihn von ihr fernhielt, all die Dinge, die sie nicht mit ihm teilen durfte und die seine Behauptung, sie sei ihm immer gleichgestellt gewesen, Lügen straften! Noch lebhaft erinnerte sie sich daran, wie sie vom Fenster ihres kleinen Zimmers aus gekränkt und eifersüchtig beobachtet hatte, wie er, bekleidet mit einem Smoking und umwerfend attraktiv anzusehen, durch eben jene Tore gefahren war, um an irgendeinem offiziellen Empfang teilzunehmen.

„In Vertretung meines Vaters“, hatte er es gewöhnlich abgetan und nicht begriffen, wie sehr es sie verletzte, dass sie als seine Begleitung nicht annehmbar war. Denn zu solchen Anlässen hatte er gewöhnlich Olivia mitgenommen. Die Prinzessin mit dem Goldhaar und der elitären Abstammung wurde in der feinen Gesellschaft akzeptiert … im Gegensatz zu der wilden Tochter der Haushälterin.

Olivia … Der Gedanke an Olivia Hamer veranlasste Rebecca, sich auf Thornley Hall zu konzentrieren, das sich imposant und Ehrfurcht gebietend vor ihnen aus dem Dunkel der Nacht erhob. Es war immer im Besitz der Lorences gewesen, deren Stammbaum weit in die Geschichte von Yorkshire zurückreichte. Das alte Haus war liebevoll erhalten, und jedermann in der Gegend beneidete diejenigen, die dort wohnen durften.

Hatte Jay Olivia geheiratet? In der Sorge um ihre Mutter hatte Rebecca bislang noch nicht darüber nachgedacht. Verstohlen betrachtete sie Jay jetzt von der Seite. Sie sah keinen Ehering an seinen schlanken, kraftvollen Händen. Aber das musste nichts bedeuten. Jay hatte noch nie etwas für Schmuck übrig gehabt.

Das Haus war schon für die Nacht vorbereitet. Schwere, gefütterte Samtvorhänge verhüllten die hohen georgianischen Schiebefenster. Rebecca atmete tief ein, um sich gegen die Begegnung mit Olivia zu wappnen, die jetzt vermutlich die Rolle innehatte, die sie, Rebecca, sich mehr als alles auf der Welt gewünscht hatte: Herrin auf Thornley Hall.

Der letzte Sommer, den sie hier verlebt hatte, hatte ihr in mehr als nur einer Hinsicht die Augen geöffnet. In dem Sommer war sie in Jays Armen zur Frau geworden, aber in dem Sommer hatte sie auch gnadenlos vor Augen geführt bekommen, wo immer noch die Grenze gezogen wurde … und das nicht nur durch Jay und seinen Vater. Auch Olivia hatte sich darin hervorgetan und Rebecca mit Begeisterung auf ihren Platz verwiesen, wenn sie das jüngere Mädchen an den drei Nachmittagen, an denen Rebecca im Gutshaus aushalf, wie eine Sklavin herumkommandiert hatte.

Wegen dieser Nachmittage hatten Jay und sie auch ihren ersten heftigen Streit gehabt. „Wenn du es für richtig hältst, dich an Olivias Pool herumzulümmeln und mit ihr zu flirten, während ich ihre schmutzige Wäsche wasche, dann kann ich mich auch wieder unters gemeine Volk mischen und mit meinen eigenen Freunden herumhängen!“, hatte sie ihm an ihrem Lieblingsplatz unten am Fluss entgegengeschrien.

„Ich flirte nicht mit Olivia“, wehrte Jay heftig ab. „Ich komme nur zum Gutshaus, weil ich weiß, dass du dort bist.“

„Lügner!“, warf sie ihm vor. „Meinst du, ich sehe nicht, wie du sie ständig anfasst und sie anlächelst und neckst?“

„Sie fasst mich an und nicht umgekehrt!“, widersprach er gereizt.

„Dann lass es nicht zu!“

„Benimm dich nicht so kindisch, Becky“, versuchte er es begütigend, denn er wusste aus Erfahrung, dass dieser Streit zu nichts führte. Nicht zum ersten Mal hatte Olivia sich in diesem Sommer vor Rebecca als etwas Besseres aufgespielt, was Rebeccas Stolz nicht zuließ. „Du weißt, dass ich dich vergöttere.“

„Nicht genug, um mit mir auf den Ball im Country Club zu gehen!“, entgegnete sie prompt. „Nicht genug, um allen zu zeigen, dass ich diejenige bin, die du willst.“

„Du weißt genau, dass es nicht so einfach ist.“ Jay wich unbehaglich ihrem Blick aus. „Du weißt, wie altmodisch mein Vater ist. Und deine Mutter nicht weniger. Verdammt, Rebecca, du bist gerade erst achtzehn geworden. Sie werden mich lynchen, wenn sie erfahren, was schon zwischen uns ist!“

„Und vielleicht hättest du es ja verdient!“, erwiderte sie hitzig. Es ärgerte sie vor allem, dass er wahrscheinlich recht hatte. Stolz und trotzig blickte sie auf. „Schön, dann geh mit Olivia auf den Ball. Aber erwarte nicht, dass ich brav im stillen Kämmerlein auf deine Rückkehr warten werde! Es gibt noch mehr Männer auf der Welt, Jason Lorence!“

„Wenn du mit einem anderen ausgehst, bringe ich dich um, Becky!“, warnte er sie wütend.

Sie lächelte provokant. „Was dem einen recht ist …“

„Ich meine es ernst!“ Er kam bedrohlich auf sie zu.

„Ich auch“, erwiderte sie ungerührt. Allmählich fand sie Spaß an der Auseinandersetzung. „Im ‚Black Bull‘ ist heute Abend Disco. Joe hat mich eingeladen.“

„Wenn du mit ihm gehst, werde ich ihn auch umbringen!“, drohte Jay.

„Wenn du heute Abend mit Olivia gehst, gehe ich mit Joe!“, lautete ihre Antwort.

Er war mit Olivia gegangen, sie, Rebecca, mit Joe. Und selbst heute, zehn Jahre später, war sie sich immer noch nicht sicher, wer von ihnen diesen heftigen Kampf gewonnen hatte. Vielleicht sie, weil Jay gerade in dem Moment durch das Tor gefahren war, als Joe sie zum Abschied geküsst hatte. Vielleicht aber auch Jay, weil er sie damals zum ersten Mal ein billiges Flittchen genannt hatte.

Die Reifen knirschten im Kies, als Jay den Sportwagen abbremste, und das Geräusch brachte Rebecca in die Wirklichkeit zurück. Vor ihnen, im Scheinwerferlicht von Jays Auto, sah sie einen kleinen leuchtend roten Porsche geparkt.

„Verdammt“, stieß Jay aus. „Olivia. Ich hatte sie ganz vergessen.“

Noch während er sprach, ging die Tür des Herrenhauses auf. Ein heller Lichtschein erleuchtete die Stufen, und auf der Schwelle erschien Olivia, immer noch schlank und elegant. Das blonde Haar schimmerte im Licht, ein hellblaues Seidenkleid umschmeichelte wie eine zweite Haut ihren Körper, und ein strahlendes Lächeln erhellte ihr Gesicht. Die perfekte Ehefrau, die ihren müden Mann zu Hause willkommen heißt.

4. KAPITEL

„Jay, Darling, endlich!“

Olivia umarmte ihn ganz selbstverständlich, und Jay ließ es ebenso selbstverständlich zu, während Rebecca im Wagen sitzen blieb und die Szene wie versteinert beobachtete. Das ist es, wofür sein Vater bereit war, seinen noch ungeborenen Enkel zu töten, überlegte sie verbittert. Damit diese beiden Menschen in diesem prachtvollen Haus vereint sein würden. Voller Verachtung öffnete sie die Beifahrertür und stieg langsam aus.

Jay drehte sich in Olivias Arm suchend nach ihr um. Im nächsten Moment hatte auch Olivia sie entdeckt und riss erstaunt die Augen auf.

„Nun ja“, meinte sie langsam, ohne sich von Jays Seite zu rühren, „wenn das nicht die kleine Becky Shaw ist!“

„Hallo, Olivia“, sagte sie ruhig.

Jay löste sich aus Olivias Armen und ging zum Wagen zurück. Olivia folgte ihm halbherzig, wobei sie in ihrem Seidenkleid in der kalten Nachtluft fröstelte. „Du hast sicher deine Mutter im Krankenhaus besucht“, wandte sie sich herablassend an Rebecca, wobei sie sie neugierig begutachtete. „Die Ärmste! Jay allerdings hat sich ganz wundervoll um sie gekümmert, nicht wahr, Jay?“

Er antwortete nicht und beugte sich tief in den Kofferraum des Wagens.

„Und da wir das Glück hatten, Mrs Musgrove zu finden, hat die Krankheit deiner Mutter hier im Herrenhaus nicht allzu große Probleme verursacht …“

„Geh wieder hinein, Olivia. Es ist zu kalt hier draußen für dieses dünne Kleid“, fiel Jay ihr schroff ins Wort und schlug den Kofferraumdeckel nachdrücklich zu.

„Ja, es ist wirklich eisig, nicht wahr?“ Anscheinend konnte oder wollte Olivia den warnenden Unterton in seinen Worten nicht bemerken. Mit einem strahlenden Lächeln hakte sie sich bei ihm ein, als er Rebeccas Koffer ins Haus trug.

Rebecca folgte den beiden langsamer. Sie brauchte Zeit, um ihren Groll unter Kontrolle zu bekommen. Im Herrenhaus hatte sich nur wenig verändert, wie sie beim Betreten bemerkte. Der imposante Stammsitz der Lorences war im Lauf der Jahrhunderte immer wieder erweitert worden und bot einer Sammlung prachtvoller Schätze Raum. Eine massive Eichenvertäfelung verlieh der großen, quadratischen Eingangshalle eine warme, einladende Atmosphäre. Kostbare indische Teppiche zierten den Boden, die Porträts zahlreicher Ahnen säumten entlang der Wand die anmutig geschwungene Treppe ins erste Obergeschoss. Und immer noch wurde die Tür zur Bibliothek von der antiken Ritterrüstung bewacht.

„Ich habe dich schon vor einer Ewigkeit zurückerwartet“, tadelte Olivia Jay sanft. „Mrs Musgrove musste das Essen warm stellen. Ich hoffe, das Moorhuhn ist noch genießbar.“

„Jay …“ Rebecca beobachtete, wie er sich aus Olivias Klammergriff befreite, um sich ihr zuzuwenden. „Ich muss diesen Anruf machen“, erinnerte sie ihn kühl.

„Natürlich.“ Er stellte ihren Koffer am Fuß der Treppe auf den Boden und ging voraus zu seinem Arbeitszimmer. „Hier drinnen, bitte“, sagte er und hielt ihr die Tür auf.

Sie nickte dankend und betrat an ihm vorbei den Raum, wobei ihr klar war, dass Olivia jeden ihrer Schritte mit Argusaugen beobachtete. Das Zimmer war auch noch genauso, wie sie es in Erinnerung hatte. Reichlich auf Hochglanz poliertes Holz und kostbare Bücher verliehen ihm eine gediegene Atmosphäre. Einzige Konzession an die Moderne war eine offensichtlich mit allen Raffinessen ausgestattete Computeranlage hinter dem massiven Eichenschreibtisch. Im Kamin brannte ein Feuer, das flackernde Schatten auf die mit eleganten Textiltapeten bezogenen Wände warf.

Rebecca hörte noch, wie Olivia in der Eingangshalle Jay anbot, ihm einen Drink zu mixen, dann schloss sich die Tür leise hinter ihr. Einen Moment lang blieb sie einfach reglos mitten im Raum stehen, ließ Kopf und Schultern sinken und gab dem ungeheuren emotionalen Druck nach, der in den vergangenen Stunden auf ihr gelastet hatte. Dann richtete sie sich wieder auf, zog energisch den Mantel aus und warf ihn über einen der Ledersessel, die den Kamin flankierten. Darunter trug sie ein ebenso elegantes wie schlichtes marineblaues Tageskleid, das sie selbst entworfen hatte.

Entschlossen ging sie zum Schreibtisch, nahm den Telefonhörer zur Hand und wählte die Nummer, die sie mit dem Menschen verbinden würde, der für sie das Wichtigste auf der Welt war.

„Hallo, Mom!“ Kit gab ihr gar keine Chance etwas zu sagen. Zum ersten Mal seit wer weiß wie vielen Stunden lächelte Rebecca und entspannte sich etwas. „Ich wusste, dass du es bist! Warum rufst du erst so spät an?“

„Hallo, Darling“, begrüßte sie ihn zärtlich und vergaß für einen Moment all ihre gegenwärtigen Sorgen. „Es war ziemlich hektisch hier. Das ist die erste ruhige Minute, die ich habe. Wie geht es dir? Vermisst du mich schon?“

„Noch nicht“, schwindelte er fröhlich.

Das war ein Spiel zwischen ihnen – er sagte immer das Gegenteil von dem, was er wirklich meinte, und sie parierte entsprechend. „Gut, weil ich dich nämlich auch nicht vermisse!“ Ihrer beider Lachen strafte ihre Worte Lügen.

„Du wirst es nicht glauben, aber Onkel Tom geht mit mir übermorgen zum Schlittschuhlaufen! Er behauptet, ein Könner zu sein … was ich aber erst sehen will“, meinte Kit wenig überzeugt.

„Schön, dann brich dir nicht das Bein“, warnte Rebecca ihn. „Ich habe nämlich keine Lust, bei meiner Rückkehr zu Hause ständig über deine Krücken zu stolpern.“

Hinter ihr wurde leise die Tür zum Arbeitszimmer geöffnet. Aber Rebecca war zu sehr auf das Gespräch mit ihrem Sohn konzentriert, um es zu hören.

„Morgen gehen wir erst einmal ins Kino“, erzählte der Junge jetzt begeistert. „Danach gehen wir auf meinen Vorschlag hin Pizza essen. Tante Chrissy war sehr froh darüber. Wusstest du, dass sie Hamburger nicht ausstehen kann?“, rief er fassungslos aus. „Sie hat es nie gesagt!“

Rebecca lachte herzlich und dachte dabei daran, wie oft ihre Freundin Kit schon in die verschiedensten Hamburger-Bars eingeladen hatte. Arme Christina! „Was tut eine Frau nicht alles für ihren Lieblingsmann!“, neckte sie ihren Sohn lächelnd.

„Kann ich etwas dafür, wenn mich jeder mag?“, scherzte Kit hörbar geschmeichelt.

„Ich jedenfalls vergöttere dich“, versicherte sie ihm liebevoll. „Ohne dich habe ich hier das Gefühl, als würde mir mein rechter Arm fehlen.“

„Wann kommst du denn zurück?“, erkundigte sich ihr Sohn.

„Das kann ich noch nicht sagen, Darling“, antwortete sie. Ihr Lächeln verschwand, als sie an ihre Mutter im Krankenhaus dachte. „In einigen Tagen, so hoffe ich. Aber ich lasse es dich sofort wissen, wenn ich es absehen kann.“

„Gut, denn ich möchte dich mit Onkel Tom vom Bahnhof abholen. Tante Chrissy muss dich ja im Betrieb vertreten, wenn du nicht da bist.“

„Ich weiß, das ist ja immer das Problem, wenn einer von uns verreist“, bestätigte Rebecca voller Gewissensbisse im Hinblick auf ihre Freundin. „Pass auf dich auf, Darling. Ich verspreche dir, dass ich so bald wie möglich zurückkomme.“

„Ach Mom, ich wünschte, ich wäre bei dir“, gestand er plötzlich kläglich. „Wenn du nicht da bist, merke ich erst, dass ich niemanden mehr hätte, wenn dir etwas passieren würde.“

„Das wird nie geschehen, Kit“, beruhigte sie ihn sofort. „Du bedeutest mir alles, das weißt du doch. Ich würde nie zulassen, dass mich etwas von dir fernhielte.“ Vor ihrem geistigen Auge tauchte plötzlich wie eine dunkle Vorahnung das Bild seines Vaters auf.

Rebecca verabschiedete sich von ihrem Sohn, legte den Telefonhörer auf die Gabel zurück und ließ seufzend den Kopf wieder sinken. Es fiel ihr immer schwer, sich auch nur für kurze Zeit von Kit zu trennen, diesmal aber besonders, denn sie ahnte, dass dieser Besuch in Yorkshire so oder so Konsequenzen für ihrer beider Leben nach sich ziehen würde.

„Dein Ehemann?“, erkundigte sich eine kühle Stimme aus dem Hintergrund.

Rebecca fuhr herum und entdeckte Jay, der lässig an der Tür lehnte und sie aufmerksam beobachtete.

„Nein.“ Sie hob herausfordernd den Kopf. Der Blick ihrer klaren grauen Augen warnte Jay, in ihr Privatleben einzudringen und Fragen zu stellen, zu denen er kein Recht hatte.

Er schien für einen Moment zu überlegen, und es fiel Rebecca nicht leicht, seinem Blick standzuhalten, als er ihn spöttisch über sie gleiten ließ, bemüht, die Schutzmauer zu durchdringen, die sie um sich errichtet hatte. Schließlich gab er es auf und löste sich von der Tür. „Du hast … dieser Person am Telefon gesagt, dass du in wenigen Tagen nach Hause kommen würdest. Ich glaube, das war etwas voreilig.“

Rebecca erstarrte. „Ich muss zurück. Immerhin habe ich auch Verpflichtungen. So kurzfristig hierherzukommen war sowieso nur möglich, weil andere Leute für mich eingesprungen sind. Nein, ich muss so schnell wie möglich zurück“, wiederholte sie energisch.

„Und was ist mit deiner Mutter?“, fragte Jay anklagend. „Meinst du nicht, dass sie ein wenig mehr von deiner kostbaren Zeit verdient hat?“

„Ich habe mein eigenes Leben, Jay“, erwiderte sie kühl, „und Pflichten zu erfüllen. Trotzdem bin ich, sobald ich die Anzeige in der Zeitung gelesen habe, sofort hierhergekommen. Deshalb wüsste ich es zu schätzen, wenn du es respektieren würdest, dass ich so bald wie möglich zu meinen Verantwortlichkeiten zurück muss.“

„Und diese … Pflichten schließen deine Mutter nicht ein?“ Jay betrachtete sie verächtlich von Kopf bis Fuß. „Sag mir, Rebecca, ermöglicht er, wer immer er ist, dir ein Leben in Luxus, wie du es dir von mir erwartet hattest? Oder ist sein Portemonnaie sogar noch größer als meines? Du kleidest dich mit Designereleganz. Was mich zu der Vermutung veranlasst, dass du dich inzwischen nicht mehr billig verkaufst!“

Ihre Augen blitzten nun auf, was Jay an die heißblütige Rebecca von früher erinnerte. Er sah, dass sie große Lust verspürte, ihn zu ohrfeigen, doch sein Blick warnte sie, es auch nur zu versuchen.

„Wie ich mein Leben führe und mit wem, das geht dich gar nichts an“, entgegnete sie zornig. „Nicht mehr, seitdem du mich hier allein gelassen und keinen Gedanken mehr an die naive kleine Närrin verschwendet hast, die dir einen Sommer lang zur Befriedigung deiner sexuellen Gelüste gerade gut genug war.“

„Oh, ich bin sicher, Rebecca, du weißt genau, dass du mehr als nur gut genug warst“, erwiderte er zynisch.

„Verdammt, Jay“, flüsterte sie wütend, „noch eine Beleidigung, und ich werde …“

„Was?“, fiel er ihr herausfordernd ins Wort, packte sie am Arm und zog sie näher heran. „Willst du mich schlagen?“ Er lächelte spöttisch. „Oder willst du schreien? Wer würde schon kommen außer unserer lieben Olivia? Und ich glaube, die würde mit Vergnügen zusehen, wie ich dich zur Schnecke mache.“

„Ich hasse dich!“, stieß sie aus. „Ich verachte alles, was du bist und wofür du stehst. Und wenn Olivia immer noch so abscheulich und boshaft ist, wie sie es früher war, dann habt ihr beide einander zweifellos verdient! Ihr müsst euch in eurer Ehe gegenseitig die Hölle bereiten!“

Jay erstarrte. „Ehe?“, wiederholte er entgeistert. „Wie, in aller Welt, kommst du darauf, dass Olivia und ich verheiratet seien?“

„Du meinst, ihr seid es nicht?“ Nun war es an Rebecca, erstaunt zu sein.

Jay lachte verächtlich. „Ich brauche Olivia nicht zu heiraten, um von ihr das zu bekommen, was ich will. Genauso wenig wie ich dich aus diesem Grund heiraten musste!“

Mit einem Ruck entzog sich Rebecca seinem Griff. „Du bist ein egoistischer Schuft, Jay. Bist es immer schon gewesen.“ Äußerlich ruhig und würdevoll, wandte sie sich wieder dem Schreibtisch zu und griff erneut nach dem Telefonhörer.

„Was hast du vor?“, erkundigte sich Jay scharf.

„Ich rufe mir ein Taxi“, erklärte sie, „denn ich habe nicht vor, noch einen Moment länger in diesem Haus zu bleiben.“

„Du gehst nirgendwohin!“ Er stand im nächsten Augenblick neben ihr, nahm ihr den Hörer aus der Hand und legte ihn krachend wieder auf die Gabel zurück. Dann packte er Rebecca und drehte sie zu sich um. Sekundenlang blickten sie sich wutentbrannt an. Die Luft zwischen ihnen schien buchstäblich zu knistern.

„Nimm deine Hände weg!“, befahl Rebecca dann. „Ich kann es nicht ertragen, dass du mich anfasst!“

„So ein Pech!“ Er zog sie noch näher zu sich heran, sodass sie seine Wärme spüren konnte. „Denn die Zeit der Vergeltung ist gekommen, Rebecca, und ich werde mir nehmen, was mir zusteht!“

Er küsste sie wild und heftig, mit der ausschließlichen Absicht, sie zu bestrafen. Als er jedoch die Zunge zwischen ihre Lippen drängte, spürte Rebecca wider Willen eine längst vergessen geglaubte Erregung in sich wachsen und kam seinem Kuss verlangend entgegen.

Als Jay sich schließlich von ihr löste, war Rebecca kreidebleich und zitterte am ganzen Körper vor Verachtung für sich und ihn.

„Rebecca …“ Jay sah, wie sie zitterte, sah das heillose Entsetzen in ihrem Blick, und es erschütterte ihn.

Rebecca schluckte und presste die Lippen zusammen. Kalter Schweiß brach ihr aus. Jay konnte es nicht wissen, aber ihre schlechten Erfahrungen mit ihm zehn Jahre zuvor hatten ihre sexuellen Bedürfnisse völlig erstickt. Dies war das erste Mal, dass ein Mann sie seitdem geküsst hatte.

„Du liebe Güte, sieh mich nicht so an!“ Jay wandte sich zornig ab. „Was hast du denn geglaubt, was ich tun würde? Dich vergewaltigen?“

Seine brutalen Worte brachten sie zur Besinnung. Sie richtete sich auf, atmete tief ein und strich sich mit dem Handrücken über den Mund. „Ich muss von hier fort. Ich kann unmöglich hierbleiben …“

„Nein!“ Er machte Anstalten, erneut nach ihr zu greifen, besann sich aber anders, als sie sichtbar erstarrte. „Nein“, wiederholte er weniger heftig. „Hör zu, wenn es etwas nützt, dann entschuldige ich mich für … diesen Mangel an Beherrschung. Es wird nicht wieder vorkommen.“ Sein Ton verriet, wie sehr er sich dafür verachtete, dass er ihr nicht hatte widerstehen können. „Ich bin überhaupt nur hier hereingekommen“, fuhr er ruhiger fort, „um dir zu sagen, dass Mrs Musgrove bereit ist, das Abendessen zu servieren. Vielleicht möchtest du dich vorher noch etwas frisch machen.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, verließ er das Arbeitszimmer. Rebecca folgte ihm langsam. Dieser Kuss hatte sie tief ins Herz getroffen und alte Wunden wieder aufgerissen, ihre unerwartete Erwiderung hatte sie beide unnötig erschüttert.

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