Logo weiterlesen.de
JULIA EXKLUSIV BAND 240

LYNNE GRAHAM

Das Model und der Milliardär

„Wenn du wirklich noch Jungfrau bist, dann werde ich dich heiraten!“ Niemals hat der italienische Multimillionär Cristiano damit gerechnet, was er in dieser Nacht voller Zärtlichkeiten und Lust entdeckt: Er ist für das Model Lydia tatsächlich der Erste! Also macht er ihr schon am nächsten Morgen einen Antrag. Doch zu seinem Entsetzen weist sie ihn zurück …

CHANTELLE SHAW

Im Schloss der Leidenschaft

Auf dem prachtvollen Château Montiard will Emily ihren Ehemann Luc um die Scheidung bitten. Zu schmerzlich waren ihre Erfahrungen mit dem atemberaubenden Unternehmer. Seine brennenden Küsse wecken jedoch sofort wieder heißes Begehren in ihr. Kaum auf dem Schloss angekommen, trifft sie auf Lucs Assistentin – die alles daran setzt, um Luc für sich zu gewinnen!

HELEN BROOKS

Eine Romanze wie im Märchen

Marigold erscheint es wie ein Märchen: Der wohlhabende Flynn möchte für immer mit ihr zusammen sein! Aber passt sie überhaupt in die Welt des attraktiven Chirurgen? Und nachdem sie Flynn und seine Exfreundin, die glamouröse Celine, in inniger Umarmung sieht, erwachen immer stärkere Zweifel in Marigold. War ihr Glück nicht mehr als ein flüchtiger Traum?

IMAGE

Das Model und der Milliardär

1. KAPITEL

Cristiano Andreotti, der Software-Milliardär, stand auf dem obersten Deck seiner Luxusjacht „Lestara“. Ganz nach seinen Wünschen angefertigt, galt die „Lestara“ bereits als die schönste Jacht weit und breit, und sie war tatsächlich ein schwimmender Palast samt Landeplatz für zwei Hubschrauber, einem eigenen Kino, einem Swimmingpool und einem schnittigen Landungsboot, das im Heck verstaut war.

Seine Gäste waren sich in ihrer Bewunderung einig und schwärmten fast ehrfürchtig von der Jacht.

„Einfach unglaublich!“

„Ich habe noch nie eine solche Pracht und einen derartigen Luxus gesehen!“

„Es gibt sogar ein Privathospital an Bord, obwohl du nie krank bist, Cristiano. Wow, mir fehlen wirklich die Worte!“

„Allein für das Fitnessstudio und den Basketball-Court könnte ich sterben!“

„Der Blick durch die riesigen Panoramascheiben im Rumpf hat mich umgehauen!“

„Eine Crew aus sechzig Leuten, um das Schiff zu führen und dir jeden Wunsch von den Augen abzulesen, Cristiano … du musst dich wie ein König fühlen!“

Cristianos markantes Profil verriet nicht, was er dachte, während er seinen Blick weiter aufs Meer hinaus gerichtet hielt. Fühlte er sich wie ein König? Das konnte er nicht behaupten. Hatte er sich vielleicht all die Gäste an Bord eingeladen, damit sie äußerten, was er nicht länger aussprach oder empfand? Zunehmend verschafften ihm nur noch aggressive Firmenübernahmen oder extremsportliche Unternehmungen den richtigen Kick. Schon in Reichtum und Luxus aufgewachsen, hatte er im Verlauf seines bisherigen Lebens festgestellt, dass nur die wenigsten Erfahrungen oder auch Besitztümer ihren Versprechungen gerecht wurden.

„Habt ihr schon das neueste Gerücht gehört?“ Der näselnde Ton der Schickeriaschönheit Jodie Morgan riss Cristiano aus seinen Grübeleien. „Von Lia Powell?“

Während Cristiano bei der unerwarteten Nennung dieses Namens aufhorchte, brachen die anwesenden Damen in schadenfrohes Kichern aus.

„Ganz London spricht ja von nichts anderem! Was meint ihr, wie ihr das Gefängnisleben bekommen wird?“

„Von wem redet ihr?“, erkundigte sich Cristianos Freund Philip Hazlett.

„Die kleine Powell … das Model, das mit Mort Stevens durchgebrannt ist. Mit ihrer Karriere ging es im Sturzflug bergab, als er wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde, und Lia verschwand von der Bildfläche“, erinnerte Jodie ihren Verlobten. „Vor einigen Monaten versuchte sie dann ein Comeback über ein wohltätiges Engagement …“

„Ja, ich glaube, sie hat eine Modenschau zugunsten von ‚Happy Holidays‘, einer Organisation für benachteiligte Kinder, organisiert und dabei Mist gebaut“, schnitt Philip Jodie entschieden das Wort ab, als wäre damit genug darüber gesagt.

Doch seine Verlobte ignorierte den Wink, dass dieses Thema möglicherweise deplatziert sei, und fuhr unbeirrt fort: „Lia überredete andere Models, sich kostenlos für die Show zur Verfügung zu stellen, und soll dann, wie es heißt, die armen kleinen Kinder beraubt haben, indem sie die Einnahmen in die eigene Tasche steckte!“

Cristianos dunkle Augen leuchteten interessiert auf. Philips vergeblicher Versuch, Jodie zum Schweigen zu bringen, amüsierte ihn fast, denn offenbar hatte die Schickeriaschönheit keine Ahnung, dass Lia Powell und Cristiano einmal kurz zusammen gewesen waren. Für den Bruchteil einer Sekunde war Cristiano wie in seinen Erinnerungen gefangen. Vor achtzehn Monaten hatte er während einer Pariser Modenschau zum ersten Mal einen Blick auf Lia Powell erhascht. Gertenschlank und aufregend sinnlich war sie wie eine Amazonenkönigin über den Laufsteg stolziert: hellblondes Haar, das in silbrig schimmernden Kaskaden ein fast unwirklich schönes Gesicht umrahmte, große, ausdrucksvolle Augen, deren tiefes, strahlendes Blau ihm buchstäblich die Sprache verschlug, als man ihm Lia vorstellte. Ihr Lächeln war gekonnt gleichgültig, und er, der es gewohnt war, dass man um seine Aufmerksamkeit buhlte, war fasziniert, weil er sich endlich einmal herausgefordert fühlte. Wie gut würde sie in diesem Spiel sein, von dem er annahm, dass es darauf abzielte, sein Interesse zu steigern?

Wie sich herausstellte, sollte Cristiano jedoch vielleicht zum ersten Mal die dreiste Habgier und den Ehrgeiz seines raffinierten Gegenübers unterschätzen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, war er nicht der einzige reiche Mann, nach dem Lia ihre Fühler ausstreckte, und sie war auf etwas Besseres aus als auf eine bloße Affäre. Nachdem sie sich einige Male getroffen hatten, lud Cristiano sie für ein Wochenende in sein Landhaus ein, wo Lia plötzlich die naive Unschuld spielte und sich weigerte, seine Suite mit ihm zu teilen. Im Morgengrauen des folgenden Tages brannte sie jedoch mit einem seiner anderen Gäste durch: einem verlebten Rockstar, der doppelt so alt wie sie und für die kostspielige Angewohnheit berühmt war, sein jeweiliges jugendliches Betthäschen immer auch gleich zu heiraten. Als er demgemäß der Presse Lia als seine neue Verlobte vorstellte, musste Mort Stevens ihr zumindest in finanzieller Hinsicht als die lohnenswertere Alternative erschienen sein. Zu Lias Pech hatte dann ein grausames Schicksal all ihre schönen Pläne zunichtegemacht.

Ein Blick von Cristiano genügte, und sein stets diensteifriger persönlicher Assistent kam herbei. Während den Gästen dann auf dem Vergnügungsdeck ein Mittagessen serviert wurde, zog Cristiano sich in sein Büro zurück, um die nötigen Fakten einzuholen. Ein diskreter Anruf beim Chefredakteur einer überregionalen Zeitung erbrachte die Auskunft, dass „Lia augenblicklich der Polizei bei ihren Nachforschungen behilflich sei“. Schon bald aber würde alle Welt die Wahrheit erfahren. Wer würde noch mit einer Frau Mitleid haben, die man beschuldigte, benachteiligte Kinder betrogen zu haben?

Ein zufriedenes Lächeln huschte über Cristianos markantes Gesicht. Schlagartig fiel jegliches Gefühl von Langeweile von ihm ab. Vor achtzehn Monaten hatte Lia Powell ihm gegenüber die scheue Unschuld geheuchelt, um auf Zeit zu spielen. Mit einer bodenlosen Unverschämtheit hatte sie ihn dann im nächsten Moment unter seinem eigenen Dach betrogen. Sie war die einzige Frau, die Cristiano jemals einen Korb gegeben und ihn sitzen gelassen hatte. Das allein war der Grund, warum sie unterschwellig immer noch einen besonderen Reiz auf ihn ausübte.

Was Sex betraf, machte Cristiano sich nichts vor. Er hatte das warnende Beispiel seines verstorbenen Vaters vor Augen, der sich sein ganzes Leben zerstört hatte, weil er einer Frau hoffnungslos verfallen gewesen war, die ein Herz aus Stein besessen hatte. Und was Lia Powell anging, machte Cristiano sich noch weniger Illusionen: Sie war ein nichtswürdiges kleines Flittchen ohne Moral. Allerdings zweifellos hinreißend, wie er kaltblütig überlegte, und zum Preis ihrer Freiheit konnte sie ihm gehören. Jede wohltätige Organisation würde eine Wiedergutmachung plus einer stattlichen Spende einem hässlichen und kostspieligen Gerichtsverfahren vorziehen. Ja, er konnte den Freispruch für Lia Powell kaufen. Er konnte sie kaufen. Noch nie zuvor hatte er für Sex bezahlt. Wollte er diese Frau wirklich zu derart zweifelhaften Bedingungen haben? Cristiano gestand sich ein, dass allein der Gedanke, die schöne, langbeinige Lia nackt und willig in den Armen zu halten, ihn mehr erregte als irgendetwas seit langer Zeit.

Cristiano wusste, dass er in puncto Frauen sehr schnell gelangweilt war. Er war sogar berüchtigt für seine extrem kurzlebigen Beziehungen. Dieses jedoch würde etwas anderes sein – etwas ganz Neues, Frisches. Am besten, er ließ die genauen Bedingungen einer derartigen Übereinkunft in einem Vertrag festschreiben. Seine Anwälte würden sich dieser ungewohnten Herausforderung sicher mit der gleichen Begeisterung stellen, wie er es genießen würde, Lia ganz zu seinem Willen zu haben.

Der junge, brillengesichtige Anwalt warf Lydia einen bedrückten Blick zu. „Ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie sich nicht helfen lassen wollen.“

Lydia senkte erschöpft den Kopf. „Ich weiß.“

„Sie müssen sich schützen“, warnte er sie resigniert.

„Nicht, wenn das bedeutet, meiner Mutter die Schuld zuzuschieben“, entgegnete Lydia entschieden. „Ich werde nicht zulassen, dass sie mit hineingezogen wird.“

„Aber als Mitunterzeichnerin der Schecks ist sie doch längst darin verwickelt“, meinte der Anwalt unverblümt. „Die Polizei möchte sie natürlich dazu verhören.“

Lydia schwieg. Während des vorangegangenen, nervenzermürbenden Verhörs durch zwei Polizeibeamte hatte man sie wiederholt gefragt, wo sich ihre Mutter Virginia Carlton befinde. Keiner nahm ihr ab, dass sie es nicht wisse, und sie gab sich alle Mühe, sich nicht darum zu scheren. Denn selbst wenn sie es gewusst hätte, hätte sie alles darangesetzt, ihre Mutter zu beschützen.

Jetzt kehrte einer der Beamten aus dem Betrugsdezernat zurück. Er eröffnete ihr, dass sie vorläufig auf Kaution entlassen werde, allerdings in vier Tagen zu einem weiteren Verhör zurückkommen müsse. Zu allem Überfluss sollte sie in einer Zelle warten, bis der erforderliche Papierkram zu ihrer Entlassung erledigt sein würde. Unglücklich sah sie ihren Anwalt an, der vergeblich zu protestieren versuchte.

Kaum hatte sich die Zellentür hinter ihr geschlossen, sank Lydia am ganzen Leib zitternd auf die Kante der harten Schlafkoje, umfasste ihre zierliche Taille und versuchte, sich zusammenzureißen. Es hatte keinen Zweck, in Angst und Panik zu verfallen. Die Räder der Justiz waren in Bewegung gesetzt, und wenn man sie, Lydia, für schuldig befinden würde, musste sie mit einer Gefängnisstrafe rechnen. Also würde ihr der Anblick einer solchen Zelle schon bald nur allzu vertraut sein. Denn die Spendengelder von „Happy Holidays“ waren verschwunden, und sie konnte sie weder aus eigenen Mitteln zurückzahlen noch sich eine derartige Summe leihen. Und letztendlich hatte sie es sich selbst zuzuschreiben, dass sie in diesem Schlamassel steckte.

Niedergeschlagen ließ sie den Kopf sinken. Ein vertrautes Gefühl. In ihrem Leben lief ständig etwas ganz furchtbar schief, und wie es aussah, war es stets ihre Schuld.

Mit zehn Jahren hatte Lydia als Einzige einen tragischen Bootsunfall überlebt, bei dem ihr Vater und ihr kleiner Bruder ertrunken waren. Virginia, ihre Mutter, war völlig außer sich vor Schmerz gewesen. „Es ist deine Schuld!“, warf sie Lydia immer wieder vor. „Wer hat denn nicht aufgehört, um diese dumme Bootsfahrt zu betteln? Du hast sie getötet! Du hast sie alle beide getötet!“

Und obwohl andere Menschen aus ihrem Umfeld Virginias Hysterie zu dämpfen versuchten, empfand Lydia es so, dass ihre trauernde Mutter lediglich die unangenehme Wahrheit aussprach. Als in der Folge das Geschäft ihres Vaters in Konkurs ging und sich ihr hoher Lebensstandard quasi über Nacht in nichts auflöste, war Lydia klar, dass sie auch daran die Schuld trug. Entsprechend froh war sie, als sich ihr wenige Jahre später plötzlich die Möglichkeit auftat, genug Geld zu verdienen, um ihrer Mutter den gewohnten Luxus zurückzubringen. Im Alter zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren verdiente Lydia als Model ein kleines Vermögen.

Doch dann wurde sie egoistisch, wie sie sich unglücklich eingestand. Sie hasste es, als Model zu arbeiten, und ließ sich durch eine schmerzliche Erfahrung, die ihr das Herz gebrochen hatte, verleiten, die glitzernde Modewelt hinter sich zu lassen und ein Studium der Gartenarchitektur anzufangen. Alles, was seitdem falsch gelaufen war, ließ sich auf diese dumme, launische Entscheidung zurückverfolgen.

Da sie schon bei ihrem Eintreffen auf der Polizeiwache vom Blitzlichtgewitter der Pressefotografen überfallen worden war, kehrte sie nach dem Verlassen der Zelle zögernd und ängstlich in den Eingangsbereich zurück. Doch zu ihrer Erleichterung wurde sie diesmal nur von einer einzigen Person erwartet, einer kleinen, energischen Brünetten. Es war ihre Cousine Gwenna, die bei ihrem Erscheinen aufstand und sie besorgt betrachtete. Trotz aller Erschöpfung war Lydia immer noch so unglaublich schön, dass es Gwenna schwerfiel, den Blick von ihr zu wenden. Der Anblick dieses zarten Gesichts, beherrscht von den strahlend blauen Augen und umrahmt von der seidigen, naturblonden Mähne, raubte den meisten Menschen den Atem.

„Gwenna?“ Es war Lydia peinlich, dass sich ihre Cousine ihretwegen zur Polizeiwache bemüht hatte. „Du hättest nicht kommen sollen.“

„Unsinn“, tadelte Gwenna sie im walisischen Dialekt, bevor sie ihre Cousine entschlossen in die Dunkelheit hinausführte und den Kameras der vor dem Parkplatz wartenden Reporter trotzig die Stirn bot. „Du gehörst zur Familie, wo sollte ich sonst sein? Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu bringen.“

Lydia war zu gerührt, um auf Walisisch die richtigen Worte zu finden. Als Kind hatte sie viel Zeit in Gwennas walisischem Elternhaus verbracht, während ihre Eltern verreist gewesen waren. Und als Lydia vor achtzehn Monaten ziemlich am Boden gewesen war, hatte Gwenna sie eingeladen, die Farm ihrer Familie als Zufluchtsort zu benutzen. Zu einem Zeitpunkt, da all ihre sogenannten Freunde sie im Stich gelassen hatten, hatte Lydia dieses herzliche Angebot sehr viel bedeutet.

„Gwenna, ich weiß es zu schätzen, was du für mich tust, aber ich glaube wirklich, du solltest besser für eine Weile vergessen, dass du mich kennst.“

„Ich tue einfach so, als hätte ich das nicht gehört“, erwiderte Gwenna in dem sachlichen und entschiedenen Ton, den sie vermutlich auch den Teenagern gegenüber verwendete, die sie unterrichtete. Anfang dreißig, mit kurzem, glänzendem dunklen Haar, strahlte sie für ihre Größe eine erstaunliche Energie und Autorität aus.

Als Lydia die Tür zu dem kleinen Reihenhaus aufschloss, das sie jetzt für sich gemietet hatte, wandte Gwenna sich sofort in die Küche. „Ich mach uns einen Tee, während du nach oben springst und schnell ein paar Sachen packst.“

Lydia war wie erstarrt. „Nein, ich komme nicht mit zu dir. Dies ist ein kleiner Ort. Du lebst und arbeitest hier. Auf keinen Fall darf ich dich in meine Probleme mit hineinziehen. Du musst auch an deinen Vater denken. Er hat den Tod deiner Mutter kaum verkraftet. Wir dürfen ihn nicht erneut aufregen.“

Die betroffene Miene ihrer Cousine verriet Lydia, dass sie genau das richtige Argument vorgebracht hatte.

„Aber vielen Dank, dass du dich so um mich bemühst“, fügte Lydia liebevoll hinzu.

Gwennas Augen blitzten zornig auf. „Aber das ist doch keine Frage von bemühen. Du hast das Geld nicht genommen. Wir wissen alle, wer es getan hat!“

Lydia errötete tief. „Nun, ihr glaubt vielleicht, es zu wissen …“

„Hör auf!“, fiel Gwenna ihr gereizt ins Wort. „Erwartest du wirklich, dass ich stillschweigend zusehe, wie du für eine den Kopf hinhältst, die sich einen Dreck um dich schert?“

Kreidebleich wandte Lydia sich ab und schaltete den Wasserkessel ein. Gwenna hatte noch nie das besondere Verhältnis zwischen Lydia und ihrer Mutter verstanden. Während Gwennas Familie ein friedliches, ruhiges Leben hatte genießen dürfen, hatte Virginia immerhin eine familiäre Tragödie und danach eine ganze Reihe unseliger Beziehungen überstanden, woran eine schwächere Frau zerbrochen wäre. „Meine Mutter hat es im Leben sehr schwer gehabt …“

„Das hat sie dir schon eingeredet, als du fünf Jahre alt warst, und dich so dazu gebracht, sie zu bedienen, während sie über die Schrecken der Mutterschaft stöhnte“, fiel Gwenna ihr ungnädig ins Wort. „Davon abgesehen sollten wir auch nicht die Tatsache aus den Augen verlieren, dass deine Mutter und dein Stiefvater es später geschafft haben, jeden Penny auszugeben, den du jemals verdienst hast!“

„Du kannst ihnen doch nicht die Schuld dafür geben, dass der Nachtklub gescheitert ist und ich vergangenes Jahr alles verloren habe“, begehrte Lydia auf. „Ich war naiv und habe mir eingebildet, das Geld, das ich als Model verdient hatte, würde für den Rest meines Lebens reichen.“

„Und das hätte es auch getan, wenn du davon nur dich selber und nicht auch noch Virginia und Dennis mit ihrer Riesenvilla und den Luxusautos hättest unterhalten müssen! Außerdem kann ich mir auch nicht vorstellen, dass du ein persönliches Interesse daran gehabt hast, einen Nachtklub zu eröffnen“, meinte Gwenna und seufzte.

Lydia schwieg. Als sie ihre Arbeit als Model aufgegeben hatte, war damit ihr Stiefvater, der bis dahin ihre Karriere und ihre Finanzen gemanagt hatte, praktisch arbeitslos geworden. War es nicht das Mindeste gewesen, ihm das Kapital für den Nachtklub zu geben? Leider war das Unternehmen gescheitert. Aber Lydia hatte sich mit dem Verlust ihrer finanziellen Sicherheit abgefunden. Mit zweiundzwanzig war sie es längst gewöhnt, sich nach einer Enttäuschung wieder hochzurappeln.

Gwenna wiederum wünschte sich nichts sehnlicher, als Lydias geldgierige Mutter und ihren diebischen Stiefvater in die Finger zu bekommen. Wie gern hätte sie den beiden, die Lydia als Gold­esel der Familie ausgenutzt und sich auf ihre Kosten ein feines Leben im größten Luxus geleistet hatten, einmal ehrlich die Meinung gesagt! „Du musst der Wahrheit ins Auge sehen“, erklärte sie nun energisch. „Virginia hat die Spenden aus deiner Modenschau gestohlen und für sich ausgegeben.“

Lydia schüttelte müde den Kopf. „Dennis hat sie auf einem Berg Schulden sitzen lassen. Sie ist vermutlich in Panik geraten.“

„Hör auf, Entschuldigungen für sie zu suchen. Sie hat deine Unterschrift auf den Schecks gefälscht und die Konten von ‚Happy Holidays‘ geplündert. Und nachdem sie alles so gedreht hat, um dich als Schuldige dastehen zu lassen, ist sie jetzt auch noch untergetaucht! Lass dir das nicht von ihr gefallen“, drängte Gwenna verzweifelt. „Eine Verurteilung wird dein Leben ruinieren. Wer gibt schon einem Exsträfling Arbeit?“

Nachdem sie Gwenna verabschiedet hatte, nahm Lydia den Brief, den sie schon beim Hereinkommen auf der Fußmatte hatte liegen sehen, und las ihn mit wachsender Resignation. Es war eine kurze Nachricht von einem Ehepaar, das ihr Angebot für die Gestaltung seines Gartens angenommen hatte. Sie wären Lydias erste richtige Kunden seit dem Abschluss ihres College-Studiums gewesen. Nun aber schrieben sie, dass sie es sich doch anders überlegt hatten, was mit ziemlicher Sicherheit mit ihrem Besuch auf der Polizeiwache zusammenhing. Zweifellos würde ihr Gesicht morgen früh auf den Titelseiten sämtlicher Klatschblätter prangen.

Am Abend zuvor war Lydia in den Supermarkt gegangen, um einige Lebensmittel zu kaufen. Wohin sie sich auch wandte, traf sie auf eisiges Schweigen und abschätzige, verächtliche Blicke der übrigen Kundinnen im Laden. Es war ein bedrückendes Erlebnis gewesen.

Als sie nun an diesem Abend schlafen ging, drehte sie sich noch lange unruhig und schlaflos im Bett, bis sie schließlich eindöste. Doch im nächsten Moment ließ sie ein Krachen von zersplitterndem Glas wieder hochschrecken. Mit zittriger Hand knipste sie die Nachttischlampe an, sprang aus dem Bett und tappte die Treppe hinunter. Unten erblickte sie fassungslos die zerbrochene Fensterscheibe ihres kleinen, gemütlichen Wohnzimmers. Unschlüssig verharrte sie auf der Schwelle, als ihr Blick auf einen Gegenstand fiel, der inmitten der Glassplitter auf dem Boden lag. Es war ein Stein, der in ein Stück Papier eingewickelt war. Vorsichtig näherte sich Lydia, nahm das Blatt und faltete es auseinander.

„VERSCHWINDE DAHIN, WO DU HERGEKOMMEN BIST, DU BETRÜGERISCHES MISTSTÜCK!“

Die Worte sprangen ihr in fetten, blutroten Großbuchstaben ins Gesicht. Lydias Herz pochte wie wild. Sie zwang sich, einen Handfeger und eine Kehrschaufel zu holen und die Scherben aufzukehren. Dann schleppte sie eine alte Schranktür aus dem Kohlenschuppen herbei, um damit das Loch in der Fensterscheibe notdürftig zu bedecken, und ging langsam ins Bett zurück. Noch lange lag sie wach, wagte es kaum zu atmen und zuckte bei jedem kleinsten Geräusch zusammen.

Nachdem sie gegen sieben Uhr morgens endlich eingeschlafen war, schreckte sie aus dumpfem Schlaf hoch, als es um zehn Uhr an ihrer Haustür läutete. In der Annahme, dass es der Postbote sei, beeilte sie sich, aus dem Bett zu kommen. Rasch zog sie sich den Morgenmantel über und eilte nach unten, um die Tür zu öffnen.

Beim Anblick des großen schwarzhaarigen Mannes draußen auf der Schwelle verharrte sie wie vom Donner gerührt. Cristiano Andreotti. Obwohl sie sicher war, dass er nur ein Produkt ihrer Einbildung sein konnte, raubte ihr seine männlich charismatische Ausstrahlung den Atem. Ihr Herz pochte schneller, während sie ungläubig zu ihm aufblickte.

Wie hätte sie dieses markante Gesicht mit dem dunklen Bartschatten, dem energischen Kinn und dem unglaublich sinnlichen Mund je vergessen können? Dennoch wollte sie nicht glauben, dass er tatsächlich vor ihr stand. Denn Cristiano Andreotti gehörte nicht auf die Schwelle eines kleinen Reihenhauses in einer Seitenstraße eines unscheinbaren walisischen Marktstädtchens. Sein Wirkungskreis war wesentlich exklusiver und stets vom Flair der Superreichen durchwoben.

Cristiano betrachtete sie eindringlich. Noch nie zuvor hatte er sie ungeschminkt gesehen. Unwillkürlich suchte er nach Veränderungen, nach irgendeinem Makel, als hoffte er fast, von ihr enttäuscht zu werden. Sie hatte abgenommen, war blass und wirkte offensichtlich erschöpft. Ihr langes hellblondes Haar war einmal nicht von kunstfertigen Händen zu einer seidig schimmernden Lockenmähne gestylt, sondern umspielte zerzaust das zarte Gesicht und die zierlichen Schultern. Während Cristiano noch die Unterschiede zu dem Bild registrierte, das er von ihr in Erinnerung hatte, begegnete er dem Blick ihrer strahlend blauen Augen – und begriff plötzlich, dass sie, wenn es denn möglich war, schöner denn je aussah. Nur dass sie diesmal so vor ihm stand, wie die Natur sie geschaffen hatte: mit ausdrucksvollen Augen, einem makellosen Alabasterteint und vollen, sinnlichen Lippen. Wildes Verlangen durchzuckte ihn mit gefährlicher Macht.

„Darf ich hereinkommen?“, erkundigte er sich lässig, wobei Lydia beim warmen Klang seiner tiefen Stimme ein Schauer über den Rücken lief. Und durch die selbstverständliche Autorität, mit der er die Worte aussprach, kam es ihr erst gar nicht in den Sinn, ihn abzuweisen.

2. KAPITEL

Erst in dem Moment, als Cristiano das Schweigen brach, begriff Lydia wirklich, dass er tatsächlich vor ihr stand. Sie blinzelte erschrocken – und stellte im selben Augenblick fest, dass sie ihn noch genauso glühend hasste wie vor achtzehn Monaten. Hin und her gerissen zwischen Angst und Faszination, Neugier und Abscheu, blickte sie ihn benommen an und wagte nicht, sich zu rühren, weil ihr die Knie zitterten.

Cristiano nutzte das Überraschungsmoment natürlich aus, indem er einfach vortrat. Unwillkürlich wich sie zurück. Obwohl Lydia auch barfuß schon einen Meter neunundsiebzig maß, überragte Cristiano sie doch noch um gut fünfzehn Zentimeter. Sie verspürte ein fast vergessenes, erregendes Kribbeln im Bauch und errötete beschämt, weil sich die Spitzen ihrer Brüste unter ihrem dünnen Bademantel abzeichneten.

Endlich fand sie ihre Stimme wieder. „Was willst du?“, fragte sie heiser.

Cristiano schloss ohne Hast die Tür. Er schien seine Macht zu genießen. „Weißt du das nicht?“

Obwohl Lydia nicht leugnen konnte, wie sehr seine Nähe sie körperlich erregte, hielt sie seinem Blick stolz und trotzig stand. Sie hatte nicht vergessen, wie viel ihr Cristiano Andreotti einmal bedeutet und wie sehr er sie verletzt hatte. Diese Erfahrung hatte sie verändert, auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ. „Woher soll ich wissen, warum du hier bist?“

„Ich dachte, dein Selbsterhaltungstrieb hätte es dir vielleicht verraten?“ Cristiano betrachtete sie spöttisch.

„Offensichtlich nicht.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, damit er nicht merkte, wie sehr sie innerlich zitterte.

„Nun, offensichtlich … bin ich hier, weil ich dich sehen will.“ Es bereitete ihm sichtbar Spaß, sie auf die Folter zu spannen.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, blickte Lydia wie gebannt in seine schönen dunklen Augen, die sie in ihren Träumen verfolgten. Faszinierende Augen, die jetzt kaum eine Regung verrieten. Cristiano war bekannt dafür, dass er nur wenig von seinen Gefühlen preisgab. Er galt als distanziert, ja, eiskalt. Wie toll hatte sie sich damals gefühlt, wenn es ihr gelungen war, ihm ein Lächeln oder gar ein Lachen zu entlocken!

Lydia schüttelte den Kopf, als könnte sie so die ungebetenen Erinnerungen abwehren. Sie wollte nicht daran denken, wie es gewesen war, als sich damals für wenige Monate all ihr Denken und Sehnen nur auf ihn konzentriert hatte.

„Ich will nicht, dass du hier bist.“ Es klang halbherzig, denn sie spürte, dass sie aus Gründen, die sie nicht näher analysieren wollte, es nicht über sich brachte, ihn tatsächlich wegzuschicken.

„Wirklich nicht?“, fragte er aufreizend lässig.

Sie schluckte. „Wie hast du mich gefunden?“, fragte sie rasch, um die gespannte Stille zu füllen.

„Ich habe mir Zugang zu einigen vertraulichen Informationen verschafft.“

Sie wurde blass. Also wusste er von dem verschwundenen Geld. Am liebsten hätte sich Lydia in ein Mauseloch verkrochen.

Cristiano ging einfach an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Ihm war klar gewesen, dass sich ihre finanzielle Lage, seit sie sich zuletzt gesehen hatten, stetig verschlechtert hatte, aber erst der Anblick dieses spärlich und schäbig möblierten Raums ließ ihn begreifen, wie wenig ihr geblieben war. Nichts hätte die gewaltige Kluft, die zwischen ihren Lebensstilen bestand, drastischer illustrieren können, ebenso wie die Tatsache, dass Lydia in seiner Welt nur ein flüchtiger Gast gewesen war.

„Was ist mit dem Fenster passiert?“

„Es ist zerbrochen“, antwortete sie, ohne ihn anzusehen.

„Hast du einen Glaser bestellt?“

„Noch nicht. Es ist erst letzte Nacht geschehen.“

Er ließ den Blick durch den Raum schweifen und bemerkte auf dem Kaminsims das zerknitterte Papier mit der leuchtend roten Schrift. Cristiano griff danach, sah den dicken Stein daneben und reimte sich den Rest zusammen. „Man hat dich bedroht? Hast du das angezeigt?“

Lydia riss ihm den beleidigenden Brief aus den Händen. „Warum kümmerst du dich nicht um deine Angelegenheiten?“, stieß sie zutiefst beschämt aus.

„Du solltest die Polizei informieren. Ein derartig primitiver Geist macht sich oft irgendwann gewalttätig Luft. Auf keinen Fall darfst du allein hierbleiben.“

„Und wo soll ich deiner Meinung nach hin?“, entgegnete Lydia, bemüht, ihre Angst niederzuringen. Wenn überhaupt, dann hatte der Vorfall in der Nacht zuvor sie nur darin bestärkt, auf keinen Fall bei ihrer Cousine Zuflucht zu suchen. Gwenna lebte mit ihrem Vater und ihrem Bruder in einem abgeschiedenen Farmhaus, und Lydia wollte es auf keinen Fall riskieren, sie irgendeiner Gefahr auszusetzen.

„Ich hätte da vielleicht eine Lösung anzubieten“, meinte jetzt Cristiano fast beiläufig.

Zitternd wich Lydia seinem Blick aus und rang um Fassung. Zu allem Überfluss wurde ihr erst in diesem Moment bewusst, dass sie ungekämmt und bekleidet mit ihrem alten Morgen­mantel vor ihm stand. „Hör zu, ich muss mich jetzt anziehen … und habe wirklich keine Zeit, mich hier mit dir herumzustreiten“, erklärte sie so energisch wie möglich und wandte sich ab. Natürlich brannte sie darauf zu erfahren, was für eine Lösung er gemeint hatte, doch sie verbot es sich, danach zu fragen. Du liebe Güte, sie hatte ihm noch nicht einmal gesagt, er solle verschwinden! Besaß sie denn gar keinen Stolz mehr?

Cristiano blickte ihr nach, als sie die Treppe hinaufging, und sah im Schlitz ihres Morgenmantels die seidige Haut ihrer langen, wohlgeformten Beine aufblitzen. Sofort durchzuckte es ihn heiß. Die knisternde, erotische Atmosphäre brachte seine männlichen Hormone in Wallung. Vom ersten Moment an hatte Lydia diese unbändige Anziehung auf ihn ausgeübt, wobei er jedoch überzeugt war, dass sie ihren Reiz für ihn verlieren würde, sobald er einmal mit ihr geschlafen haben würde. Augenblicklich hatte sie zweifellos Angst. Wenn er ihr ohne große Umschweife das Geld anbot, würde sie sich ihm vermutlich hier und jetzt hingeben. Und wenn es schäbig war! Und wenn er bisher noch nie eine Frau dafür bezahlt hatte! Dio mio, sie wollte ihn doch auch! Ihre Blicke und ihre Nervosität verrieten ihm genug. Dennoch schien sie es vor sich zu leugnen, scheute vor ihm zurück, vermied jeglichen Blickkontakt. Ein Mann, der etwas auf sich hält, würde warten, ermahnte er sich.

Nachdenklich betrachtete er für einen Moment das Gartenbuch, das aufgeschlagen auf dem kleinen Esstisch lag. Schließlich begann er wie ein eingesperrter Panther rastlos auf und ab zu gehen. Doch das Wohnzimmer war winzig für einen Mann wie ihn, in der Diele konnte er sich kaum drehen, und die Küche war auch nicht größer. Hier jedoch blieb er am Fenster stehen und blickte erstaunt hinaus. Dem grauen städtischen Umfeld zum Trotz war der kleine Hinterhof mithilfe von üppig bepflanzten Blumenkübeln in eine blühende Oase verwandelt worden.

Cristiano nahm sein Handy aus der Tasche, gab eine Nummer ein und wies einen seiner Angestellten an, dafür zu sorgen, dass ein Glaser die zerbrochene Fensterscheibe in Lydias Wohnzimmer ersetzte. Und es solle umgehend geschehen.

Im Obergeschoss war Lydia eilig im Bad verschwunden und versuchte, sich gleichzeitig das Haar zu bürsten und die Zähne zu putzen. Mit zittrigen Fingern zog sie sich dann das Nachthemd aus und zerrte Jeans und ein Westen-Top aus einer Schublade. Wie hätte sie auch gelassen und ruhig sein sollen? Unten in ihrem Wohnzimmer befand sich der Mann, der ihr Vertrauen erschlichen und sie dazu gebracht hatte, sich in ihn zu verlieben. Der aalglatte, versierte Playboy, der genau wusste, wie man romantische Gefühle vortäuschte und sich den Anstrich gab, es ernst zu meinen. Aber es war alles nur Heuchelei gewesen. Sie war Opfer seines grausamen, entwürdigenden Spiels geworden. Ein Dummchen, über das er sich mit seinen Machofreunden lustig machte, die sich untereinander mit der Anzahl der Kerben auf ihrem Bettpfosten brüsteten!

Mit zitternder Hand zog Lydia den Reißverschluss ihrer Jeans zu. Leider war sie damals so verletzt und wütend gewesen, dass sie sich dazu hatte überreden lassen, umgehend Rache zu üben, um wenigstens ihren Stolz zu retten. Doch dabei war sie nur erneut zum Opfer geworden, denn die Konsequenzen dieser unüberlegten Spontanreaktion hatten letztendlich ihre Karriere als Model zerstört.

Was also suchte Cristiano Andreotti jetzt in Wales? Warum kam er zu ihr? Und was meinte er mit einer „Lösung“? Lydia konnte sich nicht vorstellen, warum er überhaupt den Wunsch verspüren sollte, ihr zu helfen. Als sie damals zusammen mit Mort aus seinem georgianischen Herrenhaus geflohen war, hatte sie Cristianos aufgeblasenem Ego einen schweren Schlag versetzt. Was sonst hätte sie auch treffen können, da er weder ein Herz noch ein Gewissen besaß? War er jetzt vielleicht gekommen, um sich an ihrem nicht enden wollenden Unglück zu weiden?

Langsam ging Lydia wieder nach unten. „Was willst du von mir?“, stellte sie Cristiano trotzig zur Rede.

Er ließ den Blick über ihr hellblondes Haar schweifen, das jetzt in seidig schimmernden Wellen das ovale Gesicht mit den ausdrucksvollen blauen Augen umschmeichelte, und bedeutsam auf den sinnlich vollen Lippen verweilen. „Was wollen denn die meisten Männer?“

Sie errötete, denn weder die Richtung noch die Bedeutung seines Blicks war ihr verborgen geblieben. „Wenigstens spielst du jetzt nicht mehr den netten Jungen!“, meinte sie verächtlich.

Cristiano nickte bezeichnend. „Einen netten Jungen würdest du nur ausnutzen. Ich denke, ich passe besser zu dir.“

„In deinen Träumen!“, entgegnete sie heftig.

„Wie oft taucht Mort Stevens denn heutzutage noch in deinen auf?“, parierte er sofort erbarmungslos.

Lydia wurde blass und wandte sich ab, sodass er ihr zartes Profil bewundern konnte. „Du hast mir immer noch nicht verraten, was du hier willst. Bist du nur gekommen, um mich zu beleidigen?“

Groß und sehr schlank, wie sie war, wirkte sie von der Seite betrachtet geradezu anrührend zerbrechlich. Es würde ihr guttun, etwas mehr zu essen, überlegte Cristiano unwillkürlich, während er aufmerksam ihre zierlichen Schultern und die Silhouette ihrer straffen, kleinen Brüste betrachtete, die sich durch den dünnen Stoff ihres Tops abzeichnete. Ganz offensichtlich trug sie keinen BH. Energisch rief Cristiano sich zur Ordnung, wütend über seine Gedanken und sein Verhalten. War er ein dummer Schuljunge? Seit wann stellte der weibliche Körper das geringste Geheimnis für ihn dar?

„Nein, ich verfolge immer einen Zweck mit meinem Handeln“, beantwortete er ihre Frage. „Dir droht eine Gefängnisstrafe.“

Die gleichmütige Art, mit der er dies aussprach, verschlug ihr für einen Moment die Sprache. „Das weißt du doch gar nicht! Wie solltest du auch? Du hast doch keine Ahnung …“

„Straftaten, bei denen es um Unterschlagung und Betrug in Verbindung mit einer weiblichen Angeklagten geht, ziehen gewöhnlich eine härtere Bestrafung nach sich“, fiel Cristiano ihr überheblich ins Wort. „Es war keine gute Idee, eine Wohltätigkeitsorganisation um ihre Spenden zu betrügen – noch dazu eine, die Spenden für benachteiligte Kinder sammelt.“

Lydia spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach. „Ich möchte nicht darüber reden.“

„Warst du verschuldet? Hat man dich wegen ausstehender Zahlungen bedrängt? Ich meine, du hast eine ziemlich große Summe gestohlen, aber ich kann hier kaum einen Hinweis auf unrechtmäßig erworbene Reichtümer entdecken.“

Es traf Lydia wie ein Peitschenhieb, dass er offensichtlich keine Sekunde an ihrer Schuld zweifelte. Allein auf der Basis eines Gerüchts hatte er sie bereits verurteilt. „Was sollte es dich kümmern?“, entgegnete sie verletzt und trotzig.

„Das tut es nicht, aber ich kann verhindern, dass du ins Gefängnis musst.“

Sie sah ihn erstaunt an. Wider alle Vernunft keimte tief in ihrem Innern ein Hoffnungsfunke. „Und wie solltest du das können?“

„Indem ich das Geld, das du genommen hast, zurückzahle und noch eine großzügige Spende draufpacke, um für den Wohltätigkeitsverein den Anreiz zu erhöhen, dir zu verzeihen“, erklärte er ruhig.

„So einfach wird das nicht sein …“

„Sei nicht naiv. Ich rede nie über etwas, das außerhalb meiner Möglichkeiten liegt.“ Seine Mundwinkel zuckten spöttisch. „Man ist bereits auf diskretem Weg an die Direktorin von ‚Happy Holidays‘ herangetreten, und die Reaktion auf den angedeuteten Vorschlag war sehr positiv.“

Lydia brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er da sagte. „Aber warum solltest du anbieten, die verschwundene Summe zu ersetzen?“

„Nun, ganz offensichtlich, weil … ich eine Gegenleistung erwarte“, erwiderte er langsam und bedeutungsvoll.

Ihr Herz pochte wie wild. Zögernd schaute sie auf und begegnete dem Blick seiner unergründlichen dunklen Augen. Sie erschauerte, als ein erregendes Gefühl, irgendetwas zwischen Lust und Schmerz, sie heiß durchzuckte.

Genau in diesem Moment erhellte ein strahlendes, sexy Lächeln Cristianos markante Züge. „Und ich bin überzeugt, dass es dir Spaß machen wird, sie mir zu gewähren, cara mia.“

Lydia hatte Mühe, einen klaren Gedanken zu fassen. „Es tut mir leid, aber ich glaube, ich verstehe nicht …“

„Wirklich nicht?“, unterbrach er sie unbeirrt. „Nun, ich biete dir einen ziemlich einfachen Handel an: Ich will dich im Bett …“

„Das glaube ich dir nicht!“, rief sie fassungslos und entsetzt dazwischen.

„Natürlich müsstest du die Rolle meiner Geliebten mit Leib und Seele spielen“, fuhr er fort, als hätte sie nicht gesprochen.

„Aber das ergibt doch keinen Sinn!“

Seine Augen funkelten eisig. „Ich denke schon. Es wird mich beträchtlich amüsieren, dir dabei zuzusehen, wie du dich bemühst, all meinen Wünschen und Bedürfnissen gerecht zu werden. Ich bin nicht leicht zufriedenzustellen.“

Lydia wurde blass. „Du kannst mich nicht gleichzeitig so verachten und begehren.“

„Warum nicht?“

„Weil es unmoralisch ist!“

„Wann habe ich je behauptet, moralisch zu sein?“

„Wie kannst du es wagen, mir einen derartigen Vorschlag zu machen!“, fuhr sie entrüstet auf. „Du magst ja keine Moral besitzen, aber das gilt nicht für mich!“

„Ich stehle nicht“, warf Cristiano vielsagend ein.

„Ich möglicherweise ja auch nicht“, entgegnete Lydia wütend. „Aber du willst doch nur ausnutzen, dass ich in Schwierigkeiten stecke, und das ist abscheulich!“

„Ich habe mit meinem Talent, eine Situation zu meinem Vorteil zu nutzen, ein Vermögen gemacht, cara mia.“

„Schön, was mich betrifft, hat dich dein Glück verlassen … ich gehe nämlich lieber ins Gefängnis, als so tief zu sinken, deine Geliebte zu werden!“

Seine dunklen Augen blitzten auf. „Das denke ich nicht.“

Nicht ohne Genugtuung spürte Lydia seinen Zorn. „Und ich weiß es.“

Als sie jedoch an ihm vorbeiwollte, legte er ihr eine Hand um die Taille und hielt sie zurück. Langsam und unwiderstehlich beugte er sich herab und küsste sie auf den Mund. Genau davor hatte sie sich insgeheim gefürchtet, genau das hatte sie insgeheim herbeigesehnt. Ganz zart und behutsam vertiefte er seinen Kuss, als Lydia ihm wie von selbst entgegenkam. Sie hörte ihr sehnsüchtiges Stöhnen und wäre am liebsten vor Scham gestorben, dennoch brachte sie nicht die Kraft auf, sich seinem Bann zu entziehen. Hin und her gerissen zwischen Vernunft und Verlangen, zitterte sie am ganzen Leib.

Cristiano wich zurück. Sie hatte nicht einmal die Entschuldigung, dass er sie festgehalten hätte. „Das Telefon klingelt“, meinte er ruhig.

Erst in diesem Moment, als er von ihr abließ, registrierte sie das schrille Läuten des Telefons. Dankbar für die Störung, eilte sie hin und nahm mit zittriger Hand den Hörer auf. Am anderen Ende der Leitung meldete sich ihr Anwalt, und sie musste zu allem Überfluss erfahren, dass die Polizei sie bereits heute erneut verhören wollte und nicht erst in vier Tagen, wie vereinbart worden war.

„Es liegt bei Ihnen. Niemand kann Sie zwingen. Aber offensichtlich hat die Polizei neue Informationen, und ich habe das Gefühl, dass es in Ihrem Interesse wäre, ihnen entgegenzukommen“, riet der Anwalt.

Lydia atmete tief ein. „Also gut … ja, ich werde hingehen.“

Ihre Lippen waren noch heiß von Cristianos Kuss, und die Knie drohten ihr zu versagen. Vielleicht war dieses zusätzliche Verhör bei der Polizei ja die Strafe dafür, dass sie sich wegen Cristiano derart zum Narren machte. Sie wusste nicht, wen sie mehr hasste – ihn oder sich selber. Wie hatte sie für einen einzigen Kuss ihren Stolz opfern können? War sie unter dem augenblicklichen Druck völlig durchgedreht? Wie boshaft musste ein Schicksal sein, das Cristiano genau dann wieder zu ihr zurückbrachte, wenn sie so schwach und wehrlos war?

Mit zwei Schritten stand sie an der Haustür und riss sie auf. „Ich habe eine Einladung zu einer weiteren Plauderstunde bei der Polizei. Du musst jetzt gehen.“

„Da passt es ja gut, wenn du wegmusst, dass ich einen Glaser bestellt habe, der die Fensterscheibe reparieren soll“, meinte Cristiano ungerührt, bevor er eine Visitenkarte aus der Tasche zog und sie auf das Regal neben ihr legte. „Hier, meine Telefonnummer. Du wirst sie brauchen, wenn du zur Vernunft kommst und das Unvermeidliche akzeptierst.“

„Du zählst nicht zu den unvermeidlichen Ereignissen in meinem Leben.“

Cristiano betrachtete sie spöttisch. „Die Bedeutung der verbalen Kommunikation zwischen Mann und Frau wird häufig überschätzt. Der Kuss hat mir alles verraten, was ich wissen muss.“

Lydia schwieg beschämt, denn sie wusste genau, wie unmissverständlich ihr Körper reagiert hatte. Andererseits, was sollte das Cristiano Andreotti kümmern? Während sie sich darüber noch den Kopf zerbrach, ging er lässig an ihr vorbei hinaus und stieg in die dunkle Limousine ein, die am Straßenrand auf ihn wartete. Das luxuriöse Gefährt fuhr davon und war im nächsten Moment verschwunden, als wäre sein arroganter Besitzer nie da gewesen.

Fünf Minuten später stand schon der Glaser vor Lydias Tür, um die zerbrochene Fensterscheibe auszutauschen. Wie er bereitwillig erzählte, wurde er für diesen Auftrag so gut bezahlt, dass er ihm gern Vorrang eingeräumt hatte.

Als Lydia sich am Nachmittag zur Polizeiwache aufmachte, war sie längst so weit, Cristianos Besuch im Geiste immer wieder durchzuspielen. Kurz gesagt, er hatte ihr vorgeschlagen, „Happy Holidays“ zu entschädigen im Austausch gegen ihre Liebesdienste. Wenn er jedoch geahnt hätte, wie lächerlich wenig Erfahrung sie auf diesem Gebiet besaß, wäre er vielleicht nicht so wild darauf gewesen! Andererseits war sie noch vor achtzehn Monaten so verrückt nach Cristiano gewesen, dass sie kurz davor gestanden hatte, wirklich alles zu tun, was er von ihr verlangte.

Sie war nicht stolz auf diese Schwäche, schob sie jedoch wenigstens zu einem Teil darauf, dass sie ein leicht zu beeindruckender, vierzehnjähriger Teenager gewesen war, als sie Cristiano Andreottis Foto zum ersten Mal in einem Hochglanzmagazin entdeckt hatte. Er war damals zweiundzwanzig gewesen und überzeugt, dass er der hinreißendste Typ sei, den sie je gesehen hatte. Lydia schnitt sich das Foto aus und behielt es. Sie legte es nicht in irgendeine Schublade, sondern bügelte es sorgfältig glatt und steckte es in einen Fotorahmen, um es während ihrer Teenagerzeit so oft wie möglich schwärmerisch und sehnsüchtig zu betrachten. Und diese romantischen Jungmädchenträume waren ihr weitaus lieber als die oftmals grobschlächtigen Annäherungsversuche der jungen Männer, denen sie in der Realität begegnete.

Tatsächlich vergingen mehr als sechs Jahre, bevor sie Cristiano wirklich kennenlernte. Jahre, in denen ihre wachsende Popularität als Model ihr allmählich zumindest gelegentlich eine Eintrittskarte zu seiner privilegierten Welt des Reichtums und Luxus verschaffte. Einmal erhaschte sie aus der Ferne einen Blick auf ihn in einem Nachtklub, als er scheinbar gelangweilt Hof hielt, während eine ganze Schar schöner Frauen um seine Aufmerksamkeit buhlte. Lydia hatte er nicht einmal bemerkt.

Ein abschreckendes Erlebnis mit dreizehn hatte sie Männern gegenüber vorsichtig werden lassen. Seitdem fiel es ihr schwer, zwanglos zu flirten. Die Tatsache, dass sie noch Jungfrau war, behielt sie für sich, denn sie bewegte sich in Kreisen, in denen jeder mit jedem schlief. Regelmäßig wurde sie auch von Männern bedrängt, die einfach nur darauf erpicht waren, sie ihrer Macholiste von Eroberungen hinzuzufügen, und Lydia war tief verletzt und beschämt, als ihr klar wurde, dass die Abgewiesenen sie als frigide abtaten. Da schien es der leichtere Weg, sich überhaupt nicht mehr zu verabreden. Dabei kam ihr nicht in den Sinn, dass gerade ihre Unnahbarkeit sie zu einem besonders verlockenden Ziel für einen Mann machte.

An dem Tag, als sie bei einer Pariser Modenschau durch die Vorhänge spähte und in der ersten Reihe Cristiano Andreotti entdeckte, war sie völlig überwältigt. Sofort war sie wieder der schwärmende Teenager, der sein Foto wie einen Schatz hütete, und als sie auf den Laufsteg hinaustrat, fühlte sie sich nervös wie eine Anfängerin und wagte es kaum, in seine Richtung zu blicken. Auch als er ihr nach der Schau vorgestellt wurde, wich sie seinem Blick aus. Als er sie dann um ihre Telefonnummer bat, erklärte sie ihm rasch, dass ihr Handy kurz zuvor gestohlen worden sei, bevor sie auch schon davoneilen musste, weil irgendein VIP sie zu einer privaten Modenschau gebucht hatte. Cristiano aber ließ ihr ins Hotelzimmer ein nagelneues Handy bringen und war dann der erste Anrufer, der sich mit tiefer, warmer Stimme bei ihr meldete.

Er wollte sie noch am selben Abend treffen, aber sie musste schon am nächsten Tag sehr früh wieder in London sein.

„Ich bin die ganze nächste Woche geschäftlich in Sydney. Melde dich krank, damit du noch in Paris bleiben kannst“, drängte er sie.

„Das kann ich nicht tun.“

„Du kannst es, wenn du mich sehen willst.“

„Und wenn du mich sehen willst, kannst du warten“, erwiderte sie zu ihrer eigenen Überraschung.

„Bist du immer so schwierig?“

Das war ihre erste und nicht ihre letzte Erfahrung im Umgang mit einem sehr reichen, mächtigen Mann, der es gewohnt war, dass man ihm jeden seiner Wünsche auf der Stelle erfüllte. Cristiano ließ sie am folgenden Abend einfach nach Paris zurückfliegen, damit sie mit ihm essen konnte, und sie unterhielten sich angeregt bis in die frühen Morgenstunden. Bei ihrer Rückkehr nach London erwartete Lydia ein Meer von weißen Rosen, und in der nachfolgenden Woche rief Cristiano sie jeden Tag an. Sie fühlte sich auf romantische Weise umworben und verwöhnt. Natürlich wurde sie von vielen Leuten gewarnt, dass Cristiano Andreotti in dem Ruf stände, ein unverbesserlicher, kaltblütiger Schürzenjäger zu sein, aber sie schlug alle Warnungen in den Wind, schwebte stattdessen wie auf Wolken und träumte insgeheim, wie wohl jede Frau, von unsterblicher Liebe und ewigem Glück. Zu keinem Zeitpunkt kam ihr in den Sinn, dass sie nur als Spielball in einem herzlosen Spiel eines superreichen, egoistischen Mannes benutzt und missbraucht werden könnte.

Die schmerzliche Erinnerung daran verstärkte ihr Unbehagen, als sie nun erneut im Verhörraum der Polizei Platz nahm.

Der Inspektor ihr gegenüber lächelte sie überraschend freundlich an. „Erzählen Sie mir von dem Haus Ihrer Mutter in Frankreich“, lud er sie ein.

„In Frankreich?“ Lydias Erstaunen war nicht gespielt. „Aber meine Mutter besitzt kein Haus in Frankreich.“

„Unserer Überzeugung nach doch, und unseren Quellen zufolge ist es sogar ein sehr luxuriöser zweiter Wohnsitz. Fünf Schlafzimmer und ein Swimmingpool, alles, was recht ist! Zumindest hat sie das im vergangenen Jahr einer Freundin gegenüber erzählt. So eine Bleibe ist da unten in Südfrankreich nicht gerade billig zu haben.“

Lydia schüttelte energisch den Kopf. „Diese angebliche Freundin redet Unsinn.“

„Das glaube ich nicht.“

„Aber natürlich. Wenn meine Mutter einen Zweitwohnsitz besäße, wüsste ich doch davon. Es muss sich um ein Missverständnis handeln.“ Lydia zweifelte nicht einen Moment daran. Denn wenn es ein solches Haus gegeben hätte, wäre es doch wohl verkauft worden, um die finanziellen Probleme ihrer Eltern zu lösen, und Virginia hätte nicht den schrecklichen Fehler begangen, Geld auszugeben, das ihr nicht gehörte.

„Nun, wir wissen zwar noch nicht genau, wo sich diese Villa befindet, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Und ich bin sicher, dass wir weitere Antworten erhalten, sobald Ihre Mutter in der Lage ist, uns bei unseren Nachforschungen behilflich zu sein.“

Lydia war kreidebleich geworden. Anscheinend verlagerte sich der Schwerpunkt der polizeilichen Untersuchungen jetzt auf Virginia. „Aber ich habe Ihnen doch bereits gesagt, dass meine Mutter nichts mit der Sache zu tun hat!“

„Und ich bin überzeugt, dass Ihre Mutter sogar eine ganz zentrale Rolle spielt. Sie konnten mir ja nicht einmal sagen, wofür Sie das verschwundene Geld ausgegeben haben wollen.“ Der Inspektor legte mehrere Plastiktüten mit Beweismitteln auf den Tisch. „Ich habe hier eine Reihe von Schecks, die auf das Wohltätigkeitskonto ausgestellt und sowohl von Ihnen und Ihrer Mutter unterschrieben worden sind. Einer beläuft sich auf eine Summe von fast fünfzigtausend Pfund und wurde zum Kauf eines Geländewagens benutzt. Der Händler erinnert sich noch gut an die Käuferin. Wo ist dieses Fahrzeug jetzt, Miss Powell?“

Lydia schluckte entsetzt. Virginia hatte vor ihrem Verschwinden ihren Wagen gegen ein größeres und teureres Modell ausgetauscht? Diese Neuigkeit bestürzte sie, änderte aber nichts an ihrer Entschlossenheit, ihre Mutter vor den Folgen ihrer Tat zu beschützen. „Ich habe keine Ahnung.“

„Sämtliche Schecks, die wir bisher sicherstellen konnten, lassen sich ausschließlich mit Einkäufen von Virginia Carlton in Verbindung bringen beziehungsweise mit Zahlungen, die sie getätigt hat, um private Schulden auszugleichen. Wann haben Sie diese Schecks unterschrieben?“ Der Inspektor wartete ihre Antwort gar nicht ab. „Es muss für Sie sehr schwierig gewesen sein, sich um die täglichen Ausgaben für die Vorbereitung der Wohltätigkeits-Modenschau zu kümmern, wo Sie doch so weit entfernt lebten. Ich vermute, dass Sie deshalb die finanzielle Abwicklung Ihrer Mutter überlassen haben, weil sie ja vor Ort war. Haben Sie die Schecks deshalb im Vorhinein blanko unterschrieben?“

„Nein, genau umgekehrt“, schwindelte Lydia verzweifelt.

Der Polizeibeamte seufzte. „Wenn Sie dabei bleiben, wird man Sie aller Wahrscheinlichkeit nach der Beihilfe und Begünstigung in dem Fall von Unterschlagung zum Nachteil von ‚Happy Holidays‘ anklagen, dessen Ihre Mutter verdächtigt wird. Denn gegenwärtig deuten alle Beweise, einschließlich ihres anscheinend sorgfältig geplanten Verschwindens, darauf hin, dass sie die Haupttäterin war.“

„Nein, nein!“, widersprach Lydia erregt.

„Und fadenscheinige Lügengeschichten werden mich oder den Richter kaum vom Gegenteil überzeugen“, erklärte der Inspektor gereizt. „Verschwenden Sie nicht länger unsere Zeit, Miss Powell. Früher oder später wird Ihre Mutter gefunden und strafrechtlich belangt werden, ohne dass Sie irgendetwas daran ändern könnten. Deshalb schlage ich vor, dass Sie jetzt nach Hause gehen und Ihre Haltung noch einmal gründlich überdenken.“

Lydia war den Tränen nahe, als sie die Polizeiwache verließ. Wie hatte sie es nur geschafft, die Sache derart zu verpfuschen? Es war ihr nicht gelungen, die Polizei zu überzeugen, dass sie die Alleinschuldige sei. Stattdessen stand ihre Mutter kurz davor, aufgespürt und vor Gericht gezerrt zu werden. Dabei war sich Lydia nur in einem Punkt sicher: Ihre verängstigte Mutter versteckte sich ganz bestimmt nicht in einer Villa mit Pool an der französischen Riviera!

Obwohl es Lydia ziemlich mitgenommen hatte, als ihr klar geworden war, was ihre Mutter getan hatte, begriff sie doch, wie verzweifelt Virginia gewesen sein musste. Im Frühjahr hatte Lydia widerstrebend eingewilligt, ihren Namen für die Wohltätigkeitsmodenschau herzugeben, an deren Veranstaltung Virginia ihr Herz gehängt hatte, und sie hatte noch einige weitere Models dafür angeworben. Etwa um die gleiche Zeit bedrängte Dennis sie, ihm erneut Geld zu leihen, was sie erstaunte, denn ihr Stiefvater wusste eigentlich ganz genau, dass der Bankrott seines Nachtklubs sie um den letzten Penny gebracht hatte.

„Aber du weißt doch, dass ich nichts mehr habe!“

„Komm schon, ich bin nicht von gestern.“ Er bemühte sich, seinem grobschlächtigen Gesicht einen jovialen Ausdruck zu geben. „Du hast doch mindestens noch ein Geheimkonto, eine stille Reserve, von der niemand etwas weiß. Mir kannst du es ruhig sagen – ich werde es dem Finanzamt nicht verraten.“

Lydia zog resigniert die Brauen hoch. „Schön wär’s!“

„Ich glaube dir nicht. Du verheimlichst mir etwas. Man hat mir eine tolle Gelegenheit angeboten, aber mir fehlt das Kapital.“

„Tut mir wirklich leid, aber ich kann dir nicht helfen.“

Seine blassblauen Augen blitzten zornig auf. „Nicht einmal deiner Mutter zuliebe?“

Wie üblich zuckte sie schuldbewusst zusammen, schüttelte aber den Kopf. „Ich kann dir nicht geben, was ich nicht habe.“

Natürlich hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, dass ihr Stiefvater immer noch Geld von ihr erwartete, obwohl er längst selber gut für seinen Lebensunterhalt hätte sorgen können. Allerdings war ihr nie in den Sinn gekommen, dass irgendetwas ernsthaft im Argen sein könnte, bis gehäufte Beschwerden der Direktorin von „Happy Holidays“ wegen nicht eingegangener Zahlungen und fadenscheinige Erklärungsversuche ihrer Mutter sie veranlassten, persönlich nach Cheltenham zu reisen. Dort stellte sie dann überrascht fest, dass Virginia bereits das Haus, das Lydia ihr geschenkt hatte, verkauft hatte und in ein Hotel gezogen war.

„Was, in aller Welt, geht hier vor?“, fragte Lydia, als sie ihre hübsche blonde Mutter in deren Hotelzimmer aufsuchte. „Warum hast du das Haus verkauft?“

Ihre Mutter betrachtete sie verbittert. „Du hast auch noch den Nerv zu fragen? Schließlich bist du doch für das Scheitern meiner Ehe verantwortlich!“

Lydia schluckte. „Wie bitte? Was habe ich denn getan?“

„Du hast meinen Mann arbeitslos gemacht. Und jetzt hat Dennis mich wegen einer anderen verlassen – was kein Wunder ist, denn wir haben furchtbare finanzielle Probleme, sodass ich sogar das Haus verkaufen musste. Kannst du dir vorstellen, wie ich mich fühle?“

Mitfühlend versuchte Lydia, ihre Mutter in den Arm zu nehmen, was diese sich nur sehr widerwillig gefallen ließ.

„Du liebe Güte, Lydia … schon gut.“

„Es tut mir so leid für dich“, flüsterte Lydia kläglich.

„Das kommt ein bisschen spät. Wenn du wieder ins Model-Geschäft zurückgekehrt wärst, als wir dich darum gebeten haben, hätte ich jetzt noch einen Ehemann und ein Haus, in dem wir es uns leisten könnten, zu leben.“

Lydia kam um vor Gewissensbissen, weil sie nur an sich gedacht hatte, als sie sich geweigert hatte, ihr Gartenarchitekturstudium abzubrechen. Sie war voller Mitleid mit ihrer Mutter, die ihren zweiten Mann vergöttert hatte. Dennis hatte Virginias Liebe und ihr Vertrauen ausgenutzt und sie verletzt und gedemütigt, und Lydia konnte den Schmerz ihrer Mutter sehr gut nachempfinden, weil es ihr kaum achtzehn Monate zuvor ganz ähnlich mit Cristiano Andreotti ergangen war.

„Was soll ich nur tun?“, schluchzte Virginia plötzlich. „Ich habe solche Angst.“

Die ungewohnten Tränen ihrer Mutter bestürzten Lydia nur noch mehr. „Alles wird gut“, versuchte sie, Virginia zu trösten. „Was auch passiert, wir werden es gemeinsam durchstehen.“

„Aber ich stecke so tief in Schwierigkeiten“, gestand Virginia mit erstickter Stimme, wobei sie ihrer Tochter einen verstohlenen Blick zuwarf. „Du hast keine Ahnung, wie tief.“

Lydia riss sich von diesen trübsinnigen Erinnerungen los, während sie von der Polizeiwache durch den Park nach Hause ging. Der starke Regen verdeckte die Tränen, die ihr über die Wangen liefen. Sie fühlte sich wie eine hoffnungslose Versagerin. Wenn die Polizei sich weigerte, ihre Geschichte zu glauben, würde sie ihrer Mutter nicht helfen können. Warum passierte es ihr immer wieder, dass sie am Ende ihre Mutter doch im Stich ließ und enttäuschte? Wie oft hatte Virginia dank ihrer bereits den Mann verloren, den sie liebte? Lag vielleicht irgendein Fluch auf ihr?

Zuerst war es Lydias Vater gewesen, der niemals in dem kleinen Boot hinausgefahren wäre, wenn seine unternehmungslustige Tochter nicht so darum gebettelt hätte. Natürlich war es ein tragischer Unfall gewesen, aber das änderte nichts an den schrecklichen Folgen.

Der Nächste war Rick, Virginias Freund, als Lydia ein Teenager gewesen war. Mit Schaudern erinnerte sich Lydia an das hässliche Ende dieser Beziehung und an die bitteren Vorwürfe, die ihre Mutter ihr gemacht hatte. Aber ob es ihr gefiel oder nicht, natürlich war auch sie wieder der Grund für das Ende dieser Beziehung gewesen, und ihre Mutter war erneut mit gebrochenem Herzen und allein zurückgeblieben.

Nach dieser Vorgeschichte hatte Lydia sich ehrlich für ihre Mutter gefreut, als diese bei Dennis Carlton erneut ihr Glück gefunden hatte. Und obwohl sie ihren Stiefvater eigentlich nicht mochte, hatte sie Virginia zuliebe gern Sympathie geheuchelt. Allerdings hätte sie sich niemals träumen lassen, dass ihre Mutter einmal so verzweifelt sein würde, gewaltige Summen zu unterschlagen in ihrem Bemühen, den finanziellen Druck, der auf ihrer Ehe lastete, zu lindern, allein, um ihren Ehemann zu halten.

Als Virginia ihr tränenreich die ganze, traurige Wahrheit gebeichtet hatte, versprach Lydia ihr sofort, sie zu beschützen. Und in der Angst war ihre Mutter ihr so dankbar, dass sie ihrer Tochter zur Abwechslung einmal echte Wärme und Herzlichkeit entgegenbrachte. Lydia kamen erneut die Tränen, als sie jetzt daran zurückdachte. Nein, ihre Mutter würde die Schande eines Gerichtsverfahrens oder gar den harten Gefängnisalltag nicht überleben.

Nur leider schien Lydias Bereitschaft, die Schuld für die Unterschlagung auf sich zu nehmen, nicht länger auszureichen, um Virginias Haut zu retten, denn die Polizei war anscheinend fest entschlossen, Virginia aufzuspüren. Jetzt blieb Lydia nur noch ein Weg, wie sie ihr Versprechen halten und ihre Mutter vor strafrechtlicher Verfolgung schützen konnte.

Bis auf die Haut durchnässt betrat sie ihr kleines Haus und schloss die Tür hinter sich. Langsam nahm sie Cristianos Visitenkarte von dem Regal, auf dem er sie abgelegt hatte. Wenn er das unterschlagene Geld bezahlte, würden alle Anklagen fallen gelassen und ihre Mutter könnte wieder nach Hause kommen. Virginia würde in Sicherheit sein … war das nicht alles, was wirklich zählte?

Lydia zog es vor, Cristiano eine SMS zu schreiben, denn sie hätte es nicht über sich gebracht, ihre Niederlage ihm gegenüber direkt in Worte zu fassen.

Du kannst mich haben, wenn Du mich willst.

3. KAPITEL

Nur Minuten später läutete Lydias Telefon.

„Lia …“, meldete sich Cristiano sexy und vielsagend.

„Lydia bitte. Lia ist der Künstlername, auf dem meine Agentur bestanden hat, aber er hat mir nie gefallen“, antwortete sie möglichst sachlich, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug. „Ich möchte, dass das Geld sofort zurückgezahlt wird, damit die Wohltätigkeitsorganisation ihre Anzeige zurückzieht. Ist das möglich?“

„Kein Problem. Steckt die Polizei hinter deinem Sinnes­wandel?“

„Ist das wichtig?“

„Nein. Nur der Sieg zählt“, räumte Cristiano, ohne zu zögern, ein. „Allerdings müssen wir erst die genauen Einzelheiten klären und die nötigen Formalitäten erledigen. Dafür musst du nach London kommen.“

Lydia blinzelte gegen die Tränen der Demütigung an. „Was für Formalitäten? Plötzlich stellst du lauter Bedingungen!“, protestierte sie, wobei sie sich nervös die regennassen Haare aus der Stirn strich.

„Richtig.“

„Aber das ist nicht nötig. Du kannst mir vertrauen“, drängte sie wider ihren Stolz, denn sie hatte Angst, dass ihre Mutter aufgespürt und verhaftet werden würde, wenn er das gestohlene Geld nicht schnell zurückzahlte.

Ein spöttisch ungläubiges Lächeln zuckte um Cristianos Mundwinkel. Diese Frau war wirklich unfassbar! Es war dieselbe, die, noch während sie als seine jüngste Eroberung unter seinem Dach weilte, mit einem anderen durchgebrannt war. Dieselbe, die jetzt beschuldigt wurde, eine Wohltätigkeitsorganisation um fast eine viertel Million Pfund betrogen zu haben. Darüber hinaus – auch wenn er sich nur sehr ungern daran erinnerte, weil er gemeinhin für seinen Scharfsinn und seine Intelligenz bekannt war – hatte sie ihn bei ihrem ersten Treffen mit ihrer gekonnt gespielten Natürlichkeit tief beeindruckt. Sie besaß anscheinend ein natürliches Talent, den Menschen vorzugaukeln, was sie nicht war. Wenn er ein softerer Typ wäre, wären ihm wahrscheinlich vor Rührung die Tränen gekommen, als sie barfuß über das Gras auf seinem Dachgarten gelaufen war und ihm gestanden hatte, wie sehr sie sich an jedem Tag in der Stadt nach dem schlichten Leben auf dem Land sehnte. Ja, sie war wirklich ein ausgefuchstes Luder.

„Ich lasse dich morgen früh abholen und nach London fliegen. Pack nur das Nötigste ein, denn ich werde dir eine neue Garderobe kaufen. Und schließ das Haus gut ab, und verabschiede dich von den Nachbarn“, riet er gelassen. „Wenn wir zu einer Einigung gelangen, wirst du eine Weile nicht zurückkommen.“

Lydia schüttelte benommen den Kopf. „Wie auch immer, ich muss noch einmal hierher zurück. Immerhin habe ich das Haus gemietet. Ich muss das mit meinem Vermieter klären und meine Sachen einlagern …“

„Meine Angestellten werden dieses lästige Zeug für dich erledigen.“

„Aber ich habe Verwandte in der Gegend. Wenn ich … fortgehe, möchte ich sie vorher noch einmal sehen.“

„Ich gebe dir ab morgen eine Woche Zeit, basta.“

Lydia schluckte. Die gesamte Unterhaltung kam ihr irgendwie unwirklich vor. Und wenn sie Cristiano ehrlich gesagt hätte, wie sehr sie ihn hasste, hätte er den Grund dafür nicht einmal verstanden. Schließlich sah es nach außen so aus, als hätte sie ihn wegen eines anderen Mannes sitzen lassen. Das heißt, aus Cristianos Sicht hatte sie keinen Grund, ihn zu verabscheuen, wohingegen er umgekehrt vermutlich jedes Recht dafür auf seiner Seite glaubte.

„Ich kann nicht begreifen, dass du das wirklich willst. Du musst mich ja richtig hassen“, meinte sie bedrückt.

„Meine Gefühle sind allein meine Sache.“

Sein kalter Ton ließ Lydia erschauern. Kein Zweifel, er wollte Rache. Als sie zusammen mit Mort Stevens von seinem Luxuslandsitz geflohen war, hatte sie es ganz bewusst darauf angelegt, ihn vor aller Welt zum Narren zu machen. Nun sollte sie dafür bezahlen.

Um sieben Uhr am nächsten Morgen wurde sie abgeholt und zu einem Privatflugplatz einige Meilen vor der Stadt gefahren. Dort wartete bereits ein Hubschrauber, der das blaugoldene Logo des Andreotti-Imperiums trug. Eine gute Stunde später wurde sie vom Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach eines modernen Bürohochhauses aus Glas und Stahl in London geradewegs hinunter in ein riesiges Büro im obersten Stockwerk geleitet. Nervös strich sie sich den Ärmel der taillierten schwarzen Jacke glatt, die sie mit einem weißen T-Shirt und einem litzenbesetzten Rock kombiniert hatte.

„Mr Andreotti ist in einer Besprechung“, wurde sie von einem gepflegten jungen Mann im Business-Anzug informiert.

Cristiano wusste sofort, dass Lydia eingetroffen war und ihre übliche, umwerfende Wirkung auf das männliche Geschlecht ausübte, als sein persönlicher Assistent ziemlich rot um die Ohren in den Besprechungsraum zurückkehrte und ihm dezent zunickte. Nun, er hatte sehr viel zu tun, sie würde also warten müssen. Sowieso war sie nur so pünktlich, weil er sie hatte abholen lassen. Denn er erinnerte sich noch gut daran, wie sehr sie ihn mit ihrer notorischen Unpünktlichkeit damals genervt hatte. Cristiano Andreotti liebte es nicht, wenn man ihn warten ließ. Gleich bei ihrer ersten Verabredung zum Dinner war sie zu spät gekommen – hatte dann allerdings bei ihrer Ankunft alle Gäste und Angestellten des Restaurants mit ihrer Schönheit bezaubert und seine persönliche Verärgerung mit einem strahlenden, entschuldigenden Lächeln zerstreut.

Während Cristiano plötzlich nur noch mit halbem Ohr den Zahlen und Fakten seiner jungen dynamischen Geschäftsführer lauschte, fragte er sich, was Lydia wohl anhatte. Im nächsten Moment sprang er auf, verkündete eine Pause und ging aus dem Konferenzraum geradewegs in sein angrenzendes Büro.

Die Sonne schimmerte auf ihrem platinblonden Haar, das sie mit einer Spange im Nacken zusammengefasst hatte. Bei Cristianos Eintreten wandte Lydia sich von dem Panoramafenster ab. Strahlend blaue Augen beherrschten ihr zartes Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den vollen, rosigen Lippen.

Cristianos Anblick ließ ihr Herz sofort schneller schlagen. Schon früher hatte es ihr Angst gemacht, was für eine heftige Wirkung er auf sie ausübte, und jetzt stellte sie entsetzt und beschämt fest, dass sich nichts daran geändert hatte. Bekleidet mit einem exklusiven, maßgeschneiderten Business-Anzug, der seine athletische Figur betonte, sah Cristiano aber auch unwiderstehlich aus. Er war zweifellos ein unglaublich attraktiver Mann, stets makellos gekleidet und von einer bezwingenden Ausstrahlung. Und seine dunklen Augen, die jetzt golden in der hellen Sonne leuchteten, waren die schönsten und faszinierendsten, die sie je gesehen hatte.

Die angespannte Stille schien Lydia unerträglich. Trotzig blickte sie auf. „Hier bin ich also … wie befohlen.“

„Ja“, erwiderte Cristiano sanft. „Und das ist gut so.“

Sie hatte eigentlich gehofft, ihm mit ihrer Bemerkung Unbehagen zu bereiten, aber er wirkte völlig entspannt. Stattdessen errötete sie. Plötzlich kam ihr der schreckliche Verdacht, dass Cristiano diese Situation wirklich genoss. Denn mit einem raubvogelartigen Blick musterte er sie, und Lydia spürte beschämt, wie ihr ein erregender Schauer über den Körper lief.

„Ich kann nicht glauben, dass du das wirklich durchziehen willst“, flüsterte sie.

Ein geradezu sündhaft attraktives Lächeln erhellte sein markantes Gesicht. „Jedes Mal, wenn ich dich ansehe, weiß ich, dass ich es durchziehen werde.“

„Aber es ergibt doch keinen Sinn!“

„Für mich schon, bella mia“, widersprach er. „Ich will dich.“

„Aber ich will weder dich noch dies hier, und ich kann nicht so tun, als wäre es anders!“, stieß sie aus.

Ohne den Blick von ihr zu wenden, ging Cristiano langsam auf sie zu. „Wenn ich das glauben würde, wärst du nicht hier.“

„Du … solltest es besser glauben!“, entgegnete Lydia wütend, weil er sie zum Stottern brachte und sie sich in die Enge gedrängt fühlte.

„Nun, da ich augenscheinlich deine einzige Rettung bin, solltest du dich nicht bemühen, mich davon zu überzeugen, dass du genau das bist, was ich will und brauche?“

In diesem Punkt hatte er so unbestreitbar recht, dass sie eine gefährliche Mischung aus Angst und Wut packte. Er war ihre einzige Hoffnung. Angenommen, sie verärgerte ihn? Angenommen, er änderte seine Meinung? Wo würde dann ihre Mutter bleiben?

„Lydia …“

Er war ihr jetzt so nahe, dass sie nur eine Hand auszustrecken brauchte, um ihn zu berühren. Seine körperliche Nähe machte sie nervös, und sie wagte es kaum zu atmen, weil sie der Duft seines exklusiven Aftershaves gefangen hielt.

Im nächsten Moment nahm Cristiano sie und zog sie in seine Arme. „Das ist der Grund, warum du gerettet wirst“, erklärte er rau.

Angespannt blickte Lydia zu ihm auf. Sie wusste, dass es schlecht und lüstern war, aber die heiße Erregung, die sie durchflutete, machte ihren Widerstand zunichte. Cristiano umfasste ihr Gesicht und nahm unglaublich zart und sinnlich von ihren Lippen Besitz. Gleichzeitig ließ er die Hand ihren Rücken hinabgleiten und presste sie verlangend an sich. Stöhnend gab sie dem Drängen seiner Zunge nach. Plötzlich wurden ihr die Knie weich, ihr Atem ging schneller, und sie klammerte sich machtlos an Cristianos breite Schultern.

Cristiano hob sie auf seinen großen Schreibtisch. Schon hatte er die Spange aus ihrem Haar entfernt, vergrub die Finger in der seidigen Fülle und bedeckte ihren Hals mit heißen Küssen. Dann ging er über zu ihren Wangen, den Lidern, bis Lydia sich stöhnend an ihn schmiegte. Sanft drängte er sie zurück, schob ihr das T-Shirt hoch und streichelte ihre kleinen, straffen Brüste. Lydia hob sie ihm sehnsüchtig entgegen und schrie leise auf, als er deren Knospen zärtlich zu liebkosen begann.

Der Klang ihrer Stimme brachte sie unsanft in die Wirklichkeit zurück. „Du liebe Güte, nein!“ Lydia stieß Cristiano von sich fort und sprang in solcher Panik von dem Schreibtisch, dass sie das Gleichgewicht verlor und auf dem Teppich auf die Knie fiel. Cristiano wollte ihr aufhelfen, doch sie stieß seine Hand weg, kam allein auf die Füße und wich hastig zurück. Sie war wie im Schock … benommen und seltsam frustriert und enttäuscht.

Madonna du hättest dir den Knöchel brechen können!“, tadelte Cristiano sie missbilligend. „Was soll das? Warum bist du so nervös? Wenn du dir einbildest, dass es sexy ist, die schreckhafte Unschuld zu spielen … lass es besser sein.“

„Ich spiele überhaupt nichts!“, Lydia errötete. So sehr sie sich auch gegen ihre Gefühle wehrte, sie wusste, dass sie auf verlorenem Posten kämpfte, denn das Verlangen glühte weiter in ihr, bereit, sie jeden Moment zu verraten, sobald Cristiano sie erneut berührte. In diesem Moment fühlte sie sich genauso gefangen, als hätte er sie in ein Verlies geworfen und eine dicke Stahltür hinter ihr verriegelt.

Bleich und entsetzt blickte sie ihn an. „Ich kann das nicht tun … Ich kann es einfach nicht!“

Insgeheim verwünschte Cristiano sich selbst, weil er ganz offensichtlich zu überhastet vorgegangen war. Er fragte sich allerdings, was Lydia eigentlich derart aus der Fassung gebracht hatte. Um sie zu beruhigen, zog er einen Stuhl heran und lud sie ein, Platz zu nehmen, und Lydia ließ sich auf diese höfliche Geste ein, bemüht, ihre Haltung wiederzufinden.

Cristiano reichte ihr nun ein Dokument. „Dies ist ein Vertrag für eine eheähnliche Gemeinschaft, den ich dich bitte zu unterzeichnen.“

Sie blickte erstaunt auf. „Ein Vertrag für … was?“

„Für eine eheähnliche Gemeinschaft. Ich habe bisher noch nie mit einer Frau zusammengelebt, und es sollte kein Missverständnis bezüglich der Art unserer Beziehung aufkommen. Dieser Vertrag definiert in möglichst einfachen Worten die genaue Art unserer Vereinbarung“, erklärte Cristiano ihr sachlich. „Der Betrag, den ich für dich an die Wohltätigkeitsorganisation zurückzahle, ist als dein Honorar anzusehen. Dein Honorar dafür, dass du für das nächste Jahr die Rolle meiner Gastgeberin übernehmen wirst. Und du kannst froh sein, dass ich die Spende, die ich auf die Schuld drauflege, nicht in die Vereinbarung aufgenommen habe.“

Lydia hatte etwas Mühe, seinen Worten zu folgen. „Deine … Gastgeberin?“

„Eine ganz angemessene Bezeichnung.“

Sie schüttelte verwundert den Kopf. „Du gibst mir einen Arbeitsvertrag?“

Cristiano lächelte spöttisch. „Niemand, der für mich arbeitet, verdient so viel.“

Errötend wich Lydia seinem Blick aus. „Ich stimme aus freiem Willen all deinen Forderungen zu. Da ist es doch sicherlich nicht nötig, mich auch noch an einen geschriebenen Vertrag mit lauter Regeln und Bedingungen zu binden, oder?“

„Ich denke doch. Das ist eindeutig eine Frage des Vertrauens.“

Wütend kämpfte sie die aufsteigenden Tränen nieder. „Anscheinend bist du entschlossen, diese ganze Angelegenheit so demütigend wie möglich für mich zu gestalten.“

„Keinesfalls, ich denke, es ist wichtig, dass du genau weißt, woran du bei mir bist“, erklärte Cristiano, ohne mit der Wimper zu zucken. „Wenn du die Vereinbarung brichst, musst du das Geld zurückzahlen.“

„Das werde ich nie können! Glaubst du, ich wäre überhaupt hier, wenn ich irgendeine Alternative hätte?“

„Ich weiß“, bestätigte Cristiano ungerührt. „Aber ich möchte mich deiner Loyalität vergewissern.“

„Meiner … Loyalität?“ Lydia umklammerte unsicher die dicke Vertragsmappe.

Cristianos dunkle Augen blitzten verächtlich auf. „Dein Ruf ist in diesem Punkt ziemlich miserabel. Verrate mir doch, rein interessehalber, hast du es mit Mort Stevens die ganze Zeit über getrieben, während wir uns getroffen haben?“

Lydia schoss das Blut heiß in die Wangen. „Wie kannst du so etwas fragen? Natürlich nicht … ich meine, es ist nichts passiert!“

„Schon als Kind hatte ich nichts für Märchen übrig“, erwiderte Cristiano kalt, während er den Blick auf ihren sinnlichen Mund richtete. „Wir sollten jetzt vorankommen, und zwar schnell, denn ich muss wieder zurück an die Arbeit. Ich habe für dich einen Termin bei einem Anwalt gemacht, sodass du dir unabhängigen juristischen Rat einholen kannst. Wenn du dich entschließt, den Vertrag zu unterschreiben, tue es bitte vor drei Uhr heute Nachmittag. Du wirst dann zum Flughafen zurückgefahren, um mit meinem Privatjet nach Hause zu fliegen. Draußen wartet jetzt bereits eine Limousine auf dich, um dich zum Anwalt zu bringen. Hast du noch Fragen?“

Seine Gefühlskälte machte ihr Angst. „Du hast etwas von einem Jahr gesagt. Ist das der Zeitraum, den du für die Dauer unserer … Vereinbarung festsetzt?“

Er zuckte die Schultern. „Ein Tag, eine Woche, ein Monat … Wie auch immer, ein Jahr gilt als Grenze für dich, nicht für mich. Falls du dann immer noch bei mir bist, was ich bezweifle, bist du frei und kannst für dich neue Bedingungen aushandeln.“

Allein der Ausdruck „aushandeln“ bedeutete eine Erniedrigung ihrer Person. Hatte er wirklich eine so schlechte Meinung von ihr, dass er davon ausging, sie wäre damit zufrieden, ihre Liebesdienste gegen Geld anzubieten? Nun, wenn dem so war, dann war es ihre eigene Schuld, denn ihre Flucht mit Mort Stevens hatte Cristiano natürlich genau diesen Eindruck vermittelt. Allerdings war es nie zu spät, die Wahrheit zu sagen … auch wenn man vielleicht nicht die ganze Wahrheit aufdecken wollte. „Darf ich noch eines sagen? Wirst du mir zuhören?“

Automatisch wappnete Cristiano sein Herz gegen den gefühlvollen Appell, der jetzt zweifellos kommen würde. Welchem Mann wäre es leichtgefallen, dieser atemberaubenden, wunderschönen Frau zu widerstehen, die zudem so zerbrechlich feminin wirkte? Diesmal war er jedoch entschlossen, sich nicht noch einmal von ihr zum Narren machen zu lassen. Betont distanziert warf er einen Blick auf die Uhr. „Du hast genau eine Minute.“

„Ich … sollte dich nur vorwarnen, dass ich nicht das bin, wofür du mich hältst …“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Exklusiv Band 240" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen