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JULIA EXKLUSIV BAND 239

TRAUMMÄNNER

EMMA DARCY

Die verstoßene Braut

Skyes Bräutigam hat sie aus seinem Leben verbannt, weil sie angeblich fremdgegangen wäre. Nun ist Luciano von ihrer Unschuld überzeugt und will sie zurück. Aber nicht mit ihr! Allerdings hat sie nicht damit gerechnet, wie stark Lucianos Anziehungskraft auf sie ist. Schon liegt Skye in seinen Armen – doch ihr Glück gerät in Gefahr, als seine Familie dahinterkommt …

TRISH WYLIE

Irische Herzen

Ryan weiß, dass er mit dem Feuer spielt, weil er Miranda bei sich wohnen lässt. Alle werden denken, dass sie beide ein Paar sind. Aus Spaß beschließen er und Miranda, die Klatschtanten nicht zu enttäuschen und für neuen Zündstoff zu sorgen: In aller Öffentlichkeit geben sie sich stürmische Küsse. Küsse, die Ryan bald hoffen lassen, dass sie echt wären!

SARA CRAVEN

Vertrau mir, Tara

Bei herrlichem Wetter macht Adam seine Jacht am Anleger seines Hauses fest. Dort jedoch erwartet ihn ein wahrer Wirbelsturm! Tara, die überaus reizende Bewohnerin des Nachbarcottages, reagiert mit wilder Ablehnung auf sein Erscheinen! Ob ihre Zuneigung genauso temperamentvoll sein kann? Diese Frage will Adam mit leidenschaftlicher Verführung ergründen.

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Die verstoßene Braut

1. KAPITEL

„Erinnerst du dich noch an Skye …? Skye … Sumner …“

Luciano Peretti wollte seinen Ohren nicht trauen, als er den Namen aus dem Mund seines schwer verletzten Bruders vernahm. Überrascht begegnete er Robertos gequältem Blick. Warum ausgerechnet jetzt von ihr sprechen? Warum die kostbare Zeit damit verschwenden? In wenigen Augenblicken würde Roberto von der Intensivstation zu der Operation gefahren werden, die vielleicht doch noch sein Leben retten würde. Die Chancen standen fünfzig zu fünfzig nach Mitteilung der Ärzte. Die Eltern warteten draußen im Warteraum der Station mit einem Priester und Robertos Frau, weil Roberto darum gebeten hatte, mit ihm, Luciano, allein zu sprechen. Und nun sprach er mit Skye Sumner ein heikles Thema zwischen ihnen an, das er, Luciano, um des Familienfriedens willen vor langer Zeit verdrängt hatte.

„Das ist doch längst vergeben und vergessen“, beruhigte er Roberto nun, falls dieser deswegen noch Schuldgefühle hegte.

„Nein, Luc.“ Obwohl ihm das Sprechen sichtlich Mühe bereitete, blieb Roberto beharrlich. „Ich … habe damals gelogen. Es war nicht Skye … die Frau auf den Fotos. Sie war nie … so … mit mir zusammen. Ich … habe das nur inszeniert, damit … du dich von ihr trennst.“

Es war nicht Skye gewesen? Alles in Luc sträubte sich dagegen, das zu akzeptieren. Das konnte nicht wahr sein. Es war zu … ungeheuerlich! Aber warum sollte ihm Roberto einen derartig tief greifenden Verrat gestehen, wenn es ihm nicht ein Bedürfnis war, sein Gewissen zu erleichtern?

Und wenn es wahr war … Entsetzen durchfuhr Luciano und beschwor Geister aus der Vergangenheit, die er unwiderruflich weggesperrt zu haben glaubte. Jene belastenden Fotos, die ihn veranlasst hatten, Skye Sumner in Schmerz und Wut aus seinem Leben zu verbannen. Fotos von Roberto und ihr im Bett … das charakteristische Muttermal auf ihrem Oberschenkel, das lange blonde Haar wie ein Fächer auf dem Kissen ausgebreitet, das unverwechselbare Armband um ihr zierliches Handgelenk – drei ineinander verwobene Reifen aus Weiß-, Rot- und Gelbgold.

Zwar war ihr schönes Gesicht mit den strahlenden blauen Augen, dem aufregend sinnlichen Mund und den unwiderstehlichen Grübchen hinter Robertos Kopf verborgen gewesen, aber Luciano hatte dennoch nicht daran gezweifelt, dass es Skye war. Das Haar, die wohlgeformten Beine mit dem Muttermal, das Armband … Und Roberto hatte diese Beweise zusätzlich untermauert, indem er eine Affäre mit ihr eingestanden hatte. Schließlich habe er sie zuerst kennengelernt, warum sollte er sie dann nicht haben, wenn sie willig war?

Sie war stets willig gewesen, mit Roberto zu lachen, mit ihm zu flirten … Luciano hatte es als harmlose Neckerei zwischen den beiden abgetan. Er war sogar froh gewesen, dass sie sich wenigstens bei einem aus seiner Familie wohlfühlte. Ja, er war seinem Bruder sogar dankbar gewesen … bis die Fotos ihn brutal aus seinen Träumen gerissen hatten.

Angesichts dieser auf der Hand liegenden Beweise hatte er keinen Grund gesehen, eine Intrige zu vermuten … keinen Grund, Skyes heftigen Unschuldsbeteuerungen zu glauben oder ihre Erklärung, sie habe das Armband verlegt und dann auf wunderbare Weise wieder gefunden. Nein, es hatte für ihn keinen Grund gegeben, etwas anderes anzunehmen, als dass sie ein hinterhältiges Flittchen sei, dem es Spaß gemacht hatte, sich mit beiden Brüdern zu vergnügen.

„Warum?“, fragte er nun heiser. „Ich habe sie geliebt, Roberto!“ Er stand auf und ballte die Hände mühsam beherrscht zu Fäusten. Wenn sein Bruder nicht so schwer verletzt vor ihm gelegen hätte …

„Warum?“, stieß Luciano erneut fassungslos aus. Sein eigener Bruder, dem er vertraut hatte … mehr vertraut hatte als Skye, weil er zur Familie gehörte und die Familienehre ihn an sein Wort band. „Was hat es dir gebracht, meine Liebe zu ihr zu zerstören?“ Und mich so tief ins Herz zu treffen, dass ich es keiner anderen Frau mehr öffnen werde.

„Dad wollte, dass sie aus deinem Leben verschwindet.“

Er hatte sie nicht als angemessene Wahl für seinen Sohn gesehen. Ein Urteil, über das Luciano sich hinweggesetzt hatte.

Trotz seiner Schmerzen huschte ein ironisches Lächeln über Robertos Gesicht. „Er hatte Gaia … für dich ausgewählt“, fügte er mühsam hinzu.

Gaia Luzzani, die ihn, Luciano, nie im Geringsten hatte reizen können. Gaia, die dann schließlich Roberto geheiratet hatte, womit der sich die Anerkennung des Vaters verdient hatte und als Schwiegersohn in die Position des Kronprinzen aufgestiegen war, der einmal die Leitung des millionenschweren Baukonzerns der Luzzanis übernehmen sollte – ein Unternehmen, das sich aufs Beste mit der Bauträger- und Immobiliengesellschaft der Perettis ergänzte. Auf die von beiden italienischstämmigen Familien herbeigesehnten Enkelkinder wartete man ironischerweise jedoch vergeblich. Gaia hatte bislang zwei Fehlgeburten erlitten, und wenn Roberto die Operation jetzt nicht überlebte …

„Ich war eifersüchtig auf dich, Luc. Du warst der Älteste, der Lieblingssohn. Ich wollte, dass Dad … mich auch wahrnahm … Vertrauen in mich setzte …“

Luciano schüttelte den Kopf. Er wollte es immer noch nicht glauben. „Es ist jetzt egal“, meinte er resigniert. Sechs Jahre waren seitdem vergangen, und er hatte keinerlei Kontakt mehr zu Skye gehabt. Sie würde sowieso nichts mehr von ihm wissen wollen, nachdem er sie so brutal zurückgestoßen hatte. Und nun blickte er in die Augen seines Bruders, der die nächsten Stunden vielleicht nicht überleben würde. Was würde es bringen, Roberto Vorwürfe zu machen, dessen Denken und Handeln ganz von ihrem tyrannischen Vater bestimmt worden war?

Nein, Luciano wusste, was er jetzt zu tun hatte: Er musste seinem Bruder vor dieser schweren Operation seinen Seelenfrieden zurückgeben. „Es tut mir leid, dass ich dir das Leben schwer gemacht habe, Roberto, weil ich der Erstgeborene war“, sagte er deshalb liebevoll.

„Das war nicht deine Schuld.“ Roberto atmete tief ein, was ihm sichtlich Schmerzen bereitete. Er hatte bei dem Autounfall zahlreiche Knochenbrüche und schwerste innere Verletzungen davongetragen. Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte und sogar bei Bewusstsein war. „Ich … musste es dir erzählen.“

„Du hast jetzt genug gesagt“, wehrte Luciano ab. Er wollte jeden Gedanken an Skye verdrängen und seinem Bruder weiteren Kummer ersparen. „Ist schon gut. Ich komme damit klar.“

„Hör zu …“ Roberto sammelte ein letztes Mal seine Kräfte. „Sie … war schwanger.“

„Was sagst du da?“ Luciano war erneut wie vor den Kopf geschlagen. „Woher willst du das wissen?“

„Ihr Stiefvater kam zu Dad … und legte Beweise vor.“

„Warum ist er damit nicht zu mir gekommen?“

„Er … wollte Geld.“

„Und? Hat er es bekommen?“

„Ja. Ich … weiß nicht, ob Skye … das Kind zur Welt gebracht hat. Aber … möglicherweise hast du irgendwo ein Kind, Luc.“ Roberto schloss die Augen. Tränen rannen ihm über die Wangen, als er stockend hinzufügte: „Ich … hinterlasse keine.“

„Gib nicht auf, Roberto!“, befahl Luciano. „Wag es ja nicht aufzugeben! Du bist mein Bruder, verdammt, und es ist mir egal, was du getan hast.“

Ein mattes Lächeln huschte über Robertos Gesicht. „Ich fand es schön, als … wir Kinder waren … du warst immer der Anführer, Luc.“

„Wir hatten viel Spaß miteinander“, meinte Luciano heiser.

„Tut mir leid … dass ich dir den Spaß verdorben habe.“

„Wir können noch viel Spaß miteinander haben, Roberto“, versprach Luciano beschwörend und nahm die Hand seines jüngeren Bruders, als könnte er ihm so etwas von seiner eigenen Lebenskraft übertragen. „Du wirst diese Operation überstehen. Ich lasse nicht zu, dass du stirbst!“

Roberto lächelte immer noch, als die Pfleger kamen, um sein Bett in den Operationssaal zu rollen. Luciano musste Robertos Hand loslassen. Er wollte noch so viel sagen, doch seine Zunge war wie gelähmt angesichts der Möglichkeit, dass er seinen Bruder vielleicht nicht mehr lebend wiedersehen würde.

Roberto sprach die letzten Worte. „Finde … Skye.“

2. KAPITEL

Skye holte ihren fünfjährigen Sohn nur zu gern zu Fuß von der Vorschule ab. Matt sprudelte dann förmlich über in seinem Bemühen, ihr alles zu erzählen, was er erlebt hatte: Was sie in der Klasse gemacht hatten, wie die Lehrerin ihn gelobt hatte, was er mit seinen neuen Freunden gespielt hatte. Heute berichtete er stolz, dass die Lehrerin ihn gebeten habe, seiner ganzen Klasse eine Geschichte vorzulesen.

„Und wovon handelte die Geschichte?“, erkundigte sich Skye.

„Von einem Kaninchen. Es hieß Jack und …“

Lächelnd hörte Skye zu, wie er ihr die Geschichte in allen Einzelheiten noch einmal erzählte. Matt war ungewöhnlich weit für sein Alter. Anfangs hatte sie Sorge gehabt, ob er sich in die Vorschulklasse einfügen würde, wo die meisten seiner Altersgenossen erst noch lernen mussten, was er sich ganz nebenbei angeeignet hatte, während seine Mutter ihm jeden Abend eine Gutenachtgeschichte vorgelesen hatte. Aber im Grunde war er vor allem ein kleiner Junge, der es liebte, möglichst viele Spielkameraden zu haben.

Seit einem Monat ging er jetzt zur Schule, und es hatte von Anfang an nicht ein einziges Mal Tränen gegeben, weil er einen Großteil des Tages von seiner Mutter fortmusste. Im Gegenteil, seine blauen Augen funkelten jedes Mal, wenn er ihr zum Abschied zuwinkte, als könnte er es gar nicht erwarten, diese neue, abenteuerliche Welt für sich zu erkunden. Und bisher war sie ihm sehr freundlich gesinnt gewesen.

Worüber Skye sehr froh war. Es war nicht leicht, als alleinerziehende Mutter ein Kind großzuziehen, ohne einen nahestehenden Menschen zu haben, den man um Rat fragen konnte. Bislang war Matt mit ihrer Situation gut klargekommen … ungewöhnlich gut sogar. Selbst als er noch kleiner gewesen war, hatte er sie kaum einmal gestört, wenn sie in ihrer kleinen Praxis als selbstständige Masseurin mit einem Patienten arbeitete. Jetzt allerdings würde er in der Schule mit vielen Kindern aus vollständigen Familien zusammenkommen. Was sollte sie antworten, wenn er sie nach seinem Vater fragte? Und früher oder später würde er das unausweichlich tun.

Bisher gab es für Matt eigentlich nur sie beide. An seine Großmutter konnte er sich nicht mehr erinnern, denn Skyes Mutter war nur achtzehn Monate nach seiner Geburt gestorben. Weitere Verwandte besaß Skye nicht. Die alten Freunde aus dem Studium waren nach und nach verschwunden, weil sie zunächst mit der Schwangerschaft und Geburt und dann mit der Pflege ihrer krebskranken Mutter restlos eingespannt gewesen war. Und dann war es ein hartes Stück Arbeit gewesen, sich die kleine Massagepraxis aufzubauen, da war für gesellschaftliche Kontakte keine Zeit geblieben.

Ja, wenn sie sich irgendwo eine Anstellung gesucht hätte mit Kollegen … aber sie hatte Matt nicht einem Babysitter überlassen oder in einen Hort geben wollen. Er war ihr Kind. Deshalb hatte sie es vorgezogen, zu Hause zu arbeiten. Allerdings hatte sie dadurch in den letzten Jahren ein sehr zurückgezogenes, einsames Leben geführt. Die Vorschule öffnete für Matt nun völlig neue Perspektiven, und es war an der Zeit, neue Zukunftspläne zu formulieren. Vielleicht sollte sie den Physiotherapiekurs an der Universität, den sie hatte abbrechen müssen, wieder aufnehmen. Auf diese Weise würde sie auch wieder unter Menschen kommen, um vielleicht einen möglichen Ehemann für sich und Vater für Matt kennenzulernen.

Als sie in die Straße einbogen, wo sie wohnten, verstummte Matt unvermittelt und deutete aufgeregt voraus. „Wow! Sieh dir das rote Auto da vorn an, Mummy!“

Ein roter Ferrari, wie Skye auf einen Blick erkannte, denn Luciano Peretti hatte genau so einen besessen. Der Anblick traf sie wie ein Stich ins Herz. Schmerzliche Erinnerungen stiegen in ihr hoch.

„Können wir uns so ein Auto kaufen?“, fragte Matt arglos. Seine Augen leuchteten begeistert.

„Wir brauchen kein Auto, Matt.“

Sie hätte sich auch gar keines leisten können. Der größte Teil der Einnahmen aus ihrer kleinen Praxis ging für die Miete für das kleine Vierzimmerhaus und die üblichen Lebenshaltungskosten drauf. Was übrig blieb, legte sie für Notfälle zurück. Und sie fragte sich, was ein Luxusauto wie dieser Ferrari in ihrer bescheidenen Wohngegend machte, die nicht zuletzt so preiswert war, weil sie in der Einflugschneise des Mascot Airport lag.

„Die meisten anderen Mummys holen ihre Kinder mit dem Auto von der Schule ab“, wandte Matt ein.

Skye seufzte. Das Vergleichen fing also schon an. „Ich nehme an, die Kinder wohnen einfach nicht so nahe an der Schule wie wir, Matt. Wir haben Glück, dass wir zu Fuß gehen und die Sonne genießen können.“

„Und was ist, wenn es regnet?“, gab Matt unbarmherzig zu bedenken.

„Ich dachte, du ziehst deine gelben Gummistiefel so gern an.“

„Ja, das stimmt.“

Skye lächelte ihren Sohn an. „Und springst damit in die Pfützen.“

„Hm …“ Sein Blick schweifte nachdenklich zu dem roten Ferrari. „Aber das Auto gefällt mir auch.“

Skye folgte dem Blick ihres Sohnes und blieb wie angewurzelt stehen. Die Fahrertür stand jetzt offen, und gerade in dem Moment stieg ein Mann aus. Das ist unmöglich! dachte sie entsetzt. Doch im nächsten Augenblick drehte der Mann sich um, und es gab keinen Zweifel mehr. Es war Luciano Peretti! Unverkennbar diese markanten, attraktiven Gesichtszüge, die unergründlichen dunklen Augen und das dichte schwarze Haar, das ihm in einer Welle in die Stirn fiel genau wie bei Matt.

Matt! Panik durchzuckte Skye. Hatte Luc irgendwie herausgefunden, dass sie damals ihr Baby behalten und das Geld nicht für eine Abtreibung benutzt hatte? Aber warum sollte er nach einem Kind suchen, das nach der schlechten Meinung, die Luc von ihr hatte, weder seins noch Robertos sein musste, sondern von irgendeinem anderen Mann stammen konnte? Denn immerhin hatte er sie für ein Flittchen gehalten, das mit jedem ins Bett ging!

Er wandte sich jetzt halb ab, um seinen Wagen abzuschließen. Vielleicht machte sie sich ja auch ganz umsonst Sorgen, und Luc wollte gar nicht zu ihr. Gut möglich, dass er nur zufällig in ihre Richtung geschaut und sie gar nicht erkannt hatte, denn bekleidet mit ihrer Arbeitskleidung, bestehend aus einer weißen Baumwollhose und einem schlichten weißen T-Shirt, das lange blonde Haar zu einem dicken Zopf geflochten und ohne Make-up bis auf einen Hauch rosa Lippenstift, war sie nicht gerade ein auffälliger Anblick. Irgendeine junge Mutter, die ihr Kind von der Schule abholte. Ja, möglicherweise war Luc gar nicht hier, weil sie in dieser Straße wohnte.

„Mummy?“

Sie wandte sich ihrem Sohn zu. „Ja?“

„Warum bist du stehen geblieben?“

Weil ich starr vor Angst bin. Skye atmete tief ein. „Ich … mir ist gerade eingefallen, dass ich etwas vergessen habe.“

„Was denn?“

„Ich … wollte etwas für einen meiner Patienten besorgen. Aber ich mache es jetzt morgen“, schwindelte sie rasch und sandte ein Stoßgebet zum Himmel, Luciano Peretti möge endlich in die andere Richtung gehen.

„Am besten schreibst du es auf deine Liste“, riet Matt ihr altklug, denn er kannte ihre Angewohnheit, für alles sorgfältig Listen anzulegen.

„Ja … ja, das werde ich tun, sobald wir zu Hause sind.“

„Dann komm schon.“ Matt nahm sie bei der Hand und zog sie weiter.

Widerstrebend setzte Skye einen Fuß vor den anderen. Ein verstohlener Blick voraus verstärkte ihr Unbehagen. Luc Peretti überquerte gerade die Straße, um auf ihre Seite zu kommen, wobei er sie und Matt nicht aus den Augen ließ. Wenn Matt sie nicht weitergezogen hätte, wäre sie wieder stehen geblieben. Aber ihr zitterten die Knie.

Wie es aussah, ließ sich eine Konfrontation nicht vermeiden. Luc Peretti ging zielstrebig auf das Gartentor vor ihrem Haus zu und blieb dort abwartend stehen. Während sie immer näher kamen, ruhte sein Blick aufmerksam auf Matt. Wahrscheinlich sucht er nach Ähnlichkeiten, dachte Skye erneut voller Panik. Die Familie Peretti war so reich und mächtig. Wenn Luc sich entschied, seine Rechte auf Matt geltend zu machen … Hatte sie nicht schmerzlich genug erfahren, mit welch schmutzigen Tricks diese Familie zu operieren bereit war? Für die fingierten Fotos damals hatte man extra eine Frau gesucht, die ihr ähnlich sah, und dann ihr Armband entwendet und rechtzeitig wieder zurückgelegt, sodass sie es trug, als Luc sie zur Rede stellen wollte … und er hatte sie einer Untreue bezichtigt, die sie niemals begangen hatte, und deswegen sofort fallen gelassen.

Die Perettis waren rücksichtslos. Grausam. Gefühllose Menschen, denen andere gleichgültig waren.

Doch wie sollte er sich sicher sein, dass Matt sein Kind war? Gut, ihr Sohn besaß den gleichen dunklen Teint und ebenso schwarzes Haar wie sein Vater, aber er hatte auch ihre blauen Augen, ihren Mund und ihr sonniges Wesen. Nein, Luc würde schon einen DNA-Test machen lassen müssen, um sicherzugehen. Würde sie ihn verweigern können?

„Kennst du den Mann da an unserem Tor, Mummy?“

Es hatte keinen Sinn, es zu leugnen, denn Luc würde sie zweifellos ansprechen. „Ja, Matt.“

„Kann ich ihn fragen, ob ich mal in seinem roten Auto mitfahren darf?“

„Nein!“ All ihre Angst entlud sich in diesem allzu heftigen Ausruf. Sofort blieb sie stehen, hockte sich vor Matt hin und sah ihn eindringlich an. „Du darfst niemals in seinen Wagen einsteigen. Niemals mit ihm irgendwohin fahren. Hast du mich verstanden, Matt?“

Ihr ungewöhnlich scharfer Ton ängstigte ihren kleinen Sohn. „Ist er ein böser Mann?“, fragte er sichtlich beunruhigt.

War Luc böse? Sie hatte ihn einmal so innig und von ganzem Herzen geliebt, dass sein Zweifeln an ihrer Integrität sie fast zerstört hätte. Selbst jetzt konnte sie sich nicht überwinden, ihn als böse zu bezeichnen, obwohl er sich von seiner Familie hatte täuschen lassen und mit ihnen Stellung gegen sie bezogen hatte. „Du darfst einfach mit niemandem mitgehen, es sei denn, ich erlaube es dir ausdrücklich … egal, wie sehr du es auch möchtest, Matt“, antwortete sie ausweichend und drückte seine Hand. „Versprichst du mir das?“

„Versprochen“, sagte er brav.

„Hör zu, ich gebe dir jetzt den Haustürschlüssel. Wenn wir am Gartentor angelangt sind, gehst du direkt hinein und wartest im Haus auf mich. Iss schon mal deine Kekse, und trink deine Milch, okay?“

„Willst du denn mit dem Mann sprechen?“

„Ja, das muss ich. Er wird vorher nicht gehen.“

Matt warf Luc einen besorgten Blick zu. „Er ist aber ziemlich groß, Mummy. Soll ich den Notruf anrufen, damit sie Hilfe schicken?“

Das hatte sie ihm schon früh beigebracht, denn immerhin war sie die einzige Erwachsene im Haus, sodass Matt für den Notfall gerüstet sein musste, falls ihr etwas passierte. Skye atmete tief ein, denn sie spürte, dass sie Matt mit ihrer Nervosität ängstigte. „Nein, nein, das ist nicht nötig“, beruhigte sie ihn deshalb. „Ich komme in ein paar Minuten nach.“ Sie nahm die Schlüssel aus der Hosentasche und drückte sie ihrem Sohn in die Hand. „Tu einfach, was ich dir sage, Matt, okay?“

Er nickte ernst.

Skye richtete sich auf, nahm ihren kleinen Sohn bei der Hand und ging mit ihm weiter. Mutter und Sohn, ein Bild unzertrennbarer Einigkeit. Und niemand sollte auch nur den Versuch wagen, sie zu trennen!

Luc sah nun sie an, und sein eindringlicher Blick ließ Skye erschauern. Doch sie hielt ihm stolz und trotzig stand. Die Zeiten waren längst vorbei, dass sie bei seinem Anblick weiche Knie bekommen hatte und in seinen Armen dahingeschmolzen war.

Matt hatte recht, er war groß. Breitschultrig und athletisch, besaß Luc eine männliche Ausstrahlung, die unwillkürlich jede Frau anzog. Ein Mann, der atemberaubend sexy wirkte, egal, was er trug … vor allem aber natürlich, wenn er gar nichts anhatte. Gerade jetzt war er mit schwarzen Designerjeans und einem schwarzen Polohemd bekleidet, das seinen muskulösen Oberkörper betonte. Eine Hand lag oben auf ihrem Gartentor, als wollte er ihr, Skye, den Weg versperren.

Er hatte kein Recht dazu, besaß überhaupt keine Rechte, was sie betraf. Und seine väterlichen Rechte in Bezug auf Matt musste er erst noch beweisen. Skye richtete den Blick auf seine Hand auf ihrem Tor und sah ihn dann angriffslustig an. Luc nahm die Hand von ihrem Besitz und streckte sie ihr stattdessen bittend entgegen.

„Könnte ich ein Wort mit dir sprechen, Skye?“

Der warme Klang seiner Stimme weckte schmerzliche Erinnerungen … an Zärtlichkeiten, die er ihr ins Ohr geflüstert hatte, an Liebkosungen, an heiße Küsse. Skye spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Sie schämte sich ihrer Schwäche, die es zuließ, dass sie sich überhaupt daran erinnerte.

Im sicheren Abstand blieb sie vor ihm stehen und sah ihn herausfordernd an. „Bitte geh von meinem Tor weg. Ich werde mit dir reden, aber mein Sohn muss ins Haus.“

Luc öffnete das Tor und wich dann zur Seite, um Matt den Weg frei zu machen. „Ich fände es gut, wenn du uns einander vorstellen würdest“, meinte er und schenkte dem kleinen Jungen, der möglicherweise sein Sohn war, ein Lächeln, in das er seinen ganzen italienischen Charme legte.

Skye erstarrte abwehrend. „Er ist mein Sohn. Mehr musst du nicht wissen.“ Sie ließ Matts Hand los und drängte ihn durch das Tor. „Geh jetzt, und tu, was wir besprochen haben.“

Matt gehorchte widerstrebend. Doch er blieb noch einmal stehen und wandte sich trotzig an Luc Peretti. „Wagen Sie es nicht, meiner Mummy wehzutun!“

Luc schüttelte sichtlich bestürzt den Kopf. „Ich bin nicht gekommen, um ihr wehzutun, sondern nur, um mit ihr zu reden“, antwortete er freundlich.

Matt betrachtete ihn skeptisch und wandte sich dann fragend an seine Mutter, die ihm noch einmal bedeutete, ins Haus zu gehen. Zu ihrer Erleichterung lief er nun wirklich zum Eingang, schloss die Tür auf und war im nächsten Moment im Haus verschwunden. Skye wandte sich wieder dem Mann zu, der keinerlei Recht hatte, hier zu sein. Keinerlei moralisches Recht, und er sollte das wissen!

„Was willst du?“, fragte sie abweisend.

„Er ist auch mein Kind, Skye“, entgegnete Luc schlicht.

„Nein, das ist er nicht“, widersprach sie heftig. Wenn sie Zweifel säte, würde er sie vielleicht in Ruhe lassen.

„Ich habe eine Kopie seiner Geburtsurkunde gesehen. Allein das Geburtsdatum …“

„Ich habe ‚Vater unbekannt‘ eintragen lassen“, fiel sie ihm ins Wort. „Das Datum besagt gar nichts. Schließlich war ich ein Flittchen, das mit jedem ins Bett gegangen ist.“

Bei dieser Anspielung zuckte er sichtlich zusammen. „Ich habe mich in dem Punkt geirrt.“

Sie sah ihn spöttisch an. „Es ist ein bisschen spät, deine Meinung zu ändern, meinst du nicht?“

„Es tut mir leid, Skye. Ich hätte dir damals glauben müssen. Du warst nicht die Frau auf den Fotos. Das weiß ich jetzt.“

Skye wich seinem Blick aus, der so beredt um Verzeihung bat. Es änderte nichts mehr. Die tiefen Kränkungen, all der Schmerz und die Entbehrungen, die er ihr durch jene falschen Anschuldigungen damals verursacht hatte, blieben bestehen. Sie würde nicht zulassen, dass er sich durch eine leicht dahergesagte Entschuldigung wieder bei ihr einschmeichelte. Entschlossen wappnete sie sich gegen seinen Charme, mit dem er sie erneut zu bezirzen drohte, und sah ihm geradewegs spöttisch in die Augen. „Woher willst du es plötzlich wissen? Dein Bruder war doch der Hauptdarsteller auf diesen Fotos. Wem solltest du mehr glauben?“

Luc presste die Lippen zusammen. „Mein Bruder ist … vor einem Monat gestorben.“

Roberto war gestorben? So jung? Skye verschlug es für einen Moment die Sprache. Sie sah Roberto Peretti vor sich, wie sie ihn in Erinnerung hatte: ein wilder schwarzer Lockenschopf, blitzende braune Augen, ein unwiderstehliches, jungenhaftes Lächeln. Nicht so groß und athletisch wie Luciano, sondern eher klein und drahtig, ein mitreißendes Energiebündel. Skye hatte ihn von Anfang an gemocht, gern mit ihm gelacht und auch ein bisschen geflirtet, aber er war für Luciano nie ein ernsthafter Rivale um ihre Gunst gewesen.

Sie hatte viel Spaß mit Roberto gehabt. Bis sie ihn auf diesen belastenden Fotos gesehen hatte. Die Erinnerung daran brachte Skye unsanft in die Realität zurück. „Es tut mir leid für dich, Luc“, erwiderte sie förmlich. „Aber das hat nichts mit mir zu tun.“

„Kurz vor seinem Tod wollte er sein Gewissen entlasten. Seine letzten Worte galten dir, Skye“, erklärte Luc ruhig.

Roberto hatte also die Wahrheit eingestanden und sie so von aller Schuld reingewaschen. Natürlich hatte Luc dem Geständnis seines Bruders auf dem Sterbebett geglaubt. „Das ist jetzt auch egal“, meinte sie leise.

„Für mich nicht“, widersprach Luc sofort.

„Du zählst nicht mehr“, entgegnete sie heftig. „Du hast schon längst aufgehört, in meinem Leben irgendeine Rolle zu spielen.“

Er schluckte und nickte. „Verständlich.“ Dann atmete er tief ein. „Aber man hat mir deine Schwangerschaft verschwiegen, bis Roberto mir kurz vor seinem Tod davon erzählte. Und nun weiß ich, dass es ein Kind zu berücksichtigen gilt. Unser Kind, Skye.“

„Nein. Mein Kind!“ Alles in ihr wehrte sich gegen irgendwelche Ansprüche auf Matt von Lucs Seite. Die Tatsache, dass er nichts von seiner Existenz gewusst hatte, war letztendlich für Matt unerheblich. Sie, Skye, hatte Matt das Leben geschenkt … ein Leben, das die Familie Peretti zusammen mit jeglicher Verbindung zu ihr hatte auslöschen wollen.

Luc hob beschwörend die Hände. „Der Beweis kann jederzeit mit einem DNA-Test geführt werden.“

„Hast du mit deinem Vater darüber gesprochen?“ Es war ihr wichtig zu erfahren, ob Luc allein handelte … ohne die Rückendeckung des einflussreichen und vermögenden Maurizio Peretti. Luc allein stellte schon Bedrohung genug für sie dar, aber wenn er mit dem Einverständnis seines Vaters an sie herantrat …

„Das ist sicher nicht seine Angelegenheit“, entgegnete Luc schroff.

„Er hat es zu seiner Angelegenheit gemacht“, korrigierte Skye ihn eisig, entschlossen, ihr schlagkräftigstes Argument einzusetzen, um jegliche Ansprüche Lucs auf Matt abzuschmettern. „Dein Vater hat mir tausend Dollar für eine Abtreibung bezahlt. Damit hat er dein Kind sozusagen getötet.“

„Nein!“ Luc schüttelte entsetzt und ungläubig den Kopf. „Das würde er nie tun. Niemals!“

„Er hat es getan. Also bilde dir nicht ein, dass du nach sechs Jahren plötzlich deine Vaterschaft geltend machen kannst. Mein Sohn ist mein Sohn, denn ich habe mich ganz bewusst und allein für ihn entschieden.“

„Skye …“ Er sah sie flehentlich an. „Ich hatte nichts damit zu tun.“

Sie gab sich alle Mühe, hart zu bleiben. „Oh doch, Luc. Du hast mir damals nicht geglaubt, sondern hingenommen, was dir deine Familie an Lügen über mich erzählt hat. Kehr zu ihnen zurück und in das Leben, das sie für dich geplant haben. Hier bist du nicht erwünscht.“

Er stand wie angewurzelt da, sichtlich schockiert. Das Gartentor war noch offen. Skye nutzte die Chance, ging an Luc vorbei und schloss das Tor hinter sich. Ohne sich noch einmal umzublicken, ging sie zum Haus. Ihr Herz pochte wie wild, und sie lauschte, ob Luc ihr folgen würde. Matt hatte den Schlüssel für sie im Türschloss gelassen. Guter Junge, dachte sie erleichtert.

Mit zittrigen Händen öffnete sie die Tür, verschwand im Schutz ihres Hauses und schloss den Mann aus, der nie in ihr Leben hätte zurückkehren dürfen.

Es war nicht fair. Es war nicht richtig. Luciano Peretti konnte ihr nur noch mehr Schmerz bringen.

3. KAPITEL

Luc konnte seinen Zorn nur mühsam beherrschen, als er die imposante Auffahrt zu der neogotischen Villa hinauffuhr, die sein Vater auf Bellevue Hill erworben hatte. Zwanzig Millionen Dollar hatte Maurizio Peretti vor fünf Jahren dafür bezahlt und hätte sie inzwischen bestimmt für dreißig Millionen verkaufen können. Dafür garantierte allein der atemberaubende Blick auf die Oper von Sydney und die Harbour Bridge.

Zwanzig Millionen für eine Immobilie. Und so gut wie nichts für seinen Enkelsohn!

Roberto hatte gesagt, Skye habe Geld bekommen. Das reimte sich für Luc irgendwie nicht zusammen, als der Privatdetektiv, den er mit der Suche nach Skye beauftragt hatte, ihm berichtete, sie würde mit ihrem Sohn in einem billigen, gemieteten Häuschen in Brighton-Le-Sands wohnen. Sie hatte nicht einmal ihren Physiotherapiekurs an der Universität abgeschlossen, sondern arbeitete als Masseurin, um für sich und das Kind den Lebensunterhalt zu verdienen. Kein Auto. Keine Kreditwürdigkeit. Kein Hinweis auf irgendwelche nennenswerten Ersparnisse.

Er fragte sich, ob sie möglicherweise den Scheck seines Vaters einfach zerrissen hatte, zu stolz, auch nur einen Cent von der Familie anzunehmen, die sie für ein Flittchen gehalten hatte. Ihr ganzes Verhalten ihm gegenüber heute Nachmittag war jedenfalls von Stolz und der Entschlossenheit geprägt gewesen, jegliches Angebot von seiner Seite abzulehnen. Der Junge war ihr Sohn. Ihrer allein. Für tausend Dollar an sie verkauft … für mickrige tausend Dollar!

Luc wollte immer noch nicht glauben, dass sein Vater ihr tatsächlich diese Summe für eine Abtreibung gezahlt hatte. Das widersprach allen italienischen Traditionen, und wenn Maurizio eines war, dann ein traditionsgebundenes Mitglied der italienischen Gemeinde in Sydney. Es war unvorstellbar, dass er eine Abtreibung, die Tötung werdenden Lebens, fordern würde. Nein, niemals.

Dennoch war Luc entschlossen, seinen Vater mit diesem Vorwurf zu konfrontieren, schon allein, weil Skye davon überzeugt war.

Er, Luc, hatte sie verloren, hatte fünf Jahre im Leben seines Sohnes verloren, weil er ihr damals nicht geglaubt hatte. Auf keinen Fall wollte er diesen Fehler wiederholen. Sein Vater sollte für das geradestehen, was er getan … oder was er nicht getan hatte. Vielleicht ließ sich dann ein Bild von der Wahrheit zusammensetzen.

Er parkte den Wagen vor dem Eingangsportal des gewaltigen Sandsteinbaus. Fünfundvierzig Zimmer, dachte Luc verächtlich. Mehr als genug, um als repräsentatives Heim für einen großen Familienclan zu dienen, wie ihn sein Vater anstrebte. Roberto wäre auch gern bereit gewesen, die dazu erforderlichen Enkel zu liefern, aber Roberto war jetzt tot, und seine kinderlose Witwe war in den Schoß ihrer Familie zurückgekehrt, um dort Trost zu finden. Die Kinderzimmer würden leer bleiben.

Luc fand die Leere des Hauses bedrückend, als er die riesige Eingangshalle durchquerte, um den Lieblingssalon seiner Mutter zu betreten. Sie saß in ihrem Lieblingssessel, in Schwarz gekleidet zum Zeichen ihrer Trauer, und betäubte ihren Kummer mit einem Glas Sherry. Im Fernsehen liefen die Abendnachrichten.

„Wo ist Dad, Mama?“, fragte Luc von der Türschwelle.

Sie wandte sich nicht zu ihm um, sondern antwortete in dem gleichmütigen, ausdruckslosen Ton, den er seit Robertos Ton von ihr kannte: „In der Bibliothek.“

Die Anwesenheit ihres ältesten Sohnes interessierte sie nicht. Nichts interessierte sie mehr. Luc bezweifelte, ob sie überhaupt ein Wort von den Nachrichten mitbekam. Sowieso drang nichts davon wirklich in ihre behütete Welt vor. Doch ihr großer materieller Reichtum konnte sie nicht vor Fehlgeburten oder Unfalltod beschützen. Und er bot auch keinen Ersatz für den Verlust ihres geliebten jüngeren Sohnes und seine vielversprechende Zukunft.

Luc ließ sie allein, denn im Augenblick waren ihm seine eigenen Probleme wichtiger. Außerdem hatte er nicht vergessen, dass auch seine Mutter gegen Skye gewesen war. Wenn sie sich an dieser schändlichen Intrige beteiligt hatte … Er verbot sich, diesen Gedanken zu Ende zu denken.

Er würde nicht ruhen, bis er die Wahrheit restlos aufgedeckt hatte. Dann würde er entscheiden, ob ihm ein Kontakt zu seinen Eltern weiterhin möglich war. Von Skyes Standpunkt aus standen seine Eltern zweifellos feindlich zwischen ihm und einer irgendwie gestalteten gemeinsamen Zukunft mit seinem Sohn.

Ohne anzuklopfen betrat er die Bibliothek. Sein Vater saß an seinem prachtvollen antiken Mahagonischreibtisch und tippte etwas in seinen Taschencomputer ein, den er immer und überall bei sich trug. Vermutlich überprüfte er wieder einmal aktuelle Bewegungen auf dem internationalen Finanzmarkt, so wie er es ständig tat.

Luc hatte seinen Vater immer bewundert. Ein beeindruckender Tatmensch, der stets genau wusste, was er wollte, und es mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln anstrebte. Maurizio Peretti hatte Freunde in der Politik, in der Kirche und in vielen hochrangigen Positionen, die allesamt seine Dienste gern in Anspruch nahmen und ihm im Gegenzug auch den einen oder anderen Gefallen erwiesen.

Doch Maurizio Peretti beeindruckte keineswegs nur durch seinen Reichtum, sondern genauso sehr durch seinen unvergleichlichen Geschäftssinn, seine charismatischen Führungsqualitäten und nicht zuletzt durch seine imposante Erscheinung, denn er war ein großer, stattlicher Mann, dessen scharfe Züge von dunklen Augen beherrscht wurden, während lediglich das dichte graue Haar sein Alter verriet.

Bei Lucs Eintreten blickte er überrascht von seinem Taschencomputer auf und lächelte erfreut. „Luciano! Wie schön, dass du vorbeikommst! Hast du schon mit deiner Mutter gesprochen?“

Die Familie kommt natürlich immer zuerst! dachte Luc verächtlich. Er würde seinem Vater zeigen, was er von dieser Familie hielt! Mit wenigen Schritten stand er vor dem Schreibtisch und warf einen großen Umschlag auf die polierte Platte. „Hier ist etwas, das du dir sofort ansehen musst, Dad“, forderte er seinen Vater auf.

„Was ist es denn?“, fragte Maurizio Peretti, sichtlich erstaunt über das unhöfliche Benehmen seines Sohnes.

„Fotos. Du erinnerst dich doch noch an die Bilder, die du mir vor sechs Jahren präsentiert hast?“

Die Miene seines Vaters wurde nachdenklicher. „Warum hast du sie aufgehoben?“

„Das habe ich nicht. Dies sind neue Fotos, Dad.“

„Ich begreife nicht …“

„Das wirst du. Aber da du anscheinend keine Lust verspürst, sie dir anzusehen, werde ich dir helfen.“ Luc nahm den Umschlag wieder an sich, holte die Fotos heraus und knallte sie, eines nach dem anderen, vor seinem Vater auf den Schreibtisch. „Skye Sumner mit meinem Sohn“, erklärte er dabei verbittert. „Mein Sohn, der bereits zur Schule geht. Mein Sohn, dessen erste fünf Lebensjahre ich verpasst habe, weil ich nichts von seiner Existenz wusste. Sieh ihn dir an, Dad!“

Lucs leidenschaftlicher Ausbruch veranlasste Maurizio Peretti, einen flüchtigen Blick auf die Bilder zu werfen. Doch seine Miene blieb unbewegt. „Woher weißt du, dass es dein Sohn ist?“

Luc winkte verächtlich ab. „Komm mir nicht so! Roberto hat mir eure schäbige Intrige auf dem Sterbebett gestanden. Er hat mir von Skyes Schwangerschaft erzählt und dass du ihr Geld gegeben hast. Versuch erst gar nicht, das abzustreiten!“

Sein Vater presste die Lippen zusammen, lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück und sah Luc prüfend an. Offenbar versuchte er abzuwägen, was die beste Vorgehensweise wäre. „Dir ist im Nachhinein doch sicher klar, dass sie keine passende Frau für dich war“, meinte er gleichmütig.

„Nicht schon wieder, Dad!“, warnte Luc. „Du hast bereits einen Sohn verloren … und du bist sehr nahe daran, den zweiten auch noch zu verlieren.“

„Ich habe das getan, was ich für das Beste für dich hielt, Luciano“, wandte Maurizio Peretti beschwichtigend ein. „Du warst doch blind vernarrt …“

„Ich gebe dir genau eine Chance …“, Luc hielt zur Unterstreichung seiner Worte einen Zeigefinger hoch, „… um auf Skyes Vorwurf zu antworten, dass du sie mit tausend Dollar abgefertigt hast, um damit eine Abtreibung zu bezahlen.“

„Das ist eine Lüge!“ Sein Vater sprang wütend auf. „Siehst du denn nicht, was für ein intrigantes kleines Biest sie ist? Sie versucht, dich gegen mich aufzuwiegeln. Ich habe ihr einhunderttausend Dollar bezahlt mit Aussicht auf mehr, sobald es nötig sein würde!“

„Und warum hat sie dann kein Geld?“, hakte Luc nach. „Warum lebt sie an der Grenze zur Armut? Und glaube mir, das habe ich sorgfältig recherchieren lassen. Sie hat kein Geld! Und sie steht inzwischen auch ganz allein da. Ihr Stiefvater hat sich davongemacht, als sie noch schwanger war, und ihre Mutter ist an Krebs gestorben, als das Baby achtzehn Monate alt war. Skye hat nichts als billige, alte Möbel geerbt, und sie hat … mit meinem Sohn … überlebt, weil sie sich eine kleine Massagepraxis aufgebaut hat.“

„Massage!“, höhnte sein Vater vielsagend.

Luc konnte sich gerade noch zurückhalten, ihn zu ohrfeigen. „Medizinische Massage“, stieß er aus. „Was nur naheliegend ist, denn als ich Skye kennenlernte, studierte sie an der Universität Physiotherapie. Ohne Geld und andere Unterstützung hat sie den Kurs natürlich nicht abschließen können. Die Beweise sprechen also dagegen, Dad, dass du ihr mehr als die tausend Dollar gezahlt hast, von denen Skye spricht.“

„Du zweifelst an meinem Wort?“, fuhr sein Vater pikiert auf.

„Ich habe jeden Grund, an deinem Wort zu zweifeln, was Skye Sumner betrifft!“

Maurizio Peretti sah seinen Sohn angriffslustig an. „Ich kann beweisen, was ich ihr gezahlt habe … und dass noch mehr geplant war.“

„Dann beweise es!“

„Alle Unterlagen sind in der Kanzlei meines Anwalts.“

„Ruf ihn an. Sorg dafür, dass er die Unterlagen herbeischafft. Zeig sie mir … bevor du die Chance hast, hinter meinem Rücken weitere Lügen zu ersinnen.“

Einige Sekunden lang sahen Vater und Sohn sich an. Gekränkter Stolz kämpfte gegen bodenloses Misstrauen … ein Misstrauen, das alles zwischen ihnen zerstören konnte, wie Maurizio Peretti gerade noch rechtzeitig erkannte. Er sank in seinen Sessel zurück, griff nach dem Telefon und wählte die Nummer seines Anwalts.

Luc ging zu einem der hohen, schmalen Spitzbogenfenster, das einen begrenzten Ausblick auf die Ostseite des Gartens bot. Begrenzte Ansichten waren nicht nur ein Problem der altmodischen Architektur dieses Hauses. Luc verübelte seinem Vater zutiefst die begrenzte Ansicht, die dieser von Skye hatte, zumal sie sich keiner der Verfehlungen, die ihr vorgeworfen worden waren, schuldig gemacht hatte. Wenn der Anwalt nicht einen Beweis bringen konnte, dass für das Kind irgendeine Form von Vorsorge getroffen worden war …

„John? Verzeihen Sie, dass ich Sie noch störe, aber es ist dringend. Ich brauche die Akte Skye Sumner, und zwar sofort.“ Maurizio Peretti lauschte einen Moment ins Telefon und sagte dann: „Ja, ich bin zu Hause. Bringen Sie die Akte, so schnell es geht, vorbei.“

Luc hörte, wie sein Vater den Hörer auf die Gabel zurücklegte, doch er drehte sich nicht um. Er hatte seinem Vater nichts mehr zu sagen und brauchte etwas Abstand, um sich zu beruhigen. Das Wiedersehen mit Skye heute Nachmittag hatte ihn aufgewühlt … Wenn er ehrlich war, wollte er nicht nur seinen Sohn. Hatte er je aufgehört, diese Frau zu begehren? Irgendwie musste er sie überzeugen, dass sie ihm das Geschenk ihrer Liebe wieder anvertrauen konnte.

„Ich habe einen Treuhandfonds für den Unterhalt und die Ausbildung des Kindes einrichten lassen“, behauptete sein Vater nun.

Wenn das zutraf, konnte er Skye nicht angewiesen haben, das Kind abtreiben zu lassen. Andererseits wollte Luc Skye aber glauben. Wer also, wenn nicht sein Vater, konnte Skye zu einer Abtreibung gedrängt haben? Hatte vielleicht einer der Untergebenen seines Vaters eine eigenmächtige Entscheidung getroffen, um seinem Boss unnötige Ausgaben zu ersparen?

„Sie hätte das Geld lediglich schriftlich beantragen müssen, und es wäre ihr sofort zur Verfügung gestellt worden“, fuhr Maurizio Peretti fort, dem es sichtlich nicht gefiel, sich vor seinem Sohn verteidigen zu müssen.

„Und warum hat sie es nicht getan?“, fragte Luc, ohne sich umzudrehen.

Keine Antwort. Nach allem, was er über Skyes Leben in den vergangenen sechs Jahren in Erfahrung gebracht hatte, zweifelte Luc nicht, dass sie keine Ahnung von diesem angeblichen Treuhandfonds hatte. Er hörte, wie sein Vater hinter ihm nervös mit den Fingern auf den Schreibtisch trommelte.

Dann ging Maurizio Peretti zum Gegenangriff über. Den Vorwurf, sich nicht einmal in materieller Hinsicht um das Wohl seines, wenn auch unerwünschten, Enkels gekümmert zu haben, wollte er nicht auf sich sitzen lassen. „Ich habe das alles damals über den Stiefvater geregelt. Du sagtest, er sei auf und davon, bevor das Kind geboren wurde. Wenn es stimmt, was du über ihre Lebensumstände sagst, dann hat er vermutlich die hunderttausend Dollar genommen und ihr weder davon noch von dem Treuhandfonds erzählt.“

Der Stiefvater also! Auf diese Weise schob sein Vater elegant alle Verantwortung von sich. Was nichts an seiner Schuld ändert, dachte Luc verbittert. Denn das alles wäre überhaupt nicht passiert, wenn sein Vater sich nicht wie üblich eingemischt hätte. „Dann war es ein Riesenfehler von dir, diesem Mann zu vertrauen, nicht wahr?“, entgegnete er kalt. „Einmal abgesehen davon, dass es dir offensichtlich keine Mühe wert war, dich zu vergewissern, was mit meinem Kind passierte.“

„Luciano …“

„Warten wir ab, bis ich die Akte gesehen habe“, fiel er seinem Vater ins Wort und wandte sich halb zu ihm um. „Möglicherweise – ich sage, möglicherweise – ist das ein kleiner Schritt darauf zu, wieder eine tragfähige Beziehung zwischen dir und mir aufzubauen.“

„Du bist mein Sohn. Das alles geschah nur …“

„Sag nicht, für mich! Denn du hast dabei weder an mich noch an Skye gedacht, noch an unser Kind. Du hast ausschließlich daran gedacht, was du wolltest. Und wenn du endlich aufhörst, daran zu denken, was du willst, und anfängst, das zu respektieren, was ich will, dann haben wir vielleicht eine gemeinsame Basis.“

„Ich gebe dir doch, was du willst. Habe ich nicht John angerufen, um den Beweis zu bringen?“

„Das ist der erste Schritt.“

Maurizio Peretti blickte unwillig auf. „Und was ist der zweite Schritt?“

„Du wirst auf der Stelle anfangen, deine Meinung von Skye Sumner zu revidieren. Wenn du noch ein einziges Mal abfällig über sie sprichst, werde ich gehen und keinen Fuß mehr in dein Haus setzen.“

Sein Vater presste die Lippen zusammen, widersprach aber nicht. „Gibt es noch einen dritten Schritt?“

„Der dritte Schritt besteht darin, Skye und unseren Sohn als Teil meines Lebens zu akzeptieren. Keine Intrigen mehr hinter meinem Rücken.“

Maurizio Peretti streckte entgegenkommend die Hände aus. „Wenn du an dem Leben des Jungen Anteil nehmen möchtest …“

„Nicht nur an dem Leben des Jungen. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um Skye Sumner zu überreden, mich zu heiraten.“

Maurizio Peretti vergaß seine Beschwichtigungstaktik. „So weit musst du doch nicht gehen!“, rief er entsetzt aus. „Ich meine, ich kann verstehen, wenn du Kontakt zu dem Jungen suchst, aber …“

Jetzt war es mit Lucs mühsamer Beherrschung vorbei. Zwei Schritte, und er stand vor dem Schreibtisch und schlug mit der Faust donnernd auf die Tischplatte, sodass sein Vater unwillkürlich zurückzuckte. „Hör gut zu!“ Lucianos dunkle Augen funkelten entschlossen. „Skye Sumner hätte schon längst meine Ehefrau sein sollen. Ich will sie heiraten. Und ich werde sie heiraten.“

4. KAPITEL

Sie fühlte sich einfach nicht mehr sicher.

Skye sagte sich, dass dies ein weiterer Grund sei, warum sie sich an diesem Morgen mit Luc Peretti treffen musste. Seit dieser Anwalt sie aufgesucht und ihr all die juristischen Dokumente sowie den Bericht eines Privatdetektivs über ihren Stiefvater gezeigt hatte, hatte sie die bedrohliche Macht der Perettis gespürt, die sich allmählich wie eine Schlinge um sie schloss und Ansprüche auf Matt geltend machte. Sie musste herausfinden, worauf die Perettis letztendlich aus waren.

Bei ihrem Wiedersehen mit Luc vor zwei Wochen hatte Skye gleich befürchtet, dass er nicht einfach so wieder verschwinden würde. Nun wusste sie, dass er inzwischen seinen Vater zur Rede gestellt und einen Privatdetektiv damit beauftragt hatte, zu beweisen, wie hinterhältig ihr Stiefvater sie betrogen hatte. Doch das änderte nichts an dem Unrecht, das ihr von den Perettis angetan worden war.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es schon halb zehn war. Sie musste sich beeilen. Ein letzter Blick in den Spiegel, noch einmal den Lippenstift nachgezogen. Ihre Hand zitterte dabei. Warum verschwendete sie überhaupt einen Gedanken an ihr Aussehen? Das war doch wirklich egal. Lucs Mutter hätte sowieso nur die Nase gerümpft angesichts ihres schlichten Baumwollkleides. Aber sie traf sich ja nicht mit Lucs Mutter. Gott sei Dank. Der Sommer war sehr heiß gewesen, und obwohl es jetzt bereits Mitte März war, hatte es sich noch kaum abgekühlt. Sie hatte eine halbe Stunde Fußweg vor sich, und das leichte Sommerkleid würde verhindern, dass sie schweißgebadet war, wenn sie sich mit Luc traf.

Skye steckte ihr langes Haar lose mit einer Spange hoch und setzte sich einen breitkrempigen Strohhut auf den Kopf. Dann zog sie sich bequeme Sandaletten an, nahm ihre Sonnenbrille und ihre Handtasche und verließ das Haus. Ihr Herz klopfte nervös bei der Aussicht, sich mit dem Mann zu treffen, der jetzt wusste, dass er Matts Vater war.

Wenigstens hatte er sie nicht gebeten, Matt mitzubringen. Ehrlich gesagt, hatte er keinerlei Druck gemacht, als er sie um dieses Treffen gebeten hatte. Zeitpunkt und Ort hatte er ganz allein ihr überlassen, und sie würden allein sein, um sich in Ruhe aussprechen zu können.

Die Bitte war ihr vernünftig, das Treffen notwendig erschienen. Es galt, allein schon über den ungeheuerlichen Betrug zu sprechen, den ihr Stiefvater begangen hatte, indem er ihre Unterschrift auf verschiedenen Dokumenten gefälscht und ihre Schwangerschaft als Druckmittel benutzt hatte, um diese gewaltige Summe von den Perettis zu erpressen. Einhunderttausend Dollar! Eine unvorstellbare Summe für Skye.

Und der Scheck, den Luc zum Ersatz ausgestellt hatte, brannte ihr förmlich nun ein Loch in die Handtasche. Er war an die anderen Dokumente geheftet gewesen, die der Anwalt bei ihr gelassen hatte, aber sie wollte ihn nicht behalten. Erstens hatte ihr Stiefvater und nicht Luc das Geld gestohlen, und nur weil es unwiederbringlich verloren war, konnte sie nicht zulassen, dass Luc es ihr ersetzte. Außerdem musste sie den Scheck schon allein deswegen zurückgeben, um ihre Unabhängigkeit zu wahren. Ein persönliches Treffen war dazu am besten geeignet. Sie musste Luc klarmachen, dass sie nie um Geld gebeten hatte und auch jetzt keines von ihm wollte. Auch den Treuhandfonds würde sie nicht anrühren. Dadurch wäre Matt an die Familie Peretti gebunden, was sie, Skye, für keine gute Sache hielt.

Nein, es war besser, den Perettis nichts zu schulden. Sie, Skye, war durchaus fähig, Matt allein großzuziehen.

Sie hatte als Treffpunkt den Küstenpark gegenüber dem Novotel-Hotel von Brighton-Le-Sands vorgeschlagen. Pünktlich um zehn Uhr traf sie dort ein und eilte die Treppe zu der Fußgängerbrücke hinauf, die über die viel befahrene Küstenstraße in den Park führte. Von dort oben konnte man das ganze Areal überblicken.

Skye entdeckte Luc sofort. Er saß auf einer Parkbank im Schatten einer der Norfolkkiefern, die die Küstenlinie säumten, und blickte hinüber zu der langen Start- und Landebahn von Mascot Airport, wo ständig große Maschinen starteten und landeten. Einen Arm lässig über der Rückenlehne der Bank, wirkte Luc völlig entspannt und locker.

Was Skye von sich nicht behaupten konnte. Nervös atmete sie tief ein. Es war wichtig, gelassen und selbstbewusst aufzutreten. Auf keinen Fall durfte sie sich davon beirren lassen, dass Luc der attraktivste Mann war, dem sie je begegnet war, und sein Sex-Appeal sie immer noch nicht gleichgültig ließ. Sie hatte Luciano Peretti und alles, was mit ihm zusammenhing, vor sechs Jahren aus ihrem Leben verbannt. Entschlossen, dies nicht zu vergessen, ging sie weiter.

Luc blickte ihr entgegen, als sie die letzten Stufen der Fußgängerbrücke hinabging. Er stand auf und ließ den Blick aufmerksam über sie schweifen, als sie langsam näherkam. Skye war froh, dass sie ihre Sonnenbrille trug. Auf diese Weise konnte sie ihre Gedanken und Gefühle besser vor ihm verbergen und umgekehrt ihrerseits Luc unbemerkt betrachten. Wie schon bei ihrer ersten Begegnung vor zwei Wochen war er leger gekleidet und trug eine helle Baumwollhose und ein weißes Polohemd, beides sehr chic und zweifellos teuer, aber in seiner Wirkung nicht bedrohlich. Offensichtlich lag es nicht in Lucs Absicht, sie einzuschüchtern. Oder war dies nur ein Trick, um sie in Sicherheit zu wiegen, während er in ihrem Rücken große Geschütze gegen sie auffuhr?

Sein sinnliches Lächeln machte ihr bewusst, wie wenig ihr leichtes Sommerkleid von ihr verhüllte. War es möglich, dass er sie immer noch begehrte? Bei dem Gedanken durchzuckte es sie heiß, und ihr Herz klopfte schneller.

„Schön, dich wiederzusehen“, begrüßte er sie, und es klang aufrichtig.

Dennoch blieb Skye misstrauisch. Wollte er sie vielleicht einwickeln, sodass sie in alles einwilligte, was immer er wollte? Bildete er sich ein, sie könnte vergessen, wie sehr er sie verletzt hatte, als er sie genau an dem Abend aus seinem Leben verstoßen hatte, als sie ihm hatte sagen wollen, dass sie von ihm schwanger war? Erneut wallte Verbitterung in ihr auf. „Ich kann nicht sagen, dass es schön ist, dich zu sehen, Luc“, erwiderte sie abweisend. „Eigentlich bin ich nur gekommen, um dir deinen Scheck zurückzubringen. Ich möchte ihn dir persönlich übergeben, damit er nicht noch einmal … fehlgeleitet werden kann.“ Sie öffnete ihre Handtasche und beeilte sich, den Scheck aus dem Reißverschlussfach zu holen, weil sie das Geld der Perettis so schnell wie möglich wieder loswerden wollte.

„Skye, du hast Anrecht auf Unterhaltszahlungen für das Kind für die vergangenen fünf Jahre“, meinte Luc beschwichtigend. „Jedes Gericht würde dir das Geld zusprechen.“

„Ich will es aber nicht. Ich habe nicht darum gebeten.“ Der verdammte Reißverschluss klemmte. „Ich wusste noch nicht einmal, dass mein Stiefvater sich überhaupt an deinen Vater gewandt hatte, bis er mir die tausend Dollar gab für die …“

„Ja, das war sehr schlau von ihm, dir gerade so viel Geld zu geben, dass du glauben musstest, es sei für eine Abtreibung bestimmt. Und er konnte hoffen, dass sein Betrug dadurch nicht auffallen würde. Kein Kind, kein Interesse der Perettis mehr an dir. Da brauchte er keine Nachfragen mehr zu befürchten.“

Skye blickte überrascht auf. „Dann glaubst du mir?“

„Ohne Zweifel“, versicherte Luc ihr.

Sie schluckte. Wenn er ihr nur damals schon geglaubt hätte, trotz der Anschuldigungen seines Bruders und trotz jener schrecklichen Fotos …

„Es ist hinreichend belegt, dass dein Stiefvater die Situation damals ausgenutzt hat, um sich zu bereichern“, fuhr Luc fort, was Skye daran erinnerte, dass er ja inzwischen einen Privatdetektiv darauf angesetzt hatte, diesen Teil der Sache zu durchleuchten.

Auf der Basis solcher Beweise bedeutete es gar nichts, dass er ihr plötzlich glaubte! Der Bericht enthielt alles, angefangen von dem Datum, an dem ihr Stiefvater damals Sydney verlassen und sich an die Gold Coast in Queensland abgesetzt hatte, über Nachweise, wie er das gesamte Geld bis auf den letzten Cent verspielt hatte, bis hin zu Belegen, dass er inzwischen nicht nur völlig pleite war, sondern gegen ihn wegen Unterschlagung ermittelt wurde auf Betreiben des Gebrauchtwagenhändlers, bei dem er vorübergehend als Verkäufer gearbeitet hatte.

Ihr Stiefvater! Skye schäumte vor Wut, wenn sie daran dachte, wie der Kerl ihre Mutter und sie betrogen hatte. „Wenigstens ist er nicht mein richtiger Vater“, parierte sie dennoch spitz. „Ich muss also nicht mit ihm leben wie du mit deinem Vater.“ Schließlich hatte Maurizio Peretti damals genauso falsch gespielt, indem er zumindest Luc sein Wissen um ihre Schwangerschaft verschwiegen hatte … letztendlich auch, um sich zu bereichern, indem er seinem Sohn die passende Frau aus reichem Hause hatte zuführen wollen.

Skye wandte sich wieder ihrer Handtasche zu, um endlich den Scheck loszuwerden. Es war dumm, sich irgendetwas zu Herzen zu nehmen, was Luc sagte. Sicher hatte er sich längst anderen Frauen zugewandt, die besser in seine Familie passten, wodurch das Urteil seines Vaters letztendlich Rechtfertigung erfahren würde.

„Ich habe meinem Vater unmissverständlich gesagt, was ich davon halte, was er in der Vergangenheit in meinem Namen unternommen hat“, antwortete Luc schroff. „Er wird sich nicht wieder bei uns einmischen.“

„Ich möchte nicht, dass er oder irgendjemand, der von deiner Familie dazu beauftragt ist, sich bei mir einmischt!“ Endlich gab der Reißverschluss nach. Skye holte den Scheck hervor und hielt ihn Luc entgegen. „Hier, nimm dein Geld zurück. Du kannst damit weder mich noch Matt kaufen.“

Luc machte keine Anstalten, den Scheck zu nehmen. „Es ist nicht dazu gedacht, dich zu kaufen, Skye. Es ist vielmehr der finanzielle Beitrag, den ein Vater für den Unterhalt seines Kindes beisteuern sollte.“

„Ich bin all die Jahre ohne das ausgekommen und möchte es lieber so lassen.“

„Aber es war nicht richtig, dass du ganz allein zurechtkommen musstest“, widersprach Luc.

„Meinst du, durch diesen Scheck wird irgendetwas richtig?“, spottete Skye.

„Es erleichtert dir die Dinge zumindest.“

„Nein, Luc. Wir beide leben in verschiedenen Welten, und Matt gehört zu meiner. Es wäre nicht gut für ihn, wenn du diese Grenze mit deinem Geld verwischen würdest. Ich will das nicht. Bitte nimm den Scheck zurück.“

Als er nur den Kopf schüttelte, zerriss Skye den Scheck in winzige Fetzen und warf ihn in den Papierkorb neben der Parkbank. „Geld verdirbt die Menschen“, meinte sie dann. „Das haben wir beide doch aus erster Hand erfahren, nicht wahr, Luc?“

„Das kann so sein, muss es aber nicht“, entgegnete er. „Geld kann auch Gutes bewirken. Und dazu war dieser Scheck gedacht.“

Vielleicht … vielleicht auch nicht. Skye wollte es nicht riskieren, herauszufinden, wie gut die Absichten waren, die hinter einer für sie so gewaltigen Summe standen. Erleichtert wandte sie sich von dem Papierkorb ab. „Ich komme ohne das zurecht“, behauptete sie erneut selbstbewusst. „Das habe ich in den letzten Jahren bewiesen. Matt ist ein gesunder, glücklicher Junge. Er braucht kein …“

„Du denkst doch gar nicht an ihn“, fiel Luc ihr ins Wort, und sein scharfer Ton warnte sie, dass er nun zum Angriff übergehen würde, nachdem sie sein Geld ausgeschlagen hatte. „Du hast diese Entscheidung getroffen, weil du es so willst.“

„Ich bin seine Mutter“, erwiderte sie stolz. „Ich weiß, was das Beste für ihn ist.“

„So wie mein Vater wusste, was das Beste für mich war?“, erwiderte Luc spöttisch.

Skye schwieg nachdenklich. Natürlich handelte sie so aufgrund ihrer schlechten Erfahrung mit den Perettis. Aber nur weil sie nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollte, hatte sie da auch das Recht, dies ebenfalls für ihren Sohn zu entscheiden, der immerhin auch Lucs Sohn war? Instinktiv wollte sie diese Frage mit Ja beantworten … aber sprach daraus vielleicht nur die Angst, sich auf etwas einzulassen, was sie nicht würde kontrollieren können? Maurizio Peretti hatte die Beziehung zwischen ihr und Luc zerstört, weil er das Leben seines Sohnes hatte kontrollieren wollen. War sie bei Matt auf dem gleichen Weg, indem sie Entscheidungen für ihn traf, zu denen sie kein Recht hatte?

„Kannst du ehrlich behaupten, dass dein Vater vor sechs Jahren nicht wusste, was das Beste für dich war?“, fragte sie zögernd.

„Ja, das kann ich“, antwortete Luc, ohne zu zögern. Er sah sie eindringlich an. „Ich habe dich verloren. Und ich habe fünf Jahre aus dem Leben meines Sohnes verloren.“

Sein sanfter Ton berührte ihr Herz. „Aber du hast inzwischen bestimmt andere Frauen kennengelernt, die … besser in deine Familie gepasst haben!“, gab Skye zu bedenken.

„Oh ja.“ Er lächelte spöttisch. „Man hat eine ganze Reihe passender Frauen vor mir aufmarschieren lassen. Nicht eine davon wollte ich zur Frau haben.“

„Warum nicht?“

„Weil ich bei ihnen nicht das fühlen konnte, was ich bei dir gefühlt habe, Skye.“

„Das ist vorbei“, wehrte sie ab, wobei sie fürchtete, er könnte spüren, wie viel sie immer noch für ihn empfand.

Luc sah sie schweigend an, als wollte er sie zwingen, ihre Lüge zuzugeben. Doch sie konnte es sich nicht leisten. Wie konnte sie ihm je wieder vertrauen?

„Ja, was zwischen uns war, ist vorbei“, räumte Luc schließlich bedauernd ein. „Und die Schuld liegt bei mir, weil ich dir nicht geglaubt habe, als dein Wort gegen Robertos stand. Und es stimmt auch, dass wir in verschiedenen Welten lebten … sonst hättest du vielleicht nicht lockergelassen, um mich von der Wahrheit zu überzeugen.“

Nein, seine Zurückweisung hatte sie derart am Boden zerstört, dass sie keine Kraft mehr besessen hatte zu kämpfen. Allerdings hatte das Wissen, dass seine Familie hinter dieser schändlichen Intrige stecken musste, ihr den letzten Stoß versetzt.

Luc betrachtete sie nachdenklich. „Ich frage mich, wie du reagiert hättest … einmal angenommen, du hättest eine Schwester und man hätte dir Fotos von ihr und einem Mann im Bett gezeigt, der wie ich ausgesehen hätte. Er hätte am Arm sogar eine Uhr getragen, die du mir geschenkt hättest, und dazu ein ganz charakteristisches Muttermal. Und deine Schwester hätte geschworen, dieser Mann sei ich. Hättest du mir geglaubt, wenn ich es abgestritten hätte, Skye?“

Um der Fairness Genüge zu tun, gab sie sich alle Mühe, sich in dieses Szenario hineinzudenken. Hätte sie ihm geglaubt … gegen das Wort einer Schwester und gegen offensichtlich belastende Fotos?

„Der Unterschied ist, ich hätte mich mit allen Mitteln gegen diese Anschuldigung zur Wehr gesetzt“, fuhr Luc traurig fort. „Wobei ich dir keinen Vorwurf mache, dass du es nicht getan hast. Denn ich hatte die Mittel dazu, du nicht … und genau darauf hat meine Familie gesetzt. Du hattest weder den Einfluss noch das Geld, den Fotografen aufzutreiben oder die Doppelgängerin, um deine Unschuld zu beweisen. Deshalb hat meine Familie gewonnen, und wir beide haben etwas ganz Besonderes verloren. Aber am meisten verloren habe ich … dich und meinen Sohn.“

Skye erschauerte bei diesen Worten, die ihre vergangene Liebe beschworen. Das Gefühl eines schmerzlichen Verlusts versetzte ihr einen Stich. Sie wich Lucs Blick aus, sah auf die Botany Bay hinaus und versuchte sich einzureden, dass alles vergangen und vergessen sei. Sie konnte nicht zurückholen, was einmal gewesen war. Das Leben war weitergegangen, und sie waren jetzt andere Menschen.

„Ist es fair, wenn du mich immer weiter verlieren lässt, Skye?“, fragte Luc leise.

„Du hast dich entschieden“, begehrte sie auf und versuchte, ihr Herz gegen ihn abzuschirmen. „Meinst du, ich könnte je vergessen, wie du dich damals entschieden hast, Luc?“

„Nein.“ Er seufzte. „Aber ich hatte gehofft, du könntest es vielleicht verstehen.“

„Das tue ich. Ich habe es immer verstanden.“

„Und … mir verziehen?“

„Auch das. Aber darum geht es nicht. Es ist eine Frage des Vertrauens. Ich will weder dich noch deine Familie in der Nähe meines Sohnes haben, weil ich keinem von euch zutraue, fair zu sein. Wenn du damals mir gegenüber fair gewesen wärst, Luc, dann hättest du Robertos Behauptungen überprüft. Du hast selbst zugegeben, dass du die Mittel dazu gehabt hättest.“

„Ja, rückblickend wünschte ich auch, ich hätte es getan. Umso wichtiger ist es mir, jetzt dir gegenüber fair zu sein. Was sollte es Gutes bringen, es mit dir zu verscherzen, dem einzigen Elternteil, den mein Sohn kennt und … offensichtlich liebt?“

Skye blickte stolz auf. „Matt und ich, wir stehen uns sehr nahe. Warum lässt du uns nicht einfach in Ruhe? Du hast damals mich fortgestoßen … und ihn damit auch. Geh jetzt, und vergiss, dass es uns gibt. Das wird für uns alle das Beste sein.“

„Nein.“ Seine dunklen Augen blitzten entschlossen auf. „Falls nötig, werde ich um Besuchsrechte kämpfen. Ich werde die Sache vor Gericht bringen, ohne auf irgendjemand Rücksicht zu nehmen. Es ist mir egal, wie lange es dauert oder wie viel es kostet. Ich will eine Rolle im Leben meines Sohnes spielen.“

Seine harten Worte ließen Skyes schlimmste Befürchtungen neu entstehen. Mühsam atmete sie tief ein. Sie fühlte sich wie in der Falle.

„Du hast die Wahl, ob dies ein Schlachtfeld wird oder …“, Luc deutete auf die Parkbank, „… ob wir uns hier hinsetzen und in Ruhe besprechen, inwieweit Matt davon profitieren könnte, einen Vater in seinem Leben zu haben.“

Sie hatte keine Wahl, und er wusste das genau. Denn der Kampf, mit dem er drohte, hätte Matt nur Schaden zugefügt.

„Also, wie lautet deine Entscheidung, Skye?“

Er verlangte von ihr ein Vertrauen, das sie ihm nicht entgegenbringen konnte. Aber vielleicht würde er es sich verdienen, wenn ihm wirklich nur Matts Wohl am Herzen lag.

„Einer Sache kannst du dir absolut sicher sein“, fügte er beschwörend hinzu, weil er ihre Zweifel natürlich spürte. „Diesmal kann mich nichts dazu bringen, euch wieder allein zu lassen!“

5. KAPITEL

Samstag … Matts erster Tag mit seinem Vater.

Luc verschaffte sich gleich einen eindrucksvollen Auftritt, indem er in einem roten Alfa-Kombi vorfuhr, Skye die Schlüssel überreichte und zu Matts großer Freude erklärte, dieses Auto sei für seine Mummy, damit sie ihn während der Woche zum Fußballtraining und an den Wochenenden zu den Spielen fahren könne.

Es musste natürlich ein teurer italienischer Wagen sein und kein billiger Gebrauchtwagen. Das Haus hatte noch nicht einmal eine Garage, sodass sie den Wagen auf der Straße parken musste. Und ein roter Alfa würde in dieser Nachbarschaft wie ein Feuermelder herausstechen! Dachte ein Peretti über so etwas nach? Natürlich nicht. Und sie hatte nicht daran gedacht, Luc entsprechend vernünftig zu beraten, als er darauf bestanden hatte, dass sie ein Fahrzeug brauche, um seinen Sohn zu den Freizeitaktivitäten zu fahren, an denen er teilnehmen wolle.

Zum Beispiel Fußball. Heute wollte sich Matt zusammen mit seinen Schulfreunden fürs Fußballtraining anmelden. Skye war seit dem Tod ihrer Mutter nicht mehr Auto gefahren, und das neue Auto sowie die Tatsache, dass Luc neben ihr auf dem Beifahrersitz saß, machten sie nervös. Aber irgendwie schaffte sie es, alle ohne Zwischenfall zum Fußballplatz zu chauffieren. Luc kümmerte sich dann um die Anmeldung, und Skye hörte, wie Matt seinen Freunden stolz verkündete: „Das ist mein Dad.“

Bis dahin war er Luc eher zurückhaltend und abwartend begegnet, nicht zuletzt vermutlich, weil er Skyes Vorbehalte spürte. Aber selbst ein kleiner Junge konnte spüren, dass die anderen Väter Luciano Peretti, was Aussehen und Charisma anbelangte, nicht das Wasser reichen konnten.

Skye sah, wie Luc und Matt sich jetzt anlächelten, und ihr war klar, dass eine Beziehung zwischen Vater und Sohn nicht aufzuhalten war. Luc gab sich alle Mühe, eine solche aufzubauen, und Matt kam ihm entgegen.

Hoffentlich hält Luc sein Versprechen! dachte sie inständig. Wenn er Matt je so wehtun würde, wie er ihr wehgetan hatte … Skye atmete tief ein und versuchte, sich zu entspannen. Es hatte keinen Sinn, sich gegen das zu sperren, was sich da zwischen Vater und Sohn entwickelte. Sie konnte nur dabei sein und aufpassen … und darauf hatte sie bestanden. Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass Luc Matt allein irgendwohin mitnahm. Zu ihrer Erleichterung war Luc auf diese Bedingung eingegangen.

Zumindest zunächst. Sie vertraute ihm nicht, dass er es lange dabei belassen würde.

Als Nächstes fuhren sie zu einem Einkaufszentrum, wo Luc Matt mit Fußballschuhen und Schienbeinschonern ausstattete. Und in einem Spielzeugladen kaufte er seinem Sohn noch einen Ball und ein kleines Tor samt Netz, damit Matt Schießen üben könnte … wozu zwei in den Boden gerammte Stöcke im Hinterhof genügt hätten! Skye, die stets jeden Cent hatte zweimal umdrehen müssen, hatte kein Verständnis dafür, wie man derart verschwenderisch mit Geld umgehen konnte. Zu Mittag aßen sie natürlich in einem Restaurant, und Matt war begeistert, dass er sich Chicken Nuggets und Bananeneis bestellen durfte. Matt aß mit großem Appetit, während Skye kaum einen Bissen hinunterbrachte von dem Chefsalat mit gebratenem Hähnchenfilet, den Luc ihr, ohne zu fragen, bestellt hatte. Offenbar hatte er nicht vergessen, dass dies ihr Lieblingsgericht gewesen war, wenn sie früher zusammen ausgegangen waren.

Sie wollte nicht, dass diese Erinnerungen wieder belebt wurden. Es war schwer genug, den ganzen Tag in Lucs Gesellschaft zu verbringen und Matt zuliebe freundlich zu sein und die typische Peretti-Freigebigkeit unwidersprochen hinzunehmen, die sich früher oder später auf Matt auswirken würde.

Wenigstens war es mit dem Geldausgeben nach dem Mittagessen vorbei. Skye fuhr Matt und Luc nach Hause, und Luc verbrachte den Nachmittag mit Matt im Hof. Zusammen stellten sie das Tor auf, und dann zeigte Luc Matt, wie man richtig schoss und dribbelte und den Ball stoppte, was Matt fasziniert und mit Feuereifer nachmachte.

Es tat Skye weh, die beiden zu beobachten … Vater und Sohn, wie sie Spaß miteinander hatten, lachten und jubelten. Matt amüsierte sich bestens, wirkte inzwischen ganz entspannt mit seinem neu gefundenen Vater und genoss offensichtlich die für ihn ungewohnte männliche Zuwendung. Es führte Skye schmerzlich vor Augen, dass kein alleinerziehender Elternteil einem Kind das bieten konnte, was ihm zuteilwurde, wenn es mit beiden Elternteilen aufwuchs. Und fairerweise musste sie einräumen, dass Luc seinen Versprechungen gerecht wurde. Bislang.

Endlich war der Tag vorbei, Matt lag gebadet und satt im Bett, und Luc ließ es sich nicht nehmen, ihm eine Gutenachtgeschichte vorzulesen. Überrascht und beeindruckt stellte er dabei fest, dass sein fünfjähriger Sohn schon selber lesen konnte. Nachdem Matt an diesem Abend von Vater und Mutter einen Gutenachtkuss bekommen hatte, schob Luc Skye aus dem Zimmer hinaus und vor sich her in die Küche.

„Lass mich los!“, protestierte Skye, die gehofft hatte, er würde nun so schnell wie möglich verschwinden, sodass sie wieder aufatmen konnte.

„Ich wollte dir nur danken, Skye“, erklärte Luc ruhig und gab sie frei.

Sie wich rasch zurück und sorgte dafür, dass der Küchentisch sie trennte. Dabei rieb sie sich den Arm, als hätte Luc ihr wehgetan.

„Du sollst keine Angst vor mir haben“, meinte er besorgt.

„Dann geh jetzt bitte. Du hattest deinen Tag mit Matt. Du hast dich bedankt. Es gibt keinen Grund, warum du noch länger bleiben solltest.“

Er betrachtete sie nachdenklich. „Habe ich mit Matt irgendetwas falsch gemacht?“

„Nein, er war sehr glücklich und zufrieden mit dir.“

Luc hob bittend die Hände. „Und warum können wir dann nicht darüber sprechen?“

„Was willst du denn noch? Meinen ausdrücklichen Beifall?“, entgegnete sie schnippisch. Sie wünschte sich nur noch, dass er sie endlich in Ruhe lassen würde. Matt zuliebe hatte sie diesen Tag durchgehalten und so getan, als freute sie sich mit ihm, dass sein Vater Zeit mit ihm verbrachte. Doch während sie Luc die Möglichkeit gegeben hatte, um Matts Zuneigung zu werben, hatte sie, Skye, das schreckliche Gefühl gehabt, als würde ihrer kleinen Welt, die sie für sich und ihren Sohn mühsam aufgebaut hatte, der Boden entzogen.

„Ist es wirklich so schlimm, ihn mit mir zu teilen?“, fragte Luc sanft, als hätte er ihre Gedanken durchschaut.

Skye umklammerte mit beiden Händen die Rückenlehne eines Stuhls und bemühte sich, Fassung zu wahren. Sie blinzelte gegen Tränen an. „Du hast ihn ja schon für dich eingenommen“, antwortete sie heiser. „Bitte … geh jetzt.“

Um nicht in Tränen auszubrechen, wandte sie sich ab und ließ Spülwasser ein, obwohl nur ein einziges benutztes Glas in der Spüle stand. Sie war so sehr darauf konzentriert, ihre Beherrschung aufrechtzuerhalten, dass sie gar nicht registrierte, wie Luc von hinten näherkam. Deshalb erstarrte sie vor Schreck, als er unerwartet von hinten an ihr vorbeilangte und den Wasserhahn zudrehte und ihr das Glas aus der Hand nahm und auf das Abtropfbrett stellte. Wie eine Puppe ließ sie sich herumdrehen und wehrte sich auch nicht, als Luc sie in die Arme nahm, sie an sich drückte und das Gesicht in ihrem Haar barg.

Die Zärtlichkeit dieser Berührung brach ihren letzten Widerstand. All ihren Stolz vergessend, schmiegte sich Skye an Lucs breite Schulter und ließ ihren Tränen freien Lauf. Lucs Wärme legte sich wie ein tröstlicher Mantel um sie, und es war schon viel zu lange her, dass jemand sie so in den Armen gehalten hatte. In diesem Moment war es ihr völlig gleichgültig, dass es ausgerechnet Luc war. Im Gegenteil, die alte Vertrautheit machte es ihr leicht. Es fühlte sich gut und richtig an, und sie hatte keine Kraft, dieses Gefühl zu bekämpfen.

Schließlich versiegten ihre Tränen, und sie lehnte sich erschöpft an Luc. Langsam wurde ihr bewusst, dass er die Finger sanft durch ihr langes Haar gleiten ließ. Offenbar hatte er die Spange, mit der sie es hochgesteckt hatte, entfernt. Doch sie nahm es ihm nicht übel, denn auch das fühlte sich gut an.

„Skye …“, flüsterte er rau, „ich versuche nicht, dir Matt wegzunehmen. Glaub mir, bitte.“

Sie schloss die Augen und atmete tief ein, zu müde, um zu sprechen. Zu müde, um die Diskussion um Vertrauen erneut zu beginnen.

„Du bist seine Mutter“, fuhr Luc sanft fort. „Und du hast wunderbare Arbeit geleistet, wie du unseren Sohn bislang aufgezogen hast. Du kannst sehr stolz auf ihn sein … auf den Jungen, zu dem du ihn erzogen hast.“

Seine freundlichen, anerkennenden Worte wärmten ihr das Herz.

„Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll“, fügte Luc hinzu. „Immerhin warst du damit ganz allein gelassen, und er ist ein wundervoller, glücklicher Junge … wohlerzogen, intelligent, aufgeschlossen. Dass er in seinem Alter schon lesen kann …“

Es klang fast ehrfürchtig, sodass Skye unwillkürlich lächelte. Sie war stolz auf Matt. Zu Recht. Und sie war froh, dass Luc der Ansicht war, sie habe ihren gemeinsamen Sohn gut erzogen.

„Ich schwöre dir, Skye, ich werde nicht versuchen, ihn dir wegzunehmen“, bekräftigte er nun noch einmal. „Das war nie meine Absicht. Und nachdem ich heute gesehen habe, was für ein toller Junge er ist … warum sollte ich auch? Matt könnte keine bessere Mutter haben. Also bitte … hab keine Angst vor mir.“

Sie wünschte es sich, keine Angst haben zu müssen. Aber selbst wenn Luc seine Worte in diesem Moment ernst meinte … Skye blickte zu ihm auf und sprach ihre Ängste offen aus: „Der heutige Tag mit Matt war etwas Neues für dich und umgekehrt auch für Matt. Doch dieser Reiz des Neuen wird sich abnutzen. Du wirst nicht mehr so viel Zeit für Matt haben, und wenn er sich von dir im Stich gelassen fühlt …“

„Ich werde alles tun, um ihn nicht zu enttäuschen.“

„Die Dinge ändern sich, andere Leute werden sich einmischen …“

„Diesmal nicht.“ Seine dunklen Augen blitzten entschlossen auf. „Und manche Dinge ändern sich nie.“ Er umfasste ihr Gesicht und ließ den Daumen verführerisch über ihre Lippen gleiten. Skyes Herz schlug schneller. „Weißt du noch, wie es zwischen uns war?“

Sie verharrte wie gebannt von dem glühenden Verlangen in seinem Blick. Obwohl ihre Hände auf seiner breiten Brust lagen, dachte sie nicht daran, ihn fortzustoßen. Und sie versuchte auch nicht, sich abzuwenden, obwohl Luc sich in unmissverständlicher Absicht zu ihren Lippen herabbeugte. Skye wusste nur, dass sie diesen Kuss geschehen lassen wollte … dass sie unbedingt wissen und fühlen musste, ob es zwischen ihr und Luc so war, wie sie es in Erinnerung hatte.

Es war ein elektrisierendes Gefühl, als Lucs Lippen ihre berührten. Skye war nicht mehr geküsst worden, seit Luc sie zuletzt geküsst hatte, und hatte fast vergessen, wie zärtlich und verführerisch er sein konnte. Unwillkürlich gab sie dem Drängen seiner Zunge nach, als er sie ihr zwischen die Lippen schob, um sie zu innigerem Liebesspiel zu verlocken. Die Versuchung war groß, ihm entgegenzukommen. Das Verlangen, wieder zu spüren, was sie einmal in Lucs Armen gefühlt hatte, war unbändig, gerade weil er sie darum betrogen und sie zu Unrecht aus seinem Leben gestoßen hatte. Sie wollte sie sich wiederholen, diese verzehrende Leidenschaft, die sie miteinander geteilt hatten. Luc schuldete es ihr.

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