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JULIA EXKLUSIV, BAND 227

JACQUELINE BAIRD

Sieben Nächte voller Liebe

Nur um Julia Diez, der rechtmäßigen Erbin, ihre Hälfte der traumhaften Hazienda in Südamerika zukommen zu lassen, trifft sich der italienische Geschäftsmann Randolfo Carducci mit ihr. Zu seiner eigenen Überraschung ist der Millionär von Julia gleich wie elektrisiert. Bedauerlicherweise scheint es ihr jedoch nur um eins zu gehen: Geld!

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Du küsst zu gut

Total verrückt! Der reiche Unternehmer Stavros Costanides stellt Mari als Aufpasserin für seinen Sohn ein. Doch Nikos ist 32 – und ein begehrenswerter Mann! Als Frauenheld ist er allerdings das „schwarze Schaf“ der Familie! Und wie soll Mari daran etwas ändern? Zumal die heißen Küsse dieses Mannes auch sie völlig aus der Bahn werfen …

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Hast du eine andere?

Als Kate eine Mitteilung von einem Unbekannten erhält, bricht für sie eine Welt zusammen: Offenbar geht ihr Ehemann Ryan fremd! Bis jetzt hat sie immer gedacht, dass sie eine Bilderbuchehe führen. Aber jeder ihrer Versuche, Ryans Liebe erneut zu entflammen, endet mit einer Niederlage. Gibt es noch Hoffnung auf ein Glück zu zweit?

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Sieben Nächte voller Liebe

1. KAPITEL

Obwohl es an diesem herrlichen Tag im Januar sehr warm war in Santiago, erbebte Julia Diez, als sie die geschnitzten und reich verzierten Wasserspeier betrachtete, die die Außenwand des imposanten Gebäudes schmückten. Sie wünschte, sie hätte nicht nach Chile kommen müssen, in die Heimat ihres verstorbenen Vaters, den sie kaum gekannt hatte.

Sie hatte schlecht geschlafen und war angespannt und nervös. Schon im Morgengrauen war sie aufgestanden, um ihre Mutter in England anzurufen und ihr zu versichern, es sei alles in Ordnung. Zum Frühstück hatte sie nichts essen können, sondern nur mehrere Tassen Kaffee getrunken. Immer wieder hatte sie über den bevorstehenden Termin mit Randolfo Carducci nachgedacht. Er war der Vollstrecker des Testaments ihres Vaters und ihre letzte Hoffnung. Julia wollte nichts von ihrem Vater erben. Aber ihre Mutter Liz hatte gerade eine Brustkrebsoperation hinter sich, und Julia brauchte Geld, um die teure Therapie zu bezahlen, die der Arzt empfohlen hatte.

Jetzt straffte sie die Schultern und betrat die Eingangshalle des Gebäudes. Ihrer Meinung nach stand ihrer Mutter das Geld zu. Es war die alte Geschichte. Liz hatte sich als naive Achtzehnjährige bei einem Polospiel in den Cotswolds in den attraktiven Carlos Diez verliebt. Er war Polospieler gewesen und viel älter als Liz. Innerhalb weniger Monate war sie schwanger geworden. Sie hatten geheiratet und ihre Tochter Julia bekommen. Carlos hatte seine Frau und das Baby mit auf seine Hazienda in Chile genommen. Die Ehe war jedoch nach nur sechs Monaten zerbrochen.

Liz hatte Julia später anvertraut, dass ihr charmanter Mann offen zugegeben hätte, eine Geliebte in Santiago zu haben. Außerdem hatte er erklärt, er hätte nicht die Absicht, ihr auf seinen vielen Reisen treu zu sein. Daraufhin war Liz mit dem Kind nach England zurückgekehrt, und die Ehe wurde rasch geschieden.

Julia machte ihrer Mutter keineswegs Vorwürfe. Ihre eigenen Erfahrungen mit ihrem Vater waren geradezu katastrophal gewesen. Als sie vierzehn gewesen war, hatte er sie zu einem Urlaub nach Chile eingeladen. Gern hatte sie die Gelegenheit ergriffen, ihren Vater kennenzulernen. Dummerweise hatte sie sich sogleich in Enrique Eiga, den zwanzigjährigen Sohn seiner Nachbarn, verliebt. Ihr Vater hatte sie sogar noch ermutigt, und sie war dann jeden Sommer nach Chile geflogen. Mit siebzehn hatten sie und Enrique sich verlobt und vorgehabt zu heiraten, sobald sie achtzehn war. Doch Julia war noch rechtzeitig aufgewacht und hatte die Verlobung gelöst. In den folgenden sieben Jahren hatte sie ihren Vater nicht mehr besucht und auch nicht mehr mit ihm gesprochen. Und jetzt, nach seinem Tod, war sie ihrer Mutter zuliebe zurückgekommen.

Als sie durch die breite Glastür ging, erblickte sie flüchtig ihr Spiegelbild. Nicht schlecht, dachte sie und hob den Kopf etwas höher. Sie war ungefähr einen Meter fünfundsechzig groß, trug einen cremefarbenen Leinenrock, eine kurzärmlige Jacke aus dem gleichen Material und hochhackige Sandaletten. Ihr langes Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten. Insgesamt wirkte sie elegant und geschäftsmäßig.

Der junge Mann am Empfang musterte sie bewundernd, während sie ihm ihr Anliegen erklärte.

„Señor Carducci erwartet Sie.“ Auf Spanisch fügte er hinzu: „Der Glückliche.“ Dass Julia Spanisch sprach, konnte er nicht ahnen. Er führte sie zum Aufzug. „Seine Sekretärin holt Sie ab und bringt Sie zu seinem Büro.“

„Danke.“ Julia lächelte ihn freundlich an. Warum Männer sie attraktiv fanden, war ihr immer noch rätselhaft. Sie war schlank, hatte üppige Rundungen, und ihre Gesichtszüge waren regelmäßig. Von ihrer Mutter hatte sie die feine helle Haut geerbt und die großen, außergewöhnlich strahlenden grünen Augen. Aber ihr gelocktes kastanienbraunes Haar, das, wenn sie es nicht bändigte, wie eine wilde Mähne ihr Gesicht umrahmte, war das Erbe ihres südamerikanischen Vaters.

Als die Tür des Aufzugs sich im zweiten Stock automatisch öffnete, stieg Julia aus und betrat den mit einem dicken Teppich ausgelegten Flur. Um sie her herrschte völlige Stille, und sie geriet in Panik.

Eine Sekretärin war weit und breit nicht zu entdecken. Und es gab nur eine einzige Tür. Julia wartete eine Zeit lang und blickte schließlich auf die Uhr. Es war einige Minuten nach zwölf. Trieb Carducci etwa ein Spiel mit ihr? In gewisser Weise wäre es verständlich, denn sie hatte seine Anrufe ignoriert, weil zu der Zeit bei ihrer Mutter Brustkrebs diagnostiziert worden war. Randolfo Carduccis erster Anruf hatte sie eine Woche vor der Operation ihrer Mutter erreicht. Er hatte ihr erzählt, ihr Vater hätte einen leichten Herzanfall gehabt, es bestehe jedoch kein Grund zur Beunruhigung. Er hätte nicht ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Randolfo war der Meinung, sie solle ihren Vater wenigstens einmal anrufen und sich mit ihm aussöhnen. Vater und Tochter sollten endlich ihre Differenzen beilegen.

Julia war so überrascht gewesen, nach all den Jahren eine Nachricht aus Chile zu erhalten, dass sie erklärt hatte, sie wolle über den Vorschlag nachdenken.

Am Vorabend der Operation rief Carducci wieder an. Ihr Vater hatte einen zweiten Herzanfall erlitten und lag jetzt im Krankenhaus. Carducci hatte für Julia einen Flug nach Santiago für den nächsten Morgen um zehn ab Heathrow gebucht. Das Ticket lag für sie am Schalter der Fluggesellschaft bereit.

Sie hatte es kategorisch abgelehnt, nach Chile zu fliegen, denn sie wollte bei ihrer Mutter bleiben. Das Gespräch mit Carducci war alles andere als erfreulich verlaufen. Eine Woche später hatte er ihr telefonisch mitgeteilt, ihr Vater sei gestorben. Den Termin für die Beerdigung hatte er ihr natürlich auch genannt. Julia hatte jedoch ihre Mutter, die sich nur langsam erholte, nicht allein lassen wollen.

Ihr war klar, was Carducci jetzt dachte, nachdem sie sich nicht um ihren Vater gekümmert und noch nicht einmal zu seiner Beerdigung erschienen war. Es wäre sicher besser und vernünftiger gewesen, sie hätte ihm reinen Wein eingeschenkt.

Ihn wieder zu sehen erfüllte sie mit Unbehagen. Als sie zum ersten Mal ihren Vater besucht hatte, hatte sie ihn kennengelernt. Randolfo war Italiener und geschäftlich in Chile gewesen. Seiner Stiefmutter Ester zuliebe, Carlos’ Schwester, hatte er Julias Vater besucht. Für Julia hatte er zu einer anderen Generation gehört, er war ihr ziemlich steif und unnahbar vorgekommen.

Schon damals war er ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen, obwohl er erst siebenundzwanzig gewesen war. Seine schöne Verlobte Maria hatte er in einem Nachtklub in Santiago kennengelernt, wo sie als Sängerin aufgetreten war. Ihre Mutter hatte als Köchin auf der Hazienda der Familie Eiga gearbeitet.

Mutig öffnete Julia die Tür. Doch niemand war in dem Raum, der elegant und luxuriös ausgestattet war. Sie durchquerte das Zimmer und setzte sich auf eins der beigefarbenen Ledersofas. Enttäuscht und frustriert ließ sie die Schultern sinken. Sie hatte sich auf die zu erwartende Auseinandersetzung mit Randolfo vorbereitet und fand es entmutigend, warten zu müssen. Während sie noch überlegte, was sie machen sollte, kam er herein.

Sekundenlang blickte sie ihn verblüfft an. Er war mindestens einen Meter achtzig groß. Sein schwarzes Haar wies an den Schläfen silberne Strähnen auf und war perfekt geschnitten. Seine gerade Nase, die hohen Wangenknochen und das energische Kinn wirkten beeindruckend. Er hatte eine faszinierende Ausstrahlung und war der attraktivste Mann, der ihr jemals begegnet war. Sie gestand sich jedoch ein, dass sie nur wenige Vergleichsmöglichkeiten hatte. Nach der aufgelösten Verlobung hatte sie sehr zurückgezogen gelebt.

Der elegante hellgraue Anzug saß perfekt, und das weiße Seidenhemd, dessen oberste Knöpfe geöffnet waren, betonte seine gebräunte Haut. Er hatte schmale Hüften, kräftige Oberschenkel und lange Beine. Julia hob den Kopf und blickte Randolfo in die dunklen Augen. Er zog die dichten Augenbrauen zusammen und wirkte seltsam streng. Er hat sich nicht verändert, dachte Julia leicht spöttisch.

Schon damals hatte sie sich in seiner Nähe unbehaglich gefühlt. Er war dreizehn Jahre älter als sie und hatte immer missbilligend die Stirn gerunzelt, besonders wenn sie mit Enrique zusammen gewesen war.

Im Nachhinein wurde ihr klar, dass sie ihn genauso wenig gemocht hatte wie er sie. Sie hatte ihm seine freundschaftliche Beziehung zu ihrem Vater übel genommen, während sie erst angefangen hatte, ihren Vater kennenzulernen. Außerdem hatte es ihr nicht gefallen, dass er mit Enrique Eiga befreundet gewesen war, den sie für die große Liebe ihres Lebens gehalten hatte.

Sie verdrängte die Erinnerungen und stand auf. Als er plötzlich höflich lächelte, bekam sie Herzklopfen. Seine Lippen wirkten ungemein sinnlich. Sie erbebte und wusste selbst nicht, warum. Ich habe mich getäuscht, er hat sich verändert, er ist noch arroganter und kühler als damals, sagte sie sich.

Julia nahm sich zusammen und reichte ihm die Hand. „Mr Carducci, es freut mich, Sie wieder zu sehen.“

„Nennen Sie mich Randolfo, so wie damals.“ Interessiert musterte er sie. Das volle kastanienbraune Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, sodass ihr schönes Gesicht zur Geltung kam. Die grünen Augen wurden von dichten, langen Wimpern umrahmt, und ihre verführerischen Lippen schienen geradezu zum Küssen einzuladen. Was für eine Frau, dachte er und betrachtete den Ansatz ihrer Brüste. Sogleich versteifte er sich. Sie war nicht mehr der viel zu schlanke Teenager, sondern eine sexy wirkende, begehrenswerte Frau.

Ihm fiel ihr leicht besorgter Blick auf. Sie hat auch allen Grund, beunruhigt zu sein, dachte er ironisch. Acht Jahre lang hatte er sie nicht gesehen. Sie hatte sich äußerlich sehr verändert, aber er hätte sie überall erkannt.

„Es tut mir leid, dass ich mich verspätet habe, Julia. Ich hatte meine Sekretärin gebeten, Sie zu empfangen. Ich hoffe, Sie haben nicht zu lange warten müssen.“ Er schüttelte ihr die Hand.

Julia schluckte. Bei seinem festen Händedruck kribbelte ihr die Haut. „Nein, nicht sehr lange“, erwiderte sie äußerlich ruhig und wollte ihm die Hand entziehen. Er hielt sie jedoch fest.

„Bitte, nehmen Sie doch wieder Platz“, forderte er sie auf. Erst nachdem sie sich hingesetzt hatte, ließ er ihre Hand los. „Wir haben uns lange nicht gesehen, zum letzten Mal auf Ihrer Verlobungsfeier. Wie alt waren Sie damals? Siebzehn, achtzehn?“

„Siebzehn“, erklärte sie kurz angebunden. Es passte ihr gar nicht, ausgerechnet von ihm an die Verlobungsfeier erinnert zu werden. Sie hob den Kopf und sah ihn an. Sein Blick und seine Haltung wirkten seltsam einschüchternd. Vor ihm muss man sich in Acht nehmen, mahnte sie sich. Nie würde sie seinen letzten Anruf einige Tage nach der Beerdigung ihres Vaters vergessen.

Randolfo Carduccis Stimme hatte zynisch geklungen, als er sie informiert hatte, er sei Testamentsvollstrecker. Ihr Vater hatte eine Woche vor seinem Tod einen Nachtrag in sein Testament aufnehmen lassen: Wenn sie innerhalb von sechs Monaten nach seinem Tod nach Chile zurückkehrte, würde sie etwas erben.

Julia hatte ihm sogleich erklärt, sie sei nicht daran interessiert, etwas zu erben. Doch jetzt, fünf Monate später, brauchte sie Geld für ihre Mutter. Der Arzt hatte Liz eine neue Therapie empfohlen, die zur völligen Genesung führen würde. Julia hatte ihrer Mutter versichert, sie könnten sich diese kostspielige Behandlung leisten, die in zehn Tagen beginnen sollte. Sie liebte ihre Mutter sehr, und nur das Beste war für sie gut genug.

Vor einem Jahr hatte Julia die Leitung der Bäckerei ihrer Mutter übernommen und zusätzlich einen Partyservice eröffnet. Auf Julias Drängen hatten sie vor einem halben Jahr ein Haus und einen Lieferwagen gekauft. Die Wohnung über dem Geschäft, in der sie zuvor gewohnt hatten, hatten sie zu einer großen Küche und mehreren Büroräumen umgebaut. Finanziert hatten sie das alles mit einem Bankkredit. Dadurch war ihre finanzielle Situation ziemlich angespannt, und es war nahezu unmöglich, das Geld für die Therapie aufzubringen.

Das hatte Julia ihrer Mutter jedoch verschwiegen, um sie nicht aufzuregen. Die Leute von der Bank waren momentan nicht bereit, einen weiteren Kredit zu gewähren. Darüber könne man frühestens in einem halben Jahr nach Vorliegen der Bilanz reden, hatte man Julia gesagt. In ihrer Verzweiflung hatte sie schließlich Randolfo Carduccis Büro in Italien angerufen. Seine Sekretärin hatte Julia zwei Tage später das Flugticket geschickt und ihr ein Hotelzimmer in Santiago reservieren lassen. Von Randolfo selbst hatte Julia nichts gehört. Als sie ihm jetzt gegenüberstand, schreckte sie davor zurück, mit der Tür ins Haus zu fallen.

„Ich war damals überrascht, als ich einen Tag vor der geplanten Hochzeit auf der Hazienda Ihres Vaters ankam und erfuhr, Sie hätten es sich anders überlegt und wollten Enrique nicht heiraten“, erklärte er spöttisch, und Julia versteifte sich. „Sie hätten eingesehen, dass Sie zu jung zum Heiraten waren, und Sie wollten erst noch einiges erleben, hat Ihr Vater erzählt.“

Offenbar hat mein Vater so getan, als wäre ich flatterhaft und unzuverlässig, während es in Wahrheit die schlimmste Zeit meines Lebens war, überlegte sie. Sie blickte Randolfo nachdenklich an. Wusste er, weshalb sie die Verlobung wirklich gelöst hatte?

„So? Hat er das behauptet? Ich hatte jedenfalls meine Gründe, die Verlobung zu lösen.“ Seinen durchdringenden Blick konnte sie nicht mehr ertragen und wandte sich ab. Wenn er das glauben wollte, was ihr Vater behauptet hatte, sollte er es tun.

Der Grund für die Trennung von Enrique war ein ganz anderer gewesen. Drei Tage vor der Hochzeit hatte sie sich entschlossen, zur Nachbarhazienda zu wandern und Enrique zu überraschen.

Die beiden Güter lagen kaum eine Meile voneinander entfernt an den gegenüberliegenden Ufern des Flusses. Während sie zwischen den Bäumen hindurchging, blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen. Niemals würde sie den Anblick vergessen, der sich ihr bot.

Ihr Verlobter Enrique war völlig nackt und vergnügte sich mit Randolfos Verlobter Maria, die genauso nackt war. Was die beiden machten, war auf den ersten Blick zu erkennen. Julia wurde übel, und sie lief davon. Schließlich ließ sie sich auf eine Bank sinken und weinte sich aus. Maria entdeckte sie später und wollte sie trösten. Sie legte Julia die Hand auf die Schulter, doch Julia schlug die Hand weg. Sogleich war Maria klar, was los war. „Du hast uns gesehen“, stellte sie fest.

Dann erzählte Maria ihr, dass sie und Enrique seit ihrem vierzehnten Lebensjahr ein Liebespaar seien. Ihre Mutter hatte es herausgefunden und Maria nach Santiago zu einer Tante geschickt. Niemand ahnte etwas, und Julia solle nicht darüber reden. Randolfo Carducci hatte Marias Karriere als Sängerin finanziert, und sie beabsichtigte, ihn zu heiraten, sobald sie keine Lust mehr hatte zu singen.

Julia hielt mit ihrer Meinung nicht zurück. Sie fand die Situation unmöglich und erklärte, Maria müsse Enrique heiraten. Sie jedenfalls wolle ihn nicht mehr haben. Allein die Vorstellung, er würde sie anfassen, verursachte ihr Übelkeit.

Maria schüttelte den Kopf. „Du liebe Zeit, wie naiv und unschuldig du doch bist. Du müsstest eigentlich wissen, dass kein heißblütiger Chilene damit zufrieden ist, seine Freundin nur einen Monat im Jahr zu sehen. Enrique hat dich ja noch nicht einmal richtig geküsst. Er will dich nur wegen der Hazienda deines Vaters heiraten. Dein Vater hat mit Enriques Vater vereinbart, dass du seine Hazienda erbst und Enrique heiratest, um die beiden Familien zu verbinden und aus den beiden Gütern einen einzigen Großbetrieb zu machen. Werde endlich erwachsen, Mädchen, und sieh den Tatsachen ins Auge. Weshalb hat dein Vater wohl so viele Jahre gewartet, bis er dich endlich eingeladen hat? Er wollte sicher sein, dass sein Plan nicht scheiterte.“ Marias Stimme klang zynisch. „Enrique liebt mich. Er würde mich morgen heiraten, wenn ich einverstanden wäre. Aber ich will nicht den Rest meines Lebens hier auf dem Land verbringen. Randolfo ist eine viel bessere Partie. Er kann mir ein ganz anderes Leben bieten.“

Nachdem Julia so brutal mit der Wirklichkeit konfrontiert worden war, gestand sie sich ein, dass das, was Maria ihr da erzählt hatte, plausibel klang. Sie versprach ihr, mit niemandem über das, was sie gesehen und erfahren hatte, zu reden.

Ihrem Vater gegenüber behauptete sie später, sie könne Enrique nicht heiraten, weil sie ihn mit einer anderen Frau ertappt hätte. Ihr Vater antwortete, sie solle nicht so dumm sein, Sex hätte nichts mit Liebe zu tun.

Julia hatte versucht, ihm ihre Meinung klar zu machen. Schließlich hatte er die Geduld verloren und zugegeben, dass es eine abgesprochene Sache zwischen ihm und Enriques Vater gewesen sei. Sie als sein einziges Kind hätte die Pflicht, sich seinen Wünschen zu fügen. Falls sie sich weigerte, würde er sie enterben.

In dem Moment hatte sie begriffen, was ihr Vater für ein Mensch war.

Auch jetzt noch, nach all den Jahren, war Julia tief verletzt und konnte kaum glauben, wie naiv sie gewesen war.

Randolfo betrachtete sie. Es überraschte ihn nicht, dass sie sprachlos war. Sie musste ein schlechtes Gewissen haben. Er überlegte, welche Ausrede sie sich für ihr schäbiges Verhalten einfallen lassen würde. Doch als sie beharrlich schwieg und ihn nicht ansah, musste er seinem Ärger Luft machen. „Sie haben sicher gehört, dass Enrique wenige Monate später bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist“, stieß er verächtlich hervor.

Julia verdrängte die quälenden Erinnerungen und blickte auf. „Ja, Enriques Vater hat es mir geschrieben“, erwiderte sie. Der Brief war ihr über einen Rechtsanwalt zugeschickt worden, und sie war schockiert gewesen. Sie wusste noch genau, wie hasserfüllt die wenigen Zeilen geklungen hatten. Sein Vater machte sie für den Tod seines Sohnes verantwortlich. Er behauptete, Enrique sei nur deshalb so rücksichtslos und leichtsinnig gefahren, weil sie ihm das Herz gebrochen hätte.

In Randolfos dunklen Augen blitzte es zornig auf. Offenbar wusste sie, dass seine Verlobte neben Enrique im Auto gesessen hatte und bei dem Unfall auch ums Leben gekommen war. Dennoch wagte sie es, zu ihm zu kommen. Du liebe Zeit, diese Frau war wirklich hart und gefühllos.

„Obwohl Sie sich von ihm getrennt hatten, muss es ein Schock für Sie gewesen sein“, stellte er mühsam beherrscht fest. Er streckte die Hand aus und legte sie Julia sekundenlang auf die Schulter.

Die Geste überraschte sie. „Ja“, antwortete sie leise.

„Es tut mir leid, dass ich Sie an Ihren Schmerz erinnert habe“, sagte er.

Sie hob den Kopf und sah Randolfo an. Tat es ihm wirklich leid? Sie wusste es nicht, hatte jedoch das ungute Gefühl, er hätte sie beleidigen wollen.

„Schon gut. Aber ich möchte nicht darüber reden“, erwiderte sie leise und kam sich ziemlich scheinheilig vor. Sie konnte seinen durchdringenden Blick nicht mehr ertragen und wandte sich ab. Er wusste wahrscheinlich genau, warum sie hier war. Weshalb war er trotzdem so freundlich?

2. KAPITEL

Das Gespräch verlief völlig anders, als Julia es geplant hatte. Sie war nicht hier, um mit Randolfo darüber zu reden, was damals geschehen war, sondern es ging ihr um die Zukunft ihrer Mutter.

„Lassen wir die Vergangenheit ruhen. Ich möchte mich endlich auf die Gegenwart konzentrieren“, erklärte sie energisch.

„Natürlich. Wie dumm von mir zu glauben, Sie brauchten Mitgefühl. Immerhin haben Sie Enrique kurz vor der Hochzeit verlassen.“ Randolfo zuckte die Schultern. „Weshalb sollten Sie sich über den schon lange zurückliegenden Tod Ihres Exverlobten aufregen, wenn es Sie noch nicht einmal berührt, dass Ihr Vater vor Kurzem gestorben ist?“

Julia warf ihm einen verächtlichen Blick zu. Ihre Zweifel an seiner Aufrichtigkeit waren berechtigt gewesen. Jetzt zeigte er sein wahres Gesicht.

„Sie wissen nichts über meine Beziehung zu meinem Vater.“ Sie stand auf. „Wenn es überhaupt eine gegeben hat“, fügte sie ironisch hinzu. „Aber das geht Sie wirklich nichts an.“

Bei einer der seltenen Gelegenheiten, als ihr Vater sich wirklich einmal mit ihr unterhalten hatte, hatte er erzählt, seine Schwester Ester hätte als Studentin einer linksgerichteten Partei in Chile angehört. Nachdem sie eine Zeit lang wegen ihrer politischen Überzeugung im Gefängnis gesessen hatte, war es ihr schließlich gelungen, nach Europa zu flüchten. In Italien hatte sie einen Witwer mit einem vierjährigen Sohn geheiratet. Dieser Sohn war Randolfo. Nach Chile war sie nie zurückgekommen. Bruder und Schwester vertraten völlig gegensätzliche politische Ansichten, und sie hatten sich über die Jahre hinweg entfremdet. Das hätte Julia schon einiges über den Charakter ihres Vaters verraten können. Doch erst nachdem sie die Verlobung mit Enrique gelöst hatte, war ihr klar geworden, was für ein Mensch ihr Vater war.

Julia konnte sich nicht vorstellen, dass er jemals von sich aus mit seiner Schwester Kontakt aufgenommen hätte. Viel später erst hatte sie den ersten Schritt getan und ihren inzwischen erwachsenen Stiefsohn gebeten, ihren Bruder zu besuchen. Andere Geschwister hatten die beiden nicht gehabt. Carlos Diez war ein hartherziger, berechnender Mann gewesen, wie Julia am eigenen Leib hatte erfahren müssen.

„Es geht mich insofern etwas an, als ich der Testamentsvollstrecker Ihres Vaters bin“, erinnerte Randolfo sie.

„Und natürlich ist es Ihr Hauptanliegen, die Interessen Ihrer Stiefmutter Ester wahrzunehmen. Das ist verständlich“, stieß Julia ärgerlich hervor. „Aber ich …“

„Einen Moment“, unterbrach er sie. „Ehe wir das Geschäftliche besprechen, möchte ich etwas essen. Ich lade Sie ein.“

Julia hatte keine Lust, mit ihm zu Mittag zu essen. Am liebsten hätte sie sich so rasch wie möglich wieder verabschiedet. Er würde jedoch keinen Widerspruch dulden, das war ihr klar. Randolfo Carducci war kein Mann, der sich nach anderen richtete. Und wenn sie etwas erreichen wollte, durfte sie ihn nicht verärgern.

„Ja, gern“, erwiderte sie deshalb nur.

Sie ist eine sehr schöne Frau, dachte er. Aber sie war auch geldgierig und herzlos, und sie wusste genau, dass sie es sich mit ihm nicht verderben durfte.

Er lächelte ironisch. Für den viel zu schlanken Teenager, als den er sie kennengelernt hatte, hätte er vielleicht Mitleid aufbringen können. Aber diese erotisch wirkende Frau rief kein Mitleid in ihm wach, sondern ganz andere Gefühle. Sie konnte jeden Mann haben, den sie haben wollte. Sie brauchte ihn nur mit ihren grünen Augen verführerisch anzusehen. Wenn es stimmte, was Señor Eiga behauptet hatte, war sie indirekt für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Und dann war sie ihm etwas schuldig.

„Gut. Ich bin froh, dass Sie einverstanden sind. Ich verstehe Ihr Interesse an dem Vermögen Ihres Vaters“, fügte er betont freundlich hinzu. Weder seine Miene noch sein Blick verrieten, wie sehr er sich ärgerte. „Ich kann Ihnen versichern, dass Sie bekommen, was Ihnen zusteht. Vertrauen Sie mir.“ Er legte ihr die Hand unter den Ellbogen und dirigierte Julia zur Tür hinaus. „Es eilt jedoch nicht. Jedenfalls ist es erfreulich, dass es Ihnen gut geht und Sie die Vergangenheit offenbar vergessen können.“

Soll das ein Kompliment sein, oder ist es wieder nur eine seiner sarkastischen Bemerkungen? überlegte sie und schwieg vorsichtshalber.

Randolfo betrachtete aufmerksam ihr schönes Gesicht. Als er merkte, dass sie seinem Blick auswich, biss er die Zähne zusammen. Sie reagierte genauso, wie er es erwartet hatte. Als er damals erfahren hatte, dass sie ihrem Verlobten und ihrem Vater davongelaufen war, war er kaum überrascht gewesen. Sie war beinah noch ein Kind gewesen und viel zu unreif zum Heiraten. Außerdem war Carlos, ihr Vater, kein liebenswürdiger Mann gewesen. Nur seiner Stiefmutter Ester zuliebe hatte Randolfo ihn besucht, wenn er sich geschäftlich in Chile aufgehalten hatte. Freiwillig hätte er sich wahrscheinlich nicht mit Carlos Diez angefreundet.

Er ließ Julia los und schloss die Tür ab. Mir wird sie nicht davonlaufen, sie hat viel zu viel zu verlieren, dachte er und lächelte ironisch. Er gestand sich jedoch ein, dass er nicht immer so eine schlechte Meinung von ihr gehabt hatte.

Obwohl er über den Autounfall und Enriques und Marias Tod erschüttert gewesen war, hätte er niemals Julia dafür verantwortlich gemacht. Ihm hatte sie höchstens etwas leidgetan. Aber Señor Eiga war überzeugt gewesen, Enrique sei nur so schnell und unvorsichtig gefahren, weil Julia ihm das Herz gebrochen hatte. Julia sei eine hartherzige junge Frau, und ihr Vater sei derselben Meinung.

Randolfo hingegen hatte geglaubt, es sei allein Enriques Schuld, dass er sich von seinen Emotionen hatte beherrschen lassen. Es war gut und schön, so halsbrecherisch zu fahren, wenn man allein im Auto saß. Doch mit einem Beifahrer im Wagen war es verantwortungslos.

Er hatte erst angefangen umzudenken, als Julia nach seinem Anruf keinen Kontakt mit ihrem Vater aufgenommen hatte. Da hatte er sich zum ersten Mal gefragt, ob die beiden älteren Männer recht gehabt hatten. Vielleicht war Julia als Achtzehnjährige nicht mehr so naiv und unschuldig gewesen, wie er vermutet hatte. Nachdem sie auch auf die folgenden Anrufe nicht reagiert hatte und nicht zur Beerdigung erschienen war, hatte er sich eingestehen müssen, dass er sich getäuscht hatte. Es wäre ein großer Fehler, dieser schönen Frau zu vertrauen.

Randolfo setzte eine höfliche, mitfühlende Miene auf und legte Julia die Hand auf den Arm. „Der Tod Ihres Vaters muss Ihnen sehr nahe gegangen sein, obwohl Sie sich etwas entfremdet hatten. Schmerz und Kummer schleichen sich ein, wenn man es am wenigsten erwartet“, sagte er ruhig und dirigierte sie in den Aufzug.

Da hat er recht, gestand sie sich ein. In der Nacht vor der Beerdigung ihres Vaters war sie allein im Haus gewesen. Sie hatte bitterlich geweint und sich an die schönen Zeiten mit ihm erinnert. Carlos Diez war kein schlechter Mensch gewesen, sondern eher durch seine Umgebung so geworden, wie er gewesen war. Und diese Umgebung ließ sich mit einer verschlafenen englischen Kleinstadt nicht vergleichen.

„Ja“, erwiderte sie leise und sah ihn sekundenlang an. Plötzlich war sie sich seiner Hand auf ihrem Arm viel zu sehr bewusst. Sie hatte das Gefühl, die Wärme seines Körpers würde sie einhüllen, und nahm den dezenten Duft seines Aftershaves wahr. Sie versteifte sich und spürte, dass sich ihre Brustspitzen aufrichteten. So etwas war ihr noch nie passiert. Sie war schockiert über die Reaktion ihres Körpers und erbebte. Schnell nahm sie sich zusammen, atmete tief ein und wiederholte klar und deutlich: „Ja.“

Randolfo betrachtete ihren gesenkten Kopf und lächelte zufrieden. Der schönen Julia geht es offenbar nicht anders als anderen Frauen, dachte er, denn er war sich seiner Wirkung auf das weibliche Geschlecht durchaus bewusst. Natürlich machte er sich nichts vor. Ihm war klar, dass die Frauen sich vor allem wegen der Macht, die er ausstrahlte, und wegen seines Reichtums zu ihm hingezogen fühlten. Außerdem war er ein einfühlsamer Liebhaber. Eigentlich habe ich schon viel zu lange keine Affäre mehr gehabt, überlegte er.

Das würde sich ändern. Er ließ den Blick über Julias schlanke Gestalt gleiten. So etwas wie Jagdfieber erfasste ihn. Die kommenden Tage versprachen interessant zu werden. Um Julia in Sicherheit zu wiegen, zog er die Hand zurück und lehnte sich an die Kabinenwand.

„Ich muss zugeben, Julia, ich habe Carlos in den letzten acht Jahren nur wenige Male besucht und auch hauptsächlich nur Ester zuliebe“, erklärte er ruhig. „Sie und mein Vater leben immer noch in Italien. Da Esters Gesundheit nach der Zeit im Gefängnis etwas angegriffen ist, traut sie sich den langen Flug nicht zu. Zur Beerdigung konnte sie nicht kommen. Aber sie hat nie aufgehört, an ihren einzigen Bruder zu denken.“

Die Beerdigung hatte er absichtlich erwähnt. Doch Julia ignorierte die Bemerkung.

„Leben Sie auch noch in Italien?“, fragte sie und blickte ihn an.

Sie weicht mir aus, sagte er sich und lächelte spöttisch. „Ich besuche meine Familie in Rom sehr oft, obwohl ich an der Küste ein eigenes Haus besitze. Da ich geschäftlich viel unterwegs bin, habe ich sowohl in New York, in Japan und hier in Santiago ein Apartment, außerdem ein Strandhaus in Australien an der Goldküste. Mir ist es wichtig, mich um alles selbst zu kümmern“, fügte er hinzu. „Ich tue mich schwer damit, andere damit zu beauftragen, meinen Besitz zu verwalten.“

Unwillkürlich ließ Julia den Blick über seinen beeindruckenden Körper gleiten. Als ihr bewusst wurde, was sie da tat, errötete sie. Und als ihr dann auch noch heiße Schauer über den Rücken liefen, war sie schockiert. So hatte sie noch nie auf einen Mann reagiert. Ich muss mich zusammennehmen, mahnte sie sich und hob den Kopf.

„Wie schön für Sie und Ihre Frau!“, stieß sie hervor. Sie bezweifelte nicht, dass er verheiratet war. Maria hätte sich nie von ihm getrennt. „Nicht jeder hat so viel Glück, und genau deshalb bin ich hier.“ In dem Moment waren sie unten angekommen, und die Tür des Aufzugs öffnete sich.

Randolfo packte sie hart am Arm. Bestürzt sah Julia ihn an und begegnete seinem ärgerlichen Blick. „Ich bin nicht verheiratet, und Sie können sich glücklich schätzen, dass Sie noch leben“, entgegnete er gereizt. Als er ihr Unbehagen spürte, zuckte er die Schultern und fügte hinzu: „Wir beide können uns glücklich schätzen, dass wir noch leben. Es ist ein Grund zum Feiern.“

Er lächelte sie so freundlich an, dass sie glaubte, sie hätte sich seinen ärgerlichen Blick nur eingebildet. Sie war schockiert darüber, dass er Maria nicht geheiratet hatte. Soweit sie wusste, waren die beiden mindestens vier Jahre verlobt gewesen.

„Kommen Sie.“ Er ließ ihren Arm los und legte ihr die Hand auf den Rücken, während er sie nach draußen führte, wo ein Wagen mit Chauffeur bereitstand.

Dann half er Julia beim Einsteigen und setzte sich neben sie auf den Rücksitz.

„Wohin fahren wir?“, fragte Julia, während der Chauffeur den Wagen durch den dichten Verkehr lenkte. Randolfos Schweigen zerrte an ihren Nerven. Sie zuckte nervös zusammen, als er in einer Kurve ihren Oberschenkel mit seinem berührte, und es überlief sie heiß.

Was war los mit ihr? So kannte sie sich gar nicht. Nach der missglückten Verlobung mit Enrique hatte sie nicht mehr an die Liebe geglaubt. Deshalb hatte sie auch noch nie mit einem Mann geschlafen. Doch wenn sie Randolfo ansah, fragte sie sich, wie es sein würde, von ihm geküsst zu werden. Und während sie seine Hand betrachtete, die auf seinem Oberschenkel lag, wünschte sie, er würde sie auf ihren legen. Du liebe Zeit, woher kamen plötzlich diese seltsamen Anwandlungen? Sie hatte ihn doch als Teenager überhaupt nicht gemocht.

„Lassen Sie sich überraschen“, antwortete er und lächelte sie so strahlend an, dass sie Herzklopfen bekam. „Es wird Ihnen gefallen, dessen bin ich mir sicher.“ Seine tiefe Stimme klang verführerisch. „Keine Sorge, wir werden uns später ernsthaft unterhalten.“

„Ja, aber …“

Er legte ihr den Finger auf die Lippen, und sie verstummte. „Entspannen Sie sich, und freuen Sie sich auf ein ausgezeichnetes Essen“, forderte er sie auf. „Vorausgesetzt natürlich, Sie mögen Fisch.“

„Ja.“ Offenbar entwickle ich mich mit ziemlich großer Geschwindigkeit zu einer ständigen Jasagerin, dachte sie. Doch Randolfo war wirklich unwiderstehlich. Er war ungemein attraktiv, strahlte Macht aus und schien von einer Aura der Unverletzlichkeit umgeben zu sein. Außerdem wirkte er sehr männlich und kam Julia vor wie ein wandelndes Aphrodisiakum für alle Frauen zwischen achtzehn und achtzig. Normalerweise war sie von solchen Männern nicht beeindruckt. Ich bin wohl doch keine Ausnahme und reagiere genauso wie andere Frauen, gestand sie sich wehmütig ein.

An Randolfo hatte sie sich als strengen, sehr ernsthaften Mann erinnert. Dennoch konnte er mit seinem Lächeln jede Frau verzaubern. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Warum war ihr das damals nicht aufgefallen?

Ihr fiel eine kleine Begebenheit ein. Einmal hatte sie auf dem Zaun gesessen und Enrique beim Reiten zugeschaut. Randolfo hatte sich neben sie gestellt und ihr den Arm um die Taille gelegt. „Fall nicht hinunter, Mädchen“, hatte er leise gesagt. „Du darfst dich nicht verletzen, ehe Ester dich kennengelernt hat. Sonst ist der Teufel los.“

Julia hatte lachen müssen. Dann hatte er gefragt, ob sie etwas dagegen hätte, dass Ester ihr schrieb. Seine Stiefmutter hatte nicht gewusst, dass ihr Bruder verheiratet gewesen war und eine Tochter hatte.

„Klar, sie kann mir schreiben“, antwortete Julia. „Aber ich warne Sie, ich bin schreibfaul.“ Sie drehte sich zu ihm um. „Ich verspreche Ihnen jedoch, ich setze sie auf die Liste der Personen, denen ich Weihnachtskarten schicken muss.“

Er war ihr mit der Hand durchs Haar gefahren und hatte sie sekundenlang so hinreißend charmant angelächelt, dass sie völlig verblüfft gewesen war.

Das wunderschöne Restaurant lag am Ende einer Landzunge, die in den Pazifischen Ozean ragte. Randolfo und Julia suchten sich einen Tisch auf dem riesigen Deck aus und genossen den herrlichen Blick auf den breiten, lang gestreckten Sandstrand. Sie hatten das Gefühl, von Wasser umgeben zu sein.

„Das ist unglaublich schön.“ Julia sah ihn strahlend an.

„Ich bin froh, dass es Ihnen gefällt. Was möchten Sie trinken? Champagner zur Feier des Tages? Es hat lange gedauert.“ Er zog eine Augenbraue spöttisch hoch. „Man könnte sagen, zu lange.“ Dass sie nicht zur Beerdigung ihres Vaters gekommen war, war für ihn unverständlich. Welche Begründung würde sie sich einfallen lassen? Fragen würde er sie nicht, jedenfalls noch nicht.

Nachdem sie auf seine Mitteilung, er sei der Testamentsverwalter, monatelang nicht reagiert hatte, war er beinah überzeugt gewesen, sie sei zu stolz und zu anständig, um erben zu wollen. Immerhin hatte sie ihren Vater viele Jahre lang ignoriert und sich nicht mehr um ihn gekümmert. Als Julia dann doch vor Ablauf der Frist in seinem Büro angerufen hatte, vermutete er, dass sie sich zunächst nur zum Schein geweigert hatte, das Erbe anzutreten. Wahrscheinlich hatte sie nicht zu geldgierig wirken wollen.

Mit ihrem Anruf hatte sie jedoch bewiesen, wie hart und egoistisch sie war. Carlos war sicher kein guter Ehemann und Vater gewesen. Aber ob er es verdient hatte, dass seine Frau ihm im ersten Ehejahr davongelaufen war und die Tochter mitgenommen hatte, musste man sich wirklich fragen.

Carlos hatte jedenfalls Jahre später Kontakt zu seiner Tochter aufgenommen. Als sie mit siebzehn erklärt hatte, sie sei alt genug, um sich mit Enrique zu verloben, hatte Carlos keine Einwände erhoben. Er hatte sogar eine große Verlobungsfeier veranstaltet. Da Julia ein Jahr später ihren Verlobten kurz vor der Hochzeit verlassen hatte, war sie offenbar nicht anders als ihre Mutter. Letztlich war Carlos Diez der eigentliche Leidtragende in der Beziehung mit der Engländerin gewesen.

Und jetzt saß Julia, diese schöne Frau, Randolfo kühl und unbeteiligt gegenüber und beanspruchte ihr Erbteil. Es würde für sie ein böses Erwachen geben.

Julia war natürlich klar, was er mit seiner Bemerkung gemeint hatte. „Es tut mir leid, dass ich nicht zur Beerdigung kommen konnte. Meiner Mutter ging es nicht gut“, sagte sie ausweichend. Immer noch scheute sie davor zurück, Fremden gegenüber zu erwähnen, dass ihre Mutter Brustkrebs gehabt hatte. „Außerdem gab es gewisse Verpflichtungen.“ Das stimmte. Sie hatte ihrer Mutter versprochen, bei ihr zu bleiben, solange sie im Krankenhaus lag.

Es ging ihr bestimmt nicht um ihre Mutter, sondern um einen Mann, dachte Randolfo. Julia hatte eine fantastische Figur, volle Brüste, eine schmale Taille, wohl gerundete Hüften und lange, schlanke Beine. Er rutschte unbehaglich auf dem Stuhl hin und her. Die Reaktion seines Körpers auf diese Frau überraschte und störte ihn.

„Ich verstehe“, antwortete er. „Eine so ungemein schöne junge Frau wie Sie hat wahrscheinlich wichtigere Dinge zu tun.“

In dem Moment tauchte der Ober an ihrem Tisch auf.

„Für mich bitte keinen Champagner. Ich nehme lieber etwas Alkoholfreies“, erklärte Julia kühl. Er war ein sarkastischer Mensch. Seine Bemerkung war bestimmt nicht als Kompliment gemeint. Sie wusste, dass sie attraktiv war, aber sie als ungemein schön zu bezeichnen war übertrieben. Seine Absicht war zu leicht zu durchschauen.

Aber Randolfo war ihre einzige Hoffnung, ob es ihr passte oder nicht. Sie brauchte das Geld, damit ihre Mutter wieder ganz gesund wurde. Der Betrag, um den es ging, fiel bei dem riesigen Vermögen, das ihr Vater hinterlassen hatte, nicht ins Gewicht. Aber würde dieser selbstherrliche Mann, der ihr da gegenübersaß, ihr das Geld geben?

„Ich habe Meeresfrüchte bestellt. Es wird Ihnen bestimmt schmecken“, erklärte er schließlich und blickte sie so freundlich an, dass sie Herzklopfen bekam. „Ich liebe diesen Platz.“ Er lehnte sich zurück. „Ehrlich gesagt, ich war überrascht, dass Sie sich damals die Chance haben entgehen lassen, in diesem wunderschönen Land bei Ihrem reichen Vater zu leben mit der Aussicht, einen gut aussehenden Mann zu heiraten. Das Klima hier ist wesentlich angenehmer als das englische. Darf ich annehmen, dass Sie jetzt auch der Meinung sind?“, fügte er zynisch hinzu.

Er beleidigte sie schon wieder. Wofür hielt er sie eigentlich? „Nein, das dürfen Sie nicht. Mir kommt es nicht auf materielle Werte und eine schöne Umgebung an“, erwiderte sie angespannt.

„Verzeihen Sie mir die Bemerkung, aber ich finde, das hört sich aus Ihrem Mund reichlich seltsam an.“

„Sie kennen mich doch gar nicht“, fuhr sie ihn ärgerlich an.

„Richtig.“ Er beobachtete Julia aus zusammengekniffenen Augen, während der Ober die Getränke servierte. Sie ist eine sehr gute Schauspielerin, ihre Empörung wirkt echt, dachte er. Welche anderen Qualitäten mochte sie haben? Er betrachtete ihre Brüste, die sich unter dem feinen Material ihrer Jacke abzeichneten. Wieder reagierte sein Körper viel zu heftig auf diese Frau, und er hatte Mühe, sich zu beherrschen.

Er beugte sich vor. „Ich habe zu viel zu tun, um mich um Nebensächlichkeiten zu kümmern. Aber es ist schön, Sie wieder zu sehen.“

Julia errötete. Eine Nebensächlichkeit, mehr war sie für ihren Vater und jeden anderen Mann nicht gewesen. Sie räusperte sich und war entschlossen, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie sich ärgerte. „Da Sie so beschäftigt sind, sollten wir schon während des Essens über das Geschäftliche reden. Ich möchte Sie nicht zu lange aufhalten.“ Sie trank einen Schluck Orangensaft.

„Wie Sie wollen.“ Er zuckte gleichgültig die Schultern. „Aber möchten Sie nicht mehr über die Krankheit Ihres Vaters erfahren?“, fragte er ironisch.

„Sie haben mich angerufen und mir berichtet, er hätte einen Herzanfall erlitten. Weshalb sollte ich Ihnen das nicht glauben? Und vergessen Sie nicht, ich hatte sieben Jahre nichts von ihm gehört. Vielleicht hatte er wieder geheiratet. Vielleicht habe ich einen Bruder oder eine Schwester, wovon ich nichts weiß“, sagte sie spöttisch. „Aber Sie können mich bestimmt aufklären.“ Von Randolfo würde sie sich nicht einschüchtern lassen. Sie sah ihn unverwandt an. Dabei bemühte sie sich, ihre Miene kühl und distanziert wirken zu lassen.

Ihr Vater und ihr Exverlobter Enrique waren sich sehr ähnlich gewesen. Beide waren arrogante, selbstherrliche Tyrannen, die geglaubt hatten, alle müssten sich nach ihnen richten und sie könnten machen, was sie wollten. Julia und ihre Mutter hatten sehr darunter gelitten. Ich müsste verrückt sein, wenn ich mich Randolfo ausliefern würde, er ist bestimmt nicht anders, dachte sie.

Erst hatte ihre Mutter feststellen müssen, dass ihr Mann eine Geliebte hatte, und viele Jahre später hatte Julia Enrique in flagranti mit Maria, Randolfos Verlobter, ertappt. Nein, mit solchen Männern wollte sie nichts mehr zu tun haben. Und wenn Randolfo sie weiterhin beleidigte und provozierte, würde sie ihn damit konfrontieren, was damals wirklich passiert war.

Oder wusste er Bescheid über Marias Untreue? Hatte er sie deshalb nicht geheiratet? Egal, sie würde ihn nicht fragen.

„Ich bin sicher, mein Vater ist während seiner Krankheit bestens versorgt worden“, fügte sie hinzu.

„Ja, das ist er“, bestätigte Randolfo ruhig. „Zu Ihrer Beruhigung kann ich Ihnen mitteilen, dass er nicht wieder geheiratet hat.“ Er machte eine Pause und betrachtete Julia aus zusammengekniffenen Augen. Ich wette, sie weiß genau, dass sie die nächste Verwandte ihres verstorbenen Vaters und somit erbberechtigt ist, überlegte er. Er würde sie jedoch noch eine Zeit lang zappeln lassen. „Er hatte auch keine weiteren Kinder. In den letzten Jahren habe ich Carlos höchstens ein halbes Dutzend Mal gesehen, wie ich zu meiner Schande gestehen muss. Auf den Manager meiner Niederlassung in Santiago kann ich mich verlassen, deshalb brauche ich nicht oft nach Chile zu kommen. Glücklicherweise war ich gerade auf der Hazienda, als Carlos krank wurde. Den ersten Herzanfall hielt sogar sein Arzt für relativ harmlos. Kurz darauf ist er jedoch ernsthaft erkrankt und drei Tage später gestorben. Natürlich war ich auf der Beerdigung.“

„Ah ja“, antwortete Julia. „Ich bin froh, dass jemand bei ihm war.“ Ihr Vater war natürlich nie ganz allein gewesen. Es gab genug Personal auf der Hazienda, außerdem hatte er meist eine Freundin gehabt. Aber sie wollte nicht mehr über ihren Vater reden. Zu viele Erinnerungen wurden wach. Sie zauberte ein Lächeln auf die Lippen und zwang sich, Randolfo anzusehen.

„Ehrlich gesagt, ich habe ihn nicht gut gekannt. Ich habe ihn vier Jahre lang in den Sommerferien besucht und dann jeweils vier Wochen bei ihm verbracht. Sie haben ihn viel besser gekannt.“

„Das stimmt. Schon allein deshalb sollten Sie etwas länger hier bleiben.“ Seine Stimme klang hart. „Ah, da kommt das Essen. Lassen Sie es uns genießen. Ich bin sehr hungrig.“ Er lächelte wieder und blickte sie mit den dunklen Augen durchdringend an. Prompt errötete Julia und wandte sich schnell ab. „Über Ihren Vater können wir später reden, sobald wir auf der Hazienda sind.“

„Auf der Hazienda?“, wiederholte sie verständnislos.

„Keine Sorge, ich habe schon alles vorbereitet. Da Sie nicht zur Beerdigung kommen konnten, möchten Sie sicher so rasch wie möglich sein Grab besuchen“, erklärte er.

3. KAPITEL

Julia ließ sich auf den Rücksitz des Wagens sinken und schloss sekundenlang die Augen. Ich hätte Randolfo Carducci zuvorkommen und selbst vorschlagen müssen, das Grab meines Vaters zu besuchen, dachte sie und seufzte. Wieder hatte er etwas, was er ihr vorhalten konnte.

Als er sich neben sie setzte, richtete sie sich auf. Bis zur Hazienda wären sie mindestens eine Stunde unterwegs. Die Gelegenheit war günstig, ihr Anliegen vorzubringen. Sie könnte ihn fragen, was ihr Vater ihr hinterlassen hatte und ob sich das Erbe rasch verkaufen ließ. Mit etwas Glück könnte sie sich mit ihm einigen. Dann würde sie das Grab ihres Vaters besuchen und am nächsten Morgen nach England zurückfliegen.

Optimistischer gestimmt drehte sie sich zu ihm um. Dass er sie anlächelte, hielt sie für ein gutes Omen.

„Entschuldigen Sie, Julia, ich muss dringend etwas erledigen“, kam er ihr zuvor. Sein Lächeln verschwand, und er vertiefte sich in die Papiere, die er aus der Aktentasche zog.

„Natürlich.“ Sie konnte vergessen, bis zur Ankunft auf der Hazienda alles geklärt zu haben. Randolfo Carducci hatte wichtigere Dinge zu tun. Auf seiner Prioritätenliste stand sie offenbar sehr weit unten. Wahrscheinlich musste sie sogar froh sein, dass er sich überhaupt Zeit für sie genommen hatte. Aber sie war nicht froh, sondern ärgerte sich.

Unter halb geschlossenen Lidern betrachtete Julia sein markantes Profil. Dann ließ sie den Blick über seine breiten Schultern und seine gepflegten Hände mit den langen, schlanken Fingern gleiten. Sie stellte sich vor, wie aufregend es sich anfühlen würde, wenn er sie berührte. Plötzlich bekam sie Herzklopfen und wandte sich schnell ab. Woher kommen diese erotischen Fantasien? fragte sie sich schockiert und erbebte.

Das Land um sie her war trocken, alles war in der Sommerhitze verdorrt. Julia erinnerte sich daran, wie sie zum ersten Mal diese Strecke gefahren war. Damals war sie begeistert gewesen und voller Hoffnung. Sie hatte es kaum erwarten können, ihren Vater kennenzulernen. Und jetzt, viele Jahre später, kam sie zurück, um sein Grab zu besuchen.

Tränen traten ihr in die Augen. Dieses Land hatte er so sehr geliebt wie keinen einzigen Menschen. Jedenfalls meine Mutter und mich hat er nicht geliebt, dachte Julia wehmütig.

Sie hoffte, er hätte ihr etwas hinterlassen, damit sie die Therapie bezahlen konnte. Sonst hätte sie finanzielle Probleme. Oder, was noch schlimmer wäre, sie würde ihre Mutter verlieren.

Diese hatte sich ganz gut erholt nach der Operation und arbeitete schon wieder stundenweise. Sie versprach sich viel von der neuen Therapie. Aber über Julias Reise nach Chile war sie nicht glücklich gewesen. Sie war der Meinung, sie kämen auch ohne das Geld dieses Mannes ganz gut zurecht. Erst als Julia erklärt hatte, es handle sich wahrscheinlich nur um einen wertvollen Gegenstand oder dergleichen, außerdem könne sie einige Tage Urlaub gebrauchen, war Liz einverstanden gewesen. Sie ahnte nicht, dass es finanzielle Schwierigkeiten gab.

Julia seufzte. Alles kam jetzt auf Randolfo an. Er schien jedoch das Gespräch absichtlich hinauszuschieben.

Als sie am Nachmittag auf der Hazienda ankamen, wurden sie von Sanchez, dem Verwalter, begrüßt. Er umarmte Randolfo, und Julia reichte dem Mann, der viele Jahre für ihren Vater gearbeitet hatte, zögernd die Hand. Wie hatte er es aufgefasst, dass sie nicht zur Beerdigung erschienen war?

Sie hätte sich jedoch keine Gedanken zu machen brauchen, denn Sanchez ignorierte ihre ausgestreckte Hand und umarmte Julia zu ihrer Erleichterung herzlich. Er hatte ihr das Reiten beigebracht, und sie hatte viele Stunden damit verbracht, mit ihm über das Land zu reiten.

Donna, seine Frau und Carlos’ Haushälterin, begrüßte Julia genauso herzlich. Zu Julias Überraschung war sie schwanger. Sie war mindestens vierzig Jahre alt und hatte sich schon damals sehnlichst ein Kind gewünscht.

Zehn Minuten später saß Julia mit einem Glas Champagner in der Hand im Wohnzimmer. Randolfo hatte darauf bestanden, mit ihm auf ihre Rückkehr anzustoßen. Erinnerungen stürzten auf sie ein.

Als Teenager war sie von dem großen Haus sehr beeindruckt gewesen. Es war luxuriös und geschmackvoll eingerichtet. Doch jetzt fiel ihr die unpersönliche Atmosphäre auf. Es gab keine Fotos und nichts, was etwas über den Mann aussagte, der hier gelebt hatte.

„Wie ist es, wieder zu Hause zu sein, Julia?“, fragte Randolfo leicht spöttisch. Er stand vor dem Kamin und drehte das Champagnerglas in der Hand hin und her.

Dieser Mann bekommt alles, was er haben will, dachte Julia. Er betrachtete sie mit undurchdringlicher Miene und schien nur darauf zu warten, sie wieder kritisieren zu können.

„Hier hat sich nichts verändert. Aber es war nie mein Zuhause, und das wird es auch nie sein“, erwiderte sie. Sie wählte die Worte mit Bedacht. „Deshalb bin ich auch nicht hier“, fügte sie ruhig hinzu.

„Nein, natürlich nicht. Sie sind hier, um das Grab Ihres Vaters zu besuchen.“ In Randolfos Augen blitzte es spöttisch auf.

Das reichte. Dieser verdammte Kerl hatte schon den ganzen Nachmittag sein Spiel mit ihr getrieben. Sie war es endgültig leid und stellte das Glas ab. Dann stand sie auf.

„Passen Sie mal auf, Randolfo“, begann sie mühsam beherrscht und ging auf ihn zu. Sie konnte es sich nicht erlauben, ausfallend zu werden, und widerstand der Versuchung, die Hände zu Fäusten zu ballen. „Vielleicht haben Sie unendlich viel Zeit. Aber ich habe keine. Ich muss arbeiten und wichtige Termine einhalten. Deshalb muss ich so rasch wie möglich nach England zurückfliegen und möchte jetzt das Geschäftliche mit Ihnen besprechen.“ Sie blickte ihn an und versuchte, in ihm nichts anderes als einen Geschäftspartner zu sehen. Doch ihr Körper reagierte viel zu heftig auf seine Nähe. „Was genau hat mein Vater mir hinterlassen? Kann ich es verkaufen?“, fragte sie.

In Randolfos Augen blitzte es sekundenlang zornig auf. „Eine Bäckerei zu führen kann doch nicht schwierig sein. Ihre Mitarbeiter werden sicher eine Zeit lang ohne Sie auskommen. Gönnen Sie sich etwas Abwechslung.“ Er umfasste ihr Kinn und streichelte sanft ihre Wange. „Es gibt keinen Grund zur Eile, Julia.“ Seine Stimme klang auf einmal verführerisch. „Wir haben viel nachzuholen. Oder haben Sie davor Angst?“

Sie war sprachlos. Warum hatte er so eine abfällige Bemerkung über ihre Bäckerei gemacht? Und was sollte es nachzuholen geben? Sie waren damals nicht befreundet gewesen. Oder wollte er vielleicht mit ihr über Enrique und Maria reden? Ärgerlich sah sie ihn an. „Vor Ihnen habe ich bestimmt keine Angst“, fuhr sie ihn an. Als er den Finger sanft über ihre Lippen gleiten ließ, erbebte sie. Ich habe gelogen, denn ich habe wirklich Angst vor ihm, zumindest vor den Gefühlen, die er in mir weckt, gestand sie sich ein.

„Wenn Sie sich dessen so sicher sind, haben Sie wahrscheinlich auch nichts dagegen, dass ich Sie küsse“, erklärte er rau.

Julias Herz klopfte zum Zerspringen. Ihre Gefühle spiegelten sich in ihrem Gesicht. Randolfo legte ihr die Hand auf den Nacken, während er mit der anderen ihre Taille umfasste und Julia an sich zog. Als er sich mit den kräftigen Oberschenkeln an sie presste, überlief es sie heiß und kalt. Sie erbebte vor Aufregung und Angst zugleich, denn sie wusste nicht, was mit ihr geschah. Sie stand ganz still da und sah ihn mit großen Augen irritiert an. Dann neigte er den Kopf und ließ die Lippen verführerisch über ihre gleiten. „Ich wollte dich vom ersten Moment an küssen, als ich dich heute Mittag in meinem Büro gesehen habe. Wenn du ehrlich bist, musst du zugeben, dass du es auch wolltest“, flüsterte er.

„Nein …“, begann sie. Aber sogleich verschloss er ihr die Lippen mit seinen und fing an, ihren Mund leidenschaftlich und voller Verlangen mit der Zunge zu erforschen. Dabei presste er Julia noch fester an sich und schob ihr ein Bein zwischen die Schenkel.

Das alles kam viel zu überraschend. Sie fühlte sich wie elektrisiert. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Julia sexuell erregt. Die wenigen Küsse, die sie mit Enrique getauscht hatte, hatten sie kaum berührt. Ihr Puls jagte, und sie schmiegte sich an Randolfos muskulösen Körper. Hilflos legte sie ihm die Arme um den Nacken.

Randolfo küsste sie endlos lange, ungestüm und besitzergreifend. Die Gefühle, die er in Julia weckte, waren für sie eine ganz neue Erfahrung. Sie vergaß alles um sich her. Ihr Verlangen war genauso heftig wie seins. Als er eine ihrer festen Brüste umfasste, richteten sich ihre Brustspitzen sogleich auf. Jetzt begriff sie, was es bedeutete, einen Mann sexuell zu begehren. Die Hitze in ihrem Körper schien sie zu verbrennen, und sie sehnte sich nach Erfüllung.

Schließlich löste Randolfo sich von ihr und stöhnte auf. Atemlos und wie betäubt sah sie ihn an, während er behutsam ihre Arme von seinem Nacken löste und sie festhielt. Julia befürchtete, die Beine würden unter ihr nachgeben, und lehnte sich an ihn.

Er blickte ihr in die Augen und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wer hätte gedacht, dass aus dem etwas ungeschickten, überschlanken Teenager, der du damals warst, so eine verführerische, begehrenswerte Frau werden würde? Und dass sich hinter deiner zur Schau getragenen Gleichgültigkeit so viel Leidenschaft verbirgt?“, sagte er leise und schob sie etwas von sich.

Julia kam langsam wieder zu Besinnung. Sie war entsetzt über ihre Reaktion und errötete. „Du hast mich überrumpelt“, stieß sie hervor.

Mit regloser Miene betrachtete er sekundenlang ihr erhitztes Gesicht. Er war selbst überrascht und schockiert über sein heftiges Verlangen und den brennenden Wunsch, diese schöne Frau zu besitzen. Schon lange hatte er nicht mehr so empfunden, vielleicht sogar noch nie. Da er immer so stolz darauf gewesen war, sich in jeder Situation perfekt beherrschen zu können, gefiel ihm seine spontane Reaktion überhaupt nicht.

Er atmete tief ein und zuckte die Schultern, ehe er auf die Uhr sah. „Wie du meinst. Entschuldige mich bitte. Ich habe etwas mit Sanchez zu besprechen. Donna bringt dich unterdessen auf dein Zimmer. Dann kannst du dich umziehen, wenn du möchtest.“ Es war nicht sein Stil davonzulaufen. Aber wenn er nicht sogleich den Raum verließ, konnte er für nichts garantieren. Sein Wunsch, Julia zu besitzen und sich in ihr zu verlieren, war übermächtig.

„Umziehen?“, wiederholte Julia irritiert. „Ich habe nichts zum Wechseln mitgenommen.“ Ihre Sachen waren im Hotel in Santiago.

Sogleich stellte Randolfo sie sich nackt vor. Du liebe Zeit, solche Gedanken konnte er jetzt wirklich nicht gebrauchen. Aber sie ließen sich nicht verdrängen. Voller Verlangen betrachtete er ihre schlanke Gestalt. Die eleganten, hochhackigen Sandaletten betonten ihre langen Beine. Dann ließ er den Blick über ihre wohlgerundeten Hüften und ihre herrlichen Brüste gleiten.

„Du hast jetzt viel vollere Brüste, oder?“ Er zog spöttisch eine Augenbraue hoch.

Was soll die Bemerkung? überlegte Julia und beschloss, nicht darauf einzugehen. Zu ihrem Leidwesen errötete sie jedoch.

„Ansonsten bist du noch genauso schlank wie als Teenager“, fügte er rasch hinzu. „Die Sachen, die du damals nicht mitgenommen hast, hängen noch im Schrank. Sie müssten dir passen. In einer Stunde hole ich dich ab, damit wir vor Einbruch der Dämmerung zum Grab deines Vaters reiten können.“

Julia wollte protestieren, doch Randolfo eilte schon aus dem Raum und machte die Tür hinter sich zu. Sekundenlang blickte sie auf die geschlossene Tür. Was war los mit ihr? Sie war doch sonst so kühl, distanziert, beherrscht und geschäftsmäßig. Nachdem sie einige Male tief durchgeatmet hatte, fühlte sie sich wieder besser. Randolfo hatte sie geküsst. Na und? Es war nicht das erste Mal, dass jemand sie küsste. Aber noch nie habe ich so heftig darauf reagiert, gestand sie sich ein und ging die Treppe hinauf. Am schlimmsten war jedoch, dass Randolfo es geschafft hatte, sie von dem eigentlichen Thema abzulenken.

„Ich hatte recht, die Jeans passen dir noch“, stellte Randolfo fest, als Julia eine Stunde später die Treppe hinunterkam.

„Wie gescheit du doch bist“, fuhr sie ihn gereizt an. Es war geradezu ein Schock für sie gewesen, dass die Hosen und Tops, die sie als Achtzehnjährige zurückgelassen hatte, gewaschen und gebügelt in dem Kleiderschrank ihres früheren Zimmers hingen. Sogar das Brautkleid war noch da. Dass ihr Vater nichts weggeworfen hatte, machte Julia traurig. Vielleicht hatte er sie auf seine Art doch gern gehabt.

Nachdem sie geduscht hatte, hatte sie Jeans und eine weiße Bluse angezogen und ihre Reitstiefel hervorgeholt.

Sekundenlang blieb sie auf der letzten Stufe stehen und musterte Randolfo von oben bis unten. Auch er hatte sich umgezogen. Statt des Geschäftsanzugs trug er jetzt ein schwarzes Hemd, dessen oberste Knöpfe geöffnet waren, sodass seine gebräunte Haut und die dunklen Härchen auf seiner Brust zu sehen waren. Dazu trug er hautenge schwarze Jeans, die seine langen Beine betonten. Julia bekam Herzklopfen, und ihr kribbelte die Haut, während sie auf ihn zuging.

Mit arroganter Miene stand er schweigend da und wartete darauf, dass Julia auf ihn zukam. Insgeheim verglich sie ihn mit einem Panther, der den ganzen Tag seine Beute beobachtet hatte und jetzt zum Sprung bereit war.

Schließlich blieb sie vor ihm stehen und schüttelte ärgerlich den Kopf. „Wir sollten uns beeilen. Ich habe nicht viel Zeit, denn ich will heute Abend noch nach Santiago zurückfahren“, erklärte sie energisch und ging an ihm vorbei durch die offene Haustür und hinaus in den Hof.

„Ich stehe zu deiner Verfügung.“ Randolfo lachte leise und folgte ihr.

In der hellen Nachmittagssonne blinzelte sie sekundenlang. Dann glaubte sie, ihren Augen nicht zu trauen, und lief über den Hof auf Sanchez zu, der zwei gesattelte Pferde am Zügel führte. „Sie ist noch hier!“ Sie sah Sanchez strahlend an und war den Tränen nahe. „Polly, meine Polly.“ Sie streichelte der kleinen gescheckten Stute den Hals und presste die Lippen auf das seidige Fell. „Ich kann kaum glauben, dass es sie noch gibt.“

Sanchez lächelte übers ganze Gesicht. „Ihr Vater hat darauf bestanden, dass sie gut versorgt wurde – falls Sie zurückgekommen wären.“

Julia blinzelte die Tränen weg und nickte. „Danke, Sanchez.“

Randolfo beobachtete die Szene. Dann griff er nach den Zügeln des schwarzen Hengstes und schwang sich in den Sattel. Julia zeigt mehr Gefühle für ihr Pferd als für ihren Vater, dachte er zynisch.

„Du hattest es doch so eilig, Julia. Sitz endlich auf“, forderte er sie kurz angebunden auf. Allzu gut erinnerte er sich daran, dass sie ihm die Arme genauso um den Nacken gelegt hatte wie jetzt ihrer Stute.

Julia saß auf und nahm den hübschen Blumenstrauß entgegen, den Sanchez ihr reichte.

„Für Ihren Vater.“

Carlos Diez war in der Grabstätte seiner Familie begraben worden. Sie lag an der dem Wind abgekehrten Seite eines Hügels. Julia beugte sich über das Grab, während Randolfo beide Pferde im Schatten eines großen, alten Baumes festhielt.

Es machte Julia traurig, dass ihr Vater ganz allein und ohne Angehörige gestorben war. Sie ließ den Tränen freien Lauf. Sie hatte ihn nie richtig gekannt und nicht gewusst, was er dachte, welche Hoffnungen und Ängste er hatte. In den wenigen Wochen, die sie mit ihm verbracht hatte, hatte er ihr Polly geschenkt und ihr ermöglicht, reiten zu lernen.

Er war stolz auf sein Land gewesen und darauf, dass er ein guter Polospieler war. Eine Zeit lang war er auch stolz auf seine Tochter gewesen. Er hatte sie seinen Nachbarn vorgestellt und sie ermutigt, sich mit Enrique zu verloben. Und er war glücklich gewesen, die Hochzeit vorbereiten zu können.

Doch er hatte Julia nie erlaubt, sich über die Grenzen seines und des Besitzes seiner unmittelbaren Nachbarn hinauszuwagen. Auch was er machte, wenn er sich zwei oder drei Tage in der Woche in Santiago aufhielt, hatte er ihr nie verraten. Es hatte Gerüchte gegeben, er habe dort eine Geliebte. Aber das hatte Julia wenig interessiert. Sie war zu sehr mit all dem Neuen, was sie hier entdeckte, und mit ihrer eigenen Liebesbeziehung beschäftigt gewesen. Erst nachdem sie mit gebrochenem Herzen nach England zurückgekehrt war, hatte ihre Mutter ihr mehr über ihre Ehe erzählt. Danach war Julia bewusst geworden, wie sehr ihr Vater sie manipuliert hatte.

Von ganzem Herzen wünschte sie, sie könnte noch ein einziges Mal mit ihm reden. Aber als sie dazu noch Zeit gehabt hätte, hatte sie sich anders entschieden und war bei ihrer kranken Mutter geblieben.

Julia legte die Blumen auf das Grab. „Jetzt verstehst du alles, Dad. Verzeih mir“, flüsterte sie. Noch ganz in Erinnerungen versunken blickte sie sich schließlich langsam um, ohne etwas wahrzunehmen.

Verdammt, sie weint, dachte Randolfo. Er hasste es, wenn Frauen weinten, weil er nicht wusste, wie er damit umgehen sollte. Aus zusammengekniffenen Augen betrachtete er Julias blasses Gesicht. Eine weinende Frau war normalerweise kein schöner Anblick. Aber er hätte sich denken können, dass Julia sogar dann noch schön war, wenn ihr Tränen über die Wangen rannen.

Julia merkte nicht, dass Randolfo sie beobachtete. Sie atmete tief ein und aus und betrachtete gedankenverloren die Grabstätte der Familie Diez. Schließlich seufzte sie, wischte die Tränen weg und hob den Kopf. Dann ließ sie den Blick über das Land jenseits des Grabes schweifen.

Randolfo spürte, dass sie gehen wollte, und kam mit den Pferden näher. Plötzlich wurde sie sich seiner Nähe bewusst. Sie straffte die Schultern und sah ihn an.

„Eine Epoche ist zu Ende gegangen. Was wird aus der Hazienda?“, fragte sie.

Er zuckte die Schultern. „Das ist noch nicht geklärt. Doch wir sollten am Grab deines Vaters nicht darüber reden, wie sein Vermögen aufgeteilt wird. Das gehört sich nicht. Darüber unterhalten wir uns später im Haus.“ Mit beiden Händen umfasste er ihre schmale Taille und hob Julia auf Pollys Rücken. „So viel Respekt bist du deinem Vater schuldig“, fügte er ironisch hinzu.

Julia errötete und wandte sich schnell ab. Sie hatte aus reinem Interesse gefragt und nicht aus den Gründen, die er ihr unterstellte. Sie fühlte sich jedoch momentan zu verletzlich, um sich zu wehren. Deshalb ignorierte sie die beleidigende Bemerkung und spornte das Pferd an.

Randolfo folgte ihr auf seinem schwarzen Hengst. Er ließ den Blick über ihre schmalen Schultern und den geraden Rücken gleiten. Wenn sie sich nicht entspannte, würde sie noch vom Pferd fallen. Und das wäre seine Schuld, wie er sich eingestand. Er konnte nichts dafür, dass er von Natur aus so zynisch war. Aber er hätte sich die ironischen Bemerkungen verkneifen können, wie er sich eingestand.

„Julia, es tut mir leid“, entschuldigte er sich deshalb. „Ich weiß, dass du dich ärgerst.“

„Vergiss es.“ Auf einmal war ihr der Mund ganz trocken, und sie hielt die Zügel krampfhaft fest. Sobald ich zu Hause bin, ist für mich die Welt wieder in Ordnung, dachte sie.

Normalerweise war sie kühl, ruhig und beherrscht. Noch nie zuvor hatte ein Mann so erotische Gefühle in ihr geweckt wie Randolfo. Offenbar kamen die Erbanlagen ihres Vaters zum Vorschein, wenn sie in Chile war. Als sie ihren Vater zum ersten Mal besucht hatte, hatte sie sich in Enrique verliebt. Und jetzt passierte ihr so etwas wieder, denn Randolfo Carducci war ihr nicht gleichgültig. Ihr war jedoch klar, dass es wenig mit Liebe, sondern eher etwas mit Verlangen oder Lust zu tun hatte.

„Du bist viel zu verkrampft. Es gibt keinen Grund, beunruhigt zu sein.“

Er hat ja keine Ahnung, sagte sie sich und seufzte. Dann bemühte sie sich, sich zu entspannen, ehe sie Randolfo ansah. „Ich bin nicht beunruhigt“, entgegnete sie ruhig. Nur ungern gestand sie sich ein, dass sie diesem attraktiven Mann mit der überwältigenden Ausstrahlung nicht gewachsen war. Der Tod ihres Vaters, die Krankheit ihrer Mutter, die finanzielle Situation und die beunruhigenden Gefühle, die Randolfo in ihr weckte, das alles war ihr plötzlich zu viel. Sie hatte keine Energie mehr.

„Aber du bist müde und erschöpft nach dem langen Tag“, erklärte er, während sie in den Hof ritten, wo Sanchez sie erwartete. „Kümmern Sie sich bitte um die Pferde, Sanchez“, bat Randolfo ihn und saß ab. „Miss Julia ist erschöpft, ich bringe sie ins Haus“, fügte er hinzu und hob sie aus dem Sattel.

„Nein, das bin ich nicht“, protestierte sie. Seine Hände auf ihrem Körper zu spüren und ihm so nahe zu sein war ein eigenartiges Gefühl. Sie sah, wie sich seine muskulöse Brust beim Atmen hob und senkte, und nahm den herben Duft seines Aftershaves wahr, der sich mit dem Geruch der Pferde vermischte. Als sie leicht taumelte, hielt er sie fest.

„Du bist lange nicht geritten, stimmt’s?“ In seinen Augen blitzte so etwas wie Mitgefühl auf. Er legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie ins Haus.

Als er den Arm zurückzog, kam es Julia so vor, als fehlte ihr etwas. Aber diese Regung verschwand rasch wieder, denn während sie sich in der ihr so vertrauten Eingangshalle umsah, erinnerte sie sich daran, weshalb sie hier war.

„Du solltest dich erst einmal ausruhen.“ Randolfo wies auf die Treppe.

„Nein“, antwortete sie kurz angebunden und ging an ihm vorbei auf die Tür des Arbeitszimmers zu. Dann drehte sie sich zu ihm um. „Ich bin nach Chile gekommen, weil du mir mitgeteilt hast, mein Vater hätte mir etwas hinterlassen. Den ganzen Tag hast du es absichtlich vermieden, über dieses Thema zu reden. Es ist Zeit, dass wir es endlich tun.“

4. KAPITEL

Auf Julia Rücksicht zu nehmen ist reine Zeitverschwendung, sie ist hart und geldgierig, überlegte Randolfo, während er die Tür des Arbeitszimmers öffnete. „Nach dir, Julia“, sagte er und ließ sie vorausgehen.

Mitten im Raum blieb Julia stehen. Allzu gut erinnerte sie sich an die letzte Unterredung mit ihrem Vater. Sie war damals achtzehn gewesen, schockiert, verzweifelt und zutiefst verletzt. Ihr Vater hatte erklärt, sie müsse tun, was er sage, oder sie dürfe sein Haus nie wieder betreten. Schließlich hatte sie die Schultern gezuckt und sich umgedreht.

Randolfo hatte jetzt am Schreibtisch ihres Vaters Platz genommen und wirkte so, als gehörte er hierhin. Kühl und beherrscht setzte sie sich in den Sessel ihm gegenüber.

„Ich war gespannt, wie lange du deine Ungeduld beherrschen könntest.“ Mit spöttischer Miene blickte er auf die Uhr. „Beinah sechs Stunden. Eine respektable Leistung, Julia.“

Ohne mit der Wimper zu zucken, sah sie ihn an. „Danke für das Kompliment. Aber können wir mit den Spielchen aufhören und zur Sache kommen?“

„Natürlich.“ Er nahm ein offiziell aussehendes Dokument in die Hand. „Das ist das Testament deines Vaters“, sagte er und schob es ihr über den Schreibtisch zu. „Lies es. Du wirst feststellen, dass du darin überhaupt nicht erwähnt wirst. Er hat das Personal und einige Freunde bedacht, ich soll zum Beispiel das Gemälde in der Eingangshalle erben, und der Rest fällt an Ester.“

Julia nahm es in die Hand und legte es wieder hin, nachdem sie das Datum bemerkt hatte. „Ich glaube es dir. Aber darfst du als Testamentsvollstrecker etwas erben?“ Sie runzelte die Stirn. Es ging ihr hier um das Prinzip, nicht um das Gemälde.

„Ja, als Testamentsvollstrecker kann ich erben, nicht jedoch als Zeuge der Unterschrift.“ Er reichte ihr ein einzelnes Blatt. „Das hier betrifft dich. Er hat einen Nachtrag hinzugefügt, den er ordnungsgemäß in Gegenwart des Arztes und einer Krankenschwester vier Tage vor dem Herzanfall unterschrieben hat, an dem er gestorben ist.“

Sie beugte sich vor und nahm mit zittriger Hand das Blatt entgegen. Offenbar hatte ihr Vater ihr doch etwas hinterlassen. Sogleich fühlte sie sich schuldig, weil sie so erleichtert war.

„Lies es. Ich kann dir versichern, es ist keine Fälschung. Ich war dabei, als er es diktiert hat.“

Julia atmete tief ein und fing an zu lesen. Es war eine klare und eindeutige Bestimmung, die besagte, wenn seine Tochter Julia Diez, die sich von ihm distanziert hatte, innerhalb von sechs Monaten aus freiem Willen nach Chile zurückkehrte und bereit wäre, Randolfo Carducci zu heiraten und ein Jahr lang in Chile zu leben, sollte sie die Hälfte der Hazienda erben. Die andere Hälfte sollte an seine Schwester Ester fallen. Falls Julia nicht bereit wäre, diese Bedingungen innerhalb der sechs Monate zu erfüllen, sei der Nachtrag null und nichtig. Dann würde sein gesamter Besitz an Ester Carducci fallen.

Was für eine herzlose Klausel, dachte Julia. Offenbar hatte ihr Vater sie nie gern gehabt, denn er versuchte, sie noch nach seinem Tod zu manipulieren. Sie konnte kaum glauben, was sie da gelesen hatte, und wurde blass. Langsam hob sie den Kopf und sah Randolfo an, der sie mit ausdrucksloser Miene beobachtete.

„Du kennst den Nachtrag, oder?“, fragte sie.

„Natürlich. Wie gesagt, ich war dabei, als er es diktiert hat.“

„Weshalb hast du es zugelassen?“ Sie schüttelte fassungslos den Kopf. „Du bist genauso verrückt wie er.“

„Nein. Ich habe nur den Wunsch eines einsamen alten Mannes respektiert.“

„Hier steht, ich müsste dich heiraten und ein Jahr in Chile leben, wenn ich etwas erben wolle.“ Julia war entsetzt über die Anmaßung ihres Vaters.

„Wäre das so schlimm?“, fragte Randolfo sanft und leicht spöttisch.

Er hatte Carlos gewähren lassen, um ihn glücklich zu machen und ihm nicht zu widersprechen. Der Arzt hatte Randolfo versichert, der ältere Mann könne noch viele Jahre leben. Außerdem hatte er Julia über die Krankheit ihres Vaters informiert und geglaubt, sie würde kommen, und Vater und Tochter würden sich versöhnen. Dann hätte Carlos sowieso ein neues Testament gemacht.

Aber Randolfo hatte sich getäuscht. Carlos war plötzlich gestorben. Und Randolfo hatte seine Meinung über Julia geändert. Zunächst war er der Meinung gewesen, sie verdiene es, zu erben. Doch offenbar war sie wirklich nur eine hartherzige und geldgierige Frau.

Sekundenlang blickte sie ihn mit ihren grünen Augen schweigend und hilflos an. Sie war nahe daran, seine Frage mit Nein zu beantworten, denn ihr kribbelte auf einmal die Haut, sosehr war sie sich Randolfos faszinierender Ausstrahlung bewusst. Ich muss mich zusammennehmen, mahnte sie sich, als sie merkte, in welche Richtung ihre Gedanken wanderten.

„Ich kann dich nicht heiraten und auch nicht ein Jahr lang hier bleiben, weil ich in England Verpflichtungen habe“, erklärte sie.

Randolfo musste lachen. Was für eine absurde Situation. Er hatte nie die Absicht gehabt, Julia zu heiraten, und schon überlegt, wie er sich einigermaßen geschickt aus der Affäre ziehen könnte. Dass Julia ihm zuvorgekommen war, störte ihn dennoch plötzlich sehr. „Du hast einen Freund, oder?“

„Nein, natürlich nicht. Ich muss mich um meine Mutter und das Geschäft kümmern. Es ist unmöglich, hier zu bleiben.“

„Nichts ist unmöglich.“ Er stand auf und ging langsam um den Schreibtisch herum. Dann setzte er sich vor Julia auf die Schreibtischkante. „Man muss es nur wollen.“

Seine Nähe irritierte sie. Sie versteifte sich und rückte etwas zur Seite, damit er sie nicht mit den Beinen berührte. „Das gilt sicher für dich. Aber für gewöhnliche Sterbliche gelten andere Regeln.“ Als es in seinen Augen belustigt aufblitzte, sprang Julia ärgerlich auf. Dieser verdammte Kerl! Er machte es schon wieder, er hielt das alles für einen großen Spaß. „Vielleicht ist es für dich sehr lustig, für mich jedoch nicht“, fuhr sie ihn an.

„Reg dich nicht auf.“ Randolfo hielt sie an den Handgelenken fest. Ich muss mir rasch etwas einfallen lassen, überlegte er. Sie wollte etwas von ihm. Es wäre interessant, herauszufinden, wie weit sie gehen würde, um ihr Ziel zu erreichen. „Nimm es nicht so schrecklich ernst. Mir ist klar, wie absurd die Bedingungen deines Vaters sind. Ich suche genauso wenig einen Ehepartner wie du.“

Sie hatte das Gefühl, ihre Haut würde da, wo er sie berührte, brennen. Seltsamerweise war sie leicht enttäuscht über seine Bemerkung. Warum eigentlich? Ich will Randolfo wirklich nicht heiraten, bekräftigte sie insgeheim und sah ihn an. Sein durchdringender Blick machte sie ganz nervös.

„Es ist mir rätselhaft, warum du keine Einwände erhoben hast“, stellte sie fest und schüttelte den Kopf. „Du hättest doch nichts davon, wenn du mich heiraten würdest.“

„Kannst du dir vorstellen, dass ich aus reiner Menschenfreundlichkeit oder Nächstenliebe gehandelt habe? Ich wollte Carlos glücklich machen. Und weil ich glaubte, er würde noch lange leben, und davon ausging, dass du nach meinem Anruf nach Chile kommen und dich mit deinem Vater versöhnen würdest, habe ich ihn gewähren lassen. Ich war mir sicher, der Zusatz würde sowieso nicht zum Tragen kommen.“

„Oh.“

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