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Märchenprinzen, Band 180

LIZ FIELDING

WIE EINE ROSE IN DER WÜSTE

Nächte unter samtblauem Himmel, heiße Tage in atemberaubender Wüstenlandschaft und unvergessliche Küsse von dem glutäugigen Prinzen. Soll das wirklich eine Entführung sein? Die hübsche Journalistin Rose weiß, dass ihr von Hassan al Rashid, dem Thronfolger eines arabischen Emirats, keine Gefahr droht – es sei denn, sie verliert ihr Herz an ihn!

MARY LYONS

EIN URLAUBSFLIRT MIT FOLGEN

Keiner darf von ihrem Geheimnis erfahren! Weder das Filmteam, mit dem die umschwärmte Schauspielerin Lois auf dem luxuriösen Landsitz Ratcliffe Hall dreht, noch Robert Lord Ratcliffe selbst. Mit ihm hatte sie in ihrem Urlaub eine kurze, heiße Affäre, deren süße Folgen Lois verschweigen will. Denn Robert wollte sie nie wieder sehen – oder?

JESSICA STEELE

RING DER LIEBE, RING DES GLÜCKS

„Niemals gebe ich ihn heraus!“ Mit blitzenden Augen verteidigt Sabina den kostbaren Smaragdring, den sie für ihre Freundin aufbewahrt. Doch der reiche Yorke Mackinnon behauptet, der sei ein Familienerbstück und für seine künftige Frau bestimmt! Auch wenn Sabina heimlich träumt, die Glückliche zu sein – das Vertrauen ihrer Freundin darf sie nicht enttäuschen …

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Liz Fielding

WIE EINE ROSE IN DER WÜSTE

1. KAPITEL

„An Bord der Maschine war eine Journalistin, Partridge.“ Prinz Hassan al Rashid nahm auf dem Rücksitz der Limousine neben seinem Berater Platz. „Rose Fenton. Sie arbeitet als Auslandskorrespondentin für einen Nachrichtensender. Stellen Sie fest, was sie hier will.“

„Das ist kein Geheimnis, Euer Exzellenz. Sie macht Urlaub, um sich von einer Lungenentzündung zu erholen. Das ist alles.“ Hassan warf dem Mann einen Blick zu, der anklingen ließ, dass er an seinem Verstand zweifelte. Aber Partridge war ein junger Engländer und in politischen Dingen zu naiv. Er, Hassan, hingegen hatte das Spiel der großen Politik bereits auf den Knien seines Großvaters kennengelernt und hegte den Verdacht, dass das längst nicht „alles“ war, was Rose Fenton in sein Land führte. „Sie ist Tim Fentons Schwester“, setzte Partridge hinzu, als würde es alles erklären. „Er ist der neue Chefarzt unserer Tierklinik“, fuhr er fort, als er merkte, dass es ihn keineswegs überzeugte. „Offenbar glaubt er, etwas Sonne würde seiner Schwester helfen, schnell wieder auf die Beine zu kommen.“

„So?“ Was für ein glückliches Zusammentreffen! „Und seit wann hat ein Tierarzt oder gar eine Journalistin ein Recht auf einen Platz in Abdullahs Privatjet?“

„Sicher fand Seine Königliche Hoheit, Miss Fenton würde den besonderen Komfort zu schätzen wissen, nachdem sie so krank war. Anscheinend ist er ein großer Bewunderer …“ Hassan machte eine wegwerfende Geste, doch Partridge ließ sich nicht beirren. „Und da Sie sowieso nach Hause fliegen wollten …“

„Ich habe von dem Flug erst erfahren, als ich die Botschaft angewiesen habe, meine Heimreise vorzubereiten. Wir wissen beide, dass Abdullah sich meinetwegen nicht gerade ein Bein ausreißen würde. Und was den Umstand betrifft, dass er seinen fliegenden Palast zur Verfügung gestellt hat …“

„Ich vermute, Seine Königliche Hoheit weiß, wie Sie über seine Verschwendungssucht denken.“

„Sicher. Aber selbst die Königin von England benutzt heutzutage Linienflugzeuge.“

„Von der Königin von England erwartet Seine Königliche Hoheit auch nicht, dass sie möglichst schmeichelhaft für eins der führenden internationalen Nachrichtenmagazine über ihn berichtet.“

Ganz so naiv war der junge Mann also doch nicht. „Danke, Partridge.“ Hassan gefiel der ungewohnte Anflug von Humor bei seinem Berater. „Ich wusste, dass Sie zur Sache kommen würden.“

Leider war diese „Sache“ keineswegs komisch. Im Rahmen der Imagekampagne für den Regenten würde man Rose Fenton zweifellos umwerben und feiern, während Faisal, der junge Emir, zu Abdullahs Freude in den Vereinigten Staaten Betriebswirtschaft studierte und nicht besonders erpicht darauf zu sein schien, nach Hause zu kommen. Er, Hassan, war überstürzt zurückgekehrt, nachdem ihm das Gerücht zu Ohren gekommen war, dass Abdullah im Begriff wäre, die Regentschaft auf Dauer zu übernehmen.

„Weiß Miss Fenton, was man von ihr erwartet?“, fragte Hassan.

„Das glaube ich nicht.“

Doch er, Hassan, sah das anders. „Und was ist mit ihrem Bruder? Haben Sie ihn schon kennengelernt?“

„Im Sportklub“, erwiderte Partridge. „Tim Fenton ist sehr gesellig. Er hat um Urlaub gebeten, als seine Schwester krank wurde, und ehe er wusste, wie ihm geschah, hatte seine Hoheit ihr eine persönliche Einladung übermitteln lassen, sich in Ras al Hajar zu erholen.“

„Und wenn mein Cousin sich etwas in den Kopf gesetzt hat, sollte man sich dem lieber nicht widersetzen.“ Warum hätte Rose Fenton die Einladung auch ablehnen sollen? Abdullah ließ ausländische Journalisten kaum je nach Ras al Hajar einreisen. Da hatte Rose Fenton sich diese Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen.

„Ich glaube nicht, dass Sie sich Sorgen machen müssen, Sir. Miss Fenton steht im Ruf einer unbestechlichen Berichterstatterin. Wenn Ihr Cousin auf schmeichelhafte Publicity aus ist, hat er sich die falsche Frau ausgesucht.“

„Mag sein. Sagen Sie mal, gefällt Tim Fenton seine Arbeit hier?“

Partridges Schweigen sagte alles. Rose Fenton gegenüber brauchte man auch nicht so deutlich zu werden. Dafür war sie viel zu klug. Und Abdullah würde es ihr leicht machen. Er würde ihr zeigen, was er alles für sein Land tat. Und um es zu beweisen, würde er sie in seiner klimatisierten Luxuslimousine herumchauffieren und die Tempel des Fortschritts vorführen lassen – von der ultramodernen Klinik bis zu den bahnbrechenden Sportanlagen und der neu eröffneten Einkaufspassage aus Stahl und Glas.

Abdullah würde Rose Fenton ständig auf Trab halten, damit sie keine Zeit fand, sich nach Dingen umzusehen, die ihr nicht gefallen könnten, selbst wenn sie es vorhatte. Schließlich wäre ein persönliches Interview mit dem medienscheuen Regenten für jeden Journalisten ein echter Knüller.

Er, Hassan, war längst nicht so gut auf Journalisten zu sprechen wie sein Berater, auch dann nicht, wenn sie so angesehen waren wie die schöne Rose Fenton.

Prompt wechselte Hassan die Taktik. „Sagen Sie mal, Partridge, Sie sind doch so gut unterrichtet. Was hat mein Cousin vor, um der Lady während ihres Aufenthalts hier etwas Besonderes zu bieten? Ich nehme jedenfalls an, dass er ihr etwas bieten möchte.“ Die Vorstellung war abstoßend, aber er wusste, dass es vor allem Rose Fentons hübsches Gesicht und ihr feuerrotes Haar waren, die seinen Cousin interessierten, und weniger ihre Fähigkeiten als Journalistin. Partridges Gesichtsausdruck verriet dann auch, welche Wirkung Miss Fenton auf empfängliche Männer ausübte. „Nun?“

„Es ist ein vielseitiges Programm vorgesehen“, bestätigte der Berater seine Vermutungen. „Eine Dhaufahrt an der Küste entlang, ein Fest in der Wüste, eine Stadtrundfahrt …“

„Er will für sie also den roten Teppich mit allem Drumherum ausrollen lassen. Sonst noch etwas?“

„Na ja, da ist natürlich noch die Cocktailparty in der Britischen Botschaft …“ Partridge zögerte.

„Liege ich richtig, wenn ich vermute, dass Sie sich das Beste bis zum Schluss aufheben?“

„Seine Hoheit gibt ihr zu Ehren einen Empfang im Palast.“

„Also wie bei einem Staatsbesuch.“ Hassan sah seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. „Finden Sie nicht, dass das für eine Frau, die sich von einer Lungenentzündung erholt, ein ziemlich anstrengendes Programm ist?“

„Sie war wirklich krank, Euer Exzellenz. Bei einer Reportage irgendwo in Osteuropa ist sie buchstäblich vor laufender Kamera zusammengebrochen. Ich habe es selbst gesehen. Sie sank nach vorn … Im ersten Moment dachte ich, ein Scharfschütze hätte sie erwischt. Wie sah sie denn aus?“, fragte Partridge neugierig. „Sie haben sie doch an Bord der Maschine erlebt.“

„Nur kurz. Sie sah aus …“ Hassan verstummte und dachte darüber nach. Rose Fenton hatte etwas angegriffen gewirkt. Ihr Gesicht war etwas schmaler gewesen als beim letzten Mal, als er sie bei einer Satellitenübertragung gesehen hatte. Vielleicht war das der Grund, warum ihm ihre dunklen Augen so unnatürlich groß erschienen waren.

Wegen des kalten Wetters in England hatte sie in der Maschine einen roten Pullover getragen, dessen Farbe eigentlich nicht zu ihrem roten Haar passte, ihr jedoch seltsamerweise einen besonderen Reiz verliehen hatte …

Rose Fenton hatte von ihrem Buch aufgesehen und war seinem Blick begegnet. In ihren Augen hatte ein offener, zuversichtlicher Ausdruck gelegen, der jedoch keineswegs kokett wirkte. Er besagte vielmehr, dass sie sich über Gesellschaft freuen würde, weil die Zeit so schneller verflog.

Inzwischen musste Hassan sich eingestehen, dass er versucht gewesen war, sich zu ihr zu setzen, denn er wollte gern wissen, wieso sie im Privatjet seines Cousins mitflog. Und natürlich bereitete es ihm auch Vergnügen, die Reise in Gesellschaft einer schönen Frau zu verbringen …

Einen Augenblick lang war er drauf und dran, den Steward zu rufen, um sie nach vorn einzuladen. Doch dann siegte die Vernunft. Es war nicht gut, sich mit Journalisten abzugeben. Man wusste schließlich nie, was sie hinterher über einen schreiben würden. Zu spät hatte er gelernt, dass man schnell in Verruf geraten konnte, erst recht wenn eine Situation einer hochrangigen Person gelegen kam.

Und sobald die Maschine ausgerollt war, würde Abdullah zweifellos erfahren, dass sie sich unterhalten hatten. Hassan rutschte unbehaglich auf seinem Sitz hin und her. Mit Rose Fenton gesehen zu werden würde ihm in Palastkreisen nicht guttun.

Er hatte es für besser gehalten, sie weiter ihrem Buch zu überlassen. Romane waren sehr viel weniger gefährlich als die Wirklichkeit …

Hassan wurde bewusst, dass Partridge immer noch auf eine Antwort wartete. „Sie sah nicht schlecht aus“, erklärte er unwirsch.

Rose Fenton blieb stehen, um Atem zu holen, als sie aus der kühlen Ankunftshalle des Flughafens in die Mittagshitze von Ras al Hajar hinaustrat.

Obwohl in den Londoner Parks schon die Narzissen blühten, war der Frühling dort noch nicht richtig eingezogen. Ihrer ungewohnt besorgten Mutter zuliebe hatte sie warme Unterwäsche und einen dicken Pullover angezogen.

„Ist alles in Ordnung, Rose? Du musst von der Reise müde sein.“

„Keine Sorge, Tim.“ Ihr Bruder klang bereits wie ihre Mutter, und Rose war es nicht gewohnt, umsorgt zu werden. Es erinnerte sie daran, wie krank sie gewesen war. Sie zog ihren Pullover aus. „Ich bin nicht krank, mir ist nur heiß“, versicherte sie gereizt. Es ging ihr gegen den Strich, dass sie sich immer noch nicht ganz so fit fühlte, wie sie alle glauben machen wollte. Die offensichtliche Besorgnis ihres Bruders ließ sie jedoch wieder einlenken. „Bitte entschuldige, Tim. Ich reagiere einfach nur so heftig, weil Mum mich seit einem Monat behandelt, als könnte ich jeden Moment an Schwindsucht sterben.“ Verschwörerisch lächelnd hakte Rose sich bei ihrem Bruder unter. „Dabei hatte ich gedacht, ich wäre endlich eigenständig.“

„Na ja, ich muss zugeben, dass du gar nicht so schlimm aussiehst, wie ich nach ihrem Gehabe gedacht hatte“, schlug Tim den üblichen neckenden Ton an. „Dabei hatte ich schon überlegt, ob ich für deinen Besuch einen Rollstuhl mieten soll.“

„Das wird bestimmt nicht nötig sein.“

„Also nur einen Krückstock?“

„Nur wenn ich dich damit verprügeln soll.“

„Dir geht’s also tatsächlich besser“, stellte Tim vergnügt fest.

„Mir blieben nur zwei Möglichkeiten: schnell wieder gesund zu werden oder vor Langeweile zu sterben. Mum ließ mich bestenfalls alte Zeitschriften lesen“, berichtete Rose, während ihr Bruder sie zu seinem staubigen, drei Jahre alten grünen Rangerover führte. „Und als sie merkte, dass ich mir die Nachrichten ansah, drohte sie mir damit, mir den Fernseher wegzunehmen.“

„Du übertreibst, Rose.“

„Aber nein!“ Dann gab sie zu: „Na ja, vielleicht ein bisschen.“ Sie lächelte. „Aber ich bin wirklich nicht müde. Der Privatjet eines Emirs unterscheidet sich von einem Touristenflieger etwa so wie ein Fahrrad von einem Rolls-Royce.“ Schalkhaft setzte sie hinzu: „Diese Art zu fliegen lernen gewöhnliche Sterbliche gar nicht kennen, Tim.“ Sie atmete die warme Wüstenluft tief ein. „Das ist es, was ich brauche. Lass mich erst mal aus der Thermounterwäsche steigen, dann bin ich nicht mehr aufzuhalten.“

„Da muss ich dich warnen, Schwesterherz. Man hat mir strengstens befohlen, darauf zu achten, dass du dich körperlich nicht überanstrengst.“

„Spielverderber. Dabei hatte ich erwartet, von einem Wüstenprinzen auf einem feurigen schwarzen Hengst entführt zu werden“, erwiderte Rose im gleichen Ton. Als ihr Bruder von der Idee gar nicht begeistert zu sein schien, drückte sie beruhigend seinen Arm. „War doch nur ein Scherz. Gordon hat mir als Bordlektüre ein Exemplar von Der Scheich mitgegeben.“ Ihr Nachrichtenredakteur besaß einen merkwürdigen Humor. Oder vielleicht war es nur ein Vorwand gewesen, um ihr unter dem wachsamen Blick ihrer Mutter die Plastiktüte mit dem Aufdruck des Buchladens in die Hand zu drücken, in der sich das Informationsmaterial befand, das Gordon über die politische Situation in Ras al Hajar zusammengestellt hatte. Rose klopfte auf die Tasche, die sie über der Schulter trug. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob es eine Anregung oder Warnung sein soll.“

„Willst du damit sagen, du hast es tatsächlich gelesen?“

„Es ist ein klassischer Frauenroman“, bemerkte sie trocken.

„Da kann ich nur hoffen, dass du ihn als Warnung verstehst. Ich habe meine Anweisungen von Ma, und glaub mir, Reiten jeder Art ist gestrichen. Du darfst am Pool im Schatten liegen und vormittags etwas Seichtes lesen, aber nur, wenn du versprichst, nicht ins Wasser zu gehen …“

„Das geht jetzt schon seit Wochen so, Tim. Ich verspreche überhaupt nichts.“

„Nur wenn du versprichst, nicht ins Wasser zu gehen“, wiederholte ihr Bruder gespielt streng, „und am Nachmittag ein Nickerchen machst.“ Sanfter setzte er hinzu: „Du hast uns allen einen ganz schönen Schrecken eingejagt, weißt du. Mitten in den Abendnachrichten zusammenzubrechen …“

„Das war sehr unprofessionell“, gab Rose zu. „Man erwartet von mir, dass ich Nachrichten bringe, und nicht, dass ich welche mache …“ Sie verstummte und blickte interessiert der langen schwarzen Limousine mit den dunklen Fenstern nach, die den Flughafen verließ.

Ihr war klar, dass der Privatjet des Emirs, in dem sie auf Ersuchen ihres Bruders hatte mitreisen dürfen, wegen des Mannes geflogen war, der in der Limousine saß. Er trug einen eleganten dunklen Anzug und ein dezent gestreiftes Hemd mit einer Seidenkrawatte und hätte der Vorstandsvorsitzende eines großen Konzerns sein können, der in letzter Minute an Bord gekommen war. Aber das war er nicht.

Ihre Blicke waren sich begegnet, und sie hatten sich in Sekundenschnelle erkannt, ehe die Stewardess die Kabinentür schnell geschlossen hatte.

Schade, dachte Rose. Prinz Hassan al Rashid gehörte zu den Leuten, die sie unbedingt kennenlernen musste. In dem Stapel von Fotos, die sie gesehen hatte, war sein markantes Gesicht mit den durchdringenden grauen Augen das Einzige gewesen, das sie hatte aufmerken lassen. Wenn sie auf eine Romanze mit einem Scheich auf einem rassigen Araberhengst aus gewesen wäre, hätte dieser Mann genau ihrer Vorstellung entsprochen.

Nachdem er die Maschine betreten hatte, war Prinz Hassan kurz stehen geblieben, ehe die Tür hinter ihm geschlossen worden war, und hatte sie mit seinen grauen Augen auf eine Weise angesehen, die ihr durch und durch ging. In diesem Augenblick hatte sie sich unendlich weiblich und verletzlich gefühlt, was zu einer achtundzwanzigjährigen Journalistin mit ihrer Berufs- und Lebenserfahrung überhaupt nicht passte.

Doch sie, Rose, merkte es, wenn ein Mann ihr gefährlich werden konnte. Sein Foto war der Wirklichkeit nicht annähernd gerecht geworden.

Was für einen Eindruck sie auf ihn gemacht hatte, wenn überhaupt, war schwer zu sagen. In den wenigen Sekunden, ehe Prinz Hassan hinter der Tür verschwunden war, hatte sein Gesichtsausdruck nichts verraten.

Es war wie ein Vorgeschmack auf das Rollenspiel zwischen Frau und Mann im Orient gewesen, und Rose fühlte sich unbehaglich. Obwohl man sie während des ganzen Flugs wie eine Prinzessin behandelt hatte, wusste sie, dass Prinz Hassan ihr sehr viel mehr Respekt erwiesen hatte, indem er ihre Anwesenheit nicht zur Kenntnis genommen hatte, als wenn er sich zu ihr gesetzt hätte. Als Journalistin jedoch war sie natürlich enttäuscht.

Außerdem passte diese Respektsbekundung eigentlich nicht zu seinem Ruf als Playboy. Er würde den Reichtum, der ihm aus den Ölquellen des Landes zufloss, großzügig für den Schmuck schöner Frauen und an den exklusivsten Spieltischen der Welt ausgeben, hieß es.

Zu Hause allerdings, in Ras al Hajar, beugte er sich anscheinend den Traditionen. Als er vor ihr ausgestiegen und auf der Rollbahn von den Würdenträgern des Landes begrüßt worden war, hatte er die Gewandung eines Wüstenprinzen getragen.

Der leichte Kamelhaarumhang, den Prinz Hassan über seine schwarzen Gewänder geworfen hatte, und die schwarze Keffiyeh, die von einem schlichten Strick aus Kamelhaar gehalten wurde, hatten im Wind geflattert. Sie hatte gespürt, wie ungeduldig der Prinz die zeremoniellen Ehrungen über sich ergehen ließ, während die Männer nacheinander vorgetreten waren, um seine Hand zu ergreifen und sich tief darüber zu verneigen.

Tim war nicht entgangen, dass Rose der Limousine gebannt nachsah, deren dunkle Fenster das Licht der Morgensonne widerspiegelten.

„Prinz Hassan“, sagte er leise.

„Prinz wer?“ Rose stellte sich unwissend. Sie hatte längst gelernt, dass die Leute ihr dann mehr verrieten.

Doch Tim tat ihr nicht den Gefallen, mit Klatsch aufzuwarten, wie sie gehofft hatte. „Niemand, der dich interessieren müsste, Schwesterherz. Das ist nur der Playboy des Landes.“

„So? Nach dem unterwürfigen Gehabe zu urteilen, das sie um ihn gemacht haben, als er aus der Maschine stieg, hätte ich eher gedacht, er müsste der nächste Thronanwärter sein.“

„Er ist kein Anwärter auf irgendetwas.“ Er zuckte die Schultern. „Hassan wird das ganze Gehabe, wie du es nennst, nur zuteil, weil sein Vater eine Kugel abgefangen hat, die für den alten Emir bestimmt war. Genau gesagt, mehrere Kugeln.“

„Tatsächlich?“ Stell dich dumm, Rosie. Der alte Trick. „Er wurde angeschossen?“

Tim tat ihr den Gefallen und stillte ihre Neugier. „Ja, er wurde angeschossen. Als Belohnung für eine Kugel in der Schulter und ein zerschmettertes Bein erhielt er die Lieblingstochter des alten Emirs zur Frau und viele Vergünstigungen. Leider konnte er das schöne Leben nicht lange genießen.“

„Er hat den Anschlag nicht überlebt?“

„Von dem hat er sich ziemlich schnell erholt. Aber er kam wenige Monate nach der Hochzeit bei einem Autounfall ums Leben.“

„Wie schrecklich!“ Rose konnte ihre Zweifel nicht unterdrücken. „War es wirklich ein Unfall?“

Ihr Bruder lächelte wissend. „Du begreifst schnell.“ Er zuckte die Schultern. „Da kann ich genau wie du nur Vermutungen anstellen.“

„Na ja, jedenfalls hat er lange genug gelebt, um einen Sohn zu zeugen“, bemerkte sie. „Ein bedeutender Schritt in Richtung Unsterblichkeit.“

„Rose“, mahnte Tim sanft.

„Hm.“ Geistesabwesend blickte sie immer noch der Limousine nach, die das Flughafengelände schnell hinter sich ließ.

Natürlich gehörte es zu ihren Aufgaben, sich für jeden zu interessieren, der dem Thron so nahe war, selbst wenn er ihn nicht besteigen konnte. Aber da war noch etwas, das sie auf den Mann mit den ungewöhnlichen grauen Augen neugierig machte.

Sie hatte schon viele Männer mit solchen Augen kennengelernt, die andere mit einem einzigen Blick beherrschen konnten. Es war nicht die Farbe, die es bewirkte, sondern die Stärke und Überzeugungskraft, die in ihnen lag. Die Augen dieses Mannes gehörten keinem Playboy. Doch vielleicht spielte er diese Rolle nur. Der Gedanke ließ sie erschauern.

Ihr wurde bewusst, dass Tim ihr immer noch geduldig die Tür aufhielt, und sie lächelte. „Ich mag nun mal Geschichten über menschliche Hintergründe. Erzähl mir von diesem Hassan al Rashid. Sein Vater muss noch vor seiner Geburt gestorben sein.“

„Ja, das stimmt. Vielleicht hat der alte Emir Hassan deshalb vorgezogen.“ Er blickte zu der Limousine zurück, die in Richtung Wüste fuhr. „Zu viel Geld, zu wenig zu tun. Das konnte nicht gut gehen.“

„Wieso?“

Tim zuckte die Schultern. „Frauen, Spielkasinos … Aber was hätte man auch anderes erwarten können? Ein Mensch muss eine Aufgabe haben, und trotz seines Titels ist Hassan al Rashid wirksam von der Palastpolitik ausgeschlossen.“

„So? Und warum?“ Die Frage war Rose herausgerutscht, und ihrem Bruder wurde bewusst, dass sie ihn auszuhorchen versuchte.

„Lassen wir das, Rose“, wechselte er entschlossen das Thema. „Du bist hier, um dich auszuruhen und gesund zu werden, und nicht, um einer Story nachzuspüren, die es gar nicht gibt.“

„Wenn du mir nicht verrätst, warum dieser Hassan al Rashid sich politisch nicht betätigen kann, wird die Sache mir nicht aus dem Kopf gehen, ob ich will oder nicht“, gab sie zu bedenken, während er ihr in den klimatisierten Geländewagen half.

„Schlag sie dir trotzdem aus dem Kopf“, riet er. „In diesem Staat herrscht keine Demokratie, und schnüffelnde Journalisten sind hier nicht willkommen.“

„Ich bin keine Schnüfflerin.“ Rose lächelte schalkhaft. „Es interessiert mich nur.“ Prinz Hassan interessierte sie sogar sehr. Männer mit solchen Augen vergeudeten keine Zeit mit Spielchen …

„Mir kannst du nichts vormachen. Du bist als Prinz Abdullahs Gast hier, Rosie. Wenn du dich nicht an die Spielregeln hältst, sitzt du im Handumdrehen in der nächsten Maschine nach Hause. Und ich auch. Also vergiss es. Bitte.“

Ihr Bruder hatte sie seit Jahren nicht mehr Rosie genannt. Offenbar wollte er sie daran erinnern, dass sie trotz ihrer Erfolge und ihrer Berühmtheit als Journalistin immer seine kleine Schwester blieb. Und dass dies sein Revier war. Also tat sie die Sache schulterzuckend ab und beließ es dabei. Außerdem glaubte sie, die Antwort auf ihre Frage zu kennen. Hassans Vater mochte ein Held gewesen sein, aber er war letztlich ein Ausländer gewesen, ein Schotte, den es in die Wüste gezogen hatte. Sie besaß Zeitungsausschnitte, die es bewiesen.

Doch das brauchte Tim nicht zu wissen. „Tut mir leid. Das ist bei mir wohl die Macht der Gewohnheit, wenn ich mich langweile.“

„Dann müssen wir dafür sorgen, dass du dich nicht langweilst. Ich habe eine kleine Party organisiert, um dich mit einigen Leuten bekannt zu machen. Und Prinz Abdullah hat keine Mühe gescheut, damit du dich amüsierst.“

Rose ließ sich von Tim berichten, welche Partys, Empfänge und andere Ereignisse ihr bevorstanden, und verfolgte das Thema nicht weiter, das sie am meisten interessierte. Immerhin würde sie auf diesen Partys und Empfängen den neusten Klatsch zu hören bekommen und, wenn sie Glück hatte, auch den Playboy des Landes treffen.

„Ein Empfang im Palast?“, fragte sie vorsichtig.

„Nur wenn du dich dem gewachsen fühlst.“ Tim sah sie von der Seite an und verzog das Gesicht. „Ich sollte dich aber warnen, dass Abdullah dich nicht ganz uneigennützig in seiner Privatmaschine hat mitfliegen lassen. Sicher wird er auf charmante Weise versuchen, dich zu veranlassen, für ihn schmeichelhafte Interviews und Berichte zu bringen.“

„Da wird er kein Glück haben.“ Im Stillen strich sie das Interview mit Abdullah, das auf ihrer Prioritätenliste für Ras al Hajar an zweiter Stelle stand. Eigentlich schade. Doch so würde sie mehr Zeit haben, sich mit Prinz Hassan zu beschäftigen. „Ich bin schließlich hier, um auszuspannen.“

„Seit wann rangiert bei dir die Entspannung vor der Arbeit, Schwesterherz? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du dir eine Gelegenheit zu einem Exklusivinterview mit dem Herrscher eines strategisch wichtigen Ölstaats entgehen lässt, ganz gleich, wie krank du bist.“

„Mit dem Regenten“, verbesserte Rose ihren Bruder, ohne ihm zu widersprechen. „Müsste der junge Emir nicht bald aus Amerika zurückkehren? Oder könnte es sein, das Prinz Abdullah jetzt, nachdem er einen Vorgeschmack auf das Leben an der Spitze bekommen hat, keine rechte Lust mehr hat, das Zepter wieder abzugeben? Ich meine, wenn man mal König war, kommt alles andere nur noch einem Abstieg gleich, findest du nicht?“ Er runzelte die Stirn, und seine Miene wirkte plötzlich besorgt. Beruhigend legte Rose ihm die Hand auf den Arm und lächelte. „Ich werde mich damit begnügen, faul am Pool zu liegen und meine Nase höchstens mal in ein Buch zu stecken, in Ordnung?“

Ihr Bruder nickte ernst. „Das wäre sicher das Beste. Ich werde Seiner Hoheit sagen, dass du noch zu schwach für Partys bist.“

„Tu das ja nicht! Sag ihm … Sag ihm, ich sei noch zu schwach zum Arbeiten.“

Hassan war immer noch tief in Gedanken versunken, als sein Wagen hielt. „Sie müssen in die Staaten fliegen, Partridge. Es wird Zeit, dass Faisal nach Hause kommt.“

„Aber Euer Exzellenz …“

„Ich weiß, ich weiß.“ Hassan machte eine ungeduldige Handbewegung. „Er genießt seine Freiheit und will nicht zurückkommen, aber jetzt kann er es nicht mehr länger aufschieben.“

„Von Ihnen würde er es besser aufnehmen, Sir.“

„Mag sein. Der Umstand, dass ich das Land auf keinen Fall verlassen kann, wird ihm allerdings den Ernst der Lage klarmachen und ihn überzeugen, dass er schleunigst zurückkommen muss.“

„Und was soll ich ihm sagen?“

„Sagen Sie ihm … wenn er sein Land behalten will, ist es für ihn allerhöchste Zeit, nach Hause zurückzukehren, ehe Abdullah es ihm abnimmt. Deutlicher kann ich mich nicht ausdrücken.“

Hassan stieg aus der Limousine und ging über die Steinplatten des Hofs auf die großen geschnitzten Tore des Küstenwachturms zu, in dem er wohnte.

„Und Miss Fenton?“, fragte Partridge, der ihm langsam folgte, weil er sich auf seinen Gehstock stützen musste.

Hassan blieb am Eingang zu seinem Privatapartment stehen. „Überlassen Sie Miss Fenton mir“, erklärte er scharf.

Partridge wurde blass und ging rasch um Hassan herum, sodass dieser stehen bleiben musste. „Sir, Sie werden doch nicht vergessen, dass sie krank war …“

„Ich vergesse nicht, dass sie Journalistin ist.“ Seine Miene verfinsterte sich, als Hassan das besorgte Gesicht seines Beraters sah. Die glückliche Rose Fenton. Sie wurde von einem unermesslich reichen, mächtigen alten Mann gebraucht, weil sie ihn in ein gutes Licht rücken konnte. Wie viele Frauen konnten ihren Urlaub mit so einem Vorteil verbinden?

„Und was wollen Sie tun, Sir?“

„Tun?“ Er, Hassan, war es nicht gewohnt, gefragt zu werden, was er vorhatte.

Partridge mochte beunruhigt sein, feige war er nicht. „Was Miss Fenton betrifft.“

Hassan lächelte zynisch. „Was glauben Sie, was ich tun werde, Mann?“ Plötzlich sah er das Buch vor sich, das sie gelesen hatte. „Sie wie ein Bandit aus der guten alten Zeit in die Wüste entführen?“

Nun wurde Partridge verlegen. „N… nein.“

„Sie scheinen sich da nicht sehr sicher zu sein“, bemerkte Hassan. „Mein Großvater hätte es bestimmt getan.“

„Ihr Großvater lebte zu einer anderen Zeit, Sir“, gab Partridge zu bedenken. „Ich sollte jetzt wohl packen gehen.“

Finster blickte Hassan dem jungen Mann nach. Eine halbe Stunde später reichte er Partridge den Brief, den er an seinen jüngeren Halbbruder geschrieben hatte, und begleitete ihn zum Jeep, der ihn zur Anlegestelle bringen sollte. Im Hof drängten sich Reiter mit Falken an den Handgelenken, in ihrem Gefolge hochbeinige Salukis mit seidigem Fell.

Partridge kniff die Augen zusammen. „Sie gehen jagen, Sir? Jetzt?“

„Ich muss erst mal die stickige Londoner Luft loswerden und wieder gute, saubere Wüstenluft in die Lungen bekommen.“ Falls Abdullah heimlich einen Staatsstreich plante, war es besser, sich ins Wüstenlager zurückzuziehen, wo seine Anwesenheit weniger auffallen würde. „Ich rufe Sie morgen an.“

„So, da sind wir.“

„Einfach traumhaft, Tim.“ Die Villa lag außerhalb der Stadt auf einem Hang in der Nähe der königlichen Stallungen und bot einen herrlichen Ausblick über die zerklüftete Küste. Tim war als Chefveterinär für sämtliche tierärztlichen Dienste des Landes verantwortlich, doch seine Hauptaufgabe bestand in der Betreuung der Pferde des Regenten. Unterhalb der Villa befand sich ein Palmenhain, und im Garten schwirrten bunte Vögel zwischen blühenden Oleanderbüschen umher. „Ich war auf Wüste, Sand und Dünen gefasst …“

Während sie sich der Villa näherten, wurde das Eingangsportal geöffnet. Tims Angestellter verbeugte sich ehrerbietig vor Rose, als sie die Halle betrat.

„Rose, das ist Khalil. Er kocht und räumt auf und kümmert sich um alles im Haus, damit ich ungestört arbeiten kann.“

Scheu erwiderte der junge Mann Roses Lächeln.

„Meine Güte, Tim“, sagte sie, nachdem sie alles bewundert hatte, von den kostbaren Teppichen auf den blank polierten Hartholzböden bis zu dem kleinen Swimmingpool im von Mauern umgebenen Garten unterhalb der Terrassentüren. „Ein wahrlich kometenhafter Aufstieg von deinem heruntergekommenen kleinen Haus in Newmarket.“

„Wenn du das schon für Luxus hältst, warte nur, bis du die Stallungen siehst. Die Pferde haben einen viel größeren Swimmingpool als ich. Und ich leite ein supermodernes Krankenhaus und bekomme alles, was ich anfordere …“

„Schon gut, schon gut.“ Tims Begeisterung entlockte Rose ein Lächeln. „Später kannst du mich überall herumführen. Jetzt möchte ich erst mal duschen.“ Sie hob ihr Haar im Nacken leicht an. „Danach muss ich mir unbedingt etwas Leichteres anziehen.“

„Natürlich. Bitte entschuldige. Also mach dich frisch, und pack aus. Fühl dich hier wie zu Hause. Ruh dich aus, und iss etwas, Schwesterherz. Ich zeige dir jetzt erst mal dein Zimmer.“ Tim führte sie durch eine weitläufige Suite. „Du hast mehr als genug Zeit, dir alles anzusehen, Rosie.“

An der Tür blieb sie stehen und hielt unwillkürlich den Atem an. Es war jedoch nicht die Pracht ihres Zimmers, die Rose überraschte, sondern der Anblick der Körbe mit Rosen, die auf allen verfügbaren Abstellflächen standen. „Woher kommt dieses Rosenmeer?“

„Wo Rosen zu dieser Jahreszeit wachsen.“ Tim schien der übertriebene Aufwand peinlich zu sein. „Ich hätte gedacht, dass du an so etwas inzwischen gewöhnt bist. Lilien, Gänseblümchen oder Chrysanthemen schickt man nun mal nicht, oder?“

„Kaum“, musste sie zugeben. Sie suchte nach einer Karte, fand jedoch keine. „Aber normalerweise höchstens im Dutzend. Die Rosen hier scheint jemand gleich körbeweise in Auftrag gegeben zu haben.“

„Na ja, Prinz Abdullah hat sie heute Morgen schicken lassen, damit du dich hier wie zu Hause fühlen sollst.“

„Er scheint wohl zu glauben, dass ich in einem Blumenladen lebe.“

Er verzog das Gesicht. „Hier hat alles andere Dimensionen.“ Unruhig blickte er auf die Uhr. „Rose, darf ich dich eine Stunde oder so allein lassen? Da ist eine Stute, die bald fohlen müsste …“

Lachend winkte Rose ab. „Geh nur. Ich komm schon zurecht.“

„Wenn du meinst. Falls du mich brauchst …“

„Wiehere ich.“

Seine Züge entspannten sich, und er lächelte. „Also, ich bin sicher, dass es das Telefon hier auch tut.“

Nachdem ihr Bruder gegangen war, wandte sie sich wieder den makellosen cremefarbenen Rosen zu und widerstand der Versuchung, sie zu zählen. Nachdenklich strich sie mit der Daumenspitze über die samtigen Blüten einer halb geöffneten Rose. Die Blumen waren wunderschön, aber sie verströmten keinen Duft. Sie waren sterile künstliche Gebilde ohne wirkliche Bedeutung.

Ihre Gedanken schweiften zu Prinz Hassan al Rashid. Auch der Prinz war gewissermaßen ein Klischee. Doch seine grauen Augen ließen vermuten, dass sich hinter der Fassade etwas ganz anderes verbarg.

Prinz Abdullah mochte mit seinem Privatjet und den Rosen um ihre Mitarbeit werben, aber ihr Interesse galt Prinz Hassan.

2. KAPITEL

„Was soll das heißen, Sie können ihn nicht finden?“ Prinz Hassan zügelte seine Wut nur mühsam. „Seine Leibwächter bewachen ihn doch Tag und Nacht …“

„Er hat sie ausgetrickst.“ Über die Satellitenverbindung klang Partridges Stimme seltsam hohl. „Anscheinend ist da ein Mädchen im Spiel …“

Natürlich! Hassan verwünschte seinen Cousin. Und die Holzköpfe, die auf ihn aufpassen sollten.

Aber er war schließlich selbst einmal vierundzwanzig gewesen, obwohl es ihm vorkam, als würde es Jahrhunderte zurückliegen. Nur zu gut erinnerte er sich, wie es gewesen war, jeden Moment wachsamen Augen ausgesetzt zu sein. Und wie leicht es gewesen war, die Wachhunde abzuschütteln, wenn es da ein Mädchen gegeben hatte.

„Suchen Sie ihn, Partridge. Und bringen Sie ihn sofort nach Hause. Sagen Sie ihm …“ Was? Dass es ihm leidtat? Dass er Faisal verstand? Was würde er damit schon erreichen? „Sagen Sie ihm, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt.“

„Ich werde alles Nötige tun, Euer Exzellenz.“

Hassan stand am Eingang seines Zelts, und Partridges Bericht beschäftigte ihn. Alles Nötige. Auch sein sterbender Großvater hatte ihm das an dem Tag gesagt, an dem er seinen jüngeren Enkel Faisal zu seinem Erben und seinen Neffen Abdullah zum Regenten ernannt hatte. Was immer für mein Land nötig ist. Das hatte eine Art Entschuldigung sein sollen, doch er, Hassan, war zutiefst verletzt und wütend gewesen. Er hatte sich übergangen gefühlt und die Entscheidung nicht verstehen wollen. Jung und unerfahren, wie er damals gewesen war, hatte er sich wie ein Dummkopf aufgeführt.

Inzwischen war er älter und klüger geworden und hatte begriffen, dass ein Mann, der herrschen wollte, seine persönlichen Wünsche der Staatsräson opfern musste.

In wenigen Wochen würde sein junger Halbbruder Faisal fünfundzwanzig werden und damit die Bürde des Königtums übernehmen müssen. Auch ihm blieb nichts anderes übrig, als diese Lektion zu lernen. Und zwar schnell.

Bis dahin mussten sie dafür sorgen, dass Abdullahs Versuch, über die Medien einen Staatsstreich anzuzetteln, scheiterte. Sein Cousin wandte sich zwar nicht direkt an die Medien, doch er wusste um ihre Macht und würde sich die Chance nicht entgehen lassen, jemanden wie Rose Fenton für seine Zwecke einzuspannen.

Inzwischen hatte man sie zweifellos bereits durch die modernen, parkähnlichen Viertel der Stadt kutschiert, und es würde ganz leicht sein, sie glauben zu machen, dass alles bestens wäre. Abdullah musste nur dafür sorgen, dass sie nicht zu genau hinsah. Und er besaß die Macht, es geschickt zu verhindern.

Vielleicht ließ Rose Fenton sich von seinen Geschenken, dem Goldschmuck und den Perlen, mit denen er sie überschütten würde, nicht kaufen. Das war ziemlich unwahrscheinlich. Er, Hassan, glaubte nicht an die Mär vom kämpferischen, unbestechlichen Journalisten. Und Abdullah war ein Diktator, der mehrgleisig fuhr. Falls er es mit Geld nicht schaffen sollte, verfügte er immer noch über ihren Bruder als Faustpfand und konnte mit ihm als Geisel sicherstellen, dass die Journalistin mitspielte.

Mit diesen Spielchen kannte er, Hassan, sich jedoch ebenso gut aus. Und obwohl er sicher war, dass Rose Fenton die Sache anders sah, würde er ihr sogar einen Gefallen tun, wenn er sie für eine Weile aus dem Verkehr zog.

Wenn ihre Familie empört aufbegehrte, das britische Außenministerium und die Medien aufgebracht reagierten, würde sein Cousin dringendere Sorgen haben, als Faisal um den Thron zu bringen. Unter diesen Umständen zog Abdullah es dann vielleicht sogar vor, sich zurückzuziehen. Er genoss seine Rolle als stellvertretendes Staatsoberhaupt, doch auf die Pflichten, die diese Rolle mit sich brachte, war er weniger erpicht.

Partridge würde außer sich sein, aber da er wusste, wie dringlich die Situation war, würde er sicher schweigen. Zumindest in der Öffentlichkeit.

„Pferderennen?“ Rose nahm sich eine Scheibe Toast. Seit sechs Jahren war sie auf keiner Rennbahn mehr gewesen. Ihre Zeit war stets so knapp bemessen, dass es immer einen wichtigen Grund gegeben hatte, die zahlreichen Einladungen nach Ascot und Cheltenham auszuschlagen, die sie erhielt.

„Abends bei Flutlicht. Dann ist es kühler. Vor allem im Sommer“, setzte Tim hinzu und lächelte vielsagend. „Auch ein Kamelrennen findet dort statt. Willst du das etwa versäumen?“

Rose tat so, als müsste sie darüber nachdenken. „Ja.“

Einen Moment sah es so aus, als wollte er etwas erwidern, sie umzustimmen versuchen, doch dann verzichtete er darauf und zuckte nur die Schultern. „Na ja, das musst du selbst wissen.“ Falls er über ihre Entscheidung enttäuscht war, ließ er es sich nicht anmerken. „Aus verständlichen Gründen muss ich natürlich dort sein, aber ich komme hinterher zurück und hole dich ab.“

Rose, die ihren Toast mit Butter bestrich, blickte auf. „Du holst mich ab?“

Ruhig deutete Tim auf den weißen Umschlag, der an dem Glas mit Orangenmarmelade stand. „Nach dem Rennen sind wir zum Essen eingeladen.“

„Schon wieder?“ Aß denn in Ras al Hajar niemand mal in aller Ruhe zu Hause eine Pizza und sah sich ein Video an? „Von wem diesmal?“

„Simon Partridge.“

„Kenne ich ihn?“ Sie nahm den Umschlag und zog eine Karte heraus. Die förmliche Einladung war in markanter Handschrift verfasst. „Simon Partridge bittet Sie um das Vergnügen …“

„Nein. Er ist Prinz Hassans Berater.“

Eben noch hatte sie, Rose, vorgehabt, sich unter einem Vorwand einem weiteren steifen Abendessen zu entziehen, doch plötzlich hatte der Videoabend seinen Reiz verloren. Seit sie aus der Maschine gestiegen war, hatte sie den Prinzen nicht mehr gesehen. Sie hatte nach ihm Ausschau gehalten und darauf geachtet, ob irgendwo sein Name fiel, aber er schien vom Erdboden verschluckt zu sein.

„Er wird dir gefallen“, erklärte Tim. Vermutlich meinte er Simon Partridge und nicht Hassan, doch sie hütete sich, ihn danach zu fragen. Es war besser, sich nicht anmerken zu lassen, wie stark Hassan sie interessierte. „Er wollte dich unbedingt kennenlernen, aber inzwischen hat er die Stadt verlassen.“

„So?“ Nun musste Rose lachen. „Sag mal, Tim, wohin geht man hier in Ras al Hajar, wenn man ‚die Stadt verlässt‘?“

„Nirgendwohin. Das ist es ja. Man lässt die Zivilisation hinter sich.“

„Das habe ich auch schon getan.“ In den letzten Jahren war sie oft genug an höchst unzivilisierten Orten gewesen. „Die Leute übertreiben da meistens.“

„Mit der Wüste ist das anders. Deshalb bricht jemand wie Hassan sofort nach der Heimkehr mit seinen Hunden und Falken in die Wüste zur Jagd auf. Und wenn du sein Berater bist, begleitest du ihn.“

„Ich verstehe.“ Wenn Simon Partridge also wieder in der Stadt war, musste Prinz Hassan auch zurück sein. „Erzähl mir von Simon Partridge. Es ist ungewöhnlich, dass jemand wie Hassan einen britischen Berater hat, findest du nicht auch?“

„Sein Großvater hatte auch einen und hat Hassans Vater dazu geraten.“

„So?“

Tim runzelte die Stirn. „Hassans Vater war Schotte. Habe ich dir das nicht erzählt?“

„Nein“, erwiderte Rose. „Das erklärt manches.“

Ihr Bruder zuckte die Schultern. „Vielleicht hat er das Gefühl, dass Partridge hundertprozentig zu ihm hält, weil er als Außenstehender nicht von Stammeszwistigkeiten oder Familienfehden beeinflusst werden kann.“

„Jemand, der sich dazwischen stellt, falls jemand einem einen Dolch in den Rücken rammen will?“ überlegte sie laut. „Und was hat Simon Partridge davon?“

„Einen Posten. Er ist nicht Hassans Leibwächter. Partridge war in der Armee, bis er mit seinem Jeep auf eine Miene fuhr und wegen seiner Behinderung den Dienst quittieren musste. Sein Oberst und Hassan sind früher zusammen zur Schule gegangen …“

„Eton“, sagte Rose, ohne nachzudenken.

Tim fasste es als Frage auf. „Wo sonst? Partridge übrigens auch.“ Ihr Interesse an seinem abwesenden Freund schien ihm zu gefallen. „Also?“, kam er auf die Einladung zurück. „Was soll ich Partridge sagen?“

Da gab es für sie kein Zögern mehr. Mochte das Rennen noch so langweilig sein, sie würde sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, Hassans Berater kennenzulernen. Lächelnd reichte sie ihrem Bruder die Einladungskarte zurück. „Sag ihm, Miss Fenton kommt gern.“

„Fein.“ Das Telefon klingelte. Er nahm das Gespräch entgegen. Dann sagte er: „Ich komme sofort.“ Auf halbem Weg zur Tür drehte er sich noch einmal um. „Simons Telefonnummer steht auf der Karte. Rufst du ihn an?“

„Klar.“ Rose nahm den Hörer ab und wählte die Nummer. Während es am anderen Ende der Leitung klingelte, betrachtete sie erneut die kühne Handschrift. Den Mann, dem sie gehörte, würde sie gern kennenlernen.

„Ja?“

„Mr. Partridge? Simon Partridge?“

Es folgte kurzes Schweigen. „Darf ich annehmen, dass ich mit Miss Rose Fenton spreche?“

„Ja.“ Sie lachte. „Woher wussten Sie das?“

„Wenn ich Ihnen sagen würde, ich hätte telepathische Fähigkeiten …“

„Würde ich es Ihnen nicht abnehmen.“

„Womit Sie recht hätten, Miss Fenton. Ihre Stimme ist unverkennbar.“

Simon Partridge klang etwas älter, als sie nach Tims Beschreibung erwartet hätte. Seine Stimme war dunkel und Respekt einflößend. Samt auf Stahl …

„Weil ich wohl offenbar zu viel rede“, scherzte Rose. „Tim ist dringend zu den Stallungen abberufen worden. Deshalb hat er mich gebeten, Sie anzurufen und Ihnen zu sagen, dass wir Ihre Einladung zum Essen für heute Abend mit Vergnügen annehmen.“

„Das Vergnügen wird ganz meinerseits sein.“

Seine förmliche Art war irgendwie … unenglisch. Rose fragte sich, wie lange er schon in Ras al Hajar sein mochte. „Mein Bruder muss vorher aber noch zu einem Rennen …“

„Alle gehen zu dem Rennen, Miss Fenton. In Ras al Hajar gibt es nichts anderes zu tun. Sie kommen doch auch?“

„Also …“

„Sie müssen kommen.“

„Ja“, hörte sie sich erwidern. Unbedingt. Wenn alle hingingen, würde Hassan auch dort sein. „Ich freue mich schon darauf.“ Das tat sie auf einmal wirklich. Sehr sogar.

„Dann bis heute Abend, Miss Fenton.“

„Bis dann, Mr. Partridge.“ Sie legte den Hörer auf und war plötzlich seltsam atemlos.

Hassan schaltete das Handy aus, das er am Morgen im Souk gekauft und unter falschem Namen angemeldet hatte, und warf es auf den Diwan. Vor dem Eingang des großen schwarzen Zelts konnte er den üppigen, von kleinen Bächen bewässerten Palmenhain sehen, die aus dem zerklüfteten bergigen Grenzland herabflossen. Im Frühling herrschte hier ein Paradies auf Erden. Er hatte das Gefühl, dass Rose Fenton es nicht ganz so sehen würde.

„Komm bloß schnell nach Hause, Faisal“, sagte er leise. Beim Klang seiner Stimme erhob sich der Hund zu seinen Füßen und schnupperte an seiner Hand.

Rose war mit ihrer kleinen Garderobe denkbar unzufrieden. Auf der Cocktailparty der Botschaft war sie sich wie Aschenputtel vorgekommen. Sie hatte angenommen, dass dort zwar elegante, aber lässige Kleidung gefragt sein würde. Tim hatte sie auch nicht beraten können, und so hatte sie sich schließlich für ihr knitterfreies kleines Schwarzes entschieden. Aber natürlich hatten die anderen weiblichen Gäste ausnahmslos die Gelegenheit wahrgenommen, die neusten Designerschöpfungen zu tragen, sodass sie sich in ihrem kleinen Schwarzen gefühlt hatte, als hätte sie damit eine Weltreise hinter sich. Und letztlich stimmte es ja sogar.

Mit so vielen gesellschaftlichen Ereignissen hatte sie nicht gerechnet. Außerdem besaß sie kein Stück, das sich gleichermaßen für einen Abend beim Rennen und ein anschließendes Essen im privaten Kreis eignete.

Normalerweise hätte sie sich bei der Gastgeberin erkundigt, was die Frauen allgemein trugen, doch hier gab es keine Gastgeberin, und einen Mann wie Simon Partridge konnte sie schlecht danach fragen. Da sie jedoch an diesem Abend besonders gut aussehen wollte, entschied Rose sich für die Shalwar Kameez, die man ihr bei einem Aufenthalt in Pakistan als Gastgeschenk überreicht hatte. Sie hatte sie in der Hoffnung auf ein Interview mit dem Regenten eingepackt, aber genau dem war sie seit ihrer Ankunft unter allen möglichen Entschuldigungen ausgewichen.

Die Hose war aus schwerer moosgrüner Seide, die Tunika eine, der dazugehörige handbestickte Seidenschal noch um eine weitere Nuance heller. Mit diesem Gewand wäre sie für die Botschaft richtig angezogen gewesen.

„Donnerwetter!“, reagierte Tim unerwartet begeistert. Meist fiel ihm gar nicht auf, was sie trug. „Du sieht umwerfend aus.“

„Unke lieber nicht. Jetzt habe ich das Gefühl, dass alle anderen diesmal in Jeans antanzen werden.“

„Na wenn schon. Simon werden die Augen aus dem Kopf fallen, wenn er dich sieht.“

„Ich bin nicht sicher, ob ich mir das wünsche, Tim.“ Rose dachte an die Wirkung, die Simons Stimme auf sie gehabt hatte. „Jedenfalls nicht, bis ich ihn besser kenne.“

„Wenn er dich in diesem Aufzug sieht, wird er dich bestimmt besser kennenlernen wollen, Schwesterherz.“ Tim blickte auf die Uhr. „Zeit aufzubrechen. Bist du so weit?“

„Taschentuch, Sicherheitsnadel, Zehner fürs Telefon“, zitierte sie ihre Mutter. Handy, Diktiergerät, Notizbuch und Kugelschreiber trug sie sowieso stets bei sich. Davon brauchte ihr Bruder jedoch nichts zu wissen.

Tim lachte. „Ich hatte vergessen, dass Mum uns immer daran erinnert hat.“ Er nahm ihren Arm und half ihr, in den Rangerover einzusteigen.

„Wie weit ist es denn?“

„Ach, hinter den Stallungen sind es nur noch zwei, drei Kilometer. Jenseits der Hügel befindet sich ein flacher Landstrich, eine ideale Rennstrecke.“ Tim verzog das Gesicht, weil sie über unebenen Boden fuhren. „Entschuldige das Geholper. Der Emir hat eine zweispurige Straße bauen lassen, die aus der Stadt führt, aber hier kommen wir sehr viel schneller ans Ziel.“

„He, Tim Fenton, du vergisst anscheinend, dass neben dir eine hartgesottene Frontreporterin sitzt. Ein paar Schlaglöcher werden mir nicht gleich … Oh, sieh mal!“

Ein reiterloses helles Pferd sprang von einem niedrigen Felsvorsprung und landete mit fliegender Mähne vor ihnen. Dann bäumte es sich vor dem Wagen auf. Tim riss das Lenkrad herum und versuchte, dem Tier auszuweichen, dabei geriet der Wagen ins Schleudern und schien auf dem lockeren Kiesboden überhaupt nicht mehr zum Stehen zu kommen.

„Das ist eins von Abdullahs Pferden“, erklärte Tim, als er den Rangerover endlich unter Kontrolle hatte. „Das wird Ärger geben …“ Sobald das Fahrzeug stand, riss er die Tür auf und sprang hinaus. „Entschuldige, aber ich muss versuchen, es einzufangen.“

„Kann ich dir helfen?“ Rose drehte sich zu Tim um, der bereits die Heckklappe öffnete und ein Seil herausnahm.

„Nein. Aber du kannst über Autotelefon bei den Stallungen anrufen. Sie sollen einen Pferdetransporter herschicken.“

„Wohin?“

„Sag einfach, wir sind zwischen der Villa und den Stallungen. Sie finden uns schon.“

Die Innenbeleuchtung ließ sich nicht einschalten. Rose bediente den Schalter, doch nichts geschah. Sie zuckte die Schultern und nahm den Hörer des Autotelefons ab, aber es ertönte kein Freizeichen. Na toll, dachte sie. Kurz entschlossen nahm sie ihr neues Handy aus der Handtasche, das Gordon in die Tasche mit dem Buch und den Zeitungsausschnitten geschmuggelt hatte. Es war klein, aber leistungsstark und hatte unzählige Funktionen. Trotzdem erschien es ihr zu unsicher, die Knöpfe im Dunkeln zu drücken. Also glitt sie vom Sitz, um das Handy im Scheinwerferlicht zu begutachten. Kaum hatte sie mit den Füßen den Boden berührt, erloschen die Scheinwerfer.

In einiger Entfernung konnte sie ihren Bruder beruhigend auf das nervöse Pferd einreden hören, das mit den Hufen auf dem holprigen Boden scharrte und sich tänzelnd entfernte. Dann verstummten auch diese Geräusche unvermittelt, weil das edle Tier auf Sand geraten war.

Im Schatten des Felsvorsprungs war es jetzt ganz still und dunkel. Der Mond schien nicht, aber die Sterne funkelten, und der Sand schimmerte schwach. Alles andere war pechschwarz.

Ein Schatten löste sich aus dem Dunkel.

„Tim?“

Doch es war nicht ihr Bruder. Noch ehe Rose sich umdrehte, wusste sie, dass sie jemand anders vor sich hatte. Tim hatte schwach nach Aftershave geduftet und trug ein helles Jackett. Soweit sie feststellen konnte, hatte dieser Mann sich nicht parfümiert und war von Kopf bis Fuß in ein langes schwarzes Gewand gehüllt. Selbst das Gesicht wurde von einer schwarzen Keffiyeh verhüllt, die nur die Augen frei ließ.

Sie brauchte nur diese Augen zu sehen.

Es war Hassan. Obwohl sie vor Schreck erstarrte und Panik in ihr aufstieg, erkannte Rose ihn. Doch das war nicht der weltmännische Prinz, der den Privatjet in einem teuren italienischen Anzug betreten hatte.

Vor ihr stand der Mann, dessen graue Augen gefährlich funkelten und denen nichts entging. Und etwas sagte ihr, dass er sie nicht fragen würde, ob sie Hilfe brauche.

Ehe sie sich umdrehen und fliehen oder Tim wenigstens eine Warnung zurufen konnte, legte Hassan ihr die Hand auf den Mund. Mit dem freien Arm hob er sie hoch und drückte sie so fest an sich, dass der Dolch an seiner Taille gegen ihre Brust drückte.

Zwar hatte sie einen Kurs in Selbstverteidigung absolviert, aber das war bei dem Mann ganz offensichtlich auch der Fall. Er kannte alle Griffe. Rose konnte ihre Ellbogen nicht bewegen, und da sie in der Luft schwebte, fand sie mit den Füßen keinen Halt, um zum Gegenangriff übergehen zu können. Nicht, dass sie damit sehr weit gekommen wäre. Selbst wenn sie es geschafft hätte, sich zu befreien, hätte sie nicht gewusst, wohin sie laufen sollte. Und obwohl sie sonst niemanden sehen konnte, bezweifelte sie, dass Hassan allein gekommen war.

Trotzdem wehrte sie sich verbissen.

Daraufhin verstärkte Hassan seinen Griff und wartete, bis sie zu kämpfen aufhörte. Es war sinnlos, sich unnötig zu verausgaben.

Erst als sie sich nicht mehr bewegte und nur noch heftig atmete, sprach er. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie nicht schreien würden, Miss Fenton“, sagte er ganz ruhig. „Es liegt mir fern, Ihrem Bruder etwas zu tun.“ Seine Stimme war wie der Ausdruck in seinen Augen – kompromisslos und unerbittlich.

Er wusste also, wer sie war. Sie war nicht zufällig das Opfer eines Wegelagerers geworden. Nein, natürlich nicht. Es mochte einige Zeit her sein, dass sie in der Maschine einen Blick gewechselt hatten, doch die Stimme dieses Mannes hatte sie, Rose, erst vor Kurzem gehört – als er sie überredet hatte, zu dem Rennen zu gehen. Und sie hatte ihm ahnungslos versprochen, da zu sein. Deshalb also die Einladung. Er hatte sichergehen wollen, dass sie hinfuhr, damit er genau planen konnte, wann und wo er sie entführen würde.

Nicht Simon Partridge, sondern Hassan. Seltsamerweise überraschte es sie nicht sonderlich. Zu ihm passte die Stimme.

Aber was wollte er von ihr? Sicher, sie hatte Der Scheich gelesen, doch das bedeutete noch längst nicht, dass sie diese Geschichte ernst nahm. Und sie glaubte auch nicht, dass Hassan sie in die Wüste entführen wollte, um sie zu vergewaltigen. Sie war Journalistin und sah die Dinge realistisch. Und warum sollte er sie gewaltsam entführen, wenn er nur mit den Fingern zu schnippen brauchte, um jede Frau zu bekommen, die er haben wollte?

„Nun?“

Rose nickte stumm, um Hassan zu verstehen zu geben, dass sie nicht schreien würde.

„Danke“, erwiderte er höflich. Aber blieb ihr eine andere Wahl? Als wollte er ihr beweisen, dass er ein Gentleman war, nahm Hassan sofort die Hand von ihrem Mund, setzte Rose ab und lockerte seinen Griff. Vielleicht war er es gewohnt, dass man ihm gehorchte, und kam gar nicht auf die Idee, dass sie sich ihm widersetzen könnte. Möglicherweise wäre es auch vergebens gewesen. Schließlich war nur noch Tim hier. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie still es um sie her war.

„Wo ist Tim? Was haben Sie mit ihm gemacht?“ Sie wirbelte herum und sah Hassan entsetzt an.

„Nichts. Er jagt immer noch Abdullahs Lieblingshengst nach.“ Seine Augen funkelten. „Vermutlich wird er eine Weile fort sein. Hier entlang, Miss Fenton.“

Ihre Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, und sie erkannte die Umrisse des Landrovers, der in einiger Entfernung in der Wüste stand. Es war kein Stadtmodell wie der Wagen ihres Bruders, sondern einer jener robusten Geländewagen, wie die Militärs sie benutzten.

Sehr viel praktischer als ein Pferd, dachte Rose. Ihr war klar, dass sie Hassan ausgeliefert war, dass er sie entführen konnte, wohin er wollte, wenn es ihr nicht gelang, zu fliehen und ihm in dem felsigen Gelände vor ihnen zu entkommen. Als könnte er ihre Gedanken lesen, verstärkte Hassan seinen Griff und schob sie auf den wartenden Landrover zu.

Obwohl sie Angst hatte, war die Journalistin in ihr hellwach und neugierig auf das bevorstehende Abenteuer. Und er sollte nicht etwa glauben, dass sie freiwillig mitkam. „Das soll wohl ein Scherz sein“, erklärte sie und blieb entschlossen stehen.

„Scherz?“ Er blickte an ihr vorbei. Der Mond ging auf, und als sie sich umdrehte, erkannte sie in der Ferne die dunklen Umrisse ihres Bruders. Er hatte es geschafft, den Hengst einzufangen, und führte ihn ruhig auf den Rangerover zu, ohne etwas von ihrer Notlage und der Gefahr zu ahnen, die auf ihn lauerte.

Hassan schien zu merken, dass er Tims Fähigkeit, mit selbst den schwierigsten Pferden fertig zu werden, unterschätzt hatte, und stieß eine leise Verwünschung aus. „Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen auseinanderzusetzen.“

Doch sie dachte nicht daran, Tim in die Falle laufen zu lassen. Rose holte tief Atem, um ihrem Bruder eine Warnung zuzurufen, aber ehe sie dazu kam, wurde es dunkel um sie her. Blitzschnell hatte Hassan sie hochgehoben, mit seinem Umhang wie ein Bündel verschnürt und sie sich über die Schulter geworfen.

Jetzt war sie nicht mehr die kühl überlegende Auslandskorrespondentin, die sich jede Einzelheit genau für ihre Berichterstattung einprägte, sondern begann verzweifelt, sich zu wehren. Zu spät merkte Rose, dass sie hätte schreien sollen, um ihren Bruder zu warnen, damit er ihren Nachrichtenredakteur anrief und meldete, was geschehen war.

Wütend schlug sie um sich, um ihren Kopf frei zu bekommen, weil ihre Stimme durch den schweren Stoff nicht zu hören war. Sie schaffte es zwar, ihre Füße freizustrampeln, aber es schien Hassan nicht zu stören. Wenn sie wenigstens die Arme bewegen könnte! Doch die wurden ihr unter dem Umhang an den Körper gepresst, sodass sie hilflos war. Nein, nicht ganz. In einer Hand hielt sie immer noch das kleine Handy. Rose lächelte grimmig. Damit konnte sie die Nachrichtenredaktion anrufen …

Im nächsten Moment landete sie unsanft auf dem Boden des Landrovers. Durch den dicken Stoff konnte sie den Motor anspringen hören, den Geruch des heißen Dieselöls wahrnehmen. Dieselöl! Wo blieben die Pferde? Die Romantik?

Dem Roman nach hätte sie jetzt, an den muskulösen Körper ihres Entführers gepresst, auf einem Pferderücken durch die Wüste galoppieren und verzweifelt um ihre Ehre kämpfen müssen …

Fast hätte Rose gelacht. Sie wurde entführt und versetzte sich in den Roman …

Na ja, nicht ganz. Als Hassan ihr den Mund zugehalten, sie an sich gedrückt und ihr durchdringend in die Augen gesehen hatte, hätte sie durchaus ohnmächtig werden können. Und sie brauchte ihre Fantasie auch nicht zu bemühen, denn sie wurde an Hassan gepresst und wand sich in seinen Armen, während der Landrover davonbrauste. Also musste tatsächlich einer seiner Männer am Steuer sitzen.

Noch vor drei Tagen hätte sie bei der Vorstellung, von einem Wüstenprinzen geraubt zu werden, nur gelächelt. Doch jetzt fand sie es überhaupt nicht komisch. Auf dem harten Boden des Landrovers wurde sie brutal hin und her geschüttelt. Hassan, der sich dessen bewusst zu werden schien, rollte sich halb über sie, sodass er die schlimmsten Stöße abfing. Aber war es eine Verbesserung, in den Armen eines Mannes zu liegen, der entschlossen war, einen zu entführen?

Rose stöhnte leise. Vielleicht sollte sie lieber aufhören, sich zu wehren und daran zu denken, wie nahe sie Hassan war, und stattdessen herauszufinden versuchen, was er mit ihr vorhatte. Und warum er so ein Wagnis eingegangen war.

Eigentlich hätte sie jetzt Angst haben müssen. Der arme Tim würde außer sich sein. Und erst ihre Mutter! Zum ersten Mal in ihrem Leben hätte sie, Rose, die Sicherheitsnadel gebrauchen können. Die hätte sie Seiner Hoheit so tief in den Schenkel gerammt, dass er sie losgelassen und ihr die Möglichkeit gegeben hätte, sich zu befreien.

Unglücklicherweise befand sich die Handtasche mit der Sicherheitsnadel auf dem Boden von Tims Rangerover.

Wenn Pam Fenton erfuhr, dass ihre Tochter vermisst wurde, würde sie dem Außenministerium die Hölle heiß machen.

Falls sie davon erfuhr. Rose hatte das Gefühl, dass Abdullah alles tun würde, um ihr Verschwinden zu vertuschen. Es würde nicht schwer sein, Tim davon zu überzeugen, dass ihr sonst Gefahr drohte. Die Botschaft würde alles Notwendige unternehmen, um sicherzustellen, dass sie unversehrt zurückkehrte. Nur gut, dass ich das Handy habe, dachte Rose. Gordon würde ihr nie verzeihen, wenn sie ihm diesen Knüller nicht zuspielte.

Nun versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen. Fürs Erste musste sie froh sein, dass Hassan sie nicht verletzt, sie nicht gefesselt oder geknebelt hatte. Also war es sicher klüger, ganz still zu liegen und nichts zu tun, was ihm sein Vorhaben erschwert hätte.

Schließlich gewann ihre Neugier die Oberhand.

Was wollte Hassan?

Sicher keinen netten Plausch. Wenn er darauf aus war, hätte er jederzeit in der Villa erscheinen können, und sie hätte ihn zu einer Tasse Tee und Plätzchen eingeladen. So machte man es jedenfalls in Chelsea. Aber vielleicht handhabte man es hier in Ras al Hajar etwas anders.

Denk nach, ermahnte sich Rose. Was für einen Grund könnte Hassan al Rashid haben, sie zu entführen?

Lösegeld? Lächerlich.

Sex? Bei dem Gedanken verspürte sie ein Prickeln, doch dann tat sie es als völlig unsinnig ab.

Konnte es sich hier um einen Streich des Prinzen handeln? Zweifellos würde der Skandal, den diese Eskapade auslösen musste, seinem Cousin, dem Regenten, denkbar ungelegen kommen. Rose wusste, dass die beiden Männer nicht gut aufeinander zu sprechen waren. Sie konnte sich die Schlagzeilen, die Berichterstattungen ausmalen …

Plötzlich wurde es ihr klar. Das musste es sein. Schlagzeilen. Das Ganze war kein Scherz. Hassan wollte, dass Ras al Hajar in die Schlagzeilen geriet. Mehr noch, er wollte Abdullah bloßstellen …

Jetzt packte Rose die Wut. Sie lag hier wie ein Paket verschnürt auf dem Boden eines Landrovers, und Hassan benutzte sie für seine Zwecke, weil er seinen Cousin mit negativen Schlagzeilen in ein schlechtes Licht rücken wollte.

Der Landrover raste jetzt noch schneller über das holprige Gelände, und Hassan musste seinen Griff lockern. Ihr blieb gerade genug Zeit, den Umhang abzuschütteln, als Hassan sie auch schon packte und zu sich auf den Boden zurückzog. Während sie verzweifelt nach Atem rang, blickte sie erneut in diese gefährlichen grauen Augen.

In diesem Moment wurde ihr bewusst, in welch einer Lage sie sich befand. Sie war hilflos diesem Mann ausgeliefert, den sie ebenso wenig kannte wie seine Beweggründe. Einer von ihnen musste endlich etwas sagen.

„Eins muss man Ihnen lassen, Euer Hoheit. Wenn Sie eine Lady zum Abendessen einladen, geizen Sie wirklich nicht mit Überraschungen.“

3. KAPITEL

„Abendessen?“, wiederholte Hassan.

Rose blies eine Strähne fort, die ihr ins Gesicht gefallen war. „Das waren Sie heute Morgen, stimmt’s? ‚Simon Partridge bittet Sie um das Vergnügen …‘ Hören Sie, weiß Mr. Partridge überhaupt, dass Sie seinen Namen missbraucht haben?“

„Hm …“

„Hm? Ist das alles?“, hakte sie nach. „Fällt das Abendessen etwa aus? Ich warne Sie, Wasser und Brot sind nichts für mich. Ich brauche anständige Kost …“

„Für das Abendessen ist gesorgt, Miss Fenton. Ich fürchte jedoch, Sie werden Mr. Partridge entschuldigen müssen. Er befindet sich zurzeit außer Landes. Um Ihre erste Frage zu beantworten, nein, er hat keine Ahnung, dass ich seinen Namen missbraucht habe. Er ist unschuldig.“

Ihr war sofort klar, was das zu bedeuten hatte. Nachforschungen würden rasch ergeben, dass es sich hier um eine sorgfältig geplante Entführung handelte, dass jemand einen Freund ins Spiel gebracht hatte, um sicherzustellen, dass sie bei dem Rennen sein würde. Und wenn die Behörden der Telefonnummer auf der Einladung nachgingen, würden sie nichts erreichen.

„Na ja“, sagte Rose schließlich, „da kann ich nur hoffen, dass er Ihnen gehörig die Meinung sagt, wenn er es herausfindet.“

„Worauf Sie sich verlassen können.“

Rose änderte ihre Taktik. „Sie hätten mich wirklich nicht so zu verschnüren brauchen, wissen Sie.“ Sie hüstelte. „Ich war ziemlich krank.“

„Das habe ich gehört.“ Hassan klang wenig überzeugt, und sie merkte, dass sie mit Appellen an sein Mitgefühl nicht weit kommen würde. „Trotzdem scheinen Sie die Situation zu genießen“, setzte er hinzu. „Ich finde, Cocktailpartys, Empfänge und Stadtbesichtigungen wären nicht gut für Sie gewesen.“

„Ach, ich verstehe! Sie tun mir einen Gefallen. Sie haben mich entführt, um zu verhindern, dass ich mich überanstrenge.“

„So kann man es auch sehen.“ Er lächelte ironisch. „Ich fürchte, mein Cousin denkt nur an sein Vergnügen …“

„Und an meins. Das hat er mir selbst gesagt.“ Sie zweifelte längst an Prinz Abdullahs noblen Absichten. Ihm schien verdächtig viel daran zu liegen, dass sie sich ein positives Bild von seinem Land machte. Die Gardinen an den Fenstern der Limousine, in der man sie auffallend schnell durch die Stadt gefahren hatte, hatten offenbar allerlei Missstände verbergen sollen.

Eigentlich hatte sie vorgehabt, sich wie die einheimischen Frauen in eine lange schwarze Abbayah gehüllt, das rote Haar unter einem Kopftuch verborgen, allein und unerkannt genauer in der Stadt umzusehen. Ihren Bruder hatte sie bei diesem Ausflug nicht mit eingeplant, da sie wusste, dass er so etwas nicht billigen würde.

„Und abends an der Rennbahn herumzustehen wäre bestimmt auch nicht gut für Sie“, fuhr Hassan fort. „Dann könnten Sie einen Rückfall erleiden.“

Bis sie mit ihm telefoniert hatte, wäre ihr nicht mal im Traum eingefallen, zu dem Rennen zu gehen. „Ihre Besorgnis ist wirklich rührend.“

„Freut mich, dass Sie mir dankbar sind. Sie sind hier in Ras al Hajar, um Urlaub zu machen und sich zu erholen. Und es wird mir ein Vergnügen sein, dafür zu sorgen, dass Sie es tun.“

Vergnügen? Der Ton, in dem Hassan das sagte, gefiel ihr nicht. „Prinz Hassan al Rashid, der perfekte Gastgeber“, bemerkte Rose spöttisch und versuchte, ihre Schulter etwas hochzuheben. Doch da er halb auf ihr lag, gelang es ihr nicht.

Hassan nickte nur leicht. „Ich tue mein Bestes.“ Er überhörte ihren Protestlaut. „Sie sind zum Vergnügen hier. Und vielleicht auch, um eine kleine Romanze zu erleben, wie das Buch, das Sie an Bord gelesen haben, vermuten lässt.“

Meine Güte! dachte sie. Wenn er vorhatte, Urlaubsträume wahr zu machen, würde sie ins Schleudern geraten. „Der Scheich hatte wenigstens Stil.“

„Stil?“

„Ein Landrover ist kein Ersatz für einen Hengst.“ Ihr wurde bewusst, dass sie ihn herausforderte. „Einen Hengst so schwarz wie die Nacht, mit einem teuflischen Temperament. Das dürfte in der Wüste die übliche Beförderungsmethode für Entführte sein, oder nicht? Ich muss gestehen, ich bin ziemlich enttäuscht.“

„So?“ Hassan klang überrascht. „Leider ist unser Ziel zu weit entfernt, als das wir zu zweit auf einem Pferd dorthingaloppieren könnten.“ Seine Augen funkelten. „Erst recht, nachdem Sie so krank gewesen sind. Ich werde mir das mit dem Pferd aber für später vormerken.“

„Ach, geben Sie sich da bitte keine Mühe.“ Rose versuchte, sich aufzusetzen, doch er rührte sich nicht von der Stelle.

„Das Gelände ist sehr uneben, und ich möchte nicht, dass Sie hin und her geschleudert werden. Es ist sicherer, wenn Sie liegen bleiben.“

Blieb ihr eine andere Wahl, wo er inzwischen halb auf ihr saß?

In der Nachrichtenagentur bereitete man seine Mitarbeiter auf Situationen wie diese gründlich vor, ehe man sie in gefährliche Regionen entsandte. Sie wusste, dass sie ihren Entführer dazu bringen musste, möglichst viel zu reden und den Menschen in ihr zu sehen.

Da er ihr in die Augen sah und sie mit den Beinen umfing, blieb ihm eigentlich gar nichts anderes übrig, als den Menschen in ihr zu sehen. Die Frau.

Ein Grund mehr, das Gespräch wieder in Gang zu bringen. „Sie haben sich viel Mühe gegeben, um an mich heranzukommen. Warum haben Sie sich an Bord der Maschine nicht einfach zu mir gesetzt, wenn Sie unbedingt mit mir sprechen wollten? Sie hätten mich auch im Haus meines Bruders anrufen können …“

Vielleicht waren Hassan die gleichen Gedanken gekommen, denn unvermittelt legte er sich plötzlich neben sie und sah sie argwöhnisch an. „Sie wussten vorhin sofort, wer ich bin, stimmt’s?“

Rose hatte nicht die Absicht, ihm zu schmeicheln. „Ich glaube nicht, dass viele einheimische Banditen ein englisches Internat besucht haben. Und noch weniger von ihnen dürften graue Augen haben.“ Selbst in der Dunkelheit hatte sie diese Augen wiedererkannt. „Und dann war da natürlich Ihre Stimme. Die hatte ich erst wenige Stunden vorher gehört. Hätten Sie unerkannt bleiben wollen, hätten Sie einen von Ihren Gefolgsleuten schicken sollen, um mich gefangen zu nehmen.“

„Das wäre undenkbar gewesen.“

„Ihre Männer dürfen die Ware nicht anrühren? Ziemlich besitzergreifend, würde ich sagen.“

„Und Sie sind ziemlich unverfroren, Miss Fenton.“ Er nahm seine Keffiyeh ab. Der Mond schien durch die Windschutzscheibe in den rückwärtigen Teil des Landrovers, sodass Hassans Gesicht hart wirkte – härter, als sie es in Erinnerung hatte. „Sie sollten sich von meiner Schulbildung nicht täuschen lassen, Miss Fenton. Meine Mutter ist Araberin, mein Vater stammte aus dem schottischen Hochland. Ich bin keiner von Ihren englischen Gentlemen.“

Nein. Ein Schauer überlief sie, doch sie ließ sich nicht einschüchtern. „Das ist immerhin etwas“, erklärte sie forsch.

In der Dunkelheit blitzten Hassans Zähne weiß auf. „Sind Sie wirklich so mutig, wie Sie tun?“

Klar. Das wusste doch jeder. Die Frontkämpferin Rose Fenton kannte das Wort Furcht überhaupt nicht. Fast nicht. Aber hier ging es nicht um Mut. Sie hatte die Gefahr bereits gespürt, als Hassan an Bord der Maschine gekommen war.

Glücklicherweise erhellte das Mondlicht ihr Gesicht nicht. Es wäre nicht gut, wenn Hassan ihre Gedanken lesen könnte.

„Interessiert es Sie gar nicht, wohin ich Sie bringe?“, fragte er.

Das laute Geratter hatte vor einer Weile aufgehört, und sie fuhren jetzt über eine gut ausgebaute Straße. Nur was für eine? Und in welche Richtung? „Würden Sie es mir verraten, wenn ich Sie danach fragen würde?“

„Nein“, erwiderte Hassan schroff. Ihre Unerschrockenheit schien ihn zu reizen. „Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich Sie nicht entführt habe, um mit Ihnen zu plaudern, obwohl ich es als unerwarteten Bonus betrachte.“

Als Bonus? Wozu?

„Darauf würde ich mich lieber nicht verlassen.“ Trotz ihres forschen Auftretens war Rose mulmig zumute. War es möglich, dass Hassan al Rashid regelmäßig ausländische Besucherinnen entführte? „Sagen Sie mal, machen Sie so etwas öfter?“, erkundigte sie sich beherzt. „Haben Sie irgendwo in einem Wüstenlager etwa einen Harem voller Frauen wie mich versteckt?“

„Wie viele Frauen wie Sie könnte ein Mann schon verkraften?“, hielt er dagegen. Das gefiel ihr. Was immer er mit ihr vorhatte, sie wollte wenigstens einzigartig sein.

Er schien auf ihre Antwort zu warten. Seine Augen glommen, und er wollte offensichtlich, dass sie ihn fragte, warum er sie entführt hatte, was er mit ihr vorhatte. Ihre Neugier war ihre Stärke, aber auch ihre Schwäche. Und auf diesen Mann war sie neugierig, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte.

Seine Züge und Augen zeigten keine Regung. Doch sie wollte nicht, dass er sich ihr verschloss, und ohne nachzudenken, hob Rose die Hand und tastete nach seinem Gesicht.

Die Berührung überraschte Hassan, und er zuckte etwas zurück. Doch in dem engen Landrover war seine Bewegungsfreiheit ebenso wie ihre stark eingeschränkt, und er konnte nicht weiter ausweichen. Kühner geworden, legte Rose die Hand auf seine Wange und spürte seine Bartstoppeln. Diesmal ließ er zu, dass sie den Daumen sanft über sein kantiges Kinn gleiten ließ. Eigentlich durfte sie das nicht tun, aber die Gefahr erregte sie. Behutsam zog sie mit den Fingerspitzen die Konturen seiner Lippen nach und merkte, wie er den Atem anhielt.

In diesem kurzen Moment war sie die Jägerin, nicht die Gejagte, und sie lächelte in der Dunkelheit.

„Wenn ein Mann das Glück hätte, eine Frau wie mich zu bekommen, Euer Hoheit, würde ich mein Leben lang alles tun, damit er außer mir keine andere mehr begehren würde.“ Einen Augenblick ließ Rose die Finger auf seinem Mund ruhen, dann nahm sie sie fort.

Hassan verzichtete auf eine Antwort. Was hätte er auch sagen können? Er glaubte Rose. Außerdem spürte er, dass es keine Aufforderung, sondern eine Warnung war. Was für eine Frau! Sie hatte sich tapfer in ihr Schicksal gefügt, als er sie entführt hatte. Und sie hatte nicht geschrien, obwohl sie es hätte tun können, sondern sich einfach stumm gewehrt. Das tat sie auch jetzt, mit Gesten und ihrem Körper. Dabei hatte sie nicht die geringste Ahnung, was er mit ihr vorhatte.

Irgendwie reizte es ihn, ihren Mut auf die Probe zu stellen. Rose Fenton war so ganz anders als die Frauen, die er bisher gekannt hatte. Sie war nicht spröde oder versuchte zu flirten … Sie hatte Angst.

Eigentlich hatte er gar nicht vorgehabt, Rose als Geisel zu nehmen. Einen kurzen, erregenden Augenblick lang hatte er sogar gehofft, sie würde freiwillig mitkommen. Und vielleicht hätte sie sich auch stillschweigend gefügt, wenn Hilfe nicht so greifbar nahe gewesen wäre.

Doch der Moment war vorübergegangen, und Rose Fenton war schwer zu durchschauen. Auf keinen Fall durfte er riskieren, dass sie versuchte, sich aus dem Wagen zu rollen, denn sie fuhren jetzt sehr schnell. Hassan kniete sich hin, raffte seinen Umhang zusammen und legte ihn zusammen. Dann zögerte er, weil er Rose nicht berühren, ihre Haut nicht noch einmal spüren wollte. Doch der Landrover holperte jetzt wieder stark, weil sie erneut in die Wüste ausgeschert waren, und schüttelte sie beide durch. Hassan biss die Zähne zusammen und legte die Hand unter Rose’ Hals.

Seine Finger fühlten sich kühl und kraftvoll an, und im ersten Moment glaubte Rose, Hassan würde sie beim Wort nehmen. „Heben Sie den Kopf“, sagte er, als sie ihn abwehren wollte. „Versuchen Sie, es sich etwas bequemer zu machen.“ Behutsam schob er ihr den Umhang unter den Kopf. „Wir haben noch eine ganze Strecke zu fahren.“

„Wie weit ist es?“, fragte sie, als er fortrückte und sich zwischen ihr und der Heckklappe im Schneidersitz an die Seitenwand des Landrovers lehnte, um jeden Fluchtversuch von vornherein zu unterbinden. Hielt er sie wirklich für so leichtsinnig? Anfangs hatte sie vielleicht noch an Flucht gedacht, jetzt nicht mehr. Bei einem Sprung aus dem fahrenden Wagen konnte sie sich verletzen und hätte eine eisige Nacht in der Wüste vor sich, ehe sie auch nur hoffen konnte, dass jemand ihr zu Hilfe eilte. „Wie weit ist es?“, wiederholte sie. Hassan warf ihr nur einen gereizten Blick zu. „Inzwischen wird man doch bestimmt nach mir suchen“, drängte sie. Hubschrauber, Jeeps … Sie brauchten nur den Reifenspuren bis zur Straße zu folgen. Doch es war sicher erst möglich, wenn es hell wurde. Also frühestens in neun bis zehn Stunden.

„Schon möglich.“ Hassan blickte auf seine Armbanduhr, die so schwarz war wie alles, was er trug. „Ihr Bruder hat kein Telefon und kann niemanden anrufen. Außerdem muss er sich um Abdullahs Lieblingshengst kümmern. Was, meinen Sie, geht bei ihm vor, Sie oder das Pferd?“

„Sie sind in Tims Wagen eingebrochen und haben das Autotelefon außer Betrieb gesetzt.“ Rose wartete Hassans Antwort nicht ab. „Und Sie haben die Birne der Innenbeleuchtung herausgeschraubt.“

„Nicht selbst.“

Nein. Nur einer hätte es tun können. Der freundliche Khalil, der ihrem Bruder so beflissen diente.

„Und Sie haben Abdullahs Pferd freigelassen.“ Ob er es selbst getan hatte oder nicht, dahinter steckte eindeutig Hassan. Er hatte alles gründlich vorbereitet, wie ihr bewusst wurde. Der Trick mit dem Pferd war besonders schlau gewesen. Tim wäre niemals das Risiko eingegangen, eins von Abdullahs kostbaren Pferden durchgehen zu lassen. Sie war noch nicht lange in Ras al Hajar, aber sie hatte schnell gelernt, dass niemand so dumm sein würde, so ein unbezahlbares Tier zu stehlen.

„Ja, ich habe es freigelassen“, gab Hassan zu. „Also? Was wird Ihr Bruder jetzt tun?“

„Was würden Sie tun?“, antwortete Rose mit einer Gegenfrage.

„Mir würde keine andere Wahl bleiben, als Ihnen nachzujagen.“ Erbarmungslos. „Das Pferd kehrt von selbst in den Stall zurück, wenn es Hunger hat.“

„Dann tut Tim das auch“, erklärte Rose.

„Aber er ist Engländer.“

„Stimmt. Aber er ist auch ein leidenschaftlicher Pferdeliebhaber.“

„Die Vernunft sollte über die Leidenschaft siegen. Allerdings kennen Sie ihn besser. Ist Ihr Bruder ein leidenschaftlicher Mann?“

Am liebsten hätte sie damit gedroht, dass ihr Bruder ihr folgen und den Mann umbringen würde, der sie entführt hatte. Vielleicht war es doch gut, dass Tim so vernünftig war, wie Hassan vermutete. Aber sie dachte nicht daran, es ihm zu verraten.

„Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was Tim tun wird.“ Rose klopfte ihr behelfsmäßiges Kissen zurecht und wandte sich ab. „Schließlich bin ich noch nie entführt worden.“

Als der Geländewagen endlich hielt, war Rose völlig verspannt.

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