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Traummänner, Band 177

EMMA DARCY

DARF EIN MANN SO SEXY SEIN?

Fassungslos blickt Sasha dem unglaublich gut aussehenden Nathan in die blauen Augen: Eben erst haben sie sich auf dem Spielplatz kennengelernt. Jetzt fragt er sie, während die Kleinen in der Sandkiste sitzen, ob sie seine Frau werden möchte. Tatsächlich ist Nathan so sexy, dass Sasha sich kaum Schöneres vorstellen könnte. Wenn es ihm wirklich um sie ginge!

DIANA HAMILTON

WIE VERFÜHRT MAN EINEN MILLIONÄR?

Der raffinierte Plan der hübschen Caro funktioniert nicht ganz: Eigentlich wollte sie den gut aussehenden Millionär Finn Helliar verführen und ihn dann sitzen lassen – genau so, wie er es vor Jahren mit ihrer Schwester Katie gemacht hat. Aber als sie zusammen auf der Suche nach einem angemessenen Landsitz durch England reisen, verliebt Caro sich in Finn.

KATE WALKER

LIEBE – GESTERN, HEUTE, MORGEN

Die Entscheidung ist der hübschen Eleanor damals nicht leicht gefallen, doch es musste sein: Weil ihr Freund Morgan absolut keine Kinder wollte und sie trotzdem schwanger wurde, trennte sie sich von ihm. Nach Monaten, in denen sie ihn nie vergessen konnte, steht er ihr plötzlich wieder gegenüber – ihr und ihrer süßen Tochter, von der er gar nichts wusste.

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Emma Darcy

DARF EIN MANN SO SEXY SEIN?

1. KAPITEL

Er tauchte plötzlich mit seinem dreijährigen Sohn in dem Park am Hafen auf, wo Sasha mit ihrer neun Monate alten Tochter spielte. Wahrend die Kinder sich im Sandkasten miteinander anfreundeten, kam sie mit ihm ins Gespräch. Sein Name war Nathan Parnell. Und er war der attraktivste Mann, dem Sasha je begegnet war.

Er trug eng anliegende Jeans und ein lässiges T-Shirt. Sasha beobachtete, wie liebevoll er mit seinem Sohn umging, und stellte sich unwillkürlich vor, wie zärtlich er wohl eine Frau berühren würde.

Seine tiefblauen Augen schienen direkt in ihr Innerstes zu sehen. Wahrend sie sich mit ihm unterhielt, schenkte er ihr seine ganze Aufmerksamkeit. Sasha hatte Mühe, den Blick von ihm abzuwenden, um nach Bonnie zu sehen, die fröhlich mit seinem kleinen Jungen eine Sandburg baute.

„Was ich wirklich brauche …“ Nathan Parnell machte eine kleine Pause und ließ den Blick über die Wiese schweifen. „Was ich wirklich brauche, ist eine Frau.“

Sasha zuckte zusammen und hob den Kopf. Mit einer raschen Bewegung strich sie sich das lange schwarze Haar über die Schulter und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie überrascht sie war. Noch vor wenigen Minuten hatte sie Nathan Parnells Frau insgeheim beneidet und sich Vorwürfe gemacht, dass sie so viele Jahre an Tyler Cullum verschwendet hatte. Als Nathan Parnell sie gewinnend anlächelte, schlug ihr Herz plötzlich schneller.

„Bitte antworten Sie ehrlich“, forderte er sie auf. „Wäre das ein annehmbarer Vorschlag für Sie?“

Sasha sah sich furchtsam um. Ein Fremder, der in einem öffentlichen Park einen derartigen Antrag machte, war mit Vorsicht zu genießen – auch wenn er sehr gut aussah. Sie stellte fest, dass die meisten Spaziergänger schon verschwunden waren. Auf einer Bank gegenüber saß ein alter Mann, ganz in seine Zeitung vertieft. Am Ufer bewunderte ein Pärchen Hand in Hand die Aussicht, und zwei ältere Damen beobachteten die Segelboote auf dem Meer. Alle befanden sich in einiger Entfernung von dem Sandkasten.

Von Weitem sehen wir sicher aus wie eine kleine Familie: Mum und Dad mit ihren Kindern, dachte Sasha. Außerdem hielten sich die meisten Leute lieber von Schwierigkeiten fern.

„Ich muss jetzt gehen“, sagte sie nervös und sammelte eilig Bonnies Spielsachen ein.

„Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet“, erinnerte Nathan Parnell sie lächelnd. „Ich brauche eine Frau und würde gern wissen, ob Sie daran interessiert sind.“

„Auf keinen Fall.“

„Stimmt etwas nicht mit mir?“, fragte er.

So wie er aussah, konnte er sicher jede Frau in Sydney haben. Und wahrscheinlich war er sich dessen auch bewusst.

Sasha warf ihm einen misstrauischen Blick zu. „Ich dachte, Sie wären bereits verheiratet.“

„Das ist längst Vergangenheit.“

Eine Zeit lang schwiegen beide. Sasha dachte angestrengt nach. Vielleicht war er Witwer und suchte eine Mutter für seinen kleinen Sohn. Doch warum hatte er ausgerechnet ihr, Sasha, einen Antrag gemacht? Er kannte sie doch kaum.

Möglicherweise gefiel ihm die Art, wie sie mit ihrer Tochter umging. Oder wollte er nur mit ihr ins Bett gehen?

Sasha konnte ihre Neugier nicht länger bezwingen. „Ich möchte keine schmerzlichen Erinnerungen wachrufen, aber was ist mit Ihrer Frau geschehen?“

„Sie ist gegangen. Hoffentlich schmort sie in der Hölle.“

Eine so abfällige Bemerkung hatte Sasha nicht erwartet. „Das tut mir leid für Sie“, sagte sie vorsichtig. „Woran ist sie gestorben?“

„Sie ist nicht tot. Leider“, erwiderte er zynisch. „Aber unsere Ehe war zumindest nicht völlig umsonst. Ich habe Matt, und glücklicherweise gerät er ganz nach mir.“

„Dann sind Sie also geschieden“, folgerte Sasha.

„Eine andere Lösung gab es nicht.“

Sasha konnte sich gut vorstellen, welche Schwierigkeiten die Auflösung einer Ehe mit sich brachte. Sie war zwar nie mit Tyler Cullum verheiratet gewesen, aber die Trennung von ihm war für sie genauso schmerzlich verlaufen wie eine Scheidung. Insgeheim fragte sie sich, wie Nathan Parnells Frau es nur fertiggebracht hatte, ihr Kind zu verlassen. Wahrscheinlich gibt es ebenso viele Frauen wie Männer, die ihr Leben nicht mit kleinen Kindern belasten wollen, dachte sie verbittert.

„Denken Sie nur an die Vorteile.“ Nathan Parnells Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Wir könnten einen Ehevertrag aufsetzen und …“

„Woher wollen Sie wissen, dass ich noch zu haben bin?“, unterbrach Sasha ihn, empört darüber, wie selbstverständlich er über sie verfügte.

„Sie tragen keinen Ehering.“

„Heutzutage halten viele Menschen die Ehe für überholt“, entgegnete Sasha, obwohl das eher Tylers Meinung als ihre eigene war.

Nathan Parnell sah sie ungläubig an. „Wollen Sie damit sagen, Sie sind mit einem Mann zusammen, der Sie trotz des gemeinsamen Kindes nicht heiraten wollte?“

„So etwas kommt vor“, verteidigte sie sich trotzig. Wieder einmal wurde ihr schmerzlich bewusst, dass sie einen großen Fehler gemacht hatte.

„Und warum ist dieser Mann jetzt nicht bei Ihnen?“

„Weil …“ Sasha zögerte einen Moment. Eigentlich ging es ihn nichts an, aber er schaute ihr so eindringlich in die Augen, dass sie ihm schließlich die Wahrheit sagte. „Weil ich mich von ihm getrennt habe. Er hat mich und Bonnie nicht gut behandelt.“

„Sehen Sie, wir haben das gleiche Problem“, erwiderte Nathan Parnell befriedigt. „Deshalb käme es uns beiden zugute, wenn wir einen vernünftigen Vertrag ausarbeiten würden. Wir sollten festlegen, was wir in der Ehe voneinander erwarten können.“

„Sie sprechen also von einer Zweckehe?“

„Genau.“

„Und was ist mit Liebe?“

„Liebe schafft nur Unordnung und Verwirrung. Selbst vernünftige Menschen verwandeln sich dadurch plötzlich in unzurechnungsfähige Schwachköpfe. Die Griechen nannten dieses Gefühl Eros und bezeichneten damit die verrückten achtzehn Monate, bevor sich die Leidenschaft legt und man der Wirklichkeit ins Gesicht sieht.“

„Da bin ich anderer Meinung. Ich glaube an die Liebe“, betonte Sasha nachdrücklich.

Rasch sammelte sie Bonnies Spielsachen ein. Ihre romantischen Träume hatten zwar durch die Beziehung zu Tyler einen Dämpfer erhalten, aber sie würde nicht aufgeben und so zynisch werden wie Nathan Parnell.

„Was hat Ihnen die Liebe denn gebracht?“, fragte Nathan herausfordernd. „Wie lange hat es gedauert, bis Sie herausfanden, dass Ihr Geliebter nicht bereit war, Verantwortung zu übernehmen?“

„Das war keine Liebe“, erwiderte sie bestimmt. „Keine tiefe, wahre Liebe. Und das nächste Mal werde ich mich damit nicht mehr zufriedengeben. Das heißt, falls es ein nächstes Mal geben sollte. Bevor ich noch einmal solche Kompromisse eingehe, bleibe ich lieber allein.“

„Und wie wollen Sie diese ‚tiefe, wahre Liebe‘ erkennen?“, erkundigte er sich zweifelnd.

„Ich werde es einfach spüren.“

Sasha war davon keineswegs so überzeugt, wie sie vorgab, wollte aber dieses Gespräch möglichst rasch beenden. Sie bückte sich, um sich den Sand von den Beinen zu wischen, und hob dann Bonnie auf den Arm. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Nathan Parnell sich aufsetzte, aber keine Anstalten machte aufzustehen.

„Das ist doch nur eine Wunschvorstellung“, behauptete er spöttisch.

„Zumindest bin ich jetzt frei und kann so sein, wie ich bin“, entgegnete Sasha hitzig.

„Wenn Sie mich heiraten würden, wären Sie sogar noch ungebundener.“

Sie hob verächtlich die Augenbrauen. „Müsste ich dann nicht das Bett mit Ihnen teilen?“

„Eine Ehe ist natürlich erst gültig, wenn sie vollzogen ist. Wäre einmal denn zu viel verlangt?“

„Nur einmal? Was für eine Ehe soll das sein?“

Nathan Parnell musterte sie mit unverhohlener Bewunderung von Kopf bis Fuß. Glänzendes schwarzes Haar fiel ihr über die Schultern. Die eng anliegende Jeans zeigte ihre langen schlanken Beine, und das T-Shirt betonte ihre weiblichen Rundungen.

„Darüber könnten wir noch einmal sprechen, wenn Sie wollen.“ Er lächelte vielsagend. „Ihre Haut sieht so zart und weich aus. Sicher fühlt sie sich an wie Seide.“

Sasha spürte, wie ihre Wangen sich röteten. Auch sie hatte sich vorgestellt, wie es wäre, wenn Nathan Parnell sie berühren würde. Beschämt sah sie zu Boden, konnte aber den Gedanken an eine leidenschaftliche Umarmung mit diesem Mann nicht unterdrücken.

Glücklicherweise fing Bonnie an, ungeduldig zu werden. Sie quengelte und wand sich im Arm ihrer Mutter, weil sie wieder zu ihrem Spielkameraden wollte. Sasha strich ihrer Tochter beruhigend über den Kopf.

„Das geht nun wirklich zu weit.“ Sie funkelte ihn verächtlich an. „Woher haben Sie nur solche Ideen?“

Er hob voller Unschuld die Schultern. „Ich sage eben, was ich mir denke.“

„Sie fragen also einfach die erstbeste Frau, die Ihnen über den Weg läuft, ob sie …“ Sasha blickte ihn vorwurfsvoll an.

Nathan Parnell lächelte unbefangen. „Im Unbekannten liegt ein gewisser Reiz. Es könnte ein wundervolles Abenteuer für uns beide werden.“

„Oder eine Reise in die Hölle“, bemerkte sie scharf. „Das sollten Sie aus Erfahrung wissen.“

„Da besteht keine Gefahr. Es ist ja keine Liebe im Spiel.“

„Vielen Dank für Ihr Angebot, aber gerade deshalb kann ich es nicht annehmen.“

Sasha hob ihre Tasche auf. Insgeheim schalt sie sich dafür, dass sie diesem Mann so lange zugehört hatte und das Gespräch am liebsten noch fortgesetzt hätte. Aus eigener leidvoller Erfahrung wusste sie, dass körperliche Anziehungskraft rasch schwinden konnte, wenn man mit einem Partner das Alltagsleben meistern musste. Tyler hatte ihr gezeigt, dass eine Beziehung ohne Liebe auf Dauer nicht glücklich machte.

„Kann ich wieder mit dem Baby spielen?“

„Ich glaube, die Mutter des Babys möchte jetzt gehen, Matt, und wir müssen die Wünsche anderer Menschen respektieren.“

Nathan Parnells Stimme klang sanft. Liebevoll nahm er seinen kleinen Sohn in den Arm. Sashas Magen krampfte sich schmerzlich zusammen. Wenn Tyler nur auch so zärtlich mit Bonnie umgegangen wäre … In der Nacht, als Tyler seine kleine Tochter wie eine leblose Puppe geschüttelt hatte, war Sasha klar geworden, dass er sich nie ändern würde.

Entschlossen hob Sasha die große Tasche auf und versuchte, sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen. Sie vermied es, Nathan Parnell anzusehen, und warf stattdessen dem kleinen Matt einen Blick zu.

Der Junge schien traurig zu sein, dass er seine Spielkameradin hergeben musste. Sasha konnte gut nachempfinden, dass Einzelkinder sich manchmal einsam fühlten. Doch Matt hatte die Liebe seines Vaters und Bonnie die ihrer Mutter. Für beide Kinder wäre es viel schlimmer, wenn sie bei Eltern leben müssten, die sich nicht wirklich liebten und womöglich ständig miteinander stritten.

Plötzlich war Sasha fest überzeugt, dass die Entscheidung, Tyler zu verlassen, richtig gewesen war. Und sie musste auch Nathan Parnell aus dem Weg gehen. Sie straffte den Rücken und lächelte den kleinen Jungen freundlich an.

„Vielen Dank, dass du mit Bonnie gespielt hast.“

„Können wir wieder einmal miteinander spielen?“

„Ich glaube nicht.“ Sasha bemerkte seinen enttäuschten Blick. „Es tut mir leid“, fügte sie hinzu, dann drehte sie sich rasch um und ging. Unwillkürlich fragte sie sich, wie sich die Dinge wohl entwickelt hätten, wenn sie dem Jungen eine andere Antwort gegeben hätte.

Sie war so in ihre Gedanken versunken, dass sie die Gestalt nicht bemerkte, die direkt auf sie zukam, um ihr den Weg abzuschneiden.

„Sasha!“

Beim wütenden Klang der Stimme blieb sie stehen und hob den Kopf. Sie seufzte, als ihr klar wurde, dass es zu einer Auseinandersetzung kommen würde, die wesentlich unangenehmer zu werden versprach als das Wortgeplänkel mit Nathan Parnell.

Der Mann, der ihren Namen gerufen hatte, war Tyler Cullum.

2. KAPITEL

Sasha beobachtete, wie Tyler näher kam. Früher hatte sie ihn sehr attraktiv gefunden, aber mittlerweile erkannt, dass er oberflächlich und selbstsüchtig war. Anders als bei Nathan Parnell wirkte sein gutes Aussehen beinahe gekünstelt. Tyler legte großen Wert darauf, immer nach der neuesten Mode gekleidet zu sein, und hatte sich eine launische Art zugelegt, die er für modern hielt.

Unwillkürlich musste Sasha an Nathan Parnell denken. Im Gegensatz zu Tyler erschien er ihr plötzlich warmherzig und offen. Er war größer als Tyler und hatte markante Gesichtszüge. Seine dichten dunklen Locken sahen leicht zerzaust aus. Er wirkte ganz natürlich und schien sich in seiner Haut wohlzufühlen.

Als Tyler auf sie zukam, versuchte Sasha, sich selbst zu beruhigen. Es war nicht mehr nötig, Tyler zu beschwichtigen und alles zu unternehmen, um ihm zu gefallen. Sie war frei und konnte tun und lassen, was sie wollte.

Trotzdem spürte sie ein unangenehmes Kribbeln in der Magengegend, als Tyler vor ihr stehen blieb. Trotzig sah sie ihm in die kalten grauen Augen.

„Du hättest deinen Eltern sagen sollen, in welchen Park du gehst“, fuhr er sie an. „Das ist jetzt schon der dritte, in dem ich dich suche.“

„Ich verstehe nicht, was du hier willst, Tyler“, erwiderte Sasha wahrheitsgemäß. „Als wir vor einer Woche auszogen, warst du offensichtlich erleichtert.“

Tyler versuchte mühsam, sich zu beherrschen. „Ich habe mich geirrt, Sasha. Jetzt, da ich Zeit zum Überlegen hatte …“

„Ich habe auch über alles nachgedacht“, warf sie ein. „Es ist endgültig vorbei, Tyler.“

„Sei doch vernünftig, Sasha. Nur weil ich für Bonnie nicht so viel Geduld aufgebracht habe wie du …“

Sie funkelte ihn mit ihren ausdrucksvollen dunklen Augen wütend an.

„Na gut, es tut mir leid, dass ich so aufbrausend war“, fuhr Tyler beschwichtigend fort. „Aber Bonnie hat es einfach zu weit getrieben.“

„Das wird nicht mehr vorkommen. Und jetzt entschuldige uns bitte.“

Als Sasha weitergehen wollte, entriss Tyler ihr mit einer raschen Bewegung die Tasche. „Du bleibst hier. Wir müssen miteinander reden.“

Sasha zwang sich, ruhig zu bleiben. „Mein Entschluss steht fest, Tyler. Du kannst nichts daran ändern.“

Seine Miene verfinsterte sich – offensichtlich fiel es ihm schwer, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie ihn wirklich verlassen wollte. „Hör zu, Sasha“, begann er schließlich einschmeichelnd. „Ich vermisse dich. Sogar das Baby fehlt mir. Die Wohnung ist leer ohne dich.“

„Du vermisst nur die Annehmlichkeiten, an die du dich gewöhnt hast, Tyler. Such dir eine andere Frau, die deine Wünsche erfüllt. Wie wäre es mit dem Mädchen, mit dem du dich im Studio vergnügt hast?“

„Das war ein einmaliger Ausrutscher – das habe ich dir doch bereits gesagt“, erwiderte er gereizt.

„Es steht dir frei, zu tun und zu lassen, was du willst. Aber ohne mich und Bonnie.“

Tylers Augen glitzerten zornig. „Ich habe mich bei dir entschuldigt. Was erwartest du noch von mir?“

„Nichts. Ich möchte nur, dass du uns in Frieden lässt.“ Sasha streckte die Hand aus. „Bitte gib mir die Tasche.“

„Wo willst du denn leben?“, fragte er, ohne auf ihre Bitte zu reagieren. „Es ist rücksichtslos, dich deinen Eltern aufzudrängen. Ihre Wohnung ist viel zu klein.“

„Ich werde mir ein eigenes Apartment suchen.“

„Mit einem Baby im Schlepptau und ohne regelmäßiges Einkommen? Hör endlich auf, dir etwas vorzumachen, Sasha! Es wird Zeit, dass du Vernunft annimmst!“

„Es hat keinen Sinn, Tyler. Gib mir die Tasche und lass uns gehen.“

„Du benimmst dich dumm und starrköpfig. Komm mit mir nach Hause, und wir werden …“

Sasha ließ ihn einfach stehen und ging weiter. Sie hatte endgültig genug von Tyler.

Mit wenigen Schritten war er bei ihr und packte unsanft ihren Arm. „Wage es nicht, mir den Rücken zuzudrehen! Ich bin gekommen, um mit dir zu sprechen!“

Sasha schrie erschrocken auf und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. Bonnie fing ängstlich an zu weinen.

„Du machst dem Kind Angst“, behauptete er vorwurfsvoll.

„Das ist deine Schuld. Lass uns gehen!“

„Nein, du kommst mit mir.“ Er verstärkte den Druck seiner Hand und zog sie hinter sich her.

„Hör auf damit, Tyler!“ Verzweifelt versuchte Sasha, sich loszureißen. „Ich will nicht mitkommen.“

„Das ist mir egal.“ Tyler beschleunigte den Schritt, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass Sasha stolperte und Mühe hatte, das schreiende Baby auf ihrem Arm festzuhalten.

„Du tust mir weh, Tyler.“

„Dann hör auf, dich wie eine störrische Ziege zu benehmen.“

„Lassen Sie die Lady los.“

Beim energischen Klang der Stimme zuckten beide zusammen. Tyler drehte sich verblüfft um und musterte den Mann, der es wagte, sich einzumischen. Auch Sasha blickte ihren Retter ungläubig an.

Nathan Parnell wirkte jetzt nicht mehr lässig und unbekümmert, sondern groß, stark und sehr entschlossen.

„Verschwinden Sie, Mister. Das geht Sie nichts an“, fuhr Tyler ihn an.

Sashas Wagen röteten sich. Es war peinlich genug, von einem Mann in der Öffentlichkeit so behandelt zu werden. Doch dass Nathan Parnell und sein kleiner Sohn auch noch Zeugen des Vorfalls geworden waren, war einfach erniedrigend.

„Lassen Sie die Dame los, oder ich breche Ihnen den Arm“, drohte Nathan Parnell und kam herausfordernd einige Schritte näher.

Warum müssen sich Männer immer so primitiv verhalten? dachte Sasha unglücklich. Wenn sie nicht eingriff, würde es womöglich zu einer Rauferei kommen. Und das wollte sie auf keinen Fall.

„Alles in Ordnung“, sagte sie schnell. Sie war sicher, dass sie sich ohne Hilfe gegen Tyler behaupten konnte.

Nathan Parnell blieb stehen. „Ich denke, der Gentleman sollte sofort Ihren Arm loslassen und Ihnen die Tasche zurückgeben.“

Tyler war noch nie körperlich bedroht worden. „Was fällt Ihnen ein? Wer sind Sie überhaupt?“, fragte er betont forsch und bemühte sich, damit seine Unsicherheit zu überspielen.

„Ich bin Nathan Parnell. Polizeibeamter. Momentan nicht im Dienst.“

Diese knappe Vorstellung zeigte Wirkung. Tyler zögerte einen Moment und ließ dann unvermittelt Sashas Arm los.

Sasha trat instinktiv einen Schritt zurück und versuchte, ihre weinende Tochter zu trösten. Der Schreck saß ihr noch so stark in den Gliedern, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.

Nathan rührte sich nicht von der Stelle und sah Tyler so scharf an, als hätte er den Hauptverdächtigen in einem Mordfall vor sich.

„Es handelt sich nur um einen kleinen Familienstreit, Officer“, erklärte Tyler lahm.

„Vielleicht sollten wir uns auf dem Revier darüber unterhalten.“

Tyler wich hastig zurück. „Das ist doch lächerlich. Wird man denn in diesem Land ständig von der Polizei überwacht? Ich bin ein freier Bürger!“

„Richtig. Sie genießen die gleiche Freiheit wie Frauen und Kinder. Und jetzt geben Sie der Dame die Tasche zurück.“

„Sie ist mit dem Kind beschäftigt – mit unserem Kind“, betonte Tyler.

Nathan wandte sich an Sasha, die immer noch beruhigend auf Bonnie einsprach. „Soll ich die Tasche für Sie tragen, Madam?“, erkundigte er sich freundlich und verriet mit keinem Wort, dass sie sich bereits kannten. „Es wäre mir ein Vergnügen, Sie zu begleiten.“

Unschlüssig sah Sasha ihn an. Durch sein energisches Auftreten hatte er ihr aus der Patsche geholfen, aber sie wollte nichts mit der Polizei zu tun haben. Außerdem hatte sie sich vorgenommen, Nathan Parnell aus dem Weg zu gehen.

„Wenn du mit ihm gehst, wirst du mich niemals wiedersehen“, drohte Tyler wütend.

Das war genau das, was Sasha sich wünschte. „Ich nehme Ihr Angebot gern an, Officer“, antwortete sie, ohne Tyler zu beachten.

Nathan wandte sich Tyler zu und streckte die Hand aus. „Die Tasche, bitte.“

Tyler schleuderte sie ihm ungehalten vor die Füße und warf dann Sasha einen feindseligen Blick zu. „Glaub ja nicht, du könntest wieder angekrochen kommen. Ich wollte dir noch eine Chance geben, aber jetzt ist es aus mit uns.“

Bevor Sasha antworten konnte, spürte sie eine leichte Berührung an ihrem Ellbogen. Nathan Parnell hatte die Tasche aufgehoben und drückte jetzt sanft ihren Arm. „Hier entlang, Madam.“

Einen Augenblick zögerte Sasha, doch dann wurde ihr klar, dass Nathan Parnell ihretwegen seinen kleinen Sohn allein gelassen haben musste. Es war ihr peinlich, Nathan solche Umstände gemacht zu haben, aber sie war auch erleichtert, Tyler endlich loszuwerden.

Entschlossen folgte sie Nathan und entdeckte nach wenigen Schritten den kleinen Matt. Er saß auf der Wiese und schaute ihnen mit ernster Miene entgegen. Sasha wünschte, er hätte diesen hässlichen Streit nicht mit ansehen müssen. Wahrscheinlich hatte ihn die Szene ebenso verängstigt wie Bonnie. Kinder reagierten sehr empfindlich auf Auseinandersetzungen zwischen Erwachsenen.

„Wenn du deine restlichen Sachen morgen nicht abholst, werfe ich sie auf die Straße!“, rief Tyler ihr nach. „Deine Eltern werden begeistert sein – sie haben auch ohne euch kaum Platz in der kleinen Wohnung!“

Sasha zuckte bei dem gehässigen Klang seiner Stimme zusammen. Es traf sie zutiefst, dass die vierjährige Beziehung mit Tyler auf eine so entwürdigende Weise endete.

„Gehen Sie einfach weiter, und schauen Sie nicht zurück“, sagte Nathan Parnell leise.

Sasha hätte nie vermutet, dass er Polizeibeamter war. Seine große, muskulöse Figur und sein bestimmtes Auftreten ließen allerdings darauf schließen, dass er daran gewöhnt war, Befehle zu erteilen.

„Ich möchte Tyler nicht anzeigen“, erklärte sie nervös.

„Glauben Sie, er wird Sie nicht mehr belästigen?“, fragte er und sah sie aufmerksam an.

Sasha senkte den Blick. Seine Anteilnahme beunruhigte sie. Sie war kein kleines Mädchen mehr, das Schutz brauchte, und sie würde sich auf keinen Fall auf eine Vernunftehe mit Nathan Parnell einlassen. Eine Partnerschaft ohne Liebe kam für sie nicht infrage. Sie musste diesen Mann, in dessen Gegenwart sie ein unerklärliches Kribbeln im Magen spürte, so schnell wie möglich loswerden.

„Ich bin sicher, dass Tyler endgültig genug von mir hat“, erwiderte sie steif.

Sie hoffte, dass Tyler es nicht riskieren würde, eine weitere Abfuhr zu erhalten. Wahrscheinlich würde er sie in Gedanken verfluchen und sich selbst einreden, dass er froh war, sie endlich losgeworden zu sein. Die Beziehung hatte ihn sowieso mehr gekostet, als er zu geben bereit gewesen war. Welche Erklärung würde er wohl ihren gemeinsamen Bekannten auftischen? Eigentlich war es Sasha gleichgültig. Tylers Geschäftspartner Joshua McDougal war der einzige Freund, den sie in den letzten vier Jahren regelmäßig gesehen hatten. Tyler hatte immer Wert darauf gelegt, neue Leute kennenzulernen, mit denen er Spaß haben konnte.

Eine Zeit lang hatte sie seine Art zu leben genossen. Sie waren nie allein und schlossen ständig neue Bekanntschaften. Doch dann hatte Sasha erkannt, dass all diese Kontakte nur oberflächlich waren. Als es darum ging, Verantwortung zu übernehmen und sich den Alltagsproblemen zu stellen, hatte Tyler sie im Stich gelassen.

Obwohl Sasha sicher war, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, sah sie sich jetzt vor einige scheinbar unlösbare Probleme gestellt.

Matt sprang auf und lief seinem Vater entgegen. „Ich wusste gar nicht, dass du Polizist bist, Daddy“, rief er. „Seit wann bist du denn ein Officer?“

Sasha zuckte zusammen. Offensichtlich hatte sich Nathan Parnell nur als Polizist ausgegeben. Aber wer war er wirklich? Plötzlich wurde ihr klar, dass er ihr nur geholfen hatte, weil er dringend eine Frau brauchte. Er hatte den Retter in der Not nur gespielt, um seine eigenen Ziele zu verfolgen. Nun, sie würde sich dadurch nicht erweichen lassen. Im Moment hatte sie von Männern gründlich die Nase voll.

Matt kam auf sie zugelaufen und blieb vor ihr stehen. „Mein Daddy kann einfach alles“, erklärte er stolz.

Sasha biss sich zornig auf die Unterlippe und wandte sich an Nathan Parnell. „Haben Sie überhaupt etwas mit dem Gesetz zu tun, Mr. Parnell?“

Er sah ihr tief in die Augen. „Bitte nennen Sie mich Nathan.“

Sein Lächeln wirkte so verführerisch, dass sich Sashas Puls plötzlich beschleunigte. Rasch senkte sie den Blick. „Sie haben meine Frage nicht beantwortet“, erwiderte sie kühl.

„Ich habe eine Zeit lang als Anwalt gearbeitet“, sagte er.

Der Klang seiner tiefen Stimme hat sicher viele Geschworene überzeugt – vor allem die weiblichen, dachte Sasha. „Hat man Sie wegen Amtsmissbrauch gefeuert?“, fragte sie herausfordernd.

„Natürlich nicht“, versicherte Nathan entrüstet. „Ich bin ein gesetzestreuer Bürger und glaube an Recht und Ordnung. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass eine Ehe durch einen vernünftigen Vertrag geregelt werden sollte.“

Sasha war entschlossen, sich nicht ablenken zu lassen. „Arbeiten Sie nun als Anwalt oder nicht?“

„Nein, ich habe es aufgegeben.“

„Warum?“

Er hob die Schultern. „Die Richter waren nicht immer meiner Meinung.“

„Das bin ich auch nicht“, stellte Sasha fest.

„Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte Nathan unschuldig.

„Sie haben Tyler gedroht. Ich halte nichts von Gewalt.“

„Ich auch nicht. Aber es ist ja auch nichts geschehen, stimmt’s?“ Er lächelte zufrieden.

„Sie haben sicher nicht immer recht“, entgegnete Sasha trotzig.

„Mein Daddy irrt sich nie“, mischte sich Matt ein und sah seinen Vater bewundernd an. „Das hat er mir gesagt.“

Gegen ihren Willen musste Sasha lächeln, und Nathan Parnell fasste dies offensichtlich als Friedensangebot auf.

„Wo wohnen Sie? Matt und ich werden Sie bis zur Haustür begleiten.“

Verwirrt bemerkte Sasha, dass ihr Herz wieder anfing, schneller zu schlagen, als Nathan sie anlächelte. Es wurde höchste Zeit, dass sie sich von diesem Mann trennte. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass er es immer irgendwie fertigbrachte, seinen Willen durchzusetzen. Und sie befürchtete, dass auch sie sich von ihm überreden lassen würde, wenn sie nicht schnellstens das Weite suchte.

„Vielen Dank, aber das ist nicht nötig.“ Sie sah sich aufmerksam um. „Tyler ist gegangen.“

„Was meinte er damit, als er von Problemen mit Ihren Eltern sprach?“ Nathan ließ nicht locker.

„Ich muss mir eine eigene Unterkunft suchen.“ Sasha seufzte. „Aber es ist nicht so einfach. Es ist schwer, Arbeit zu finden, und ich bin nicht gerade mit Reichtümern gesegnet.“ Sie schob Bonnie, die mittlerweile eingeschlafen war, bequemer zurecht und streckte die Hand aus. „Kann ich jetzt meine Tasche haben?“

„Soll ich sie Ihnen wirklich nicht nach Hause tragen? Ich würde es gern tun.“

Sasha zögerte einen Moment, schüttelte aber dann entschieden den Kopf. „Ich habe es nicht weit.“

Als Nathan ihr die Tasche reichte, traf sie der Blick aus seinen strahlend blauen Augen wie ein Blitz. „Alles Gute bei der Jobsuche. Ich hoffe, Sie finden eine geeignete Wohnung“, meinte er aufrichtig.

„Viel Glück bei der Suche nach einer Frau“, erwiderte sie leichthin.

Entschlossen machte sie sich auf den Heimweg. Irgendwie würde sie es schaffen, für sich und Bonnie zu sorgen, auch wenn sie nie einen Mann finden sollte, der sie beide liebte.

„Warten Sie einen Moment!“

Unwillkürlich blickte sie zurück und sah, dass Nathan hinter ihr herlief. Matt saß auf seinen Schultern und jauchzte vor Vergnügen. Vater und Sohn schienen sich wirklich gut zu verstehen. Sasha spürte plötzlich, wie es ihr die Kehle zuschnürte, als sie die beiden beobachtete.

„Hier.“ Atemlos steckte Nathan Parnell ihr ein Stück Papier in die Tasche.

„Was ist das?“

„Ich habe Ihnen den Namen und die Telefonnummer einer Frau aufgeschrieben, die Ihnen eine Wohnung vermitteln könnte. Über die Miete können Sie verhandeln.“

„Danke, aber …“

„Bitte nehmen Sie es.“ Nathan lächelte jungenhaft. „Dann habe ich heute schon zwei gute Taten vollbracht.“

Er drehte sich um und verschwand im Laufschritt in die andere Richtung, während der kleine Matt ihn begeistert lachend anfeuerte.

Ohne Zweifel war er der attraktivste Mann, dem Sasha jemals begegnet war.

3. KAPITEL

Sasha war verzweifelt – sie konnte nicht länger bei ihren Eltern bleiben. Bevor Tyler seine Drohung wahr machen konnte, hatte sie ihre Sachen abgeholt, und nun herrschte in der kleinen Wohnung ihrer Eltern eine beklemmende Enge. Außerdem ließ sich der Tagesablauf eines neun Monate alten Babys kaum mit dem eines älteren Ehepaares vereinbaren. Es kam zu Spannungen, die allen das Leben schwer machten.

Tag für Tag suchte Sasha nach einer Unterkunft, aber die erschwinglichen Apartments waren unzumutbar: schäbige Einzimmerquartiere in unsicheren, verrufenen Gegenden oder feuchte, düstere Zimmer, die modrig rochen. Sie konnte Bonnie einfach nicht zumuten, so aufzuwachsen. Wieder einmal nahm Sasha den Zettel zur Hand, den Nathan Parnell ihr gegeben hatte. Auf keinen Fall wollte sie sich ihm gegenüber verpflichtet fühlen. Immer wieder hatte sie sich vor Augen gehalten, dass es besser wäre, jeglichen Kontakt zu ihm zu vermeiden. Aber war sie es nicht Bonnie schuldig, alles nur Erdenkliche zu versuchen?

Sasha sah auf die Uhr. Es war kurz vor drei. Letzte Woche um diese Zeit hatte sie sich im Park mit Nathan Parnell über Heirat und Ehe unterhalten. Plötzlich hatte sie sein Bild ganz klar vor Augen.

Was konnte schon geschehen, wenn sie ihm wieder über den Weg laufen sollte? Er hatte sie nicht belästigt, sondern ihre Wünsche respektiert. Sasha hatte ihrer Mutter versprochen, so schnell wie möglich auszuziehen. Der Zettel von Nathan Parnell war vielleicht eine Chance – Sasha musste sie einfach wahrnehmen.

Entschlossen ging sie zum Telefon und nahm den Hörer ab. Dann wählte sie die angegebene Nummer und wartete gespannt, dass Marion Bennet, diesen Namen hatte Nathan Parnell ihr ebenfalls aufgeschrieben, sich meldete.

Nach einem kurzen Gespräch mit Mrs. Bennet nannte ihr diese eine Adresse in Mosman und lud sie ein, gleich vorbeizukommen. Kurze Zeit später stand Sasha ungläubig vor dem fraglichen Haus.

Verwirrt blickte sie auf den Zettel – sie musste die falsche Adresse notiert haben. Das eindrucksvolle, zweistöckige Gebäude war sicher ein Vermögen wert. Es lag auf einem großen gepflegten Grundstück direkt am Hafen und gehörte eindeutig zu den begehrtesten Häusern der Stadt. Wahrscheinlich vermietete der Besitzer einige Zimmer, um die Kosten für die Instandhaltung zu decken.

Nach kurzem Zögern betrat Sasha den Garten. Wenn sie wirklich die falsche Hausnummer notiert hatte, würde sie eben Mrs. Bennet noch einmal anrufen. Ein Kiesweg führte zur Eingangstür, die von wuchtigen Säulen flankiert wurde. Sasha fühlte sich wie ein Eindringling, als sie auf die Klingel drückte.

Zu ihrer Überraschung ertönten einige Takte einer hübschen Melodie, und gleich darauf öffnete eine ältere rundliche Dame die Tür. Ihr graues Haar war sorgfältig frisiert, und sie trug eine weite Bluse zu einer bequemen Leinenhose. Ihre braunen Augen funkelten neugierig, als sie Sasha musterte.

Sasha hatte sich sorgfältig zurechtgemacht. Zu der weißen Bluse und dem dunkelblauen Rock trug sie Strümpfe und Schuhe, die genau dazu passten. Das lange Haar hatte sie locker nach oben gesteckt und ein wenig Make-up benutzt, um ihre feinen Gesichtszüge zu betonen. Sie hoffte, einen vertrauenswürdigen Eindruck zu machen.

„Mrs. Bennet?“, fragte sie zögernd.

Die ältere Frau lächelte freundlich. „Das bin ich. Und Sie sind sicher Miss Redford.“

„Ja.“ Sasha seufzte, erleichtert, dass sie doch die richtige Hausnummer notiert hatte.

Trotzdem überfielen sie wieder Zweifel, als Mrs. Bennet einen Schritt zurücktrat und sie ins Haus bat. Die geräumige Eingangshalle war mit Fliesen ausgelegt und wurde von einer breiten geschwungenen Treppe aus poliertem Zedernholz beherrscht, die ins obere Stockwerk führte.

„Wir könnten hier hinaufgehen, aber die andere Treppe neben der Küche liegt günstiger“, erklärte Mrs. Bennet und führte Sasha durch einen Gang. „Leider gibt es keinen Privateingang zum Kinderzimmer und dem Wohnraum.“

Sasha nickte wortlos, ein wenig eingeschüchtert durch die beeindruckende Umgebung.

„Links liegen die übrigen Zimmer, und rechts befindet sich der Fernsehraum und das Frühstückszimmer“, fuhr Mrs. Bennet fort. Sie öffnete einige Türen und ließ Sasha einen Blick in mehrere hohe, wunderschön möblierte Räume werfen.

Zwischen dem Frühstücksraum und der Küche befand sich die andere, etwas schmalere Treppe, die ins obere Stockwerk hinaufführte.

Während Sasha Mrs. Bennet hinauffolgte, überlegte sie beklommen, dass sie sich eine Unterkunft in so einem Haus auf keinen Fall leisten konnte. Eigentlich sollte sie der älteren Dame gleich reinen Wein einschenken, aber sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, die Räume zu besichtigen, die zu mieten waren.

„Das ist das Kinderzimmer.“ Mrs. Bennet führte Sasha in einen hellen, luftigen Raum, der in Gelb und Weiß gehalten war und alle Möbelstücke enthielt, die eine Mutter für ihr Kind brauchte: einen Wickeltisch, ein Kinderbettchen, einen Kleiderschrank, einige Regale und sogar einen bequemen Schaukelstuhl.

Das kombinierte Wohn- und Schlafzimmer war ebenso geräumig und vollständig eingerichtet. Neben dem Doppelbett stand ein Schreibtisch. In der anderen Ecke des Zimmers befand sich eine kleine Sitzgarnitur mit einem Tisch, und Sasha entdeckte sogar einen Fernseher und ein Telefon.

Sasha war sicher, dass die Miete für sie unbezahlbar war. Sie zerbrach sich den Kopf, wie sie sich möglichst würdevoll verabschieden konnte, und suchte verzweifelt einen Fehler an der Unterkunft.

„Ich brauche einen eigenen Telefonanschluss für meine Arbeit“, erklärte sie schließlich.

Mrs. Bennet nickte bereitwillig. „Das sollte kein Problem sein. Verkaufen Sie etwas von zu Hause aus?“

„Nein. Ich suche alles Mögliche.“ Als Sasha Mrs. Bennets verständnislosen Blick sah, fuhr sie rasch fort: „Ich bemühe mich, das aufzutreiben, was andere Menschen suchen. Es hat damit begonnen, dass ich Nachforschungen über einen Familienstammbaum anstellte. Mittlerweile versuche ich, außer verschollenen Familienmitgliedern auch Erben und Erbstücke aufzuspüren. Im Auftrag der Kunden, die ein bestimmtes Gemälde oder ein anderes Kunstwerk erwerben möchten, mache ich mich auf die Suche nach dem Eigentümer. Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie an die gewünschten Informationen herankommen sollen.“

„Wirklich eine interessante Aufgabe! Bekommen Sie viele Aufträge?“

„In letzter Zeit leider nicht. Aber wenn ich Arbeit habe, brauche ich unbedingt ein Telefon.“

„Natürlich. Das erspart Ihnen einige Laufereien“, sagte Mrs. Bennet verständnisvoll und führte Sasha in die angrenzende kleine Küche. „Aufwendige Menüs kann man hier nicht zubereiten, aber es ist alles vorhanden, was Sie für sich und das Baby brauchen“, meinte sie. „Außerdem können Sie jederzeit die große Küche im Erdgeschoss benutzen.“

Nach dem, was Sasha in den letzten Tagen gesehen hatte, schien ihr die kleine Küche geradezu luxuriös. Neben dem kleinen Kühlschrank gab es eine Spüle, eine elektrische Kochplatte und ein Mikrowellengerät, und an der Wand hing ein geräumiger Geschirrschrank.

Zuletzt zeigte Mrs. Bennet Sasha das Bad mit der Duschkabine und der kleinen Wanne für das Baby und führte sie dann in den Wohnraum zurück ans Fenster. „Der Swimmingpool ist sicherheitshalber eingezäunt. Er steht Ihnen jederzeit zur Verfügung. Wie schon gesagt, es gibt keinen eigenen Eingang zu den vermieteten Räumen, aber wir leben hier wie eine große Familie. Sie können durchs Haus gehen, wann Sie wollen.“

Sasha schluckte nervös. Jetzt musste sie mit der Wahrheit herausrücken. „Es war sehr nett von Ihnen, mir alles zu zeigen, Mrs. Bennet. Ich würde liebend gern hier leben, aber ich glaube nicht, dass ich mir das leisten kann. Wie viel müsste ich denn …?“

Die ältere Dame lächelte. „Das liegt an Ihnen, meine Liebe. Es ist reine Verschwendung, wenn die Zimmer nicht bewohnt sind. Was könnten Sie denn zahlen?“

Verlegen senkte Sasha den Blick. Es wäre ihr lieber gewesen, Mrs. Bennet hätte einen bestimmten Betrag genannt. Dann hätte Sasha ablehnen können, ohne ihre finanzielle Lage preiszugeben. Fieberhaft rechnete sie nach, welche monatliche Summe sie aufbringen könnte, ohne Schulden machen zu müssen.

„Im Moment habe ich nur wenige Aufträge, aber ich habe ein paar Ersparnisse“, erklärte sie schließlich. „Ich könnte etwa …“ Die Summe erschien ihr für diese herrliche Unterkunft so lächerlich, dass sie kaum wagte, sie auszusprechen.

„Ja?“ Mrs. Bennet sah sie freundlich an.

„Einhundert Dollar die Woche“, flüsterte Sasha leise. Sie wusste, dass sie dafür höchstens ein schäbiges Zimmer in einer verwahrlosten Gegend Sydneys bekommen würde. Ihre Wangen röteten sich vor Scham.

„Das geht nicht, meine Liebe. Es tut mir wirklich leid.“

Mrs. Bennet war so nett zu ihr gewesen, doch jetzt war ihr offenbar klar geworden, in welchen Verhältnissen sich Sasha befand. „Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie so lange aufgehalten habe“, murmelte Sasha verlegen und wandte sich zur Tür.

„Der Betrag ist viel zu hoch.“

Sasha blieb verwirrt stehen. Träumte sie, oder hatte sie sich verhört? Ungläubig drehte sie sich um. „Sagten Sie, ich hätte Ihnen zu viel angeboten?“

Mrs. Bennet schien überrascht. „Hat Mr. Parnell nicht mit Ihnen darüber gesprochen?“

„Er sagte nur, man könne über die Miete verhandeln.“

„So ist es, meine Liebe. Im Testament des verstorbenen Seagrave Dunworthy gibt es allerdings eine Klausel, die es verbietet, die Räume dieses Hauses für mehr als einen bestimmten Betrag zu vermieten. Darunter ist die Miete frei verhandelbar. Sollte der Eigentümer des Anwesens mehr verlangen, könnte er gerichtlich verfolgt und enterbt werden.“

Sasha schüttelte verwundert den Kopf. Sie hatte bei ihrer Arbeit schon einige ungewöhnliche Testamente gelesen, aber so etwas hatte sie noch nie gehört. „Sind Sie sicher?“, fragte sie zweifelnd.

„Natürlich“, bestätigte Mrs. Bennet.

„Wie hoch ist die Miete, die nicht überschritten werden darf?“, fragte Sasha zögernd.

„Fünf Guineen.“

Aus den alten Schriftstücken, die Sasha während der Nachforschungen für verschiedene Aufträge gelesen hatte, war ihr diese Währung bekannt. Die Goldmünzen stammten aus dem 19. Jahrhundert, waren aber bis 1966 noch im Umlauf gewesen und bei Auktionen und Pferderennen sogar noch als Zahlungsmittel verwendet worden. Rasch rechnete sie den Gegenwert aus.

„Das sind zehn Dollar und fünfzig Cents.“

„Stimmt. Das bedeutet, wir können über die Miete verhandeln, dürfen aber diese Summe nicht überschreiten“, erklärte Mrs. Bennet geduldig.

Sasha konnte es immer noch nicht fassen. „Das Testament muss wohl sehr alt sein.“

„Das weiß ich nicht“, erwiderte Mrs. Bennet unbekümmert.

„Aber denken Sie nur an die Inflationsrate …“

„Soweit ich informiert bin, hat der ehrenwerte Seagrave Dunworthy in seinem Letzten Willen davon nichts erwähnt.“

„Oh!“ Sasha war sprachlos. Konnte das wirklich wahr sein?

„Sie müssen sich jetzt entscheiden, meine Liebe.“ Mrs. Bennets Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

„Ja, natürlich. Ich nehme die Unterkunft gern.“ Auch wenn ihr die Umstände immer noch verdächtig vorkamen, musste sie diese Chance einfach ergreifen.

„Dann muss ich Ihnen noch einiges über die Regeln in diesem Haus mitteilen“, sagte Mrs. Bennet mit ernster Stimme. „Erstens darf von unserem Wohltäter, dem verehrten Seagrave Dunworthy, nie schlecht gesprochen werden.“

„Das wird mir nicht schwerfallen“, erwiderte Sasha aufrichtig. „Er muss ein wunderbarer Mann gewesen sein.“

„Ohne Zweifel“, bestätigte Mrs. Bennet. „Zweitens muss die Miete pünktlich jeden Freitag zwischen neun Uhr morgens und dem letzten Glockenschlag der Standuhr in der Halle mittags um zwölf Uhr gezahlt werden.“

Das passte zu dem exzentrischen Testament des verstorbenen Seagrave Dunworthy. „Ich kann die Miete also nicht im Voraus bezahlen?“, erkundigte sich Sasha.

„Nein.“

„Also zehn Dollar und fünfzig Cents pro Woche“, wiederholte Sasha, immer noch zweifelnd.

„Sagen wir, zehn Dollar“, verkündete Mrs. Bennet. „Dann haben wir keine Schwierigkeiten mit dem Wechselgeld.“

„Das alles kostet mich also zehn Dollar …“ Sasha fühlte sich wie Alice im Wunderland.

„Wenn Sie über die Miete noch verhandeln wollen …“

„Nein, nein“, versicherte Sasha hastig. „Ich werde pünktlich am Freitag bezahlen.“

„Denken Sie daran – zwischen neun und zwölf“, mahnte Mrs. Bennet. „Kommen Sie mit nach unten“, fuhr sie fort. „Ich werde Ihnen gleich die Schlüssel für die beiden Haustüren geben. Dann können Sie einziehen, wann Sie wollen.“

„Ich komme schon morgen.“

„In Ordnung, meine Liebe.“

Sasha glaubte immer noch zu träumen. Erst als Mrs. Bennet sie zur Vordertür begleitete, erwachte ihre Neugierde. „Weiß Mr. Parnell über Seagrave Dunworthys Letzten Willen Bescheid?“

„Aber natürlich. Mr. Parnell ist Anwalt. Er hat mir das Testament genau erklärt.“

Ein vielseitiger Mann, dachte Sasha. Anwalt, Retter in der Not und der attraktivste Mann, den sie je getroffen hatte. Welche Überraschungen hatte er noch auf Lager?

„Ohne Mr. Parnell wären mein Mann und ich verloren gewesen“, fuhr Mrs. Bennet fort. „Mein Mann musste sein Geschäft aufgeben, weil er betrogen wurde, aber das konnten wir vor Gericht nicht beweisen. Wir verloren alles, was wir besaßen, und hatten kein Einkommen mehr. Dann brachte uns Mr. Parnell hier unter.“

„Ach wirklich?“

„Mr. Parnell ist ein sehr warmherziger Mann.“ Mrs. Bennet lächelte strahlend, während sie Sasha hinausbegleitete. „Wenn Sie beim Umzug Hilfe brauchen, können Sie sich jederzeit an meinen Mann wenden. Ich bin sicher, dass es Ihnen hier gefallen wird.“

„Vielen Dank.“ Sasha wollte Mrs. Bennet nicht länger aufhalten, aber eine Frage lag ihr noch auf der Zunge. „Lebt außer Ihnen und Ihrem Mann noch jemand in diesem Haus?“

„Aber ja, meine Liebe. Ich dachte, das wüssten Sie bereits. Mr. Parnell wohnt hier.“

4. KAPITEL

Am Sonntagabend hatte Sasha den Umzug erledigt und richtete sich häuslich ein. Sie wusste nicht, wie lange sie hier bleiben konnte, war aber fest entschlossen, das Beste daraus zu machen.

Bonnie schlief tief und fest in ihrem neuen Zimmer, so hatte Sasha Zeit für sich selbst. Sie duschte ausgiebig und hüllte sich anschließend in einen tiefblauen Morgenmantel aus Satin. Wahrend sie ihr Haar bürstete, betrachtete sie sich kritisch im Spiegel.

Tyler hatte immer behauptet, sie würde elegant wirken. Die feinen Gesichtszüge, der schlanke Nacken und das lange schwarze Haar hatten ihm an ihr am besten gefallen. Unwillkürlich fragte sie sich, was Nathan Parnell wohl an ihr fand. Er hatte gesagt, ihre Haut wäre sicher weich wie Seide, aber als sie sich vorbeugte, entdeckte sie im Spiegel dunkle Ringe unter den Augen. Die letzten Wochen hatten ihre Spuren hinterlassen.

Sasha legte die Haarbürste beiseite und ging in die kleine Küche. Sie wollte sich eine Tasse Kaffee machen und dann vielleicht ein wenig fernsehen. Wie schön, dass sie diesen Abend für sich hatte!

Nathan Parnell war ihr den ganzen Tag über nicht begegnet. Mrs. Bennet hatte ihr erzählt, dass er mit Matt eingeladen war. Sasha hatte sich nicht erkundigt, bei wem. Auf keinen Fall wollte sie den Eindruck erwecken, sie wäre interessiert an ihm. Trotzdem hatte Mrs. Bennet ungefragt weitergeplaudert.

Sie bewohnte mit ihrem Mann die Zimmer neben der Küche, die früher für die Dienstboten vorgesehen waren. Nathan Parnell hatte Mrs. Bennet als Haushälterin eingestellt, und ihr Mann kümmerte sich um alle Dinge, die in Haus und Garten anfielen.

Sasha runzelte die Stirn. Nathan Parnell schien sich seine Umgebung immer so zu schaffen, wie es ihm gefiel. Vielleicht hatte er das außergewöhnliche Testament von Seagrave Dunworthy nur erfunden. Die Bennets arbeiteten gern für ihn – sie glaubten, der Letzte Wille des alten Herrn hätte ihnen ein besonders gutes Schicksal beschert. Glaubte Nathan Parnell etwa, er könne auch sie, Sasha, auf diese Weise gewinnen und sich damit eine gefügige Ehefrau angeln?

Nun, da hatte er sich getäuscht. Sasha dachte nicht im Traum daran, Nathan Parnell zu heiraten.

Eigentlich war es ihr gleichgültig, ob es den ehrenwerten Seagrave Dunworthy wirklich gegeben hatte. Sie würde sich auf jeden Fall so verhalten, dass es keinen Grund für eine Kündigung gab. Solange sie ihre Miete pünktlich jeden Freitag bezahlte, war sie unabhängig, und Nathan Parnell konnte sich nicht beschweren.

In dem Moment, als der Kaffee fertig war, klopfte jemand an die Tür.

„Herein“, rief Sasha und fragte sich, was Mrs. Bennet jetzt noch von ihr wollte.

Während sie sich einschenkte, hörte sie, wie die Tür geöffnet wurde, doch dann blieb es still. Neugierig drehte sie sich um. Vor ihr stand Nathan Parnell.

Offensichtlich war er von ihrem Anblick ebenso angetan wie sie von seinem. Er trug Jeans und ein weißes Hemd und lehnte sich lässig gegen den Türrahmen. Sashas Puls begann plötzlich zu rasen. Irgendwie spürte sie, dass dieser Mann ihr gefährlich werden konnte.

Die oberen Knöpfe seines Hemds waren geöffnet und gaben den Blick auf seine gebräunte Brust frei, auf der sich dunkle Locken kräuselten. Die aufgerollten Hemdsärmel zeigten seine muskulösen Arme, und das frisch gewaschene, feuchte Haar glänzte. Beim Blick seiner tiefblauen Augen überlief Sasha plötzlich ein Schauer.

Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie unter ihrem Morgenmantel nichts anhatte. Als sie spürte, wie ihre Knospen sich verhärteten, wandte sie sich verlegen ab und versuchte angestrengt, sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen.

„Ich dachte, es wäre Mrs. Bennet“, sagte sie schließlich.

Nathan Parnell schien ihr gar nicht zuzuhören. „Sie sehen wunderschön aus. Das Blau steht Ihnen ausgezeichnet.“ Er lächelte verführerisch. „Haben Sie sich für mich so hübsch angezogen?“

„Nein.“

„Wie schade.“

Sasha versuchte verzweifelt, einen klaren Kopf zu behalten. „Vielen Dank, dass Sie mir diese Unterkunft besorgt haben“, sagte sie und hoffte, dass ihre Stimme ruhig und beherrscht klang.

„Das haben Sie hauptsächlich Seagrave Dunworthy zu verdanken.“ Nathan schmunzelte. „Für meine Dienste als Vermittler wäre eine Tasse Kaffee eine ausreichende Belohnung.“

„Ich wollte gerade ins Bett gehen.“

„Ich auch. Dann musste ich an Sie denken.“ Seine Augen blitzten herausfordernd.

Sasha lachte verlegen und versuchte, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. „Sicher hatten Sie tagsüber sehr viel zu tun.“

„Ja. Hauptsächlich ging es um Sie. Ich habe Hester Wingate besucht.“

„Ist das auch eine reiche Wohltäterin, von deren Testament ich profitieren soll?“

„Nein, aber sie schreibt gerade ihren Letzten Willen. Und sie braucht Ihre Hilfe.“

„Wozu?“

„Marion hat mir erzählt, dass Sie anderen Leuten bei der Suche nach bestimmten Dingen helfen.“

„Soll das heißen, Sie haben mir einen Auftrag besorgt?“

„Ja. Mir ist natürlich daran gelegen, dass Sie die Miete pünktlich bezahlen.“

Sasha sah ihn zweifelnd an. Wahrscheinlich ging es ihm nur darum, seinen Kopf durchzusetzen. Dieser Mann schien einen eisernen Willen zu haben und vor nichts zurückzuschrecken, um sein Ziel zu erreichen. Worauf habe ich mich da nur eingelassen? überlegte sie.

„Finden Sie es nicht unpassend, mich in meinem Schlafzimmer zu besuchen?“, fragte sie kühl. „Oder ist das Bestandteil meines Mietvertrags?“

Nathan zuckte lässig die Schultern. „Es steht Ihnen frei, mich hinauszuwerfen – aber dann werden Sie nichts über den Job erfahren.“

Sasha brauchte Arbeit – und sie brauchte diese Unterkunft. Aber sie wollte keinen Ehemann, der sie und Bonnie nicht wirklich liebte.

„Reicht Ihnen eine Tasse Kaffee, oder erwarten Sie mehr von mir?“, erkundigte sie sich herausfordernd.

„Keine Milch, aber zwei Stück Zucker für mich.“ Lächelnd schloss Nathan die Tür hinter sich.

„Bitte setzen Sie sich dort drüben hin – ich werde Ihnen eine Tasse bringen.“ Sasha ging rasch in die Küche. Seine Nähe verunsicherte sie.

„Hat Bonnie sich schon eingewöhnt?“, fragte er.

„Ja. Sie schläft tief und fest.“

„Matt auch.“

Sasha zuckte beim zufriedenen Klang seiner Stimme zusammen. Dachte er etwa, das wäre eine gute Gelegenheit für ein Schäferstündchen mit ihr? Nun, sie würde ihn auf keinen Fall dazu ermutigen.

Verstohlen prüfte sie, ob ihr Morgenmantel nicht verrutscht war, bevor sie die Kaffeetassen zum Tisch trug und sich setzte.

„Worum geht es bei dem Auftrag?“, fragte sie betont sachlich.

„Sie sollen einige Skandale aufdecken“, erwiderte er lächelnd und zwinkerte ihr zu.

„Es tut mir leid, aber ich nehme keine Arbeit an, bei der Menschen verleumdet oder verletzt werden könnten“, erklärte Sasha entschlossen.

Nathan ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Hester Wingate ist zweiundneunzig Jahre alt – das behauptet sie zumindest. Wahrscheinlich ist sie älter, gibt es aber nicht zu. All ihre Freunde und Verwandten sind bereits gestorben. Mit einigen möchte sie allerdings noch alte Rechnungen begleichen – auch wenn das erst im Jenseits möglich sein wird.“

„Im Jenseits?“

„Ja, sie bereitet sich auf ein Leben nach dem Tod vor. Egal, ob es im Himmel oder in der Hölle stattfinden wird – sie will gerüstet sein, um dann mit allen Leuten abzurechnen, die ihr auf Erden Schaden zugefügt haben.“

Sasha lächelte belustigt. „Das ist natürlich etwas anderes. Sie möchte also Informationen über Menschen haben, die schon lange tot sind?“

„Genau. Jede Kleinigkeit ist wichtig für sie.“

„Kann sie es sich leisten, mich zu beschäftigen?“

„Wie viel verlangen Sie denn?“

Sasha zögerte einen Moment. Die alte Dame würde als Rentnerin sicher nicht viel bezahlen können, doch in ihrer derzeitigen Situation musste sie, Sasha, annehmen, was sich ihr bot. Außerdem ergaben sich durch einen Auftrag oft weitere Möglichkeiten, Arbeit zu finden.

„Normalerweise verlange ich fünfundzwanzig Dollar die Stunde, zuzüglich Spesen. Die meisten Leute können sich das aber nicht leisten, deshalb berechne ich oft viel weniger Stunden, als ich tatsächlich arbeite“, gab sie offen zu.

„Mit dieser Einstellung kommen Sie nie auf einen grünen Zweig“, bemerkte Nathan Parnell trocken.

„In meinem Job kann man in einer Stunde nicht viel erledigen“, verteidigte sich Sasha.

„Das verstehe ich.“ Er lächelte sie gut gelaunt an. „Hester hatte einen sehr großen Familien- und Freundeskreis. Wenn Sie Ihre Sache gut machen, könnten Sie mehrere Jahre beschäftigt sein.“

Die Aussicht auf eine länger andauernde, gesicherte Tätigkeit war sehr verlockend, trotzdem war Sasha misstrauisch. „Wer ist diese Hester Wingate, und woher kennen Sie sie?“

„Ich kümmere mich um ihre offiziellen Papiere. Wenn Sie möchten, stelle ich Ihnen die Dame vor.“

„Dann arbeiten Sie doch noch als Anwalt?“

Nathan schüttelte den Kopf. „Nein, nur für Hester. Alle anderen sind an ihr gescheitert.“

„Sie tun der alten Dame damit also einen Gefallen?“

„So könnte man es nennen.“

Sasha konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass Nathan Parnell wieder einmal alles zu seinen Gunsten auslegte.

„Hester Wingate scheint etwas verschroben zu sein“, meinte sie argwöhnisch.

„Nun ja, Sie werden Ihr Honorar nicht geschenkt bekommen.“ Nathan seufzte. „Ich habe ihr Testament schon zwanzigmal ändern müssen. Und heute hat sie sich wieder einen Nachtrag dazu ausgedacht.“

Ob Nathan das nur erfunden hatte? „So ausgefallen wie Seagrave Dunworthys Klauseln kann Hester Wingates Letzter Wille wohl kaum sein.“ Gespannt beobachtete Sasha seine Reaktion.

„Wollen wir wetten?“ Er blickte gespielt entsetzt zur Zimmerdecke hinauf.

Vielleicht tue ich ihm unrecht, dachte sie plötzlich. Außerdem ging es hier um einen Auftrag, den sie dringend brauchte. Selbst wenn Nathan Parnell dahinterstecken sollte, konnte sie es sich nicht leisten, Arbeit abzulehnen. Diese herrliche Unterkunft hatte er ihr schließlich auch besorgt, und daran gab es wirklich nichts auszusetzen.

„Wo wohnt Hester Wingate?“, erkundigte sie sich.

„In Church Point. Ich will ehrlich sein – sie hat mir befohlen, Sie morgen zum Tee zu ihr zu bringen. Und sie möchte auch Ihre Tochter kennenlernen.“ Nathan sah sie bittend an. „Bitte sagen Sie nicht Nein. Sie ersparen mir damit eine Menge Ärger.“

„Macht es Ihnen nichts aus, dass die alte Dame Sie herumkommandiert?“

„Ehrlich gesagt ist es einfacher, sich Hesters Wünschen zu fügen, als ihr zu widersprechen.“ Nathan seufzte erneut.

Sasha konnte ein leises Kichern nicht unterdrücken. Der Gedanke, dass eine alte Dame Nathan Parnell Befehle erteilte, amüsierte sie. „Ich komme gern mit“, erklärte sie. „Vielen Dank, dass Sie bei dem Job an mich gedacht haben.“

„Das war doch selbstverständlich.“ Nathan sah sie durchdringend an. Sein Blick verriet, dass er gern bereit war, noch viel mehr für sie zu tun.

Sashas Magen krampfte sich nervös zusammen. Rasch wandte sie sich ab und umfasste mit beiden Händen die Kaffeetasse, als würde sie Halt suchen.

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie er die Tasse zum Mund führte. Seine Finger waren schmal und sehnig, und die Fingernägel gepflegt. War er ein aufmerksamer, rücksichtsvoller Liebhaber? Einen Moment lang stellte sie sich vor, wie er mit seinen muskulösen Händen sanft über ihre Haut strich und dabei die empfindsamsten Stellen ihres Körpers erforschte. Sasha holte tief Luft. Sie musste dafür sorgen, dass Nathan Parnell ihr Schlafzimmer verließ, bevor die Situation außer Kontrolle geriet.

„Wann werden wir losfahren?“ Sie bemühte sich, möglichst unbeteiligt zu klingen.

„Können Sie um halb zehn Uhr fertig sein?“

„Ja.“ Sie stand auf und lächelte gezwungen. „Aber dann sollte ich jetzt wohl besser ins Bett gehen.“

„Natürlich.“

Sasha beobachtete erleichtert, wie Nathan sich bereitwillig erhob und zur Tür ging. Rasch folgte sie ihm, um hinter ihm abzuschließen. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen für Ihre Hilfe, danken kann, Nathan“, sagte sie.

Er drehte sich zu ihr um und zögerte einen Moment. Seine tiefblauen Augen glitzerten. „Mir würde da schon etwas einfallen“, erwiderte er leise und legte einen Arm um ihre schlanke Taille.

Sashas Herz klopfte heftig. Wahrscheinlich wollte er mehr als nur einen Kuss – immerhin hatte er keine Frau … Eigentlich durfte sie nicht zulassen, dass er sie berührte, aber etwas in ihrem Inneren sehnte sich danach. Ein Kuss war schließlich keine Verpflichtung fürs Leben. Warum sollte sie ihm dieses harmlose Vergnügen verwehren? Er hatte schließlich einiges für sie getan. Und er übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf sie aus.

Wie in Trance beobachtete sie, wie er den Kopf senkte. In den vergangenen vier Jahren hatte sie außer Tyler keinen Mann geküsst und in den letzten Wochen kaum noch Leidenschaft dabei empfunden. Doch jetzt war sie frei – und neugierig auf die Liebkosung von Nathan Parnell.

Sanft berührte er mit seinen Lippen ihren Mund, als wollte er zuerst ihre Reaktion abwarten. Sein Kuss war nicht fordernd, sondern zärtlich.

Als Sasha die Arme um seinen Nacken schlang, war sie überrascht, dass er sie nicht sofort näher an sich zog. Stattdessen fuhr er fort, mit seinem Mund langsam den ihren zu erforschen.

Sasha seufzte unwillkürlich, und als er den Kopf hob, hätte sie Nathan am liebsten daran gehindert. Sie war selbst verblüfft, wie sehr sie sich nach einem weiteren Kuss von ihm sehnte.

„Gestohlene Küsse schmecken am besten“, flüsterte er leise an ihrem Ohr.

Langsam öffnete sie die Augen und sah ihn forschend an. Sie fragte sich, ob dieser Kuss auch für ihn etwas Besonderes gewesen war.

„Das ist also Leidenschaft für dich?“, neckte sie ihn, als sie sah, dass er sich offensichtlich – im Gegensatz zu ihr – noch ganz unter Kontrolle hatte.

„Nein. Unter Leidenschaft verstehe ich etwas anderes“, erwiderte Nathan heiser und nahm sie in den Arm. „Lass es mich dir zeigen.“

Als er sie diesmal küsste, wich die Zärtlichkeit einer verzehrenden Begierde, die beide erfasste. Sasha wusste nicht mehr, wie ihr geschah, als Nathan sie voll Verlangen an sich presste.

Später konnte sie sich nicht mehr genau daran erinnern, wie alles begonnen und geendet hatte. Waren sie beide von ihren überwältigenden Gefühlen so überrascht gewesen, dass sie sich verlegen voneinander gelöst hatten? Oder hatte Nathan ihr Zögern gespürt und sich deshalb rasch verabschiedet?

„Bis morgen“, sagte er mit tiefer Stimme und drückte Sasha noch einmal kurz an sich. Dann war er verschwunden.

Sasha löschte gedankenverloren das Licht und legte sich ins Bett. Dort wo Nathan sie berührt hatte, schien ihre Haut in Flammen zu stehen. Vorsichtig fuhr sie mit einem Finger über ihre leicht geschwollenen Lippen.

Nathan Parnell hatte ein Verlangen in ihr geweckt, das sie bis jetzt noch nie verspürt hatte. Als er sie leidenschaftlich an sich gepresst hatte, hatte sie deutlich seine körperliche Erregung gefühlt. Dadurch hatte sich ihr eigenes Verlangen noch gesteigert. Das Gefühl, von so einem attraktiven Mann begehrt zu werden, machte sie schwindlig.

Trotzdem war sie froh, dass er sich verabschiedet hatte, bevor mehr passiert war. Leidenschaft war noch lange nicht gleichbedeutend mit Liebe. Nur auf gegenseitige körperliche Anziehung konnte man keine Ehe aufbauen. Sasha war fest entschlossen, Nathan das noch einmal ausdrücklich zu verstehen zu geben.

Allerdings war Nathan Parnell ein äußerst attraktiver Mann, und Sasha wollte ihn nicht ganz entmutigen. Wenn sie Zeit hatten, sich näher kennenzulernen, würde sich ihre Beziehung vielleicht vertiefen. Sie konnte sich plötzlich sehr gut vorstellen, eines Tages mehr als nur Leidenschaft für ihn zu empfinden.

Sie seufzte zufrieden und kuschelte sich bequem unter die weiche Decke. Seagrave Dunworthy musste wirklich ein großartiger Mensch gewesen sein. Auch Hester Wingate schien eine faszinierende Person zu sein. Und vielleicht würde Nathan Parnell sogar seine Ansichten über die vollkommene Ehe noch ändern. Wer konnte schon vorhersagen, was die Zukunft bringen würde?

5. KAPITEL

Als Sasha am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie das Gefühl, plötzlich in einer neuen, besseren Welt zu leben. Sie hörte, wie Bonnie im Nebenzimmer fröhlich vor sich hin plapperte. Endlich hatte Sasha für sich und ihre Tochter ein Zuhause gefunden – und ein neuer Job wartete auf sie. Schwungvoll sprang sie aus dem Bett und lief ins Badezimmer.

Heute wollte sie so gut aussehen wie nur möglich. Während sie ihr Haar wusch und dann föhnte und kämmte, bis es ihr seidig glänzend über die Schultern fiel, ging sie in Gedanken ihre Garderobe durch und entschied sich für ein pinkfarbenes Kleid. Dazu wollte sie hochhackige schwarze Schuhe tragen. Auch Bonnie sollte hübsch aussehen. Es war noch einiges zu tun, bevor Nathan Parnell sie abholte.

Die Zeit verging wie im Flug. Sie setzte Bonnie in den Kinderwagen und vergewisserte sich, dass die Gurte fest geschlossen waren. Als sie die Kinderzimmertür öffnete, stand Nathan vor ihr.

„Brauchst du Hilfe?“

„Ich wollte gerade den Wagen hinuntertragen“, erwiderte sie und sah ihn prüfend an. Sie war gespannt, wie er sich nach den Ereignissen des vorherigen Abends verhalten würde.

Seine Miene verriet deutlich, wie sehr ihm gefiel, was er sah. Mit unverhohlener Anerkennung ließ er den Blick über ihr Gesicht und das schimmernde Haar hinunter zu den wohlgeformten Hüften und den langen Beinen gleiten. Schließlich lächelte er, und Sasha spürte, wie ihr unvermittelt heiß wurde.

„Das Kleid steht dir ausgezeichnet“, sagte er aufrichtig.

„Freut mich, dass es dir gefällt.“

Verstohlen musterte Sasha ihn. In dem dreiteiligen graublauen Anzug mit der dazu passenden gold-blauen Krawatte wirkte Nathan Parnell wie ein Mann von Welt. Er ist wirklich sehr attraktiv, dachte Sasha wieder einmal, ermahnte sich aber gleichzeitig, nichts zu überstürzen. Sie wollte sich ihrer Sache ganz sicher sein, bevor sie sich auf eine Beziehung einließ.

„Ich glaube, in Rot würdest du sogar noch besser aussehen“, meinte er versonnen.

Sasha lachte verlegen. Es gefiel ihr, dass er sich Gedanken über ihre Kleidung machte. „Ich habe ein rotes Abendkleid aus Satin, aber das wäre für diesen Anlass wohl nicht passend.“

„Dann muss ich wohl für eine geeignete Gelegenheit sorgen, um dich darin zu sehen.“

War er wirklich daran interessiert, eine tiefere Beziehung mit ihr aufzubauen? Sasha schluckte nervös. Oder wollte er nur eine Frau an seiner Seite haben, mit der er sich sowohl in der Öffentlichkeit zeigen als auch im Bett vergnügen konnte?

„Wo hast du Matt gelassen?“, fragte sie schließlich, um sich von ihren Gedanken abzulenken.

„Er ist in einer Spielgruppe. Das gibt ihm Gelegenheit, andere Kinder kennenzulernen.“

Nathan beugte sich vor und lächelte Bonnie an. Als er ihr die Hand entgegenstreckte, packte sie vergnügt einen Finger und krähte vor Freude.

Er ist sicher ein guter Vater, dachte Sasha unwillkürlich.

„Bist du fertig?“, wollte Nathan wissen. „Dann trage ich den Kinderwagen die Treppe hinunter.“

„Ja, vielen Dank.“

Während sie ihm folgte, beschloss Sasha, alles zu tun, um mehr über Nathan Parnell herauszufinden. Sie wusste noch viel zu wenig über ihn. Auch wenn er sie sehr beeindruckt hatte, musste sie mehr über ihn erfahren.

Vor dem Haus stand ein weißer BMW. Sasha sah zu, wie Nathan geschickt die Tragetasche, in der Bonnie lag, vom Kinderwagengestell löste und sicher auf dem Rücksitz angurtete. Dann verstaute er den Wagen und hielt Sasha die Tür auf. Als sie den Sicherheitsgurt angelegt hatte, ließ er den Motor an.

Sasha war sich plötzlich Nathans Nähe stark bewusst. Verstohlen warf sie ihm einen Blick zu, während sie daran dachte, wie er sie am Abend zuvor an sich gepresst hatte.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, wandte er sich ihr zu, und einen Moment lang funkelten seine Augen begehrlich. Dann blickte er wieder auf die Straße und konzentrierte sich auf den Verkehr.

Sasha verschränkte nervös die Hände im Schoß. Ihr Herz klopfte heftig. Nathan begehrte sie – das wusste sie jetzt. Die Frage war nur, wann er …

Obwohl sie bei diesem Gedanken ein erregendes Prickeln spürte, war sie auch beunruhigt. Eigentlich hatte sie vorgehabt, ihre ganze Aufmerksamkeit erst einmal Bonnie zu widmen. Auch als die Beziehung mit Tyler bereits im Sand verlaufen war, hatte sie kein Interesse an anderen Männern gehabt. Flüchtigen Affären konnte sie nichts abgewinnen. Sie wollte mehr als nur Leidenschaft für eine Nacht. Wovon sie träumte, war wahre, tiefe Liebe.

„Was tust du, wenn du nicht gerade an Hester Wingates Testament arbeitest?“, fragte sie, entschlossen, mehr über Nathan herauszufinden.

Er lächelte geheimnisvoll. „Ich spiele Computerspiele.“

Sasha seufzte ungehalten. „Ich wollte eigentlich wissen, wie du dich und deinen Sohn ernährst.“

„Nun, die meisten Leute behaupten, ich hätte damit keine großen Probleme. Wahrscheinlich kommt es immer darauf an, welche Ziele man sich gesteckt hat.“

„Heißt das, du arbeitest nicht mehr?“

„Doch, das schon. Aber ich bin in der glücklichen Lage, mir aussuchen zu können, was ich tue.“

„Und was ist das?“

„Gefallen dir Diamanten, Sasha?“

Diese Frage verblüffte sie, aber unwillkürlich blickte sie auf ihre Hand. Sie hatte sich einmal gewünscht, einen Verlobungsring von Tyler zu tragen. „Wahrscheinlich genauso wie allen Frauen“, erwiderte sie kurz angebunden. Dachte Nathan etwa, er könnte sie mit einem Schmuckstück kaufen?

„In der Stadt werden im Moment die schönsten Diamanten der Argyle Mine in den Kimberleys ausgestellt. Mir gefallen die rosafarbenen am besten.“

Sasha sah ihn erstaunt an. „Du magst rosafarbene Diamanten?“

„Ja, sie sind einfach herrlich. Möchtest du sie dir ansehen? Ich kann dir an meinem Computer zeigen, wie ich sie schütze.“

„Sehr gern.“

Sasha schüttelte verwirrt den Kopf. Sie begriff nicht, was Nathan mit Edelsteinen zu tun hatte oder wie er sie mit seinem Computer schützen wollte, war aber fest entschlossen, das in Erfahrung zu bringen. Das teure Auto und der maßgeschneiderte Anzug ließen darauf schließen, dass er nicht gerade in ärmlichen Verhältnissen lebte. Außerdem konnten sich nur wenige Männer in seinem Alter ihren Arbeitsplatz frei aussuchen.

„Wie alt bist du?“, fragte sie neugierig.

„Vierunddreißig.“

„Lebst du sehr zurückgezogen?“

Nathan warf ihr einen amüsierten Blick zu. „Sehe ich so aus?“

„Nein“, gab sie zu. Er verwirrte sie immer mehr. Warum hatte er sich nicht eine Frau aus seinen Kreisen gesucht, um sie zu heiraten? Warum hatte er gerade ihr, einer völlig Fremden, in einem Park einen Antrag gemacht? Vielleicht sollte sie so handeln wie er und einfach abwarten, was passieren würde. Irgendwie gefiel es ihr, dass er sie immer wieder überraschte.

Sasha war gespannt auf Hester Wingate. Sie war noch nie in Church Point gewesen, wusste aber, dass es sich in der Nähe des Hafens Pittwater befand, der für seine ausgezeichneten Wassersportmöglichkeiten berühmt war. Durch die Halbinsel Palm Beach war das Meer dort ruhig und klar. Viele Bootseigentümer hatten sich an der Küste niedergelassen, und in den letzten Jahren waren einige Yachtclubs eröffnet worden. Die Gegend galt als äußerst exklusiv.

Sie hatte eigentlich erwartet, dass Hester Wingate in einem alten Haus leben würde, und war verblüfft, als Nathan den Wagen in die Einfahrt zu einer großen, modernen Villa lenkte. Die Fassade des zweistöckigen Hauses war weiß und rosa gestrichen und von einer umlaufenden Veranda umgeben. Das Grundstück war mit allerlei tropischen Farnen, Palmen, Hibiskusbüschen und Jasminbäumen bewachsen. Ein Gärtner harkte sorgfältig den gepflegten Rasen.

„Mrs. Wingate kann es sich sicher leisten, mir fünfundzwanzig Dollar die Stunde zu bezahlen“, meinte Sasha zuversichtlich.

Nathan lachte. „Verlange lieber dreißig oder vierzig Dollar – dann wird sie deinen Sachverstand umso mehr zu schätzen wissen.“

Bonnie war fest eingeschlafen, als sie vor dem Haus anhielten. Während Nathan den Kinderwagen aus dem Auto hob, holte Sasha die Tragetasche, in der Bonnie lag, vom Rücksitz. Dann gingen sie gemeinsam die breite Treppe zur Veranda hinauf.

„Viel Glück“, sagte Nathan leise und drückte aufmunternd Sashas Hand.

„Ist die alte Dame denn so furchterregend?“, fragte Sasha und freute sich, dass er so viel Mitgefühl zeigte. In ihren Augen war Freundschaft wichtiger als flüchtige Leidenschaft.

„Das kommt auf ihre Stimmung an. Manchmal ist sie sehr schwierig.“

Sasha hoffte, dass Hester Wingate gut gelaunt war. Der Job bedeutete sehr viel für ihre und Bonnies Zukunft.

Auf der Veranda standen zahlreiche exotische Pflanzen in den verschiedensten Töpfen und Vasen – anscheinend sammelte die alte Dame ungewöhnliche Dinge. Nathan führte Sasha zu einem weißen Aluminiumtisch, um den einige Stühle standen. Hier schien die Sonne den ganzen Tag, doch die leichte Brise vom Meer machte die Luft angenehm kühl. Behutsam stellte Nathan die Tragetasche, in der Bonnie lag, auf den Tisch.

„Ich werde Hester Bescheid sagen.“ Offensichtlich kannte er sich hier gut aus, denn er öffnete ohne zu zögern eine Glastür, die in ein geräumiges Wohnzimmer führte, und verschwand im Haus.

Sasha sah ihm nachdenklich nach. Wieder einmal fragte sie sich, ob Hester Wingate wirklich einen Auftrag zu vergeben hatte oder ob Nathan Parnell sie nicht mithilfe einer alten Freundin in die Falle locken wollte. Sie seufzte und atmete einige Male tief durch, um sich zu entspannen. Schließlich hörte sie Stimmen, und wenig später stand Hester Wingate vor ihr.

Sasha war verblüfft. Die alte Dame machte nicht den Eindruck einer zweiundneunzigjährigen Greisin. Ihr Gesicht war zwar von Falten durchzogen und ihre Figur klein und leicht gebückt. Trotzdem wirkte der elegante Stock aus Elfenbein und Silber, auf den sie sich stützte, an ihr eher wie ein Schmuckstück.

Sie trug einen farbenfroh bedruckten Kaftan in Blau- und Grüntönen, und ihr sorgfältig frisiertes Haar glich frischer Zuckerwatte. Ihre strahlend blauen Augen funkelten lebhaft. Sie blieb an der Schwelle zur Veranda stehen und betrachtete Sasha mit unverhohlener Neugierde. Zweifellos hielt sie es für ihr gutes Recht, jeden Gast so gründlich zu mustern, wie es ihr gefiel.

„Ich verstehe“, sagte sie schließlich und nickte bekräftigend. „Das ist also das Mädchen, das diesen Wirbel verursacht.“

Sasha nahm an, die alte Dame verwechselte sie mit jemandem. Hilfe suchend blickte sie Nathan an.

„Aber Hester, ich …“, begann Nathan, doch Hester Wingate unterbrach ihn sofort.

„Hören Sie nicht auf ihn“, befahl sie Sasha. „Junge Frauen sollen sogar Aufregung verursachen – und dabei möglichst einige Männer mit gebrochenen Herzen zurücklassen.

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