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Märchenprinzen, Band 176

LYNNE GRAHAM

WIEDER NUR EIN SPIEL?

Eine stürmische Liebe verband Emily und den Aristokraten Duarte Avila de Monteiro noch vor einigen Monaten – bis sie herausfand, dass seine Gefühle nicht aufrichtig waren. Als der elegante Geschäftsmann sie nun überraschend in England besucht, spürt Emily, dass sich ihr Herz noch immer nach ihm sehnt. Dabei hat sie große Angst, wieder enttäuscht zu werden ...

JESSICA HART

VERSUCHUNG AUF KENDRICK HALL

Unmöglich! Pandora hat kein Geld, um Jay Mastersons versehentlich zerstörte kostbare Vase zu ersetzen. Als Wiedergutmachung soll sie seine Ehefrau spielen - zumindest für die illustren Gäste, die Jay auf seinem Landsitz erwartet. Ein sinnliches Abenteuer beginnt: Mit diesem erotischen Mann Nacht für Nacht das Bett zu teilen, weckt in Pandora heiße Wünsche.

ROBYN DONALD

GLÜCK UND LIEBE – DAS BIST DU

Zärtliche Worte, lange Tage auf der Segeljacht und romantische Stunden auf einer Pazifikinsel: Für Cat ist die Zeit mit dem attraktiven Multimillionär Nick Harding wie ein Traum. Doch sie weiß, dass seine Gefühle nur vorgetäuscht sind, um andere Verehrerinnen zu entmutigen. Cat spielt ein gefährliches Spiel, denn längst hat sie ihr Herz an Nick verloren ...

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Lynne Graham

WIEDER NUR EIN SPIEL?

1. KAPITEL

„Was soll ich unternehmen?“, fragte Bob Taylor gespannt.

Duarte Avila de Monteiro blickte sekundenlang schweigend aus dem Fenster. Den atemberaubenden Blick auf die City von London, der sich ihm von seinem Büro aus bot, genoss er jedoch nicht. Nach monatelanger ergebnisloser Suche hatte sein Privatdetektiv Emily endlich gefunden. Und nicht nur sie, sondern mit ihr auch ihren gemeinsamen kleinen Sohn, den Duarte noch nie gesehen hatte.

„Nichts“, antwortete Duarte schließlich mit ausdrucksloser Stimme, und Bob Taylor sah ihn verwundert an. Nach Monaten hatte er endlich die davongelaufene Frau und den kleinen Sohn seines reichen Kunden gefunden, doch der zeigte keine Emotionen. „Lassen Sie die Akte hier“, wies Duarte den jungen Mann an und stand auf. „Bei Einreichung Ihrer Rechnung erhalten Sie zusätzlich einen Bonus für Ihre Arbeit.“

Nachdem Bob Taylor Duartes Büro verlassen hatte, machte er noch kurz am Schreibtisch von Duartes persönlicher Assistentin, einer elegant gekleideten und auffallend gut aussehenden Blondine, halt und lächelte ihr verschwörerisch zu. „Ihr Chef ist ein ziemlich unbequemer Zeitgenosse, finden Sie nicht auch?“

„Mein Chef ist ein brillantes Finanzgenie und außerdem mein Liebhaber“, erwiderte sie kalt, während sie den jungen Mann verächtlich ansah. „Und Sie haben soeben Ihren Bonus verspielt.“

Bob Taylors Lächeln verwand schlagartig. „Aber ich …“

„Gehen Sie freiwillig, oder soll ich die Sicherheitskräfte rufen?“, fragte die Blondine mit einem süffisanten Lächeln, woraufhin der junge Mann schnellstens verschwand.

Duarte schenkte sich einen Brandy ein und trank grimmig einen Schluck. Am liebsten würde er sein gesamtes Sicherheitsteam mobilisieren und es auf Emily ansetzen. Schließlich musste er rasch handeln, damit sie nicht wieder spurlos verschwand. Duarte griff nach seinem Mobiltelefon, doch dann rief er sich zur Vernunft. Er musste sich gedulden, wenigstens bis morgen früh.

Duarte dachte kurz nach, dann rief er Mateus, den Leiter seines Sicherheitsteams, an. „Mateus? Ich gebe Ihnen jetzt eine Adresse durch, die Sie unverzüglich aufsuchen. Sie werden dort einen alten Wohnwagen vorfinden …“

„Einen Wohnwagen?“, wiederholte Mateus verwundert.

„Ja, einen Wohnwagen“, bestätigte Duarte grimmig. „Darin hausen meine Frau und mein Kind. Sollte er sich auch nur einen Zentimeter von seinem Standort wegbewegen, folgen Sie ihm sofort. Und noch etwas … dies ist eine absolut vertrauliche Angelegenheit. Ich erwarte, dass Sie sich dementsprechend verhalten, haben Sie verstanden?“

„Selbstverständlich“, bestätigte Mateus. „Sie können sich auf uns verlassen.“

Mit dem zweiten Anruf ließ Duarte seinen Privatjet für den folgenden Tag startklar machen. Verdammt, wie sollte er Emily nur dazu bringen, mit ihm nach Hause zu fliegen? Sollte er sie vielleicht kidnappen? Duarte ballte wütend die Hände zu Fäusten. Warum eigentlich nicht? Schließlich hatte sie dasselbe mit seinem Sohn getan. In einem alten, schäbigen Wohnwagen ließ sie ihn zurück, während sie sich mit Pferden vergnügte! Wer, zum Teufel, kümmerte sich um das Baby, wenn sie auf diesen Vierbeinern saß?

Emily – das stille und so bescheidene Mädchen, das scheinbar kein Wässerchen trüben konnte. Duarte lachte hart auf und kippte den Rest des Brandys hinunter. Wie man sich doch täuschen konnte! Gerade dieser vermeintlichen Qualitäten wegen hatte er ausgerechnet sie zur Frau gewählt. Er hatte ihr alles gegeben, wovon die meisten Frauen nur träumen konnten. An seiner Seite hatte Emily ein Leben in Reichtum und Luxus geführt – und was war der Dank für seine Großzügigkeit? Emily hatte die Ehe und sein Vertrauen gebrochen, indem sie ihn mit einem anderen Mann betrogen hatte. Aber stille Wasser gründeten bekanntlich tief!

Duarte wusste, dass einer seiner mittelalterlichen Vorfahren einst seine untreue Ehefrau getötet hatte, um die Familienehre zu retten. Doch er, Duarte, würde nie einer Frau Gewalt antun, ganz gleich, was sie ihm angetan haben mochte. Nein, Duarte Avila de Monteiro verlor niemals die Kontrolle. Es gab andere, viel subtilere Mittel, um eine Frau in ihre Schranken zu weisen. Bisher hatte er diese Mittel bei Emily noch nicht angewandt, doch nun würde sie ihr blaues Wunder erleben …

„Ich kann einfach nicht begreifen, warum Sie schon wieder fortmüssen“, erklärte Alice Barker und sah Emily verständnislos an. Sie war klein und zierlich und hatte ihr langes rotes Haar aus praktischen Gründen zu einem Pferdeschwanz hochgebunden. „Hier gibt es so viele begeisterte Reitschüler, dass ich Sie das ganze Jahr über beschäftigen könnte.“

Emily wich nervös dem Blick der älteren Frau aus. Die Wahrheit über ihre Rastlosigkeit durfte Alice niemals erfahren. „Ich halte es eben nirgendwo lange aus, mich zieht es ständig weiter“, antwortete Emily schließlich ausweichend.

„So ein Unsinn!“, meinte Alice und schüttelte den Kopf. „Sie haben einen sechs Monate alten Sohn. Kleine Kinder brauchen Beständigkeit. Und ich brauche eine gute Reitlehrerin, das wissen Sie.“

Emilys zarte Wangen röteten sich leicht. Sie hätte das Angebot nur zu gern angenommen, aber es ging einfach nicht. „Es tut mir wirklich leid, aber ich muss …“

„Sie sind doch keine Vagabundin, oder?“, unterbrach Alice sie unwirsch. „Warum geben Sie nicht zu, dass Sie vor irgendetwas oder jemandem davonlaufen? Ich sehe Ihnen doch an der Nasenspitze an, dass etwas nicht stimmt.“

Emily biss sich auf die Lippe und senkte verlegen den Blick. War sie wirklich so leicht zu durchschauen?

„Also hatte ich doch recht“, gab Alice sich selbst die Antwort. „Ich hatte mir schon gedacht, dass Sie in der Klemme stecken. Sie sind immer so ernst und verschlossen, obwohl das wahrscheinlich sonst gar nicht Ihre Art ist. Und jedes Mal, wenn Fremde hier aufgetaucht sind, haben Sie es mit der Angst zu tun bekommen.“ Sie legte Emily sanft die Hand auf den Arm. „Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie bedrückt?“

„Ich … ja, ich laufe vor etwas davon, aber ich habe keine Gesetze gebrochen“, versicherte Emily schnell. „Mehr kann ich Ihnen leider nicht sagen.“

Aber stimmte das wirklich? War sie tatsächlich nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen? Wie sollte sie das wissen, da sie bis jetzt noch keinerlei juristische Beratung in Anspruch genommen hatte? Acht Monate war Emily nun schon auf der Flucht, und während dieser Zeit hatte sie sich weder ihrer Familie noch irgendeinem anderen Menschen anvertraut.

„Laufen Sie vielleicht vor einem Mann davon?“, fragte Alice prompt und traf damit genau ins Schwarze. „Mit Davonlaufen löst man aber kein Problem, mein Kind. Wenn Sie mir sagen, was passiert ist, kann ich Ihnen vielleicht helfen.“

„Sie waren wirklich sehr nett zu uns, Alice“, erwiderte Emily angespannt. „Aber wir müssen morgen fahren.“

Als Alice Tränen in Emilys Augen schimmern sah, seufzte sie auf und umarmte Emily herzlich. „Falls Sie es sich doch noch anders überlegen, steht Ihnen meine Tür jederzeit offen.“

Emily atmete tief durch, als sie Alice zurück zum Haus gehen sah. In einem Punkt hatte die liebenswerte ältere Frau sicherlich recht: Weglaufen löste niemals ein Problem. Acht Monate war es nun schon her, dass sie, Emily, Portugal verlassen hatte. Sie war voller Hoffnung auf Hilfe zu ihren Eltern nach England gefahren und bitter enttäuscht worden.

„Mit deinen Eheproblemen wollen wir nichts zu tun haben!“, hatte Emilys Mutter geschimpft. „Also verschone uns gefälligst damit!“

„Du gehst sofort zurück zu deinem Mann!“, lautete der Kommentar ihres Vaters. „Bei uns kannst du auf keinen Fall bleiben.“

Auch Hermione, Emilys älteste Schwester, hatte sich schrecklich aufgeregt. „Bist du verrückt geworden?“, hatte sie Emily angeschrien. „Du ruinierst mit deinem unmöglichen Verhalten noch den Ruf unserer Firma!“

„Du kannst wirklich nicht ganz bei Trost sein, einen Mann wie Duarte zu verlassen“, hatte Emilys zweite Schwester Corinne verächtlich gemeint. „Und glaub ja nicht, dass wir dich dabei auch noch unterstützen.“

Emily war viel zu enttäuscht und frustriert gewesen, um sich mit ihrer Familie zu streiten. Aber weshalb war sie überhaupt enttäuscht? Hätte sie sich nicht denken können, wie ihre Eltern reagieren würden? Während ihrer ganzen Kindheit hatte Emily vergeblich auf ein bisschen Liebe und Zuneigung gehofft, und nun war auch der letzte Schimmer Hoffnung zerstört worden. Sie musste sich endlich damit abfinden, dass sie ein Außenseiter war – jemand, der in dieser Familie unerwünscht und all die Jahre nur geduldet gewesen war.

Warum das so war, wusste Emily nicht. Aber eines hatte sie schmerzlich erfahren müssen: Ganz gleich, was sie in ihrem Leben tat, auf ihre Familie konnte sie nicht zählen. Also hatte sie ihren Verlobungsring verkauft und von dem Erlös ein altes Auto mit Wohnwagen erworben. Damit reiste sie nun durchs Land und heuerte in verschiedenen Reitställen an, um als Reitlehrerin zu arbeiten. Länger als mehrere Wochen konnte sie jedoch nie bleiben, denn die Gefahr, von Duarte aufgespürt zu werden, war einfach zu groß.

Natürlich suchte er nach ihr und ihrem gemeinsamen Sohn. Duarte Avila de Monteiro, der schwerreiche mächtige Banker, den Emily in ihrer Verliebtheit und jugendlichen Naivität geheiratet hatte. Als Duarte Emily gefragt hatte, ob sie seine Frau werden wolle, war sie völlig erstaunt gewesen. Emily war weder schön oder reich, noch stammte sie aus einer angesehenen Familie. Emily hatte es kaum fassen können, dass dieser Mann ein so einfaches und gewöhnliches Mädchen wie sie heiraten wollte. Dass er sie nicht liebte – darüber hatte sie sich anfangs keine Gedanken gemacht. Sie hatte ihn angehimmelt wie ein Schulmädchen, war überglücklich gewesen und hatte in ihrer Naivität auf die Zukunft vertraut.

Obwohl Emily Respekt vor ihrem Mann gehabt hatte, hatte sie ihn nie gefürchtet so wie andere. Duarte galt als knallharter, rücksichtsloser Geschäftsmann, der angeblich jeden aus dem Weg räumte, der sich ihm entgegenstellte. Doch dann hatte Emily schmerzlich festgestellt, dass auch sie Duarte fürchten musste. Sie hob ihren kleinen Sohn Jamie aus dem Reisebett und drückte ihn liebevoll an sich. Vor acht Monaten hatte Duarte vorgehabt, ihr das Baby gleich nach der Geburt wegzunehmen und es ohne sie großzuziehen. Nachdem Emily das erfahren hatte, hatte sie Portugal in Panik verlassen.

Trotz allem musste Emily sich jedoch eingestehen, dass sie diejenige gewesen war, die ihre Ehe zerstört hatte. Es war ihre Schuld gewesen, dass Duarte die Trennung gefordert und schließlich beschlossen hatte, ihr das Kind wegzunehmen. Emily fühlte sich ebenso schuldig, weil sie Duarte das Recht, seinen Sohn zu sehen, verwehrt hatte. Nur die Angst, Jamie zu verlieren, hatte sie zu ihrer überstürzten Flucht aus Portugal getrieben.

Und nun bekam Emily ihr unbedachtes Verhalten auch finanziell zu spüren. Es wurde Zeit, einen Rechtsanwalt aufzusuchen, damit sie wusste, wo sie stand. Das Weglaufen musste nun ein Ende haben.

Wie aber sollte sie mit Duarte fertig werden? Emily erschauerte, als sie an die Trennung von ihm dachte. Er hatte sie in sein Landhaus am Douro verbannt, wo sie die drei Wintermonate allein verbracht hatte. Die ganze Zeit über hatte sie gehofft, Duarte würde kommen, um mit ihr zu sprechen und sich schließlich mit ihr auszusöhnen, doch auch dies war nur ein naiver Traum von ihr gewesen.

Duarte wollte nur sein Kind – auf sie, Emily, konnte er sehr gut verzichten. Sie war nur so lange von Bedeutung für ihn gewesen, bis sie ihm seinen Sohn geboren hatte. Weshalb hätte Duarte sie wohl sonst geheiratet? Ganz bestimmt nicht aus Liebe oder gar Einsamkeit, sondern nur, weil er Kinder von ihr wollte. In Portugal war Kinderlosigkeit ein Desaster, und Duarte gehörte zu den Männern, die auf die Familie großen Wert legten. Die Aristokratie der Monteiros ließ sich bis ins dreizehnte Jahrhundert zurückverfolgen, und da war es nur natürlich, dass Duarte sein Erbe an die nächste Generation weitergeben wollte.

Am folgenden Morgen stand Emily schon vor Tagesanbruch auf. Gepackt hatte sie bereits am Abend zuvor. Nachdem sie Jamie gefüttert hatte, frühstückte sie selbst, dann klappte sie das Reisebett zusammen und verstaute es sorgfältig im hinteren Teil des Wohnwagens. Während sie ihre alte Reithose und einen weiten grauen Pullover anzog, sah sie Jamie zu, der auf dem Teppich in der Sitzecke saß und zufrieden an einem Reitermagazin kaute.

Emily zog ihm die Zeitschrift sanft aus den Händen. „Das ist doch nichts für dich, mein Schatz. Hier hast du deinen Beißring.“

Doch Jamie ließ den Ring achtlos fallen und streckte die Ärmchen nach der Zeitschrift aus. Als Emily sie ihm nicht gab, verzog er das Gesicht, und in seine Augen traten Tränen. Da nahm Emily ihn auf den Arm und küsste ihn liebevoll. Sie hatte den Beißring extra ins Eisfach gelegt, damit er Jamies schmerzende Kiefer kühlte, und jetzt wollte er ihn nicht.

Ein tiefes Liebesgefühl durchflutete Emily jedes Mal, wenn sie Jamie an sich drückte. Er besaß das gleiche tiefschwarze Haar und den goldfarbenen Teint wie Duarte, doch die großen blauen Augen hatte Jamie von Emily geerbt. Im Augenblick waren seine Wangen tief gerötet, weil er einen neuen Zahn bekam. Emily lächelte sanft. In den winzigen Jeans und dem knallroten Sweatshirt sah Jamie einfach zu niedlich aus.

Nachdem Emily sich vergewissert hatte, dass alle Sachen gut verstaut waren, stieg sie mit Jamie auf dem Arm aus dem Wohnwagen und schloss ihn ab. Sie hatte sich schon am Abend zuvor von allen auf dem Hof verabschiedet und brauchte jetzt nur noch den Wohnwagen ans Auto zu hängen.

Es war ein kühler Frühlingstag, und die frische Brise wehte Emily die langen Locken aus dem Gesicht. Sie schnallte Jamie in seinem Kindersitz an, legte die Babytasche auf den Rücksitz und setzte sich schließlich selbst in den Wagen. „Ich habe unsere Abfahrt so geplant, dass wir den Sechs-Uhr-Zug an der Bahnschranke sehen“, sagte sie fröhlich zu Jamie, obwohl ihr eher schwer ums Herz war.

Ein neuer Tag, ein neuer Ort, dachte Emily, doch das Neue, das immer wieder auf sie zukam, hatte längst seinen Reiz verloren. Durch ihre finanziellen Nöte war sie viel länger in Alice’ Reitstall geblieben, als sie es eigentlich vorgehabt hatte. Auch ein altes Auto kostete schließlich Geld. Erst kürzlich hatte Emily den Versicherungsbeitrag bezahlt und dann auch noch den Auspuff erneuern lassen müssen, sodass sie nun ziemlich knapp bei Kasse war.

Emily startete den Motor und wollte gerade zurücksetzen, um den Wohnwagen anzukuppeln, da hörte sie plötzlich von Weitem Alice’ aufgeregte Stimme. Emily stieg aus und sah die ältere Frau zu ihrem Erstaunen am Hintereingang der Ställe stehen – mit einem Gewehr in der Hand, das sie auf einen Mann gerichtet hielt!

„Und jetzt erklärten Sie mir auf der Stelle, was Sie hier zu suchen haben!“, hörte Emily sie wütend rufen. Sie war schon auf dem Weg zu Alice, um ihr zu helfen, da hörte sie, wie der Mann etwas sagte – auf Portugiesisch!

„Ich habe den Kerl gerade noch erwischt!“, rief Alice aufgebracht. „Dieser Wüstling wollte sich von hinten an Ihren Wohnwagen schleichen, können Sie sich das vorstellen? Außerdem scheint er kein Wort Englisch zu verstehen. In meiner Tasche ist mein Handy, Emily. Holen Sie es raus, und alarmieren Sie sofort die Polizei!“

Doch Emily blieb wie angewurzelt stehen und blickte den kleinen, aber kräftigen Portugiesen, den sie sehr gut kannte, schockiert an. Es war Mateus Santos, Leiter von Duartes Security Team.

Als er Emily erkannte, atmete er erleichtert auf. „Dona Emilia …“, sagte er, und dann folgte ein Redeschwall auf Portugiesisch, dem Emily nur mit Mühe folgen konnte. Sie verstand nur so viel, dass sie Alice sagen sollte, dass er völlig harmlos sei und vom ihm keinerlei Gefahr ausgehe.

Panik brach in Emily aus. Wenn Mateus sie gefunden hatte, würde es nicht lange dauern, bis auch Duarte wusste, wo sie sich befand. „Ich kenne diesen Mann“, sagte sie schließlich mit klopfendem Herzen zu Alice. „Er ist nicht gefährlich, aber bitte halten Sie ihn so lange fest, bis ich von hier verschwunden bin.“

„Aber Emily …“, rief Alice irritiert. „Was, in aller Welt, hat das zu bedeuten?“

Doch Emily hatte keine Zeit für lange Reden und eilte zurück zum Wagen. Sie musste von hier verschwinden, bevor Duarte sie fand! Kaum saß sie am Steuer, da fiel ihr ein, dass der Wohnwagen noch gar nicht angekuppelt war. Schnell fuhr sie einige Meter zurück, dann stieg sie aus und machte ihn am Auto fest. Und als sie gerade wieder einsteigen wollte, sah sie einen großen silberfarbenen Wagen in den schmalen Weg zum Reiterhof einbiegen.

Duartes Limousine! Emily setzte sich mit rasendem Herzen hinters Steuer und dachte krampfhaft nach. Es gab nur diesen einen schmalen Weg, auf dem man den Reiterhof verlassen konnte. Also blieb ihr nur eine Möglichkeit, Duarte zu entkommen: Sie musste auf den grasbewachsenen Boden neben dem Weg ausweichen, um an Duarte vorbeizukommen. Emily fuhr wild entschlossen los und tat genau das, was sie sich vorgenommen hatte: Kurz bevor Duartes Limousine ihr den Weg blockierte, riss sie das Lenkrad herum und raste über den holprigen Boden an Duartes Wagen vorbei.

Ich brauche einen Rechtsanwalt!, dachte Emily verzweifelt. Himmel, warum hatte sie nicht schon viel früher rechtlichen Beistand gesucht, um dieses Drama zu beenden? Bei der erstbesten Kanzlei, die sie fand, würde sie halten und einen Termin vereinbaren. Duarte war viel zu einflussreich und mächtig, als dass Emily es allein mit ihm würde aufnehmen können. Sie hatte schon viele Horrorgeschichten gelesen, in denen ausländische Väter ihre Kinder entführten, nachdem ihre Ehe mit einer englischen Frau in die Brüche gegangen war. Nein, das Risiko, dass Duarte ihr Jamie entziehen und ihn mit nach Portugal nehmen könnte, war einfach zu groß.

Aber habe ich nicht selbst zu den gleichen Mitteln gegriffen?, ging es ihr unvermittelt durch den Sinn. Jamie war schon sechs Monate alt, und sein Vater hatte ihn noch kein einziges Mal gesehen. Mit welchem Recht hatte sie Duarte sein Kind vorenthalten?

Emily verlangsamte das Tempo, um in die breitere Landstraße einzubiegen, die in Richtung Bahnübergang führte. Und dann passierte es: Die Ampel sprang auf Rot, und die Schranken schlossen sich vor Emilys Wagen. Welche Ironie des Schicksals! Es kam genau so, wie Emily es geplant hatte. Sie hatte Jamie versprochen, dass sie den Sechs-Uhr-Zug an den Schranken sehen würden, und genau das würde nun geschehen! Emily wartete geschlagene fünf Minuten, bis der Zug endlich an ihnen vorbeidonnerte. Und dann war es zu spät. Als Emily in den Rückspiegel blickte, sah sie Duartes Limousine auf sich zukommen.

Das war’s dann wohl! Emily schlug wütend mit der Faust aufs Armaturenbrett – und schrie im nächsten Moment laut auf. Irgendetwas hatte sie gestochen! Emily spürte einen heftigen Schmerz in der rechten Hand und sah zu ihrem Entsetzen die Biene, die langsam über das Armaturenbrett krabbelte. Wo mochte die nur hergekommen sein? Normalerweise gab es noch gar keine Bienen um diese Jahreszeit! Emily war allergisch gegen deren Stiche, doch das unverzichtbare Allergie-Set, das sie im Winter verloren hatte, hatte sie bisher nicht ersetzt. Ihr Herz raste, und sie spürte, wie ihr Gesicht bereits anzuschwellen begann.

Emily stieg aus dem Wagen und torkelte dem großen, breitschultrigen Mann entgegen, der auf sie zukam. „Biene … gestochen …“, brachte sie nur noch mühevoll hervor, während ihr immer schwindliger wurde.

„Wo ist dein Adrenalin-Set?“, rief Duarte in scharfem Tonfall, da er die Situation sofort erfasst hatte.

Emily schüttelte den Kopf. „Weiß ich nicht …“

„Meu Deus! Wo ist der nächste Arzt?“ Duarte hielt sie fest, als sie sich vor Schmerzen krümmte. „Emily … wo ist das nächste Krankenhaus?“

Emily hatte kaum noch Kraft zu sprechen. Sie schloss die Augen und flüsterte matt: „Im … Dorf … nach der ersten Kreuzung …“

Dann spürte sie nur noch, wie sie hochgehoben und weggetragen wurde. Und als sie die Augen wieder öffnete, lag sie in Duartes Armen auf dem Rücksitz seines Wagens. Da fiel ihr plötzlich Jamie ein. „Mein Baby!“, schrie sie von Panik erfüllt. „Wo ist Jamie?“

„Es geht ihm gut.“

Emilys Herz raste wie verrückt. Als sie mit fünfzehn Jahren nach einem Bienenstich einen gefährlichen allergischen Schock erlitten hatte, hatte man ihr eingebläut, immer und überall ein Adrenalin-Set mitzuführen. Anfangs hatte sie diesen Rat auch befolgt, doch nach Jahren ohne Zwischenfälle war sie schließlich nachlässig geworden. „Wenn … ich sterbe …“, sagte sie stockend, da inzwischen auch Zunge und Lippen geschwollen waren, „… bekommst du Jamie … das ist … nur fair …“

„Por amor de Deus, du wirst nicht sterben!“ Duarte hob behutsam Emilys Kopf und Oberkörper an, damit sie besser atmen konnte. „Das lasse ich nicht zu!“

Ich bin an allem schuld, ging es Emily durch den Sinn, bevor sie das Bewusstsein verlor. Sie hatte sich im Nachhinein nicht erklären können, wie sie Tobys Kuss hatte zulassen können. Obwohl sie in ihrer Ehe mit Duarte unglücklich gewesen war, hatte Emily sich niemals ernsthaft zu Toby hingezogen gefühlt. Umso erstaunter war sie gewesen, als er ihr eines Tages plötzlich seine Liebe gestanden hatte. Noch nie zuvor hatte ein Mann oder überhaupt ein Mensch Emily gesagt, dass sie ihm etwas bedeute, nicht einmal Duarte. Die Hoffnung, er würde sich im Lauf der Zeit in sie verlieben, hatte Emily längst aufgegeben.

An jenem unheilvollen Abend war alles so schnell gegangen, dass Emily keine Chance gehabt hatte, das Missverständnis aufzuklären. Nachdem Toby ihr gesagt hatte, dass er sie liebe, hatte er sie plötzlich an sich gezogen und fordernd geküsst. Weshalb sie sich nicht gewehrt hatte, wusste Emily nicht. Sie hatte Toby nicht begehrt, und es wäre ihr auch niemals in den Sinn gekommen, ein Verhältnis mit ihm anzufangen. Warum sie ihn dennoch hatte gewähren lassen, verstand Emily selbst nicht. Und als Duarte dann unverhofft dazugekommen war, war sie so durcheinander gewesen, dass sie es nicht geschafft hatte, ihm die Situation zu erklären. Überzeugt davon, dass zwischen Emily und Toby eine Affäre bestand, hatte Duarte die Trennung verlangt – obwohl sie im vierten Monat schwanger von ihm gewesen war.

Emily öffnete die Augen und atmete tief durch. Jetzt bekam sie zwar wieder normal Luft, war aber völlig erschöpft. Erst als sie sich vorsichtig aufrichtete, bemerkte sie, dass eine Krankenschwester und eine Ärztin an ihrem Bett standen. „Wo … bin ich?“, fragte Emily matt.

„Im Krankenhaus, aber machen Sie sich keine Sorgen“, beruhigte die Ärztin sie. „Sie hatten einen allergischen Schock, doch jetzt ist wieder alles in Ordnung. Wir konnten die Injektion gerade noch rechtzeitig setzen.“

„Sie sollten sich jetzt erst einmal ausruhen“, riet die Krankenschwester Emily freundlich. „Bestimmt fühlen Sie sich noch ziemlich schwach.“

Emily nickte nur und legte sich wieder hin. Die Krankenschwester hatte recht – es drehte sich alles in Emilys Kopf. Obwohl es ihr so schlecht ging, hatte sie aus dem Augenwinkel erkennen können, dass Duarte an der Tür stand. Emily atmete noch einmal tief durch, dann wagte sie es, ihm in die Augen zu sehen. Duarte erwiderte finster ihren Blick, sonst zeigte er keine Emotionen. Und dennoch spürte Emily, wie ihr Körper auf ihn reagierte. Duarte brauchte sie nur anzusehen, und schon sehnte sie sich danach, ihn zu berühren und zu spüren. Nichts hatte sich verändert, seit sie Portugal verlassen hatte. Sie war regelrecht süchtig nach diesem Mann, und nichts auf dieser Welt schien sie von dieser Sucht befreien zu können.

Emilys Ehe war ein einziges Desaster gewesen. Je mehr sie Duarte geliebt hatte, desto gleichgültiger und distanzierter war er ihr gegenüber geworden. Während sie versucht hatte, ihm näherzukommen und die Mauer, die zwischen ihnen lag, zu durchbrechen, hatte er sich zurückgezogen und ihr schließlich das Herz gebrochen. Als sie ihm eröffnete hatte, dass sie schwanger sei, hatte sie nicht Freude, sondern nur Genugtuung in seinem Blick gelesen. Genugtuung darüber, sein Ziel erreicht zu haben. Emily hatte das Gefühl gehabt, ihrem Mann lediglich als Mittel zum Zweck gedient zu haben, was seine Reaktion auf den Vorfall mit Toby nur bestätigt hatte. Als Duarte ihr keine Chance gegeben hatte, sich zu rechtfertigen, hatte sie gewusst, dass er nichts für sie empfinden konnte. Seine Gefühle hatte sie nicht verletzt – nur seine Ehre und seinen Stolz.

„Für deine Nachlässigkeit könnte ich dir den Hals umdrehen!“, schimpfte Duarte leise, da sie nicht allein im Raum waren, doch die Krankenschwester hatte die Bemerkung dennoch verstanden.

„Ich glaube, eine Tasse Tee ist jetzt genau das Richtige für Sie“, sagte sie freundlich, aber bestimmt, womit sie Duarte unmissverständlich zum Gehen aufforderte. „Schließlich haben Sie auch einen Schock erlitten.“

Erst jetzt fiel Emily auf, wie blass Duarte war. Die feinen Schweißperlen auf seiner Stirn deuteten tatsächlich darauf hin, dass er sich aufgeregt haben musste. Emily schloss die Augen und fragte sich, ob die Krankenschwester recht hatte. Hatte Duarte tatsächlich Angst um sie, Emily, gehabt? Schließlich wäre sie fast gestorben. Vielleicht hasste er sie ja doch nicht ganz so sehr, wie sie befürchtet hatte.

Die Krankenschwester schob Emilys Bett von der Notambulanz in ein kleines Krankenzimmer. „Sie dürfen es Ihrem Mann nicht übel nehmen, wenn er nun wütend auf Sie ist“, meinte sie tröstend. „Er muss schreckliche Angst um Sie gehabt haben. Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Kind liefe auf die Straße und würde fast von einem Wagen überfahren. Würden Sie es da hinterher nicht auch ausschimpfen?“

„Wahrscheinlich“, bestätigte Emily matt. Es hätte keinen Sinn gehabt, der jungen Frau zu erklären, dass Duarte nur Wut und Verachtung für sie, Emily, empfand. Natürlich wäre er an ihrer Stelle nie so leichtsinnig gewesen, das lebensrettende Adrenalin-Set zu vergessen. „Wann darf ich nach Hause?“, erkundigte sie sich schließlich.

„Die Ärztin möchte Sie noch einige Stunden hier behalten, um sicherzugehen, dass sich keine Nebenwirkungen zeigen.“

Nachdem die Krankenschwester gegangen war, schloss Emily wieder die Augen und dachte an Jamie. Wer mochte sich jetzt wohl um ihn kümmern? Und wie kam er damit zurecht, dass er plötzlich bei fremden Leuten war? Emily war noch ganz in Gedanken versunken, als die Krankenschwester wiederkam – mit einem schreienden Jamie auf dem Arm!

„Ich glaube, der kleine Schatz hat schreckliche Sehnsucht nach seiner Mummy“, meinte sie lächelnd und reichte ihn Emily.

„Wer hat sich denn die ganze Zeit um ihn gekümmert?“, fragte sie besorgt.

„Der ältere Herr, der kurz nach Ihnen und Ihrem Mann hier angekommen ist. Leider spricht er kein Wort Englisch. Er stand die ganze Zeit draußen an der Rezeption und hat vergeblich versucht, das Baby zu beruhigen.“

Ach du meine Güte!, dachte Emily entsetzt. Ausgerechnet Mateus Santos, der eingefleischte Junggeselle, der von kleinen Kindern keine Ahnung hatte!

Kurz nachdem Jamie aufgehört hatte zu weinen, ging die Tür auf, und Duarte kam herein. Er verharrte kurz in der Bewegung, als er Jamie in Emilys Armen sah. Die Krankenschwester nickte Duarte freundlich zu und verließ dann diskret den Raum.

Emily hatte plötzlich das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben. „Hast … hast du Jamie schon gesehen?“

„Nein“, antwortete Duarte finster. „Mateus hatte ihn bei sich im Wagen. Ich musste mich um dich kümmern.“

Jamie blickte kurz zu Duarte auf, dann drückte er sein kleines Gesicht an ihren Hals. „Es … es tut mir leid“, entschuldigte sich Emily stockend, „er … fremdelt im Moment ein bisschen.“

Da wurde Duartes Miene noch finsterer. „Das wundert mich nicht im Geringsten! Wie konntest du es wagen, mit meinem Sohn in einem schäbigen Wohnwagen durch die Gegend zu ziehen wie die Zigeuner? Und mich dann auch noch in die peinliche Situation zu bringen, dass ich mich vor der Polizei rechtfertigen muss, wenn ich Jamie sehen will? Glaubst du, mit einer simplen Entschuldigung wäre das alles abgetan?“

2. KAPITEL

„Die Polizei?“, wiederholte Emily erschrocken. „Was hat sie damit zu tun?“

„Deine Arbeitgeberin, Mrs. Barker, hat sie informiert, weil sie befürchtete, ich könnte dir etwas antun! Und jetzt stehen zwei Polizeibeamte vor der Tür und warten auf eine Erklärung!“

„Duarte … ich …“

„Solltest du es wagen, irgendwelche Lügen über mich zu verbreiten, dann werde ich vor dem Gericht das alleinige Sorgerecht für Jamie durchsetzen, hast du das verstanden?“

Panik erfasste Emily, als sie den Zorn und die tiefe Feindseligkeit in Duartes Augen sah. Wie hatte sie nur auf eine Versöhnung hoffen können? Da er schon vor acht Monaten bereit gewesen war, ihr Jamie wegzunehmen, musste er jetzt umso entschlossener sein, seine Drohung wahr zu machen. Damals hatte Duarte zwar nicht ihr direkt gesagt, was er vorhatte, doch Emily hatte es von ihrer Freundin Bliss erfahren, die zufällig sein Gespräch mit einem Rechtsanwalt mit angehört hatte.

Duarte meinte es also ernst, bitter ernst. Und das Schlimmste dabei war, dass Emily sich trotz allem immer noch zu ihm hingezogen fühlte. Sie brauchte ihn nur anzusehen, und schon stieg heißes Begehren in ihr auf. Duarte war der attraktivste und sinnlichste Mann, dem Emily je begegnet war. Deshalb konnte sie auch bis heute nicht verstehen, weshalb ein so gut aussehender und noch dazu steinreicher Mann ausgerechnet ein so gewöhnliches Mädchen wie sie geheiratet hatte. Aber Emily hatte vieles in ihrer kurzen Ehe mit Duarte nicht verstanden. Dass er zum Beispiel sein Herz mit seiner Jugendliebe Izabel begraben hatte, war Emily erst viel später klar geworden.

„Hast du mich verstanden, Emily?“, wiederholte Duarte scharf und brachte sie damit in die Gegenwart zurück.

„Ja.“ Emily senkte resigniert den Kopf und schmiegte sich an Jamie, der inzwischen eingeschlafen war. Unzählige Male hatte sie sich gefragt, ob Bliss Duartes Unterredung mit dem Rechtsanwalt vielleicht nur falsch verstanden oder ob sie, Emily, auf Duartes im Zorn ausgesprochene Worte nur überreagiert hatte. Wie dem auch war, Duarte schien entschlossen zu sein, seinen Sohn zu behalten, ganz gleich, mit welchen Mitteln.

„Ich habe nicht die Absicht, dir Jamie wegzunehmen“, sagte Duarte unvermittelt, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Er braucht seine Mutter.“

„Tatsächlich?“, erwiderte Emily spöttisch, um ihre Angst zu verbergen.

„Mrs. Barker ist mit ins Krankenhaus gefahren“, erklärte Duarte, ohne auf Emilys spitze Bemerkung einzugehen. „Sie hat uns angeboten, sich so lange um Jamie zu kümmern, bis du entlassen wirst. Allem Anschein nach kommt sie gut mit ihm zurecht.“

Emily nickte nur, und im nächsten Moment ging auch schon die Tür auf, und Alice kam herein. Sie hielt Jamies Babytasche in der Hand und lächelte Emily aufmunternd zu. „Um Jamie brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen, Emily. Ich kümmere mich gern um den Kleinen. Das ist schließlich das Mindeste, was ich für Sie tun kann.“

„Dann gehe ich jetzt hinaus und spreche mit den Polizeibeamten“, meinte Duarte kurz angebunden und ließ die beiden allein.

Kaum war er draußen, sprudelte es nur so aus Alice heraus: „Woher hätte ich denn wissen sollen, dass er Ihr Mann ist?“, rief sie außer sich. „Ich dachte, die Mafia wäre hinter Ihnen her!“

„Es war nicht Ihre Schuld, Alice“, beruhigte Emily die warmherzige ältere Frau. „Sie konnten ja nicht wissen, was zwischen mir und meinem Mann passiert ist. Ich … ich bin vor meinen Problemen davongerannt und habe damit viel Unheil angerichtet. Als ich Mateus sah, bin ich in Panik geraten. Und dann war da plötzlich diese Biene …“

„Sie können sich gar nicht vorstellen, wie peinlich mir das Ganze ist“, unterbrach Alice sie aufgeregt. „Ihr Mann hat Ihnen das Leben gerettet, und ich hetze ihm die Polizei auf den Hals! Und jetzt muss er sich auch noch Jamies wegen rechtfertigen …“

„Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf, Alice. Es war alles meine Schuld. Ich mache immer alles falsch, wenn es um Duarte geht.“

Da runzelte Alice die Stirn und sah Emily besorgt an. „Das klingt mir aber nicht nach einer guten Ehe. Ist Ihr Mann denn so schlimm, dass er Ihnen Ihr ganzes Selbstvertrauen nimmt?“

„Nein, das ist er ganz bestimmt nicht“, wehrte Emily ab. „Ich bin diejenige, die alles kaputt gemacht hat.“

Indem sie zu viel von Duarte verlangt hatte, hatte Emily sich selbst unglücklich gemacht. Sie hatte sich so sehr nach seiner Liebe gesehnt oder wenigstens danach, von ihm gebraucht zu werden, aber Duarte hatte Emily weder geliebt noch gebraucht. Für ihn war sie nur ein Objekt gewesen, das man benutzen konnte und das keine wirkliche Bedeutung besaß. Emily hatte schon als junges Mädchen an mangelndem Selbstvertrauen gelitten, und nun, nachdem sie in Duartes Welt der Schönen und Reichen gescheitert war, war es gänzlich auf dem Nullpunkt.

Nachdem Alice sich von Emily verabschiedet und Jamie mitgenommen hatte, schlief Emily erschöpft ein und wachte erst wieder auf, als das Mittagessen gebracht wurde. Emily bedankte sich, aß jedoch sehr wenig, da sie keinen Appetit verspürte. Eine halbe Stunde später kam die Ärztin, die Emily behandelt hatte, noch einmal zu ihr und teilte ihr mit, dass sie nun nach Hause gehen könne, wenn sie sich kräftig genug fühle. Zuvor müsse sie allerdings noch einige Fragen der Polizei beantworten. Als Emily versicherte, dass es ihr wieder gut ginge, ließ die Ärztin einen der Polizeibeamten hinein, dem Emily bestätigte, dass Duartes Aussagen richtig seien und keinerlei Gefahr von ihm ausgehe. Ein halbe Stunde später ging sie schließlich an die Rezeption, wo Mateus Santos bereits auf sie wartete. Widerstrebend ließ Emily sich zu Duartes Luxuslimousine führen und nahm neben ihm auf dem Rücksitz Platz.

Als Duarte nach fünf Minuten immer noch kein Wort gesagt hatte, nahm Emily all ihren Mut zusammen und fragte. „Wo fahren wir jetzt hin?“

„Wir holen Jamie ab, dann fahren wir nach Hause“, antwortete er kühl. „Ich habe eure persönlichen Sachen aus dem Wohnwagen räumen lassen und außerdem Mateus beauftragt, die beiden Fahrzeuge zu veräußern, da du ja nun keine Verwendung mehr für sie hast.“

Tränen traten Emily in die Augen, und sie wandte sich ab, damit Duarte es nicht sah. Jetzt besaß sie nichts mehr außer der Kleidung, die sie trug. „Es wäre angebracht gewesen, mich vorher zu fragen, findest du nicht auch?“

„Hast du mich gefragt, bevor du mit meinem Kind verschwunden bist?“, konterte Duarte kalt und zog sein läutendes Mobiltelefon hervor.

Während er sich auf Portugiesisch unterhielt, betrachtete Emily ihn verstohlen von der Seite. Duarte besaß faszinierende dunkle Augen, eine gerade Nase, sinnliche Lippen und ein markantes Kinn, auf dem sich ein leichter Bartwuchs zeigte. Duarte sah so erotisch aus, dass Emily es kaum schaffte, den Blick von ihm zu lösen.

„Ich … ich möchte in England bleiben“, sagte sie mit klopfendem Herzen, als er das Gespräch beendet hatte.

„Das ist unmöglich, es sei denn, du bestehst auf einer Scheidung.“

Emily atmete tief durch. Sie fühlte sich im Moment außer Stande, auf irgendetwas zu bestehen. Duarte hatte jeglichen Widerstand im Keim erstickt, als er ihr angedroht hatte, das alleinige Sorgerecht für Jamie zu beantragen. Welch armseligen Eindruck würde sie im Gegensatz zu ihm vor Gericht wohl machen, wenn sie zugab, monatelang in einem Wohnwagen mit ihrem Baby umhergezogen zu sein? Der offensichtliche Vertrauensbruch, die überstürzte Flucht nach England und ihre Unfähigkeit, Probleme wie ein erwachsener Mensch zu lösen, würden die Richter kaum davon überzeugen, ihr Jamie zuzusprechen. Vor einem portugiesischen Gericht würde Emily nicht die geringste Chance haben, sich gegen Duarte durchzusetzen.

„Willst … du dich denn nicht scheiden lassen?“, fragte sie vorsichtig.

„Nein.“

Emily umfasste fest das Bündchen ihres alten Pullovers. Wie stellte Duarte sich die Ehe von nun an mit ihr vor? Wollte er mit ihr unter einem Dach leben, sie aber gleichzeitig auf Distanz halten? Emily wurde ganz heiß, als sie daran dachte, wie aufregend es gewesen war, mit Duarte zu schlafen. Sie hatte gar nicht genug von ihm bekommen können …

Sie unterdrückte gewaltsam die aufwühlenden Gedanken und versuchte, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Duarte hatte nicht vor, sich scheiden zu lassen, und er wollte ihr Jamie auch nicht wegnehmen. Das waren die Fakten, die im Augenblick zählten. Emily hatte es satt, vor ihren Problemen davonzulaufen. Monatelang hatte sie kein normales Leben führen können vor lauter Angst, entdeckt zu werden. Was nun vor ihr lag, konnte kaum schlimmer werden als das, was sie bisher durchgemacht hatte.

„Wirst du dir … wieder eine Geliebte nehmen?“, fragte sie unvermittelt, und im nächsten Moment bereute sie es auch schon. Was war nur in sie gefahren, einen solchen Unsinn zu reden?

Duarte runzelte die Stirn. „Was heißt … wieder?“

Emily schluckte schwer. „Gar nichts. Ich … ich habe mich nur gefragt, ob …“

„Das war keine Frage, sondern eine Beschuldigung! Deine typisch weibliche Art, eigenes Fehlverhalten zu rechtfertigen, indem du mir vorwirfst, ich hätte das Gleiche getan!“

„Nein, Duarte, das stimmt nicht. Ich …“

„Sag so etwas nie wieder!“, warnte Duarte nun so drohend, dass Emily ein eisiger Schauer überlief. Weiter kam er nicht, denn im nächsten Moment bogen sie bereits in Alice’ Reiterhof ein.

Als der Chauffeur die Tür öffnete, stieg Emily schnell aus und begrüßte Alice, die ihr mit Jamie auf dem Arm entgegenkam. „Vielen Dank für alles“, sagte Emily bedrückt und nahm ihr das Baby ab. Jetzt gab es kein Entrinnen mehr. Sie war Duarte ausgeliefert und musste mit ihm zurück nach Portugal fliegen.

Duarte dankte Alice ebenfalls und lehnte ihr Angebot, noch auf eine Tasse Kaffee ins Haus zu kommen, höflich, aber bestimmt ab. Emily verabschiedete sich schweren Herzens von Alice, dann schnallte sie Jamie in seinem Kindersitz an und setzte sich schließlich selbst in den Wagen.

Während der Fahrt zum Flughafen herrschte beklemmendes Schweigen. Emily war zwar froh, dass Duarte das Thema von vorher nicht wieder aufnahm, doch er sprach auch nicht darüber, wie er sich das Zusammenleben mit ihr von nun an vorstellte. War sein Schweigen vielleicht ein Teil der Strafe, die er sich für sie ausgedacht hatte? Wollte er sie mit der Ungewissheit quälen, was sie in Portugal erwartete?

Emily warf Duarte einen verstohlenen Blick zu, und da erst merkte sie, dass er Jamie versonnen betrachtete. Der Kleine kickte vergnügt mit den Füßchen in der Luft herum und sah seinen Vater dabei strahlend an. Emily konnte Duartes innere Anspannung förmlich spüren, als er die Hand hob, sie jedoch gleich darauf wieder sinken ließ. Er wollte seinen Sohn berühren, einen persönlichen Kontakt zu ihm herstellen, doch offensichtlich wagte er es nicht.

Emily spürte einen Stich im Herzen und hielt Duarte Jamies kleinen blauen Teddy hin. „Den könntest du ihm geben.“

„Wenn ich deinen Ratschlag brauche, frage ich“, erwiderte er jedoch schroff. „Kannst du dir vorstellen, was für ein Gefühl es ist, wenn man sich fragen muss, ob das eigene Kind weint, wenn man es berührt?“

„Duarte … es tut mir leid. Ich …“

Ein kleiner Muskel zuckte in seinem Gesicht. „Schon gut, Emily. Ich werde noch genug Zeit haben, meinen Sohn kennenzulernen. Aber ohne Zuschauer.“

„Ich wollte nicht, dass es so weit kommt“, rechtfertigte Emily sich verzweifelt. „Ich hatte nur Angst, Jamie zu verlieren.“

„Und ich werde nicht vor dem Kind mit dir diskutieren“, wies Duarte sie scharf zurecht. „Sieh dir den Kleinen an. Er hört genau auf deine Stimme und achtet auf jede Bewegung, die du machst. Er spürt deine innere Anspannung, und das macht ihm Angst.“

Emily sagte nun gar nichts mehr. Wenn Duarte ihr nicht zuhören wollte, sollte er es eben sein lassen. Allem Anschein nach interessierte er sich ohnehin nur für Jamie, während er sie nur mitnahm, weil das Baby sie brauchte.

Als sie schließlich das Flughafengebäude betraten und Emily die vielen, teilweise elegant gekleideten Leute sah, wurde sie sich erst so richtig ihres armseligen Äußeren bewusst. Neben Duarte in seinem perfekt sitzenden Anzug, der seine athletische Figur betonte, sah Emily in ihren ausgetretenen Schuhen, der alten Reithose und dem übergroßen Pullover aus wie Aschenputtel.

„Vielleicht hätte ich mich vorher umziehen sollen“, meinte sie unbehaglich. „Aber eigentlich habe ich gar nichts Passendes dabei …“

Emily hatte all ihre teuren Kleidungsstücke in Portugal zurückgelassen. Nicht, dass sie die Sachen vermisst hätte – Emily hatte ohnehin kein Talent, sich gut zu kleiden. Entweder stimmte die Farbe nicht, oder der Stil passte nicht zu ihrem Typ. Als Teenager hatte sie immer nur bequeme Jeans oder Reitbekleidung getragen, und die ersten Versuche, sich etwas femininer anzuziehen, waren an den hämischen Bemerkungen ihrer beiden älteren Schwestern gescheitert. Wie schlecht war sie demnach auf Duartes Welt der Reichen und Schönen vorbereitet gewesen, in der auf den äußeren Schein offensichtlich großen Wert gelegt wurde!

„Du kannst dir hier etwas kaufen und dich dann gleich umziehen“, schlug Duarte vor.

Emily sah in seinen Worten die Bestätigung, dass er sich tatsächlich mit ihr schämte. In ihre Augen traten Tränen, als er ihr seine Kreditkarte gab. „Du hättest lieber ein Model heiraten sollen als so ein gewöhnliches Mädchen wie mich!“, antwortete sie patzig, um ihren Schmerz zu verbergen.

„Dafür ist es jetzt zu spät. Und außerdem ist ein Flughafen kaum der geeignete Ort für solche Diskussionen.“

Duarte hatte recht. Sosehr Emily darauf brannte, sich mit ihm auszusprechen, so wenig konnte sie es hier vor allen Leuten tun. Sie nahm ihm schweigend die Kreditkarte aus der Hand und steuerte auf das nächste Bekleidungsgeschäft zu.

Nimm immer kräftige Farben, hatte Bliss ihr geraten. Die täuschen über deinen blassen Teint hinweg und passen zu deinem roten Haar. Emily zog zuerst ein kirschrotes Kleid mit großem Ausschnitt hervor, das allerdings für Frauen mit üppigen Formen gedacht war, die sie nicht besaß. Sie solle eher darauf achten, ihre schlanke, fast schon knabenhafte Figur, wie Bliss sich ausgedrückt hatte, zu kaschieren.

Da Emily die anderen nicht so lange warten lassen wollte, entschied sie sich spontan für ein knöchellanges Kleid in kräftigem Orange mit einem großen knallgrünen Glitzermotiv auf der Vorderseite. Bei diesem Kleid würde niemandem auffallen, wie klein ihre Brüste und wie schmal ihre Hüften waren. Dazu wählte sie Schuhe mit hohen Absätzen.

Als Emily den Laden verließ und in ihrem neuen Outfit auf Duarte und die anderen zuschritt, erkannte sie sofort an seinem Blick, dass sie schon wieder alles falsch gemacht hatte. Emily fühlte einen schmerzhaften Stich im Herzen. Weshalb versuchte sie immer, es den anderen recht zu machen? Warum tat sie Dinge, die sie selbst gar nicht wollte, nur um Duartes Anerkennung zu gewinnen? Wieso nur hatte sie diese unmögliche Kleid und die unbequemen Schuhe ausgewählt, die ihrer Meinung nach gar nicht zu ihr passten? So wie heute hatte Emily schon oft Sachen gekauft, nur weil sie dachte, dass sie den anderen gefielen.

„Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat“, sagte sie, ohne Duarte dabei anzusehen, und griff nach dem Buggy.

„Kein Problem.“

Als Emily im VIP-Warteraum zufällig an einem Spiegel vorbeikam, erschrak sie vor ihrem eigenen Anblick. Sie sah einfach grässlich aus – wie eine personifizierte Karotte! Frustriert setzte Emily sich hin und versuchte, sich in ihre eigene innere Welt zurückzuziehen, so wie sie es oft in ihrer Kindheit und auch während ihrer unglücklichen Ehe mit Duarte getan hatte. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken, damit Duarte sie nicht sehen konnte. Er musste ihren Aufzug einfach schrecklich finden!

Emily wusste ja, dass sie keine Schönheit war. Sowohl ihre Mutter als auch die beiden Schwestern waren schlanke, stattliche Blondinen mit klassischen Gesichtszügen. Emily hingegen sah keiner von den dreien ähnlich. Als Zehnjährige hatte sie ihre Mutter einmal gefragt, von wem sie denn das rote Haar habe, da auch ihr Vater blond sei. Ihre Mutter hatte sie nur böse angesehen, als wäre die Frage allein schon eine Beleidigung, und hatte Emily schließlich erzählt, diese „unmöglichen roten Haare“ seien ein Erbe ihrer verstorbenen Großmutter.

Im Lauf der Jahre hatte Emily gelernt, sich mit dem roten Haar zu arrangieren, und auch die knabenhafte Figur hatte sie nicht mehr gestört. Doch als sie Duarte Avila de Monteiro begegnet war, war sie sich schmerzlich bewusst geworden, dass sie niemals das besitzen würde, was einen Mann wie ihn reizte. Emily war sicher gewesen, dass er sie nicht einmal wahrgenommen hatte, während sie von seinem Anblick wie berauscht gewesen war. Emily erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem sie Duarte zum ersten Mal begegnet war …

3. KAPITEL

Mit neunzehn Jahren hatte Emily ihre Ausbildung zur Reitlehrerin beendet. Ihre beiden älteren Schwestern hatten lukrative Jobs im Weinexport-Unternehmen ihres Vaters angenommen, doch Emily war diese Möglichkeit nicht angeboten worden. Nachdem sie von ihrer Mutter gedrängt worden war, so schnell wie möglich finanziell unabhängig zu werden, hatte Emily eine Stellung als Stallmädchen auf Ash Manor, Duartes englischem Landgut, angenommen.

Da Emily gleichzeitig auf dem Anwesen hatte wohnen können, hatte sie Gelegenheit gehabt, Einblick in den Lebensstil des schwerreichen und mächtigen Bankers Duarte Avila de Monteiro zu gewinnen. Neben einem eigenen Flugzeug, mehreren Hubschraubern und Luxuslimousinen besaß er noch ein halbes Dutzend prunkvoller Häuser, edle Pferde und eine Kunstsammlung von unschätzbarem Wert. Duarte schien alles zu haben, von dem ein Mann nur träumen konnte. Nur eines besaß er offensichtlich nicht – Zeit, um seine kostbaren Besitztümer zu genießen.

Emily hatte bereits mehrere Wochen auf Ash Manor gearbeitet, als sie Duarte zum ersten Mal begegnete. Von ihrer Kollegin Kate hatte sie allerdings schon viel über den mächtigen Banker gehört – zum Beispiel, dass er zum portugiesischen Hochadel gehörte und sich angeblich nicht mit normalen Menschen, also dem so genannten „Fußvolk“, abgab.

Als Emily und Kate eines Tages im Stall das Sattelzeug putzten, beobachteten sie, wie Duarte de Monteiro in seinem silbergrauen Sportwagen vorfuhr. Der Stallmanager kam sofort herbeigeeilt, um seinen Chef zu begrüßen.

„Der Wagen ist ein MacLaren – sechs Riesen wert“, seufzte Kate wehmütig. „Aber wart mal ab, bis du ihn erst siehst. Zuerst habe ich gedacht, er sei einer dieser hässlichen alten Knacker.“ Sie lachte vergnügt. „Denkste – er ist erst achtundzwanzig und unglaublich sexy! Wenn ich den mal allein erwischte, würde ich ihn in mein Schlafzimmer zerren und die Tür abschließen!“

Emily erinnerte sich noch genau daran, wie fasziniert sie schon bei ihrer ersten Begegnung von Duarte gewesen war. Mit seinem schwarzen Haar, den strahlenden dunklen Augen und der athletischen Figur strahlte er so viel Männlichkeit und Erotik aus, wie Emily es noch nie bei einem Mann erlebt hatte.

Emily hatte gespannt zugesehen, wie Duarte die Beifahrertür öffnete. Doch statt einer makellosen Schönheit als Begleiterin, wie Emily erwartet hatte, lag ein großer, struppiger Hund zusammengerollt auf dem Beifahrersitz.

Kate rümpfte die Nase und zog sich tiefer in den Stall zurück. „Bloß nicht schon wieder dieses Monster! Der Köter ist so störrisch wie ein Maulesel und tut nie das, was man von ihm will. Und wehe, du lässt ihn von der Leine – dann kannst du ihn den ganzen Tag lang suchen!“

Kaum hatte Kate den Satz zu Ende gesprochen, da rief der Stallmanager schon nach Emily und wies sie an, sich um das Tier zu kümmern. Es handelte sich um einen großen Irischen Wolfshund, neben dem Emily mit ihren knapp einen Meter sechzig wie ein kleines Mädchen wirkte. Doch das machte Emily nichts aus. Sie hatte sich als Kind immer vergeblich ein Haustier gewünscht und liebte Hunde über alles, ganz gleich welcher Rasse oder Größe.

„Seien Sie etwas nachsichtig mit ihm“, erklang plötzlich Duartes dunkle, angenehme Stimme, und Emily wäre vor lauter Aufregung am liebsten im Boden versunken. „Jazz ist nicht mehr der Jüngste.“

Emily hob schüchtern den Kopf – und erschauerte, als sie Duarte in die Augen blickte. Noch nie zuvor hatte sie etwas Derartiges erlebt. Dieser Mann strahlte so viel Sex aus, dass es Emily den Atem raubte.

Duarte de Monteiro schien jedoch nichts von ihrer Verwirrung zu bemerken. Er nickte ihr nur noch kurz zu, dann drehte er sich um und ging davon. Emily sah ihm enttäuscht nach. Was hatte sie eigentlich erwartet? Dass dieser reiche und noch dazu unglaublich gut aussehende Mann sich für ein so unscheinbares Mädchen, wie sie es war, interessierte? Für Duarte de Monteiro war sie nichts weiter als eine seiner zahllosen Angestellten, die keinerlei persönliche Bedeutung für ihn hatten.

Wie es der Zufall also bestimmt hatte, fiel die Aufgabe, sich um Jazz zu kümmern, Emily zu, da niemand sonst bereit war, die Verantwortung für den Hund zu übernehmen. Während Duarte auf Geschäftsreise im Ausland war, sollte Emily dafür sorgen, dass sein Hund genügend Auslauf bekam und dass ihm nichts passierte.

„Der Boss liebt diesen Hund über alles“, hatte der Stallmanager Emily gleich zu Anfang eingebläut. „Sollte er verloren gehen oder ihm sonst irgendetwas zustoßen, sind Sie Ihren Job los. Deshalb sperren wir ihn am besten in der Scheune ein. Von dort kann er nicht entwischen, und Platz genug hat er allemal.“

Emily brachte es jedoch nicht übers Herz, den Hund für längere Zeit allein in der Scheune zu lassen. Sie verbrachte jede freie Minute mit ihm, tollte mit ihm auf dem Sattelplatz herum und schenkte ihm liebevolle Zuwendung, die er dankbar erwiderte. Und als dann eines Tages die Scheune plötzlich in Flammen aufging, während Jazz noch drinnen war, handelte Emily spontan und entschlossen. Ohne an ihre eigene Sicherheit zu denken, stürzte sie wagemutig in die brennende Scheune und rettete den Hund vor den Flammen. Sie schaffte es gerade noch, sich keuchend ins Freie zu schleppen, bevor sie das Bewusstsein verlor.

Als sie schließlich wieder zu sich kam, fand sie sich im Krankenhaus wieder – und kein anderer als Duarte Avila de Monteiro stand an ihrem Bett!

„Ihr Leben zu riskieren, um meinen Hund zu retten, war unglaublich leichtsinnig, aber auch unglaublich mutig“, sagte er und lächelte dabei so warm, dass sich Emily das Herz zusammenzog.

„An … die Gefahr habe ich gar nicht gedacht“, gab sie verlegen zu.

„Sie sind eine Heldin“, meinte Duarte strahlend, doch dann wurde er plötzlich ernst. „Ich habe Ihre Familie über den Vorfall informiert, doch allem Anschein nach hat niemand Zeit, Sie hier im Krankenhaus zu besuchen.“

Emily senkte beschämt den Blick. Jetzt fiel es also schon fremden Menschen auf, wie wenig Emilys Familie für sie übrig hatte. „Vielen Dank, das war sehr nett von Ihnen.“

„Ich habe Ihnen zu danken, Emily. Einer der Stallburschen hat mir verraten, dass Jazz die ganze Zeit in der Scheune eingesperrt gewesen wäre, wenn Sie sich nicht seiner angenommen hätten. Offensichtlich sind Sie die Einzige von mehr als zwanzig Leuten, die genügend Herz und Verstand besitzt, um die Bedürfnisse eines Tieres zu erkennen.“

Emily fühlte sich zutiefst geehrt über das aufrichtige Lob. „Ach, das war doch selbstverständlich“, sagte sie bescheiden. „Ich mag Tiere sehr, und Jazz ist zwar ein bisschen dickköpfig, aber ansonsten ein sehr lieber Hund.“

Da lachte Duarte vergnügt. „Wissen Sie, Jazz ist zwar nicht gerade der Schlauste, aber er ist mir sehr ans Herz gewachsen. Er gehörte meiner Schwester. Nach ihrem Tod sollte er ins Tierheim abgeschoben werden, aber ich brachte es nicht übers Herz, ihn wegzugeben.“ Duarte dachte kurz nach. „Vielleicht war die Entscheidung doch nicht so gut, denn ich bin häufig auf Geschäftsreise und kann ihn natürlich nicht mitnehmen.“

„Es war ganz bestimmt die richtige Entscheidung, ihn zu behalten!“, versicherte Emily eifrig. „Jazz hängt sehr an Ihnen, das habe ich sofort gemerkt. Die ersten Nächte nach Ihrer Abfahrt konnte ich ihn kaum zur Ruhe bringen, so sehr hat er Sie vermisst. Schließlich bin ich auf die Idee gekommen, die Haushälterin zu fragen, ob sie vielleicht ein altes Kleidungsstück von Ihnen hätte. Sie gab mir einen Pullover, und als ich den auf Jazz’ Schlafdecke legte, beruhigte er sich sofort!“

Duarte sah Emily nun so merkwürdig an, dass sie nicht wusste, was sie davon halten sollte. Für einen Augenblick glaubte sie, Bewunderung in seinem Blick zu lesen. Doch nein, sie hatte sich bestimmt getäuscht. Duarte hatte ihr einen Anstandsbesuch abgestattet und sich mit einem wunderschönen Blumenstrauß und einer Schale Obst bei ihr bedankt, und damit war die Angelegenheit für ihn erledigt.

Emily hatte zu träumen geglaubt, als sie am Tag ihrer Entlassung von Duarte persönlich abgeholt wurde. Er ließ sie neben sich auf dem Rücksitz seiner Luxuslimousine Platz nehmen und wies den Chauffeur an, Emily nach Hause zu fahren. Obwohl sie während der Fahrt kaum Gelegenheit hatte, mit Duarte zu sprechen, da er ständig telefonierte, spürte sie, wie sie sich mit jeder Minute mehr in ihn verliebte. Ja, sie hatte sich Hals über Kopf in einen Mann verliebt, der unerreichbar für sie war!

Emilys Mutter war völlig überrascht gewesen, als ihre Tochter von einem derart reichen und attraktiven Mann nach Hause gebracht wurde, und hatte Duarte spontan zum Abendessen eingeladen. Während Hermione und Corinne sich alle erdenkliche Mühe gaben, Duarte zu beeindrucken, zog Emily sich in den Hintergrund zurück. Neben ihren beiden hübschen Schwestern, die offensichtlich sehr gut wussten, wie man mit Männern flirtete, war Emily sich vorgekommen wie ein hässliches Entlein unter lauter stolzen Schwänen.

Der Aufruf an die Passagiere, sich zum ihrem Flugsteig zu begeben, riss Emily aus ihren trüben Gedanken. In der Maschine wurde Jamie bald quengelig, ein Zeichen dafür, dass er übermüdet war. Der Steward führte Emily in einen separaten Raum, in dem ein Reisebettchen für Jamie bereitstand. Es dauerte mehr als zwanzig Minuten, bis Emily Jamie gefüttert hatte und er schließlich eingeschlafen war. Dann ging sie widerstrebend zu Duarte in die Hauptkabine zurück.

„Schläft Jamie?“, erkundigte er sich und stand auf.

Emily nickte.

„Kannst du nicht mehr sprechen?“

Emily errötete leicht. „Ja, seit fünf Minuten. Vielleicht wäre es besser, ich würde mich noch eine Weile zu ihm setzen, falls er wieder aufwacht.“

Duarte sah sie spöttisch an. „Was soll diese übertriebene mütterliche Fürsorge? Willst du mich damit beeindrucken? Wer hat eigentlich auf Jamie aufgepasst, während du Reitstunden gegeben hast?“

„Niemand.“

„Niemand?“

Emily runzelte die Stirn. Sie wusste nicht, worauf Duarte hinauswollte. „Das war nie ein Problem“, rechtfertigte sie sich. „Ich habe nur wenige Stunden am Tag gearbeitet, und dann stand Jamies Buggy immer direkt neben dem Sattelplatz, sodass ich ihn jederzeit sehen konnte. Jamie war nie mehr als zehn Meter von mir entfernt, und meistens waren sogar die Eltern meiner Reitschüler bei ihm.“

Duartes Züge wurden hart. „Was heißt meistens? Ein Reiterhof ist kein Ort, an dem man ein Baby unbeaufsichtigt lassen kann! Du weißt so gut wie ich, dass Reiter – und vor allem Anfänger – ihr Pferd nicht immer beherrschen. Da hätte leicht etwas passieren können!“

Emily zuckte insgeheim zusammen. Ihr war klar, dass Duarte von nun an jede Möglichkeit nutzen würde, um sie mit Vorwürfen zu überhäufen. „Jamie war nie in Gefahr“, verteidigte sie sich betroffen. „Ich habe immer mein Bestes getan, damit er …“

„Dein Bestes war eben nicht gut genug. Du hast meinen Sohn desinteressierten Fremden überlassen, anstatt dafür zu sorgen, dass er eine vernünftige Betreuung bekommt!“

„Ich habe alles getan, um Jamie trotz meiner Arbeit so nahe wie möglich bei mir zu haben, und du drehst mir jetzt einen Strick daraus!“, protestierte Emily aufgebracht. „Und außerdem … selbst wenn ich es gewollt hätte, hätte ich mir eine Kinderbetreuung gar nicht leisten können!“

„Und wessen Schuld war das?“

„Wessen Schuld war was? Dass ich aus Portugal geflüchtet bin?“

Duarte sah Emily durchdringend an. „Vielleicht kannst du mir ja eine Antwort auf diese Frage geben?“

„Ich habe Portugal verlassen, weil ich Angst hatte, dass du mir Jamie wegnehmen könntest!“

Duarte schüttelte verärgert den Kopf. „Was soll der Unsinn? Ich habe in dieser Hinsicht noch nie eine Andeutung gemacht. Wie, in aller Welt, bist du auf die hirnrissige Idee gekommen, dass ich zu solchen Mitteln greifen könnte?“

Emily schlug das Herz vor Aufregung bis zum Hals. Beinahe hätte sie Bliss verraten! Sie war diejenige gewesen, der Emily all ihre Probleme anvertraut hatte. Emily hatte seit ihrer Flucht aus Portugal zwar keinen Kontakt mehr zu Bliss gehabt, aber sie ging davon aus, dass ihre Freundin immer noch für Duarte arbeitete. Sollte er je erfahren, dass seine persönliche Assistentin illoyal gewesen war und vertrauliche Informationen weitergegeben hatte, würde ihre Karriere beendet sein.

„So wie du mich damals behandelt hast …“, antwortete Emily schließlich ausweichend. „Ich hatte eben Angst, du würdest versuchen, mir Jamie wegzunehmen.“

„Ach so, und deshalb hast du es vorgezogen, ihn mir wegzunehmen“, schlussfolgerte er zynisch. „Wenn man die Sache unter diesem Blickwinkel betrachtet, bin ich der Bösewicht, und du bist das unschuldige Opfer. Aber ich sage dir eines, querida, das beeindruckt mich nicht im Geringsten!“

„Ich hatte auch nicht vor, das zu tun.“

„Nein?“

Emily wurde immer unbehaglicher zumute. Duarte trieb sie mit seinen Vorwürfen so in die Enge, dass sie schon gar nicht mehr wusste, was sie sagen sollte. „Ich … ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe, aber ich wollte nur ehrlich sein …“

Duarte lachte hart auf. „Ehrlich nennst du das? Que absurdo! Ein ehrliches Flittchen bist du weiß Gott nicht gewesen!“

Duartes Worte trafen Emily wie ein Messerstich ins Herz. So etwas hatte er noch nie zu ihr gesagt, selbst als er gesehen hatte, wie Toby sie geküsst hatte.

„Du hast mein Kind unter dem Herzen getragen, als du fremdgegangen bist!“, fuhr er zornig fort. „Ich glaube kaum, dass es viele Frauen gibt, die so unverfroren sind, mit anderen Männern zu schlafen, während sie vom eigenen schwanger sind. Du warst sogar noch so dreist, mir deinen Lover vorzustellen. Nur ein billiges Flittchen ist zu derart schäbigem Verhalten fähig!“

Emily konnte kaum noch die Tränen zurückhalten, so weh taten ihr Duartes Worte. „Das ist nicht wahr!“, widersprach sie verzweifelt. „Ich habe nie mit Toby …“

„Verschone mich mit deinen Lügen“, schnitt Duarte ihr kalt das Wort ab. „Du bedeutest mir nichts!“

Emily atmete tief durch und schluckte krampfhaft die Tränen hinunter. Sie hatte es immer gewusst, und jetzt hatte er es ihr ins Gesicht gesagt. Sie bedeutete ihm nichts. Nur als Mutter seines Sohnes war sie für Duarte interessant. Für sie selbst empfand er nichts.

„Aber du gehörst zu mir“, fügte er eisig hinzu. „Du bist meine Frau, und deshalb muss ich dich ertragen.“

„Nein“, widersprach Emily mit zittriger Stimme, „ich gehöre dir nicht wie deine Autos, deine Häuser oder deine verdammte Kunstsammlung. Ich bin vielleicht deine Frau, aber ich bin kein Objekt, das keine Gefühle, Bedürfnisse oder Rechte hat.“

Duarte trat einen Schritt vor und war Emily nun so nahe, dass sie die Wärme seines Körpers spüren konnte. „Du hast keine Rechte mehr in dieser Ehe“, sagte er nun so drohend, dass Emily ein kalter Schauer überlief. „Die hast du mit deiner Flucht aus Portugal verloren.“

Emily schüttelte ungläubig den Kopf. „Das … ist nicht dein Ernst. Du bist nur wütend auf mich, und deshalb …“

„Ich bin nicht wütend, minha esposa. Ich bin nur nicht länger bereit, dir weiterhin die Freiheiten zu gewähren, die du bisher hattest.“

„Freiheit nennst du das? Dass ich nicht lache!“ Frei hatte Emily sich nie gefühlt, im Gegenteil. Die Ehe mit Duarte war eine einzige Pflicht gewesen. Jeder Tag war von morgens bis abends durchgeplant gewesen, ohne Rücksicht auf ihre Wünsche und Bedürfnisse.

Duartes Wangen wurden rot. „Findest du meine frühere Großzügigkeit etwa lächerlich?“

„Du meinst dein Geld? Einkaufen zu gehen war ein schwacher Trost dafür, dass du nie bei mir warst! Ich bin einfach nicht die Frau, die zu dir passt, und ich verstehe bis heute nicht, warum du ausgerechnet mich geheiratet hast!“

„Wirklich nicht?“, fragte Duarte rau und sah Emily nun so verführerisch an, dass ihr ganz heiß wurde. Sie spürte, wie sich ihre Brustspitzen unter dem BH aufrichteten und sich Hitze zwischen ihren Schenkeln ausbreitete. Es war zum Verrücktwerden! Wenn Duarte sie nur ansah, spielte ihr Körper verrückt, und dann konnte sie nicht mehr klar denken. Hörte das denn niemals auf?

„Du hast recht, mein Geld hat dir offensichtlich nichts bedeutet“, fuhr Duarte fort und ließ den Blick aufreizend über ihren Körper gleiten. „Du wolltest nur mich. Du hast mich gebraucht wie die Luft zum Atmen, querida …“

Emily schluckte schwer. Alles, was Duarte sagte, stimmte. Sie hatte ihn gebraucht wie die Luft zum Atmen. Regelrecht süchtig war sie nach ihm gewesen. Damals hätte sie alles getan, nur um ihm nahe zu sein. Und er hatte es die ganze Zeit gewusst. Von Anfang an hatte Duarte gespürt, welche Macht er über sie besaß, und daran hatte sich bis heute nichts geändert.

„Diese Zeiten sind vorbei“, log Emily mit klopfendem Herzen und hoffte inbrünstig, dass Duarte sie nicht durchschaute. „Ich war verliebt in dich wie ein naiver Teenager, aber das hat sich schlagartig geändert, als ich schwanger wurde und von da an nicht mehr für dich existierte.“

„Das glaube ich nicht“, erwiderte Duarte, ohne auf Emilys letzte Bemerkung einzugehen. Und dann zog er sie plötzlich an sich und küsste sie.

Emily war wie berauscht, als Duarte die Zunge zwischen ihre Lippen gleiten ließ und Emily dabei noch enger an sich zog, sodass sie spürte, wie erregt er war.

„Duarte …“, flüsterte sie atemlos und erwiderte leidenschaftlich seinen Kuss.

„Jamie …“

Duarte löste sich von Emily und schob sie etwas von sich weg. „Jamie weint.“

Da erst kam Emily zu sich und sah Duarte entsetzt an. Wie hatte sie sich nur dazu hinreißen lassen können, seinen Kuss zu erwidern? Sie war so berauscht gewesen, dass sie nicht einmal Jamie hatte weinen hören!

Emily eilte an sein Bett und sah, dass er seinen Teddy verloren hatte. Der Kleine beruhigte sich sofort, als Emily ihm das Plüschtier ans Gesichtchen legte und Jamie sanft übers Haar strich. Eine Minute später war er wieder eingeschlafen.

Emily setzte sich an Jamies Bett und atmete tief durch. Ihr ganzer Körper schmerzte förmlich vor Verlangen nach Duarte – dem Verlangen, das sie so lange unterdrückt hatte. Emily verabscheute sich dafür, dass sie ihn immer noch begehrte, und vor allem, dass sie sich ihm so willenlos hingegeben hatte. Aber weshalb hatte er sie überhaupt geküsst? Hatte er vor ihrer Flucht aus Portugal nicht selbst gesagt, er könne es nicht mehr ertragen, unter einem Dach mit ihr zu leben?

Emily verstand die Welt nicht mehr. Einerseits zeigte Duarte ihr deutlich seine Ablehnung, und andererseits schien er sie immer noch zu begehren. Unwillkürlich schweiften Emilys Gedanken zurück in die Vergangenheit …

Einen Monat nach dem Brand in der Scheune erhielt Emily die Nachricht, dass Duarte sie zu sprechen wünschte. Emily überlegte kurz, ob sie sich vorher noch rasch umziehen sollte. Sie hatte gerade die Pferde bewegt und dementsprechend sah sie aus – mit Schlamm verspritzt und wild zerzaustem Haar. Doch dann verwarf sie den Gedanken. Wenn Duarte Avila de Monteiro sie sprechen wollte, sollte sie ihn nicht warten lassen.

An jenem Tag betrat Emily zum ersten Mal das imposante, im georgianischen Stil erbaute Herrenhaus Ash Manor. In der Vorhalle lief ihr Jazz entgegen und begrüßte sie stürmisch. Emily ging in die Hocke und umarmte den großen Hund liebevoll, bis die Begrüßung schließlich in einer übermütigen Balgerei endete.

Erst Minuten später merkte Emily, dass Duarte hinter ihr stand und ihr amüsiert zusah. Sie stand mit hochrotem Kopf auf und begrüßte ihn schüchtern. Dann führte er sie in seine Bibliothek und bat sie, Platz zu nehmen.

„Vielen Dank, aber ich bin ziemlich schmutzig“, lehnte Emily verlegen ab, als sie die eleganten, mit Samt überzogenen Stühle sah. „Ich glaube, ich sollte lieber stehen bleiben.“

„Wie Sie wünschen“, meinte Duarte lächelnd. Er selbst war tadellos gekleidet und sah in seinem perfekt sitzenden Anzug wie immer umwerfend aus. „Wenn ich Geschäftspartner oder Freunde einlade, bringen sie oft ihre Familien mit. Ich habe gehört, dass Sie Reitlehrerin sind. Es wäre schön, wenn Sie meinen jüngeren Gästen Unterricht geben könnten. Selbstverständlich würde ich Ihr Gehalt dementsprechend erhöhen. Was halten Sie davon?“

Emily war zuerst völlig überrascht über das unerwartete Angebot, dann strahlte sie übers ganze Gesicht. „Das … das wäre toll!“

In jenem Winter verbrachte Duarte viel Zeit auf Ash Manor. Emilys Tätigkeitsfeld wurde allmählich immer mehr erweitert, sodass sie nach zwei Wochen nicht nur Reitstunden gab, sondern auch noch sämtliche Kinder von Duartes Gästen betreute. Nach vier Wochen meinte Duarte schließlich, dass es praktischer sei, wenn sie aus dem Apartment, das sie mit mehreren anderen Angestellten teilte, in sein Herrenhaus zöge. Und als Emily dann auch noch erfuhr, dass sie das Abendessen in Duartes elegantem Esszimmer einnehmen sollte, war sie völlig sprachlos.

Nachdem sie ihre Sachen geholt und sich umgezogen hatte, kamen Emily allerdings Bedenken. Vielleicht sollte sie doch lieber in der Küche essen. Kaum hatte sie es sich am Tisch bequem gemacht, kam Duarte herein.

„Was machen Sie hier?“, fragte er und wirkte dabei leicht verärgert. „Sie sollten doch mit meinen Gästen essen.“

Emily war ganz froh, dass sich außer Duarte und den Kindern zunächst niemand für sie interessierte. In Gesellschaft so vieler wohlhabender und einflussreicher Leute fühlte sie sich ohnehin nicht wohl.

„Ich habe vorhin mitbekommen, wie Mr. Monteiro Mum vorgeschwärmt hat, wie gut du mit Kindern und Tieren umgehen kannst“, verriet ihr einer ihrer Schützlinge an einem verregneten Abend, als sie gemeinsam vor einem schwierigen Puzzle saßen. „Ich glaube, er findet dich toll!“

In dieser Nacht hatte Emily vor lauter Aufregung kaum schlafen können. Wenn Duarte sie wirklich so toll fand, warum hatte er es ihr dann nicht selbst gesagt? Erst viel später, als sie schon mit ihm verheiratet gewesen war, war ihr klar geworden, dass Duarte sie damals nur in sein Haus geholt hatte, um sie genau zu beobachten. Er hatte in Erfahrung bringen wollen, ob sie über jene Eigenschaften verfügte, die eine für ihn geeignete Ehefrau haben musste.

Still, schüchtern und bescheiden musste sie sein, dachte Emily zynisch. Das waren die Charaktereigenschaften, die Duarte an ihr schätzte. Für welche anderen Qualitäten sollte ein Mann sich sonst interessieren, wenn er eine „pflegeleichte“ Frau brauchte? Eine, die sich hauptsächlich mit Kindern, Hunden und ansonsten wenig geistreichen Dingen beschäftigte und die kaum Aufmerksamkeit von ihm verlangte.

Einige Wochen später war Duarte schließlich noch einmal zu Emily gekommen, um sie für ihre hervorragende Arbeit zu loben und zum Abendessen einzuladen.

„Aber … das ist nicht nötig“, hatte Emily verwirrt geantwortet. Sie hatte zwar tatsächlich viele Überstunden gemacht, wäre aber nie auf den Gedanken gekommen, dass Duarte sich deshalb verpflichtet fühlen würde, sich zu revanchieren.

„Nichts aber, ich bestehe darauf“, meinte er und lächelte dabei so charmant, dass ihr Widerstand sofort schmolz. „Also heute Abend … um acht?“

Emily konnte nur noch nicken. Und als sie Duarte abends schließlich in einem eleganten Restaurant gegenübersaß, verschüttete sie vor lauter Aufregung ihren Wein und bestellte versehentlich ein rohes Steak, obwohl sie eigentlich ein durchgebratenes hatte haben wollen.

„Warum sind Sie denn so nervös?“, fragte Duarte amüsiert.

„Ich … ich bin es nicht gewohnt, mit Fremden auszugehen“, antwortete Emily schüchtern.

„Ich bin doch kein Fremder. Wir kennen uns eine ganze Weile, und unterhalten haben wir uns auch schon oft genug.“

Emily senkte verlegen den Blick. „Schon, aber … von Ihnen zum Essen eingeladen zu werden ist etwas anderes.“

„Das kann man wohl sagen“, bestätigte Duarte trocken. „Ein derart missglücktes Rendezvous hatte ich noch nie.“

Emily sah ihn erstaunt an. „Soll das … ein Rendezvous sein?“

„Natürlich. Ich mag Sie, Emily. Genügt das nicht, um eine Frau auszuführen?“

Erst viel später hatte Emily gemerkt, dass das längst nicht reichte, aber sie war so verliebt in Duarte gewesen, dass sie ihn nur durch die berühmte rosarote Brille gesehen hatte. Nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hätte sie es für möglich gehalten, dass ein derart reicher und attraktiver Mann wie er sich für ein Mädchen wie sie interessieren könnte.

„Ich mag Sie auch … sehr sogar“, hatte sie wie in Trance geantwortet, und Duarte hatte gelächelt und gleich darauf dem Ober diskret zu verstehen gegeben, das rohe Steak gegen ein durchgebratenes auszutauschen.

Obwohl Emily noch völlig unerfahren gewesen war, hatte sie noch am selben Abend mit Duarte geschlafen. Und als sie im Morgengrauen in seinen Armen aufgewacht war, hatte er sie sanft geküsst und sie gefragt, ob sie seine Frau werden wolle. Emily hatte einfach nur genickt wie eine Marionette und sich dann wieder überglücklich in seine Arme geschmiegt.

4. KAPITEL

Als Emily mit Jamie auf dem Arm nach Duarte das Flugzeug verließ, standen bereits zwei Limousinen auf dem Rollfeld bereit. Emily erkannte die elegant gekleidete Blondine, die aus einem der Wagen stieg, sofort. Bliss arbeitete also immer noch für Duarte.

Doch anstatt eines herzlichen Lächelns, wie Emily es erwartet hatte, erntete sie lediglich einen kühlen Blick von Bliss. Emily konnte sich die Reaktion ihrer Freundin zunächst nicht erklären, doch dann fiel ihr ein, dass Bliss als Duartes persönliche Assistentin natürlich Diskretion wahren musste. Bliss hatte Emily einmal erzählt, dass Duarte engere Freundschaften zwischen seiner Frau und seinen Angestellten nicht gutheißen würde. Deshalb ging Bliss natürlich nicht das Risiko ein, bei ihrem Chef in Ungnade zu fallen und damit ihre Karrierechancen zu zerstören.

„Mrs. Monteiro …“, begrüßte Bliss Emily kurz angebunden und wandte sich dann mit einem Lächeln Duarte zu.

Emily runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte nicht. Hatte sie Bliss vielleicht verärgert, weil sie sich monatelang nicht bei ihr gemeldet hatte? Aber das wäre unverständlich, denn Emily hatte absichtlich keinen Kontakt zu Bliss aufgenommen, um ihre Freundin nicht noch mehr mit ihren Problemen zu belasten.

„Warte im Wagen auf mich“, wies Duarte Emily an.

Mateus hielt ihr die Tür auf, und Emily stieg widerstrebend ein, während Duarte stehen blieb, um sich noch mit Bliss zu unterhalten. Emily beobachtete angespannt, wie er etwas zu Bliss sagte, woraufhin diese leicht errötete.

Kurz darauf kam er zu Emily in den Wagen, und sie fuhren los. Emily hatte sich schon gefragt, warum sie in Lissabon gelandet waren anstatt in Porto. Vielleicht hatte Duarte hier geschäftliche Dinge zu erledigen. Bestimmt würde er sie, Emily, zusammen mit Jamie in sein Landhaus am Douro bringen, wo sie den vorletzten Winter verbracht hatte. Die Monteiros nutzten dieses Haus gewöhnlich nur als Sommerresidenz oder während der „vindima“ der Weinernte, bei der die Portugiesen es genossen, für einige Wochen im Jahr zu ihren Wurzeln zurückzukehren. Den Winter dort zu verbringen, wenn es oft regnete und dichter Nebel das Land einhüllte, war allerdings alles andere als schön gewesen.

„Vielleicht … könnte ich die Winter in England verbringen“, schlug Emily deshalb zaghaft vor.

Duarte bedeutete ihr mit einer Handbewegung zu schweigen, da er gerade telefonierte. Sie hatten die Autobahn verlassen und durchquerten nun die wunderschöne hügelige Landschaft, die das Dörfchen Sintra umgab. Nun war es nicht mehr weit zur Quinta de Monteiro. Dichte Wälder bedeckten die Hügel oberhalb der kurvigen, von blühenden Krokussen und Lilien gesäumten Straße, die zu Duartes Anwesen führte.

Emilys Herz schlug schneller, als sie schließlich das kleine Gebäude sah, in dem Toby einst sein Künstleratelier gehabt hatte. Die hölzernen Läden waren verschlossen, und an der Tür hing ein Schild mit der Aufschrift „ZU VERMIETEN“.

„Du wirst weder die Winter noch irgendeine andere Jahreszeit in England verbringen“, antwortete Duarte schließlich grimmig, nachdem er sein Gespräch beendet hatte. „Es wäre zu riskant, dir so viel Freiheit zu gewähren.“

Emily sah ihn schockiert an. „Wie bitte?“

„Von jetzt an gehst du nirgendwo mehr allein hin.“

„W-was soll das heißen?“, fragte sie verwirrt, als sie durch die imposante Einfahrt der Quinta de Monteiro fuhren.

„Du hast mich schon richtig verstanden.

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