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Märchenprinzen, Band 172

VALERIE PARV

EIN PRINZ FÜR NORAH

Die Schöne und der Prinz – das Model Norah und Prinz Philippe von Sapphan erlebten eine leidenschaftliche Affäre, als sie sich vor Jahren bei Modeaufnahmen im Inselreich begegneten. Nun kehrt Norah zurück und staunt: Ihr Märchenprinz bereitet gerade ihre grandiose Hochzeit vor – ohne sie je gefragt zu haben! Was steckt bloß dahinter?

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Manchmal ist ein zweiter Anlauf notwendig: Die Karrierefrau Francesca und William Earl of Lingard waren ein Traumpaar. Sie lebten glücklich auf ihrem Anwesen in Cornwall, liebten sich und erwarteten ein Kind. Doch ein Schicksalsschlag treibt einen Keil zwischen sie – bis sie eine zweite Chance für ihre Liebe bekommen. Die wollen sie nutzen.

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Valerie Parv

EIN PRINZ FÜR NORAH

1. KAPITEL

Den Palast musste man sehen, um es zu glauben. Norah Kelsey blieb bewundernd stehen, während ihre junge Begleiterin in einen weiteren malerischen Innenhof voraneilte. „Talay Rasada, könntest du das Tempo bitte etwas mäßigen, damit ich mir alles in Ruhe ansehen kann?“

Norah kam sich ein wenig wie im Märchen vor, obwohl sie von einem früheren Besuch auf Sapphan wusste, dass die Wirklichkeit anders aussah. Doch das gehörte der Vergangenheit an. Im Moment genoss Norah es, das Inselkönigreich mit den Augen des jüngsten Mitglieds der Königsfamilie zu sehen.

Talay drückte ihr liebevoll den Arm. „Ich bin froh, dass du mitgekommen bist, Norah. Ich hatte solche Angst, alle würden mich anstarren.“

„Wie du gemerkt hast, ist das nicht der Fall“, versicherte ihr Norah. Wegen ihrer Narben fühlte sie sich gehemmt, obwohl das unsinnig war. Das geschickte Make-up, das Norah sich für sie ausgedacht hatte, verdeckte die Narben völlig. „Wenn du wieder im Internat bist, übst du das Schminken noch ein bisschen, nicht wahr?“, fragte Norah.

Talay setzte eine feierliche Miene auf. „Klar. Bis die Narben verblasst sind. Das wird in ein paar Monaten sein, hat der Chirurg gesagt. Er fand es prima, dass du mich begleitest. Du würdest mir guttun, hat er gesagt.“

Norah wehrte verlegen ab. „Das verdankst du deinem Großvater. Es war seine Idee. Er liebt dich abgöttisch.“

„Das weiß ich. Er ist mein bester Freund …, neben dir natürlich.“

Talay ahnte nicht, wie schmeichelhaft das für Norah klang. Leon Rasada war der rangälteste Staatsmann des Herrscherhauses Rasada. Trotz seiner Achtung gebietenden Erscheinung war er ein sanfter, weiser Mann. Von Talay wusste Norah, dass Leon sich seiner Enkelin rührend angenommen hatte, nachdem ihre Eltern bei dem Flugzeugunglück ums Leben gekommen waren, von dem das Mädchen die Narben zurückbehalten hatte.

Trotz seiner Trauer um Sohn und Schwiegertochter war Leon mit Talay nach Australien geflogen, um sie dort von Spezialisten behandeln zu lassen.

Im Krankenhaus war Norah den beiden zum ersten Mal begegnet. Als kosmetische Therapeutin half sie jungen Leuten wie Talay, ihre Narben zu überdecken und besonders vorteilhafte Züge zur Geltung zu bringen. Glücklich und gerührt hatte Norah miterlebt, wie Talay im Lauf der Sitzungen aufgeblüht war.

Das Mädchen hatte sich auf den Steinrand eines Teiches gesetzt und ließ die Finger spielerisch durch das kühle Wasser gleiten. „Du kannst ganz hierbleiben, wenn du möchtest.“

Norah antwortete nicht sofort. Anfangs hatte sie gezögert, Talay nach Sapphan zu begleiten, weil sie befürchtete, die unvermeidliche anschließende Trennung könnte das Mädchen seelisch wieder aus der Bahn werfen. „Darüber haben wir doch schon gesprochen, Tal. Du weißt, dass ich hier nur Urlaub machen kann. Wenn ich nicht nach Sydney zurückkehre, werde ich eines Tages keine eigene Klinik eröffnen können, um anderen Mädchen wie dir zu helfen.“

„Du könntest doch hier eine Klinik aufmachen. Auf Sapphan gibt es genug Mädchen zu behandeln, und mein Onkel würde bestimmt die Schirmherrschaft über die Klinik übernehmen, wenn ich ihn darum bitte.“

Genau deswegen konnte Norah nicht bleiben. Der Letzte, dem sie verpflichtet sein wollte, war Talays Onkel Philippe Rasada, der Herrscher von Sapphan, der in Kürze zum König gekrönt werden sollte.

Beim Gedanken an ihn überlief Norah ein Schauer. Hauptsächlich seinetwegen hatte sie Leons Bitte abgelehnt, Talay zu begleiten, obwohl sie das Mädchen sehr ins Herz geschlossen hatte. Leon hatte seine ganze Überredungskunst aufwenden müssen, um Norah schließlich doch zu der Reise zu bewegen.

„Ein Jammer, dass du nicht bis zu Onkel Philippes Krönung dableiben kannst.“ Talay steigerte sich in ihre Begeisterung hinein, als würde sie von ihrem Lieblingspopstar sprechen. „Er wird ein Traumkönig. Schon als Prinz ist er umwerfend“, setzte sie hastig hinzu, „aber als König wird er einsame Klasse! Wenn du ihn kennenlernst, findest du das bestimmt auch.“

Nur die Überlegung, dass Philippe Rasada während ihres Besuchs vollauf mit den Vorbereitungen für die Krönung beschäftigt sein würde, hatte Norah letztlich umgestimmt. Diesem Mann wollte sie auf keinen Fall nochmals über den Weg laufen. Bei der Vorstellung verspannte sich alles in ihr. „Ich habe deinen Onkel schon kennengelernt“, gestand sie betont sachlich.

Talay sah sie erstaunt an. „So? Und wann war das?“

„Nur ganz kurz …, vor fünf Jahren … bei einem offiziellen Empfang. Bestimmt hat er das längst vergessen. Damals war ich als Model zu Aufnahmen hier. Zum Schluss wurde unsere Gruppe in den Palast eingeladen.“

Talay lächelte schalkhaft. „Bei deinem Aussehen kann ich mir gut vorstellen, dass du ein Model warst. Warum hast du das eigentlich aufgegeben?“

„Aus verschiedenen Gründen.“ Der Hauptgrund war Talays angebeteter Onkel Philippe gewesen. Sein Aussehen verkaufen, hatte er es genannt und damit ungeahnt ins Schwarze getroffen. Norah war gegen den Willen ihrer Eltern Model geworden, die für eine ernst zu nehmende Ausbildung gewesen waren und ihr ihren Bruder David, einen erfolgreichen Arzt, ständig als nachahmenswertes Beispiel vor Augen gehalten hatten. Als sie bei ihrer Familie kein Verständnis gefunden hatte, war die Clique für sie zu einer Art Ersatzfamilie geworden, wenn auch zu einer reichlich fragwürdigen.

Alain Montri, ein entferntes Mitglied der Königsfamilie und Adjutant des Prinzen, war damals Kontaktmann zwischen dem Modeteam und dem Palast gewesen. Bald hatte er vor allem Norah all seine Aufmerksamkeiten zukommen lassen, und sie war naiv genug gewesen, ihn zu ermutigen. Er hatte sie offenbar für so erfahren gehalten, wie sie sich gegeben hatte, und anfangs hatte sie seine Bemühungen als schmeichelhaft empfunden …

Bis zu dem Empfangsabend im Königspalast. Norah hatte bemerkt, dass der Prinz sie abschätzig beobachtete, und fühlte sich an die Einstellung ihrer Eltern erinnert. Aus Trotz benahm sie sich während des Festes Alain und einigen anderen Männern gegenüber noch auffälliger.

Unwillkürlich fragte Norah sich, wie sie reagieren würde, falls der Prinz sie zum Tanzen aufforderte, aber er tat es nicht. Durch seine verächtliche Art fühlte sie sich kritisiert und gab sich im Lauf des Abends immer aufreizender.

Auf Dauer fiel es ihr jedoch zunehmend schwerer, etwas vorzutäuschen, das sie nicht war, und schließlich flüchtete sie in den von Blütenduft erfüllten Garten. Ihr wurde erst bewusst, dass Alain ihr aufgelauert hatte, als er plötzlich vor ihr stand, ihre Proteste mit leidenschaftlichen Küssen erstickte und sie mit sich ins Gebüsch zerrte.

Vergebens versuchte Norah, sich zu wehren. Alain Montri riss sie zu Boden, und ihr war bewusst, was mit ihr geschehen würde. Hilflos sank sie in sich zusammen und hatte das Gefühl, ohnmächtig zu werden, als es in den Büschen knackte und ein zorniger Redeschwall auf Sapphanisch erscholl.

Blitzschnell verschwand Alain in der Dunkelheit. Norah blieb gebrochen und schluchzend auf dem Boden liegen und zupfte ihre zerrissene Kleidung zurecht.

Nie würde sie Philippe Rasadas angewiderten Gesichtsausdruck vergessen. Hoch aufgerichtet stand der Prinz vor ihr. „Bedecken Sie sich, und stehen Sie auf“, befahl er.

Zitternd gehorchte Norah und erhob sich auf unsicheren Beinen. Obwohl die Nachtluft warm war, schauderte sie. „Ich bin ja so froh, dass Sie vorbeigekommen sind, Königliche Hoheit.“

Er zog verächtlich die Brauen hoch. „Das bezweifle ich stark.“

Norah glaubte, sich verhört zu haben. „Wie bitte?“

„Ich bezweifle, dass Sie froh über die Störung Ihrer Liebesbegegnung sind. Bei Ihnen mögen andere Sitten herrschen, aber als Gast hätten Sie immerhin so viel Anstand besitzen müssen, die Moralbegriffe unseres Landes zu respektieren.“

Unter Philippe Rasadas durchdringendem Blick wich Norah unwillkürlich zurück. „Sie denken doch hoffentlich nicht etwa, ich hätte das gewollt?“

„Was soll ich sonst denken? Die aufreizende Kleidung und Ihr Verhalten weisen Sie als Verführerin aus.“

„Verführerin? Das klingt ja mittelalterlich. Ich dachte, Sapphan sei ein fortschrittlicher Staat.“

„In den entscheidenden Dingen des Lebens sind wir fortschrittlich.“ Er kniff die Augen zusammen. „Und traditionsbewusst.“

Norah überlegte blitzschnell. Der Prinz wusste offenbar nicht, dass der Angreifer sein Adjutant gewesen war. Und sie konnte sich vorstellen, wie Philippe reagieren würde, wenn sie es ihm sagte. Dann stand ihr Wort gegen Alain Montris, und sie war sicher, wem der Prinz glauben würde – erst recht, nachdem er ihr soeben unmissverständlich klargemacht hatte, was er von ihr hielt.

Um ihm zu zeigen, dass sie sich von ihm nicht einschüchtern ließ, richtete Norah sich zu ihrer vollen Größe auf. Doch obwohl sie als Model nicht gerade klein war, reichte sie dem Prinzen knapp bis zur Schulter.

„Ich bedaure, dass Sie eine so schlechte Meinung von mir haben“, erwiderte sie keineswegs entschuldigend. „Aber meine Kleider und Posen gehören nun mal zu meinem Beruf …, genauso wie es zu Ihren Aufgaben gehört, Schwerter und Orden zu tragen. Das muss aber noch lange nichts mit dem Charakter zu tun haben.“

Damit spielte Norah auf den Auftritt des Prinzen am Vortag bei einer offiziellen Zeremonie an, bei der er eine pompöse Uniform und ein Schwert getragen hatte.

Philippe lächelte ironisch. „Das entschuldigt jedoch noch lange nicht das hier.“ Er deutete auf Norahs zerrissenes Kleid.

Würdevoll warf sie den Kopf zurück und begegnete Philippes Blick. „Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen.“

„Nicht einmal einen Namen, Miss Kelsey? Wollen Sie niemanden beschuldigen, Sie zu vergewaltigen versucht zu haben?“

„So, wie Sie es hinstellen, würde mir ohnehin niemand glauben.“

In Philippes Blick lag fast so etwas wie widerstrebend gezollte Achtung. „Kein Wunder, dass der Mann davongelaufen ist, wenn Sie ihm mit so scharfer Munition gekommen sind wie mir.“

Norah lächelte verbittert. „Es ist eine schlechte Gewohnheit von mir, mich zu verteidigen, wenn ich angegriffen werde.“

„Sie behaupten also, er hätte Sie angegriffen?“

Stolz warf Norah den Kopf zurück, sodass ihr blondes Haar sie wie ein Heiligenschein umflorte. „Ich behaupte nicht, dass er mich angegriffen hat. Er hat es getan.“

Wieder nahmen Philippes Züge den verächtlichen Ausdruck an, und er schnippte mit den Fingern. „So? Dann nennen Sie mir bitte einen Namen, Miss Kelsey.“

„Sie würden mir ebenso wenig glauben, wie Sie mir nicht abnehmen, dass ich mit dem Mann nichts zu tun haben wollte.“

„Was soll ich dann denken, wenn Sie sich weigern, seinen Namen zu nennen?“

„Denken Sie, was Sie wollen …, Königliche Hoheit.“ Norah sprach den Titel in einem Ton aus, der ganz und gar nicht respektvoll klang.

Philippe Rasadas nächste Frage traf sie unvorbereitet. „Wie alt sind Sie?“

„Einundzwanzig, falls das etwas zur Sache tut“, erwiderte Norah irritiert.

Er legte ihr die Finger unters Kinn und hob es leicht an, sodass sie gezwungen war, ihn anzublicken. „Sie sehen älter aus. Liegt das vielleicht am Make-up?“

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte Philippe ein blütenweißes Taschentuch mit einem Monogramm hervorgezogen und wischte ihr den kräftigen Lippenstift ab.

Die Berührung weckte seltsame Gefühle in Norah, und sie wusste nicht, ob sie ihren Zustand genießen oder wütend sein sollte. „Hören Sie auf! Sie mögen ein Prinz sein, aber Sie sind auch nicht besser als …“

In Philippes Augen blitzte es auf, als sie den Namen gerade noch rechtzeitig für sich behielt. „Das war ja fast ein Geständnis“, stellte er fest. „Aber vielleicht gibt es einen anderen Weg, Ihnen den Namen zu entlocken.“ Philippe beugte sich über sie und presste seine Lippen auf ihre.

Elektrisierende Ströme durchzuckten Norah, und alles schien plötzlich ganz langsam abzulaufen. Wie in Trance kostete sie jede Empfindung aus …, den Druck seiner Hände auf ihren Schultern, die Wärme, die sie durchflutete, die Art, wie sein Mund fordernd und gebend mit ihrem verschmolz, bis sie ein nie gekanntes Verlangen verspürte.

In den betäubenden Ingwergeruch, der den dunklen Garten erfüllte, mischte sich der herb-männliche Duft des Rasierwassers des Prinzen und hatte eine berauschende Wirkung auf Norah.

All diese Empfindungen reihten sich seltsam unwirklich, wie in Zeitlupe aneinander, sodass Norah jede für sich durchleben und auskosten konnte. Die Welt schien sich erst wieder normal zu drehen, als der Prinz Norah freigab und zurücktrat. „Das scheint mir so etwas wie ein Geständnis gewesen zu sein“, bemerkte er trocken.

Norah wusste, was er meinte. Die Anspielung, wie leicht sie zu haben sei, machte sie wütend, gleichzeitig schämte sie sich ihrer willigen Hingabe. „Ich nehme an, dass es auf Sapphan ein Schwerverbrechen ist, dem Prinzen zu sagen, er soll sich zum Teufel scheren?“

Er lachte spöttisch. „Das Sexkätzchen entpuppt sich als Tigerin mit Krallen? Schade, dass Sie sie nicht eher ausgefahren haben, um den unerwünschten Freier in die Flucht zu schlagen.“

„Ich hab’s ja getan“, sagte Norah müde, „aber es hat nichts geholfen. Kann ich jetzt zu meinem Hotel zurückkehren, Königliche Hoheit?“

„Philippe genügt“, erklärte er in samtigem Ton, „da wir uns ja inzwischen ausgiebig miteinander bekannt gemacht haben.“ Er streifte sein weißes Abendjackett ab und legte es Norah um die Schultern.

Sein Duft, der von dem teuren Stoff ausging, hüllte sie ein, und sie hätte ihn am liebsten tief eingeatmet. Das sind die Nachwirkungen des Überfallschocks, versuchte Norah sich einzureden. Sie wandte sich ab, um zum Palast zu gehen, doch der Prinz hielt sie zurück. „Wohin wollen Sie?“

„Jemand vom Team bringt mich zum Hotel zurück“, antwortete sie steif.

„Nicht in diesem Aufzug.“ Philippe schnippte mit den Fingern, und ein großer dunkelhäutiger Muskelmann tauchte aus der Dunkelheit auf. Norah spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Sie hätte sich denken können, dass der Prinz hier draußen nicht unbewacht herumlief. „Keine Sorge, Alec ist verschwiegen“, versicherte Philippe. „Er wird Sie in meinem Wagen zurückbringen.“

Auf dem Heimflug versuchte Norah, das Kapitel Sapphan aus ihrem Gedächtnis zu verbannen. Die Arbeit in der feuchttropischen Hitze war sehr anstrengend gewesen, und Alain Montris Überfall und der Kuss eines arroganten Prinzen, der sie für eine unmoralische Verführerin hielt, waren Erfahrungen, die sie besser vergaß.

2. KAPITEL

Der letzte Ort, an den Norah je hatte zurückkehren wollen, war der berühmte Perlenpalast in der Hauptstadt Andaman. Aber, so sagte Norah sich, sie würde den Prinzen sowieso nicht zu Gesicht bekommen. Von Leon wusste sie, dass Philippe Rasadas Terminkalender durch die Vorbereitungen für die Krönungsfeierlichkeiten förmlich überquoll.

Im Übrigen würde es ihr in dem riesigen Palast nicht schwerfallen, ihm aus dem Weg zu gehen. Die Anlage wirkte auf Norah wie eine Stadt – ein verwirrendes Labyrinth mit über hundert Räumen, die zu Pavillons zusammengefasst waren.

Norah war im Jadepavillon untergebracht worden. Daran anschließend befand sich der Prinzessinnenpavillon, in dem Talay wohnte, wenn sie nicht im Internat war. Dahinter schloss sich der Wassertorpavillon mit den Gemächern des Prinzen und zahlreichen Flügeln für Gäste und Bedienstete an. Allein im großen Ballsaal hätten mehrere Familien Platz gefunden.

Dennoch schwelgte hier kein reicher Herrscher im Luxus, während sein Volk darbte. Voller Stolz hatte Talay Norah berichtet, dass die Sapphaner durch den Tourismus und umfangreiche Gewinnung von Perlen, denen das Perlenkönigreich seinen Namen verdankte, es in diesem Teil der Welt zu einem der höchsten Lebensstandards gebracht haben.

Norah ließ den Blick zu Talay schweifen, die sich träge in der Spätnachmittagssonne rekelte. „Ich werde dich vermissen, wenn du wieder im Internat bist, Tal.“

„Am liebsten würde ich überhaupt nicht wieder hingehen. Wenn ich wie du Model werde, brauche ich doch gar nicht zu studieren, oder?“

„Ein ungebildetes Model nimmt niemand ernst, auch wenn es noch so attraktiv ist.“ Kurz nach der Rückkehr nach Australien hatte sie sich am College eingeschrieben, um Schönheitstherapie zu studieren, dabei waren ihr die Erfahrungen als Model sehr zustattengekommen. In ihrem neuen Leben hatte es auch eine katastrophale Liebesbeziehung gegeben, doch daran wollte Norah lieber nicht denken. Colin Wells gehörte der Vergangenheit an …, genau wie Philippe Rasada.

Talay nickte widerstrebend. „Vielleicht hast du recht. Ich glaube, ich studiere doch lieber. Also denk an die arme paukende Tal, während du die letzten Tage deines Besuchs hier genießt.“

„Ja, das werde ich. Und jetzt solltest du lieber zu Ende packen.“

Talay umarmte Norah und versprach, vor ihrem Aufbruch sich noch verabschieden zu kommen.

Da Norah sich rastlos fühlte, beschloss sie, die Kunstgalerie des Palastes zu besuchen, von der Talay ihr wiederholt vorgeschwärmt hatte. Die Säle beherbergten eine Sammlung von nahezu dreitausend kostbaren Stücken einheimischer und europäischer Kunst.

Die Galerie zu finden, war leichter gesagt als getan. Trotz Talays Wegbeschreibung verlief Norah sich hoffnungslos in den gewundenen Gängen und Höfen und landete schließlich in einem von Mauern umgebenen Garten, der von mächtigen altrömischen Terrakottastatuen beherrscht wurde.

Als Norah merkte, wo sie sich befand, überlief sie ein kalter Schauder. Es war der Garten, in dem Alain Montri sie überfallen hatte.

Ein Rascheln hinter sich ließ Norah herumfahren, und sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dasselbe schon einmal erlebt zu haben. Am Eingang zum Garten stand Philippe Rasada.

Die Abendsonne fiel auf seine markanten Züge und ließ den Blick seiner dunklen Augen noch eindringlicher erscheinen. Irgendwie wirkte er auf Norah jetzt noch größer und athletischer als vor fünf Jahren. Und wieder konnte sie sich der Ausstrahlung nicht entziehen, die von diesem Mann ausging. Verlegen schwieg sie, während er sie kritisch betrachtete.

Sein forschender Blick ließ Norah erschauern, und es kostete sie all ihre Willenskraft, ihm ins Gesicht zu sehen. Zum ersten Mal fielen ihr das Grübchen an seinem kantigen Kinn und die feinen Linien um die Augen auf. Waren es Lach- oder Sorgenfältchen? Philippe Rasada schien ein Mann zu sein, der Gefühlsregungen nicht zeigte.

Norah riss sich zusammen. Vermutlich erinnerte der Prinz sich nicht einmal an sie. „Guten Abend, Königliche Hoheit“, versuchte sie sich selbstsicher zu geben. „Entschuldigen Sie, dass ich hier eingedrungen bin, aber ich habe mich verlaufen.“

„Nicht zum ersten Mal, Miss Kelsey.“ Seine Stimme klang so dunkel und kraftvoll, wie Norah sie in Erinnerung hatte.

Ihr wurde unbehaglich zumute. Philippe Rasada erinnerte sich also an sie. Und er schien keineswegs überrascht zu sein, sie hier anzutreffen. Es war fast, als ob … Norah verdrängte den Gedanken. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, gehe ich.“

Doch Philippe kam den schmalen Weg entlang auf sie zu. „Als wir uns beim letzten Mal hier begegnet sind, hatten Sie es nicht so eilig, fortzukommen.“

Norah dachte an den Kuss und griff sich unwillkürlich an die Lippen, ließ die Finger jedoch hastig wieder sinken. „Bitte …, Leon fragt sich vermutlich schon, wo ich bleibe.“

„Leon wird sich freuen, wenn er hört, dass Sie mit mir zusammengetroffen sind. Das hat er schließlich so geplant.“

Norah war verwirrt. „Wie meinen Sie das? Leon wollte nur, dass ich Talay helfe, mit ihren Unfallnarben fertig zu werden, das ist alles.“

„Aber Sie wissen doch sicher, dass Talay nicht der einzige Grund für Ihr Hiersein ist.“

Jetzt begriff Norah, worauf Philippe hinauswollte. „Natürlich ist sie der einzige Grund“, betonte sie kühl. „Sie müssten am allerbesten wissen, dass ich sonst niemals hierher zurückgekommen wäre.“

Wieder betrachtete Philippe sie mit versteinerter Miene. „Nein? Dann lügen Sie, Miss Kelsey.“

„Dessen haben Sie mich schon einmal beschuldigt, Königliche Hoheit“, erwiderte Norah spitz. „Ich habe damals jedoch ebenso wenig gelogen wie heute.“

Philippe runzelte die Stirn. „Das erste Mal lassen wir beiseite, aber diesmal besteht kein Zweifel. Sie sind zurückgekommen, weil Sie meinen Kuss ebenso wenig vergessen können wie ich Ihren.“

Woher konnte er wissen, wie oft sie in den letzten fünf Jahren an ihn gedacht hatte? Hatte sie sich deshalb von Leon überreden lassen zurückzukehren? Schockiert wurde Norah bewusst, was Philippe gesagt hatte: weil Sie meinen Kuss ebenso wenig vergessen können wie ich Ihren. Dem musste sie sofort einen Riegel vorschieben. „Für mich war er überaus demütigend“, widersprach sie energisch. „Ich wäre niemals hierher zurückgekehrt, wenn ich geahnt hätte, dass wir uns erneut begegnen.“

„Warum haben Sie dann zugelassen, dass Leon Sie im Brautpavillon unterbringt?“

„Aber das hat er nicht. Ich wohne im Jadepavillon …“ Norah sprach nicht weiter, denn plötzlich wurde ihr Verschiedenes klar. Ihr war aufgefallen, dass ihre Suite ungewöhnlich luxuriös ausgestattet war … Norah sah den Prinzen entsetzt an. „Das … kann nicht sein.“

„Wie ich sehe, beginnt es Ihnen zu dämmern“, bemerkte er spöttisch. „Waren Sie wirklich so blind, dass Sie nicht gemerkt haben, was Leon mit Ihnen vorhatte? Er ist verpflichtet, vor meiner Krönung eine Frau für mich zu finden.“

Leon hatte sie – wie ihr jetzt bewusst wurde – sanft, aber beharrlich immer wieder gedrängt, Talay nach Sapphan zu begleiten, obwohl sie der Meinung gewesen war, für das Mädchen in Australien alles getan zu haben. Jetzt schwante ihr, warum er sich so um sie bemüht hatte.

„Nein“, widersprach sie fassungslos. „Das … kann einfach nicht sein.“

„So steht es in unserer Verfassung. Und Sie, meine kleine Wildkatze aus Australien, hat Leon als ideale Braut für mich erkoren.“

Philippes kühler und ironischer Ton traf Norah wie ein Schlag ins Gesicht. Sie richtete sich kerzengerade auf. „Moment mal! Da habe ich ja wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden.“

„Natürlich. Sie dürfen das Brautkleid, die Brautjungfern und die Gäste aussuchen, die Sie einladen möchten.“

„Sie wissen genau, dass ich nicht das … Drumherum meine“, entgegnete Norah gereizt. „Vielen Dank, Königliche Hoheit, aber ich suche mir meinen Ehemann selbst aus.“

Bei der Vorstellung, den Prinzen zu ehelichen, begann ihr Herz zu jagen. Das Ganze war völlig verrückt! Philippe Rasada war der Letzte, den sie heiraten würde.

Einen Augenblick lang betrachtete Philippe sie prüfend. „Es dürfte für eine Frau doch kaum ein erstrebenswerteres Ziel geben, als den absoluten Herrscher eines Staates zu heiraten.“

Oh doch! Eine Liebesehe! „Ich heirate einen Mann und nicht seine Stellung“, erklärte Norah bestimmt. „Bei uns handhabt man diese Dinge anders.“

Philippe lächelte sarkastisch. „Oh ja. Daran erinnere ich mich sogar sehr gut …, ohne Zimperlichkeit, Schamgefühl oder moralische Bedenken.“

Norah spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. „Sie verurteilen mich ohne Beweise, Königliche Hoheit.“

„Wir hatten uns auf Philippe geeinigt. Und ich bilde mir mein Urteil nach dem, was meine Augen und Sinne mir sagen.“

Bei Norah rastete etwas aus. „Sie haben nicht das geringste Recht, sich ein Urteil über mich zu erlauben!“

Philippes dunkle Augen blitzten herausfordernd. „Auf Sapphan habe ich jedes Recht. Nach unseren uralten Gesetzen besitze ich in diesem Königreich alles … und jeden.“

Panik erfasste Norah, aber sie gab sich unbeeindruckt. „Menschen zu besitzen ist barbarisch.“

„Ich habe nicht behauptet, das zu befürworten, nur, dass dieses Recht besteht.“

Ein Schauder überlief Norah. „Leon kann mich doch unmöglich ernsthaft als Ehefrau für Sie in Betracht ziehen.“

„Er kann und tut es. Und da ich Leon respektiere, nehme ich seine Wahl an.“

Norah hatte das Gefühl, gegen Windmühlenflügel anzukämpfen. Fassungslos schüttelte sie den Kopf. „Und was ist mit meiner Wahl?“

„Sie hatten die Wahl, ehe Sie herkamen und in den Brautpavillon einzogen.“ Philippe kam einen Schritt näher. „Ist es so schrecklich, zur Braut eines Prinzen auserwählt worden zu sein?“

Braut eines Prinzen? Norah hatte das Gefühl, jeden Moment aus einem irrwitzigen Traum zu erwachen. Doch Philippe stand überaus wirklich und lebendig vor ihr – ein blendend aussehender Mann, wie Norah sich widerstrebend eingestehen musste. Seine aristokratische Arroganz mochte sie auf die Barrikaden treiben, doch selbst in ihren kühnsten Träumen hätte sie sich keinen faszinierenderen Mann vorstellen können.

Hilflos seufzend gab sie zu bedenken: „Sie können mich doch nicht auf einen Handel festnageln, von dem ich gar nichts wusste.“

„Und wenn Sie davon gewusst hätten?“

„Hätte ich die Flucht ergriffen und wäre gerannt, so schnell meine Füße mich getragen hätten.“

„Sapphan ist ein Inselkönigreich, in dem Sie nicht sehr weit gekommen wären.“

Kann man der Macht, die von diesem ungewöhnlichen Mann ausgeht, überhaupt entkommen? Widerwillig musste sie sich eingestehen, dass es diese Ausstrahlung gewesen war, die sie gegen jede Vernunft nach Sapphan zurückgezogen hatte.

Norah versuchte, sachlich zu argumentieren. „Aber … als zukünftiger König können Sie mich doch unmöglich als passende Frau für sich in Erwägung ziehen“, brachte sie mühsam hervor.

Philippe kniff die Augen zusammen. „Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass ich tun und lassen kann, was ich will. Ich verfüge hier praktisch über uneingeschränkte Macht.“

Norah wurde es immer mulmiger zumute. „Aber nicht über mich.“

„Sind Sie sich dessen ganz sicher?“

Nein, das war sie nicht, aber an ihr, Norah Kelsey, sollte er sich die Zähne ausbeißen. Sie würde ihn genauso abblitzen lassen wie jeden anderen unerwünschten Heiratskandidaten. Sie würde …

Eine Flut von Empfindungen überwältigte Norah, als Philippe sie an sich zog und ihre Lippen suchte.

Wehr dich! Wende die Selbstverteidigungsgriffe an, die du gelernt hast, forderte Norahs Verstand. Doch irgendwie wollten die Glieder ihr nicht gehorchen. Unwillkürlich legte sie die Arme um Philippe und schmiegte sich an ihn, während er ihren Mund und Hals mit Küssen bedeckte.

Ihr Blut begann wild durch die Adern zu jagen und schwemmte jeden Gedanken an Widerstand mit sich fort. Die Knie drohten unter ihr nachzugeben und ihr Herz hämmerte so wahnsinnig, dass sie das Gefühl hatte, jeden Moment ohnmächtig zu werden.

Liebkosend ließ Philippe die Lippen über ihre Wange gleiten und seine Fingerspitzen begannen den Umriss ihres Mundes zu erkunden. Er verhielt einen Moment auf der Unterlippe, und Norah verspürte den verrückten Drang, Philippe in die Fingerkuppe zu beißen. Doch ehe sie dazu kam, umfasste er ihr Gesicht und küsste sie so leidenschaftlich, dass sie kaum noch atmen konnte. „Ich habe also keine Macht über Sie?“ Er sah auf und blickte ihr herausfordernd in die Augen.

Norah war völlig atemlos. Sie versuchte, sich wieder zu fangen, und hielt Philippes Blick stand. „Meine Reaktion war rein körperlicher Natur und hat mit Macht über mich nicht das Geringste zu tun“, entgegnete sie, als sie wieder sprechen konnte. „Sie können mich nicht davon abhalten, zu denken, was mir passt. Und was ich im Moment denke, ist auf Sapphan vermutlich Hochverrat.“

„Was Sie denken, dürfte eher skandalös, bestimmt jedoch kein Hochverrat sein.“ Philippe hatte ihre Gedanken so genau erraten, dass Norah das Blut ins Gesicht schoss. „Vielleicht ist Leon doch scharfsichtiger, als Sie glauben.“

„Trotzdem lasse ich mich weder von ihm noch von Ihnen verschachern. Nicht einmal Leon kann mich zu einer Ehe zwingen, die einer Versklavung gleichkommt.“

Philippe verschränkte gleichmütig die Arme vor der Brust. „Leon ist das älteste Mitglied unseres Herrscherhauses und laut Verfassung auch der weiseste Mann bezüglich dieser Angelegenheiten. Er hat das unumstrittene Recht, die Braut des Königs auszusuchen.“

Nach Philippes Ton handelte es sich hier um eine Tatsache, an der nicht zu rütteln war. Doch Norah dachte nicht daran, klein beizugeben. „Und wo bleibt die Liebe?“

Philippe zuckte die Schultern. „Die Liebe wächst, wenn der Boden fruchtbar ist.“

Das brachte das Fass zum Überlaufen. „Ach, hören Sie auf! Ich bin eine moderne Australierin mit allen Ansprüchen und Fehlern meiner Zeit – kein hilfloses Aschenputtel, das darauf wartet, von einem Prinzen auf sein Schloss geholt zu werden.“

Philippes Züge wurden hart. „Dies ist auch kein Märchen, sondern die Wirklichkeit, der Sie sich beugen werden. Leon hat seine Wahl getroffen. Ich unterwerfe mich ihr und nehme sie an, und Sie werden es ebenfalls tun.“

Er meinte es todernst. Fieberhaft überlegte Norah, was sie dagegensetzen könnte. „Sie wollen mich heiraten, obwohl Sie so wenig von mir halten – einfach nur aus veraltetem Pflicht- und Ehrgefühl?“

„Ehre und Pflicht gelten auf Sapphan keineswegs für veraltet. Ihnen verdanken wir, dass mein Land seit siebzehnhundert Jahren frei, stabil und wohlhabend ist. Möglicherweise könnten Sie da noch viel lernen.“

„Von Ihnen als Lehrer, meinen Sie?“

Unwillkürlich hielt Norah den Atem an, als Philippe ihr sanft über die Wange strich. „Ich möchte in vielen Dingen Ihr Lehrer sein, Norah.“

Sie hatte das Gefühl, in der Kehle einen Kloß zu haben, und das Sprechen fiel ihr schwer. „Scheren Sie sich zum Teufel, Königliche Hoheit!“

Philippe lachte spöttisch. „Das ist das zweite Mal, dass Sie mich dorthin wünschen. Haben Sie keine Angst, ich könnte Sie dafür auspeitschen lassen?“

Herausfordernd begegnete Norah seinem Blick. „Ich habe keine Angst vor Ihnen.“ Das war eine glatte Lüge. Sie hatte sogar tödliche Angst vor ihm. Nicht vor körperlichen Übergriffen, denn sie wusste, dass die Sapphaner für Gewaltlosigkeit eintraten. Philippe stellte eine Bedrohung ihres Seelenfriedens dar. Selbst jetzt, da er sie eindringlich ansah, hatte sie das Gefühl, in den Tiefen seiner Augen zu versinken, die Willenskraft zu verlieren, sich gegen diese verrückte Eheschließung zu wehren, die er ihr aufzwingen wollte. „Bitte, nicht“, flüsterte sie.

Die Spannung zwischen ihnen wurde immer unerträglicher, und Norah hatte das Gefühl, Philippe wehrlos ausgeliefert zu sein. Er schien bis auf den Grund ihrer Seele blicken zu können. Mit einer leisen Verwünschung wandte er sich ab und umfasste eine Soldatenstatue.

Nachdem er sich gesammelt hatte, sagte er mit seltsam ausdrucksloser Stimme: „Es gibt Dinge, die nicht einmal ich tun würde. Dazu gehört, Leons Brautwahl zurückzuweisen. Dennoch gibt es so etwas wie ein Schlupfloch, eine Art Rücktrittsklausel in unseren Verfassungsbestimmungen.“

Eine Welle der Erleichterung durchflutete Norah. „So? Und wie lautet die?“

„Wenn Sie mir innerhalb einer angemessenen Zeitspanne keinen Erben schenken, können Sie als unzulänglich aus der Verbindung entlassen werden.“

3. KAPITEL

„Unzulänglich?“ Norah lachte höhnisch. „Mit anderen Worten, dann wäre ich Ihre abgeschobene Frau?“

Bei dem Gedanken, wie lange es dauern und was alles geschehen würde, bis es so weit wäre, verschlug es ihr den Atem. Unwillkürlich sah sie sich mit Philippe im Bett, und ihr wurde heiß und kalt. „Können wir uns nicht gleich jetzt darauf einigen, dass ich …“, sie brachte das Wort kaum über die Lippen, „… unzulänglich bin?“

Er wandte sich ihr langsam zu, ohne die Statue loszulassen. „Aber ich habe keinerlei Beweise dafür, dass Sie es sind, Norah. Es sei denn …“ Er ließ den Blick über ihre langen Beine schweifen, dann sah er ihr ins Gesicht. „… Sie sind einverstanden, dass ich mich davon überzeuge. Das lässt sich leicht einrichten …, heute Nacht, wenn Sie möchten.“

Unwillkürlich zuckte Norah zurück, doch seltsamerweise war sie nicht wütend. „Nein, vielen Dank. Ich weiß jetzt schon, dass es mir nicht gefallen würde.“

Philippe seufzte ungeduldig. „Wollen Sie mich zwingen, Ihnen zu beweisen, dass Sie sich irren?“

Beim Gedanken an seinen letzten Beweis, wich sie zurück. „Sie sind der arroganteste, unerträglichste …“

„Vorsicht“, warnte Philippe sie, ehe sie weitersprechen konnte. „Vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben.“

„Wie könnte ich das vergessen?“, entgegnete sie scharf. „Wer außer dem allgewaltigen Herrscher dieses Landes würde es wagen, mir gegen meinen Willen eine Ehe aufzwingen zu wollen, bis er mich als unzulänglich abservieren kann?“

Philippe lachte spöttisch. „Jetzt verstehe ich. Sie haben nichts gegen die Heirat, nur gegen die Möglichkeit, die an Sie gestellten Erwartungen nicht zu erfüllen.“

„Diese Möglichkeit haben Sie doch selbst ins Spiel gebracht.“

Er zog eine Braue hoch. „Und das beunruhigt Sie?“

Einen Moment kämpfte Norah mit sich. „Ja“, gab sie zögernd zu.

Ohne es zu ahnen, hatte der Prinz bei ihr eine wunde Stelle getroffen. Ihre Eltern hatten zu viel von ihr erwartet und waren enttäuscht gewesen, als sie ihren überhöhten Maßstäben nicht gerecht geworden war.

Was ihre Eltern wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass sie als mögliche Braut des Herrschers von Sapphan unter die Lupe genommen wurde? Von David, ihrem Liebling, hatten sie erwartet, dass er es einmal weit bringen würde. Doch nicht einmal in ihren kühnsten Träumen wäre ihnen der Gedanke gekommen, ihre Tochter könnte zu Geltung und Ansehen aufsteigen. Braut eines Prinzen. Aber doch nicht unsere kleine Norah.

Als Philippe jetzt ihren Arm berührte, fand sie schlagartig in die Wirklichkeit zurück. „Was haben Sie, Norah?“

„Ich musste an meine Eltern denken. Sie halten mich für eine Versagerin, weil ich erst Model und dann Schönheitstherapeutin geworden bin, statt Ärztin, wie es bei uns in der Familie üblich ist. Die Geschichte hier würde ihre Meinung von mir endgültig besiegeln.“

„Warum liegt Ihnen so viel an ihrer Meinung?“

„Das dürfte es eigentlich nicht. Aber wenn man sein Leben lang immer nur zweite Wahl war …“ Norah brannten die Augen, aber sie riss sich zusammen. Nur jetzt nicht weinen!

Philippe hob sanft ihr Kinn an. „Haben sie denn keinen Sinn für Schönheit?“

Verzweifelt blinzelte Norah gegen die Tränen an. „In unserer Familie ist das höchstens ein Trostpreis. Für meine Eltern zählen nur Intelligenz und Bildung.“

„Das eine schließt das andere nicht aus.“

Norah lächelte gequält. „Sie möchten doch sicher nicht, dass Ihre Leute die Braut ihres Prinzen für eine Niete halten.“

Jetzt war Philippe wirklich wütend, und ihm war anzusehen, dass er sich nur noch mühsam beherrschte. „Sehen Sie nicht, dass ich Ihnen die Möglichkeit biete, die höchsten Erwartungen Ihrer Familie noch zu übertreffen? Wenn Sie meine Frau sind, müssen Ihre Leute sich vor Ihnen verneigen.“

Die Vorstellung war verführerisch, und Norah kostete die Bilder, die sich ihr aufdrängten, einen Moment lang aus. Doch dann schüttelte sie den Kopf. Der Preis dafür war zu hoch. „Trotzdem kann ich Sie nicht heiraten.“

„Dann lassen Sie mir keine andere Wahl, als Sie öffentlich abzulehnen und als Grund dafür Ihr Benehmen während Ihres ersten Besuchs auf Sapphan anzugeben. Selbst Leon müsste sich damit abfinden.“

„Aber das würde bedeuten …“

„Genau. Der Skandal würde von hier bis Australien Schlagzeilen machen.“

Betroffen schwieg Norah. Sie saß in der Falle, und Philippes Gesichtsausdruck verriet, dass er es wusste. In ohnmächtiger Wut ballte sie die Hände zu Fäusten. „Sie mögen fürs Erste gewonnenes Spiel haben, aber ich sage Ihnen jetzt schon, dass ich nichts unversucht lassen werde, um mich dieser Ehe, die lediglich eine Farce wäre, zu entziehen.“

Philippe trat einen Schritt näher. „Dann werde ich sehen, was ich tun kann, um sie für Sie annehmbarer zu machen. Als meine Ehefrau würde Ihre Macht nur durch meine übertroffen …, und Macht kann eine starke erotische Kraft sein.“

Irgendwie kam es Norah vor, als müsste sie zwischen Himmel und Hölle wählen: Skandal und Schande, die die schlimmsten Befürchtungen ihrer Familie bestätigen würden – oder Philippe würde ihr die Welt zu Füßen legen. Blieb ihr da überhaupt eine Wahl? „Also gut, ich bin einverstanden“, sagte sie mit einer Stimme, die ihr völlig fremd war. Himmel oder Hölle? Auf was sie sich hier einließ, kam eher zwei verschiedenen Fegefeuern gleich.

Doch für einen Rückzieher war es jetzt zu spät.

„Auch ich bin mit der Eheschließung einverstanden“, bekräftigte Philippe seltsam förmlich. „Komm. Lass uns den Bund besiegeln.“

Philippe führte Norah zu einem Ort, der halb wie eine Halle, halb wie ein Kloster anmutete. Von Doppelsäulen gerahmte Glasschiebetüren führten in einen gewölbten Raum mit einem Filigrantisch und Sesseln. Auf dem Tisch stand ein Eiskübel mit einer Flasche besten französischen Champagners. Auf einem goldenen Tablett daneben befanden sich zwei Kristallgläser mit dem eingravierten Familienwappen der Rasadas.

Argwöhnisch betrachtete Norah die Kelche. „Du warst dir deiner Sache sehr sicher.“

Geschickt öffnete Philippe die Flasche, schenkte ein und reichte Norah ein Glas. „Sagen wir es so: Vielleicht war ich sicher, dich überzeugen zu können, Norah.“ Er hob sein Glas und stieß mit ihr an. „Auf ein langes Leben in Wohlstand.“

„Auf ein langes Leben in Wohlstand“, wiederholte Norah den traditionellen sapphanischen Trinkspruch und trank einen Schluck der perlenden Flüssigkeit. „Köstlich“, stellte sie fest.

„Ein Vorgeschmack auf das Leben, das dich als meine Frau erwartet“, versprach Philippe. „Trink aber nur wenig. Für deinen ersten offiziellen Auftritt heute Abend brauchst du einen klaren Kopf.“

„Ich …, das kann ich nicht. Ich schaffe das einfach nicht. Alles geht mir viel zu schnell.“ Panik ergriff Norah, weil ihr erst jetzt richtig aufzugehen begann, worauf sie sich eingelassen hatte.

Philippe ließ jedoch nicht mit sich reden. „Du kannst und wirst es. Heute Abend geben wir Leon zu Ehren einen Empfang – in Anerkennung seiner Verdienste als Rangoberster meines Beraterstabs, der nach altem Brauch bei meiner Krönung aufgelöst wird. Bei dieser Feier wird Leon erwarten, dich an meiner Seite zu sehen.“

„Aber für einen Staatsempfang habe ich überhaupt nichts anzuziehen.“

„In spätestens einer Stunde findest du in deiner Suite eine Auswahl passender Designermodelle vor. Deine Zofe wird sich um alles kümmern, was du brauchst, und dich rechtzeitig vor dem Empfang zu mir bringen … Es sei denn, du möchtest deinen Teil der Abmachung doch nicht erfüllen.“

Was Philippe andeuten wollte, war Norah klar. Wenn sie sich weigerte mitzuspielen, würde der Skandal bis nach Australien dringen. „Ich werde da sein.“ Aber nicht lange, beschloss sie im Stillen. Es musste einen Ausweg aus dieser vertrackten Situation geben, und sie würde ihn finden.

Norah grübelte immer noch über ihr Dilemma nach, während sie für den Staatsempfang hergerichtet wurde. Zum Glück war sie es als Model gewöhnt, dass andere sich um ihr Haar, das Make-up und die Kleidung kümmerten. So konnte sie ihren Gedanken nachhängen und ihr Problem von allen Seiten angehen.

Philippe Rasada schien tatsächlich zu glauben, dass sie ihn heiraten würde, weil Leon es so wollte. Und beiden schien es gleichgültig zu sein, wie sie darüber dachte. Sicher, Philippe war ein überaus anziehender, faszinierender Mann, zu dem sie sich stark hingezogen fühlte. Ihre letzten Zweifel hatte er am Nachmittag mit seinen Küssen beseitigt. Aber ihn heiraten …

Amari, ihre Zofe, breitete zwei atemberaubend schöne Gewänder auf dem Bett aus. „Möchten Sie das Dior-Modell oder das von Herve Leger anziehen?“, fragte sie mit sanfter, melodischer Stimme. „Das Dior-Modell“, entschied Norah. Es war aus schwarzem Krepp und wirkte durch seinen geschwungenen, schulterbreiten weißen Satinkragen fast nonnenhaft – bis auf den tiefen Ausschnitt. Dennoch war es weniger aufreizend als das feuerrote Leger-Kleid mit den Chiffonträgern und dem Rock, der unterhalb der Hüfte fast durchsichtig wurde. Norah konnte sich gut vorstellen, dass Philippe sie darin besonders aufregend finden würde – Grund genug, es nicht anzuziehen.

Norah hob die Arme, damit Amari ihr das Kleid vorsichtig über den Kopf streifen konnte. Es legte sich wie eine zweite Haut um ihre schlanke Gestalt, und der dunkle Stoff betonte ihre makellos samtige Haut und die strahlenden Augen. Amari hatte sich als wahre Make-up-Zauberin erwiesen und sie so geschickt geschminkt, dass sie übergroß und dramatisch eindringlich wirkten. Vielleicht kann Amari mir gelegentlich zeigen, wie sie das macht, überlegte Norah.

„Wunderschön“, sagte das Mädchen leise und trat zurück.

„Das finde ich auch.“

Mit einem leisen Aufschrei versank Amari in einen Hofknicks, als Philippe die Suite betrat. Norah blieb hocherhobenen Hauptes stehen. Das Aufblitzen in den Augen des Prinzen verriet ihr, dass er genau wusste, was in ihr vorging. Du kommst später dran, sagte sein Blick.

Ein Schauer überlief Norah, aber sie dachte nicht daran, sich abzuwenden. Benommen betrachtete sie seine schwarz-weiße Abendjacke, das Seidenhemd mit der grauen St.-Laurent-Fliege, und eine seltsame Schwäche erfasste sie, sodass sie sich an einem Sessel festhalten musste. Das ist der Mann, der mich zur Ehe zwingen will, begehrte es in ihr auf.

Philippe war ihre plötzliche Blässe nicht entgangen. „Geht es dir gut, Norah?“

„Bestens“, erwiderte sie. „Ich habe nur lange nichts mehr gegessen, das ist alles.“

Auf eine Kopfbewegung Philippes hin verschwand Amari und kam gleich darauf mit einer Platte voller Appetithäppchen zurück. „Ich möchte nicht, dass du vor meinen Gästen ohnmächtig wirst“, erklärte er.

Norah zwang sich, etwas zu essen, dabei war sie sich Philippes Nähe überstark bewusst. Die Benommenheit ließ nach, und Norah nahm seinen dargebotenen Arm, doch das Herzflattern blieb.

Philippe war nicht anzumerken, ob er Norahs Angst spürte, doch er drückte wiederholt ihren Arm, während sie einen langen gewölbten Gang entlang zum Ballsaal gingen, in dem viele Gäste sie erwarteten.

Als sie den Eingang des weitläufigen Saals erreicht hatten, stimmte ein Orchester die sapphanische Nationalhymne an. Während die Musik spielte, riskierte Norah unter den Wimpern hervor einen Seitenblick zu Philippe und war beeindruckt von der majestätischen Würde, die von ihm ausging. Was immer sie von ihm persönlich halten mochte, er war der geborene Herrscher. Das schienen die anderen Menschen im Saal ebenfalls zu spüren.

Widerstrebend musste Norah sich eingestehen, dass es sie stolz machte, die Frau an seiner Seite zu sein. Die widersprüchlichsten Gefühle stürmten auf sie ein, als die Gäste sich vor ihnen zur Begrüßung aufreihten. Die Elite der sapphanischen Gesellschaft zog vor ihnen vorbei, und Philippe hatte für jeden einige persönliche Worte. Sein Gedächtnis für die Namen von Kindern und den Einzelnen betreffende Dinge schien unerschöpflich zu sein.

Als Norah plötzlich zusammenzuckte, warf Philippe ihr einen forschenden Blick zu. „Was ist?“

„Da kommt jemand, den ich … kenne“, flüsterte sie in wachsender Panik. Es war Alain Montri, den sie vor fünf Jahren im Statuengarten zum letzten Mal gesehen hatte. Norah erinnerte sich nur zu gut an jene Nacht und wäre am liebsten geflohen, doch das ließ ihr Stolz nicht zu. Also richtete sie sich kerzengerade auf und ahmte Philippes majestätische Haltung nach. „Guten Abend, Alain.“

In seinen grünen Augen lag ein abschätzender Ausdruck, doch er lächelte höflich. „Guten Abend, Miss Kelsey. Darf ich Ihnen meine Schwester Kitma Montri vorstellen?“

Die junge Frau war atemberaubend schön und wie viele Sapphanerinnen so zierlich, dass sie fast zerbrechlich wirkte. Das üppige schwarze Haar trug sie elegant hochgesteckt, und ihren mandelförmigen Augen schien nichts zu entgehen, während sie Norah blitzschnell musterte. Lächelnd sprach sie in rasch gesprochenem Sapphanisch zu Norah, die jedoch kein Wort verstand.

Falls Alain Montris Schwester damit beabsichtigt hatte, Norah in Verlegenheit zu bringen, nahm Philippe ihr den Wind aus den Segeln, indem er zu Norah sagte: „Kitma möchte dich auf traditionelle Weise willkommen heißen, nicht wahr, meine Liebe?“

Die junge Frau verneigte sich unterwürfig, doch das hassvolle Aufblitzen in ihren seegrünen Augen entging Norah nicht. „Natürlich, Königliche Hoheit“, bestätigte Kitma leise in leicht akzentuiertem Englisch und ging mit ihrem Bruder weiter, ehe Norah etwas erwidern konnte.

„Falsche Schlange“, sagte sie mehr zu sich selbst.

Philippe schien ihre Reaktion nicht entgangen zu sein, denn er zog die Brauen hoch. „Als Erstes werde ich dir Unterricht in unserer Sprache erteilen lassen“, erklärte er, und Norah hätte schwören können, in seinen Augen ein belustigtes Funkeln zu erkennen.

Die Entdeckung beflügelte sie, und sie genoss den Rest des Abends. Besonders freute sie sich, Leon wiederzusehen. Er gab sich zerknirscht, als sie ihm vorhielt, ihr diese Geschichte eingebrockt zu haben.

„Es gehört zu den Vorrechten eines alten Mannes, gewisse Dinge für sich zu behalten“, verteidigte er sich schmunzelnd.

„Wir unterhalten uns später“, flüsterte Norah ihm zu, die plötzlich Hoffnung zu schöpfen begann. Wenn sie Leon überzeugen konnte, dass sie nicht die richtige Frau für Philippe war, würde er seinen Brautvorschlag möglicherweise zurückziehen. Doch Leon schien ihre Absicht zu ahnen, denn er machte sich danach rar, sodass Norah keine Gelegenheit hatte, ihn unter vier Augen zu sprechen.

Als sie sich endlich wieder in seine Nähe vorgearbeitet hatte, stimmte das Orchester einen Walzer an, und Philippe forderte sie zum Tanzen auf. Sie warf Leon verzweifelt einen Blick zu, doch er schüttelte unmerklich den Kopf.

„Die anderen dürfen erst tanzen, nachdem wir den Ball eröffnet haben“, erklärte Philippe.

Während Norah Philippe in die Mitte des großen Ballsaals folgte und die Blicke aller auf sie gerichtet waren, kam sie sich wie auf dem Präsentierteller vor.

„Entspann dich, Norah“, flüsterte Philippe ihr zu, ehe er sie in die Arme nahm. „Wir sind hier ganz allein.“

Seine Hand ruhte warm auf ihrem Rücken, und Philippe hielt sie so eng, dass sie die Bewegungen seiner Muskeln spüren konnte. Er war ein ausgezeichneter Tänzer, und obwohl Tanzen für Norah als Model zum Beruf gehörte, hatte sie noch nie so viel körperliche Harmonie und Übereinstimmung erlebt wie in Philippes Armen.

Wie verzaubert schwebte sie mit ihm durch den Ballsaal und musste zugeben, dass Philippe recht hatte. Sie waren wirklich allein. Alles um sie her versank, während er sie in eine eigene kleine Welt entführte, in der es nur sie beide gab. Sie verspürte nur noch das Bedürfnis, sich an ihn zu schmiegen und mit seinen Bewegungen zu verschmelzen.

Erst als der Prinz von jemandem angesprochen wurde, erwachte Norah aus ihrem tranceähnlichen Zustand. „Ein dringender Anruf für Sie, Sir“, erklärte Alain Montri unterwürfig.

Philippe überlegte kurz. „Würden Sie bitte mit Miss Kelsey weitertanzen, bis ich zurück bin?“ Er lächelte sie entschuldigend an. „Staatsgeschäfte, fürchte ich. Ich bleibe nicht lange fort.“

„Aber …“ Weiter kam Norah nicht, denn Alain Montri hatte den Prinzen bereits abgelöst, während dieser sich einen Weg zwischen den tanzenden Paaren hindurchbahnte, die ihm ehrfürchtig Platz machten.

„Das haben Sie absichtlich so eingerichtet, nicht wahr?“, fuhr Norah Alain wütend an und versuchte vergeblich, sich aus seinem Griff zu befreien.

„Wie Philippe sagte: Staatsgeschäfte. Er erwartet Nachricht über eine Entscheidung der Vereinten Nationen, die sich auf unsere Handelsbilanz auswirken wird.“ Verschlagen lächelnd setzte er hinzu: „Aber ich gebe zu, dass mir das Ganze sehr gelegen kam.“

„Sie wissen genau, dass ich mit Ihnen nichts mehr zu tun haben will!“, entgegnete Norah empört.

„Deshalb überrascht es mich umso mehr, Sie wieder in Sapphan zu sehen“, bemerkte Alain. „Noch dazu an der Seite des Prinzen. Woher nimmt Leon das Recht, dem Prinzen eine Ausländerin als Braut auszusuchen?“

„Damit sollten Sie sich lieber an Leon wenden“, schlug sie eisig vor. „Ich habe mich nun wirklich nicht darum gedrängt.“

Eine solche Antwort schien Alain nicht erwartet zu haben. „Wollen Sie damit sagen, diese Verbindung sei … nicht in Ihrem Sinn?“, fragte er zweifelnd.

Norah warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Wie alle Männer in diesem Königreich tut Leon, was er will, und fragt erst hinterher.“

Zu ihrer Verblüffung warf Alain den Kopf zurück und lachte schallend, sodass einige tanzende Paare ihm neugierig Blicke zuwarfen. „Meine Güte, das ist ein starkes Stück!“ Ebenso unerwartet wurde er wieder ernst. „Hören Sie, ich möchte mich für mein Verhalten bei Ihrem letzten Besuch entschuldigen. Ich hatte getrunken, und … nun ja, Sie wissen ja, wie das ist.“

Sein gewinnendes Lächeln ließ Norah kalt. „Nein, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich Ihnen vertraut habe und dass Sie mich auf unverzeihliche Weise belästigt haben. Wenn Philippe nicht gerade noch rechtzeitig dazugekommen wäre …“

„Nichts wäre geschehen, das schwöre ich Ihnen. Ich wäre rechtzeitig zur Besinnung gekommen.“ Alain kniff die Augen zusammen. „Ich nehme an, Philippe kennt die genauen Einzelheiten nicht …?“

„Er gibt mir die Schuld an dem, was geschehen ist“, erwiderte Norah steif. Ihr war klar, dass Alain sich nur deshalb verspätet bei ihr entschuldigte, weil er entdeckt hatte, dass er möglicherweise seine zukünftige Königin vor sich hatte.

Gleichzeitig schien er jedoch eigene Ziele im Auge zu haben, denn er fuhr fort: „Sie wissen sicher auch schon von Philippes großer Liebe?“

Norah stolperte leicht, doch Alain hielt sie fest. „Wie bitte?“

„Er und meine Schwester Kitma lieben sich seit Jahren“, verriet er.

In Norahs Ohren rauschte es, und alles begann sich vor ihr zu drehen. „Wenn das so ist … Warum hat er dann nicht …“

„Aber begreifen Sie denn nicht?“ Alains Ton wurde eindringlicher. „Philippe kann Kitma nicht heiraten, weil Leon Sie ausgewählt hat.“

Leon hat das Recht, die Braut des Herrschers zu bestimmen, dachte Norah benommen. „Und Leon beharrt auf seiner Wahl.“

„Er ist ein alter Mann und möglicherweise nicht mehr so klar bei Verstand wie früher. Vielleicht betrachtet er es irgendwie als Jux, Sie Philippe aufzuzwingen.“

Die Andeutung entsetzte Norah. Energisch schüttelte sie den Kopf. „Leon ist völlig klar bei Verstand. Genau genommen ist es ein großes Kompliment für mich, dass er mich ausgewählt hat.“

„Trotzdem sind Sie mit dieser Brautwahl nicht einverstanden.“

Norah zögerte. Sie konnte diesem Mann unmöglich anvertrauen, dass sie hin und her gerissen war zwischen ihrer Abneigung gegen die erzwungene Eheschließung und den starken Gefühlen, die Philippe in ihr weckte, wenn sie mit ihm zusammen war. „Man hat mir keine Wahl gelassen“, erwiderte sie leise und senkte den Kopf, damit Alain nicht sah, dass ihr das Blut in die Wangen schoss.

Er verstärkte den Druck seiner Finger an ihrer Schulter. „Dann lassen Sie mich meinen Übergriff von damals wiedergutmachen. Ich werde Ihnen helfen zu fliehen, damit Philippe und Kitma miteinander glücklich werden können.“

4. KAPITEL

Alains Angebot klang verlockend. Bei jedem anderen hätte Norah nicht gezögert, es anzunehmen, aber dieser Mann hatte ihr übel mitgespielt.

Er schien zu merken, dass sie ihm misstraute, und sagte schulterzuckend: „Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Es ist ein großes Opfer, sein Leben an der Seite eines Mannes zu verbringen, der einen nicht liebt.“

Über Alains Schulter hinweg erhaschte Norah einen Blick auf Philippe, der mit Leon, zwei anderen Männern und Kitma sprach. Norahs Herzschlag beschleunigte sich, und es kostete sie Überwindung, Alain die Frage zu stellen, die ihr auf der Seele lag: „Wie steht Ihre Schwester zu Philippe?“

„Offiziell ist sie seine Sonderbeauftragte bei den Vereinten Nationen. Inoffiziell … Nun, Sie brauchen die beiden nur zu beobachten, wenn sie beisammen sind.“

Norah blickte erneut zu der Gruppe. Philippe hatte die Hand vertraulich auf Kitmas Schulter gelegt. Die Geste hätte durchaus kameradschaftlich wirken können, wäre da nicht der warme Glanz in Philippes Augen gewesen und die Art, wie die beiden die Köpfe zusammensteckten. Stimmte es also doch? Aber warum wollte Leon um jeden Preis seinen Willen durchsetzen, obwohl er wissen musste, wie die Dinge zwischen Philippe und Kitma standen?

Zweite Wahl, schoss es Norah durch den Kopf. Sie fühlte sich elend. Wieder einmal war sie nur die Zweitbeste. Leon wollte sie einem Mann aufzwingen, der eine andere liebte. Wenn sie bliebe, würde sie sich für immer damit abfinden müssen, die Nummer zwei zu sein, und das hätte sie nicht ertragen. „Ich kann nicht“, erwiderte Norah rau.

„Was können Sie nicht? Bleiben oder gehen?“

„Muss ich mich jetzt gleich entscheiden? Ich traue Ihnen immer noch nicht, Alain.“

Er presste die Lippen zusammen. „Ihnen bleibt kaum eine andere Wahl, meine Liebe. Ich bin der Einzige, der Ihnen helfen kann, aus Sapphan herauszukommen. Wir treffen uns morgen Nachmittag um zwei in der Stadt am Wächtertempel. Bringen Sie nur so viel mit, wie Sie tragen können. Und natürlich Ihren Pass.“

Norah kam sich wie in einem Mantel-und-Degen-Stück vor. Wieder versuchte Alain Montri ihr Vertrauen zu gewinnen. „Ich weiß nicht … Darüber muss ich erst nachdenken.“

Sein Gesichtsausdruck wurde hämisch. „Überlegen Sie lieber nicht zu lange, meine Liebe. Nach sapphanischem Recht kommt der Honigmond vor der Trauungszeremonie.“

„Das soll doch wohl ein Scherz sein?“

„Ich scherze keineswegs. In Sapphan gilt ein Paar vor dem Gesetz als verheiratet, sobald es offiziell beschließt, die Ehe einzugehen.“

Schockiert dachte Norah an den förmlichen Ton, in dem Philippe gesagt hatte: „Auch ich bin mit der Eheschließung einverstanden.“ War sie damit tatsächlich schon endgültig an ihn gebunden?

Es fiel ihr schwer, sich Alain gegenüber ihr Entsetzen nicht anmerken zu lassen.

„Wie ich sehe, erinnern Sie sich an den Augenblick, in dem Sie gesetzlich Philippes Frau wurden. Die Trauung ist dann nur noch eine feierliche Zeremonie, die den Bund vor der Welt besiegelt.“ Er lächelte anzüglich. „Wir halten es für dumm, eine Hochzeitsfeier zu geben, ehe das Paar festgestellt hat, ob es auch wirklich in jeder Beziehung zueinander passt.“

Panik erfasste Norah, und die Knie drohten unter ihr nachzugeben. Wie aus weiter Ferne hörte sie, dass der Walzer ausklang, aber sie war nicht sicher, ob sie den Weg von der Tanzfläche schaffen würde. „Das nehme ich Ihnen nicht ab“, flüsterte sie, obwohl sie befürchtete, dass ihr Schicksal bereits besiegelt war. Nicht einmal Alain würde grundlos etwas so Ungeheuerliches behaupten. War sie also bereits jetzt Philippes Frau?

Der Tanz endete, und Alain zog ihre Hand an die Lippen, dabei blickte er Norah spöttisch in die Augen. „Ich überlasse es Ihnen, mir zu glauben oder nicht. Sie werden schnell genug herausfinden, wie die Dinge stehen. Also, morgen um zwei … Falls es bis dahin nicht schon zu spät ist. Und jetzt muss ich Sie wieder Ihrem Gatten übergeben.“

Die Worte wirkten auf Norah wie eine unheilvolle Prophezeiung. Teilnahmslos ließ sie sich von Alain zu Philippe führen, der sich immer noch mit seinen Adjutanten besprach. Als der Prinz Norah sah, lächelte er müde. „Verzeih, dass ich dich verlassen musste, Liebling. Die UN hat ihre eigene Zeiteinteilung.“

„Aber Sie haben doch hoffentlich gute Nachrichten erhalten, Sir?“, fragte Alain übertrieben unterwürfig.

„Ja, zum Glück.“ Philippe lächelte zufrieden und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Norah zu. „Nachdem das Geschäftliche nun erledigt ist, bin ich wieder frei und kann den Abend genießen.“

Norah spürte, wie Kitmas Blick ihr folgte, als Philippe sie zu einem Banketttisch führte.

„Du siehst blass aus“, bemerkte Philippe und betrachtete sie forschend. „Beim Tanzen hast du dich ständig mit Alain unterhalten. Er hat doch hoffentlich nichts gesagt, das dich beunruhigt?“

„Er hat mir einiges berichtet, das ich nicht wusste …, zum Beispiel über die Form der Eheschließung auf Sapphan.“

Ein missbilligender Ausdruck huschte über Philippes aristokratische Züge, und er kniff die Augen leicht zusammen. „So? Was hat er denn genau erzählt?“

Norah versuchte, einen lockeren Ton anzuschlagen. „Ach, irgendwelchen Unsinn …, dass ein Paar von dem Moment an als verheiratet gilt, in dem beide formell ihre Absicht erklären, eine Ehe eingehen zu wollen.“

„Das ist kein Unsinn. Wir vertreten die Auffassung, dass die Heirat nur die beiden Betreffenden etwas angeht. Später kann der Bund nach religiösem oder staatlichem Brauch offiziell bestätigt werden, doch die Ehe gilt von dem Augenblick an als geschlossen, in dem beide ihr zustimmen.“

Norah sah Philippe entsetzt an. „Aber das bedeutet …“

Er prostete ihr mit seinem Champagnerglas zu. „Das bedeutet, dass du nach unserem Recht seit heute Nachmittag meine Ehefrau bist – als wir uns einig wurden zu heiraten.“

„Und du hast es nicht einmal für nötig gehalten, mich vorher aufzuklären?“ Norah wurde sich der interessierten Blicke bewusst, die sie mit ihrem aufgeregten Gebaren auf sich zog, und senkte die Stimme. „Auf wie viele schockierende Überraschungen muss ich mich bei dir noch gefasst machen?“

Der sinnliche Glanz in Philippes Augen sagte alles. „Nur noch eine, Norah. Und ich verspreche dir, dass sie nicht schockierend, sondern überaus lustvoll sein wird.“

„Nein“, flüsterte sie gequält. „Das bestimmt nicht.“ Erst recht nicht, da sie wusste, dass sein Herz einer anderen gehörte. Obwohl Norah sich eingestehen musste, dass sie sich stark zu Philippe hingezogen fühlte, wollte sie nicht wieder nur an zweiter Stelle stehen – am allerwenigsten in diesem Fall. „Ich bin Ausländerin und als solche euren Gesetzen nicht unterworfen“, setzte sie sich tapfer zur Wehr.

„Da irrst du dich, meine Liebe“, erwiderte Philippe so leise, dass nur Norah es hören konnte. „Ausländerin bist du seit dem Moment nicht mehr, als du meine Frau geworden bist.“

Benommen griff sie sich an die Schläfen. „Das ist einfach unfassbar! Du weißt genau, dass ich das niemals hinnehmen werde.“

Philippe schüttelte den Kopf. „Körperlich bist du längst dazu bereit, nur dein Verstand wehrt sich noch dagegen.“ Als Norah aufbrausen wollte, fuhr er in einlenkendem Ton fort: „Aber da unsere Traditionen für dich neu sind, werde ich unsere Hochzeitsnacht noch etwas aufschieben, um dir Zeit zu lassen, dich an die veränderte Situation zu gewöhnen.“

Die Zurückweisung schmerzte. Norah wusste nur zu gut, warum Philippe sich ihr gegenüber plötzlich so geduldig zeigte. Der Grund dafür stand nur wenige Meter von ihnen entfernt am anderen Ende des Banketttisches.

Kitma Montri war die Frau, die Philippe liebte.

Deshalb sah Norah auch keinen Grund, ihm dankbar für seine Geduld zu sein. „Wie gütig von Euch, Königliche Hoheit“, gab sie honigsüß zurück.

„Philippe, bitte. Titel gibt es zwischen uns jetzt nicht mehr.“

Norah zuckte die Schultern und ließ sich nicht anmerken, wie niedergeschlagen sie sich fühlte. „Du magst hinnehmen, dass wir diese seltsame Art von Ehe geschlossen haben, ich nicht.“

Philippes grimmiges Lächeln schien sie warnen zu wollen. „Hüte deine Zunge, Norah, sonst könnte es sein, dass ich dir doch keinen Anpassungsaufschub gewähre. Du forderst mich ja geradezu heraus, dir zu beweisen, dass ich dein Ehemann bin. Oder legst du es sogar darauf an?“ Seine Züge entspannten sich etwas. „Ja, vielleicht möchtest du das wirklich. Gibt es bei euch nicht ein Sprichwort, wonach übertriebenes Protestieren gegen etwas genau das Gegenteil bewirken soll?“

„Wenn es um Leben und Freiheit geht, kann man gar nicht genug protestieren“, erwiderte Norah scharf.

Philippe deutete auf die prunkvolle Einrichtung, die sie umgab. Die anderen Gäste hielten sich in gebührend ehrerbietigem Abstand, doch es war nicht zu übersehen, dass Philippe und sie im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit standen. „Du bist immer noch frei und sogar sehr lebendig, meine liebe Norah. Wie lebendig, wirst du merken, wenn ich zu dir komme.“

Bei dem Bild, das Philippe heraufbeschwor, überlief sie ein heißer Schauer. Dabei befand sich die Frau, die er wirklich liebte, in unmittelbarer Nähe. Und der Ausdruck in Kitmas Augen verriet, was sie dachte.

Wenn Blicke töten könnten …

Herausfordernd warf Norah den Kopf zurück und hielt Philippes Blick stand. „Und was ist mit Kitma?“

Seine Züge verhärteten sich fast unmerklich. „Sie steht hier nicht zur Debatte.“

Das unausgesprochene Eingeständnis traf Norah und löste etwas in ihr aus. Es war besser, die Fronten zu klären. Sofort. Zweite Wahl … Irgendwie hatte sie nicht erwartet, dass jemand wie Philippe Rasada sie damit so grausam treffen könnte. „Es stimmt also“, sagte sie matt. „Du liebst sie.“

„Würde es dir etwas ausmachen, wenn es so wäre?“

Er hatte es nicht bestritten. Norah wusste selbst nicht genau, warum sie schockiert und seltsam verbittert war. „Natürlich nicht“, entgegnete sie steif. „Es ist mir egal, wen du liebst.“

„Meiner Frau sollte das aber nicht egal sein.“

„Wenn ich deine Frau wäre. Ich bin nach wie vor nicht bereit, eine Verbindung anzuerkennen, die unter Druck … und ohne Kenntnis der Umstände zustande gekommen ist.“

„In eurem australischen Rechtssystem ist die Unkenntnis eines Gesetzes ohne Einfluss auf den Tatbestand“, erinnerte Philippe sie und machte eine herrische Handbewegung. „Schluss damit. Die Würfel sind gefallen, Norah.“ Er folgte ihrem Blick zu Kitma, die sie mit flammenden Augen beobachtete. „Die anderen Frauen gehören für mich der Vergangenheit an. Du bist meine Zukunft“, erklärte er nachdrücklich. „Das ist die Situation.“

„Aber das Ganze ist doch verrückt. Wenn Leon mich nicht ausgewählt hätte, wärst du nicht mal im Traum auf den Gedanken gekommen, mich zu heiraten.“

Philippe sah sie eindringlich an. „Bist du dir dessen sicher, Norah?“

Natürlich war sie das. Er liebte sie nicht und hatte keine Achtung vor ihr. Nur aus Rücksicht auf Leons Vorrecht war Philippe damit einverstanden, sie anstelle von Kitma zu heiraten. „Das muss ich wohl sein, denn es ist die Wahrheit“, erwiderte Norah gefasst.

Philippes Augen zeigten keine Regung. Er will sich nicht anmerken lassen, wie schmerzlich für ihn der Verzicht auf seine große Liebe ist, vermutete Norah. „Es gibt viele Wahrheiten“, entgegnete er mit ausdrucksloser Stimme und nahm ihren Arm. „Komm. Es wird Zeit, dass wir wieder tanzen, sonst denken die anderen, wir hätten den ersten Streit.“

Pflichtschuldigst tanzte Norah mit Philippe und anderen Würdenträgern des Hofes, unterhielt sich höflich und aß sogar etwas von dem köstlichen Essen. Erst gegen Morgen brachte Philippe sie zum Jadepavillon zurück. Sie war so erschöpft, dass ihr fast die Augen zufielen und sie sich unwillkürlich an Philippes Arm festhielt.

„Der heutige Tag hat dich überfordert“, stellte Philippe fest, als er sie in ihre Gemächer begleitete. „Soll ich dich ins Bett bringen?“

Sofort war Norah hellwach. „Das fehlte mir gerade noch“, fuhr sie ihn an, weil sie die Szene nur zu deutlich vor sich sah.

Dem verräterischen Glitzern in Philippes Augen nach zu schließen, ging es ihm ebenso. „Versuchst du immer noch, mich herauszufordern? Wann wirst du endlich lernen, dass du mit mir keine Spielchen treiben kannst, Norah?“

Sie hielt seinem Blick trotzig stand, obwohl ihr die Glieder zitterten. „Wenn’s in der Hölle schneit.“

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte Philippe sie an sich gezogen und presste seine Lippen auf ihre. Sie wollte schreien, aber er küsste sie so leidenschaftlich, dass sie jeden Widerstand vergaß.

Ebenso unvermittelt gab Philippe ihren Mund wieder frei, doch der Kuss hatte eine seltsame Wirkung auf Norah. Sie fühlte sich plötzlich so schwach, dass die Knie unter ihr nachgaben. Wortlos hob Philippe sie auf die Arme.

„Was hast du vor?“, protestierte sie matt, obwohl sie das genau wusste. Ein erwartungsvolles Prickeln überlief sie …, es war wie der Vorläufer eines bevorstehenden Vulkanausbruchs. Aber sie wollte doch nicht, dass Philippe mit ihr ins Bett ging! Sie wollte nicht, dass er sie irgendwohin brachte – höchstens zum Flughafen. Dennoch begann alles in ihr lebendig zu werden und zu fiebern.

Als Norah den Kopf an seine Schultern legte, streifte Philippe ihre Stirn sanft mit den Lippen. Unwillkürlich legte ihm Norah die Hände um den Nacken.

Behutsam bettete Philippe sie auf das Himmelbett, dann richtete er sich auf. Seine Miene zeigte keine Regung, aber Norah spürte, dass er einen inneren Kampf mit sich ausfocht. Wie ein Vater, der seinem Kind Gute Nacht sagte, beugte er sich über sie und küsste sie sanft. Die Geste hätte Norah beruhigen müssen, stattdessen war sie aufgewühlt und enttäuscht, als er sich abwandte.

„Philippe …“, begann sie, im gleichen Moment wurde ihr bewusst, wie nahe sie daran war, ihn zu bitten, bei ihr zu bleiben. Erschrocken über sich selbst presste Norah die Lippen zusammen und sah ihn nur hilflos an.

Philippe schien zu wissen, was mit ihr los war. „Ich würde sagen, in der Hölle ist es schon ziemlich kühl geworden.“

Dann wandte er sich ab und schloss die Tür leise hinter sich. Mit einem Wutlaut riss Norah sich einen Pumps vom Fuß und schleuderte ihn gegen die Tür. Das weiche Leder prallte wirkungslos daran ab und fiel zu Boden, doch Norah glaubte, vom Gang her kehliges Lachen zu hören. In der Hölle schien es wirklich kühl zu werden.

Schockiert darüber, wie nahe sie daran gewesen war, sich Philippe hinzugeben, sprang Norah auf und stürmte ins Nebenzimmer, um ihre Flucht vorzubereiten. Sie blieb betroffen stehen, als sie Amari entdeckte, die es sich auf einem Sofa bequem gemacht hatte und las. Bei Norahs überstürztem Erscheinen blickte das Mädchen erstaunt auf. „Ist etwas nicht in Ordnung, Miss?“

Es kostete Norah Mühe, sich gefasst zu geben. „Ich wundere mich, dass Sie noch wach sind, Amari.“

Das Mädchen sah sie verständnislos an. „Aber natürlich. Es könnte doch sein, dass Sie mich brauchen.“

An diese Dinge muss ich mich erst noch gewöhnen, dachte Norah und berichtigte sich sofort. Wenn ihr Vorhaben gelang, war das gar nicht nötig. „Ich brauche Sie nicht, um mich zum Schlafengehen fertig zu machen“, erklärte sie betont ruhig. „Aber Sie können morgen früh etwas für mich erledigen.“ Ihr fiel ein, dass es bereits Morgen war, und sie verbesserte sich: „Später, meine ich.“

„Was kann ich für Sie tun?“

Norah ging zu dem antiken Schreibpult an einem der Erkerfenster. In einer Schublade befand sich Schreibpapier mit dem königlichen Wappen. Ohne zu zögern, nahm Norah ein Blatt heraus und schrieb etwas darauf, dann faltete sie es, steckte es in einen Umschlag, den sie versiegelte, ehe sie einen Namen darauf vermerkte. „Würden Sie bitte dafür sorgen, dass dieser Brief noch vor dem Frühstück überbracht wird?“

Nach einem Blick auf den Namen machte Amari ein ängstliches Gesicht. „Aber das ist für Alain Montri.“

Das junge Mädchen schien Hemmungen zu haben, sich jemandem von so hohem Stand im Königshaus zu nähern. Norah lächelte aufmunternd. „Das geht schon in Ordnung. Er ist ein Freund von mir. Würden Sie bitte dafür sorgen, dass er diese Nachricht bekommt? Es ist wichtig.“

Amari bewegte sich unbehaglich und schien zu zögern, doch schließlich nickte sie. „Ich werde dafür sorgen, dass er es auf dem richtigen Weg erhält.“

Erwartungsgemäß schlief Norah bis zum späten Vormittag. Ihr blieb gerade genug Zeit, noch zu frühstücken, dann eilte sie davon, um sich von Talay zu verabschieden, die ins Internat zurückkehrte.

„Ich bin ja so glücklich, dass du Onkel Philippe heiraten wirst“, sagte das Mädchen und lächelte fast scheu.

„Soll das heißen, du hast es gewusst, Tal?“

„Erst seit gestern Abend, als Großvater es mir erzählt hat. Für dich muss die Sache auch ziemlich überraschend gekommen sein, stimmt’s?“

Du hast ja keine Ahnung, dachte Norah, doch irgendwie schaffte sie es, zu lächeln. „Du wirst mir fehlen, Tal.“

„Du mir auch. Aber wir sehen uns ja, wenn ich aus dem Internat zurückkomme, nicht wahr?“

Schuldbewusst dachte Norah daran, dass sie bis dahin längst über alle Berge sein würde. Sie strich dem Mädchen liebevoll über die Wange und erwiderte ausweichend: „Wir werden immer Freundinnen sein, Tal.“

Talay gab sich damit zufrieden und umarmte Norah, ehe sie Leons Chauffeur zur Limousine folgte, die sie zum Internat bringen sollte. Tränen schossen Norah in die Augen, und sie wandte sich hastig ab. Wenn ihr Plan gelang, würde sie Talay lange nicht wiedersehen.

Die nun folgenden Stunden schienen kein Ende nehmen zu wollen. Norah saß allein auf der weinüberrankten Terrasse vor ihrer Suite und trank geistesabwesend Tee, der ihr dort serviert worden war. Um eins erklärte sie Amari, sie wolle etwas unternehmen. „Der Wächtertempel soll sehenswert sein“, bemerkte sie beiläufig.

Amari verbarg ihre Missbilligung geschickt. „Alec wird Sie begleiten.“

„Sie brauchen Alec nicht zu bemühen, Amari“, versicherte sie rasch. „Ich komme bestens allein zurecht.“

Dennoch wartete er bereits auf Norah, als sie in den Hof kam, in dem die Wagen abgestellt wurden. Auf den ersten Blick erkannte sie, dass der Mann nicht mit sich reden lassen würde. Entweder ich begleite Sie oder Sie bleiben hier, sagte seine Miene.

Der Wächtertempel war die älteste religiöse Anlage in Sapphan. Einige Teile des weitläufigen Komplexes gingen bis auf das dreizehnte Jahrhundert zurück, und selbst die neueren Bauten hatten eine zweihundertjährige Geschichte aufzuweisen.

Alec betätigte sich als Führer, und Norah bemühte sich, seinen Erklärungen interessiert zuzuhören, während sie langsam durch die Ausläufer des Tempels fuhren, doch ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Wie Alain ihr geraten hatte, hatte sie in ihrer Umhängetasche einige persönliche Dinge und ihren Pass, und sie konnte nur beten, dass Alec nicht darauf bestand, ihr die Tasche abzunehmen.

Zum Königshaus zu gehören hatte seine Vorteile, wie Norah feststellte, als sie den Wagen vor dem Eingang des Tempels parkten, was gewöhnlichen Sterblichen offenbar nicht gestattet war. Norah fiel auf, dass Alec die Leute um sie her scharf im Auge behielt, während er sie in die Tempelanlage begleitete.

Unauffällig ließ Norah den Blick über die Menge schweifen und suchte nach Alain Montri. Alecs Erklärungen nahm sie nur mit halbem Ohr auf. Im Tempel, so berichtete er, würden sich die ältesten Metallabbildungen Sapphans befinden. Der Bau habe keine Hintertür, um bösen Geistern den Zutritt zu verwehren.

Der Tempel beherberge, so sprach Alec weiter, die umfangreichste religiöse Schrift Sapphans und Karten von vergrabenen Schätzen. Norah warf ihm verwundert einen Seitenblick zu. Für einen Leibwächter war er erstaunlich gebildet. Er schien ein ernst zu nehmenderes Anhängsel zu sein, als sie erwartet hatte, und sie fragte sich bang, wie sie ihm entkommen sollte, da er nicht von ihrer Seite wich.

Doch dann erkannte Norah eine Möglichkeit, ihn abzuhängen, als sie zu einem von Mauern umgebenen Pavillon kamen, der von geschnitzten Frauenstatuen bewacht wurde. Es bedurfte keines englischsprachigen Schildes, um klarzustellen, dass nur Frauen dieses Gebäude betreten durften. „Ich bin gleich wieder da“, sagte sie lächelnd zu Alec und verschwand in den Pavillon, ehe ihr Bewacher reagieren konnte.

Vom Eingang her beobachtete sie ihn unbemerkt, bis er einige Schritte auf und ab ging und ihr den Rücken zukehrte. Genau darauf hatte sie gewartet. Blitzschnell schlüpfte sie hinter die Statuen und in den Schatten des nächsten Pavillons.

Es war der Hauptbau des Tempels und war der Göttin der Gnade geweiht. Ein gutes Omen, wie Norah hoffte.

Auf dem Boden vor dem Abbild der Göttin standen zwei dosenähnliche Behälter mit glatt geschliffenen Holzstäbchen. Norah sah zu, wie die Gläubigen die Behälter aufnahmen und sie rhythmisch schüttelten, bis eines der Stäbchen heraussprang und auf den Boden fiel. Mit diesem Stäbchen verschwanden sie in einen Nebenraum zur Linken. Wenig später wandte Norah sich ab und sah sich suchend nach Alain Montri um. Es war schon fast zwei, und im Haupttempel war der günstigste Ort für ein Treffen.

„Willst du dein Glück nicht auch versuchen?“, fragte plötzlich eine dunkle, Norah nur zu vertraute Stimme.

Sie fuhr herum, und ihr Herz begann zu rasen. Nicht eine Sekunde hätte sie den Mann im dunklen Anzug, der lässig an einem Erker lehnte, für Alain gehalten. Selbst wenn Philippe nicht so ungewöhnlich groß und breit gebaut gewesen wäre, hätte sie ihn an der Ausstrahlung erkannt, die ihn von den anderen abhob.

Hilflos ließ Norah sich gegen die kalte Steinmauer sinken. „Was machst du denn hier?“

„Dich beobachten.“

Wut flammte in ihr auf. „Mir nachspionieren, meinst du.“

„Das kannst du betrachten, wie du willst. In deiner Mitteilung hast du Ort und Zeit genau angegeben.“

Ihr schoss das Blut in die Wangen. „Schnüffelst du in meiner privaten Post herum?“

„Amari hat mir die Mitteilung überbracht, wie es sich gehört. Wenn der Inhalt harmlos gewesen wäre, hätte ich dein Briefchen an Alain weitergeleitet. Aber so, wie die Dinge standen, fand ich es besser, keinen Unschuldigen in deinen Plan zu verwickeln.“

Ich werde dafür sorgen, dass er es auf dem richtigen Weg erhält. Ach, Amari.

Philippe sah sie kalt an und nahm ihr die Umhängetasche aus den klammen Fingern. Mit starrem Blick verfolgte Norah, wie er ihren Pass herausholte und in seine Jacketttasche schob.

Als er ihr die Tasche zurückreichte, kehrte Norahs alter Kampfgeist zurück. Sie war Philippe nicht so hilflos ausgeliefert, wie er zu glauben schien.

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