Logo weiterlesen.de
JULIA COLLECTION BAND 93

IMAGE

Auf der Suche nach dem Glück

1. KAPITEL

Ein großer wattierter Briefumschlag aus Brasilien. Per Kurier und nur bei Nick Ramirez persönlich abzugeben. Mit der Auflage, sich die Lieferung durch die Unterschrift des Adressaten bestätigen zu lassen. Um von vornherein alle Möglichkeiten auszuschließen, dass dieser Umschlag Nick Ramirez nicht erreichte.

Nick sah dem Kurierfahrer nach, als er das Büro verließ, den Blick auf den Rücken des Mannes geheftet, auf die sich schließende Tür. Weil er den Umschlag, der jetzt vor ihm auf dem Schreibtisch lag, nicht ansehen wollte. Diese Sendung musste von seinem Vater sein. Seinem leiblichen Vater, der nicht das Recht hatte, Nicks Leben in irgendeiner Weise nahe zu kommen, geschweige denn, sich Einlass zu erzwingen. Diese Tür war schon vor sechzehn Jahren ins Schloss gefallen.

Nein, früher.

Nick war jetzt vierunddreißig. Sieben war er gewesen, als die Zurückweisung ihn von allen Seiten und mit voller Wucht getroffen hatte. Wut schoss bei der Erinnerung an den kleinen Schuljungen auf, der er damals gewesen war, brachte ihn dazu, aus dem Stuhl aufzustehen und sich von dem Umschlag aus Brasilien zu entfernen. Mit sieben war man dem Lügennetz, das die Erwachsenen spannten, hilflos ausgeliefert. Er hatte versucht herauszufinden, wohin er gehörte, die Wahrheit war brutal gewesen – nirgendwohin.

Also hatte er gelernt, sich selbst einen Platz zu schaffen.

Dieses Büro hier war Teil seines Platzes. Der Dreh- und Angelpunkt der Werbeagentur, die zwei Etagen des noblen Geschäftsgebäudes am Circular Bay einnahm, mit einem atemberaubenden Blick auf den Hafen von Sydney. Nicks Agentur. Er hatte sie aufgebaut, war mit seinem Konzept seinem Instinkt gefolgt, worauf der Markt reagieren würde, und hatte recht damit gehabt. Bahnbrechend recht.

Von seinem Fenster aus konnte er auf das Opernhaus und die Hängebrücke blicken. Jeder wusste, dass Sex und Glamour sich verkauften, er wusste es aus eigener Erfahrung. Er hatte ein besseres Händchen als jeder andere dafür, wie es sich am besten verkaufen ließ. Seine Fotos blieben in Erinnerung, trafen bei der gewünschten Zielgruppe ins Schwarze, fixierten das Produkt unauslöschlich in jedermanns Kopf. Seine Werbebilder hatten ihn zu einem reichen Mann gemacht, er konnte sich diesen Millionendollar-Ausblick leisten, hier im Büro wie auch in seinem Penthouse-Apartment in Woolloomooloo.

Er stand auf dem Gipfel seiner eigenen Welt, unabhängig und erfolgreich aus eigener Kraft. Er brauchte nichts von seinen Vätern, den reichen Männern, die seine Mutter angezogen hatte, von denen sie hatte haben können, was immer ihr habsüchtiges Herz begehrte.

Für ihn hatten diese Männer in seiner Kindheit auch tief in die Tasche gegriffen, wohl um ihr zu gefallen. Er hatte das Geld angenommen, um die eigenen Ziele zu verwirklichen. Warum auch nicht. Er hatte es sich verdient. Weil er ihnen das Leben nicht zur Hölle gemacht hatte.

Jetzt nahm er von niemandem mehr etwas an.

Er brauchte es nicht, und er wollte es nicht.

Für Enrique Ramirez war es zu spät, ihm noch etwas anzubieten. Der Brasilianer hatte immerhin zwei Chancen gehabt, in Nicks Leben etwas zu bewirken. Von der ersten Chance war er selbst weggegangen. Und das zweite Mal … Das war, als Nick als Achtzehnjähriger in Rio de Janeiro auftauchte, um einen Vater zu treffen, den er nie kennen gelernt hatte, und mit wütender Ablehnung empfangen worden war, weil er die Unverschämtheit besaß, sich als Enriques Sohn an dessen Haustür vorzustellen.

„Was willst du von mir? Was, glaubst du, lässt sich aus mir rausholen?“

Die verächtliche Unterstellung des hochgestellten Brasilianers hatte Nick veranlasst zu erwidern: „Nichts. Ich wollte dich eigentlich nur sehen. Aber deinen Namen werde ich annehmen. Denn der steht mir zu.“

Am genetischen Erbe konnte es keinen Zweifel geben – Nick hatte das gleiche dichte dunkle Haar, die gleichen grünen Augen mit den langen dunklen Wimpern, die gleiche olivenfarbene Haut, eine gerade, aristokratische Nase, ausgeprägte Wangenknochen, ein markantes Kinn, gespalten durch ein Grübchen in der Mitte, sinnlich geschwungene Lippenkonturen. Er war groß, und seine muskulöse Statur zeugte sowohl von Kraft als auch von Sportlichkeit.

Oh ja, er war seines Vaters Sohn. Zurück in Australien, hatte er den Namen seines Vaters angenommen, Ramirez. Zumindest das war keine Lüge. Aber was immer in dem Umschlag aus Brasilien sein mochte … Alles in Nick rebellierte gegen die Vorstellung, Enrique könnte irgendwie auf ihn einwirken wollen.

Das Telefon begann zu klingeln.

Mit wenigen Schritten war Nick beim Schreibtisch und nahm den Hörer auf.

„Mrs. Condor wartet in der Leitung“, teilte ihm seine Assistentin mit. „Sie möchte mit Ihnen reden.“

Seine Mutter. Schon die zweite unerwünschte elterliche Störung heute Morgen. „Stellen Sie sie durch.“ Ein Klicken und dann die trockene Einladung für seine Mutter, das Gespräch zu eröffnen. „Mutter?“

„Darling! Es ist etwas ganz Außergewöhnliches geschehen. Wir müssen reden.“

„Wir reden doch.“

„Ich meine, wir sollten uns treffen. Kannst du dich heute Vormittag freimachen? Ich bin auf dem Weg in die Stadt. Es ist wichtig, Nick. Ich habe ein Päckchen aus Brasilien erhalten.“

Nicks Wangenmuskeln spielten. „Ich auch.“

„Oh!“ Überraschung und Enttäuschung zugleich. „Nun, ich wollte es dir sanft beibringen, schließlich war er dein Vater … aber dafür besteht dann ja wohl keine Notwendigkeit mehr.“ Sie seufzte dramatisch. „Er war doch noch viel zu jung, er kann nicht viel älter als sechzig gewesen sein. Und immer so voller Leben und Energie …“

Ein Stich durchzuckte Nicks Herz, während sein Verstand begriff, dass Enrique Ramirez gestorben war. Tot. Von seinem Sohn nie gekannt. Und keine Möglichkeit mehr, ihn kennen zu lernen.

Nick starrte auf den Umschlag. Das letzte Lebenszeichen.

„Er hat mir das schönste Smaragdcollier geschenkt …“

Seine Mutter liebte schöne Dinge. Durch sie hatte Nick den Wert von Eleganz und Schick erkannt. Jeder Mann, der ihr Bett geteilt hatte, ob Ehemann oder Geliebter, erwarb sich dieses Privileg mit schönen Dingen. Mittlerweile war sie in ihrer fünften Ehe, und sollte eine neue Herausforderung in Form eines megareichen Mannes am Horizont auftauchen, so bezweifelte Nick nicht, dass in ihren goldfarbenen Augen auch neues Interesse auflodern würde. Enrique Ramirez allerdings hatte sie nicht als Ehemann einfangen können.

Wahrscheinlich hatte sie gar keinen brasilianischen Ehemann gewollt. Sie hätte sich ja in einem fremden Land niederlassen müssen. Ihr hatte es ausgereicht, dass der internationale Polospieler als Juror bei den Miss-Universum-Wahlen fungierte, damals in dem Jahr, als Nadia Kilman den Titel gewonnen hatte.

Die Schwangerschaft war mit Sicherheit nicht geplant gewesen. Ein höchst unglücklicher Unfall, vor allem, da sie vorhatte, Brian Steele zu heiraten, Sohn und Erbe des milliardenschweren australischen Minenmagnaten Andrew Steele. Doch einer Frau ihres überzeugenden Charmes war es nicht schwer gefallen, den Ehemann ihrer Wahl denken zu lassen, das Kind unter ihrem Herzen stamme von ihm. Es hatte auf jeden Fall die Hochzeitsvorbereitungen rasant beschleunigt.

Die gesamte Geschichte ihrer Mutter-Sohn-Beziehung lief jetzt vor Nicks geistigem Auge ab, während Nadia von den Ramirez-Smaragdminen schwärmte, als habe sie einen legitimen Anspruch darauf. Seine Mutter war Spezialistin, was Ansprüche anbelangte.

Nick fragte sich, ob er wohl Brian Steeles Sohn geblieben wäre, wäre die Lüge seiner Mutter nicht herausgekommen. Selbst nach der Scheidung und nachdem beide mit anderen Partnern verheiratet gewesen waren, hatte Nick Brian Steele immer noch für seinen leiblichen Vater gehalten. Verletzt, weil Brian nicht zu Schulanlässen oder Sportveranstaltungen seines Sohnes gekommen war, wie andere geschiedene Väter es machten, hatte Nick ihn zur Rede gestellt.

„Frag deine Mutter“, war die einzige Reaktion gewesen.

„Es ist nicht meine Schuld, dass du meine Mutter nicht mehr liebst.“ Es war so ungerecht. „Ich bin nicht nur ihr Sohn, sondern auch deiner.“

„Nein, bist du nicht.“

Schockiert, zutiefst verletzt und maßlos wütend ob dieser Zurückweisung hatte Nick weiter argumentiert. „Von seinen Kindern kann man sich nicht scheiden lassen. Du bist mein Vater. Nur, weil du eine neue Familie gegründet hast …“

„Ich bin nicht dein Vater.“ Diese Aussage war dem siebenjährigen Nick brutal ins Gesicht geschleudert worden. „Herrgott, sieh doch nur mal in den Spiegel!“

Es stimmte, Nick hatte weder rote Haare noch blaue Augen, aber bis dahin hatte er immer angenommen, er hätte den dunklen Teint von seiner Mutter geerbt. „Du willst mich nur einfach nicht, nicht wahr?“

„Richtig. Warum sollte ich den Bankert eines anderen Mannes als meinen Sohn annehmen? Der Name deines echten Vaters ist Enrique Ramirez, und wenn er nicht gerade irgendwo auf der Welt Polo spielt, lebt er in Brasilien. Ich bezweifle, dass er jemals zu deiner Schule kommen wird. Aber du kannst ja deine Mutter fragen.“

Mit dieser neuen Information im Kopf und der trotzigen Entschlossenheit eines Siebenjährigen hatte Nick es versucht.

„Oh, Darling, es tut mir so leid, dass du dich aufregst, weil Brian nicht dein leiblicher Vater ist.“ Die mitfühlende Stimme und das wunderbare Lächeln hatten wohl den dunklen Schmerz beruhigen sollen. „Aber Harry ist doch ein fabelhafter Stiefvater. Und mit ihm hat man auch viel mehr Spaß …“

„Ich will alles über meinen richtigen Vater erfahren“, hatte Nick störrisch weitergebohrt.

„Nun, er ist verheiratet, Liebling. Eine Scheidung kommt wohl nicht infrage, fürchte ich, wegen der Religion und der gesellschaftlichen Normen in seinem Land.“ Ihre schlanken, manikürten Hände waren wedelnd durch die Luft gefahren. „Wir werden also nie eine Familie sein können, selbst wenn wir wollten.“

„Weiß er von mir?“

„Ja.“ Ein schwerer Seufzer. „Auf Grund eines dieser unglücklichen Zufälle im Leben. Er spielte auf einem Turnier in Australien, und dein Großvater – nun, jetzt weißt du, dass er eigentlich gar nicht dein Großvater ist – lud Enrique zu einem Polo-Wochenende auf den Besitz in Singleton ein. Ein riesiges gesellschaftliches Ereignis, unmöglich, sich irgendwie abzusetzen. Ich hatte gehofft, Enrique wäre diskret genug, um vorzugeben, mich nicht zu kennen.“ Noch ein Seufzer. „Aber als er dich sah …“

„Er hat mich als seinen Sohn erkannt?“

„Nun, ja … Da war zum einen dein Aussehen und dann dein Alter, beides zusammen … Ich musste es zugeben, und er hat es benutzt, um … nun, um …“

Um sie zu erpressen, mit ihm zu schlafen.

Mehr hatte Nick seinem leiblichen Vater nicht bedeutet – ein Druckmittel, um sich die ehemalige Miss Universum erneut gefügig zu machen.

Obwohl … Nick ging davon aus, dass der auffallend attraktive und charismatische Brasilianer nicht viel Druck hatte ausüben müssen.

Das Risiko eines Skandals war beiden gleichgültig gewesen.

„Deine Mutter war so versessen nach mir wie ich nach ihr“, hatte Enrique mit einem Handwisch abgetan, als Nick ihn damals auf die möglichen Konsequenzen hinwies. Von Reue keine Spur. „Sie hätte nur Nein zu sagen brauchen. Ich dränge mich Frauen nicht auf. Es war ihre Wahl. Ihr Leben.“

„Und mein Leben zählte nicht für dich, oder?“, hatte Nick ihm vorgeworfen.

„Ich habe dir dein Leben gegeben. Du solltest endlich anfangen, es zu genießen. Dieses Herumwühlen in der Vergangenheit bringt dir nichts.“

Ein guter Rat. Den Nick sich zu Herzen genommen hatte.

Und genau deshalb wollte er diesen Briefumschlag aus Brasilien nicht anfassen.

„Was hat er dir denn zukommen lassen, Darling?“ Das Smaragdcollier hatte ihren Appetit auf mehr kostbare Geschenke aus Brasilien angeregt.

„Mein Aussehen, würde ich sagen“, spöttelte Nick.

„Das schon, Liebling, aber das meinte ich nicht, und du weißt das auch. Sei nicht so störrisch. Das Collier ist ein kleiner Dank dafür, dass ich ihm einen so beeindruckenden Sohn geboren habe, wie er mir schrieb. Wenn du Enrique so offensichtlich imponiert hast, wird er dir sehr viel mehr als ein Collier hinterlassen haben.“

„Ich habe die Sendung noch nicht geöffnet.“

„Na, dann tu es, Nick. Ich will alles genau erfahren, wenn ich in dein Büro komme. Ach, das ist so aufregend, ich kann’s kaum erwarten. Dein Vater war geradezu verboten reich.“

Das wusste er. Er hatte den unermesslichen Reichtum in Enriques Haus gesehen. Altes Geld, die Art Geld, wie sie die Aristokratie besaß. Reichtum, der über Jahrhunderte in der Familie blieb und vom Vater auf den Sohn weitervererbt wurde.

Nick wollte nichts von dem Mann. Alles in ihm sträubte sich dagegen, etwas anzunehmen, das seinem Vater offensichtlich mehr bedeutet hatte als der uneheliche Sohn.

„Ich müsste in einer Viertelstunde da sein“, kündigte seine Mutter jetzt an. Es war nicht zu überhören, wie sehr sie sich auf das Zusammentreffen freute. „Ist es nicht wunderbar, wenn man nach all den Jahren nicht vergessen ist?“

Nie wäre sie auf die Idee gekommen, die Welt anders als mit ihren Augen zu sehen, allein ihr Blickwinkel zählte. Was Nick provozierte zu widersprechen: „Nein, Mutter, es ist nicht wunderbar. Ich finde es sogar äußerst beleidigend von meinem Vater, zu warten, bis er tot ist, bevor er sich zu irgendeiner Anerkennung seines Sohnes herablässt.“

„Sei doch nicht so heikel, Nick. Was vorbei ist, ist vorbei. Man sollte immer das Beste aus dem machen, was man hat.“

Das in Stein gemeißelte Lebensmotto der Nadia Kilman/Steele/Manning/Lloyd/Hardwick/Condor. Daran hielt sie sich eisern, davon würde sie nie abweichen.

„Natürlich, Mutter. Ich freue mich darauf, dich und dein Collier gleich zu sehen.“

Nick legte den Hörer zurück und blickte auf den Umschlag. Ein Teil von ihm wollte ihn ungeöffnet in den Papierkorb fallen lassen. Ein anderer Teil war neugierig darauf, welchen Wert der Mann seinem leiblichen Sohn zumaß. Mit zynischem Galgenhumor dachte er, dass es wohl besser sei, es herauszufinden, damit er ein für alle Mal damit abschließen konnte.

Nick öffnete den Umschlag.

Der zwei Briefe enthielt.

Ein Brief war sofort als der Brief eines Anwalts zu erkennen. Javier Estes, Testamentsverwalter des Ramirez-Besitzes. Der zweite war überraschenderweise von Enrique, handgeschrieben und an Nick persönlich adressiert. Aus dem Inhalt ging hervor, dass Enrique erstaunlich gut über nahezu alle Details in Nicks Leben informiert gewesen war. Und der Schlusssatz präsentierte eben diesem Leben eine völlig neue, faszinierende Herausforderung.

Nick beschäftigte sich immer noch intensiv mit den soeben erfahrenen Neuigkeiten, als seine Assistentin die Tür öffnete und seine Mutter ihren Auftritt hatte.

Das Erscheinen seiner Mutter war immer ein Auftritt.

Sie war fünfundfünfzig und sah keinen Tag älter aus als fünfunddreißig. Die Verkörperung der weiblichen Schönheit, mit einem Körper, dessen jede einzelne Rundung puren Sexappeal ausströmte. Eine Traumfrau, die wusste, wie man seine gottgegebenen Vorzüge am besten zur Geltung brachte.

Wo immer sie auftauchte, verblasste jeder in ihrer Umgebung. Alle Blicke richteten sich auf sie, einfach, weil es sich so sehr lohnte, sie anzuschauen. Miss Universum zeigte immer noch, was sie hatte. Die Jahre, die seit dem Erringen des Titels vergangen waren, hatten ihr nichts anhaben können.

Kaum dass die Tür hinter ihr geschlossen wurde, bedachte sie ihren Sohn mit einem strahlenden Lächeln. „Nun?“ Sie war daran gewöhnt, zu bekommen, was sie wollte.

Nick lehnte sich lässig gegen die Schreibtischkante und betrachtete seine Mutter mit zynischem Amüsement. Die Nachrichten, die er ihr zu verkünden hatte, würden ihrer beispiellosen Eitelkeit einen Dämpfer versetzen.

„Ich vermute, du bist nicht die einzige Frau, die heute Morgen ein Smaragdcollier von Enrique Ramirez erhalten hat.“

Eine perfekt gezupfte Augenbraue wurde in die Höhe gelupft. „Was soll das heißen?“

„Anscheinend hat mein Vater während seiner Polo-Jahre seinen Samen in die Welt hinausgetragen. Ich habe einen Halbbruder in England und einen weiteren in den USA. Und beide müssen meinen seligen Vater ebenso beeindruckt haben wie ich, trotz der Tatsache, dass wir alle außerehelich gezeugt wurden. So ist anzunehmen, dass er sich deren Müttern gleichfalls erkenntlich zeigen wollte.“

„Oh!“ Lächelnd zuckte sie mit den Schultern. „Er war ja auch ein unwiderstehlicher Mann. Ich zweifle nicht daran, dass viele Frauen der gleichen Meinung waren. Für dich allerdings ist das nicht gut, Nick. Vermutlich hat Enrique das Erbe also zu drei gleichen Teilen aufgeteilt.“

Das Erbe war völlig unwichtig. Nick wollte seine Halbbrüder kennen lernen. Und um das zu können, musste er die verrückte Vorstellung eines toten Mannes wahr werden lassen: Die illegitimen Söhne sollten ein anderes Leben führen als er, ein Leben mit echter Liebe, Treue, Verantwortung und Vaterschaft. Entweder heiratete Nick in den nächsten zwölf Monaten und wurde Vater, oder er würde nie etwas über seine Halbbrüder erfahren.

Das war Enriques Vermächtnis … seine Herausforderung an Nick.

Der Rest interessierte nicht.

Nick glaubte nicht an Liebe und Ehe und glückliche Familien, aber er konnte und er würde nach außen hin die Bedingungen erfüllen, um ein Treffen mit seinen Halbbrüdern zu erreichen. Echte Blutsbande, so entfernt sie auch sein mochten. Nicht Stiefgeschwister, die mit den Hochzeiten und Scheidungen seiner Mutter kamen und gingen. Er wollte Enriques andere zurückgelassene Souvenirs kennen lernen, wollte wissen, ob sie so waren wie er, wollte wissen, dass er nicht allein war.

„Es gibt kein Erbe“, log er. Seine Mutter würde unweigerlich mit dem Fädenziehen beginnen, sollte er ihr die Wahrheit sagen. Er lächelte spöttisch. „Mein Vater hat mir großzügigerweise das Wissen um eine Familie zukommen lassen, nach der ich suchte, als ich achtzehn war. Man könnte sagen, es ist ein wenig spät.“

„Halbbrüder.“ Wieder wurde die Braue hochgezogen. „Willst du jetzt etwa Kontakt mit ihnen aufnehmen?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich sie finden könnte. Im Gegensatz zu mir wissen sie nicht, dass Enrique ihr Vater ist, daher bedeutet ihnen der Name Ramirez nichts. Man teilte mir mit, dass ich ihre Namen erfahren werde, sobald die Angelegenheit mit dem Ramirez-Besitz erledigt ist. In der Zwischenzeit werde ich mich weiter um meine Angelegenheiten kümmern.“ Er schlenderte zur Tür und hielt sie auf. „Danke für deinen Besuch, Mutter. Ich bin froh, dass du dich über dein Collier freust.“

„Bist du nicht enttäuscht, Nick?“

„Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden.“

„Oh, du …“ Sie tätschelte ihm sanft die Wange. Der Blick ihrer bernsteinfarbenen Augen glitt über sein Gesicht auf der Suche nach einem Riss in der zynischen Fassade. „Du hättest Enrique dazu bringen sollen, dich offiziell anzuerkennen, solange er noch lebte. Du warst schon immer viel zu stolz, Nick, zu unabhängig.“

„Ich bin das Produkt meiner Lebensumstände. Auf Wiedersehen, Mutter.“

Da es nichts gab, an dem sie sich festbeißen konnte, akzeptierte Nadia den Schlusssatz als gegeben. Sie war begierig darauf, das Collier schätzen zu lassen. Sie wollte wissen, wie viel sie Enrique Ramirez wert gewesen war. Nadia konnte fantastisch mit Zahlen umgehen, wenn es darum ging, herauszufinden, auf welche Summe sich der Profit aus einer eingegangenen Beziehung belief.

Wieder allein, dachte Nick über Möglichkeiten nach, um das zu erreichen, was er wollte, ohne einen zu hohen Preis dafür zahlen zu müssen. Die Informationen reichten nicht – keine Namen, keine Wohnorte, keine Altersangaben –, um seine Brüder selbst zu finden. Die einzige Garantie, die es gab, war, den Weg zu gehen, den Enrique vorgeschrieben hatte.

Es stand außer Frage, dass er auf seine echte Familie verzichten würde. Was bedeutete, dass er Heirat und Vaterschaft vorab in Angriff nehmen musste. Alles kam nur darauf an, dass er eine Situation schuf, mit der er leben konnte. Er hatte nicht vor, ein Kind der Scheidung der Eltern auszusetzen. Wenn er also ein Kind in die Welt setzte, so würde es ein stabiles Umfeld für dieses Kind geben müssen.

Immer wieder kehrten seine Gedanken zu einer Frau zurück.

Tess würde er vertrauen. Sowohl mit sich als auch mit dem noch ungezeugten Kind.

Er war ziemlich sicher, dass er mit ihr zu einer Einigung kommen könnte. Eine vernünftige, rechtlich abgesicherte Vereinbarung, die alle Beteiligten schützte. Tess war nicht wie die anderen Frauen, die er kannte. Alle anderen hätten sich sofort in eine Ehe mit ihm gestürzt, Tess dagegen wollte nichts von ihm. Sie wollte von keinem Mann etwas.

Aber gut möglich, dass sie ein Kind wollte. Und sie kannte Nick und wusste, woher er kam.

Denn Tessa Steele kam auch daher.

Dass sie Brian Steeles Tochter war – seine leibliche Tochter –, war unwichtig. Sie hatte ihren eigenen Kopf, und sie hatte sich ein eigenes Leben geschaffen. Wie Nick.

Die Frage war nur … wäre sie auch bereit, ein Leben mit ihm in Betracht zu ziehen, mit dem Anreiz, ein gemeinsames Kind zu haben?

2. KAPITEL

„Er hat überhaupt nichts von dir, Tessa“, knurrte Brian Steele und betrachtete seinen zwei Monate alten Enkel mit mürrischer Miene.

Nichts von ihm, meint er, dachte Tessa. Sie wusste, dass sie Brian Steeles Lieblingskind war, weil er sich in ihrem roten Haar, den blauen Augen und der hellen Haut wiedererkannte. Bis heute wusste sie nicht, ob es irgendein primitives männliches Bedürfnis in ihm war, seine Gene weiterzuvererben, oder eine Manie, weil man ihm das Kind eines anderen Mannes als das eigene untergeschoben hatte. Nicks Mutter hatte reichlich emotionales Chaos im Fahrwasser ihrer Ehe mit Brian Steele zurückgelassen.

Zweifellos war es verletzter Stolz gewesen, der ihren Vater direkt in die nächste Ehe getrieben hatte – mit der blonden Film- und Bühnenschönheit Livvy Curtin. Dieses ungleiche Paar hatte nur zwei Jahre überlebt, aber immerhin war eine Tochter aus der Verbindung hervorgegangen, und bei der Scheidung war Livvy nur zu dankbar gewesen, Brian das Sorgerecht zu überlassen. Damit sie ungehindert mit ihrer Schauspielkarriere fortfahren konnte.

Tess war sich der Liebe ihres Vaters immer sicher gewesen. Selbst als in seiner dritten und noch aktuellen Ehe zwei Söhne geboren wurden, auf die er extrem stolz war, hatte er sich immer einen besonderen Platz im Herzen für seine älteste und einzige Tochter bewahrt. Eine Schwäche, die von seiner dritten Ehefrau mit Misstrauen und Argwohn beäugt wurde. Sie hatte jede Gelegenheit genutzt, Tessa zu ihrer Mutter abzuschieben, die es allerdings vorzog, die Realität einer Tochter zu ignorieren. Livvy – du sollst mich doch nicht Mummy nennen – hatte nicht das geringste Interesse, die Mutterrolle auch nur zu spielen.

Auf Grund der eigenen Erfahrungen hatte Tess eine sehr genaue Vorstellung, wie das Familienleben ihres Sohnes aussehen sollte. Keine Ehe, keine Scheidung, keine angeheirateten Verwandtschaften. Ihr Sohn würde wissen, dass seine Mutter ihn liebte, seine genetische Abstammung war irrelevant. Sie hatte dieses Baby auf die Welt gebracht, es war ihr Baby. Ganz allein ihres.

„Er hat Locken“, meinte sie, auch wenn ihre eigene Lockenpracht von Livvy stammte und nicht von ihrem Vater.

Brian Steeles Haar war drahtig und gerade, das Rot längst schlohweiß. Die blauen Augen jedoch blickten immer noch wach und durchdringend, und jetzt lag ihr Blick auf der Tochter, um nach gewissen Punkten zu forschen, denen Tess bisher erfolgreich ausgewichen war.

Sie saßen zusammen im sonnigen Garten des Familienbesitzes in Singleton. Beide hatten sich eine Auszeit von ihren jeweiligen geschäftlichen Interessen genommen. Das Anwesen auf dem Land bot Tess die Ruhe und Abgeschiedenheit, die sie für die Geburt gesucht hatte, und da es das erste Enkelkind für ihren Vater war, hatte er ihr willig zugestanden, ein paar Monate hier zu verbringen, während er und seine Frau zwischen den Steele-Residenzen in Sydney und Melbourne pendelten.

„Wirst du mir nun sagen, wer der Vater ist?“

„Das ist unwichtig, Dad.“ Sie lächelte glücklich auf das dunkelhaarige grünäugige Baby in dem Schaukelsitz zu ihren Füßen hinab. „Er ist mein Sohn.“

„Tessa, ich habe inzwischen begriffen, dass du den Mann nicht heiraten willst …“

„Er würde mich auch nicht heiraten wollen.“ Es schlüpfte ihr heraus, bevor ihr klar wurde, dass sie diese Information vielleicht besser für sich behalten hätte.

„Und warum nicht?“ Ihr Vater klang beleidigt, so als müsse sich jeder Mann geehrt fühlen, ihr Ehemann zu werden. Schließlich war sie eine Steele, Milliardärstochter, Erbin eines ansehnlichen Teils der Familienvermögens und keineswegs unattraktiv, wenn sie sich die Mühe machte und ihre Vorzüge betonte.

Sie schüttelte nur den Kopf. Sie hatte nicht vor, die Identität des anderen Elternteils preiszugeben. Ihr Vater wäre noch viel beleidigter, würde er erfahren, dass Nick Ramirez ihm zu seinem Enkelsohn verholfen hatte.

„Weiß er überhaupt von diesem Kind?“

„Nein. Es würde alles nur verkomplizieren, wenn ich es ihm sagte.“

„Ist er verheiratet?“

„Nein.“ Der Blick ihrer blauen Augen bohrte sich jetzt eindringlich in seinen. „Es war nur eine einmalige Erfahrung, Dad. Rückblickend ein Fehler, für uns beide falsch. Okay?“

Auf jeden Fall falsch für Nick. Das hatte er nachher sehr deutlich gemacht. Er hatte regelrecht entsetzt ausgesehen, sich mitten in dieser Explosion von ungezügeltem Sex mit Brian Steeles Tochter wiederzufinden.

„Meinst du nicht, er wird es sich denken können, sobald er dich mit dem Baby sieht?“

„Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir aufeinander treffen.“ Tess ging davon aus, dass Nick dieses Kapitel abgeschlossen hatte. „Wir verkehren nicht in denselben Kreisen. Und bis man erfährt, dass ich Mutter bin, wird genug Zeit vergangen sein, um keine Verbindung mehr herzustellen.“

„Du willst nicht, dass er es erfährt“, schloss ihr Vater listig.

Es wäre wirklich zu kompliziert. Mal ganz abgesehen von den verworrenen Familienverhältnissen … Tess war nicht der Typ Frau, dem Nick normalerweise den Vorzug gab. Wenn er dann noch herausfand, dass sie ungewollt schwanger geworden war, würde er die ganze Situation verabscheuen.

Er war gegen die Ehe eingestellt und in Bezug auf die Liebe der vollkommene Zyniker. Vaterschaft generell war ein wunder Punkt bei ihm, und wenn man ihm dann auch noch die Kontrolle über sein Leben mit einer ungewollten Vaterschaft aus der Hand reißen wollte … Tess erschauerte allein bei der Vorstellung, wie er reagieren würde. Sie hatte nicht vor, so etwas an ihren Sohn herankommen zu lassen.

Es war besser für Nick, wenn er es nicht wusste. Für sie war es auch besser. Nick Ramirez war wie die verbotene Frucht. Die Versuchung war groß, auch wenn man wusste, dass man mit dem Genuss der Frucht unweigerlich Ruhe und Frieden im Leben aufgab.

„Geheimnisse“, stieß Brian jetzt aus, „sind der Garant für Kummer. Es wird die Zeit kommen, da der Junge wissen will, wer sein Vater ist.“ Er zog die weißen Augenbrauen zusammen. „Wirst du ihn dann anlügen? Ihm sagen, sein Vater sei tot?“

„Das weiß ich nicht. So weit habe ich noch nicht vorausgedacht.“

„Nun, dann solltest du besser anfangen zu denken“, riet er streng. „Du solltest diese Sache mit dem Kindsvater jetzt klären. Dein Sohn hat ein Recht darauf, zu wissen, wer er ist und woher er kommt. Je länger du wartest, desto größer der Schock.“

Sie sah ihn abschätzend an, versuchte abzuwägen, ob sie das heikle Thema ansprechen sollte. Erst kürzlich hatte Livvy ihr erzählt, was damals vor all den Jahren zwischen ihrem Vater und Nick geschehen war. Als frisch vermählte zweite Frau hatte sie alles von ihrem wütenden Ehemann über diesen Jungen erfahren. Dass Miss Zentrum-ihres-eigenen-Universums praktischerweise vergessen hatte, dem Bankert ihres brasilianischen Liebhabers zu sagen, dass er nicht Brians Sohn war.

„Du meinst, wie bei Nick Ramirez, Dad?“

Es zuckte in seinem Gesicht, dann musterte er seine Tochter mit scharfem Blick. „Woher weißt du das?“

„Von Livvy.“

Er schnaubte. „Wie ich deine Mutter kenne, hat sie eine hoch dramatische Schilderung abgeliefert.“

„Um genau zu sein … sie meinte, ich sollte über die Familiengeschichte informiert sein, da ich geschäftlich mit Nick zu tun habe.“

„Geschäftlich …“, spottete er. „Der perfekte Vorwand für Livvy, sich in Szene zu setzen. Ein erfolgreicher Mann wie Nick Ramirez würde sich durch persönliche Beziehungen nie das Geschäft verderben lassen.“

„Aber damals … es war ein Schock für ihn, nicht wahr?“

„Allerdings.“ Brian krümmte sich bei der Erinnerung. „Ich bin nicht gerade empfindsam mit ihm umgegangen. Ich bereue es bis heute. Aber ich war so wütend auf Nadia, und ich habe es an ihm ausgelassen. Dabei war es doch gar nicht seine Schuld. Er war doch nur ein Junge, der um das kämpfte, was er als sein Recht betrachtete.“

„Also … bewundertest du ihn?“, drängte sie vorsichtig.

Brian lachte trocken auf. „Nein, ich habe ihn gehasst. Weil ich in ihm nur diesen brasilianischen Nabob gesehen habe. Hinterher habe ich mich geschämt dafür, wie ich ihm die Wahrheit ins Gesicht gespien habe.“ Er seufzte. „Der Junge war gerade mal sieben, und doch versuchte er sich durchzusetzen. Bis ich seinen Glauben, ich sei sein Vater, in den Boden rammte. Es war … es war, als hätte ich etwas in ihm abgetötet.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich will nicht, dass mein Enkel so etwas durchmachen muss, Tessa. Tu das deinem Sohn nicht an. Er hat ein Recht darauf, es von Anfang an zu wissen.“

Ein sehr ernüchternder Rat inmitten des Gefühlstumults, den Tessa jedes Mal durchmachte, wenn sie an Nick dachte. Sie konnte nicht vergessen, wie peinlich es ihm gewesen war, mit ihr im Bett zu landen. Er hatte gar nicht schnell genug wieder hinauskommen können. Und danach hatte er sorgsam darauf geachtet, es nie wieder auch nur mit einer Andeutung zu erwähnen. Nachdem sie übereingekommen waren, dass dieser intime Ausrutscher ihre Arbeitsbeziehung nicht beeinträchtigen sollte.

Nick bediente sich häufig ihrer Dienste als Agentin, um die passende Besetzung für die Werbespots zu finden, die er fürs Fernsehen produzierte. Während der ersten Monate ihrer Schwangerschaft hatte sie auf irgendein Zeichen von ihm gewartet, sich danach gesehnt, dass er ihre Beziehung über das Geschäftliche hinaus ausweiten wollte.

Ein alberner Wunsch. Nicht nur war kein Zeichen gekommen, sondern er hatte sich auch sofort in eine heiße Affäre mit dem nächsten der Models gestürzt, die ständig um ihn herum- und in sein Bett flatterten.

Nachdem Livvy ihr von den Hintergründen erzählt hatte, war Tess klar – Nick Ramirez würde sich niemals auf eine feste Beziehung mit Brian Steeles Tochter einlassen. Wahrscheinlich hatte es ihm eine Art bitteres Vergnügen bereitet, ausgerechnet mit ihrer Agentur zusammenzuarbeiten, auch wenn sich mit der Zeit die Kooperation als sehr produktiv erwiesen hatte.

Zwischen ihnen hatte sich eine kollegiale Freundschaft entwickelt, auf Grund des Verständnisses für den jeweiligen Background. Doch eines Abends war die Leidenschaft aufgeflammt … im Nachhinein wohl höchst unpassend für Nick, sodass er von da an peinlich genau darauf achtete, nie wieder die Kontrolle zu verlieren.

Gesunder Menschenverstand hatte Tess dazu gezwungen, die gleiche Einstellung an den Tag zu legen, wann immer sie und Nick sich geschäftlich trafen. Und mit jedem Treffen war deutlicher geworden, dass er keine Konsequenzen aus dem erwartete, was er offensichtlich als Anfall von momentanem Wahnsinn erachtete. Ihr Umgang beschränkte sich auf das rein Geschäftliche.

Dennoch erkannte Tess, dass ihr Vater recht hatte. Ihre und Nicks Gefühle waren irrelevant, ihr gemeinsames Kind konnte nichts dafür, dass es eine Konsequenz war. Jedes Kind hatte das Recht, seine Eltern zu kennen. Sie würde es Nick sagen müssen, aber erst, wenn sie mehr Kraft gesammelt hatte.

Ihr Handy begann zu läuten.

Sie lächelte ihren Vater an, während sie das kleine Gerät aufnahm. „Kannst du einen Moment auf Zack aufpassen?“, bat sie und ging weiter in den Garten hinein, um das Gespräch anzunehmen.

„Ich weiß nicht, wie man einen Jungen Zack nennen kann“, brummte Brian. „Was ist denn das für ein Name? Ich wette, da hatte deine Mutter ihre Finger im Spiel …“

Es war die Art ihres Vaters, sie wissen zu lassen, dass er von Livvys gestrigem Eintreffen in Sydney erfahren hatte. Er vermutete wohl, der Anruf sei von Livvy, die sich übrigens mal wieder seinen Unmut zugezogen hatte, weil sie sich kürzlich einen blutjungen Schönling als Liebhaber zugelegt hatte.

Da Tess ebenfalls ihre Mutter am anderen Ende erwartete, wollte sie außer Hörweite sein. Dieses Gespräch würde unweigerlich bissige Kommentare seitens ihres Vaters provozieren.

„Tess, Nick hier. Nick Ramirez.“

Der Schock, die Stimme des Mannes zu hören, der soeben noch Dreh- und Angelpunkt ihrer Gedanken und Gefühle gewesen war, raubte ihr für einen Moment die Sprache. Mitten im Schritt blieb sie stehen.

„Wo bist du im Moment?“ Scheinbar war Nick zu ungeduldig, um die Zeit für eine normale Begrüßung zu finden.

Ich stehe vor dem Polofeld, wo dein Vater und mein Vater damals zusammen gespielt und damit die Vorgänge in Bewegung gesetzt haben, die für unsere heutige Situation verantwortlich sind. Sie verdrängte die Worte hastig und ging weiter hinaus auf das offene Feld. „Gibt es ein Problem, Nick?“, fragte sie, so sachlich sie konnte.

Es musste etwas mit der Agentur zu tun haben. Hatte ihre Assistentin irgendetwas verbockt?

„Nein, kein Problem“, versicherte er.

„Warum rufst du dann an?“

„Ich möchte mich mit dir treffen.“

„Wozu?“

Schweigen.

Pure Angst schoss durch sie hindurch, ließ sie erstarren. Hatte er von dem Baby erfahren? Vermutete er, er könne der Vater sein?

„Können wir zusammen zum Lunch gehen? Du musst doch wieder in Sydney sein. Livvy ist auch hier.“

„Nein, ich bin nicht in Sydney, Nick.“

„Hattest du mir nicht gesagt, deine Mutter wolle dich bei ihrer ersten Regiearbeit als persönlichen Manager dabeihaben? Musste ich nicht deshalb die letzten sechs Monate mit deiner Assistentin arbeiten anstatt mit dir? Weil du mit deiner Mutter unterwegs warst?“

„Ja.“ Ihr Magen verkrampfte sich bei der Vorstellung, wie einfach es für ihn sein würde, ihre Lügen aufzudecken, wenn er es darauf ankommen lassen wollte.

„Livvy ist gestern aus L. A. zurückgekommen“, fuhr er fort. „Und da du diesen Anruf angenommen hast, musst du wohl auch in Australien sein. Also, wo bist du?“

„In Singleton, ich besuche meinen Vater.“ Zumindest das stimmte.

Er stieß einen frustrierten Seufzer aus. „Tess, ich muss mit dir reden.“

„Worüber?“

Er ging nicht auf ihre Frage ein, erwähnte stattdessen ein Ereignis, bei dem ihre Anwesenheit auf jeden Fall erwartet werden würde. „Am Donnerstag ist doch die Premiere von Waking Up …“

Ein Teenie-Horrorfilm, dessen Erstaufführung für die Weihnachtsferien angesetzt war, um ein größtmögliches Publikum anzuziehen. Tess hatte am nächsten Tag nach Sydney und in ihr Haus in Randwick zurückkehren, sich mit ihrer Mutter treffen, sich etwas Passendes zum Anziehen für die Premiere kaufen wollen …

„Du hast doch die Besetzung für den Film gemacht.“ Nick war hörbar zufrieden mit sich, sie auf eine definitive Zeit und einen bestimmten Ort festgenagelt zu haben. „Wenn du noch keinen Begleiter hast, biete ich mich an. Einverstanden?“

Das konnte man nicht als Geschäftstreffen bezeichnen. Tess konnte ihre Überraschung nicht mehr zurückhalten. „Aber warum?“, entschlüpfte es ihr.

„Warum nicht?“, kam prompt die Erwiderung. „Oder hast du endlich einen Mann gefunden, der dir etwas bedeutet? Der etwas dagegen haben könnte, dich mit mir zusammen zu sehen?“

Sein angespannter Ton verriet, wie wenig ihm ein solcher Stolperstein für seinen Plan gefallen würde. „Gibt es denn da keine Frau, die es dir übel nehmen würde, zusammen mit mir gesehen zu werden?“, drehte sie den Spieß um.

„Nein, das ist kein Faktor.“

„Ich kann nicht glauben, dass du niemanden an deinem Frackzipfel hängen hast.“

„Dieser Frackzipfel wird noch vor Donnerstag abgeschnitten.“

Das klang mit Sicherheit entschieden, aber was bedeutete es? Nick wechselte häufig seine Frauen, also nichts Unübliches. Aber seiner jetzigen Begleiterin wegen eines wahrhaft unüblichen öffentlichen Auftritts mit ihr den Laufpass zu geben …?

Wollte er reinen Tisch machen, um sich mit dem Thema Vaterschaft zu befassen? Doch wie sollte er von dem Baby wissen, wenn sie sich im wahrsten Sinne des Wortes völlig aus der Sydneyer Gesellschaft zurückgezogen hatte?

Sie atmete tief durch und beschloss, direkt zu sein. „Worum geht es, Nick?“

„Das sage ich dir, wenn wir uns sehen. Wo und wann soll ich dich abholen?“

Er ging ganz selbstverständlich davon aus, dass sie keinen Begleiter für den Abend hatte. Allerdings hätte sie in dem Falle wahrscheinlich auch anders auf seinen Vorschlag reagiert. Zudem war Nick Ramirez ein wichtiger Kunde, der wohl eine gewisse Sonderbehandlung verdiente.

Und die Mahnung ihres Vaters stand ihr noch frisch vor Augen. Es wäre eine Möglichkeit, eine persönlichere Beziehung zu Nick aufzubauen. Wegen des Kindes. Besser also, sich nicht zu sehr zu sträuben, wenn sie ihre eigenen Absichten verfolgen wollte. Und sowieso keinen Begleiter hatte.

„Ich werde für die Nacht im Regent Hotel bleiben.“ Neutrales Gebiet. „Der Empfang findet dort nach dem Film statt.“

„Fein. Treffen wir uns um sechs in der Lobby auf einen Drink.“

Ein öffentlicher Ort. „Einverstanden.“

„Danke, Tess.“

Hörte sie da Erleichterung in seiner Stimme? Tess fand die Vorstellung faszinierend, Nick Ramirez könne sie aus persönlichen Gründen brauchen.

„Weißt du, du hast mir diese sechs Monate gefehlt“, fügte er hinzu, und sie hörte das Lächeln in seiner Stimme. Dieses trockene, spöttische Lächeln, das er immer benutzte, wenn es sich um irgendwelche Gefühle handelte. „Ich freue mich darauf, dich wiederzusehen.“

Damit wurde die Leitung unterbrochen, und Tess stand regungslos da.

Dieser Anruf hatte nichts mit einem möglichen Verdacht seinerseits hinsichtlich des Babys zu tun. Er glaubte diese Geschichte ihres angeblichen Aufenthalts in L. A. Und er hatte gesagt, sie habe ihm gefehlt.

Angesichts seiner vorherigen negativen Einstellung zu jedweder Art von persönlicher Beziehung mit ihr ergab das alles keinen Sinn. Er hatte sich ja noch nicht einmal von seiner jetzigen Freundin verabschiedet.

Die einzige mögliche Antwort … er wollte etwas von ihr. Etwas, das ihm so wichtig war, dass er mit seinen eigenen Regeln brach.

Wirklich faszinierend.

Tess entschied, dass sie von diesem Treffen nichts zu befürchten hatte.

Im Gegenteil, sie konnte nur gewinnen.

3. KAPITEL

Nick lächelte vor sich hin, als er das Regent Hotel betrat. Ein großartiger Schachzug seinerseits – eine ernste Beziehung mit Tess im Rampenlicht einer Filmpremiere zu beginnen. Wenn der Typ, den Enrique beauftragt hatte, Nick im Auge zu behalten, jetzt seinen Job machte, konnte er Javier Estes einiges berichten.

Schritt eins hin zu Liebe und Ehe.

Es war Punkt sechs, in der Lobby summte es vor Betriebsamkeit. Die Gäste kamen zurück von ihrem Tag, machten Pläne für den Abend. Man traf sich, bevor man gemeinsam ausging. Die Aufzüge lagen am hinteren Ende der Lobby. Nick stellte sich in die Nähe der Rezeption, wo weniger Trubel herrschte. So konnte Tess ihn sofort erblicken, als sie aus ihrem Zimmer kam. Anders als die meisten Frauen, die er kannte, war Tess ein Pünktlichkeitsfanatiker.

Das rührte wahrscheinlich noch vom Leben im Internat her, wo Schulglocken einen von einem Platz zum nächsten beorderten und Trödeln bestraft wurde. Noch etwas, das sie gemeinsam hatten … die Internatsschule, wohin lästige Kinder abgeschoben wurden. Er war ganz sicher, dass Tess ihm da zustimmen würde – ihr Kind würde nie auf ein Internat kommen. Wenn sie denn eins haben würden.

Diese Idee mit der Vaterschaft war noch nicht endgültig entschieden. Im Moment spielte Nick noch mit den verschiedenen Faktoren, wägte ab, suchte nach Möglichkeiten, einen Rahmenplan aufzustellen, mit dem er leben konnte. Das mit der Eheschließung mit Tessa war halb so wild. Papierkram, mehr nicht. Ein für beide Seiten akzeptabler Vertrag. Das mit dem Kind war erheblich schwieriger.

Enriques Herausforderung hatte Nick zum Nachdenken darüber angeregt, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen sollten. Aus eigener Erfahrung hatte er eine ziemlich lange Auflistung auf der Negativseite sammeln können, aber die Punkte auf der positiven Seite waren keineswegs eine leichte Aufgabe. Damit würde man sich sehr genau auseinander setzen müssen.

Wenn er diese Sache überhaupt tatsächlich durchzog.

Enrique hatte sich da etwas wirklich Ausgekochtes einfallen lassen. Um die eigenen Brüder kennen zu lernen, musste Nick ein eigenes Kind zeugen. Ein Kind war völlig abhängig von den Eltern. Die Brüder dagegen mussten alle erwachsene Männer sein, die er vielleicht nicht einmal sympathisch finden würde, geschweige denn Bruderliebe für sie empfinden konnte. Vielleicht war es den ganzen Aufwand nicht wert.

Aber dass sie einander bewusst vorenthalten worden waren …

Absolut inakzeptabel.

Der Geräuschpegel in der Lobby änderte sich. Nick sah, wie sich die Köpfe zu der breiten Treppe drehten, die vom Zwischenlevel, wo sich das Restaurant befand, in die Lobby führte. Sicher ein Filmstar, der sich zur Premiere aufmacht, dachte Nick und schaute zur Treppe, in der Erwartung, dort ein bekanntes Gesicht zu erblicken.

Ja, das Gesicht kannte er tatsächlich, aber es dauerte einen Moment, bevor er wirklich begriff, was er sah.

Tess, die die Treppe herunterkam wie eine Filmdiva.

Tess, die so umwerfend aussah, so traumhaft schön, dass sie sowohl die eigene wie auch seine Mutter zusammen in den Schatten stellte.

Ihr rotes Haar, betont durch goldene Strähnchen, fiel in langen Locken wie ein seidiger Vorhang über ihre perlmuttfarben schimmernden Schultern. Ihr Gesicht, umrahmt von dieser Aureole und von kunstvoll aufgetragenem Make-up verschönert, strahlte mit Sicherheit Starqualitäten aus, die blauen Augen leuchteten mit ihrem Lächeln um die Wette.

Sie trug ein Kleid, das auf jedem roten Teppich der Welt Aufsehen erregt hätte. Fliederfarbene Spitze mit winzigen silbernen Perlen bedeckte kaum ihre Brust. Das verführerische Dekollete lief in Falten fliederfarbenen Chiffons aus, der sich eng um ihre schmale Taille schmiegte, um weiter in Rauchgrau und dunklem Violett hinabzufallen. Ein Schlitz an der Seite ließ den Blick auf einen perfekt geformten Schenkel frei, die zierlichen Füße steckten in silbernen Riemchensandaletten mit hohem Absatz.

Passend dazu der Schmuck: ein Diamantarmband am Handgelenk, lange Diamantohrringe, die im Ohrläppchen baumelten, und um den Hals eine Diamantkette aus unzähligen kleineren Steinen, von deren Ende ein großer tropfenförmiger Solitär herabhing. Die Erbin des Minenimperiums stellte ihr Licht heute Abend wahrlich nicht unter den Scheffel!

Dieses Bild von Tess verursachte seltsame Dinge in Nicks Magen.

Und noch schlimmere in seiner Lendenregion.

Was wiederum bewirkte, dass sein Hirn mehr oder weniger den Dienst quittierte.

Tess blieb auf halber Höhe der Treppe stehen. Sie hatte Nick erblickt, bevor sie den gefährlichen Abstieg auf diesen sexy Pfennigabsätzen begonnen hatte, die unbedingt zu diesem Kleid getragen werden mussten. Zuerst hatte er noch woanders hingeschaut, doch jetzt hatte sie auch seine volle Aufmerksamkeit. Er starrte unablässig und direkt in ihre Richtung. Aber er rührte sich nicht. Er kam nicht auf sie zu, um sie zu begrüßen.

Sein perplexer Gesichtsausdruck bereitete ihr diebisches Vergnügen. Nur weil sie es sich während ihrer geschäftlichen Beziehung zum Prinzip gemacht hatte, sich nicht auffällig schick zu kleiden, um nicht zu der endlosen Anzahl Frauen zu gehören, die alles daransetzten, ihm zu gefallen, hieß das nicht, dass sie es nicht mit den Glamourösesten von ihnen aufnehmen konnte. Schließlich brauchte man dazu nicht mehr als einen meisterhaften Coiffeur, Zeit im Schönheitssalon, einen Einkaufsbummel. Und Geld, natürlich. Kleider machen Leute … der alte Spruch hatte seine Gültigkeit nicht verloren.

Wenn schon, denn schon. Wenn sie ihm schon die Neuigkeit über ihr gemeinsames Kind eröffnen musste, dann wollte sie Nick eine kleine Erinnerungshilfe geben, warum er sich in jener Nacht zu ihr hingezogen gefühlt hatte. Sie hätte nicht sagen können, ob es weiblicher Stolz war, der sie antrieb, oder ein primitives Bedürfnis, ihn so aus den Schuhen zu hauen, dass er sich noch einmal genau überlegte, wie er sich ihre Beziehung vorstellte.

Es war jetzt fast ein Jahr her, dass er dieser explosiven, wilden Nacht den Rücken gekehrt hatte. Und sie somit gezwungen hatte, es ebenfalls zu tun. Sah er die Bilder in diesem Moment wieder vor sich? Stand er deshalb so regungslos da? Böse Tess, unartiges Mädchen! Da rührte sie alles wieder auf! Unverschämte Tess, die ein Mal nicht vernünftig sein wollte!

Rebellisch hob sie leicht das Kinn. Nick hatte sie in eine Ecke gedrängt, und dagegen wehrte sie sich. Fein! Wenn er nicht auf sie zukam, würde sie eben zu ihm gehen. Würde ihn zwingen zuzugeben, dass er heute Abend mit ihr hier war. Und zwar auf seine Veranlassung hin!

Tess ging weiter die Treppe hinunter, der Ärger verlieh ihr eine rigidere Haltung, machte ihre Schritte energischer. Ein Bewusstsein für grundlegende Höflichkeit musste wohl durch den anfänglichen Schock gedrungen sein, denn jetzt kam Nick endlich auf die Treppe zu, und die Menschen im Foyer machten Platz für ihn, so wie Moses das Rote Meer geteilt hatte – wie immer.

Ihn umgab die charismatische Aura des großen dunkelhaarigen, attraktiven Mannes, vor allem in Abendgarderobe. Und etwas an seinem Latin-Lover-Aussehen ließ einem eine angenehme Ahnung von Gefahr über den Rücken kriechen, die die sinnliche Ausstrahlung dieses Mannes noch erhöhte.

Als Tess ihm zum ersten Mal begegnet war, hatte sie gedacht, dass es wohl keine Frau auf der Welt geben konnte, die nicht zumindest den flüchtigen Wunsch verspürte, ihn in ihr Bett zu locken, nur um zu sehen, wie es mit ihm sein würde. Das Problem war nur … Nick wusste es. Etwas in ihr hatte Tess getrieben, diese Regung zu unterdrücken. Sie wollte die glorreiche Ausnahme sein von all den Frauen, die ihm im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen sanken.

Sie war keine Ausnahme.

Sobald er die Möglichkeit hatte durchblicken lassen, mit ihm zu schlafen, war sie gesunken. Und sie würde wieder sinken, sollte sich eine zweite Chance ergeben. Zweifelsohne wäre es sehr viel einfacher, ihm von seinem Sohn zu berichten, wenn sie nebeneinander im Bett lagen.

Allerdings … sollte sie ein Feuer in ihm entfacht haben, so hielt er es eisern eingedämmt, als er am Fuße der Treppe zu ihr trat und sie mit einem galanten Handkuss begrüßte.

„Hollywood pur, Tess“, murmelte er mit den Lippen an ihrer Haut. Dann lächelte er sein spöttisches kleines Lächeln und zog eine Augenbraue hoch. „Schon in Stimmung für die Premiere?“

Kleine Stromstöße liefen ihren Arm hinauf, Adrenalin ergoss sich in ihr Blut und versetzte ihren Verstand in Verteidigungsmodus. Der letzte Funken Hoffnung, es könnte etwas anderes von Nick kommen als platonische Freundschaft, erstarb in ihrem dummen, albernen, verletzlichen Herzen.

„Ich dachte mir, für einen öffentlichen Auftritt im Rampenlicht sollte ich meine Messlatte etwas höher anlegen als üblich.“ Sie wollte sachlich, nüchtern klingen, auf keinen Fall vertraulich.

In seinem Lachen klang Spott mit. „Du hast die Messlatte nicht nur höher gelegt, du hast sie unüberwindbar für jegliche Konkurrenz gemacht.“

„Ich konkurriere nicht“, stritt sie hastig ab und verabscheute die Vorstellung, dass er das denken könnte. „Habe ich es übertrieben? Bist du deshalb dort stehen geblieben, statt mich zu begrüßen?“

Er schüttelte den Kopf, amüsiert über den plötzlichen Riss in ihrem Selbstbewusstsein. „Nein, du hast nicht übertrieben, Tess. Um genau zu sein, du hast stehende Ovationen verdient. Ich war einfach nur nicht auf diesen grandiosen Auftritt vorbereitet.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich kann durchaus die Tochter meiner Mutter sein, wenn ich will. Und warum sollte ich nicht wollen, wenn ich zu einer Premiere gehe?“

„Ja, warum nicht? Ich brauchte nur einen Moment, um mich an dieses Image von dir zu gewöhnen.“

„Du hast mich auch vorher schon zurechtgemacht gesehen“, kam es ihr unwillkürlich über die Lippen, weil sie ihn unbedingt erinnern wollte, dass er sie schon einmal verführerisch gefunden hatte. An jenem Abend, als sie zu der Produkteinführungsparty gegangen waren. Getrennt. Und danach gemeinsam im Bett gelandet waren.

Die dunklen Wimpern senkten sich über seine Augen, wohl um seine Reaktion auf die Erinnerung zu verschleiern. Er verzog den Mund zu einem provozierenden Lächeln. „Spielst du etwa mit dem Feuer, Tess?“

Hitze schoss an ihrem Nacken hoch und kroch in ihre Wangen, und innerlich verfluchte sie ihre helle Haut, die wie ein Barometer jede ihrer Gefühlsregungen anzeigte. Verwirrung fand ihr Ventil in einer Gegenattacke.

„Du hast die gezogenen Grenzen durchbrochen, Nick. Ich bin nicht diejenige, die dich gebeten hat, mich heute Abend zu begleiten.“

„Stimmt, das war ich.“ Trotzdem … mit seinem Lächeln vermittelte er ihr den Eindruck, sie sei nicht anders als die anderen, die versuchten, eine Einladung in sein Bett zu ergattern.

„Was nun den grandiosen Auftritt angeht … den hast du ebenfalls selbst provoziert.“ Das Bedürfnis, die Waagschalen ausgeglichen zu halten, erlangte rasant ein Eigenleben. „Erst bist du so mit deiner eigenen Welt beschäftigt, dass du mich nicht einmal wahrnimmst, und dann, als du mich endlich siehst, hältst du es nicht für nötig, mir entgegenzukommen. Stattdessen lässt du mich die ganze Treppe allein heruntersteigen.“

„Sag jetzt nicht, du hättest das allgemeine Aufsehen nicht genossen.“

„Zu deiner Information, Nick Ramirez: Ich bin für den Anlass entsprechend angezogen. Und anstatt deinem männlichen Ego zu schmeicheln und zu denken, ich hätte das nur getan, um dich zu beeindrucken … vielleicht solltest du mich jetzt endlich nach oben eskortieren, damit wir im Restaurant noch einen Bissen zu uns nehmen können, bevor wir ins Filmtheater müssen.“

„Ganz zu Diensten“, fügte er sich, diesmal mit einem offenen Lächeln. Er nahm ihre Hand, die er immer noch hielt, und legte sie sich auf den Arm. „Deine spitze Zunge hat mich gerade wieder daran erinnert, warum du mir so gefehlt hast.“

„Hat das geschäftige Bienchen sich etwa mit zu viel Honig den Magen verdorben?“ Sie wusste, dass sie die Grenzen des Takts überschritt, und doch … Sie war maßlos eifersüchtig auf all seine verschiedenen Frauen. Allerdings war es keine gute Idee, das mit spitzen Bemerkungen auch noch einzugestehen.

Zu ihrer Erleichterung lachte er auf, die grünen Augen funkelten amüsiert. Das stählerne Rückgrat, das ihr der Stolz zu wahren vorschrieb, begann rapide zu schmelzen. Es war einfach nicht fair, dass ein einzelner Mann so attraktiv war. Wäre es nur das Aussehen, würde es vielleicht nicht so schwierig sein, Distanz zu wahren. Aber sie schwammen auch auf einer gemeinsamen Wellenlänge, waren in vielen Bereichen einer Meinung, und jedes Mal in seiner Gesellschaft erfasste Tess das unbändige Sehnen, Nick Ramirez als ihren Mann für sich ganz allein zu haben.

Das Wissen um die Unmöglichkeit schmälerte leider nicht das Begehren. Normalerweise begegnete Tess diesem Verlangen, indem sie sich sachlich und nüchtern gab, aber heute Abend gelang es ihr nicht wie sonst. Sechs Monate lang hatte sie keine Übung mehr gehabt, und das Bewusstsein, dass sich so oder so alles zwischen ihnen ändern würde, raubte ihrem vormaligen Entschluss die Kraft.

Deshalb konnte sie genauso gut offen sein. Sie hielt ihre Stimme unbeschwert, um ihren wunden Punkt anzusprechen. „Dann erzähl mir, warum du deine aktuelle Bettgespielin hast fallen lassen, um heute Abend mit mir auszugehen.“

Nick zuckte die Schultern. „Es traf sich gerade so. Sie war bereits auf dem Sprung.“ Er grinste trocken. „Da stand schon der nächste Kandidat wartend vor der Tür.“

„Weil ihr klar wurde, dass du ihr niemals einen Ring an den Finger stecken wirst?“

„Ich habe nie, bei keiner Frau, falsche Erwartungen geweckt, Tess.“

„Was allerdings auch keine davon abgehalten hat, sich Hoffnungen zu machen. Schließlich gehört es mit zum Handel.“

„Was für ein Handel?“

„Das weißt du doch ganz genau. Es gehört nun mal zu der Welt, in die wir beide hineingeboren wurden. Männer entscheiden sich für die schönste Frau, die sie sich leisten können, Frauen suchen sich den reichsten Mann, den sie für sich gewinnen können.“

Ihr Vater und seine Mutter waren Paradebeispiele für diese Regel.

„Ich kaufe meine Frauen nicht“, stritt Nick ab.

Sie warf ihm einen spöttischen Blick zu. „Natürlich tust du das. Du kaufst sie, indem du bist, wer du bist. Allerdings bringst du nicht einen Handel zum Abschluss. Es dauert, bis den Frauen klar wird, dass du zwar in ihr Schlafzimmer kommst, aber nicht vorhast, dort zu bleiben. Wahrscheinlich ist jede Einzelne von ihnen überzeugt, sie sei die eine, die dich zum Bleiben bewegen kann.“

„Hoffnungen anderer kann ich nicht kontrollieren, aber ich habe sie nie genährt.“

„Ein Ehrenmann?“

„Täuschungen habe ich schon immer gehasst, Tess.“

Eine Bemerkung, bei der ihre Nerven zu flattern begannen. Weil sie etwas vor ihm zurückhielt. Vielleicht sollte sie es jetzt einfach herausposaunen, sollte ihm die Nachricht mit seiner Vaterschaft vor den Kopf schlagen und beobachten, wie er mit der Neuigkeit umging. Andererseits … bisher wusste sie nicht, was er von ihr wollte. Es musste einen Grund geben, warum er sie heute Abend hatte begleiten wollen. Es lag sicherlich nicht nur an seiner Sehnsucht nach ihrer spitzen Zunge.

Das mit der Vaterschaft konnte also noch ein wenig warten, erst wollte sie ihre Neugier befriedigen.

„Würde dir eine Käseplatte reichen, oder möchtest du etwas Solideres?“, fragte Nick, als er Tess auf einen leeren Tisch in dem Restaurant zusteuerte. „Was möchtest du trinken?“

„Hm … einen cremigen Brandy Alexander und dazu ein großes Stück Schoko-Sahne-Torte.“ Sie würde sich heute Abend diesen sündigen Genuss erlauben, weil sie sich so dünnhäutig fühlte. Auf seinen erstaunten Blick hin fügte sie trocken hinzu: „Du bist nicht in Gesellschaft eines Kalorien zählenden Models. Ich habe einfach Lust, mich zu verwöhnen.“

Sein Lächeln wurde warm. „Ein paar Kurven schaden nichts.“ Sein Blick fiel auf ihren Ausschnitt und brachte schon wieder einen roten Schimmer auf ihre verräterische Haut. Noch mehr errötete sie, als sie das lustvolle Aufblitzen in seinen Augen sah, die sie anlächelten. „Ich gehe und bestelle. Dann geht es schneller. Bin gleich wieder da.“

Sie nickte stumm, sagte sich in Gedanken, dass ihr Aufzug eine solche männliche Reaktion geradezu herausforderte, und Nick hatte es soeben nur bestätigt. Sie sollte sich freuen, sie wollte doch von ihm begehrt werden. Aber nicht, weil sie heute ihre großzügige Oberweite in dem Kleid zeigte. Das stellte sie in die gleiche Kategorie wie die anderen Frauen.

Tess schüttelte verwirrt den Kopf über sich selbst. Was erwartete sie sich von dem Abend mit Nick? Eines durfte auf jeden Fall nicht geschehen – er durfte nicht herausfinden, welche Sehnsüchte er in ihr schürte. Es war schlimm genug, dass sie sich sinnlich erregt fühlte, wenn sie bisher noch keine Antwort von ihm bekommen hatte. Reichlich Reaktionen von ihrer Seite, ohne irgendeine Begründung für seine Aktionen. Sie atmete tief durch und beschloss, die Initiative zu übernehmen. Sobald er zurückkam, würde sie ihn zur Rede stellen.

Doch bevor sie sich einen entsprechenden Ansatz überlegen konnte, ließ Nick sich auch schon wieder auf seinen Stuhl ihr gegenüber gleiten. Offensichtlich hatte er ein Gespräch im Sinn, das er auch sofort eröffnete.

„Und wo liegt deine Position in dem Handel, Tess?“

Sie sah ihn verständnislos an. „Von welchem Handel redest du?“

„Du weißt schon, von dem, wenn die Männer sich die schönste Frau leisten und die Frauen sich den reichsten Mann angeln können.“

„Ich passe nicht in dieses System.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Vermutlich lässt sich eine Erbin nicht von dem Reichtum trennen, den sie mitbringt. Was nun eine Heirat betrifft, so würden Männer wohl immer mehr Augenmerk auf mein Vermögen als auf mich richten.“

„Ist das der Grund, weshalb du lieber allein bleibst, Tess? Du traust keinem Mann zu, dich um deiner selbst willen zu lieben?“

Sie betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn. „Versuchst du dich schon wieder als Psychoanalytiker, Nick? Du bist nämlich nicht besonders gut darin. Beim letzten Mal lautete deine Diagnose, zu viele Männer hätten mich benutzt, und deshalb sei ich zur Eiskönigin geworden. Und alles nur, weil ich nicht auf dein Spiel hereingefallen bin.“

„Auf mein Spiel?“

„Ja, das Spiel, in dem du Wellen von sexuellem Magnetismus aussendest, die mich zu Wachs in deinen Händen machen sollen.“

Bei ihrer Beschreibung verdrehte er die Augen. „Ich habe nicht versucht, Wellen auf dich auszusenden.“

„Nein, um fair zu bleiben, sollte man wohl sagen, dass sie ganz natürlich von dir ausströmen. Aber du warst eindeutig angesäuert, weil ich widerstanden habe. Warum sonst solltest du mich als Eiskönigin bezeichnen?“

„Weil du deine Weiblichkeit verneinst, Tess“, hielt er ihr vor. „Ständig trägst du diese geschlechtslosen Jeans. Hemden, kein Make-up, das Haar unschmeichelhaft zurückgebunden …“

„Wenn ich arbeite, brauche ich niemanden mit meinem Aussehen zu beeindrucken. Als Agentin muss ich das äußere Erscheinungsbild meiner Klienten verkaufen. Da ist es wohl besser, wenn ich die Aufmerksamkeit nicht auf mich lenke.“

„Na schön, dann habe ich das wohl missverstanden.“ Es zuckte um seine Mundwinkel. „Und du hast mir bewiesen, wie sehr ich mich irrte. Es ist lange vorbei, dass ich Eis mit deiner Sexualität in Verbindung brachte.“

„Es ist kaum ein Jahr her“, korrigierte sie ihn. Dabei fiel ihr wieder ein, dass sie ihm immer noch von Zack erzählen musste.

„Ich kenne dich jetzt besser, Tess.“

„In intimer Hinsicht.“ Sie war fest entschlossen, ihm erneut vor Augen zu führen, was sie nicht vergessen konnte. Und das Resultat ihrer Intimität musste sie ihm auch noch präsentieren.

„Hättest du etwas dagegen, wenn wir uns wieder so nahe kämen, Tess?“

Ein Schuss, abgefeuert aus heiterem Himmel. Keine Einleitung, kein Vorspiel, keine verführerischen Anspielungen. Sex offen auf den Tisch gelegt. Es war an ihr, zuzugreifen oder abzulehnen.

Die Frage raubte ihr den Atem und machte sie sprachlos. Sie hätte sowieso keinen zusammenhängenden Satz herausbringen können, dazu war der Schock zu groß. Die Leere dröhnte in ihrem Kopf, das rhythmische Echo ihres rasenden Herzschlags.

Ein Ober trat an den Tisch, servierte Drinks und Schokoladentorte. Eine willkommene Unterbrechung. Nick würde keine Antwort erwarten, bis sie nicht wieder allein waren.

Er lehnte sich zurück und musterte sie abwartend. Und in Tess breitete sich die beunruhigende Ahnung aus, dass er seine gesamte dynamische Energie sammelte, um ihre Antwort niederrollen zu können und genau das zu erreichen, worauf er aus war.

Aber warum? Und warum ausgerechnet jetzt?

4. KAPITEL

Nick fragte sich still, ob er den sexuellen Ansatz nicht besser hätte weglassen sollen. Tess war schockiert, man sah es ihr deutlich an. Damit hatte sie nicht gerechnet, und möglicherweise zog sie sich jetzt zurück.

Er hatte ihren provozierenden Treppenabstieg auf sich bezogen, als eine bewusste Verführungstaktik angesehen. Aber vielleicht war einfach nur weibliche Lust an der Freude der ausschlaggebende Grund gewesen. Vielleicht hatte sie es nur getan, weil sie es konnte, und freute sich an der allgemeinen Aufmerksamkeit und der Bewunderung. Möglicherweise erschien ihr dieses Benehmen nach den sechs Monaten mit ihrer Mutter in L. A. völlig normal.

Das Problem war nur … er war verführt worden.

Verführt, daran zu denken, wie es gewesen war, als nichts als Hitze und Leidenschaft zwischen ihnen geherrscht hatte. Ein Fehler, hatte er sich gesagt, sich mit einer sehr nützlichen Geschäftsverbindung einzulassen, aber die Wahrheit war … er fühlte, wie er mit Tessa Steele in immer gefährlichere Gewässer glitt. Sein Überlebensinstinkt hatte alarmiert aufgeschrien – so schnell wie möglich raus hier und nie wieder dahin zurück. Die Wellen schlugen höher und höher, und er hatte sich diesen Konsequenzen nicht stellen wollen.

Eine Ehe … das war nun wieder etwas völlig anderes. Und wenn er ein Kind mit Tessa haben wollte, würde er mit dieser Konsequenz wohl umgehen müssen.

Den großartigen Sex mit ihr betrachtete er als Bonus und auch als Anreiz für sie, sich mit dem Gedanken an eine Ehe mit ihm anzufreunden. Zwischen ihnen herrschte zweifelsfrei eine Chemie, die, ließ man ihr freien Lauf, geradezu explosiv war.

Tess saß jetzt sehr still da, während der Kellner sein Tablett ablud. Stumm, angespannt, den Blick starr auf die flinken Hände des Mannes gerichtet. Sobald der Ober sich vom Tisch entfernte, nahm sie die Kuchengabel auf und stach damit ein Stück der Torte ab, führte die Gabel zum Mund. Aß jedoch nicht, sondern fixierte Nick über der hochgehaltenen Gabel mit eisblauem Blick.

„Das ergibt keinen Sinn, Nick. Wieso solltest du auf einmal Interesse an einem weiteren One-Night-Stand mit mir haben?“

„Nun, soweit ich mich entsinne, handelte es sich dabei doch um eine durchaus wiederholenswerte Episode.“

Ihre Wangen wurden rot, aber ihr Blick blieb fest. „Ich dachte immer, du seist mehr für ein lockeres Kommen und Gehen.“

„In der heutigen Welt ständig wechselnder Partner scheint mir das auch die vernünftigste Lösung. Es verursacht weniger Kummer.“

„Dann sollten wir doch wohl unter die Kategorie ‚erledigt‘ fallen. Warum das Ganze noch einmal aufrollen?“

„Ich hatte nicht unbedingt eine einzelne Nacht im Sinn.“

„Du solltest besser erklären, was genau du im Sinn hast, Nick, denn im Moment kann ich dir nicht folgen.“

Sie schob sich den Bissen Schokoladentorte in den Mund. So würde er Gelegenheit haben, ohne Unterbrechung zu reden. Den Blick hielt sie jedoch durchdringend auf sein Gesicht gerichtet. Sie würde sich nicht das kleinste Mienenspiel entgehen lassen.

„Bei einer engeren Beziehung zwischen uns würdest du zumindest sicher sein können, dass es nichts mit deinem Geld zu tun hat.“ Er tastete sich vorsichtig voran, versuchte ihre Gefühle zu respektieren. „Nichts würde mich dazu bringen, die Steele-Milliarden anzurühren.“

Ein verächtliches kleines Lachen entschlüpfte ihr. „Ich dachte, das gilt auch für mich.“

Er verstand nicht. „Was meinst du?“

„Nun, nach unserem … spontanen kleinen Zwischenspiel konntest du dich nicht schnell genug absetzen. Du hast mich nicht wieder angefasst. Mir scheint, du warst entsetzt, dass du dich selbst in flagranti mit Brian Steeles Tochter erwischt hast.“

„Glaubst du, es kümmert mich, wer dein Vater ist?“ Ein solcher Gedanke erstaunte ihn. „Väter sind irrelevant für mich, Tess. Wir alle sind für unser eigenes Leben verantwortlich.“

„Irrelevant also …“, wiederholte sie nachdenklich und nahm noch einen Bissen Kuchen in den Mund. „Na schön, gehen wir mal davon aus, dass du nicht an meinem Geld interessiert bist. Wer mein Vater ist, ist ebenfalls unerheblich für dich, auch wenn du ihn mal für deinen gehalten hast und von ihm zurückgewiesen wurdest …“

„Das ist längst vergessen, Tess.“

„Ist es das?“ Sie warf ihm einen spöttischen Blick zu. „Bisher dachte ich immer, wir seien durch unsere Erfahrungen geprägt. Die Vergangenheit steckt in uns, ist unser Antrieb, macht uns zu dem, was wir sind. Väter, zum Beispiel … ich liebe meinen.“

„Dagegen ist auch nichts einzuwenden“, versicherte er schnell. „Ich habe kein Problem mit Brian Steele. Er hat schließlich nur die Wahrheit gesagt – ich bin nicht sein Sohn. Und dass du seine Tochter bist, stört mich nicht.“

Es amüsierte Nick sogar, dass der Mann, den er einstmals für seinen Vater gehalten hatte, nun möglicherweise sein Schwiegervater werden würde.

Tess schüttelte den Kopf. „Damit ich es richtig verstehe … Aus unserer einen Nacht konnte deiner Ansicht nach nicht mehr werden, weil wir zusammenarbeiten und eine Affäre zwischen uns die Dinge unschön verkompliziert hätte?“

„Genau.“

Der Hauptgrund war ein anderer gewesen. Nick war der Grube gefährlich nahe gekommen, in die auch alle Männer seiner Mutter gefallen waren – nämlich die Kontrolle zu verlieren und sich wegen einer Frau zum Narren zu machen. Eine einzige Nacht mit Tess hatte ihm gezeigt, wie süchtig er nach ihr werden könnte. Instinktiv war Nick davor zurückgeschreckt, einer Frau solche Macht über sich zu verleihen. Wenn sich die Dinge jedoch auf einer vernünftigen Basis arrangieren ließen … und Tess war schließlich eine vernünftige Frau …

„Und jetzt, nach meiner sechsmonatigen Abwesenheit …“, spann sie den logischen Faden weiter, „… während du weiterhin mit meiner Agentur zusammengearbeitet hast, hast du die Situation noch einmal überdacht und bist zu dem Schluss gekommen, dass wir nun doch eine kleine Affäre miteinander haben können? Ist das der Punkt, an dem wir jetzt stehen, Nick?“

Ihr ungläubiger Ton sagte ihm, wie wenig sie von seinem Vorschlag halten würde, aber er musste ihn trotzdem machen. Je eher, desto besser. Damit sie weiterkamen.

„Ich hatte weniger an eine Affäre gedacht, Tess, sondern an eine Ehe. Wir sollten heiraten. Und ein Kind zusammen haben.“

Zu behaupten, Tess sei wie vom Donner gerührt, wäre die Untertreibung des Jahres. Hysterie wollte sich in ihr breit machen, wollte sie herausschreien lassen: Aber wir haben doch schon ein Kind. Allerdings blockierte das Wort „Ehe“ jegliche Reaktion in ihr.

Die ganze Zeit über hatte sie hin und her überlegt, wie sie ihm die Existenz seines Sohnes beibringen konnte. Mehrmals schien ihr der richtige Moment gekommen zu sein, doch dann hatte die Vorstellung, Nick sei an einer Affäre mit ihr interessiert, sie wieder abgelenkt.

Aber eine Ehe …! Nick als ihr Mann … Der unmögliche Traum wäre wahr geworden.

Allerdings redete er nicht von Liebe – von seiner Seite wäre das auch völlig absurd. Es war elf Monate zu spät, um Gefühle ins Spiel zu bringen. Was er allerdings erwähnt hatte, war eine Wiederholung der gemeinsamen sexuellen Erfahrung. Nur … seit wann heiratete man, wenn man miteinander schlafen wollte?

Blieb nur ein Faktor – ein gemeinsames Kind.

Mal davon abgesehen, dass sie bereits ein Kind zusammen hatten … Wieso sollte Nick, ein Mann, der jedwede verantwortungsvolle Bindung mied wie die Pest, plötzlich ernsthaft mit dem Gedanken spielen, Vater zu werden? Er hatte auch nichts davon gesagt, warum er ausgerechnet sie als seine Ehefrau wünschte. Warum er überhaupt eine Ehefrau wünschte! Für die Institution Ehe hatte er bisher nur Verachtung übrig gehabt, hatte sie eine „Besitzerfalle“ genannt, in die nur Narren freiwillig tappten.

„Das ist mal eine Überraschung“, sagte sie schließlich lahm.

„Hoffentlich keine unangenehme.“ Er lächelte, wollte sie mit seinem magnetischen Charme auf seine Seite ziehen. „Ich bin überzeugt, wir würden gut miteinander zurechtkommen.“

Seine Stimme hätte die einer männlichen Sirene sein können – lockend, verführerisch, unwiderstehlich. Aber die schmerzlichen Erfahrungen der Vergangenheit hielten Tess davon ab, sich kopfüber in ein emotionales Minenfeld zu stürzen.

„Was ist los, Nick? Ist die Katze das Mausen leid?“ Über den Rand ihres Glases sah sie ihn durchdringend an, während er eine passende Antwort formulierte.

„Ich denke, Monogamie mit der richtigen Frau hat durchaus auch bequeme Seiten.“

Tess nippte an ihrem Brandy. Es schmeichelte, als die „richtige Frau“ eingestuft zu werden, aber das war wohl eher zynisch gemeint. Der Schwerpunkt lag hier auf „bequem“.

„Du wärst also tatsächlich bereit, mit deiner Frau zusammenzubleiben, ihr treu und gehorsam ergeben zu sein, bis dass der Tod euch scheidet?“

Er schnitt eine Grimasse. „Ich rede von einer Partnerschaft, Tess, nicht von einem lebenslangen Gefängnisurteil. Und wie jede Partnerschaft sollte sie halten, solange sie funktioniert. Wenn sie uns nicht mehr gibt, was wir brauchen, kann sie aufgelöst werden.“

Kurz gesagt, er würde genau das tun, was er wollte. Wie immer. Aus Nick Ramirez’ Mund war keine unsterbliche Liebeserklärung zu erwarten. Dieser Mund war zum Küssen geschaffen, versprach unendliche Lust und körperliche Freuden, aber eine lebenslange Liebe? Sicher nicht!

„Behauptest du nicht immer, die maximale Existenzdauer für Leidenschaft liege bei zwei Jahren?“ Sie lächelte ihn spöttisch an. „Selbst wenn du dich während meiner Abwesenheit vor Sehnsucht nach mir verzehrt haben solltest, gibst du unserer Ehe eine längere Lebensdauer?“

Er nickte. Und Tess konnte es nicht fassen. Nick Ramirez, der ihr eine Bindung anbot, die über die Hitze der Gefühle hinausging?

„An diesem Punkt setzt dann der Teil mit dem ‚bequem‘ ein“, erklärte er. „Ich habe deine Gesellschaft immer genossen, Tess. Ich war nie gelangweilt mit dir, und du hast mir auch nie das Gefühl vermittelt, ich würde dich langweilen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich das in absehbarer Zeit nicht ändern wird. Was meinst du dazu?“

„Ich weiß nicht. Unsere sporadischen Treffen können wohl kaum dazu herangezogen werden, diese Annahme zu untermauern. Es erstaunt mich, dass du willens bist, deshalb eine Ehe in Betracht zu ziehen. Erstaunt, dass du überhaupt an eine Ehe denkst.“ Sie zog herausfordernd eine Augenbraue hoch. „Willst du mir nicht den Grund dafür nennen?“

Die Schotten fielen so schnell, dass Tess meinte, das Zuschlagen zu hören. Neonzeichen leuchteten auf: Privat – streng geheim – unzugängliche Information. Nick Ramirez würde es keiner Frau erlauben, hinter die Mauern zu blicken, die sein Herz umgaben. Auch einer Ehefrau nicht.

Eines allerdings wurde ihr aus seiner Reaktion klar: Das Motiv für diesen Heiratsantrag war sehr persönlich und ging tief, sonst wäre Nick nicht so sehr darauf bedacht, es vor ihr geheim zu halten. Aus irgendeinem Grund brauchte er eine Ehefrau, und sie schien ihm die geeignetste Kandidatin für diesen Posten zu sein.

Tess – deren Sex-Appeal mit der einen Nacht noch nicht aufgebraucht war.

Tess – die nicht getobt und gewütet hatte, als er ihr den Rücken kehrte und zur nächsten Gespielin überging.

Tess – die ihn nicht finanziell ruinieren würde, wenn die Zeit für die Trennung kam, weil sie selbst mehr als genug Geld im Rücken hatte.

Die ach so vernünftige Tess, die ihm keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten würde, wenn er sein persönliches Ziel erst erreicht hatte.

Eine Welle grimmigen Unmuts wallte in ihr auf, während sie auf Nicks Antwort wartete. Kommt überhaupt nicht infrage, dachte sie gallig. Sie würde sich nicht zu einer Komparsin in seinem kleinen Stück herabsetzen lassen, zu einer Marionette, für die er nichts empfand, sondern die er nur nach Belieben benutzte. Sie war kurz davor zu explodieren und ihm einige Wahrheiten an den Kopf zu werfen. Das Gefühl, jeden Moment aus der Haut fahren zu müssen, wuchs, während sie ihn musterte. Kein Lächeln auf seiner Miene, als er den Blick seiner ernsten grünen Augen hob, um ihrem zu begegnen.

„Es geht darum, ein Kind zu haben“, sagte er leise. „Unser Kind soll in einem stabilen Zuhause aufwachsen, etwas, das wir beide nicht gekannt haben. Darin stimmst du doch mit mir überein, Tess, oder? Wir erinnern uns beide nur zu gut, wie es war, und deshalb …“, sein Blick bohrte sich in ihre Augen, „… werden wir es anders machen. Besser.“

Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, ließ die Tirade, die ihr auf der Zunge gelegen hatte, verpuffen.

Nick wusste von Zack. Das musste es sein. Sein Heiratsantrag zielte darauf ab, ihrem Kind ein Heim zu bieten, in dem beide Eltern unter einem Dach lebten, Stabilität, Geborgenheit …

„Ich glaube wirklich, wir haben eine gute Chance“, bekräftigte er noch einmal.

In ihrem Kopf überschlug sich alles. Nie hätte sie damit gerechnet, Nick könnte sich mit dem Gedanken an eine Vaterschaft anfreunden, geschweige denn, er würde auf die altmodische Vorstellung verfallen, um des Kindes willen zu heiraten. Das Baby war bereits geboren, war Nicks Baby genauso wie ihres. Hatte das eine Art Besitzerinstinkt in Nick geweckt?

„Du musst mich nicht heiraten“, sprudelte es aus ihr heraus. „Ich werde dir keine Steine in den Weg legen, wenn du Zack sehen willst. Ich bin sogar froh, dass du eine Rolle in seinem Leben spielen möchtest.“

„Zack?“ Eine tiefe Falte erschien auf Nicks Stirn.

Genau wie ihr Vater, der den Namen kritisierte! „Bis jetzt hast du noch keine Rechte über unseren Sohn, Nick“, entfuhr es ihr leicht schnippisch. „Du warst schließlich nicht anwesend, als ich ihn vor zwei Monaten zur Welt brachte, und deshalb …“

„Du hast … unseren Sohn … vor zwei Monaten … zur Welt gebracht …?“

Seine Stimme veränderte sich graduell von einem bedrohlichen Knurren zu donnerndem Gebrüll. Seine Miene war plötzlich finster und hart wie Stein. Aus seinen Augen blitzte Rage. Den Rücken steif durchgedrückt, schien er zum Angriff bereit.

Das Geräusch von berstendem Glas lenkte Tessas Blick auf Nicks Hand. Der lange Stiel des Cocktailglases war in der Mitte durchgebrochen, der obere Teil rollte über den Tisch, den unteren Stielteil hielt Nick mit eisernem Griff umklammert. Blut tropfte aus einem Schnitt in seiner Haut und vermengte sich mit dem ausgelaufenen Drink.

Und Tess wurde mit plötzlichem Entsetzen klar, dass Nick nicht einmal von Zack geahnt hatte!

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Collection Band 93" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen