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JULIA COLLECTION BAND 72

Verlorene Herzen

MINISERIE VON KAREN TOLLER WHITTENBURG

Katie – einfach süß

„Das Leben ist zu kurz, um nur zu arbeiten!“ Empört weist Katie die Avancen von Milliardär Adam Braddock zurück. Sie hält ihn für einen Wichtigtuer. Doch als er sie bittet, die Geburtstagsparty seines Großvaters auszurichten, sagt sie Ja – neugierig, ob hinter der rauen Schale des erfolgreichen Geschäftsmannes nicht doch ein leidenschaftliches Herz schlägt …

So kühl und doch so heiß

Nur widerwillig übernimmt Bryce Braddock die Leitung des Familienunternehmens von seinem Bruder. Einziger Lichtblick: dessen wunderschöne Assistentin Lara Richmond. Sofort fühlt Bryce sich zu ihr hingezogen, beißt bei der Blondine allerdings auf Granit. Warum ist sie derart distanziert? Bryce beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen und Lara zu verführen.

Es geschah in der Hochzeitsnacht

Thea Berenson ist verwirrt! Bisher hat kein Mann ernsthaft Notiz von ihr genommen – und plötzlich wird sie ausgerechnet vom überaus attraktiven Peter Braddock umworben. Was steckt hinter seinem Interesse? Fühlt sich der gut aussehende Architekt wirklich zu ihr hingezogen? Oder verfolgt er andere Pläne, von denen Thea nichts ahnt?

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Katie – einfach süß

PROLOG

Archer Braddock flüchtete sich vor dem Regen zur Haustreppe und klopfte mit seinem Gehstock gegen die Tür. Er mochte dieses Geräusch von Holz gegen Holz. Den hellen Ton einer Türklingel fand er dagegen lästig und aufdringlich. Aber ein Klopfen … ah, ein Klopfen war wie eine knappe Ankündigung, dass es ernsthafte Dinge zu besprechen gab. Hatte er Janey nicht schon immer gesagt, dass er einen Mann genauso nach seinem Anklopfen wie nach seinem Händedruck einschätzen konnte?

Wenn Janey jetzt hier wäre, würde sie ihn darauf aufmerksam machen, dass er sich mit seiner Idee, den Gehstock statt seiner Fingerknöchel zu benutzen, etwas vormachte. Doch die Arthritis hatte schon lange die Kraft seiner Hände gemindert, und der Tod hatte ihm seine Janey genommen. Dennoch war sie der Grund, warum er an diesem Tag vor dieser Tür Lanceshire Nummer 37 stand und darauf wartete, hereingelassen zu werden. „Oh, Janey, Janey“, murmelte er sanft. „Wünsch mir alles Glück, Liebes.“

Die Tür wurde geöffnet, gerade als der kalte Januarregen anfing richtig heftig niederzuprasseln, und ohne die formelle Einladung abzuwarten, betrat er die Eingangshalle. „Archer Braddock“, stellte er sich dem steif wirkenden Butler vor. „Ich habe um zwei Uhr eine Verabredung mit Mrs Fairchild.“

„Sehr wohl, Sir. Wir haben Sie erwartet.“ Der Butler schloss die Tür, und Archer nahm seinen Hut ab. Dabei fielen Regentropfen auf die Marmorfliesen.

„Haben Sie keinen Regenschirm bei sich gehabt, Sir?“, fragte der Butler, während er Archer geübt beim Ausziehen seines Mantels half und die Handschuhe entgegennahm.

„Nein. Ich fürchte, nein.“ Der Regenschirm lag im Wagen. Sein eigener Butler, Abbott, würde ihn niemals aus dem Haus lassen, ohne dass er für jeden erdenklichen Wetterwechsel ausgerüstet wäre. Offensichtlich gehörte das zum Stolz eines jeden Butlers. Aber Archer hatte den Regenschirm vergessen, als er auf den Wagen verzichtete. Er hatte sich nicht herfahren lassen, weil er nicht wollte, dass irgendjemand, auch nicht sein absolut verlässlicher Chauffeur, wusste, wo und mit wem er heute verabredet war.

„Ihr Schal, Sir?“ Der Butler stand bereit, den grauen Kaschmirschal entgegenzunehmen. Archer ließ die Hand noch einen kleinen Moment in den Falten des weichen Schals verweilen, ehe er ihn sich vom Nacken zog.

Der Schal war ein Geschenk von Janey gewesen, und seit jenem Winter vor so langer Zeit war er für Archer eine Erinnerung daran, dass Janey nie von seiner Seite wich – wenn auch nur in seiner Vorstellung. Und heute brauchte er mehr als jemals zuvor das Gefühl ihrer Nähe.

Der Butler faltete sorgfältig den Schal und legte ihn neben ­Archers Hut auf die Marmorplatte der Flurkonsole. „Mrs Fairchild ist im Arbeitszimmer“, sagte er. „Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“

Archer folgte ihm auf seinen Stock gestützt. Vor noch gar nicht so vielen Jahren hätte er seiner Umgebung keine Beachtung geschenkt. Er hätte die luxuriöse Einrichtung als selbstverständlich hingenommen und sich auf das bevorstehende Treffen eingestellt. Doch achtundsiebzig Sommer hatten ihm beigebracht, dass das Leben, ohne etwas dazuzutun, dahinjagte, und deshalb ging er jetzt gewollt – und notgedrungen – langsamer.

Er war noch nie zuvor in Ilsas Haus gewesen, hatte niemals die Gelegenheit oder den Grund gehabt, sie hier aufzusuchen. Bis jetzt. Und die Situation machte ihn, so albern es zu sein schien, ein wenig nervös. Der charmante Stil der Ausstattung ihres Hauses zerstreute jedoch seine nagenden Zweifel.

Neben den Spuren von Eleganz wie der Aubusson-Teppich in der Eingangshalle, ein Picasso an der Wand neben der Freitreppe zu den höher gelegenen Räumlichkeiten, Vasen mit frisch geschnittenen Blumen auf den Mahagonitischen in der sich nach innen öffnenden Halle, gab es auch Zeichen auf einen weniger anspruchsvollen Lebensstil, wie der Weidenkorb mit der Gartenschere, die Baumwollhandschuhe mit dem Blümchenmuster sowie die Lesebrille, die auf einem geöffneten Buch lag. Offensichtlich war die Hausherrin nicht überaus besorgt um Eindruck, den sie nach außen hin machte.

Der Butler ging ihm voraus quer durch die Eingangshalle auf eine offene Tür zu und meldete knapp: „Mr Archer Braddock.“

„Mr Braddock!“ Ilsa Fairchild erhob sich aus dem Ohrensessel vor dem gemütlichen Kaminfeuer, um ihn herzlich zu begrüßen. „Auf die Minute pünktlich. Bitte, kommen Sie herein!“

Archer betrat das Arbeitszimmer und schimpfte sich im Stillen einen Idioten, weil er sich darauf eingelassen hatte, diesen Auftrag auszuführen, und auch, weil er ein alter Mann war, der immer noch an Märchen und Verzauberung glauben wollte. Mit einem verbindlichen Lächeln streckte er ihr die Hand zum Gruß hin.

„Ich freue mich sehr, dass Sie angerufen haben. Wie schön, Sie wieder zu sehen.“ Sie drückte seine Hand und lud ihn dann mit einer Geste ein, in dem gepolsterten Ohrensessel schräg vor ihrem Platz zu nehmen. „Es sind jetzt … wie viele Jahre her? Fünf Jahre, seit wir bei der Wohltätigkeitsveranstaltung für die Bibliothek zusammengearbeitet haben, stimmt’s?“

„Ja, ungefähr“, stimmte Archer ihr zu. „Es hat so viele Wohltätigkeitsveranstaltungen seit damals gegeben, dass ich mich nicht genau erinnere, bei welcher wir zusammengearbeitet haben. Die Bibliothek ist immer eins von Janeys bevorzugten Projekten gewesen, wie Sie sicher wissen.“

„Das ist es auch für mich.“ Ilsa setzte sich wieder und ließ ihm geduldig Zeit, sich wegen seiner Behinderung schwerfällig im Ohrensessel niederzulassen. Währenddessen wandte sie sich an den Butler. „Robert? Würden Sie uns bitte Tee bringen und …“, sie blickte Archer fragend an, „… Kaffee?“

Archer sank in das weiche Polster und war dankbar, wieder sitzen zu können. Der lange Gang in der feuchten Nachmittagsluft hatte ihn angestrengt. „Eine Tasse Kaffee wäre gut“, antwortete er.

Robert nickte und entfernte sich. Leise schloss er die Doppeltür hinter sich und ließ Archer mit der freundlich lächelnden Ilsa in dem behaglichen Raum mit dem flackernden Kaminfeuer allein.

Ilsa wirkte immer noch graziös, wie er fand, obwohl sie Anfang fünfzig sein musste – nur ein oder höchstens zwei Jahre jünger als sein Sohn James. Alter und Erfahrung hatten ihre Schönheit gereift und ihren Charme geschliffen. Ihre Jugendfrische war fraulicher Anmut gewichen. Sie war immer noch schlank und elegant, und ihr einstmals kupferrotes Haar war zu einem matten Kastanienbraun verblasst. In ihren grauen Augen spiegelte sich noch immer ihre Fröhlichkeit und Zuversicht, aber auch das Wissen um Kummer und Sorgen. Ihren Optimismus hatte sie nicht eingebüßt, wie er ihr ansehen konnte, und letzten Endes war genau das der Grund gewesen, warum er hier war.

„Ich war seinerzeit in Amsterdam, als ich von Mrs Braddocks Tod erfuhr.“ Ilsa lehnte sich leicht zu ihm vor, um ihm ihr Mitgefühl und Verständnis zu zeigen – das Mitgefühl und Verständnis einer Witwe für einen Witwer. „Es tut mir sehr leid, dass ich bei dem Begräbnis nicht dabei sein konnte.“

Im März würden es zwei Jahre her sein, und das Wort Begräbnis störte Archer immer noch so wie damals. „Abschiedsfeier“, verbesserte er milde. „Begräbnis hat einen so unwiderruflichen Klang. Und, nun ja, um ehrlich zu sein, ziehe ich es vor, diesen Tag als eine Abschiedsfeier ihres Lebens zu erinnern. Janey würde es sich gewünscht haben, ungetrübt Abschied zu nehmen.“

„Ich hätte sie gern besser gekannt“, sagte Ilsa. „Eine Frau, die von den Männern in ihrem Leben offensichtlich so tief bewundert wurde, muss außergewöhnlich gewesen sein.“

„Sie war die Liebe meines Lebens, und ich habe das von der Sekunde an gewusst, als ich ihr zum ersten Mal begegnete.“ Archer lehnte sich zurück und streifte den Griff des robusten Gehstocks aus Kirschholz – ein dauerhaftes Geschenk von seiner Janey – über die leicht gebogene Armlehne. „Ich weiß um den Wert der Liebe und um den Gewinn einer guten Ehe. Deshalb bin ich hier. Meine liebe Mrs Fairchild – darf ich Sie Ilsa nennen? – ich brauche unbedingt … eine Ehestifterin.“

Ilsa war selten überrascht von Dingen, die innerhalb der vier Wände ihres Arbeitszimmers gesagt wurden. Ihre Klienten zeigten sich gewöhnlich nervös und verunsichert. Sie waren ein wenig verlegen über ihren Entschluss, Ilsas Dienste in Anspruch zu nehmen. Sehr oft hatte die Person, die ihr gegenübersaß, keine richtige Vorstellung von dem, was Ilsa für sie tun könnte. Im Grunde konnte sich fast keiner ihrer Klienten ein genaues Bild von der Rolle einer Ehestifterin heutzutage machen.

Aus Erfahrung wusste Ilsa, dass bei den ersten Treffen die Gespräche offen und sachlich geführt werden mussten. Ihr guter Leumund musste bewiesen und ihre Strategie umrissen werden. Nur so konnten Probleme von vornherein ausgeschlossen werden. In der Regel jedoch sollten die Klienten sich erst mal entspannt fühlen. Zum geschäftlichen Teil ging sie erst über, nachdem Robert den Tee serviert hatte und die gesellschaftlichen Floskeln gebührend ausgetauscht worden waren.

Archer Braddock war eindeutig kein typischer Klient, wie Ilsa sie sonst kannte.

„Sie brauchen eine Ehestifterin?“, wiederholte Ilsa, und ihre Überraschung war deutlich herauszuhören.

Er lächelte belustigt und lachte dann in sich hinein. „Äh, Ilsa, die Fahrt von Sea Change hierher ist es mir allein deswegen wert gewesen.“ Er schlug sich die Hand vor den Mund, um sein Lachen zu dämpfen, was ihm aber nicht ganz gelang. „Ich danke Ihnen, meine Liebe, dass Sie mir zutrauen, ich könnte immer noch am Liebesleben Gefallen finden. In Wahrheit feiere ich Ende Juni meinen neunundsiebzigsten Geburtstag, und in diesem Alter ist es zu spät, mich noch wieder nach einer Frau umzuschauen. Abgesehen davon wäre es, wie meine Enkel sagen würden, für eine Frau ziemlich aussichtslos, Janeys Nachfolge anzutreten.“

Ilsa spürte, wie sie leicht errötete. Sollte es an den Braddock-Männern liegen, dass sie sich in deren Gegenwart stets wie ein Einfaltspinsel vorkam? Bei James war es jedenfalls immer so gewesen, schon als sie zusammen auf dieselbe Schule gingen und auch bei ihren späteren, wenn auch wenigen Begegnungen. Und jetzt – sein Vater war gerade zehn Minuten hier – war sie wieder in den alten Fehler zurückgefallen, erst zu reden und dann zu denken. Natürlich konnte es auch damit zusammenhängen, dass der Name Braddock gleichbedeutend mit Reichtum und Macht war, nicht nur auf Rhode Island, sondern an der ganzen Ostküste.

Dabei war es Ilsa absolut nicht fremd, dass Familiennamen und Vermögen Vorrechte mit sich brachten, das konnte es also nicht sein. Der Grund für ihre Reaktion musste tiefer liegen. James und Archer Braddock waren wahre Gentlemen, besaßen natürlichen Charme, ihr Umgangston war herzlich, sie hatten Sinn für Humor und erwiesen den Frauen den nötigen Respekt. Archer hatte ein halbes Jahrhundert mit seiner Frau verbracht, die er über alles geliebt haben musste, während James – soweit Ilsa informiert war – immer noch nach einer ihm ebenbürtigen Ehefrau suchte.

Das Klopfen des Butlers sowie sein Eintreten mit dem Serviertablett war Ilsa mehr als willkommen. Sie schenkte dem Gast eine Tasse Kaffee ein und erkundigte sich liebenswürdig, ob er Zucker und Sahne dazu nähme. Auf diese Weise gewann sie Zeit, wieder zu ihrer geschäftsmäßigen Haltung zurückzufinden.

Gleichgültig wie einflussreich, berühmt und mächtig die Braddock-Familie auch sein mochte, Archer Braddock war als Klient zu ihr gekommen, und sie würde ihn als solchen behandeln. Und das bedeutete, dass sie ihn nicht nach James fragen würde, so sehr es sie auch drängte. Sie würde an sich halten und ihm zuhören. Zuhören war der Schlüssel zum Erfolg in ihrer Arbeit, so viel hatte sie mittlerweile gelernt. Und zuhören können war ihre Stärke.

Sie hatte gerade den ersten Schluck von ihrem Tee genommen, als Archer sie mit der nächsten Frage erneut überrumpelte. „Erinnern Sie sich an James?“ So als ob es die Möglichkeit gäbe, dass sie ihn hätte vergessen können! „Ich glaube, Sie beide sind während der Schulzeit eine Zeit miteinander gegangen.“

Ilsa setzte ihre Tasse mit einem deutlichen Klick auf die Untertasse zurück. „Ja. James war zwei Klassen über mir in der Exeter Schule. Er war später dann auch ein Mitstudent meines Mannes, Ian, auf der Harvard Universität. Ich habe James seit einigen Jahren nicht mehr gesehen. Wie geht es ihm?“

„Er ist verlobt“, antwortete Archer, und seine Worte klangen missbilligend. „Das ist sein chronischer Zustand, wenn er nicht verheiratet ist oder gerade in Scheidung liegt. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass er jemals die richtige Frau finden wird. Sie scheinen alle richtig für ihn zu sein, bis er sein Jawort gibt. Aber ich bin nicht hergekommen, um über James zu reden. Ich bin gekommen, weil ich vor Kurzem einige erstaunliche Geschichten gehört habe über Ehepaare, die Sie zusammengebracht haben, Ilsa. Obwohl ich ganz schön herumschnüffeln musste, um herauszufinden, dass Sie die Ehestifterin sind, über die man mit so viel Achtung munkelt.“

„Vielleicht habe ich die Gabe zu erkennen, wo es Möglichkeiten gibt, einen Partner fürs Leben zu finden. Damit vollbringe ich aber noch lange kein Wunder, Mr Braddock.“

„Bitte nennen Sie mich Archer. Es gibt mir ein prickelndes Gefühl, von einer schönen Frau beim Vornamen genannt zu werden, und in diesen kalten Wintertagen sind prickelnde Gefühle rar.“

Ilsa lächelte höflich. „Wie Sie wünschen, Archer.“

Er nickte zustimmend. „Also, Ilsa, wenn Sie keine Wunder vollbringen, wie schaffen Sie es, dem Himmel dabei behilflich zu sein, zwei suchende Herzen zu vereinigen?“

Mit dieser Frage konnte Ilsa etwas anfangen. Hier bewegte sie sich auf sicherem Boden. Und ihre Antwort kam prompt. „Ich leiste eine Menge Vorarbeit“, erklärte sie. „Ich hole über die betreffende Person alles an Informationen ein, was ich in die Hände bekommen kann, ganz gleich ob es sich um alte Schulzeugnisse handelt oder einen bestimmten Modestil, um bevorzugte Freizeitbeschäftigung, bevorzugte Restaurants, persönliche Überzeugungen oder private Meinungen. Ich nehme mir Zeit, über die Person alles herauszufinden, was nur möglich ist, und lege dann diese Informationen beiseite, um mich mit der Umgebung, in der sie lebt, zu beschäftigen. Jeder von uns kommt mit den verschiedensten Menschen zusammen, einer erstaunlich bunten Vielfalt, wie Sie zweifellos wissen. Aber die meisten schenken dem keine Beachtung und verpassen so die Gelegenheit, eine passende Beziehung anzufangen. Mein Erfolg liegt darin, dass ich Menschen beobachte und sie einordne. Ich könnte Ihnen eine Liste mit Empfehlungen aufstellen, obwohl ich Ihnen die Akten meiner Klienten aus verständlichen Gründen nicht überlassen kann.“

„Das ist auch nicht nötig“, erwiderte Archer. „Ich habe meine eigenen Nachforschungen angestellt, bevor ich mich entschloss, Sie aufzusuchen. Obwohl Sie von Ihren Klienten strengste Vertraulichkeit fordern, war es mir möglich, genug Information zu erhalten, um recht beeindruckt zu sein.“

Archer griff in seine Anzugtasche und holte einen kleinen Stapel Fotos heraus, die er ihr überreichte. „Meine Enkel“, erklärte er stolz. „Adam, Bryce und Peter.“

Ilsa sah ein Foto nach dem anderen an, dann breitete sie die Bilder auf dem Beistelltisch neben ihrem Sessel aus und betrachtete sie erneut eingehend. Alle drei Gesichter hatten die charakteristischen Merkmale der Braddocks: energisches Kinn, gerade Nase, hohe Stirn. Archers alterndes Gesicht wies diese Merkmale immer noch auf und auch das von James, wie Ilsa sich deutlich erinnern konnte. Die drei jungen Männer waren zweifellos Brüder, unterschieden sich aber eindeutig in ihrer Persönlichkeit.

Ilsa hatte sie bereits auf den Gesellschaftsseiten der Boulevardpresse abgebildet gesehen. Die Braddock-Brüder waren immerhin die Lieblinge der Paparazzi. Ihr Leben bot den Medien immer neuen Stoff für irgendwelche angeblichen Skandale, obwohl es eigentlich nichts Genaues über sie zu berichten gab. Archer und seine Frau hatten dafür gesorgt, dass die Welt die Tore zu Braddock Hall, dem Stammsitz der Familie, nicht überschreiten konnte. Und sie hatten ihre drei Enkel fernab von der Öffentlichkeit großgezogen.

Wie Ilsa sogar auf den Fotos deutlich erkennen konnte, hatten alle drei diese undefinierbare Eigenschaft geerbt, die Frauen unwiderstehlich anzog. Eine Eigenschaft, die man den Braddock-Männern übrigens schon seit zwei Jahrhunderten nachsagte.

„Recht gut aussehende junge Männer“, bemerkte sie und blickte hoch. „Sind sie auf der Suche nach …?“

„Nicht, dass ich wüsste“, unterbrach Archer sie brüsk.

Diese wenigen Worte genügten Ilsa. Jetzt wusste sie, warum er gekommen war. „Aber Sie sind der Großvater der drei, und Sie machen sich Gedanken.“

Ihre Blicke begegneten sich. „Ja“, gab er zu. „Es ist kein Geheimnis, dass James immer noch ziemlichen Wirbel mit seinen Ehen und Scheidungen macht. Das ist ihm inzwischen fast schon zum Zeitvertreib geworden. Scheinbar kann er die große Liebe seines Lebens nicht finden. Janey und ich haben immer gehofft, dass unsere Enkel eine Beziehung suchen würden, die unserer ähnelte, eine, die es wert war, sich für ein Leben lang zu binden. Doch so wie es aussieht, ist keiner von ihnen fähig, den Wert der wahren Liebe zu erkennen.“

Er tippte mit dem Finger auf jedes Bild und nannte dabei die Namen der Brüder. „Das ist Peter. Er ist der jüngste und wie besessen von langbeinigen Debütantinnen in der Gesellschaft. Der blauäugige Charmeur da in der Mitte ist Bryce. Er ist unser Robin Hood. Sein ausschweifender Genuss von heute bringt ihn um die echten Freuden von morgen. Er mag junge Frauen mit breitem Lächeln und mit mehr Busen als Verstand. Der hier ist Adam, der älteste der drei, der nur Umsätze und Geschäfte im Kopf hat. Ihn faszinieren Frauen, deren Aktentasche größer ist als seine.“

Ilsa betrachtete die Fotos aufmerksam. „Es überrascht mich, dass unternehmungslustige Mütter die Probleme Ihrer Enkel nicht schon lange mit der Ehe ausgeräumt haben.“

„Oh, versucht haben sie es, das dürfen Sie mir glauben. Aber meine Enkel sind fast so wenig fassbar wie sie höflich sind. Es wäre ein fataler Fehler, wenn sie erfahren würden, was wir beide hier besprechen.“

„Ich bin diskret, Archer, und ich sehe meine Tätigkeit darin, zwei Menschen zusammenzubringen, die füreinander bestimmt sind. Ich vermittle ein Treffen, dann trete ich zurück und warte ab, was geschieht. Ich mische mich nur ein, wenn ich glaube, dass es Zweck hat. Und ich tue das mit Diplomatie. Dafür braucht man Fingerspitzengefühl.“

„Das bedeutet wohl, dass Sie bei Misserfolg das Honorar nicht zurückerstatten.“

„Das stimmt. Ich habe eine recht erstaunliche Erfolgsquote. Wenn Sie Wert darauf legen, werden Ihre Enkel es nie erfahren, dass ich vermittelt habe. Diese Verschwiegenheit wird uns jedoch beträchtlich mehr Mühe bereiten. Sie werden mein einziger Kontakt und meine beste Informationsquelle sein. Sind Sie sich sicher, dass Sie in einem irgendwie fragwürdigen Bündnis verstrickt sein wollen?“

Wieder lachte Archer in sich hinein. „Ich mag ein alter Mann sein, aber ich bin noch nicht tot. Das Einzige, was ich bedauere, ist, dass Janey nicht mehr hier ist, um sich an diesem kleinen Ränkespiel mit mir zu freuen.“

„Ich vermute, dass Ihre Frau ausgelastet ist mit dem Ganztagsjob, Ihr Schutzengel zu sein.“

Sein Lächeln fiel ein wenig wehmütig aus. „Da haben Sie wohl recht.“ Er schwieg eine Weile, dann nickte er. Offensichtlich betrachtete er die Sache als abgemacht. „Sind Sie also bereit, für meine Enkelsöhne die passende Frau zu finden?“

„Ich will es versuchen, ja.“ Ilsa begegnete seinem Blick. „Ich habe vermutlich noch keine so schwierigen Fälle gehabt, aber Ihre Enkel genießen einen besonderen Ruf, was mir die Vermittlung leichter machen wird. Der Name Braddock hat einen guten Klang für junge Frauen, mit denen ich Ihre Enkel bekannt machen werde.“

Archer nahm den letzten Schluck Kaffee, setzte die Tasse auf den Beistelltisch neben seinem Ohrensessel und griff nach seinem Gehstock. „Dass der Name Braddock sich auf meine Enkel auswirkt, wird Ihnen, Ilsa, die größten Kopfschmerzen bereiten, fürchte ich. Aber lassen wir unsere Bedenken wegen des etwas abenteuerlichen Unterfangens beiseite. Konzentrieren wir uns stattdessen auf eine vielversprechende Chance. Auch für mich, wenn ich lange genug lebe, um mein erstes Urenkelkind zu sehen.“

Ilsa freute sich über die Aussicht, Archer Braddock noch des Öfteren zu treffen. „Ich setze mich in ein oder zwei Tagen mit Ihnen in Verbindung, sobald ich die Liste mit Informationen zusammen habe. Die genauen Nachforschungen können drei bis vier Monate in Anspruch nehmen, aber die Dinge entwickeln sich gewöhnlich recht schnell, sobald diese Phase erst abgeschlossen ist. Ich lege Wert darauf, bei meinen Nachforschungen gründlich vorzugehen.“ Sie erhob sich und widerstand dem Impuls, Archer aus dem Sessel zu helfen.

Er stieß sich mit einem Ruck hoch und verlagerte sein Gewicht geschickt auf den Stock. „Ich habe großes Vertrauen zu Ihnen, meine Liebe, aber wenn Sie es mir erlauben, möchte ich Ihnen einen kleinen Vorschlag machen. Beginnen wir mit Adam. Er ist der älteste, und ich mache mir Sorgen, dass er so vieles in seinem Leben verpasst. Er braucht es dringend, von den Firmen loszukommen, für die er wie ein Besessener arbeitet. Und er braucht es sehr, sich zu verlieben.“

„Ich werde daran denken.“ Sie gingen zusammen langsam und fast wie gute Freunde zur Tür des Arbeitszimmers und dann in die Halle. Robert erwartete sie vor dem Eingang mit Archers Mantel, Hut und Schal. „Meine Mitarbeiter sind verschwiegener, als ich es selbst bin“, versicherte Ilsa. „Sie können ihnen bedenkenlos eine Nachricht hinterlassen, wenn es nötig sein sollte.“

Archer zog seinen Mantel an und legte sich den grauen Schal um den Hals. „Gerne. Das Gleiche gilt auch für Sie. Sie können mir jederzeit Nachrichten hinterlassen“, erwiderte er mit einem Augenzwinkern. „Es würde mich kein bisschen stören, wenn meine Angestellten glaubten, ich hätte in meinem hohen Alter noch eine heimliche Affäre.“ Er lachte und warf einen Blick auf Robert.

„Heute ist kein guter Tag, um ohne Regenschirm zu sein, Sir“, bemerkte Robert, ohne eine Miene zu verziehen, und reichte ihm einen schwarzen Schirm. „Ich habe mir die Freiheit herausgenommen, Ihnen einen zu beschaffen.“

Archer nahm den Regenschirm mit einem dankbaren Lächeln entgegen. „Diskret, tüchtig und außergewöhnlich aufmerksam. Ich danke Ihnen, Robert.“ Er wandte sich wieder Ilsa zu. „Und Dank auch Ihnen, meine Liebe, für einen reizenden Nachmittag. Ich hoffe, bald von Ihnen zu hören.“

Robert wollte die Eingangstür bereits öffnen, aber Archer blieb noch ein letztes Mal stehen. „Wenn das, was wir erhoffen, gelingt, dann sollten Sie es sich vielleicht überlegen, ob Sie nicht James als Klienten annehmen.“

Ilsa lachte, obwohl ihr bei dieser Vorstellung ein warmer Schauer über den Rücken ging. „Sind wir nicht zu dem Schluss gekommen, dass ich keine Wunder wirken kann?“

„Nun ja, ich denke, das bleibt abzuwarten.“ Und mit einem Tippen an die Hutkrempe trat Archer vor die Tür, öffnete den Regenschirm und ging hinaus in den nasskalten Spätnachmittag.

1. KAPITEL

Normalerweise mied Adam Braddock ‚The Torrid Tomato‘. Das Restaurant hatte großen Zulauf von den als schick geltenden jungen Berufstätigen, die zwischen zwölf und zwei Uhr aus den Büros im Zentrum von Providence strömten. Ihnen stand der Sinn nach Essen und Vergnügen. Sie wollten sich einfach für eine kurze Zeit vom Stress befreien. Sie bevorzugten herzhafte Speisen und eine ausgelassene Stimmung. Zum Ende der Mittagszeit hin herrschte hier ein Höllenlärm und ein furchtbares Gedränge.

Adams Einschätzung nach hatte dieses Restaurant an diesem Tag im frühen Mai nur zwei Vorzüge: die Nähe zu seinem Büro und einen Lärmpegel, der zu schnellen Geschäftsabschlüssen trieb. Da Adam keine Ahnung hatte, warum sein Großvater dieses Treffen mit einer ihm unbekannten, angeblich ehemals alten Freundin seiner Familie vorgeschlagen hatte, wollte er nur so wenig Zeit wie unbedingt nötig dafür aufbringen. Deshalb also sein Vorschlag, sich mit Mrs Fairchild im ‚The Torrid Tomato‘ zu treffen.

Sie war noch nicht erschienen, und er warf einen Blick auf seine goldene Bulgari-Uhr. Es war zehn vor zwölf, und er wurde ungeduldig. Die Übereinkunft mit Wallace kam gut voran, und er erwartete einen Anruf am frühen Nachmittag, um den Aufkauf der Firma offiziell zu akzeptieren.

Zudem hatte er um zwei Uhr einen Termin mit John Selden, dem Betriebsleiter beim Braddock-Bauunternehmen, und um halb vier war er mit Vic Luttrell verabredet, dem Manager der Braddock-Architektur. Danach, etwa um vier Uhr vierzig, würde er mit seiner Verwaltungsassistentin, Lara Richmond, den Zeitplan für den nächsten Tag durchgehen, und um halb sechs würde er mit Allan Mason, dem leitenden Anwalt der Rechtsabteilung des Braddock-Großunternehmens, im Club Handball spielen. Heute hatte er Dinner mit den zwei Geschäftsleitern der Nation’s Versicherungsgruppe, um die mögliche Verlegung ihrer Büros in den Braddock-Verwaltungskomplex in Boston zu besprechen.

Alles in allem würde es ein erfreulich leichter Tag werden, obwohl er das Mittagessen liebend gern ausgelassen hätte. Aber wenn sein Großvater ihn um etwas bat, was er in letzter Zeit sehr selten tat, wäre Adam sich schäbig vorgekommen, es abzulehnen.

Ein helles Lachen irgendwo hinter ihm übertönte das laute Getöse der jungen Leute. Es klang herzlich und überhaupt nicht künstlich. Es wirkte aber durchaus auch so, als ob es die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte. Adam fand es aufdringlich, und er weigerte sich, sich neugierig umzudrehen. Ihm war der Lärm gerade recht. Zumindest lenkte er nicht ab. Jedenfalls nicht so wie dieses sprudelnde Lachen, das erneut erklang. Beim dritten Mal drehte er sich auf seinem Stuhl halb um und verrenkte sich ein wenig, um zu sehen, wer sie war.

„Adam?“

Er fuhr herum, verärgert, weil er dabei ertappt wurde, wie er neugierig gaffte. „Mrs Fairchild.“ Er erhob sich höflich, um die attraktive Frau zu begrüßen, die ihn angesprochen hatte. Während er ihr einen Stuhl zurechtzog, musterte er sie. Ihr Alter: Mitte fünfzig. Ihre Erscheinung: zurückhaltende Eleganz, worauf auch der wenige, aber echte Schmuck hinwies. Was Adam sah, gefiel ihm. „Ich freue mich, dass Sie gekommen sind.“

„Und ich freue mich, dass ich kommen durfte.“ Mit einem warmherzigen Lächeln streckte sie ihm die Hand zur Begrüßung hin. Dann setzte sie sich, nahm die Serviette, faltete sie auseinander und breitete sie auf ihrem Schoß aus. „Ihr Großvater hält sehr viel von Ihnen und Ihren zwei Brüdern. Ich bin ein wenig nachlässig gewesen, wie mir scheint. Ich hätte mich mehr bemühen sollen, Sie alle drei kennenzulernen.“ Sie blickte ihn prüfend an. „Sie sehen Ihrem Vater sehr ähnlich.“

„Sie kennen meinen Vater?“

Ilsa nickte. „Wir sind zusammen in der Exeter Schule gewesen und dann zwei Semester hindurch auf der Harvard Universität. Um ehrlich zu sein, er war mir zwei Jahre voraus, und zweifellos wusste er nicht mal, dass ich existierte. Obwohl er recht charmant war, sogar während dieser doch recht linkischen frühen Jahre des Heranwachsens.“

Adam konnte sich zwar seinen Vater nicht so recht als einen Teenager vorstellen, aber Charme war seine Geschäftskarte, sein Rüstzeug sozusagen. Dass sein Vater Ilsa Fairchild nicht bemerkt haben sollte, ganz gleich in welchem Alter er damals gewesen sein mochte, nahm er ihr jedoch nicht ab. Sie war sehr attraktiv, und James Braddock hatte ein Auge für Schönheit. „Er würde sich zweifellos geschmeichelt fühlen, dass Sie sich an ihn er­innern.“

Ilsa schwieg dazu und lächelte rätselhaft. „Ich bin begeistert von diesem Restaurant“, sagte sie dann. „Die Atmosphäre ist immer so anregend. Man ist umgeben von Lebensfreude, und das Essen schmeckt gleich besser, finden Sie nicht auch?“

Adam konnte das nicht finden, behielt es aber für sich. „Sie sind schon mal hier gewesen?“

„Des Öfteren, obwohl es noch nicht so lange her ist, dass ich dieses Lokal für mich entdeckt habe.“ Sie sah sich um und lächelte nachsichtig über das ausgelassene junge Volk. „Seitdem bin ich geradezu süchtig nach dem Artischockendip. Mir ist es ein wenig peinlich nachzufragen, ob man diesen Dip auch außer Haus verkauft.“

„Ich werde mich beim Kellner erkundigen, falls er sich überhaupt zeigt.“

Ilsa hob eine Augenbraue bei seiner gereizten Bemerkung. „­Archer sagte mir, dass Sie noch keine fünfundzwanzig waren, als Sie beim Braddock-Konzern in den Vorstand kamen. Sie müssen der jüngste Chef in der obersten Etage gewesen sein.“

„Vor acht Jahren bin ich als eine Art Wunderkind angepriesen worden, aber das hatte mehr mit unserer Abteilung für Public Relations zu tun und nicht so sehr mit der Tatsache als solche. Angesichts all der Unternehmen der neuen Technologie, die wie Pilze aus der Erde schießen, und der Anzahl von Senkrechtstartern, die ihre eigene Firma gründen, während sie noch am College oder sogar nur auf der Highschool sind, bin ich eher altmodisch.“

Ilsa lachte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es viele Männer in Ihrem Alter gibt, die sich mit Ihren Leistungen messen könnten.“

Adam war von seinen Leistungen nicht beeindruckt. „Sie sollten nicht alles glauben, was mein Großvater Ihnen erzählt, Mrs Fairchild. Er ist voreingenommen.“

„Nun, die Tatsachen sprechen für sich“, entgegnete sie. „Mit neunzehn erhalten sie den Magistergrad von Harvard und das mit Auszeichnung. Danach steigen Sie bei der Bauindustrie für gewerbliche Betriebe als Praktikant ein, damit Sie sich mit der Führung eines Unternehmens und seinen Angestellten vertraut machen, und verwandeln ein bereits erfolgreiches Großunternehmen in ein Multimillionenkonglomerat. Ich würde sagen, Ihr Großvater hat jeden Grund, stolz auf das zu sein, was Sie geleistet haben.“

Dazu konnte – oder wollte – Adam sich nicht äußern. „Sie hören sich an wie eine gut informierte Aktionärin, Mrs Fairschild.“

„Und Sie klingen bescheiden.“

Adam war nicht bescheiden. Nur konnte er in dem, was er bei den Braddock-Unternehmen geleistet hatte, nichts Bemerkenswertes sehen. Er hatte die guten Geschäftspraktiken, die der Familie seit mehr als zwei Jahrhunderten ein Vermögen eingebracht hatten, lediglich modernisiert. „Ich freue mich, dass Ihnen das gefällt, was Sie über die Firma erfahren haben.“

„Hi!“, rief eine fröhliche Stimme unmittelbar neben ihnen, und ein hübsches junges Ding in Kellnerinnenuniform setzte sich einfach an ihren Tisch, stützte die Arme auf und wandte sich mit einem breiten Lächeln Ilsa Fairchild zu. Für Adam hatte sie nur einen flüchtigen Blick.

„Dienstags sind Sie doch sonst nicht hier, Mrs Fair. Haben Sie meinen Ratschlag befolgt und sich mit einem attraktiven Mann verabredet?“ Sie lachte verschmitzt, und ihre veilchenblauen ­Augen strahlten. Als sie Adam dann doch ein wenig länger ansah, brachte sie ihn beinahe aus der Fassung. „Hmm“, sagte sie und gab ihm das Gefühl, nackt zu sein unter ihrem abschätzenden Blick. „Ein junger Mann. Toll!“

Adam fand es überhaupt nicht toll, aber Ilsa lachte nur. „Das ist Adam Braddock, Katie. Ein Familienfreund.“

Die Kellnerin warf ihm erneut einen Blick zu, einen ziemlich gleichgültigen, wie Adam fand, sagte kurz „Hi“ und wandte sich dann wieder Ilsa zu. „Stellen Sie sich vor, ich habe Ihren Rat befolgt.“

„Wirklich?“, rief Ilsa angenehm überrascht. „Es hat also geklappt.“

Die Kellnerin sprang auf, hob die Hände über ihren Kopf, vollführte eine anmutige Pirouette – und wich geschickt dem Kellner aus, der von der Fingerspitze bis zur Schulter Tabletts balancierte. „Ups“, sagte sie mit einem gewinnenden Lächeln zu ihrem Kollegen. „Wollte dich nicht erschrecken, Charlie.“

Der Kellner machte ein finsteres Gesicht. Und das tat auch Adam. „Wäre es möglich, etwas zu trinken zu bekommen?“, fragte er verstimmt, wurde aber von beiden Frauen ignoriert.

„Hier kann ich es Ihnen nicht genau vorführen, aber Sie können sich eine Vorstellung davon machen“, sagte Katie zu Ilsa.

„All das von nur einer Unterrichtsstunde?“

„Zwei.“

„Ich bin beeindruckt. Sie könnten es zur Ballerina schaffen, wenn Sie so weitermachen.“

„Eine Pirouette nach zwei Trainingsstunden bringt mich nicht gerade auf den Weg zur Ballerina.“

Ilsa schien dieses Geplauder Spaß zu machen, und es war ihr gleichgültig, dass sie in einem Restaurant saß und dass dieser Kobold hier eigentlich die Kellnerin war.

Adam räusperte sich und sagte mit erhobener Stimme, um gegen den Radau anzukommen und auch um der Kellnerin großzügig einzugestehen, dass sie ihn vorhin vielleicht nicht gehört hatte: „Ich möchte jetzt bestellen, wenn Sie so freundlich wären …“

Sie drehte sich ihm zu. Eine Locke hing ihr wie ein Fragezeichen in die Stirn, und ihr Blick drückte Verwunderung aus über seinen ungeduldigen Tonfall. „Ja, natürlich“, sagte sie. „Aber wollen Sie nicht vorher einen Blick in die Menükarte werfen?“

„Das habe ich bereits getan“, erwiderte er kurz angebunden. Wenn sie so weitermachte, würde es ernsthafte – und berechtigte – Konsequenzen für sie geben, sollte der Manager sie dabei ertappen, wie sie Pirouetten drehte, statt die Gäste zu bedienen. „Ich möchte ein Hühnersandwich, keine Chips, und wir fangen mit dem Artischockendip als Vorspeise an.“ Er lächelte Ilsa an. „Was darf ich für Sie bestellen, Mrs Fairchild?“

Sie sah nachdenklich von ihm zur Kellnerin. „Ich brauche noch ein paar Minuten, um mich zu entscheiden.“

„Geht in Ordnung.“ Katie nickte fröhlich. „Nehmen Sie sich Zeit. Ich hole John.“ Sie lächelte Adam an. Freches kleines Ding. Er würde sie jedenfalls fristlos entlassen. „John ist Ihr Kellner. Meine Tische sind dort drüben.“ Sie wies mit einer Kopfbewegung zum hinteren Teil des Restaurants. „Wiedersehen, Mrs Fair. Lassen Sie sich den Dip gut schmecken.“

Und weg war sie. Mit leichten Schritten und einem aufreizenden Schwung ihrer Hüften bahnte sie sich den Weg durch das Gewirr von Tischen und Leuten und blieb kurz an einem Tisch stehen, um ein paar Worte mit einem großen blonden Mann zu wechseln. Dann lachte sie – ein perlendes Lachen, das Adam zu seinem Leidwesen nicht überhören konnte.

„Sie bedient mich immer, wenn ich hier bin“, erklärte Ilsa.

„Nicht heute, wie es scheint.“ Adam fühlte sich ertappt, weil er hinter der Kellnerin hergestarrt hatte, und wandte sich Ilsa zu. Kellner, ob weiblich oder männlich, sollten unaufdringlich und tüchtig sein, ohne den Gast groß in Anspruch zu nehmen. Sie sollten sich freundlich geben, doch niemals persönlich. Diese Ballerina mit dem Lockenkopf versagte darin auf der ganzen Linie. „Sie scheint eine ehrgeizige Tänzerin zu sein.“

Ilsa lachte. „Sie erzählte mir, dass sie das Kickboxen satthabe, und da habe ich ihr Ballettunterricht als eine alternative Sportart vorgeschlagen. Es erstaunt mich eigentlich, dass sie zu einer Stunde gegangen ist.“

„Zwei, nicht eine“, verbesserte Adam und wunderte sich, dass er sich an eine solche Kleinigkeit erinnerte. Er beachtete nur selten, wenn überhaupt, die Bediensteten in einem Lokal, besonders in einem Lokal wie diesem. Sie wechselten ständig und waren nur allzu oft aufdringlich und gar nicht hilfreich. Entschlossen strich er die Kellnerin aus seinem Gedächtnis. „Erzählen Sie mir von sich selbst, Mrs Fairchild. Mein Großvater sagte, dass Sie ein kleines Unternehmen hätten, eine Public Relations-Firma, wenn ich mich recht erinnere.“

„Public Relations ist wohl nicht die richtige Bezeichnung für mein Unternehmen, da es weniger auf öffentliche als auf persönliche Beziehungen ausgerichtet ist. Allerdings geht es mir in meiner Arbeit ebenfalls darum, dass nicht nur die einzelne Person, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes den Gewinn daraus zieht. Das einzelne Wesen und die Gesellschaft sind ja eng miteinander verbunden. Finden Sie nicht auch, Adam?“

„Absolut. Das finde ich auch“, stimmte Adam ihr zu. „Verbindungen herstellen ist genau das, was ich jeden Tag in meiner Arbeit tue.“

Ilsa lächelte. „Sehen Sie, und genau das tue ich auch.“

Der Kellner erschien. „Hi, mein Name ist John. Ich bin heute für Sie zuständig.“ Er stellte zwei Gläser mit Wasser auf den Tisch und nahm die Bestellung ohne unangebrachte Störung auf. Darin unterschied er sich deutlich von der Möchtegernballerina.

Danach kam die Unterhaltung ein wenig ins Stocken – bis zur Vorspeise, als ein perlendes Lachen vor allem Adam aufhorchen ließ. Er tat, als ob er nichts Ungewöhnliches gehört hätte.

„Ihr Lachen klingt immer so fröhlich“, bemerkte Ilsa.

„Die tanzende Kellnerin?“ Adam bedauerte sofort, dass er zugab, nicht nur das Lachen gehört zu haben, sondern auch zu wissen, wer gelacht hatte.

Ilsa nickte. „Sie ist eine recht interessante junge Frau.“

„Da mögen Sie recht haben“, erwiderte er unverbindlich. „Werden Sie in diesem Jahr wieder beim Spendenkomitee für die Bibliothek dabei sein?“, fragte er und bewies damit, dass er ein Thema genauso gewandt wechseln konnte wie sie.

„Sieht ganz so aus. Ich bin dieses Mal mit dem Vorsitz dran“, antwortete sie.

Adam fühlte sich wohl in Ilsas Gegenwart. Vielleicht hatte es mit ihrer irgendwie mütterlichen Wärme zu tun, die sich in ihrem Lächeln zeigte und auch darin, wie sie ihm den Teller mit dem Artischockendip leicht zuschob, damit er mehr davon nahm. Der Dip schmeckte tatsächlich sehr gut. Und Adam bestellte beim Kellner gleich einen großen Becher zum Mitnehmen davon für Ilsa, obwohl sie dagegen protestierte. Und er lud sie sogar zu Archers neunundsiebzigsten Geburtstag ein.

„Werden Sie ein Fest machen?“

„Ja. Ich muss mich noch darum kümmern.“ Trotz des fast unkultivierten Lärms stellte Adam fest, dass er das Mittagessen mit Ilsa Fairschild wirklich genoss.

„Ich kenne eine Veranstalterin“, sagte Ilsa. „Die Feste, die sie organisiert, sind großartig. Ich könnte mir vorstellen, dass sie die Richtige für Sie wäre. Sie ist sehr zuverlässig. Aber ich muss Sie warnen. Sie ist sehr teuer, doch jeden Penny wert. Wenn Sie möchten, vermittle ich sie Ihnen.“

„Großartig.“ Adam nahm das letzte Stück von seinem Toast und wischte damit den Rest vom Dip aus der Schüssel. Köstlich. Vielleicht war er in seiner Einschätzung des Restaurants doch zu hastig gewesen.

„Oh, hi.“ Die Kellnerin mit dem krausen Haar war wieder da und setzte sich zum zweiten Mal unbekümmert zu ihnen an den Tisch. „Mir fiel gerade etwas ein“, sagte sie zu Ilsa. Adam schien Luft für sie zu sein. „Der Tai Chi-Kurs fängt kommenden Montag an, und Sie sollten da wirklich anrufen, wenn Sie daran interessiert sind. Ich hab die Telefonnummer nicht bei mir, aber ich könnte sie Ihnen am Donnerstag mitbringen, wenn sie zum Lunch hier sind.“

Ilsa griff nach ihrer Tasche. „Geben Sie mir Ihre Telefonnummer, und ich rufe Sie heute Abend an. Ich möchte ihn absolut nicht verpassen, und solche Kurse sind so schnell belegt. Oder hätten Sie etwas gegen einen Anruf von mir?“

„Kein bisschen“, antwortete die Kellnerin mit einem Schulterzucken, so als ob die Frage völlig überflüssig gewesen wäre. Dann, unerwartet, wandte sie sich Adam zu und blickte ihn mit ihren veilchenblauen Augen an. „Wie wär’s mit Ihnen? Irgendwelches Interesse an Tai Chi? Es soll wirklich gut sein gegen Arthritis und verspannten Nacken.“

„Nein, danke“, entgegnete er steif und wünschte sich, dass der Geschäftsleiter endlich auftauchen möge und sie wegscheuchte. Sah er aus, als ob er mehr Training brauchte? Unwillkürlich hob er die Hand, um zu prüfen, ob die Nackenmuskeln angespannt wären. Dann ertappte er sich rechtzeitig dabei und richtete seinen Schlips, als ob das von Vornherein seine Absicht gewesen wäre. „Ich ziehe wirksamere Sportarten vor, wie Kampfsport.“

Sie zog gleichgültig ihre schmalen Schultern hoch und wandte sich wieder Ilsa zu. „Haben Sie etwas zum Schreiben?“, fragte sie. Als ob sie nicht Kellnerin im Dienst wäre, von der man erwarten könnte, dass sie Stift und Notizblock bei sich trug, um die Bestellungen der Gäste aufzunehmen!

Ilsa holte aus ihrer Tasche eine hellrosa Geschäftskarte sowie einen Kugelschreiber hervor und legte sie verkehrt herum auf den Tisch. „Sie können darauf schreiben. Und danke, dass Sie mich an den Kurs erinnert haben.“

Die kleine Hexe kritzelte ihre Telefonnummer auf das Kärtchen und gab es Ilsa zurück. „Ich glaube, Sie werden an dem Kurs Spaß haben. Harry ist ein wunderbarer Trainer, und Sie werden es nicht glauben, wie alt er ist!“ Mit ihren veilchenblauen Augen sah sie Adam kurz an, so als ob sie von ihm erwartete, dass er das Alter des Trainers schätzte. „Vierundsiebzig!“, rief sie, bevor er eine Vermutung hätte äußern können – wenn er das gewollt hätte. „Er ist das perfekte Beispiel, warum Tai Chi die allerbeste Sportart ist.“

Besser als Ballett und Kickboxing? wollte Adam schon fragen, aber er ließ es bleiben und wunderte sich über ihr herausforderndes Benehmen ihm gegenüber. Noch mehr wunderte ihn, dass er sich von dem Plagegeist nicht belästigt fühlte. Immerhin war sie eine alberne kleine Kellnerin. Und noch nicht mal eine gute. Am meisten aber verwirrte ihn der Funke, der von ihr auf ihn übersprang.

Es gab ein allgemeines Aufbrechen des jungen, ausgelassenen Publikums. Die Lunchzeit war vorüber, und die Leute mussten in ihre Büros zurückkehren.

Auch die unzuverlässige Kellnerin erhob sich mit einer, wie Adam fand, nachlässigen Anmut. „Ich muss jetzt kassieren, sonst laufen sie ohne zu zahlen weg. Wir sehen uns am Montag, wenn nicht schon früher“, sagte sie zu Ilsa und eilte davon mit einem lediglich flüchtigen Blick zu Adam, um so etwas wie einen Abschiedsgruß anzudeuten.

„Machen wir uns auf den Weg“, schlug Ilsa vor und brachte Adam, der wie entrückt der Kellnerin hinterher starrte, wieder in die Wirklichkeit zurück.

Draußen vor dem Restaurant bedankte Adam sich bei Ilsa für die nette Unterhaltung, die sie beim Lunch gehabt hatten. Er wollte schon zu seinem Wagen eilen, als ihm der Geburtstag seines Großvaters wieder einfiel. „Oh, Mrs Fairchild! Sie waren so freundlich, mir eine Veranstalterin für die Geburtstagsparty zu empfehlen.“

„Ich rufe Sie deswegen an. Ich möchte Sie sowieso sehr gern besser kennenlernen“, setzte sie mit einem Lachen hinzu.

„Dagegen hätte ich nichts einzuwenden“, entgegnete Adam höflich.

„Ach ja, sie könnten meine Geschäftskarte gebrauchen“, sagte sie.

Er nahm sie entgegen, ohne einen Blick darauf zu werfen, und steckte sie in seine Anzugtasche. „Wir sehen uns auf der Party.“

„Vielleicht sogar schon früher“, erwiderte Ilsa und ging mit flottem Schritt davon.

Und Adam verschwendete keinen Gedanken mehr an sie – oder an die Geschäftskarte, die sie ihm gegeben hatte.

Als die Geschäftskarte unter einem Stapel Vertragsberichte auftauchte, konnte Adam sich kaum erinnern, von wem er sie hatte. Annähernd zwei Wochen hatte er nichts anderes im Kopf gehabt als den Aufkauf der Wallace-Firma.

Der Firmeninhaber Wallace zögerte das Abkommen von einem Tag zum anderen hinaus. Er bewies sich als ausgesprochen hart im Verhandeln. Und Adam hatte sein Team für das Wochenende nach Hause geschickt und ihnen empfohlen, sich auszuruhen und zu entspannen, um dann mit neuer Energie zurückzukehren und den Aufkauf definitiv unter Dach und Fach zu bringen.

Er selbst wollte das ganze Wochenende in seinem Büro verbringen und einen Kompromiss ausarbeiten, den er Richard Wallace gleich am Montag vorlegen würde.

Jetzt saß er also an seinem Schreibtisch und starrte mit gerunzelter Stirn auf die hellrosa Geschäftskarte, auf der in goldenen Buchstaben „Ilsa Fairchild, 555-5683“ stand.

Adam erinnerte sich an das Essen mit Ilsa und dass es recht nett gewesen war. Obwohl er sich immer noch nicht sicher war, warum sein Großvater ihn gebeten hatte, sich mit Ilsa zu treffen.

Er drehte die Karte um und las den Namen und die Telefonnummer, die quer über die Rückseite gekritzelt war. Kate … oder war es Katie? Er konnte die Buchstaben nicht entziffern. ­Canton … Sollte wohl Katie Canton sein. Der Name sagte ihm nichts.

Warum hatte Ilsa Fairchild ihm nur diese Karte gegeben? Ach ja, die Geburtstagsparty. Sie hatten über diese Party gesprochen, und Ilsa hatte ihm eine Veranstalterin empfohlen. Daraufhin hatte sie wohl den Namen auf die Rückseite ihrer Geschäftskarte geschrieben. Er hatte vorgehabt, die Karte seiner Privatsekretärin Nell zu geben, damit sie sich mit dieser Person in Verbindung setzte. Und dann hatte er Ilsas Information völlig vergessen. Dringendere Angelegenheiten als die Party waren aufgekommen.

Nun, an diesem Wochenende, sechs Wochen vor dem Geburtstag seines Großvaters, wurde Archer klar, dass er etwas unternehmen müsse, und zwar schnell. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Halb zehn abends. Zu spät für einen Anruf? Wahrscheinlich würde der Anrufbeantworter eingeschaltet sein, was ihm nur recht wäre. Er könnte eine Nachricht hinterlassen mit der Bitte, sein Büro am Montagmorgen anzurufen. Nell würde dann alles abwickeln, und er könnte die Angelegenheit für sich selbst als erledigt betrachten. Eine gute Idee.

Er wählte die Nummer und ging noch schnell ein Finanzgutachten über die Wallace-Firma durch, während er darauf wartete, dass der Anrufbeantworter sich meldete.

„Hallo?“

Eine weibliche Stimme. Adam legte das Gutachten zur Seite und war einen Moment lang etwas durcheinander. „Kate ­Canton?“, fragte er.

„Ja?“ Es klang kühl, vorsichtig.

„Hier ist Adam Braddock.“

„Wer?“

„Adam Braddock“, wiederholte er. „Ilsa Fairchild hat mir Ihren Namen und die Telefonnummer gegeben.“

„Warum sollte sie das tun?“

Nun gut, vielleicht hätte er sie während der Bürozeiten anrufen sollen. Er gab seiner Stimme einen warmen Unterton, um ihr das Misstrauen zu nehmen. „Mrs Fairchild meinte, dass Sie mir helfen könnten. Es tut mir leid, dass ich Sie so spät am Abend anrufe, aber ich brauche dringend Hilfe von einer Veranstalterin.“

„Von einer was?“

Vielleicht ist Ms Canton ein wenig schwerhörig, dachte er. „Einer Veranstalterin. Ich brauche jemanden, der für mich eine Party arrangiert.“

„Da haben Sie die falsche Nummer.“

„Das glaube ich nicht“, entgegnete Adam und versuchte es mit dem altbewährten Braddock-Charme, als er mit bewusst wohlklingender Stimme ihre Telefonnummer vorlas, die auf der Karte geschrieben stand. „Sie sind doch Kate Canton?“

„Ja. Aber ich bin keine Veranstalterin.“

Frauen reagierten immer sehr empfindlich, wenn es um ihren Titel ging. „Dann Koordinator“, lenkte er ein. „Veranstaltungskoordinatorin. Und es soll auch eine richtig große Veranstaltung sein. Sie soll zu Ehren meines Großvaters stattfinden, der Ende Juni seinen neunundsiebzigsten Geburtstag feiert. Eingeladen werden so an die zweihundert Gäste und …“

„Zweihundert?“, unterbrach Katie ihn. „Das ist eine Menge für eine Party.“

Sie berechnete bereits die Kosten. Das war ein gutes Zeichen. „Ich bin überzeugt, dass Sie den Anforderungen gewachsen sind, Ms Canton. Sie sind mir wärmstens empfohlen worden.“

„Jemand hat mich empfohlen, um eine Geburtstagsparty vorzubereiten?“

Schwerhörig und wohl auch ein wenig dumm. Oder unnötig bescheiden. Oder clever genug, um ihn hinzuhalten und für sich Nutzen daraus zu ziehen. Natürlich war es auch möglich, dass sie einfach durch den Namen „Braddock“ eingeschüchtert war. Er hatte schon die seltsamsten Reaktionen erlebt, wenn jemand erkannte, wer er war, dass er der mächtigen, vermögenden Braddock-Familie angehörte. Was immer auch diese Ms Canton dachte, Adam war entschlossen, nicht die Geduld mit ihr zu verlieren.

Er räusperte sich, um den Anflug von Ungeduld aus seiner Stimme zu verbannen. „Ilsa Fairchild hat mir Ihren Namen und die Telefonnummer gegeben und Sie mir angepriesen.“

„Mr Braddock, Sie haben die falsche Nummer. Ich weiß nicht, warum Mrs Fairchild Ihnen meine Nummer gegeben hat, aber ich bin nicht die Person, die Sie brauchen.“

Adam runzelte die Stirn. Normalerweise hatte er keine so großen Schwierigkeiten, jemanden zu überreden, für ihn zu arbeiten. „Sie haben völlig freie Hand mit dem Planen“, versuchte er sie zu überreden. „Und ein großzügiges Budget.“

„Es geht mir nicht um Geld“, erwiderte sie schnell.

Es ging immer um Geld. „Ich sehe ein, dass Sie sehr viel zu tun haben und dass Sie nicht über Providence hinaus tätig sein wollen. Doch ich kann Ihnen versichern, Ms Canton, dass meine Familie in dieser Umgebung nicht ohne Einfluss ist. Wir sind jedes Jahr die Gastgeber für eine ganze Reihe von gesellschaftlichen Veranstaltungen. Ich kann Ihnen garantieren, dass Ihr Service über Nacht wachsen wird, wenn Sie diese eine Party für uns auf die Beine stellen. Ich biete Ihnen eine einmalige Gelegenheit. Sea Change liegt eine knappe halbe Autostunde von Providence entfernt, und ich bin bereit, Sie für jede Unbequemlichkeit zu entschädigen.“

Es gab eine lange Pause, ein nachdenkliches Schweigen, und Adam entspannte sich. Das Blatt wendete sich.

„Sie bieten mir eine einmalige Gelegenheit an?“, wiederholte sie seine Worte, und es klang belustigt. „Dafür, dass ich für Sie eine Party vorbereite?“

„Ja.“ Bei Ms Canton war der Groschen gefallen. Endlich. Und nun wollte Adam die Sache zum Abschluss bringen. „Ich habe nicht sehr viel Zeit, und ich verstehe auch, dass ich Sie mit meiner Bitte förmlich überfallen habe“, entschuldigte er sich. „Beenden wir also dieses Hin und Her. Was muss ich tun, um Sie zu bekommen?“

Katie wusste nicht recht, ob sie beleidigt oder geschmeichelt sein sollte, weil Adam Braddock so darauf aus war, sie „zu bekommen“. Eins stand fest, er erinnerte sich nicht mehr an sie und hielt sie für jemand anderen.

In „The Torrid Tomato“ hatte er sich ziemlich arrogant aufgeführt. Schon allein wie er ihr mit jedem Blick, mit jeder Bewegung deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass er von ihr alles andere als beeindruckt war. Sie konnte sich nur wundern, dass die sympathische Mrs Fairchild sich mit diesem Wichtigtuer abgab.

Aber all dies erklärte nicht, wie er zu ihrer Handynummer gekommen war. Sie war erst seit sechs Monaten in Providence, und nur wenige kannten ihre Nummer. Ilsa Fairchild hatte ihm wahrscheinlich aus Versehen ihre Nummer gegeben statt der Nummer dieser Veranstalterin, die ihm offensichtlich wärmstens empfohlen wurde.

„Da muss ein Irrtum vorliegen, Mr Braddock“, begann sie erneut. „Ich bin nicht die Person, die Sie anrufen sollten.“

„Bitte, Ms Canton, seien Sie nicht so bescheiden. Ich bin ein sehr beschäftigter Mann. Die Party ist in sechs Wochen, und ich habe weder die Zeit noch die Lust nach jemandem zu suchen, der sie durchführen kann.“

Er klang so ernst, dass Katie lachen wollte. Wie konnte jemand sich wegen einer Geburtstagsparty nur so aufregen? Ein schwer beschäftigter Mann. Ein Mann, der Listen aufstellte und Rechnungsposten abhakte. Ein Mann, der starrsinnig war und der von seinem Entschluss, sie anzuheuern, kein bisschen abrückte und jeden Einwand von ihr widerlegte.

„Fünftausend Dollar“, sagte sie … nur scherzhaft und nur, damit er endlich auflegte.

„Abgemacht.“

Katie schluckte. „Was?“, brachte sie hervor.

„Sie sagten fünftausend, und ich habe angenommen.“

Sie dachte schnell nach. „Sie haben mich nicht zu Ende reden lassen. Ich meine fünftausend jetzt und fünftausend später.“ Wenn das nicht abschreckte!

Er zögerte tatsächlich. „Sie müssen sehr gut sein, Ms Canton. Für diesen Preis erwarte ich obendrein, dass Sie uns einen schönen Junitag mit blauem Himmel und nicht zu heißer Sonne verschaffen. Rufen Sie meine Sekretärin morgen an … Nein, am Montagmorgen. Sie wird dafür sorgen, dass die Summe auf Ihr Konto überwiesen wird. Ganz sicher werden Sie sich erst mal mit den Räumlichkeiten für die Party auf Braddock Hall vertraut machen wollen. Nell, meine Sekretärin, wird sich darum kümmern. Sagen Sie ihr nur, wann sie dorthin fahren, und Nell wird alles andere arrangieren. Noch irgendwelche Fragen?“

Sind Sie verrückt? wollte Katie fragen. Aber als sie ihre Stimme wieder fand, konnte sie nur krächzend „Ich kann nicht Auto fahren“ herausbringen.

Das schien Adam sprachlos gemacht zu haben. Etwa zwei ­Sekunden lang. „Ich schicke den Rolls für Sie. Nell wird den Tag und die Zeit mit Ihnen ausmachen.“

Den Rolls. Er würde „den Rolls“ für sie schicken. Bislang hatte Katie Busfahrkarten, Taxigelder und sogar ein Mal ein Flugticket bekommen. Aber niemand hatte ihr jemals gesagt: Ich schicke den Rolls für Sie. „Den Rolls?“, wiederholte sie.

„Der Chauffeur ist Benson. Er bringt Sie überall hin, wo Sie hin möchten. Natürlich, solange es sich in Grenzen hält.“

Ein Rolls-Royce mit Chauffeur. Benson war sein Name. Wo immer sie hin wollte. Solange es sich in Grenzen hielt. Natürlich. Wie oft wurde einem Menschen ein solches Abenteuer angeboten? „Nun …“, erwiderte Katie zögernd. „Ich bin bereit.“

„Gut. Ich sage Nell, dass Sie anrufen werden.“

Katie seufzte. Ihr war recht mulmig zumute. „Ja, und … danke für den Anruf. Auf Wiedersehen.“

„Ms Canton?“

„Ja?“

„Sie brauchen meine Büronummer.“

„Oh … richtig.“

Er gab ihr die Nummer mit kühler, sachlicher Stimme durch. „Haben Sie’s notiert?“

„Ja, hab ich“, antwortete sie.

„Rufen Sie am Montag Nell an.“

„Nell.“ Katie schrieb den Namen in die Luft. „Geht in Ordnung.“

„Gut. Nell wird alles Nähere mit Ihnen besprechen, das Datum, die Zeit, die Gästeliste.“ Er hielt inne.

Kate war sicher, dass er seinen Irrtum erkannt hätte. „Haben Sie es sich anders überlegt?“, fragte sie munter.

„Nein. Ich habe mir nur überlegt, ob ich mich nicht mit Ihnen treffen sollte.“

„Ich kenne ein großartiges kleines Restaurant mitten in der Innenstadt. ‚The Torrid Tomato‘.“ Katie musste lächeln, als sie sich ein Treffen mit Adam dort ausmalte. Das Gesicht, das er machen würde!

„Nein, das wird nicht nötig sein“, wehrte er hastig ab. „Ich bin sicher, Sie schaffen es allein, auch ohne meine Hilfe.“

Sie musste diesem Unsinn ein Ende setzen. Jetzt! „Mr Braddock“, begann sie sehr ernst – und wurde sofort unterbrochen.

„Adam“, verbesserte er. „Und ich werde sie Kate nennen. Es war doch Kate, nicht wahr?“

„Ich habe Katie lieber. Und wir sollten bei Mr Braddock und Ms Canton bleiben. Das ist geschäftsmäßiger.“

Sie konnte förmlich seine gerunzelte Stirn sehen. Adam Braddock war es gewohnt, dass alles nach seinem Willen ging. „Wie Sie wünschen, Ms Canton. Ich sage also Nell Bescheid, dass sie mit Ihrem Anruf am Montagmorgen rechnen kann.“

Katies Sinn für das Verrückte setzte sich durch. Und sie ließ es zu, dass ihr breites Lächeln in der Stimme mitklang, als sie humorvoll sagte: „Klar, Mr Braddock. Und, wirklich, danke vielmals für Ihren Anruf. Ihr Auftrag ist der beste, den ich seit Monaten bekommen habe.“

Als sie das Klicken am anderen Ende der Leitung vernahm, war sie sicher, dass es das Letzte war, was sie von Adam Braddock gehört hatte.

2. KAPITEL

Ihr Handy meldete sich gerade in dem Augenblick, als Katie aus der Tür des Friseursalons trat. Sie hatte ihren Pony kürzer schneiden lassen, weil er anfing, ihr in die Augen zu hängen. Es war ein schöner Tag, und Providence war eine hübsche Stadt. Doch in zwei Wochen würde sie auf dem Weg zu einem anderen Ort sein, zu einem neuen Abenteuer in ihrem Leben. Sie mochte den Wechsel des Schauplatzes. Sie war die einzige Überlebende in ihrer Familie, und das Herumwandern hielt sie von traurigen Gedanken ab.

Das Handy meldete sich erneut, und Katie holte es aus ihrer Tasche. Wahrscheinlich war es Caroline, die ihr einen Job in Baton Rouge vermitteln wollte. „Hallo?“

„Ms Canton?“

Ganz sicher war es nicht Caroline. Der Tonfall war zu abgehackt. „Ja?“

„Mein Name ist Nell Russel. Ich arbeite für Adam Braddock vom Braddock-Konzern. Mr Braddock hat mich gebeten, Sie anzurufen und eine Zeit auszumachen für Ihren Besuch in Braddock Hall. Er erwähnte den Freitag dieser Woche.“

Es faszinierte Katie, wie die Stimme dieser Nell jedes Mal, wenn sie „Braddock“ sagte, vor Wichtigkeit vibrierte. Und sie hatte es in dieser kurzen Einleitung sehr oft gesagt. „Eigentlich hat er gesagt …“

„Mr Braddock hat mir aufgetragen, nicht länger als bis halb zehn heute Morgen zu warten. Wenn Sie bis dahin nicht angerufen haben, könnte ich Sie unter dieser Nummer erreichen. Wir müssen einen Zeitpunkt vereinbaren, an dem Benson Sie nach Sea Change bringt. Ich weiß, dass es bereits zehn ist, aber ich wollte Sie noch rechtzeitig abfangen, bevor Sie Ihr Büro für Ihre Mittagspause verlassen.“

Katie blickte auf den Verkehr, der vorbeibrummte, auf die Milchbar an der Ecke, die Bank auf der gegenüberliegenden Straßenseite und wollte bereits erwidern, dass sie kein Büro habe und auch keins brauche.

„Ich kann natürlich auch nach dem Lunch anrufen, wenn es Ihnen besser passt“, fuhr Nell Russell höflich fort. „Aber Mr Braddock war sehr genau in seinen Anweisungen. Es ist wichtig, dass wir noch in dieser Woche eine Zeit festlegen für Ihre Fahrt nach Braddock Hall. Mr Braddock hat bereits Benson beauftragt …“

Katie fiel ihr spontan ins Wort. „Ich fürchte, das alles ist ein Irrtum. Mr Braddock hat nämlich die falsche …“

„Ich verstehe das vollkommen“, unterbrach Nell und bewies damit, dass sie überhaupt nicht hingehört hatte. „Ich weiß, dass Sie sehr viel zu tun haben, Ms Canton, und ich will mich kurzfassen. Sollten Sie bereits Termine haben, die Sie nur schlecht absagen können, so tue ich das gern für Sie. Mr Braddock hätte ganz sicher nichts dagegen. Wären Sie also morgen für die Fahrt bereit? Oder doch lieber übermorgen?“

Katie stellte sich an den Rand des Gehwegs, um den Verkehrsfluss der Fußgänger nicht aufzuhalten, und drückte ihr Handy noch dichter an ihr Ohr. Den Irrtum aufzuklären war unmöglich, da Nell Russel sich kaum Zeit zum Luftholen nahm.

„Donnerstag würde es ebenso gut passen wie morgen. Freitag wäre schon spät in der Woche, und der Verkehr ist am Freitag immer schrecklich. Und da Mr Bryce Braddock und Mr Peter Braddock sich bereits für das Wochenende nach Braddock Hall auf den Weg gemacht haben, würde es sich nur für alle Betreffenden störend auswirken. Mitte der Woche wäre deshalb besser. Doch wenn der Donnerstag der einzige Tag ist, den Sie sich für Ihren Besuch auf Braddock Hall einrichten können, dann kommen wir Ihnen natürlich entgegen.“

Nell Russell machte eine Pause, und Katie erschien dieses ganze Durcheinander um die Braddock-Familie so komisch, dass sie am liebsten gelacht hätte. Schon wollte sie Nells Atempause ausnutzen, um sie aufzuklären, wer sie wirklich war, doch auch dieses Mal kam sie nicht zum Zuge.

„Ginge es vielleicht heute?“, fragte Nell, und ehe Katie darauf antworten konnte, rief sie: „Warten Sie, bitte!“

Sie sollte jetzt wirklich einhängen. Adam Braddock hatte offensichtlich seiner Sekretärin aufgetragen, Katie so lange zu belagern, bis sie Ja sagte. Warum beendete sie das Gespräch also nicht einfach?

Heute war ihr freier Tag, und sie war noch nie in Sea Change gewesen, ja sie hatte bis zu Adams Anruf noch nie zuvor von diesem Ort gehört. Sie war auch noch nie eingeladen worden, ein Haus von Bedeutung zu besichtigen. Es könnte Spaß bringen. Auch die Fahrt im Rolls. Die Versuchung war groß.

„Ms Canton?“ Nell war zurück. „Sind Sie momentan in der Innenstadt?

Das konnte Katie wegen des Verkehrslärms um sie herum schlecht leugnen. „Ja, aber …“

„Wunderbar. Wenn Sie mir einen Treffpunkt angeben, wird Benson Sie innerhalb der nächsten fünf Minuten abholen und Sie heute Abend wieder zurückbringen. Ich bin so froh, dass es klappt. Mr Braddock wäre sehr ärgerlich, wenn wir uns nicht geeinigt hätten.“

Katies Gewissen regte sich. Was war sie im Begriff zu tun? Eindeutig eine vorsätzliche Täuschung – allerdings nur in gewissem Sinne. Sie hatte niemanden irregeführt. Sie könnte immer noch Benson die Benzinkosten erstatten. Sonst würde sie ja keinen Schaden anrichten. Und ganz sicher würde sie es bedauern, wenn sie die Chance nicht ergriff. Seit sie erwachsen war, hatte sie versucht so zu leben, dass es am Ende eines jeden Tages nur so wenig wie möglich zu bedauern gab.

„Also …“, sagte sie zu Nell Russell. „Benson kann mich an der Ecke von …“, sie blickte auf das Straßenschild, „Weybosset und Orange abholen.“

Während Katie auf den Chauffeur wartete, konnte sie sich ein Grinsen nicht verkneifen. Vorfreude erfasste sie. Und plötzlich taten ihr die Fußgänger leid, die an ihr vorbeiströmten, weil sie nicht an der Ecke von Weybosset und Orange standen und auf einen Rolls-Royce warteten, der jeden Augenblick eintreffen würde, um sie – Katie – abzuholen.

Das war’s mit meinem Spaß, dachte Katie, als sie in den silbergrauen Rolls-Royce stieg und sich Adam Braddock gegenüberfand. Warum zum Teufel war er hier? Und was sollte sie ihm zur Antwort geben, wenn er von ihr wissen wollte, was eine Kellnerin in seinem Rolls-Royce zu suchen habe?

„Ms Canton? Ich bin Adam Braddock“, sagte er, blickte flüchtig von dem Laptop auf seinem Schoß hoch und reichte ihr die Hand. „Sehr freundlich, dass Sie kommen konnten.“

„Hallo“, sagte sie kleinlaut. Es war klar, dass er sie nicht erkannt hatte. Noch nicht. Die Autotür schloss sich hinter ihr mit einem gedämpften Peng, und es war zu spät, um zu entwischen. Also ließ Katie sich auf den weichen Ledersitz nieder und überließ ihre verängstigten Finger Adams festem Händedruck. „Netter Wagen.“

Adam lächelte nachsichtig, ohne vom Computer hochzusehen. „Ich bin froh, dass Sie die Fahrt nach Braddock Hall so kurzfristig möglich machen konnten.“

„I…ich … ich habe Sie nicht erwartet.“

„Ich hab mich auch ganz kurz entschlossen.“ Er blickte mit gerunzelter Stirn auf den Bildschirm und tippte dann etwas ein.

Katie rutschte nervös auf ihrem Sitz hin und her und wünschte sich, dass Adam sie erkannte und die Sache endlich hinter sich gebracht wurde. Würde es ihr gelingen, aus dieser Situation mit Anstand herauszukommen?

„Mr Braddock“, begann sie und wollte kurzen Prozess machen.

„Ja?“, fragte er, nahm das Telefon auf, das neben ihm in der Türkonsole steckte, und drückte eine Nummer ein. „Lara“, erklärte er brüsk, „die Aktien kommen in Bewegung. Hat Wallace sich gemeldet?“

Er hörte konzentriert zu. Er war ein Mann, der sich selbst und alles um sich herum unter Kontrolle hatte. Alles an ihm war perfekt – künstlich perfekt, wie Katie im Stillen hinzusetzte. Aber sie spürte heraus, dass er unter der makellosen Oberfläche ein unglücklicher junger Mann war. Sein dunkles Haar war zweifellos von einem Meisterfriseur geschnitten, nicht zu lang, nicht zu kurz, keine vorwitzige Haarsträhne, die sich selbstständig machte. Exakt. Penibel. So war auch seine Kleidung. Dunkelgrauer Anzug, blütenweißes Hemd, weiß-dunkelblau gestreifte Krawatte, kunstvoll zu einem Windsorknoten gebunden. Dieser Knoten bewies, dass Adam Braddock auch dem Detail seine größte Aufmerksamkeit zuwendete.

Sein Profil – mehr hatte Katie von seinem Gesicht nicht gesehen, seit sie in den Wagen gestiegen war – musste als klassisch bezeichnet werden. Alles an ihm war stimmig. Nichts fiel aus der Rolle. Im Restaurant hatte Katie ihn attraktiv gefunden, aber hier, in seiner persönlichen Umgebung, fand sie ihn außergewöhnlich gut aussehend. Er sah sogar noch besser aus als der Rolls, fand sie, was eine ganze Menge zu bedeuten hatte.

Katie lehnte sich auf ihrem Fondsitz aus weichem Leder bequem zurück, betrachtete den schweigsamen Adam Braddock von der Seite und wunderte sich über seine Fähigkeit, sich so intensiv auf eine Sache zu konzentrieren. Wie würde es sein, wenn ein Mann wie er sich mit der gleichen Intensität auf sie einstellte? Was müsste man tun, um sein Interesse auf sich zu lenken?

Nun, sobald er herausfand, dass sie eine Kellnerin bei „The Torrid Tomato“ war und nicht die Veranstaltungsplanerin, die er unbesehen für ein unverschämt hohes Honorar engagiert hatte, würde sie es ja herausfinden.

Wieder hatte er den Hörer am Ohr. „Gute Arbeit, Lara. Vergessen Sie nicht, dass ich für den Rest der Woche nicht verfügbar bin. Auch nicht für Wallace. Mal sehen, ob er es durchsteht.“ Er beendete das Gespräch ohne ein weiteres Wort.

Offensichtlich war bei Lara ein Auf Wiedersehen nicht nötig. Oder er war so vertieft in das, was sein kleiner Computer meldete, dass er nicht mal merkte, wie unhöflich er gewesen war. Dass er sich an sie nicht mehr zu erinnern schien, ergab jetzt einen Sinn. Menschen waren Luft für ihn. Er nahm sie nur wahr, wenn er sie auf irgendeine Weise brauchte.

Katie blickte aus dem Seitenfenster. Die leicht rauchgrau getönte Scheibe schirmte sie von der Welt draußen ab, ließ den Himmel und alles, was darunter war, gedämpft und blass erscheinen. Katie fühlte sich wie von einer weichen Hülle umschlossen, die sie friedlich, heiter und gelassen machte.

Sie warf verstohlen einen ausgiebigen Seitenblick auf den Bildschirm des Laptops, um zu sehen, ob sie etwas erkennen könnte. Es war nicht viel. Sehr langsam beugte sie sich hinüber, bis sie einen Winkel von etwa 45 Grad erreicht hatte. Aus dieser Stellung konnte sie die Zeichen auf dem Computer ausmachen. Zahlen. Eine ganze Menge Zahlen …

„Sind Sie am Aktienmarkt interessiert, Ms Canton?“

Katie versuchte, sich mit so viel Anmut wie möglich wieder aufzusetzen. „Ist das nicht jeder heutzutage? Und Sie können mich Katie nennen.“

Er hob die Brauen und blickte sie belustigt an, aber nur kurz. „Ich dachte, unsere Beziehung sei streng geschäftsmäßig“, bemerkte er.

„Oh, das ist sie.“ Katie verzog die Lippen zu einem – wie sie hoffte – geheimnisvollen Lächeln, was er aber gar nicht bemerkte. „Aber da wir hier nebeneinander sitzen und vermutlich zu einem Gespräch kommen werden, wäre es leichter, auf förmliche Anreden zu verzichten.“

„Hm.“ Er sah sie jetzt aufmerksam an. Sein Blick, verweilte auf ihrem – dank des neuen Haarschnitts und eines neuen Shampoos – glänzenden Haar. Und mit einem flauen Gefühl im Magen erwartete Katie, dass er sie aus dem Rolls hinauswerfen würde. Er zog jedoch nur kurz die Brauen zusammen und konzentrierte sich gleich wieder auf die Zahlen auf dem Bildschirm. „Haben Sie sich mit dem Geburtstag meines Großvaters bereits befasst, Katie?“

Wenn er sie tatsächlich erkannt haben sollte, so war das mit dem neuesten Dow-Jones-Index belanglos geworden. Allmählich schien es Katie, dass sie sich keine Gedanken zu machen brauchte, wie sie mit Würde aus der peinlichen Situation herauskam, sondern wie sie ihn dazu bringen könnte, dass er sie überhaupt zur Kenntnis nahm. „Eigentlich habe ich vorgehabt, ihm einen Schlips zu schenken. Woran haben Sie gedacht?“

Das leichte Zucken um seine Lippen zeigte ihr, dass Adam nicht ganz so humorlos war, wie sie gedacht hatte. „Ich habe mehr an praktische Dinge gedacht. Eine kleine Produktionsfirma zum Beispiel.“

„Das würde eine Menge Geschenkpapier erfordern.“

„Wie gut, dass ich Aktien bei Hallmark, dem Unternehmen für Geschenkartikel, besitze.“ Er tippte etwas in den Computer ein. „Natürlich meinte ich mit meiner Frage, welche Pläne Sie für die Veranstaltung gemacht haben.“

„Ich will nur das Haus sehen“, erwiderte sie aufrichtig. „Mit der Party habe ich mich mit keinem einzigen Gedanken beschäftigt.“

Sein finsterer Blick mochte ihr gelten. Vielleicht aber auch nicht. „Das ist lobenswert“, bemerkte er knapp.

„Wirklich?“

Sein Blick blieb auf den Bildschirm gerichtet, als er erklärte: „Sie haben ihre kreativen Fantasien nicht unnütz mit Pläneschmieden vergeudet, die leicht durch Logistik ersetzt werden können.“

„Nun ja“, entgegnete Katie schlagfertig, „vergeudet habe ich meine Fantasien nicht. Aber wer will schon ersetzt werden?“ Sie wurde durch einen verdutzten Seitenblick belohnt und lächelte in sich hinein.

Adam sah ihr wieder prüfend ins Gesicht, was sie ziemlich nervös machte. „Kein Grund, sich Sorgen zu machen, Katie. Ich werde Ihnen nicht in die Quere kommen“, sagte er schließlich.

Diese Worte und sein freundliches Lächeln machten Katie regelrecht froh. Also war es doch nicht so abwegig gewesen, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.

„Sie sind leichter zufriedenzustellen, als ich erwartet habe. Wenn ich nun etwas falsch mache?“

„Den Mitarbeitern Vertrauen entgegenzubringen ist für jemanden in einer leitenden Position der einzige Weg, ein freundliches Arbeitsklima zu schaffen. Ich habe weder die Zeit noch die Muße, mich um eine Party kümmern. Sie haben völlig freie Hand in der Planung und der Ausführung, solange Sie die Party so gestalten, dass mein Großvater Spaß daran hat.“

„Oh, gut. Also sind Bauchtänzerinnen erlaubt.“

Darauf lächelte Adam nachsichtig. „Großvater wird neunundsiebzig, und er erfreut sich bester Gesundheit, doch wir sollten es ...

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