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JULIA COLLECTION BAND 68

Mein heißblütiger Wüstenprinz

MINISERIE VON OLIVIA GATES

Wiedersehen mit dem Wüstenprinz

Sechs glückselige Wochen hat Faruq mit Carmen verbracht, da erfährt er, dass sie ihn angeblich aus Profitgier hintergangen hat. Wütend nimmt er sie mit in sein Wüstenkönigreich. Dort zeigt sie wieder ihre zärtliche und warmherzige Seite. Gemeinsam verbringen sie eine leidenschaftliche Hochzeitsnacht. Kann eine solche Frau wirklich eine Betrügerin sein?

Wenn ein Märchenprinz heiraten will …

Bei einem Maskenball treffen sich ihre Blicke, und Farah verspürt sofort ein heißes Verlangen. Scheich Shehab umschwärmt sie, dass sie gar nicht weiß, wie ihr geschieht. In einem Privatjet entführt er sie auf seine Insel, wo sie eine wunderbar romantische Zeit erleben. Farah glaubt sich im siebten Himmel – bis sie erfährt, wer Shehab in Wirklichkeit ist …

So heiß wie der Wüstenwind

Aliyah ist heiß, sie ist feurig – und sie hat ihn betrogen. Niemals hat Prinz Kamal seiner einstigen Liebe das verzeihen können, und jetzt soll er ausgerechnet sie zur Frau nehmen! Zum Wohle seines Volkes fügt er sich. Als er sich ihr wieder annähert, scheint es, als ob sie sich geändert hat. Gibt es für ihre Liebe noch eine zweite Chance?

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Wiedersehen mit dem Wüstenprinz

PROLOG

„Kannst du dir vorstellen, wie schlimm das für mich war? Zwei Tage ohne dich, nur mit diesen furchtbaren Verhandlungen beschäftigt?“

Faruqs Stimme klang dunkel und unergründlich, und sein exotischer Akzent erweckte Fantasien von Tausendundeiner Nacht in ihr.

Sie hatte sein Kommen schon gespürt, bevor er das Penthouse betreten hatte. Die Verhandlungen hatten ihn jeden Tag in den vergangenen sechs Wochen mit Beschlag belegt. Nur die Nächte, die hatten ihnen gehört. Nächte voller Sinnlichkeit und Magie.

Sie dachte, nach achtundvierzig Stunden der Trennung wäre sie bereit für das Zusammentreffen mit ihm. Gestärkt genug, obwohl sie in der Zwischenzeit etwas erfahren hatte, das ihr Leben für immer verändern würde.

Doch sie war es nicht. Wie ein Hurrikan brach es über sie herein. Heißes Begehren durchströmte sie. Oh, wie sehr sie ihn liebte!

Es war alles so schnell gegangen. Zu einem Zeitpunkt, an dem sie nicht mehr an die Liebe geglaubt hatte, war es über sie gekommen wie ein Naturereignis. Sie hatte ihn gesehen und war ihm im selben Augenblick verfallen. Und ihre Gefühle wurden zusehends stärker.

Dabei war ihr eins von Anfang an klar gewesen: Wenn ihre gemeinsame Zeit vorbei war, würde er sie mit einem gebrochenen Herzen zurücklassen. Doch die Zukunft war ihr egal gewesen, nur der Augenblick zählte, und solange es anhielt, wollte sie jede Minuten mit ihm genießen.

Nachdenklich blickte sie durch das riesige Fenster auf den Central Park, auf die Lichter von Manhattan. Sie hörte das Rascheln von Kleidung, hörte, wie Kaschmir über Seide glitt und dann Seide über nackte Haut.

Aber sie wandte sich immer noch nicht zu ihm um. Tiefer Schmerz erfüllte sie. Dies war ihre letzte gemeinsame Nacht.

Alles, alles wollte sie heute noch einmal erleben, genießen. Sie wollte ihn, mit all seinen Widersprüchlichkeiten, seiner Geduld und seiner Arroganz, seiner Zärtlichkeit und seiner Wildheit.

„Wahashteeni, ya ghalyah.“ Seine kehlige Stimme traf sie bis ins Mark. Er sagte ihr, dass er sie vermisst hatte, und das genügte schon, um sie zu erregen. Ihre Brustspitzen wurden hart. Und seine nächsten Worte machten es nur noch schlimmer. „Ich hätte nicht so lange fortbleiben dürfen. Jetzt habe ich beinahe Angst davor, dich anzufassen. Wenn ich dich berühre, könnte es uns bis in den Abgrund treiben.“

Jetzt war er ihr ganz nahe. Sie rang nach Luft, spürte, wie er ihr rotes Haar zur Seite strich und ihren nackten Hals betrachtete. Genüsslich atmete er ihren Duft ein.

Seine Hände berührten sie nur leicht, wie ein Windhauch. Dann war er mit seinen Lippen an ihrem Ohr. „Ich konnte dich nicht einmal anrufen. Denn mir war bewusst, allein der Klang deiner Stimme könnte alles zunichtemachen, was ich in den Verhandlungen erreicht hatte. Denn ich hätte alles stehen und liegen lassen und wäre zu dir geeilt.“

Ihr wurde schmerzlich bewusst, dass sie diese Nacht nicht mit ihm verbringen durfte.

Denn sonst würde sie bleiben, und er würde es spätestens in sechs Wochen wissen.

Sie war schwanger.

Und das durfte er auf keinen Fall erfahren.

Sie hatte ihm versichert, dass sie nicht zu verhüten brauchten. Doch nun war es geschehen. Er würde sie für eine Lügnerin und Betrügerin halten. Wäre wütend, aufgebracht – oder Schlimmeres.

Sicher, er benahm sich ihr gegenüber großartig, aber sie wusste ganz genau, was sie für ihn war. Eine Art Zerstreuung, die ihm nach knochenharten Verhandlungen ein wenig Entspannung brachte. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht hatte er ihr das Angebot gemacht: Während der drei Monate, die ihn wegen der geschäftlichen Verhandlungen um die ganze Welt führten, sollte sie seine Geliebte sein. Sie war sich sicher, dass er die Affäre nach dieser Zeit mit einer überaus großzügigen Geste beenden würde, schließlich war er ein echter Prinz. Selbstverständlich hätte sie nichts von ihm angenommen.

Doch nun hatte das Schicksal ihr ein viel größeres Geschenk gemacht, das größte Geschenk überhaupt …

Sie fröstelte. Es war bereits zu spät, etwas daran zu ändern. Von hinten umschlang Faruq sie mit seinen kräftigen Armen. Eine Woge des Begehrens durchflutete sie, und fast wollte sie ihrem Verlangen nachgeben, um noch einmal das höchste der Gefühle mit ihm zu erleben. Aber eben nur fast.

Sie entwand sich unauffällig seiner Umarmung und versuchte, das Thema zu wechseln. „Hast du deine Pläne für die Unterstützungsprojekte problemlos vortragen können? Oder hat der Premierminister von Ashgunia wieder lautstark Einspruch erhoben, weil eure Monarchie sich angeblich zu sehr in die inneren Angelegenheiten seines ach so ‚demokratischen‘ Landes einmischt?“

Er versuchte, sie näher an sich zu ziehen, aber sie entzog sich ihm erneut. Das überraschte ihn, schien ihm aber keinen weiteren Gedanken wert zu sein, denn er zuckte nur mit den Schultern. „Nein, viel besser“, sagte er. „Er hat mir innerhalb einer Hundert-Meilen-Zone entlang der Grenze zu Damhur unbeschränkten Zugang in das Gebiet von Ashgunia zugesichert.“

Das war ein unerwartet positives Verhandlungsergebnis – nicht einmal die Vereinten Nationen hatten das erreicht. Ihre Freude darüber ließ sie einen Moment ihren Kummer vergessen. „Faruq, das ist großartig. Damit wirst du vielen Menschen das Leben retten.“

„Hoffen wir das Beste, Carmen. Was diplomatische Erfolge angeht, bin ich immer ein bisschen pessimistisch. Aber genug davon. Jetzt bin ich nicht Prinz Al Masud, sondern der Mann, der leidenschaftlich eine Frau lieben will. Die Frau, die sein schönstes Geburtstagsgeschenk ist.“

Sein Geburtstag. Sie hatte erst am Vortag davon erfahren. Sie war losgezogen, um etwas für ihn zu kaufen, für einen Mann, der bereits alles besaß, und das auch noch in mehrfacher Ausfertigung. Daher hatte sie Bastelmaterial kaufen wollen; mit etwas Selbstgemachtem hatte sie noch die größte Chance, ihm eine Freude zu bereiten. Und dann war es passiert: Sie war zusammengebrochen und erst im Krankenhaus wieder aufgewacht. Dort hatte sie dann erfahren, was sie für unmöglich gehalten hatte: Faruqs Baby wuchs in ihr heran.

Wieder wollte er sie in die Arme nehmen, und wieder entzog sie sich ihm. Erst schaute er verblüfft drein, dann dämmerte ihm etwas.

„Ist es wieder … diese Zeit?“

Er dachte, sie hätte ihre Tage? Welch Ironie!

Aber ihr bot es eine willkommene Ausrede. Sie nickte.

Er seufzte. „Es war sowieso schon überfällig, nicht wahr?“ Genau wusste er es nicht, und warum sollte er auch? Er zählte ja nicht die glücklichen Augenblicke mit ihr, zählte sie nicht bis zu jenem Zeitpunkt, an dem sich ihre Wege wieder trennen würden. Sie hingegen tat genau das. „Ich bin immer wieder überrascht, wie dieselbe Person einmal so lüstern und leidenschaftlich sein kann und dann wieder schüchtern und keusch wie ein Schuldmädchen.“ Sie wich seinem Blick aus. „Ja, ich verzehre mich nach dir, ya ghalyah, aber ich werde es auch genießen, dich zu trösten. Du siehst so erschöpft aus, so blass.“ Er nahm sie am Arm und führte sie zu dem riesigen kreisrunden Bett. „Hast du Schmerzen? Ich kann meine Ärzte rufen …“

Langsam schüttelte sie den Kopf. „Ich … habe nur leichte Krämpfe.“

Er lächelte geduldig. „Dann werde ich dich ein wenig massieren. Meine kundigen Hände und die magischen Heilöle meines Königreichs werden dir Linderung verschaffen.“

Sie verspürte Lust, wenn sie nur daran dachte, gleichzeitig war sie gerührt von seiner Fürsorge. „Nein.“

Verwirrung spiegelte sich in seinen edlen Gesichtszügen. Er wollte sie berühren, aber sie wandte sich ab.

„Was ist denn los?“

Sie musste es hinter sich bringen, jetzt, bevor sie wieder schwach wurde. „Ich fahre nach Hause“, stieß sie hervor.

Fassungslos starrte er sie an.

„Ich frage noch einmal: Was ist los?“ Seine Stimme war sanft und beruhigend, als würde er auf ein verängstigtes Pferd einreden.

„Es ist alles in Ordnung. Ich … will nur zurück nach Los Angeles.“

„Und darf ich fragen, warum?“

Unruhig ließ sie ihren Blick hin und her wandern. Sie hatte gedacht, er würde nach dieser Ankündigung nur mit den Schultern zucken und sich bei der nächstbesten Gelegenheit einer neuen Eroberung zuwenden. Jetzt, durch seine Frage, fühlte sie sich in die Enge getrieben. „Ich dachte, ich könnte gehen, wann immer ich will.“

Sie wusste, dass er von Natur aus dominant war, auch wenn er sich ihr gegenüber immer sehr zurückgehalten hatte. Doch nun sah sie diese Dominanz und seinen Unwillen ganz deutlich in seinen Augen. „Das kannst du nicht. Jedenfalls nicht einfach so und dann noch so plötzlich.“

„Und ob ich das kann. Und plötzlich kommt das auch nicht. Ich wollte es dir schon seit Längerem sagen.“

„Ach ja? Als du vor zwei Tagen in meinen Armen lagst und schreiend und stöhnend nach mehr verlangt hast, da hattest du schon dich entschieden, mich zu verlassen?“

Sie wandte sich ab, weil sie seinem forschenden Blick nicht mehr standhalten konnte. Aber er ließ sie nicht weit kommen. Entschlossen packte er sie bei den Schultern und küsste sie auf den Hals.

„Genug davon, Carmen.“ Seine Stimme klang gequält und weckte Verlangen und gleichzeitig Kummer in ihr. „Wenn du aus irgendwelchen Gründen böse auf mich bist …“

Sie entwand sich seinem Griff. „Nein, das bin ich nicht.“

„Aber irgendetwas stimmt doch nicht. Du kannst doch nicht so plötzlich einfach gehen wollen. Das lasse ich nicht …“

Verzweifelt rief sie: „Ich bitte dich nicht darum, gehen zu dürfen! Ich teile es dir nur mit!“

„Du gehst nirgendwohin, bevor du mir nicht alles gesagt hast. Wenn du Probleme hast …“

„Ich habe keine Probleme.“ Sie hatte seine herrschaftliche Ader unterschätzt, hatte vergessen, dass er nicht nur der Mann war, den sie mit jeder Faser ihres Herzens begehrte. Er war ein Prinz mit nahezu unbegrenzter Macht. Stets bekam er, was er wollte. Er würde weiterbohren, bis sie schließlich nachgab und ihm alles sagte. Aber das konnte sie nicht.

Sie sah nur einen Ausweg. Und der war überaus riskant und gefährlich. Aber hatte sie denn eine Wahl?

Tonlos sagte sie: „In Eurem Heimatland Judar mag Euer Wille Gesetz sein, Hoheit, aber dies ist ein freies Land. Eine Frau hat hier ebenso wie ein Mann das Recht, ihr Vergnügen zu suchen – und es auch zu beenden, wenn ihr danach ist.“

Er zuckte zusammen, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst. „Und du willst es jetzt beenden? Obwohl du dein Verlangen nach mir kaum zügeln kannst?“

Es war ein großer Fehler, überhaupt ins Apartment zurückzukommen, dachte sie. Nur weil ich zu schwach war, weil ich ihn unbedingt ein letztes Mal sehen wollte. Ich hätte einfach verschwinden sollen.

In ihrer Verzweiflung flüchtete sie sich in Hohn. „Das Verlangen kaum zügeln? Das würdest du wohl gerne glauben, wie?“

Einen Moment lang sah er sie einfach nur starr an.

Als er endlich sprach, war seine Stimme ruhig und sanft. „Lass uns mit diesen Spielchen aufhören. Mein ganzes Leben besteht aus Spielchen. Doch in meinem Schlafzimmer dulde ich nur erotische Spiele. Aber ich verstehe – du bist der Ansicht, dass du für die letzten sechs Wochen mehr verdient hast, als nur mein Bett und Privilegien mit mir zu teilen. Wie gedankenlos von mir! Ich hätte dir von vornherein ein entsprechendes Angebot unterbreiten sollen. Also, wenn du Forderungen hast …“ Er umfasste ihre Oberarme und zog Carmen an sich heran, presste die Hüften gegen ihre, sodass sie seine Erregung spürte. Nun war er nicht mehr der wohlerzogene, höfliche Mann. „Was willst du haben? Sag es, und es gehört dir.“

Oh Gott, das Ganze wurde zusehends unangenehm. Er dachte tatsächlich, sie hätte es auf Geld oder Schmuck abgesehen! Einerseits spürte sie deutlich seinen Abscheu – andererseits schien er bereit zu sein, alles zu zahlen, um weiterhin Zeit mir ihr verbringen zu können.

Sie entzog sich ihm, musste es jetzt beenden.

Selbst mit der abscheulichsten Lüge.

Leise sagte sie: „Ich dachte, ich wäre es dir schuldig, nicht ohne ein Wort des Abschieds zu verschwinden. Aber jetzt bedauere ich das, denn du reagierst wie ein verwöhntes Kind, dem man sein Spielzeug wegnimmt. Deine königliche Herkunft hat dich verdorben. Ja, Faruq, vielleicht bist du gut im Bett, aber das sind Hundert andere auch. Und ich stehe nun mal auf Abwechslung. Wenn meine Liebhaber anfangen, mich zu langweilen, gehe ich einfach. Ich dachte mir, ich verschwinde, bevor ich dich vollends satt habe. Ich wollte es dir eigentlich nicht so deutlich sagen, aber anders scheinst du es nicht zu begreifen.“

Ihr war zum Heulen zumute, und sie spürte, lange würde sie die Fassade nicht mehr aufrechterhalten können. Schnell ging Carmen an ihm vorbei, schnappte sich ihre Handtasche und verließ sein Schlafzimmer.

Seine Miene würde sie nie mehr vergessen können. Obwohl sie ihn seit Wochen kannte, hatte sie in das Gesicht eines Fremden geblickt.

Eines Fremden, den sie nie mehr wiedersehen würde.

1. KAPITEL

„Bagha … bagha …“

Carmen war gerade dabei, im Kinderzimmer neue Gardinen aufzuhängen. Gerührt schaute sie auf die kleine Mennah hinunter, die vor sich hin brabbelte. Die Kleine war ihr ganzes Glück. Ihre Geburt hatte Carmens Leben komplett verändert.

Gleich nach Mennahs Geburt hatte Carmen vom Arzt verlangt, er möge ihr das Baby geben. Er hatte ihr das noch blutverschmierte, neun Pfund schwere Wunder auf den Bauch gelegt. Sie berührte ihr Kind, spürte seine Wärme, sein Gewicht und war so unendlich glücklich gewesen.

Lange hatte sie nach einem passenden Namen für das Mädchen gesucht und ihn schließlich gefunden. In der Muttersprache von Mennahs Vaters drückte der Name aus, was die Kleine für sie war: ein Geschenk Gottes.

Dieses niedliche Kind zog sich gerade mit den kleinen Händchen am Gitter des Laufstalls hoch. Einen Augenblick stand Mennah freihändig, dann plumpste sie auf den Hosenboden, war dabei aber außerordentlich vergnügt. Carmen musste lachen.

„Mennah, mein Liebling, du hast es immer so eilig.“

Das hatte sie in der Tat. Sie war jetzt neun Monate alt, und schon seit drei Monaten konnte sie ohne Hilfe aufrecht sitzen, seit zwei Monaten krabbelte sie wie ein Weltmeister, und jetzt war sie kurz davor, die nächste Hürde zu meistern.

Carmen brachte den letzten Gardinenzipfel an, stieg von der Trittleiter und ging zum Laufstall. Ihr kleiner Engel grinste sie an und zeigte ihr die Zähnchen.

Carmen war unsagbar glücklich.

Mennah streckte ihr die Ärmchen entgegen. Carmen nahm sie hoch und knuddelte sie. Plötzlich schaute das Kind erwartungsvoll drein. „Bagha bagha.“

Carmen streichelte sie am Kinn. „Ja, ich weiß, Liebling, du willst mir was erzählen. Aber deine Mutti ist so dumm, dass sie dich nicht versteht. Oder willst du mir sagen, dass du Hunger hast? Es ist ja schon ein paar Stunden her, dass du zuletzt getrunken hast.“ Sie knöpfte sich die Bluse auf, aber Mennah protestierte. Carmen seufzte. „Ach, Milch reicht dir wohl nicht mehr?“

Mennah lächelte, und Carmen seufzte wieder. Sie hatte gehofft, die Kleine noch etwas länger stillen zu können. Aber auch in dieser Hinsicht war Mennah schnell. Seit sie zum ersten Mal festere Nahrung bekommen hatte, wollte sie die Brust kaum noch.

„Ich hätte dir die Soße zu meinem Filet Mignon nicht geben sollen, Liebling. Du scheinst wirklich nach deinem Vater zu kommen, nicht nur vom Aussehen …“

Sie hielt inne. Mennah sah sie an, als ob sie jedes Wort verstand.

Carmen hatte ihrer kleinen Tochter oft von ihrem Vater erzählt. Vielleicht sollte ich das lieber nicht mehr tun, dachte sie. Natürlich, noch wusste Mennah nicht, wovon ihre Mutter sprach, aber das konnte sich schnell ändern. Und sie hatte keine Lust, Mennah jahrelang zu erklären, warum ihr Vater weg war. Eine gute Erklärung dafür konnte sie ihr sowieso nicht anbieten.

Sie ging mit Mennah in die Küche, setzte sie auf den Babystuhl und gab ihr einen Kuss. „Einmal Bagha bagha, kommt sofort.“

Nachdem sie Mennah ein paar Plastikspielzeuge gegeben hatte, stellte sie Musik an und bereitete das Essen vor. Gut gelaunt sang Carmen mit, begleitet von Mennahs Juchzen, und unterbrach ihre Arbeit nur ein paar Mal, um die heruntergeworfenen Spielzeuge wieder aufzuheben.

Die Pilzsoße war gerade fertig, als Carmen auffiel, dass Mennah plötzlich merkwürdig still geworden war. Sie drehte sich um und sah, dass die Kleine tief und fest schlief. Sie konnte von einer Sekunde zur anderen einschlafen, und so hungrig war sie wohl nicht gewesen, wenn sie umgeben von diesen verlockenden Düften einschlummerte.

Das Essen war fast fertig. Schade drum. Carmen seufzte, stellte die Musik ab und brachte Mennah in ihr Babybettchen.

Der Gesang hatte aufgehört. Er runzelte die Stirn. Sein ganzer Körper war angespannt.

Es schien ihm, als würde er bereits seit einer Ewigkeit hier draußen stehen. Er hatte den Klängen gelauscht, den Liedern und den Juchzern eines Babys.

Immer wieder hatte er sich überwinden und einfach schnell auf den Klingelknopf drücken wollen. Oder besser noch dazu, die Tür einzutreten.

Aber er hatte nur dagestanden, das Ohr an der Tür, begierig, die Klänge aus dem Alltagsleben der kleinen Familie in sich aufzunehmen.

Irgendein Gefühl tobte in ihm, ein Gefühl, das er nicht benennen konnte und von dem er nicht wusste, wie er mit ihm umgehen sollte.

Es musste wohl Wut sein. Eine Wut, viel größer noch als damals, als Carmen ihm gesagt hatte, sie würde ihn verlassen. Ja, er war ihr sogar noch gefolgt, in der Hoffnung, alle Missverständnisse, all das Hässliche aus dem Weg zu räumen, um noch einmal schöne Zeiten mit ihr zu erleben. Doch dann hatte es ihn wie ein Keulenschlag getroffen, als er gesehen hatte, wie sie in das Auto seines Cousins Tareq eingestiegen war. Und dann war es noch schlimmer gekommen, als er Tareq zur Rede stellte und die ganze Wahrheit erfuhr.

Sein Cousin und Erzfeind hatte ihm alles gestanden. Tareq hatte Carmen auf Faruq angesetzt. Sie sollte schwanger werden und damit einen Skandal auslösen, der Faruqs Hoffnungen auf den Thron zunichtemachte. Doch dann hatte der König, ihr gemeinsamer Onkel, einen neuen Erlass herausgegeben, und die Schwangerschaft hätte eher Faruq genutzt. Darum hatte Tareq Carmen befohlen abzureisen. Er musste andere Pläne entwickeln, um Faruq aus dem Rennen um die Herrschaft zu werfen.

All das war Faruq bis vor Kurzem noch völlig einleuchtend erschienen.

Erst vor ein paar Stunden hatte er die Wahrheit erfahren.

Ya Ullah – nie zuvor hatte er die Kontrolle verloren, weder über sich noch über andere. Doch dann war Carmen in sein Leben getreten.

Als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, war es sofort um ihn geschehen. Er hatte sich fallen lassen, als er die höchsten Wonnen mit ihr teilte, und hatte fast die Beherrschung verloren, als sie ihn verließ.

Jetzt war er kurz davor, den Verstand zu verlieren.

Und wieder lag es an ihr.

Er lehnte die Stirn gegen die Tür und zwang sich dazu, ruhig zu atmen, damit der Wutanfall vorüberging. Schließlich hatte er sich wieder halbwegs im Griff – und legte vor sich einen Schwur ab.

Nie mehr sollte sie solche Gefühle in ihm wecken. Nie wieder.

Er würde einfach hineingehen und sich nehmen, was er wollte. Wie immer.

Entschlossen drückte er auf die Klingel.

Sie hatte Mennah beim Schlafen beobachtet und schrak hoch. Es klingelte an der Tür! Carmen bekam ja selten Besuch, aber vielleicht war es der Hausmeister. Er hatte versprochen, sich innerhalb der nächsten Tage um den Kurzschluss im Hauswirtschaftsraum zu kümmern. Das war vor vier Tagen gewesen.

Sie vergewisserte sich, dass das Babyfon angeschaltet war und das drahtlose Empfangsteil noch an ihrem Gürtel steckte. Dann stand Carmen auf und ging in Richtung der Wohnungstür. Sie wollte zum Hausmeister zwar nicht unfreundlich sein, ihm aber dennoch klarmachen, dass er früher hätte kommen sollen. Carmen öffnete die Tür – und erstarrte.

Sie hatte ihr Zuhause aufgegeben und war Tausende von Meilen weit fortgezogen. Sie hatte den Job gewechselt, damit sie von zu Hause aus arbeiten konnte, und hatte dennoch die Angst verspürt, dass er sie finden könnte. Als nichts geschehen war, hatte sie sich gedacht, dass er vielleicht gar nicht nach ihr suchte – oder dass er sie nicht finden konnte.

Aber jetzt war er da, stand vor ihr, beängstigend und in voller Lebensgröße. Faruq.

Ihr wurde schwindelig. Sie war bestimmt leichenblass geworden und musste all ihre Kraft zusammennehmen, um nicht zu Boden zu sinken.

„Spiel mir hier keinen Ohnmachtsanfall vor.“

Schon drängte er sich an ihr vorbei und betrat ihre Wohnung, als ob sie ihm gehörte. Und seine Stimme …

Das war nicht die Stimme, an die Carmen sich erinnerte. Die Stimme, die sie in Gedanken immer wieder hörte, verführerisch flüsternd, laut bei Erregung, stets voller Gefühle. In dieser Stimme hingegen lag so viel Leben wie in einem Roboter.

Mein Gott, was tat er hier?

Nein – ihr war fast egal, was er hier machte. Völlig gleichgültig, dass sein bloßer Anblick sie fast überwältigte.

Sie musste ihn loswerden. Und zwar schnell.

Aber zuerst musste sie die Fassung wiederfinden, und das gelang Carmen nicht gleich. Wortlos sah sie zu, wie er mit großen Schritten ins Wohnzimmer ging. Er war so groß und seine Präsenz so stark, dass das Zimmer zu schrumpfen schien. Und er sah immer noch umwerfend aus.

Im Bruchteil einer Sekunde ging ihr alles durch den Kopf, was sie gemeinsam erlebt hatten. Die Tage und vor allem die Nächte, in denen er sie leidenschaftlich geliebt hatte. Dann drehte er sich zu ihr um, und sie wusste, dass sie ihn immer noch liebte.

„Na, genug geschauspielert? Oder soll ich warten, bis du mit deiner Vorstellung fertig bist?“

Nicht nur seine Stimme hatte sich geändert. Vor ihr stand nicht der Faruq, an den sie sich erinnerte. Es war nicht einmal der Faruq, den sie verlassen hatte. Jener Mann hatte nämlich noch Gefühle gezeigt, auch wenn sie feindselig gewesen waren. Dieser Mann sah sie jetzt jedoch kühl und emotionslos an wie ein Wissenschaftler ein Forschungsobjekt.

Entschlossen schüttelte er den Kopf. „Schauspielerei ist nicht deine große Stärke.“

Abschätzig blickte er sich im Zimmer um. Sie spürte geradezu, wie er mit Kennerblick alles taxierte und den Wert jedes Möbelstücks, jedes Bildes an der Wand abschätzte. Carmen fühlte sich plötzlich minderwertig. Sicher, sie hatte alles hübsch eingerichtet, aber verglichen mit dem, was er gewohnt war, war das alles Schrott. – Warum machte sie sich darüber überhaupt Gedanken?

Sie musste ihn aus der Wohnung hinauskomplimentieren, jetzt sofort. Bevor Mennah aufwachte. Bevor er die Kindersicherungen entdeckte, die sie schon angebracht hatte, obwohl Mennah noch nicht laufen konnte.

Er trat auf sie zu. „Die Einrichtung war nicht ganz billig“, murmelte er. „Ich würde mich fragen, wie du dir das leisten kannst – wenn ich es nicht schon wüsste.“

Was meinst du damit? wollte sie ihn fragen. Aber sie brachte keinen Ton heraus. Sie bekam ja kaum genug Luft zum Atmen. Alles kam ihr irgendwie unwirklich vor, als ob sie seine Anwesenheit in diesem Apartment nur träumte.

Nun stand er vor ihr, und sie konnte nicht anders, sie musste sich einfach vergewissern, ob er wirklich da war. Langsam streckte sie ihre zitternde Hand nach ihm aus und nahm durch den Anzugstoff hindurch seine Gegenwart wahr. Sie spürte seine Sanftheit und die stählerne Härte zugleich.

In diesem Moment sah sie es in seinen Augen. Er reagierte auf sie, für den Bruchteil einer Sekunde war die Härte verschwunden. Doch dann stieß er ihre Hand fort.

Sein Blick wirkte leer und ausdruckslos. Scharf sog er die Luft ein.

„Was ist das? Filet Mignon mit Pilzsoße?“ Er sah sie an. „Erwartest du Besuch? Einen … finanzkräftigen Gönner vielleicht?“ Fassungslos stand Carmen da. „Du hast jetzt lange genug die Schockierte gespielt. Eine Unterhaltung ist ergiebiger, wenn beide etwas sagen.“

Sie sollte etwas erwidern. Vier Worte, mehr gab ihr Hirn nicht her. „Warum bist du hier?“

„Na endlich, sie spricht …“ Feindselig blickte er sie an. „Aber spiel jetzt nicht die Ahnungslose, das kaufe ich dir nicht ab!“

„Faruq … bitte hör auf damit.“

Er neigte den Kopf zur Seite – wie ein Raubtier, das sich seiner Beute sicher war und es genoss, es zu quälen. „Womit soll ich aufhören? Deine Unaufrichtigkeit zu kritisieren? Offenbar bist du aus der Übung. Hast wohl lange nicht mehr geschauspielert.“

„Bitte … ich verstehe das alles nicht.“

„Ach, spielen wir noch weiter die Ahnungslose? Das wirkt bei mir nicht mehr, Schätzchen, das kannst du dir sparen.“

„Verflixt noch mal, hör endlich auf, in Rätseln zu sprechen. Warum bist du hier?“

Entnervt zog er eine Augenbraue hoch. „Willst du meine Geduld auf die Probe stellen? Es ist doch wohl eindeutig, warum ich hier bin.“

Sie schüttelte den Kopf. „Für mich nicht. Also sag, was du zu sagen hast, und dann geh bitte.“

Er schien kurz davor zu sein zu explodieren. „Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich keine Spielchen mag. Ich dachte, du wärst klug genug, nicht zu versuchen, mich zu manipulieren. Aber offenbar habe ich deine Intelligenz überschätzt. Dies ist das letzte Mal, dass ich in deinem Spiel mitspiele, also genieße es, solange du es noch kannst. Jedes weitere Spiel könnte übel für dich ausgehen.“ Er beugte sich zu ihr herüber, ihr schlug das Herz bis zum Hals. „Ich soll also so tun, als würde ich dir glauben, dass du nicht weißt, warum ich hier bin? Zain. Gut.“ Er hielt kurz inne und signalisierte ihr, dass er es leid war, um den heißen Brei zu reden.

„Also, ich bin wegen meiner Tochter hier.“

2. KAPITEL

Faruqs Worte trafen Carmen bis ins Mark. Nur mit Mühe hielt sie sich aufrecht. „Was … was hast du gesagt?“

Feindselig fixierte er sie mit Blicken. „Schluss jetzt mit dem Getue. Du hast meine Tochter zur Welt gebracht. Du lebst hier mit ihr. Und deshalb bin ich hier.“

Er wusste von Mennah! Aber woher konnte er das?

Auf jeden Fall wusste er es. Was hatte er gesagt? Ich bin wegen meiner Tochter hier.

Was sollte das heißen? Es konnte doch wohl nicht das bedeuten, was sie befürchtete? Es konnte doch wohl nicht bedeuten, dass … dass …

Doch. Er wollte ihr Mennah wegnehmen.

Ihr war, als täte sich ein Abgrund unter ihr auf.

Aber nein, so einfach ging das nicht. Nicht einmal er konnte einer Mutter ihr Kind stehlen. Schließlich war dies nicht das Land Judar, wo sein Wort Gesetz war. Carmen lebte in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Wie hatte er es nur herausgefunden? Hatte er sie bespitzeln lassen, von der Geburt erfahren und sich dann ausgerechnet, dass Mennah seine Tochter sein konnte? Aber warum sollte er sie wollen? Sie war doch für ihn nur ein Fehltritt, ein Ausrutscher.

In der ersten Nacht hatten sie nicht verhütet, aber selbst in der größten Erregung hätte er aufgehört – wenn sie ihm nicht versichert hätte, dass nichts passieren konnte. Sie war davon überzeugt gewesen, schließlich hatte sie diverse medizinische Untersuchungsergebnisse, die ihr Unfruchtbarkeit bescheinigten.

Er hatte ihr ins Ohr geflüstert, wie er ohne Kondom in sie eindringen und sie spüren wollte, wie er sich in ihr verströmen wollte, und seine Worte hatten sie erregt …

Schluss mit diesen Erinnerungen! Er konnte nichts dafür, er hatte sich auf ihr Wort verlassen. Deshalb war ihr klar gewesen, dass er auf die Nachricht einer Schwangerschaft überaus zornig reagieren würde. Er vertraute nur wenigen Menschen und musste denken, sie habe sein Vertrauen missbraucht. Und noch etwas anderes kam hinzu. Er war ein Prinz, der Aussichten auf den Thron eines der reichsten Ölstaaten hatte. Was würde da die skandalträchtige Nachricht ins Rollen bringen und anrichten! Der zukünftige König – Vater eines unehelichen Kindes?

Sie erstarrte. Konnte es sein, dass er Mennah verschwinden lassen wollte? Damit sie seinem Ruf, seiner Position, nicht schadete? Mit angsterfüllter Stimme fragte Carmen: „Wie kommst du überhaupt darauf, dass Mennah deine Tochter sein könnte?“

Einen Augenblick lang sah er sie schweigend an. Dann griff er in die Brusttasche seines Jacketts und zog ein Foto heraus. Ein Foto von Mennah.

Es zeigte Mennah in einer Umgebung, die Carmen nie zuvor gesehen hatte. Sie hielt ein Spielzeug in der Hand, das Carmen nicht kannte. Trug Kleidung, die Carmen nie in Händen gehalten hatte. Mennah lachte in die Kamera, glücklich, sie fühlte sich offensichtlich wohl.

Aber so war Mennah doch nur, wenn ihre Mutter bei ihr war! In Gegenwart anderer Leute fremdelte sie, klammerte sich stets ängstlich an Carmen. Wenn jemand sie für dieses Foto entführt hätte …

Hat sie den Verstand verloren? Was waren denn das für wirre Gedanken?

Carmen ließ Mennah doch niemals allein! Es war schon viel, dass sie sie in ihrem Kinderbettchen ließ, wenn sie schlief, aber dann war Carmen doch immerhin mit ihr in der Wohnung! Sie hatte doch extra den Job gewechselt, damit sie immer bei ihrer Tochter zu Hause sein konnte. Wie hatte er Mennah in seine Gewalt bringen können?

„Ich … ich habe Mennah nie aus den Augen gelassen. Wie … wie konntest du sie …“

„Das habe ich nicht“, unterbrach er sie. „Das ist kein Foto von deiner … meiner Tochter. Es ist ein Bild von meiner Schwester Jala, als sie so alt war wie Mennah jetzt. Auch ich sah als Baby haargenau so aus. Daher gibt es keinen Zweifel, dass sie meine Tochter ist. Also lass uns jetzt zum Wesentlichen kommen.“

„Und … und was wäre das?“

„Ich kann dir niemals vergeben, dass du sie mir vorenthalten hast.“

Faruq sah Carmen prüfend an. In Gedanken ließ er den schicksalhaften Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten, noch einmal Revue passieren. Eineinhalb Jahre war das jetzt her.

Er war Prinz und ein erfolgreicher Geschäftsmann, und die schönsten Frauen umschwirrten ihn wie Motten das Licht. Er war diesen Frauen durchaus zugetan, aber niemals länger als für ein paar Tage, egal wie viel Mühe sie sich gaben, sein Interesse an sie zu binden.

Dann war sie gekommen. Schüchtern und überaus sittsam, fast prüde hatte sie auf ihn gewirkt, und vielleicht fand er sie gerade deshalb immer noch so spannend. Sie erregte ihn und löste – was er noch nie erlebt hatte – eine Art Besitzgier in ihm aus.

Er wollte alle anderen männlichen Wesen aus ihrem Umfeld verbannen, sie vor ihren Blicken und Gedanken abschirmen. Nicht dass sie besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte – aber das, so dachte er heute, war wahrscheinlich auch Bestandteil ihres Plans.

Sie kleidete sich auch bei Weitem nicht so aufreizend wie die anderen Frauen, und das reizte ihn besonders. Er träumte davon, ihr die Klamotten vom Leib zu reißen … Ja, so hatte sie es geplant, davon war er überzeugt – den Jäger in ihm zu wecken, und es war ihr perfekt gelungen.

Alles hätte er gegeben, um sie ins Bett zu bekommen. Und nachdem es ihm schließlich gelungen war, hatte er ihr ein Angebot unterbreitet, das er noch keiner Frau gemacht hatte. Drei Monate sollte sie Teil seines Lebens sein. Und mit jeder Minute, die verging, wollte er sie mehr, wollte er sie nie mehr gehen lassen.

Und dann war sie einfach verschwunden.

Seitdem hatte er beinahe zwanghaft versucht, sie zu vergessen. Er hatte andere Frauen gehabt, dabei aber immer an sie gedacht. Er gab ihr die Schuld dafür, ihr und seiner Sucht nach ihr. Und jetzt stand er wieder vor ihr.

Und der Zauber war wieder da. Obwohl er jetzt wusste, welche bösen Pläne sie gehegt hatte, war sie wieder die Frau, der er fast nachgelaufen war, der er eine dauerhafte Verbindung anbieten wollte.

Doch ihre heftige Reaktion auf das Wiedersehen, ihre beinah theatralische Aufregung hatte ihm die Augen geöffnet. Der letzte Tag stand ihm wieder klar vor Augen. Der Tag, an dem sie das Unerhörte gewagt hatte: Sie hatte ihn verlassen – nicht umgekehrt, wie es sonst immer gewesen war.

Prüfend sah er sich in ihrer Wohnung um, um sich abzulenken, aber das steigerte seine Wut nur, denn das alles hier war lediglich der Beweis ihres Verrats.

Von der Einrichtung abgesehen – die Wohnung musste ein Vermögen kosten! Sie lag in einem eleganten Haus in einer bevorzugten Gegend einer der teuersten Städte der Welt – New York. Das Geld dafür hatte sie sich mit ihren Diensten für Tareq verdient.

Tareq hatte sie genau zur rechten Zeit in Faruqs Leben eingeschleust – während seiner anstrengenden Verhandlungsreise rund um die Welt, bei der er um seine Ziele kämpfte, während Tareq ihm Knüppel zwischen die Beine warf, wo er nur konnte.

Er hatte gedacht, sie würde ihm guttun, ihm dabei helfen zu entspannen … Wie fatal.

In seinem Heimatland schien nichts mehr sicher zu sein. Alles hatte begonnen, als Faruqs Vater gestorben war – an gebrochenem Herzen, dessen war Faruq sich sicher. Denn seine Mutter war nach langer schwerer Krankheit ein Jahr zuvor verstorben. Tareq hatte nun wohl gedacht, dass er als ältester Neffe des Königs die Nachfolge von Faruqs Vater antreten würde. Tareqs Vater war schon vor längerer Zeit an einem Herzinfarkt gestorben, und Tareq war unter den königlichen Cousins der älteste.

Doch ihr Onkel, der König, wusste, dass Tareq gewisse Neigungen hegte. Daher hatte er beschlossen, den Kronprinzentitel für seinen eigenen Sohn zu reservieren. Einen Sohn, den er nicht hatte und nur bekommen konnte, wenn er sich eine zweite Frau nahm. Doch als sich abgezeichnet hatte, dass er nicht noch einmal heiraten würde, hatte der König verkündet, seinen Thronfolger nach dessen Verdiensten auszuwählen statt nach dem Alter. Ohne dass jemand es hätte aussprechen müssen, war klar, wer damit gemeint war: Faruq. Bestimmt wurde er bald offiziell zum Kronprinzen ernannt. Und deshalb versuchte Tareq seit Langem, die Pläne des Königs zu vereiteln.

Während Faruqs Verhandlungsreise hatte Tareq sich plötzlich aufgeführt, als wäre er der designierte Nachfolger. Er hatte sogar damit geprahlt, dass er der erste König sein würde, der nie heiratete. Höchstwahrscheinlich wollte er sich damit die Unterstützung der Feinde sichern. Denn so konnten sie hoffen, nach Tareq an die Herrschaft zu kommen.

Tareq rieb sich jetzt die Hände. Denn wenn Faruq ein uneheliches – obendrein noch halb-westliches – Kind hatte, würde er sicher in Ungnade fallen.

Aber Tareq hatte sich mit seinen Behauptungen selbst ein Bein gestellt. Denn nun konnte der König den Ältestenrat dazu bringen, die Abwehr gegen die Ernennung Faruqs als Thronerben aufzugeben. Nicht nur sein Fehlverhalten im privaten Bereich, auch die Missachtung der Al-Masud-Dynastie hatten Tareq vor dem Rat in Misskredit gebracht. Um seine Pläne vollends zu vereiteln, fehlte nur noch eines: Faruq musste heiraten. Sein Onkel hatte ihn bereits gefragt, ob es eine Frau gäbe, die infrage käme.

Faruq zögerte keine Sekunde. Ja, die gab es. Carmen.

Daraufhin hatte der König einen neuen Erlass herausgegeben. Der Erbe, der zuerst heiratete und das erste Kind hatte, sollte der nächste Thronfolger sein.

Faruq war davon überzeugt, dass Tareq sich genau in dem Augenblick den neuesten Schachzug überlegt hatte. Er hatte Carmen befohlen, Faruq zu verlassen.

Weil er geglaubt hatte, dass Carmen kein Kind geboren hatte, war Tareq sicher froh und dankbar gewesen. Das lieferte ihm natürlich weitere Munition gegen Faruq: Er konnte Faruqs Manneskraft und Zeugungsfähigkeit anzweifeln. Doch vor sechzehn Stunden hatte Faruq erfahren, dass Carmen ihn gerade wegen der Schwangerschaft verlassen hatte. Denn das Wissen um die Existenz des Kindes hätte Tareqs letzte Hoffnungen zerstört. Carmen hatte nicht wissen können, was sie alles verlor, indem sie einfach gegangen war.

Nur, warum hatte Carmen Tareqs Angebot angenommen, statt zu bleiben und das Kind als Einsatz in einem Verhandlungspoker zu benutzen? Selbst wenn Faruq sie wegen ihres durchtriebenen Charakters nicht geheiratet hätte – sie hätte seine Schwäche für sie ausnutzen und noch viel mehr von ihm bekommen können, als sie jetzt hatte.

Hatte sie befürchtet, er würde ihrer überdrüssig, würde sich an ihr rächen und sie dann mit leeren Händen fortschicken? Oder verband nicht nur der Hunger nach Macht und Reichtum sie mit Tareq, sondern auch Angst oder sogar Lust? Faruq wurde fast schlecht bei diesem Gedanken. Wenn er sich vorstellte, wie sie in Tareqs Armen lag, überkamen in Ekel und Hass.

Trotz dieser erschreckenden Vorstellung, trotz ihrer verletzenden Abschiedsworte – trotz allem wirkte Carmen heute geradezu unschuldig. Aber diesen Gefühlen durfte er nicht trauen. Sie hatte ihn doch meisterhaft eingewickelt, hatte ihm die Unschuldige vorgeheuchelt und so getan, als würde sie ihn mögen und aufrichtig begehren.

Doch all diese Falschheit, all diese Illusionen hatten etwas sehr Reales hervorgebracht: eine Tochter. Es schmerzte ihn, dass er schon so viel versäumt hatte. Das Wunder ihrer Geburt, ihre Entwicklung während der ersten neun Lebensmonate. Und wäre es nach Carmen gegangen, hätte Faruq niemals von ihrer Existenz erfahren. Das Kind wäre ohne Vater aufgewachsen.

Doch was ihn bei all ihren Verfehlungen am meisten erzürnte, war diese Berührung. Carmen hatte ihn berührt, wie um sich zu vergewissern, dass er wirklich da war. Und diese Berührung hatte in ihm den Impuls ausgelöst, sich auf sie zu stürzen, sie zu küssen und …

Natürlich hatte er es nicht getan. Aber dass sie diese Gefühle in ihm auslösen konnte, traf ihn. Umso erleichterter war er, weil er sie jetzt aus der Fassung gebracht hatte.

Und das war nicht geschauspielert. Sie musste ja auch in Panik geraten. Schließlich musste sie davon ausgehen, dass ihre Geldquelle versiegt war. Jetzt, da Faruq von Mennahs Existenz wusste, würde Tareq ihren luxuriösen Lebenswandel nicht mehr finanzieren.

Er sah sie an. „Dazu hast du nichts zu sagen? Das ist klug von dir.“

Sie schluckte. „W…wie hast du es herausgefunden?“

Er hätte es nie entdeckt, wenn er sich an seinen Schwur gehalten hätte, nicht nach ihr zu suchen. Doch statt zu verblassen, waren die Erinnerungen an Carmen immer stärker geworden. Er hatte einfach nicht anders gekonnt.

Trotz seiner fast unbegrenzten finanziellen Mittel hatte es ihn Monate gekostet, sie aufzuspüren. Dann hatte er es in Händen gehalten: eine Adresse, ihren Lebenslauf – und ein unbemerkt aufgenommenes Foto. Ein Foto von Carmen und ihrem Baby. Und das Baby war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie war eindeutig seine Tochter.

Dieses Foto steckte jetzt in seiner Brieftasche – er hatte Carmen lieber gleich Jalas Bild gezeigt, um die Sache abzukürzen. Denn er musste davon ausgehen, dass sie seine Vaterschaft sonst abzustreiten versuchen würde.

„Ich finde alles heraus, was ich wissen will. Und jetzt will ich meine Tochter sehen.“ Er drängte sich an ihr vorbei und wollte in den Flur gehen, der zu den anderen Zimmern führte.

„Nein.“ Carmen hielt ihn am Arm fest. „Sie schläft.“

„Was schert mich das? Ein Vater hat ja wohl das Recht, seine Tochter zu sehen, auch wenn sie schläft. Du hast mich bereits der ersten neun Monate ihrer Entwicklung, ihres Heranwachsens beraubt. Jetzt raubst du mir keine Minute mehr.“

Sie stellte sich ihm in den Weg. „Ich lasse dich nur zu ihr, wenn du versprichst …“

„Niemand stellt Forderungen an mich – und du schon gar nicht.“ Er tat einen Schritt vorwärts, und Carmen warf sich ihm förmlich entgegen. Der unerwartete Körperkontakt weckte sein Verlangen, obwohl es der denkbar ungünstigste Zeitpunkt war. „Geh mir aus dem Weg, Carmen! Du wirst dich nie mehr zwischen mich und mein eigen Fleisch und Blut stellen.“

„Ich … ich habe mich nicht …“

„Ach nein? Wie würdest du es denn nennen, was du getan hast?“

Er stieß sie von sich. Sie wich zurück und versperrte ihm den Zutritt zum Flur. Tränen schimmerten in ihren Augen. Aber Faruq wusste, es war nur gespielt.

„Du hast ihre Existenz vor mir geheim gehalten. Wie würdest du das nennen?“

„Bitte hör auf“, erwiderte sie flehentlich. „Ich habe es getan, weil ich weiß, dass in eurem Land ein uneheliches Kind ein Makel ist. Gerade für einen Prinzen wie dich wäre es ein Skandal, ein uneheliches Kind von einer Geliebten …“

Er blickte ihr tief in die Augen. Ya Ullah, wie konnte sie so unschuldig wirken? Wieso konnte man nicht die Lügen in ihren Augen lesen? „So, du bist also eine Expertin, was mein Land und meinen Status angeht? Und darum hast du mir aus reiner Rücksichtnahme verschwiegen, dass ich Vater geworden bin?“

„Ja … nein …“ Offenbar ratlos, schüttelte sie den Kopf. „Wie hätte ich dir denn erklären können, dass ich schwanger bin? Nachdem ich dir vorher versichert hatte, dass nichts passieren kann?“

Er zuckte die Schultern. „Wie jede Frau in der gleichen Situation. Du hättest mir sagen können, dass es einfach passiert ist. Das ist doch für Frauen wie dich die beste Ausflucht: dass Verhütungsmittel eben nicht hundertprozentig zuverlässig sind.“ Weil er mit ihrem Widerspruch rechnete, fügte er energisch hinzu: „Außerdem bin ich doch nicht von gestern. Hätte ich hundertprozentig sichergehen wollen, hätte ich schon selbst für die Verhütung gesorgt und mich nicht auf deine Beteuerungen verlassen. Aber das habe ich nicht.“

Er erinnerte sich noch sehr genau daran, warum er kein Kondom benutzt hatte.

Sie hatten sich gerade erst kennengelernt, und er hatte sie zum Abendessen eingeladen. Während er ihr gegenübergesessen hatte, war sein Verlangen nach ihr kaum zu zügeln gewesen. Doch zum ersten Mal in seinem Leben war er bereit gewesen, auf eine Frau zu warten. Sie war eine so angenehme Gesprächspartnerin, sie verstanden sich so gut, dass schon dieses Beisammensein ihn mit einer für ihn ungewohnten Freude erfüllte. Ja, er wollte ihr Zeit geben. Der Abend sollte mit einem Gutenachtkuss enden, mehr nicht.

Doch sie nahm ihm die guten Vorsätze. Mit ihrer schüchternen und doch leidenschaftlichen Art weckte sie seine Beschützerinstinkte. Ihre heiße Sehnsucht schien Carmen peinlich zu sein. Und sie sagte ihm, ihr sei bewusst, dass es für ihn nur ein One-Night-Stand wäre. Trotzdem wollte sie diese Nacht mit ihm.

Kurz darauf umarmten sie sich leidenschaftlich im Schlafzimmer seiner Suite. Er hatte kein Kondom da. Aber er konnte dieses tiefe Begehren nicht ignorieren und sich dem stürmischen Verlangen nicht widersetzen. Deshalb versprach er ihr, wenn sie wollte, könnten sie sich trotzdem lieben. Und sie erklärte ihm, dass ohnehin nichts passieren könne.

Er glaubte ihr und war unendlich froh gewesen. Sie sollte die erste Frau sein, mit der er so zusammen war, die erste, deren Hitze er ohne Schutz spürte, die erste, mit der er seine Lust ohne Schranken teilte. Und so hatten sie es die vollen sechs Wochen ihres Zusammenseins gehalten. Weil er auf ihr Wort vertraut hatte.

„Ja, ich bin damit einverstanden gewesen, nicht zu verhüten“, bekräftigte Faruq und sah Carmen fest an. „Darum ist es genauso meine Schuld. Obwohl Schuld das falsche Wort ist, wenn es um ein Kind geht. Vor allem wenn es um mein Kind geht.“

„Ich … ich konnte ja nicht wissen, dass du es so siehst“, stammelte sie. „Wir hatten ja nur eine Abmachung über drei Monate, und ich dachte, du würdest auf keinen Fall ein Baby wollen, das ungeplant …“

Er lachte hart auf. „Ungeplant? Wirklich? Aber mir ist egal, wie oder warum du schwanger wurdest. Ich weiß nur eines: Meine Tochter gehört zu mir. Und ich will sie.“

Wie eine Löwenmutter, die ihr Junges verteidigt, straffte Carmen die Schultern und baute sich vor ihm auf. „Nein, niemals!“, rief sie. „Sie gehört dir nicht! Sie gehört zu mir! Zu mir!“

Erstaunt zog er eine Augenbraue hoch. Dieser Gefühlsausbruch schien echt zu sein, nicht gespielt. Doch Faruq war genauso bereit, für seine Tochter zu kämpfen.

„Willst du dich wirklich mit mir anlegen, Carmen? Ich brauche dir doch wohl nicht zu sagen, dass niemand gegen mich gewinnen kann, egal, um was es geht. Deine Chancen sind gleich null.“

Sie sah ihn schockiert und verzweifelt an. Diese Empfindungen auf ihrer Miene zu lesen, berührte ihn und traf etwas tief in ihm. Ya Ullah, wie machte sie das nur?

„Warum tust du das?“, fragte sie leise.

„Das habe ich dir doch gesagt. Ich will meine Tochter. Und ich werde sie bekommen.“

Jetzt konnte sie sich offensichtlich nicht mehr zusammenreißen. Sie schluchzte auf, Tränen liefen ihr über die Wangen. Und er erkannte, dass sie ihm das unmöglich vorspielen konnte. Trotzdem widerstand er dem Impuls, sie zu umarmen und zu trösten.

„Bitte versteh doch … Ich habe dir nichts von der Schwangerschaft gesagt, weil ich Angst hatte, du würdest mich zu einer Abtreibung zwingen …“

„Wie bitte?“ Faruq konnte es nicht fassen. „Du hast wirklich geglaubt, ich würde dich zwingen, ein ungeborenes Kind zu töten? Mein Kind? Und du meinst, du weißt etwas über die Sitten und Moralvorstellungen meines Landes oder über mich? Und als das Kind geboren war – was hat dich dann davon abgehalten, mich zu informieren? Dass ich es umbringen lassen würde?!“

„Nein“, stieß sie unter Tränen hervor. „Ich dachte nur … dass du sie als Gefahr für deine Ehre, für deinen Status in deinem Land ansiehst. Ich wollte kein Risiko eingehen. Ich … ich wollte sie unter allen Umständen beschützen.“

„Du kannst doch nicht allen Ernstes glauben, ich könnte ihr etwas Böses antun! Du hast es doch mitbekommen, Carmen.“ Aufgebracht strich er sich durchs Haar. „Ich kämpfe in meinen Verhandlungen auch um das Wohl von Millionen von Kindern. Und da glaubst du ernsthaft, ich will meinem eigenen Kind schaden?“

B’Ellahi, was redete er denn da? Jetzt hatte sie ihn tatsächlich da, wo sie ihn haben wollte – er begann bereits, sich zu rechtfertigen. Als ob er ihr glauben könnte, dass sie ihn wegen des ungeborenen Kindes verlassen hatte!

B’haggej’ Jaheem – du hättest dir auch etwas Besseres einfallen lassen können. Aber wahrscheinlich hattest du dir noch nichts zurechtgelegt, weil du hier nicht mit mir gerechnet hast.“

Sie schüttelte den Kopf. „Aber warum willst du sie?“ Ihre Stimme hatte immer noch diesen verzweifelten Klang. „Ich dachte, in Judar zählen nur Söhne. Ein Prinz wie du will doch sicher einen männlichen Erben – keine Tochter.“

„Erst wagst du es, mir zu unterstellen, ich könnte jemanden anheuern, um mein Kind umzubringen – und jetzt glaubst du, ich verstoße sie, weil sie ein Mädchen ist?“ Starr blickte er sie an. „Aber genug davon. Ich will meine Tochter jetzt sehen.“

Mit anscheinend letzter Kraft stemmte Carmen sich ihm entgegen. Sie zitterte am ganzen Leib. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du dich wirklich für sie interessierst … bitte …“

Er sah sie an. Sie war die Frau, die ein nie gekanntes, heißes Begehren in ihm auslöste. Nachdem sie ihn verlassen hatte, hatte er nicht einmal in Erwägung gezogen, eine andere zu heiraten. Obwohl das aus taktischen Gründen klug gewesen wäre. Im Gegensatz zu ihm hatte Tareq kurz entschlossen die erstbeste Frau geheiratet, um die Voraussetzungen für die Thronfolge zu erfüllen. Im Gegenzug hatte Faruq entschieden, Tareqs unehrenhaftes Verhalten offenzulegen, das ihn für den Thron ungeeignet machte. Er hatte den König gebeten, die Entscheidung noch eine Zeit lang hinauszuzögern, bis ihnen unwiderlegbare Beweise vorlagen.

Inzwischen stand Faruq kurz davor, die Beweise zu bekommen – und jetzt hatte er Carmen und Mennah gefunden. Nun stand ihm der Weg frei, er würde der nächste König von Judar werden. Dennoch würde er Tareq nicht ungestraft davonkommen lassen. Und Carmen auch nicht. Sie würde er jedoch nicht anrühren. Noch nicht.

Sanft stieß er sie beiseite und betrat den Wohnungsflur. „Bitte zeig mir jetzt meine Tochter, Carmen.“

Dass er sie höflich bat, statt es ihr zu befehlen, überraschte ihn. Dieses Verhalten sah ihm gar nicht ähnlich. Aber ich tue es zum Wohle meiner Tochter, sagte er sich. Babys hatten ein feines Gespür, und er wollte nicht, dass seine Tochter bei der ersten Begegnung mit ihrem Vater negative Schwingungen wahrnahm. Deshalb war er auch bereit, mit Carmen Frieden zu schließen, wenn auch nur zeitweilig und in Gegenwart seiner Tochter.

„Hör auf zu weinen. Ich will nicht, dass meine Tochter mich zum ersten Mal sieht, und ihre Mutter schluchzend danebensteht. Sie würde mich auf ewig mit deinem Schmerz in Verbindung bringen.“

„Das stimmt doch auch … Du zerstörst mein Leben …“

„Jetzt hör endlich damit auf, Carmen. Oder willst du, dass sie seelischen Schaden nimmt, weil sie Angst vor mir bekommt?“

„Nein … ich würde niemals …“ Schwach stützte Carmen sich auf seinen Arm. „Nimm mir meine Tochter nicht weg … Ohne sie würde ich sterben …“

3. KAPITEL

Schweigend sah Faruq seine ehemalige Geliebte an.

Er hatte schon öfter Menschen weinen sehen. Doch es war ihm bisher nie in dieser Art zu Herzen gegangen. Bei Carmen war es anders.

Sie glaubte ernsthaft, er wollte ihr die Tochter wegnehmen!

Mit einem Mal wurde ihm klar, dass er hier hereingestürmt war, ohne sich vorher überlegt zu haben, was genau er überhaupt wollte.

Vor sechzehn Stunden hatte er die Informationen bekommen und sofort seinen Privatjet startklar machen lassen. Auf dem langen NonStop-Flug hatte Faruq über vieles nachgedacht. Auch darüber, dass eine Mutter, die nur berechnend war, kein Anrecht auf ihr Kind hatte.

Vielleicht war er zu barsch gewesen. Carmen war wirklich von der Angst um ihre Tochter gepeinigt, ihre Gefühle waren echt.

Konnte es wirklich sein? War sie aus reiner Berechnung schwanger geworden und liebte ihr Kind jetzt wirklich?

Er verfügte natürlich über genug Einfluss, um ihr das Kind wegzunehmen. Und wenn er bedachte, was Carmen ihm angetan hatte, hätte er auch jedes Recht dazu. Aber so hatte er es nicht gemeint, als er gesagt hatte, sie habe keine Chance gegen ihn.

Er meinte nur, dass sie ihn nicht von seiner Tochter fernhalten konnte. Schließlich hatte Mennah ein Recht auf beide Elternteile.

Mit rauer Stimme sagte er: „Carmen, ich nehme sie dir nicht weg. Jetzt hör bitte auf zu weinen.“

Hatte er das wirklich gesagt? Carmen verspürte eine Welle der Erleichterung. Dann wurde ihr schwarz vor Augen.

Als sie wieder zu sich kam, fand sie sich auf Faruqs Armen wieder. Er trug sie ins Schlafzimmer. „Alles ist gut“, flüsterte er, als sie die Augen öffnete. „Du bist ohnmächtig geworden.“

„Lass mich runter. Es … es geht mir wieder gut.“

„Ich lege dich auf dein Bett.“

„Habe ich richtig gehört? Hast du eben wirklich gesagt, du nimmst sie mir nicht weg …?“

Vorsichtig setzte er sie auf dem Bett ab. „Ja. Ich werde dir Mennah nicht wegnehmen, Carmen. Ich bin nicht das Ungeheuer, für das du mich hältst.“

„Ich habe dich nie für ein Ungeheuer gehalten.“

„Nein? Du dachtest offenbar, ich würde dich zu einer Abtreibung zwingen. Und du hast gedacht, ich würde dir dein Baby wegnehmen. So etwas tut doch nur ein Ungeheuer.“

„Es tut mir leid, Faruq.“ Sie umfasste seinen Arm, aber er entzog sich ihrem Griff. „Ich hatte nur solche Angst. Ich wollte keinen Fehler machen und kein Risiko eingehen, weil ich in meiner Panik vom Schlimmsten ausgegangen bin. Es ging nicht um dich oder mich, es geht mir allein um Mennah. Sie bedeutet mir einfach alles.“

Carmen schämte sich dafür, wie sie auf sein plötzliches Auftauchen reagiert hatte. Es war verständlich, dass er aufgebracht war, schließlich hatte sie ihm sein Kind vorenthalten.

Plötzlich erklang das Juchzen eines Babys, laut und deutlich. Die Geräusche kamen aus dem Babyfon-Empfänger, den Carmen am Gürtel trug. „Ya Ullah, murmelte Faruq, „sie ist aufgewacht …“

Er verließ das Schlafzimmer und ging zum Kinderzimmer, das durch einen Teddybär-Aufkleber an der geschlossenen Tür unschwer zu erkennen war. Carmen sprang auf und eilte ihm blitzschnell hinterher. „Warte, lass mich zuerst reingehen.“

Er dachte einen Augenblick nach. „Zain. Gut. Aber dann zeig mir endlich meine Tochter, Carmen. Ich hoffe, du fällst nicht wieder in Ohnmacht, um es noch einmal hinauszuzögern.“

„Glaubst du etwa, ich habe dir das nur vorgespielt?“

„Spielt es eine Rolle, was ich denke?“, fragte er ungeduldig. „Nein, ich glaube, nicht einmal du könntest so perfekt eine Ohnmacht vortäuschen. Aber jetzt hör auf, Zeit zu schinden.“

„Ich will keine Zeit schinden. Jetzt geh zur Seite, und lass mich eintreten. Ich sage dir dann Bescheid, wenn …“

„Nein“, erwiderte er angespannt. „Ich gehe direkt hinter dir rein. Du solltest meine Geduld nicht überstrapazieren, Carmen.“

„Schon gut. Lass mich jetzt durch, damit ich nach meiner Tochter sehen kann. Ich schaue immer nach ihr, wenn sie aufgewacht ist.“

Mit einer theatralischen Geste ließ er ihr den Vortritt. Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit.

„Du lässt sie im Dunkeln schlafen?!“

Sie schloss die Tür wieder und drehte sich nach ihm um. „Hast du ein Problem damit?“

„Du solltest wenigstens ein Nachtlicht brennen lassen“, tadelte er sie. „Sie bekommt doch Angst, wenn sie aufwacht und es im Zimmer stockdunkel ist.“

„Ach, da spricht der erfahrene Vater. Du hörst sie doch brabbeln. Klingt das für dich wie ein verängstigtes Kind?“

Verärgert biss er die Zähne aufeinander, sagte aber nichts.

„Meine Mutter hat mich nie im Dunkeln schlafen lassen“, erklärte sie, „und trotzdem hatte ich Angst vor der Dunkelheit. Es hat mich Jahre gekostet, sie zu überwinden.“

Warum erzählte sie ihm das eigentlich? Warum hatte sie das Gefühl, ihre Qualitäten als Mutter vor ihm rechtfertigen zu müssen? Er hörte doch, dass Mennah sich pudelwohl fühlte. Und indirekt hatte er es auch schon zugegeben. Warum sah er sie denn so komisch an? Was hatte das zu bedeuten?

Langsam öffnete sie die Tür wieder. Und wieder hielt Faruq sie zurück. „Das ist das erste Mal, dass du deine Mutter erwähnst.“

Sie blickte ihn erstaunt an. „Und? Bist du überrascht, dass ich auch eine hatte?“

„Hatte?“, fragte er. „Ist sie … tot?“

Sie nickte. „Krebs.“

„Wann …?“

„Vor etwas mehr als zehn Jahren. Sie ist an meinem sechzehnten Geburtstag gestorben.“

Er kniff die Augen zusammen. „Exakt an dem Tag?“

Sie nickte wieder. Tränen schimmerten ihr in den Augen.

Was fiel ihm ein, sie auszufragen? Und warum gab sie ihm so bereitwillig Auskunft? Sie hatte nie mit ihm über ihre Vergangenheit gesprochen. Es gab so vieles, über das sie mit niemandem redete.

Die Zeit mit Faruq war von Leidenschaft erfüllt gewesen. Wenn sie sich unterhalten hatten, dann über ihre Vorlieben, Wunschträume und Ansichten zu den unterschiedlichsten Themen. Außerdem war Carmen davon überzeugt gewesen, dass er aus Sicherheitsgründen heimlich eine Akte über sie und ihr Vorleben hatte erstellen lassen – eine Akte, die er wahrscheinlich nie gelesen hatte. Warum hätte er es auch tun sollen? Bei den vielen Frauen, die ihm schon das Bett gewärmt hatten, waren ihm Einzelheiten wahrscheinlich völlig egal. Und sie wusste ohnehin einiges über ihn, schließlich war er sehr bekannt.

Schnell wandte sie den Blick ab. „Lass uns jetzt reingehen. Aber sei darauf vorbereitet … Wenn Mennah dich sieht, ist sie vielleicht verunsichert oder fängt an zu weinen. Sie mag Fremde nicht besonders.“

„Ich bin doch kein Fremder.“

Sie lächelte. „Für sie schon … noch.“

Mennah brabbelte jetzt aufgeregt, wahrscheinlich hatte sie die beiden schon gehört. Carmen öffnete die Tür und drehte den Dimmer der Deckenbeleuchtung etwas hoch, sodass das Zimmer in warmes Dämmerlicht getaucht war. Mennah gluckste vergnügt, als sie ihre Mutter sah.

Liebevoll lächelnd ging Carmen zu dem Babybett. „Ich freue mich auch, dich zu sehen, mein Liebling.“ Dann verharrte sie mitten in der Bewegung. Faruq hatte plötzlich eine Hand auf ihre Schulter gelegt.

Mennah wurde still, ihr Babylächeln erstarb, sie wirkte überrascht. Mit Sicherheit hatte sie den in ihren Augen bestimmt riesenhaften Faruq erblickt. Carmen ahnte, was jetzt kommen würde: Die Kleine würde gleich anfangen zu weinen. Und warum sollte sie ihm das ersparen?

Natürlich wusste Carmen genau, warum.

Sie hatte Faruq falsch eingeschätzt, hatte ihn ausgeschlossen und ihm Mennahs so wichtige erste Lebensmonate vorenthalten. Er hätte der zweite Mensch sein sollen, der sie auf dem Arm trug. Die Kleine hätte ihn als Zweites sehen sollen. Sie hätte in seinem Beisein aufwachsen sollen, sollte sich bei seinem Anblick genauso freuen wie bei dem ihrer Mutter. Carmen wusste nicht, was sie tun sollte, wenn Mennah jetzt zu weinen anfing.

„Ya Ullah, ma ajmalhah.“

Faruqs Worte trafen sie ins Herz. Wie schön sie ist. Carmen sprach fließend Arabisch, deshalb hatte sie ja den Auftrag bekommen, seine Konferenz zu organisieren; so hatten sie sich kennengelernt.

Er redete weiter, sprach jedoch mehr zu sich selbst: „Ma arwa’ha, hadi’l mo’jezah as’sagheerah!“

Wie herrlich es ist, dieses kleine Wunder!

Oh ja, sie war wirklich ein kleines Wunder. Denn es hatte immer geheißen, Carmen könnte nie Kinder bekommen. Und jetzt, nach der Operation, würde Mennah definitiv Carmens einziges Kind bleiben. Mennah war mehr als ein Wunder. Sie war Carmens Lebensinhalt.

Faruq drängte sich sanft an ihr vorbei, beugte sich über Mennah und strich sacht mit einem Finger über ihre Wange. „Ana abooki, ya saggheerati“, flüsterte er.

Ich bin dein Vater, meine Kleine. Seine Stimme war voller Freude und Stolz. Carmen entging der besitzergreifende Unterton allerdings nicht.

Es durchzuckte sie eiskalt. Oh Gott! Wenn sie vorher noch Zweifel gehabt hatte, so waren diese jetzt verschwunden. Er wollte Mennah. Wollte sie unbedingt. Und Carmen wusste, wie er war, wenn er etwas unbedingt wollte.

Angespannt beobachtete sie Mennah. Sie würde sie sofort auf den Arm nehmen, sie wiegen und trösten, wenn sie zu weinen anfing. Sie würde ihr erklären, dass sie sich bald an ihn gewöhnen würde – auch wenn ihr nicht ganz klar war, wie das überhaupt gehen sollte. Faruq wäre ja sicher die meiste Zeit woanders …

Mennah gab einen neugierigen Laut von sich, und Carmen beobachtete das Baby angespannt. Im nächsten Augenblick stellte sie jedoch erstaunt fest, dass … dass die Kleine lächelte!

Es war geradezu ein Grinsen, das sich über das kleine Gesichtchen zog. Mennah streckte Faruq die Ärmchen entgegen, wartete förmlich, darauf, von ihm auf den Arm genommen zu werden. Von Faruq!

Freudestrahlend nahm Faruq sie hoch. „Erefteeni, ya zakeyah!“, rief er. Du bist so schlau, dass du mich sofort erkannt hast. Sie griff mit den Händchen nach seinem Gesicht und juchzte vergnügt.

Er drückte sie an seine Brust. Nervös beobachtete Carmen die Szene. Mennah schmiegte sich allerdings an Faruq und schien sich sicher und geborgen zu fühlen.

Carmen konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Schluchzend flüchtete sie ins Badezimmer. Es war zu viel für sie. Vater und Tochter so innig vereint – nicht nur Faruq, auch Mennah hatte sie diese Liebe vorenthalten, und das völlig grundlos, wie sich jetzt herausstellte! Ich hätte gar nicht weglaufen müssen, dachte sie. Faruq wäre für mich, für uns, da gewesen, wenn auch nur um seiner Tochter willen.

Leise klopfte es an der Tür. „Mennah will zu dir, Carmen.“ Faruqs Stimme klang sanft und liebevoll. Sicherlich, weil er gerade mit Mennah gesprochen hatte. Zu mir wird er nie wieder so sanft und liebevoll sein, überlegte Carmen bekümmert.

Sie wischte sich über die verweinten Augen, dann öffnete sie die Tür und trat in den Flur hinaus. Was sie dort sah, ließ sie fast schon wieder in Tränen ausbrechen.

Faruq hatte sein Jackett abgelegt, sein Hemd war halb aufgeknöpft. Er hatte Mennah auf dem Arm, und sie lächelte Carmen fröhlich an, so als wollte sie sagen: Schau mal, Mutti, dieser liebe sanfte Riese. Ich habe ihn schon um den Finger gewickelt. Auch Faruq lächelte überglücklich, aber Carmen wusste, dass es nicht ihr galt. Er war mit Sicherheit froh und erleichtert darüber, dass Mennah ihn gleich akzeptiert hatte.

„Sie ist ein richtiger Wonneproppen.“ Mennah gluckste fröhlich und legte den Kopf an seine breite Brust. Dann griff sie nach seinem Haar und zog kräftig daran. Faruq verzog das Gesicht und nahm die Händchen vorsichtig in seine. „Ma beyseer, ya kanzi es’sagheer. Das wird nichts, mein kleiner Schatz, du kannst Daddys Haare nicht ausreißen. Warte, ich gebe dir etwas anderes.“

Er zog ein Handy aus seiner Hosentasche, wie Carmen noch nie eines gesehen hatte. Wahrscheinlich war es eine exklusive, sündhaft teure Sonderanfertigung, die er in Auftrag gegeben hatte. Nachdem Faruq ein paar Knöpfe gedrückt hatte, flimmerte ein Film über Wildtiere über das Display. Mennah schaute nur ein paar Sekunden auf die bewegten Bilder, dann verlor sie das Interesse und wollte lieber herausfinden, ob das Gerät essbar war.

Carmen seufzte. „Faruq, sie wird es noch kaputt machen.“

Er zuckte mit den Schultern. „Und wenn schon.“

„Faruq, das mache ich nicht mit.“

„Was machst du nicht mit?“

„Dass du sie mit teuren Geschenken überschüttest und zulässt, dass sie sie einfach kaputt macht. Du wirst sie auf keinen Fall zu sehr verwöhnen und zu einem Teenager machen, der keinen Sinn für den Wert der Dinge hat.“

„Da kommt aber die Prinzipienreiterin in dir durch.“

„Nein, nur die verantwortungsbewusste Mutter. Du weißt vielleicht nichts von Verantwortungsbewusstsein. Du magst mit dem goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen sein. Aber ich lasse nicht zu, dass du sie verziehst.“

„Ich darf mich gerade mal eben zehn Minuten als Vater betätigen, und schon mache ich in deinen Augen alles falsch? Und schon weißt du, dass ich sie verzärteln und zu einem nutzlosen Mitglied der Gesellschaft machen werde? Noch was, Carmen?“

Mennah ersparte ihrer Mutter weitere Vorhaltungen, indem sie das Handy zu Boden fallen ließ. Carmen hob es auf und sah Faruq vorwurfsvoll an.

Wieder zuckte er nur die Schultern. „Das Handy hält was aus, das bekommt Mennah nicht kaputt. Deshalb habe ich es ihr ja gegeben.“

„Darum geht es nicht“, entgegnete Carmen. „Jetzt glaubt sie, dass sie einfach mit allen Dingen in der Gegend herumwerfen kann.“

„Das wird sie nicht tun. Dafür sorge ich schon.“

„Dafür sorge ich. Solange du mir das nicht dauernd sabotierst.“

„Schon gut. Wen hattest du eigentlich erwartet, als ich geklingelt habe?“

Sie wunderte sich über seinen abrupten Themenwechsel, entschied sich aber dazu, einfach zu antworten. „Den Hausmeister. Ich habe einen Kurzschluss im Hauswirtschaftsraum. Er sollte mir das reparieren.“

Erstaunt zog er eine Augenbraue hoch. „Du bereitest Filet Mignon au Champignons für jemanden zu, der an deinen Elektrokabeln rumfummelt?“

„Das war für Mennah.“

„Ja, klar doch. Das steht ja ganz oben auf dem Ernährungsplan für neun Monate alte Babys.“

„Ich habe ihr vor zwei Tagen mal davon zu probieren gegeben, und seitdem will sie die Brust nicht mehr. Deshalb dachte ich …“

Sie redete nicht weiter, weil sie gemerkt hatte, wie Faruqs Blick bei dem Wort „Brust“ sofort zu ihrem Busen geschweift war. Und ob sie wollte oder nicht, allein dieser Blick reichte aus, um sie zu erregen.

Er sah ihr wieder in die Augen. „Du hast also auf den Hausmeister gewartet, der nicht aufgekreuzt ist.“

Sie nickte.

„Zeig mir mal das Problem.“

„Es ist bestimmt nur ein Kurzschluss. Ich hätte das Ganze ja selbst repariert, aber ich habe einmal einen Stromschlag bekommen und …“

„Wann war das?“

„Ich … ich war damals zwölf“, murmelte sie. „Aber was soll überhaupt diese Fragerei?“

„Du hast eine Menge Macken, wie?“

„Was soll das denn heißen? Willst du mir damit sagen, dass jemand, der vielleicht ein paar Phobien hat, keine gute Mutter sein kann?“

Er lächelte Mennah an. „Das hast du gesagt, nicht ich.“

„Also habe ich dich richtig verstanden?“

„Ich denke, dass du das gesagt hast und nicht ich. Ich sage immer genau das, was ich meine. Das weißt du doch wohl noch, Carmen. Und jetzt zeig mir mal das Zimmer mit dem Kurzschluss.“

Mit Hilfe eines Spannungsprüfers hatte er den Fehler in wenigen Minuten behoben. „Ich bin überrascht“, sagte Carmen aufrichtig beeindruckt.

„Dass ich über simpelste Handwerkerfähigkeiten verfüge?“

„Na ja … ja. Wenn man bedenkt, dass ständig Bedienstete um dich herumschwirren – da frage ich mich schon, wo du das gelernt hast.“

„Mir ist schon früh alles beigebracht worden, was man im Leben braucht. Ich komme mit Problemen in allen Lebenslagen zurecht. Alles, was andere für mich erledigen, kann ich auch selbst. Ich lasse mir nur einiges abnehmen, damit ich mich auf das Wesentliche konzentrieren kann – auf die Sachen, die nur ich entscheiden und erledigen kann.“

„Dann bist du so eine Art arabischer MacGyver?“

Er lächelte. Aber er lächelte nicht Carmen an – wieder galt sein Lächeln Mennah, die sich vertrauensvoll an ihn schmiegte.

Unmöglich, dass ich bei dem Anblick eifersüchtig werde, dachte Carmen. Er hat mir doch gesagt, dass er mir Mennah nicht wegnehmen wird, und er ist ihr Vater.

Plötzlich sagte er: „Was das Filet Mignon angeht …“

„Was ist damit?“

„Du sagtest doch, Mennah isst die Soße gern. Und es hat wirklich köstlich geduftet, als ich hereingekommen bin. Es heißt doch, man soll nichts verkommen lassen …“

„Du willst essen?“

„Das tue ich ab und zu, ja.“

„Aber es ist jetzt schon kalt.“

„Es soll Mittel und Wege geben, abgekühlte Speisen wieder aufzuwärmen, habe ich mir sagen lassen. Ich glaube, das macht man mit so einem Ding … Wie heißt es doch gleich? Herd?“

„Aber dann ist das Fleisch nicht mehr zart …“

„Ich …“ Er küsste Mennah auf die Wange und fuhr dann fort: „Wir werden uns darum kümmern.“ Urplötzlich war seine überraschend gute Laune wieder verflogen. Misstrauisch sah er Carmen an. „Du bist wirklich sicher, dass du niemand anderes erwartet hast?“

„Wen denn?“, fragte sie aufgebracht. „Du meinst meinen ‚Gönner‘? Einen von mehreren vielleicht? Glaubst du wirklich, dass ich hier reihenweise Männerbesuch empfange, nur ein paar Schritte von meinem schlafenden Kind entfernt? Warum nennst du mich nicht einfach eine Prostituierte? Los, raus damit!“

Carmen redete sich immer mehr in Rage. „Ich weiß, was Männer aus deinem Kulturkreis von Frauen halten, die leicht zu haben sind, und – das muss ich zugeben – für dich war ich leicht zu haben. Aber ich habe nichts von dir angenommen – mal davon abgesehen, dass ich dein Luxusleben geteilt habe. Sicher hast du gedacht, das wäre mir zu wenig gewesen. Und bestimmt hast du jeden kostbaren Manschettenknopf nachgezählt, nachdem ich fort war. Ich hoffe, du warst nicht allzu enttäuscht darüber, dass noch alles an Ort und Stelle war.“

„Oh, welch scharfe Zunge, welcher Sarkasmus! Diese Züge an dir hast du damals ja sorgsam vor mir verborgen.“

„Ich habe sie nicht verborgen, ich hatte lediglich keinen Grund dazu. Damals hast du dich ja nicht als herrischer Grobian aufgespielt.“

Wütend musterte er sie. „Ein herrischer Grobian wäre mit Leibwächtern und Gesandtschaftsabgeordneten hier reingestürmt und hätte seine Tochter der wimmernden, flehenden Mutter aus den Armen gerissen. Ich warte allerdings immer noch darauf, dass du die elementarsten Regeln der Gastfreundschaft beherzigst und mich einlädst, das vorbereitete Essen mit dir zu teilen.“

„Na schön“, murmelte sie. „Aber wenn das Fleisch zäh und die Soße geronnen ist, will ich keinen Ton hören.“

„Wir sollen also in aller Stille essen?“

„Als ob du das könntest.“

Amüsiert lächelte er. Und diesmal galt sein Lächeln ihr.

In der Küche wollte Carmen Mennah auf den Babysitz setzen. Faruq nahm ihr die Kleine jedoch ab und erledigte es an Carmens Stelle. Ungefragt legte er anschließend einige der Spielzeuge auf das Tablett.

Carmen kümmerte sich um das Essen und sah sich zwischendurch zu Faruq und ihrer Tochter um. Die beiden verstanden sich blendend, das Band zwischen ihnen war fast greifbar.

„Du hast dich in deine Vaterrolle ja gut eingelebt. So vertraut war sie bisher mit niemandem. Nicht dass sie schon viele Fremde gesehen hätte.“

„Sie hat mich erkannt, so wie ich sie erkannt habe. Es ist ein inneres Band.“

Er hatte genau das ausgesprochen, was sie gerade gedacht hatte. „Ja“, murmelte sie leise. „Und … und es tut mir wirklich leid, dass ich sie dir so lange vorenthalten habe. Aber bitte glaub mir, ich wollte wirklich nur das Beste. Für sie.“

Er gab keinen Kommentar dazu ab. Aber sein Blick sprach Bände: Faruq glaubte kein Wort von dem, was sie sagte.

„Es ist doch selbstverständlich“, fuhr sie fort, „dass ich bereit bin, alles so einzurichten, dass du Mennah so oft wie möglich sehen kannst.“

„Ich werde sie ständig sehen.“ Wie er es sagte, war es keine einfache Aussage, es war ein königlicher Erlass.

„St…ständig? A…aber du lebst doch tausende Meilen von hier entfernt …“

„Das wird sie in Zukunft auch“, erwiderte er, und sein Blick wirkte mit einem Mal eiskalt.

„Aber du hast doch gesagt …“

„Ich habe gesagt, ich werde sie dir nicht wegnehmen. Und das werde ich auch nicht. Ihr werdet beide bei mir sein. Weil wir nämlich heiraten werden, Carmen.“

4. KAPITEL

Plötzlich schossen Flammen aus der Pfanne. Faruq sprang blitzschnell auf, eilte zum Herd, stieß Carmen beiseite und schüttete den Pfanneninhalt auf einen Servierteller, sodass die Flammen erloschen. Dann stellte er den Herd aus. Seelenruhig erklärte er: „Es scheint fast so, als ob du mir dieses Filet Mignon nicht gönnst.“

Carmen sah ihn schweigend an. Hatte er wirklich gesagt, sie würden heiraten?

Aber warum? Er wollte sie doch nicht wirklich. Sie war doch nur eine Gespielin für ihn gewesen, eine Affäre, etwas zeitlich Begrenztes …

Mit einem Mal durchzuckte eine Erkenntnis sie: Er tat es wegen Mennah.

Carmen hatte ihn vom ersten Augenblick an geliebt, aber ihr war klar gewesen, dass sie nie wirklich zusammenkommen würden. Dass er ihr nun sogar die Ehe anbot, aus welchen Gründen auch immer, nein, dass er ihr geradezu befahl, ihn zu heiraten, das brachte Carmen völlig aus der Fassung.

Als wäre nichts geschehen, fuhr Faruq fort: „Es ist dir trotz aller Bemühungen nicht gelungen, das Filet Mignon vollends ungenießbar zu machen. Wir können jetzt essen, wenn die Köchin es aufträgt.“

Sie stand nur regungslos da. Sie war unfähig zu reagieren und fühlte sich wie vor Schreck erstarrt.

„Und?“

In welchem herablassenden Tonfall er das sagte! „Was soll denn das heißen?“, entgegnete sie, nachdem sie die Sprache wiedergefunden hatte. „Hast du nicht vorhin gesagt, du brauchst keine Bediensteten? Tisch dir das Zeug doch selber auf, du elender Macho! Oder ist das unter deiner Würde, weil so etwas angeblich Frauensache ist?“

Er starrte sie an. Kein Wunder. Wahrscheinlich war er überrascht, dass sie überhaupt noch etwas sagen konnte. Carmen wunderte sich schließlich selbst darüber. Alle anderen wagten in seiner Gegenwart sicher nicht einmal zu niesen, und sie hatte ihn sogar beleidigt …

Mennah murmelte etwas und forderte mehr Aufmerksamkeit. Und wieder veränderte sich Faruqs Gesichtsausdruck in Sekundenbruchteilen. Gütig lächelnd wandte er sich dem Baby zu. „Hast du das gehört, ya sagheerati? Deine Mutter glaubt, sie kann sich alles erlauben, solange du in der Nähe bist.“

Er wandte sich Carmen zu. „Aber du wirst nicht immer in der Nähe sein.“

„Du weißt wirklich nichts über mich“, erklärte sie herausfordernd, „wenn du glaubst, ich würde Mennah als Schutzschild missbrauchen. Mit dir werde ich auch noch alleine fertig.“

„Ach ja? Bist du dir da wirklich sicher?“

Oh Gott, was war nur in sie gefahren, ihn so zu provozieren? Sie wusste doch, dass sie keine Chance gegen ihn hatte, nicht einmal in ihrem Land. Niemand konnte es mit ihm aufnehmen, nirgends. Er war als Diplomat, millionenschwerer Geschäftsmann und Mitglied eines Königshauses einfach zu mächtig. Wahrscheinlich hatte sie seine Geduld jetzt schon zu stark auf die Probe gestellt.

Aber in ihrer Wut hielt Carmen jetzt nichts mehr auf. Die Anspannung und der Schock, ihn plötzlich in ihrer Wohnung zu sehen, das alles war einfach zu viel. „Dein Ego ist so groß, dass es eine eigene Postleitzahl braucht“, fuhr sie ihn an. „Und wenn ich daran denke, dass ich auch noch dazu beigetragen habe …“

„Du meinst, du hast zu meinem großen Ego beigetragen? Weil du die erste und einzige Frau bist, die mich je verlassen hat – statt umgekehrt?“

Schwang da Verbitterung in seiner Stimme mit? Hatte es ihn wirklich verletzt, dass sie gegangen war?

Nein, das konnte nicht sein. Wahrscheinlich war er – der Prinz, vor dem alle in die Knie gingen – nur wütend, weil sie ihm nicht aufs Wort gehorchte.

„Diese winzige Wunde, wenn es denn eine war, dürfte ja jetzt verheilt sein“, gab sie zurück. „Schließlich weißt du ja, warum ich die Affäre beendet habe. Das sollte dich zufriedenstellen.“

„Um mich zufriedenzustellen, müsstest du dir erheblich mehr Mühe geben.“

Sie ahnte, wie er das meinte, und dachte an die langen gemeinsamen Nächte zurück, in denen sie höchste Lust und Erfüllung erlebt hatte. Hastig vertrieb Carmen diese Gedanken und zwang sich dazu, Faruq weiterhin die Stirn zu bieten. „Ich glaube, du nimmst dich einfach zu ernst. Du solltest auch mal Kritik zulassen. Das kann manchmal sehr heilsam sein.“

Er sah zu Mennah. „Deine Mutter ist sehr mutig. Oder sehr dumm. Oder sie weiß genau, was sie wirklich will.“

„Ich will nur, dass du … dass du …“ Weiter kam sie nicht, denn er trat bedrohlich dicht an sie heran.

„Dass ich was? Deine Herausforderung annehme?“

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