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JULIA COLLECTION BAND 67

Der Wunsch eines Vaters

MINISERIE VON CARA COLTER

Mitten ins Herz?

Als Brandy King ihren Jugendschwarm Clint McPherson nach Jahren wiedersieht, pocht ihr Herz wie verrückt. Clint, verwitwet und Vater einer kleinen Tochter, lebt zurückgezogen in der kanadischen Wildnis. Nur widerstrebend arrangiert er sich mit dem Besuch von Brandy, die ihn ins Leben zurückholen will und schon bald seine Gefühle durcheinanderwirbelt.

Mein charmanter Herzensdieb

Was bildet dieser Kerl sich ein?! denkt Jessie King aufgebracht, als sie ihrem neuen und überaus attraktiven Chef zum ersten Mal begegnet. Arrogant und schroff gibt Garner Blake ihr zu verstehen, dass sie in seiner Firma unerwünscht ist. Aber Jessie lässt sich nicht entmutigen und wettet mit Garner, dass sie es länger als einen Tag bei ihm aushält …

Glücklich in starken Armen

Da das Leben seiner Tochter durch einen Stalker bedroht wird, schickt Jake King Nesthäkchen Chelsea zu ihrer Tante aufs Land. Unter der Obhut von Bodyguard Randall Peabody setzt das verwöhnte It-Girl alles daran, wieder in die Stadt zurückzukehren und sich ins Partyleben zu stürzen. Aber Chelsea hat die Rechnung ohne ihren attraktiven Beschützer gemacht …

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Mitten ins Herz?

PROLOG

Zwei Briefe lagen auf seinem Tisch, beide ungeöffnet, und beide trugen die Aufschrift: persönlich und vertraulich. Einer der beiden Briefumschläge war bedruckt, und der Absender war ihm bekannt. Der zweite war handschriftlich adressiert: eine weibliche, sehr junge Schrift. Er kannte weder den Namen noch die Absenderadresse. Nach kurzem Zögern zwischen Hoffen und Bangen entschied er sich, den ersten Brief zu öffnen.

Einen Moment später legte Winston Jacob King den getippten Brief hin und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger seinen Nasenrücken. Er war geschockt, obwohl der Brief lediglich bestätigte, was sein Arzt ihm schon zu Beginn der Woche eröffnet hatte.

Er würde sterben.

Jake sollte eigentlich nicht überrascht sein. Immerhin war er dreiundachtzig Jahre alt. Hatte er wirklich geglaubt, ewig zu leben?

Ehrlich gesagt, ja.

Er erhob sich von seinem Schreibtisch. Im Kamin brannte ein Feuer, obwohl es ein milder Tag war. Doch mittlerweile fror Jake ständig.

Langsam durchquerte er den Raum, der mit einer Vielzahl antiker Möbel eingerichtet war. Ein dicker persischer Teppich bedeckte den Boden, und an den Wänden hingen Gemälde von Degas, Pissarro und Monet. Doch er beachtete nichts von dem, was er sein Leben lang gern gesammelt hatte. Stattdessen sah er aus dem riesigen Erkerfenster hinaus.

Sein Anwesen hier in Southampton, Kingsway, erstreckte sich vor ihm. Tulpen und Osterglocken verliehen den Frühlingsbeeten ihre leuchtenden Farben. Ein Gärtner beschnitt die Rosenbüsche. Hinter ihm lagen die üppig grünen Weiden, auf denen eine Hannoveranerstute graste, muskulös und glänzend in der Sonne, während ihr Fohlen um sie herumsprang.

Der Arzt sagte, Jake hätte noch etwa ein Jahr zu leben, wenn er sich richtig behandeln ließe.

Während er über seine Ländereien blickte, ging ihm aus irgendeinem Grund dieses alte Lied von Johnny Cash durch den Kopf.

„My empire of dirt“, murmelte Jake. Einst war er stolz darauf gewesen, dass er, ein einfacher Mechaniker aus einer Kleinstadt, all dies erreicht hatte. In einer der letzten Ausgaben des Success Magazins wurde Jakes Unternehmen „Auto Kingdom“ als das „Costco“ der Autoliebhaber gefeiert. Lächerlich, schließlich gab es ihn schon vierzig Jahre länger als das riesige amerikanische Handelsunternehmen „Costco“.

Jake hatte keine Angst vor dem Tod. Er spürte nur eine tiefe Trauer seinen drei Töchtern gegenüber. Keine von ihnen war verheiratet, und er sehnte sich nach einem wundervollen Enkelkind.

„Das ist der Preis der späten Ehe“, murrte er. Immerhin war er schon siebenundfünfzig gewesen, als seine erste Tochter geboren wurde. Er ging zu der Wand, die vollständig mit Fotos von seinen Prinzessinnen gepflastert war. Seine einzig wahren Schätze.

Diese Wand dokumentierte das Leben seiner drei Töchter. Hatte er nicht gestern erst mit stolzgeschwellter Brust vor dem Krankenhaus gestanden und Brandgwen, seine Erstgeborene, in den Armen gehalten? War es nicht erst einen Moment her, dass Jessica auf diesem dicken Welshpony gesessen hatte? Trennte ihn nicht nur ein Atemzug von dem Tag, als er im Schatten des Eiffelturms gestanden hatte, die kleine Hand seines Babys Chelsea in seiner?

Während er in ihre Gesichter blickte, durchströmte ihn ein Gefühl von unbändiger Zärtlichkeit. Ihre grundsätzlichen Wesenszüge hatten sich im Laufe der Zeit nicht verändert. Brandy wirkte immer verschmitzt und zu Streichen aufgelegt, Jessicas Augen hinter den Brillengläsern blickten wissbegierig, und sein Baby Chelsea, mittlerweile zweiundzwanzig Jahre alt, stellte sich liebreizend und selbstbewusst immer in Pose.

Mutig, schlau und wunderschön, das waren seine drei Töchter alle. Vor langer Zeit, aufgrund einer Spielerei mit seinem Namen, hatte die Presse sie als Prinzessinnen bezeichnet, und dieser Titel hatte sich all die Jahre gehalten.

Diese Fotografien zeigten einen Lebensstil, um den sie echte Adelige vermutlich beneidet hätten. Sein Hals schnürte sich zu, als er daran dachte, wie unglaublich bemüht er darum gewesen war, sie alle drei glücklich zu machen. Diese Bilder zeigten seine Töchter in unterschiedlichen Lebensjahren, wie sie auf ihren Ponys ritten, in Gondeln durch die Kanäle Venedigs fuhren und in den Alpen Skiurlaub machten. Sie zeigten ihre Autos, ihre ausschweifenden Geburtstagsfeiern, den glitzernden Schmuck, die Kleider.

Oh ja, Jake hatte sich für das Glück seiner Töchter selbst übertroffen – nach dem skandalösen Tod seiner jungen schönen Frau vor mehr als zwanzig Jahren.

Von Marcie gab es kein Foto an dieser Wand. Sie war gestorben, als Brandy sechs Jahre alt war. Brandy sah ihrer Mutter kaum ähnlich – ihr Gesichtsausdruck war eher frech als zurückhaltend liebreizend. Nur die dunklen saphirblauen Augen hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Wie einst seine eigenen, waren Brandys Haare braun, dicht und gerade lockig genug, um ungezähmt zu wirken. Doch niemand wusste, woher sie ihre Sommersprossen hatte. Sie war ihnen nie entwachsen. Zum Entsetzen ihrer Mutter hatte Brandy sich immer am wohlsten gefühlt, wenn sie sich im Overall in den Ställen aufhalten konnte. Die Kleine war wild gewesen und hatte stets ein Glitzern in ihren Augen. Die Journalisten hatten sie oft als den Wirbelwind der Familie bezeichnet.

Jetzt war sie sechsundzwanzig und noch immer so draufgängerisch wie ein kleiner Junge. Ständig auf der Jagd nach Abenteuern, und ihre Verwegenheit war legendär. Das Familienvermögen hatte ihr stets ermöglicht, ihre Adrenalinsucht auszuleben, und Jake hatte sie noch dazu ermutigt.

Ein Fehler. Ihre neueste Leidenschaft war Basejumping. Zuletzt war sie vom höchsten Wasserfall der Welt gesprungen, den Angel Falls in Venezuela. Und jeder Augenblick dieser halsbrecherischen Aktionen war von der treuen Presse verfolgt worden. Sie war eben schon immer furchtlos gewesen.

Aber angesichts seiner neuen Situation betrachtete er seine Tochter aus einem anderen Blickwinkel: Sie riskierte alles, nur nicht ihr Herz.

Hinter ihren tanzenden Augen konnte er ihre Vorsicht erkennen.

Wie sollte sie sich auch nicht vor der Liebe fürchten? Mit Sicherheit erinnerte sie sich daran, wie ungeheuer gleichgültig ihre Mutter ihr gegenüber gewesen war und wie schwierig sich die Beziehung ihrer Eltern gestaltet hatte.

Jake lenkte seine Aufmerksamkeit auf seine anderen Töchter und spürte auch bei ihnen mit neu aufkeimendem Schmerz das eigene Versagen.

Trotz aller Anstrengung blieb stets die Frage, ob auch nur eine seiner Prinzessinnen tatsächlich glücklich war. Keine von ihnen schien ein Ziel zu haben, einen Traum, eine eindeutige Suche nach etwas. Keine schien zu wissen, dass die Liebe alles bedeutete.

Jessie, Jessica, seine zweite Tochter. Sie überflog buchstäblich die Highschool und ging schon mit siebzehn auf die Universität. Mittlerweile war sie vierundzwanzig, und Jake hatte keinen Überblick mehr darüber, welche Qualifikationen sie inzwischen erreicht hatte. Sie sprach von Dingen, die er nicht verstand. Jessie schien mit dem echten Leben nicht besonders verbunden zu sein. Trotz ihrer Beziehung zu einem zerstreuten Professor, der nicht spannender als ein verstaubtes Buch war, erkannte Jake eine herzzerreißende Einsamkeit in ihren grünen, eindrucksvollen Augen. Diese faszinierenden Augen verbarg sie hinter unauffälligen Brillengläsern, und ihre hellblonden Haare hatte sie grundsätzlich zu einem strengen Zopf geflochten. In dieser Aufmachung sah sie trotz ihrer Schönheit stets wie eine alte Jungfer aus.

Und dann gab es da noch sein Baby Chelsea. Sie war der Liebling aller Medien. Immer sah er ihr Foto, wenn er an einem Zeitungsstand vorbeikam. Sie ähnelte Marcie in ihrem Äußeren am meisten, und ihre Schönheit war atemberaubend. Ihre Augen waren hellbraun, und ihre platinblonden Haare reichten fast bis zu ihrer Hüfte. Die Gesichtszüge waren ebenfalls perfekt und ihr Schmollmund einzigartig.

Sie hatte Stylisten und Modeberater, die ihr so wichtig waren, dass sie sie auch auf Reisen um sich scharte. Sogar ein Bodyguard war ständig an ihrer Seite, und Jake hatte auch sie ermutigt, all ihren Bedürfnissen nachzugehen.

Dennoch hatte er in ihrer Nähe das beunruhigende Gefühl, sie wüsste nichts über echte Schönheit. Ihre Welt war so oberflächlich geworden, dass ihr die wirklichen, wahren und guten Werte entgingen.

Jake küsste seine Fingerkuppen und berührte die Wangen seiner Töchter auf den Fotos. Sein Herz zog sich in seiner Brust zusammen, und es fühlte sich an, als würde es vor Liebe zerspringen.

Ein Jahr. Würde es reichen, um seinen Töchtern zu zeigen, worum es im Leben wirklich ging? Er wollte sie nicht verkuppeln. Das wäre unehrenhaft und manipulierend.

Aber schließlich hatte er eine der größten Firmen Amerikas erfolgreich etabliert und geführt. Er wusste, dass es manchmal ausreichte, die richtigen Menschen nur miteinander bekannt zu machen. Wenn man sie dann allein ließ, konnten die wundersamsten Dinge geschehen.

Für einen Mann mit seiner Lebenserfahrung würde es doch wohl möglich sein, seinen Töchtern die gleiche Erkenntnis nahezubringen, die ihm gerade gekommen war?

Am Ende zählte nur eines: die Liebe.

Vor langer Zeit hatte er eine Frau wirklich und wahrhaftig geliebt. Sie war nicht wie Marcie gewesen. Sie war nicht einmal ausnehmend hübsch gewesen. Aber sie hatte zu jener Zeit eine süße Wärme ausgestrahlt, die er damals nicht zu schätzen wusste. Seit kurzer Zeit wachte er nachts auf und spürte den Druck von ihrem Gesicht an seinem Hals und ihre weichen Haare auf seiner Brust. Dann spürte er ein Gefühl von Verlust, das er damals nicht empfunden hatte.

Damals war er so von der Idee getrieben gewesen, „Auto Kingdom“ aufzubauen, dass ihn ihr Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft und einer Familie nervös gemacht hatte. Immer wieder vertröstete er sie, da er sich in seinen Augen wichtigeren Aufgaben widmen wollte.

Dann war sie fortgegangen.

„Fiona“, sagte er sanft und spürte für einen Sekundenbruchteil ihre Anwesenheit, warm und sanft wie immer. Dies entfachte eine unstillbare Sehnsucht in ihm.

Allmählich wurde ihm klar, dass er im Leben seiner Töchter das Wichtigste vernachlässigt hatte. War es zu spät, ihnen das Geschenk zurückzugeben, das sie ihm gemacht hatten? Wenn er ihnen nur dabei helfen könnte, die wahre Liebe zu finden …

Langsam löste sich sein Schock, und der Nebel verflog, in dem er gefangen war, seit er den Brief seines Arztes gelesen hatte. Jake wurde von einer Mission erfüllt. Er war ein brillanter Stratege, der eine wichtige Angelegenheit zu erledigen hatte, bevor er diese Erde verließ: Brandys, Jessies und Chelseas Glück.

Jake kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. Nun musste er sich etwas einfallen lassen. Er konnte sie nicht alle auf einmal zu sich bestellen. Jede von ihnen war sehr aufgeweckt. Zusammen würden sie sofort merken, dass er sich auf irgendeine Art in ihr Leben einmischen wollte.

Nein, er musste sich je einer Tochter widmen und darauf hoffen, dass ihm die Zeit nicht davonlief.

Ohne abzuwarten rief er seinen Privatsekretär an. „James? Machen Sie Brandy ausfindig! Sie soll sofort herkommen!“

Dann nahm er den Brief seines Arztes, zerknüllte ihn und warf ihn in das offene Kaminfeuer.

Zu spät bemerkte er, dass er dabei versehentlich auch den zweiten, noch ungeöffneten Brief hineingeworfen hatte. Er sah, wie die mädchenhafte Handschrift unter den Flammen dahinschmolz und wie das Papier sich unwiderruflich zusammenzog.

Es lief ihm kalt den Rücken hinunter, obwohl er nicht wissen konnte, dass ihn der Inhalt des zweiten Briefes ebenso sehr aus der Bahn geworfen hätte wie der erste …

1. KAPITEL

„Ich liebe Clint McPherson nicht“, sagte Brandy mit fester Stimme.

Seit sie Kingsway, das Anwesen ihres Vaters auf Long Island, verlassen hatte, sprach sie diesen Satz wie ein Mantra vor sich hin.

Jetzt fuhr sie allein eine unbekannte Straße entlang, die sich um die Ufer des Lake of the Woods wand. Ein See, der so riesig war, dass er an zwei kanadische Provinzen und den Staat von Minnesota grenzte. Zudem hatten die Orte in dieser Gegend unaussprechliche Namen.

Hier eine kleine Hütte zu finden war praktisch eine unmögliche Aufgabe. Eine Hütte, die keinem Geringeren als Clint McPherson gehörte.

Natürlich könnte sie einfach behaupten, dass sie ihn nicht hatte aufspüren können. Ende der Mission.

Doch wovor hast du eigentlich Angst? meldete sich eine innere Stimme.

Brandgwen King hatte ihr ganzes Leben damit verbracht zu beweisen, dass sie sich vor nichts und niemandem fürchtete. Deshalb ärgerte sie diese Frage. Sie hatte weder Angst vor Clint McPherson noch war sie verliebt in ihn. Vielleicht hatte sie als Mädchen einmal für diesen Mann geschwärmt. Das bedeutete gar nichts. Mit sechsundzwanzig war sie alt genug. Der Schmerz, den sie empfand, nachdem dieser Mann sie abgewiesen hatte, war längst vergangen.

Der Mann in ihrem Leben hieß Jason Morehead, ihr ständiger Begleiter auf Abenteuertouren. Vor kurzem hatte sich eine Affäre zwischen ihnen angebahnt, Jason hatte sich jedoch zunächst abrupt und erschreckt zurückgezogen, es sich dann wieder anders überlegt, und nun hielt er eifrig um ihre Hand an.

Warum sollte ich ihn nicht heiraten? fragte sie sich. Er war reich, sah unverschämt gut aus und teilte ihre Vorliebe für alles Schnelle und Gefährliche.

„Ich liebe ihn nicht“, sagte sie laut und wusste genau, dass sie wieder von Clint sprach, obwohl sie an Jason dachte. Aber ihrerseits war sie sich ziemlich sicher, dass Jason wiederum sie nicht wahrhaft liebte, sondern in ihr eine gute Freundin und Weggefährtin sah. Frustriert schlug Brandy auf das Lenkrad des Ferraris, den sie fuhr.

Ihr Vater hatte ihr diesen Wagen organisiert, nachdem sie vor ein paar Stunden aus New York eingeflogen war. Man hatte ihr die Schlüssel überreicht und ihr gesagt, sie könne den Wagen beliebig lang nutzen und müsste nichts dafür bezahlen. In ihren Kreisen war es eine Tatsache, dass man stets umso weniger Geld benötigte, je mehr man davon hatte.

Natürlich war dieser freundliche Autohändler davon ausgegangen, dass sie sich in oder vor seinem Wagen fotografieren ließ und nicht damit in die gottverlassene Wildnis fuhr.

„Ich soll Clint McPherson noch immer lieben?“, schnaubte sie. „Eher hasse ich ihn.“

Sie seufzte tief. Hass? Das schien ein hartes Wort zu sein, nachdem sie diesen Mann vor sieben Jahren das letzte Mal gesehen hatte, als er ihren neunzehnten Geburtstag vollkommen ruinierte.

„Er ist mir egal“, entschied sie und kurbelte ihre Fahrerscheibe hinunter. Dann schrie sie es in den Fahrtwind hinaus. „Clint McPherson ist mir egal!“

Es klang nach einer Lüge, und sie wusste es. Wahrscheinlich wussten es sogar die Bäume.

Wie konnte ihr Vater nur so etwas von ihr verlangen? Und wie hatte sie dem zustimmen können?

Mit gerunzelter Stirn dachte sie an die Begegnung mit ihrem Vater. Er hatte alt ausgesehen. Selbstverständlich war er auch alt. Das war er schon immer gewesen, selbst als sie noch sehr jung gewesen war! Aber zuvor schien er niemals alt zu sein.

Und nun suchte sie Clint auf, weil ihr Vater sie darum gebeten hatte. Vielleicht aber auch, weil sie selbst Zeit brauchte, um Jasons umfangreiche Liebeserklärung zu verdauen.

So einfach war das. Sie hatte diesem Ausflug nicht zugestimmt, weil sie sich insgeheim wünschte, Clint wiederzusehen. Sie tat ihrem Vater nur einen Gefallen. Er wusste es nicht, aber würde er von ihr verlangen, all ihre riskanten Hobbys aufzugeben, würde sie es sofort tun. Ohne Wenn und Aber.

Aber darum hatte er sie nie gebeten.

Jetzt hatte er das erste Mal in seinem Leben eine Bitte geäußert. Und Brandy würde alles tun für ihren Vater, der sie und ihre Schwestern so bedingungslos liebte.

Sie dachte an das Gespräch zurück, das sie mit ihm gehabt hatte.

„Brandy“, hatte er gesagt. „Du musst mir einen Gefallen tun. Clint …“

Beim Klang dieses Namens hatte ihr Herz einen Schlag ausgesetzt.

„Clint hat sich von Rebeccas Tod nicht erholt.“

Rebecca war die Frau, die Clint McPherson geheiratet hatte und die das Gegenteil von Brandy selbst war. Da Rebecca als Anwältin für Jakes Unternehmen gearbeitet hatte, kannte Brandy sie ein wenig. Rebecca war solide, klassisch und kultiviert gewesen. Ihre Haare waren stets geordnet, ihr Make-up niemals verwischt und ihre Kleidung nie zerknittert.

Brandys Locken dagegen entwickelten immerzu ein Eigenleben. Und ihre Kleider waren immer dem Wetter oder ihrem jeweiligen Hobby angepasst. Ein paar wilde Strähnen umspielten grundsätzlich ihr Gesicht und sorgten dafür, dass sie in den Medien noch immer als Wildfang ihrer Familie galt. Darüber hinaus hatte sie nie gelernt, sich vernünftig zu schminken, trotz aller Bemühungen ihrer Schwester Chelsea, die es ihr immer wieder zeigte.

Brandy enttäuschte die amerikanische Presse, da sie sich nicht ihrem Status gemäß zu kleiden und zu benehmen wusste. Dabei war ihr klar, dass die mutterlosen Töchter von Jake King weltweit als Prinzessinnen bezeichnet wurden. Aber sie entsprach dieser Rolle ebenso wenig wie ihre Schwester Jessie – Brandy war eben der Adrenalinjunkie in der Familie.

Dass sie sich nicht in edle Kleider stecken und schminken ließ, war einer der Gründe, warum sie Clints Hochzeit ferngeblieben war. Obwohl man sie natürlich eingeladen hatte. Clint gehörte zur Familie und war die rechte Hand ihres Vaters gewesen, seit Brandy vierzehn Jahre alt war. Damals hatte er ihr sehr imponiert.

„Damals war ich jung und hoffnungslos naiv“, erinnerte sie sich laut. Heutzutage würde Clint sie nicht mehr so leicht in Aufregung versetzen.

Ganz bestimmt nicht! Immerhin verbrachte sie ihre meiste Zeit mit Jason Morehead, der vom People Magazin zu einem der begehrtesten Junggesellen der Welt auserkoren worden war.

Trotzdem hatte Brandy dafür gesorgt, dass sie am anderen Ende der Welt war, als Clint ihre kühnsten Jugendträume zerstörte und eine andere Frau heiratete. Das Gleiche galt für den Tag, als Clints und Rebeccas Tochter geboren wurde.

Und dann, kurz nach der Taufe ihrer Tochter, starb Rebecca plötzlich. Am Tag der Beerdigung, an der Brandy eigentlich hätte teilnehmen sollen, war sie gerade in Venezuela. Aber sie hatte eine geschmackvolle Trauerkarte und ein Bouquet weißer Rosen geschickt.

„Es ist über ein Jahr her“, hörte sie ihren Vater noch sagen. „Clint arbeitet teilweise von zu Hause aus, aber er hat sich vollkommen isoliert. Er lebt in dieser Hütte in Kanada, zusammen mit dem Baby. Und wenn ich mit ihm spreche, klingt er so teilnahmslos und unnatürlich kühl, als würde er nichts und niemanden mehr an sich heranlassen.“

Ein wenig zynisch dachte Brandy darüber nach, dass eine teilnahmslose und kühle Haltung für Clint nichts Ungewöhnliches war. Aber ihr Herz zwang sie dazu, auch die Worte zu hören, die ihr Vater nicht aussprach. Dass Clint Rebecca unendlich liebte und für immer um sie trauern würde.

„Brandy, ich möchte, dass du dorthin fährst.“

Vielleicht war es die Hitze im Raum, aber für einen Moment dachte sie, sie würde in Ohnmacht fallen. „Wie bitte?“, stammelte sie.

„Du warst immer jemand, der ihn zum Lachen bringen konnte. Fahr hin und bring Clint wieder zum Lachen!“

„Ich kann mich nicht daran erinnern, ihn je zum Lachen gebracht zu haben“, erwiderte sie steif. „Ich weiß nur, dass ich ihn einige Male sehr wütend gemacht habe.“

„Ganz genau“, erwiderte ihr Vater zufrieden.

„Was?“

„Brandy, du kannst ihm das Gefühl geben, stark zu sein. Fahr dorthin! Bringe ihn zum Lachen oder mache ihn wütend, aber lass ihn irgendetwas fühlen!“

Es folgte betretenes Schweigen, während sie darüber nachdachte, was ihr Vater von ihr verlangte. Und dann gab sie ihm die einzig mögliche Antwort.

„Ich kann nicht“, entgegnete sie sanft. „Wirklich, das kann ich nicht.“

Danach tat ihr Vater etwas, das er nie zuvor getan hatte.

Er legte seine Hand auf ihre – seine Hand zitterte stark – und sah ihr tief und bedeutungsvoll in die Augen. „Bitte“, flüsterte er.

Fassungslos starrte sie ihn an und verstand die Dringlichkeit seiner Worte. Er bat sie darum, etwas für ihn zu tun. Sie konnte ihrem Vater diesen Wunsch einfach nicht abschlagen, nicht nach allem, was er für sie getan hatte. Auch wenn das bedeutete, ihre Selbstachtung aufs Spiel zu setzen.

Sie wäre ohnehin nicht in der Lage, Clint zu retten.

Aber sie spürte noch immer die zitternde Hand ihres Vaters auf ihrer, und sie würde ihr Bestes geben. Außerdem würde sie damit ein bis zwei Wochen Zeit gewinnen, sich über Jason klar zu werden.

Brandy war sich sicher, dass sie sich hoffnungslos verfahren hatte, als sie plötzlich ein Schild bemerkte, das auf eine private Einfahrt hinwies. Sie war also endlich am Ziel.

Und während die Auffahrt sie auf eine Hügelkuppe führte, stockte Brandy der Atem. Dies war einer der schönsten Plätze, die sie je gesehen hatte, und ihr Herz machte einen Sprung.

Am Ende der Auffahrt lag nicht etwa eine Hütte, sondern ein goldbraunes Holzhaus mit unzähligen großen Fenstern. Es erstreckte sich am Rand eines perfekt gepflegten Rasens, der zum graublauen Wasser des Sees hinunterführte.

Das Grundstück befand sich in einer geschützten Bucht, uneinsehbar, mit riesigen Naturfelsen zu beiden Seiten. Dichte Blumenbeete rahmten die Rasenflächen ein – üppig und wild. Es sah nicht wie das Grundstück eines Mannes aus, der vor sich hin trauerte.

Ihr fiel ein, dass sie Clint in wenigen Minuten wieder gegenüberstehen würde. Brandys Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie langsam auf das Haus zusteuerte. Dann parkte sie ihren Wagen neben einem Carport, in dem ein silberner Sportwagen stand.

Nachdem sie ausgestiegen war, atmete sie tief die herrlich frische Luft ein. Sie hörte das Zwitschern der Vögel und das leise Plätschern des Wassers am nahe gelegenen Ufer.

Von Clint war weit und breit nichts zu sehen. Noch war Zeit, zurück ins Auto zu steigen und unbemerkt abzufahren – sich in Sicherheit zu bringen. Doch sofort verwarf Brandy diesen Gedanken wieder und machte sich tapfer auf den Weg zum Haus.

Ein wunderschöner, dunkel gefliester Weg führte um die Vorderseite des Hauses herum und endete an einer riesigen Terrasse, die ebenfalls mit dunklen Steinen gefliest war. Offenbar verbrachte man hier sehr viel Zeit draußen. Von der Terrasse führte eine breite Holztreppe zu einer mehrstöckigen Veranda. Auf der ersten Ebene befand sich ein Außenwhirlpool, auf der zweiten standen gemütliche Holzliegen mit dicken, gestreiften Auflagen in hellen Cremetönen.

Vor den französischen Glastüren, die in das Innere des Hauses führten, stand ein Grill aus Edelstahl, ein Tisch mit einem naturfarbenen Sonnenschirm und dazu passende gepolsterte Stühle. Und überall leuchteten bunte Blüten und Grünpflanzen in üppigen Blumentöpfen.

Dann fiel Brandy ein einsamer pinkfarbener Stoffhase auf, der inmitten dieser gepflegten Anlage deplatziert schien. Sie wandte sich von der Terrasse ab und ließ ihren Blick über das Grundstück schweifen. Im Augenwinkel bemerkte sie eine Bewegung am hinteren Ende der Rasenfläche und erstarrte.

Er war es! Clint McPherson in Fleisch und Blut. Offenbar hatte er ihre Ankunft noch nicht bemerkt. Er hockte in Shorts am Rand eines Blumenbeets, in einer Hand hielt er eine Schaufel, in der anderen eine Pflanze.

Selbst auf die weite Entfernung konnte sie sehen, dass ihm die Zeit nichts hatte anhaben können. Seine kräftige Gestalt wirkte so attraktiv wie eh und je. Brandy bewunderte das breite Kreuz, die muskulösen Beine und das Muskelspiel seiner Arme bei jeder kleinen Bewegung.

Seine Haare waren länger geworden und reichten nun knapp bis auf die Schultern. Einige der braunen Strähnen glänzten in der Sonne wie Gold. Allein wegen dieser Haare hatte sie in ihm immer eine Art schottischen Krieger gesehen, trotz seiner tadellosen Businessanzüge und seines gepflegten Auftretens. Er war immer anders als die anderen gewesen …

Auf eine sehr subtile Weise hatte Clint etwas Ursprüngliches an sich. Er hatte die Augen eines Mannes, der schon viel gesehen, viel gefühlt hatte – der Dingen auf den Grund gegangen war, die hart, primitiv und möglicherweise auch grausam waren.

Plötzlich richtete er sich auf, und Brandy merkte, dass er sich eine seiner Eigenschaften auf jeden Fall bewahrt hatte: seinen Instinkt. Er hatte gespürt, dass er nicht länger allein war. Clint stand auf und drehte sich um. Fasziniert betrachtete sie seine geschmeidigen Bewegungen, und ihr eigenwilliges Herz reagierte sofort darauf.

Seine Miene hatte harte, unnachgiebige Züge. Das energische Kinn war von Bartstoppeln übersät und sein Mund fest und sinnlich geschwungen. Er hatte die goldenen Augen eines Löwen, und wie Brandy zuvor ließ er seinen Blick suchend über sein Grundstück schweifen.

Zwei Dinge bemerkte sie sofort. Ihr Vater hatte mit seiner Behauptung recht gehabt: Etwas stimmte nicht mit ihm. Trotz der Perfektion dieses Anwesens um ihn herum hatte das Licht in seinen Augen, das früher so wild gebrannt hatte, eine beunruhigende Trübung. Als würden Eis und Feuer in ihm miteinander kämpfen, doch im Augenblick siegte das Eis.

Zweitens spürte sie, dass ihre Haut verdächtig kribbelte und dass sie ihr Mantra auf dem Weg hierher umsonst gesprochen hatte. Sie liebte Clint McPherson noch immer auf eine ursprüngliche, ungezähmte Weise, die sie vielleicht niemals im Leben in den Griff bekommen würde.

Blödsinn! wehrte sie diesen Gedanken ab. Vollkommener Blödsinn!

Entschlossen atmete Brandy durch. Schließlich hatte sie ihr halbes Leben damit verbracht, das Unbesiegbare zu besiegen.

Sie war auf Verlangen ihres Vaters hier. Ihr Auftrag lautete, den Clint zurückzuholen, den sie kannten. Aber wenn sie ihn jetzt betrachtete, über die weite Fläche des makellosen Rasens hinweg, fragte sie sich, ob ihn jemals jemand wirklich verstanden hatte – oder je verstehen würde.

In diesem Moment fiel ihr auf, dass sie sich auch selbst etwas schuldig war. Hier würde sie endlich mit der Vergangenheit abschließen, ein für alle Mal. Vielleicht stand ja diese alberne Schwärmerei für Clint ihrer Entscheidung im Weg, Jason eine ehrliche Chance zu geben.

Brandy würde ihr kindliches, gebrochenes Herz und ihre naiven Hoffnungen endgültig begraben können, wenn sie Clint McPherson durch die Augen einer erwachsenen Frau betrachtete. Und sie würde diese Stimme in ihrem Innern zum Schweigen bringen, die Brandy ständig zuflüsterte, wie sehr sie Clint begehrte.

Eben diese Worte hatte sie Clint gegenüber schon einmal laut ausgesprochen – damals auf ihrem neunzehnten Geburtstag. Und es war der peinlichste Moment ihres Lebens ge­wesen!

Jetzt sah er sie nur schweigend an, lange und mit ausdruckslosem Gesicht – keinesfalls ermutigend. Seine Augen wirkten unnatürlich verschleiert, und die Lippen bildeten eine feste Linie. Dann verschränkte er die Arme über seiner breiten Brust und wirkte in dieser Pose noch abweisender als zuvor. Doch trotz seiner eindeutigen Körpersprache und seiner ablehnenden Haltung drängte sich Brandy nur eine einzige Frage auf: Wie konnte ein Mann, der auf die Vierzig zuging, nur so unverschämt gut aussehen? Manche Männer alterten eben wie guter Wein, und Clint war einer von ihnen.

Brandy zwang sich, vorwärts zu gehen. Darin war sie wirklich gut. Sie konnte am Abgrund eines Hangs oder einer Klippe stehen und sich den entscheidenden Schubs nach vorn geben, so als hätte sie keine Angst, als wäre ihr alles vollkommen gleichgültig.

Lässig ging sie auf ihn zu. „Hey, Griesgram! Lange nicht gesehen!“

Er nickte ihr leicht zu, und seine Augen wurden schmal. Kein Lächeln. Nicht dass sie eines erwartet hatte. Clint hasste das Wort Griesgram mindestens ebenso sehr wie sie ihren Namen Brandgwen.

Bevor sie reagieren konnte, teilte sich das Gebüsch neben ihm. Zuerst hörte Brandy ein fröhliches Gurgeln, dann krabbelte auf allen vieren ein Baby aus dem Beet, das Gesicht verschmiert und die Windel prall.

Bezaubert blieb Brandy stehen. Sie kannte das Alter des Mädchens genau: Dreizehn Monate war die kleine Becky alt.

Auch Clints Aufmerksamkeit ruhte nun auf seiner Tochter. Der harte Zug um seinen Mund glättete sich, und sein Blick wurde wärmer. Für einen Sekundenbruchteil wirkte er so verletzlich, dass Brandy beinahe das Herz stehen blieb. Aber dann verschloss sich seine Miene augenblicklich wieder, und sie sah hastig zur Seite. Die Tatsache, diese tiefe Zärtlichkeit in ihm bemerkt zu haben, erschreckte sie.

Langsam ging sie vor Clints kleiner Tochter in die Knie und betrachtete sie. Es war ein zauberhaftes Kind mit den gleichen goldbraunen Augen wie der Vater, wilden roten Löckchen und winzigen Sommersprossen auf ihrer hellen Haut. Die Kleine steckte ihren Daumen in den Mund und nuckelte daran. Dabei wurden ihre Augen schmaler, und sie sah ihrem Vater noch ähnlicher.

Brandy blickte zwischen Clint und seiner Tochter hin und her. Beide betrachteten sie mit demselben misstrauischen Blick, wie einen Feind, der in ihr privates Lager eindrang.

„Brandgwen.“

Beim Klang ihres Namens zuckte sie zusammen. Zuerst glaubte Clint, sein missmutiger Tonfall wäre der Grund dafür. Doch dann fiel ihm ein, wie sehr sie ihren vollen Namen hasste. Nun, er selbst würde ebenfalls dem Namen Griesgram praktisch alles vorziehen! Bisher hatten sie sich lediglich begrüßt, doch er spürte schon jetzt die Spannung zwischen ihnen.

Es war lange her, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Aber ihre Präsenz und ihre subtile Energie lösten etwas in ihm aus. Natürlich hatte er im Laufe der Zeit immer wieder Bilder von ihr gesehen. Die Gazetten schienen von den King-Töchtern nie genug zu bekommen. Erst im letzten Monat hatte er sie kurz in den Nachrichten gesehen, nachdem sie einen tollkühnen Stunt vollführt hatte.

Die Kamera hatte ihre wild zerzausten Haare eingefangen, ihr übermütiges Lächeln, ihre unbeschwerte Energie. Aber sie hatte Brandys faszinierende Ausstrahlung nicht transportieren können – kein Foto und kein Filmausschnitt konnte das.

Brandy King war kein hübsches Mädchen im traditionellen Sinn. Ihre Gesichtszüge waren zu akzentuiert, ähnlich wie bei ihrem Vater, und sie versteckte ihre atemberaubenden weiblichen Kurven unter sportlicher Männerkleidung.

Selbst Fernsehinterviews schafften es nicht, ihr Feuer und das gewisse Etwas zu zeigen, das sie so sinnlich und fesselnd machte. Aber von Angesicht zu Angesicht war es anders.

Ihre saphirblauen Augen leuchteten wie der See, wenn er im Morgengrauen seine Farbe wechselte, und in ihnen glitzerte eine Mischung aus kindlichem Leichtsinn und feuriger Leidenschaft. Ihr dunkles Haar war dicht und glänzend. Es sah nicht so aus, als wäre es an diesem Tag schon gekämmt worden.

Als Brandy bemerkte, wie Clint ihre Haare musterte, wertete sie seinen Blick als abfällig. Stolz und trotzig warf sie ihre widerspenstigen Locken zurück, wie ein wildes Pferd seine Mähne. Ihr selbstbewusstes Lächeln war entwaffnend.

Die schlichte Wahrheit war: Brandgwen King bedeutete Ärger. Das war schon immer so gewesen. Aber als ihr Vater Clint bat, sie für eine Weile bei Becky und sich aufzunehmen, wie hätte Clint da ablehnen können?

Jake war mehr als nur ein Geschäftspartner, mehr als ein Vorgesetzter. Er war Clints Freund, sein Mentor und der einzige Vater, den er je gehabt hatte. Jake hatte in dem störrischen Jungen von damals, der auf die schiefe Bahn geraten war, etwas Vielversprechendes gesehen. Und er hatte an Clint geglaubt, bis dieser gute Kern, den Jake in Clint gespürt hatte, schließlich aufgekeimt war.

Jake hatte keinen Grund für den plötzlichen Besuch seiner ältesten Tochter genannt. Aber Clint vermutete, dass sie sich durch ihre Abenteuerlust in Schwierigkeiten gebracht hatte und nun von der Bildfläche verschwinden wollte, bis Gras über die Sache gewachsen war. Und Clints Grundstück war das beste Versteck vor der Presse, das man sich vorstellen konnte.

Er selbst versteckte sich hier seit mehr als einem Jahr vor den Schmerzen, die ihm sein Leben bereitet hatte, und dies würde er auch weiterhin tun.

An seinem Bein spürte er eine kleine Hand, und im nächsten Moment zog sich seine kleine Tochter in den Stand. Aber nur, um sich gleich hinter den Beinen ihres Vaters zu verkriechen und Brandy neugierig und aus sicherer Entfernung zu beäugen.

Clint wurde allmählich klar, wie Beckys Erscheinung auf Brandy wirken musste. Das Kind war dreckverschmiert und hatte eine volle Windel. Plötzlich fühlte er sich irgendwie ungenügend. Er war ein Mann, der es gewohnt war, die Kontrolle zu haben. Sich allein um seine kleine Tochter kümmern zu müssen, hatte ihn buchstäblich ins kalte Wasser geworfen. Er fühlte sich auf unbekanntem Terrain verloren und kämpfte tagtäglich gegen seine Schwäche und seine Unsicherheit an.

Wenigstens war er diszipliniert genug, sich diesen inneren Kampf nicht anmerken zu lassen. Brandy hatte ein Gespür für menschliche Schwächen, das wusste er aus der Vergangenheit. An ihrem neunzehnten Geburtstag, nur ein klein wenig angetrunken, hatte sie da nicht seine größte Schwäche erkannt?

„Oh, du bist also eine kleine Schüchterne?“, sagte sie leise zu Becky, während sie auf Augenhöhe vor dem Kind hockte.

Das Baby versteckte sich noch etwas weiter hinter dem Bein seines Vaters. Ohne Vorwarnung ergriff Brandy Clints anderes Knie, versteckte sich dahinter und betrachtete dann spielerisch abgeschirmt die kleine Becky.

Brandys unerwartete Berührung erschütterte ihn zutiefst. Ihre Finger brannten wie Feuer auf seiner nackten Haut. Nun gab es für ihn endgültig keinen Zweifel mehr daran, dass die älteste Tochter von Jake King kein Kind mehr war.

Und dabei war sie schon ein ziemlich gefährliches Kind gewesen. Wie viel gefährlicher konnte sie ihm als erwachsene, in jeder Hinsicht erblühte Frau sein?

Nachdenklich sah er auf sie hinunter. Ihre glänzenden Haare legten sich um ihre geraden Schultern, und der Ansatz ihrer Brüste war unter dem sommerlichen Top, das nur von zwei dünnen Trägern gehalten wurde, deutlich zu sehen. Sie trug eine weiche, leicht ausgestellte Stoffhose, die in der Hüfte noch tiefer gerutscht war, als sie sich hingehockt hatte. Unter dem dünnen Stoff zeichneten sich ihre schlanken Beine ab.

Sie streckte seiner Tochter die Zunge raus und schielte. Die Kleine versteckte sich noch immer, aber Clint bemerkte trotzdem, wie ihr ein kleines Lächeln über das Gesicht huschte.

„Entschuldige“, unterbrach er sein Schweigen mit eisiger Stimme. „Könntest du jetzt mein Bein loslassen?“

„Becky“, sagte Brandy ernst. „Du hast deinen Vater gehört. Lass lieber sein Bein los!“

Die Augen des kleinen Mädchens weiteten sich, und sie ließ ihren Vater augenblicklich los.

„Ich meinte dich!“, zischte er und hob Becky auf seinen Arm, die sofort ihr Gesicht an seiner Brust vergrub.

„Oh“, gab Brandy mit Unschuldsmiene zurück und stand auf. Dann streckte sie ihm ihre Hand entgegen. „Natürlich meintest du mich, Griesgram. Wie geht es dir?“

Mit dem linken Arm hielt Clint seine Tochter, und mit der rechten Hand ergriff er zögernd die von Brandy.

„Gut, danke“, entgegnete er knapp.

„Gesprächig wie eh und je“, bemerkte sie. „Becky, wie lernst du bloß in der Nähe eines so wortkargen Mannes sprechen?“

Damit hatte Brandy einen wunden Punkt getroffen, denn die Kleine konnte mit ihren dreizehn Monaten kaum mehr sagen als da-da und puh-puh.

„Ich dachte, ich überlasse dir das Cottage“, sagte er. „Da hast du deine Ruhe.“

Der Gedanke daran, mit ihr unter einem Dach zu leben, war einfach zu viel für ihn. Mit steifen Schritten und so viel Würde, wie er nur aufbringen konnte, führte er Brandy zu seinem kleinen Gästehaus, während die warme, nasse Windel seiner Tochter fühlbar auf seinen Arm drückte.

„Das ist ja süß“, rief Brandy begeistert, als hätte sie kein New Yorker Luxusapartment und ein Haus in Bel Air, als hätte sie nicht schon überall auf der Welt in Palästen und Fünf-Sterne-Hotels logiert. „Gehören da sieben kleine Männer und ein Prinz dazu?“

Sieben Männer und ein Prinz! Er hatte geahnt, dass sie gefährlich werden könnte …

„Nein. Keine Männer, kein Prinz, keine Zimmermädchen, kein Koch, keine Spülmaschine, keine der Annehmlichkeiten, die du gewohnt bist.“

Geflissentlich überhörte sie seinen harschen Tonfall. „Du hast keine Ahnung von dem, was ich gewohnt bin“, erwiderte sie fröhlich. „In Brasilien habe ich schon mit faustgroßen Kakerlaken zusammengewohnt.“

„Früher hattest du doch Angst vor Kakerlaken“, erinnerte er sich laut und dachte daran, dass er sie bereits zweimal vor großen Insekten gerettet hatte.

Damals hatte sie ihn ausdrücklich darum gebeten, niemandem von ihrer Panik zu erzählen. Seitdem hütete er ihr Geheimnis, und sein Herz setzte jedes Mal einen Schlag aus, wenn er von ihren waghalsigen Unternehmungen hörte. Versuchte sie auf diese Weise, all ihre Ängste zu besiegen? Er wollte es nicht wissen. Er wollte überhaupt nichts weiter über sie wissen – außer, wie sich ihre Lippen auf den seinen anfühlten!

„Du musst sehr müde sein“, sagte er abrupt. „Nach der langen Fahrt.“

„Ich bin nie müde“, erwiderte Brandy.

Natürlich nicht. Sie wollte alle Welt von ihrer Stärke überzeugen, doch Clint las mehr als nur tollkühne Leidenschaft in ihren Augen.

„Soll ich dir deine Sachen aus dem Wagen holen?“, bot er an, und Brandy warf ihm ohne zu zögern die Schlüssel zu. Sie war es gewohnt, dass man ihr Arbeiten abnahm, und dachte nicht weiter darüber nach.

Seufzend stellte Clint fest, dass sie ihren Ferrari bis unter das Dach mit Gepäck vollgestopft hatte. Zwei Reisetaschen, drei große Koffer und mehrere Kleidertaschen, die zum Teil Kleider, Reitkostüme oder Tennisoutfits enthielten, die eine Frau in dieser Gegend nirgendwo würde tragen können.

Resigniert setzte er seine Tochter ab und begann, den Wagen auszuladen.

„Nach zehn Minuten wird sie sich hier zu Tode langweilen“, sagte er zu Becky. „In zwei Tagen ist sie verschwunden. Maximal in drei.“

„Puh-puh“, antwortete das Baby, aber Clint wusste nicht, ob er das als Zustimmung werten konnte.

Doch Becky war ein Mädchen und hatte vielleicht weibliche Intuition. Dann würde sie wissen, dass er nicht nur unfähig war, Kleidung für ein einjähriges Mädchen auszusuchen. Sie wüsste ebenfalls, dass Clint nicht in der Lage war, irgendeine Vorhersage zu treffen, wenn es dabei um Brandy King ging.

2. KAPITEL

Es war bereits der vierte Morgen, und Brandy fühlte sich in dem kleinen Gästehaus noch immer pudelwohl.

Clint genoss seinen frühmorgendlichen Kaffee im Garten, während seine Tochter noch tief und fest schlief. Seine Leidenschaft für die Gärtnerei war auch für ihn selbst eine echte Überraschung. Vermutlich hätte sein Vater sich im Grab umgedreht, wenn er wüsste, wie glücklich sein Sohn war, solange er in der Erde wühlen konnte.

Jeden Morgen sah Clint zuerst nach, ob der feuerrote Ferrari noch immer auf seiner Auffahrt stand. Drei Tage hatte er Brandy höchstens gegeben, und Clint irrte sich sehr selten. Das war bisher eine seiner größten Stärken im Berufsleben gewesen.

Seine schwierige Kindheit hatte ihn sensibilisiert. Auf den ersten Blick konnte er Freund von Feind unterscheiden, und es war für ihn zur Überlebensstrategie geworden, in den Augen seiner Mitmenschen die Wahrheit zu lesen, die sie manchmal nicht direkt aussprachen.

Diese Strategie war ihm und seinem Bruder Cameron jahrelang sehr nützlich gewesen, um den Schlägen des Vaters zu entgehen oder sich auf der Straße durchzuschlagen. Clint wusste mit seinen eigenen Fäusten gut umzugehen, das hatte er in seiner Jugend zur Genüge trainieren müssen.

Damals hätte er nie gedacht, dass einmal seine Menschenkenntnis und nicht seine Schlagkraft sein größtes Potenzial sein würde. Jake King hatte ihn aus einer Reihe von Auszubildenden ausgesucht und damit sein Leben verändert. Nach kurzer Zeit wurde es Clints Hauptaufgabe, Menschen zu demaskieren.

„Was hältst du von diesem Mann, Clint?“, pflegte Jake zu fragen, wenn es um größere Geschäfte ging.

Aber während er nun den roten Ferrari betrachtete, überlegte er, ob ihm diese Gabe vielleicht langsam verloren ging. Allerdings hatte er Brandy nie richtig einschätzen können. Sie war undurchschaubar, im einen Moment eine erfahrene Frau, dann wieder ein neugieriges Kind.

Falls sie sich hier langweilte, ließ sie sich das nicht anmerken. Sie mochte seine Tochter sehr und schien sich auch allmählich mit ihr anzufreunden, was Clint verwunderte. Er hätte nicht gedacht, dass sie ein Händchen für Kinder hatte. Aber anderseits wusste er im Grunde kaum, wer Brandy wirklich war.

Seit ihrer Ankunft lachte sie fast ununterbrochen und schien voller Energie zu stecken, obwohl es hier keine hohen Gebäude gab, von denen man springen konnte.

„Einen Tag noch“, murmelte er und hoffte, dass er damit recht behielt. Zwar fand er ihren Umgang mit seiner Tochter recht charmant, aber Brandy räumte zum Beispiel grundsätzlich nichts hinter sich auf. Zudem irritierte sie ihn, da sie ausschließlich Männerkleidung trug, die eigentlich nicht dazu geschaffen war, die weiblichen Rundungen einer Frau hervorzuheben, aber vielleicht gerade deshalb so unbeschreiblich sexy wirkte.

Ihm war stets bewusst, dass sie die Tochter seines Vorgesetzten war und allein dadurch schon außerhalb seiner Reichweite lag. Es gab noch genug andere Gründe: Sie war zu jung, zu leichtsinnig, und ganz sicher stellte sich ihr Vater einen standesgemäßen Ehemann vor, der aus guter Familie stammte.

Clint selbst hatte kein Interesse daran, in einer Welt zu leben, die von Macht und Geld besessen war. Obwohl er selbst jedes Geld der Welt zahlen würde, um sein kleines Töchterchen zum Lachen zu bringen. Und Brandy schaffte dieses Wunder durch ihre bloße Anwesenheit.

Dafür allerdings zahlte Clint einen höheren Preis als nur Geld. Sein eigener Seelenfrieden stand auf dem Spiel. Es war unmöglich, in der Gegenwart einer derart lebendigen, energiegeladenen Person nicht auf gefährliche Gedanken zu kommen. Immerhin wusste er seit Jahren, wie weich und einladend ihre Lippen waren …

Nun hatte sie ihn dazu gebracht, sich auf seinem eigenen Grundstück praktisch unsichtbar zu machen. Dabei bemühte er sich, sie im Auge zu behalten, ohne ihr zu nahe zu kommen. Clint verteidigte seine Privatsphäre, aus der Brandy ihn permanent herauszulocken versuchte.

Insgeheim nahm er sich vor, Brandys Liebe zu seiner Tochter auf die Probe zu stellen. Wenn er sie darum bat, etwa volle Windeln zu wechseln, würde die Prinzessin bestimmt im Handumdrehen ihr Auto beladen und aus Clints Leben verschwinden.

In diesem Augenblick hörte er ein Rumpeln und sah dann einen Umzugslastwagen, der die Auffahrt entlangrollte. Einen Umzugswagen? Hatte er sich so sehr in Brandy getäuscht? Wollte sie sich noch häuslicher einrichten?

„Das darf doch wohl nicht wahr sein“, zischte Clint und ging mit seiner Kaffeetasse in der Hand nach draußen.

Der Lastwagen stand inzwischen auf dem kleinen Parkplatz seines Anwesens. Ein rothaariger Bursche mit einer Zigarettenschachtel in seinem eingerollten T-Shirt-Ärmel kurbelte grinsend die Fahrerscheibe hinunter.

„Mann, ein Höllentrip, und das für ein Tramp!“

Ein Tramp? Clint hatte keine Ahnung, was der junge Mann damit meinte. Offenbar hatte er sich einfach verfahren.

„Sie sind an der falschen Adresse“, sagte Clint knapp.

„Brandy Kings Haus, richtig?“

Brandheiße Wut kochte in Clint hoch, doch bevor er reagieren konnte, hörte er eine helle Stimme hinter sich. Brandy kam ums Haus herum und begrüßte winkend den Fahrer des Lastwagens. Sie sah aus, als wäre sie gerade erst aus dem Bett gekommen: zerzauste Haare, barfuß und mit zerknitterten Kleidern. Wenn Clint sich nicht irrte, stellten die weiche Hüfthose und das passende bauchfreie Top ihren Schlafanzug dar. Ihr Bauchnabel war gepierct, und in der kühlen Morgenluft zeichneten sich die Spitzen ihrer Brüste deutlich unter dem dünnen Stoff ab.

„Allmächtiger!“, murmelte er. Noch immer wütend, bemerkte er, wie auch der Fahrer Brandy bewundernd anstarrte. Er ballte die Hände zu Fäusten.

Der junge Mann schien Clints Laune zu bemerken und beschäftigte sich nun eifrig mit einem mehrseitigen Lieferschein.

„Ein weiterer wunderschöner Morgen“, sagte sie und spürte offenbar nichts von der aufgeheizten Stimmung zwischen den Männern.

„Vielleicht solltest du dir eine Jacke überziehen“, brummte Clint, und Brandy sah ihn verständnislos an.

Plötzlich dämmerte ihr, worauf er anspielte. Sie lächelte ihn unbekümmert an und verschränkte dann die Arme vor der Brust.

Clint unterdrückte einen Fluch und unterschrieb dann den Lieferschein des Fahrers, ohne ihn sich wirklich anzusehen. Dabei hatte er diese unbeschwerte Nachlässigkeit an Brandy immer verurteilt.

„Bitte sag mir, dass du hier nicht einziehst!“ Für einen Sekundenbruchteil sah er auf ihrem Gesicht, dass seine Worte sie verletzten.

„Du Griesgram! Genießt du denn meine Gegenwart überhaupt nicht?“, erkundigte sie sich scherzhaft.

„Wenn er es nicht tut, ich täte es bestimmt“, mischte sich der junge Fahrer hoffnungsvoll ein und zuckte zusammen, als Clint ihm einen vernichtenden Blick zuwarf.

„Ist das süß von Ihnen“, flötete Brandy, und Clint wusste nicht, wen von beiden er zuerst umbringen wollte.

Clint hatte sich in seiner Laufbahn oft verteidigen und mühsam durchschlagen müssen. Dieser Teil von ihm war nie gänzlich zur Ruhe gekommen, und Brandy brachte diese brachialen Instinkte in ihm so schnell zum Vorschein, als hätte er sie niemals unter Kontrolle gehabt.

„Haben Sie jetzt etwas abzuladen?“, fragte Clint ungeduldig.

„Klar. Das Tramp.“

„Und könnten Sie mir auch sagen, was Sie eigentlich damit meinen?“, hakte Clint nach und warf Brandy einen Seitenblick zu, um sicherzugehen, dass sie ihre Brüste noch immer bedeckte.

„Das Trampolin. Ich bin hier, um es aufzubauen. Wo wollen Sie es denn hin haben?“

„Ein Trampolin“, wiederholte Clint verblüfft. Das war alles?

„Ich habe es für Becky besorgt“, erklärte Brandy zufrieden.

„Könnte ich dich eine Minute sprechen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er sie am Ellenbogen außer Hörweite. „Hättest du mich nicht vorher fragen können, bevor du so etwas veranlasst?“

„Ach, es hat doch keine Umstände gemacht“, wehrte sie fröhlich ab.

„Ich will aber nicht, dass Becky ein Trampolin hat. Das ist ein sehr gefährliches Spielzeug. Dabei kann man sich schwer verletzen. Sie kann doch noch nicht einmal allein stehen. Wozu sollte sie ein Trampolin brauchen?“

„Oh, Clint, gönn ihr das doch! Wir werden vorsichtig sein, das verspreche ich. Du kannst alle möglichen Regeln aufstellen, wenn du willst. Wir tun nichts, was wir nicht dürfen“, versicherte sie ihm.

„Es reicht dir wohl nicht, ständig deinen eigenen Hals zu riskieren, was? Jetzt willst du auch noch die Gesundheit meiner Tochter aufs Spiel setzen?“

„Clint! Das arme Kind lernt gerade laufen. Auf dem Trampolin zu spielen wird ein gutes Training für ihre Muskeln und Gelenke sein. Außerdem lacht sie so gut wie nie. Ihr beiden braucht hier draußen definitiv etwas Hilfe!“

Wieder traf sie einen wunden Punkt bei ihm. Im Grunde wusste er nicht einmal, wann ein Kind üblicherweise laufen lernte. Und lachte die Kleine so wenig, weil ihr hier bei ihm etwas Entscheidendes fehlte? Clint hatte geglaubt, seine Liebe würde reichen. Jetzt war er sich da nicht mehr so sicher. Vielleicht konnte sie dieses Trampolin tatsächlich aufheitern?

Brandy spürte, wie sich seine Abwehr auflöste.

„Willst du mir wirklich eine Hilfe sein?“, fragte er offen.

Sie nickte ernst.

„Nun, es muss täglich Essen auf den Tisch. Jede Menge Wäsche muss gewaschen werden. Ein Baby zu haben bedeutet weit mehr, als es nur zu unterhalten und zu fördern. Falls es dir nicht aufgefallen ist …“

Als er ihre Hand auf seinem Arm spürte, brach er ab. Schweigend starrte er auf ihre Brüste und atmete den Duft ein, den ihre wilden Haare verströmten – eine Mischung aus Lavendel und Vanille.

„Könnten wir jetzt erst mal über das Trampolin reden? Können wir es behalten? Bitte“, fügte sie hinzu. „Ich übernehme die Verantwortung dafür.“

„Das wäre dann wohl das erste Mal“, konterte er und nickte bereitwillig.

Lachend presste sie ihm einen Kuss auf die Wange, und Clint fühlte sich fast wie ein lieber Onkel, den man einfach lange nicht mehr gesehen hatte.

Es überraschte ihn, wie sehr er sich dagegen wehrte, von ihr als guter Freund abgestempelt zu werden. Ihre Gegenwart, ihre Berührungen waren für ihn alles andere als platonisch.

„Ich wusste, du würdest Ja sagen“, erwiderte sie strahlend. „Und ich verspreche, ich helfe dir mit den anderen Sachen.“

Hatte er eigentlich Ja gesagt? Verwirrt sah Clint dabei zu, wie das Trampolin ausgeladen und mitten auf seinem gepflegten Rasen aufgebaut wurde – schwarz, blau und riesig.

Anschließend brachte Brandy den Fahrer, der sich inzwischen als Frankie vorgestellt hatte, zu seinem Wagen zurück.

„Vielen Dank, dass Sie den weiten Weg auf sich genommen haben“, sagte sie freundlich, und Frankie errötete leicht.

„Kein Problem. Da gibt es übrigens, nun ja, einen neuen Film im Kino …“, begann er. Nach einem Blick auf Clints finstere Miene verstummte er jedoch.

Brandy lachte. „Ein Film? Wann denn?“

„Nein!“, schaltete Clint sich ein. „Kein Film. Das war alles, Frankie. Ich denke, Sie können nun aufbrechen.“

Nach kurzem Zögern beugte sich der junge Mann Clints autoritärem Tonfall, und wenige Minuten später war der Lastwagen hinter ein paar Bäumen verschwunden. Clint wandte sich um und wäre dabei fast über Brandy gestolpert. Sie stand direkt vor ihm, die Hände in die Hüfte gestemmt, und tippte mit einem Fuß auf den Boden. Er kannte ihren verärgerten Gesichtsausdruck noch aus ihren Jugendtagen, doch jetzt war sie kein Teenager mehr.

„Das war unhöflich“, beschwerte sie sich. „Er wollte doch nur nett sein.“

„Und weiter?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und kniff die Augen zusammen.

„Wenn ich mit ihm ins Kino gehen will, werde ich das auch tun“, setzte sie hinzu.

„Nicht solange du hier wohnst.“

„Clint! Ich bin kein Kind mehr.“

„Dann versuche auch, dich wie eine verantwortungsvolle Erwachsene zu verhalten!“

„Wie bitte?“

„Du bist eine der reichsten jungen Frauen auf diesem Kontinent. Du kannst nicht einfach mit irgendeinem Kerl, der Lastwagen fährt, ins Kino gehen. Schon gar nicht, wenn du nichts über ihn weißt.“

„Er weiß doch auch nichts über mich“, gab sie zurück.

„Wie naiv bist du eigentlich? Du hast ihm deinen richtigen Namen zusammen mit dieser Lieferadresse gegeben. Und du bist seit frühester Kindheit ein Liebling der Presse, Prinzessin Wildfang, mit regelmäßigen Medienauftritten im Fernsehen, in verschiedenen Zeitungen oder Zeitschriften.“

„Trotzdem hast du mir nicht vorzuschreiben, mit wem ich was tue!“

„Solange du Gast in meinem Haus bist, bin ich auch für dich verantwortlich. Und es gehört nicht zu meinen Aufgaben, dich dabei zu unterstützen, mit einem fremden Mann um die Häuser zu ziehen.“

„Hat dir in letzter Zeit eigentlich mal jemand gesagt, was für ein langweiliger Spielverderber du bist?“

„Oh, das ist wohl schon so ungefähr ganze sieben Jahre her.“

„Dann will ich dir mal etwas sagen. Ich bin kein Kind mehr, das du bevormunden kannst. Diese Zeiten sind vorbei!“, fügte sie entschieden hinzu.

„Sehr schön“, erwiderte Clint. „Dann fangen wir damit an, dass du mir für meine Gastfreundschaft dankst und ein paar Aufgaben im Haushalt übernimmst, wenn du länger bleiben willst.“

Hoffnungsvoll wartete er darauf, dass sie ihre Abreise verkündete.

„Damit habe ich kein Problem“, entgegnete Brandy stattdessen. „Du hättest nur zu fragen brauchen, schließlich bin ich keine Gedankenleserin.“

Sie wurden von Beckys Rufen unterbrochen, das durch das geöffnete Kinderzimmerfenster zu ihnen drang.

„Wie wäre es, wenn du mir einen freien Tag verschaffst“, schlug Clint vor. „Ich würde zu gern mal wieder angeln gehen.“

„Gut, gut, nur zu. Ich halte hier die Stellung. Soll ich etwas Bestimmtes erledigen?“

„Ich denke, dich um Becky zu kümmern, wird dir fürs Erste vollkommen genügen“, antwortete er spitz.

„Ich freue mich darauf, einen Tag mit deiner Süßen verbringen zu können“, sagte sie wahrheitsgemäß. „Und weißt du was? Für heute Abend bereite ich ein schönes Essen vor.“

„Lass dich nicht davon abhalten“, ermutigte er sie.

„Oh, und mach dir keine weiteren Gedanken wegen Frankie“, beruhigte sie ihn. „Ich habe einen Freund.“

Sie hatte einen Freund? Sofort schossen ihm unzählige Fragen durch den Kopf. Wer war der Kerl? Wie alt war er, was arbeitete er, wie war seine Familie?

Brandy zuckte die Achseln. „Vielleicht heirate ich ihn. Er hat mich gefragt.“

Am liebsten hätte er sie geschüttelt und gleichzeitig leidenschaftlich geküsst. Es gehörte mehr dazu, einen Mann zu heiraten, als nur die Tatsache, dass er gefragt hatte. Was war mit sinnlicher Anziehungskraft, Respekt, Liebe?

Spontan beugte er sich zu ihr hinüber. Ihre Augen weiteten sich, und sie öffnete leicht die Lippen. Im letzten Augenblick wandte Clint sich ab und ging fort, um sein Angelzeug zusammenzusuchen und seine Fassung wiederzuerlangen.

Durch sein Schlafzimmerfenster beobachtete er, wie Brandy mit Becky auf ihrem Arm ausgelassen auf dem Trampolin hüpfte. Seine kleine Tochter kreischte vor Vergnügen.

Mit angehaltenem Atem bemerkte er, wie Brandys Schlafanzughose weiter herunterrutschte und wie sich ihr Top etwas nach oben zog. Ihm wurde klar, dass er so schnell wie möglich verschwinden musste, wenn er keine Dummheit begehen wollte.

Er vertraute Brandy in jeder Hinsicht, dass sie gut für sein Kind sorgen würde – auch wenn es ihr am Ende des Tages keinen Spaß mehr machen würde. Aber er vertraute sich selbst in Brandys Gegenwart nicht mehr.

Sarah Jane McKenzie stand zitternd vor dem großen Haus. Aber es war nicht der kühle Regen, der sie frösteln ließ. Er sorgte aber dafür, dass ihre nassen Haare tropften und ihre billige Jacke völlig durchweicht war.

Sie war nicht sicher, ob sie jemals so dicht an einer derartigen Luxusvilla gewesen war. Selbst jetzt trennten sie noch ein schmiedeeisernes Tor und ein hoher Zaun von dem Anwesen.

„Um Leute wie mich abzuhalten“, flüsterte sie und zitterte noch stärker.

Anwesen wie das von Jake King hatte sie bisher nur im Fernsehen gesehen und nie wirklich geglaubt, dass es sie in dieser Form tatsächlich gab. Majestätisch auf der Kuppe eines sanften Hügels gelegen, erstreckte sich das Grundstück nach allen Seiten. Gern hätte Sarah gewusst, ob es hier auch einen luxuriösen Swimmingpool gab, obwohl ihr dieser Gedanke selbst recht kindlich vorkam.

„Aber ich würde nie wie eine Kriminelle über diesen Zaun klettern, um nachzusehen“, sagte sie sich stolz.

Dann seufzte sie. Seit einigen Monaten wusste sie gar nicht mehr, wer sie eigentlich war oder wohin sie wirklich gehörte. Seit ihre Großmutter Fiona gestorben war und Sarah deren in Leder eingefasstes Tagebuch geöffnet hatte. Nun wusste Sarah, dass nicht der stadtbekannte Trunkenbold Willie McKenzie ihr Großvater war.

Willie war ein böser und brutaler Mensch gewesen. Aber laut dem Tagebuch ihrer Großmutter war Sarahs Großvater kein Geringerer als Winston Jacob King. Lange hatte sie mit sich gerungen und King dann schließlich einen Brief geschrieben. Dieser Brief hatte etwas Zauberhaftes an sich gehabt, so als könnte er Wünsche wahr werden lassen.

Sarah hatte es genossen, ihm zu schreiben und darin einem fremden, alten Freund zu erklären, dass er mit einer verflossenen Liebe ein Kind hatte: ihre Mutter, die leider viel zu früh gestorben war – wie inzwischen sämtliche Mitglieder ihrer Familie.

Nachdem Sarah im letzten Juni ihre Schule beendet hatte, arbeitete sie Vollzeit in dem Restaurant, in dem sie schon seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr kellnerte. Es war kein besonderer Laden, eher ein Truckstop. Für ein College hatte sie kein Geld, und da sie immer neben der Schule gearbeitet hatte, reichten ihre Zensuren auch nicht für ein Stipendium.

Ein fremdes Gefühl hatte sich in ihrem Herzen ausgebreitet, als sie das Tagebuch ihrer Großmutter in den Händen hielt. Das Gefühl von Hoffnung, ihrer trostlosen Existenz am Rand der Gesellschaft endlich entkommen zu können. Dabei hatte sie das Leben gelehrt, lieber niemals Hoffnungen zu haben, die dann nur bitter enttäuscht würden.

Wie ein Kind, das auf Post vom Weihnachtsmann wartet, war sie Tag für Tag zum Briefkasten gerannt. Ihr Herz war jedes Mal stehen geblieben, wenn das Telefon klingelte. Aber es kam kein Brief, und die Telefonate drehten sich immer um dieselbe Sache. Wenn sie nicht sofort eine bestimmte Geldsumme aufbrachte, würde ihr der Strom abgestellt werden.

Sie hatte versucht, sich Jake King aus dem Kopf zu schlagen. Doch in schwachen Momenten, wenn sie beispielsweise ein Foto seiner Tochter Brandy sah, der sie stark ähnelte, drohte ihre bittere Enttäuschung, Sarah zu ersticken. Sie suchte nach Entschuldigungen, warum er sich nicht bei ihr gemeldet hatte. Vielleicht war ihr Brief verloren gegangen?

Dann hatte sie spontan ihre gesamten Ersparnisse zusammengekratzt und sich ein Busticket gekauft, anstatt ihre ­Stromrechnung zu bezahlen. Und nun war sie hier: Long Island, New York. Eine völlig andere Welt als Hollow Gap in Virginia!

Doch jetzt wusste Sarah nicht, was sie tun sollte. Nach Hause zurückfahren konnte sie nicht, aber es würde wohl nicht so schwer sein, sich hier in einer Gaststätte einen Job zu suchen. Doch zuerst wollte Sarah den Zaun entlanglaufen in der Hoffnung, doch einen heimlichen Blick auf einen schönen Swimmingpool werfen zu können.

Ihre Mutter musste fast vierzig gewesen sein, als ihre erste Halbschwester, von der sie keine Ahnung hatte, geboren wurde …

„Das ist doch krank“, murmelte Sarah. „Er muss mit fast sechzig noch mehrfacher Vater geworden sein. Er ist nichts weiter als ein schmieriger alter Mann. Und ich will überhaupt keinen schmierigen alten Mann kennenlernen.“

Mühsam unterdrückte sie die Tränen, die ihre Worte Lügen straften. Die Halbschwestern ihrer Mutter waren hier mit ihren Pferden, ihrem ganzen Geld und ihren Hausangestellten in Luxus aufgewachsen.

Und Sarahs Mutter hatte Toiletten geschrubbt, um sich durchzuschlagen. War sie eigentlich an Krebs gestorben? Oder an harter Arbeit, Armut und Hoffnungslosigkeit?

Nun lief Sarah schon eine ganze Weile am Zaun entlang und hatte sich dabei weit vom Haus entfernt. Wenn sie weiterging, konnte sie bestimmt noch mehr Pferde sehen, aber sie bezweifelte, noch einen Blick auf einen Swimmingpool erhaschen zu können.

Irgendwie war ihr dieser Pool wichtig. Er repräsentierte Reichtum und Freiheit, außerdem hatte Sarah ohnehin nichts Besseres zu tun, als dem Verlauf des Zaunes zu folgen. Mittlerweile musste sie sich dabei durch Gestrüpp und Unterholz schlagen, und der Zaun war hier an der oberen Kante mit Stacheldraht gesichert worden.

Plötzlich entdeckte sie eine Stelle, an der Büsche durch den Zaun gewuchert und dann gewachsen waren. Sie hatten die Streben des Zaunes porös gemacht und auseinandergedrückt. Hier war praktisch ein Loch, durch das ein normal gebauter Mensch wohl nicht hindurchpassen würde. Doch ein zierliches Mädchen aus Virginia konnte sich hindurchzwängen!

Ohne weiter darüber nachzudenken, schlüpfte Sarah durch die Stäbe auf den Grund und Boden ihres Großvaters. Sie wollte nur nachschauen, ob es einen Swimmingpool gab. Das war alles. Danach würde sie verschwinden, und niemand würde wissen, dass sie jemals dort gewesen war.

3. KAPITEL

„Mag Becky gern hüpfen?“, fragte Brandy und hielt das Baby fest an sich gepresst, während sie über die ganze Fläche des Trampolins sprang. „Hüpfen, hüpfen, hüpfen?“

Eigentlich war Brandy nur deswegen so übermütig, weil sie sicher war, dass Clint McPherson sie um ein Haar geküsst hätte. Ihr Herz klopfte wie wild in ihrer Brust, und das hatte mehrere Gründe: das Gefühl des Babys in ihren Armen, den Beinahe-Kuss von Clint und die Anstrengung auf dem Trampolin.

Ich bin hierhergekommen, um eine Mission zu erfüllen, ermahnte sie sich selbst. Clint wieder etwas fühlen zu lassen und mich endgültig von meiner Schwärmerei für ihn zu befreien.

Aber wie konnte sie mit ihm abschließen, wenn sie praktisch jeden Tag in seiner Nähe verbrachte? Wie konnte sie ihm Gefühle entlocken, ohne dabei selbst Gefühle zu ent­wickeln? Allein zu beobachten, wie er in seiner neuen Vaterrolle aufging, ließ Brandy vor Rührung buchstäblich dahinschmelzen.

Clint überraschte sie mit einer ungewohnten Zärtlichkeit seiner Tochter gegenüber. Wenn die Kleine in seiner Nähe war, kam es häufig vor, dass sie durch seine Augen tief in seine wahre Seele blicken konnte. Und Brandy war nicht darauf vorbereitet, welchen Effekt dieser Umstand auf sie ausübte. In ihr regten sich die seltsamsten Gefühle, die weit über eine bloße Schwärmerei hinausgingen.

Auch Becky hatte Brandys Herz im Sturm erobert. Es war zauberhaft mitanzusehen, wie das kleine Mädchen ihren „da-da“ um ihren winzigen Finger wickelte. Ihr Lieblingsspiel war, auf dem Arm ihres Vaters um das Haus herumzuspazieren und auf alle möglichen Dinge zu zeigen. Clint musste die Gegenstände dann benennen, doch anstatt auch nur einen Versuch zu unternehmen, die Wörter nachzusprechen, zeigte Becky sofort auf den nächsten Gegenstand. Dabei war es nicht zu übersehen, wie sehr Clint darauf hoffte, seine Tochter würde sowohl in ihrer Sprachentwicklung als auch in ihren Versuchen zu laufen ein paar Fortschritte machen. Aber Brandy war klar, dass das Kind auf keinen Fall allein laufen lernen würde, ...

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