Logo weiterlesen.de
JULIA COLLECTION BAND 65

Lass dich von mir verführen

MINISERIE VON KIM LAWRENCE

Verrückt nach dir und deinen Küssen

Er wollte nur eine Affäre – jetzt steht Adam vor einem Dilemma: Anna hat ihn verzaubert, er kann nur noch an sie und ihre strahlenden Augen denken. Dabei will er bald heiraten – eine andere! Was wird Anna von ihm denken, wenn er ihr erzählt, dass seine geplante Ehe eine reine Zweckgemeinschaft ist? Wird sie ihm glauben, dass er nur sie für immer liebt?

Schon in der ersten Nacht

Wenn sie ihn ansieht, wird ihm heiß, wenn sie lacht, läuft ihm ein Schauer über den Rücken: Auf den ersten Blick verliebt sich Sam in die Ärztin Lindy. Er kann nicht anders, er muss sie an sich ziehen. Vertrauensvoll erwidert sie seinen Kuss – und stürzt den Schauspieler in einen Gewissenskonflikt: Er will sie, doch seine Vergangenheit steht dem Glück im Weg …

Ein süßes Biest

Sexy Kurven und tiefrote Lippen: Hope ist Verführung pur! Nur, wenn sie anfängt zu sprechen, ist Alex entsetzt: Was für ein Biest das süße Model sein kann! Und dazu noch ihr lockerer Lebenswandel! Sie ist wirklich nicht die Richtige für den Unternehmer. Warum nur sehnt er sich so nach ihr? Er weiß doch, dass Frauen wie Hope nie nur einem Mann gehören …

IMAGE

Verrückt nach dir und deinen Küssen

1. KAPITEL

Adam Deacon drehte sich zur Tanzfläche um. Die junge Frau mit der schlanken Gestalt war ungemein faszinierend und wirkte sehr erotisch. Sie bewegte sich rhythmisch und ausgesprochen geschmeidig im Einklang mit der Musik.

Seine Begleiterin merkte, wie gefesselt er war. „Möchtest du auch tanzen?“, fragte sie lächelnd.

„Nein, nein“, antwortete er und konzentrierte sich wieder auf Rosalind. Sie war eine schöne und intelligente Frau, und man konnte ihr nichts vormachen. Deshalb tat er erst gar nicht so, als hätte er ihr in den letzten Minuten zugehört.

„Sie ist gut, stimmt’s?“, sagte Rosalind leise.

„Kennst du die wilde Kleine?“ Er warf wieder einen Blick auf die Tanzfläche. Die Musik hatte aufgehört zu spielen, und die junge Frau legte gerade ihrem Tanzpartner die Arme um den Nacken und küsste ihn auf die Lippen.

„Wilde Kleine – eine passende Beschreibung. Ja, ich kenne sie.“ Rosalind Lacey lächelte geheimnisvoll. Dann winkte sie der jungen Frau zu, die sich den Weg durch die Menge bahnte. „Ich stelle sie dir vor.“

Er war nicht begeistert, denn das Mädchen interessierte ihn nicht. Weshalb sich Männer in reiferem Alter zu Teenagern hingezogen fühlten, konnte er nicht verstehen. Stirnrunzelnd dachte er daran, wie mühsam die Unterhaltung sein würde. Aber als die schlanke Brünette an den Tisch kam, setzte er eine höfliche Miene auf.

Offen und interessiert blickte die junge Frau ihn an. Ihre Gesichtszüge wirkten nicht ganz so perfekt wie ihr biegsamer Körper, und die Nase und die vollen Lippen waren etwas zu auffallend in dem ovalen Gesicht. Doch ihre großen braunen Augen waren absolut faszinierend und wurden von langen dichten Wimpern umrahmt.

„Bist du okay, Anna?“, fragte Rosalind besorgt. Selten merkte man noch etwas von der Verletzung, durch die die vielversprechende Karriere ihrer Schwester als Balletttänzerin so jäh zerstört worden war.

Adam war nicht entgangen, dass Anna das eine Bein vorsichtiger belastete als das andere. Er betrachtete ihre schlanken Beine, die unter dem kurzen schwarzen Kleid beinah in voller Länge zu sehen waren und bemerkenswert gut geformt waren. Das winzige Etwas schmiegte sich eng an ihre hohen Brüste und war unten leicht ausgestellt. Durch die feinen schwarzen Strümpfe konnte er keine Narben sehen.

„Reg dich nicht auf“, erwiderte Anna leicht ungeduldig und liebevoll zugleich.

Adam sah ihr in die Augen, die nach der hinreißend erotischen Vorstellung immer noch strahlten. Selbstbewusst und belustigt erwiderte sie seinen Blick.

„Haben Sie alles gesehen?“, fragte sie mit ernster Miene und streckte graziös einen Fuß aus.

„Ich hatte den Eindruck, Sie könnten das eine Bein nicht richtig belasten“, antwortete er vorwurfsvoll. Sie sollte sein Interesse ja nicht falsch interpretieren, aber sie bewegte sich wirklich so geschmeidig wie eine Raubkatze.

„Normalerweise merkt man es nicht. Um dir zuvorzukommen, Lindy, ich weiß selbst, dass ich nicht so ausgelassen hätte tanzen dürfen, aber es hat mir Spaß gemacht. Ich liebe diese Musik.“ Anna seufzte glücklich.

„Hast du schon mal etwas von Maßhalten gehört?“, fragte Rosalind nachsichtig.

Ihr war klar, dass sie nur ihre Zeit verschwendete. Ihre Schwester lebte gern in Extremen. Manchmal beneidete Rosalind Anna um ihre Lebenslust, die jedoch darüber hinwegtäuschte, wie sensibel sie war.

„Hast du schon mal etwas davon gehört, dass Langeweile tödlich sein kann?“, entgegnete Anna und wandte sich dann an den großen Mann an Lindys Seite. „Ich habe die Einladungen selbst geschrieben und weiß, dass Sie keine erhalten haben. Hat Lindy Sie mitgebracht?“ Sie musterte ihn so ungeniert, dass es in seinen Augen missbilligend aufblitzte.

„Anna, das ist Adam Deacon, Adam, das ist meine Schwester Anna.“

„Hast du noch mehr Geschwister? Ich dachte, deine Eltern hätten mit den Drillingen genug gehabt“, erklärte Adam.

„Mögen Sie keine Kinder, Mr Deacon?“, fragte Anna sogleich.

„Schon, aber nicht zu viele.“

„Er könnte zu dir passen, Lindy“, spottete Anna sanft. Sie hoffte, ihre Schwester mit dem goldblonden Haar und den schönen blauen Augen würde eines Tages einen Mann kennenlernen, der sie in ihrem seelischen Gleichgewicht erschütterte. War vielleicht dieser hier der Richtige? Wenn ja, dann muss ich mich zurückhalten, nahm Anna sich vor.

Rosalind lächelte leicht verlegen. Für ihren Geschmack war Anna mit ihren Bemerkungen wieder einmal zu weit gegangen. „Adam ist der neue Chefarzt der Orthopädie am St. Jude’s Krankenhaus“, erklärte Rosalind. „Er ist nicht mein Freund, oder was auch immer du denkst“, fügte sie hinzu und lächelte Adam wie um Entschuldigung bittend an. „Ich wollte ihn nur den Leuten aus dem Ort vorstellen. Übrigens, Adam, wir sind nur drei Geschwister. Anna ist die Älteste von uns Drillingen.“

„Oh.“ Er war verblüfft. Rosalind war sechsundzwanzig Jahre, wie er wusste, aber Anna konnte man leicht für einen Teenager halten.

„Ich bin das schwarze Schaf der Familie“, sagte Anna.

„Scheint so.“

Sie blickte ihn erstaunt an. „Das war aber jetzt nicht nett.“ Irgendwie fand sie seine distanzierte Art einschüchternd. Oder verbarg sich hinter der strengen Fassade vielleicht doch ein warmherziger, interessanter Mann? Ließ das seltsame Leuchten in seinen Augen hoffen, er habe Sinn für Humor? Wenn sich herausstellte, dass er nur ein vornehmer Wichtigtuer war, wäre es reine Zeitverschwendung, überhaupt mit ihm zu reden, obwohl er sehr attraktiv war.

„Sie wirken nicht so, als mangelte es Ihnen an Selbstbewusstsein.“ Sie ist ganz anders als ihre zurückhaltende Schwester, überlegte er. Diese Brünette hier schien sogar mit ihrer erotischen Ausstrahlung zu kokettieren. Gegen seinen Willen ließ er den Blick über die schlanke Gestalt gleiten.

Anna erbebte. Sie hatte deutlich gespürt, dass er sie beim Tanzen beobachtet hatte. Doch so aus der Nähe bekam sie unter seinem prüfenden Blick Herzklopfen, und der Mund wurde ihr ganz trocken.

Er war schlank, mindestens einen Meter fünfundachtzig groß und hatte glänzendes blondes Haar. Ein Mann wie er erregte immer und überall, wo er auftauchte, Aufsehen und hinterließ Eindruck. Trotz seiner Größe wirkten seine Bewegungen geschmeidig, was Annas Fantasie vom ersten Moment an angeregt hatte.

Er strahlte Autorität und Macht aus. Seine grünen Augen leuchteten seltsam geheimnisvoll, und seine Haut war leicht gebräunt. Zusammen mit der leicht gebogenen Nase und dem energischen Kinn wirkte er beinah perfekt.

Natürlich ließ Anna sich nicht von Äußerlichkeiten blenden. Sie war jedoch irgendwie erleichtert, als ihre Schwester erklärte, er sei nicht ihr Freund.

„Können Sie tanzen?“, fragte sie ihn herausfordernd.

„Nein, jedenfalls nicht so hingebungsvoll wie Sie.“

„Ich bin anpassungsfähig.“

„Heißt das, Sie fordern mich auf?“

„Hätte ich warten sollen, bis Sie es tun?“ Sie lächelte und neigte den Kopf zur Seite, sodass ihr wunderschöner schlanker Hals zu bewundern war.

Und das gab den Ausschlag. Obwohl er sonst nicht impulsiv handelte, war Adam viel zu fasziniert von dieser Frau, um sich zurückzuhalten.

„Glauben Sie denn, ich hätte es getan?“ Das Knistern zwischen ihnen war beinah körperlich zu spüren. Annas verblüffter Blick bewies, dass auch sie sich der erotischen Spannung bewusst war.

Obwohl ihr das Herz bis zum Hals klopfte und sie überzeugt war, sich lächerlich zu machen, wollte sie sich nicht herausreden.

„Wahrscheinlich hätten Sie es schließlich geschafft, wenn die Musik Ihnen gefallen und Ihre Würde es erlaubt hätte.“

„Sie halten mich für würdevoll?“ Sekundenlang blitzte es in seinen Augen amüsiert auf.

„Ich finde, Ihre Würde wirkt einschüchternd“, erwiderte sie feierlich. „Die Schwestern im Krankenhaus haben sicher viel Respekt vor Ihnen.“

„Sie haben altmodische Vorstellungen vom Krankenhausalltag.“ Wieder verzog er ironisch die Lippen.

„Ja, ich bin eben eine altmodische Frau.“

„Dann ist der Walzer genau das Richtige für Sie. Kommen Sie mit.“

Besorgt blickte Rosalind hinter ihnen her, wie sie zur Tanzfläche gingen. Sie hatte die knisternde Spannung zwischen ihrer Schwester und Adam Deacon gespürt. Und sie hatte den beiden beinah atemlos zugehört. Doch am meisten beunruhigte sie, in welch perfekter Harmonie sie sich jetzt zur Musik bewegten. Wie kann ich Anna warnen, ohne den Anschein zu erwecken, mich einmischen zu wollen? überlegte Rosalind.

Adam konnte wirklich gut tanzen, wie Anna verblüfft feststellte. Außerdem war sie überrascht, wie nervös sie auf seine Nähe reagierte. Das erregende Kribbeln, das ihren ganzen Körper zu durchdringen schien, ließ sie die lästigen Schmerzen im Knie vergessen. Da alle Paare in der spärlichen Beleuchtung eng umschlungen tanzten, wagte Anna es, sich an Adams schlanken, muskulösen Körper zu schmiegen.

„Sie tanzen gut, Adam.“ Sie betrachtete fasziniert sein Gesicht.

„Sind Sie immer so … freundlich, Miss Lacey?“ Er betonte die förmliche Anrede. Diese Frau beunruhigte ihn viel zu sehr, er musste unbedingt Distanz wahren. Was mache ich überhaupt hier? fragte er sich ärgerlich.

„Sie wollten doch Einheimische kennenlernen“, erklärte Anna, als hätte sie seine Gedanken erraten. Da seine Stimme ziemlich feindselig geklungen hatte, lächelte sie nicht mehr, und das erotische Knistern zwischen ihnen verschwand.

Adams Stimmung war unvermittelt umgeschlagen. Offenbar habe ich mich getäuscht, dachte Anna, obwohl sie sich sonst auf ihr Gespür, ihre Intuition verlassen konnte. Und sie hatte den Eindruck gehabt, sich mit Adam auf eins der größten Abenteuer ihres Lebens einlassen zu können.

„Ich bin eine Einheimische. Aber wenn Sie nur aus Höflichkeit mit mir tanzen, sollten wir es lassen. Ich dachte, Sie hätten es gewollt.“ Sie versuchte, die Hände zurückzuziehen, die sie ihm auf die Brust gelegt hatte. Doch er hielt sie fest.

„Ich wollte es auch, bin es jedoch nicht gewöhnt, dass Frauen die Initiative ergreifen. Es ist mir andersherum lieber.“

Seine Stimme klang tief und voll. Anna seufzte leise auf. Er war nur ein vornehmer Wichtigtuer mit leichtem Machogehabe. Wie schade und was für eine Verschwendung!

„Gut, dass Sie nicht der Freund meiner Schwester sind.“

„Würden Sie die Freunde Ihrer Schwestern nicht verführen? Um es klarzustellen, ich bin nicht an einem One-Night-Stand interessiert.“

Seine Arroganz war wirklich unerträglich. Anna hob herausfordernd das Kinn. Wenn er nicht mit Offenheit und Ehrlichkeit umgehen konnte, war das nicht ihr Problem. Sie fand ihn attraktiv, und es gab keinen Grund, es nicht zuzugeben. Sie hatte sogar geglaubt, es könne interessant sein, ihn näher kennenzulernen. Aber das bedeutete nicht, dass sie mit ihm ins Bett gehen wollte.

„Lindy braucht sowieso einen ganz anderen Mann als Sie. Sie sind viel zu verklemmt und verbittert für sie – und für jede andere Frau auch“, erklärte sie seidenweich und betrachtete seine langen, kräftigen Finger, mit denen er ihre Handgelenke umfasste.

Adam Deacon war verblüfft und fing an, sich zu ärgern. Dieses sanfte Kätzchen zeigte tatsächlich Krallen. Dabei hatte er nur in ihrem und seinem Interesse Abstand halten und die erotische Spannung auflösen wollen.

„Sie sollten etwas zurückhaltender sein. Ihre Schwester ist eine ausgezeichnete Ärztin und hat eine blendende Zukunft vor sich. Und sie ist so anständig, dass Sie sich ein Beispiel an ihr nehmen können.“

Anna atmete tief ein. „Ich bin wirklich froh, dass Frauen sich heutzutage nicht mehr vorwerfen lassen müssen, unanständig zu sein“, stieß sie hervor. „Offenbar habe ich mich in Ihnen getäuscht.“ Er hielt sie wohl für eine leichtfertige Verführerin oder dergleichen.

„Sagen Sie, Dr. Deacon, finden Sie es nicht ziemlich scheinheilig, mir Moral zu predigen, während Sie mich insgeheim begehren, seit Sie hereingekommen sind?“

„Wahrscheinlich sind Sie nur dann glücklich, wenn alle Männer in Ihrer Nähe verrückt nach Ihnen sind“, antwortete er verächtlich. „Mit Ihrem Benehmen fordern Sie Sex geradezu heraus.“

Jetzt reichte es ihr. „Das ist doch lächerlich!“ Nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, dass jemand ihr Verhalten als sexuelle Provokation bezeichnen könnte.

„Das Kleid beispielsweise.“ Adam betrachtete den schmalen Träger, der ihr über die Schulter gerutscht war. „Und die Art, wie Sie sich bewegen. Es wirkt wie eine einzige Herausforderung, wie eine sehr direkte sogar, nicht wie eine subtile.“ Er zog die Hand so unvermittelt zurück, als hätte er sich verbrannt.

„Ich bin auf der Party, um mich zu amüsieren.“ Sie überlegte, ob er auch das erregende Kribbeln gespürt hatte, während er sie festgehalten hatte.

„Ja, das habe ich gemerkt“, stieß er hervor und verzog spöttisch die Lippen.

„Aber offenbar haben Sie nicht mitbekommen, dass die Musik aufgehört hat zu spielen.“ Sie lächelte ihn betont verständnisvoll an.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass sie reglos mitten auf der Tanzfläche standen. Adam war klar, dass er und Anna sich viel zu auffallend benahmen. Er warf ihr einen verächtlichen Blick zu und fluchte leise vor sich hin.

Als sie sich umdrehte, um die Tanzfläche zu verlassen, war er sogleich neben ihr. „Fühlen Sie sich etwa zu mir hingezogen?“, fragte sie und eilte zur Terrassentür. Sie brauchte unbedingt frische Luft. Du liebe Zeit, was ist dieser Mann doch für eine Enttäuschung, dachte sie. Sie ärgerte sich, weil sie sich von seinem beinah perfekten Äußeren hatte beeindrucken lassen.

„Wenn wir in verschiedene Richtungen gingen, würden wir noch mehr Aufsehen erregen.“

„Es gefällt mir, aufzufallen“, erwiderte sie ironisch.

„Als Arzt kann es meiner Karriere schaden, zu sehr aufzufallen.“

„Sie wirken zu lächerlich, um jemals bekannt oder berühmt zu werden.“

„So, Sie halten mich für verklemmt und lächerlich“, antwortete er gereizt. Als sie die Schultern zuckte, drehte er Anna zu sich herum und zwang sie, ihn anzusehen.

„Sie sind wahrscheinlich sowieso schon zu alt, um sich noch zu ändern“, stellte sie mitleidig fest.

„Ehrlich gesagt, Sie sind …“, begann er ärgerlich. Doch dann umfasste er ihr Gesicht und presste die Lippen auf ihre. Sein Verlangen war so heftig, dass er sich nicht beherrschen konnte.

Sekundenlang stand Anna wie erstarrt da. Mit so einer Reaktion auf ihre spöttischen Bemerkungen hatte sie nicht gerechnet. Sie gestand sich ein, dass er ihr nicht so gleichgültig war, wie sie es sich einzureden versuchte. Eigentlich hätte sie Adam empört zurückweisen müssen. Stattdessen empfand sie nur den brennenden Wunsch, ihm alles zu geben, was er haben wollte.

All ihre Sinne waren so hellwach wie noch nie zuvor, während tausend Eindrücke auf sie einstürzten. Überdeutlich spürte sie Adams warme Lippen, das heftige Pochen seines Herzens und seine starke Erregung. Sie hielt sich krampfhaft an ihm fest, weil sie das Gefühl hatte, ihre Knie zitterten. Als es sie heiß überlief, erbebte sie am ganzen Körper. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und legte ihm die Hände um den Nacken.

Adam stöhnte auf, ehe er ihre Taille umfasste und Anna von sich schob. Sie atmete tief ein, um sich zu beruhigen, während er sie fassungslos ansah. In seinen Augen blitzte es entsetzt und verächtlich auf.

„Ausgerechnet Sie haben mir vorgeworfen, viel zu direkt zu sein“, stellte sie betont unbekümmert fest, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Sein Kuss hatte sie zutiefst erschüttert, obwohl ihr klar war, dass Adam nur frustriert gewesen war.

Sie strich das glatte kurze Haar zurück und erinnerte sich daran, wie seine Finger sich darin angefühlt hatten.

„Und Ihnen ist es offenbar ziemlich gleichgültig, wo Sie sich küssen lassen. Sie waren so richtig in Fahrt.“

„Normalerweise entscheide ich lieber selbst, wer mich küssen darf und wer nicht.“ Zufrieden beobachtete sie, dass seine Wangen sich röteten.

„Es war ein Fehler. Aber Sie hätten sich ja wehren können.“

„Typisch Mann.“ Insgeheim gestand sie sich ein, dass er recht hatte. „Es gefällt mir nicht, dass Sie mich für alles verantwortlich machen. Vermutlich haben Sie das höhnische Lächeln jahrelang geübt, und ich muss zugeben, Sie können die Lippen wunderschön verziehen. Doch das wirkt bei mir nicht. Außerdem habe ich mich nur deshalb nicht gewehrt, um Sie nicht noch mehr zu reizen. Manche Männer werden dann völlig unberechenbar.“

„Ersparen Sie mir Einzelheiten Ihrer sexuellen Erlebnisse. Schlüpfrige Lebensbeichten sind nicht mein Geschmack.“

„Wenigstens bin ich nicht großspurig, selbstgerecht, scheinheilig und langweilig“, entgegnete Anna empört.

„Anna!“, hörte sie plötzlich Rosalind rufen, die mit Hope auf sie zukam. „Adam, ich bin …“

„Wag es ja nicht, dich für mich zu entschuldigen“, warnte Anna sie.

„Adam ist unser Gast.“

„Nein, meiner nicht. Ich lade nur Leute ein, die ich mag“, erwiderte sie reichlich kindisch.

„Adam, das ist Hope“, stellte Rosalind rasch ihre andere Schwester vor.

Offenbar erkannte er Hope sogleich. Sie war unter dem Namen Lacey als Model berühmt und bekannt geworden. Sie war einen Meter achtzig groß, sehr schlank, hatte perfekte Gesichtszüge und endlos lange Beine. Und sie hatte das gewisse Etwas. Das braune Haar war mit hellen Strähnen durchzogen, die aussahen wie reines Gold, und ihre langen Wimpern waren gefärbt.

„Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen“, sagte Adam.

Wie kitschig, dachte Anna, als Adam Hopes Hand an die Lippen führte.

„Lindy hat mir erzählt, dass Sie auch Arzt sind.“ Hope setzte ihr berühmtes Lächeln auf, das man von vielen TV-Werbespots kannte. „Was haben Sie Anna getan, dass sie so gereizt ist?“ Sie lächelte belustigt.

„Er hat mich geküsst.“

„Das war ziemlich mutig.“ Lindy warf Adam einen leicht vorwurfsvollen Blick zu.

„Es hat ihn wohl niemand vor dir gewarnt, Anna.“ Hope lachte.

„Ihr seid ja nicht gerade solidarisch“, beschwerte Anna sich. „Entschuldigt mich“, fügte sie gleichgültig hinzu. Dann drehte sie sich um und ging davon. Sollten ihre Schwestern sich doch um Adam Deacon kümmern.

Es war für Anna nicht leicht gewesen, die Vorbereitungen für die Überraschungsparty für ihre Eltern in der Gemeinde geheim zu halten, wo jeder jeden kannte. Durch die Reaktion ihrer Eltern fühlte Anna sich jedoch reichlich belohnt für ihre Mühe. Erst im Hotel, wo angeblich ein Tisch für ein Candle-Light-Dinner für sie reserviert war, erfuhren sie, dass eine große Party zur Feier ihres dreißigsten Hochzeitstags stattfand.

Anna beobachtete neidlos, wie überschwänglich die beiden sich freuten, ihre Schwestern zu sehen. Lindy war Ärztin in einem großen Londoner Krankenhaus und hatte deshalb nur selten Zeit. Und Hope hatte ihren festen Wohnsitz in New York. Da sie beruflich viel unterwegs war, besuchte sie ihre Eltern eher selten. Nur Anna war immer noch zu Hause.

Nachdem alle Gäste mit Getränken versorgt waren, um auf das Jubelpaar anzustoßen, gesellte Anna sich zu ihren Schwestern aufs Podium und begrüßte die Anwesenden.

Charlie Lacey hatte Tränen der Rührung in den Augen. „Was soll ich dazu sagen? Die Überraschung ist perfekt gelungen“, bedankte er sich und legte den Arm um seine Frau. „Ich bin ein glücklicher Mann“, fügte er schlicht hinzu und bedachte die vier Frauen in seinem Leben mit liebevollen Blicken.

Anna lächelte scheinheilig, als ihre Mutter ihr später am Abend einen wirklich netten Arzt und Freund von Lindy vorstellen wollte, wie sie betonte, der ein Haus hier in der Gegend suchte.

„Wir kennen uns schon“, sagte Anna und zog die dunklen Brauen leicht hoch.

„Ihr habt so viel gemeinsam.“ Beth Lacey lächelte erfreut.

„Ach ja?“, fragten Adam und Anna gleichzeitig, und Anna konnte nur mühsam ein Lächeln verbergen.

„Natürlich, ihr seid doch auf dem medizinischen Sektor tätig.“

„Sind Sie etwa auch Ärztin?“

„Sie hätte es werden können, wenn sie nicht so viele andere Interessen gehabt hätte“, antwortete Annas Mutter für sie. „Sie ist gelernte Krankenschwester, nach dem …“

„Ich habe aber nie als Krankenschwester gearbeitet“, unterbrach Anna ihre Mutter sanft. „Für meinen Geschmack ist das hierarchische Gefüge im Krankenhaus zu starr, man hat keinen Freiraum, keine Bewegungsfreiheit.“

„Was machen Sie stattdessen?“ Adam beobachtete, wie ausdrucksvoll sie beim Sprechen mit den schönen Händen gestikulierte.

„Ich bin Aroma- und Massagetherapeutin.“

„Wie … interessant!“ Er lächelte leicht verächtlich.

Dieser widerliche, engstirnige, großspurige Kerl, schoss es Anna durch den Kopf. „Offenbar halten Sie nichts von alternativen Heilmethoden.“

„Heilmethoden nennen Sie es? Haben Sie damit etwa schon Erfolge erzielt?“

„Ich wusste doch, dass ihr viel gemeinsam habt.“ Beth Lacey war begeistert. „Ich lasse euch allein, dann könnt ihr fachsimpeln.“

Anna bemerkte, wie entsetzt Adam hinter ihrer Mutter hersah.

„Sie ist weder arglos noch dumm“, erklärte sie. Eher etwas hinterlistig, fügte Anna insgeheim liebevoll hinzu. „Sie versucht immer wieder, mich mit irgendwelchen Junggesellen zusammenzubringen. Sie will mich unbedingt verheiraten. Mit Lindy und Hope macht sie so etwas nicht. Aber die beiden wohnen ja auch nicht mehr zu Hause.“

„Leben Sie etwa noch bei Ihren Eltern?“, fragte er erstaunt.

„Ja. Um ehrlich zu sein, ich habe einige ausgesprochen wilde Jahre hinter mir, ehe ich Schwesternschülerin wurde. Aber wie gesagt, ich habe dann nie als Krankenschwester gearbeitet.“

„Es gibt eben Menschen, die alles Mögliche ausprobieren.“

Anna ließ sich von seiner unschuldigen Miene nicht täuschen. „Nicht jeder kann so grundsolide und anständig wie Sie sein.“

„Ich wollte Sie nicht kritisieren. Es war nur eine Bemerkung.“

„Alles, was Sie sagen, hört sich wie Kritik an“, entgegnete sie ärgerlich.

„Es ist eine großartige Party. Das soll ein Kompliment sein. Sie haben sie doch organisiert, oder?“

In dem Moment stieß ein junger Mann sie so heftig von hinten an, dass sie das Gleichgewicht verlor.

Instinktiv breitete Adam die Arme aus, um Anna festzuhalten. Der Inhalt des beinah leeren Glases ergoss sich auf sein Hemd, und als er sie mit seinen Armen auffing, landete sie mit der Wange genau auf dem nassen Fleck. Sie nahm seinen herben männlichen Duft wahr und spürte, wie heftig sein Herz klopfte und wie angespannt er war. Sekundenlang fühlte sie sich leicht und beschwingt. Doch dann war der magische Moment wieder vorbei.

„Es ist nur Mineralwasser“, antwortete sie auf die freundliche Frage des Schuldigen. „Das trocknet wieder.“ Dann hob sie den Kopf und begegnete Adams kühlem Blick. „Du liebe Zeit, das war kein plumper Versuch, mich Ihnen zu nähern oder Sie zu verführen. Sie können ganz beruhigt sein“, fuhr sie ihn an und atmete tief ein und aus.

Zu gern hätte Adam sich entspannt. Es gelang ihm jedoch nicht. „Habe ich etwas gesagt oder getan, Sie zu ärgern?“ Er betrachtete ihr schönes schmales Gesicht. Diese lebhafte junge Frau, die so leicht zu durchschauen war, faszinierte ihn. Aber war sie wirklich so offen und ehrlich, wie sie wirkte?

„Außer dass Sie über mich hergefallen sind?“ Anna verstand selbst nicht, warum dieser Mann sie so sehr irritierte. Seine grünen Augen wirkten geheimnisvoll, und Anna verspürte ein Kribbeln im Bauch, wenn er sie ansah.

„Das war ein Fehler.“ Allzu deutlich erinnerte er sich an den Vorfall. Sogar sein Körper reagierte schon wieder viel zu heftig.

„Aber es hat Ihnen gefallen“, stellte sie spontan fest.

„Ja.“ Er schien sich das Eingeständnis geradezu abzuringen.

„Mir auch, wenn es Ihnen die Sache erleichtert“, erwiderte sie heiser.

In seinen Augen leuchtete es sekundenlang auf, als wäre er wirklich zu Gefühlen fähig. Doch dann verschwand die Wärme wieder aus seinem Blick. Adam wirkte kühl und gleichgültig, und Anna wünschte, sie hätte geschwiegen.

„Nein, Anna, es erleichtert überhaupt nichts“, antwortete er langsam. „Sie sind eine ungemein attraktive junge Frau, und jeder Mann fühlte sich geschmeichelt …“

Nur er nicht, dachte sie und zauberte ein Lächeln auf die Lippen, um sich nicht anmerken zu lassen, wie verletzt sie war. Dieses Mal habe ich mich wirklich total lächerlich gemacht, dachte sie ärgerlich. Der Mann versuchte, sie höflich zurückzuweisen. So offen hatte sie sich noch nie zu ihren Gefühlen bekannt. Und warum das alles? Nur weil sie die erotische Spannung zwischen ihnen spürte?

„Aber ich bin hauptsächlich deshalb hier, um ein Haus zu kaufen für mich und meine Frau, jedenfalls wird sie …“

„Sparen Sie sich den Rest“, unterbrach sie ihn kühl und zuckte gleichgültig die Schultern. Sie fühlte sich plötzlich schrecklich elend. Weshalb reagierte sie so überzogen? Der Mann war für sie doch ein Fremder.

„Für verheiratete Männer bin ich nicht die richtige Ansprechpartnerin.“ Ihr Lachen klang irgendwie spröde. „Ich kann Sie mit hiesigen Immobilienmaklern bekannt machen, wenn Sie möchten. Ich sehe mal nach, ob ich einen unter den Gästen finde.“ Rasch ging sie davon und versuchte, die Tränen zu unterdrücken. Nur weil ich so offen und ehrlich bin, kann man mich so leicht verletzen, überlegte sie.

Später bedankte sich der Makler bei ihr. „Vielleicht werde ich jetzt doch das alte Pfarrhaus los, Anna“, erklärte er und rieb sich die Hände. „Solche Anwesen, noch dazu in dieser Preisklasse, lassen sich heutzutage kaum noch verkaufen.“

Annas Stimmung erreichte den Tiefpunkt. „Ist es denn für ihn überhaupt geeignet?“, fragte sie und stellte sich das stilvolle große Haus vor, das seit einem Jahr leer stand.

„Für eine fünf- oder sechsköpfige Familie auf jeden Fall. Er braucht viel Platz, hat er gesagt“, antwortete der Mann und ging zufrieden weiter.

Vor lauter Zorn versteifte Anna sich, und in ihren Augen blitzte es verächtlich auf. Was war dieser Adam doch für ein skrupelloser, treuloser, pathetischer Mann. Verheiratete Männer, die fremde Frauen küssten, konnte man nur verachten.

Offenbar konnte sie sich doch nicht auf ihre Intuition verlassen. Sie hatte auf seine erotische Ausstrahlung reagiert und war sich jetzt sicher, dass er insgeheim über sie lachte.

2. KAPITEL

Es regnete schon den ganzen Morgen. Die kleine Gruppe Demonstranten löste sich allmählich auf, bis nur noch Anna und ein älteres Ehepaar herumstanden. Anna schmerzten die Arme, weil das Plakat, das sie trug, so schwer war. Und nach den Mienen ihrer beiden Begleiter zu urteilen, hatten sie ähnliche Probleme.

„Machen wir Schluss?“, fragte Anna.

„Nicht unseretwegen“, versicherte ihr die weißhaarige Frau tapfer.

„Heute beachtet uns sowieso niemand mehr, Ruth“, erwiderte Anna freundlich. „Wir können uns über einen neuen Termin verständigen und eine andere Strategie zurechtlegen.“

Wir müssen mehr auffallen, damit diese Philister im Bauamt endlich aufwachen und uns wahrnehmen, überlegte sie. Sie war entschlossen, nicht aufzugeben, sondern wollte weiterhin gegen das Parkhaus und den Supermarkt demonstrieren, die dort gebaut werden sollten, wo jetzt noch die alten Cottages im georgianischen Stil standen. Wenn man die Leute in der Planungsbehörde gewähren lässt, leben wir eines Tages in einer Betonwüste, dachte sie empört.

„Wenn du meinst, meine liebe Anna“, antwortete George Thompson sichtlich erleichtert. „Dann fahren wir jetzt nach Hause. Können wir dich mitnehmen?“

„Nicht nötig, danke. Ich nehme die Abkürzung.“ Sie zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht und eilte davon.

Nach der Party ihrer Eltern hatte Anna sich entschlossen, vorerst nicht mehr am alten Pfarrhaus vorbeizugehen. Doch an diesem Tag machte sie eine Ausnahme. Während sie den Pfad entlanglief, der an den verwilderten Garten grenzte, entdeckte sie zu ihrer Erleichterung keinerlei Anzeichen, dass schon jemand in dem Haus wohnte. Es wirkte leer und verlassen.

Sie entspannte sich etwas, achtete jedoch sorgsam auf den Weg vor sich, um nicht auszurutschen und in den Bach zu fallen. Die Begegnung mit Adam Deacon hatte sie viel stärker aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht, als sie sich eingestehen wollte. Am schlimmsten war, dass sie sich nicht mehr auf ihre Intuition verlassen konnte.

Als Lindy – allzu beiläufig, wie Anna fand – Adams Verantwortung gegenüber seiner Familie erwähnt hatte, hatte Anna betont kühl reagiert.

Sie hatte sich fest vorgenommen, nicht mit ihren Schwestern über ihren Kummer zu reden. Sie wollte mit dem Schmerz über das, was sie letztlich selbst provoziert hatte, ganz allein zurechtkommen. Sie hatte sich Adam viel zu direkt und unsensibel genähert. Kein Wunder, dass Lindy so besorgt gewesen war, denn sie hatte ja gewusst, dass er verheiratet war und Familie hatte.

Wahrscheinlich glaubte Adam, sie würde sich jedem einigermaßen attraktiven Mann an den Hals werfen. Nie würde er erfahren, dass sie sich zu keinem anderen so sehr hingezogen gefühlt hatte wie zu ihm – jedenfalls schon seit langer Zeit nicht mehr, wie sie sich insgeheim selbst korrigierte. Natürlich hatte sie Freunde, mit denen sie gern zusammen war. Doch Romanzen hatten in ihrem Leben keine große Rolle gespielt.

„So, jetzt habe ich Sie endlich erwischt“, ertönte plötzlich eine männliche Stimme hinter ihr, und jemand legte Anna den Arm um den Nacken. Sie schrie entsetzt auf, doch der Mann drückte ihr mit der einen Hand viel zu fest die Kehle zu, während er mit der anderen versuchte, sie auf den Boden zu werfen. „Wehren Sie sich lieber nicht, sonst könnten Sie es bereuen.“

Sie ignorierte die Aufforderung und schlug heftig mit ihrem Plakat auf den Angreifer ein, bis sie beide die Böschung hinunter in den Bach fielen.

Prustend und keuchend versuchte Anna, in dem seichten Wasser aufzustehen. Dabei griff sie nach dem erstbesten Gegenstand, um sich zu verteidigen.

Na, da habe ich Glück und er Pech gehabt, dachte sie, als sie den Angreifer betrachtete, der in seiner dunklen Kleidung auf dem Rücken vor ihr lag. Sekundenlang glaubte sie, er sei bewusstlos. Doch als er sich bewegte, versteifte sie sich und hob drohend die Hand.

„Ich warne Sie, ich bin Karatemeisterin“, erklärte sie.

„Du liebe Zeit, Sie sind es! Ich glaube es nicht.“ Der Mann richtete sich auf. Plötzlich erkannte Anna ihn. Es war Adam Deacon, und er betastete seine Wange.

Anna war erleichtert. Auch wenn Adam ein treuloser Ehemann und Frauenheld war, ein Vergewaltiger oder sonst ein Krimineller war er nicht.

„Was? Dass ich Karatemeisterin bin? Sie haben recht, ich habe leicht übertrieben“, gab sie zu. „Ich habe einen Selbstverteidigungskurs mitgemacht.“

„Und dabei haben Sie sich bestimmt auf unfaire Tricks spezialisiert. Sie sollten Warnlichter tragen.“ Er stand langsam auf. „Wenigstens habe ich mir nichts gebrochen, glaube ich. Ich fühle mich, als wäre ein Zehntonner auf mich gefallen.“

„Was erwarten Sie denn, wenn Sie die Leute von hinten überfallen? Übrigens wiege ich nur achtundvierzig Kilo. Stellen Sie sich nicht so an.“

Die Bemerkung raubte Adam sekundenlang den Atem. „Sie sind auf meinem Grundstück herumgelaufen“, erklärte er schließlich.

„Für den Weg besteht ein öffentliches Nutzungsrecht. Wenn Sie den Kaufvertrag durchlesen, werden Sie feststellen, dass es stimmt.“

„Wollen Sie damit behaupten, durch meinen Garten verliefe ein öffentlicher Weg?“, fragte er.

„Ja, aber es wissen nicht viele.“ Anna fing an zu zittern vor Nässe und Kälte. „Ich rate Ihnen jedoch, nicht jeden, der ihn benutzt, anzugreifen. So geht man hier bei uns auf dem Land nicht mit den Nachbarn um.“

„Sie beweisen mir selbst immer wieder, wie nett man hier miteinander umgeht“, antwortete er sarkastisch. „Bei mir wurde eingebrochen, nur deshalb bin ich da. Man hat versucht, die kunstvollen Dekorationen zu zerstören. Das Gesims im Wohnzimmer ist beinah ganz verschwunden, und wenn die Einbrecher nicht gestört worden wären, hätte man den Kamin auch völlig zerstört.“

„Den aus Sandstein?“ Anna war beunruhigt.

„Offenbar kennen Sie sich aus in dem Haus.“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Wenn Sie nicht so verdammt verstohlen hier herumgelaufen wären, hätte ich Sie gar nicht festgehalten. Sie wirkten sehr schuldbewusst.“

Anna errötete. Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie hatte sich wirklich schuldig gefühlt, weil sie sich von ihm als verheiratetem Mann hatte küssen lassen und sich ihren erotischen Träumen hingegeben hatte.

„Kommen Sie mit ins Haus. Sie sollten nicht länger in der Kälte herumstehen, Sie zittern ja“, forderte er sie ungeduldig auf.

Es war kein besonders verlockendes Angebot, aber der Gedanke, in den nassen Sachen nach Hause laufen zu müssen, gefiel ihr noch weniger. Natürlich gehe ich nicht deshalb mit ihm, weil ich gern mit ihm zusammen bin, versuchte sie sich einzureden.

Aber sie fand diesen Mann viel zu faszinierend, wie sie sich eingestand, als sie hinter ihm die Böschung hinaufkletterte. Es wäre besser, er wohnte nicht in ihrer Nähe.

Plötzlich blieb er stehen, und sie dachte schon, er würde ihr die Hand reichen, um ihr zu helfen. Er tat es jedoch nicht, sondern schob sie tief in die Tasche der durchnässten Jacke und ging dann weiter. Wahrscheinlich war es ihm irgendwie peinlich, dass er seiner Frau in gewisser Weise untreu geworden war.

Sie folgte ihm ins Haus und in die Küche.

„Das ist der einzige Raum, in dem es warm ist. Ich habe heute Nacht hier geschlafen.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf den zusammengerollten Schlafsack auf dem alten Sofa und schloss die Tür. In dem Raum mit der hohen Decke und den Steinfliesen standen außerdem nur noch ein alter Holztisch und ein noch älterer Herd, in dem ein Feuer brannte, das wohlige Wärme verströmte.

Mit steifen Fingern schob Anna die Kapuze zurück und fuhr sich durchs Haar. Ihr war klar, dass sie, nass wie sie war, kein besonders erfreulicher Anblick war. Sie ahnte jedoch nicht, wie faszinierend Adam, der sie mit regloser Miene beobachtete, ihre Gesichtszüge und ihre feine Haut fand.

„Ich habe Sie zunächst für einen jungen Mann gehalten.“

„Ach, fallen Sie lieber über junge Männer her? Ihr Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben“, erwiderte sie.

„Es gefällt Ihnen wohl, andere mit bissigen Bemerkungen zu verletzen.“

Nein, nur Sie fordern mich zu solchen Boshaftigkeiten heraus, hätte sie am liebsten geantwortet. „Bilden Sie sich ja nicht ein, Ihre Worte wirkten weniger verletzend“, stieß sie stattdessen ironisch hervor. Dann betrachtete sie das Wasser, das aus ihren Sachen auf den Boden tropfte und sich langsam um ihre Füße herum ausbreitete.

Auch Adam sah es. Er zog die Regenjacke aus, unter der er kein Hemd trug, sondern nur verwaschene Jeans. Die bloßen Füße steckten in Freizeitschuhen, die wahrscheinlich jetzt nicht mehr zu gebrauchen waren. Anna bemühte sich vergebens, ihn nicht allzu interessiert zu mustern.

Der Arzt, der in dem eleganten Anzug so distanziert und abgehoben gewirkt hatte, hatte kaum noch Ähnlichkeit mit diesem Mann mit den kräftigen Muskeln und der gebräunten Haut. Während sie den Blick über seinen flachen Bauch gleiten ließ, bekam sie Herzklopfen. Er hatte wirklich einen fantastischen Körper. Sie schluckte und hob den Kopf.

In Adams Augen blitzte es so geheimnisvoll auf, dass es ihr beinah den Atem raubte. Doch dann fing der Wasserkessel an zu pfeifen, und der zauberhafte Moment war vorbei.

„Ich wollte mir Tee machen“, stellte Adam fest. „Doch dann sah ich eine verdächtige Gestalt draußen herumschleichen. Was, zum Teufel, wollten Sie eigentlich da, wenn Sie mit den Leuten, die hier eingebrochen sind, nichts zu tun haben?“, fuhr er fort und blickte sie vorwurfsvoll an, ehe er das Wasser abstellte und Tee aufgoss.

„Ich wollte den Weg nach Hause abkürzen.“ Sie betrachtete seine breiten Schultern, seinen muskulösen Rücken und die schmalen Hüften, an die sich die nassen Jeans schmiegten und ihn geradezu unverschämt attraktiv aussehen ließen.

„Na ja, für einen Spaziergang ist es wirklich das richtige Wetter“, sagte er spöttisch. „Laufen Sie immer bewaffnet durch die Gegend? Vielleicht vorsichtshalber, weil es hier so unsicher ist? Mich hat man jedenfalls niedergeschlagen, ehe ich überhaupt richtig eingezogen bin, und auch noch ausgeraubt.“

„Ausgeraubt!“, wiederholte sie verächtlich. „Außerdem haben Sie nur einige Kratzer abbekommen.“

Adam lachte auf. „Sie sind wirklich gut! Was haben Sie da eigentlich mit sich herumgeschleppt?“

„Ein Plakat“, erwiderte sie so herablassend, als hätte er es wissen müssen.

„Das hätte ich mir denken können. Sie sind eine von denen, die grundsätzlich gegen alles demonstrieren.“

Als sie den Kopf hob und Adam streitsüchtig ansah, verzog er verächtlich die Lippen. „Vermutlich lehnen Sie alles Neue grundsätzlich ab.“

„Ich habe wenigstens ein soziales Gewissen“, fuhr sie ihn zornig an. Er war ein typischer Vertreter des Establishments. „Ich trete für meine Überzeugungen ein, deshalb bin ich noch lange kein Freak. Aber von einem Chirurgen, für den Operationen das Allheilmittel sind, kann man nicht erwarten, dass er die Zusammenhänge des Lebens versteht.“

„Was wäre Ihnen denn lieber, wenn Sie sich beispielsweise das Bein gebrochen hätten? Meine Kenntnisse als Chirurg oder Ihre Heilöle? Demonstranten haben meiner Meinung nach zu viel Zeit und kein Privatleben.“

„Weil wir uns nicht damit abfinden wollen, dass die Welt von spießigen Bürokraten regiert wird? Und weil wir uns für die Zukunft verantwortlich fühlen? Vermutlich glaubt so ein engstirniger, egoistischer und selbstgefälliger Mensch wie Sie …“ Ein heftiger Niesanfall unterbrach ihren leidenschaftlichen Ausbruch.

„Du liebe Zeit, stehen Sie doch nicht da und predigen. Sie holen sich noch eine Erkältung. Ziehen Sie lieber das Zeug aus.“

„Erstens predige ich nicht, und zweitens lasse ich mir nichts befehlen.“ Sie rieb sich die Nase.

„Sie hören sich an wie eine verwöhnte Vierjährige. Tun Sie lieber, was ich gesagt habe.“

„Und wenn nicht?“, fragte sie, die Zähne zusammengebissen.

„Sind Sie immer so streitsüchtig? Wenn Sie die Klamotten nicht freiwillig ausziehen, zwingen Sie mich, Ihnen zu helfen.“

Obwohl ihr klar war, dass sie ihn provoziert hatte, blickte sie ihn verblüfft an. Rasch verdrängte sie die Vorstellung, wie er die langen schlanken Finger über ihren Körper gleiten lassen, sie unter das nasse Shirt schieben und ihre Brüste umfassen würde.

„Und natürlich nur aus Sorge um meine Gesundheit“, stellte sie fest. Adam gefiel ihre heisere Stimme ausgesprochen gut.

Plötzlich überlief es sie heiß und kalt, und sie bekam eine Gänsehaut. Ärgerlich überlegte sie, ob es an den erotischen Gedanken lag, die ihr in seiner Gegenwart im Kopf herumschwirrten. Normalerweise war es für sie kein Problem, Versuchungen zu widerstehen. Sie gestand sich jedoch ein, dass sie Adam gar nicht widerstehen wollte.

„Na, ich würde es bestimmt nicht tun, um meine Neugier zu befriedigen. Der winzige Fummel, den Sie kürzlich auf der Party anhatten, hat kaum etwas verhüllt. Ehrlich gesagt, ich finde es geheimnisvoller und aufregender, wenn man die Fantasie noch spielen lassen kann.“

„Soweit ich mich erinnere, waren Sie völlig begeistert von meiner plumpen Zurschaustellung, wie Sie es offenbar nennen würden“, warf sie ihm zornig an den Kopf.

Adam fühlte sich sichtlich unbehaglich. „Ich bin sicher, ich kann meine niederen Instinkte beherrschen, wenn Sie das meinen. Dahinten finden Sie etwas zum Anziehen.“ Er wies auf den offenen Kleidersack auf dem Fußboden. „Wenigstens können Sie sich notdürftig verhüllen, während Ihre Sachen trocknen. Ich drehe mich um, falls Sie plötzlich Hemmungen haben.“

„Ich gehe lieber ins Badezimmer, wenn Sie nichts dagegen haben“, erwiderte sie kühl.

Rasch durchwühlte sie den Kleidersack und bemühte sich, Adams persönliche Sachen nicht zu genau zu betrachten. Schließlich zog sie ein hellblaues Jeanshemd hervor. Es war lang genug und erfüllte den Zweck. Mit erhobenem Kopf ging Anna aus dem Raum.

Nachdem sie alles, was sie angehabt hatte, über der Badewanne ausgewrungen hatte, fuhr sie sich durchs Haar, um es in Form zu bringen. Dann streifte sie das Hemd über, das ihr bis zu den Knien reichte, und ging barfuß die Treppe hinunter.

In der Küche war es so kalt, dass Anna fror. Doch Adam, der am Tisch saß und seinen Tee trank, schien die Kälte nicht zu spüren. Aber immerhin hatte er jetzt ein Hemd an und die Jeans gewechselt.

„Hängen Sie alles dort auf.“ Er wies auf die altmodische Trockenvorrichtung über dem Herd.

Anna betrachtete das Gestell, das man herunterziehen konnte, skeptisch.

„Lassen Sie mich mal machen.“ Er nahm ihr die Sachen aus der Hand und hängte sie selbst auf.

Während er ihre Dessous an der Leine befestigte, bemühte Anna sich, ihre Verlegenheit zu überspielen. Unter den Jeans und dem Shirt hatte sie einen reizvollen BH aus champagnerfarbener Seide und Spitze mit einem winzigen Slip aus dem gleichen Material getragen.

„Das passt zu Ihnen“, erklärte Adam dann auch prompt.

„Typisch!“ Ganz verzweifelt wünschte sie, sie würde nicht erröten. „Männer sind so berechenbar, dass es langweilig ist. Wenn man einen Slip nur erwähnt, geraten sie in Ekstase.“

Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch. „Ich wollte damit nur sagen, dass Ihre Dessous etwas über Ihre Persönlichkeit verraten.“

„Dann halten Sie mich wahrscheinlich für geschmacklos.“

„Nein, ich finde Sie erotisch“, entgegnete er bestimmt. Dabei blitzte es in seinen Augen so seltsam auf, dass Anna weiche Knie bekam. „Möchten Sie auch einen Tee?“

Anna war so irritiert über seine Feststellung, dass sie sekundenlang kein Wort herausbrachte. Deshalb nickte sie nur und nahm die Tasse in die Hand, die er ihr reichte. Sie setzte sich auf einen der Umzugskartons. Adam saß auf einem anderen Karton und hatte die langen Beine ausgestreckt.

„Sie scheinen sich in dem Haus auszukennen. Jedenfalls wussten Sie, wo das Badezimmer ist“, erklärte er.

„Ich habe es vor einiger Zeit zusammen mit dem Makler besichtigt. Das ist völlig legitim, und Sie brauchen nicht so misstrauisch zu sein.“

„Ist er Ihr jetziger oder ein ehemaliger Freund?“, fragte er. „Ich meine den Makler“, fügte er hinzu, als sie ihn verständnislos ansah.

„Oh, ich habe viele Freunde.“

„Ja, das kann ich mir vorstellen.“

„Wenn ich etwas Abwechslung in Ihr langweiliges Dasein bringen kann, tue ich es gern. Ich bin nicht gebunden und habe keinen Grund, zurückgezogen oder enthaltsam zu leben.“ Sie blickte ihn missbilligend an.

„Dann sind Sie so etwas wie ein Freigeist.“

„Ich bin frei und kann tun und lassen, was ich will“, erwiderte sie.

„Irgendwie habe ich das Gefühl, Sie wollen damit etwas Bestimmtes sagen.“ Er sah sie nachdenklich an.

„Ich kann es nicht ertragen, wenn verheiratete Männer, die außer ihrer eigenen Frau andere Frauen küssen, so scheinheilig tun.“

„Aber ich bin nicht verheiratet.“

„Erwarten Sie, dass ich Ihnen glaube?“, fragte sie, empört über die schamlose Lüge.

„Glauben Sie, was Sie wollen. Es ist mir völlig egal.“

„Angeblich haben Sie das Haus wegen der vielen Schlafzimmer gekauft. Wen wollen Sie denn darin unterbringen, wenn nicht Ihre Kinder?“

„Es existieren Kinder, das stimmt. Aber ich habe sie sozusagen geerbt und nicht selbst gezeugt. Damit Sie es genau wissen, ich bin verlobt und nicht verheiratet.“

„Das ist doch beinah dasselbe“, beharrte sie. „Wie kann man denn Kinder erben?“

„Mein Bruder und seine Frau sind beim Bergsteigen ums Leben gekommen.“

„Das tut mir leid.“ Sogar in ihren eigenen Ohren klang die Bemerkung seltsam nichtssagend. Sie empfand tiefes Mitleid mit ihm, spürte jedoch instinktiv, dass sie es nicht zeigen durfte. Auf solche Regungen legte Adam Deacon keinen Wert.

„Bestimmt nicht so sehr wie den Kindern“, antwortete er verbittert.

„Wie viele sind es?“

„Vier.“

„Für Ihre Verlobte war es wahrscheinlich auch ein Schock.“ Sie konnte sich gut vorstellen, wie wenig begeistert die junge Frau über die Aussicht war, einen Mann mit vier Kindern zu heiraten.

„Damals waren wir noch nicht verlobt. Möchten Sie sonst noch etwas wissen? Sie brauchen sich nicht zurückzuhalten, aber das tun Sie ja sowieso nicht.“

Anna zog die Augenbrauen zusammen und trank den Tee. „Ich finde, es gehört viel Anpassungsfähigkeit dazu, vier fremde Kinder zu akzeptieren.“

„Überhaupt zu heiraten erfordert außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit.“

Sie sah ihn kritisch an. „Sie scheinen nicht begeistert zu sein.“

„Ich habe mich nur wegen der Kinder zu diesem Schritt entschlossen.“

Das passte so gar nicht zu Annas romantischen Vorstellungen von Liebe und Ehe. „Weiß es die Frau, die Sie heiraten wollen?“

„Jessica hat sich der neuen Entwicklung angepasst.“

„Ich bin froh, dass Sie das Opfer, das sie bringt, zu schätzen wissen.“ Für Annas Geschmack sprach er viel zu unbeteiligt und unpersönlich über die ganze Sache. „Leben Sie und Jessica schon lange zusammen?“

„Ist Ihnen taktvolle Zurückhaltung ein Begriff?“

Anna legte die Füße übereinander. Sie empfand keinerlei Schuldgefühle. „Wenn ich den Eindruck gehabt hätte, Sie seien verletzlich, wäre ich sicher diskreter gewesen.“ Sie lächelte ihn so selbstsicher an, als wollte sie ihn auffordern, sich nicht so anzustellen.

„Jessica und ich haben nie zusammengelebt. Wir haben beide Wert auf unseren Freiraum gelegt. Sind Sie jetzt zufrieden?“ Er wurde langsam ungeduldig.

Vielleicht ist diese Jessica ja eine Heilige, aber eine Frau, die angeblich ihren Freiraum braucht und dann, ohne zu zögern, bereit ist, einen Mann mit vier Kindern zu heiraten, macht mich misstrauisch, überlegte Anna.

Sie lächelte Adam leicht spöttisch an. „Na ja, auf Ihren Freiraum müssen Sie wohl in Zukunft verzichten. Wie lange kennen Sie sich?“

„Drei Jahre. Mit der Familie bin ich schon viele Jahre befreundet.“

„Das hört sich ganz nach einer leidenschaftlichen Beziehung an“, spottete sie. „Jessica muss ja völlig hingerissen sein von Ihnen.“

„Glauben Sie etwa, ich hätte Jessica lange bitten müssen?“, fragte er.

Du liebe Zeit, er war wirklich irgendwie naiv. Merkte er nicht, dass die Frau nur die Gelegenheit nutzte, ihn an sich zu binden, was ihr zuvor offenbar nicht gelungen war? Aber vielleicht sehe ich das alles zu eng, dachte Anna schuldbewusst. Eifersüchtig war sie natürlich überhaupt nicht, wie sie sich einzureden versuchte.

„Ich bin sicher, sie ist eine großartige Frau. Es würde mich nicht wundern, wenn sie die Lösung sogar selbst vorgeschlagen hätte.“ Anna lächelte betont unschuldig. „Für mich wäre es kein Kompliment, wenn ein Mann mich heiraten wollte, nur um eine Mutter für die Kinder zu haben.“

„In so eine Lage kommen Sie erst gar nicht“, antwortete er leicht verächtlich.

„Weiß Ihre Verlobte, dass Sie allein umherlaufende Frauen aufgreifen?“

„Sie erinnern mich an eine umherirrende Katze“, stellte er fest, statt ihre Frage zu beantworten. Er ließ den Blick über ihre schlanke Gestalt gleiten. Offenbar war er in Gedanken ganz woanders. Doch dann runzelte er die Stirn. „Zugegeben, ich habe einen kurzen Augenblick die Kontrolle verloren. Aber ich hatte ja auch noch keine Zeit, mich daran zu gewöhnen, verlobt und gebunden zu sein.“

„Sind Ihnen drei Jahre nicht genug?“ Anna war einfach zu neugierig, was sein Privatleben anging, obwohl es irgendwie masochistisch war, darauf herumzureiten.

„Ich habe nur gesagt, Anna, dass Jessica und ich uns seit drei Jahren kennen. Es war jedoch eher eine unverbindliche Beziehung.“

„Dann schlafen Sie wohl mit allen möglichen anderen Frauen“, hielt sie ihm ärgerlich vor.

„Ich wechsle die Partnerinnen nicht wahllos und nicht zu häufig, wenn Sie das andeuten wollen mit Ihrem moralischen Einwand.“

„Wäre es Ihnen denn egal, wenn Ihre Verlobte mit anderen Männern schlafen würde?“, fragte Anna ungläubig.

„Jessica ist viel zu taktvoll, um so etwas überhaupt zu erwähnen. Und ich würde selbstverständlich so ein Thema gar nicht erst anschneiden.“

„Wie zivilisiert!“ Anna war entsetzt.

„Ich dachte, gerade Sie mit Ihrer wenig angepassten Lebensweise würden so eine Übereinkunft ideal finden.“

„Dann haben Sie falsch gedacht“, rief sie aus. „Wenn mir der Mann, den ich liebe, untreu wäre, würde ich bestimmt nicht höflich schweigen, sondern …“

Seltsam fasziniert beobachtete Adam, wie sie aufsprang. In ihrem so lebendig wirkenden Gesicht spiegelte sich Leidenschaft. Es war kaum zu übersehen, wie heftig sich ihre Brüste hoben und senkten.

„Wenn ich bereit wäre, mich jemandem bedingungslos hinzugeben, müsste es auf Gegenseitigkeit beruhen. Ich hasse Unehrlichkeit …“ Zu spät wurde ihr bewusst, wie aufschlussreich ihre Bemerkung war.

„Bedingungslos?“ Seine Stimme klang rau und nachdenklich, und er blickte Anna so interessiert an, dass sie sich wieder hinsetzte.

„Sagen wir es so, Sie und ich haben unterschiedliche Meinungen über Liebe und Ehe“, erwiderte sie betont beiläufig, um die Spannung zwischen ihnen aufzulösen.

„Glauben Sie, dass die Leidenschaft, von der Sie offenbar träumen, lange anhält?“ Er schüttelte den Kopf und lächelte ironisch. „Für kurze Zeit können solche Gefühle sehr anregend und befriedigend sein. Aber für eine Ehe reichen sie nicht aus. Respekt und gemeinsame Interessen sind eine viel solidere Grundlage.“

„Jessica tut mir wirklich leid, wenn sie von Ihnen nur Respekt erwartet.“

„Jedenfalls ist es sinnvoller, als sich lebenslang nur wegen einer körperlichen Reaktion zu verpflichten“, antwortete er leicht betroffen. „Denken Sie doch nur an uns beide. Vom ersten Moment an hätten wir uns am liebsten gegenseitig die Kleidung vom Leib gerissen. Aber lieber würde ich einen Wirbelsturm über mich ergehen lassen, der ist im Vergleich zu Ihnen ruhig und friedlich.“

„Wenigstens bin ich nicht langweilig.“ Insgeheim gestand sie sich ein, dass er recht hatte. Er hätte es jedoch auch netter ausdrücken können.

Ich wollte Adam unter allen Umständen aus dem Weg gehen, doch was habe ich stattdessen bei erstbester Gelegenheit getan? fragte sie sich verbittert. War sie etwa davongelaufen? Nein, im Gegenteil, sie saß sogar leicht bekleidet und in intimer Atmosphäre mit Adam Deacon zusammen. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt, denn die Situation war ziemlich gefährlich.

„Und was heißt das?“ Seine Stimme klang leicht belustigt.

„Durch Sie erhält der Begriff vornehmer Wichtigtuer eine ganz neue Bedeutung“, erklärte sie betont freundlich. „Wie alt sind Sie? Fünfunddreißig? Sie hören sich an, als hätten Sie Ihr ganzes Leben wie ein Computerprogramm geplant.

Ich bin sicher, Sie haben die besten Absichten. Doch wenn die Kinder Ihres Bruders in einem liebevollen Elternhaus aufgewachsen sind, werden sie sich keinen einzigen Tag von der Situation, die sie bei Ihnen vorfinden, täuschen lassen.“ Sie betrachtete die kindlichen Bilder, die er an die Wand geklebt hatte. „Haben Ihre Nichten und Neffen sie gemalt?“

„Ja, Sam und Nathan“, antwortete er, und seine Stimme klang liebevoll. „Zwillinge, drei Jahre alt. Sie haben immer noch Albträume. Momentan kümmert sich meine Mutter um die Kinder. Aber sie brauchen wieder ein geordnetes Familienleben.“

„Ich finde es ziemlich pathetisch, zu glauben, Sie brauchten nur zu heiraten und aufs Land zu ziehen, dann wäre alles in Ordnung“, erwiderte sie ernst. „Man sollte nicht wegen bestimmter Umstände heiraten, Adam.“

„Wachen Sie endlich auf, Anna. Sie sind daran gewöhnt, alles zu bekommen, was Sie haben wollen. Doch so geht es meist nicht. Im wirklichen Leben muss man Kompromisse schließen.“

„Dazu wäre ich nicht bereit. Deshalb bin ich aber nicht realitätsfern.“ Sie dachte an ihre zerstörten Hoffnungen und Träume. „Ihre Vorstellungen sind unrealistisch, das alles kommt mir vor wie eine einzige Lüge. Man kann nicht ein Zuhause schaffen wie ein Filmset. Lassen Sie sich denn nie von Ihrer Intuition leiten?“

„Seien Sie froh, dass ich es nicht tue“, fuhr er sie an. In seinen Augen blitzte es auf, und er atmete tief ein und aus.

„Und wenn ich bereit wäre, das Risiko zu tragen?“ Wieso habe ich das denn jetzt gesagt? überlegte sie und presste die Lippen zusammen, um nicht noch mehr herausfordernde Bemerkungen zu machen.

Adams Miene wirkte angespannt und seine Haltung verkrampft. Offenbar konnte er sich nur mühsam beherrschen.

„Ach, vergessen Sie es“, forderte sie ihn rasch auf. „Sie haben nichts gehört.“

„Oh, ich habe Sie sogar sehr deutlich verstanden.“ Seine Stimme klang rau, und in seinen Augen leuchtete es beinah verwegen auf, während er Anna ungeniert musterte.

Sie lachte unsicher und versuchte vergebens, seine Absicht zu erraten. Momentan wirkte er ziemlich gefährlich und unberechenbar, während sie ihm gerade noch unterstellt hatte, langweilig und voreingenommen zu sein.

Als er die Lippen geheimnisvoll und vielversprechend verzog, verkrampfte sich ihr der Magen. Sie bemühte sich, sich ihre Nervosität und Vorfreude nicht anmerken zu lassen.

„Ich sage oft irgendetwas daher.“

„Aber Sie haben es ernst gemeint“, warf er ihr vor.

Anna fühlte sich durchschaut und kam sich ziemlich hilflos vor. Doch plötzlich ärgerte sie sich. Sie brauchte das alles ja nicht mitzumachen, sondern konnte aufstehen und gehen. Sie blieb jedoch reglos sitzen.

„Komm her, Anna“, forderte Adam sie auf. Seine Stimme klang so heiser, dass Anna eine Gänsehaut bekam.

Langsam stand sie auf und ging zu ihm. Sie verstand sich selbst nicht mehr.

Schließlich stand sie vor ihm, und in seinen Augen blitzte es zufrieden auf. Er streckte die Hand aus und berührte Anna an der Schulter. Dann ließ er die Finger über ihren Arm gleiten. Die leichte Berührung ließ sie erbeben. Und als Adam sie an den Schultern packte und sie hinunter auf die Knie drückte, erbebte er auch. Sein heftiges, primitives Verlangen löschte jeden vernünftigen Gedanken in ihm aus.

Behutsam strich er ihr einige Strähnen ihres seidenweichen Haars aus der Stirn, ehe er ihr schmales Gesicht umfasste. Einen Augenblick lang, der ihr wie eine halbe Ewigkeit vorkam, betrachtete er sie fasziniert.

Anna klopfte das Herz zum Zerspringen, und sie war sich sicher, er würde es hören.

„Du bist das bezauberndste und perfekteste Wesen, das ich je kennengelernt habe“, flüsterte er, ehe er die Lippen auf ihre presste und mit der Zunge ihren Mund erforschte.

Sie legte ihm die Hände auf die Brust und spürte seine warme Haut durch das feine Material des Hemds hindurch. Als Adam aufstöhnte, wurde ihr bewusst, was sie da tat. Sie öffnete die Augen und begegnete seinem Blick.

„Ich kann es nicht“, sagte sie rau, obwohl sie sich mit ihrem ganzen Körper nach ihm sehnte. Es fühlte sich herrlich an, seine Lippen auf ihren zu spüren, seinen männlichen Duft wahrzunehmen und seine Haut zu streicheln.

„Warum nicht?“, fragte sie heiser. Dann umfasste er ihren Po, hob sie hoch und setzte sie auf seine Oberschenkel. Sein Verlangen war so stark und so heftig, wie Anna es sich nicht hätte vorstellen können. Er schob ihre Beine auseinander und drängte sich dazwischen. Als sie seine starke Erregung spürte, errötete sie.

Anna hielt den Atem an, während er ihr die Hände unter das Hemd schob und langsam ihren Po, ihre Hüften und ihre Taille streichelte, ehe er ihre Brüste umfasste. Mit den Daumen liebkoste er die aufgerichteten Spitzen so zärtlich, dass sie es kaum ertragen konnte.

„Du treuloser Kerl!“, fuhr sie ihn unvermittelt an.

„Lieber das als eine Verführerin, die sich im entscheidenden Moment zurückzieht“, entgegnete er zornig und frustriert. Er versuchte erst gar nicht, sie festzuhalten.

„Verführerin!“, wiederholte sie empört. Sie zitterte am ganzen Körper. Der Absturz aus den höchsten Höhen sinnlicher Gefühle in die ernüchternde Wirklichkeit kam zu plötzlich. Doch seine arrogante Bemerkung bestätigte ihr, dass sie sich richtig entschieden hatte, auch wenn es schmerzte.

„Du liebe Zeit, es überrascht mich schon gar nicht mehr, dass du Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit nicht erkennen kannst. Du bist total verklemmt und steckst voller Vorurteile. Auch wenn du es nicht glaubst, ich halte nichts von Gelegenheitssex. Weshalb soll ich nicht offen zugeben, dass ich jemanden attraktiv finde? Hör bitte gut zu, ich habe dich attraktiv gefunden, ehe ich feststellen musste, was für ein engstirniger, heuchlerischer Mensch du bist. Nur damit du es weißt, ich bin keine sexbesessene Verführerin.“

„Vergiss nicht, was soeben passiert ist, liebe Anna.“ Seine Miene wirkte so nachdenklich und kühl, dass Anna beunruhigt war.

„Dafür verachte ich mich selbst.“

„Ah ja, das glaube ich dir aufs Wort“, antwortete er skeptisch.

„Ich brauche meine Sachen.“

„Du brauchst etwas ganz anderes.“ Als er die Tränen sah, die ihr plötzlich in den Augen standen, fühlte er sich schuldig.

Sie begehrte ihn so sehr wie er sie, was sie offen zugegeben hatte, während er es zu verheimlichen versuchte. Er hatte gehofft, sein völlig untypisches Verhalten vor einer Woche sei nur eine vorübergehende Verirrung gewesen. Doch schon wenige Sekunden in Anna Laceys Gesellschaft hatten ihm das Gegenteil bewiesen. Sie faszinierte ihn so sehr, dass er alles andere vergaß und sich wie ein verantwortungsloser Teenager benahm, der sich nicht beherrschen konnte. Er war entsetzt über sich und schämte sich.

Anna spürte, was in ihm vorging. Es machte sie krank. „Nein, Adam, das stimmt nicht.“

„Warum hast du es dann herausgefordert?“, fragte er verbittert.

Offenbar wollte er die Verantwortung auf sie abwälzen. Und Anna gestand sich ein, dass sie wirklich nicht ganz unschuldig war.

„Irgendwie kann ich mich bei dir nicht beherrschen“, erwiderte sie leise. Doch plötzlich ärgerte sie sich über die unmögliche Situation. „Denk bitte nicht, ich sei glücklich darüber, mein Urteilsvermögen und meinen guten Geschmack verloren zu haben!“

Er heiratet in Kürze eine andere Frau, und ich biete mich ihm praktisch immer wieder an, sagte sie sich zornig. Ihr seltsam widersprüchliches Verhalten war ihr unerklärlich. „Am besten gehen wir uns aus dem Weg. Ich möchte deine Pläne nicht durchkreuzen.“

„Das schaffst du sowieso nicht.“

„Freut mich“, behauptete sie.

Adam fuhr sich übers Kinn. Er schien wütend zu sein. „Tu nicht so, als wärst du nicht genauso daran beteiligt gewesen wie ich. Was ist eigentlich mit dir los? Musst du jeden Mann haben, den du attraktiv findest? Oder willst du dich rächen, weil ich an dem Abend nicht so reagiert habe, wie du es dir gewünscht hast?“

„Das ist doch Unsinn“, fuhr sie ihn zornig an. „Mach mich nicht dafür verantwortlich, dass du nicht treu sein kannst! Und mach mich nicht zum Sündenbock, nur weil du wegen deiner gar nicht so perfekten Beziehung frustriert bist.“

„Zieh dich an, dann fahre ich dich nach Hause“, forderte er sie mit angespannter Miene auf.

„Ich gehe lieber zu Fuß.“

Er versuchte nicht, sie umzustimmen. Obwohl Anna es auch nicht erwartet hatte, war sie sich nicht sicher, ob sie sich darüber freuen oder ärgern sollte.

3. KAPITEL

Durch das Läuten des Telefons wurde Anna geweckt. Sie lag mit einer Grippe, die sie sich nach dem unfreiwilligen Bad im Bach geholt hatte, im Bett. Es ging ihr jedoch schon wieder besser. Rasch stand sie auf.

„Hallo, Anna, wie geht es dir?“, ertönte Rosalinds Stimme.

„Na ja, ich werde es überleben. Ist bei dir alles in Ordnung?“

„Hast du Adam gesehen?“

„Nein, das will ich auch nicht“, erwiderte sie. Schon beim Gedanken an diesen Mann verkrampfte sich ihr der Magen.

Rosalind seufzte. „Natürlich nicht. Ich habe nur überlegt, ob ich … Ach nein, ich komme auch so zurecht.“

„Willst du mir nicht sagen, was los ist?“ Anna verstand überhaupt nichts mehr. Ihre sonst so besonnene Schwester hörte sich seltsam beunruhigt an.

„Es ist nichts, wirklich nicht“, versicherte Rosalind ihr betont heiter. „Ich habe nur Probleme mit dem neuen Facharzt. Wir hatten uns viel zu sehr an Adam gewöhnt. Er ist einfach wunderbar. Ich vermisse ihn sehr.“

Anna rang nach Atem. Wie hatte sie nur so naiv sein können? Offenbar war auch ihre Schwester von Adam begeistert. Lindy hatte über ein Jahr mit ihm zusammengearbeitet.

„Grüß Mam und Dad, und pass auf dich auf. Bis bald“, verabschiedete Rosalind sich dann rasch.

Schockiert legte Anna den Hörer auf. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, Adams starker erotischer Ausstrahlung zu widerstehen und sich ihren Gefühlen für ihn nicht hinzugeben. Deshalb hatte sie nie darüber nachgedacht, was ihre Schwester empfand. Dabei hätte es sie stutzig machen müssen, dass Rosalind ihn mit auf die Party genommen hatte.

Nachdem sie sich den Kimonomantel und Freizeitschuhe angezogen hatte, betrachtete sie sekundenlang ihr blasses Gesicht im Spiegel. Sie war überzeugt, dass ihre Schwester in Adam Deacon verliebt war. Hatte er ihre Zuneigung etwa ausgenutzt?

Anna machte sich einen Tee, den sie mit nach oben ins Schlafzimmer nehmen wollte. Wo ist meine Mutter eigentlich? fragte sie sich unvermittelt. Sie hätte schon längst wieder zu Hause sein müssen. Plötzlich hörte Anna die Stimme ihrer Mutter aus dem Wohnzimmer und blieb sekundenlang stehen, ehe sie die Tür öffnete. „Ich wusste nicht, dass du …“

„Du bist ja wach, Anna. Du siehst immer noch schlecht aus. Stimmt’s, Adam?“

„Ja, das finde ich auch.“ Adam betrachtete sie und spürte, wie verletzlich sie war. Er hätte sie am liebsten beschützt. Ihm war klar, dass sein Besuch problematisch werden könnte.

„Mein Auto hat schon wieder gestreikt, und Adam hat mir freundlicherweise geholfen. Komm, begrüß ihn.“

„Das geht nicht“, murmelte Anna. Sie war sich seines Blickes viel zu sehr bewusst. Dabei hatte sie sich vorgenommen, bei der nächsten Begegnung mit ihm kühl und sicher aufzutreten und ganz besonders gut auszusehen. Sie hatte unbedingt beweisen wollen, wie leicht es ihr fiel, ihn aus ihrem Leben zu streichen. „Ich möchte Adam nicht anstecken.“

„Unsinn. Du steckst niemanden mehr an. Du tust dir nur etwas leid momentan. Ich wollte Adam gerade Fotos zeigen.“ Ihre Mutter deutete auf das Fotoalbum vor ihr.

„Nein, bitte nicht“, protestierte Anna viel zu heftig. „Er interessiert sich bestimmt nicht dafür.“

„Doch, tue ich“, erklärte er.

„Er wusste nicht, dass du getanzt hast.“

„Woher auch?“ Annas Hand zitterte, als sie die Tasse auf den Tisch stellte. Immer wieder schaffte es Adam, dass sie sich schrecklich dumm und ungeschickt vorkam. Aber das musste aufhören.

„Gut, dass du Tee gemacht hast. Möchten Sie auch einen, Adam?“ Ohne seine Antwort abzuwarten, eilte Beth Lacey aus dem Raum.

Anna ärgerte sich über ihr gar nicht perfektes Aussehen und die Tatsache, dass er sich ziemlich gleichgültig ihre Lebensgeschichte auf den Fotos ansah. Außerdem hätte sie ihn am liebsten gefragt, warum er sich ihrer Schwester gegenüber so unsensibel verhielt.

„Was war das für eine Verletzung an deinem Knie?“

„Ein Bänderriss.“ Sie nahm das Fotoalbum an sich und legte die Zeitungsausschnitte zusammen.

„Wer hat dich operiert?“, fragte er ungerührt.

„Sir James Kennedy.“

„Der Beste.“

„Das bist du doch“, fuhr sie ihn ironisch an. „Lindy glaubt es jedenfalls. Mehr hat sie vorhin am Telefon nicht sagen wollen“, fügte sie hinzu. Aber er tat so, als hätte er die Anspielung nicht verstanden.

„Wie geht es Lindy?“, erkundigte er sich.

„Als ob du das nicht wüsstest!“

„Dann hätte ich nicht gefragt.“ Er zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Sie vermisst dich.“

„Deine Abneigung der Medizin gegenüber kann ich ja verstehen, aber Jamie Kennedy ist wirklich Kniespezialist. Hat es Komplikationen gegeben?“

„Ich lehne die Schulmedizin nicht grundsätzlich ab“, erwiderte sie gereizt. „Ist dein Interesse rein beruflicher Natur? Aus deiner Sicht war es wahrscheinlich eine erfolgreiche Operation, wenn ich nicht ausgerechnet Balletttänzerin gewesen wäre.“

„In den Kommentaren nannte man es tragisch. Man habe ein junges und vielversprechendes Talent verloren, war da zu lesen.“

„Im großen Weltgefüge ist Tanzen nicht so wichtig, glaube ich. Deshalb würde ich es nicht tragisch nennen. Zeitungsleute übertreiben gern.“

„Hätten sie dich nicht loben sollen?“

„Okay, ich war gut, aber wer weiß schon, was aus mir geworden wäre.“

„Bist du nicht verbittert?“ Aufmerksam sah er sie an, als könnte er nicht glauben, dass sie wirklich so gut mit allem fertiggeworden war, wie sie tat. In den Zeitungsartikeln hatte man erwähnt, was für eine glänzende Zukunft sie vor sich gehabt hätte. Jahrelang hatte sie auf ein bestimmtes Ziel hingearbeitet. War sie wirklich so stark, dass sie den Schicksalsschlag so leicht verkraftet hatte?

„Es hätte leicht passieren können“, gab sie zu und erinnerte sich an die vielen Jahre harten Übens. Sie war ihrem Ziel sogar sehr nahe gewesen. Nachdem sie bei Gastspielen an Theatern verschiedener Städte als Primaballerina aufgetreten war, hatte man sie schon als neuen Stern am Balletthimmel gelobt. Sie richtete sich auf. Adam brauchte hier nicht den Psychologen zu spielen.

„Willst du behaupten, du würdest das alles vom philosophischen Standpunkt aus betrachten? Fühlst du dich nicht betrogen?“

Er verstand wirklich nichts. Anna zuckte die Schultern und sah auf einmal sehr zerbrechlich und verletzlich aus. Aber sie war nicht zerbrechlich. Die vielen Jahre harten Trainings hatten ihren Körper biegsam und geschmeidig gemacht. Wenigstens diese Stärke hatte sie sich bewahrt.

„Natürlich habe ich mich bemitleidet und geglaubt, das Schicksal habe mich ungerecht behandelt. Doch dann habe ich mich entschlossen, mich den neuen Herausforderungen zu stellen. Ich hasse es, Zeit zu verschwenden, und wollte den goldenen Jahren nicht nachtrauern. Ich habe mein Leben noch vor mir. Es lässt sich nicht ändern, dass ich nicht mehr als Balletttänzerin auftreten kann. Deshalb habe ich jedoch nicht aufgehört, Musik und Tanzen zu lieben.“

„Ja, das habe ich gesehen.“ Bei der Erinnerung daran blitzte es in seinen Augen auf.

Sogleich fühlte Anna sich unbehaglich. „Du hast es nicht gut gefunden“, sagte sie steif.

„Aus der Entfernung hat es mir gefallen.“

„Warum nur aus der Entfernung?“ Sein angedeutetes Lächeln faszinierte sie.

„Aus der Nähe bist du … zu beunruhigend.“

„Vielleicht brauchst du eine neue Herausforderung.“ Sie freute sich über sein Eingeständnis. Aber ihr war klar, dass er längst nicht so irritiert und unglücklich war wie sie. Er hatte sein Leben sorgsam geplant, und für sie gab es darin keinen Platz.

„Wozu willst du mich herausfordern?“, fragte er und blickte sie verächtlich an.

Anna fuhr insgeheim zusammen. „Es war nur eine harmlose Bemerkung.“

„Umso besser. In dem Outfit wirkst du nicht gerade wie eine Verführerin.“

„Danke. Du hättest mich wirklich nicht daran zu erinnern brauchen, dass ich nicht gut aussehe.“

In dem Moment kam Beth Lacey freundlich lächelnd herein und stellte das Tablett mit Tee und Gebäck auf den Tisch. „Ich freue mich, dass Sie Anna Gesellschaft leisten. Sie ist sehr ungeduldig.“

„Er ist nicht hier, weil er mich sehen wollte.“ Anna ärgerte sich über die verständnisvollen Blicke, die ihre Mutter und Adam tauschten.

„Du hättest mich nur darum zu bitten brauchen“, erklärte er.

Anna biss die Zähne zusammen. „Ich habe genug Freunde, die mich gern besucht hätten, wenn ich es gewollt hätte“, entgegnete sie verdrießlich.

„Hat Adam dir schon von den Einbrechern erzählt?“, fragte ihre Mutter. „Er hat sie auf frischer Tat ertappt. Ich finde ihn sehr mutig. Sind Sie etwa dabei im Gesicht verletzt worden?“ Besorgt betrachtete sie den Kratzer an seiner Wange.

„Nein, das war eine streunende Katze.“ Er warf Anna einen spöttischen Blick zu und fuhr sich über die Wange.

Er hat wirklich in Gefahr geschwebt, dachte Anna betroffen. „Er war nicht mutig, sondern dumm“, wandte sie scharf ein. „Wäre es nicht besser gewesen, du hättest die Polizei gerufen, statt dich wie ein Macho aufzuführen?“

„Nett von dir, dass du dir Sorgen um mich machst.“ Adam verstand ihre Bemerkung absichtlich falsch. „Aber ich bin kein Held, Anna.“

„Warum raubst du mir die Illusionen?“

„Anna, musst du unbedingt so unhöflich …“, begann ihre Mutter streng, überlegte es sich jedoch anders. „Na ja, vielleicht heitert es dich auf, wenn du erfährst, wer wieder hier ist.“

Anna wollte es nicht wissen. Sie ärgerte sich, wie perfekt Adam in der beigefarbenen Hose und der hellbraunen Lederjacke aussah.

Plötzlich läutete Adams Handy. Er entschuldigte sich und zog es aus der Tasche. „Hallo? Deacon hier.“

Er hörte eine Zeit lang zu, ehe er ausrief: „Was haben sie getan? Nathan und Sam haben sich im Badezimmer eingeschlossen und es überschwemmt? Warum, zum Teufel, das denn? Gerat jetzt nicht in Panik.“

Anna wurde rasch klar, dass er keine Ahnung hatte, wie er mit der Krise umgehen sollte. Er sah so entsetzt aus, dass sie lächeln musste.

„Es freut mich, dass du das so lustig findest“, fuhr er sie an. „Zwei beinah hysterische Kinder sind nicht zum Lachen.“ Er wandte sich wieder an die Person am anderen Ende der Leitung. „Ja, Kate, du hast mir schon gesagt, dass sie weinen.“

„Du musst sie herausholen“, mischte Anna sich schließlich hilfsbereit ein. Auch wenn er ein schrecklicher Mensch war, das hier war ein Notfall, und die Kinder taten ihr leid.

„Kommen sie ans Schloss?“

Adam gab die Frage übers Telefon weiter. „Okay, Kate, du brauchst mich nicht anzuschreien. – Offenbar ist ein Bein vom Stuhl abgebrochen“, erklärte er Anna. „Sie können den Wasserhahn nicht zudrehen.“

Sein Blick wirkte geradezu flehentlich. Na, das war einmal etwas ganz anderes. Offenbar war er gar nicht so souverän und unabhängig, wie er immer tat.

„Sie sollen den Stöpsel aus der Badewanne ziehen“, schlug sie vor.

„Verflixt, warum habe ich denn nicht daran gedacht?“ Er gab den Tipp weiter. „Sie haben es getan. Jetzt müssen wir nur noch überlegen, wie wir sie aus dem Badezimmer bekommen. Hallo, Jake. Gut, dass du da bist.“ Er seufzte erleichtert auf. „Was für ein Schloss ist es? Okay, dann kannst du es von außen abschrauben.“ Er machte eine Pause. „Sag ihnen, sie sollen sich beruhigen. Wie?“

„Man muss sie beschäftigen.“

Adam betrachtete Anna sekundenlang. Dann nickte er. „Hier, du kannst selbst mit ihr sprechen.“ Mit zwei Schritten war er bei ihr und reichte ihr das Handy.

Sie blickte ihn finster an. Das war wieder einmal typisch, sie sollte sein Problem lösen.

„Hallo, ich bin Anna“, sagte sie ins Telefon, und sogleich verflog ihr Ärger, denn sie hörte die Panik in der so jung klingenden Stimme.

Kate stellte sich auch vor. Dann riet Anna ihr so sanft, was sie tun solle, dass das aufgeregte Mädchen sich schon bald beruhigte.

„Erklär ihnen, was Jake da tut. Am besten improvisierst du. Und hör nicht auf, mit ihnen zu reden. Okay. Ich gebe dir jetzt wieder deinen Onkel.“ Sie runzelte missbilligend die Stirn und warf ihm das Handy zu.

Adam fing es lächelnd auf. „Danke, Anna.“ Er sah seltsam vergnügt aus.

Sie errötete und war sich seiner beunruhigenden Gegenwart viel zu sehr bewusst. Ich bin eben auch nur ein Mensch, schoss es ihr durch den Kopf.

„Du bist die Heldin des Tages“, erklärte er, nachdem er das Gespräch beendet hatte.

Misstrauisch sah sie ihn an. Offenbar meinte er es ernst. „Ich kann eben praktisch denken.“

„Und du hast ein weiches Herz“, fügte er hinzu. „Kate bedankt sich für die Hilfe.“

„Du machst mich ganz verlegen“, sagte sie unsicher.

„Das bist du schon. Ich hatte mir eingebildet, mit jeder Krise fertigzuwerden.“ Er verzog verächtlich die Lippen.

„Du hast gute Ansätze gezeigt“, erklärte sie so nachdrücklich, dass er sie spöttisch ansah. Sein eindringlicher Blick war nur schwer zu ertragen.

Doch dann ertönte die Stimme ihrer Mutter, und Anna wurde sich bewusst, dass sie mit Adam nicht allein war. In dem kurzen intimen Augenblick hatte sie alles um sich her vergessen.

„Anna hat sich immer daran erinnert, was es bedeutet, Kind zu sein. Nur wenige Menschen haben so viel Mitgefühl.“

„Sie ist sowieso ein außergewöhnlicher Mensch.“ Offenbar hatte auch Adam vergessen, dass sie nicht allein waren, denn er blickte sie so innig an, dass es ihr beinah den Atem raubte.

„Ich bin froh, dass alles wieder in Ordnung ist“, sagte sie unsicher und bemühte sich, die seltsam intime Atmosphäre, die sie einzuhüllen schien, zu ignorieren. „Red weiter, Mam, du wolltest doch unbedingt den neuesten Klatsch loswerden.“

„Simon Morgan ist wieder da!“

Anna stand sekundenlang wie erstarrt da. Dann beherrschte sie sich und warf Adam einen kühlen Blick zu. Seine Miene wirkte freundlich, aber uninteressiert. Dennoch war Anna sich sicher, dass ihm ihr Entsetzen nicht entgangen war.

„Wie schön!“, stieß sie schließlich hervor.

„Ich habe mir gedacht, dass du dich freuen würdest“, fuhr ihre Mutter unbekümmert fort. „Anna und Simon waren während der ganzen Schulzeit eng befreundet“, erklärte sie Adam. „Simon war vier Jahre in Kanada. Unglaublich, wie die Zeit vergeht.“

„Ist er mit seiner Familie zurückgekommen?“, fragte Anna. Die ganze Familie … Simon, Rachel und das Baby, das jetzt keins mehr war.

„Sie haben sich getrennt“, antwortete Beth Lacey.

Damit hätte Anna nicht gerechnet. Sie schluckte. „Na ja, ich lasse euch lieber allein. Ich bin müde und muss mich hinlegen“, verkündete sie dann unvermittelt.

Sie eilte die Treppe hinauf und ließ sich atemlos aufs Bett sinken. Nach all den Jahren war Simon ohne Rachel zurückgekehrt. Seit ihrem achten Lebensjahr war er ihr bester Freund gewesen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Collection Band 65" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen