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JULIA COLLECTION BAND 64

Das Herz des Sizilianers

MINISERIE VON CAROLE MORTIMER

Die Penthouse-Affäre

Auf einem Charity-Ball in London wird Robin unter seinen Blicken ganz heiß: Cesare Gambrelli ist der attraktivste Mann, dem die schöne Unternehmertochter je begegnet ist. Allerdings auch der gefährlichste – das spürt Robin sofort! Doch als Cesare sie zu einem Dinner in sein Penthouse einlädt, vergisst sie alle Bedenken. Und erfährt etwas Schockierendes …

Mein verführerischer Engel

Graf Carlo Gambrelli, genannt Wolf, ist ein berüchtigter Playboy. Tiefe Gefühle oder Liebe kommen für den erfolgreichen Geschäftsmann aus Sizilien nicht infrage – bis er der jungen Angelica Harper, genannt Angel, begegnet. Ausgerechnet die Frau, die Wolf für die neue Geliebte seines Freundes hält, weckt in ihm eine nie gekannte Sehnsucht nach beidem …

Süße rache, heiße Nächte

Weil Luc Gambrelli ihrer Freundin das Herz gebrochen hat, plant Darcy, es dem Filmproduzenten heimzuzahlen. Zunächst will sie ihn süß verführen – dann eiskalt fallen lassen. Doch als sie den attraktiven Sizilianer auf einer Premierenfeier endlich trifft, scheint sie in der eigenen Falle gefangen. Denn Luc ist umwerfend charmant, ganz anders als erwartet …

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Die Penthouse-Affäre

PROLOG

Weg.

Es war alles weg.

Das Geld war längst ausgegeben. Im letzten Jahr hatte er auch das Londoner Apartment verloren, ebenso wie die Villa in Frankreich und den roten Ferrari. Alles der Launenhaftigkeit des Rouletterades geopfert.

Es war eine Krankheit, sicher, das wusste er. Doch ganz gleich, wie sehr er sich auch bemühte …, er fand kein Heilmittel.

Letzte Nacht hatte er die eine Sache verloren, von der er sich geschworen hatte, dass er sie nie beim Glücksspiel einsetzen würde. Er hatte seine Familie hintergangen und im Stich gelassen, auf die verabscheuungswürdigste Art.

Er umklammerte das Lenkrad fester. Er fuhr einen Mietwagen, für ein eigenes Auto hatte er schon lange kein Budget mehr. Die Haarnadelkurven der Bergstraße, die ihn von Monte Carlo wegführte, nahm er fast instinktiv. Das Mittelmeer glitzerte einladend blau dort unten. Er kannte die Straße in- und auswendig, und er wusste schon jetzt, dass er – sosehr er sich auch anstrengen mochte, es nicht zu tun – heute Abend zurückkommen würde. Wenn das Fieber in ihm so heiß brannte, dass er es nicht mehr aushielt, dann kehrte er jedes Mal an den Spieltisch zurück.

Wie sollte er jemals wieder seinem Vater unter die Augen treten können? Seinem Vater – und Robin. Wie sollte er seinen Verrat rechtfertigen?

Er konnte es nicht. Nach all dem Kummer, den er ihnen schon bereitet hatte, konnte er es nicht.

Und das blaue Meer da unten sah so einladend aus …

Vielleicht sollte er einfach bei der nächsten Kurve das Lenkrad nicht einschlagen. Vielleicht war das die einzige Heilung von der Krankheit, die ihn nicht losließ, die ihn verzehrte mit ihrem glühenden Fieber, die ihn in ihren Klauen hielt und immer wieder zu Fortuna zurücklockte.

Doch Fortuna hatte ihn verlassen …

Vorbei.

Es war aus und vorbei.

Ihre Träume, ihre Hoffnungen …, sie waren nichts mehr wert, seit sie wusste, dass Pierre sie nie geliebt hatte. Er hatte nie die Absicht gehabt, ihretwegen seine Frau zu verlassen.

Vor einem Jahr hatte er ihr seine Liebe erklärt, und sie hatte ihm geglaubt. Ihr war gleich gewesen, dass er verheiratet war, sie wollte nichts anderes, als mit ihm zusammen sein, von ihm geliebt werden, ihn lieben.

Sie war so sicher gewesen, dass der Sohn, den sie ihm vor drei Monaten geboren hatte, ihm den endgültigen Anstoß geben würde, den er brauchte, um sich von seiner Frau zu trennen. Stattdessen hatte dieser Feigling seiner Frau alles gebeichtet und auf Knien um Vergebung gefleht, damit sie ihn nicht hinauswarf.

Ihr armer kleiner Sohn.

Ihr Marco.

Mit seiner Geburt hatte sie Schande über ihre Familie gebracht. Und das alles für nichts und wieder nichts. Pierre liebte sie nicht. Letzte Nacht, nachdem sie sich geliebt hatten und sie matt und zufrieden in seinen Armen lag, hatte sie ihn noch einmal gebeten, zu ihr und dem gemeinsamen Sohn zu kommen, und da hatte er ihr die Wahrheit eröffnet – dass er sie nicht liebte, dass sie nichts als eine weitere Eroberung war. Nur eine weitere Affäre auf einer langen Liste von Affären.

Tränen rannen ihr unablässig über die Wangen, als sie die Straße hinauf zurück nach Monte Carlo und dem Hotel fuhr, das ihrer Familie gehörte. Sie fuhr zurück zu ihrem Kind. Ihrem wunderbaren Kind. Ihrem vaterlosen Kind.

Marco würde es ohne sie besser haben!

Sie hatte kein Herz mehr, jetzt, da es in tausend Scherben zerbrochen war. Es würde nie mehr heilen.

Wenn es sie nicht mehr gab, dann würde sich Cesare, ihr Bruder, um Marco kümmern. Er würde Marco den Makel nehmen, der dem Jungen seit dem Tag seiner Geburt anhaftete. Cesare würde ihn wie einen eigenen Sohn lieben, und nichts und niemand würde Marco je verletzen können.

Konnte sie es? Konnte sie das Ganze hier und jetzt beenden?

Den unerträglichen Schmerz beenden, den Pierres Zurückweisung ihr zugefügt hatte.

Seine Lügen waren es, die sie bis an diesen Punkt der Verzweiflung getrieben hatten.

Sein Betrug an einer Liebe, die für sie so märchenhaft und perfekt gewesen war.

Sie sah auf das tief unten liegende azurblaue Mittelmeer, das so verlockend in der Sonne glitzerte. Ja, entschied sie, sie konnte es. Sie konnte den Wagen über die Klippen lenken und den Schmerz ein für alle Mal beenden …

Er konnte nicht ahnen, dass ihm ein Wagen entgegenkam. Ihm blieb gerade noch Zeit zu registrieren, dass keiner von beiden das Lenkrad einschlug, um die Kurve zu nehmen. Die beiden Autos stießen frontal zusammen, Metall krachte aufeinander. Sie rasten ins Nichts und schienen für einen Augenblick in der Luft zu stehen. Er sah in die Fahrerkabine des anderen Wagens, schaute in das schöne Gesicht einer jungen Frau, die ihn aus gehetzten dunklen Augen anblickte.

Dann begannen beide Autos zu fallen, bewegten sich abwärts im freien Fall auf die hypnotischen blauen Tiefen des Meeres zu …

1. KAPITEL

„Die Frau da bei Charles Ingram … Weißt du, wer sie ist?“, fragte Cesare unvermittelt.

„Entschuldigung?“ Peter Sheldon, Cesares Bekannter, runzelte verständnislos die Stirn.

Cesare verkniff sich eine ungeduldige Bemerkung. Zwar waren sie auf einem Wohltätigkeitsdinner, dennoch hatten sie über Geschäftliches geredet. Bis Cesares Aufmerksamkeit abgelenkt worden war – durch die umwerfend schöne Frau, die am anderen Ende des Saales an Charles Ingrams Seite stand.

An der Seite seines Erzfeindes!

Cesare lächelte und zeigte dabei eine Reihe perfekter weißer Zähne, die in seinem gebräunten Gesicht besonders auffielen. Mit den Augen allerdings lächelte er nicht. „Ich habe mich nur gefragt, wer die Schönheit ist, die ihn begleitet.“ Er hatte sich wieder im Griff, seine Stimme klang neutral, auch wenn er mit leicht zusammengekniffenen Augen zu dem ungleichen Paar hinsah.

Charles Ingram war inzwischen Ende fünfzig, aber noch immer ein attraktiver Mann mit dem silbergrauen Haar. Und die große Frau mit der würdevollen Haltung neben ihm fiel selbst in einem Saal voll schöner Frauen auf, die alle teure Designerkleider trugen, mit blitzenden Juwelen behängt waren und distinguiert gekleidete Männer in maßgeschneiderten Smokings an ihrer Seite hatten.

Ihr Haar hatte die Farbe von goldfarbenem Honig und fiel ihr in sanften Wellen bis über den Rücken hinunter. Selbst auf die Entfernung hin konnte Cesare sehen, dass ihre Augen von einem tiefen Blau und außergewöhnlicher Intensität waren. Jetzt lachte sie über etwas, das Charles zu ihr gesagt hatte, und die Augen leuchteten eindrucksvoll. Die Farbe ihrer Haut erinnerte an helle Magnolienblüten, ihre Lippen waren voll und fein geschwungen, ihr Hals lang und schlank. Das schlicht geschnittene weiße Kleid betonte die vollen Brüste und schmiegte sich schmeichelnd um ihre perfekte Figur.

Sie hatte ihre Hand – eine schmale Hand mit langen Fingern, mit deren Hilfe sie einen Mann sicherlich bis an den Rand des Wahnsinns bringen konnte – leicht auf den Arm ihres Begleiters gelegt, eine Geste der Vertrautheit, bei der Cesare unwillkürlich mit den Zähnen knirschte. Überhaupt umgab dieses Paar eine Aura von elitärer Intimität, trotz des großen Altersunterschieds.

„Eine Schönheit, nicht wahr?“, murmelte Peter Sheldon jetzt anerkennend und fügte bedauernd hinzu: „Schön, aber unerreichbar.“

„Ingram hat also die Exklusivrechte, meinst du?“ Ein Muskel zuckte in Cesares Wange. Traurig, dass eine solche Schönheit sich an Charles Ingram vergeudete.

„Nein, ganz und gar nicht“, erwiderte Peter trocken. „Die Dame, über die wir hier reden, ist Robin Ingram, Charles’ Tochter.“

Mehrere Sekunden lang starrte Cesare seinen Geschäftsfreund mit leerem Blick an.

Robin Ingram.

Charles Ingrams Tochter?

Also keineswegs die Geliebte, wie Cesare angenommen hatte. Eine Geliebte, die, worüber er sich schon amüsiert hatte, ihren Blick auf ihn geheftet hielt. Es hätte ihm hämisches Vergnügen bereitet, sie von ihrem alternden Liebhaber wegzulocken.

In den letzten drei Monaten hatte Cesare sämtliche Informationen über Charles Ingram gesammelt, die er bekommen konnte. Er wollte alles über seinen auserkorenen Feind wissen, bis hin zur Schuhgröße.

Natürlich war er bei seinen Erkundigungen auch auf Informationen zu Ingrams zweitem Kind gestoßen. Doch Cesare hatte angenommen – irrigerweise, wie sich jetzt herausstellte –, Robin sei Charles Ingrams jüngerer Sohn und somit von wenig Interesse.

„Ist Robin nicht ein Männername?“, fragte Cesare. Sein Englisch war fließend und akzentfrei – ebenso wie sein Französisch, sein Spanisch und sein Deutsch.

„Es ist einer von diesen Namen, die für beide Geschlechter benutzt werden können“, antwortete Peter leichthin.

Charles Ingrams zweites Kind Robin war also eine Frau, eine wunderschöne, unglaublich verlockende Frau.

Das warf ein ganz neues Licht auf den Racheplan, den Cesare sich für die Familie Ingram ausgedacht hatte …

„Daddy, kennst du den Mann? Nein, sieh jetzt nicht hin“, fügte Robin hastig hinzu. Ihr Vater hätte sich sonst bestimmt sofort umgedreht und wäre ihrem faszinierten Blick gefolgt. „Da drüben sitzt ein Mann mit dunklen Augen und fremdländischem Aussehen …“

„Ein attraktiver Mann mit dunklen Augen und fremdländischem Aussehen?“, fragte ihr Vater neckend.

„Nun … ja“, gestand sie und verzog leicht die Lippen. „Aber aus diesem Grund ist er mir nicht aufgefallen.“

„Sondern?“, hakte ihr Vater milde nach.

„Er starrt mich jetzt schon seit mindestens zehn Minuten an.“

„Wärst du nicht meine Tochter, würde ich dich auch anstarren!“ Charles lachte, dann wurde er ernst. „Du bist heute Abend ausnehmend schön, Robin. Ich bin froh, dass du mich überredet hast, herzukommen. Du hattest recht. Wir können uns nicht ewig verstecken, nur weil jemand vielleicht Simon erwähnen könnte.“

Robin riss ihren Blick von dem fremden Mann, der sie über den lauten und überfüllten Raum hinweg ansah, und schaute ihren Vater an. Noch immer lagen die tiefen Linien der Trauer auf seiner Stirn und um seinen Mund.

Die letzten drei Monate waren nicht leicht gewesen, für keinen von ihnen. Simons tödlicher Autounfall hatte ihr Leben in einen Scherbenhaufen verwandelt. Es war ein Verlust, den sie noch lange nicht verkraftet hatten. Vielleicht würden sie nie darüber hinwegkommen. Doch Robin hatte ihren Vater überzeugt, heute Abend mit ihr zu dieser Wohltätigkeitsveranstaltung zu gehen. Es war an der Zeit, dass sie die Scherben aufsammelten und kitteten und mit dem Leben weitermachten. Simon hätte es nicht anders gewollt.

„Aber lassen wir das jetzt beiseite und kehren wir zurück zu deinem gut aussehenden Fremden.“ Charles bemühte sich bewusst um einen heiteren Ton. „Wer ist es denn?“ Er drehte den Kopf und ließ den Blick über die anwesenden Gäste schweifen, die fünftausend Pfund pro Person bezahlt hatten, um an dieser Veranstaltung teilzunehmen.

„Er ist nicht zu übersehen“, antwortete Robin zerknirscht, während sie sich wieder von einem Augenpaar gemustert fühlte, das so dunkel war, dass man es fast als schwarz bezeichnen konnte. „Groß, sehr groß“, fügte sie beschreibend hinzu, denn sie sah, dass er alle Männer im Raum um einige Zentimeter überragte. „Ich schätze ihn auf Ende dreißig. Dunkles Haar, etwas zu lang.“ Diese durchdringenden Augen setzten ihr zu, ein Schauer rann ihr über den Rücken. „Er steht mit Peter Sheldon zusammen … Was ist denn, Daddy?“ Sie drehte sich zu ihrem Vater um, weil sie bemerkt hatte, dass er sich unwillkürlich versteifte.

„Ich will, dass du dich von ihm fernhältst, Robin!“, ordnete ihr Vater brüsk an und stellte sich automatisch beschützend vor sie.

„Aber wer ist er denn?“ Der plötzliche Unmut ihres Vaters verwunderte sie.

„Er heißt Cesare Gambrelli“, stieß Charles knurrend aus.

Gambrelli … irgendwie kam ihr der Name bekannt vor, nur der Name, den Mann hatte sie nie zuvor gesehen, da war sie sicher. An ihn hätte sie sich erinnert!

„Italiener“, fuhr ihr Vater fort. „Megareich. Die Gambrelli-Hotelkette gehört ihm, unter anderem.“

Deshalb kam ihr der Name vertraut vor. Natürlich kannte sie die exklusiven Gambrelli-Hotels. Sie hatte auch schon in einigen von ihnen übernachtet. Und wer wusste nicht, dass diese luxuriösen Häuser in fast allen Hauptstädten der Welt zu finden waren oder hatte schon mal vom Gambrelli-Medienkonsortium gehört, von den Musik- und Filmstudios, von der Fluglinie?

Und diesem Mann, der sie so intensiv anstarrte, gehörte dies alles. Was allerdings nicht die offensichtliche Feindseligkeit ihres Vaters erklärte.

„Ich verstehe nicht, wieso …“, hob sie an, hielt aber sofort inne. „Dreh dich nicht um, Daddy, ich glaube, er kommt zu uns!“ Mit ihren fast ein Meter achtzig und den hohen Absätzen war es ihr ein Leichtes, über die Schulter ihres Vaters zu blicken.

„Charles“, grüßte Cesare den älteren Mann mit ausdrucksloser Stimme, als er zu Vater und Tochter trat. Auf einen höflichen Handschlag verzichtete er. Mit leicht zusammengekniffenen Augen betrachtete er Robin. „Und das ist sicherlich Ihre wunderschöne Tochter, nicht wahr?“, fragte er glatt.

„Das ist Robin, ja.“ Charles Ingram war anzusehen, dass ihn diese Begegnung aus der Fassung brachte. „Es überrascht mich, Sie auf einer Veranstaltung dieser Art zu sehen, Gambrelli.“

Cesare ließ den Blick lange über Robins makellose Züge wandern – die verheißungsvollen roten Lippen, die lockenden intensivblauen Augen und die sinnlichen Rundungen ihrer Brüste waren genauso verführerisch, wie er es sich vorgestellt hatte. Dann erst wandte er sich an den älteren Mann. „Sie halten mich nicht für einen mildtätigen Mann, Charles?“, fragte er herausfordernd.

Robin konnte sich denken, was ihr Vater von diesem Mann hielt, denn schon nach wenigen Augenblicken hatte sie das gleiche Gefühl – dieser Mann war gefährlich!

Ein großes, dunkles, lebensbedrohliches Raubtier!

Und der am besten aussehende Mann, dem sie je begegnet war. Die schwarzen Augen, die gerade Nase, der Mund fest und mit klaren Linien, das Kinn markant. Das seidige schwarze Haar war aus der Stirn gekämmt und hing hinten etwas über den makellos weißen Hemdkragen. Er hatte breite Schultern und schmale Hüften, seine schlanke Statur strahlte gezähmte Kraft aus. Aber er war zweifelsohne auch der am bedrohlichsten aussehende Mann, den Robin kannte!

Die Art, wie er sie angesehen hatte, wie er seinen Blick erst über ihr Gesicht und über ihre bloßen Schultern in dem trägerlosen Kleid hatte wandern lassen, um ihn dann auf Robins Dekolleté zu heften, verstärkte dieses Gefühl nur noch.

Um genau zu sein, sie spürte ihre Wangen noch immer brennen, und auch ihr Atem ging leicht unregelmäßig. Nicht etwa aus Verlegenheit, sondern weil dieser Blick ein sinnliches Bewusstsein in ihr geweckt hatte, das ihre Brüste spannen und seidige Wärme in ihrem Schoß aufkommen ließ!

„Nein, das nicht“, antwortete Charles jetzt abfällig auf Cesares Frage. „Aber dies ist ein Wohltätigkeitsdinner für britische Belange, und Wohltätigkeit beginnt doch eigentlich immer im eigenen Land, also in Ihrem Fall in Italien, oder?“

Der perfekte Mund wurde ein wenig härter. „Davon geht man gemeinhin aus, richtig“, bestätigte Cesare Gambrelli leise. „Doch was meine Nationalität angeht, so irren Sie sich, Charles. Ich bin Sizilianer, kein Italiener.“

Robin bemerkte, dass ihr Vater bei diesen Worten unauffällig schluckte. Auch hörte sie klar die Herausforderung in der samtenen Stimme des anderen Mannes.

Was ging hier vor? Denn ihr war klar, dass unterschwellig noch etwas anderes in dem Gespräch der beiden Männer schwelte. Da war eine Gereiztheit, ein Doppelsinn der Worte …, die beiden sprachen nicht über das Wohltätigkeitsdinner, sondern von etwas ganz anderem.

„Da habe ich mich wohl geirrt“, gab Charles gemurmelt zu.

Ein kostspieliger Irrtum, wenn man Cesare gefragt hätte. Sizilianische Männer waren nicht gerade bekannt für ihre Nachsicht. Cesare würde der Ingram-Familie niemals vergeben, dass sie ihm die Schwester genommen hatten. Und Marco die Mutter.

„Haben Sie den Abend bisher genossen, Miss Ingram?“ Ganz bewusst wandte Cesare Robin seine volle Aufmerksamkeit zu. Er hatte gesehen, wie ihre Brüste sich gegen den seidigen Stoff ihres Kleides drückten, hatte gesehen, wie sich die sanften Rundungen hoben und senkten. Und auch wenn sie die Anspannung zwischen ihm und ihrem Vater bemerkt zu haben schien, so war sie sich doch offensichtlich auch der erotischen Spannung zwischen ihnen beiden bewusst.

Umso besser.

Er hatte seinen Plan noch nicht völlig überdacht, doch war ihm klar, dass er seine Anstrengungen jetzt nicht mehr nur ausschließlich auf Charles Ingram richten würde. Sich an der schönen Robin Ingram zu rächen, würde viel mehr Spaß machen als an ihrem Vater.

„Ja, danke“, antwortete sie leise und senkte die langen dunklen Wimpern.

Bescheiden. Schüchtern. Fast schamhaft. Doch Cesare wusste, Robin Ingram war nichts davon. Peter Sheldon wusste viel über Robin Ingram und hatte sein Wissen bereitwillig preisgegeben.

Sie war siebenundzwanzig, also zehn Jahre jünger als Cesare, und drei Jahre mit einem Adeligen verheiratet gewesen. Aus der Ehe waren aber keine Kinder hervorgegangen. Nach der Scheidung vor einem Jahr hatte sie ihren Mädchennamen wieder angenommen und auch nicht die geringsten Anzeichen gezeigt, eine ähnliche Erfahrung mit Männern wiederholen zu wollen. Daher stammte auch Peters Kommentar „schön, aber unerreichbar“.

Eindeutig eine Herausforderung für jeden Mann, der etwas auf sich hielt, doch noch mehr für jemanden, der auf Rache aus war, so wie Cesare.

„Mein Freund Peter Sheldon sagte mir, dass Sie bei der Organisation dieses Abends mitgewirkt haben, Miss Ingram“, schlug Cesare einen leichten Konversationston an. „Man muss Ihnen zu dem gelungenen Abend gratulieren.“ Er deutete mit dem Kopf auf den vollen Saal.

„Danke“, sagte sie noch einmal. „Doch da das Dinner noch nicht einmal serviert wurde, ist Ihr Lob vielleicht ein wenig verfrüht.“ Sie lachte perlend.

Cesare betrachtete sie. Es hatte ihn irritiert, zu erfahren, dass sie bereits verheiratet gewesen war und eine Scheidung hinter sich hatte, obwohl … mit siebenundzwanzig war sie wohl kaum noch Jungfrau. Dennoch würde es ihn interessieren, wer von den beiden Eheleuten die Trennung angestrengt hatte und aus welchem Grund …

„Unglücklicherweise kann ich nicht zum Dinner bleiben“, ließ er sie höflich wissen und freute sich im Stillen über die Enttäuschung auf ihrem Gesicht, die sie zu verbergen suchte. „Ich habe anderswo noch … persönliche Verpflichtungen.“

„Ach so?“ Ihr Tonfall war unmerklich schärfer geworden.

„Ja, wirklich.“ Er musste sich das spöttische Lächeln verkneifen, als er den leichten Unmut hörte, weil sie den offensichtlichen – und falschen – Schluss über die Bedeutung von „persönlichen Verpflichtungen“ gezogen hatte. „Aber ich gehe davon aus, dass der restliche Abend für Sie ebenso erfolgreich verlaufen wird.“

„Das hoffe ich auch“, gab sie zurück. Sie war wütend auf sich selbst, weil ihre Fantasie mit ihr durchgegangen war, sobald Cesare Gambrelli von „persönlichen Verpflichtungen“ gesprochen hatte. Schließlich konnte es ihr doch egal sein, wenn er die restliche Nacht mit einer Frau im Bett verbrachte!

Seit ihrer Scheidung vor einem Jahr hatte sie nicht einmal eine Dinnerverabredung mit einem Mann gehabt, ganz zu schweigen davon, dass sie allein beim Anblick eines Mannes sexuelle Erregung verspürte! Doch noch immer fühlte sie das Prickeln auf ihrer Haut und die sinnliche Empfänglichkeit für alles, was mit Cesare Gambrelli zusammenhing.

Ein Mann, vor dem ihr Vater sie ausdrücklich gewarnt hatte.

„Ich glaube, es ist Zeit, sich zu den Tischen zu begeben und das Bankett zu eröffnen.“ Erleichtert sah sie den Strom aus dreihundert geladenen Gästen sich in Richtung Speisesaal in Bewegung setzen. „Es war nett, Sie kennenzulernen, Mr Gambrelli“, sagte sie aus reiner Höflichkeit, nicht etwa, weil sie es ernst meinte.

Dieser Mann verunsicherte sie. Sein gutes Aussehen verunsicherte sie. Die Art, wie er sie ansah mit diesen dunklen Augen, verunsicherte sie. Und das Misstrauen ihres Vaters gegenüber Cesare Gambrelli, trotz des enormen Erfolgs, verunsicherte sie erst recht!

„War es das?“, konterte er trocken, und seine Lippen verzogen sich, während er Robin weiterhin durchdringend anschaute. „Nun, in diesem Falle werde ich alles daransetzen, dass wir uns wiedersehen, Robin. Schon bald.“

Robin schluckte, an ihrem Hals begann eine Ader sichtbar zu pochen. Eine Bewegung, die Cesare Gambrelli interessiert beobachtete, bis er die Lider halb senkte und Robin wieder in die Augen schaute.

„Sehr bald“, bekräftigte er leise, verabschiedete sich mit einem knappen Nicken von Charles und schlenderte mit langen Schritten davon.

„Ich will, dass du dich von diesem Mann fernhältst, Robin“, wiederholte ihr Vater noch einmal. Er schien blasser als sonst zu sein.

„Aber wieso …?“

„Vertrau mir in dieser Sache und tue einfach, was ich dir sage, bitte! Der Mann ist gefährlich, ich kann das gar nicht oft genug wiederholen.“

Genau das hatte Robin auch vor einigen Minuten gedacht. Und so, wie dieser Mann sie in Aufruhr versetzte, hatte sie auch vor, sich von ihm fernzuhalten. Ihr Körper summte noch immer vor Verlangen.

Allerdings hatte sie nach Cesare Gambrellis letztem Kommentar das ungute Gefühl, dass er genau das Gegenteil plante …

2. KAPITEL

„Es ist nett von Ihnen, mich zu empfangen, Miss Ingram“, grüßte Cesare Gambrelli, und Robin erhob sich graziös, als man ihn im Londoner Haus ihres Vaters in den Salon führte.

Hatte sie denn eine andere Wahl gehabt?

Der Mann war unerwartet vor der Schwelle aufgetaucht und hatte nach ihrem Vater gefragt. Als man ihm mitteilte, Charles Ingram sei nicht zu Hause, hatte Cesare Gambrelli darum gebeten, Robin Ingram sehen zu dürfen.

Zwar hatte ihr Vater sie vor Mr Gambrelli gewarnt – wofür er Robin bisher keine Erklärung gegeben hatte, obwohl sie ihn mehrere Male gefragt hatte. Aber es hätte unhöflich, ja schroff gewirkt, ihn an der Tür abzuweisen, wenn ihm doch schon gesagt worden war, dass sie zu Hause sei.

Wo also, bitte schön, war da die Wahl?

Er wirkte genauso groß und arrogant wie vor sechs Tagen, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, auch wenn er heute einen dunkelblauen Geschäftsanzug mit hellblauem Hemd trug statt der formellen Abendgarderobe.

Nach seinem Kommentar, mit dem er sich auf dem Galadinner von ihr verabschiedet hatte, war Robin klar gewesen, dass sie sich wiedersehen würden, sie hatte nur nicht gewusst, wann und wo. Ganz bestimmt hatte sie nicht damit gerechnet, dass das nächste Treffen im Stadthaus ihres Vaters, in das sie nach der Trennung von ihrem Ehemann gezogen war, stattfinden würde.

„Setzen Sie sich doch, Mr Gambrelli“, forderte sie ihn mit einer einladenden Geste zu den tiefen Sesseln auf. Vor seiner Ankunft hatte sie zusammengerollt auf dem Sofa gelegen und ein Buch gelesen.

„Danke.“

Robin hatte gehofft, dass sich seine überwältigende Präsenz im Raum und vor allem seine aufwühlende Wirkung auf sie verringern würden, wenn er erst einmal saß, doch sie hatte sich geirrt. Obwohl er sich setzte, vibrierte noch immer jedes Nervenende in ihrem Körper, sie fühlte das Brennen in ihren Wangen und das Prickeln in ihren Brüsten. Vielleicht lag es an dem Blick, mit dem er sie ansah, unter halb gesenkten Lidern hervor, so als würde er ihr jedes Kleidungsstück einzeln vom Leib ziehen.

Was auch immer der Grund sein mochte, sie fühlte sich von diesem Mann genauso erregt wie vor knapp einer Woche. Fast spürte sie diese Hände mit den langen kräftigen Fingern auf ihrer Haut, schmeckte die festen Lippen, die sich auf ihren Mund pressten …

Sie setzte sich wieder auf das Sofa und verschränkte die zitternden Finger im Schoß. „Was kann ich für Sie tun, Mr Gambrelli?“

Oh, so einiges, dachte Cesare bei sich und verzog die Lippen zu einem kleinen Lächeln. Diese Frau, deren Schönheit heute nicht weniger auffallend war, hatte einen Körper, mit dem sie einem Mann garantiert ein solches Vergnügen schenken konnte, dass er glatt den Verstand verlor.

Nun, das würde Cesare jedenfalls nicht tun. Jegliche Beziehung, die er mit dieser Frau einging, würde genau nach seinen Vorstellungen verlaufen. Er würde die absolute Kontrolle behalten. Ein Muskel zuckte in seiner Wange, er presste die Lippen zusammen.

„Das Erste, was Sie für mich tun können, ist mich Cesare nennen“, forderte er sie auf und beobachtete, wie ihre Wangen sich dunkler färbten.

Das war nicht das schüchterne Erröten einer unberührten Maid. Im Alter von siebenundzwanzig und nach einer gescheiterten Ehe war sie das ganz gewiss nicht. Nein, dieser rote Hauch entstammte sexueller Erregung. Ihre Augen waren jetzt sehr dunkelblau. Ihre Brüste zeichneten sich unter der dünnen Seidenbluse ab, er konnte die Konturen ihres BHs sehen, und die aufgerichteten Spitzen, die sich gegen den Stoff drückten. Auch wenn sie brav und gesittet auf dem Sofa saß, die Hände manierlich gefaltet, die Knie sittsam zusammengepresst, so wusste er doch, dass es nicht Tugend war, die sie so sitzen ließ.

Robin Ingram, die unerreichbare Robin, konnte ihr Verlangen nach ihm nicht leugnen. Sie wollte ihn mit einem Nachdruck, der sich nicht verheimlichen ließ. Was die nächsten Minuten eigentlich vereinfachen sollte – für sie beide.

Schlimm. Das eine Wort blitzte unablässig in Robins Kopf auf. Sie rutschte unruhig auf dem Sofa hin und her und war sich der Hitze, die sich in ihrem Körper ausbreitete, extrem bewusst. Und das allein vom Anblick dieses Mannes. Herrgott, sollte er sich jemals vor ihr ausziehen und ihr seinen Körper in all seiner dunklen Pracht präsentieren, würde sie wahrscheinlich einen Höhepunkt erreichen, ohne dass er sie überhaupt anrührte!

„Nun gut … Cesare.“ Sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten. „Sie wollten zu meinem Vater?“

„Nein“, kam prompt die Antwort. „Es war von Anfang an meine Absicht, Sie zu sehen.“

Robin blinzelte und runzelte die Stirn. „Aber Sie haben doch nach meinem Vater gefragt.“

Er nickte kurz. „In dem vollen Wissen, dass er nicht hier ist.“

Robin starrte ihn verständnislos an. Wenn Cesare wusste, dass ihr Vater nicht im Hause war, warum hatte er dann überhaupt nach ihm gefragt? „Ich verstehe nicht …“ Sie schüttelte verwirrt den Kopf.

„Sicher“, stimmte er zu. „Aber das werden Sie schon bald“, gab er unmissverständlich zu verstehen.

Die Drohung in seinem Ton war unüberhörbar, Robin lief ein Schauer über den Rücken. Abrupt stand sie auf, jetzt war es Ärger, der ihre Wangen färbte. „Ich weiß nicht, was für ein Spiel Sie spielen, Mr Gambrelli, aber ich versichere Ihnen …“

„Es ist kein Spiel, Robin“, fiel er ihr ins Wort. Ein Blick aus gefährlich glitzernden Augen richtete sich auf sie, sein Kinn wurde hart, genau wie seine Stimme. „Setzen Sie sich!“, befahl er kalt.

„Was erlauben Sie sich!“

„Ich sagte, setzen Sie sich, Robin!“, wiederholte er.

„Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie Gast in diesem Haus sind, Mr Gambrelli. Noch dazu ein unerwünschter!“, fauchte sie. „Und ich nehme grundsätzlich keine Befehle an, von niemandem!“

„Sie werden sich setzen.“ Er blieb völlig ruhig. „Und wir beide werden uns unterhalten. Oder besser, ich rede, und Sie hören zu. Und wenn Ihr Vater später nach Hause kommt, werden Sie ihn darüber in Kenntnis setzen, dass Sie beschlossen haben, meine Frau zu werden.“

„Ihre … Ihre …“ Vor ungläubiger Wut begann Robin zu stottern. „Ganz sicher nicht!“ Fassungslos starrte sie ihn an. „Sagen Sie, nehmen Sie etwas ein, Mr Gambrelli? Soll ich einen Arzt für Sie rufen?“

„Ich nehme nichts ein, Robin“, versicherte er ihr mit eiskalter Gelassenheit, „und ich bin auch nicht verrückt“, fügte er hinzu, als er ihren Blick sah.

Von der Erregung, die sie vorhin sichtbar verspürt zu haben schien, war keine Spur mehr zu sehen, wie er fast amüsiert bemerkte. Eher war ihr Körper jetzt kampfbereit.

Aber das war jetzt unwichtig. Wenn sie erst seine Frau war, würden sie genug Zeit dafür haben. Schon jetzt freute er sich darauf, alle Möglichkeiten und Vergnügungen mit dieser Frau auszuloten.

Wenn sie ihn erst geheiratet hatte …

In den letzten sechs Tagen hatte er Erkundigungen über Robin Ingram, geschiedene Robin Bennett, eingezogen. Jetzt wusste er praktisch alles über sie, selbst ihre BH-Größe – und so einige andere Dinge, von denen sie es wahrscheinlich lieber hätte, wenn sie niemand wüsste.

Cesare presste unmerklich die Lippen zusammen, wenn er an ihre gescheiterte Ehe dachte. Und an den Grund, warum ihr Ehemann sich von ihr hatte scheiden lassen. Es hatte nichts mit „Unvereinbarkeit“ zu tun, wie es offiziell hieß.

Für Robin würde sich vieles ändern, wenn sie erst seine Frau war. Zum einen würde sie natürlich Marcos Mutter werden. Aber Cesare plante auch, dass sie ihm mehrere Söhne und Töchter schenken sollte. Die schöne, elegante, weltgewandte Miss Ingram würde Mrs Cesare Gambrelli werden und die nächsten Jahre mit Kindern und Küche beschäftigt sein!

Das ist eine angemessene Wiedergutmachung dafür, dass ihr Bruder meiner Schwester Carla das Leben genommen hat, dachte Cesare. Dass ihr Bruder Marco die Mutter genommen hatte.

Allerdings bezweifelte er, dass Robin das ebenso sehen würde. Nun, es war gleich, was sie dachte und welche Einwände sie vorbringen mochte. Er hatte andere Mittel, um sie zu ihrem Einverständnis zu zwingen. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen würde er diese Mittel auch einsetzen müssen.

Aber selbst das war egal. Er würde nicht abweichen von seinem Plan. Robin Ingram würde seine Frau und Marcos Mutter werden, ob sie wollte oder nicht.

„Setzen Sie sich, bevor Sie noch umfallen!“, knurrte er.

Ist mir meine Angst vor diesem Mann so deutlich anzusehen? fragte sich Robin.

Natürlich war die Angst deutlich. Welche Frau würde sich nicht fürchten in der Gegenwart eines Mannes – den sie kaum kannte! –, der einfach in ihr Haus marschiert kam und ihr selbstherrlich mitteilte, sie habe ihn zu heiraten.

„Ich stehe lieber, danke“, ließ sie ihn würdevoll wissen. „Und ich denke, Sie sollten jetzt besser gehen. Sie sind offensichtlich der irrigen Ansicht, ich würde Sie heiraten wollen. Aber lassen Sie sich gesagt sein …“

„Lassen Sie sich von mir sagen, Robin, dass dies keinesfalls eine irrige Ansicht ist. Was Sie angeht, so mache ich mir keine Illusionen.“ Er lachte humorlos. „Sie sind die wohlbehütete und verwöhnte Tochter eines Mannes, der nicht den geringsten Einfluss auf eines seiner Kinder hatte …“

„Gehen Sie bitte!“, fuhr Robin zitternd auf.

„… und Sie sind die Schwester des Mannes, der für den Tod meiner jüngeren Schwester verantwortlich ist!“, fuhr er fort, als hätte sie nichts gesagt.

Robin starrte ihn an, ihre Augen wirkten wie dunkle Flecke in einem Gesicht, das leichenblass geworden war.

Gambrelli!

Vor einer Woche schon hatte sie gedacht, dass der Name ihr bekannt vorkam, doch als ihr Vater von dem Multimillionär Cesare Gambrelli gesprochen hatte, war sie mit der Erklärung zufrieden gewesen.

Doch jetzt erinnerte sie sich.

Jetzt wusste sie es!

Ihr Bruder Simon war mit seinem Wagen frontal mit einem anderen Auto zusammengestoßen und auf tragische Weise ums Leben gekommen. Das war vor drei Monaten gewesen. Die Fahrerin des anderen Wagens war eine junge Frau namens Carla Gambrelli gewesen.

Cesare Gambrellis Schwester.

Es war eine schwere Zeit für sie alle gewesen, doch Robin war sicher, dass ihr Vater, sobald er sich etwas von dem schrecklichen Schock erholt hatte, einen Kondolenzbrief an Carla Gambrellis Familie geschickt hatte. An Cesare Gambrelli?

Sie schüttelte den Kopf. „Wie mein Vater damals schon schrieb, bedauern wir alle Ihren Verlust, Mr Gambrelli, so wie wir auch um meinen Bruder trauern.“

„Ich will keine Entschuldigungen von Ihnen!“, fuhr er auf und sprang hoch. Er schaute sie mit glühendem Blick an. „Die Entschuldigungen bringen meine Schwester nicht zurück.“

„Meinen Bruder Simon auch nicht“, erinnerte sie ihn leise, das Kinn leicht vorgeschoben.

Ihr Vater hatte nie erwähnt, ob er eine Antwort auf seinen Brief erhalten hatte. Obwohl … ausgehend von Cesare Gambrellis jetzigem Verhalten bezweifelte sie das.

Cesare schnaubte verächtlich. „Ihr Bruder war ein Nichtsnutz und Spieler, ein Mann ohne Ehre. Sein Tod war kein Verlust, für niemanden. Während meine Schwester …“

„Wie können Sie so etwas sagen!“ Robin schnappte entrüstet nach Luft.

„Ich sage es, weil es die Wahrheit ist“, erwiderte er, jeder Zoll ein arroganter Sizilianer. „Ihr Bruder hat alles verspielt, was er besaß, er war eine Schande für die Familie.“

„Ich denke, das zu entscheiden sollten Sie meinem Vater und mir überlassen“, entgegnete Robin vehement. „Hören Sie, ich verstehe, dass der Tod Ihrer Schwester Ihnen zugesetzt hat, ich kann es Ihnen wirklich nachfühlen. Aber Ihre Schwester und Simon sind auf einer kurvigen Bergstraße kollidiert. Niemand kann sagen, wer Schuld hatte. Sie können doch nicht ernsthaft allein Simon für den Tod Ihrer Schwester verantwortlich …“

„Und ob ich das kann! Ich mache ihn verantwortlich!“, unterbrach er sie heftig. Daran zurückzudenken, wie seine Schwester gestorben war, hatte ihn wieder mit größtem Zorn erfüllt.

Für lange Zeit waren es nur sie beide gewesen, Cesare und Carla. Die Mutter war bei Carlas Geburt gestorben, Cesare war da elf Jahre alt gewesen. Cesare war es auch gewesen, der seine kleine Schwester großgezogen hatte, denn der Vater hatte seine Trauer im Alkohol ertränkt, was ihn schließlich umbrachte. Da war Cesare zweiundzwanzig gewesen und Carla elf.

Cesare hatte seine kleine Schwester von ganzem Herzen geliebt, hatte sich um sie gekümmert und sie ihr Leben lang beschützt – und Simon Ingram hatte sie getötet!

„Ihr Bruder hatte die ganze Nacht im Casino zugebracht, bevor der Unfall passierte“, fuhr er angewidert fort. „Es gibt mehrere Zeugen, die bestätigten, wie sehr er sich über seine Verluste aufgeregt hat, wie aggressiv er war. Es hat sogar eine Schlägerei zwischen ihm und einem der Casinoleiter gegeben.“

Cesare verzog abfällig den Mund. „Während Carla an dem Abend zum Essen bei Freunden eingeladen war. Ich habe mit Pierre und Charisse Dupont gesprochen, Carla war weder betrunken noch aufgeregt, sondern fröhlich und ausgeglichen, als sie deren Haus verließ. Meine Schwester war eine umsichtige Autofahrerin. Was glauben Sie, Robin? Wer könnte den Unfall wohl eher verursacht haben?“

Falls das überhaupt möglich war, sah Robin Ingram so blass noch schöner aus. Ihre Augen wirkten riesengroß in dem feinen Gesicht, die vollen Lippen zitterten leicht.

Sie schüttelte den Kopf, das honigblonde Haar floss ihr über die Schultern. „Der Polizeibericht sagte eindeutig, dass …“

„Ich kenne den Polizeibericht, Robin. Ich habe gefragt, was Sie denken. Wer von den beiden trägt wohl eher die Schuld?“, fragte er barsch.

Robin ertrug seinen anklagenden Blick nicht und wandte das Gesicht ab. Sie wusste nicht, was sie ihm antworten sollte. Sowohl sie als auch ihr Vater hatten von Simons Spielsucht gewusst. Hatten von der Tatsache gewusst, dass er aggressiv wurde und nicht mehr ansprechbar war, wenn er verlor. Was die meiste Zeit der Fall gewesen war.

Aber was dieser Mann hier andeutete …

Nein, er deutete nicht an, er hatte klar und deutlich behauptet, dass er Simon die Verantwortung für den Tod seiner Schwester gab.

Was immer noch nicht erklärte, was Cesare Gambrelli von dieser Anschuldigung zu der Forderung brachte, sie solle ihn heiraten!

Robin reckte die Schultern und hob ihr Kinn, um dem funkelnden Blick zu begegnen. „Dieser Unfall ist eine Tragödie für beide Familien, Mr Gambrelli“, sagte sie leise. „Ich denke nicht, dass Schuldzuweisungen irgendetwas an der Situation ändern. Es bringt Ihnen Ihre Schwester nicht zurück und mir nicht meinen Bruder.“

„Und Marco nicht seine Mutter.“

Robin verharrte. Dieses ganze Gespräch war geradezu surreal, aber jetzt hatte sie scheinbar völlig den Faden verloren. „Marco?“

Cesares Lippen verzogen sich humorlos. „Ist das etwa noch etwas, das Sie lieber verdrängen? Oder wissen Sie es wirklich nicht?“, fragte er schneidend, die Augen abschätzig zusammengekniffen.

„Was soll ich wissen?“

„Als Carla starb, hinterließ sie ein drei Monate altes Baby. Einen Jungen“, betonte Cesare scharf.

Robins Knie gaben nach, eine Welle der Übelkeit überrollte sie. Sie stolperte rückwärts und ließ sich auf das Sofa fallen.

Carla Gambrelli war so jung schon Mutter gewesen? Und durch ihren Tod hatte ein drei Monate alter Säugling die Mutter verloren?

Robin schluckte, versuchte, der Übelkeit Herr zu werden. Simon zu verlieren war eine traumatische Erfahrung, eine Tragödie, über die weder sie noch ihr Vater je ganz hinwegkommen würden. Aber Cesare Gambrellis Verlust war einfach zu schrecklich, um genau darüber nachzudenken.

Sie sah abrupt auf. „Wo ist das Baby, Ihr Neffe, jetzt?“

Cesare Gambrelli sah hochmütig auf sie hinunter. Nichts in seiner Miene deutete daraufhin, dass er nachsichtig sein könnte, weil er gesehen hatte, welchen Schock er ihr mit dieser Information versetzt hatte. „Natürlich ist Marco bei mir.“

„Aber … was ist mit dem Vater?“, wollte sie wissen.

„Es gibt keinen Vater.“

Natürlich gab es einen Vater. Oder sollte das bedeuten, dass dieser Mann das Kind nicht anerkannte? Was angesichts der Tatsache, dass Carlas Bruder Cesare Gambrelli war, entweder sehr mutig oder sehr dumm war.

„Es gibt niemanden außer mir“, stieß Cesare gepresst hervor. „Und deshalb habe ich Marco adoptiert. Er ist mein Adoptivsohn. Ein Sohn, der eine Mutter braucht“, schloss er entschieden.

Robin runzelte bedrückt die Stirn. Das war also der Grund, weshalb dieser Mann sie dazu bringen wollte, ihn zu heiraten? Damit sie die Rolle der Mutter für Marco übernahm, weil Cesare überzeugt war, dass ihr Bruder Simon dem Baby die leibliche Mutter genommen hatte?

Das war ja lächerlich.

Absolut verrückt.

Cesare Gambrelli konnte doch nicht wirklich annehmen …

Doch, das tut er, wurde ihr erschreckend klar, als sie in seine unnachgiebige Miene schaute. Sie schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, ich wusste nichts davon. Was jedoch nichts daran ändert, dass Ihre Idee mit dem Heiratsantrag absurd ist.“

„Das ist kein Antrag, Robin, sondern eine Forderung“, teilte Cesare ihr ungerührt mit. „Die Heirat wird so schnell wie möglich stattfinden, sowie die Arrangements getroffen sind.“

„Sie können mich nicht zwingen, Sie zu heiraten, Mr Gam­brelli“, widersprach Robin trotzig.

„Hatten wir uns nicht geeinigt, dass Sie mich Cesare nennen?“, erinnerte er sie.

„Nein, Sie haben es verlangt“, korrigierte sie. „Und ganz gleich, mit welcher Dampfwalzentaktik Sie auch vorgehen, ich werde Sie nicht heiraten!“

Die hektischen roten Flecke, die auf Robins Wangen erschienen waren, beeindruckten ihn nicht. Er blieb völlig gelassen. „Sind Sie da sicher?“, hakte er geradezu sanft nach. „Ich denke nämlich, dass Sie mich sehr wohl heiraten werden.“

Zwar war in seinem ursprünglichen Racheplan keine Heirat vorgesehen gewesen, aber seit er Robin vor einer Woche getroffen hatte, war er immer mehr zu der Überzeugung gelangt, dass dies eine sehr viel pragmatischere Lösung war. Marco würde eine Mutter bekommen, die er so viel dringender brauchte als die Nanny, die Cesare eingestellt hatte. Eine Mutter, die als seine Frau auch noch für seine eigenen Bedürfnisse sorgte.

Bedürfnisse, die Robin Ingram vor Kurzem noch gar nicht als so unangenehm empfunden zu haben schien …

„Kommen Sie schon, Robin“, stieß er ungeduldig hervor, „so unerfreulich kann die Vorstellung, das Bett mit mir zu teilen, doch nicht sein.“

Vor wenigen Minuten noch hatte sie diesen Mann nur ansehen müssen, um ein Verlangen in sich zu spüren, wie sie es noch nie zuvor gespürt hatte. Allerdings war das in dem Augenblick abgestorben, als er diese absurde Heirat erwähnte. Eine Heirat aus reinen Rachegelüsten!

Sie war bereits einer Ehe entkommen. Die war eine Katastrophe gewesen, und sie hatte nicht vor, diese Erfahrung zu wiederholen. Während des gesamten letzten Jahres war sie nicht ein einziges Mal mit einem Mann verabredet, ganz zu schweigen davon, dass sie auch nur einen Gedanken an eine neue Bindung verschwendet hätte. Sie wusste, dass ihr der Ruf vorauseilte, gefühlskalt und hochnäsig zu sein.

Cesare Gambrellis enorme Sinnlichkeit konnte diesen Ruf gefährden. Und sie brauchte gar nicht mehr über diesen Mann zu erfahren, um zu wissen, dass eine Ehe mit ihm eine noch größere Katastrophe sein würde als die, die sie hinter sich hatte.

Entschlossen schüttelte sie den Kopf. „Diese Bemerkung verdient es nicht, mit einer Antwort honoriert zu werden … Was machen Sie da?!“ Sie schnappte nach Luft, als er mit zwei großen Schritten bei ihr war, sie vom Sofa in seine Arme zog.

„Wenn Sie das nicht wissen, sollte ich es Ihnen wohl zeigen“, antwortete er spöttisch, und dann beugte er den Kopf, um seinen Mund auf ihre Lippen zu pressen.

Robin war zu verdattert, um sich zu wehren oder auf diesen unerwarteten Angriff zu reagieren. Dennoch nahm sie wahr, wie ihr Puls zu hämmern begann, konnte auch nichts dagegen tun, dass ihre Hände wie von allein zu den breiten Schultern hinaufwanderten und sich an ihnen festklammerten. Denn ihre Knie schienen sie nicht mehr tragen zu wollen, als er sie an seinen muskulösen Körper zog.

Robin wollte ihm widerstehen. Wusste, dass sie ihm widerstehen musste, dass sie ihn wegstoßen und aus dem Haus werfen sollte.

Doch als er sich fordernd an ihr rieb und sie den Beweis seiner Erregung fühlte, stieg die Hitze in ihren Schoß. Und ein Stöhnen arbeitete sich in ihrer Kehle empor, als seine Zunge ihre Lippen auseinanderzwang und sich heiß und fordernd in der warmen Höhle ihres Mundes in dem gleichen Rhythmus bewegte wie seine Schenkel.

Robin hatte das Gefühl, bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Jeder Nerv, jeder Muskel in ihr reagierte auf die flüchtigste Berührung von Cesare. Die Spitzen ihrer Brüste richteten sich auf, und durch den dünnen Stoff der Bluse umschloss Cesare die harten Perlen mit den Lippen. Robin lehnte sich zurück, um die Liebkosung intensiver spüren zu können, und verlor sich in dem sinnlichen Vergnügen.

Sie konnte nur einen verhangenen Blick auf ihn richten, als er plötzlich den Kopf hob und sich von ihr zurückzog.

„Nein“, meinte er nachdenklich, „ich glaube sogar, es wird Ihnen ganz und gar nicht unangenehm sein, Robin.“

Sein spöttischer Ton wirkte wie eine kalte Dusche auf Robin. Die Hitze in ihr erlosch jäh. Sie stieß Cesare abrupt von sich und stolperte fast, als er die Arme sinken ließ.

Er trat einen Schritt zurück und ließ verächtlich den Blick über sie wandern. Sein Triumph über ihre Kapitulation war mehr als offensichtlich.

„Sie Mistkerl!“, spie sie wütend aus. Ihre Wangen waren flammend rot, aus Wut sowohl über ihre eigene Reaktion als auch über seine unverschämte Arroganz.

„Mag sein“, nahm er ungerührt hin. „Dennoch werden Sie mich heiraten, Robin. Und zwar bald. Schließlich sollen unsere Kinder doch nicht unehelich zur Welt kommen, oder?“

Robin war unendlich verlegen wegen ihrer Reaktion auf ihn und fühlte sich auch unwohl mit den nassen Flecken auf der Bluse. Auf jeden Fall war sie nicht gewillt, die unglaubliche Selbstherrlichkeit dieses Mannes noch weiter hinzunehmen. „Ich habe nicht die geringste Absicht, Sie zu heiraten“, presste sie hervor. „Weder jetzt noch in Zukunft.“

„Da bin ich anderer Meinung“, widersprach er sanft. „Ich glaube sogar, Sie werden es ohne großes Theater tun.“

Robin betrachtete ihn abwägend, sah seine siegessichere Miene, den herausfordernden Blick. Das ungute Gefühl keimte in ihr auf, dass sie längst nicht alle Fakten kannte. „Was haben Sie mir bisher verschwiegen?“, fragte sie schließlich.

„Sowohl schön als auch intelligent“, machte ihr Cesare ein Kompliment mit leicht zur Seite geneigtem Kopf. Dabei war er vor einigen Minuten lange nicht so unbeteiligt geblieben, wie er sich das gewünscht hätte. Robin Ingram war wirklich extrem verführerisch.

Allerdings hatte er nicht vor, sie im Salon ihres Vaters zu lieben. Wenn er sie zur Erfüllung führte, dann sollte es in einem Bett geschehen, sie beide nackt, damit er beobachten konnte, wie ihr Körper sich in der Ekstase verlor, die seine Berührungen ihr entlockten. Und dann wollte er sich zurücklegen, ihr zusehen und sie fühlen, wie sie ihm Gleiches mit Gleichem vergalt.

„Was ich Ihnen bisher verschwiegen habe?“, wiederholte er nachdenklich, dann lächelte er boshaft. „Wie hellsichtig von Ihnen, zu vermuten, dass ich mir das Beste bis zum Schluss aufbewahrt habe.“

„Lassen Sie den billigen Sarkasmus und sagen Sie es schon!“, fauchte sie.

Das Lächeln sah plötzlich echt aus. „Ah, sexuelle Frustration macht Sie übellaunig und unbeherrscht“, stellte er amüsiert fest.

Sie verengte die Augen zu Schlitzen. „Ihnen bleiben genau dreißig Sekunden, mir zu sagen, wieso Sie so sicher sind, dass ich Sie heiraten werde. Danach lasse ich Sie vom Butler hinausbegleiten, nötigenfalls auch mit Gewalt“, warnte sie ihn hitzig.

„Das glaube ich kaum“, behauptete er selbstsicher. „Dennoch werde ich Ihre Neugier befriedigen.“ Er nickte knapp. „Eigentlich hatte ich von Anfang an vor, Ihnen zu erklären, warum Sie gar keine andere Option haben.“

„Ich bin ganz Ohr!“ Robin wünschte sich nichts anderes, als dass er endlich verschwinden würde. Nicht nur aus dem Haus, sondern auch aus ihrem Leben!

„So stimmt das nun wahrlich nicht“, meinte er lässig. „Ihre Ohren, so süß sie auch sein mögen, sind bestimmt nicht Ihre reizendsten Körperteile.“ Vielsagend senkte er den Blick auf ihre Brüste.

Robin musste ihre ganze Willenskraft zusammennehmen, um nicht ebenfalls an sich herunterzusehen, ob die Bluse inzwischen so weit getrocknet war, dass die dunklen Spitzen nicht mehr durch den Stoff schimmerten.

„Zehn Sekunden!“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Mit einem überlegenen Lächeln zog er etwas aus der Innentasche seines Jacketts hervor – Papiere, die er mit aufreizender Langsamkeit vor Robin mit der Hand auf dem Tisch glatt strich.

Robin beobachtete ihn, wie wohl eine Fliege die herannahende Spinne beobachten musste, in deren Netz sie sich verfangen hatte. Aus Cesare Gambrellis unerschütterlicher Ruhe schloss sie, dass diese Unterlagen etwas enthielten, das sie zu der Einwilligung in diesen Heiratsantrag bringen würde.

In den Heiratsantrag, der kein Antrag war, sondern eine Forderung.

3. KAPITEL

„Sind die zehn Sekunden nicht längst vorbei? Sie sollten den Butler rufen, Robin“, fragte Cesare Gambrelli provozierend.

Ja, die zehn Sekunden waren vorbei. Und sie waren lähmend langsam vergangen. Doch Robins Neugier war geweckt – genau darauf hatte Cesare Gambrelli gezählt –, und sie würde niemanden rufen, bevor sie nicht genau wusste, was diese Papiere enthielten.

„Hatte ich Sie nicht gebeten, endlich mit der Sprache herauszurücken?“ Nur mühsam beherrschte sie sich, ihre Schultern waren inzwischen so verspannt, dass sie schmerzten.

Sein Mund wurde zu einer harten Linie. „Ich schätze es nicht, von anderen gesagt zu bekommen, was ich zu tun und zu lassen habe.“

„Das Gleiche gilt für mich“, versicherte sie ihm mit eisigem Tonfall.

Cesare musterte sie unter halb gesenkten Lidern. Die Blässe ihrer Haut unter den vor Ärger geröteten Wangen, die verspannte Haltung ihres Körpers, die zitternden Hände, die sie aneinanderpresste – alles Zeichen, dass sie keineswegs so gefasst war, wie sie vorzugeben versuchte.

Vielleicht hatte er sie fürs Erste wirklich weit genug getrieben. Schließlich hatte er genügend Zeit, um sie zahlen zu lassen – Jahre. „Nun gut“, hob er an. „Diese Unterlagen“, er hielt die Papiere hoch, „sind Schuldscheine aus den Casinos in ganz Europa, die ich in den letzten drei Monaten gesammelt habe. Sie wurden von Ihrem Bruder ausgestellt, und ich habe mir die Freiheit genommen, sie auszulösen.“

„Mein Vater wird sicherstellen, dass Ihnen jeder Penny ersetzt wird.“

„Aber ich will gar kein Geld, Robin“, meinte er freundlich.

Robin riss ungläubig die Augen auf. „Sie glauben, wegen dieser Schulden würde ich einwilligen, Sie zu heiraten?“

„Ja. Und Sie werden Marcos Mutter.“

Die Erwähnung des Babys rüttelte an Robins Entschlussfestigkeit. Es war wirklich eine Tragödie, dass der Kleine, der erst ein paar Monate alt war, seine Mutter verloren hatte. Und trotz ihrer vorherigen Behauptungen war sie lange nicht so sicher, dass Simon den Unfall nicht verursacht hatte …

Die letzten drei Monate waren traumatisch gewesen. Die Nachricht von Simons Tod hatte bei ihrem Vater einen leichten Herzinfarkt verursacht, und auch für Robin war es ein solcher Schock gewesen, dass sie fast zusammengebrochen wäre.

Doch in diesen drei Monaten hatten sie auch das ganze Ausmaß von Simons Schulden erkannt. Die ganze Situation war ein Albtraum, vor allem für die Anwälte, die täglich mit neuen Forderungen von irgendwelchen Etablissements konfrontiert wurden.

Von denen wusste Cesare Gambrelli offenbar nichts. Die meisten davon waren auch in England ansässig. Doch ihrem Vater würde es gelingen, das Geld aufzutreiben, um die Forderungen zu begleichen. Doch weder diese Schwierigkeiten noch das Ausmaß von Simons Schulden änderten etwas an der Tatsache, dass es keine Lösung für Cesare Gambrellis Probleme war, wenn er sie zwang, die Mutter seines Adoptivsohns zu werden.

Es gab keine einfache Lösung. Vor drei Monaten waren zwei junge Menschen völlig sinnlos gestorben. Ihre Familien trauerten um sie, aber was passiert war, ließ sich nicht mehr ändern, nichts würde sie wieder zurückbringen.

Auch nicht eine Heirat zwischen Cesare Gambrelli und Robin Ingram.

Cesare konnte die verschiedenen Emotionen, die Robin durchlief, an ihrer Miene mitverfolgen – Unsicherheit, Zweifel, Trauer, Bedauern, gefolgt von einer schnellen Rückkehr zu ihrem früheren Entschluss. Es wurde Zeit, dieses Katz-und-Maus-Spiel zu beenden.

Cesare richtete sich auf. „Die Schuldscheine sind Lappalien im Vergleich zu dem hier.“ Er nahm die oberste Seite von dem Stapel und hielt sie Robin hin.

Ihre Hand zitterte leicht, als sie das Blatt von ihm entgegennahm. Kaum hatte sie die ersten Zeilen gelesen, schwand alle Farbe aus ihrem Gesicht.

„Wie Sie sehen können“, fuhr Cesare unbarmherzig fort, „hat Ihr nichtsnutziger Bruder praktisch als letzte Handlung vor seinem Tod die Aktien verspielt, die seine Mutter ihm hinterließ. Es sind die Anteile an ‚Ingram Publishing‘, dem Verlagshaus Ihres Vaters – dreißig Prozent, um genau zu sein. Diese dreißig Prozent gehören nun mir, angelegt auf einem Sachkonto.“ Damit reichte er ihr ein zweites Blatt.

Robin traute ihren Augen nicht, sie konnte nicht glauben, was sie da las. Das konnte einfach nicht sein. Unmöglich … Simon hätte niemals …

Oder etwa doch?

Das Glücksspiel war zur Sucht geworden. Eine Sucht, der er alles geopfert hatte, das wusste Robin, alles, so hatten sie geglaubt, außer den Anteilen am Verlagshaus des Vaters, die Simon vor fünf Jahren beim Tode der Mutter überschrieben worden waren.

„Das kann unmöglich rechtens sein …“, hob sie bebend an.

„Es hat alles seine Richtigkeit“, versicherte Cesare nüchtern.

Robin schluckte und sah wieder auf das Blatt. „Aber die Summe, die Simon dafür bekommen hat, ist …“

„Weit unter Wert, ich weiß. Nichtsdestotrotz ist die Transaktion völlig legal, selbst wenn Ihr Bruder diese Anteile für nur einen einzigen Penny abgestoßen hätte.“

Robin wurde es schwindlig. Dieser Mann wäre nicht hergekommen, so überzeugt von sich und anmaßend, wenn er nicht absolut sicher wäre, dass sein Besitz legal war.

„Ich bin bereit, Ihnen die Anteile bei unserer Heirat als Hochzeitsgeschenk zu überlassen“, sagte er jetzt triumphierend.

Erstaunt und ungläubig sah sie zu ihm hin. Er glaubte doch tatsächlich, er könne sie mit diesen Anteilen erpressen! Sie sah es an seiner grimmig entschlossenen Miene und seinem herausfordernden Blick.

Sie schüttelte den Kopf. „Mein Vater wird die Anteile wieder zurückkaufen. Natürlich zum aktuellen Marktwert“, fügte sie tonlos hinzu.

„Sie stehen nicht zum Verkauf, ganz gleich für welchen Preis“, kam es von Cesare Gambrelli. „Wie schon gesagt, im Moment liegen sie auf einem Sachkonto, mein Name taucht nirgendwo als Aktienhalter auf. Sollten Sie allerdings meinen Bedingungen nicht zustimmen, werde ich die Aktien auf meinen Namen eintragen lassen und den mir zustehenden Vorstandssessel besetzen. Ich habe vor, dann eine äußerst aktive Rolle im Vorstand zu übernehmen.“

Robin zweifelte keine Sekunde an seinen Worten. Und so, wie er zu ihrer Familie stand, würde er alles daransetzen, um Ingram Publishing und damit ihren Vater zu ruinieren.

Die Firma bedeutete ihrem Vater alles, sie war sein Lebenswerk. Robin selbst hatte die letzten Jahre im Verlag gearbeitet, nachdem sie ihr Studium an der Universität beendet hatte.

Seit zwei Jahren arbeitete sie als Assistentin und rechte Hand ihres Vaters, weil Simons Exzesse es ihm unmöglich gemacht hatten, diese Position zu übernehmen.

„Ihr Vater hatte gesundheitliche Probleme nach dem Tod Ihres Bruders, nicht wahr?“, erkundigte Cesare sich.

Robin biss die Zähne zusammen. Sein sanfter Ton täuschte sie nicht, es war nur eine weitere Drohung. Dazu eine sehr reale! Nach dem Herzinfarkt hatten die Ärzte ihrem Vater dringend geraten, kürzerzutreten und alle Aufregungen zu vermeiden. Bisher hatte er diesen Rat kaum befolgen können, denn jeder Tag brachte eine weitere Katastrophe ans Tageslicht, die Simon heraufbeschworen hatte. Gerade heute Nachmittag war ihr Vater bei einem Treffen, um einen Teil von Simons Schulden zu begleichen.

„Ich habe nicht vor, den Gesundheitszustand meines Vaters mit Ihnen zu diskutieren“, sagte sie spitz.

„Nein, natürlich nicht. Das wäre auch völlig unnötig. Wir beide wissen doch, was es für Ihren Vater bedeuten könnte, sollte er erfahren, wie weit sein Sohn gegangen ist. Es würde ihm einen Schlag versetzen, von dem er sich so leicht nicht wieder erholen würde. Vielleicht sogar einen, der tödlich enden könnte …“

„Was sind Sie nur für ein Mann!“ Entsetzen war in ihrem Blick zu lesen, als sie ihn mit bleicher Miene ansah.

„Ich bin Sizilianer“, trumpfte er stolz auf, „und in meinem Land gibt es nur eine Gangart bei einer Familienfehde, Robin. Blut für Blut“, fügte er an, als sie ihn mit leerem Blick anschaute. „Eine solche Fehde kann nur durch Tod oder eine Eheschließung zwischen den beiden Familien beigelegt werden.“

Ihr Vater hatte sie vor diesem Mann gewarnt und ihr geraten, sich von ihm fernzuhalten. Doch wie hätte sie das tun sollen, der Mann war ja zu ihr gekommen! Allerdings fragte sie sich jetzt, woher ihr Vater gewusst hatte, welche Bedrohung Cesare Gambrelli darstellte. Hatte er etwa doch Antwort auf seinen Kondolenzbrief erhalten?

Cesare beobachtete sie kalt. Der Schmerz und der Schock auf ihrer Miene ließen ihn völlig ungerührt. Seine wunderschöne Schwester war tot, und der Bruder der Frau vor ihm war daran schuld. Er würde Rache nehmen, auf die eine oder andere Art!

„Mein Vater würde einer Heirat zwischen uns unter solchen Umständen niemals zustimmen“, brachte sie unter Anstrengung gefasst hervor.

„Die Entscheidung obliegt nicht Ihrem Vater, sondern ist allein Ihre“, wischte er ihren Einwand abfällig beiseite. „Weigern Sie sich, meine Frau zu werden, werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um Ingram Publishing zu zerstören.“

Das war keine leere Drohung. Charles Ingram gehörten fünfzig Prozent am Verlag, Robin Ingram zwanzig Prozent. Es war das Erbe ihrer Mutter. Cesare wusste genau, welchen Schaden er mit seinem Anteil von dreißig Prozent anrichten konnte. Bevor er Robin Ingram getroffen und beschlossen hatte, dass er sie wollte, hatte er sich schon darauf gefreut, Ingram Publishing in die Knie zu zwingen. Dann war ihm klar geworden, dass sich da eine viel befriedigendere Art der Rache bot – er würde Robin Ingram auf die Knie zwingen und auch noch sein eigenes Vergnügen dabei haben.

„Aber ich will Sie nicht heiraten!“, begehrte Robin hilflos auf.

Cesare zuckte achtlos mit den breiten Schultern. „Dann nehme ich eben meinen Platz im Vorstand von Ingram Publishing ein.“

„Warum tun Sie das?“, wollte Robin wissen. „Sie können mich doch nicht wirklich heiraten wollen, genauso wenig wie ich Sie. Warum also?“

Tränen der Verzweiflung standen jetzt in den intensivblauen Augen – Tränen, gegen die Cesare sich sofort wappnete. Ihn interessierte nur eine einzige Emotion bei dieser Frau. „Meine Wünsche sind hier völlig unerheblich. Marco braucht eine Mutter“, erinnerte er sie nüchtern.

„Soweit es Sie betrifft, bin ich doch angeblich Ihre schlimmste Feindin!“, fuhr Robin auf.

„Sie nehmen das Ganze zu persönlich, Robin.“

„Wie viel persönlicher könnte es denn noch sein?“, verlangte sie fassungslos zu wissen.

„Oh, da gibt es noch ausreichend Spielraum.“ Er wusste, dass sie seine Anspielung genau verstanden hatte. „Doch im Moment tragen Sie den Namen der verfeindeten Familie – Ingram. Und als Sizilianer …“

„Als eiskalter, rachsüchtiger Sizilianer!“

Abwartend schaute er sie an, dann legte er den Kopf leicht schief. „Rachsüchtig vielleicht, aber kalt? Das glauben Sie auch nicht, oder, Robin?“, fragte er provozierend. „So, wie ich nicht glaube, was allgemein über die unnahbare Robin Ingram behauptet wird.“

Seine Bemerkung trieb ihr das Blut in die Wangen. Sie erinnerte sich schlagartig daran, wie sie sich selbst vor Kurzem verraten hatte. Dieser Kuss vorhin machte es ihr unmöglich, zu behaupten, sie würde nicht auf diesen Mann reagieren. Es gefiel ihr auch nicht, dass offensichtlich über sie geklatscht wurde, und dieser Mann auf den Klatsch hörte. Schließlich konnte er gar nicht den wahren Grund wissen, weshalb sie nach der Scheidung beschlossen hatte, sich zurückzuziehen und jegliche Beziehung zu meiden, sowohl körperliche als auch gefühlsmäßige.

„Mein Vater wird eine Heirat aus den von Ihnen genannten Gründen niemals akzeptieren“, wiederholte sie starrsinnig.

„Mich interessiert nicht, was Ihr Vater akzeptiert oder nicht.“

Nein, natürlich nicht, dachte Robin. Ihn kümmerte es nicht im Geringsten, wie ihr Vater oder sie sich fühlen mochten. „Nun, aber mich interessiert es“, gab sie entschieden zurück. „Ich kenne meinen Vater. Er wird niemals zulassen, dass ich einen Mann heirate, den ich nicht liebe, auch nicht, um die Firma vor einem angekündigten Ruin zu retten.“

Ja, sie kannte ihren Vater gut genug, um das behaupten zu können. Ebenso sicher war sie allerdings, dass es ihm den finalen Schlag versetzen würde, nach Simons Tod und dem von ihm verursachten Schuldenberg nun auch noch das Unternehmen zugrunde gehen zu sehen.

Grundgütiger, sie freundete sich doch nicht etwa schon mit dem Gedanken an, Cesare Gambrelli zu heiraten, um den Ruin des Verlags zu verhindern?!

Nein, natürlich nicht!

Doch bis sie nicht ganz genau wusste, welche möglichen Asse Cesare noch im Ärmel hatte, würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als ihn weiter anzuhören.

„Dann werden Sie eben sehr überzeugend sein müssen“, wischte Cesare ihren Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite. „Ich verstehe natürlich, weshalb Sie Ihrem Vater gegenüber eine Beschützerhaltung einnehmen.“

„Auch wenn Sie selbst sich keinen Deut darum scheren?“, fauchte sie verärgert.

Seine dunklen Augen funkelten. „Ich bin nicht herzlos, Robin, ganz gleich, was Sie auch denken mögen. Im Gegenteil, ich befürworte sogar, dass Sie die ganze Sache leichter verdaulich für ihn machen. Sagen Sie Ihrem Vater ruhig, wir hätten uns Hals über Kopf ineinander verliebt. Behaupten Sie, Sie könnten ohne mich nicht mehr leben. Sagen Sie ihm, was Sie wollen, aber eines steht fest … Sie werden meine Frau!“

Er war so gnadenlos unnachgiebig, so absolut sicher, dass er bekommen würde, was er wollte. Und war das nicht auch berechtigt? Konnte sie es über sich bringen, ihrem Vater mitzuteilen, was Simon getan hatte? Konnte sie ihrem Vater die Wahrheit über Cesare Gambrellis Forderung sagen und damit riskieren, einen zweiten Herzinfarkt bei ihrem Vater zu provozieren? Die Ärzte hatten doch gesagt, er könne keinen Stress mehr vertragen. Dabei hatte sie in den letzten drei Monaten zusehen müssen, wie er immer gestresster geworden war, mit jeder neuen offenen Forderung, die aufgrund von Simons Verhalten nun an ihn herangetragen wurde …

Was sie jetzt brauchte, war Zeit. Zeit, um sich zu überlegen, wie sie den Hals aus der Schlinge ziehen konnte.

„Ich werde Ihnen einige Zeit lassen.“ Cesare Gambrelli faltete die Papiere ordentlich zusammen und steckte sie zurück in seine Jacketttasche. „Um sich an den Gedanken zu gewöhnen, meine Frau zu werden. Ich schlage vor, wir beide gehen heute Abend zum Dinner aus, dann können wir auch die notwendigen Arrangements besprechen.“

„Sie geben mir ein paar Stunden Zeit, um mich an diese absurde Vorstellung gewöhnen zu können?“, rief sie fassungslos aus.

Cesare musterte sie, wie sie würdevoll und stolz dasaß, und er wollte nichts lieber, als das weiterführen, was sie vorhin begonnen hatten. Doch er beherrschte sich. „Ich sehe keinen Sinn darin, das Unvermeidliche noch länger hinauszuzögern.“

„Unvermeidlich – Ihrer Meinung nach. Aber ich bin anderer Ansicht.“

Cesare lächelte dünn. „Marco braucht sofort eine Mutter, nicht in drei oder sechs Monaten.“ Und er wollte diese Frau in seinem Bett. „Natürlich weiß ich, dass Sie schon eine Ehe hinter sich haben.“ Und die Vorstellung, dass ein anderer Mann sie besessen hatte, gefiel ihm ganz und gar nicht.

„Was ist mit Ihnen?“, stellte sie die Gegenfrage. „Sie sind immerhin … wie alt? Ende dreißig? Waren Sie auch schon einmal verheiratet?“

„Siebenunddreißig“, antwortete er gepresst. „Und nein, wenn ich geheiratet hätte, Robin, dann wäre ich auch noch verheiratet. In meinem Leben wird es keine Scheidung geben. Einmal verheiratet, bleibe ich es auch“, fügte er betont hinzu, um mögliche Spekulationen von ihr, sie könne jetzt zusagen, sich die Anteile zurückholen und sich später wieder scheiden lassen, von vornherein auszuschließen.

Je eher er sie an sich band, und zwar mit einem gemeinsamen Kind, desto besser. „Sie werden auch verheiratet bleiben“, stellte er fest, nur für den Fall, dass sie sich Hoffnungen machen sollte. „Also … Dinner heute Abend. Ich hole Sie um halb acht hier ab.“

„Ich habe nicht einmal zugesagt!“, rief Robin frustriert aus. Das ging ihr alles zu schnell … Dieser Mann war ihr zu schnell … Und dennoch spürte sie, wie sich die Schlinge immer fester um ihren Hals zusammenzog.

Sicher, im Moment sah sie keinen Ausweg, aber das hieß nicht, dass es keinen gab. Und je mehr Zeit sie gewann, desto mehr erhöhten sich die Chancen, dass ihr doch noch eine Lösung einfallen würde.

Cesare hob die schwarzen Augenbrauen. „Aber Sie werden zusagen, oder nicht?“

Seine Arroganz trieb sie zur Weißglut! Sie kam sich immer mehr wie die Maus vor, mit der die Katze aus purem Vergnügen spielte. Eine große, gefährliche Katze … ein schwarzer Panther …

Herrgott, reiß dich zusammen, Robin! Cesare Gambrelli war genauso gefährlich, wie ihr Vater gesagt hatte, aber das hieß nicht, dass sie ihn sehen lassen musste, wie sehr seine Drohungen sie verunsicherten!

„Ja, ich sage zu.“ Sie musste die Kontrolle über die Situation gewinnen, sonst hatte sie nicht die geringste Chance gegen ihn. „Aber machen Sie sich nicht die Mühe, mich abzuholen. Ich werde Sie im Restaurant treffen.“

Das selbstsichere Lächeln auf seinem Gesicht erstarb, abschätzig verzog er den Mund. Diese Zurschaustellung von Unabhängigkeit beeindruckte ihn nicht. Aber im Moment hatte er damit noch kein Problem. Sollte sie ruhig ihre Freiheit noch ausnutzen.

Sobald sie seine Frau war, würde sich das ändern. Er nahm von niemandem Befehle entgegen, am allerwenigsten von der Frau, die er nur zu seiner Frau machte, um eine Blutschuld einzufordern.

„Wir essen nicht in einem Restaurant, sondern in meiner Suite im Londoner Gambrelli-Hotel“, teilte er ihr sachlich mit. „Ich halte diese Umgebung für angebrachter, um private Dinge, wie wir sie zu regeln haben, zu besprechen.“

Er konnte sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Ihre erste Reaktion war Empörung, dann folgte Unsicherheit bei der Vorstellung, mit ihm allein in seiner Suite zu sein, und schließlich die Erkenntnis, dass er wahrscheinlich recht hatte, obwohl sie das nicht gern zugeben wollte.

Er ahnte, dass das Gespräch heute Abend in seiner Suite ebenso hitzig verlaufen würde wie das jetzige. Und keiner von ihnen war der Typ Mensch, der gerne eine öffentliche Szene in einem Restaurant verursachte. Ihr Bruder Simon hatte schon für genug öffentliche Szenen gesorgt.

Cesare presste die Lippen zusammen, als er an den anderen Mann dachte. „Ich erwarte Sie dann um halb acht im Hotel.“ Es war keine Frage, sondern eine Anordnung.

Nun, er konnte erwarten, wen und was er wollte! Robin würde zu seinem Hotel kommen, wann es ihr passte. Reiner Trotz, wie sie sich eingestand, als sie beschloss, ihn warten zu lassen. Denn welchen Sinn hatte es, ihn zu verärgern?

Einfach, weil sie sich dann besser fühlte. Das war der Sinn!

Falls es überhaupt irgendetwas an dieser Situation gab, das ihr helfen konnte, sich besser zu fühlen. Außerdem wollte sie erst mit ihrem Vater reden, wenn er heute Abend zurückkam. Nicht über ihre Verabredung mit Cesare Gambrelli und erst recht nicht über dessen Besuch und seine Drohung. Aber sie wollte herausfinden, was ihr Vater damit gemeint hatte, als er sie warnte, der Mann sei gefährlich.

Nicht, dass sie daran zweifeln würde. Inzwischen hatte sie am eigenen Leib erfahren, wie gefährlich!

„Acht Uhr würde mir besser passen“, hob sie also kühn an.

Cesare schüttelte den Kopf. „Das ist zu spät, fürchte ich.“

Furcht war sicherlich kein Gefühl, das dieser Mann kannte! „Zu spät für was?“

„Für Marco, natürlich. Um diese Zeit schläft er bereits.“

Robin starrte ihn verständnislos an. „Sie haben Marco mit nach London gebracht?“, stieß sie schließlich schwach aus.

„Selbstverständlich. Wo sollte er denn sonst sein, wenn nicht bei mir?“

Ja, wo sonst. Die Aussicht, mit diesem Mann zu essen, war schon schlimm genug. Aber das hier war ja noch viel schlimmer. Robin holte tief Luft. „Ich halte es für keine gute Idee, dass ich Marco jetzt schon sehe.“

„Ich bin sicher, Sie halten es sogar für eine schlechte Idee, Marco überhaupt zu sehen“, schoss er sofort zurück. „Mir ist klar, dass Sie keine Erfahrung mit Kindern haben, Robin. Aber diesen Mangel an Erfahrung werden Sie schnell wettmachen, glauben Sie mir.“

Für einen Moment war Robin aus der Fassung gebracht. Keine Erfahrung mit Kindern? Sicher, als jüngster Spross in ihrer Familie war sie wirklich nicht viel mit kleinen Kindern zusammen gewesen. Aber sie hätte gern ein eigenes Baby gehabt …

Cesares Blick lag wissend auf ihr. „Die Ehe mit dem Ehrenwerten Giles Bennett ist kinderlos geblieben, nicht wahr? Was mich wundert, schließlich hätte er doch einen Erben gebraucht, an den er seinen Titel vererben kann, so, wie er ihm selbst von seinem Vater vererbt wurde. Hat er sich von Ihnen scheiden lassen, weil Sie ihm diesen Wunsch verweigerten? Sind Sie wie viele junge Frauen heute, die an ihrer eigenen Freiheit festhalten und daher das Mutterwerden so lange wie möglich hinausschieben?“ Sein Blick schien sie zu durchbohren. „Das hat jetzt ein Ende. Sie werden Ihre eigennützigen Bedürfnisse vergessen, sobald Sie meine Frau und Marcos Mutter sind.“

Es widersprach allen Werten, mit denen Cesare aufgewachsen war, und seinem Wesen, Kinder nicht als Erfüllung des Lebens zu betrachten. Er hatte keinerlei Verständnis für Leute, die Kinder nicht an erste Stelle setzten. Er hatte sich die Mühe gemacht, so viel wie nur möglich über die Scheidung von Giles Bennett und Robin Ingram herauszufinden, mit dem Ergebnis, dass er jetzt noch entschlossener war, sie zu der Mutter seiner Kinder zu machen.

Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, auf solchen Widerstand bei Robin zu stoßen, Marco zu sehen. Nun, nicht alle Frauen besaßen mütterlichen Instinkt, das konnte er akzeptieren. Manche brauchten eben länger, bevor er sich in ihnen meldete. Aber irgendwie glaubte Cesare nicht, dass das bei der so empfindsamen Robin Ingram der Fall war.

Ganz augenscheinlich hatte sie ihren Bruder geliebt, und die Liebe zu ihrem Vater war mehr als offensichtlich. Hatte sie vielleicht Angst vor einer Schwangerschaft oder der Geburt? Was immer ihre Gründe sein mochten, er würde dafür sorgen, dass sie ihre Ängste überwand.

Und zwar schon im ersten Jahr der Ehe …

4. KAPITEL

„Sie sehen wieder bezaubernd aus heute Abend“, begrüßte Cesare Robin mit einem höflichen Kompliment, als sie um Viertel vor acht aus dem Privatlift stieg, der direkt in Cesares Hotelsuite führte.

Robin bedachte ihn mit einem kühlen Blick. Sie hatte beschlossen, für dieses Treffen in die Rolle der Unnahbaren zu schlüpfen. Dazu hatte sie ein hochgeschlossenes schwarzes Kleid mit schlichtem Schnitt gewählt, das ihr bis zu den Knien reichte. Ihr Haar hatte sie zu einem adretten Knoten im Nacken aufgesteckt. Goldene Ohrstecker und ein feines Goldarmband waren ihr einziger Schmuck. Auch mit dem Make-up war sie sparsam umgegangen – eine getönte Tagescreme, Mascara und farbloser Lipgloss mussten reichen.

Schließlich ging sie nicht zu einer Verabredung, bei der sie ihr Gegenüber beeindrucken wollte. Dieser Abend würde nur ein weiteres anstrengendes Gespräch mit Cesare Gambrelli bringen.

Und sie würde Marco kennenlernen …

Robin holte tief Luft. „Sie erwarten wohl nicht, dass ich dieses Kompliment zurückgebe, oder?“ Sie weigerte sich, überhaupt zu registrieren, wie gut er in der schwarzen Hose und dem schwarzen Seidenhemd aussah, als sie an ihm vorbei in den Salon der Suite rauschte.

Eine Penthouse-Suite, wie man ihr unten am Empfang gesagt hatte, die die gesamte obere Etage des Hotelgebäudes einnahm.

Aber was anderes wäre zu erwarten gewesen? Cesare Gambrelli war einer der reichsten Männer der Welt. Wenn er wollte, konnte er in jedem seiner Hotels überall auf der Welt die oberste Etage für sich reservieren. Was er wahrscheinlich auch tat.

Cesare folgte Robin bewundernd mit dem Blick. Welchen Mangel an würdevoller Haltung man ihr heute Nachmittag vielleicht auch hätte vorwerfen können …, sie hatte sich auf jeden Fall gefasst. Mit jedem Zoll verkörperte sie die schöne und reiche Dame der Gesellschaft, beherrscht, unnahbar, unerreichbar für Normalsterbliche, als sie jetzt zu der Fensterfront ging und sich zu ihm umdrehte, die Londoner Skyline vom Sonnenuntergang beleuchtet hinter sich.

„Möchten Sie etwas trinken?“ Er hielt die Flasche hoch, die im silbernen Eiskübel kalt gestellt worden war.

Dass sie sich verspätet hatte, erwähnte er mit keinem Wort. Schließlich hatte er damit gerechnet, dass sie zu spät kommen würde, nur um ihm zu zeigen, dass sie sich von ihm nichts befehlen ließ.

„Champagner, Cesare?“, fragte sie mit einer hochmütig gehobenen Augenbraue. „Ist es nicht etwas verfrüht für … eine Feier?“

„Ganz und gar nicht.“ Er ließ die perlende Flüssigkeit in zwei schlanke Flöten fließen und kam mit den Gläsern zu Robin. „Ich trinke immer Champagner“, behauptete er, als er ihr ein Glas reichte.

„Wunderbar, wenn man so privilegiert ist.“ Sie erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken.

Cesare lächelte träge. „Auch damit hat es nichts zu tun. Ich habe herausgefunden, dass es das einzige alkoholische Getränk ist, das man trinken kann, ohne einen Kater zu bekommen.“

Er trat ja so unglaublich selbstsicher auf. Robin schäumte innerlich, als sie an der perlenden Flüssigkeit nippte. So überzeugt davon, dass er die Oberhand hatte.

War es nicht auch so?

Als Robin versucht hatte, ihren Vater bei seiner Rückkehr nach Hause auf Cesare Gambrelli anzusprechen, hatte sich das als hoffnungsloses Unterfangen erwiesen. Charles hatte lediglich seine Warnung wiederholt und sich sonst ausgeschwiegen. Oh richtig … er hatte noch hinzugefügt, wie skrupellos Cesare Gambrelli bei seinen geschäftlichen Vorhaben agierte.

Wie viel skrupelloser mochte er dann mit der Familie umgehen, die er für den Tod seiner Schwester verantwortlich machte, hatte sie nur gedacht.

Aber ohne zu verraten, dass Cesare Gambrelli am Nachmittag im Haus gewesen war, konnte sie ihren Vater nicht weiter ausfragen. Sie hatte ihn auch nicht wissen lassen, dass es sich bei dem „Bekannten“, mit dem sie sich zum Essen traf, um Cesare Gambrelli handelte.

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