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JULIA COLLECTION BAND 57

BJ JAMES

BJ JAMES

Heißes Wiedersehen

Adams Cade ist nur ein Gast in Paiges Hotel – aber kein gewöhnlicher! Nie hat sie die Gefühle vergessen, die sie vor Jahren miteinander verbanden – bis er plötzlich verschwand. War dieser wundervolle Mann wirklich in Haft? Warum nur? Vielleicht klärt sich jetzt auf, was damals in Belle Terre geschah. Und vielleicht bedeutet das eine zweite Chance für ihre Liebe …

Skandal in Belle Terre

Offiziell kehrt die prominente Reporterin Maria Delacroix in ihre Heimatstadt zurück, um einer Museumseröffnung Glanz zu verleihen. In Wirklichkeit aber will sie Jericho Rivers wiedersehen. Die lustvollen Stunden mit ihm hat sie nie vergessen! Dass sie damals bedroht wurde und fliehen musste, konnte sie Jericho nie erklären. Wird sich das je auflösen lassen?

Die Einzige, die ich begehre

Schweren Herzens verzichtete Lincoln Cade vor Jahren auf die atemberaubende Lindsey. Aber schließlich war sie auch die große Liebe seines besten Freundes. Nach dessen Tod scheint der Weg für ihn nun frei zu sein. Für Lincoln würde ein Traum wahr! Doch obwohl sie sich offensichtlich genau wie er nach heißer Liebe sehnt, zögert sie. Was verbirgt Lindsey nur vor ihm?

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Heißes Wiedersehen

PROLOG

„Ja, Sir, ich halte die Aktienmehrheit an der Firma. Nein, Sir, sie steht nicht zum Verkauf.“ Die erwartete Bestätigung wurde leise ausgesprochen, die Ablehnung mit höflich-respektvollem Unterton.

Aber keiner der anwesenden älteren Herren, allesamt einflussreiche Manager, ließ sich von diesem kultivierten Ton irreleiten. Keiner von ihnen war unvorbereitet zu dem Meeting in dem spärlich, aber geschmackvoll eingerichteten Büro gekommen. Jeder wusste, dass der um so viele Jahre jüngere Mann ein Südstaatler aus guter Familie war, geboren und aufgewachsen auf einer alten Plantage an der Küste von South Carolina. Jeder wusste, dass er ein hervorragender Ingenieur für Offshore-Ölförderung war. Ein ideenreicher Erfinder, ein kluger Investor, ein mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann.

Er war Adams Cade, siebenunddreißig Jahre alt und ein überaus erfolgreicher Unternehmer, aber ein von seiner Familie Verbannter, ein verurteilter Straftäter. Wegen seines geschäftlichen Erfolgs waren die hochkarätigen Manager eines Konkurrenzunternehmens zu diesem Termin gekommen. Wegen seiner Vergangenheit als Straftäter legte keiner seine Höflichkeit als Schwäche aus.

„Adams … ich darf Sie doch Adams nennen?“ Jacob Helms erhob sich voller Zuversicht. Er war groß, hager, tadellos gekleidet. „Mir ist bewusst, dass Cade Enterprises gegenwärtig und wohl auch zukünftig nicht zum Verkauf steht.“ Er hielt kurz inne und blickte dem Jüngeren fest in die braunen Augen. „Aus diesem Grund möchten wir Ihnen einen anderen Vorschlag machen.“

Nachdem er flüchtig diverse Bilder und alte Fotografien an der Wand betrachtet hatte, fuhr Jacob Helms fort: „Wir schlagen vor, dass wir uns zusammenschließen, mit anderen Worten, eine Beteiligung an Ihrer Firma.“ Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf musterte er Adams Cade. „So etwas hören Sie zum ersten Mal, darauf wette ich.“

Adams verzog keine Miene. „Warum?“

Über den Rand seiner Brille warf Jacob Helms ihm einen ungeduldigen Blick zu. „Warum Sie diesen Vorschlag nicht schon früher gehört haben?“

„Nein, Sir, warum Sie ihn gerade jetzt machen. Warum mit dem Vorstand von ‚Helms, Helms & Helms‘ im Schlepptau?“

Jacobs Helms ging ein paar Schritte hin und her, dann wandte er sich abrupt um. „Eine gute Frage.“

Adams lehnte sich in seinen Schreibtischsessel zurück und wartete gespannt darauf, dass Jacob Helms mit der Sprache herausrückte.

„Ganz einfach. Weil wir Ihnen den perfekten Deal anbieten können. Eine Verbindung mit einer Firma, deren Service und Produkte Ihre eigenen ergänzen.“ Zögernd blickte Jacob Helms in die Runde. „Und weil wir Millionen investieren möchten. Im zweistelligen Bereich.“

„Warum?“ Adams verzog nach wie vor keine Miene. „Wofür?“

„Für wen“, verbesserte Helms ihn. „Für John Quincy Adams Cade, den ältesten Sohn von Caesar Augustus Cade. Den Sprössling einer angesehenen Familie aus der Küstenregion von South Carolina. Für Sie, Adams Cade, und Ihr Fachwissen.“

„Bis Sie es sich angeeignet haben, und dann pfeifen Sie auf den glänzenden Adams Cade.“ Der geniale Erfinder, Südstaaten-Gentleman, von der Familie Verbannte und ehemalige Sträfling konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen.

In das entsetzte Gemurmel des Vorstands hinein erwiderte Jacob Helms entrüstet: „Wo denken Sie hin. Das ist doch das Schöne an einer Beteiligung – die Sicherheit.“

„Also …“, Adams verschränkte die Arme, „… was springt für mich dabei heraus außer Geld?“

„Was wollen Sie denn sonst noch?“ Jacob Helms und seine Gefolgschaft waren sichtlich irritiert. „Ich verstehe nicht.“

„Ja, das sehe ich.“

„Aber werden Sie über unser Angebot nachdenken?“

Adams ließ sich Zeit mit seiner Antwort, während er in Gedanken durchging, was er im Laufe der Jahre über Helms, Helms & Helms gehört hatte. Es war eine angesehene Firma, die ehrliche Geschäfte machte und von Ehrenmännern geführt wurde. „Ja.“

Vor Überraschung wäre Jacob Helms fast die Goldrandbrille von der Nase gerutscht. „Haben Sie Ja gesagt?“

Adams nickte. „Ja, Sir, ich werde über Ihr Angebot nachdenken.“

Jacob Helms war es gewöhnt, seine Schlachten auf eigenem Terrain zu schlagen. Zu dieser Schlacht, bei der er sich nicht unbedingt als Gewinner sah, hatte er seinen Vorstand mitgebracht, um Stärke zu zeigen. Nun, da sie auf Anhieb gewonnen zu sein schien, ärgerte es ihn, dass er seinen Einsatz ohne Not deutlich erhöht hatte. „Würden Sie mir das in die Hand versprechen, junger Mann?“

„Würden Sie denn auf das Wort eines ehemaligen Häftlings etwas geben?“

„Ich gebe etwas auf das Wort von Adams Cade, egal, ob er im Gefängnis war. Im Gegenteil, ich gebe etwas auf sein Wort, weil er fünf Jahre Gefängnis überstanden hat und als geläuterter Mann entlassen wurde.“

„In diesem Fall, vorausgesetzt, meine Mitarbeiter und noch ein paar andere stimmen zu …“ Das Telefon neben Adams begann zu klingeln. Am liebsten hätte er es ignoriert, nahm dann aber doch ab. „Ja, Janet?“ Er runzelte die Stirn. „Jefferson? Stellen Sie ihn durch.“

Im Büro war es still, alle Augen waren auf Adams Cade gerichtet. „Jefferson?“ Einen Moment lang schien Adams wie erstarrt. Dann murmelte er: „Jeffie?“ Unbewusst war ihm der Kosename aus Kindertagen entschlüpft. „Wie geht’s dir? Und Lincoln und Jackson?“ Stockend ergänzte er mit leiser Stimme: „Wie geht es Gus?“

Sein eben noch freudiger Gesichtsausdruck wurde sorgenvoll, sein attraktives Gesicht fahl. Reglos hörte Adams zu. Dann straffte er die Schultern. „Ich werde kommen.“

Schon im Begriff aufzulegen, hielt er sich den Hörer erneut ans Ohr. „Jeffie?“ Adams zögerte. Dann stellte er die Frage, die er stellen musste, auch wenn er sich vor deren Antwort fürchtete. „Hat er nach mir gefragt?“

Es herrschte Stille im Raum, keiner der Anwesenden bewegte sich, bis Adams aufseufzte. „Ist schon in Ordnung“, flüsterte er. „Ich habe auch nicht damit gerechnet. … nein, es braucht dir nicht leidzutun. Egal, was dir dein Gewissen einredet, du hast absolut keine Schuld daran.“ Nach einem weiteren tiefen Seufzer wiederholte er: „Ich werde trotzdem kommen und abfliegen, sobald das Flugzeug bereit ist.“

Wieder lauschte Adams in den Hörer. „Nicht dorthin.“ Sein Entschluss stand fest. „Ich werde nach Belle Terre kommen. Nicht …“ Das Wort „nach Hause“ lag ihm schon auf der Zunge, doch er verkniff es sich. „Nicht auf die Plantage … nicht nach Belle Rêve.“

Die Verhandlungsdelegation hörte ungeniert zu. Es war Adams egal. „Vom Stadtrand von Belle Terre bis nach Belle Rêve sind es weniger als fünf Meilen. Also ein Katzensprung.“

„Wo ich wohnen werde?“ Nachdenklich schüttelte Adams den Kopf. „Ich bin jetzt so lange weg, dass ich kein Hotel dort kenne. Mach mir ein paar Vorschläge – Janet wird alles Weitere erledigen.“ Er notierte die Namen einiger Unterkünfte in der schönen, alten Stadt. „Das dürfte genügen. Janet kann Informationen einholen und dann für mich entscheiden.“

Adams sah auf seine Armbanduhr. „In ein paar Stunden bin ich da, Jeffie. Halt die Ohren steif.“

Kaum hatte er aufgelegt, da erhob sich Adams Cade, und erst in dem Moment entsann er sich seiner Besucher. „Gentlemen, ich fürchte, wir müssen diese Konferenz ein andermal fortsetzen. Mein Vater ist krank. Ich werde Atlanta sofort verlassen.“

„Sie können nicht weg“, erklärte Jacob Helms in gebieterischem Ton.

Adams Cade beeindruckte das nicht im Geringsten. „Da täuschen Sie sich, Sir. Ich kann weg. Und zwar jetzt gleich.“

„Wir hatten eine Abmachung.“

„Nein, Sir. Wir waren dabei, eine Abmachung unter bestimmten Voraussetzungen zu treffen.“

Helms war seine Verärgerung deutlich anzumerken. „Wir waren uns einig.“

„Wir waren uns einig, dass wir eine Vereinbarung treffen würden, falls alle Einzelheiten zusammenpassen. Vorläufig kann das nicht geprüft werden.“ Adams stützte sich mit beiden Händen auf seinen Schreibtisch. „Dieses Meeting war Ihre Idee, die Bedingungen Ihre eigene Entscheidung. Meine dagegen war es, Ihnen zuzuhören und Ihren Vorschlag zu akzeptieren oder nicht zu akzeptieren.“

„War?“ Jacob Helms, so arrogant er auch auftrat, hatte sein Geschäftsimperium nicht aufgebaut, indem er schnell aufgab.

„Ja, Sir.“ Adams richtete sich auf. „Es war meine Entscheidung. Aber jetzt wurde sie mir aus der Hand genommen.“

Wie eben noch Adams, stützte sich nun Jacob Helms auf den Schreibtisch und beugte sich vor. „Ihr Bruder ruft an, um Ihnen zu sagen, dass Ihr Vater erkrankt sei, und Sie verschieben ein Geschäft, bei dem es um Millionen im zweistelligen Bereich geht?“

Adams nickte nur. Es überraschte ihn nicht, dass Helms wusste, dass er mit Jefferson über seinen Vater und dessen Gesundheitszustand gesprochen hatte.

„Für einen Mann, der Sie verstoßen hat, der Sie nicht einmal ansehen wird, riskieren Sie es, dass wir unser Angebot zurückziehen?“

„Für meinen Vater würde ich alles riskieren. Und seinetwegen muss ich abreisen.“ An den Vorstand gewandt fuhr er freundlich fort: „Gentlemen, Sie müssen mich entschuldigen. Ich muss ein Flugzeug erreichen.“ Ohne Jacob Helms und dessen Managern weitere Beachtung zu schenken, verließ er das Büro.

Nach einer Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, würde Adams Cade in die Küstenregion von South Carolina zurückkehren, in das Marschland und die Inselwelt, wo er seine Kindheit und Jugend verbracht hatte.

Zu dem Land und dem Vater, den er liebte.

1. KAPITEL

„Er ist hier, Mrs Claibourne. Und total gefährlich!“

Nachdem sie die letzte Blüte in das üppige Blumenarrangement gesteckt hatte, das in ihr Cottage gebracht werden sollte, trat Eden Claibourne, die Inhaberin des Hotels „The Inn at River Walk“, einen Schritt zurück. Sorgfältig überprüfte sie ihr kleines Kunstwerk, ehe sie sich der atemlosen jungen Frau an ihrer Seite zuwandte.

„Wo ist er denn, Merrie?“, fragte sie ruhig.

Merrie, ihre jüngste, hübscheste und am leichtesten zu beeindruckende Mitarbeiterin holte tief Luft. „Ich habe ihn in die Bibliothek geführt, wie Cullen es angeordnet hat, und ihm gesagt, dass Sie in Kürze dort sein würden.“

„Danke.“ Eden warf Merrie einen prüfenden Blick zu. Sie war die Tochter einer Freundin, studierte am hiesigen College und war neu in Belle Terre. Dennoch schien der Ruf des neuen Gastes ihm sogar ins Foyer des Hotels vorausgeeilt zu sein. „Dir ist klar, dass er nicht wirklich gefährlich ist, Merrie, oder?“

„Nicht gefährlich im wörtlichen Sinn, Mrs Claibourne. Gefährlich als Mann! Weil er so fantastisch aussieht.“ Merrie lachte. „So jedenfalls würden ihn meine Mitstudentinnen beschreiben.“

Eden musste schmunzeln, denn normalerweise nahm Merrie Männer kaum wahr, egal, wie attraktiv sie waren. Das junge Mädchen schwärmte einzig und allein für Pferde. „Hast du unserem Gast einen Drink angeboten? Oder ein Glas Wein?“

Merrie nickte. „Mr Cade möchte Wein lieber später, auf seinem Zimmer.“

„In Ordnung.“ Eden Claibourne erinnerte sich nur zu genau, dass Adams Cade einmal die gleiche Wirkung auf sie gehabt hatte wie jetzt auf Merrie.

Energisch schob sie Erinnerungen, die besser nicht aus der Vergangenheit hervorgeholt wurden, beiseite. „Wenn du Cullen bitte ausrichtest, dass er einen guten Wein auswählen und die Flasche dann zusammen mit diesen Blumen hier ins Cottage am Fluss bringen soll, dann gehe ich jetzt unseren neuen Gast begrüßen.“

In der Gewissheit, dass ihre Anweisungen von ihrer rechten Hand, Cullen Pavaouau, genauestens ausgeführt werden würden, eilte Eden Roberts Claibourne in die Bibliothek.

Über die Jahre waren viele bedeutende und berühmte Gäste in ihrem Hotel abgestiegen, in das Eden ihr schönes Elternhaus aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg verwandelt hatte. Aber schon ehe sie nach Belle Terre zurückgekehrt war und das historische Wahrzeichen der Gegend vor dem Verfall gerettet hatte, war sie es als Nicholas Claibournes Ehefrau gewöhnt gewesen, sich in besseren Kreisen zu bewegen. Doch in all den Jahren und an all den Orten, die die Claibournes auf ihren Reisen besucht hatten, von all den Menschen, die sie kennengelernt hatte, hatte niemand die Inhaberin des River Walk derart in Aufregung versetzt wie damals Adams Cade.

Lieber Himmel! Ich bin schon genau wie Merrie, dachte sie. Die Hand auf der Türklinke der einen Spaltbreit offen stehenden Tür zur Bibliothek, blieb Eden stehen und atmete tief durch. Sie strich sich das dunkelblonde Haar aus dem Gesicht, richtete ihre Bluse und zupfte ein Blütenblatt von ihrem schmalen Rock. Dann straffte sie die Schultern und trat ein.

Er war da. Adams stand am Fenster und sah auf die Gartenanlage hinaus und den Fluss. Ganz in Gedanken versunken, hatte er sie nicht hereinkommen hören, und so konnte sie ihn einen Moment ungestört betrachten.

Er erschien ihr kräftiger, muskulöser, was irgendwie besser zu seinen breiten Schultern passte als seinerzeit seine jugendlich schlanke Statur. Ein Zeichen dafür, dass er älter und reifer geworden war. Genau wie das erste Silbergrau in seinem dichten, perfekt gestylten Haar.

Eden hätte nicht sagen können, welche Störung ihn aus seinen Gedanken riss. Ein nervöser Atemzug? Ein Knarren des Parkettbodens, als sie von einem Fuß auf den anderen trat? Das wilde Klopfen ihres Herzens?

Als wären seit ihrer letzten Begegnung nicht dreizehn Jahre vergangen, drehte Adams Cade sich um und blickte ihr direkt ins Gesicht.

Äußerlich ganz die elegante, weltgewandte Eden Claibourne, ließen die Erinnerungen eines jungen Mädchens sie innerlich erschauern und die Lider niederschlagen. Sie sah ihn wieder als stürmischen, unglaublich attraktiven jungen Mann vor sich, ein Bild, das sich unauslöschlich ihrem Herzen eingeprägt hatte. Dann hob sie den Blick, um in Adams schönem, ernsten Gesicht nach Spuren des fröhlichen Jungen von einst zu suchen.

Den frechen Jungen, den sie als Kind, als sie selbst ein richtiger Wildfang gewesen war, so gemocht hatte. Damals, als sie von allen nur Robbie genannt wurde und ständig mit Adams und seinen Brüdern unterwegs war. Wie ein Schatten hatte sie sich ihm an die Fersen geheftet und alles mitgemacht, was auch er sich getraute. Nur damit er sie anlächelte und ihr neckend durch die widerspenstigen Locken fuhr, die ihre Großmutter ihr immer ganz kurz schnitt.

Jetzt, im fahlen Licht, das durch die Fenster der Bibliothek fiel, sah Eden Adams fest in die Augen und suchte erneut nach dem smarten jungen Mann, der aus dem ausgelassenen Jungen geworden war. Nach Adams, ihrem Freund und Beschützer, den sie durch eine Tragödie, die ihn ins Gefängnis brachte, für immer verloren glaubte. Adams, ihrem ersten, überaus zärtlichen Geliebten.

Doch in den Tiefen seiner wunderschönen braunen Augen entdeckte sie keine Fröhlichkeit, keine Erinnerung, nur kühle Beherrschung.

Er war der Inbegriff männlicher Attraktivität in seinem tadellosen Anzug. Einfach alles an ihm war schick, und damit erinnerte er sie sofort an eine bestimmte Nacht, als er genauso elegant, aber nicht so beherrscht gewesen war.

Dreizehn Jahre waren vergangen, seit sie in die Gesellschaft eingeführt worden war.

Sie war damals neunzehn und gerade aufs College gekommen. Adams war vierundzwanzig und in ihren Augen ein Mann von Welt. Doch zu ihrer großen Freude hatte er zugestimmt, für die Ballsaison ihr Begleiter zu sein. Bereit, für die nervige Robbie Roberts die Förmlichkeiten und endlosen Galas zu ertragen, die er so lästig und langweilig fand. Bei ihrem ersten Ball war er derart galant und sah derart hinreißend aus, dass sie ihn bis an die Schmerzgrenze liebte.

Nach dem Ball schlenderten sie barfuß in ihrer festlichen Kleidung Hand in Hand einen verlassenen Strand entlang, und sie wünschte, die Nacht würde nie zu Ende gehen. Als Adams sie dann im Mondschein küsste und auf den Sand zog, schmiegte sie sich bereitwillig in seine Arme. In einem heftigen Kampf um Selbstbeherrschung hätte sein Verstand fast gesiegt, aber ihre unbeholfenen Liebkosungen rissen ihn mit und verführten ihn schließlich.

Ihr weißes Ballkleid wurde zum Laken in ihrer ersten Liebesnacht. Und im Moment höchster Ekstase nannte Adams sie Eden, und sie entdeckte, wie schön die körperliche Liebe sein konnte.

Die Nacht war voller Magie. Genau wie Adams. Und als er sie vor ihrer Haustür ein letztes Mal küsste, hätte sie es nie für möglich gehalten, dass sie ihn erst nach dreizehn Jahren wiedersehen würde. Dreizehn unendlich lange Jahre, in denen die Erinnerungen an die atemberaubende Nacht mit ihm nie verblasst waren.

Als sie ihm jetzt in die Augen schaute, wusste sie, dass auch er nichts vergessen hatte. Aber sie fragte sich, ob er je so wie sie voller Sehnsucht und Wehmut daran dachte.

Er atmete tief durch, und ein Anflug von Bedauern huschte über sein Gesicht. Doch dann hob er kaum merklich die Schultern, wie um seine Gefühle abzuschütteln. Er trat einen Schritt vor und streckte ihr die Hand hin.

Und ebenso ruhig wie er legte sie ihre Hand in seine Hand, und er drückte sie fest und doch sanft zugleich.

„Eden.“

Seine Begrüßung war kaum mehr als ein Flüstern, und er hatte sie nicht Robbie genannt, sondern Eden. So, wie er sie bisher nur einmal in einer mondhellen Nacht am Strand genannt hatte. Da wurde Eden klar, dass Adams nichts vergessen und nie aufgehört hatte, sich sehnsüchtig zu erinnern.

„Dein Haar ist dunkler.“ Seine Stimme hatte mit den Jahren ein angenehm tiefes Timbre bekommen. „Ich erinnere mich an hellblonde Locken.“

Eden nickte, während sein Blick über ihr Haar glitt, ihre Brauen, ihre Wangen. Nur den Bruchteil einer Sekunde ließ er ihn auf ihrem Mund verweilen, ehe er ihn langsam über ihren Hals wandern ließ, ihre Brüste und ihre Hüften.

„Du wirkst größer und schlanker“, murmelte Adams.

„Nur ein wenig.“ Eden war bewusst, dass sie mit fast zweiunddreißig ihre jugendlich weichen Rundungen verloren und sportlich schlank geworden war.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich noch einmal nach Belle Terre kommen würde. Und erst recht nicht, dass ich Robbie Roberts als schöne, kultivierte Eden Claibourne antreffen würde, die Inhaberin dieses beeindruckenden Hotels.“

„Ich auch nicht.“ Allmählich gewann Eden wieder ihre Fassung. „Aber du bist hier, und ich bin, wer ich nun mal bin. Also, Adams, sei willkommen im River Walk und in unserer Heimatstadt Belle Terre.“ Sie lächelte ihn an, während ihre Hand noch immer in seiner Hand lag. „Das Cottage am Fluss erwartet dich.“

„Das Cottage?“ Er wirkte jetzt weniger reserviert, wenn auch noch nicht entspannt. „Ich werde nicht im Hotel wohnen?“

„Natürlich kannst du im Haupthaus wohnen, wenn du möchtest. Aber sieh dir erst mal das Cottage an.“ Sie trat mit ihm ans Fenster und zeigte auf ein kleines Haus am Flussufer, das von Bäumen und Sträuchern fast verdeckt war.

Die untergehende Sonne, die durch das Laub der mit Spanischem Moos überwucherten Eichen fiel, warf lange Schatten auf das malerische Häuschen. Durch die üppigen Azaleen-, Kamelien- und Oleanderbüsche und kleineren Fächerpalmen ringsum bekam es etwas noch Abgeschiedeneres.

„Es hat eine umlaufende Veranda, und es führt ein eigener Pfad direkt zum Fluss hinunter“, erklärte Eden, während Adams das Cottage wohlwollend betrachtete. „Ich dachte mir, du würdest gern etwas ungestörter wohnen, wenigstens am Anfang.“

Adams war ihr für ihre Rücksicht dankbar. In seine Heimat zurückzukehren und sich mit alten Erinnerungen konfrontiert zu sehen, war schon ohne neugierige Blicke schwierig genug. Ein, zwei ruhige Tage, um sich zu akklimatisieren, würden ihm helfen, soweit ihm überhaupt zu helfen war. „Danke, Eden.“

„Keine Ursache, Adams.“ Dabei hoffte sie, er würde nie erfahren, für welchen Wirbel seine Buchung gesorgt hatte, denn alles sollte bestens vorbereitet sein. „Zum Charme dieses Hotels gehört schließlich auch, dass wir unseren Service den speziellen Bedürfnissen unserer Gäste anpassen.“

„Dann danke ich dir und deinem Personal.“

Ein gewisser Unterton ließ Eden augenblicklich bedauern, dass sie seinen Dank so kühl entgegengenommen hatte, als wäre er nur ein ganz gewöhnlicher Gast. Adams war inzwischen prominent, eine Persönlichkeit in der Geschäftswelt. Daher war er besondere Aufmerksamkeit zweifellos gewöhnt. Aber wie oft aus Uneigennützigkeit? Weil jemand an Adams selbst etwas lag und der Betreffende sich nicht nur einen Vorteil davon erhoffte?

„Adams“, fing sie an, und als sie merkte, dass ihr eine Erklärung schwerfiel, berührte sie sacht seine Wange, als könne sie den Schmerz verlorener Jahre wegstreicheln und die seelischen Verletzungen, die nie verheilt waren. „Ich freue mich, dass du gekommen bist, und ich möchte, dass du dich in meinem Zuhause wohlfühlst und glücklich bist.“ Weil sie sich plötzlich aufdringlich vorkam, zog Eden hastig ihre Hand zurück und lächelte Adams nur freundlich an. „Aber genug davon.“ Sie spürte noch immer überdeutlich die Wärme seiner Haut. „Nach deinem Flug musst du müde und hungrig sein.“

„Ja, es war ein anstrengender Tag.“ Dabei versuchte Adams sich zu erinnern, wann ihn zuletzt eine hübsche Frau so zart berührt und so liebevoll angelächelt hatte.

„Dann stehen wir zu Ihren Diensten, Sir.“ Eden neigte leicht den Kopf. „Dein Aufenthalt soll ganz nach deinen Wünschen verlaufen. Egal, was du möchtest – Ruhe oder Gesellschaft. Mahlzeiten im großen Speisesaal oder im Cottage. Wir werden alles ermöglichen. Du brauchst deine Wünsche nur zu äußern.“

Im Moment war Adams nach einem ruhigen Essen ohne neugierige Blicke. „Dinner im Cottage klingt sehr verlockend, aber ich möchte deinem Personal keine Umstände machen.“

Froh darüber, die prickelnde Spannung, die sich durch ihre Berührung in ihr aufgebaut hatte, überspielen zu können, lachte Eden leise auf. „Mein Personal würde das nie so sehen. Im Gegenteil, es haben sich schon Freiwillige gemeldet, die dich heute Abend bedienen möchten.“

„Dann würde ich gern im Cottage essen. Wie du es sicher schon geahnt und geplant hast.“ Als sein Blick wieder auf ihrem Haar und ihrem Gesicht ruhte, empfand es Eden wie eine vertraute Liebkosung. „Und es würde mir noch besser gefallen, wenn du mir Gesellschaft leisten würdest.“

Seine tiefe, weiche Stimme löste eine Sehnsucht in ihr aus, die lieber im Dornröschenschlaf blieb. „Normalerweise bin ich abends immer im Speisesaal“, wich sie aus. „Begrüße Gäste, glätte Wogen, wenn es mal welche zu glätten gibt.“

„Und wie oft ist das der Fall?“

Sein herausfordernder Blick ließ sie erneut lächeln. „Weil ich einen exzellenten Majordomus und sehr gutes Personal habe, glücklicherweise sehr selten.“

„Ah, genau wie ich bei meiner Ankunft vermutet habe. Ein gut organisierter und daher gut funktionierender Betrieb.“ Er nahm sie bei der Hand und betrachtete den Sonnenuntergang. „Also“, versuchte er sie zu überreden und begann, mit dem Daumen sacht über ihre Finger zu reiben, „man würde dich zwar vermissen, aber keiner deiner Gäste würde in seine Chantilly-Sauce weinen oder in seine Pfirsiche mit Grand Marnier, falls sie einen Abend ohne dein strahlendes Lächeln auskommen müssten?“

Edens überraschter Blick ließ ihn leise auflachen. Es klang ein wenig frech und brachte sofort noch mehr Erinnerungen zurück, die ihren Puls beschleunigten. „Du scheinst ja eine Menge über das Hotel zu wissen. Sogar, welche Spezialitäten unsere Gäste jetzt im Frühling am liebsten essen.“

„Dank Janet.“

„Janet?“ Dass er so beiläufig eine Frau erwähnte, erschreckte Eden. Sie hätte nicht erklären können, warum, aber Adams Cade wirkte wie ein ungebundener Single.

„Meine Sekretärin.“ Er hörte auf, ihre Finger zu streicheln, und drückte seine Hand fest auf ihre Hand. „Sie ist sehr tüchtig und hat eine Menge über das River Walk in Erfahrung gebracht, allerdings nichts über ein abgeschieden gelegenes Gästehaus am Fluss.“

„Das Cottage wird offiziell nicht angeboten. Wir halten es für Gäste mit ganz speziellen Wünschen frei.“

„Wie Adams Cade, das zurückgekehrte schwarze Schaf?“ Adams verzog das Gesicht, sein Ton hatte nichts Neckisches mehr. „Adams Cade, dessen Ruf ihm sicherlich vorauseilt. Zumindest, wenn in der Stadt noch so viel geklatscht wird wie früher.“

Wieder wurde deutlich, wie verletzt er war, und er versuchte, es durch schroffe Mutmaßungen zu verbergen. Doch Eden hatte nicht verlernt, den Klang seiner Stimme, den sie früher einmal so sehr geliebt hatte, zu deuten.

Ernst schaute sie ihm in die Augen. „Ja, für Gäste wie Adams Cade, denn Adams Cade ist etwas ganz Besonderes.“

„Ein verurteilter Straftäter, das verstoßene schwarze Schaf der Familie“, zählte er auf. „Wie kann mich das zu etwas Besonderem machen?“

„Für mich bist du das alles nicht“, widersprach Eden. „Ich sehe das alles anders. Und gehässige Klatschmäuler, die dir Schlechtes nachsagen, soll der Teufel holen.“

Da nahm Adams ihre beiden Hände und blickte ihr forschend ins Gesicht. Aber statt gespielter Tapferkeit entdeckte er nur unerschütterliche Ehrlichkeit. „Was war ich denn für dich? Und was bin ich jetzt, meine schöne Eden?“

Eden. Dass er sie Eden nannte und nicht Robbie, ließ ihr Herz höherschlagen.

„Was du warst?“ Nachdenklich lächelte sie ihn an. „So vieles.“

„Zum Beispiel?“

„Als ich damals noch scheu und reserviert war und nicht die leiseste Ahnung hatte, wie ich von euch Jungs anerkannt werden könnte, da hast du mich unter deine Fittiche genommen. Du hast mir das Gefühl gegeben, eine Prinzessin zu sein, obwohl ich so schrecklich ungelenk und ungeschickt war.“

„Du warst viel zu hübsch und clever für uns. Auf keinen Fall ungelenk und ungeschickt, das hast du dir nur eingebildet.“

Wenn er bei ihr war, erging es ihr immer so. Er gab ihr das Gefühl, besser zu sein, als sie dachte. Glücklicher. „Als mein Großvater mich mit nach Belle Rêve nahm …“

„Nur zu. Der Name stört mich nicht. Das, was in jener Nacht damals passierte, hat mir zwar mein Zuhause und meine Familie genommen, aber das heißt nicht, dass ich gute Zeiten oder gute Erinnerungen vergessen habe. Ich kann durchaus ohne Verbitterung an Belle Rêve denken und alles, was damit zusammenhängt.“

Eden zögerte noch immer. Denn trotz seiner Ermunterung musste sie annehmen, dass es alte Wunden aufreißen würde, von seiner Familie und dem Zuhause zu reden, das ihm vorenthalten wurde. „Also, als mein Großvater mich mit nach Belle Rêve nahm, um die Pferde zu behandeln“, fuhr sie schließlich fort, „da war ich fasziniert von dem Haus und den unzähligen Pferden. Am meisten jedoch von dir.

Denn auch wenn du es abstreitest, Adams Cade, ich war ungelenk und ungeschickt. Ich hing an dir wie eine Klette. Doch du warst unglaublich nett und geduldig. Du warst älter, hast mich jedoch nie wie ein lästiges kleines Mädchen behandelt.“ Lächelnd sah Eden ihm in die Augen. „Wenn ich so zurückblicke, dann warst du mein erster und allerbester Freund.“

„Und jetzt, Eden?“ Sein Blick ließ keinen Zweifel daran, wie sehr er sich einen Freund wünschte.

Eden wollte so gern, dass er nicht länger verletzt war, sich abgelehnt fühlte. Sie wünschte, sie könnte ihn von seiner eisernen Selbstbeherrschung befreien. Den vorsichtigen, ernsten Fremden durch den herrlich frechen Charmeur von damals ersetzen. Sie wollte ihn in die Arme nehmen, ihn trösten. Und falls er sie liebte …

Sie wagte es nicht, diesen Gedanken weiterzuspinnen, hielt jedoch Adams’ Blick stand. „Du warst mein Freund, und ich hoffe, du wirst es wieder sein.“

Vielleicht konnte sie sich diesmal für all das revanchieren, was er für sie getan hatte und wodurch sie letztendlich eine selbstsichere Frau geworden war.

Jeder in Belle Terre wusste, dass der jähzornige Gus Cade erkrankt war. Jeder wusste von den Differenzen in der Familie Cade. Seit Adams wegen schwerer Körperverletzung verurteilt worden war, hatte Gus kein Geheimnis aus seiner Verbitterung darüber gemacht, dass sein ältester Sohn Schande über die Familie gebracht hatte. Eine Meinung, die einige Leute in Belle Terre teilten. Die meisten jedoch nicht. Während Adams im River Walk wohnte, würde sie ihn beschützen, so wie er damals sie. Und der Himmel stehe denen bei, die in ihrer Gegenwart schlecht von ihm redeten.

„Ich soll dein Freund, sein und du wirst meiner sein, richtig?“ Adams’ Anspannung löste sich langsam. Da er ihre Hände noch immer festhielt, begann er, zärtlich mit den Daumen über ihre Knöchel zu reiben. „Dann kannst du als ersten Freundschaftsbeweis heute Abend mit mir im Cottage essen.“

„Ich dachte, du wärst müde. Und sicher wirst du mit deinen Brüdern reden wollen.“

„Ich bin zwar müde, aber du wirkst so entspannend auf mich wie seit Langem nichts mehr. Mit meinen Brüdern habe ich bereits kurz nach der Landung gesprochen. Lincoln, Jackson und Jefferson wissen, dass ich hier bin, für den Fall, dass sich Gus’ Zustand verschlechtert. Sie würden mich sofort anrufen.

So weit ist also alles geregelt. Und inzwischen möchte ich dich, meine süße Eden, beim Wort nehmen.“

„Beim Wort?“ Eden erinnerte sich nicht, etwas versprochen zu haben.

„‚Dann stehen wir zu deinen Diensten, heute Abend und jederzeit. Du brauchst deine Wünsche nur zu äußern …‘“

„Oh.“ Eden errötete.

„Genau. Und mein Wunsch heute Abend wäre ein ruhiges Dinner im Cottage mit dir.“ Sein leises Lachen klang herausfordernd, fast wie in der Vergangenheit. „Gib es auf, Sweetheart. Du sitzt in der Falle, geschlagen mit deinen eigenen Waffen. Du hast etwas versprochen, und irgendwie habe ich das Gefühl, du bist eine Frau, die ihr Wort hält.“

„Das ist Erpressung.“ Doch Eden wusste nur zu gut, dass sie ihm, wenn er so war – wie der Junge und der junge Mann, die sie einmal gekannt und geliebt hatte –, nichts abschlagen konnte.

„Vielleicht, aber du wirst nicht Nein sagen.“

Da merkte Eden, dass er sein altes Selbstvertrauen noch hatte. Und ein neues als Überlebenskünstler dazugewonnen hatte, das ihn in der Geschäftswelt nach ganz oben gebracht hatte und das nur in seiner alten Heimat ins Wanken geraten war.

„Stimmt“, räumte sie schließlich ein, „ich werde nicht Nein sagen. Ich werde mit dir im Cottage zu Abend essen.“

Aber nicht so, wie sie war. Sie würde dem Mann, den sie seit einer Ewigkeit liebte, nicht direkt nach einem langen Arbeitstag Gesellschaft leisten. „Wie wär’s, wenn wir uns beide erst mal frisch machen? Merrie, die junge Frau, die dich vorhin in die Bibliothek geführt hat, wird dich ins Cottage bringen und deine Wünsche fürs Dinner entgegennehmen.“

„Ich möchte die Wahl lieber dir überlassen.“

„In Ordnung, ich werde mich gleich darum kümmern und dann in etwa einer Dreiviertelstunde zu dir kommen. So hast du Zeit, dich einzurichten und vor dem Essen ein wenig zu entspannen.“

„Du kommst wirklich?“, vergewisserte er sich in einem Ton, den sie nicht deuten konnte. „Versprochen, Eden?“

„Fest versprochen, Adams.“

„Dann warte ich hier auf Merrie.“ Damit gab er sie frei und setzte sich nach einer galanten Verbeugung in einen Sessel am Fenster.

Ganz in Gedanken saß er noch immer dort, als Eden auf dem Rückweg von der Küche an der Bibliothek vorbeikam.

„Adams ist wieder hier“, murmelte sie vor sich hin, ehe sie lächelnd die Treppe zu ihrer Wohnung im zweiten Stock hinaufging.

„Wer einem so idyllischen Fluss wohl den einfallslosen Namen Broad River gegeben hat?“ Eden lehnte an einer der Verandasäulen, während der allerletzte helle Streifen am Himmel verblasste. Ihr gemeinsames Dinner mit Adams war längst zu Ende, Cullens sorgfältig ausgewählter Wein fast ausgetrunken.

„Er ist traumhaft schön“, stimmte Adams zu. „Abende am Fluss wie heute vermisse ich am meisten.“

„Die Stille ringsum. Das Farbenspiel des Sonnenuntergangs auf dem Wasser. Erst die Blautöne, die über Türkis zu Dunkelblau werden. Danach flammendes Orange und Rot. Dann werden die Rottöne langsam zu Dunkelrot, und es wird endgültig Nacht.“ Eden sprach leise, um den friedlichen Zauber des Abends nicht zu zerstören.

„Im Dunkeln spiegelt sich der Mond viel besser im Wasser.“

Adams hatte hinter ihr auf der Veranda gesessen, doch leise Schritte verrieten Eden, dass er neben sie ans Geländer getreten war. Früher einmal hatte er nach Sonnenschein geduftet, nach Seeluft und Seife. Jetzt dachte sie in seiner Nähe an Konferenzräume, raschelnde Akten und teures Eau de Cologne. Doch das konnte sich ändern.

„Du könntest zurückkommen, Adams.“ Er war ihr so nah, dass sie nur die Hand auszustrecken bräuchte, um ihn zu berühren. „Du könntest nach Hause kommen. Wenn nicht auf die Plantage, dann nach Belle Terre.“

Adams schüttelte nur den Kopf. Er wollte weder über die Vergangenheit sprechen noch über die Zukunft. Er wollte nur an Eden denken. Langsam strich er mit dem Finger über ihren Arm und trat dabei einen Schritt näher. „Danke für alles – das Willkommen, die Unterbringung im Cottage und das Dinner. Und besonders dafür, dass du mir Gesellschaft geleistet hast.“ Er lachte leise. „Und für dieses Naturschauspiel.“

„Oh, wir tun, was wir können.“ Eden lachte ebenfalls leise. Seine zarte Berührung sandte einen heißen Schauer durch ihren Körper. „Aber dein Lob für die Inszenierung gebührt Mutter Natur allein.“

„Sie ist eine wunderschöne Lady. Genau wie du.“

„Ich bin nicht wirklich schön, Adams. Das kommt dir bei diesem Dämmerlicht bloß so vor. Ich bin doch nur eine ganz normale Frau, und früher war ich ein halber Junge.“

„Du bist schön. Das liegt nicht am Licht, dem Mond oder dem Wein. Und, Sweetheart …“, sein Ton wurde unbewusst verführerisch, „… es ist ziemlich lange her, seit du ein halber Junge warst.“

Weil sie ihn daraufhin überrascht ansah, hätte Adams sie am liebsten in die Arme gezogen und ihr ganz ohne Wort bewiesen, dass er sie wirklich schön fand. So schön, dass die Erinnerung an ihr mondbeschienenes Gesicht einem einsamen Mann im Gefängnis Kraft und Trost gegeben hatte.

Immer wieder hatte er davon geträumt, sie zu berühren. Auch jetzt wollte er sie berühren, als ihr Geliebter, wie er es nur ein einziges Mal getan hatte. Aber das war eine Ewigkeit her. Zu viel war inzwischen geschehen. Der Adams Cade, den sie damals am Strand geliebt hatte, war nicht der Mann, der jetzt bei ihr war.

Zu lange hatte er unter harten und rücksichtslosen Männern gelebt. Um zu überleben, war er ebenfalls hart und rücksichtslos geworden, hatte sich die Spielregeln der Macht angeeignet.

Und er hatte Affären mit schönen Frauen gehabt. Aber nie aus Liebe. Nie aus zärtlichen Gefühlen. Und sosehr er auch gesucht hatte, keine war auch nur annähernd wie Eden gewesen.

Jetzt war sie bei ihm. Dieselbe süße Eden, unverdorben wie damals trotz ihrer Welterfahrenheit. Vielleicht konnten sie Freunde sein, wie sie es sich wünschte. Aber nie wieder ein Liebespaar, wie er es ersehnte, denn er war viel zu hart geworden, um zu ihr zu passen.

„Es ist spät geworden, und es war ein langer Tag für uns beide.“

Sanft zog er sie mit dem Schal, den sie sich um die Schultern gelegt hatte, an sich. Als er ganz sanft ihre Stirn küsste, genoss er es, wie weich sich Eden anfühlte und wie verführerisch sie duftete. Aber da ihm bewusst war, dass er ihr nicht näherkommen konnte, gab er sie schnell wieder frei.

Zärtlich streichelte er mit dem Handrücken ihre Wange. „Du bist müde. Ich habe heute viel zu viel von dir verlangt.“

„Nein.“

Er legte ihr kurzerhand einen Finger auf den Mund. „Komm.“ Er nahm sie bei der Hand. „Ich begleite dich nach Hause.“

Sie protestierte nicht mehr. Nicht einmal, als er die empfindsame Innenseite ihres Handgelenks küsste, um sich noch einmal höchst galant für den zauberhaften Abend zu bedanken. Und auch nicht, als er sie auf der breiten Veranda des Hotels allein ließ.

Eden blickte ihm nach, bis er in der Dunkelheit verschwand, ohne sich noch einmal umzudrehen. „Gute Nacht, Adams“, flüsterte sie. Und mit Tränen in den Augen wiederholte sie: „Gute Nacht, Adams, mein Liebster.“

2. KAPITEL

„Mrs Claibourne.“

Eden, die an diesem strahlenden Frühlingsmorgen gerade dabei war, im Garten Blumen zu schneiden, sah hoch. Es war Merrie, die ihr aufgeregt entgegeneilte.

Irgendetwas schien passiert zu sein, und Eden überlegte, was ihre temperamentvollste Mitarbeiterin wohl derart in Aufregung versetzen konnte. Im Geist sah sie schon ganze Termitenschwärme auf den Veranden oder Mäuse im Vorratsraum.

„Es sind noch mehr!“ Merrie war völlig außer Atem.

„Nun beruhige dich erst mal, und dann erzählst du mir, was um Himmels willen dich so aufregt. Was soll das heißen, es sind noch mehr?“

Wie sich nach einigem Nachfragen herausstellte, waren noch weitere gut aussehende Männer ins Hotel gekommen.

„Adams’ Brüder“, vermutete Eden sofort und war sich nicht so sicher, ob die drei jüngeren, ebenfalls ausgesprochen attraktiven Cades im Haus zu haben wirklich weniger beunruhigend war als Termiten auf den Veranden oder Mäuse im Vorratsraum. „Hast du sie auch in die Bibliothek gebeten?“

„Da ich Mr Adams nach seiner Ankunft dorthin bringen sollte, war ich mir sicher, dass das auch für die übrige Familie in Ordnung ist.“

„Das hast du gut gemacht, Merrie. Aber das nächste Mal versuch bitte, sie mit etwas mehr Gelassenheit anzukündigen.“

„Entschuldigen Sie.“ Merrie wirkte richtig zerknirscht. „Es ist nur … keiner hat mich vorgewarnt, dass die Männer in South Carolina so … so … gefährlich sind.“

Eden musste schmunzeln, weil ihr einfiel, dass Merrie auch Adams so beschrieben hatte, und sie überlegte, ob sie ihr erklären sollte, dass die Cades wirklich etwas Besonderes und nicht mit anderen Männern zu vergleichen waren. Doch dann beschloss sie, dass Merrie das selbst herausfinden sollte.

„Sie möchten Mr Adams sprechen“, fuhr das junge Mädchen fort. „Mrs Claibourne, es war hoffentlich in Ordnung, Cullen fragen zu lassen, ob sie Kaffee und Muffins möchten.“

„Wunderbar, Merrie. Das war genau richtig.“

„Soll ich jetzt Mr Adams holen? Oder die Gentlemen zum Cottage bringen?“

„Nein. Noch nicht.“ Nach Merries Beschreibung bezweifelte Eden zwar nicht, dass wirklich Adams’ Brüder in der Bibliothek warteten. Trotzdem wollte sie sich erst vergewissern und die Stimmung ausloten, ehe Adams gestört wurde.

„Diese Blumen hier sind für die Suite im Westflügel“, erklärte sie Merrie. „Die Rhetts kommen kurz nach dem Lunch an. Falls ich mit den Cades aufgehalten werde, würdest du die Blumen bitte arrangieren und in die Suite bringen?“

„Natürlich.“ Merrie nahm Eden den Korb ab. „Meine Mutter hat mich oft gebeten, die Blumen zu arrangieren, wenn wir Gäste hatten.“

„Ich weiß. Tu dein Bestes, Merrie. Mehr verlange ich nicht.“

„Das werde ich, Mrs Claibourne.“

„Ich weiß“, wiederholte Eden. Alle ihre Mitarbeiter gaben jederzeit ihr Bestes. Dank der angenehmen Arbeitsbedingungen und der guten Bezahlung, auf die Eden großen Wert gelegt hatte, war ihr Personal sehr zuverlässig.

In der freudigen Erwartung, gleich alte Freunde wiederzusehen, eilte sie zum Haus. Schon an der Hintertür des Foyers hörte Eden ihre Stimmen. Stimmen, die ihr seit Ewigkeiten vertraut waren.

Die Tür zur Bibliothek stand offen, und obwohl Eden leise eintrat, entging keinem der attraktiven und doch so grundverschiedenen jungen Männer ihr Kommen. Augenblicklich waren alle auf den Füßen, denn jeder wollte der Erste sein, der sie zur Begrüßung umarmte und küsste.

So war das schon immer gewesen, seit sie sie kannte. Es waren eben die Cades, die nicht nur ganz anders waren als andere Männer, sondern auch untereinander. Doch trotz aller Verschiedenheit hatten sie sich alle einmal sehr nahegestanden. Und Eden hoffte, dass das wieder so sein konnte.

„Hallo, Lincoln“, begrüßte sie den größten der Brüder, den zweitältesten, der sie buchstäblich in den Himmel hob.

Noch ehe er seinen Begrüßungskuss beendet hatte, riss Jackson, der Temperamentvollste von allen, sie in die Arme und nahm ihr mit seiner stürmischen Umarmung fast den Atem.

„He, Bruderherz, lass sie ganz, oder du bekommst es mit unserem ältesten Bruder zu tun“, meinte Jefferson, während er sie behutsam aus Jacksons starken Armen befreite.

Jefferson, der Ruhigste der vier, umfasste sie an den Schultern und musterte sie von oben bis unten, als suche er nach Verletzungen. Dann lachte er, murmelte etwas von „unverwüstlich“ und „bildschön“ und zog sie an sich. „Wie geht’s dir, Robbie?“, fragte er leise. Und dann: „Wie geht’s ihm?“ Er gab sie frei, hielt aber ihre Hand fest und wiederholte in seltsam eindringlichem Ton: „Wie geht’s Adams?“

„Als er ankam, war er müde und sehr besorgt wegen Gus. Aber einer Mitarbeiterin zufolge hat er heute schon zeitig gefrühstückt. Also fühlt er sich wohl ganz gut.“ Sie ging mit Jefferson zum Sofa und nahm neben ihm Platz, wie er ihr angeboten hatte.

Denn sosehr er es an Zuneigung hatte fehlen lassen, mit Belehrungen, wie man sich richtig benahm, hatte Gus Cade seinen Söhnen gegenüber nie gespart. Was auch immer sie als Jungs ausgefressen haben mochten, im traditionsbewussten Belle Terre gab es kaum jemanden, der es in Bezug auf gute Umgangsformen mit Jefferson, Jackson oder Lincoln hätte aufnehmen können. Nur einer war noch galanter als sie. Adams.

Eden nahm den Kaffee, den Lincoln ihr einschenkte, und etwas von der Sahne, die Jackson ihr anbot, und trank einen Schluck, ehe sie fortfuhr: „Adams wohnt im Gästehaus am Fluss. Ich dachte, das wäre passender für euer Wiedersehen.“

Eden wusste, dass sich die Brüder entgegen Gus Cades striktem Verbot in all den Jahren gelegentlich getroffen hatten. Doch nie in Belle Terre.

Keiner wollte sich offen Gus widersetzen, doch war auch keiner bereit, den Bruder zu verstoßen, wie ihr Vater es getan hatte. Also hatten sie sich immer heimlich und fernab der Heimat getroffen. Und nun waren sie alle im River Walk.

Während sie den Blick von einem Bruder zum nächsten wandern ließ, fragte sich Eden, wieso sie alle derart beschäftigt waren, dass sie einander so selten sahen. Trotzdem wollte sie sie nicht aufhalten, denn bei aller Freude über das Wiedersehen mit ihr konnten sie es natürlich kaum erwarten, endlich mit Adams zu reden.

„Als ich heute Morgen im Garten war, erzählte mir der Gärtner, er habe Adams unten am Anleger des Gästehauses gesehen. Ich nehme an, er ist immer noch dort“, sagte sie.

„Nein, er ist hier“, erklang Adams’ Stimme von der Tür her. „Er hat ein paar Fische fürs Abendessen abgeliefert.“

Beinah wäre Eden die Kaffeetasse aus der Hand gefallen. Ehe seine Brüder ihn umringten, sah sie, dass Adams’ perfekt gestyltes Haar zerzaust war. Statt eines tadellosen Anzugs trug er ein Freizeithemd und Jeans, statt der schicken Schuhe Turnschuhe. Am besten aber gefiel ihr, dass das Lächeln, das er ihr schenkte, etwas von dem Lächeln des jungen Mannes hatte, den sie geliebt hatte.

Lincoln fand als Erster die Sprache wieder, während sie sich an den Unterarmen umfassten, genau wie früher. „Ich habe so auf den Tag gewartet, an dem du nach Hause kommen würdest.“

„Nicht nach Hause, Linc, aber ganz in die Nähe.“ Trotz der Wiedersehensfreude war Adams anzumerken, wie tief verletzt er immer noch war. „Aber wann oder wo auch immer, es ist schön, euch alle wiederzusehen.“

„Adams.“ Nun umfassten auch Jackson und sein Bruder sich am Unterarm. Aus dem Begrüßungsritual aus Kindertagen war eine herzliche Willkommensgeste unter Männern geworden.

Es gab keinen Zweifel daran, dass die vier Brüder einander sehr liebten und ihren Vater auch. Gus dagegen, der seine Söhne streng und ohne Erbarmen erzogen hatte, hatte ihnen nie ein Jota Zuneigung entgegengebracht.

Nur Jefferson, der Jüngste, schien dem boshaften alten Mann überhaupt etwas zu bedeuten. Gus’ Liebling zu sein hatte Jeffersons Leben in mancher Hinsicht vielleicht erleichtert. Doch Eden wusste nur allzu gut, dass es in anderer Hinsicht sein Leben auch sehr viel schwerer machte.

Vielleicht gab es eine Erklärung für die besondere Beziehung, die seit jeher zwischen Adams, dem Prügelknaben, und Jefferson, dem Lieblingssohn, bestand. Doch selbst Eden war nie dahintergekommen.

Nun war es an Jefferson, Adams zu begrüßen. Ohne ihn zu berühren, ohne zu sprechen, stand er vor ihm. Zwei Männer konnten kaum weniger wie Brüder aussehen. Dennoch war jedem sofort klar, dass sie Brüder waren.

Auch wenn der eine dunkle Haare hatte und dunkle Augen und der andere blond war und blaue Augen hatte, so gab es doch Ähnlichkeiten. Ähnlichkeiten, die sich in einem Blick ausdrückten, einer Geste, einer Kopfhaltung. In einem Lächeln, einem seltenen Lachen.

Sie alle vier waren Söhne von Caesar Augustus Cade, hatten jedoch verschiedene Mütter. Nicht einer hatte etwas von Gus, abgesehen von Stolz und eisernem Willen. Im Aussehen kam jeder Sohn ganz nach seiner Mutter.

Bei der Wahl seiner Ehefrauen war Gus offenbar entschlossen gewesen, eine möglichst ungleiche Familie zu gründen. Adams’ Mutter hatte französische Vorfahren. Lincolns schottische, Jacksons irische und Jeffersons dänische. Die Frauen hatten nichts gemein außer ungewöhnlicher Schönheit. Deshalb waren sich die vier Brüder äußerlich auch so unähnlich. Doch durch ihren willensstarken Vater, der einzigen beständigen Bezugsperson in ihrem jungen Leben, verband sie etwas, was sie zu Brüdern machte.

Eden hatte sich dieses Phänomen früher nicht erklären können. Und sie konnte es auch jetzt nicht. Doch während sich Adams und Jefferson noch immer schweigend gegenüberstanden, war sie sich dieser besonderen Verbundenheit mehr denn je bewusst.

Dann umarmte Adams seinen Bruder lächelnd. „Jeffie.“

Der Kosename aus Kindertagen löste die Spannung, die im Raum gelegen hatte. Kurz darauf redeten alle vier gleichzeitig, lachten. Eden wollte sich unbemerkt zurückziehen. Doch noch ehe sie die Tür erreicht hatte, legte ihr jemand einen Arm um die Taille und zog sie sacht an seine Brust.

Adams. Sie würde seine Berührung jederzeit erkennen.

„Wohin willst du denn?“ Er war ihr so nah, dass sein Atem ihren Nacken streifte. „So leicht entkommst du uns nicht.“

Lachend drehte Eden sich zu ihm um und erwartete eigentlich, dass er sie freigeben würde. Stattdessen fand sie sich in seinen Armen wieder.

„Ich wollte doch nicht entkommen, Adams.“ Sie war froh, trotz seiner Nähe ganz normal sprechen zu können.

„Dann schleichst du dich also immer wie ein Schatten zur Tür hinaus?“ Adams lächelte sie kaum merklich an. „Komisch. Ich erinnere mich zwar an so manche Unart von dir, aber daran nicht.“

„Von wegen Unart. Ich wollte nur, dass du mit deinen Brüdern ungestört bist.“

Sein plötzlich ernster Blick verriet Eden, dass Adams bewusst war, dass sie die seltsame Spannung zwischen ihm und Jefferson gespürt hatte. Und sein Blick verriet ihr auch, dass er ihr eine Erklärung dafür vorerst nicht geben würde. Wenn überhaupt.

Jetzt hatte er also Geheimnisse vor ihr, während er ihr früher voll vertraute. Vielleicht war es ein weiteres Anzeichen für die Veränderungen, die das Gefängnis bewirkt hatte? Aber warum hatte es diese Anspannung nur mit Jefferson gegeben und nicht mit Lincoln und Jackson?

Es machte keinen Sinn. Aber Eden war sich ganz sicher, dass sie es sich nicht eingebildet hatte.

„Bitte bleib, Eden“, beharrte Adams. „Meine Brüder und ich haben später noch Zeit genug zum Reden. Wenn du hier dabei bist, ist es wie in alten Zeiten. Ich weiß besser als jeder andere, dass Geschehenes nicht ungeschehen gemacht werden kann und dass uns das Leben alle verändert hat. Aber daran sollten wir im Moment nicht denken, sondern lieber ein wenig in alten Erinnerungen schwelgen.“

„Hört! Hört!“ Neugierig sah Lincoln seinen Bruder an.

„Ja, du hast recht“, stimmte Jackson Adams zu. Dann nahm er seine halb volle Kaffeetasse, hielt sie hoch, als sei es ein Glas Champagner, und brachte schmunzelnd einen Toast aus. „Auf die alten Zeiten.“

Einen Moment lang waren alle überrascht, dann nahm einer nach dem anderen seine Tasse zur Hand. Als sie unter viel Gelächter miteinander anstießen, fiel Adams ein Spruch aus ihrer Jugend ein. „Ein Cade für alle, und alle Cades für einen.“

Dann suchte er Edens Blick und ergänzte, wie früher immer: „Und für Robbie.“

„Für Robbie“, stimmten die jüngeren Cades ein und verneigten sich galant.

Adams nannte sie jetzt Robbie, und das fand Eden in dieser Situation völlig in Ordnung.

Sie bedankte sich für den Toast mit einer leichten Verbeugung. Mit Blick auf Jefferson überlegte sie, ob sich nach allem, was geschehen war, das alte Zusammengehörigkeitsgefühl wieder einstellen würde.

„Auf Eden.“ Adams’ Stimme riss sie aus ihren trüben Gedanken. „Früher einmal unsere Robbie“, erklärte er, während er ihren Blick gefangen hielt und seine Tasse erneut erhob. „Jetzt die bildschöne und elegante Eden Claibourne.“

„Auf Eden“, riefen auch die anderen Cades wie aus einem Mund und prosteten ihr strahlend zu.

Gleich darauf stellte Jackson seine Tasse zurück auf das Silbertablett. „Das reicht“, meinte er und zwinkerte Eden zu. „Wenn ich noch mehr von diesem starken Gebräu trinke, kann ich bestimmt eine Woche lang nicht schlafen.“

„Seit du Inga, die Unermüdliche, getroffen hast, kannst du doch sowieso nicht schlafen.“

Lincolns Bemerkung löste lautes Gelächter aus und ließ Jefferson sticheln: „Übrigens, Lincoln, wie ist das mit ‚schlaflos in Belle Terre‘? Mit Alice, wenn ich nicht irre?“

Diese Sticheleien brachten das wohlbekannte brüderliche Geplänkel in Gang. Eden fühlte sich nun wirklich in die Vergangenheit versetzt. Ein Blick auf Adams sagte ihr, dass er, obwohl er zu wenig vom jetzigen Leben seiner Brüder wusste, das Herumalbern sehr genoss.

Im Moment dachte er nicht an seine Verbannung und die angeschlagene Gesundheit seines Vaters. Doch nur allzu bald verloren die Neckereien ihren Reiz, und die jüngeren Cades wurden einer nach dem anderen so schweigsam wie ihr Bruder.

Eden zog sich zurück, weil sie spürte, dass es Zeit für ein ernstes Gespräch war. Dabei würde selbst sie nur stören. Kaum hatte sie sich in einen Sessel am Fenster gesetzt, da beendete Adams das allgemeine nachdenkliche Schweigen.

„Ich habe heute Morgen im Krankenhaus angerufen.“

„Dann weißt du es ja“, meinte Jefferson.

„Dass Gus morgen mit ein paar Krankenschwestern entlassen wird, die ihn betreuen sollen?“ Adams rieb sich den Nacken. „Ja, das weiß ich. Ich fand es schrecklich, dass ich unter Beweis stellen musste, dass ich das Recht habe, mich zu erkundigen. Mein erster Gedanke war, dass Gus erfahren hatte, dass ich hier bin, und Anweisung gegeben hatte, mir jede Auskunft zu verweigern. Dann merkte ich, dass ich keinen der behandelnden Ärzte kannte. Ist Doc Wilson in Rente gegangen?“

„Vor drei Jahren“, erwiderte Jackson. „Einer von uns hätte es dir sagen sollen.“

„Es ist nicht so wichtig.“ Adams war sich bewusst, dass es in den dreizehn Jahren, die er weg war, viele Veränderungen gegeben haben dürfte, von denen er nichts wusste. „Nach dem, was der Arzt mir sagte, hat sich Gus’ Zustand nicht viel verbessert, und das Krankenhaus kann nichts anderes mehr für ihn tun, was nicht auch die Schwestern in … in Belle Rêve tun könnten.“

Eden sah seinen Brüdern an, dass es ihnen sehr leidtat, dass Adams die Worte „zu Hause“ nicht über die Lippen brachte. Denn es war Gus Cades ältester Sohn, der ihren Vater und ihr Zuhause am meisten von ihnen allen liebte.

Adams, Gus’ Prügelknabe. Der ergebene Sohn, der die Verbannung durch seinen Vater ohne Kommentar oder Bitterkeit ertrug. Adams, der unerwartete, zärtliche Geliebte, der nach ihrer Liebesstunde am Strand nach Rabb Town geritten war. Dort lebten die Rabbs, die erbittertsten Rivalen der Cades. Der geliebte Bruder und Freund, der unerklärlicherweise Junior Rabb fast zu Tode geprügelt hatte und dann schweigend fünf Jahre Gefängnis erduldete, die Verdammung durch seinen Vater und die Verbannung von seiner Familie.

Eine Tat ohne vorausgegangene Provokation. Es machte alles keinen Sinn, und Adams hatte nie eine Erklärung dafür abgegeben, hatte sich nie verteidigt. Stattdessen hatte er für einen rätselhaften nächtlichen Vergeltungsakt alles verloren, was er liebte und was ihm in seinem jungen Leben wichtig war.

„Ich konnte es damals nicht glauben“, murmelte Eden aufseufzend vor sich hin. „Und ich werde es niemals glauben.“

„Führst du Selbstgespräche?“ Lincoln war neben sie getreten und sah sie fragend an. „Langweilen wir dich so sehr?“

Eden brachte ein Lächeln zustande. „Aber nein. Welche Frau würde sich in Gesellschaft der aufregenden Cades langweilen? Besonders mit allen vieren im selben Raum.“

„So so, wir sind also illuster.“ Lincoln setzte sich neben Eden und ergriff ihre Hand. „Und darüber hast du Selbstgespräche geführt?“

„Vielleicht.“

„Oder vielleicht über Adams, dem du dein Herz geschenkt hast?“ Ihr schockierter Blick ließ ihn lächeln. „Du hast geglaubt, keiner hätte es gemerkt? Dass wir zu jung dazu waren? Sweetheart, wir alle wussten es, selbst Jefferson mit seinen dreizehn Jahren. Das heißt, wir alle außer Adams … bis es zu spät war.“

„Was wollte er in Rabb Town, Lincoln?“ Diese Frage hatte sich Eden selbst schon tausendmal gestellt. „Warum ritt er die vielen Meilen durch gefährliche Sümpfe und über unwegsame Wege? Adams hegte keinen Hass gegen die Rabbs. Sie waren die diejenigen, die jedem mit Feindseligkeit begegneten. Besonders Junior. Ich begreife es nicht. Das alles ergab damals keinen Sinn, und es ergibt auch jetzt keinen.“

„Ich weiß, Eden.“

„Was meinst du dazu, Lincoln?“ Er war ein Mann mit einem ausgeprägten Instinkt, ein Tierarzt mit fast übernatürlicher Begabung, genau wie ihr Großvater. Seit ihrer Rückkehr nach Belle Terre hörte Eden die Einheimischen immer wieder über seine einmalige Fähigkeit reden, die richtige Diagnose zu stellen. Unter Pferdezüchtern war das ein beliebtes Thema beim Essen im River Walk. Eden glaubte nicht, dass Lincolns Einfühlungsvermögen auf Tiere beschränkt war. „Rede mit mir“, bat sie flehentlich. „Du hast doch sicher eine Theorie zu den Ereignissen in jener Nacht.“

Mit gesenktem Kopf saß Lincoln neben ihr und hing seinen Gedanken nach. „Willst du wissen, was ich glaube?“, meinte er schließlich. „Oder was ich weiß?“

Die Vorstellung, dass es einen Beweis zugunsten Adams gab, ließ Edens Herz vor Freude einen Sprung machen. Doch sie erkannte sofort, wie töricht das war. Falls Lincoln etwas wusste, was die Anklage widerlegte, dann hätte er seine Aussage längst gemacht. Trotzdem wollte sie hören, welche Meinung der besonnenste von Adams’ Brüdern hatte. „Sag mir alles. Bitte.“

„Es ist nicht viel, Eden.“ Lincoln legte seine große, kräftige Hand auf ihre Hand. „Es sind bestenfalls Vermutungen, weil ich meinen Bruder schließlich kenne.“

„Ich möchte deine Meinung hören“, erwiderte sie mit bebender Stimme. „Wie du dazu gekommen bist, ist mir egal.“

„Schon gut.“ Lincoln drückte ihr beschwichtigend die Hand und wartete einen Moment, bis sie sich gefasst hatte. Seit ihrer Rückkehr nach Belle Terre hatte er die ruhige, zurückhaltende Eden Claibourne noch nie so temperamentvoll erlebt.

Mehr noch, er hatte noch nie eine Frau getroffen, die so sehr liebte. Das Schicksal seines Bruders war tragisch. Und doch konnte er sich sehr glücklich schätzen, eine Freundin wie Eden zu haben.

„Ich glaube, dass Adams unschuldig ist. Ich glaube, dass er etwas verschweigt. Vielleicht, um jemanden zu schützen.“

„Zu schützen?“ Eden zögerte. „Aber wen? Warum? Wem würde er so viel Loyalität und Liebe entgegenbringen, dass er sein eigenes Leben opfern würde, um sie oder ihn zu beschützen?“

„Diese Frage habe ich mir selbst unzählige Male gestellt. Die Antwort ist immer dieselbe. Ich weiß es nicht. Am Abend deines ersten Balls waren wir ausnahmsweise einmal alle zu Hause, außer Adams. Gus, Jackson und ich halfen einer Stute bei einer schwierigen Geburt. Jefferson lag im Bett und schlief. Du selbst warst noch vor eins wieder zu Hause.“ Lincoln hob die Schultern. „Die Menschen, die er so sehr liebte, dass er sich für sie opfern würde, waren also alle sicher und geborgen. Wer bleibt da übrig? Jahrelang habe ich mir darüber den Kopf zerbrochen, aber mir fällt einfach niemand ein.“

„Trotzdem glaubst du, dass das die Erklärung ist.“

„Hast du eine andere?“

Eden sah zu Adams hinüber, der ganz in ein Gespräch mit seinen jüngeren Brüdern vertieft war. „Nein, absolut keine.“

Irgendwo machte Lincolns Theorie Sinn. Sie erklärte, warum ein Mann sich wegen einer fast tödlichen Attacke, die er, weil er viel zu besonnen war, eigentlich gar nicht verübt haben konnte, nicht rechtfertigte. Doch die Schlüsselfrage blieb unbeantwortet.

„Wen will er denn nur schützen?“

An der Tür tauchte ein großer, breitschultriger Mann auf. Er trug eine tadellos sitzende khakifarbene Uniform, in der Hand hielt er einen Stetson. Aufmerksam ließ er den Blick durch die Bibliothek schweifen, bis er schließlich an Adams hängen blieb.

Als habe er nur darauf gewartet, sah Adams hoch. „Hallo, Jericho. Ich habe mich schon gefragt, wann du vorbeikommen würdest.“

„Adams.“ Jericho Rivers nickte ihm zu, und die Bewegung ließ den Stern an seiner Brust aufblitzen. Mit kurzem Nicken begrüßte er auch die anderen. „Jackson. Jefferson. Lincoln.“ Sein Ton wurde weich. „Eden. Ich hoffe, es ist dir recht, dass ich darauf bestanden habe, dass Cullen mich vorlässt.“

„Aber natürlich. Komm herein, Jericho.“ Eden ging ihm entgegen. „Kann ich irgendetwas für dich tun?“

„Nein danke, Eden. Ich wollte nur kurz mit Adams reden.“

„Wollen Sie mich aus der Stadt verjagen, Sheriff?“

„Ganz so dramatisch ist es nicht.“ Die Augen des Sheriffs blitzten amüsiert. „Ich wollte dir nur sagen, dass Junior Rabb weiß, dass du hier bist. Junior ist außerordentlich nachtragend. Wenn ich du wäre, wäre ich auf der Hut.“

„Danke, Jericho, ich werde mich vorsehen.“

„Gut. Und wenn du bei Gelegenheit mal im Büro vorbeikommen könntest, ich hätte ein paar Fragen an dich.“

„Der Fall wurde lange vor deiner Amtsübernahme abgeschlossen, Jericho.“

„Ich weiß. Aber tu mir doch den Gefallen, Adams.“

„Wenn du darauf bestehst. Ich habe nichts zu sagen, Sheriff“, erwiderte Adams freundlich. „Aber fragen kannst du ja.“

„Das werde ich“, gab Jericho ebenso freundlich zurück. Und mit einem höflichen Kopfnicken zu Eden hinüber war er auch schon wieder verschwunden. Die Augen aller in der Bibliothek Zurückbleibenden jedoch blieben neugierig auf Adams gerichtet.

3. KAPITEL

„Guten Morgen.“

Eden blickte von den auf ihrem Frühstückstisch ausgebreiteten Unterlagen hoch und sah sich einem Mann gegenüber, der eher wie ein verdrießlicher Grizzly aussah als ein freundlich grüßender Gast.

„Guten Morgen, Adams. Das ist ja eine Überraschung. Ich hätte dich hier gar nicht erwartet.“

„Nein? Gibt es einen Grund, warum ich nicht ins Haupthaus kommen sollte?“ Er betrachtete sie mit gerunzelter Stirn, ehe er seinen finsteren Blick über das Servicepersonal gleiten ließ, das gerade anfing, die Tische für den Lunch zu decken. Dann über die Gäste, die ihr Frühstück noch nicht ganz beendet hatten. Und die alle, wie Eden unglücklich feststellte, den Charme des schönen, sonnendurchfluteten Speisesaals genossen, im Gegensatz zu Adams.

„Du bist mein Gast, Adams, und hier jederzeit willkommen.“ Seine schlechte Laune ignorierte sie einfach. „Ich mache nur Konversation. Wie jede andere Hotelinhaberin hätte ich dich als Nächstes gefragt, ob du gut geschlafen hast.“ Nach einer vielsagenden Pause fuhr sie fort: „Aber da ich den Eindruck habe, du bist herübergekommen, um zu streiten, nehme ich eher an, du hast miserabel geschlafen.“

„Da irrst du dich“, erwiderte er unverändert verdrießlich. „Ich habe gut geschlafen. Und ich bin auch nicht hergekommen, um zu streiten.“

„Tatsächlich? Wie man sich doch täuschen kann.“

„Ich bin hergekommen, weil ich Abwechslung brauche.“

„Also die können das Hotel und sein weitläufiger Garten dir sicherlich bieten.“ Ganz die Hotelbesitzerin, die es gewohnt war, selbst mit anspruchsvollsten Gästen umzugehen, ergänzte Eden ruhig: „Und falls das nicht reicht, werden mein Personal und ich alles tun, um dir deinen Aufenthalt angenehmer zu machen. Falls wir etwas vergessen haben, Adams, werden wir Abhilfe schaffen. Falls du einen besonderen Wunsch hast, werden wir versuchen, ihn zu erfüllen.“

„Spar dir die Floskeln“, entgegnete er mürrisch. „Du weißt verdammt gut, dass es am Service nichts auszusetzen gibt. Oder am Garten, der Aussicht, dem Cottage, meinem Bett oder an irgendetwas anderem.“

Mit zusammengebissenen Zähnen stand Adams da und holte tief Atem, um sich zu fassen. Dann lächelte er kaum merklich. „Zum Teufel, Eden, ich habe es einfach satt, mir selbst Gesellschaft zu leisten.“

Eden lehnte sich zurück. „Dann bist du also hergekommen, um Anschluss zu suchen.“

„Nein.“

„Nein?“

„Nein! Verdammt, Eden“, brach es in einem neuerlichen Anflug von Gereiztheit aus ihm heraus, „gibt es hier drinnen ein Echo?“

„Nicht, dass ich wüsste, Adams.“

„Hör auf damit!“ Über den schmalen Tisch hinweg stützte er sich auf die Armlehnen von Edens Stuhl. „Ich suche keinen Anschluss, und ich bin auch nicht hergekommen, um darüber zu diskutieren, ob ich gut geschlafen habe oder nicht. Ich bin deinetwegen hergekommen, Eden Claibourne.“

„Warum?“ Er war ihr so nah, dass sein teures Eau de Cologne, das sie automatisch an Konferenzräume und Berge von Akten denken ließ, ihre Sinne betörte. Ihr Herz raste. Doch ihre Miene blieb beherrscht, verriet nichts vom Aufruhr ihrer Gefühle.

„Warum?“, wiederholte er wie ein Papagei. „Warum?“ Er warf ihr einen hitzigen Blick zu.

„Ja, Adams. Warum?“

„Zum Kuckuck, da ist schon wieder dieses verdammte Echo.“

Eden lachte und war froh, dass das ganz natürlich klang. „Tut mir leid. Wir beide hören uns wirklich wie Echos an.“ Dann fragte sie ruhig: „Also, Adams, was kann ich an diesem schönen Morgen konkret für dich tun?“

Er ging ein paar Schritte hin und her, ehe er zu ihr zurückkehrte und ihr fest in die Augen blickte. „Du kannst beispielsweise aufhören, mir aus dem Weg zu gehen.“

„Aber das tue ich doch gar nicht.“ Kaum hatte sie das gesagt, da war Eden klar, dass das gelogen war. „Okay, es stimmt, ich bin dir aus dem Weg gegangen. Aber nur, weil ich weiß, wie schwierig die Situation für dich ist, und weil ich dachte, du brauchst etwas Abstand und Zeit für dich selbst.“

„Ich brauche keinen Abstand. Und erst recht keine Zeit für mich allein. Weiß der Himmel, in dieser einen Woche war ich mehr als genug allein.“ Er hätte ihr von der Einsamkeit im Gefängnis erzählen können. Wie unendlich verloren und allein er sich gefühlt hatte, selbst unter seinen Mitgefangenen. Er hätte ihr vieles erzählen können, tat es jedoch nicht. Er hatte noch nie mit jemandem über diese Zeit tiefster Verzweiflung und Qual gesprochen. Und er würde es wahrscheinlich nie können.

Er fuhr sich mit den Händen durch das dichte, braune Haar und versuchte es erneut mit einem Lächeln. Es misslang. „Was ich jetzt brauche, ist ein Freund.“

Und müde gestand Adams Cade, der dynamische Geschäftsmann, der durch einen gnadenlosen Strafvollzug Abgehärtete, was er nie für möglich gehalten hätte: „Verdammt, ich brauche dich, Eden. Ich muss mich unbedingt vergewissern, dass es auch noch Liebenswürdigkeit und Charme auf dieser Welt gibt.“

„Und du willst, dass ich dir das beweise?“ Eden war der Mund trocken geworden, und ihre Stimme klang rau und unsicher.

Doch aufgewühlt, wie Adams war, schien er es nicht zu bemerken. „Wer zum Teufel denn sonst?“

Adams war frustriert. Doch Eden wusste, dass das nicht allein von seelischem Schmerz kam, sondern von einem Gefühl totaler Hilflosigkeit. Männer wie Adams Cade, Männer der Tat und ungewöhnlicher Leistungen, ertrugen es nicht, sich hilflos zu fühlen. Deshalb brauchte er vielleicht wirklich Gesellschaft.

Vielleicht brauchte er sogar sie – eine alte Freundin aus vergangenen Tagen. Dennoch war Eden instinktiv klar, dass das Letzte, was er zulassen würde, Mitleid war.

„Tja, wer sonst?“ Sie tat, als denke sie angestrengt nach. „Ah, ich hab’s.“

„Du scheinst höchstens den Vorsatz zu haben, mich langsam verrückt zu machen, indem du alles, was ich sage, wiederholst.“ Adams Miene war hart und verschlossen. Seine schlechte Laune hatte sich nicht gebessert. Und ihn zu necken, schien auch nicht zu helfen.

Aber sie konnte es noch einmal versuchen. „Mir fiel eben ein, dass ich Cullen bitten könnte, dir eine Hostess zu besorgen.“ Den hitzigen Blick, den er ihr zuwarf, erwiderte sie mit unbewegter Miene. „Es ist zwar noch Vormittag, und diese Damen arbeiten meistens am Abend, aber bestimmt kann Cullen eine finden, die das nicht so eng sieht. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Mann, der dringend Gesellschaft braucht, sich schon vormittags …“

„Verdammt, Eden! Hör mit diesem Unsinn auf!“ Vorher hatte Adams relativ gedämpft gesprochen, um die Gäste im Speisesaal nicht zu stören. Jetzt war er laut geworden. „Ich bin nicht auf Sex aus. Und wenn ich es wäre, dann würde ich mir schon selbst eine Hostess suchen. Im Moment jedenfalls brauche ich nur dich.“

Eden übersah es geflissentlich, dass ihre Gäste erschreckt zu ihnen herübersahen. Schnell warf sie Cullen, der Adams inzwischen mit finsterer Miene beobachtete, einen beruhigenden Blick zu, ehe sie leise nachhakte: „Du brauchst mich als Freundin?“

„Ja.“

„Und du bist sicher, dass du nicht doch lieber eine dieser Damen haben möchtest?“ Sie sollte endlich aufhören, ihn zu necken. Aber sie konnte einfach nicht widerstehen.

„Du bist eine Dame.“

„Danke, Adams. Ich hätte nicht gedacht, dass du das bemerkt hast.“

Ohne auf ihre Bemerkung einzugehen, schaute er auf den Fluss hinaus, der hinter einer Gruppe alter Sumpfeichen sichtbar war. „Kommst du mit?“

Eden konnte sich an Adams nicht sattsehen. Selbst frustriert und schlecht gelaunt fand sie ihn hinreißend. „Wohin?“

„Irgendwohin.“ Nach einem mürrischen Blick in die Runde, als könne er es keine Minute länger in dem gediegenen ehemaligen Ballsaal, den Eden mit viel Geschick in einen Speisesaal verwandelt hatte, aushalten, ergänzte er leise: „Bitte, Eden.“

Schnell senkte sie den Blick, weil ihr Tränen in die Augen stiegen. Das war Adams, der ehemalige Friedensstifter, der selten wütend war, aber stets zur Versöhnung bereit. Adams, der so tief verletzt war, dass er sein liebes Lächeln verloren hatte und das freche, ansteckende Grinsen, das sie so sehr mochte. Adams, der sie brauchte.

„Ja.“

„Tut mir leid, dass ich so gereizt war. Falls ich dich gekränkt habe … Was?“ Abrupt hielt Adams inne. „Was hast du da gesagt?“

„Ich habe Ja gesagt. Ich komme mit dir mit.“ Noch während sie sich wunderte, wo ihr Selbsterhaltungstrieb geblieben war, hörte sie sich fragen: „Wohin möchtest du, Adams? Zum Fluss? Zum Strand? Oder möchtest du lieber segeln?“

„Das darfst du bestimmen.“

Er mochte nicht unter Leute. Er mochte nicht einmal eine Wahl treffen. Das war Eden klar. Doch ebenso klar war ihr, dass sie auf keinen Fall mit Adams Cade allein sein sollte. Nicht, weil sie Angst vor ihm hatte. Sie würde niemals Angst vor ihm haben. Nein, die einzige Person, die sie fürchten musste, war Eden Claibourne.

„Ich kenne eine schöne Ecke auf Summer Island“, hörte sie sich sagen. Weil sie offenbar plötzlich den Verstand verloren hatte, versuchte sie, sich auf die normalerweise sehr vernünftige, gelassene Geschäftsfrau, die sie war, zu besinnen.

Doch es wollte ihr nicht so recht gelingen. Denn selbst als die vernünftige Eden ihr zuflüsterte, dass die Insel praktisch menschenleer und daher gefährlich war, erklärte die wagemutige Eden von einst: „Da es nur sechs Häuser an dem über drei Meilen langen Strand gibt und die meisten jetzt zu Saisonbeginn noch unbewohnt sind, dürfte der Strand wohl kaum überfüllt sein.“

„Hört sich gut an.“

„Wir können das Motorboot nehmen oder auch segeln. Ganz wie du möchtest, Adams.“

„Schön.“ Nachdem sie zugestimmt hatte, etwas mit ihm zu unternehmen, war es ihm egal, wohin sie gingen oder wie sie dorthin gelangten. Alles war ihm recht, Hauptsache, Eden war bei ihm.

Statt sich zu beschweren, dass er ihr nicht geantwortet hatte, fragte Eden: „Hast du schon gefrühstückt?“

„Merrie hat mir zwar Frühstück gebracht, aber ich hatte keinen Hunger.“ Was bedeutete, dass er es nicht mehr ertragen konnte, allein zu essen.

„Vielleicht hast du ja nach einem Segeltörn und einem Strand­spaziergang Hunger. Ich werde Cullen bitten, ein Picknick einzupacken, während ich mich umziehe.“

Sie sah auf ihre Uhr. „In einer Viertelstunde bin ich startbereit.“ Und sie konnte dabei sogar noch Cullen beschwichtigen, dass er sich keine Sorgen zu machen brauchte. „Wir treffen uns dann am Bootsschuppen. In Ordnung?“

„In Ordnung.“

Eden verkniff sich ein Schmunzeln, weil sie sich erneut verdächtig nach einem Echo anhörten. Sie nahm ihre Unterlagen, um die sie sich dringend hätte kümmern müssen, und ging Richtung Treppe.

„Eden? Du kommst doch wirklich mit, oder?“

Ihr Herz machte einen Freudensprung, weil er sich so sehr nach ihrer Gesellschaft sehnte. Ohne sich umzudrehen, weil sie fürchtete, schwach zu werden und ihm um den Hals zu fallen, murmelte sie: „Natürlich komme ich mit.“

„Versprich es.“

„Ich verspreche es, Adams.“

Die „River Lady“, die Einmast-Slup des Hotels, war startklar. Adams hatte sich umgezogen und trug jetzt kakifarbene Shorts und ein Poloshirt und erwartete sie, Eden, bereits auf dem Bootssteg.

„Entschuldige, dass ich mich verspätet habe. Es gab eine kleinere Katastrophe in der Küche. Eine verloren gegangene Bestellung, was bedeutet, dass es den Red Snapper heute Abend nicht in Pistazienkruste gibt.“

„Also hast du umdisponiert.“ Trotz ihrer Verspätung erstaunlich gelassen, nahm Adams ihr den schweren Picknickkorb ab. Dann reichte er ihr die Hand, um ihr an Bord zu helfen.

„Wir nehmen Mandeln“, sagte Eden, eigentlich nur, um etwas zu sagen. Denn der bevorstehende Segeltörn mit Adams beunruhigte sie ziemlich.

„Mandeln passen immer.“ Er reichte ihr die Hand, damit sie ins Boot springen konnte. „Fertig?“

Eden nickte und erschauerte unwillkürlich, als er sie berührte. Doch wenn es Adams half, seine Frustration abzubauen, indem er den zuvorkommenden Gentleman spielte, wem schadete das schon?

Nicht bereit, sich die einzige Antwort darauf einzugestehen, begann Eden sofort mit den Vorbereitungen fürs Ablegen. Sie wagte nicht, den Blick auf Adams zu richten, weil sie sonst nur wieder fasziniert davon gewesen wäre, wie unglaublich gut er aussah.

Nachdem sie abgelegt hatten, bot Eden Adams an, das Ruder zu übernehmen. Früher hatte er diesen Kurs regelmäßig gesteuert. Doch im Laufe der Jahre hatte sich das Flussbett durch die Gezeiten und so manchen Hurrikan verändert. Anhand einer selbst gefertigten und immer wieder aktualisierten Karte zeigte Eden ihm die beste Route, wies ihn auf Hindernisse unter Wasser und Untiefen hin.

Als dann die Segel gesetzt waren, überließ sie die Navigation ganz Adams. An die Kajüte gelehnt, beobachtete sie den Fluss und Adams und hoffte, die Fahrt würde ihm die gewünschte Abwechslung bieten.

Zunächst strahlte er eine gewisse Grimmigkeit aus, die ihn ungeduldig machte und irgendwie unbeholfen. Früher einmal hatte er mühelos die Fahrrinne des Flusses durchfahren. Jetzt kämpfte er gegen die Tücken an, statt sie mit Freude zu meistern. Er stand auf Kriegsfuß mit den Elementen, agierte nicht wie ein Mann, der das Wasser liebte.

Eden hatte großes Mitleid mit ihm. Manchmal hätte sie ihm am liebsten geholfen, ihm Ratschläge gegeben. Doch sie sagte nichts.

Er kam ihr wie ein Langstreckenläufer vor, der sich über einen schlechten Weg quälte, während er doch eigentlich mit dem Wind um die Wette laufen wollte.

Eine Weile noch stand ihm seine Ungeduld im Weg. Dann legte sich seine Verbissenheit, er entspannte sich und gewann seine alte Sicherheit im Umgang mit dem Boot zurück.

Seine Verwandlung zu erleben war für Eden wie eine Rückkehr in alte Zeiten. Wenn auch nur für eine kleine Weile. Für diesen einen Tag.

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