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JULIA COLLECTION, BAND 50

Drillinge verzweifelt gesucht

MINISERIE VON GINNA GRAY

Ein Fall für Dolan

In seinem Job ist der Polizist Matt Dolan ein knallharter Kämpfer. Und davon soll er sich im Haus seines Chefs am Lake Livingston endlich mal erholen. Zu seiner Überraschung trifft er dort auf die atemberaubende Maude. Dumm nur, das sein Job und die Liebe unvereinbar sind! Schweren Herzens verlässt er Maude – und bringt sie damit in größte Gefahr …

Goldfieber

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Ein Fall für Dolan

1. KAPITEL

Mehr als ein Dutzend Polizisten und Polizistinnen hielten vor dem Operationssaal des Krankenhauses Nachtwache. Und Minute um Minute kamen noch mehr hinzu. Wenn einer gehen musste, rückten andere auf.

Vor knapp einer Stunde war ein verzweifelter Ruf über den Polizeisender gegangen: „Es wurde geschossen. Es wurde geschossen. Ein Officer ist verletzt. Wir brauchen unbedingt Hilfe.“

Innerhalb weniger Sekunden hatte sich jeder verfügbare Mann und jede Frau der Houstoner Polizei auf den Weg gemacht, den Kollegen, die bei einer aufgeflogenen Drogenübergabe unter Beschuss geraten waren, zur Hilfe zu eilen.

Jetzt warteten diese Männer und Frauen darauf, Informationen über den Zustand des verletzten Detectives zu hören.

John Werner und Hank Pierson, die beiden Männer, die dem verwundeten Officer am nächsten standen, liefen mit finsteren Gesichtern wie Panther im Käfig hin und her.

Schuldgefühle und Sorge nagten an Hank. Verdammt, es wäre seine Aufgabe gewesen, seinem Partner den Rücken freizuhalten, aber er hatte versagt. Jetzt starb Matt vielleicht. Er war von zwei Kugeln schwer verletzt worden, und dafür gab Hank sich ganz allein die Schuld. Unter dem Hagel der Schnellfeuerwaffen hatte Hank zwar im Schutz des Streifenwagens Hilfe gerufen und über die Motorhaube des Wagens Schüsse auf die Angreifer abgefeuert, aber ansonsten war er hilflos gewesen.

Hank blieb stehen und schlug fluchend mit der Hand gegen die Wand. Einige der Polizisten warfen ihm mitfühlende Blicke zu, aber keiner sagte ein Wort.

Lieutenant Werner verstand die Frustration seines Detectives und ignorierte seinen Ausbruch. Als Chef fühlte sich John Werner für jeden in seiner Abteilung persönlich verantwortlich, aber zu Matt hatte er dazu noch eine besondere Beziehung. John hatte die Polizei-Akademie zusammen mit Matts Vater besucht. Patrick Dolan war Johns bester Freund gewesen. Er war einer der besten Beamten gewesen, die die Stadt je gehabt hatte. Die Nachricht, dass es sich bei dem Polizisten, der angeschossen worden war, um Matt Dolan handelte, hatte sich wie ein Lauffeuer bei der Houstoner Polizei ausgebreitet und jeden erschüttert. Matt war wie schon sein Vater einer der Besten. Ein Mann mit Intelligenz, einem untrüglichen Instinkt und Erfahrung. Er schien unangreifbar zu sein, bis …

Die Doppeltür des Operationssaales schwang auf, und jeder schaute gespannt hinüber. Ein Mann mittleren Alters in grünem Operationskittel und Kappe kam heraus und ließ den Blick über die angespannten Gesichter der Anwesenden schweifen.

„Ich bin Dr. Barnes. Wer ist hier der Verantwortliche?“ Er zog sich die grüne Papierkappe vom Kopf und massierte sich den Nacken.

„Ich.“ John Werner trat vor, und Hank folgte ihm.

„Wie geht es ihm, Doc?“, fragte Hank besorgt.

„Er lebt. Er hat großes Glück gehabt. Die erste Kugel hat seine rechte Lunge erwischt, die zweite sein Bein schwer verletzt. Außerdem hatte er bereits sehr viel Blut verloren, als er hier ankam. Aber er ist zäh und nicht so leicht unterzukriegen. Wenn er das nicht wäre, hätte er es nicht bis hierher geschafft. Trotzdem, er ist in schlechter Verfassung.“

„Ich verstehe.“ John biss einige Sekunden die Zähne zusammen. Schließlich stellte er die Frage, deren Antwort alle fürchteten. „Wird er es schaffen, Doc?“

„Vorausgesetzt, es treten keine Komplikationen auf, ja.“

„Gott sei gedankt.“

„Nun, es ist fair, wenn ich Sie vorwarne. Sein Bein ist in keinem guten Zustand … und …“

„Was? Was versuchen Sie uns beizubringen, Doc?“, fragte Hank.

„Nun … ich glaube, dass er kaum in der Lage sein wird, seine Arbeit als Polizist noch einmal aufzunehmen. Zumindest nicht auf der Straße.“

Matt drehte den Kopf auf dem Kissen und schaute aus dem Fenster, ohne etwas Bestimmtes zu sehen. Die Frau im Nebel war gestern Nacht wieder zu ihm gekommen.

Die fantasievolle Umschreibung trieb ein Lächeln auf sein ernstes Gesicht. Aber so empfand er den Traum, der immer wiederkehrte.

Es war seltsam. In den letzten zwanzig Jahren hatte er den Traum nur ein- oder zweimal im Jahr gehabt, aber seit er vor zwei Wochen im Krankenhaus erwacht war, hatte er ihn jede Nacht heimgesucht. Noch nicht einmal die Schlaftablette, die die Krankenschwester ihm jeden Abend gab, hatte das verhindern können.

Er legte eine Hand um die silberne Medaille, die ihm seine leibliche Mutter vor seiner Adoption gegeben hatte und die er niemals abnahm. Es musste seine Mutter sein, die ihm immer wieder im Traum erschien. Diese Frau, an die er sich nicht mehr bewusst erinnern konnte, und die ihn weggegeben hatte, als er zwei Jahre alt gewesen war.

Matt seufzte, schob den Gedanken zur Seite und versuchte seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten. In der unpersönlichen Atmosphäre des Krankenhauses konnte er sich treiben lassen und war nur noch ein Zuschauer der Welt dort draußen, der keine Rolle einzunehmen hatte. Irgendwie passte diese Metapher, schließlich war das Leben, das er sich aufgebaut hatte, höchstwahrscheinlich beendet. Seine Rolle als Polizist würde er wahrscheinlich für immer aufgegeben müssen.

„Verdammt, Matt, hörst du mir überhaupt zu?“

John Werner trat zwischen Bett und Fenster, damit Matt keine andere Wahl mehr hatte, als seine Gegenwart endlich zur Kenntnis zu nehmen. „Ich habe dein Schweigen lange genug hingenommen“, erklärte der ältere Mann entschlossen. „Wenn du denkst, du kannst dich auch weiterhin in deinem Schneckenhaus verkriechen und einfach so tun, als ob ich nicht hier wäre, so wie du es mit mir und jedem anderen getan hast, der dich in den letzten zwei Wochen besucht hat, dann irrst du dich. Hörst du? Ich werde das nicht mehr zulassen.“

John war ein Riese von einem Mann. Er war mindestens ein Meter neunzig und wog mehr als dreihundert Pfund. Er hatte ein breites, grob geschnittenes Gesicht, das aussah, als hätte man es mit einer Axt aus dem Holz einer knorrigen Eiche geschlagen, und eine Stimme, die grollte und rumpelte wie Donner. Selbst hartgesottene Polizisten fürchteten sich vor ihm.

Matt jedoch schien völlig unbeeindruckt zu sein.

„Ich weiß gar nicht, wovon du sprichst“, erklärte er ruhig.

„Verflixt noch mal, klar tust du das. Deine Familie und deine Freunde besuchen dich, deine Kollegen und der Polizeipsychologe – aber du hüllst dich in Schweigen. Du drehst dich einfach um und ignorierst die Menschen, die dich mögen und sich um dich sorgen. Nun, mit mir wird das nicht funktionieren. Ob es dir nun gefällt oder nicht, wir werden über diese Sachen reden müssen.“

„Da gibt es nichts zu reden.“

„Nein? Und was ist mit der Tatsache, dass du jede Hilfe ablehnst? Hm? Hank hat dich praktisch angefleht, dass du bei ihm und seiner Frau wohnst, bis du dich wieder erholt hast. Das gleiche Angebot haben dir auch andere gemacht, aber du lehnst jegliche Hilfe ab.“ Er wies mit dem Kopf zu Hank Pierson hinüber, der seinen Partner mit besorgtem Gesichtsausdruck ansah. „Stimmt es nicht, Hank?“

„Klar. Sieh mal, Matt, Patty und ich würden dich wirklich sehr gerne bei uns haben.“

„Patty hat mit den drei Kindern schon genug zu tun.“

„Hey, glaubst du, dass eines mehr Patty etwas ausmachen würde? Sie besteht sogar darauf, dass du zu uns kommst. Sie sieht dich als Teil der Familie an. Wir alle tun das.“

„Das ist wirklich nett von euch, aber nein danke.“ Matt schüttelte den Kopf und schaute weg.

„Wenn du nicht bei Hank und Patty bleiben willst, dann vielleicht bei jemand anders?“ John hatte nicht vor, Matt so leicht davonkommen zu lassen. „Es haben sich noch andere Kollegen angeboten, sich um dich zu kümmern.“

„Die Antwort lautet Nein. Ich komme schon allein zurecht. Außerdem möchte ich meinen Freunden nicht zur Last fallen.“

„Okay. Ich halte deine Entscheidung für falsch und finde, dass du starrsinnig und stolz bist, aber ich verstehe dich. Aber ob du nun willst oder nicht, du wirst jemanden brauchen, der sich um dich kümmert, wenn du das Krankenhaus verlässt. Zumindest für eine Weile. Lass dir doch vom Department eine Krankenschwester zahlen.“

„Vergiss es. Ich will keine Fremde in meinem Haus. Außerdem ziehe ich es vor, allein zu sein. Sobald ich entlassen werde, fahre ich zu mir nach Hause.“

„Dein Zustand lässt es im Moment nicht zu, dass du allein lebst“, widersprach John. „Verdammt, Mann. Es wird eine Zeit dauern, bis du dich erholt hast. Selbst wenn die Wunden verheilt sind, wirst du noch viel Krankengymnastik und andere Reha-Maßnahmen über dich ergehen lassen müssen, bevor du wieder im Dienst erscheinen kannst.“

Matt stieß einen verächtlichen Laut aus. „Wieso glaubst du, dass ich wieder als Polizist arbeiten werde?“

„Weil ich dich kenne, du dickköpfiger Ire. Du bist kein Mann, der aufgibt. Du bist aus dem gleichen Holz wie dein Vater geschnitzt. Außerdem liebst du deine Arbeit zu sehr, als dass du die Flinte kampflos ins Korn werfen würdest.“

„Der Doktor teilt nicht deine Zuversicht.“

„Was weiß der schon? Du wirst dich wochenlang trainieren müssen, vielleicht sogar monatelang. Aber wenn es einer schafft, dann du.“

Matt stieß einen verächtlichen Laut aus. „Du hast mehr Vertrauen in mich als ich selbst.“

„Wahrscheinlich, aber das wird sich ändern. Wie ich es sehe, hast du zwei Möglichkeiten. Du kannst die nächsten Wochen entweder mit einer Krankenschwester in deinem Haus leben, oder du verbringst den Sommer in meinem Haus am Lake Livingston.“

„Du hast ein Haus am See?“

„Ja. Und es ist der perfekte Ort, um zu genesen. Die frische Luft, der Frieden und die Schönheit der Landschaft wird dir gut tun. Zuerst könnest du kleinere Spaziergänge im Wald machen und am Pier angeln gehen. Später, wenn du wieder kräftiger bist, kannst du sogar mit dem Boot hinausfahren und dort angeln.“

„Gibt es einen Untermieter im Haus?“

„Im Moment nur einen, aber das ist kein Problem. Das Haus ist riesig. Ihr werdet euch wahrscheinlich nie sehen. Du kannst in meinem Zimmer schlafen.“

„Ich weiß nicht, ob …“

„Matt Dolan, das ist kein Vorschlag. Das ist ein Befehl.“

Matt spannte sich unwillkürlich an. „Du kannst mir nichts befehlen, wenn ich nicht im Dienst bin.“

Der Lieutenant verschränkte die Arme über der Brust und lächelte. „So? Vergiss nicht, dass du meine Erlaubnis brauchst, wenn du am Fitnesstest teilnehmen willst, der für deine Arbeitsaufnahme erforderlich ist. Entweder du verbringst den Sommer in meinem Haus am See, oder du darfst nur noch am Schreibtisch arbeiten. Hast du das verstanden, Dolan?“

„Das würdest du fertigbringen, nicht wahr?“, brummte Matt. „Mich zur Schreibtischarbeit verdonnern.“

John zuckte die Schultern. „Hey, das hängt ganz von dir ab, Matt. Du musst dich nur am Lake Livingston wieder in Form bringen.“

„Das ist Erpressung.“

„Vielleicht“, stimmte ihm John mit einem Lächeln zu. „Ich sehe das allerdings anders. Ich versuche nur, einem meiner Männer wieder auf die Füße zu helfen.“

„Hör zu, Matt“, warf Hank ein. „Du musst irgendwo genesen und, verflixt noch mal, einen Sommer in einem komfortablen Haus am Lake Livingston zu verbringen, ist wirklich keine Strafe. Wenn Patty und die Kinder nicht wären, würde ich mich auch anschießen lassen und selbst dort hinfahren.“ Er hielt inne und lächelte. „Nun, was sagst du?“

Matts Blick wanderte zwischen Hank und John hin und her. In Hanks Augen lag ein flehender Ausdruck, Johns Gesichtsausdruck war freundlich, aber so unbeweglich wie Granit.

„Entschuldigen Sie, störe ich?“

Die Männer drehten überrascht die Köpfe zur Tür, und Matt biss die Zähne zusammen. Er kannte diese Stimme mit dem lachenden Unterton nur zu gut und schaute finster zu dem Mann hinüber.

Er stand in der Tür, eine Schulter gegen den Rahmen gelehnt. Ein amüsiertes Lächeln lag auf seinem gut aussehenden Gesicht. Seine lässige Haltung und sein jungenhafter Charme ließen ihn freundlich und harmlos wirken, aber Matt wusste, dass sich hinter dieser angenehmen Fassade ein scharfer Verstand und die Verbissenheit eines Pitbulls verbarg, wenn dieser Mann eine gute Story roch. Und dass er dafür eine gute Nase hatte, musste selbst Matt neidlos anerkennen.

Als die Blicke der Männer sich trafen, lag in Matts Augen keine Spur von Willkommen, in denen des Neuankömmlings hingegen Neugierde und Humor.

„Wer hat Sie hier hereingelassen?“, schnaubte John. „Ich habe strikte Anweisungen gegeben, dass Reporter keinen Zugang zu Matts Raum haben.“

„Ach, kommen Sie, Lieutenant. Darf man noch nicht einmal einen alten Freund besuchen?“

„Nur weil wir uns einige Jahre kennen, macht das aus uns noch keine Freunde, Conway“, erwiderte Matt scharf.

„Nun gut, dann sind wir eben gute Bekannte. Außerdem kennen wir uns länger als ein paar Jahre. Es sind bestimmt schon zehn oder elf.“

„Wie auch immer. Ich will Sie trotzdem nicht sehen. Ich habe der Presse nichts zu sagen.“

„Sie haben den Mann gehört.“

J.T. Conway straffte sich, ignorierte Hanks warnenden Blick und betrat das Zimmer. „Hören Sie, ich möchte nur einen kleinen Bericht über Ihre Genesung bringen. Das Publikum möchte etwas über den Helden der Stadt lesen.“

„Kommen Sie schon, Conway. Wir beide wissen, dass die Zeitung wegen so einer Belanglosigkeit nicht ihren Starreporter vorbeigeschickt hätte.“

Ein reuiges Lächeln erschien auf Conways Gesicht. „Okay, ich gebe ja zu, dass ich mir einige Informationen über die geplatzte Drogenübergabe erhofft habe. Fakt ist doch, dass der Dealer vorgewarnt worden ist. Irgendjemand in Ihrem Department kann die Klappe nicht halten. Was ist das für ein Gefühl, beinahe ins Gras gebissen zu haben, nur weil einer Ihrer Kollegen korrupt ist?“

Matt warf dem Mann einen finsteren Blick zu. „Machen Sie, dass Sie rauskommen.“

„Hören Sie, Matt, ich weiß …“

„Okay, das reicht. Raus mit Ihnen“, warnte Hank, und beide, er und John, machten einen drohenden Schritt auf den Reporter zu.

„Moment mal, Männer. Ich mache nur meinen Job. Die Leser haben ein Recht zu wissen …“

„Möchten Sie vielleicht wissen, wie es ist, die eigenen Zähne zu verschlucken? Vielleicht wären Ihre Leser von so einem Artikel ganz begeistert?“

J.T. schaute von einem Mann zum anderen und rechnete sich seine Chancen aus. Er war so groß und durchtrainiert wie Matt, aber er wusste, wann es besser war, den Rückzug anzutreten. Er hob beide Hände und ging langsam rückwärts zur Tür. „Also gut, ich gehe.“ Er schaute noch einmal zu Matt hinüber und winkte. „Gute Besserung, mein Freund.“

„Junge, der Typ hat Nerven“, murmelte Hank, nachdem J.T. das Zimmer verlassen hatte.

Der Lieutenant schien von dem Zwischenfall unberührt und wandte sich wieder Matt zu. „Falls du hier in der Stadt bleibst, kannst du damit rechnen, noch öfters von der Presse belästigt zu werden. Am See jedoch wirst du deine Ruhe haben. Nur Hank, ich und noch ein paar andere werden wissen, wo du dich aufhältst.“

„Du lieber Himmel, gibst du denn niemals auf?“, stöhnte Matt. „Also gut, ich werde in dieses verflixte Haus am See ziehen.“

John strahlte. „Gut, sehr gut.“ Er rieb sich die Hände. „Ich werde alle Vorkehrungen treffen. Hank wird zu deinem Haus fahren, alles Nötige für dich zusammenpacken und dich dann morgen, direkt nach der Entlassung, zum See fahren.“

„Ich kann es kaum erwarten“, bemerkte Matt trocken.

„Wir werden jetzt gehen, damit du dich ausruhen kannst“, erwiderte John, der Matts sarkastische Bemerkung ignorierte. „Kommen Sie, Hank.“

Nachdem Hank draußen im Flur einige Schritte neben John Werner hergelaufen war, blieb er stehen und räusperte sich. „Hm, Lieutenant, ich habe da eine Frage, weiß Matt denn, wer noch im Haus am See wohnt?“

„Nein.“

„Das dachte ich mir. Sind Sie sicher, dass Sie wissen, was Sie tun, Boss?“

Sie hatten die Fahrstühle erreicht, und John drückte auf den Liftknopf. Die Tür des Fahrstuhls öffnete sich, und die beiden Männer traten ein.

„Natürlich. Ich habe lange darüber nachgedacht“, erwiderte John und drückte auf den Knopf fürs Erdgeschoss. „Matt ist im Moment wie ein verletztes Tier. Er faucht und verteidigt sich gegen jeden, der in seine Nähe kommt. Am liebsten würde er sich irgendwo allein in einer dunklen Ecke verkriechen und seine Wunden lecken. Nun, genau das werde ich auf keinen Fall zulassen.“

Der Lieutenant lehnte sich mit dem Rücken gegen die Fahrstuhlwand und warf seinem Detective einen selbstzufriedenen Blick zu. „Liebevolle Fürsorge und menschliche Wärme ist für Matt das beste Rezept. Mit anderen Worten: Matt braucht eine ordentliche Dosis Maude Ann.“

2. KAPITEL

Matt spürte jedes Schlagloch und jeden Stein, als der Wagen die ungeteerte Landsraße entlangrumpelte. Er umklammerte die Armlehne, biss die Zähne zusammen, wenn der Schmerz zu stark wurde, und gab sich Mühe einen stoischen Gesichtsausdruck beizubehalten. Aber bei einem besonders tiefem Loch hielt er es nicht mehr aus. „Ahh … verdammt. Das ist keine Straße, sondern eine Zumutung.“

„Entschuldige.“ Hank warf ihm einen bedauernden Blick zu. „Ich werde so langsam fahren, wie ich kann. Das Haus liegt gleich hinter der nächsten Kurve.“

Matt schaute sich den dichten Wald zu beiden Seiten der Straße an. Durch die Bäume zu seiner Rechten konnte er hin und wieder einen kurzen Blick auf den See werfen, aber man sah weder Häuser noch Menschen. Johns Haus lag ungefähr zwei Meilen vom Highway entfernt, und dieser Kiesweg, den John stolz Straße nannte, war die einzige Verbindung zur Zivilisation.

John hatte das Haus und das Land zwischen dem See und dem Highway von seinem Onkel geerbt. Er vermietete hin und wieder einige Zimmer in dem riesigen Haus und hatte vor, eine Pension für Angler zu eröffnen, wenn er in den Ruhestand ging.

„Weißt du, ich beneide dich richtig, dass du den ganzen Sommer über hier bleiben darfst“, sagte Hank, als er den Wagen schließlich anhielt und den Motor abstellte. „Es ist wunderschön hier.“

Das große zweistöckige Gebäude befand sich auf einer Lichtung nur hundert Meter vom See entfernt. Es besaß eine Veranda, die ums ganze Haus führte. Hübsche Sitzgruppen aus Rattan luden ein, die schöne Aussicht zu genießen. Zusätzlich zu Johns Wohnung, die im Erdgeschoss lag, gab es einen großen Aufenthaltsraum, eine geräumige Küche und ein Esszimmer und im ersten und zweiten Stock acht Schlafzimmer und sechs Badezimmer.

„Man kann verstehen, warum der Lieutenant so stolz auf diesen Ort ist“, fuhr Hank fort. „Du wirst dich hier wirklich gut fühlen.“

Matt bezweifelte das. In diesen Tagen fühlte er sich nirgendwo gut. Seine Wunden schmerzten noch, und jeder Schritt, den er machte, war die reinste Qual.

Mit Hilfe von Hank und seinem Stock gelang es ihm, die Verandastufen hinaufzugehen. Doch als er die Veranda erreicht hatte, waren seine Knie so wackelig, dass er sich erst einmal setzen musste. Hank nutzte die Zeit, um das Gepäck aus dem Wagen zu holen und es in Matts Zimmer zu bringen.

„Es duftet wundervoll im Haus. Jemand muss gekocht haben“, bemerkte Hank, als er wieder zurückkehrte. „Aber ich kann den Mieter nirgendwo entdecken.“

„Gut. Ich hoffe, das bleibt auch so.“

Hank wich verlegen seinem Blick aus. „Tja, ich glaube, es ist besser, wenn ich mich wieder auf den Rückweg mache. Dann kannst du dich ein wenig von der Fahrt ausruhen und später auspacken. Gibt es noch etwas, was ich für dich tun kann?“

„Ich glaube nicht.“ Matt wusste, dass sein Partner ihn nur ungern allein ließ, aber er selbst hatte absolut nichts dagegen. Im Gegenteil, es war genau das, was er wollte. Er hatte keine Lust zu reden, noch nicht einmal mit seinem besten Freund. „Fahr nur. Mach dir um mich keine Sorgen. Ich komme schon zurecht.“

„Nun … wenn du so sicher bist. Aber denke immer dran, wenn du etwas brauchst, egal was, ruf mich bitte an.“

Nachdem sein Partner fortgefahren war, schaute Matt sich um. Johns Onkel war nicht nur ein guter Angler und Fremdenführer gewesen, sondern auch ein begeisterter Gärtner. Ein gepflegter Rasen führte bis zum See hinunter, und das Haus war von Rosenbüschen und Blumenbeeten umgeben. Auf der rechten Seite reichte der Wald bis zum Garten, links hingegen erstreckte sich zwischen Blumenbeeten und Wald eine große schöne Wiese. Die Bootsanlegestelle lag ungefähr dreihundert Meter von hier entfernt und war durch einen Waldpfad zu erreichen.

Es war ein herrlicher Ort, um sich zu erholen. Unter anderen Umständen hätte Matt sich gefreut, die Sonne und die Natur zu genießen, aber im Moment ärgerte es ihn, dass man ihn praktisch gezwungen hatte, hierher zu kommen.

Allerdings hat John wahrscheinlich in einem recht, dachte Matt und schaute sich noch einmal um. Hier würden ihn bestimmt keine neugierigen Reporter bedrängen.

Als er plötzlich Stimmen hörte, schaute Matt erstaunt zum Wald hinüber und sah, wie eine Frau und mehrere Kinder auf die Lichtung traten. Großartig. Genau das, was er brauchte.

Das ganze Land bis zum Highway gehörte John. Entweder hatte die Neugierde die kleine Gruppe auf das Privatland getrieben, oder sie hatten sich verirrt. Was immer auch der Grund ihrer Anwesenheit sein mochte, Matt hatte vor, sie so schnell wie möglich wieder auf den Weg zu schicken.

Die Kinder waren verschiedenen Alters, und soweit er es aus dieser Entfernung erkennen konnte, auch verschiedener Hautfarben. Alle trugen Shorts, T-Shirts und Tennisschuhe. Sie waren verschwitzt und verschmutzt. Jedes Kind hielt einen Topf oder einen Korb in der Hand.

Es war allerdings die Frau, die seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er hatte noch nie eine Frau gesehen, die in verwaschenen Jeansshorts und T-Shirt so viel Sex-Appeal ausstrahlte. Das knappe T-Shirt betonte ihre vollen Brüste und ihre schmale Taille, und die Shorts brachten ihre wohlgeformten, langen Beine zur Geltung. Ihr Haar, eine wilde Mähne überschulterlanger rotbrauner Locken, glänzte in der Sonne. Als sie mit ihrem wiegenden Gang näher kam, spürte er, wie sich eine erregende Wärme in seinen Lenden ausbreitete. Es war das erste Mal, dass er seit seiner Verletzung dieses Gefühl wahrnahm, und es erfreute und ärgerte ihn gleichzeitig.

Matt verlagerte den Größtteil seines Gewichts auf den Stock und erhob sich langsam. Als die Gruppe näher kam und er ihnen gerade ein paar passende Sätze über unerlaubtes Betreten von Privatland vortragen wollte, winkte die Frau ihm zu.

„Hallo, es tut mir leid, dass wir bei Ihrer Ankunft nicht da waren.“

Matt spannte sich an, während ihn ein unbehagliches Gefühl überfiel. Irgendetwas an dieser Frau kam ihm bekannt vor, aber er wusste nicht, woher. Dabei war sie bestimmt keine Frau, die ein Mann so leicht vergessen würde.

„Hey, Mister. Guck mal, was wir haben“, rief ihm ein blonder pausbäckiger Engel mit schmutzigem Gesicht zu.

Bevor er sie noch daran hindern konnte, liefen die Kinder die Verandatreppe hinauf, und die Frau folgte ihnen. Das kleine blonde Mädchen hielt ihm seinen Korb entgegen, aber der Rest der Kinder beäugte ihn nur misstrauisch, als ob er derjenige wäre, der nicht hierher gehörte.

„Okay, Kinder, bringt eure Brombeeren hinein und wascht sie. Debbie, Liebling, komm her.“ Sie schenkte Matt ein Lächeln. „Entschuldigen Sie, aber die Kleine ist so stolz darauf, dass sie so viele Brombeeren gepflückt hat.“

Bevor er etwas sagen konnte, hatte die Frau sich den Kindern zugewandt und klatschte in die Hände. „Alle gehen ins Haus. Marshall, du wirst mit Yolanda auf die Kleineren aufpassen. Ich werde bald nachkommen.“

Matt schaute mit wachsendem Unbehagen zu.

Sie wandte sich wieder Matt zu und hob eine Augenbraue. „Detective Dolan? Sie haben noch kein Wort gesagt. Stimmt etwas nicht?“

„Ich kenne Sie irgendwoher, nicht wahr?“

Die Frau legte leicht den Kopf in den Nacken und lachte, und er wusste plötzlich, wer sie war. Kein Mann könnte jemals diesen kehligen Klang vergessen.

„Du lieber Himmel. Ich weiß, dass ein paar Jahre vergangen sind, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so sehr verändert habe.“

Matt sah sie prüfend an. „Sie sind Maude Ann Henley, Tom Henleys Witwe. Sie waren damals in unserem Department der Seelenklempner.“

Und sie hatte sich verändert. Die Frau, an die er sich erinnerte, war sehr reserviert und kühl gewesen. Sie war stets perfekt geschminkt und frisiert gewesen und hatte streng geschnittene Kostüme getragen. Jetzt stand sie ungeschminkt, mit ungebändigter Lockenmähne, in Shorts und T-Shirt vor ihm. Verflixt, sie hatte sogar Sommersprossen auf der Nase.

„Das stimmt. Obwohl mein Name eigentlich Edwards ist. Dr. Maude Ann Edwards, um genau zu sein. Ich habe aus beruflichen Gründen meinen Mädchennamen beibehalten. Außerdem ziehe ich die Bezeichnung Psychiater dem Wort Seelenklempner vor.“

„Was um alles in der Welt suchen Sie hier, Dr. Edwards?“

Sie schien etwas brüskiert, ob von seiner Frage oder seinem schroffen Tonfall konnte er nicht sagen, und es kümmerte ihn auch nicht. Alles was er wollte, war eine Antwort, und dann wollte er, dass sie wieder verschwand. Er hatte sie gemieden, als sie im Department gearbeitet hatte. Und er wollte sie auf keinen Fall jetzt um sich haben.

„Nun, ich lebe hier. Hat Lieutenant Werner Ihnen das nicht gesagt?“

„Sie leben hier? Nein, das hat er mir nicht gesagt“, stieß Matt fassungslos hervor. „Irgendwie hat er wohl vergessen, mir das mitzuteilen. Er sagte mir nur, dass er einen Mieter im Haus hätte. Ich nahm an, dass ein passionierter Angler hier den Sommer verbringen würde. Dieser verdammte …“

„Detective Dolan, ich muss Sie bitten, nicht vor den Kindern zu fluchen.“ Sie bemerkte, dass ihre Schützlinge immer noch wie angewurzelt auf der Veranda standen, und scheuchte sie ins Haus. „Geht jetzt rein und wascht die Beeren, wie ich es euch gesagt habe. Jane wird bald vom Supermarkt zurück sein. Wenn die Beeren nicht fertig sind, kann sie euch zum Abendessen nicht das Dessert zubereiten, das sie euch versprochen hat. Also bitte, geht an die Arbeit.“

Die jüngeren Kinder rannten sofort los und schubsten sich gegenseitig, um zuerst durch die Tür zu kommen. Die älteren hingegen verließen die Veranda nur widerwillig und warfen immer wieder einen neugierigen Blick zu Matt hinüber.

Als das letzte Kind im Haus verschwunden war, wandte Maude Ann sich schließlich wieder Matt zu.

„Lieutenant Werner hat Sie nicht angelogen, Detective. Ich bin die einzige Mieterin hier.“

„Warum sind Sie hier?“ Sie öffnete den Mund, um ihm zu antworten, doch er hielt die Hand hoch, um ihr Einhalt zu gebieten. „Nein, nein, geben Sie sich keine Mühe. Das ist offensichtlich. Nun, Sie können dem Lieutenant sagen, dass ich niemanden brauche, der für mich Kindermädchen spielt, und einen Seelenklempner brauche ich schon gar nicht. Er hat diesen feinen Plan also umsonst ausgeheckt.“

Unterdrücktes Lachen glitzerte in Maude Anns ausdrucksvollen braunen Augen. „Du meine Güte, Sie haben vielleicht ein Ego, Dolan. Komisch, ich habe zwei Jahre lang mit Ihnen gearbeitet, und es ist mir zuvor nie aufgefallen. Glauben Sie mir, meine Anwesenheit hier hat absolut nichts mit Ihnen zu tun. Ich habe dieses Haus vom Lieutenant für meine Pflegekinder gemietet. Ich habe ein Heim für missbrauchte, misshandelte und vernachlässigte Kinder gegründet, dass ich zu Ehren meines verstorbenen Mannes Henley Haven getauft habe.“

„Ein Kinderheim? Sie meinen, diese Kinder wohnen ebenfalls hier?“

„Ja. Im Moment sind es nur sieben. Aber Henley Haven kann leicht zehn aufnehmen. Im Notfall sogar zwölf. Aber wie viel es auch sind, die Kinder halten mich so auf Trab, dass ich ganz bestimmt keine Zeit hätte, mich auch noch um Sie zu kümmern. Vielleicht erleichtert es Sie, wenn ich Ihnen sage, dass ich keine Patienten mehr behandle. Ich ziehe es vor, mein ganzes Wissen und meine Erfahrung für diese Kinder einzusetzen. Sie brauchen sich also keine Sorgen zu machen. Ich werde Sie nicht analysieren.“

„Diese Chance werden Sie auch nicht bekommen, Lady.“

„Gut. Ich bin froh, dass das geregelt ist. Als der Lieutenant mich anrief, hat er mich nur gefragt, ob es mir etwas ausmachen würde, wenn Sie den Sommer über in seiner Wohnung lebten und ich Sie hin und wieder nach Houston zum Arzt fahren würde. Ich fahre regelmäßig nach Houston, und da ich für dieses Haus eine äußerst günstige Miete zahle, konnte ich kaum Nein sagen. Außerdem ist seine Wohnung nicht Teil meines Mietvertrages. Wen er hier wohnen lässt, geht ganz allein ihn etwas an.“ Sie machte eine kurze Pause. „Ich habe zugestimmt, dass Sie mit uns essen können. Jane und ich müssen sowieso für die Kinder kochen. Aber ich versichere Ihnen, mehr Hilfe als Essen, Putzen, Waschen und hin und wieder eine Fahrt in die Stadt werden Sie von mir nicht bekommen.“

„Die werde ich auch nicht brauchen“, fuhr er sie an. „Verdammt, ich habe mich nur einverstanden erklärt hierherzukommen, weil ich mir von diesem Ort Ruhe und Frieden versprochen habe. Aber was finde ich stattdessen? Eine Seelenklempnerin und eine Bande verwahrloster Kinder.“

„Hey, Bulle, was fällt dir ein, uns zu beleidigen.“

„Tyrone!“, rief Maude Ann empört, als ein schmaler dunkelhäutiger Junge auf die Veranda hinausrannte.

Die Tür schlug hinter ihm zu, als er sich zwischen Maude Ann und Matt stellte, die Brust herausstreckte und Matt herausfordernd anstarrte, was bei dem kleinen Jungen eher komisch als bedrohlich wirkte.

Matt sah den Jungen überrascht an. Er erkannte das Kind sofort. Tyrone Washington war der Sohn einer jungen drogenabhängigen Frau, die in einem heruntergekommenen Viertel von Houston lebte, das man Denver Harbor nannte.

Das Kind war erst sieben Jahre alt und bereits mehrere Male von der Polizei aufgegriffen worden. Da seine Mutter sich die meiste Zeit im Drogenrausch befand, war er allein durch die Slums der Nachbarschaft gelaufen. Er hatte ein Vokabular wie ein betrunkener alter Seebär und stahl wie eine Rabe. Tyrone mochte auf dem Papier erst sieben Jahre alt sein, doch er hatte bereits so viel erlebt wie ein Zwanzigjähriger.

Matt musterte den Jungen und erwiderte seinen drohenden Blick mit einem ironischen Lächeln. „Sieh mal einer an, wenn das nicht Tyrone Washington ist. Der coole Junge aus Denver Harbor.“

„Das ist richtig, aber das geht dich einen Dreck an, du Bulle, also leck mich …“

„Tyrone!“, maßregelte Maude Ann den Jungen erneut. „Halt dein loses Mundwerk im Zaum. Außerdem wirst du ab jetzt Detective Dolan mit seinem Namen ansprechen. Hast du gehört? Du bist lange genug hier, um zu wissen, dass man Leute nicht so beleidigen darf.“

Tyrone runzelte verwirrt die Stirn. „Noch nicht einmal dreckige Cops?“

„Ganz besonders keine Cops. Ich habe dir doch erzählt, dass mein Mann Polizist war, und glaube mir, er war ein wundervoller Mensch. Jetzt entschuldige dich.“

Tyrones Gesicht nahm einen trotzigen Ausdruck an. „Ich werde mich nicht entschuldigen. Schon gar nicht bei einem …“

„Tyrone, entweder du entschuldigst dich, oder du wirst bei Jane bleiben, wenn ich mit den anderen ins Kino gehe. Du hast die Wahl.“

„Ach, Miss Maudie …“

„Du hast gehört, was ich gesagt habe, Tyrone.“

„Können wir das Theater nicht beenden?“, fuhr Matt dazwischen. „Es ist mir egal, ob dieser kleine Punk sich bei mir entschuldigt oder nicht.“

„Mr Dolan, es wird hier niemand herabgesetzt. Die Regeln, die die Kinder befolgen, gelten für alle, die in diesem Haus wohnen.“

„Dann sind ja alle Probleme gelöst, weil ich auf keinen Fall hier bleiben werde.“

„Das ist ganz allein Ihre Entscheidung, Detective“, erwiderte sie mit einem freundlichen Lächeln. „Ich versichere Ihnen, dass es mir völlig gleichgültig ist, ob Sie bleiben oder abfahren.“

„Gut, wenn es Ihnen nichts ausmacht, werde ich jetzt den Lieutenant anrufen und bitten, jemanden vorbeizuschicken, der mich wieder abholen soll“, erwiderte er schroff.

„Ganz wie Sie wünschen. In Ihrem Zimmer befindet sich ein Telefon.“

Matt nickte kurz, verlagerte den Großteil seines Gewichts auf seinen Stock, biss die Zähne zusammen und humpelte langsam los.

„Dem haben Sie es aber gegeben“, flüsterte Tyrone. Sie biss sich auf die Unterlippe und sah zu, wie Matt Dolan davonhinkte. Sie erinnerte sich daran, wie er früher ausgesehen hatte. Er war oft ohne Anzugjacke mit aufgekrempelten Ärmeln herumgelaufen, ein großer Mann mit breiten Schultern, durchtrainiert und selbstbewusst. Eine Aura von Stärke und Unverletzbarkeit hatte ihn umgeben.

Seine Haltung war immer noch aufrecht, aber er hatte während seines Krankenhausaufenthaltes an Gewicht verloren, und es war offensichtlich, dass er beim Gehen starke Schmerzen hatte. Ihr Herz zog sich vor Mitgefühl zusammen, und sie wäre am liebsten zu ihm hinübergelaufen und hätte ihm geholfen.

Doch sie unterdrückte diesen Impuls. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, ihm nachzulaufen. Er würde jedes Angebot und jede Hilfe ablehnen. Außerdem hatte sie sich ein Versprechen gegeben, und das wollte sie einhalten.

Als John Werner sie angerufen und sie gefragt hatte, ob Matt Dolan einige Monate bei ihr wohnen könnte, hatte sie sich geschworen, diesen Mann so weit es ging sich selbst zu überlassen. Sie hatte mit ihren Kindern bereits genug zu tun. Und sie hatte genug von den Traumen, seien sie körperlich oder seelisch, mit denen verletzte Polizisten zu kämpfen hatten.

Sie hatte all das vor zwei Jahren hinter sich gelassen, nachdem ihr Mann Tom erschossen worden war, als er einen Banküberfall verhindern wollte. Jetzt hatte sie ihr Leben ganz den Kindern gewidmet.

Maude Ann hatte noch nie viel von Selbstbetrug gehalten und sie musste sich eingestehen, dass es noch einen anderen Grund gab, warum sie sich geschworen hatte, sich von Matt Dolan fernzuhalten. Auf gar keinen Fall wollte sie sich noch einmal zu einem Polizisten hingezogen fühlen.

Zugegeben, das Risiko, dass das passieren könnte, war klein. Während der drei Jahre, in denen sie in John Werners Department arbeitete, hatte sich Matt ihr gegenüber immer höflich, aber distanziert verhalten. Maude Ann konnte sich nicht daran erinnern, dass sie jemals ein persönliches Gespräch geführt hätten. Und er hatte nie ihre Hilfe in Anspruch genommen, es sei denn, ein Vorgesetzter hatte es ihm befohlen.

Er war ganz anders als Tom, überhaupt nicht ihr Typ, und wenn man die Vergangenheit betrachtete, bestand keine Gefahr, dass sich zwischen ihnen etwas entwickeln könnte.

Trotzdem, Maude Ann war nicht dumm. Matt Dolan war ein ausgesprochen attraktiver Mann. Mit seinem schwarzen Haar und den strahlend blauen Augen, seinem gut geschnittenen Gesicht und seiner Draufgängerhaltung, konnte keine Frau ihn übersehen. Selbst die Standfesteste hätte Schwierigkeiten, so viel geballter Männlichkeit zu widerstehen.

Ja, alles in allem, war es wirklich das Beste, wenn sie um Matt Dolan einen großen Bogen machte.

3. KAPITEL

Matt saß auf dem Bettrand, den Hörer ans Ohr gedrückt und zählte die Klingelzeichen am anderen Ende der Leitung.

„Lieutenant Werner.“

„Du schäbiger, hinterhältiger Fuchs. Das hast du dir ja fein ausgedacht.“

„Ah, schönen guten Tag, Matt. Ich nehme an, du hast Maudie und ihre Kinder inzwischen kennengelernt.“

Matt biss die Zähne zusammen und lockerte etwas den eisernen Griff um den Hörer. John machte sich noch nicht einmal die Mühe, den Humor in seiner Stimme zu unterdrücken. Matt konnte sich bildhaft vorstellen, wie sein Chef sich jetzt im Sessel zurücklehnte und breit und selbstzufrieden lächelte. „Zumindest hast du noch den Anstand, nicht vorzutäuschen, dass du nicht wüsstest, wovon ich spreche.“

„Das hätte auch gar keinen Sinn, nicht wahr? Wie geht es Maudie?“

„Maudie geht es ausgezeichnet, aber ich bin fuchsteufelswild, John. Wie konntest du mir nur so etwas antun?“

„Du glaubst, ich wollte dir etwas antun? Komm schon, Matt, du weißt genau, dass mir nur dein Wohlbefinden am Herzen liegt.“

„Wirklich sehr komisch. Hast du wirklich geglaubt, ich würde da mitspielen? Ich habe mich geweigert, im Krankenhaus mit einer Psychologin zu sprechen, und deshalb steckst du mich in einem abgelegenen Haus am See einfach mit einer zusammen. Und dazu noch mit Maude Ann Edwards. Ich habe mich im Department von ihr ferngehalten, warum sollte ich jetzt Zeit mit ihr verbringen wollen? Schick Hank so schnell wie möglich hierher, damit er mich abholt.“

„Kommt überhaupt nicht infrage, Matt. Wir haben eine Abmachung, und du wirst dich daran halten. Maudie arbeitet nicht mehr als Psychiaterin. Sie ist viel zu beschäftigt mit den Kindern. Du kannst dich also entspannen, niemand will dich analysieren.“

„Vergiss es. Ich werde auf keinen Fall zusammen mit dieser Frau und diesen Kindern unter einem Dach wohnen. Schick sofort Hank zu mir.“

„Tut mir leid, Junge, nichts zu machen. Grüß Maudie von mir und melde dich Ende des Sommers wieder bei mir. Dann werden wir über den Termin für den Fitnesstest sprechen.“

„Warte einen Moment. Du darfst nicht …“

Es klickte und das Freizeichen erklang. Matt nahm den Hörer vom Ohr und starrte ihn an. Dann knallte er ihn so hart aufs Telefon, dass er wieder zurücksprang und er ihn erneut auflegen musste.

Mit einem frustriertem Stöhnen legte er sich aufs Bett zurück und fluchte lautstark. Es kümmerte ihn einen Dreck, ob Dr. Maude Ann Edwards ihn hörte. Eigentlich hoffte er sogar, dass sie es tat. Vielleicht warf sie ihn dann hinaus.

„Die Kinder werden in einer Minute unten sein“, erklärte Maude Ann, als sie in die Küche zurückkehrte. „Sie waschen sich gerade die Hände. Yolanda passt auf, dass sie auch sauber werden.“

„Hm, das ist auch notwendig“, sagte Jane. „Dennis tut so, als ob Wasser und Seife Gift wären. Tyrone ist auch nicht besser.“

Maude Ann lachte. „Ich weiß. Dennis versuchte mir zu erklären, dass seine Hände gar nicht schmutzig sein können, weil er sie den ganzen Tag in der Hosentasche hat.“

Jane rollte mit den Augen. „Die beiden haben nur Unsinn im Sinn.“ Sie stand vor dem Herd und rührte den Haferbrei um. „Wenn dieser Polizist mit uns essen will, dann sollte er sich beeilen. Das Essen ist gleich fertig.“

Maude Ann holte ein Blech frisch gebackener Brötchen aus dem Backofen und warf einen Blick auf die Tür, die Matts Räume mit der Küche verbanden. „Er hat nicht einmal den Kopf herausgestreckt, nicht wahr?“

„Nein. Ich bin seit drei Stunden vom Einkaufen zurück und habe weder etwas von ihm gehört noch ihn gesehen. Bist du sicher, dass er noch da ist? Vielleicht hat er sich entschlossen, zum Highway zu laufen und von dort aus nach Hause zu trampen.“

„Das ist unwahrscheinlich. In seinem Zustand würde er noch nicht einmal einen halben Kilometer weit kommen.“ Maude Ann kaute nachdenklich an ihrer Unterlippe. „Ich nehme an, ich sollte an seiner Tür klopfen und ihm sagen, dass wir jetzt essen.“

Jane gab den Haferbrei in eine große Schüssel und stellte ihn auf den Tisch. „Ich würde ihn in seinem eigenen Saft schmoren lassen. Ich konnte launische Männer noch nie ertragen.“

„Detective Dolan ist nicht launisch. Er ist … nun, eigenwillig ist wohl eher das richtige Wort.“ Maude Ann nahm zwei Butterdosen aus dem Kühlschrank und stellte sie auf den Tisch. Unfähig zu widerstehen, nahm sie eines der kleinen Brötchen auf und biss davon ab. Sie schloss genussvoll die Augen. „Du meine Güte, Jane, du musst mir zeigen, wie man solch köstliche Brötchen backt.“

„Gern. Das Problem ist nur, dass du nie Zeit hast.“

Maude Ann seufzte. „Wie wahr.“ Sie warf erneut einen Blick auf die Tür und straffte sich. „Nun, ich werde ihn wohl oder übel rufen müssen. In seinem geschwächten Zustand sollte er keine Mahlzeit auslassen.“

„Wie du willst. Während du dich um den Mann kümmerst, werde ich nach unseren Küken sehen. Diese Ruhe scheint mir äußerst verdächtig.“ Mit diesen Worten marschierte Jane entschlossen aus der Küche und lief die Treppe hinauf.

Maude Ann aß zuerst das Brötchen auf und wischte sich dann die Hände an dem Geschirrtuch ab, das über ihre Schulter hing. Schließlich ging sie zur Tür und klopfte vorsichtig an. „Detective! Das Essen ist fertig.“

Sie wartete ein paar Sekunden, erhielt jedoch keine Antwort. „Detective?“, rief sie erneut.

Nach kurzem Zögern öffnete sie die Tür einen Spalt und schaute ins Zimmer. „Detective Dolan? Sind Sie hier?“

Die Sonne war fast untergegangen, und das letzte pink- und purpurfarbene Licht fiel in das dämmrige Zimmer. Zuerst dachte Maude Ann, dass das Zimmer leer sei, doch dann sah sie ihn regungslos auf dem Bett liegen.

Furcht und Schuldgefühle stiegen in ihr auf. Du lieber Himmel, war er etwa tot? Wenn das so war, war es ganz allein ihre Schuld. Wie konnte sie ihn so lange allein lassen, ohne auch nur einmal nach ihm geschaut zu haben? Schließlich war der Mann erst vor wenigen Stunden aus dem Krankenhaus gekommen.

Sie hielt den Atem an und trat näher ans Bett. Als sie schließlich vor ihm stand und sah, wie seine Brust sich hob und senkte, schloss sie erleichtert die Augen und seufzte. Gott sei Dank. Er war nur eingeschlafen.

Sie öffnete wieder die Augen und wollte ihn an der Schulter rütteln, doch etwas hielt sie zurück, und sie betrachtete ihn stattdessen.

Während sie mit dem Blick sein Gesicht abtastete, wurde ihr Gesichtsausdruck weicher und Zärtlichkeit stieg in ihr auf. Matt wirkte so erschöpft, so blass, so schutzlos. Wie schlimm musste es für diesen stolzen Mann sein, so hilflos zu sein.

Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass er für einen Mann unglaublich lange Wimpern besaß. Sie waren dicht und leicht geschwungen, aber selbst sie konnten nicht von den dunklen Ringen unter seinen Augen ablenken, die von seiner Erschöpfung zeugten.

Dann glitt sie mit dem Blick prüfend über seinen Körper, und ihre Besorgnis wuchs. Matt war schon immer schlank gewesen, aber jetzt war er fast mager. Niemals hätte sie geglaubt, dass sie den großen, starken, selbstbewussten Matt einmal in solch einem Zustand sehen würde. Wie nahe ist er daran gewesen, sein Leben zu verlieren, dachte Maude Ann. Wie ihr geliebter Tom vor zwei Jahren.

Durch Matts leichtes blaues Sommerhemd sah man auf der rechten Seite einen Verband durchschimmern, und ein weiterer zeichnete sich durch seine Jeans am rechten Oberschenkel ab.

Diese Verbände mussten regelmäßig gewechselt werden. Doch sie wusste, dass er sie nur schroff abweisen würde, falls sie ihm Hilfe anböte.

Matt musste direkt nach dem Anruf, den er machen wollte, erschöpft in einen tiefen Schlaf gefallen sein. Seine Füße, die in Joggingschuhen steckten, berührten noch den Boden. Er musste einfach nach hinten gefallen und eingeschlafen sein.

Erneut stieg Mitgefühl in ihr auf. Der arme Mann. Die Fahrt von Houston bis hierher musste ihn erschöpft haben. Sie störte ihn jetzt nur ungern, doch sie wusste, dass er essen musste, um wieder zu Kräften zu kommen. Sie beugte sich über ihn und berührte seine Schulter, doch sie zog ihre Hand sofort wieder zurück, als er zusammenzuckte. Er murmelte etwas im Schlaf und warf unruhig den Kopf hin und her. Offensichtlich hatte er einen Albtraum.

„Detective? Detective Dolan? Wachen Sie auf.“

Maude Ann schrie auf, als er unerwartet ihr Handgelenk umfasste, sie auf sich zog und die andere Hand gegen ihren Mund presste.

Dann hob Matt den Kopf, und Maude Ann schaute erschrocken in sein wütendes Gesicht, dass jetzt nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt war. Seine Verletzungen mochten ihn geschwächt haben, aber er besaß immer noch erstaunlich viel Kraft.

„Können Sie mir sagen, warum Sie in meinem Zimmer herumschnüffeln?“

Sie versuchte etwas zu sagen, aber ihre Worte erstickten hinter seiner Hand. Sie gab auf und funkelte ihn verärgert an, bis er schließlich begriff, warum sie nicht antwortete, und die Hand entfernte.

Maude Ann schüttelte ihr Haar aus dem Gesicht und versuchte so gefasst wie möglich auszusehen. Ein schwieriges Unterfangen, wenn man spärlich bekleidet auf einem Mann lag. „Ich habe nicht geschnüffelt“, informierte sie ihn. „Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, dass wir jetzt zu Abend essen.“

„So? Haben Sie jemals gehört, dass man anklopfen kann?“

„Ich habe geklopft. Mehrere Male. Aber Sie haben nicht geantwortet. Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht, also habe ich nachgesehen, wie es Ihnen geht. Sie scheinen schlecht geträumt zu haben.“

Er sah sie forschend an, und in der einsetzenden Abenddämmerung glitzerten seine Augen wie Saphire. Nach einer Weile schien er zu einem Entschluss gekommen zu sein und nickte fast unmerklich.

„Wie Sie sehen, geht es mir gut.“ Er schwieg und schaute ihr in die Augen. Plötzlich schlug die Stimmung um, und die Luft schien vor Spannung zu prickeln. „Und Sie können es auch fühlen“, fügte er trocken hinzu.

Maude Ann schaute ihn bestürzt an. Entsetzt stellte sie mehrere Dinge gleichzeitig fest. Erstens, dass er immer noch ihr Handgelenk umfasst hielt und die andere Hand auf ihrem Po lag. Zweitens, dass sie nicht nur auf ihm lag, sondern dass sie ihren Oberschenkel auch noch zwischen seine Beine geschoben und dass sein Körper sehr direkt auf diesen intimen Kontakt reagiert hatte.

Erregung durchströmte Maude Ann wie ein heißer Lavastrom, und zu ihrem Entsetzen spürte sie, wie ihre Brustspitzen sich aufrichteten und ihr Körper sich anspannte. Sogar in dem dämmrigen Licht konnte sie sehen, dass Matt ihre Reaktion ebenfalls bemerkte.

Ihr Gesicht wurde von einer tiefen Röte überzogen. Sie befahl sich, aufzustehen, aber sie schien keine Macht mehr über ihren Körper zu haben. Sie spürte die Wärme, die Matts Körper ausstrahlte, und fühlte mit wachsender Erregung, dass er fast unmerklich ihren Po massierte.

Sie konnte kaum noch atmen, und mit jedem mühsam errungenen Atemzug presste sich ihre Brust gegen seinen Oberkörper.

Sie hatten die Blicke ineinander versenkt, und selbst wenn es um ihr Leben gegangen wäre, hätte sie nicht wegschauen können. Der leidenschaftliche Ausdruck seiner Augen hatte sie völlig in den Bann gezogen. Gerade als sie glaubte, in Flammen aufzugehen, brach Matt den Augenkontakt ab. Für einen winzigen Moment fühlte sie sich erleichtert, doch als sein Blick dann auf ihren Mund fiel, begann ihr Herz noch schneller als zuvor zu schlagen.

Er starrte eine kleine Ewigkeit auf ihre Lippen. Maude Ann schluckte nervös, als sie sah, dass seine Augen vor Leidenschaft dunkel wurden. Unfähig, diese süße Tortur noch länger zu ertragen, schloss sie die Augen und spürte im selben Moment, wie er mit seinem Gesicht näher kam und wie sein Atem gegen ihren Mund schlug. Ihr ganzer Körper prickelte vor Erregung. Doch bevor ihre Lippen sich berührten, hörte man das Getrappel von kleinen Füßen und aufgeregtes Geplapper. Die Kinder waren in der Küche angekommen.

Erschrocken zuckte Maude Ann zurück und versuchte von Matt herunterzuklettern, aber er stöhnte bereits bei ihrer ersten Bewegung. Sie erstarrte.

„Oh, entschuldigen Sie. Es tut mir so leid. Ihre Wunde! Habe ich Ihnen wehgetan?“

Er verzog schmerzhaft das Gesicht. „Mir geht es gut“, stieß er durch zusammengebissene Zähne hindurch. „Aber bitte, bewegen Sie sich langsam …“

„Ja, natürlich. Ich hätte wissen müssen, dass …“

„Ah, verflixt. Passen Sie bitte auf mein Knie auf. Okay?“

Maude Anns Gesicht rötete sich erneut. Sie biss sich auf die Unterlippe und stieg behutsam von ihm herunter. Sie war sich nur allzu sehr der offenen Tür bewusst, hörte, wie die Kinder ihre Plätze einnahmen und wie Jane Anordnungen traf. Maude Ann hoffte inständig, dass niemand in ihre Richtung schaute und falls doch, dass niemand sie in dem dämmrigen Licht mit Matt sah.

Schließlich erhob sie sich vom Bett und strich sich nervös das Haar aus dem Gesicht und die Shorts glatt. Erst dann bemerkte sie, das Matt immer noch mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Bett lag.

„Geht es Ihnen gut? Brauchen Sie Hilfe? Soll ich Ihnen beim Aufstehen helfen?“ Sie trat näher und streckte ihm die Hand entgegen, aber er öffnete nur die Augen und sah sie vorwurfsvoll an.

„Nein, ich brauche keine Hilfe“, brummte er. „Ich komme von diesem verflixten Bett auch allein hoch.“ Er hielt sich an einer der Messingstangen des Bettendes fest und versuchte sich hochzuziehen, aber er verzog erneut das Gesicht und stöhnte vor Schmerz auf.

„Jetzt reicht es aber!“ Maude Ann war mit ihrer Geduld am Ende. Sie schlang entschlossen die Arme um seine Brust und half ihm auf. „Ihr Männer und euer Stolz! Es würde eure Männlichkeit nicht schmälern, wenn ihr euch ab und zu einmal helfen lasst“, tadelte sie ihn.

„Ich falle nicht gern jemandem zur Last“, stieß er hervor, nachdem er wieder zu Atem gekommen war.

„Niemand hat das gern, aber manchmal ist es einfach so. Allerdings muss ich dazu sagen, dass es sehr dumm von Ihnen war, mich so abrupt auf Sie zu ziehen. Ihre Wunden hätten sich wieder öffnen können.“

Er schaute sie an. „Wenn die Kinder nicht gekommen wären, wäre es wahrscheinlich auch passiert.“

Maude Ann fluchte innerlich, als sie spürte, wie ihre Wangen erneut heiß wurden. Sie reagierte wie ein Teenager. Was war nur los mit ihr? Sie warf mit einer stolzen Kopfbewegung das Haar zurück und lachte. „Aber nur in Ihren Träumen, Detective. In Ihrem Zustand haben Sie nicht die Kraft für ein amouröses Abenteuer. Aber da Sie das Thema bereits zur Sprache gebracht haben, lassen Sie uns eines klarstellen. Sie sind herzlich willkommen, so lange hier zu wohnen, wie es für Ihre Genesung notwendig ist. Aber ich bin nicht Teil Ihrer Therapie, vergessen Sie das bitte nicht. So, wenn es Ihnen nichts ausmacht, kommen Sie jetzt bitte mit. Das Abendessen steht schon auf dem Tisch.“

Sie wollte das Zimmer verlassen, aber er ergriff ihren Arm und hielt sie fest. „Noch einen Moment, Dr. Edwards. Wie hätten Sie reagiert, wenn Sie aufwachen und feststellen, dass sich jemand über Sie beugt? Sie festzuhalten und auf mich zu ziehen, war eine ganz natürliche Reaktion.“ Er hielt einen Moment inne und fuhr dann fort: „Ebenso natürlich war es, dass mein Körper auf Sie reagierte. Sie sind eine Frau und ich bin ein Mann. Meine Reaktion war ein ganz normaler biologischer Ablauf. Ich werde mich nicht dafür entschuldigen.“

Maude Ann schürzte die Lippen, überlegte und nickte schließlich. „Das kann ich akzeptieren.“

„Gut, und um der Wahrheit willen möchte ich hinzufügen, dass ich sehr wohl bemerkt habe, dass auch Sie ziemlich unmittelbar reagiert haben.“

Maude Ann nahm ihm seine Offenheit nicht übel, sondern nickte nur. „Also gut, warum legen wir das Ganze nicht als dummen Zufall zu den Akten? Sie müssen wissen, dass ich seit Toms Tod mit keinem Mann mehr zusammen war. Und da Sie trotz Ihrer Verletzung immer noch ein attraktiver Mann sind, ist meine Reaktion ebenfalls ganz einfach zu erklären.“

Ein bestürzter Ausdruck trat in seine Augen, doch sie ignorierte ihn. „Wir wissen, dass dieser Vorfall uns beiden nichts bedeutet hat, warum vergessen wir ihn nicht einfach?“

Sie entzog sich seinem Griff, lächelte und wies mit dem Kopf zur Küche. „Jetzt sollten wir wirklich rausgehen, bevor Jane nach uns sucht.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte Maude Ann sich um und lief hinaus. Sie hatte bereits ihren Platz am Kopfende des Tisches eingenommen, als Matt die Küche betrat.

Kaum war er in den Raum getreten, hörte das Geplapper der Kinder auf, und ein gespanntes Schweigen machte sich breit. Sieben Paare misstrauischer junger Augen beobachteten, wie Matt mit seinem Stock mühsam zum Tisch hinkte.

Nachdem er Platz genommen hatte, tat Maude Ann so, als ob seine Anwesenheit ganz normal wäre und lächelte. „Kinder, das ist Detective Matthew Dolan. Er arbeitet für die Houstoner Polizei und wird bei uns bleiben, bis er von seinen Verletzungen genesen ist.“

„Du meinst, er hat Aua wie ich?“, fragte ein kleines blondes Mädchen. Es hob seinen Arm und zeigte ein großes Pflaster an ihrem Ellbogen.

„Ja, Debbie. Nur dass Detective Dolans Verletzungen noch schlimmer sind, deshalb muss er sich bei uns erholen, bis es ihm wieder gut geht.“

Das Kind sah ihn mit seinen großen vergissmeinnichtblauen Augen an. „Hast du Aua? Du musst ein Pflaster draufkleben. Ich kann dir zeigen, wo sie sind. Miss Maudie hat ganz viele hübsche Pflaster. Manche haben sogar Blumen und Tiere drauf.“

Matt musste trotz seiner schlechten Laune lächeln. Er war wütend, weil er hier festsaß. Dazu noch mit einer Seelenklempnerin und einem Haufen Kinder. Aber er hätte ein Herz aus Stein haben müssen, um dem Charme dieses kleinen Mädchens widerstehen zu können. Einem Mädchen, das das Gesicht eines pausbäckigen Engels besaß.

„Dummie“, murmelte Tyrone. „Er hat kein Aua, wie du es meinst. Er ist wahrscheinlich angeschossen worden.“

Die Kinder schnappten erschrocken nach Luft und stießen kleine aufgeregte Laute aus.

„Das reicht, Tyrone. Du machst den anderen Kindern Angst.“

„Ja, Miss Maudie“, erwiderte er demütig und duckte den Kopf. Doch dann fügte er so leise, dass nur Matt, der neben ihm saß, es hören konnte, hinzu: „Sie hätten ihm den Kopf wegpusten sollen. Wenigstens wäre dann ein Bulle weniger auf der Straße.“

„Was war das, Tyrone?“

Der Junge schaute zu Maude Ann hinüber und sah sie unschuldig an. „Nichts, Miss Edwards. Ich sagte nur, wie viel Glück er gehabt hat.“

„Hm.“ Das Glitzern in Maude Anns Augen verriet, dass sie ihm kein Wort glaubte, aber sie ließ die Sache auf sich beruhen.

„Meine Mutter ist erschossen worden“, sagte das Mädchen neben Maude Ann leise. Sie mochte sechs oder sieben Jahre alt sein und starrte auf ihre zusammengefalteten Hände, die sie auf die Tischkante gelegt hatte. Dann hob sie den Blick und sah ernst zu Matt hinüber. „Mein Daddy hat es getan. Ich habe es gesehen. Meine Mom ist gestorben.“

Matt wusste nicht, was er sagen sollte. Das ausdruckslose Gesicht des Kindes ließ ihn erschauern. Verdammt, warum musste ein Kind so viel rohe Gewalt erleben! „Das tut mir sehr leid.“

Maude Ann legte eine Hand über die des Kindes. „Das war eine schreckliche Sache, aber mit unserer Hilfe wird Jennifer mit dem Erlebten fertig werden, nicht wahr, Kleines?“

Die Ausdruckslosigkeit auf dem Gesicht des Mädchens wich und machte Vertrauen und Bewunderung für Maude Ann Platz. „Ja, Ma’am“, sagte die Kleine und erwiderte Maude Anns Lächeln.

Sie ist kein hübsches Kind. Nicht so wie die kleine blonde Debbie, dachte Matt, aber sie wirkte so fragil und verletzlich, dass sich sein Herz vor Mitgefühl zusammenzog.

Geschickt lenkte Maude Ann die Aufmerksamkeit der anderen von Jennifer ab, indem sie Matt Jane und die Kinder vorstellte. Sie begann mit Jane Beasley, der rundlichen Fünfzigjährigen, die ihr als Haushälterin zur Seite stand, und ging dann reihum die Kinder durch. Außer Tyrone, Debbie und Jennifer gab es noch den zehnjährigen Marshall, seinen achtjährigen Bruder Dennis, ein elfjähriges mexikanisches Mädchen namens Yolanda und den fünfjährigen Timothy.

Matt hörte sich die Vorstellung schweigend an und schenkte weder Jane noch den Kindern mehr als ein kurzes Kopfnicken. Er hatte nicht vor, in näheren Kontakt mit ihnen zu treten. Er mochte hier festsitzen, aber er hatte vor, Distanz zu halten.

Als das Abendessen vorüber war, räumten die Kinder den Tisch ab, und danach forderte Maude Ann sie auf, sich die Zähne putzen zu gehen. Ihre Worte wurden nicht ohne Protest aufgenommen.

„Muss ich wirklich, Miss Maudie?“, stöhnte Tyrone.

„Natürlich. Jeder von euch muss es. Und glaube nicht, dass du mich hereinlegen kannst, denn ich werde mir später eure Zähne gründlich ansehen.“

Tyrone fluchte leise und folgte widerwillig den anderen.

Matt trank seinen Kaffee und schaute den Kindern nach. Als ihre Schritte im Flur verhallt waren, sah er wieder zu Maude Ann hinüber. „Falls Sie hoffen, diesen Jungen erziehen zu können, dann verschwenden Sie nur Ihre Zeit. Glauben Sie mir, bei ihm ist Hopfen und Malz verloren.“

„Unsinn.“ Maude Ann erhob sich vom Tisch und ging zu Jane hinüber, die an der Spüle stand. Dort nahm sie ein Geschirrtuch in die Hand und begann das Geschirr abzutrocknen.

„Wissen Sie etwas über seine Herkunft?“, fragte Matt.

„Ich weiß, dass seine Mutter drogenabhängig war und sich fast nie um ihn gekümmert hat.“

„Wissen Sie auch, dass der Junge bereits seine eigene Akte bei der Polizei hat? Vom Ladendiebstahl bis zum Schmierestehen für Typen, die Läden ausgeraubt haben, ist alles dabei. Da er noch zu jung ist, können wir ihn nicht festnehmen, und er und seine sauberen Freunde nutzen das aus. In seinem zarten Alter würde ihn kein Richter in ein Jugendgefängnis stecken. Deswegen benutzen die älteren Jungen ihn.“

„Und? Das beweist doch nur, was für ein schreckliches Leben dieser Junge bisher geführt hat.“

„Lady, Tyrone Washington ist ein Krimineller. Vor sechs Monaten habe ich ihn dabei erwischt, wie er Botengänge für illegale Buchmacher machte. Ich habe ihn gepackt und ihn mit zur Polizeiwache geschleppt.“

Maude Ann hielt in ihrer Arbeit inne und warf Matt einen anklagenden Blick zu. „Sie haben einen siebenjährigen Jungen verhaftet?“

„Ich habe ihm weder Handschellen angelegt, noch ihn in eine Zelle geworfen, falls es das ist, was Sie meinen. Ich habe nur versucht, ihm ein wenig Angst einzujagen. Doch es hat nichts genutzt. Einige Tage später stand er schon wieder für eine Gang Schmiere.“

„Noch mehr Grund, ihn von seiner Umgebung fernzuhalten. Tyrone braucht Liebe und Führung, ein strukturiertes Leben. Man muss ihm zeigen, dass sich jemand um ihn sorgt und dass es noch ein anderes Leben gibt, außer dem, was er bisher geführt hat.“

Matt warf ihr einen sarkastischen Blick zu. „Legen Sie die rosarote Brille ab, Dr. Edwards. Sie sehen die Wirklichkeit nicht.“

„Sie hören sich ganz schön zynisch an“, warf Jane ein, die sich zum ersten Mal zu Worte meldete. „Was ist los, Mr Dolan? Mögen Sie keine Kinder?“

Matt zuckte die Schultern. „Eigentlich mag ich sie ganz gern. Allerdings habe ich noch nicht viel mit ihnen zu tun gehabt.“

„Ich verstehe“, erwiderte Jane, als ob seine Worte alles erklärt hätten, und wandte sich wieder dem Geschirr in der Spüle zu.

„Hören Sie, das hat nichts mit mir zu tun. Diese Kinder sind Ihr Problem, nicht meins. Ich dachte nur, Sie sollten etwas über Tyrones Vergangenheit wissen.“

„Danke, Detective, aber ich kann Ihnen versichern, dass ich gut über die Vergangenheit eines jeden Kindes unterrichtet worden bin, das ich in meine Obhut nehme.“

„Gut. Mir ist das sowieso alles egal.“ Matt trank den Rest seines Kaffees aus und erhob sich. „Es sieht so aus, als ob ich hier festsitze, ob ich nun will oder nicht. Sie freuen sich wahrscheinlich genauso wenig darüber wie ich. Ich werde versuchen, Ihnen möglichst aus dem Weg gehen. Ich würde es sehr zu schätzen wissen, wenn Sie es ebenso halten.“

Er biss die Zähne zusammen, als der wohlbekannte Schmerz ihn durchfuhr, und hinkte zu seinem Zimmer hinüber. Vor der Tür blieb er noch einmal stehen und drehte sich um.

„Und was die Kinder betrifft, sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.“

4. KAPITEL

Matt kam den Rest des Abends nicht mehr aus seinem Zimmer heraus, und auch in den folgenden vier Tagen sah Maude Ann ihn nur beim Essen.

Während der Mahlzeiten war er zurückhaltend und redete nur das Notwendigste. Er gab sich keine Mühe, an der Unterhaltung am Tisch teilzunehmen. Die kleine Debbie schien trotz allem von ihm fasziniert zu sein, doch er kümmerte sich kaum um ihr kindliches Geplapper und ignorierte auch die Seitenhiebe von Tyrone. Sobald er gegessen hatte und der Anstand es ihm erlaubte, zog er sich wieder in die Einsamkeit seines Zimmers zurück.

Maude Ann redete sich ein, dass ihr sein Verhalten nichts ausmachte. Wenn er keine Lust hatte, mit ihnen zu reden, dann würden sie, Jane und die Kinder sich ebenfalls von ihm fernhalten.

Allerdings machte ihr seine körperliche Verfassung Sorgen. Sie konnte sehen, dass er immer noch Schmerzen hatte und dass er kaum kräftiger wurde. Immer und immer wieder musste sie sich daran erinnern, dass sie nicht für Matt Dolan verantwortlich war. Außerdem gab ihr Matt mit Blicken und jedem Wort zu verstehen, dass er keine Hilfe wünschte.

Für Maude Ann war es nicht einfach, in dieser Situation gleichgültig zu bleiben. Für andere zu sorgen, war für sie so normal wie das Atmen, und ob er es sich nun eingestehen wollte oder nicht, er brauchte Hilfe. Doch sie war klug genug, sich zurückzuhalten. Sie wusste, dass er sie nur schroff abweisen würde.

Am vierten Abend, den Matt im Haus verbrachte, konnte sie es jedoch nicht länger aushalten.

An diesem Abend saß sie wie an jedem anderen Abend auch mit den Kindern in dem geräumigen Wohnzimmer. Die jüngeren unter ihnen schauten sich einen Zeichentrickfilm im Fernsehen an, während sie mit den größeren ein Brettspiel spielte. Jane saß im Schaukelstuhl neben dem Kamin und häkelte an einer Decke.

Maude Ann war stolz und sehr zufrieden, dass sie bisher bei Matt so viel Selbstbeherrschung aufgebracht hatte. Trotz ihrer Sorge um ihn schaffte sie es, sich in seiner Nähe völlig ungezwungen zu benehmen. Jedoch lauschte sie wie an jedem Abend, an dem sie mit den Kindern spielte, mit einem Ohr zu seinem Zimmer hinüber und hoffte, dass es ihm gut ging.

Nachdem die Kinder zu Bett gegangen waren, ging Maude Ann nach einer Weile noch einmal durch alle Zimmer und betrachtete die jungen Gesichter, die im Schlaf so verletzlich und anrührend unschuldig aussahen. Ihr Herz strömte vor Zuneigung über.

Das Kinderheim zu führen, war eine große Verantwortung und erforderte lange Arbeitsstunden, Geduld und so manches Opfer. Viele Leute hielten sie für verrückt, weil sie freiwillig diese Last auf sich nahm. Es gab auch Momente, in denen sie selbst an ihrem Verstand zweifelte. Doch wie an jedem Abend, wenn endlich Ruhe ins Haus eingekehrt war, wurde sie von einem Gefühl des Friedens erfüllt und alle Zweifel waren ausgelöscht. Ja, sie hatte eine große Bürde auf sich genommen, aber sie brachte ihr eine Erfüllung, die keine andere Arbeit ihr geben könnte, und sie wusste, dass jedes Opfer, das sie brachte, es wert war.

Maude Ann verließ das letzte Zimmer, schloss langsam die Tür hinter sich und ging den Flur zu ihrem eigenen Zimmer hinunter.

Im Badezimmer ließ sie Wasser in die Wanne laufen und gönnte sich ein ausgiebiges Bad. Schließlich sank sie ins Bett und seufzte zufrieden. Obwohl es erst kurz nach zehn Uhr war, lag ein langer anstrengender Tag hinter ihr, und sie war erschöpft.

Der Duft des Shampoos und des Schaumbades hing in ihren Haaren und auf ihrer Haut und vermischte sich mit dem der Wäsche, die in Sonne und Wind getrocknet worden war. Lächelnd schloss sie ihre Augen, kuschelte sich noch tiefer in die Kissen und wartete auf den Schlaf.

Eine Stunde später war sie immer noch wach. Verärgert warf sie schließlich die Decke zurück, stand auf, zog ihren Morgenmantel über und rannte barfuß aus dem Zimmer. Sie lief die Treppe hinunter und ihr frisch gewaschenes lockiges Haar wippte bei jedem Schritt um die Schultern.

In der Küche wollte sie die Deckenbeleuchtung einschalten, aber nach einem Blick auf Matts Tür überlegte sie es sich wieder anders. Für einen Moment hatte sie ihn völlig vergessen.

Unter der Tür schien Licht hervor, und sie hörte, dass das Wasser in der Dusche lief. Zumindest würde sie ihn nicht wecken. Aber sie hatte auch absolut keine Lust, ihm jetzt zu begegnen. So leise wie möglich durchquerte sie den Raum und schaltete das kleine Licht über dem Herd an.

Als sie sich einige Minuten später eine Tasse warme Milch aus der Mikrowelle holte, hörte sie aus Matts Zimmer einen dumpfen Aufprall, der von einem Stöhnen gefolgt war.

Ohne nachzudenken, setzte sie die Tasse ab und rannte in Matts Zimmer. „Detective Dolan? Geht es Ihnen gut?“, rief sie und sah sich rasch um.

Das Bett war aufgedeckt, aber leer. Die Lampe auf dem Nachttisch warf einen schwachen Lichtschein, der kaum das Zimmer erleuchtete, aber das helle Licht des Badezimmers strömte aus der offenen Tür in den Raum.

„Detective, geht es Ihnen …“ Sie blieb stehen und hielt erschrocken die Luft an.

Matt lag auf dem Boden der Dusche und versuchte sich aufzurichten. Das dampfende Wasser prasselte unbarmherzig auf ihn herab. Jedes Mal, wenn er versuchte, aufzustehen, glitt er aus und fiel erneut. Mit schmerzhaftem Resultat.

Maude Ann reagierte sofort und riss die Glastür der Duschkabine auf. „Verflixt, bleiben Sie ruhig liegen.“

„Hey! Was … was suchen Sie hier?“, stöhnte Matt. „Machen Sie, dass Sie rauskommen. Ich bin nackt.“

„Das sind die meisten Leute, die duschen.“

„Sehr komisch. Würden Sie jetzt bitte rausgehen? Ich komme schon allein zurecht.“

„Oh ja, das sehe ich“, erwiderte sie trocken. „Seien Sie nicht kindisch, Detective. Haben Sie vergessen, dass ich auch Ärztin bin? Ich habe oft genug nackte Männer gesehen.“

„Sie sind vor allem Psychiaterin und mich haben Sie noch nie nackt gesehen.“

„Oh, bitte.“ Sie stieß einen frustrierten Laut aus, griff in die Duschkabine, drehte das Wasser ab und nahm dabei in Kauf, dass die Vorderseite ihres Nachthemdes und ihres Morgenmantels völlig durchnässt war. Dann stieg sie in die Kabine und wäre fast ausgerutscht. „Hilfe, dieses Ding ist so rutschig, als wenn Schmierseife auf dem Boden wäre. Warum haben Sie mir das nicht schon früher gesagt? Sie hätten sich das Genick brechen können.“

„Es ist nicht so wichtig. Würden Sie jetzt bitte machen, dass Sie rauskommen“, stieß er hervor.

„Nein. Ich werde nirgendwohin gehen, bis wir Sie hier herausgeholt und wieder auf die Beine gestellt haben.“

Sie hielt sich an der Haltevorrichtung in der Dusche fest und umfasste mit der anderen Hand seinen Arm. „Nun kommen Sie schon, halten Sie sich an mir fest, ich werde Sie hochziehen. Hören Sie endlich auf, von mir abzurücken. Sie machen alles nur noch schwieriger.“

„Verdammt, geben Sie mir wenigstens ein Badetuch, bevor Sie mich hochziehen.“

„Du lieber Himmel, Sie können sich vielleicht anstellen!“ Maude Ann ließ seinen Arm los, zog ein Badetuch vom Handtuchhalter und ließ das Tuch über seine nackte Hinterseite fallen. „Bitte sehr, dürfte ich jetzt endlich mit Ihrer Kooperation rechnen?“

Stöhnend rollte Matt sich von der einen zur anderen Seite, bis es ihm schließlich gelungen war, das Badetuch um seine Hüften zu schlingen.

„Fertig?“ Sie legte erneut die Hand um seinen Arm und zog ihn mit aller Kraft hoch, bis er schließlich auf den Knien saß.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt, als sie sein schmerzverzerrtes Gesicht sah.

„Mir … mir geht es gut. Lassen Sie mich nur einen Moment ausruhen.“ Er schloss die Augen, atmete mehrere Male tief durch und ergriff dann ihren Arm. „Okay, es kann weitergehen.“

Als Maude Ann erneut zog, legte Matt seine andere Hand auf ihre Hüfte und erhob sich langsam. Es war schrecklich, die Qual auf seinem Gesicht zu sehen und Maudes Anns Herz quoll vor Mitgefühl über.

„Vorsichtig“, ermahnte sie ihn. „Legen Sie nicht zu viel Gewicht auf Ihr verletztes Bein.“

Matt warf ihr einen finsteren Blick zu. „Mein Bein ist meine Sorge. Müssen Sie immer das letzte Wort haben?“

„Entschuldigen Sie. Das kommt wohl daher, dass ich den ganzen Tag mit den Kindern zu tun habe.“

„Nun, falls Sie es noch nicht bemerkt haben, ich bin nicht mehr zehn Jahre alt.“

Oh, das hatte sie bemerkt. Unter diesen Umständen war es geradezu unvermeidlich. Sie hatte immer noch den Anblick seines knackigen Pos vor Augen.

Obwohl Matt an Gewicht verloren hatte, besaß er immer noch die Figur eines Athleten. Wassertropfen lagen auf seiner gebräunten Haut und dem dunklen Brusthaar. Oh nein, er war ganz bestimmt kein Junge, sondern ein Mann, dazu noch ein sehr attraktiver.

Nach einigen Anstrengungen hatte sie ihn schließlich aus der Dusche herausmanövriert. Kaum hatte er die Badematte betreten, ließ er sie sofort los und hielt sich am Waschbecken fest. Er war bleich unter seiner Bräune geworden und zitterte vor Erschöpfung.

Ohne ein Wort zu sagen, griff Maude Ann zu einem Handtuch und begann seinen Oberkörper abzutrocknen. Sie arbeitete so schnell, dass sie fast fertig war, als er zu protestieren begann.

„Hey! Hören Sie auf, ich komme jetzt allein klar.“

„Unsinn. Sie sind völlig erschöpft. Sie können ja kaum noch stehen. Sie müssen sich hinlegen, bevor Sie erneut hinfallen.“ Sie bückte sich rasch und trocknete seine Beine, bevor er sie wegstoßen konnte, legte dann das Handtuch über den Halter und legte einen Arm um seine Taille.

„Kommen Sie, ich bringe Sie jetzt ins Bett.“

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie seine Gesichtsmuskeln sich anspannten, doch diesmal widersprach er nicht. Sie spürte, wie seine Muskeln zitterten, und wusste, dass auch die letzten Kräfte ihn bald verlassen würden.

Er hatte seinen Stock an die Wand gelehnt, und sie nahm ihn mit, als sie daran vorbeigingen. Der Weg ins Schlafzimmer war mühevoll, aber schließlich hatten sie das Bett erreicht.

„So, hier wären wir“, sagte sie gut gelaunt und half ihm, sich aufs Bett zu setzen.

Während Maude Ann seine Füße aufs Bett legte, ließ er sich zurückfallen und schloss erschöpft die Augen. Maude Ann straffte sich und überlegte, was sie als Nächstes tun sollte. Erschöpfung und Schmerz hatten Matts Gesicht gezeichnet, und seine Gesichtsfarbe war seltsam grau. Sein schwarzes Haar war nass und zerzaust, und eine Locke war ihm in die Stirn gefallen. Wie gern hätte sie sie ihm aus der Stirn gestrichen, aber sie unterdrückte den Wunsch.

Unfähig sich zurückzuhalten, glitt sie mit dem Blick über seine wohlgeformten Schultern, über seine Brust und den Ansatz seines Bauches. Du meine Güte, kein Bildhauer auf der Welt hätte etwas Schöneres erschaffen können. Dann fiel ihr Blick auf seine Verletzung am Bein und der Zauber war sofort gebrochen. Sie zog scharf die Luft ein und bemerkte auf einmal, dass er die Augen leicht geöffnet hatte. Er hatte sie beobachtet! Eine tiefe Röte breitete sich auf ihren Wangen aus, und für einen Moment, der ihr wie eine Ewigkeit erschien, sprach keiner von ihnen. Sie schauten sich nur unverwandt an.

Sie schien sich auf einmal in einem Vakuum zu befinden. Maude Ann hörte das Ticken des Weckers auf dem Nachttisch, das Zirpen der Zikaden vor dem Fenster, das wilde Pochen ihres Blutes in ihren Ohren.

„Haben Sie etwas gesehen, das Ihnen gefällt, Dr. Edwards?“

Maude Ann schluckte nervös. Ihre Kehle war auf einmal viel zu eng. „Ich habe mir nur Ihre Wunden angesehen. Wenn es Ihnen recht ist, werde ich Sie neu verbinden.“

„Was haben Sie vor? Wollen Sie mir durch einen Kuss den Schmerz nehmen, so wie Sie es mit Debbies Schürfwunden machen?“

„Wohl kaum.“ Sie zwang sich zu einem kurzen Lachen und kämpfte darum, wieder die Kontrolle über die Situation und über ihre außer Rand und Band geratenen Gefühle zu erhalten. „Sie sind schließlich nicht vier Jahre alt.“

Sie wollte sich umdrehen und Verbandszeug holen, aber er hielt sie am Handgelenk fest. Seine blauen Augen glitzerten gefährlich, und als er sprach, war seine Stimme leise und stahlhart.

„Ganz genau. Ich bin nicht eines Ihrer Küken, die Sie wie eine Henne bemuttern können. Ich bin ein Mann, mit dem Verlangen eines Mannes.“

Sein Blick fiel auf ihre Brust und ein leidenschaftlicher Ausdruck trat in seine Augen. Erst jetzt wurde Maude Ann bewusst, dass ihr Nachthemd und ihr dünner Morgenmantel nass geworden waren, und sich ihre Brustknospen deutlich unter dem Stoff, der feucht und fast durchsichtig an ihrer Haut klebte, abzeichneten. Instinktiv legte sie den freien Arm über ihre Brust.

„Im Moment kann ich dieses Verlangen nicht stillen, aber das kann sich bald ändern. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal hier hereinplatzen. Sie könnten mehr bekommen, als Sie verlangt haben.“

Maude Ann errötete noch heftiger. „Ich bin nass geworden, als ich Ihnen geholfen habe. Mir ist nicht bewusst gewesen, dass … Ich wollte Sie ganz bestimmt nicht … Ach, verflixt, ich wollte helfen, das ist alles.“

„Oh? Das nennen Sie helfen?“

„Nun, ich …“

„Denken Sie bitte daran, dass Sie das nächste Mal mit Konsequenzen rechnen müssen, wenn Sie mich derart mit Blicken verschlingen.“

Maude Ann kam es gar nicht in den Sinn, ihm zu widersprechen. Es stimmte, sie hatte seinen Körper bewundert und war dabei erwischt worden. Ihr Pech. Sie nickte. „Das ist nur fair.“

Sie wollte gehen. Als er sie nicht losließ, sah sie ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Oder wollen Sie Ihren Hunger befriedigen?“

Ihr Sinn für Humor und ihr gesunder Menschenverstand retteten sie. Sie fand es zum Schreien komisch, dass sie sich ausgerechnet mit Matt Dolan in solch einer Situation befand. Er war der beeindruckendste Mann des ganzen Departments gewesen und hatte ihr während ihrer ganzen Zeit bei der Houstoner Polizei nicht mehr Beachtung als der Büroeinrichtung gewidmet.

Sie schüttelte den Kopf, lachte laut und entzog ihm den Arm. Matt sah sie zuerst überrascht, dann verärgert an. Offensichtlich hatte er nicht diese Reaktion von ihr erwartet.

„So verlockend Ihr Angebot auch ist, Detective, ich muss es leider ablehnen. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen. Ich werde Verbandsmaterial für Ihre Wunden holen.“

„Geben Sie sich keine Mühe, ich komme schon zurecht.“

„Gut, dann sage ich Ihnen jetzt Gute Nacht.“ Noch vor wenigen Minuten hätte sie ihm widersprochen, aber unter den gegebenen Umständen schien ein hastiger Rückzug das Klügste zu sein.

Nachdem Maude Ann die Tür hinter sich zugezogen hatte, ließ sie sich gegen die Küchenwand sinken und fächelte ihr Gesicht mit der Hand. „Wow! Was für ein Mann!“, murmelte sie und seufzte.

Das Zusammentreffen mit Maude Ann rüttelte Matt endlich aus seiner Lethargie auf.

Was Ärzte und Freunde in Wochen nicht erreichten, hatte die demütigende Szene in der Dusche bewirkt. Er war auf einmal fest entschlossen, wieder gesund zu werden und seine Kraft zurückzugewinnen – und damit das Leben, das er einst geführt hatte.

Er hatte es zugelassen, dass der Pessimismus des Arztes ihn angesteckt hatte. Er hatte eine Garantie gewollt, dass er wieder ganz genesen würde, und als er die nicht bekam, hatte er einfach aufgegeben. Es war einfacher, eine Niederlage gleich am Anfang zu akzeptieren, als nach wochenlangem, vielleicht monatelangem Kampf.

Er hatte sich so in Selbstmitleid und Bitterkeit gesuhlt, dass er nicht gesehen hatte, was für ein mitleiderregender Verlierer er geworden war. Er war erst wieder zu sich gekommen, als er hilflos wie ein Baby auf dem Boden der Dusche gelegen hatte.

Es hatte wehgetan, dass Maude Ann ihn so hilflos und schwach gesehen hatte. Maude Ann mit ihrem kehligen Lachen und ihrer Ehrlichkeit.

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