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Spürst du meine Sehnsucht? / Lass es uns noch einmal versuchen / Verzaubert – auf den ersten Blick

Judy Duarte

Spürst du meine Sehnsucht?

PROLOG

Portland, Oregon – 1976

„Ich bin schwanger.“

Jared Cambry sah Olivia fassungslos an. „Aber wir haben doch nur ein Mal miteinander geschlafen. Bist du dir ganz sicher?“

Die sechzehn Jahre alte Blondine blickte befangen zu Boden und trat nach einem Löwenzahn auf der Wiese des Parks, in dem sie sich getroffen hatten. „Ja, ganz sicher“, bestätigte sie.

Am liebsten wäre Jared weggelaufen. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, gestand er.

„Ich war auch überrascht“, räumte sie ein. „Keiner von uns hat mit einem Kind gerechnet.“

Das konnte sie wirklich laut sagen! Jared war gerade erst an der Arizona State University aufgenommen worden. Als er mit seinen Eltern das letzte Mal dort gewesen war, hatte der Football-Trainer gemeint, er könnte im Herbst als Quarterback in der Mannschaft anfangen. Und jetzt hatte ihm dieses Mädchen die bisher schlimmste Nachricht seines Lebens überbracht.

„Mir ist klar, dass wir noch sehr jung sind“, sagte Olivia kaum hörbar.

Jung? Verdammt, er hatte das Gefühl, gerade erst den leidigen Stimmbruch hinter sich zu haben! Und Olivia … war doch irgendwie immer noch ein junges Mädchen. Oder? Sie sollten besser ans College und an die nächsten Sommerferien denken, aber nicht an ein Baby.

Außerdem waren sie gar kein richtiges Paar. Sie hatten sich vor zwei Monaten auf einer Party kennengelernt. Und dann war es eben passiert. Dieses eine Mal. Verdammt!

Zwei Wochen vor der Party hatten Jared und Megan Phillips, eine hübsche Rothaarige von den Cheerleadern, sich getrennt. Auf der Party hatte er noch mächtig Liebeskummer gehabt, na ja, so lange zumindest, bis Olivia mit zwei Gläsern eines billigen Fruchtweins zu ihm gekommen war.

Mit ihrem netten Lächeln hatte sie ihn vergessen lassen, dass Megan ihn wegen eines eingebildeten Schnösels vom College hatte fallen lassen.

Jared und Olivia waren nicht unerfahren gewesen. Trotzdem war es irgendwie nicht sonderlich gut gelaufen, und hinterher war er das Gefühl nicht losgeworden, dass sie enttäuscht war. Er hatte sie nach Hause gebracht, und sie hatten Telefonnummern ausgetauscht. Doch dieses Treffen heute war der erste Kontakt seit der Party. Es hatte ihn schon überrascht, plötzlich von ihr zu hören. Ganz zu schweigen von den Neuigkeiten, die sie hatte …

„Vielleicht könnten wir uns jetzt öfters sehen, damit wir uns näher kennenlernen“, schlug sie vor.

Öfters sehen? Seine Eltern würden einen Herzinfarkt bekommen, wenn er ein Mädchen mit nach Hause brachte, das nicht zu ihm passte. Sie rechneten fest damit, dass ihr Sohn eines Tages ein Mädchen der besseren Gesellschaft kennenlernen würde.

Seine Eltern hingen an ihm und wollten das Beste für ihn. Sobald er auf die Universität ging, würden sie nach Scottsdale umziehen. Zwar behaupteten sie, den Wohnort nur aus beruflichen Gründen zu wechseln, doch er vermutete, dass sie ihm als ihrem einzigen Kind in Phoenix nahe sein wollten. Ja, seine Eltern würden definitiv einen Herzinfarkt bekommen, wenn er seine Zukunft durch ein Kind ruinieren würde.

„Was denkst du?“, drängte Olivia.

Verdammt, er dachte ans College, an Football und die Ausbildung zum Juristen oder Geschäftsmann. Und das alles konnte er in den Wind schießen, wenn erst mal das Baby auf der Welt war.

Daher fiel ihm nur eine Lösung ein. „Ich bezahle die Abtreibung.“

„Was?“, rief Olivia geschockt.

„Abtreibung. Ich gebe dir das Geld, bringe dich hin und warte, bis es vorbei ist. Auf die Art erfährt deine Mutter nichts.“

„Ausgeschlossen! Ein Kind kommt uns zwar beiden ungelegen, aber ich behalte es.“

Das war doch nicht ihr Ernst! Olivia lebte mit ihrer Mutter in einem heruntergekommenen rostigen Wohnwagen am Stadtrand. Wie wollte sie da ein Kind großziehen?

Und selbst wenn sie neben der Schule eine Arbeit in einem Schnellrestaurant annahm, er konnte nicht viel Geld für den Unterhalt beisteuern. Schließlich würde er bald Student sein. Es war eine schlechte Idee, das Kind zu behalten – für sie beide.

„Du hast noch dein ganzes Leben vor dir“, hielt er ihr vor. „Warum willst du dich jetzt schon binden?“

„Weil Kinder ein Segen sind, und ich bin bestimmt aus guten Gründen schwanger geworden. Der Himmel wollte es so.“

Jared seufzte. Seiner Meinung nach hatte der Himmel nichts mit dem Fehler zu tun, den sie begangen hatten. In seinem Alter betrachtete er ein Kind jedenfalls nicht als Segen.

1. KAPITEL

Portland, Oregon – 2004

„Ich bin schwanger.“

Lissa Cartwright ließ beinahe die Kaffeetasse fallen, so schnell richtete sie sich in dem Terrassenstuhl auf. „Was bist du?“

„Schwanger“, wiederholte ihre Schwester strahlend.

„Großartig! Ich gratuliere!“

Ihre Schwester hatte letztes Jahr die Liebe ihres Lebens geheiratet, und der Mann verehrte sie aufrichtig. Außerdem hatte Eileen sich schon immer ein Kind gewünscht. Das galt allerdings auch für Lissa, und darum entwickelte sie jetzt gemischte Gefühle.

„Du scheinst überrascht zu sein.“

Das stimmte nicht, Lissa war vielmehr ein wenig neidisch – wie jedes Mal, wenn ihre Schwester ein großes Ziel erreichte. „Ich habe nicht so bald mit einer solchen Überraschung gerechnet, schon gar nicht so zeitig am Morgen.“

„Hast du gedacht, ich würde nur wegen des Frühstücks den weiten Weg zum Weingut auf mich nehmen?“, fragte Eileen lachend.

„Nein.“ Lissa liebte ihre jüngere Schwester. Eileen war im Gegensatz zu ihr ein Morgenmensch. Sie waren einander eigentlich überhaupt nicht ähnlich, und dafür gab es einen guten Grund. Eileen war sieben Monate nach Lissas Adoption auf die Welt gekommen.

Heute konnte Lissa nicht mehr genau sagen, wann sie begonnen hatte, sich als Außenseiterin zu fühlen. Vielleicht war es der Tag gewesen, an dem ihre Eltern ihr erklärten, es wäre etwas ganz Besonderes, das erste Kind zu sein. Seit damals jedenfalls fielen Lissa die Unterschiede zwischen ihr und ihrer Schwester auf.

Eileen war wie ihre Mutter eine zierliche und lebhafte Frau mit rötlich blondem Haar. Lissa dagegen war groß und in sich gekehrt und hatte schlichtes braunes Haar. Keiner wusste, wem sie ähnlich sah. Fest stand nur, dass es niemand aus der Familie Cartwright war.

Ihren Adoptiveltern musste sie zugutehalten, dass sie großartig waren und sie stets gut behandelt hatten. In dem Punkt gab es keine Klagen. Es war schließlich nur natürlich, dass sie ihre leibliche Tochter mehr liebten.

Eileen war außerdem alles, was Lissa nicht war. Die Unterschiede gingen weit über Äußerlichkeiten hinaus. Das hatte Lissa bereits in der ersten Klasse der Grundschule festgestellt. Das alles hatte jedoch nie die Liebe der beiden Mädchen zueinander und zu ihren Eltern beeinträchtigt.

„Hast du es Mom und Dad schon gesagt?“, fragte Lissa.

„Noch nicht. Das mache ich, wenn sie von ihrem Morgenspaziergang zurückkommen.“

Lissa ließ von der Terrasse aus den Blick über die Hügel der Valencia Vineyards mit den unzähligen Weinstöcken gleiten. Sie liebte das fruchtbare Land und das Weingut, weil sie hierhergehörte und sich nur hier wohlfühlte. Deshalb frühstückte sie auch täglich auf der Terrasse hinter dem Haus, bei Regen unter dem Schutzdach und ansonsten im vollen Sonnenschein.

Ihre Eltern tauchten neben der modernen Weinkellerei auf, und allein schon daran, dass sie Hand in Hand gingen, erkannte man ihre gegenseitige Liebe. Genau danach sehnte Lissa sich – nach diesem Gefühl, zu jemandem zu gehören, zu lieben und geliebt zu werden.

„Sieh nur, da kommen sie“, sagte Lissa.

„Sehr gut. Ich kann es kaum erwarten, es ihnen zu sagen. Du weißt ja, wie Mom bei Babys ist. Erinnerst du dich, wie oft sie uns in Verlegenheit gebracht hat?“, fragte sie lachend. „Keine andere Frau stellt sich dermaßen an, wenn sie ein kleines Kind auf der Straße oder in einem Laden sieht.“

„Und ob ich mich erinnere“, bestätigte Lissa. „Du hast recht, Mom wird über ein Enkelkind begeistert sein.“ Außerdem würde Eileens Baby ein leibliches Enkelkind sein. Prompt stellte sich die übliche Unsicherheit wieder ein. „Ich freue mich für dich, und ich weiß auch, wie sehr du Dan liebst.“

Eileen griff über den Glastisch und drückte Lissa die Hand. „Ich hoffe, dass du auch eines Tages einen besonderen Mann findest, der dich liebt.“

„Danke“, erwiderte Lissa, obwohl sie nicht damit rechnete. Das Leben und die Liebe gingen an ihr vorbei. Wie viele siebenundzwanzig Jahre alte Jungfrauen liefen wohl noch auf der Welt herum? Vermutlich nur wenige.

Da Lissa selten das Weingut verließ, würde sie wohl eines Tages sterben, ohne jemals eine Nacht voll Liebe und Leidenschaft erlebt zu haben – eine Nacht, wie sie in den Büchern beschrieben wurde, die ihre Schwester ihr geschenkt hatte. Sie war mittlerweile an einem Punkt angelangt, nichts mehr zu erwarten. Doch von dieser Resignation wollte sie Eileen unter keinen Umständen berichten. Sonst würde ihre Schwester vielleicht noch eine Heiratsanzeige aufgeben. Hilfe!

„Na ja, es kommen leider nur sehr selten besondere Männer zu uns hier heraus“, sagte Lissa lediglich.

„Ach, du musst eben öfters ausgehen. Seit meiner Hochzeit hast du dich nur noch in die Arbeit gestürzt.“

Das stimmte. Lissa widmete sich völlig dem Weingeschäft, angefangen vom Anbau bis hin zum Verkauf. Insgeheim wollte sie sich bestätigen, obwohl sie keine Ahnung hatte, wen sie eigentlich beeindrucken wollte. Ihre Eltern? Die Welt? Ihre unbekannten leiblichen Eltern, die sie weggegeben hatten? Oder vielleicht nur sich selbst?

Wie auch immer, sie hatte ihr Leben dem Familienbetrieb gewidmet, und das machte sie wirklich gut. In geschäftlichen Belangen war sie tüchtig, und sie hatte alles in sich aufgesogen, was ihr Vater ihr über den Weinanbau beigebracht hatte.

Lissas kleiner Hund bellte hinter der Terrassentür und kratzte am Glas, um ins Freie zu gelangen. „Barney ist aufgewacht und möchte spazieren gehen“, stellte sie fest und sah auf die Uhr. „Ich lasse dich nur ungern allein, aber ich muss arbeiten.“

„Willst du denn nicht dabei sein, wenn ich mit Mom und Dad spreche?“, fragte Eileen.

Lissa küsste ihre Schwester auf die Wange. „Ich habe in wenigen Minuten einen Termin, und vorher muss ich mir noch einige Unterlagen ansehen. Außerdem ist das dein großer Moment.“

„Was ist das für ein Termin, den du jetzt hast?“, fragte Eileen.

„Mit einem Unternehmensberater.“

„Mit einem Mann?“ Ihre Schwester setzte sich kerzengerade auf und stieß beinahe das Glas mit frisch gepresstem Orangensaft um.

„Mach dir bloß keine Hoffnungen“, warnte Lissa. „Er heißt Sullivan Grayson. Meiner Meinung nach klingt das ziemlich alt und gesetzt. Außerdem hat Dad ihn bei einem Turnier im Country Club kennengelernt, und dort sind die meisten Golfspieler schon im Ruhestand.“

„Und verheiratet“, ergänzte Eileen. „Na schön, dann taucht eben irgendwann ein anderer interessanter Mann auf.“

„Ja, vielleicht“, meinte Lissa, obwohl sie nicht überzeugt war. Sie trug das Geschirr ins Haus, um dann endlich an die Arbeit gehen zu können. Das war ihre Welt, in der sie glänzen konnte.

In der Küche stellte sie das Geschirr in die Spüle, während der Welpe an ihr hochsprang und winselte und kläffte, damit sie ihn beachtete. Sobald sie die Hände frei hatte, hob sie ihn hoch, und Barney kuschelte sich in ihre Arme und gab ihr feuchte Wangenküsse.

„Ich habe dich auch lieb, mein Kleiner“, sagte Lissa und lächelte wehmütig. Wie es aussah, würde sie an Stelle eines Kindes bloß dieses liebevolle Fellbündel mit der kalten Nase haben. In Sachen Romantik und Liebe musste sie sich mit den Taschenbüchern im Nachtschränkchen begnügen.

Eine halbe Stunde später saß Lissa im holzgetäfelten Büro, in dem sie die meiste Zeit verbrachte, als sie einen Wagen vorfahren hörte. Wahrscheinlich dieser Sullivan Grayson. Rasch sammelte sie die Unterlagen auf dem Schreibtisch ein und bereitete sich auf das Treffen mit dem Mann vor, der auf Wunsch ihres Vaters dem Weingut hinsichtlich des Marketing ein wenig auf die Sprünge helfen sollte.

Mithilfe des bekannten Unternehmensberaters hofften sie, eine Marktstrategie zu entwickeln, die einer neuen Weinsorte zu einem guten Start und dem Familienbetrieb zu mehr Gewinn verhalf.

„Herein!“, rief sie, als es an der Tür klopfte.

Ein hochgewachsener Mann mit breiten Schultern trat ein, er schien auf einen Schlag den ganzen Raum auszufüllen. Lissa blieb beinahe der Mund offen stehen. Im Sonnenschein, der von hinten auf den Besucher fiel, bekam sein Haar einen dunkelroten Schimmer. Das Licht verlieh ihm eine kraftvolle und geheimnisvolle Ausstrahlung, die Lissas Fantasie anregte. Das gut geschnittene Gesicht und die kraftvolle Haltung erinnerten sie an einen schottischen Adeligen aus ihren Geschichten.

Zu einer langen Kakihose trug er ein grünes Hemd, das am Kragen geöffnet war. Keine Krawatte. Für einen Moment stellte Lissa sich vor, wie der Mann im Kilt und mit einem Breitschwert in der Hand aussehen würde.

„Hallo“, sagte er lächelnd. „Ich bin Sullivan Grayson.“

Das konnte nicht stimmen! Schließlich erwartete sie einen älteren Herrn, der schon lange im Geschäft war und im Lauf der Jahre die vielen Erfolg erzielt hatte, die ihr Vater aufgezählt hatte. Das war bestimmt nicht dieser Mann mit den lebhaften Augen und dem hinreißenden Lächeln, bei dem sie sich wie eine unbeholfene Jugendliche fühlte.

Lissa musste sich räuspern. „Hallo.“

„Sie sind bestimmt Lissa Cartwright“, fuhr er lässig fort.

Sie nickte, stand auf und reichte ihm über den Schreibtisch hinweg die Hand. „Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Du liebe Zeit, wieso benahm sie sich dermaßen steif und formell?

Bei Sullivans Händedruck lief ihr ein wohlig warmer Schauer über den Rücken. Sie bekam weiche Knie und hatte Mühe, nicht zu zeigen, wie überrascht sie war – und wie anziehend sie diesen Mann fand.

Lieber Himmel, nimm dich zusammen, tadelte sie sich und unterdrückte die Bilder, die aus den historischen Romanen von ihrer Schwester stammten. Sie sollte abends im Bett ihre Zeit sinnvoller einsetzen, als dieses unrealistische Zeug zu lesen, auch wenn sie es sehr genoss.

Langsam löste sie die Hand aus seiner, die sich viel kräftiger und härter anfühlte, als man das bei einem gepflegten Geschäftsmann erwartet hätte. „Bitte, setzen Sie sich.“

Er ließ sich auf den Lederstuhl vor dem Schreitisch sinken und schenkte ihr wieder ein Lächeln, das sie um die innere Ruhe brachte. Wo blieb bloß ihr Vater? Er hätte gewusst, was jetzt zu sagen war.

„Mein Vater wird bestimmt gleich hier sein“, erklärte sie und klammerte sich daran, dass es sich um einen Geschäftstermin handelte, nicht mehr und nicht weniger. Was sollte schon ein gut aussehender und erfolgreicher Mann wie Sullivan Grayson in einer Frau wie ihr sehen? Ach, wahrscheinlich nahm er nicht einmal zur Kenntnis, dass sie eine Frau war.

Er blickte sich um und entdeckte das dreifarbige Fellbündel, das in der Ecke neben dem Ofen an einem roten Gummibällchen kaute. „Das ist ein süßer Welpe.“

„Danke. Er heißt Barney.“

„Ich mag Hunde“, erwiderte Sullivan mit diesem Lächeln, das sie glatt aus dem Gleichgewicht brachte. „Und ich mag Menschen, die Hunde mögen.“

Sie räusperte sich erneut und hoffte, möglichst bald wieder klar denken zu können. „Wir können auf meinen Vater warten oder schon anfangen. Wie wäre es Ihnen denn recht?“

„Ich richte mich völlig nach Ihren Wünschen.“

Nein, das würde er ganz sicher nicht tun …

„Ihr Vater hat erwähnt, dass Sie eine neue Weinsorte entwickelt haben“, bemerkte er.

„Genauer gesagt handelt es sich um eine neue Mischung von Traubensorten.“ Lissa verschränkte die Hände auf dem Schreibtisch ineinander und war froh, nicht länger an die schottischen Highlands zu denken. Hier ging es schließlich um die Valencia Vineyards.

Männer wie Sullivan Grayson schenkten einer Frau wie ihr keinen zweiten Blick. Und hätte er es getan, hätte sie schon ein Plätzchen gefunden, wohin sie sich blitzschnell verkriechen konnte.

Sullivan betrachtete die Tochter seines neuen Klienten sehr genau. Lissa Cartwright war eine attraktive Frau, doch sie schien es nicht zu wissen. Anders konnte er sich ihr schmuckloses Aussehen nicht erklären – das Haar zum altmodischen Knoten geschlungen, die Figur unter einer weiten grauen Hose und einer farblosen Bluse versteckt.

Sie war keine Schönheit, aber Sullivan hatte sich trotzdem auf den ersten Blick zu ihr hingezogen gefühlt. Vielleicht lag es an ihren faszinierenden grünen Augen, dass er ihr ein Lächeln entlocken wollte. Lissa Cartwright hatte etwas, das ihn vom ersten Blick an gefangen nahm. Und wenn er ihre Nervosität richtig interpretierte, ging es ihr nicht anders.

Er stieß einen innerlichen Seufzer aus. Lissa Cartwright war tabu für ihn, vollkommen tabu. Sullivan mischte nie Geschäft mit Vergnügen, und da er für ihren Vater arbeiten sollte, würde er sich völlig auf das Weingut konzentrieren.

Dazu kam, dass Lissa Cartwright eine tüchtige Geschäftsfrau war. Das wusste er, weil er sich über die Valencia Vineyards informiert hatte. Sie ging ganz in ihrer Arbeit auf und kam daher nicht infrage für einen Mann, der wie er aufgrund bitterer Erfahrungen nur noch oberflächliche und bedeutungslose Beziehungen einging.

Seit seiner Scheidung im reifen Alter von fünfundzwanzig Jahren bevorzugte Sullivan Frauen, die nichts weiter als ein hübsches Gesicht, einen tollen Körper und eine beachtliche Stellung in der Gesellschaft vorzuweisen hatten.

Die Tür öffnete sich. Ken Cartwright kam herein und reichte Sullivan die Hand. „Entschuldigen Sie die Verspätung. Meine Tochter Eileen hat uns soeben informiert, dass sie ein Kind erwartet. Ich musste wenigstens so lange bleiben, bis meine Frau wieder mit beiden Beinen auf der Erde gelandet war.“

Sullivan lächelte. „Vermutlich steht sie jetzt sicher auf festem Boden.“

„Wenn Auf-rosa-Wolken-Schweben zum festen Boden dazugehört, dann ja“, entgegnete Ken lachend. „Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr meine Frau Babys liebt.“

„Du vielleicht nicht?“, fragte Lissa scherzhaft.

„Ja, gut, ich gebe es zu“, erwiderte Ken. „Meine Frau und ich schmelzen beim Anblick eines zahnlosen Lächelns dahin.“

„Erhebt sich die Frage, wie es den beiden in einem Altersheim ergehen würde“, bemerkte Lissa und schenkte Sullivan ein Lächeln, das ihm durch und durch ging.

Er konnte ihrem Blick nicht ausweichen. Solche Augen hatte er noch nie gesehen, und ihr Gesicht strahlte, wenn sie lächelte.

„Wollen wir zum Geschäftlichen kommen?“, fragte Ken.

„Ja“, erwiderte Sullivan eine Spur zu hastig. Er musste sich auf seine Aufgabe konzentrieren und nicht auf leuchtend grüne Augen, die ihn viel zu sehr ablenkten.

Mittags brachten Lissas Mutter Donna und Eileen ein Tablett mit Sandwichs und eine Kanne mit Eistee ins Büro. Eileen war sichtlich begeistert von Sullivan und nickte Lissa immer wieder aufmunternd zu, wenn er mal nicht in ihre Richtung schaute.

Am liebsten hätte Lissa ihre Schwester aus dem Raum gejagt. Natürlich sah der Mann himmlisch aus – umso unwahrscheinlicher war es, dass er sich für sie interessieren würde.

Sie kannte Eileens ständige Versuche, ihr zu helfen. Schon in der Highschool war Lissa ein Bücherwurm gewesen und hatte eine Auszeichnung nach der anderen erhalten. Leider hatte sie kaum Freunde gehabt, und sie hatte sich nie mit Jungen getroffen. Nur einmal hatte sie sich überreden lassen, mit einem Jungen auszugehen. Milt Preston, der Schwarm aller Mädchen an ihrer Schule.

Bis heute wusste sie nicht, was Eileen Milt versprochen hatte, um sie, Lissa, zur Weihnachtsfeier zu begleiten. Damals war sie Eileen dankbar gewesen, dass sie sich so um sie sorgte. Heute war das jedoch anders. Weder ihre Schwester noch sonst wer sollte sich in ihr Liebesleben einmischen. Ein Liebesleben, das seinen Namen nicht wert war.

Als es ihrer Mutter endlich gelang, Eileen aus dem Raum zu bugsieren, atmete Lissa erleichtert auf. Sie war ohnedies schon nervös genug und brauchte keine Ermunterung in einem Spiel, das sie bereits vor dem Beginn verloren hatte.

Zum Glück hatten ihr Dad und Sullivan nichts gemerkt – hoffte sie wenigstens. Jedenfalls aßen sie und redeten weiterhin über geschäftliche Probleme.

Gegen vier Uhr nachmittags war die Besprechung zu Ende.

„Lissa“, sagte Ken, „ich habe deiner Mutter versprochen, ihr beim Grillen der Steaks zu helfen. Begleitest du Sullivan bitte zum Gästehaus und zeigst ihm alles?“

„Sehr gern.“ Sehr gern? Lissa fühlte sich in der Nähe dieses Mannes schrecklich ungelenk. Aber was blieb ihr anderes übrig, als die höfliche distanzierte Geschäftsfrau zu mimen. Sullivan würde so lange auf dem Weingut bleiben, bis der Marketingplan in allen Einzelheiten stand. Erst dann würde er Valencia Vineyards wieder verlassen. Wahrscheinlich ohne sich ein einziges Mal nach ihr umzudrehen.

„Ich würde euch sowieso vorschlagen, euch ein bisschen besser kennenzulernen“, sagte Ken. „Ich muss mich in nächster Zeit um einige familiäre Probleme kümmern, ihr werdet also ohne mich auskommen müssen.“

Lass mich bloß nicht mit diesem Mann allein, wollte Lissa antworten, stattdessen lächelte sie höflich.

„Der Lieblingsonkel meines Vaters ist gestürzt und hat sich die Hüfte gebrochen“, erklärte sie Sullivan. „Dann traten auch noch Komplikationen auf. Dad muss daher bald nach San Diego, und darum werden Sie mit mir arbeiten.“

„Kein Problem“, versicherte Sullivan mit jenem Lächeln, bei dem sich ihr Herzschlag beschleunigte.

Sie rief Barney, der an einer ausgefransten Ecke des Teppichs vor dem Ofen kaute. Als der Welpe nicht auf sie hörte, hob sie ihn hoch, trug ihn ins Freie und setzte ihn auf die Erde. Er schnüffelte sofort herum, bis ein Zweig seine Aufmerksamkeit weckte.

Sullivan folgte ihnen. „Ich muss noch mein Gepäck aus dem Kofferraum holen. Ist es weit zu gehen? Oder soll ich den Wagen vor dem Gästehaus parken?“

„Nein, das ist nicht nötig. Das Gästehaus ist gleich da vorne, sehen Sie die kleine Hängebrücke, die zum Wohnhaus führt?“

„Ja.“

Sie deutete auf das hübsche Gästehaus hinter dem Fischteich. „Das ist es, gleich da drüben.“

Sullivan holte einen Koffer aus einem silbergrauen Sportwagen, und Lissa nahm Barney an die Leine.

„Zeigen Sie mir den Weg“, bat Sullivan mit einem flirtenden Lächeln, bei dem ihr Herz auf die nächsthöhere Stufe schaltete.

Bildete sie sich nur etwas ein, oder warf er ihr gelegentlich einen Blick von der Seite zu? Ausgeschlossen, das war bloß Wunschdenken. Vielleicht kam sie ihm ja sonderbar vor, oder er war an Frauen ihrer Art nicht gewöhnt. Ein Mann wie er hatte privat wahrscheinlich nur erstklassige Schönheiten im Visier.

„Hübsch hier draußen“, stellte er fest und ließ den Blick über den Rasen wandern, der das Haus umgab.

„Ich kann mir nicht vorstellen, anderswo zu leben“, erwiderte sie wahrheitsgemäß.

Die Adoption durch die Cartwrights hatte ihr die Möglichkeit beschert, auf einem Weingut zu leben und mit dem Land zu verschmelzen. Natürlich hatte sie auch Liebe erhalten, selbst wenn sie nicht ganz in die Familie passte.

Sie betraten die Veranda des Gästehauses, und Lissa drehte den antiken Türknopf aus Messing und öffnete die Tür. „Es ist schlicht, aber gemütlich“, bemerkte sie.

Lissa liebte dieses kleine Haus, das sie und Donna im Stil eines französischen Landhauses eingerichtet hatten. An den Fenstern hingen zart geblümte Vorhänge, und das Sofa und der Sessel hatten bunte Bezüge.

„Nachts wird es hier ziemlich kühl.“ Sie deutete auf den Thermostat an der mit heller Eiche getäfelten Wand. „Stellen Sie die Heizung nach Ihren Wünschen ein.“

Er deutete auf den gemauerten Kamin mit Feuerholz und Streichhölzern. „Mir ist ein richtiges Feuer lieber.“

So ging es ihr auch. Flammen im Kamin waren gemütlicher und vor allem romantischer.

Ach, jetzt wirkten sich diese schrecklichen Romane schon wieder bei ihr aus! Es war höchste Zeit, die Bücher einzusammeln und zu verheizen! Am besten gleich hier in diesem Kamin.

„Hier ist eine winzige Küche, falls Sie lieber allein essen möchten“, erklärte sie. „Aber wie ich meine Mom kenne, wird sie darauf bestehen, dass Sie sich uns anschließen.“

„Da ich meistens in Restaurants essen muss, freue ich mich auf richtige Hausmannskost.“

„Das wird meine Mom gerne hören.“ Ganz zu schweigen von Lissa. „Ich zeige Ihnen noch den Rest des Häuschens.“

Vom Korridor aus sah sie durch die offene Tür die blauweiß karierte Decke, die sie gestern auf dem Doppelbett im Schlafzimmer ausgebreitet hatte. Und sie fing den Duft des Mannes auf, der dicht hinter ihr stand. Sie drehte sich um und hielt den Atem an.

„Hübsches Zimmer“, urteilte er.

Sullivan stand dicht vor ihr und sah sie an. Und dabei lächelte er nicht wie vorhin. Irgendetwas knisterte zwischen ihnen. Was bloß? Erotische Spannung?

Hallo? Völlig unmöglich, zumindest von seiner Seite aus!

Sie räusperte sich schon wieder, was sie sonst so gut wie nie machte. Mit dem Räuspern hatte sie erst heute angefangen. Wenigstens lernte man nicht aus! „Das Badezimmer befindet sich am Ende des Korridors gleich neben dem Wäscheschrank. Im Schrank finden Sie alles, was Sie brauchen.“

„Danke“, erwiderte er, und seine Stimme wärmte sie wie eine Decke in einer kalten Winternacht.

Ach, du liebe Zeit! Die Romane landeten so schnell wie möglich in der nächsten Mülltonne!

„Gut.“ Lissa versuchte, ganz ruhig zu bleiben. „Dann gehe ich jetzt, damit Sie auspacken können.“

„Nein“, bat er.

„Wie bitte?“

„Gehen Sie noch nicht“, sagte er und lächelte jungenhaft. „Ich habe auf der Küchentheke eine Flasche Wein gesehen.“

„Das ist ein Sauvignon Blanc. Ich dachte, Sie würden gern ein Glas probieren.“

„Aber gerne. Möchten Sie mir dabei auf der Veranda Gesellschaft leisten?“

Die Frage überraschte und erregte sie. Vergeblich redete sie sich ein, dass es hier nur um Berufliches ging. Sie sollten sich bei einem Glas entspannen, wie das bei Geschäftsleuten üblich war.

Trotzdem sah sie in der Einladung mehr, als für ihr unberührtes Herz gut war – ein Herz, das bereit war, verschenkt … und verletzt zu werden.

2. KAPITEL

Von der Veranda des Gästehauses überblickte man das Haupthaus und den Weinberg. Sullivan und Lissa saßen an einem Glastisch mit schmiedeeisernem Gestell, tranken Wein und genossen den sagenhaften Ausblick und den Sonnenuntergang.

„Ihre Schwester sieht Ihnen gar nicht ähnlich“, bemerkte Sullivan nebenbei. Ihm war die starke Ähnlichkeit zwischen Eileen und ihrer Mutter aufgefallen, als die beiden das Essen ins Büro brachten.

Lissa sah irgendwie auch ganz anders als ihr Vater aus. Ken Cartwright war ziemlich klein und gedrungen und hatte schütteres blondes Haar und eine rötliche Haut. Er war nicht sonderlich attraktiv, dafür aber sehr nett.

Lissa drehte ihr Glas hin und her, als wäre ihr das Thema unangenehm. Es tat Sullivan leid, dass er es zur Sprache gebracht hatte, doch nun konnte er die Worte nicht zurücknehmen.

„Ich sehe niemandem in der Familie ähnlich“, erwiderte sie, „weil ich adoptiert wurde.“

Ups! So persönlich hatte er nicht werden wollen, und er wusste jetzt nicht, wie er die ungeschickte Bemerkung überspielen sollte. Daher nickte er bloß und sagte: „Sie haben eine nette Familie.“

„Ja, das stimmt.“ Sie trank einen Schluck Wein. „Haben Sie Geschwister?“

„Nein, ich bin ein Einzelkind.“

„Und tut Ihnen das leid?“

Er zuckte mit den Schultern. Seine Kindheit war ziemlich schlecht gewesen, doch das hatte nichts mit fehlenden Geschwistern zu tun. „Ich hatte zahlreiche Cousins und Cousinen, mit denen ich spielen konnte.“

„Erzählen Sie mir mehr über Ihre Familie“, bat sie.

Sullivan sprach nur selten über sich oder über persönliche Angelegenheiten. Da er jedoch ungewollt Lissas Adoption enthüllt hatte, erfüllte er ihr den Wunsch.

„Meine Eltern haben mich zwar geliebt, aber sie hatten eine reichlich stürmische Beziehung. Die Ehe wurde geschieden, als ich noch zur Schule ging.“

„Das ist sehr schade.“

Das war es auch. Sullivan hatte sich stets eine intakte Familie gewünscht. Vielleicht hatte er deshalb sehr früh geheiratet. Er war für ein richtiges Familienleben bereit gewesen. Seine Frau hatte jedoch kein Kind haben wollen, und schließlich hatte sie ihn wegen eines anderen Mannes verlassen.

Damit waren seine Träume zerstört und sein Herz verletzt worden. Die Ehe hatte ihm aber auch die Augen geöffnet. Er hatte die Lektion gelernt, dass er wohl nicht fürs Familienleben geeignet war.

„Es war nicht weiter tragisch“, schwindelte er. „Manche Leute sollten eben nie heiraten.“

„Was für Leute?“

Diese Frage überrascht ihn. „Leute, die Versprechen machen, die sie nicht halten“, erwiderte er ganz allgemein.

Die albtraumhafte Ehe seiner Eltern war für ein Kind nur schwer zu ertragen gewesen. Seine eigene Scheidung vor sechs Jahren war auch unschön verlaufen, doch er hatte es überstanden und sich erholt. Geholfen hatte ihm dabei auch, dass er fortan nur noch Beziehungen zu oberflächlichen Frauen eingegangen war, die keine tiefen Gefühle von ihm verlangten.

„Es war seltsam mit meinen Eltern“, fuhr er fort, weil er nicht an seine eigene Scheidung denken wollte. „Die Familie meines Vaters besaß Geld und Ansehen. Sie konnte ihre Herkunft zehn Generationen zurückverfolgen. Das hat meiner Mom aber nie gereicht.“

„Warum nicht?“

Am liebsten hätte er nicht geantwortet, damit das Gespräch nicht zu tief ging und ihn an seine eigene gescheiterte Ehe erinnerte. Trotzdem erwiderte er: „Manche Frauen wollen mehr, als ihnen ein Mann bieten kann.“

Lissa schwieg, und er fragte sich, ob sie überhaupt eine Ahnung hatte, was er meinte. Wahrscheinlich nicht, doch genauer wollte er das nicht ergründen. Es war schlimm genug, dass er gewisse Erinnerungen mit sich herumschleppte. Da wollte er nicht auch noch Dinge ausgraben, die man am besten völlig vergaß.

Lissa wusste nicht so recht, was Sullivan meinte. Sie hätte ihn fragen können, aber unterließ es dann doch. Das kurze Gespräch bestätigte sie nur darin, dass sie nichts gemeinsam hatten. Rein gar nichts.

Sie war adoptiert und kannte ihre leiblichen Eltern nicht, und er konnte seine Ahnen bis zig Generationen zurückverfolgen. Er war aufgeschlossen und weltgewandt, und sie war schlicht und langweilig wie ein Staubwedel. Nicht zu vergessen sein Sinn fürs Geschäftliche und sein Charme. Beim Geschäftlichen konnte sie vielleicht noch mithalten, aber in puncto Charme war sie ein Hühnchen. Oder besser noch, ein Ei.

Barney begann zu knurren und an Sullivans Hosenbein zu zerren.

„Barney!“ Lissa stellte das Weinglas auf den Tisch und hob den Welpen hoch. „Zum Kauen hast du dein Spielzeug!“

Sullivan hatte sich nicht im Geringsten daran gestört, dass seine teure Hose Schaden leiden könnte. „Der Kleine ist niedlich. Sieht aus, als hätte er einen Collie im Stammbaum.“

„Und einen Beagle und einen australischen Hirtenhund“, erwiderte sie lachend. „Sollte mich nicht wundern, wenn auch noch ein Dackel beteiligt war.“

„Er ist wirklich ziemlich lang und hat kurze Beinchen“, bestätigte Sullivan amüsiert. „Woher haben Sie ihn?“

„Aus dem Tierheim. Seine Zeit war abgelaufen. Ich habe ihm das Leben gerettet, die hätten ihn eingeschläfert, wenn er an diesem Tag keinen neuen Besitzer gefunden hätte.“

Barney hatte Glück gehabt. Wie sie. Lissa musste daran denken, dass ihre Adoptiveltern sie anderen verwaisten Kindern vorgezogen hatten. Früher hatte sie sich immer überlegt, wie ihre leiblichen Eltern wohl waren. In ihren Gedanken waren die beiden ein junges Liebespaar gewesen, das wie Romeo und Julia gewaltsam getrennt worden war. Gelegentlich hatte sie sich auch ausgemalt, von königlichem Geblüt und als Kind geraubt worden zu sein.

Später hatte sie diese kindlichen Fantasien verbannt und die Tatsache akzeptiert, dass ihre leiblichen Eltern sich nicht mit einem Baby abgeben wollten. Genauer gesagt, sie hatten sich nicht mit ihr abgeben wollen.

Doch so bitter diese Erkenntnis auch war, sie befreite Lissa keineswegs davon, immer wieder an ihre leiblichen Eltern zu denken. Wer waren sie? Wo lebten sie? Und erinnerten sie sich überhaupt noch an ihre Tochter?

Jared Cambry saß mit seiner Frau im Arbeitszimmer. Er legte den Hörer auf und wandte sich an seine Frau, die ihn mit geröteten Augen ansah.

„Was hat Dr. Chambers gesagt?“, fragte sie erwartungsvoll, obwohl ihr Gesicht Angst und Verzweiflung verriet. So war das nun schon, seit sie vor Kurzem wieder nach Portland gezogen waren.

Jared schluckte heftig. „Die ersten Tests haben ergeben, dass wir nicht infrage kommen.“

Als Danielle leise zu weinen begann, zog Jared sie an sich und versuchte, sie zu trösten.

„Wir werden ihn verlieren“, klagte sie. „Ich fühle mich schrecklich hilflos.“

Jared ging es genau wie ihr.

Vor der Diagnose hatten sie ein wundervolles Leben gehabt, wie es nicht besser sein konnte. Er und Danielle liebten einander. Die Ehe lief großartig. Ein Sohn und eine Tochter vervollständigten die Familie. Vor acht Jahren waren sie dann auch noch mit einem Nachzügler namens Mark gesegnet worden.

Bereits als kleines Kind hatte Mark Freude in ihr Leben gebracht. Er lächelte ständig, verschenkte großzügig seine Liebe und war das Licht ihres Lebens.

Jared strich Danielle über den Rücken, während sie weinte, und schmiegte die Wange an ihr dunkles Haar. Auch ihm standen Tränen in den Augen, weil alles so hart war. Behutsam drückte er seine Frau an sich und versuchte, ihr Kraft zu geben und welche von ihr zu bekommen.

Danielle war eine bewundernswerte Frau, die sich zu hundert Prozent ihrer Familie verschrieben hatte. In seinen Augen war sie diejenige, die alles zusammenhielt.

Früher hatte sie an der Highschool unterrichtet, doch nach der Geburt des ersten Kindes war sie daheim geblieben und ging völlig in der Rolle der Mutter auf. Drei lebhafte Kinder hatten sie stets auf Trab gehalten – Fahrten zum Zahnarzt, zu Schulfesten, Klavierstunden und Sportveranstaltungen. Trotzdem hatte sie auch noch Zeit gefunden, in der Bücherei als freiwillige Helferin am Literaturprogramm für Erwachsene teilzunehmen.

Gern hätte Jared seiner Frau versichert, dass alles gut werden würde. Doch wie sollte er das, wenn er wusste, dass es nicht stimmte?

„Ich dachte, Shawna wäre geeignet“, sagte sie. „Mark und sie sind einander sehr ähnlich.“

Ihrer fünfzehnjährigen Tochter sah man bereits an, dass sie zu einer schönen jungen Frau heranwuchs. Als Spender wäre aber durchaus auch der siebzehnjährige Chad infrage gekommen, der ein ebenso guter Sportler wie Schüler war.

Sie hatten drei bemerkenswerte Kinder, doch das alles verblasste gegenüber der schrecklichen Tatsache, die bei einem Fußballspiel ans Tageslicht gekommen war.

Der achtjährige Mark war auf dem Spielfeld zusammengebrochen. Jared war auf Geschäftsreise gewesen, doch Danielle hatte alles miterlebt. Sie hatte Mark ins Portland General Hospital gebracht, wo man bei dem Jungen eine seltene Blutkrankheit feststellte. Ohne Transplantation von Knochenmark würde ihr jüngster Sohn seinen zehnten Geburtstag kaum erleben.

Die Diagnose traf Jared und Danielle schwer. Sie ließen sofort die ganze Familie testen, doch leider hatte sich nun herausgestellt, dass sich kein geeigneter Spender darunter befand.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Danielle. „Abgesehen von beten.“

Jared wusste, dass es noch ein letztes Familienmitglied gab. Irgendwo. Irgendwo befand sich ein möglicher Spender. Doch es würde schwierig sein, ihn oder sie aufzuspüren, ungefähr so schwierig wie die Entdeckung eines nicht mit ihnen verwandten Spenders – möglich, aber unwahrscheinlich.

„Hör zu, Danni“, bat Jared seine Frau. „Ich muss dir etwas sagen.“

Sie griff nach einem Papiertaschentuch, wischte sich über die Augen und wartete schweigend.

„Ich … nun, eigentlich wollte ich dir das schon Jahre vorher … Mit siebzehn war ich eine Nacht mit einem Mädchen zusammen, das hinterher schwanger wurde.“

Sie sah ihn fassungslos an. „Wie bitte? Warum hast du mir nie was davon gesagt?“

„Dieses Mädchen ist damals einfach verschwunden“, fuhr er fort und wünschte sich, schon früher alles erzählt zu haben. Bis auf dieses eine hatten Danielle und er keinerlei Geheimnisse voreinander. Er hatte allerdings nicht gewusst, wie er es sagen sollte. Darum hatte er es immer wieder verschoben. „Sie hieß Olivia, und ich weiß nicht, wo sie ist und ob sie das Kind überhaupt zur Welt gebracht hat. Aber ich muss es herausfinden, wegen Mark. Möglicherweise gibt es doch noch einen geeigneten Spender.“

Seine Frau wirkte geschockt, enttäuscht und zornig, und er konnte es ihr nicht verdenken.

„Du hast ein Mädchen geschwängert?“, fragte sie. „Und du weißt nicht einmal, was sie mit dem Kind gemacht hat?“

Er nickte. Damals hatte Olivia behauptet, Kinder seien ein Segen. Er hatte ihr das nicht geglaubt, bis Chad auf die Welt kam. Bei der Geburt seines Sohnes hatte er plötzlich an jenes andere Kind gedacht und daran, dass er Olivia eine Abtreibung vorgeschlagen hatte.

Seither plagte ihn das Gewissen. Als er später Dannis Hand bei den beiden weiteren Geburten hielt, dachte er wieder und wieder an das gesichtslose Neugeborene. Lebte es? Oder hatte Olivia sich seinem Wunsch gebeugt und es abgetrieben? Warum hatte er Olivia nicht schon früher gesucht?

Jared führte eine eigene Anwaltskanzlei für Wirtschaftsrecht mit erfolgreichen Filialen in mehreren Staaten. Vor Kurzem war er mit seiner Familie wieder nach Portland gezogen, wo er geboren worden war. Von hier aus wollte er eine Filiale für Oregon einrichten.

Bei der Gelegenheit hatte er tatsächlich überlegt, Olivia ausfindig zu machen und sie nach dem Kind zu fragen. Vielleicht war das ja auch der eigentliche Grund gewesen, aus dem er sich höchstpersönlich um den Aufbau eines Büros in Oregon kümmern wollte. Schließlich hätte er auch einen Partner herschicken können. Bisher hatte er allerdings mit der Suche nach Olivia nicht begonnen. Noch nicht.

„Als Olivia mir sagte, sie sei schwanger, bot ich ihr Geld für eine Abtreibung an. Sie hat abgelehnt, weil sie das Kind behalten wollte.“ Jared stützte sich auf den Schreibtisch. „Sobald ich mich an der Universität in Phoenix eingerichtet hatte, rief ich sie mehrmals an. Sie überlegte damals, ob sie das Kind austragen und zur Adoption freigeben sollte.“

„Und wie hat sie sich letztlich entschieden?“, fragte Danielle.

„Das weiß ich nicht. Ich habe sie dann noch ein Mal angerufen und gefragt, wie es ihr geht. Ich habe ihr auch Geld angeboten.“ Jared strich sich seufzend durchs Haar. „Damals habe ich nicht gearbeitet, aber ich hatte etwas gespart. Ich habe sie zur Adoption gedrängt, weil das meiner Meinung nach die beste Lösung war. Sie wurde wütend und sagte, sie würde meine Hilfe nicht brauchen. Dann hat sie aufgelegt.“

„Das ist das Ende der Geschichte?“

„Nein. Am nächsten Tag habe ich wieder angerufen. Ihre Mutter war am Apparat, aber Olivia hat mich nicht zurückgerufen.“

„Du hast es dabei belassen?“

„Nein. Das Baby sollte im Frühling auf die Welt kommen. Da habe ich wieder angerufen, aber der Anschluss existierte nicht mehr.“

„Und wie finden wir sie jetzt?“, fragte Danni, weil die Sorge um Mark stärker war als der Zorn auf ihren Mann.

„Das wird sicher sehr schwierig“, meinte Jared, „ich werde einen Privatdetektiv darauf ansetzen. Wir finden Olivia und das Kind.“

Hoffentlich noch rechtzeitig …

Das Essen bei den Cartwrights verlief in einer höchst angenehmen Atmosphäre. Sullivan war froh, das Angebot seines Klienten angenommen zu haben.

Es gab gegrilltes Steak, einen bunten Salat mit köstlichem Dressing, Kartoffeln und frisch gebackenes Brot, nach dem das ganze Haus duftete.

Donna Cartwright mochte auf die sechzig zugehen oder sogar schon darüber sein, war jedoch eine attraktive Frau mit schulterlangem rötlich blondem Haar. Außerdem war sie eine ausgezeichnete Köchin.

„Woher kommen Sie?“, erkundigte sich Donna freundlich.

„Ursprünglich aus Charleston, aber ich wohne seit fünf Jahren in Portland.“

„Ach ja?“, meinte sie äußerst interessiert. „Lebt Ihre Familie noch immer in Charleston?“

„Ja, allerdings.“ Seine Eltern wohnten in getrennten Häusern im selben feinen Stadtteil. Eigentlich wollten sie einander so weit wie möglich aus dem Weg gehen, konnten – oder wollten – jedoch nicht wegziehen. Dafür hatten sie zu viel investiert.

„Wie nett“, meinte Donna. „Wieso sind Sie nach Oregon gezogen?“

Wollte sie bloß plaudern, oder interessierte sie sich dafür, ob er verheiratet war? Schließlich war sie eine Mutter mit einer unverheirateten Tochter.

„Ich bin aus beruflichen Gründen nach Portland gekommen“, erwiderte er zurückhaltend. Und die anderen Gründe gingen außer ihm niemanden etwas an.

Er hatte es schlicht nicht ertragen, seine Exfrau am Arm von Gregory Atwater zu sehen. Wären sie auch nur noch ein einziges Mal bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung zusammengetroffen, hätte Sullivan wahrscheinlich die Beherrschung verloren. Die Scheidung seiner Eltern war schlimm genug gewesen, er wollte den Spießrutenlauf nicht ein weiteres Mal durchmachen. Deshalb war er von einer Ecke der Vereinigten Staaten in die andere gezogen, um möglichst weit weg von seiner Exfrau und seiner Kindheit zu kommen.

„Portland ist eine hübsche Stadt“, stellte Donna fest.

„Gefällt mir“, bestätigte er.

Ihre blauen Augen funkelten verräterisch. Sullivan sah förmlich, wie es hinter ihrer mütterlichen Stirn arbeitete. Darum machte er sich auf den nächsten Schritt gefasst und bereitete sich auf die Abwehr vor.

„Sind Sie verheiratet?“, fragte Donna, als er den Valencia Merlot kostete, der alle Erwartungen erfüllte.

Ja, er hatte sich nicht geirrt. Diese Frau ging zielstrebig zum Angriff über. Zum Glück wusste er, wie solche Attacken abzuwehren waren. „Nein, ich bin nicht verheiratet.“

„Da sind Sie sicher einsam.“

Lissa verschluckte sich fast an ihrem Wein und griff nach der weißen Stoffserviette. „Entschuldigung.“

Sullivan merkte ihr an, dass ihr das Verhalten ihrer Mutter unangenehm war. Das konnte er gut nachfühlen. Lissa war vermutlich so gern ungebunden wie er, anders konnte er sich zumindest ihr Outfit nicht erklären. Das schrie doch schon aus hundert Meter Entfernung: „Ich bin nicht interessiert, lass mich in Ruhe!“

„Ich mag es, kommen und gehen zu können, wie es mir gefällt“, erklärte er der Mutter.

„Das ist sehr gut“, meinte Donna, obwohl sie insgeheim wahrscheinlich anders dachte. Sie strich das schulterlange Haar zurück und unternahm den nächsten Schritt. „Ein Mann wie Sie ist doch sicher nie ganz allein.“

Auch diese Taktik kannte Sullivan zur Genüge. „Ja, ich treffe mich ab und zu mit einer Frau, Mrs. Cartwright.“

„Sie müssen meiner Frau verzeihen, dass sie so neugierig ist“, sagte Ken amüsiert. „Ihrer Meinung nach sollten alle Menschen so glücklich verheiratet sein wie wir beide.“

Sullivan hatte die Erfahrung gemacht, dass viele Frauen gern Heiratsvermittlerin spielten, ob sie nun glücklich verheiratet waren oder nicht.

Frauen schienen jedenfalls stets von endlosem Glück zu träumen, doch das kam für ihn nicht infrage. Katherine und Clarence Grayson hatten sich in der reichen Gesellschaft von Charleston freundlich und nett benommen. Hinter den geschlossenen Türen des Familiensitzes jedoch hatten sie sich nicht anders verhalten als streitende Paare in den ärmlichen Teilen der Stadt. Die zerbrochenen Teller waren lediglich teurer gewesen.

„Die schlechte Ehe meiner Eltern hat mich vorsichtig gemacht“, erklärte er.

Donna ließ sich seine Worte offenbar durch den Kopf gehen und schwieg erst einmal. Sullivan warf einen Blick zu Lissa, die sich kerzengerade hielt. Vermutlich war sie genauso froh wie er, dass es eine kurze Unterbrechung in diesem Gespräch gab.

Er wandte sich an Ken, um ein anderes Thema anzuschneiden. „Dieser Merlot ist ausgezeichnet“, sagte er zu dem Winzer. „Dafür sollten wir ebenfalls eine Marketing-Strategie entwerfen.“

„Ich dachte mir schon, dass er Ihnen schmecken wird.“ Ken lehnte sich zufrieden zurück. „Aber warten Sie ab, bis Sie Lissas neue Sorte kosten.“

„Darauf freue ich mich schon“, versicherte Sullivan und sah wieder zu Lissa, die sich etwas entspannt hatte.

Normalerweise hatte er kein Mitleid mit alleinstehenden Frauen, deren Mütter sie lieber heute als morgen in weißem Kleid mit Schleier sehen wollten. Doch die scheue und schlichte Lissa rührte ihn, es tat ihm leid, dass ihre Mutter sich so unsensibel ihr gegenüber benahm. Bekam die Frau denn nicht mit, dass Lisa das Thema unangenehm war? Lissa hatte so viel, worauf ihre Eltern stolz sein konnten: Sie war eine tüchtige Geschäftsfrau, die das Beste für das Weingut wollte. Und auch erreichte. Er hatte sich vor seinem Termin hier ein bisschen in der Branche umgehört. Lissa galt als erfolgreiche Karrierefrau, die nur das Wohlergehen des Familienunternehmens im Auge hatte.

Bisher hatte er auch diesen Eindruck erhalten. Lissa hatte sich die Valencia Vineyards zur Lebensaufgabe gemacht. Doch ihrer Mutter genügte das wohl nicht.

„Möchten Sie noch etwas?“, fragte Donna.

„Nein, danke“, wehrte Sullivan ab. „So gut habe ich schon sehr lange nicht mehr gegessen.“

Lissa hielt den Blick auf ihren Teller gerichtet. Sie hatte nur wenig angerührt, wahrscheinlich hatte das Verhalten ihrer Mutter ihr den Appetit verdorben. Auch für sie schien Privates nichts in einer Geschäftsbeziehung zu suchen zu haben. Sie hatten viel Arbeit vor sich. Persönliche oder gar romantische Überlegungen waren da fehl am Platz.

„Möchte jemand Kaffee?“, fragte Donna.

„Ich nehme eine Tasse“, erwiderte Ken.

Sie wandte sich an Sullivan. „Wie ist es mit Ihnen?“

„Nein, danke.“ Er wollte den Abend beenden, um weitere Fragen zu vermeiden. Außerdem gefiel es ihm nicht, dass Lissa auf ihrem Stuhl saß, als wäre sie beim Zahnarzt und würde auf eine Wurzelbehandlung warten.

Lissa griff nach ihrem fast noch vollen Teller und trug ihn zusammen mit den Tellern ihres Vaters und Sullivans in die Küche. Ihre Mutter folgte.

Als die beiden etwas später mit Kaffee und Käsekuchen mit Himbeersoße zurückkehrten, wirkte Donna ernst. Hatte ihre Tochter ihr die Meinung gesagt? Lissa jedenfalls setzte sich wesentlich entspannter wieder an den Tisch.

Donna Cartwright war eine nette Frau, die offensichtlich unbedingt ihre zweite Tochter verheiraten wollte. Sullivan war dafür nicht zu haben, und je schneller die Cartwrights das begriffen, desto besser war es für alle.

Lissa sehnte das Ende dieses schrecklichen Abends herbei. Was sollte Sullivan bloß von ihr und ihrer Mutter denken?

Natürlich meinte ihre Mutter es nicht böse, doch diese Einmischung war unmöglich. Das hatte sie zum Glück nach dem kurzen Gespräch in der Küche begriffen.

Lissa seufzte. Wäre sie wie Eileen gewesen, hätte Sullivan Grayson selbstverständlich einen großartigen Kandidaten für einen Ehemann abgegeben. Sie war jedoch nicht wie ihre Schwester, und er hatte mehr als deutlich klargestellt, dass er gern Junggeselle war.

„Der Käsekuchen war ausgezeichnet“, stellte Sullivan fest. „Das ganze Essen war geradezu himmlisch. Bestimmt werde ich in der Zeit bei Ihnen zunehmen.“

Donna strahlte vor Zufriedenheit. „Es freut mich sehr, dass Sie mit uns essen.“

Lissa stand auf. „Ich gehe in die Küche und spüle.“

„Und ich helfe Ihnen“, bot Sullivan an und griff nach seinem leeren Teller.

Lissa fiel fast das Geschirr aus den Händen. Sie brachte jedoch kein Wort hervor. Dabei war es gar nicht nötig, Sullivan abzuweisen. Das würde schon ihre Mutter besorgen.

„Wie aufmerksam von Ihnen“, sagte Donna jedoch zu Sullivan, obwohl sie es sonst nie zuließ, dass Gäste in der Küche halfen. „Ken und ich gehen zu Bett.“

Um halb acht?

Ken sah auf die Uhr. „Reichlich früh, findest du nicht?“

Lissa wartete die lahme Erklärung ihrer Mutter nicht ab, sondern zog sich in die Küche zurück. Leider folgte Sullivan ihr. Gern hätte sie ihm erklärt, dass sie allein sein wollte, um den Versuch ihrer Mutter zu verkraften, für sie einen Mann zu finden. Sie schwieg jedoch, weil sie im Moment nicht wusste, was sie sagen sollte.

„Ich habe gemerkt, wie unbehaglich Sie sich am Tisch gefühlt haben“, bemerkte er.

Lissa stand an der Spüle und hatte das warme Wasser aufgedreht.

„Lassen Sie sich bitte nicht davon irritieren“, fuhr er fort. „Ich bin daran gewöhnt.“

Woran? An Mütter, die versuchten, ihre ledigen Töchter zu verheiraten? Wenn ihre Mutter ihr schon helfen wollte, sollte sie sich wenigstens nach einem Mann umsehen, der überhaupt heiraten wollte. Und der ihresgleichen war.

Sie drehte sich zu ihm um, sah ihm tief in die Augen und bekam plötzlich kaum noch Luft. Verzweifelt versuchte sie, ihre Gefühle und ihre Unsicherheit zu verbergen. „Zu Ihrer Information“, sagte sie schließlich. „Ich habe nicht vor, jemals zu heiraten.“

Schön, das war mehr oder weniger gelogen. Natürlich hatte sie Träume, die von den Romanen auf dem Nachttisch angeheizt wurden, doch sie hoffte auf nichts. Kein Frosch verwandelte sich in eine Prinzessin.

„Das dachte ich mir schon“, erwiderte Sullivan. „Es gefällt Ihnen nicht, wenn andere sich in Ihr Leben einmischen, nicht wahr? Sie sind zufrieden so, wie Sie leben, oder?“

Sie nickte, obwohl das nur halb stimmte. Sonderlich zufrieden war sie mit ihrem Leben nicht, aber das würde sie mit Mr. Perfect nicht ausdiskutieren. Jetzt ging es nur darum, diesen peinlichen Abend so schnell wie möglich zu vergessen.

Als Sullivan sie wieder anlächelte, bekam sie weiche Knie. Himmel, dieser Mann hatte einen unglaublichen Mund – einen Mund, der bestimmt wundervoll küsste.

Wundervoll küssen? Das war doch auch nur eine Fantasie. Milt Preston hatte sie damals geküsst. Sie hatte sich sogar auf den Kuss gefreut, nachdem Eileen ihr beschrieben hatte, wie sie mit Jason Crowley auf dem Rücksitz seines Mustangs knutschte.

Doch Milts Kuss hatte in keiner Weise den romantischen Schilderungen ihrer Schwester entsprochen, im Gegenteil. Es war einfach fürchterlich gewesen! Anstatt es langsam anzugehen, hatte Milt den Mund weit geöffnet, ihr mit der feuchten Zunge über die Lippen gestrichen und sofort versucht, weiter vorzudringen. Sie hatte ihn instinktiv von sich gestoßen, doch nach dem Kuss hatte sie sich schmutzig gefühlt.

Enttäuscht hatte sie Milt auf der Veranda stehen lassen und war ins Haus geflohen, um sich die Zähne zu putzen. Danach hatte sie geduscht, doch nicht einmal das warme Wasser hatte die unangenehmen Erinnerungen weggespült. Diese Zunge, die ungefragt und brutal in ihrem Mund … Nein, es schauderte sie noch heute, wenn sie nur daran dachte.

Als Sullivan Spülmittel ins Wasser spritzte, berührte sein Arm ihre Schulter und erzeugte ein feines Prickeln. „Möchten Sie lieber spülen oder abtrocknen?“, fragte er.

„Das ist mir egal“, entgegnete sie. „Was machen Sie lieber?“

„Da ich nicht weiß, wo alles verstaut wird, spüle ich vielleicht besser.“

Der Schaum in der Spüle ließ Lissa an ein Schaumbad in einem von Kerzen erleuchteten Badezimmer denken. In einem Buch hatte sie gelesen, wie Held und Heldin zusammen badeten und sich gegenseitig einseiften, bis die Leidenschaft förmlich brannte.

Jetzt ließ sie sich schon wieder von ihrer Fantasie und den Hormonen überwältigen! Sie würde diese Bücher allesamt verbrennen. Hastig griff sie nach einem gespülten Teller, den Sullivan ihr reichte, und trocknete ihn ab. Schweigend arbeiteten sie weiter, bis die Küche in Ordnung war.

„Schön, dann bis morgen früh“, sagte Sullivan, verabschiedete sich und ließ Lissa allein mit ihren Gedanken … und ihren aufgewühlten Gefühlen.

Was hätte sie gemacht, hätte er einen Annäherungsversuch unternommen? Bestimmt wie eine verängstigte Katze die Flucht ergriffen. Wie Sullivan wohl küsste? Wahrscheinlich wundervoll. Seine Zunge in ihrem Mund … ach ja, das würde ihr gefallen. Nein! Sie fantasierte ja schon wieder. Wann hörte sie endlich auf zu träumen?

Denn es hatte absolut keinen Sinn, von einem attraktiven Junggesellen mit einem hinreißenden Lächeln und einer umwerfenden maskulinen Ausstrahlung zu träumen.

3. KAPITEL

Sullivan traf Lissa am nächsten Morgen um neun Uhr im Büro der Weinkellerei, einem holzgetäfelten Raum, in dem Aktenschränke, ein Computer und ein wuchtiger antiker Schreibtisch standen. Grundsätzlich also ein ganz normaler Arbeitsplatz. Doch das Sofa an der Hinterwand und ein Küchenschrank in der Ecke deuteten darauf hin, dass Lissa hier drinnen viel Zeit verbrachte.

Das galt auch für den Welpen, der zusammengerollt neben dem eisernen Ofen in einem Hundekörbchen lag.

Sullivan beobachtete Lissa beim Kaffeekochen. Wie gestern trug sie eine schlichte weite Bluse und eine unförmige Hose, heute in einem stumpfen Braun. Warum wählte sie solche Farben? Sie sollte Grün und Blau tragen, um die Wirkung ihrer unglaublichen Augen noch zu verstärken.

Ihre Mutter und ihre Schwester kleideten sich äußerst schick und vorteilhaft, daher schloss er, dass Lissa offenbar unscheinbar sein wollte. Vielleicht bezweckte sie damit, in der Geschäftswelt ernst genommen zu werfen?

Das Haar hatte sie zu einem langen Zopf geflochten, der auf den Rücken herunterhing. Offen getragen reichte das Haar vermutlich bis zur Taille.

Lissa wandte sich zu ihm um. „Wie trinken Sie Ihren Kaffee?“

„Mit Zucker und ohne Milch.“

Anstatt sich wieder mit dem Kaffee zu beschäftigen, stand sie nur da und hielt den Blick auf ihn gerichtet. „Warum sehen Sie mich so an?“, fragte sie.

„Entschuldigen Sie, ich war in Gedanken“, log er. Langes Haar hatte ihn bei Frauen allerdings immer fasziniert. Wie würde es aussehen, wenn Lissa es offen trug? Herrjeh, er musste sich dringend wieder auf das Geschäftliche konzentrieren. Es ging ihn überhaupt nichts an, wie sie ihr Haar trug.

Der Kaffee lief durch die Maschine, und Lissa holte eine Zuckerschale und zwei Tassen aus dem Hängeschrank. Dabei schwang der Zopf hin und her. Gestern noch hatte sie das Haar zum Knoten geschlungen. Sullivan hatte den Eindruck, dass sie ihr Haar nur im Bett offen trug. Mmh … im Bett! Hallo, was war bitte los mit ihm? Warum interessierte Lissa ihn so?

Vielleicht lag das an ihrer Schüchternheit oder ihrer Hingabe an den Beruf. Es konnte aber auch damit zu tun haben, dass sich seiner Meinung nach viel mehr in ihr abspielte, als sie zeigte. Es war offensichtlich, dass diese Frau weitaus mehr war, als unförmige Kleidung und verknotetes Haar es ahnen ließen.

Ihre Finger berührten sich, als Lissa ihm eine Tasse reichte, und Sullivan kam es so vor, als wäre die Anziehungskraft von gestern noch stärker geworden. Doch selbst wenn das stimmte, durfte er das nicht zulassen! Lissa Cartwright war eine zu komplexe Frau, die in ihrer Familie eingebunden war und Verantwortung trug. Früher hätte sie ihm etwas bedeuten können, doch inzwischen hatte er gelernt, nicht an romantische Träume zu glauben.

„Hat Ihnen schon jemand gesagt, dass Sie sehr … interessante Augen haben?“, fragte sie.

Seiner Meinung nach war sie diejenige, die sehr interessante Augen hatte, Augen, die einen Mann fesselten, doch er würde sich hüten, das zu sagen. „Meine Augen sind ganz normal“, behauptete er daher nur. „Braun, haselnussbraun.“

Sie deutete zum Fenster. „Im Sonnenlicht erkennt man kleine goldene Punkte. Es ist wirklich eine ungewöhnliche Farbe.“

Es war Sullivan nicht angenehm, dass sie ihn so genau betrachtete und etwas an ihm für besonders hielt. Andererseits hatte sie lediglich eine Bemerkung über seine Augenfarbe im Sonnenlicht gemacht. Das war nicht weiter bedeutsam, oder?

„Es ist jedenfalls eine schöne Farbe“, fuhr sie gedämpft fort.

„Nur im Sonnenschein“, wehrte er ab. „Sie dagegen haben wirklich ungewöhnliche Augen.“ Ach herrjeh, wollte er so ein Gespräch eigentlich nicht vermeiden?

„Ich?“, fragte sie überrascht.

„Aber sicher. Bestimmt bekommen Sie ständig Komplimente.“

„Ich bitte Sie, die Einzige, die mir manchmal ein Kompliment macht, ist meine Mutter“, entgegnete sie und wurde rot.

„Sie haben wirklich schöne Augen, ob Sie es glauben oder nicht“, versicherte er. „Wie die Farbe junger Blätter.“ Na wunderbar! Jetzt redete er schon wie ein Dichter!

Sie bedankte sich für das Kompliment, obgleich sie nicht überzeugt zu sein schien.

„Übrigens“, fuhr er fort und brach seinen Vorsatz, über diesen Punkt zu schweigen, „Sie sollten Grün oder Blau tragen. Das würde die Farbe Ihrer Augen betonen.“

Lissa blickte einen Moment auf ihre braunen Halbschuhe mit Gummisohle hinunter, die ihn an die Schuhe seiner Großtante Clara erinnerten, und dann richtete sie den Blick scheu auf ihn.

Oh, das ging ihm nun doch eine Spur zu sehr unter die Haut. Rasch zog er sich mit seiner Kaffeetasse zum Sofa zurück, das auf der anderen Seite des Zimmers stand.

Was war bitte in ihn gefahren? Lissa Cartwright gehörte nicht zu den Frauen, für die er sich interessierte, und solange er auf dem Weingut arbeitete, war sie für ihn ohnedies tabu.

In sicherer Entfernung drehte er sich wieder zu ihr um, nahm einen Schluck Kaffee und fragte: „Wie wäre es mit einer Führung durch den Weinberg?“

„Gern, aber vorher gehen wir die Gästeliste für die Party morgen durch. Ich möchte, dass Sie wissen, wer kommen wird.“ Sie fasste in die oberste Schublade des Schreibtisches, holte ein Blatt heraus und legte es auf die Tischplatte.

„Welchen Zweck hat diese Einladung?“, erkundigte er sich.

„Wir wollen die neue Weinsorte ins Gespräch bringen. Darum haben wir etliche Winzer aus der Gegend und eine Reporterin von Through the Grapevine eingeladen. Das ist eine Zeitschrift, die das Interesse an dieser Gegend wecken will. Viele Weingüter, die darin beschrieben worden sind, haben in der Folge mehr Umsatz gemacht.“

Während sie Kaffee tranken, gab Lissa ihm einen Überblick, wer auf die Party kommen würde, und erzählte ihm von einzelnen Leuten in der Branche. Danach machten sie sich auf den Weg.

Die Luft war noch frisch und sauber vom Regen, der vor zwei Tagen gefallen war. Sullivan bestaunte die Schönheit der parkähnlichen Anlage. Neben den scheinbar unzähligen Reihen von Rebstöcken an den Hängen entdeckte er einen mit Steinen eingefassten Fischteich mit etlichen Wildenten und zwei schwarzen Schwänen. Die sorgfältig gemähten Wiesen luden förmlich zur Rast ein.

„Warum öffnen Sie Valencia Vineyards nicht für Besucher? Besichtigung mit Weinprobe, etwas in der Art?“, fragte Sullivan. „Es ist wunderschön hier, und Sie würden bestimmt eine beträchtliche Anzahl von Touristen anlocken.“

„Wir haben auch schon daran gedacht“, erwiderte sie, „aber wir schätzen nun mal unsere Privatsphäre.“

„Ich bin hier, weil Sie meinen Rat hören wollen“, gab er zu bedenken.

„Mein Vater und ich werden auch alles in Betracht ziehen, was Sie uns vorschlagen“, versicherte sie ihm und führte ihn in die neue Weinkellerei, die eine alte Anlage abgelöst hatte. „Der Bau dieses Gebäudes war teurer als geplant. Ihm haben Sie es sozusagen zu verdanken, dass Sie hier sind. Unsere Finanzen sind etwas … verrutscht.“

„Sie haben Glück, dass ich meine Dienste gern zur Verfügung stelle“, meinte er lachend und fing einen höchst interessanten Blick auf. Dieser Blick schien zu fragen, auf welche Gebiete sich seine Dienste erstreckten und wie weit er gehen würde.

Nach der Besichtigung der neuen Weinkellerei stellte Sullivan fest: „Sie haben hier eine sehr moderne und wirtschaftlich arbeitende Anlage errichtet.“

„Danke“, erwiderte Lissa.

„Das würde sich rasch herumsprechen, sollten Sie das Weingut für Besichtigungen öffnen.“

„Wahrscheinlich haben Sie recht.“ Darüber sollte sie mit ihrem Vater sprechen. Er war schließlich derjenige, der den größten Wert auf Ruhe legte.

„Wo ist denn nun diese neue Sorte, von der ich schon so viel gehört habe?“, fragte Sullivan. „Muss ich bis zur morgigen Party warten?“

„Nein, Ihr Warten soll ein Ende haben!“ Sie lachte ihn an.

„Großartig“, entgegnete er und lächelte zurück.

Ein Lächeln, das ihr erneut den Atem stocken ließ. Ihr Herz raste. Wann würde sie sich endlich an die Nähe dieses Mannes gewöhnen?

Lissa führte ihn zu einem Eichenschrank im Vorraum der Kellerei und holte zwei Gläser heraus. An den Wänden lagerten Weinflaschen, doch Lissas neue Marke befand sich in einem Eichenfass. Sie holte den Spund heraus, füllte beide Gläser und reichte Sullivan eines davon.

Er stieß mit ihr an. „Auf die besondere Frau, die diesen Wein hergestellt hat.“

Sie lächelte ihn freundlich an, trank jedoch nicht, sondern beobachtete Sullivan und wartete auf seine Reaktion. Der Mann hatte wahrscheinlich schon viele gute Weine getrunken. Vermutlich genoss er das Leben in vollen Zügen, aber das war bei diesen aufregenden Augen und dem hinreißenden Lächeln eigentlich selbstverständlich. Sullivan Grayson sah einfach zu gut aus. Zu gut für sie. Andererseits … der Mann besaß bestimmt auch eine reiche sexuelle Erfahrung und konnte für eine Frau das erste Mal zu einem unvergesslichen Erlebnis machen. Davon war sie überzeugt.

Hätte sie den Mut dazu gefunden, hätte sie ihm eine Affäre vorgeschlagen. Niemand würde dabei verletzt werden, sie schon gar nicht. Schließlich bildete sie sich nicht ein, sich verlieben zu können.

Und ihm würde ein kleines Techtelmechtel auch nicht schaden, da er sich ohnedies nicht binden wollte. Und sobald seine Aufgabe bei Valencia Vineyards beendet war, würde er fortgehen. Darum und wegen der starken Anziehung, die Lissa verspürte, wäre er für sie der perfekte erste Liebhaber gewesen. Hätte, wäre, könnte – sie war nicht die Frau, die so verwegen war, ein sexuelles Angebot auszusprechen.

Außerdem hatte er bestimmt kein Interesse daran, ihr Liebhaber auf Zeit zu werden. Ach, und selbst wenn er auf einen solchen Vorschlag eingegangen wäre, würde sie sich sicher unbeholfen anstellen. Es wäre peinlich und demütigend. So gesehen war es gut, dass sie viel zu schüchtern war, um etwas zu sagen.

Sullivan nahm einen Schluck und schloss die Augen.

Lissa hielt den Atem an.

Er öffnete die Augen und sah sie ernst an. „Lissa, das ist unglaublich. Ich bin zwar kein Experte, aber ich weiß, was mir schmeckt.“

„Wirklich?“, fragte sie und stieß erleichtert den Atem wieder aus.

„Es ist sagenhaft“, beteuerte er. „Wir brauchen einen Namen, der auf diesen frischen und einzigartigen Geschmack Bezug nimmt.“

„Ganz meine Meinung.“ Sie und ihr Dad hofften, dass dieser Wein mithilfe der richtigen Marketing-Strategie die Gewinne in die Höhe treiben würde. „Fällt Ihnen etwas ein?“

Er überlegte eine Weile und lächelte. „Ein Wort müssen wir unbedingt in dem Namen verwenden.“

„Und welches?“, fragte sie und trank nun ihrerseits einen Schluck.

„Jungfrau.“

Lissa verschluckte sich und hustete.

„Alles in Ordnung?“

„Ja“, versicherte sie und räusperte sich. „Ich habe nur einen Tropfen in die falsche Kehle bekommen.“

Er gab sich mit der Erklärung zufrieden. Lissa stöhnte innerlich auf. Er hatte das Wort Jungfrau ausgesprochen, als würde es ihm etwas bedeuten. Vielleicht könnte er es sogar schätzen, dass sie noch unerfahren war?

Die Vorstellung, ihre Unschuld an Sullivan zu verlieren, heizte ihre Fantasie an. Bestimmt würde es ihn schocken, dass sie noch unberührt war. In ihrem Alter!

Außerdem kannte Sullivan bestimmt viele schöne Frauen. Warum sollte er sich da mit ihr abgeben? Doch träumen durfte sie ja noch, oder? Sie war gut im Träumen. Das half ihr, weil die Vorstellung, eines Tages als Jungfrau zu sterben, deprimierend war.

Virgin Mist“, sagte er. „Jungfräulicher Nebel. Das ist ein Name, der die Massen ansprechen wird. Er verspricht etwas Neues und Frisches. Was halten Sie davon?“

Bevor sie zustimmen konnte, öffnete sich die Tür, und ihr Vater kam herein.

„Wie hat Ihnen der Rundgang gefallen?“, fragte er.

„Ausgezeichnet. Er war höchst informativ, und meine Führerin kennt sich sehr gut aus“, fügte Sullivan mit einem Lächeln für Lissa hinzu.

„Das glaube ich gern, Lissa liebt das Weingut über alles.“ Ken legte seiner Tochter einen Arm um die Schultern und drückte sie an sich. „Sie ist die Tochter, die nach mir geraten ist.“

Sullivan lachte, und auch Lissa lächelte. Es war nett, wenn ihr Vater so etwas sagte und offenbar vergaß, dass er sie adoptiert hatte.

Doch sie beide wussten, dass es irgendwo einen Mann gab, einen gesichtslosen Mann, der für ihre Existenz verantwortlich war.

In seinem Büro in Portland studierte Jared eine Akte, war mit seinen Gedanken jedoch nicht bei der Arbeit.

Es machte ihm schwer zu schaffen, dass die Uhr tickte und er noch nichts über Olivia Maddison und ihr Kind erfahren hatte. Der von ihm engagierte Privatdetektiv hätte sich schon vor zehn Minuten bei ihm melden sollen.

Gerade als er auf die goldene Armbanduhr sah, ertönte das Signal des Sprechgeräts.

„Mr. Cartwright?“, fragte seine Sekretärin.

„Ja.“

„Mr. Hastings von Investigative Specialties ist hier.“

„Schicken Sie ihn herein.“ Jared war gespannt, ob der Detektiv etwas über Olivia herausgefunden hatte.

Sam Hastings war ein großer Mann mit dichtem blondem Haar und ausgeprägten Brauen über ernsten Augen.

Jared stand auf und reichte ihm über den Schreibtisch die Hand. „Neuigkeiten?“

„Ja, allerdings“, erwiderte Sam. „Olivia ist tot.“

Jared ließ sich auf den Stuhl sinken. „Wie ist das passiert?“

„Ein Autounfall vor siebenundzwanzig Jahren.“

„Und das Baby?“, fragte Jared bang. War das Kind auch gestorben?

„Es wurde der Obhut staatlicher Stellen übergeben und zur Adoption freigegeben.“

„Und jetzt?“, fragte Jared.

Sam setzte sich. „Olivia und ihre Mutter hatten einen Autounfall. Mrs. Maddison war auf der Stelle tot, Olivia wurde lebensgefährlich verletzt. Im Portland General Hospital lag sie mehrere Wochen im Koma und starb dann.“

„Was verraten uns die Unterlagen des Krankenhauses?“, erkundigte sich Jared.

„Das ist das Problem.“ Sam seufzte. „Einige Monate nach Olivias Tod verursachte ein schweres Gewitter in dieser Gegend eine Störung in der Stromversorgung. Das Notstromaggregat des Krankenhauses schaltete sich zwar gleich ein, und den Patienten passierte nichts. Die Computer waren jedoch alt, und die darauf gespeicherten Dateien gingen verloren oder wurden nahezu unleserlich.“

„Aber es gibt doch sicher nicht nur Computerdaten, sondern auch schriftliche Unterlagen“, wandte Jared ein, weil er die Hoffnung nicht aufgeben wollte, sein erstgeborenes Kind zu finden.

„Leider nein. Bei der Stromstörung kam es zu einer Überspannung. Funkenflug hat zahlreiche Akten über Adoptionen und Ähnliches zerstört. Sie sind schlicht und einfach verbrannt.“

Jared krampfte sich der Magen zusammen. „Soll das heißen, dass wir nicht mehr herausfinden können, was aus diesem Kind wurde?“

„Es hat den Unfall überlebt, kam vorzeitig zur Welt und wurde über Children’s Connection zur Adoption vermittelt. Ein paar Informationen haben wir, allerdings unzusammenhängend und bruchstückhaft.“

„Welche?“, fragte Jared mit erneuter Hoffnung.

„Namen, Adressen, Geschlecht, aber ich weiß nicht, was wozu gehört.“

„Dann sehen wir uns an, was Sie haben, und entscheiden, wie wir weiter vorgehen.“

Vielleicht war das Kind, das er damals gezeugt hatte, das Wunder, das er jetzt dringend brauchte.

Als Lissa an diesem Abend schlafen gehen wollte, fand sie Barney nirgendwo. Ihre Eltern hatten ihn auch nicht gesehen. Offenbar war der kleine Racker wieder ausgerissen, doch es wäre für ihn zu gefährlich gewesen, die ganze Nacht im Freien zu bleiben.

Lissa griff zu Bademantel und Hausschuhen und wollte sich auf die Suche machen. Als sie auf die Veranda trat und über die Wiese zum Teich blickte, entdeckte sie Sullivan. Er saß auf der Terrasse des Gästehauses und hielt den Welpen auf dem Schoß.

„Suchen Sie vielleicht den kleinen Kerl hier?“, rief er zu ihr hinüber.

„Ja.“ Sie kontrollierte, ob sie den Gürtel des blauen Chenille-Mantels fest genug geschnürt hatte, und strich über die Aufschläge, um sicher zu sein, dass sie das Flanellnachthemd verdeckten. Erst dann überquerte sie den Rasen und die schmale Holzbrücke.

Sullivan beobachtete sie die ganze Zeit, und es machte sie befangen, dass er sie in diesem Aufzug sah. Andererseits war sie jetzt vermutlich mehr eingemummt als in der Tageskleidung.

„Leisten Sie mir eine Weile Gesellschaft?“, fragte er, als sie zu ihm kam.

Sie sollte sich zu ihm setzen und sich mit ihm unterhalten? Es wäre vernünftiger gewesen, Barney zu nehmen und ins Haus zurückzukehren. „Gut, aber nur für einige Minuten“, erwiderte sie.

Er blickte auf den Hund in seinem Schoß. „Der kleine Wildfang hat eine Ente gejagt, der es gar nicht gefallen hat, verbellt zu werden.“

„Barney muss noch eine Menge lernen“, meinte sie lachend.

„Aber mutig ist er. Anstatt mit eingezogenem Schwanz zum Haus zurückzulaufen, ist er zu mir gekommen.“

„Sie haben hier draußen gesessen?“

Er nickte. „Das mache ich gern am Ende eines Tages.“

Ihr ging es nicht anders. Sie liebte die stille Stunde zwischen Abend und Nacht auf der Terrasse im Garten, doch das erwähnte sie nicht. Es erschien ihr irgendwie anbiedernd, auf diese Gemeinsamkeit hinzuweisen.

„Meine Großtante Clara hat auch eine Veranda wie diese. Von dort aus sieht man den Bach, der über ihren Besitz fließt.“ Lächelnd warf er Lissa einen Blick zu. „Sie haben viel mit Clara gemeinsam.“

„Wieso das?“

Er schüttelte nur lachend den Kopf und antwortete nicht.

Instinktiv ahnte sie, dass sie sich nicht geschmeichelt fühlen sollte. Wahrscheinlich konnte sie nicht auf die Gemeinsamkeit mit seiner Großtante stolz sein. Trotzdem siegte die Neugierde. „Verraten Sie es mir, sonst nehme ich meinen Hund und gehe nach Hause!“

„Sie trägt genau wie Sie bequeme Schuhe“, erwiderte er amüsiert, „und zum Schlafengehen wickelt sie sich in Chenille und Flanell ein.“

Sie hatte sich nicht getäuscht. Er machte sich über sie lustig, doch es wirkte komischerweise nicht verletzend, eher freundlich, fast liebevoll. Darum war sie auch nicht beleidigt. Und was war schon dabei, wenn jemand Bequemlichkeit über Glamour und stilvolles Aussehen setzte?

„Was sollte ich denn Ihrer Meinung nach tragen?“, fragte sie. „Schuhe mit Bleistiftabsätzen und einen Seidenschal?“

„Haben Sie vielleicht so etwas in Ihrem Schlafzimmer versteckt?“, erkundigte er sich neugierig.

Sie klopfte ihm auf den Arm. „Nein, meine Schubladen sind voll Flanell und Chenille.“

„Wie schade“, meinte er lachend.

Das Gespräch hatte eine erotische Note angenommen, die Lissa vielleicht erregt hätte, wenn sie Satin getragen hätte. So aber lag der Chenille-Mantel ziemlich schwer auf ihren Schultern.

„Also, es ist Zeit“, stellte sie fest. „Ich gehe jetzt schlafen.“

„Hoffentlich sind Sie nicht böse auf mich. Großtante Clara ist ein tolles Mädchen, und sie hat mehr Feuer als ihre fünfundachtzig Jahre alte Schwester.“

„Wie alt ist denn Ihre Großtante?“, fragte Lissa.

„Siebenundneunzig, und sie mäht noch immer selbst den Rasen und arbeitet im Garten.“

„Beeindruckend. Dann gibt es ja Hoffnung für uns Flanell-und-Chenille-Frauen.“

„Großtante Clara hat übrigens auch einen Freund“, verriet er lächelnd.

„Was Sie nicht sagen.“ Vermutlich würde sie selbst auch schon neunzig sein, bevor ein Mann sie überhaupt zur Kenntnis nahm.

Sie warf einen Blick zum Haus. Ihre Eltern hatten im Schlafzimmer bereits das Licht gelöscht. Lissa wusste genau, dass ihre Mutter nun hinter dem Fenster stand und sie beobachtete.

Als sie sich wieder an Sullivan wandte, beobachtete er wiederum sie.

„Haben Sie einen Freund?“, fragte er unverwandt.

Die Frage traf sie unerwartet. Es störte sie nicht, dass er über ihre praktischen Schuhe Bescheid wusste oder über ihr Flanellnachthemd. Er sollte sie jedoch nicht für die unbeholfene Jungfrau halten, die sie in Wahrheit war.

„Nicht im Moment“, erwiderte sie etwas linkisch.

Er sah sie nur schweigend an.

Weil sie fürchtete, er könnte sie durchschauen, stand sie auf. „Also, ich muss jetzt wirklich gehen. Träumen Sie gut.“

Er streichelte Barney. „Bis morgen früh.“

Sie nickte und griff nach dem schlafenden Hund. Dabei berührten sich ihre Hände, und sie verspürte wieder diesen wohligen warmen Schauer.

Ehe sie sich zurückziehen konnte, fasste Sullivan behutsam nach ihrem Zopf. „Tragen Sie das Haar jemals offen, Lissa?“

„Nie“, erwiderte sie kaum hörbar.

„Das sollten Sie aber“, sagte er sanft.

Sie richtete sich langsam wieder auf und entzog ihm den Zopf. „Gute Nacht, bis morgen.“

Während sie zum Haus ging, versuchte sie, die Anziehung zu einem Mann zu unterbinden, der für sie niemals infrage kam. Trotzdem wurde sie den Gedanken nicht los, das Haar offen zu tragen – für ihn.

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