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Unter dem Kreuz des Südens

Barbara Hannay

So weit das Land, so groß die Liebe

1. KAPITEL

„Wer ist denn das?“

Die Frau auf dem Hocker neben Kane McKinnon drückte ihm ungeduldig den Schenkel und blickte neugierig zur Tür.

Kane hatte keine Lust, sich umzudrehen. „Wer?“, fragte er nur und trank einen Schluck Bier.

„Na, das Mädchen“, drängte Marsha und zupfte an seiner Jeans.

Natürlich war ihm klar, was sie wollte. Er sollte sich die Person ansehen, die ins Pub von Mirrabrook gekommen war. Trotzdem blickte er weiter in sein Glas.

An einem dermaßen heißen Tag im australischen Outback gab es nichts Wichtigeres als das erste kalte Bier, vor allem nach drei Wochen draußen im Busch beim Vieh. Außerdem störte es Kane, dass Marsha ihn nicht in Ruhe ließ.

Zugegeben, er war schon den ganzen Tag schlecht gelaunt, weil seine kleine Schwester am Morgen eine Bombe hatte platzen lassen.

Kurz nach Tagesanbruch hatte er mit seinem Bruder Reid auf der Southern Cross Farm frühstücken wollen, doch anstatt Steak mit Ei hatten sie nur einen kalten Herd vorgefunden. Und ein Zettel lehnte auf dem Küchentisch an der Zuckerschale.

Zwei Mal hatten sie die Nachricht ihrer kleinen Schwester lesen müssen, bevor sie begriffen, dass Annie für ein oder zwei Wochen fort war, weil sie eine Verabredung mit dem Schicksal hatte. Macht euch um mich keine Sorgen. Mir wird nichts passieren. Ich wohne bei Melissa Browne.

Es sah Annie gar nicht ähnlich, so ganz plötzlich zu verschwinden und ihre Brüder im Stich zu lassen. Natürlich verdiente die Kleine gelegentlich eine Reise in die Großstadt, aber sie wusste doch, dass ihre Brüder für die Zeit ihrer Abwesenheit eine andere Haushälterin finden mussten.

So aber hatte Kane mehrere Stunden verloren, weil er nach Mirrabrook gefahren war und jemanden gesucht hatte, der kurzfristig aushelfen konnte. Zu allem Überfluss hatte er niemanden finden können.

Zumindest hatte es keine ungefährlichen Frauen gegeben, also vernünftige Frauen, die nicht gleich von einem langen weißen Kleid und dem Jawort in der Kirche träumten, wenn sie auf der Southern Cross für die McKinnon-Brüder arbeiteten.

„Ich habe sie noch nie gesehen. Du vielleicht?“ Marsha sprach noch immer von der Frau, die soeben hereingekommen war. Dabei hörte sie sich so verdrossen an, wie Kane sich fühlte.

Er zuckte bloß die Schultern. Marsha sah in jeder Frau eine Konkurrenz. Vielleicht wurden deshalb ihre Shorts immer kürzer und ihr Ausschnitt immer tiefer. Das heutige Top hätte man glatt mit einem Pflaster verwechseln können.

Auch das ärgerte Kane. Auf keinen Fall sollten Frauen sich prüde geben, aber Marshas Geschmack in Sachen Kleidung und ihre Körpersprache deuteten auf schiere Verzweiflung hin. So etwas stieß ihn ab.

„Warum starrt sie dich an?“, zischte Marsha.

„Keine Ahnung.“ Kane seufzte und hoffte inständig, Marsha würde den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen und begreifen, dass er ihre Fragen lästig fand.

„Na, du wirst es gleich herausfinden.“

Marsha glitt vom Hocker und kam ihm so nahe, dass ihr Busen ihn berührte. Jetzt endlich drehte Kane sich um, weil er nun doch sehen wollte, warum sie ein solches Theater machte.

Wow!

Sämtliche sonnengebräunten und Jeans tragenden Stammgäste des Pubs von Mirrabrook starrten den Neuankömmling an, und der Grund dafür lag auf der Hand.

Es fing damit an, dass die Frau ein Kleid trug, ein weiches, sommerlich luftiges und knielanges Kleid in Zitronengelb. Die Haut war weiß wie Milch, und das lange, gewellte Haar ließ Kane an die Farbe eines teuren Brandys denken.

In dieser Kneipe mit leeren Biergläsern, Hockern an hohen Tischen, einem Pooltisch und rauen Outbacktypen wirkte die junge Frau, als wäre sie direkt aus einem altmodischen, romantischen Liebesfilm auf den falschen Set geraten.

Überraschenderweise kam sie direkt auf Kane zu und hielt den Blick aus den grünen Augen zielsicher auf ihn gerichtet. Sofort dachte Kane an Johanna von Orleans, die gegen die Briten in den Kampf zog. Das war eine Frau auf einer Mission.

Nur mit Mühe hielt er sich davon ab, vom Hocker zu rutschen und Haltung anzunehmen. Die rechte Hand, die vom beschlagenen Bierglas feucht war, wischte er verstohlen an der Jeans ab.

„Kane McKinnon?“, fragte sie, blieb vor ihm stehen, nickte Marsha flüchtig zu und reichte ihm die schmale Hand. „Ich bin Charity Denham. Sie kennen meinen Bruder Tim.“

Tim Denhams Schwester! Na, das war vielleicht eine Überraschung. Kane achtete sorgfältig darauf, sich nicht zu verraten, obwohl sie ihn aufmerksam musterte. Ihrem Bruder sah sie zwar nicht sonderlich ähnlich, hatte aber den gleichen gepflegten britischen Akzent.

„Tim Denham?“, erwiderte er. „Sicher kenne ich den.“

Sie gaben sich die Hand.

„Meines Wissens arbeitete Tim für Sie auf der Southern Cross Farm“, fuhr sie fort.

„Richtig. Er war bei einem unserer Teams. Wollen Sie hier Urlaub machen?“

„Nein.“

Sie senkte den Blick und presste die Lippen zusammen, als würde es ihr schwerfallen, weiterzusprechen. Also war der schwungvolle Auftritt nur Fassade gewesen. Dann sah sie ihn wieder an. Ihre Augen hatten das dunkle Grün junger Eukalyptusbaumblätter. Ihre Haut war zart und hell, fast durchscheinend.

„Ich suche meinen Bruder“, erklärte Charity Denham.

„Aus einem bestimmten Grund?“

Die Frage überraschte sie eindeutig, als wäre die Antwort so deutlich erkennbar wie Marshas Dekolleté. „Tim ist verschollen. Mein Vater und ich haben seit über einem Monat nichts mehr von ihm gehört.“

Neben Kane stieß Marsha ein kurzes Lachen aus. „Ein Monat ist doch gar nichts. Tim Denham ist alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Der hat es nicht nötig, dass seine Schwester um die halbe Welt düst und sich um ihn kümmert.“

„Das ist Marsha“, warf Kane ein.

Die beiden Frauen lächelten einander kühl zu.

„Möchten Sie etwas trinken?“, erkundigte er sich.

„Ja, danke. Eine Zitronenlimonade wäre jetzt sehr angenehm.“

„Ich hole sie Ihnen“, bot Marsha an.

Kane staunte zwar über ihre Bereitwilligkeit, gab ihr jedoch etwas Geld. „Danke, Marsh.“

Während er sein Glas leerte, sagte Marsha zu Charity: „Aber ich besorge Ihnen was Besseres, einen Gin Tonic. Das trinkt ihr englischen Mädchen doch, oder?“

„Oh.“ Charity zögerte kurz. „Nun gut, danke. Bitte nur einen kleinen.“

Marsha ging mit schwingenden Hüften an die Theke, und das englische Mädchen sah ihr nachdenklich hinterher.

„Setzen Sie sich da drauf.“ Kane deutete auf einen Hocker.

Sie schob sich vorsichtig auf den Sitz und hielt die auffallend hellen Hände dezent im Schoß gefaltet. Kane hakte den Absatz des einen Reitstiefels über eine Quersprosse des Hockers und streckte das andere Bein lässig aus.

„Wie haben Sie mich überhaupt aufgespürt?“, fragte er.

„Ich habe mich im Postamt nach dem Weg zur Southern Cross erkundigt, und die Frau dort hat mir gesagt, dass Sie heute in der Stadt sind und ich Sie hier finden würde.“

Das konnte er sich gut vorstellen. In dieser Kleinstadt konnte man sich nicht die Nase putzen, ohne dass es Rhonda im Postamt mitbekam und die Neuigkeit an alle und jeden weitergab.

„Mr. McKinnon.“ Das Mädchen schlug einen entschlossenen Ton an, als wollte es ihn verhören und sich nicht nur nett mit ihm unterhalten. „Sie können mir hoffentlich sagen, wo ich meinen Bruder finde.“

„Machen Sie sich keine Sorgen um ihn. Er kann sehr gut auf sich selbst aufpassen.“

„Aber wir haben seit über einem Monat nichts von ihm gehört, wie ich schon sagte, und Tim weiß doch, dass Vater und ich uns dann um ihn Sorgen machen. Vater ließ ihn auf die Bibel schwören, dass er uns ständig über seinen Aufenthaltsort informiert.“

„Auf die Bibel?“ Kane hatte Schwierigkeiten, seine Überraschung zu verbergen.

„Hat Tim Ihnen nicht erzählt, dass unser Vater Pfarrer von St. Alban in Hollydean ist?“

„Was? Nein.“

„Vater hat Tim den Flug von England nach Australien nur unter der Bedingung bezahlt, dass er mit uns Kontakt hält. Bis vor einem Monat hat er sich regelmäßig bei uns gemeldet, doch seitdem herrscht totale Stille.“

„Sie brauchen sich tatsächlich keine Sorgen zu machen. Es geht ihm gut.“

„Wissen Sie das mit Bestimmtheit?“, fragte sie aufgeregt. „Wissen Sie, wo er ist?“

Kane zuckte zusammen. „Ich wollte nur sagen, dass Tim schwer in Ordnung ist. Er kann auf sich aufpassen.“

„Aber er weiß sehr wenig über Australien.“

„Da unterschätzen Sie Ihren Bruder. Während der Arbeit für mich hat er alles schnell kapiert und sich gut angepasst. Natürlich haben ihn die anderen Jungs wegen seines komischen Akzents ein wenig auf den Arm genommen, aber er ist ein guter Arbeiter und kann ausgezeichnet mit Pferden umgehen.“

„Wohin ist er denn von hier gegangen? Wann ist er abgereist?“

„Er ist vor ungefähr vier oder fünf Wochen abgehauen, aber ich kann Ihnen nicht sagen, wo er steckt.“

„Sie können nicht, oder Sie wollen nicht?“

Die blitzartige Frage brachte ihn fast aus dem Gleichgewicht, aber eben nur fast. „Ich kann es Ihnen nicht sagen“, erwiderte er entschieden. „Ich weiß nur, dass er die Gegend verlassen hat.“

Charity runzelte leicht die Stirn. „Das kommt mir sonderbar vor. Hat Tim Ihnen gar nichts darüber gesagt, wohin er wollte und was er plante?“

Kane zuckte die Schultern. „Das hier ist ein freies Land.“

Sie atmete tief durch und schüttelte den Kopf. Offenbar genügte ihr die Auskunft nicht.

„Hier draußen kommen und gehen die Leute, wie es ihnen passt“, verteidigte sich Kane. „So läuft das eben bei uns. Und geht es bei Reisen letztendlich nicht darum, dass man frei ist und alles mitnimmt, was sich einem bietet?“ Er warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „Vielleicht will Ihr Bruder endlich den Rockzipfel loslassen.“

Daraufhin sah sie ihn finster an, entlockte ihm jedoch nur ein Lächeln.

„Einen jungen Kerl wie Tim kann man nicht ewig an die Leine legen“, fügte er hinzu.

„So ungefähr hat sich auch die Polizei ausgedrückt“, sagte sie ungeduldig, „aber damit finde ich mich nicht ab.“

„Dann waren Sie also schon bei der Polizei?“

„Natürlich, in Townsville. Sie haben zwar die Vermisstenmeldung aufgenommen, aber für meinen Geschmack haben sie viel zu wenig Interesse gezeigt. Junge Leute würden ständig als vermisst gemeldet, meinten sie, aber die meisten würden ganz bewusst untertauchen und weglaufen. Ich weiß jedoch, dass Tim das nie machen würde.“

„Wie können Sie sich da so sicher sein?“

Aus ihren grünen Augen traf ihn ein warnender Blick. „Ich kenne meinen Bruder. Schließlich habe ich mich um ihn gekümmert, seit unsere Mutter starb. Damals war er sieben Jahre alt.“

„Für eine dermaßen große Verantwortung waren Sie bestimmt noch sehr jung“, stellte Kane überrascht fest.

„Ich war vierzehn.“

„Jedenfalls haben Sie Ihre Sache gut gemacht.“ Vorsichtshalber wandte er den Blick von ihrem Gesicht ab und sah wieder in sein Bierglas. „Was hat die Polizei sonst noch gesagt?“

Charity seufzte. „Nicht viel. Sie haben Tims Bankkonto überprüft und festgestellt, dass kein Geld abgehoben wurde. Angeblich ist das gut. Dass sein Konto nicht leer geräumt wurde, deutet darauf hin, dass kein Verbrechen vorliegt. Aber wenn Tim selbst auch kein Geld abgeholt hat, könnte es doch einen Unfall gegeben haben. Möglicherweise ist er umgekommen, ohne dass es jemand bemerkt hat.“

„Kein Grund zur Panik“, versicherte Kane beruhigend. „Ich habe ihn in bar bezahlt. Er hatte also genug Geld, als er von hier fortging.“

Marshas Absätze klapperten auf dem Holzboden, als sie an den Tisch kam. Sie stellte die Gläser ab und betrachtete Kane und Charity mit einem säuerlichen Lächeln. Die beiden bedankten sich bei ihr und tranken einen Schluck.

Das Eis in Charitys Glas klickte leise. „Ich weiß, dass ich auf Sie wie eine überängstliche Glucke wirke“, meinte sie seufzend. „Aber ich kann nicht anders. Tim ist sehr jung. Er ist doch erst neunzehn geworden.“

Marsha schnappte überrascht nach Luft. Kane warf ihr einen scharfen Blick zu, um sie am Reden zu hindern.

„Bei uns ist ein Junge mit neunzehn alt genug, um zu wählen, zu trinken und für sein Land zu kämpfen und zu sterben“, sagte er.

„Das mag schon sein“, erwiderte sie, „aber ich will ihn trotzdem unbedingt finden. Wenn Sie mir nicht helfen können, geben Sie mir doch wenigstens einen Tipp, wo ich mit der Suche anfangen soll.“

Kane zuckte die Schultern. „Er kann überall sein.“

„Mehr fällt Ihnen dazu nicht ein?“, fragte sie misstrauisch.

Kane seufzte, weil er sich gleich hätte denken können, dass dieses Mädchen nicht aufgeben würde. „Also, dann hören Sie mir mal zu“, forderte er sie auf und zählte an den Fingern mit. „Ihr Bruder könnte auf einer anderen Farm Arbeit gefunden haben. Er könnte Vieh nach Norden treiben, und dabei müsste er sechs bis acht Wochen im Sattel sitzen. Er könnte oben im Golf angeln oder auf einem Krabbentrawler vor Karumba fahren. Wollen Sie noch mehr hören?“

Er wartete, doch sie antwortete nicht.

„Er könnte bei Croydon Gold suchen oder Saphire bei Annakie. Er könnte aber auch auf Magnetic Island in einer Kneipe an der Theke sitzen und sich mit einem schwedischen Rucksacktouristen unterhalten.“

Je länger die Liste wurde, desto fester biss Charity sich auf die Lippe – eine sehr weich wirkende rosige Lippe, von der Kane den Blick kaum wenden konnte.

Charity schüttelte den Kopf. „Tim mag ja so etwas in der Art machen. Trotzdem hätte er uns anrufen, eine E-Mail schicken oder einen Brief schreiben können.“

„Meiner Meinung nach ist er einfach zu beschäftigt“, behauptete Kane, „oder er ist in einer zu einsamen Gegend.“

Charity ließ die Eiswürfel im Glas kreisen und trank langsam einen Schluck.

„Vertrauen Sie mir“, bat Kane und achtete sorgfältig darauf, dass seine Miene nichts verriet. „Ihrem Bruder geht es gut.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

Ungeduldig leerte er sein zweites Glas Bier. „Passen Sie auf. Sie haben hier bei uns nichts verloren. Das ist keine Gegend für Sie. Fahren Sie zurück an die Küste. Sehen Sie sich doch Australien an. Wenn Sie schon hier sind, sollten Sie sich einen schönen Urlaub gönnen. Ich habe Tims Adresse in England, und sobald ich etwas von ihm höre, melde ich mich.“

Ihm war klar, dass es ihr nicht gefallen würde, einfach weggeschickt zu werden. Doch sie hatte ihre Fragen gestellt, er hatte sie beantwortet, und jetzt wollte er, dass sie verschwand.

Zu seiner Überraschung widersprach sie nicht, sondern trank ihren Gin Tonic. „Danke für den Drink. Ich hatte gehofft, Sie könnten mir helfen, Mr. McKinnon. Nun, da Sie es nicht können, suche ich jemand anderen in der Gegend, der Tim gekannt hat.“

Sie glitt vom Hocker und wirkte leicht unsicher. Wie viel Gin hatte Marsha bloß in den Drink getan?

„Danke für Ihre Mühe“, sagte Charity und hielt Kane die Hand hin.

„Denken Sie an meinen Rat“, bat er. Ihre Hand fühlte sich weich und sehr zart an. „Bleiben Sie nicht hier, sondern kehren Sie an die Küste zurück, und amüsieren Sie sich ein bisschen.“

Charity wandte sich an Marsha, die schlagartig besser gelaunt war. „Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Marsha.“

„Mich auch, Charity“, erwiderte Marsha und winkte zum Abschied.

Hoch erhobenen Hauptes drehte Charity sich um und ging zur Tür. Kane dachte daran, wie entschlossen sie vorhin hereingekommen war, und war alles andere als stolz darauf, dass er sie so einfach abgespeist hatte.

Vielen Dank für nichts, Mr. McKinnon, dachte Charity und ließ sich wütend und enttäuscht im kleinen Vorraum des Pubs auf die dort stehende Holzbank sinken.

Sie hatte den weiten Weg auf sich genommen und inständig auf Kane McKinnons Hilfe gesetzt. Aber er hatte ihr lediglich geraten, aus der Gegend zu verschwinden.

Etwas an ihm hatte sie gestört, eine gewisse Geheimniskrämerei. War er von Natur aus zurückhaltend, oder verschanzte er sich hinter einer Mauer, weil er etwas zu verbergen hatte? Charity wurde das Gefühl nicht los, dass er ihr keinen Rat, sondern eine Warnung hatte zukommen lassen. Vielleicht waren seine Worte sogar als Drohung zu verstehen.

An wen sollte sie sich nun wenden, da Kane McKinnon ihr nicht helfen wollte? Bei der Polizei hatte sie so gut wie nichts erreicht, und sie kannte doch niemanden. Sie war in einem Land, das so riesig und fremdartig wie der Mond war, und sie hatte keine Ahnung, was sie unternehmen sollte.

Kane McKinnon hatte ihr einzureden versucht, Tim wäre dermaßen mit angenehmen Dingen beschäftigt, dass er einfach vergessen hatte, sich bei seiner Familie zu melden. Stimmte das? Hatte sie von ihrem Bruder zu viel erwartet? Vielleicht hatte sich der Junge Hals über Kopf verliebt. Das war zwar möglich, erklärte aber letztlich nicht sein Schweigen.

„Ihr Tim war ein feiner Kerl.“

Überrascht blickte Charity zu Marsha hoch. „Ach, hallo.“

„Er war ein richtiger Gentleman“, sagte Marsha und kam näher. Ihre silbernen Ohrringe klimperten leise, wenn sie sich bewegte.

„Haben Sie Tim gut gekannt?“

„Gut genug.“ Marsha betrachtete sie mitfühlend und setzte sich zu ihr. „Um ehrlich zu sein, ist Kane meiner Meinung nach reichlich rau mit Ihnen umgesprungen. Immerhin sind Sie sehr weit gereist, und Sie kennen hier keine Menschenseele.“

Charity traute ihren Ohren nicht. Damit hatte sie nicht gerechnet.

„Kommen Sie doch mit mir“, fuhr Marsha fort, „dann unterhalten wir uns von Frau zu Frau über Ihr Problem.“

Marsha unterschied sich wie Tag und Nacht von den Frauen, mit denen Charity befreundet war, und Kanes Freundin war der letzte Mensch, von dem sie Hilfe erwartet hätte. Sie nahm zumindest an, dass Marsha und Kane McKinnon ein Paar waren. Andererseits hatte er bestimmt viele Freundinnen. Sicher fanden ihn die meisten Frauen höchst attraktiv mit reinen leuchtend blauen Augen und dem muskulösen, schlanken Körper.

„Wir könnten im Biergarten etwas trinken“, schlug Marsha lächelnd vor.

„Ja, vielen Dank.“ Es wäre dumm gewesen, abzulehnen. Charity stand auf und folgte Marsha durch eine Seitentür in einen hübschen, schattigen Innenhof, der mit schwarzen und weißen Fliesen gekachelt war. Eine Pergola mit wildem Wein schützte vor der Sonnenhitze, und Hängekörbe mit Farnen schirmten den Hof nach außen hin ab.

„Hier draußen haben wir Ruhe“, sagte Marsha mit einem Blick zu einem Paar, das weiter hinten an einem Tisch saß. Sonst waren keine Gäste da.

„Hübsch ist das hier.“

„Setzen Sie sich schon, ich hole uns noch was zu trinken.“

„Lassen Sie mich bezahlen“, bat Charity und zog das Portemonnaie aus der Handtasche.

Marsha winkte jedoch ab. „Sie übernehmen die nächste Runde“, meinte sie lächelnd.

Charity glaubte nicht, dass sie noch eine dritte Runde schaffen würde. Schon der erste Drink hatte ziemlich stark gewirkt, doch bevor sie etwas sagen konnte, war ihre neue Bekannte bereits verschwunden.

Marsha kam bald zurück und stieß mit Charity an. „Cheers!“

„Cheers.“ Charity trank nur einen kleinen Schluck. „Arbeiten Sie in Mirrabrook?“

„Aber ja. Ich habe meinen eigenen Friseursalon und viele Kunden. Die meisten Tage sind sehr anstrengend.“

„Dann müssen Sie gut sein.“ Nach dem nächsten Schluck stellte Charity das Glas auf den Tisch. „Möchten Sie mir vielleicht etwas über Tim sagen?“

Die silbernen Ohrringe klimperten, als Marsha sich zu ihr beugte. „Also, nur unter uns“, sagte sie gedämpft, „ich mache mir um den lieben Jungen Sorgen. Tim hat nämlich versprochen, mich an meinem Geburtstag zu besuchen, ist dann aber nicht aufgetaucht.“

„Er wollte Sie besuchen?“, fragte Charity leicht geschockt und trank einen ordentlichen Schluck.

„Überrascht Sie das?“, erwiderte Marsha amüsiert.

„Ich … nun ja … also, ein wenig.“ Charity konnte sich nicht vorstellen, warum Tim Marsha hätte besuchen sollen – sie wollte es sich nicht vorstellen.

„Ich verstehe einfach nicht, wieso er verschwunden ist“, fuhr Marsha fort.

„Dann glauben Sie also, dass ihm etwas zugestoßen ist?“

Marsha runzelte die Stirn. „Ich weiß es nicht, aber ich helfe Ihnen gern bei der Suche.“

„Das ist sehr freundlich von Ihnen.“ Mittlerweile war Charity überzeugt, dass sie diese Frau falsch eingeschätzt und voreilige Schlüsse gezogen hatte.

Lächelnd griff Marsha nach ihrer Hand und drückte sie. „Trinken Sie aus! Uns Frauen fällt bestimmt was ein.“

2. KAPITEL

Charity suchte überall nach Tim.

Verzweifelt lief sie durchs Pfarrhaus, sah in jedem Zimmer nach und warf einen Blick unter jedes Bett und in jeden Schrank. Als das nichts half, hetzte sie auf den Dachboden und wieder nach unten in die Küche und in die Speisekammer. Zuletzt blieb ihr nur noch das Arbeitszimmer, obwohl sie ziemlich sicher war, dass ihr kleiner Bruder sich niemals unerlaubt in den Raum wagte, in dem ihr Vater die Predigten schrieb.

Tim war auch dort nicht.

Draußen tobte ein Unwetter. Der Sturm rüttelte an den Fenstern. Zweige schlugen gegen das Dach.

Charity starrte ängstlich durchs Fenster in die schwarze Nacht hinaus und blickte zu den bleiverglasten Fenstern von St. Alban hinüber, die wie Edelsteine im dichten Regen leuchteten.

Hastig griff sie nach dem Regenmantel und wagte sich ins Freie. Vergeblich rief sie nach Tim. Der Sturm riss den Klang ihrer Stimme mit sich. Da sie vergessen hatte, eine Taschenlampe mitzunehmen, musste sie sich blindlings vorantasten.

Tim, wo bist du?, schoss es ihr durch den Kopf. Die Angst brachte sie fast um.

Plötzlich fiel ihr die Antwort ein. Er war auf dem Friedhof.

Blitze wiesen ihr den Weg durch die Nacht. Zitternd vor Angst lief sie an der Kirche vorbei, wagte sich zwischen die Grabsteine und verbannte alle Gedanken an Geister.

Sie fand Tim. Er kauerte auf dem Grab ihrer Mutter, ein kleiner, hilfloser Junge von sieben Jahren, der sich an einen kalten Marmorstein klammerte. Das schwarze Haar klebte ihm am Kopf, der Pyjama war klatschnass.

Das Herz brach ihr fast, als sie ihn in die Arme nahm. Er hielt sich an ihr fest, feucht und schlüpfrig wie ein Frosch, mit knochigen Ellbogen und Knien.

„Ich will Mummy“, schluchzte er. „Ich will, dass sie zurückkommt!“

„Ach, Schatz.“ Charity konnte nicht böse auf ihn sein. Sie drückte ihn an sich und versuchte, ihn mit Küssen zu trösten. „Ich bin ja bei dir, mein Schatz, und ich habe dich lieb. Von jetzt an bin ich deine Mummy.“

Zu ihrem Entsetzen riss sich der Junge los und wich vor ihr zurück.

„Du taugst nichts!“, schrie er. „Du verlierst mich immer wieder aus den Augen!“ Im nächsten Moment hatte ihn die schwarze Nacht verschluckt.

„Nein, Tim! Komm zurück!“

Charity erwachte von ihrem eigenen Entsetzensschrei und öffnete mühsam die Augen, schloss sie aber gleich wieder. Schmerzhaft grelles Sonnenlicht fiel durch die Jalousien herein und blendete sie.

Es war nur ein Traum gewesen, aber die Realität sah nicht viel besser aus. Sie war in Australien, und Tim war tatsächlich verschwunden.

Ihr Kopf schmerzte, und im Mund hatte sie einen schlechten Geschmack. Was war denn bloß passiert?

Vom Vorabend erinnerte sie sich nur an ein langes und nettes Gespräch mit Marsha, das eigentlich reichlich einseitig ausgefallen war. Marsha hatte ausführlich darüber gesprochen, was für ein netter Kerl Tim doch sei. Und wenn Charity sich nicht sehr täuschte, hatte Marsha darauf bestanden, dass sie weitertranken, wenn sie alles über ihren Bruder hören wollte.

Falls sie jedoch etwas Bedeutsames erfahren hatte, fiel es ihr jetzt nicht mehr ein. Irgendwann war die Sprache auf Kane und seinen Bruder Reid gekommen, doch sie konnte sich an so gut wie nichts mehr erinnern. Außer an Marshas deutliche Warnung, sich von Kane fernzuhalten.

Charity fühlte sich scheußlich. Das war bestimmt ein Kater. Der erste ihres Lebens. Und wo, um alles in der Welt, war sie bloß?

Mit geschlossenen Augen tastete sie die Umgebung ab und versuchte, sich dabei nicht zu bewegen. Sie lag auf einer Matratze, hatte ein Kissen unter dem Kopf und war zugedeckt. Vorsichtig wandte sie das Gesicht vom hellen Fenster ab, öffnete ein Auge und stellte blinzelnd fest, dass der hintere Teil des Zimmers wesentlich katerfreundlicher war.

Also schön, zweifelsfrei befand sie sich in einem Schlafzimmer, aber wo wiederum befand sich dieser Raum?

Mutig öffnete sie auch das zweite Auge und nahm nun Einzelheiten wahr. Das Zimmer war schlicht möbliert. Der einzige Schmuck bestand aus einem getrockneten Strauß australischer Wildblumen auf einer altmodischen Kiefernkommode. Die Wände waren weiß gestrichen, und auf dem Boden lag ein hässlicher Teppich mit senfgelben und braunen Streifen.

Eine Tür führte ins Nebenzimmer, offenbar ein Bad, in dem Wasser lief und plätscherte.

Plätscherte? Du liebe Zeit! Das hieß doch, dass sich jemand im Bad aufhielt und …

Bevor Charity in ganzer Tragweite begriff, was das bedeutete, wurde das Wasser abgedreht. Fünf Sekunden lang hörte sie nur den eigenen Herzschlag und danach Schritte.

Eine große Gestalt erschien an der Tür.

Kane McKinnon!

Charity stockte der Atem. Wie war sie bloß zusammen mit ihm in einem Schlafzimmer gelandet?

Er trug nichts weiter als Bluejeans. Gegen ihren Willen musste sie ihn anstarren. Seine Haut war sonnengebräunt und schimmerte, als wäre sie poliert. Die Schultern waren breit, sein Oberkörper war muskulös, und die Muskeln … die Muskeln waren atemberaubend.

Kane kam näher, blieb am Fußende des Betts stehen und blickte auf Charity hinunter.

Sie wollte ihn fragen, was er in ihrem Zimmer mache – oder was sie hier mache, doch als sie den Mund öffnete, brachte sie kein einziges Wort hervor.

„Guten Morgen“, sagte er.

Also war es bereits Morgen.

Das bedeutete wiederum, dass sie die Nacht hier verbracht hatte. Aber weshalb – und vor allem wie?

„Guten …“ Charity schluckte schwer. „Morgen.“ Wäre bloß ihr Mund nicht so ausgetrocknet gewesen. „Wo … wo sind wir?“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Wir sind in einem Zimmer im Pub von Mirrabrook. Erinnern Sie sich nicht mehr?“

„Nein.“ Charity schloss wegen der Schmerzen die Lider, fühlte sich jedoch mit geschlossenen Augen hilflos, während Kane dermaßen kraftstrotzend vor ihr stand. Darum hob sie die Lider wieder ein Stück und betrachtete ihn blinzelnd. „Was machen Sie in meinem Schlafzimmer?“

„Entschuldigen Sie, Miss Denham, aber diese Frage sollten Sie wahrscheinlich anders stellen.“

„Warum?“, fragte sie schwach und fürchtete schon jetzt die Antwort.

„Das ist mein Zimmer.“

Sie riss die Augen weit auf. „Aber wie …?“ Sie stockte und strich sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Warum bin ich …“ Half ihr denn niemand? „Wie bin ich hierher gekommen?“

„Ich habe Sie getragen.“

Auch das noch!

Kane lächelte amüsiert. „Ich habe Sie im Biergarten gefunden, wo Sie zusammen mit Marsha wie eine Weltmeisterin Drinks gekippt haben. Marsha ist daran gewöhnt, aber Sie waren mehr oder weniger hinüber und brauchten dringend ein Bett.“ Er zuckte die breiten Schultern. „Das hier war das einzige verfügbare Zimmer.“

„Verstehe. Ich sollte mich wohl bei Ihnen bedanken.“

Er kam an ihre Bettseite, und sie hielt den Atem an, weil ihr der halb nackte Kane McKinnon so nahe war. Was wollte er von ihr? Und was war letzte Nacht geschehen?

Sie erschauerte bei der Vorstellung, dass dieser unbeschreiblich kraftvolle Mann neben ihr gelegen hatte und dass sie beide … also, dass sie zwei vielleicht …

Hatte sie seine glatte Haut berührt? Nein, ausgeschlossen!

Erst jetzt merkte sie, dass er ihr ein Glas Wasser und zwei Tabletten reichte.

„Das brauchen Sie vermutlich.“

„Danke“, erwiderte sie, griff jedoch nicht danach, weil zu viele wichtige Dinge geklärt werden mussten. „Sie haben doch nicht hier geschlafen … mit … mit mir, oder?“

Aus seinen blauen Augen traf sie ein amüsierter Blick. „Ich hatte keine andere Wahl. Wie gesagt, es war sonst nichts frei.“

„Aber wieso sind Sie nicht heimgefahren, sondern bei mir geblieben?“

„Ich wollte sicher sein, dass Ihnen nichts passiert.“

Stimmte das? Sollte sie dankbar sein? Was für ein Mann war Kane McKinnon? Charity hatte keine Ahnung, ob sie ihm vertrauen konnte. In seinem sonnengebräunten Gesicht zeichnete sich eine helle Narbe ab, die durch die rechte Augenbraue verlief und nahezu bis zum Augenlid reichte. Unwillkürlich fragte Charity sich, woher diese Narbe wohl stammte.

„Haben wir …? Wir haben doch nicht …? Ich meine, haben wir … Ja, also …“ Wie sollte sie ihn das wohl fragen? „Wir haben uns doch nicht … geliebt … oder so?“

„Geliebt?“, fragte er lächelnd und zeigte dabei perlweiße Zähne. „Nein.“

„Was für ein Glück“, flüsterte sie erleichtert.

„Ich würde nicht von Liebe sprechen“, fuhr er fort.

Charity verspannte sich auf der Stelle wieder und machte sich aufs Schlimmste gefasst.

Er nickte ihr zu. „Das war eher pure Lust und …“

„Nein!“

„… und völlig unkomplizierter Sex“, fügte er hinzu.

Charity stöhnte entsetzt auf und verkroch sich unter die Bettdecke. Schon jetzt sah sie alle anständigen Frauen der Pfarrgemeinde ihres Vaters vor sich, die geschockt und fassungslos die betrunkene, gestrauchelte Tochter des Geistlichen anstarrten.

„Keine Sorge, kleine Charity“, sagte Kane. „Es war wild.“

„Gehen Sie weg!“, jammerte sie.

„Wir waren fabelhaft, einfach sensationell.“

„Aufhören!“, schrie sie und lugte wieder unter der Decke hervor. „Sie sind abscheulich!“

Allerdings beschlich sie bei seinem vergnügten Schmunzeln der Verdacht, dass er schwindelte. Hatte er sie nur auf den Arm genommen? Ermutigt setzte sie sich auf und ließ den Blick tiefer gleiten.

Sie war vollständig bekleidet!

Abgesehen von den Schuhen, befand sich jedes Kleidungsstück genau da, wo es hingehörte. Dem Himmel sei Dank!

Hastig wandte sie den Kopf zur Seite und verzog das Gesicht, weil der Kopf dabei schmerzte. Unterhalb des Fensters stand ein zweites Bett, und es war zerwühlt. Offenbar hatte Kane dort geschlafen.

Also hatte er sie wirklich nur auf den Arm genommen, und deshalb fand sie ihn sogar noch abscheulicher. Er hatte sie zum Narren gehalten.

„Falls das australischer Humor sein soll“, fuhr sie ihn an, „halte ich nicht viel davon!“

„Ach was, schlucken Sie die Dinger da“, sagte er bloß und drückte ihr die Tabletten in die Hand.

Es blieb ihr kaum etwas anderes übrig, als zu gehorchen, doch sie sah ihn dabei nicht an. Sie hätte ohnedies nur einen spöttisch amüsierten Blick aus seinen Augen aufgefangen.

„Ich habe Ihr Gepäck ins Zimmer gebracht“, fuhr er fort. „Seien Sie ein braves Mädchen, und hüpfen Sie unter die Dusche. Vor der Abreise brauchen Sie noch ein anständiges Frühstück, um wieder auf die Beine zu kommen.“

„Ich habe nicht vor abzureisen.“ Durch diese peinliche Lage ließ sie sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Kane McKinnon versuchte offenbar noch immer, sie zu verscheuchen, doch sie vergaß nicht, dass sie ein Ziel hatte. Tim wurde nach wie vor in diesem schauerlichen Outback vermisst.

„Natürlich reisen Sie ab“, sagte Kane McKinnon. „Sie hätten schon gestern auf mich hören sollen.“

Hastig strich sie sich durchs zerzauste Haar. „Ich meine es ernst, Mr. McKinnon. Ich gehe nicht fort, sondern bleibe in Mirrabrook. Ich bin hergekommen, um meinen Bruder zu finden, und ich lasse mir von niemandem etwas befehlen, von Ihnen schon gar nicht.“ Etwas von dem Gespräch mit Marsha fiel ihr ein. „Sie haben einen Bruder und eine Schwester. Wenn Sie mir nicht helfen, werde ich mit den beiden sprechen. Das mache ich gleich anschließend.“

„Ach ja, machen Sie das?“

„Allerdings! Tim hatte vermutlich auch mit den beiden zu tun.“

Kane zuckte die Schultern. „Nicht direkt, und Annie ist zurzeit nicht da und kann Ihnen daher auch nicht helfen.“

So leicht ließ Charity sich nicht abwimmeln. „Ich enttäusche Sie nur ungern, aber ich werde nicht abreisen.“ Sie schlug die Decke zurück, stützte sich auf den Nachttisch und stand sehr vorsichtig auf. „Ich bin nämlich weitgehend überzeugt, dass ich in Mirrabrook alles Nötige erfahren werde. Daher bleibe ich, bis ich der Sache auf den Grund gekommen bin.“

Da das Telefon klingelte, antwortete er nicht auf ihre energische Erklärung.

Er griff nach dem Hörer. „McKinnon. Ach, hallo, Reid. Ja, ich bin noch in der Stadt. Nein, ich hatte kein Glück. Niemand zu finden. Ja, natürlich habe ich mich bemüht.“

Er warf Charity einen finsteren Blick zu, und sie öffnete hastig ihren Koffer, griff nach einigen Kleidungsstücken und verschwand im Bad.

Als sie die Tür hinter sich schloss, hörte sie Kane sagen: „Was bleibt uns denn schon übrig? Wir beide müssen uns allein behelfen. Werden wir eben zu modernen Männern, und entdecken wir unsere femininen Seiten.“

Unter der Dusche drückte Charity den schmerzenden Kopf mit der Stirn gegen die kühlen Kacheln und genoss die warmen Wasserstrahlen.

Was sollte sie bloß tun? Es war ja ganz schön, Kane großspurig zu versichern, sie würde in Mirrabrook bleiben und Tim suchen. Aber wer würde ihr helfen, und wo sollte sie bleiben?

Was wohl eine Unterkunft wie diese hier kostete? Viel Geld hatte sie nicht, weil sie gehofft hatte, das Problem rasch zu lösen.

Als sie aus dem Bad kam, hatte sie um den Kopf ein weißes Handtuch gewickelt und trug die Sachen, nach denen sie wahllos gegriffen hatte – ihre beste cremefarbene Hose und eine hellblaue Seidenbluse. Kane hatte ein Hemd über den muskulösen Oberkörper gezogen und saß verdrossen auf seinem Bett.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Charity.

„Mein Bruder ist einfach stur.“ Er richtete den Blick wie gebannt auf das Handtuch, das sie um den Kopf geschlungen hatte.

„Was ist los?“, erkundigte sie sich atemlos.

„Ich frage mich, welche Farbe Ihr Haar hat, wenn es feucht ist.“

„Weiß ich nicht“, entgegnete sie verwirrt und verlegen. „Einfach rot, würde ich sagen.“

„Oh nein, Charity“, widersprach er und stand auf. „Ihr Haar kann gar nicht einfach rot sein.“

Einen Moment dachte sie, er würde ihr das Handtuch vom Kopf ziehen, doch er tat es nicht. Er stand nur da und sah sie so durchdringend an, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief.

„Ich suche meine Haarbürste“, erklärte sie nervös. Kein Mann hatte sie bisher so wie Kane betrachtet. Daheim in Hollydean hatte sie einige Freunde gehabt, unwichtige und auch etwas bedeutungsvollere. Einmal hatte sie sogar einen Heiratsantrag erhalten. Bei keinem dieser Männer hatte sie sich jedoch wie jetzt gefühlt.

Überstürzt holte sie die Haarbürste aus der Handtasche, eilte ins Bad zurück und schloss die Tür hinter sich.

Zu Hause ließ sie das Haar meistens an der Luft trocknen, damit es in weichen Wellen fiel. Heute war ihr das jedoch gleichgültig. Sie benutzte den Föhn, und wenn dadurch die Haare wie die Stacheln eines Igels vom Kopf abstanden, störte sie das auch nicht. Hauptsache, Kane McKinnon sah sie nie wieder so an wie vorhin.

Sein durchdringender Blick hatte tief in ihr ein Sehnen erweckt, das womöglich nicht wieder verschwinden würde. Das schockte sie dermaßen, dass sie ihr Haar zu einem strengen Knoten wand und mit einigen Nadeln feststeckte, ehe sie sich ins Schlafzimmer zurückwagte.

„Jetzt sehen Sie wie eine Lehrerin der Sonntagsschule aus“, stellte er fest und betrachtete sie zum Glück bereits wesentlich weniger durchdringend.

„Das kommt vielleicht daher“, erwiderte sie möglichst würdevoll, „dass ich tatsächlich Lehrerin an der Sonntagsschule bin.“

„Ehrlich?“

„Ja. Ich bin eine richtige Sonntagsschullehrerin.“

„Was machen Sie denn sonst noch?“, erkundigte er sich.

Sein leicht spöttischer Ton reizte sie. Sehr gern hätte sie ihm eine beeindruckende Antwort gegeben, doch sie konnte nicht lügen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Was sie sonst noch machte, war alles andere als bemerkenswert.

Die meisten von ihrer Schule hatten Reisen unternommen, an der Universität studiert oder Arbeit in London gefunden. Sie war in Hollydean geblieben, um ihrem Vater und Tim zu helfen. Kamen ihre Freunde zu Besuch nach Hause, hielten sie ihr stets vor, sie würde in einer anderen Zeit leben, seit sie die Schule verlassen habe.

Bestimmt beeindruckte es Kane McKinnon nicht sonderlich, dass sie in der Pfarrgemeinde eine wichtige Rolle spielte, indem sie sich um den Haushalt des Geistlichen kümmerte, die Chorproben leitete, an der Sonntagsschule unterrichtete und die Alten und Kranken betreute.

Es brachte auch nichts, ihm zu erklären, dass sie dermaßen wichtig und unersetzlich war, dass die Damen vom Mütterwerk während ihrer Abwesenheit die Arbeit unter sich hatten aufteilen müssen.

Trotzdem warf sie Kane einen stolzen Blick zu. „Ich bin eine ausgezeichnete Haushälterin“, erklärte sie.

Er stieß einen leisen Pfiff aus. „Tatsächlich? Das ist ja äußerst interessant.“

Jetzt reichten ihr seine Scherze. Unwillig verschränkte sie die Arme. „Haben Sie nicht etwas von einem Frühstück gesagt?“

„Stimmt, das habe ich. Sind Sie bereit?“

„Das wäre ich, falls Sie mir verraten, was Sie mit meinen Schuhen gemacht haben.“

Er bückte sich, fasste unter ihr Bett und hielt ihr die Schuhe an den Riemen hin. „Tun es diese hier?“

„Ja, danke.“ Eisig beherrscht griff sie nach den Schuhen und schlüpfte hinein, fühlte sich jedoch beim Zuschnüren befangen und unbeholfen. „Jetzt bin ich bereit“, verkündete sie spröde.

„Schön, dann gehen wir in den Speiseraum.“ Er öffnete die Tür und wich zur Seite. „Und sobald Sie ordentlich gegessen haben, reden wir. Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen, der Sie interessieren könnte.“

Ihre Haushälterin?“

Es ärgerte Kane, wie Charity Denham das sagte. Es klang ganz so, als würde sie sich liebend gern um jeden anderen Haushalt auf der Welt kümmern, nur nicht um seinen.

„Macht doch Sinn, oder vielleicht nicht?“, entgegnete er, stieß die Gabel in eine saftige Wurst und zersäbelte sie mit dem Messer. „Wenn Sie weiter nach Ihrem Bruder suchen wollen, müssen Sie schließlich irgendwo wohnen, und Reid und ich brauchen jemanden, der für uns kocht und das Haus in Ordnung hält.“

„Es würde Ihrem Bruder und Ihnen ganz sicher nicht schaden, ein oder zwei Wochen für sich selbst zu sorgen“, verkündete sie in dem belehrenden Tonfall, den sie sich vermutlich an der Sonntagsschule zugelegt hatte.

„Und es würde Ihrem Bruder und Ihnen ganz sicher nicht schaden, könnte er sein Leben nach seinen Vorstellungen führen, ohne dass ihm seine Schwester im Nacken sitzt.“

„Das verstehen Sie nicht.“

„Sie auch nicht.“

Kane und Charity sahen einander finster an. Kane zuckte schließlich die Schultern und aß weiter, während Charity nur in ihrem Essen herumstocherte. Sie hatte am Ananassaft genippt und am Toast geknabbert, von dem Rest jedoch bloß einige Pilze und Tomatenstückchen gekostet.

„Essen Sie auf“, drängte Kane. „Kalorienhaltiges Essen hilft gegen einen Kater.“ Er ließ sich das Rührei schmecken, ebenso den knusprigen Schinkenspeck, die Würstchen mit Tomatensoße, das Lammkotelett und die Pilze mit …

„Also schön, ich bin einverstanden.“

Kane blickte überrascht von seinem Teller auf. Charity schien es tatsächlich ernst zu meinen.

„Ich nehme die Stelle als Ihre Haushälterin an, weil das meinem Zweck ebenso dienlich ist wie Ihrem“, fuhr sie fort. „Aber eines muss Ihnen klar sein, Mr. McKinnon: Ich ziehe nur zu Ihnen, weil ich eine Unterkunft brauche und sicher bin, dass jemand in der Gegend in der Lage sein wird, das Verschwinden meines Bruders zu erklären.“

„In dieser Hinsicht kann ich Ihnen nichts versprechen“, warnte er.

„Sie haben sogar versucht, mich von meinem Vorhaben abzubringen, aber das ändert nichts an meinen Absichten.“

„Wie Sie meinen“, erwiderte Kane.

„Außerdem werde ich Ihren Haushalt nur unter der Bedingung versorgen, dass Sie …“ Mitten im Satz verließ sie der Mut, und sie wurde rot.

Nicht zum ersten Mal fragte sich Kane, wie die Tochter eines Geistlichen so teuflisch hübsch sein und so viel Sinnlichkeit ausstrahlen konnte. Mit der schlanken Figur, dem seidig glänzenden Haar und den großen grünen Augen verwirrte sie jeden heißblütigen Mann. Und jetzt dieses Erröten … Ihre rosigen Wangen ließen ihn an die Farben des Sonnenaufgangs denken. Die Lehrerin einer Sonntagsschule sollte nicht so verdammt reizvoll sein.

Er räusperte sich. „Sie haben von einer Bedingung gesprochen.“

Charity trank einen Schluck Saft und sah ihn um Verständnis bittend über das Glas hinweg an.

„Was ist das für eine Bedingung?“, drängte er.

Als sie noch immer nicht antwortete und ihre Wangen sich dunkler färbten, begriff er, schob seinen Teller beiseite, stützte einen Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hand. „Vielleicht sollte ich Ihnen meine Bedingungen nennen“, sagte er.

„Sie stellen Bedingungen?“

„Natürlich.“

„Dann bitte, nennen Sie sie.“

„Es gibt nur sehr wenige Frauen, die ich bitten würde, zu mir zu ziehen. Außer Annie lebt keine Frau auf Southern Cross. Ein ehemaliger Viehzüchter kümmert sich um den Garten. Er, mein Bruder Reid und ich sind Junggesellen, die auf einer einsamen Farm leben.“

„Oh“, sagte sie leise.

„Wenn drei Männer und eine hübsche junge Frau zusammenleben, könnte die Gerüchteküche im ganzen Star Valley brodeln. Der geringste Skandal verbreitet sich in dieser Gegend wie ein Buschfeuer. Daher muss von Anfang an eindeutig klar sein, dass es nichts geben darf, das … Nun ja, wie soll ich mich ausdrücken?“

„Schon gut“, wehrte sie hastig ab und wurde tiefrot. „Ich verstehe vollkommen, was Sie meinen, und ich würde nicht im Traum daran denken …“

Kane reichte ihr feierlich die Hand. „Unsere Beziehung wird rein beruflich sein.“

„Aber ja, selbstverständlich. Genau das wollte ich übrigens auch sagen.“

„Dann sind wir uns einig, Miss Denham.“

Sie sah drein, als hätte sie eine Heuschrecke verschluckt.

„Ach ja, noch etwas“, fuhr Kane fort. „Während Sie für mich arbeiten, sollten Sie die Finger vom Gin lassen.“

Charity schäumte innerlich vor Wut, während sie Kane half, seinen Lieferwagen mit Vorräten zu beladen. Es war völlig unnötig gewesen, von ihr Anstand und Sitte zu verlangen. Das wusste er auch, und das bedeutete, dass er sie erneut aufgezogen hatte. Indirekt hatte er ihr außerdem zu verstehen gegeben, dass er sie nicht begehrenswert fand.

Als ob das nicht offensichtlich wäre. Ein Blick auf Marsha hatte ihr gezeigt, dass sie selbst niemals Kane McKinnons Typ sein würde.

„Ich dachte, nur Sie, Ihr Bruder und dieser Helfer lebten auf der Southern Cross“, bemerkte sie, während sie einen Karton mit Soßen und Mayonnaiseflaschen zum Wagen schleppte. „Für wie viele Personen werde ich denn kochen?“

Kane hatte unglaublich viel eingekauft – kistenweise Orangen und Äpfel, Säcke mit Mehl, Reis und Zucker, dazu ein Fässchen Olivenöl, kartonweise Teigwaren sowie Gemüsekonserven, Fruchtsäfte und Bierkästen. Das alles wurde zusammen mit ihrem Koffer auf der Ladefläche des Pick-ups verstaut.

„Wahrscheinlich kochen Sie nur für uns drei und natürlich auch für Sie, wenigstens in den ersten Tagen“, erwiderte Kane, nahm ihr den Karton ab und schob ihn neben einen Stapel Toilettenpapier. „Wir brauchen aber viele Vorräte, weil man nicht alle fünf Minuten wegen irgendwas in die Stadt fahren kann.“

„Das ist mir schon klar.“

„Es ist möglich, dass die Zaunarbeiter nicht erst Ende des Monats, sondern schon früher eintreffen“, fuhr er fort. „Kommt darauf an, wie es an den früheren Arbeitsstellen gelaufen ist. Sie können doch für viele Personen kochen?“

„Selbstverständlich“, erwiderte sie zuversichtlich. Von diesem Mann ließ sie sich nicht verunsichern. Jedenfalls kam sie auf diese Weise auf die Southern Cross, wo sie mit Reid McKinnon sprechen wollte. Vielleicht entlockte sie früher oder später auch Kane einige Informationen. Bestimmt hatte er ihr nicht alles erzählt, was er über Tim wusste.

Es war bedauerlich, dass seine Schwester Annie verreist war. Andererseits war Charity überzeugt, mit der nötigen Hartnäckigkeit auch andere Menschen zu finden, die ihre Fragen beantworteten.

Kane warf eine Plane über die Ladung und befestigte sie. „Das hält den Staub weitgehend ab“, erklärte er, sobald er fertig war. „Also schön, machen wir uns auf den Weg, Chazza.“

„Wie bitte? Wer ist Chazza?“

„Tut mir leid“, meinte er lächelnd, „das ist mir nur so herausgerutscht. Wir sind ein Haufen ungehobelter Kerle in diesem Land und stellen die verrücktesten Dinge mit Namen an. Barry wird zu Bazza, Kerry ist Kezza, und darum werden Sie Chazza genannt. Oder wäre Ihnen Chaz lieber?“

„Haben Sie mit meinem richtigen Namen ein Problem?“

„Nein, aber bei uns kriegt man einen Spitznamen, ob man will oder nicht.“

„In dem Fall entscheide ich mich für Chaz.“

„Dann also Chaz.“

Kane lächelte ihr zu, doch sie schaffte kein Lächeln. Australier waren unkompliziert und direkt. Tim hatte in seinen Briefen geschrieben, dass ihn die Kollegen ständig aufzogen und abwarteten, wie er darauf reagierte. So stellten sie einen Fremden auf die Probe, und sie erwarteten von ihm, dass er mit einem Scherz darauf antwortete.

Ihr Bruder wäre mit der Situation mühelos fertig geworden. Sie dagegen war für witzige Wortgefechte schon immer zu ernst gewesen.

Chaz … Sie wiederholte den Namen leise. Chaz Denham. Daran konnte sie sich gewöhnen, und vielleicht gefiel es ihr sogar. Der Name klang fröhlich und irgendwie modern, und modern war sie noch nie gewesen. Keinesfalls wollte sie Kane jedoch verraten, dass sie gern Chaz war.

Nachdem sie eingestiegen war, die Tür geschlossen und sich angeschnallt hatte, sagte sie: „Ein altmodischer Name wie Charity – Wohltätigkeit – ist manchmal eine Belastung. Tim kann froh sein, dass er nicht als meine Schwester zur Welt gekommen ist.“

„Wäre denn eine Schwester Faith oder Hope genannt worden, Glaube oder Hoffnung?“

„Möglich“, räumte sie ein und beschloss, ihm etwas von seiner eigenen Medizin zu verabreichen. „Bei meinem zweiten Vornamen hat mein Vater sich selbst übertroffen.“

„Ach ja?“, fragte er neugierig. „Und wie lautet er?“

Chastity.“

„Keuschheit? Das ist nicht Ihr Ernst!“ Sekundenlang hielt er eine Hand auf dem Lenkrad, die andere mit dem Zündschlüssel am Zündschloss und sah sie forschend an. Dann lächelte er wissend. „Das ist jetzt die Rache, nicht wahr, Frau Sonntagsschullehrerin?“

„Sie meinen Rache dafür, dass Sie mich heute schon die ganze Zeit gnadenlos aufziehen?“

„Ach was, ich bin äußerst gnädig mit Ihnen umgegangen.“

„Dann bitte ich um Entschuldigung dafür, dass es mir nicht aufgefallen ist, Mr. McKinnon.“

Lachend startete er den Motor. „Verraten Sie mir Ihren richtigen zweiten Vornamen?“

Er verriet ihr gar nichts über Tim, aber sie sollte ihm alles sagen, was er hören wollte. Das ärgerte sie. Sicher, es war eigentlich unwichtig, aber dass er ihren zweiten Vornamen erfahren wollte, erfüllte sie mit Befriedigung.

„Niemals“, entschied sie.

3. KAPITEL

Der Pick-up rollte auf der Hauptstraße von Mirrabrook an einer kleinen Holzkirche vorbei, an der Polizeistation, dem winzigen Postamt, einigen Läden und Büros, einem frisch angestrichenen Café und einem größeren, modernen Gebäude, in dem die Bibliothek und die Lokalzeitung Mirrabrook Star untergebracht waren.

Danach folgten kleine Holzhäuser mit Metalldächern und großen, schattigen Veranden. In den Vorgärten blühten Blumen. Plötzlich standen Eukalyptusbäume dicht am Rand der schmalen Straße, die in den Busch führte.

Kurz darauf tauchte ein Wegweiser auf, der zur Breakaway Farm und zur Southern Cross Farm zeigte. Hier bog Kane McKinnon von der Straße auf eine staubige, ungeteerte Piste zur Southern Cross Farm ab.

Unter dem tiefblauen Himmel erstreckte sich die Landschaft in den verschiedensten Brauntönen – staubiges Laub, graubraune Baumstämme und rosarote Erde zwischen trockenen Grasbüscheln. Drohend ragten in der Ferne Berge mit schwarzen Granitfelsen auf. Das Star Valley war bei Weitem nicht so hübsch, wie Charity erwartet hatte. Sie verstand nicht, wie zivilisierte Menschen dieser Wildnis den reizenden Namen Sternental geben konnten. Die englischen Täler, die sie kannte, waren herrlich grün, mit dichtem Gras bewachsen und erinnerten an die Falten eines grünen Samtrocks.

Natürlich war Charity klar gewesen, dass sich ein Tal im Outback von Queensland von einem im englischen Derbyshire unterscheiden würde. Ihr Bruder hatte außerdem das scheinbar grenzenlose und harsche Outback in vielen Briefen geschildert. Trotzdem hatte sie es sich nicht annähernd so vorgestellt.

Beim Anblick des vorbeiziehenden Buschlandes schauderte sie. In dieser feindseligen Wildnis war Tim verschwunden. Wenn sie dieses abweisende Land betrachtete, fand sie sich erst recht nicht damit ab, dass er nicht mehr da war. Wo war bloß ihr furchtloser und wagemutiger kleiner Bruder?

Der Pick-up schaukelte in einer tiefen Radspur so heftig, dass Charity sich am Türgriff festklammern und mit den Füßen am Boden abstützen musste. Warum nur hatte es Tim nach Australien gezogen? Sie hätte sich als Reiseziel europäische Großstädte wie Paris, Venedig, Wien oder Prag ausgesucht, nicht jedoch dieses endlose Buschland.

Im Flugzeug hatte sie in einem Artikel gelesen, dass Australien vierundzwanzig Mal so groß wie Großbritannien war. Und Tim konnte irgendwo in diesem riesigen Land sein.

Weiter und immer weiter fuhren sie auf der gewundenen, unbefestigten Straße, durchquerten ausgetrocknete steinige Flussläufe, fuhren auf der anderen Seite wieder die steilen rötlichen Ufer hinauf und weiter über die Ebene zum nächsten Flussbett.

Am meisten bedrückte es Charity, dass es nirgendwo Anzeichen für die Anwesenheit von Menschen gab. Trotzdem musste hier jemand leben, der das Schild aufgestellt hatte: Vorsicht – Viehwechsel.

Kurz hinter diesem Schild entdeckte Charity im spärlichen Schatten staubiger Eukalyptusbäume seltsam aussehende Rinder mit Hängeohren, obwohl das Gras überall abgestorben wirkte. „Wie können Sie bloß in diesem Land Rinder züchten?“, fragte sie.

„Eure britischen Rassen halten sich hier nicht, aber wir haben eine Brahman-Kreuzung. Die eignet sich für tropische Gegenden.“

„Und was fressen die armen Tiere?“

„Trockenes Gras enthält noch immer Nährstoffe, ungefähr wie für uns Trockenobst. Außerdem geben wir Zusatzfutter. Am schwierigsten ist die Wasserversorgung. Wir müssen das Wasser aus den Flüssen in Tränken pumpen, und wenn Staubecken und Flüsse völlig austrocknen, gibt es Probleme.“

„Das Leben hier draußen besteht offenbar aus harter Arbeit.“

„Wer wünscht sich schon einen gemütlichen Job?“

Ein gut bezahlter und gemütlicher Job war das Ziel fast aller Männer, die sie kennengelernt hatte. Ein ruhiger Job und eine hübsche kleine Frau.

Kane McKinnon wünschte sich offenbar keines von beiden.

„Sie sehen dieses Land jetzt auch von seiner schlimmsten Seite“, fuhr er fort. „Wir nähern uns dem Ende der Trockenzeit.“

„Ist es denn anders, wenn es geregnet hat?“

„Dann würden Sie die Landschaft nicht wiedererkennen. Übrigens behalten wir das Vieh nicht allzu lang hier. Auf diesem Besitz stehen die Zuchttiere, aber man versucht erst gar nicht, sie hier zu mästen. Die Jungtiere schicken wir alle auf unseren Besitz bei Hughenden, und dort setzen sie mit etwas Glück genug Gewicht an.“

„Von diesem Gras werden Rinder bestimmt nicht fett“, stellte Charity fest, obwohl sie in Gedanken bereits wieder von der Viehzucht zu Tim gekommen war. Hatte er sich womöglich verirrt und war verhungert? „In England hören wir oft, dass Menschen im Outback umgekommen sind.“

„Ja, das kommt vor.“ Kane wandte den Blick nicht von der gelben Piste. „Es ist ein hartes Land, aber meistens kommen nur Leute um, die nicht wissen, worauf sie sich einlassen. Sie hätten die Großstadt erst gar nicht verlassen sollen. Ihr Bruder hat allerdings schnell gelernt. Ich bin überzeugt, dass er im Busch gut zurechtkommt.“

Charity blickte aus dem Fenster und entdeckte ein graues Känguru, das mit fließenden Bewegungen zwischen den Bäumen hüpfte. Zum ersten Mal sah sie ein Känguru in freier Natur, und hätte sie sich nicht schlimme Sorgen gemacht, wäre sie begeistert gewesen.

„Wie ist es Tim ergangen?“, fragte sie. „War er glücklich?“

„Es ging ihm gut. Wissen Sie, ich mochte an Ihrem Bruder, dass er für sich geblieben ist. Er hat seine Arbeit erledigt und wollte nie im Mittelpunkt stehen. Darum hat er sehr gut zu uns gepasst, und deshalb bin ich auch sicher, dass es ihm jetzt gut geht.“

Kane klang so überzeugt, dass Charity sich erneut fragte, ob er mehr über ihren Bruder wusste, als er verriet. Verschwieg er ihr die Wahrheit? Als sie ihn forschend betrachtete, lächelte er ihr aufmunternd zu. Erstaunt merkte sie, dass sie sich nach diesem Lächeln sehnte. Für Sekunden war der spöttische Blick aus seinen Augen verschwunden, und seine Züge hatten sich entspannt. Das ließ ihr Herz schneller klopfen.

Sie hielten im Schatten der Bäume an einem Fluss und tranken aus ihren Wasserflaschen.

„Wenigstens haben Sie hier draußen von Marsha nichts zu befürchten“, bemerkte Kane, als Charity noch zwei Tabletten gegen die Kopfschmerzen nahm.

Sie fand es seltsam, dass er so über seine Freundin sprach. „Wann erreichen wir eigentlich die Southern Cross?“

„Wir fahren bereits seit ungefähr einer halben Stunde über unser Land. Jetzt dauert es nicht mehr lange.“

Charity hatte keine Ahnung, was sie erwartete. Als sie jedoch fünf Minuten später McKinnons Haus erreichten, wurde ihr flau im Magen. Kane hielt vor einer kleinen, heruntergekommenen Hütte, stieg aus und begann die Abdeckplane zu lösen.

Das war das Wohnhaus der Southern Cross Farm? Inmitten einer staubigen Koppel bot es mit dem rostigen Metalldach, der durchhängenden Veranda und den von Wind und Wetter silbergrau gewordenen Holzwänden einen traurigen Anblick. Vielleicht hatte sie doch unüberlegt gehandelt.

Die Kopfschmerzen kamen wieder, als sie ausstieg. Die Sonne brannte heiß auf ihren Nacken, und die unpassende Kleidung klebte ihr am Körper. Bei jedem Schritt wirbelte sie unter ihren Sandalen feinen roten Staub auf, der zwischen die Zehen und unter die Fußsohlen drang.

Kane lud sich zwei Kartons mit Vorräten auf die Schultern.

„Kann ich helfen?“, fragte Charity.

„Nehmen Sie einen Karton mit Konservendosen.“

„Gern.“

Die Holzstufen knarrten gefährlich, als sie ihm ins Haus folgte. Ein blau gesprenkelter Hund war an einem Verandaposten festgebunden und bellte bei ihrem Anblick.

„Hallo, Bruiser!“, rief Kane. „Ist der Boss daheim?“

Der Hund legte sich wieder hin, und Kane drückte die Haustür mit dem Ellbogen auf. Charity folgte ihm nach drinnen und schauderte. Seine Schwester Annie war bestimmt nicht für diese Unordnung verantwortlich. Der Fußboden sah aus, als wäre er wochenlang nicht gefegt worden. Ein alter Tisch quoll über von Bierdosen, Zeitschriften und schmutzigen Aschenbechern. An den Fenstern gab es keine Vorhänge, und eine fehlende Scheibe war durch ein Stück Jute ersetzt worden.

Der Boden des schmalen Korridors war mit gesprungenem Linoleum bedeckt, das geradezu antik aussah. Kane trug die Vorräte in die Küche, stellte sie auf einem wackeligen Tisch ab und öffnete den Kühlschrank.

„Der ist ja voll Bier!“, rief Charity.

Er warf ihr einen vernichtenden Blick über die Schulter zu. „Im Outback muss ein Mann entscheiden, was für ihn wichtig ist.“

„Ja, aber was ist mit Ihrer Schwester? Wie hält sie es bloß hier aus?“

Er schlug die Kühlschranktür zu, drehte sich um und stemmte die Hände in die Hüften. „Hört sich an, als wären Sie von diesem Ort nicht sonderlich beeindruckt.“

Charity presste die Lippen zusammen. Sie konnte sich nicht vorstellen, hier zu leben, aber Taktgefühl war ihr anerzogen, und sie wollte Kanes Gefühle nicht verletzen.

Er betrachtete sie abweisend. „Vielleicht sind Sie doch nicht geeignet, sich um unser Haus zu kümmern.“

„Ich werde mich bemühen“, erwiderte sie gepresst. „Aber um ehrlich zu sein, merke ich nichts davon, dass man sich bisher gut darum gekümmert hat.“

Kane lachte. Er lachte doch tatsächlich. Und sie hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst. Charity ballte die Hände zu Fäusten und atmete tief durch. Ihr war heiß, sie hatte Kopfschmerzen und sorgte sich um Tim, und die Vorstellung, in dieser kleinen schäbigen, unordentlichen Hüte wohnen zu müssen, war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

„Jetzt regen Sie sich ab, Charity“, sagte Kane.

„Ich soll mich abregen?“ Sie schrie es fast.

„Beruhigen Sie sich. Das ist nicht das Wohnhaus der Southern Cross, sondern ein Außenposten. Den benutzen gelegentlich die Viehtreiber. Einer von ihnen wohnt ständig hier und behält die Gegend im Auge. Ich stocke nur seine Vorräte auf.“

„Das darf nicht wahr sein!“, stellte sie zornig fest. „Sie können es wohl nicht lassen, mich zu necken, wie?“

„Sie haben sich geradezu angeboten.“

Der Wunsch, ihn zu schlagen, war wieder da.

„Tut mir leid“, sagte er, sah jedoch überhaupt nicht so aus, als würde ihm irgendwas leidtun. „Ich necke auch Annie, seit sie laufen kann. Das ist eine schlechte Angewohnheit von mir.“

„Das stimmt. Mir tut Ihre Schwester sehr leid, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie darauf verzichten könnten.“

„Annie hat Humor.“

„Wie schön für sie. Mein Humor ist zusammen mit meinem Bruder verschwunden.“

Prompt hörte er zu lächeln auf und sah sich kurz in der Küche um. „Ferret scheint nicht da zu sein. Ich lasse die Sachen auf dem Tisch stehen, und wir fahren weiter.“

„Zum Haus der Southern Cross?“

„Ja.“

Die Hütte für die Farmhelfer hatte Charitys Selbstvertrauen reichlich erschüttert, und während der Fahrt über die unebene Piste bereitete sie sich auf die nächste Enttäuschung vor. Wenn Menschen irgendwo in der Wildnis lebten, brauchten sie vermutlich kein hübsches Haus, um Besucher zu beeindrucken. Sie hätte allerdings nicht erwartet, dass die Menschen im Outback mit so wenig Bequemlichkeit auskamen.

Wie schaffte das eine Frau wie Annie McKinnon?

„Da vorne ist unser Haus“, bemerkte Kane.

Durch die staubige Windschutzscheibe sah Charity Weiß und frisches Grün zwischen den Bäumen. Hinter einer Kurve tauchten eiserne Tore in blendendem Weiß auf, und dahinter zogen sich zu beiden Seiten der Straße grüne Rasenflächen mit üppigen Palmen und weißen Bougainvilleen hin, die Charity an Brautschleier erinnerten.

Und dann sah sie das Wohnhaus der Southern Cross Farm.

Es war ein niedriges, weitläufiges Gebäude, das aus schneeweiß gestrichenen Balken erbaut war. Breite, schattige Terrassen zogen sich rings um das Haus. Ein Garten mit grünen Sträuchern und weißen Blumen schloss sich an.

„Nein, wie hübsch“, flüsterte sie überrascht.

„Entspricht das mehr Ihrem Geschmack?“, fragte Kane.

Es war, als wäre sie in der Wüste auf eine Oase gestoßen. „Das ist fantastisch. Wie schaffen Sie es, dass der Rasen so grün ist?“

„Darum kümmert sich der alte Vic.“ Kane deutete auf den Wasserlauf, neben dem Bäume wuchsen und der sich seit einiger Zeit an der Straße entlangzog. „Er pumpt Wasser aus dem Fluss, aber wenn der Fluss austrocknet, verlieren wir den Rasen.“

„Passiert das häufig?“

„Alle paar Jahre gibt es eine schlimme Trockenheit. Wenn es in diesem Jahr nicht bald regnet, bekommen wir Probleme.“

Kane fuhr zur Rückseite des Hauses, damit sie die Vorräte direkt in die Küche bringen konnten. Als er anhielt, wurden sie von lautem Bellen begrüßt. Ein schwarzer Labrador, ein blau-weiß gefleckter Hund und ein Border-Collie jagten von allen Seiten auf sie zu.

„Haben Sie Angst vor Hunden?“, fragte Kane.

„Nein, gar nicht. Ich liebe sie. Wir haben zu Hause auch einen Border-Collie.“

Der warf jedoch nur einen hoffnungsvollen Blick auf den Pick-up, drehte sich um, trottete zur Veranda zurück, wo er sich hinlegte, den Kopf auf die Vorderpfoten, und sich um nichts mehr kümmerte.

„Das ist Lavender“, erklärte Kane. „Sie ist Annies Hündin und immer traurig, wenn Annie fort ist.“

„Ach, die Ärmste.“

Sie stiegen aus. „Der blau-weiß Gefleckte ist zum Rindertreiben abgerichtet und gehört mir“, fuhr Kane fort und stieg aus. „Er heißt Roo.“

„Hallo, Roo“, sagte Charity und streichelte den Hund.

„Der Labrador heißt Gypsy und ist Reids Hündin.“

„Ach, bist du aber schön, Gypsy.“

Ein hagerer Mann mit sonnengebräuntem Gesicht und O-Beinen vom jahrelangen Reiten kam um die Ecke. Kane stellte Vic vor, der Charity anstrahlte, als sie den schönen Garten lobte.

„Wenn Sie gern Blumen im Haus haben, Miss“, sagte er, „können Sie so viele pflücken, wie Sie wollen.“

„Wenn Sie ihn weiter loben, haben Sie einen Freund fürs Leben gefunden“, sagte Kane, sobald Vic fort war, und schickte Gypsy und Roo weg. „Lasst uns in Ruhe“, sagte er zu den Hunden, „wir müssen arbeiten.“

Während Kane und Charity den Wagen entluden, zogen sich die Hunde bereitwillig in den Schatten zurück. Auf dem Weg in die Vorratskammer sah Charity sich neugierig um. Drinnen war es erstaunlich kühl. Sie erhaschte einen flüchtigen Blick auf hohe Zimmerdecken, glänzende Holzfußböden, antike Möbel und schöne Teppiche.

Damit hatte sie auf der Southern Cross nicht gerechnet. Schade war nur, dass sie vor Sorge um Tim nicht zur Ruhe kam. Wäre das nicht gewesen, hätte ihr die Arbeit in diesem Haus sogar Freude gemacht.

Kane fand seinen Bruder in der Werkstatt, wo er am Motor eines Pick-ups der Farm arbeitete.

„Ich habe eine Haushälterin eingestellt, damit du keine Angst vor Spülhänden haben musst.“

Reid blickte lachend von der Arbeit hoch. „Ja, ich hatte schreckliche Angst vor rauen Spülhänden“, versicherte er und wischte mit einem Lappen das schwarze Öl von den Fingern. „Aber du hast doch gesagt, dass es keine Haushälterinnen gibt.“

„Das stimmt auch, doch dann ist mir eine sozusagen in den Schoß gefallen.“

„Oh nein! Sie gehört doch hoffentlich nicht zu deinem Fanclub!“

„Ich bitte dich“, wehrte Kane ab. „Sie ist neu in der Stadt und sucht vorübergehend Arbeit.“

„Das ist allerdings ein Glücksfall. Hat sie Erfahrung?“

„Sie ist Engländerin und hat als Haushälterin für einen Geistlichen gearbeitet.“

Reid lächelte anerkennend. „Klingt sehr gut“, stellte er fest und stieß Kane in die Rippen. „Dann ist sie bestimmt eine gute Köchin.“

„Das nehme ich doch an. Heute Abend werden wir es herausfinden. Ich habe ihr gesagt, sie soll es langsam angehen. Mittags gibt es nur Sandwiches mit Käse und Gurken. Übrigens ist das Essen schon fertig.“

„Gut, ich bin am Verhungern.“ Reid ließ den Lappen fallen und überquerte mit seinem Bruder die breite Rasenfläche, die Werkstatt und Garage vom Wohnhaus trennte.

Die Brüder waren Zwillinge und von gleicher Statur, doch damit endete bereits die Ähnlichkeit. Kane hatte wie seine jüngere Schwester Annie sandblondes Haar und blaue Augen, Reid dagegen hatte dunkleres Haar und graue Augen. Reid war als Erster auf die Welt gekommen und ließ Kane das nie vergessen. Ständig spielte er sich als großer Bruder auf.

„Wie heißt die Frau?“, fragte er.

„Chaz.“

„Chaz?“

„Ja.“ Kane fühlte sich unter dem durchdringenden Blick seines Bruders unbehaglich. „Chaz Denham, eigentlich Charity Denham.“

„Denham? Hat denn nicht auch unser kleiner Engländer so geheißen?“

Es hatte keinen Sinn, Charitys Identität zu verheimlichen. Früher oder später würde Reid ohnedies die Wahrheit herausfinden, weil Charity ihn befragen wollte. „Sie ist Tim Denhams Schwester.“

Reid blieb unvermittelt stehen. „Was macht sie hier?“

„Sie sucht ihren Bruder.“

„Verdammt.“ Reid runzelte die Stirn. „Was hast du ihr gesagt?“

„Dass Tim überall sein könnte.“

„Dir ist doch klar, dass du ein großes Risiko eingehst, indem du sie auf die Southern Cross bringst.“

„Na ja, ich war es eben leid, dass du mir wegen einer Haushälterin die Ohren volljammerst.“

„Komm mir nicht so, Kane. So verzweifelt war ich noch nicht.“

„Hat sich aber so angehört“, behauptete Kane. „Außerdem ist sie hier draußen sicherer aufgehoben als in Mirrabrook, wo sie herumschnüffeln und neugierige Fragen stellen kann.“

„Das stimmt wohl“, bestätigte Reid. „Wie ist sie denn?“

„Sie ist …“ Kane wusste nicht, was er sagen sollte, und blickte zur Hintertür, wo Charity stand. „Schau sie dir selbst an“, forderte er seinen Bruder auf und wartete gespannt auf dessen Reaktion.

Reid stieß einen leisen Pfiff aus. „Weißt du auch ganz sicher, was du da machst, kleiner Bruder?“

Kane biss die Zähne zusammen und begann zu schwitzen.

Charity trug jetzt ein ärmelloses blaues Kleid. Ihr rötlich-braunes Haar leuchtete im Sonnenschein, und die zarte Haut schimmerte hell. Wie sie da an der Tür stand, hätte jeder Maler sie gern auf Leinwand festgehalten.

Charity hob die Hand und winkte den Brüdern verhalten zu. Es war ein harmloser Gruß, trotzdem wirkte jede Bewegung ungeheuer verführerisch.

„Überlass sie nur mir, und alles wird glattlaufen“, sagte Kane zu Reid, war jedoch bei Weitem nicht so zuversichtlich, wie er sich gab.

Kein Windhauch vertrieb die mittägliche Hitze, als sie auf der Veranda die Sandwiches aßen.

Charity hatte sich eigentlich den Brüdern nicht anschließen wollen, doch die beiden hatten darauf bestanden. Reid McKinnon war charmant und höflich, und er verzichtete völlig darauf, sie zu necken und aufzuziehen, wie Kane das tat. Sie brannte schon darauf, ihn nach Tim auszufragen. Und sie hoffte, dass er unter vier Augen ihre Fragen offener als sein Bruder beantworten würde. Während des Essens achtete sie jedoch darauf, Fragen nur nach ihren Pflichten als Haushälterin zu stellen.

Hinterher wandte Reid sich plötzlich an Kane. „Hast du Charity eigentlich schon richtig ausgestattet? Schau sie dir doch an. Sie ist wie eine Schneeflocke oder eine exotische Blume. Helle Haut, helle Augen und rötliches Haar.“

Kane richtete den Blick auf Charity, und sie merkte, wie sie rot wurde. Jetzt betrachtete er sie genauso wie damals, als er behauptete, ihr Haar könne niemals nur einfach rot sein.

„Die arme Frau hält doch unsere Sonne nicht aus, wenn sie nichts Richtiges anzieht“, fuhr Reid fort. „Du musst ihr alles Nötige aus Annies Zimmer besorgen.“

„Machen Sie sich bitte keine Mühe“, wehrte Charity ab, der es nicht gefiel, dass über sie gesprochen wurde, als wäre sie gar nicht vorhanden. „Ich komme schon zurecht.“

„Meine Liebe“, widersprach Reid und schlug einen väterlichen Ton an, „glauben Sie mir, dass Sie mehr Schutz als dieses hübsche Kleid brauchen. Annies Schränke sind zum Platzen gefüllt. Ich möchte nicht schuld sein, wenn Sie hier draußen verdorren oder einen Sonnenstich erleiden, während Sie für uns arbeiten.“ Er wandte sich wieder an Kane. „Sorg dafür, dass sie einen Akubra bekommt.“ Danach stand er auf und ging.

Kane lächelte Charity zu. „Also, Chaz, ich sollte meinem großen Bruder gehorchen.“

„Ich habe mich bemüht, passende Kleidung mitzubringen“, sagte sie. „Ich habe Jeans und Stiefel dabei.“

„Keine Sorge.“ Er deutete zum Korridor, der zu den Schlafzimmern führte. „Kommen Sie. Annie hat so viel, dass Sie freie Auswahl haben, und Sie haben ungefähr ihre Größe.“

Charity folgte ihm. Anders als das ordentlich aufgeräumte Gästezimmer, in dem sie untergebracht war, gab es in Annies Zimmer jede Menge persönlicher Gegenstände, die sich wohl im Lauf der Jahre angesammelt hatten.

Die Terrassentüren des großen Raums führten auf eine Veranda. Auf einem Schreibtisch in der Ecke stand ein Computer neben Papieren, Stiften, Büchern und Kaffeetassen. An der Wand darüber waren an einer Pinnwand Fotos von Angehörigen, Freunden und Tieren befestigt. Für die Film- und Rockstars auf den verblassenden Bildern hatte Annie vermutlich früher geschwärmt. Daneben hingen auch beschriebene Notizzettel und Zeitungsausschnitte.

Warum war Kanes Schwester weggefahren? Charity hatte den Eindruck gewonnen, dass Annie ohne Vorankündigung abgereist war. Das schien die Brüder allerdings nicht weiter zu stören, abgesehen davon, dass sie dadurch keine Haushälterin mehr hatten.

„Mal sehen, was wir finden“, sagte Kane und öffnete eine Schranktür.

Charity stieß einen überraschten Ruf aus, weil sie nicht mit so hübschen Sachen für den späten Nachmittag und den Abend gerechnet hatte. „Wann zieht Annie das denn an?“, fragte sie und strich über ein rosa Seidenkleid.

„Wir haben auch hier draußen im Busch ein gesellschaftliches Leben – Partys und Bälle. Aber im Moment brauchen Sie solche Kleider nicht.“ Kane öffnete eine andere Tür und fand eine ganze Reihe langärmeliger Bauwollhemden. „Das ist es schon eher. Nehmen Sie sich was davon, weil Ihre Arme bedeckt sein müssen.“ Vom obersten Regalbrett holte er einen breitkrempigen Hut und drückte ihn Charity auf den Kopf. „Na, passt er?“, fragte er und zog an der Krempe. „Müsste hinkommen.“

„Ja, der ist gut, danke.“

Er zeigte ihr etliche Regale. „Hier finden Sie Jeans, falls Sie welche brauchen. Bedienen Sie sich.“ Danach bückte er sich und holte aus dem unteren Teil des Schranks Stiefel.

„Die brauche ich nicht“, wehrte Charity ab. „Ich habe welche, und die sind sogar sehr gut. Damit bin ich auf den Mount Snowdon gestiegen.“

„Dann sind sie wahrscheinlich für kaltes Wetter geeignet.“

„Ja, allerdings.“

„Die hier sind besser. Reitstiefel aus Känguruleder.“

„Aber ich werde nicht reiten.“

„Das spielt keine Rolle. Känguruleder ist sehr leicht und atmet. Dadurch bleiben Ihre Füße kühl. Ziehen Sie sie an.“ Er holte noch Baumwollsocken aus einer Schublade und reichte sie ihr.

Kane sah ihr schon zum zweiten Mal zu, wie sie Schuhe anzog, und Charity wurde verlegen. Das war natürlich völlig albern. Schließlich schlüpfte sie doch nur in Frauenstiefel und machte keinen Striptease.

Es lag jedoch an dem seltsamen Ausdruck in Kanes Augen. Fast schien es, als würde es ihm schwerfallen, ihr zuzusehen. Trotzdem wandte er den Blick nicht ab.

„Die passen sehr gut“, erklärte Charity und wurde rot.

„Dann haben Sie Glück.“ Seine Stimme klang gepresst. „So, da Sie alles haben, was Sie brauchen, können wir jetzt eine rasche Führung machen, damit Sie sich auskennen.“

Offenbar hatte er es eilig. Jedenfalls zeigte er ihr schnell hintereinander das Kühlhaus, das vom Wohnhaus abgetrennt war und das man auf einem überdachten Weg erreichte, die Waschküche, die Werkstatt, den Zeugraum und die Koppel.

„Möchten Sie auch den Fluss sehen?“, fragte er schließlich.

„Ja, gern.“ Vielleicht konnte sie am Wasser im Schatten spazieren gehen, falls sie Ruhe suchte.

Der Fluss war sehr schön und gefiel ihr auf den ersten Blick. Unter den Bäumen war die Luft angenehm kühl, und das Wasser floss gluckernd über die glatten Steine. Glatt geschliffene Felsblöcke bildeten natürliche Trittsteine. Farne und schilfähnliche Gräser wuchsen an den Ufern. Libellen und andere Insekten schwebten über der Wasseroberfläche.

„Sehr hübsch ist das“, stellte sie fest und trat auf einen flachen Felsen. Es war gut, zu wissen, dass es hier eine ruhige und kühle Zufluchtsstätte gab, an der sie nur das Zwitschern der Vögel und das Plätschern des Wassers erwarteten.

„Halt!“, befahl Kane kaum hörbar, aber scharf, und packte sie am Arm.

Sie zuckte zusammen, als wäre sie noch nie von einem Mann berührt worden. „Warum denn?“, fragte sie betroffen und versuchte, sich von ihm loszureißen. „Was machen Sie da?“

„Kommen Sie zurück“, verlangte er energisch.

„Warum?“

„Weil da eine Schlange ist. Sehen Sie doch!“

Eine Schlange! Aus dem Augenwinkel sah Charity eine große schwarze Schlange, die sich auf dem Felsen in der Sonne zusammengerollt hatte und sich jetzt bewegte. Ihr Kopf schwang bedrohlich hin und her.

„Kommen Sie zu mir“, drängte Kane.

Charity geriet in Panik, hörte gar nicht mehr, was er noch sagte, riss sich los und lief weg, nur weg, so weit wie möglich weg von der Schlange! Eine Schlange! Charity hatte noch nie eine in freier Natur gesehen.

Kane holte sie ein. „Keine Panik. Sie verfolgt Sie nicht. Es passiert Ihnen nichts.“

Sobald sie stehen blieb, legte er ihr die Hände auf die bebenden Schultern. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie zurückblickte. Die Schlange hielt den Kopf noch immer hoch erhoben und hatte ihn wie eine Kobra aufgebläht.

Aus sicherer Entfernung betrachtete sie das Reptil mit einer Mischung aus Bewunderung und Entsetzen. „Was ist das für eine Art?“, flüsterte sie.

„Eine rotbäuchige Kletternatter.“

Charity sah der Schlange fasziniert nach und bewunderte die Anmut, mit der sie über die Steine in einen flachen Teich glitt. „Ist sie gefährlich?“, flüsterte sie.

„Das ist nicht die gefährlichste Schlange in Australien“, erwiderte Kane, „aber sie gehört zu den ersten zehn der ganzen Welt.“

Charity schnappte nach Luft. „Den zehn tödlichsten?“

„Ja.“

„Um Himmels willen“, flüsterte sie und presste die Hand auf den Magen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er und strich ihr über die Wange.

„Natürlich“, beteuerte sie, atmete tief durch, als er die Hand zurückzog, und brachte sogar ein schwaches Lächeln zustande. „Zum Glück waren Sie bei mir. Allein wäre ich vor Angst gestorben. Dabei dachte ich schon, wie schön es wäre, sich am Fluss zu entspannen. Aber das ist völlig ausgeschlossen.“

„Wenn Sie einen der Hunde bei sich haben, können Sie sich ganz sicher fühlen.“

„Oh nein, ich nicht“, wehrte sie heftig ab. „Wie halten Sie es hier bloß aus, Kane? Es ist einsam, heiß und gefährlich.“ Im Moment fand sie am Outback absolut nichts gut und verstand auch nicht, warum ihr Bruder ausgerechnet hierher gekommen war.

Um Kanes Mund legte sich ein harter Zug. „Das kann ich Ihnen nicht erklären, und Sie werden es wahrscheinlich auch nie verstehen.“ Er ließ den Blick kühl über sie gleiten. „Mein Bruder hat Sie mit einer exotischen Blume verglichen. Sie gehören nicht zu uns, und darum ist es auch gut, dass Sie nicht lange bleiben.“

„Ja“,

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