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Drei sind keiner zu viel

Christine Rimmer

Wie kann ich dein Herz gewinnen?

1. KAPITEL

Es geschah am Valentinstag.

Eigentlich war es nur ein Zufall. Eine Ironie des Schicksals, was die ganze Sache noch betrüblicher machte.

Es war Valentinstag, und es war Mittwoch, morgens um Viertel nach neun in der Führungsetage des High Sierra Resort and Casino. Celia Tuttle saß gerade zum Diktat bei ihrem Boss – nun ja, er sagte ihr, welche E-Mails sie verschicken sollte. Aaron Bravo formulierte die internen E-Mails an seine Manager und Vizepräsidenten nie selbst. Er teilte Celia mit, was er von seinen Untergebenen forderte.

Als Chefsekretärin und seine persönliche Assistentin war es ihre Aufgabe, seine Anweisungen in die passenden Worte zu kleiden.

„Und wir müssen etwas gegen die Schlange beim verdammten Rafting tun“, sagte er.

Lächelnd kritzelte Celia etwas auf ihren Notizblock. Das High Sierra hatte seinen eigenen Fluss, komplett mit Stromschnellen und einer Floßfahrt durch das tosende Wasser. Die Fahrt war ungeheuer beliebt – so sehr, dass die Schlange der Wartenden oft bis zum Eingang des Kasinos reichte. Und kein Kasino, das etwas auf sich hielt, durfte zulassen, dass seine Besucher durch irgendetwas vom Spielen abgelenkt wurden. Das High Sierra nannte sich zwar „Resort and Casino“, aber jeder wusste, dass der Spielbetrieb an erster Stelle stand.

„Schicken Sie Hickock Drake eine E-Mail.“ Hickock war einer der Vizepräsidenten. „Er soll sich Carter Biles vornehmen.“ Carter Biles war der für das Unterhaltungsprogramm zuständige Direktor. „Viel zu viele Leute stehen in der Schlange, anstatt an den Spieltischen und Automaten. Carter soll den Preis für die Floßfahrt erhöhen, bis keiner ihn mehr zahlen will. Oder das verdammte Ding dichtmachen. Was auch immer. Die Schlange stört, und ich will sie weghaben.“

Und genau danach passierte es. Noch immer lächelnd hob Celia den Blick von ihrem Block. „Und ich möchte, dass Sie vor dem Treffen mit der Planungskommission noch mit …“

Den Rest bekam sie nicht mit, denn plötzlich schien die Welt stillzustehen. Es war wie in einem Fantasy-Film, in dem alle außer der Heldin zu Statuen erstarren.

Ja. Alle.

Einschließlich Aaron. Er saß in seinem handschuhweichen Ledersessel hinter dem Schreibtisch aus Chrom und Glas, vor einer Wand, die ein einziges großes Fenster war. Hinter und unter ihm erstreckte sich die Amüsiermeile von Las Vegas, der Strip, wie sie ihn hier nannten, ein modernes Mekka, ein Land mit Türmen und Burgen, Sphinxen und Zirkuszelten. Hinter dem Strip glitzerte die Traumstadt inmitten der Wüste.

Aber es war nicht Las Vegas, das Celia Tuttles Blick wie magisch anzog.

Es war Aaron.

Und schlagartig sah sie alles an ihm, jedes kleine Detail, gestochen scharf.

Groß, dachte sie, als wäre es eine Neuigkeit. Breitschultrig. Schlank. Ein markantes Gesicht. Schmal und kantig, mit einer Kerbe im energischen Kinn. Eine Nase, die scharf wie eine Klinge wäre, hätte er sie sich nicht irgendwann in seiner bewegten Vergangenheit gebrochen.

Er trug einen großartig sitzenden Designer-Anzug. Grau, aus edlem Tuch, von einem ultraexklusiven Schneider aus Manhattan. Ein weißes Hemd. Eine dunkelgraue Seidenkrawatte mit feinen schwarzen Streifen.

Seitlich vor Aaron stand sein Computer. Während er Celia Anweisungen gab, klickte er mit der Maus, den Blick zumeist auf den Schirm gerichtet. Nur ab und zu schaute er zu Celia hinüber. Was sah er auf dem Bildschirm? Vermutlich eine E-Mail, die sie würde beantworten müssen.

Aaron beschäftigte sich selten mit nur einer Sache gleichzeitig. Er arbeitete wie besessen. Er war erst vierunddreißig und schon Teilhaber und Präsident eines der besten Kasinos von Las Vegas.

In diesem Moment, in dem sein Bild sich ihr einbrannte, wurde es ihr bewusst.

Sie liebte ihn.

Und in dem Moment, als sie es sich eingestand, erwachte die Welt wieder zum Leben.

Irgendwo hinter der gläsernen Wand ertönte eine Sirene, und über den Bergen am Horizont zog ein silbrig glänzendes Flugzeug einen weißen Streifen über den blauen Himmel.

Und in dem riesigen Büro schaute Aaron wieder mit gerunzelter Stirn auf den Monitor und erteilte ihr zugleich weitere Anweisungen.

Dass sie gar nicht recht verstand, was er zu ihr sagte, war nicht so schlimm. Ihr Diktiergerät lief und zeichnete jedes Wort auf. Sie fühlte sich so … seltsam. Durcheinander. Verwirrt. Emotional vollkommen aus den Fugen.

Alles, was sie dachte, war: Wie kann das sein?

Sie und Aaron hatten eine strikt berufliche Beziehung. Eigentlich nahm er Celia nur dann richtig wahr, wenn sie ihren Job nicht perfekt machte – was, jedenfalls in den letzten zweieinhalb Jahren, so gut wie nie passierte.

Und es war ihr eigentlich immer ganz recht gewesen, dass sie keinerlei private Gespräche mit ihrem Boss führte. Aaron war ein fairer Chef. Sicher, er verlangte viel, und ein freies Wochenende war nur selten drin, aber dafür bezahlte er sie auch gut.

Und sie liebte ihren Job.

Aber ihren Chef liebte sie nicht. Jedenfalls hatte sie das vor etwa vierzig Sekunden noch nicht getan.

Andererseits hatte sie es vielleicht nur nicht gewusst. Vielleicht war die Liebe schon lange da gewesen, wie eine schleichende Erkältung, die sich über Wochen hinweg entwickelt und einen dann plötzlich voll erwischt?

Oh nein, dachte Celia und unterdrückte ein Aufstöhnen. Das war doch absolut lächerlich.

Okay, mit der Zeit hatte sie Aaron Bravo immer … sympathischer gefunden. Er war viel netter, als die meisten Leute glaubten. Und all diese Gerüchte über Aktienspekulation und unsaubere Geschäfte? Vollkommen falsch.

Sie arbeitete jetzt seit fast drei Jahren für ihn und war sich da ganz sicher. Er war ein ehrlicher Geschäftsmann, der einfach nur viel Glück hatte. Gut, ein paar seiner Investitionen waren riskant gewesen – Computerspiele und Immobilien. Aber sie hatten sich ausgezahlt und ihm den Einstieg in die lukrative Kasinobranche ermöglicht.

Zugegeben, sie war etwas nervös gewesen, als sie bei ihm anfing. Schließlich waren sie nur ein paar Querstraßen voneinander entfernt aufgewachsen. Oben im Norden, in New Venice, das nicht am Meer lag und keinen einzigen Kanal besaß, aber trotzdem so hieß wie die Lagunenstadt in Italien.

Celia war acht Jahre jünger als Aaron, aber sie war mit den Geschichten über die berühmt-berüchtigte Caitlin Bravo und ihre drei wilden, rauflustigen Söhne aufgewachsen.

Und ja, Aaron Bravo strahlte etwas Riskantes, Gefährliches aus. Aber genau das machte einen wesentlichen Teil seines Charmes aus. Er war ein Mann, mit dem man sich nur anlegte, wenn man bereit war, bis zum Äußersten zu kämpfen.

Er war zäh. Und kompromisslos. Das musste er sein, wenn er geschäftlichen Erfolg haben wollte. Aber im Grunde seines Wesens war er ein fairer und freundlicher Mensch.

Und sie war stolz darauf, dass sie für ihn arbeitete.

Aber Liebe?

Wie konnte das sein?

„Celia? Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Sie blinzelte. Aaron betrachtete sie – er nahm sie wahr, denn es war klar, dass sie ihren Job im Moment nicht besonders gut machte.

Sie warf einen Blick auf ihren Rekorder. Er lief, Gott sei Dank. Sie straffte die Schultern. „Ja. Alles in Ordnung. Wirklich.“

„Sicher? Sie sehen ein wenig …“

„Ehrlich, Aaron, es ist nichts. Es geht mir gut.“ Das war natürlich eine glatte Lüge, aber was hätte sie ihm sonst antworten sollen?

In diesem Moment meldete sich das Handy in seiner Tasche.

Vom Rundengong gerettet, dachte sie wie ein angeschlagener, fast zu Boden gegangener Boxer und seufzte innerlich auf.

Aaron klappte das Handy auf, sprach ein paar Sätze hinein und steckte es wieder ein.

Celia räusperte sich und zückte den Stift. „So. Wo waren wir?“

Sie machten sich wieder an die Arbeit.

Aber für Celia Tuttle war nichts mehr so wie vorher.

Die folgenden Stunden waren nichts als eine Qual. Jetzt, da sie es sich endlich eingestanden hatte, schien das Verlangen von Minute zu Minute stärker zu werden. Es tat weh, Aaron so nahe zu sein und mit ihm Termine durchzugehen, ohne dass er auch nur ein einziges Mal den Kopf hob und ihr ins Gesicht schaute.

Warum sollte sie das so sehr stören? Bisher hatte es das doch auch nie getan.

Aber plötzlich … sehnte sie sich nach irgendeinem Kontakt.

Und dann, wenn es dazu kam, schmerzte es fast so sehr, wie wenn es keinen gab.

Zum Beispiel, wenn seine Hand ihre streifte …

Das passierte dauernd, obwohl sie es bisher kaum bewusst registriert hatte. Er bat sie um etwas – eine Akte, einen Brief, einen Kaffee, schwarz – und sie brachte es ihm. Und wenn sie dazu in seine Nähe kam, berührte er ihren Handrücken oder das Handgelenk oder den Unterarm. Eine kurze Geste, nicht mehr als ein Hauch, ein kleines Dankeschön ohne Worte. So beiläufig, dass sie sich kaum daran erinnerte.

Nun ja, bis jetzt.

„Sind die Kostenvoranschläge für die Umgestaltung des Südturms schon gekommen?“ Die Hotelzimmer, die Attraktionen, das Kasino und die Veranstaltungssäle wurden dauernd renoviert, um immer wieder neue Gäste anzulocken.

Sie sagte ihm, wo er danach suchen sollte.

„Ich kann es nicht finden.“

Sie legte den Block hin und stellte sich hinter ihn, um auf den Bildschirm schauen zu können.

Oh nein. Er duftete gut. So sauber und frisch und … männlich. Sie hatte sein Aftershave immer gemocht. Und sein Haar. Es war kurz geschnitten, wellig, dunkelbraun, und wenn das Licht richtig fiel, glänzte es wie Gold. Und die Form seiner Ohren …

Er warf einen Blick über die Schulter, zog eine Braue hoch.

Ihr Herz schlug schneller, und sie befahl ihrem Gesicht, nicht tomatenrot zu werden.

„Hmm“, sagte sie. „Mal sehen …“ Sie legte die Hand auf die Maus. Zwei Klicks, und das Gesuchte erschien auf dem Monitor.

„Gut. Danke.“

Als sie die Hand zurückzog, berührte er sie – ganz kurz, eine flüchtige Geste der Anerkennung. Ihr stockte der Atem, aber sie ließ sich nichts anmerken. Ihre Haut brannte, wo seine Finger sie gestreift hatten. Sie wusste, dass es Aaron nichts bedeutete. Er tat es und vergaß es wieder.

Aber ihr bedeutete es plötzlich sehr viel. Sie spürte die Berührung bis in die tiefste Seele.

Celia zwang sich, um den Schreibtisch herumzugehen und zu ihrem Stuhl zurückzukehren. Sie nahm den Block und wartete darauf, dass er fortfuhr.

Während der nächsten zehn Minuten war die Situation nahezu unerträglich. Sie gingen seinen Terminplan durch, die restlichen Memos und Briefe, die er brauchte, und die Berichte, die sie ausdrucken und für die nächste Vorstandssitzung binden lassen musste.

„Und würden Sie etwas Schönes für Jennifer besorgen?“, sagte er, als sie zum Ende kamen. „Schließlich ist heute Valentinstag …“

Seine Bitte traf sie wie ein Stich ins Herz. Sie sollte etwas Schönes für Jennifer besorgen …

Jennifer Tartaglia tanzte und sang in der Show Gold Dust Follies, die jeden Abend im Excelsior Theater des High Sierra lief. Sie war halb kubanischer, halb italienischer Abstammung, sah absolut hinreißend aus und war außerdem noch eine sehr nette Frau. Bei ihrem ersten Besuch auf der Chefetage hatte sie darauf bestanden, Aarons Sekretärin zu begrüßen.

„Hallo, ich freue mich ja so, Sie kennenzulernen“, hatte sie mit einem strahlenden Lächeln gesagt. „Wie ich höre, kümmern Sie sich gut um Aaron.“

Sie gaben einander die Hand. „Ich tue mein Bestes.“

„Sie sind die Beste. Das hat er mir erzählt.“ Noch immer lächelnd warf Jennifer ihre honigblonde Mähne über die Schulter und ging davon. Celia starrte ihr nach. Jennifer Tartaglias Rückansicht war wirklich sehenswert, vor allem in Bewegung.

Celia mochte das Showgirl. Jennifer war gut für Aaron – nicht, dass die Beziehung etwas Ernsthaftes war. Das war eine Beziehung bei ihm nie.

Aaron Bravo genoss die Frauen, und ein Mann in seiner Position konnte sich einige der Schönsten, Begabtesten und Verführerischsten der Welt aussuchen. Aber keine davon war lange bei ihm geblieben. Er schenkte ihnen immer Diamanten, ein Armband oder eine Halskette – wenn es zu Ende war. Irgendwann, das war Celia klar, würde sie auch für Jennifer Diamanten besorgen müssen.

Er war mit seiner Arbeit verheiratet. Und so beschäftigt, dass er seine Assistentin damit beauftragen musste, seiner jeweiligen Freundin ein Geschenk zu kaufen – wie heute zum Valentinstag zum Beispiel.

„Etwas Schönes für Jennifer“, wiederholte Celia wie ein Papagei.

Er runzelte wieder die Stirn. „Sind Sie ganz sicher, dass alles in Ordnung ist?“

„Ja, das bin ich. Absolut. Kein Problem. Ehrlich.“

Eine Stunde später verließ Celia das Kasino, um das Geschenk für Jennifer zu besorgen. Sie fand eine herzförmige Brosche mit Rubinen in einer der Edelboutiquen in Caesar’s Forum Shops. Das High Sierra hatte zwar seine eigenen exklusiven Läden im großen Innenhof zwischen dem Kasino und dem 3000-Betten-Hotel. Aber dort kaufte Celia niemals die Geschenke, die ihr Chef seinen Freundinnen machte. Es erschien ihr angemessener, „persönlicher“, es außerhalb seines Reichs zu tun.

Aber er suchte sie ja nicht einmal selbst aus. Wie persönlich konnten sie da sein?

Sie kaufte die Brosche und zeigte sie Aaron.

„Großartig, Celia. Sie wird sie lieben.“

Tränen schnürten ihr die Kehle zu, als sie die Schatulle einwickelte. Aber sie weinte nicht, sondern schluckte die Tränen hinunter.

Es war erst sechs Stunden her, dass ihr bewusst geworden war, wie sehr sie ihn liebte. Sie konnte es sich nicht leisten, gleich am ersten Tag schon wie ein Baby zu flennen, oder? Und vielleicht, so dachte sie, während sie in das rote Satinband eine Schleife machte, geht es ja auch wieder vorbei. Bald.

Bitte, flehte sie zum Himmel. Lass es bald vorbei sein …

Aber ihr Gebet wurde nicht erhört, jedenfalls nicht in der Woche darauf. Die Tage vergingen, und das Verlangen nahm nicht ab. Kein bisschen.

Irgendwie schaffte sie es, deswegen nicht die Fassung zu verlieren. Wenigstens ahnte er nichts. Da war sie sicher. Und ein wenig war sie sogar stolz darauf, dass sie vor ihm verbergen konnte, was sie für ihn empfand.

Sicher, manchmal warf er ihr einen erstaunten Blick zu. Als wüsste er, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Aber sie machte ihre Arbeit, und er fragte sie nie wieder, wie es ihr ging.

Leider wurde es immer schlimmer. Alltägliche Dinge, die sie bisher immer kaltgelassen hatten. Zum Beispiel, als sie ihm durch seine Suite folgte und vor seinem Mittagessen mit den Direktoren letzte Anweisungen empfing – während er sich bis zur Hüfte auszog und das Oberhemd wechselte.

Sie versuchte, nicht auf seinen muskulösen Rücken zu starren und sich nicht vorzustellen, wie es wäre, seine kräftigen Arme um sich zu fühlen. Und seinen Mund auf ihrem …

Es war schrecklich. Mindestens fünfzig Mal hatte sie ihm zugesehen, während er ein frisches Hemd anzog. Noch nie hatte sie es als Folter empfunden. Bis jetzt.

Ihr Leben war so eng mit seinem verbunden. Sie wohnten beide dort, wo sie arbeiteten. Aaron hatte ein Penthouse, Celias Zimmer waren natürlich kleiner und lagen mehrere Stockwerke unter seinen.

Sie hatte es immer geliebt, hier zu wohnen. Das Leben im Kasino war voller Glamour und Aufregung. Es war eine eigene Welt, in der man essen, schlafen, arbeiten und sich vergnügen konnte, ohne die Anlage jemals zu verlassen.

Celia war ein zurückhaltender Mensch, aber seit sie für Aaron arbeitete, hatte sie das Gefühl, dass sein glitzernder Lebensstil ein wenig auf sie abfärbte. Als junges Mädchen war sie schüchtern gewesen – nicht unattraktiv, aber niemand, nach dem die Jungs sich umdrehten. Sie stammte aus einer großen Familie, war das vierte von sechs Kindern. Ihre Eltern waren immer gut zu ihr gewesen, aber so viele Geschwister hatten um ihre Zuneigung konkurriert. Celia fühlte sich Jane Elliott und Jillian Diamond, ihren beiden besten Freundinnen, näher als ihren Brüdern und Schwestern.

Nach ihrem Abschluss in Betriebswirtschaft hatte sie erst für einen Wirtschaftsprüfer in Sacramento und dann für einen seiner Klienten, den Moderator einer morgendlichen Talkshow im Lokalfernsehen, gearbeitet.

Celia hatte den Job geliebt. Er war perfekt für sie gewesen. Sie hatte sich um die Korrespondenz und die Buchhaltung gekümmert, um die Einkäufe und die spontanen Dinnerpartys für illustre Gäste. Kein Tag war wie der vorherige gewesen.

Ihr damaliger Chef hatte eine Reportage über das High Sierra gemacht, und Aaron hatte sich zu einem Interview bereit erklärt. Hin und wieder war er bei den Dreharbeiten im Kasino aufgetaucht – und hatte sich später an das Mädchen aus seiner Heimatstadt erinnert.

Zwei Monate danach wechselte der Talkmaster zu einem Sender in Philadelphia. Celia hätte ihn dorthin begleiten können, aber sie entschied sich dagegen.

Aarons Personalabteilung lud sie zu einem Bewerbungsgespräch ein. Sie flog nach Las Vegas, und er engagierte sie vom Fleck weg.

„Sie sind genau das, worauf ich immer gewartet habe, Celia“, sagte er. „Effizient. Sachlich. Diskret. Intelligent. Und dann auch noch aus meiner Heimat. Das gefällt mir.“

Von Anfang an war es eine äußerst erfolgreiche Arbeitsbeziehung gewesen – auf unpersönliche Weise intim, so hatte Celia sie immer gesehen. Aaron konnte sich jederzeit auf sie verlassen. Inzwischen verdiente sie zweimal so viel wie zu Beginn. Ihr Job gefiel ihr. Sie fand sich nicht mehr schüchtern, sondern reserviert. Gelassen. Unerschütterlich.

Sie war das ruhige Auge in jedem Sturm, der sich im Kasino zusammenbraute. Aaron verließ sich darauf, dass sie seine Termine organisierte, seine Briefe schrieb und seine persönlichen Angelegenheiten so regelte, dass es keinerlei Probleme gab. Und genau das tat sie. Mit großem Geschick und Erfolg. Sie war eine angesehene, zufriedene Karrierefrau – bis sie sich in ihren Chef verlieben und dadurch alles ruinieren musste.

Denn plötzlich war alles anders. Aaron Bravo faszinierte und erregte sie in jeder Hinsicht. Ein Blick, eine Geste, eine flüchtige Berührung genügte, und sie schmolz dahin.

Am vierten Tag war sie so verzweifelt, dass sie daran dachte, ihm ihre Gefühle zu offenbaren.

Aber wozu? Um alles noch schlimmer zu machen? Um ihre Erniedrigung komplett zu machen? Denn wenn er interessiert wäre, und sei es auch nur ein wenig, hätte er ihr doch längst irgendein winziges Zeichen gegeben, oder?

Sie sagte ihm nichts.

Am sechsten Tag fragte sie sich, ob sie das Unmögliche tun und kündigen sollte.

Doch das tat sie auch nicht.

Stattdessen hoffte sie inständig, dass es irgendwie besser werden würde.

Der siebte Tag verging, und es wurde nicht besser.

Und dann, am achten Tag, bekam Celia einen Anruf von ihrer Freundin Janice aus New Venice.

Es war nach Mitternacht. Celia hatte gerade ihr Apartment betreten. Am Nachmittag war eine Gruppe japanischer Geschäftsleute angekommen. Wichtige Leute. Die Art, die sich nichts dabei dachten, jeden Tag eine Million Dollar an den Spieltischen zu lassen.

Aaron hatte mit ihnen zu Abend gegessen und Celia vorher gebeten, ihnen Gesellschaft zu leisten. Sie hatte neben ihm gesessen und sich um all das gekümmert, was die Kellner und das andere Hotelpersonal nicht für ihn erledigen konnten.

Das Telefon läutete, gerade als sie ihr Wohnzimmer betrat. Sie eilte hinüber und nahm ab.

Und hörte die vorwurfsvolle Stimme ihrer Freundin. „Erwiderst du denn keine Anrufe mehr?“, fragte Jane ohne Vorrede.

Celia klemmte sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter und schob den Daumen unter den Riemen ihrer eleganten schwarzen Sandalette. „Tut mir leid.“ Seufzend streifte sie erst den einen, dann den anderen Schuh ab und ließ sich auf die Couch fallen. „Hier war die Hölle los.“

„Das sagst du doch immer.“

„Na ja, hier ist eben immer die Hölle los.“

„Ich denke, du liebst deine Arbeit?“

Vor ihrem geistigen Auge sah Celia Aaron vor sich. „Stimmt“, erwiderte sie. „Das tue ich.“

„Okay, was ist los?“

„Gar nichts.“

„Das kam viel zu schnell, um wahr zu sein.“

„Jane. Ich liebe meinen Job. Das ist keine Neuigkeit.“ Zu schade, dachte sie, dass ich auch meinen Chef liebe – der mich nicht liebt. „Was gibt es denn?“

„Bist du sicher, dass es dir gut geht?“

„Ja. Was gibt es?“

Jane zögerte. Celia sah sie vor sich, in dem prächtigen Himmelbett in dem wunderschönen viktorianischen Schlafzimmer im Queen-Anne-Stil, das sie von ihrer über alles geliebten Tante Sophie geerbt hatte. Bestimmt lehnte sie sich gegen das hohe Kopfende, Kissen im Rücken, die wilde, fast schwarze Lockenpracht war zu einem einzelnen Zopf geflochten. Und natürlich lag ihre Stirn in Falten, während sie schwankte, ob sie zum Grund ihres Anrufs kommen oder Celia über ihre seltsame Einstellung zum Beruf ausfragen sollte.

„Komm nach Hause“, sagte Jane schließlich. „An diesem Wochenende.“

Celia lehnte sich zurück und starrte auf die in die Decke eingelassenen Leuchten. „Das kann ich nicht, und du weißt, dass ich es nicht kann.“

Ihre Freundin schnaubte. „Das weiß ich keineswegs. Du arbeitest zu hart. Du gönnst dir nie eine Pause.“

„Es ist Donnerstag. Zu Hause ist fünfhundert Meilen entfernt.“

„Genau deshalb haben sie Flugzeuge erfunden. Ich hole dich morgen Abend in Reno ab. Sag mir einfach, wann du landest.“

„Jane …“

„Wir werden Wein trinken. Und ein prasselndes Feuer im Kamin machen. Das Tal ist wunderschön. Wir haben Schnee. Gerade genug, um es wie eine Ansichtskarte aussehen zu lassen. Jilly kommt auch.“

Jilly Diamond, Celias andere beste Freundin, lebte inzwischen in Sacramento, Kalifornien, und kam fast so selten nach Hause wie sie.

„Und ich mache uns etwas zu essen.“ Jane war eine ausgezeichnete Köchin. „Komm schon, Ceil. Du warst schon viel zu lange nicht mehr hier, das weißt du. Irgendwann musst du mal die Arbeit ruhen lassen, eine Pause machen und deine alten Freunde besuchen. Nur für ein oder zwei Tage.“

Celia schwang die Beine auf die Couch und hielt sich den Hörer ans andere Ohr. Warum eigentlich nicht? Seit Monaten hatte sie sich kein freies Wochenende mehr gegönnt. Und im Moment hatte sie dringend eins nötig. Ja. Ein Ortswechsel, eine kurze Zeit ohne Aaron, eine kurze Abkehr von dem hoffnungslosen Verlangen.

„Celia Louise?“, sagte Jane eindringlich.

„Ich bin noch dran – und ich komme nach Hause.“

Jane stieß einen Freudenschrei aus. „Wirklich? Meinst du das ernst?“

„Ich buche gleich einen Flug und schick dir meine Ankunftszeit per E-Mail. Aber du brauchst mich nicht abzuholen.“

„Es macht mir nichts aus.“

„Vergiss es. Ich nehme mir einen Mietwagen. Kein Problem.“

„Ich nehme dich beim Wort“, sagte Jane streng. „Dieses Mal sagst du nicht wieder in letzter Minute ab.“

„Keine Sorge. Ich werde da sein. Morgen Nachmittag. Versprochen.“

„Ich erwarte dich.“

Celia legte auf und eilte in ihr Loft-Büro, wo sie über das Internet einen Flug buchte – bevor sie darüber nachdenken konnte, was Aaron von ihrem spontanen Kurzurlaub halten würde.

Sie schickte Jane die zugesagte E-Mail mit den Flugzeiten und bekam kurz darauf eine Antwort: Da du selbst fahren willst, werde ich einfach bis sechs im Geschäft bleiben.

Jane hatte eine Buchhandlung im Herzen von New Venice. Direkt neben dem Highgrade, der Mischung aus Café, Saloon und Geschenkboutique, die Caitlin Bravo, Aarons Mutter, seit über dreißig Jahren betrieb.

Celia starrte auf den Bildschirm und erinnerte sich …

Aaron und seine Brüder hatten sich immer an der Hauptstraße herumgetrieben. Sie alle halfen ab und an im Highgrade aus – entweder in der Boutique oder im Café, wo sie kellnerten oder sogar Hamburger brieten. Die Leute in der Stadt sagten, dass die drei Jungs den stabilisierenden Einfluss einer Vaterfigur brauchten, dass sie genau das mit einer Mutter wie Caitlin Bravo jedoch nie bekommen würden.

Dauernd gerieten sie in Schwierigkeiten oder erschienen einfach nicht pünktlich zur Arbeit im Highgrade. Jedes Mal explodierte Caitlin und feuerte sie. Dann trafen sie sich auf der Straße mit den anderen wilden Jugendlichen der Stadt – bis es erst zu einem Streit und dann zu einer Prügelei kam. Wenn das geschah, kam ihre Mutter aus dem Saloon gestürmt, trennte die Gegner und stellte ihre Söhne auf der Stelle wieder ein.

Celia war acht gewesen, als sie sich das Fahrrad ihrer großen Schwester ausgeliehen und zur Hauptstraße gefahren war. Es hatte große Räder mit dünnen Rennreifen, und sie hatte es sich genommen, ohne Annie um Erlaubnis zu fragen. Aber Annie war in der Highschool, beim Cheerleader-Training. Wenn sie nach Hause kam, würde das Fahrrad längst wieder auf der Veranda an der Seite des Hauses stehen.

Mit ihren kurzen Beinen kam Celia kaum an die Pedale, und daher war es eine ziemlich schwankende Fahrt. Unsicher bog sie auf die Hauptstraße ein – und verlor direkt vor dem Highgrade das Gleichgewicht und fiel um. Das Fahrrad landete auf ihr, und sie schürfte sich Knie und Handflächen auf, als sie den Fall zu bremsen versuchte.

Ihre Beine hatten sich im Rahmen verfangen. Verzweifelt versuchte sie, sich zu befreien. Sie schaffte es nicht und wurde immer hektischer. Sie war kurz davor, zu vergessen, dass sie schon acht war, und in Tränen auszubrechen, da tauchte vor ihren Augen ein Paar staubiger Stiefel auf.

Sie schaute an zwei langen Beinen in verwaschenen Jeans hinauf, vorbei an einem schwarzen T-Shirt und in das Gesicht des ältesten der schlimmen Bravo-Jungs. Aaron.

Er ging vor ihr in die Hocke. „He, bist du okay?“

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Also kniff sie die Lippen zusammen und setzte eine tapfere Miene auf, um ihm zu zeigen, dass sie keine Angst vor ihm hatte und nicht weinen würde.

„Komm, ich helfe dir“, sagte er. Dann nahm er ihre Arme und zog sie behutsam unter dem Fahrrad hervor. Bevor sie ihn anschreien konnte, dass er sie loslassen sollte, stand sie auf den Beinen.

Er hielt sie noch einen Moment fest, um sicher zu sein, dass sie nicht verletzt war und allein stehen konnte. Danach bückte er sich nach dem Fahrrad und hob es auf. „Hier.“

Sie wollte ihm antworten, aber ihre Zunge war wie gelähmt. Sie wusste, wenn sie jetzt etwas zu sagen versuchte, würde es sich ziemlich komisch anhören. Sie wollte sich nicht noch mehr blamieren, also nickte sie nur.

Er runzelte die Stirn. „Bist du sicher, dass dir nichts passiert ist?“

Sie nickte wieder.

„Vielleicht solltest du dir ein kleineres Fahrrad besorgen …“

Auf ihrem Bildschirm blinkte der Cursor, und Celia befahl ihrem Verstand, in die Gegenwart zurückzukehren und Janes Nachricht zu Ende zu lesen.

Der Schlüssel liegt dort, wo er immer liegt, schrieb ihre Freundin.

Ich freue mich darauf, dich wiederzusehen, antwortete sie.

Dann schaltete sie den Computer aus und ging zu Bett. Sie schlief nicht sehr gut, sondern zerbrach sich den Kopf darüber, wie Aaron reagieren würde, wenn sie ihm sagte, dass sie um vier am Flughafen sein musste.

Er verließ sich auf sie. Vielleicht würde er wütend auf sie sein, weil sie sich so kurzfristig freinahm. Schließlich kam es oft vor, dass er sie auch am Wochenende brauchte.

Na ja, wenn er nicht auf sie verzichten konnte, würde sie eben den Flug stornieren, Jane anrufen und …

Ruckartig setzte Celia sich auf. „Was um alles in der Welt ist los mit mir?“

Sie ließ sich wieder auf die Matratze fallen.

Natürlich würde sie nicht absagen. Sie hatte ihrer besten Freundin ihr Wort gegeben und würde es nicht brechen.

Und mit welchem Recht konnte Aaron ihr böse sein? Sie hatte an zahllosen Wochenenden gearbeitet und sich nie beklagt.

Sie würde am Freitag nach Hause fliegen. Basta. Gleichgültig, was Aaron davon hielt.

2. KAPITEL

Wie sich zeigte, hätte Celia sich nicht die Nacht um die Ohren schlagen und sich so viele Gedanken zu machen brauchen.

Aaron starrte auf seinen Bildschirm, als sie ihm sagte, was sie vorhatte. „Hmm“, erwiderte er. „Sie sind bis vier hier?“

„Nun ja, eigentlich müsste ich so gegen drei los.“

„Gegen drei …“ Er runzelte die Stirn und drückte ein paar Tasten. „Kein Problem. Sie haben sich ein paar freie Tage verdient. Geht es Ihren Eltern gut?“

„Meine Eltern leben nicht mehr in New Venice. Meine ganze Familie ist inzwischen weggezogen. Erinnern Sie sich? Ich habe Ihnen erzählt, dass meine Eltern im letzten Jahr nach Phoenix gezogen sind.“

„Ja, richtig. Das haben Sie.“ Er tippte noch etwas ein, und Celia wusste, dass er ihr gar nicht richtig zugehört hatte. Wenn sie das nächste Mal nach Hause fuhr, würde er sie wahrscheinlich bitten, ihre Mom und ihren Dad von ihm zu grüßen.

„Ich werde bei meiner Freundin Jane Elliott wohnen“, verkündete sie fröhlich – als ob es ihn interessieren würde.

„Jane. Die Tochter des Bürgermeisters, nicht wahr?“

Die Elliotts waren so etwas wie die Aristokratie von New Venice. Janes Vater war Richter wie sein Vater vor ihm.

„Nein“, sagte Celia. „Janes Onkel, J. T., ist Bürgermeister.“

Ohne den Blick vom Monitor zu nehmen, zog Aaron einen Winkel seines hinreißenden Mundes hoch. „J. T. Elliott. Ihr Onkel. Schon begriffen.“

J. T. Elliott war früher der County Sheriff gewesen. Wenn Celia sich recht erinnerte, hatte er Aaron mehr als einmal in seine Zelle gesperrt. Und wenn nicht Aaron, dann sicher seinen kleinen Bruder Cade, der der wildeste der drei Bravo-Jungs gewesen war.

„Also ist es okay, wenn ich fliege?“

„Natürlich. Machen Sie sich eine schöne Zeit.“

Dass es ihm nichts ausmachte, sie gehen zu lassen, war fast noch schlimmer, als wenn er ihr den Urlaub verweigert und darauf bestanden hätte, dass sie das Wochenende im Büro verbrachte.

Innerlich schüttelte Celia über sich selbst den Kopf. Sie hatte bekommen, was sie wollte, und sollte sich darüber freuen.

Sie arbeitete bis halb drei, fuhr zum Flughafen und saß um kurz nach fünf in der Maschine nach Reno.

Die zweite Flasche Chianti war schuld. Hätten sie nur eine getrunken, hätte Celia vermutlich den Mund halten können.

Aber es war ein so perfekter Abend. Sie drei waren wieder zusammen, wie in den alten Zeiten, seit dem ersten gemeinsamen Tag im Kindergarten und die ganze Highschool hindurch.

Jane hatte gekocht. Italienisch. Etwas mit Engelshaarpasta, viel Knoblauch und in der Sonne getrockneten Tomaten. Nach dem Essen streiften sie die Schuhe ab und machten es sich vor dem großen Kamin im Wohnzimmer bequem. Aus der Stereoanlage kam leise Musik, irgendeine rauchige Stimme, die wunderbare Jazzsongs interpretierte.

Jillian hob ihr Glas und trank auf ihre Freundschaft. Die anderen beiden Frauen schlossen sich dem an. Sie waren drei nette Mädchen aus einer Kleinstadt, die in der Schule fleißig gewesen waren und gute Noten bekommen hatten – aber leider keinen Busen, jedenfalls nicht so früh, wie sie ihn sich gewünscht hätten. Mit zwölf hatte Jillian plötzlich Formen angenommen, um die sie selbst die beliebtesten Mädchen auf der Mark Twain Highschool beneideten, einschließlich der Achtklässlerinnen.

Sie waren nie besonders rebellisch gewesen. Ja, Jane, Jillian und Celia waren brave Mädchen gewesen und hatten sich mit harmlosen Streichen begnügt. Von Rebellion hatten sie nur geträumt – jedenfalls bis zum letzten Schuljahr, in dem Jane mit Rusty Jenkins nach Reno durchgebrannt war und ihn dort auch noch geheiratet hatte.

Die Ehe war eine echte Katastrophe gewesen. Rusty hatte sich andauernd Ärger eingebrockt, richtigen Ärger, und es drei Jahre später sogar geschafft, sich bei einer Messerstecherei umzubringen. Seitdem ging Jane kein Risiko mehr ein und tat nichts, was auch nur rebellisch anmutete.

Mit zweiundzwanzig hatte auch Jillian sich als Ehefrau versucht. Ihr Mann hatte ein Problem mit der Treue – wovon er ihr vor der Hochzeit natürlich nichts gesagt hatte. Aber schon bald hatte sich herausgestellt, dass Benny Sinnerson sich keine Fesseln anlegen ließ. Die Ehe hatte etwas über ein Jahr gedauert.

„Auf uns“, rief Jane. Celia tat es ihr nach. Dann stießen sie mit den Gläsern an und tranken.

Jillian nahm sich ein saphirblaues Kissen von der Couch, schob es sich in den Rücken und lehnte sich gegen einen Sessel. „Und? Was macht die Baustelle nebenan?“, fragte Jillian.

Vor sechs Monaten hatte Cade Bravo das Nachbarhaus gekauft. Seitdem war er dabei, es zu renovieren.

Jane nippte am Wein. „Wer weiß? Wahrscheinlich wird er gar nicht einziehen.“

„Wie kommst du darauf?“, erwiderte Jillian. „Ist er etwa nie da?“

„Doch, er ist da. Hin und wieder jedenfalls. Das Dach ist neu gedeckt, und die Fassaden sind frisch gestrichen. Und ab und zu höre ich es drinnen hämmern. Ich würde sagen, die Renovierung schreitet voran.“

„Ich möchte wissen, warum er sich ausgerechnet hier ein Haus gekauft hat“, meinte Jillian. „Ich habe gehört, dass er eine riesige Villa in Vegas hat. Und eine in Tahoe, richtig? Was kann New Venice ihm bieten, was er in Vegas oder Tahoe nicht bekommt? Und warum ein altes Haus? Cade Bravo ist nicht gerade ein Heimwerkertyp.“

„Vielleicht sucht er das Zuhause, das er nie wirklich hatte“, überlegte Jane. „Die Sehnsucht nach einem einfacheren, nicht so hektischen Leben.“

Jillian tat, als würde sie sich an ihrem Wein verschlucken. „Natürlich. Ausgerechnet Cade Bravo. Niemals!“

Jane zuckte mit den Schultern. „War ja nur eine Vermutung.“

„Und da wir gerade von den Bravos reden …“ Jillian wackelte mit den Augenbrauen. „Man munkelt, dass Caitlin einen neuen Freund hat.“

„Könnte sein“, sagte Jane.

Jillian kicherte. „Komm schon, Janey. Wer ist er? Was ist er für ein Typ?“

„Sein Name ist Hans. Ich habe ihn in Caitlins schwarzem Chevy durch die Stadt fahren sehen.“ Den Chevy hatte Caitlin schon, so lange Celia sich erinnern konnte. Sie sorgte dafür, dass er stets in tadellosem Zustand war. Er sah aus wie der, in dem Burt Reynolds in den Siebzigerjahren über die Kinoleinwände gerast war. „Und im Buchladen war er auch schon“, berichtete Jane.

„Und?“

„Klingt wie Arnold Schwarzenegger. Sieht auch so aus. Jedenfalls vom Hals abwärts. Langes blondes Haar, viele Muskeln, das ist Hans. Erinnert ihr euch noch an Fabio, ihren Latin Lover? Na ja, Hans ist eine Kombination aus Arnold und Fabio. Und er kauft Bücher über Körperkultur und Vitamine.“

„Ein Gesundheitsfreak.“

„Könnte sein.“

„Wie alt?“

Jane setzte eine tadelnde Miene auf. „Also wirklich, Jilly. Dir läuft ja schon das Wasser im Mund zusammen.“

Jillian lachte. „Warum auch nicht? Ich wette, er ist verdammt gut im Bett.“

Jane zuckte mit den Schultern. „Die gute Caitlin hat schon immer jüngere Männer bevorzugt.“ Sie stand auf. „Ich hole uns noch eine Flasche.“

Celia starrte in ihr fast leeres Glas, dachte an Aaron und ärgerte sich über ihr beharrliches Selbstmitleid. Alles erinnerte sie an ihn. Sie arbeitete für ihn, und sie kamen aus derselben Kleinstadt, in der jeder nur zu gern über seine Mutter sprach. Und jetzt wurde sein Bruder der Nachbar ihrer besten Freundin …

„Was ist mit dir, Celia Louise?“, fragte Jillian.

Celia hob den Kopf. „Hm?“

„Ich habe gefragt, was mit dir ist.“

Sie setzte sich aufrechter hin und versuchte, unbeschwert zu klingen. „Nicht viel. Arbeit, wie immer.“

Julia warf ihr einen Blick von der Seite zu. „Nein, ich meine, was jetzt in diesem Moment mit dir ist. Du warst so still.“

„Darf man nicht still sein?“

„Das kommt darauf an, was für eine Art von Stille es ist. Du bist heute Abend … auffallend still. Irgendetwas ist mit dir los.“

„Glaubst du?“

„Ja, das tue ich.“

Celia legte die Stirn in Falten, als würde sie ernsthaft darüber nachdenken, ob mit ihr etwas „los“ war. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, mit mir ist alles okay. Ehrlich. Ich … freue mich einfach nur, hier zu sein.“

„Oh, du Lügnerin“, entgegnete Jillian.

Jane kehrte mit der dickbauchigen, in Stroh gewickelten Chiantiflasche zurück. „Sie hat gesagt, dass sie nichts hat, habe ich recht?“

„Hast du“, bestätigte Jillian.

„Sie hat etwas“, sagte Jane. „Aber sie verrät es uns nicht.“

Erwartungsvoll sahen die beiden Freundinnen Celia an. Aber sie schwieg.

Schließlich zuckte Jane die Achseln. „Möchte noch jemand von diesem leckeren Chianti?“

Celia und Jillian hielten ihr die Gläser hin, und Jane füllte sie. Dann machten sie es sich wieder bequem, starrten eine Minute lang ins Feuer und lauschten Tom Jones, der gerade davon sang, dass er sein Herz in San Francisco verloren hatte.

„Kein schlechter Ort für ein Herz“, sagte Jane leise.

Jillian seufzte.

Celia nahm einen Schluck, schob einige Kissen zwischen sich und die Wand und lehnte sich zurück.

„Wie läuft das Geschäft mit den Büchern?“, fragte Jillian und prostete Jane zu.

„Nicht schlecht.“ Janes dunkle Augen leuchteten, während sie über ihren Laden sprachen. „Meine Lesungen locken viel Kundschaft an.“ Fast jede Woche lud sie einen Autor ein, der aus seinem neuesten Werk las, es signierte und Fragen seiner Leser beantwortete. „Auch die Vorlesestunden für Kinder sind ein Erfolg. Sie finden samstags um zehn und am Donnerstagabend um sieben statt. Und dann die Lesegruppen für Erwachsene. Im Moment habe ich vier davon, und manchmal lade ich sie zu einem Abend mit Kaffee oder Tee ein. Und Musik – Harfe oder Gitarre. Die Leute lieben so etwas. Meine Kundschaft wächst. Im Sommer kommen die Touristen, und im Winter nutzen die Einheimischen den Laden als Treffpunkt.“

„Da wir gerade dabei sind – warum lädst du mich nicht einmal zu einer Lesung ein?“, meinte Jillian. „Ich bin jetzt auch Schriftstellerin, mehr oder weniger jedenfalls.“

Jane lächelte. „Ich dachte schon, du fragst mich nie. Wie wäre es im nächsten Monat? Du könntest über deine Kolumne reden und den Zuhörern einige hilfreiche Tipps geben. Zu ihrer Garderobe und zu den Sachen, die in dieser Saison einfach unverzichtbar sind.“

Jillian hatte ihr eigenes Geschäft – Image by Jillian. Sie half Führungskräften und kleineren Berühmtheiten dabei, ihre Garderobe etwas modischer und eleganter zu gestalten. Für diejenigen, die keine individuelle Stilberatung wünschten, hielt sie Seminare ab. Außerdem schrieb sie eine Ratgeberkolumne in der Sacramento Press-Telegram.

Celia nippte an ihrem Wein und spürte, wie sie immer sentimentaler wurde, während ihre Freundinnen über ihre Arbeit sprachen. Sie war wirklich froh, dass sie hergekommen war. Das hier war genau das, was sie brauchte – an Janes flackerndem Kamin sitzen und sich mit Chianti einen leichten Schwips antrinken.

Und ich brauche die Wahrheit, dachte sie mit plötzlicher Einsicht. Die Wahrheit. Ja, genau die brauche ich. Ich muss ehrlich sein und über meine Gefühle reden – und mit wem könnte ich das besser als mit meinen beiden besten Freundinnen?

Also holte sie tief Luft. „Nun ja, die Wahrheit ist, ich habe mich in Aaron Bravo verliebt.“

3. KAPITEL

Jillian, die ihnen gerade von raffiniert geschnittenen Röcken aus leichten, fließenden Stoffen vorschwärmte, klappte mitten im Satz den Mund zu. Jane drehte sich zu Celia um und starrte sie verblüfft an.

Celia nahm noch einen großen Schluck Wein.

„Du spinnst“, sagte Jillian nach mehreren Sekunden verblüfften Schweigens. Dann lachte sie lauthals, verstummte jedoch jäh. „Nein, du spinnst nicht“, flüsterte sie schließlich.

„Nein, das tue ich nicht. Leider. Ich liebe ihn.“ Celia schaute in ihr Glas und rümpfte die Nase. „Vielleicht bin ich schon dabei, meine Sorgen zu ertränken …“

Jane nahm ihr das Glas aus der Hand.

„He“, protestierte Celia ohne besonderen Nachdruck.

Jane rutschte zum Couchtisch, stellte das Glas darauf ab und kehrte zu dem Nest aus Kissen zurück, das sie sich auf dem handgewobenen lapislazuliblauen Teppich vor dem Kamin gebaut hatte.

„Weiß er es?“, fragte Jillian.

Nein, dachte Celia entsetzt. Und hier kommen auch schon wieder diese ärgerlichen Tränen …

Sie durfte jetzt nicht weinen. Hastig sprang sie auf und schaute zu ihren Freundinnen hinunter. Sie schluckte. Zwei Mal. Nach einem Moment entspannte sich ihre Kehle weit genug, dass sie sprechen konnte. „Er hat keine Ahnung.“

„Oh, Honey“, rief Jillian und griff nach Celias linker Hand. Jane nahm die rechte, und mit einem leisen Schluchzen ließ Celia sich wieder nach unten ziehen. Es tat so gut, von ihren Freundinnen umarmt zu werden.

Jane gab ihr das Weinglas zurück. „Aber halt dich damit zurück.“

„Versprochen. Das ist mein letztes. Ich habe nicht vor, meine Sorgen in Wein zu ertränken.“

„Gut.“ Jane nahm im Schneidersitz vor dem Kamin Platz und drapierte ihren langen Rock über die Beine. „Okay. Heraus damit. Sprich mit uns. Erzähl uns alles.“

Celia beschrieb den beiden, wann und wie sie sich ihrer Liebe zu Aaron Bravo bewusst geworden war.

„Augenblick mal“, sagte Jillian. „Soll das heißen, du hast all die Jahre für ihn gearbeitet und hast ihn nur … nett gefunden, mehr nicht?“

„Nett? Ich weiß nicht, ob mir gerade das Wort einfällt, wenn ich an Aaron Bravo denke.“

Ungeduldig schnalzte Jillian mit der Zunge. „Findest du nicht, dass dein neues Gefühl für ihn etwas plötzlich kommt? Aus dem Nichts heraus entsteht in dir auf einmal Liebe? Ausgerechnet am Valentinstag?“

Celia nickte. „Ja.“ Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein.“ Sie schaute zur Decke. „Ach, ich weiß es doch auch nicht.“

„Dann ist ja alles klar.“

„Jilly, ich kann nicht sicher sein, ob es wirklich am Valentinstag angefangen hat. Vielleicht … liebe ich ihn auch schon seit Monaten. Oder Jahren. Aber wenn, weiß ich es erst seit einer Woche.“

Jillian wolle etwas erwidern, doch Jane warf ihr einen Blick zu, und sie schloss den Mund wieder.

„Erzähl weiter“, bat Jane.

Celia schüttete ihr Herz aus. „Er nimmt mich gar nicht wahr. Nicht als ganze Person. Und erst recht nicht als Frau. Ich bin für ihn ein … Arbeitsmittel. Und das schmerzt. Sehr sogar. Ich weiß, wie unsinnig das Ganze ist. In meiner Stellenbeschreibung steht nichts davon, dass ich mich in ihn verlieben soll. Er hat mich als Sekretärin und Assistentin eingestellt. Nicht als Geliebte. Als die braucht er mich wahrlich nicht. Da hat er die freie Auswahl.“

Jane nickte grimmig. „Unter den Showgirls?“

„Ja, richtig. Und es sind nette Showgirls. Das macht es irgendwie noch schlimmer. Ich kann meine Rivalinnen nicht einmal verachten – nicht, dass ich für sie eine Konkurrenz wäre.“

„Meinst du, er könnte …“ Jillian suchte nach dem richtigen Wort, „interessiert sein, wenn du es ihm sagst?“

Celia presste die Lippen zusammen, unterdrückte die erneut aufsteigenden Tränen und schüttelte den Kopf.

„Bist du dir ganz sicher?“

Jane mischte sich ein. „Wie kann sie es denn wissen? Sie ist nicht objektiv. Sieh sie dir doch an. Die Liebe zu diesem Typen hat ihr den Verstand geraubt.“

„Stimmt“, erwiderte Jillian. „Natürlich kann sie nicht objektiv sein.“

„Ich kann durchaus objektiv sein“, protestierte Celia. „Ich bin es. Ich bin sicher, dass er nicht an mir als Frau interessiert ist.“

Jane rutschte zu ihr und legte die Hände um ihre Schultern. „Sieh mich an, Ceil.“

„Okay.“ Celia schaute ihrer Freundin in die Augen.

„Bist du sicher, dass es echt ist? Dass es wirklich Liebe ist? Bist du sicher, dass es nicht nur …“

„Hör auf“, unterbrach Celia sie. „Ja, ich bin mir sicher. Das ist das Einzige, dessen ich mir in letzter Zeit sicher bin. Es ist Liebe, das weiß ich. Ich kann es nicht erklären. Und wenn ihr mir nicht glauben wollt, kann ich euch nicht überzeugen. Aber es ist die Wahrheit. Ich liebe Aaron Bravo.“

Sekundenlang starrte Jane sie an. Fragend, forschend. „Ich verstehe“, flüsterte sie dann, bevor sie Celias Schultern losließ und zu ihren Kissen zurückkehrte.

Jillian nahm die Flasche und füllte ihr Glas. „Wenn du ihm nicht sagst, was du für ihn empfindest, wirst du nie sicher sein können, ob er an dir interessiert ist.“

„Ich bin mir sicher genug.“ Mit dem Zeigefinger strich Celia über den Rand ihres Glases. „Ich muss nur entscheiden, ob ich diese Situation noch länger aushalte oder mir einfach einen neuen Job suche.“

Jane und Jillian wechselten einen Blick. „Aber du liebst deinen jetzigen Job“, sagte Jillian fast beschwörend. „Du verdienst eine Menge Geld. Du hast sogar ein paar Anteile an der Firma. Und die werden erheblich im Wert steigen, glaub mir. Aaron Bravo ist noch längst nicht an dem Ziel, das er sich gesteckt hat.“

„Glaubst du, das weiß ich nicht?“

„Außerdem ist es erst etwa eine Woche her, dass dir deine Gefühle für ihn bewusst geworden sind. Du solltest nichts überstürzen, erst recht keinen so drastischen Schritt“, warnte Jillian.
 „Jilly, du sagst mir nichts, das ich mir nicht schon mindestens hundert Mal selbst gesagt habe.“

„Okay, hier ist meine Meinung“, griff Jane wieder ein. „Ehrlichkeit ist immer am besten.“

Jillian stöhnte.

Jane wirkte ein wenig gekränkt. „Na gut, das ist ein Klischee. Aber das macht es nicht falsch.“ Sie sah Celia an. „Sag ihm, was du fühlst.“

Jillian schlug mit der flachen Hand auf den Couchtisch. „Nein. Das ist eine schlechte Idee.“

„Warum?“, fragte Jane. „Warum ist es eine schlechte Idee, die Wahrheit zu sagen?“

„Weil man, wenn es um Liebe geht, nie eine Frage stellen sollte, deren Antwort man nicht kennt.“

Jane verzog das Gesicht. „Und du wirst allen Ernstes dafür bezahlt, Leute zu beraten?“

„Na ja“, warf Celia ein, „meistens gibt sie Ratschläge, welche Gabel man bei welchem Gang nimmt und wie man Saftflecken aus Seidenblusen entfernt.“

„Ich muss doch sehr bitten“, entgegnete Jillian. „An mich kann jeder schreiben, welches Problem er auch immer hat. Das ist mein Job.“

„Da kann einem ja angst und bange werden“, murmelte Jane.

„Das habe ich gehört“, fauchte Jillian.

„Entschuldigung.“ Jane zupfte ihren Rock zurecht.

Celia beugte sich vor. „Okay. Was schlägst du vor?“

Jillian räusperte sich. „Als Allererstes musst du ihn auf dich als Frau aufmerksam machen.“

„Oh.“ Celia ließ sich zurückfallen und verbarg ihre Enttäuschung nicht. „Und wie stellst du dir das vor?“

Jane hörte auf, an ihrem Rock herumzuspielen. „Oh mein Gott. Ich glaube, sie redet von einer Typveränderung.“

Das war ein alter Scherz zwischen ihnen. Jillian hatte ihre erste Typveränderung vorgenommen, als sie drei zwölf Jahre alt gewesen waren. Sie hatte Jane das Haar geschnitten und es gefärbt – grün. Jane war monatelang mit einer Mütze herumgelaufen.

„Ach, komm schon“, sagte Jillian. „Anders als bei deiner Frisur damals berate ich jetzt nur und überlasse die eigentliche Arbeit den Experten.“

„Da bin ich aber froh“, meinte Jane.

Jillian wandte sich Celia zu. „Hellere Farben“, begann sie. „Fließende Stoffe. Wir wollen ihn ja nicht mit dir überfallen. Ich rede von kleinen subtilen Veränderungen, die dich sexy, aber nicht aufdringlich erscheinen lassen. Und ich finde, du solltest das Rot in deinem Haar stärker betonen. Du hast einen wunderschönen Mund, machst aber nichts daraus. Du solltest einen kräftigeren Lippenstift nehmen.“

„Sie hat recht“, gab Jane zu. „In helleren Farben würdest du toll aussehen. Rotes Haar würde dir stehen – genau wie ein dunklerer Lippenstift. Wenn du das willst, mach es. Aber ich finde immer noch, du solltest mit Aaron Bravo reden. Drei kleine Worte. Ich liebe dich. Es gibt keinen Ersatz für Ehrlichkeit. Jede Beziehung sollte damit beginnen. Wenn du ihm sagst, was du fühlst, gibst du ihm die Chance …“ Sie wurde vom Läuten des Telefons unterbrochen. „Rühr dich nicht vom Fleck.“

Celia sank auf die Kissen zurück. „Wo sollte ich denn auch hingehen?“

Jane erhob sich und ging zum Apparat neben der Couch. „Hi, hier ist Jane … Ja …“ Sie verzog die Lippen zu einem selbstzufriedenen Lächeln. „Natürlich. Können Sie einen Moment warten? Danke.“ Sie drückte auf einen Knopf am Hörer und drehte sich mit hochgezogener Augenbraue zu Celia um.

Celia runzelte die Stirn. „Für mich?“

Janes Lächeln ging in ein spöttisches Grinsen über. „Ja, ja, wenn man vom Teufel spricht …“

Celias Herz klopfte so heftig, dass sie glaubte, es an den Rippen fühlen zu können. Es war beunruhigend. „Aaron?“, flüsterte sie.

Jane nickte.

Jillian lachte.

„Psst!“ Celia klopfte ihr aufs Knie. „Er wird dich hören …“

„Nein, wird er nicht“, sagte Jane. „Willst du ihn nun sprechen oder nicht?“

Celia schoss hoch, rannte zu ihr und riss ihr den Hörer aus der Hand. „Hallo?“

Niemand antwortete.

„Warte“, sagte Jane. Celia hielt ihr den Hörer hin, und sie drückte auf den richtigen Knopf. Celia hielt ihn sich wieder ans Ohr, öffnete den Mund – und machte ihn zu. Jane stand noch immer vor ihr und sah sie gespannt an.

Celia verscheuchte sie mit einer Handbewegung. Während Jane seufzend zum Kamin ging, kehrte Celia ihren Freundinnen den Rücken zu. „Hallo, Aaron?“

„Celia. Da sind Sie ja. Gut.“ Wie immer klang er abgelenkt. Abgelenkt und wunderbar. Seine tiefe, melodische Stimme ging ihr unter die Haut, bis die Knie weich wurden.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte sie und fand, dass sie ziemlich ruhig klang.

„Nicht in Ordnung? Nein.“ Sie hörte das Geräusch, das verriet, dass er am Computer saß. „Ich war gerade dabei, Tony Jarvis eine Nachricht zu schreiben …“ Anthony Jarvis war verantwortlich für die Projektentwicklung. Für Aaron war das Casino in Las Vegas nur ein Schritt auf einem ehrgeizigen Weg. Silver Standards Resort, die Muttergesellschaft, musste wachsen. Und Tony war der Mann, der mögliche neue Standorte auskundschaftete. „Irgendwie ist sie verschwunden, und ich kann sie nicht finden.“

Sie musste lächeln. Da Aaron seine E-Mails nie selbst schrieb, kannte er sich mit dem Programm nicht sehr gut aus.

„Celia. Sie müssen mir helfen.“

Sie erklärte ihm, auf was er klicken musste.

„Ah“, sagte er nach einem Moment. „Da ist sie ja. Danke.“

„Kein Problem … Aaron?“

„Hm?“

„Woher haben Sie diese Nummer?“

Er zögerte kurz. „Sie sind verärgert, weil ich dort angerufen habe?“

„Überhaupt nicht.“ Niemals. Ruf mich jederzeit an. Egal, wo. Egal, weswegen … „Es hat mich nur gewundert.“

„Sie haben mir erzählt, dass Sie bei Jane Elliott wohnen. Ich habe die Auskunft angerufen.“

Er hatte sich daran erinnert, dass sie zu Jane wollte? Sie konnte es kaum fassen. Er merkte sich so selten persönliche Dinge, die sie ihm erzählte. Ihr Herz schlug noch schneller, dieses Mal vor Freude. „Oh. Natürlich. Sie haben die Auskunft angerufen. Das hätte ich mir denken können …“

„Celia?“ Er klang verwirrt. „Geht es Ihnen gut?“

„Ja. Sehr gut.“

„Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.“

„Das werde ich haben …“

Die Verbindung wurde unterbrochen. Sie nahm den Hörer vom Ohr und starrte ihn an, während der Überschwang einer Leere und Betrübnis wich.

Der Anruf hatte ihm in Wirklichkeit gar nichts bedeutet. Damit musste sie sich abfinden. Sie musste es verkraften.

„Siehst du?“, sagte Jillian. „Er kann nicht ohne dich leben.“

Celia legte auf. „Davon kann keine Rede sein.“ Sie setzte sich wieder auf den Fußboden und ließ sich gegen die Kissen fallen.

Jillian blieb dabei. „Er kann nicht ohne dich leben. Er weiß es nur noch nicht.“

„Sag es ihm“, befahl Jane zum dritten Mal an diesem Abend.

„Gib auf“, rief Celia. „Ich werde es ihm nicht sagen. Und ich werde mir auch nicht das Haar färben lassen.“

„Was willst du dann tun?“, fragte Jane.

„Ich habe mich noch nicht entschieden.“

Ihre Freundinnen stöhnten auf.

Das ganze Wochenende hindurch bearbeiteten sie Celia. Sie rieten, beschworen, drängten und befahlen. Nach und nach kriegten sie sie klein. Jane warb für Ehrlichkeit. Jillian sprach von Frisuren und Garderobe und unaufdringlicher Verführung. Celia seufzte und protestierte und bat sie, es gut sein zu lassen. Das taten sie – für eine Weile – und dann fingen sie wieder damit an.

Auf Dauer würde sie ihnen nicht widerstehen können. Es tat so gut, dass sie ihr zuhörten, sich um sie sorgten. Die beiden waren wirklich die besten Freundinnen, die eine Frau haben konnte.

Am Sonntagmittag, als sie in ihren Mietwagen stieg, um zum Flughafen von Reno zu fahren, hatte sie eine Entscheidung getroffen.

Sie würde Janes Rat befolgen und Aaron sagen, dass sie ihn liebte.

4. KAPITEL

Als sie an diesem kalten, verschneiten Sonntag vor Janes romantischem alten Haus zum Abschied winkte, wusste Celia genau, wie sie vorgehen würde.

Zuerst würde sie Aaron ihre Gefühle beichten. Und je nachdem, wie er reagierte, würde sie vielleicht einige von Jillians Vorschlägen in die Tat umsetzen – wenn sie nicht gerade ein gebrochenes Herz flicken und sich nach einem neuen Job umsehen musste.

Es war genau dieses ‚Wenn‘, das ihr den Mut nahm.

Sie würde ihm sagen, dass sie ihn liebte. Und weil er im Grunde ein gutherziger Mann war, würde er behutsam erwidern, dass sie bei einem neuen Arbeitgeber vielleicht glücklicher sein würde.

Sie würde nicht nur ihn, sondern auch ihren Job verlieren.

Okay, es ging ihr auch jetzt schon schlecht. Aber wenn sie es ihm sagte, würde es ihr noch schlechter gehen und sie würde auch arbeitslos sein. Wo war der Sinn?

Am Dienstag rief Jillian an. „Na? Hast du es getan? Was hat er gesagt? Wie ist es gelaufen?“

Celia schwieg – zu lange.

„Du hast es nicht getan“, erriet ihre Freundin.

„Ich versuche es ja.“

„Celia. Wenn du es tun willst, tu es.“

„Ich will es. Wirklich.“

„Morgen früh. Sobald er durch die Tür kommt. Bitte ihn um ein Gespräch unter vier Augen. In einer persönlichen Angelegenheit. Lad ihn in dein Apartment ein.“

„In mein Apartment? Oh Gott.“

„Es ist besser, wenn es ein Heimspiel ist.“

Sicher, dachte Celia. Dann kann er aufstehen und einfach davongehen.

„Du schaffst es, Celia.“

„Ja, ich weiß …“

Als Aaron sie am nächsten Morgen in sein Büro bat, um die Termine durchzugehen, war sie bereit. Sie erhob sich von ihrem Schreibtisch und strich den rehbraunen Rock glatt. Helle Farben, ha! Als würde ein beiges Outfit ihn dazu bringen, sie zu lieben. Sie klemmte sich den gelben Block unter den Arm, schnappte sich Stift und Diktiergerät und ging zu der hohen, breiten Tür, die zu ihm führte.

Dort blieb sie kurz stehen und zog an der zum braunen Rock passenden Jacke. Ich bin okay, dachte sie. Gefasst. Ruhig. Konzentriert. Bereit, es zu tun.

Sie schob die Tür auf und sah ihn vor sich. An dem großen gläsernen Schreibtisch vor dem Fenster, vertieft in etwas auf seinem Bildschirm.

Leise schloss sie die Tür hinter sich. Dann marschierte sie durch den Raum und stellte sich zwischen die beiden schwarzen Besuchersessel, direkt vor Aaron.

Es dauerte einen Moment, bis er zu schreiben aufhörte und sie ansah. Er zog die dunklen Brauen zusammen. „Celia?“

Das war alles. Mehr sagte er nicht. Aber es reichte. Es hieß: Gibt es ein Problem, und müssen wir uns unbedingt jetzt damit beschäftigen?

Nein. Das mussten sie nicht.

Also setzte sie sich in den rechten Ledersessel und zeigte auf ihren Block. „Ich bin bereit“, verkündete sie fröhlich.

Als Nächste rief Jane an. Am Donnerstag, nach Mitternacht. „Hast du es getan?“

„Janie …“

„Du hast es nicht getan.“

„Ich hätte es fast getan.“

„Aber du hast nicht.“

„Es fällt mir … wirklich schwer.“

Jane seufzte gedehnt. „Hör zu. Ich habe nachgedacht.“

Celia packte den Hörer so fest, als wäre er eine Rettungsleine. „Ja?“

„Vielleicht bist du noch nicht so weit, ihm die Wahrheit zu sagen.“ Das klang ganz vernünftig – bis Jane fortfuhr: „Vielleicht genießt du es aber auch nur, dich selbst zu bemitleiden.“

„Jane!“ Das tat weh. Das tat es wirklich. Weil es der Wahrheit verdammt nahe kam. Seit zwei Wochen litt sie nun schon. Fing sie an, sich daran zu gewöhnen?

„Celia Louise, du bist das klassische mittlere Kind, das weißt du.“

„Soll das ein Vortrag werden?“

„Du bist ein mittleres Kind und weißt nur zu gut, wie es ist, ignoriert zu werden. Du packst ein Problem nicht bei den Hörnern, wie ein erstgeborenes Kind es tut. Du erwartest nicht, dass man dir etwas Gutes tut wie das jüngste Kind. Du hast dich damit abgefunden, dass du … zwischen den Stühlen sitzt. Aber das kann durchaus eine Falle sein, aus der man nicht mehr herauskommt.“

„Und im Moment sitze ich in dieser Falle, ja?“

„Ja. Du sitzt am Katzentisch, löffelst deinen Haferschleim und weißt genau, dass du noch Hunger haben wirst, wenn die Schüssel leer ist. Und dass du es nicht wagen wirst, den Aufseher um einen Nachschlag zu bitten.“

„Meinen Haferschleim?“

„Komm schon, du erinnerst dich. Dickens. Oliver Twist. Im Waisenhaus. Wir haben den Roman in Mrs. Oakleys Literaturkurs gelesen.“

Celia erinnerte sich. „Und du weißt, was passiert ist, als Oliver aufstand und um mehr Haferschleim bat.“

Jane schwieg zwei Sekunden lang. „Okay“, gab sie zu. „Schlechter Vergleich.“

„Was du nicht sagst.“

„Aber im Leben draußen hatte Oliver Erfolg. Weil er den Mut hatte, aufzustehen und das zu verlangen, was ihm zustand.“

„Wie schön für Oliver.“

Jane stieß einen ungeduldigen Laut aus. „Vielleicht solltest du dir wirklich einen neuen Job suchen. Es wäre nicht das Ende der Welt. Wenigstens würdest du irgendetwas unternehmen. Dazu ist es nämlich höchste Zeit, finde ich.“

Es gab kein Ausweichen mehr. Jane hatte recht. „Ich werde es ihm sagen. Wirklich.“

„Gut. Wann?“

„Morgen …“

Der nächste Tag kam.

Als zutiefst entschlossene Frau betrat Celia die Führungsetage.

Und erfuhr, dass ihr Chef mit Tony Jarvis nach New Jersey geflogen war, um sich neue Standorte für Hotels anzusehen. Er würde nicht vor Sonntag zurückkommen. Er hatte ihr eine E-Mail hinterlassen.

AN: Celia Tuttle, Chefsekretariat.

VON: Aaron Bravo, Präsident.

BETRIFFT: Reise nach New Jersey.

Bin am Sonntag zurück. Nehmen Sie sich ein langes Wochenende frei.

Aaron.

Das bedeutete, wenn nichts Unvorhergesehenes passierte und er ihre Hilfe brauchte, würde sie ihn erst am Montag wieder zu Gesicht bekommen.

Ein Aufschub, dachte sie und verspürte eine Mischung aus Erleichterung und Verzweiflung. Sie war seine Assistentin, und es gehörte zu ihrem Job, ihn auf Geschäftsreisen zu begleiten. Warum hatte er sie dieses Mal nicht mitgenommen?

Sie sagte sich, dass sie nicht mehr daraus machen sollte, als es war. Hin und wieder verreiste Aaron auch ohne sie. Warum nicht auch jetzt?

Sie dachte daran, das Wochenende wieder in New Venice zu verbringen. Aber sie traute sich nicht, Jane unter die Augen zu treten, bevor sie ihr Versprechen nicht erfüllt hatte. Außerdem gab es genug Projekte, in die sie sich vertiefen konnte. Also arbeitete sie den ganzen Freitag und den halben Samstag.

Jedes Mal, wenn sie in ihr Apartment zurückkehrte, rechnete sie damit, den Anrufbeantworter blinken zu sehen – Jane oder Jillian, die wissen wollten, ob sie endlich den Mut aufgebracht hatte, Aaron ihre Gefühle zu offenbaren.

Aber ihre Freundinnen meldeten sich nicht. Vielleicht hatten sie die Hoffnung aufgegeben. Celia konnte es ihnen nicht verdenken.

Am Sonntag erwachte sie früh. Heute kommt er wieder, war ihr erster Gedanke …

Doch sie wusste nicht, wann genau.

Aber was spielte das für eine Rolle? Wenn überhaupt, würde sie ihn erst morgen um ein persönliches Gespräch bitten.

Bis Mittag hielt sie durch, dann rief sie in seiner Suite an. Nur der Anrufbeantworter meldete sich, und sie legte auf, ohne etwas zu sagen. Danach setzte sie sich an ihren Computer, gab ihren Mitarbeitercode ein und rief seinen Reiseplan auf. Sie schämte sich dafür. Celia Tuttle, Chefsekretärin und persönliche Assistentin, brauchte nicht zu wissen, wann ihr Chef wieder in der Stadt sein würde. Aber Celia Tuttle, hoffnungslos verliebte Frau, musste es einfach wissen.

Aaron würde um acht Uhr abends in Las Vegas landen. Also würde er frühestens um neun oder zehn in seiner Suite sein.

Es war gut, das zu wissen. Das machte es ihr möglich, nicht dauernd seine Nummer zu wählen und aufzulegen, sobald der Anrufbeantworter sich einschaltete.

Bleiern schleppte der Tag sich dahin. Sie las die Sonntagszeitung, sah sich im Kabelfernsehen einen Film an, und ihr Verstand registrierte kaum, was ihre Augen sahen. Am Nachmittag rief sie im Wellnesscenter des Hotels an und buchte ein Moorbad, eine Massage und eine zweistündige Gesichtsbehandlung. Vielleicht würde ihr das helfen, sich zu entspannen.

Das tat es – solange sie unten war. Und vier Stunden lang lenkte sie es ab. Erst nach sechs kehrte sie in ihre Wohnung zurück.

Der Rest des Abends war schlichtweg unerträglich. Sie quälte sich mit Fragen.

Wo war er jetzt?

War er schon im Hotel?

Schon in seiner Suite – oder irgendwo im Kasino, in einer der luxuriösen Bars oder einem der Gourmetrestaurants, um mit Tony Jarvis einen letzten Drink zu nehmen oder einen prominenten Gast zu begrüßen?

Aber wo immer er gerade war, was immer er tat, sie hatte nicht vor, ihm nachzuspionieren.

Sie zog einen Pyjama an und ging zu Bett.

Doch an Schlaf war nicht zu denken.

Mehr als einmal tastete sie nach dem Telefon. Aber nie nahm sie den Hörer ab. Sie wusste, wenn er antwortete, würde sie in Panik geraten. Sie würde auflegen, ohne sich zu melden – und er würde auf dem Display ablesen können, wer es gewesen war.

Daran hätte sie eigentlich schon denken sollen, bevor sie in seiner Suite angerufen hatte.

Jane hat recht, dachte sie immer wieder, während die Nacht kein Ende nahm und sie keinen Schlaf fand. Hier war sie nun, am Katzentisch, vor sich die halb leere Schüssel mit Haferschleim, und hatte Angst, aufzustehen und um mehr zu bitten …

Dass sie die ganze Nacht kein Auge zugetan und sich stattdessen den Kopf zerbrochen hatte, war ihr am Morgen anzusehen. Celia schminkte die Schatten unter den Augen über, zog ihr schönstes Kostüm an, das hellblau und aus feinstem Gabardine war und ihr normalerweise gut stand.

Aber an diesem Tag gab es nichts, das ihr eine andere als müde und ausgebrannte Erscheinung verliehen hätte. Ihr Haar, dessen Farbe irgendwo zwischen blond und kastanienbraun lag, wirkte so stumpf und glanzlos wie eine Papiertüte. Ihre Haut sah teigig aus.

Keine Frage, dies war wahrlich nicht der ideale Zeitpunkt. Vielleicht sollte sie sich heute Abend früh hinlegen, um den versäumten Schlaf nachzuholen. Und morgen, wenn sie sich frisch fühlte und nicht wie aufgewärmt aussah, würde sie …

„Nein!“ Sie starrte auf ihr blasses Gesicht im Badezimmerspiegel. „Keine Ausflüchte mehr. Auch wenn du grauenhaft aussiehst, du wirst es ihm sagen. Heute.“

Sie saß an ihrem Schreibtisch, als er die Führungsetage betrat.

„Guten Morgen, Celia.“

Ihr Herz schlug bis zum Hals. Sie schluckte mühsam und rang sich ein Lächeln ab – das ziemlich künstlich ausfiel.

Er war schon an ihr vorbei und näherte sich der Tür zu seinem Büro. „Geben Sie mir zwanzig Minuten, dann gehen wir meine Termine durch.“

Inzwischen raste ihr Puls so sehr, dass sie damit rechnete, jede Sekunde einen Infarkt zu erleiden. Sie stand auf.

„Aaron.“

Mit der Hand auf dem Türgriff drehte er sich um und sah sie erstaunt an.

Das hatte er in letzter Zeit viel zu oft getan. Weil sie sich so seltsam benahm, hatte er sie einfach genauer zur Kenntnis nehmen müssen.

Er wartete – darauf, dass sie ihm sagte, warum sie ihn aufhielt.

„Ich …“ Ihre Stimme klang schrecklich. Gepresst. Schrill.

„Ja?“

Sie hüstelte in die Hand, um den Frosch aus ihrem Hals zu vertreiben. Und dann schaffte sie es irgendwie, das auszusprechen, was sie sich so fest vorgenommen hatte. „Ich muss mit Ihnen reden. Allein. Es ist persönlich. Ob sie heute Abend vielleicht in meiner Wohnung vorbeikommen könnten?“ Schlag eine Uhrzeit vor, befahl der kleine Rest ihres Verstands hektisch. „So gegen sieben?“

Er antwortete nicht sofort. Er stand einfach nur da und sah sie mit seinen blauen Augen an, die nicht verrieten, was er dachte. „Celia“, sagte er schließlich. „Um was geht es denn?“

„Damit würde ich lieber warten … bis wir allein sind.“

Er sah sich in seinem Vorzimmer um, dessen Farben in Grau und Dunkelblau gehalten waren und in dem nur sie beide waren. „Außer Ihnen und mir ist niemand hier. Kommen Sie mit in mein Büro, dann können wir …“

Sie hob eine Hand. „Nein. Es tut mir leid, dass ich es so spannend machen muss. Aber es wäre mir lieber, wenn wir uns hier im Büro auf rein geschäftliche Angelegenheiten beschränken würden. Ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie heute Abend zu mir kommen könnten. Dann werde ich Ihnen alles erklären.“

Er musterte sie. Was mochte er jetzt denken? Dass sie ihn an der Arbeit hinderte? Dass er die Personalabteilung bitten sollte, ihm eine neue Assistentin zu besorgen?

„Hm … Habe ich heute Abend überhaupt frei?“, scherzte er halbherzig.

„Ja. Um sieben schon. Jedenfalls bis jetzt.“

„Na gut“, erwiderte er. „Ihr Apartment. Um sieben.“ Er ging in sein Büro und schloss die Tür leise hinter sich.

5. KAPITEL

In seinem Büro blieb Aaron an der geschlossenen Tür stehen. Was zum Teufel war mit Celia los?

Dann roch er den Kaffee.

Wie immer hatte sie ihn auf der Anrichte bereitgestellt. Er ging hinüber, schenkte sich eine Tasse ein und trank sie gedankenverloren aus.

Celia ging ihm nicht aus dem Kopf. Sie sah nicht gut aus. Das tat sie schon eine ganze Weile nicht.

Ob sie krank war? Und wenn ja, war es etwas Ernsthaftes? Wollte sie einen längeren Urlaub nehmen – oder noch schlimmer, ihm ihre Kündigung überreichen?

Verdammt. Sie war jung, zu jung, um schwer erkrankt zu sein. Er wollte sie nicht verlieren. Sie war immer da, wenn er sie brauchte, und störte ihn trotzdem nie bei der Arbeit.

Schwanger.

Das Wort kam ihm ohne Vorwarnung in den Sinn. Er runzelte die Stirn. Nein. Nicht Celia. Sie hatte gar keine Zeit, schwanger zu werden. Sie arbeitete zu hart. Er verlangte zu viel, das wusste er.

Er goss sich einen zweiten Kaffee ein.

Nun ja, man brauchte eigentlich nicht viel Zeit, um schwanger zu werden. Eine einzige kurze Begegnung konnte schon reichen. Wenn sie unvorsichtig gewesen war.

Unvorsichtig? Celia?

Schwer zu glauben. Sie war immer so effizient und ordentlich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie ausgerechnet bei der Verhütung einen Fehler beging.

Andererseits konnte er sich kaum vorstellen, dass Celia überhaupt Sex hatte. Nein, Sex war ihm noch nie in den Sinn gekommen, wenn er an Celia dachte.

Warum auch? Sie war seine Sekretärin. Und ihr Sexleben war ihre Privatangelegenheit.

Aber Missgeschicke konnten immer passieren. Und wenn sie jetzt ein Baby bekam …

Okay. Sie würden auch dieses Problem bewältigen.

Es würde nicht einfach werden, aber es wäre zu schaffen. Seine Mutter hatte es auch geschafft. Sie hatte ganz allein drei Söhne aufgezogen und das Highgrade geführt, nachdem sein Vater, der berüchtigte Blake Bravo, angeblich gestorben war.

Ja. Eine alleinerziehende Mutter als seine Sekretärin – es würde gehen.

Aber was, wenn ein Mann im Spiel war? Und im Spiel blieb? Was, wenn sie es trotz der vielen Arbeit geschafft hatte, sich einen Typen zu suchen? Einen netten Kerl, der von neun bis fünf ins Büro ging und erwartete, dass sie zu Hause war, wenn er von der Arbeit kam?

Eigenartig. Die Vorstellung, dass irgendein ganz normaler Mann ihm Celia wegnahm, irritierte ihn. Sein Stirnrunzeln vertiefte sich.

Die Frau wäre nicht leicht zu ersetzen. Er hatte einen absolut chaotischen Arbeitsstil, das wusste er. Celia sorgte dafür, dass das Chaos sich in Grenzen hielt. Und das machte sie so gut, dass er sich daran gewöhnt hatte.

Aber in letzter Zeit erschien sie ihm ein wenig … unkonzentriert. Verdammt, er wollte, dass alles wieder so wie früher wurde. Er wollte, dass ihr Problem – was immer es war – gelöst wurde, damit in seinem Büro wieder die alte Routine einkehrte.

Er trug seine halb volle Tasse zum Schreibtisch.

Vielleicht hatte es mit ihren Eltern zu tun …

Aaron schaltete den Computer ein und lehnte sich zurück.

Hatte sie nicht erzählt, dass sie jetzt in Phoenix lebten? Wie alt waren sie? Vielleicht ging es ihnen nicht gut, und sie brauchten mehr von Celias Zeit.

Zeit …

Er sah auf seine Rolex. Seit er das Büro betreten hatte, waren zehn Minuten vergangen.

Zehn Minuten, in denen er nur an seine Assistentin gedacht hatte.

Das war extrem kontraproduktiv. Eine Assistentin sollte ihm Sorgen abnehmen, anstatt ihm welche zu bereiten.

Er würde heute Abend mit ihr reden. Bis dahin machte es wenig Sinn, sich den Kopf über etwas zu zerbrechen, von dem er nicht wusste, was es war.

Aaron Bravo war kein Mann, der sich unnötig Gedanken machte. Er richtete sein Handeln stets an Fakten aus, nicht an Vermutungen, und mühte sich nicht mit Dingen ab, die er ohnehin nicht ändern konnte. Nach einer turbulenten Jugend hatte er mit siebzehn beschlossen, dass er es im Leben zu etwas bringen wollte. Zu Geld und Macht.

Er hatte gewusst, dass er dazu ein anderer Mensch werden musste.

Jetzt war er ein erfolgreicher und geachteter Geschäftsmann.

Und das hatte er nicht geschafft, indem er geistige Energie verschwendete.

Also würde er Celias Problem vorläufig vergessen. Wozu sollte er nach Antworten suchen, wenn er noch nicht einmal die Fragen kannte. Sie würde ihm heute Abend erzählen, was los war, und dann würde er entscheiden, was zu tun war.

Das Wall Street Journal lag neben seinem Ellbogen. Er schlug es auf und begann zu lesen. Hin und wieder ging er online und überprüfte den Stand seiner Aktienpakete.

Zehn Minuten später klopfte Celia an seine Tür und kam herein, bewaffnet mit ihrem kleinen Aufnahmegerät und ihrem verlässlichen Notizblock. Sie gingen den Terminkalender durch. Ihr rätselhaftes Problem erwähnte sie mit keinem Wort, was Aaron ganz recht war.

Um zehn traf er sich mit den Vizepräsidenten zu einer Besprechung.

Danach ging er mit Jennifer essen.

Wie immer war sie charmant und lustig. Sie trug das Rubinherz, das er ihr zum Valentinstag geschenkt hatte.

Sie berührte es und schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. „Aaron, es ist wunderschön. Du weißt immer, was eine Frau sich wünscht …“

Er starrte auf die Brosche, die dicht an ihrem atemberaubenden Dekolleté saß, und spürte, wie eine vage Gereiztheit in ihm aufstieg, eine … nagende Unzufriedenheit.

Celia. Ungebeten drängte sich ihr Name in seine Gedanken.

Celia hatte das Herz ausgesucht. Sie hatte einen untrüglichen Geschmack, wenn es darum ging, ein Geschenk zu finden.

Wenn sie kündigte, würde er eine neue Assistentin einstellen müssen. Eine Fremde. Eine Frau, die nicht aus seiner Heimatstadt kam. Oder einen Mann. Um seine E-Mails zu formulieren, ihm zu sagen, wo er Dateien fand, und Geschenke für seine Freundinnen zu kaufen …

„Aaron? Was ist denn?“

„Hm?“

„Du bist tausend Meilen entfernt.“ Jennifer schob die volle Unterlippe vor.

„Ich bin hier.“ Er nahm ihre Hand. „Und ich freue mich, dass dir die Brosche gefällt.“

„Das tut sie.“ Sie drückte seine Hand. Und sie musste einen Schuh ausgezogen haben, denn sie schob sein Hosenbein mit einem nackten Zeh hoch. „Gestatte mir, dir meine Dankbarkeit zu zeigen …“

Am Nachmittag traf er sich mit seinen Direktoren. Celia war wie immer dabei, als seine rechte Hand. Danach zog er sich für ein paar Stunden mit Tony Jarvis in sein Büro zurück. Sie sprachen über das alte Kasino, das sie sich in Atlantic City angesehen hatten. Tony war dafür, es zu übernehmen und zu modernisieren, um zahlungskräftigere Gäste anzulocken. Er hatte das Projekt durchgerechnet, und seine Zahlen waren solide. Aaron entschied, den Vorstand damit zu befassen.

Es war zehn vor sieben, als er die Chefetage verließ. Celia war längst fort. Wenn er sie nicht mehr brauchte, ging sie stets gegen halb sechs, blieb jedoch jederzeit für ihn erreichbar.

Manchmal begleitete sie ihn zu einem Abendessen mit Geschäftspartnern. Celia war attraktiv, aber anders als Jennifer war sie keine atemberaubende Schönheit, die alle am Tisch von dem ablenkte, was es zu besprechen gab. Und oft war es äußerst praktisch, seine Sekretärin neben sich sitzen zu haben. Sie hatte seinen Terminkalender im Kopf. Wenn ein kleines Problem auftrat, unternahm sie sofort etwas, um es auf der Stelle zu lösen. Und manchmal bemerkte sie Dinge, die ihm entgingen – was seine Manager vorhatten, womit sie unzufrieden waren. Oder ob sich irgendwo ein Aufstand zusammenbraute.

Aber heute Abend würde sie nicht neben ihm sitzen.

Nein, heute Abend würden sie beide allein sein.

In ihrem Apartment.

Celia stand in ihrem Schlafzimmer, nur mit einem himmelblauen BH und dazu passendem Slip bekleidet. Der Inhalt des begehbaren Schranks lag größtenteils auf dem breiten Brett verstreut. Seit über einer Stunde probierte sie jetzt schon Sachen an. Eigentlich hätte sie sich längst entscheiden müssen, denn eigentlich hatte sie ein halbstündiges Bad nehmen und sich in Ruhe zurechtmachen wollen.

Das Bad konnte sie jetzt vergessen. Und für das Haar und das Make-up sah es auch nicht viel besser aus.

Es war drei Minuten vor sieben.

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