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Das Glück wartet auf Pelican Cay

Anne McAllister

Stürmische Romanze auf den Bahamas

1. KAPITEL

Manche behaupteten, es sei ein Kunstwerk – Lachlan McGillivray war da anderer Meinung.

Für ihn war das Ding dort unten am Strand, direkt vor seinem exklusiven Hotel Moonstone Inn, ein Albtraum – einen anderen Namen gab es nicht für diese drei Meter hohe Missgeburt aus Treibholz und allem, was das Meer sonst noch an den traumhaft schönen rosa Sandstrand von Pelican Cay spülte.

Die Presse war natürlich begeistert. „Erfrischend innovativ“ hieß es in einem Artikel der Nassauer Tageszeitung. „Außergewöhnlich und kreativ“ schwärmte ein Blatt aus Freeport. „Neu und stimulierend“ behauptete der Kunstkritiker einer weit verbreiteten Tageszeitung in Florida.

Lachlan war felsenfest davon überzeugt, dass Fiona Dunbar ihm mit ihrem sogenannten Kunstwerk lediglich eins auswischen wollte.

Es war auch nicht das erste Mal: Seit dem Tag, an dem die McGillivrays auf der kleinen Insel, die zu den Bahamas gehörte, angekommen waren, hatte sie es auf ihn abgesehen.

Damals war Lachlan fünfzehn Jahre alt gewesen, und alles, was ihm in seinem jungen Leben vorschwebte, war, im heimatlichen Virginia Fußball zu spielen und mit hübschen kleinen Blondinen auszugehen. Die Entscheidung seines Vaters, die Familie auf eine abgelegene Insel in der Karibik zu verpflanzen, um dort als Arzt zu praktizieren und gleichzeitig sein Fernweh zu stillen, hatte ihn hart getroffen. Ganz im Gegensatz zu seinen Geschwistern: Der zwei Jahre jüngere Hugh und die neunjährige Molly waren von dem Umzug begeistert gewesen.

„Was gibt’s hier schon zu tun?“, hatte Lachlan missmutig gefragt.

Worauf sein Vater den kilometerlangen leeren Sandstrand, das türkisblaue Meer und die sanften Hügel mit den pastellfarbenen Häusern, die dreihundertfünfzig Jahre alte rostige Kanone und den überwucherten Kricketrasen betrachtete und zufrieden aufseufzte. „Genau so habe ich es mir vorgestellt.“

Damals hatte Lachlan seinen Vater nicht verstanden, für ihn war die Insel der langweiligste Platz auf Erden, und er machte keinen Hehl daraus.

„Dann geh doch“, sagte die rothaarige Fiona Dunbar und streckte ihm die Zunge heraus. Fiona war Mollys Freundin und wie diese neun Jahre alt.

„Das würde ich mit dem größten Vergnügen, aber leider kann ich nicht.“

Er musste bis nach seinem achtzehnten Geburtstag warten, bevor er in die Staaten zurückkehren konnte, um vier Jahre lang an der Universität von Virginia zu studieren. Während dieser Zeit besuchte er seine Eltern ab und zu auf Pelican Cay. Dann, als er sein Studium beendet hatte, ging er nach Europa, wo er in England, Spanien und Italien Fußball spielte. Er ließ sich kaum noch auf der Insel blicken, und wenn er tatsächlich einmal kam, dann nur, um Angehörigen und Freunden vom aufregenden Leben eines Fußballprofis in der Alten Welt zu berichten.

Aber mit den Jahren kehrten seine Gedanken seltsamerweise immer öfter zu der kleinen Insel zurück. Wenn ihn in London, Madrid oder Mailand die Spatzen in aller Frühe mit ihrem Gezänk aufweckten, erinnerte er sich an den Gesang tropischer Vögel und das Wispern von Palmen in der Morgenbrise. Je hektischer sein Leben wurde, umso sehnsüchtiger dachte er an den gemächlichen Rhythmus von Pelican Cay zurück. Und so gern er auch auf der Autobahn fuhr, sosehr er sich für europäische Kunst und Geschichte interessierte, Museen und alte Schlösser besuchte, sooft er auch in französischen Restaurants essen ging und spanische Weine trank – ab und zu vermisste er die einspurigen Straßen mit ihren Schlaglöchern, das kleine Inselmuseum und die leckeren Muschelkroketten zu einem eiskalten Bier.

Als Hugh vor zwei Jahren auf die Insel zurückgekommen war – die McGillivrays wohnten inzwischen wieder in Virginia –, um Fly Guy, ein Transportunternehmen für Charterflüge in der Karibik, zu starten, da dachte Lachlan, dass sein jüngerer Bruder die richtige Wahl getroffen habe.

„Ich glaube, so etwas mache ich auch“, sagte er. „Später, wenn ich pensioniert bin.“

Hugh zog die Augenbrauen hoch. „Du? Womit würdest du dich hier beschäftigen?“

Er selbst hatte nach dem Studium acht Jahre lang als Pilot bei der amerikanischen Kriegsmarine verbracht und danach der Armee, dem Drill und den Vorschriften auf immer Lebewohl gesagt. Hugh war ein Aussteigertyp und fühlte sich am wohlsten, wenn er mit einem kalten Bier in der Hängematte liegen und den Wellen zuschauen konnte.

Lachlan war anders. Als er zwölf Jahre alt war, beschloss er, später einmal „der beste Torwart aller Zeiten“ zu werden, und davon brachte ihn niemand mehr ab. Und obwohl seine Eltern diesen Plan kritisch beäugten, bewunderten sie insgeheim seine Beharrlichkeit – und natürlich seinen Erfolg.

Dreizehn Jahre lang war er einer der besten Torhüter auf der Welt, aber auch er konnte nicht ewig spielen. Als er sich im vergangenen Sommer mit vierunddreißig eine ernsthafte Knieverletzung zuzog, wusste er, dass seine Zeit abgelaufen war. Fußball war ein Sport für junge gesunde Männer. Seine Technik war so gut wie eh und je, aber seine Beweglichkeit nicht mehr die gleiche. Das bedeutete, dass er den Anforderungen eines Weltklassetorwarts nicht mehr gewachsen war, und in der zweiten Liga zu spielen kam für ihn nicht infrage. Er kannte nur einen Platz – und der war ganz oben.

Während der fetten Jahre hatte er sein Geld in Immobilien investiert, und nach einigen Überlegungen entschied er sich für die Karriere als Hotelier. Mit der ihm eigenen Zielstrebigkeit machte er sich daran, seine Pläne in die Tat umzusetzen, und erwarb als Erstes das Mirabelle, ein elegantes, kleines und bereits sehr erfolgreiches Hotel am andern Ende der Insel. Es war eine Entscheidung, die allgemein gebilligt wurde.

Bei seinem nächsten Kauf, dem heruntergekommenen Sand Dollar Hotel, schüttelte allerdings jeder den Kopf, allen voran sein Bruder Hugh.

„Was willst du mit dem alten Kasten anfangen?“, fragte er. Seiner Meinung nach war das achtzig Jahre alte Gebäude mit der eingefallenen Veranda und den Holzwänden, von denen die Farbe abblätterte, kaum mehr als eine Ruine.

„Ihn renovieren und zum besten Hotel in der Karibik machen“, erwiderte Lachlan, der vom Renovieren alter Häuser nicht die geringste Ahnung hatte. Aber das störte ihn nicht – er sah es als Ansporn, nicht als Hindernis. Er beauftragte eine Baufirma mit den Umbauten und lernte selbst so viel wie möglich, um mitarbeiten zu können.

Jetzt war das Moonstone Inn, wie er es nach der Fertigstellung getauft hatte, schon seit einem Jahr eröffnet und ging überraschend gut.

„Du wirst sehen, in ein paar Jahren ist es das Reiseziel Nummer eins auf den Bahamas“, versicherte er seinem Bruder. „Ich spreche natürlich von den anspruchsvollen Aktivtouristen, die genügend Sinn für die wahre Schönheit der Inseln haben.“

Hugh sah aus der Hängematte auf und grinste. „So wie du damals, nehme ich an.“

Lachlan ließ sich nicht beirren. „Ich bin sicher, das Moonstone wird eine Menge neue Besucher nach Pelican Cay bringen. Genau das Richtige, um die Wirtschaft anzukurbeln. Tourismus ist das A und O, mit Fischen allein ist es heutzutage nicht mehr getan.“

Hugh schloss die Augen und brummte etwas vom Eifer des Bekehrten – womit er natürlich nicht ganz unrecht hatte. Lachlan, der die Insel früher nie gemocht hatte, sah jetzt nur noch Vorzüge und Möglichkeiten.

Und ein drei Meter hohes Monster!

Er runzelte die Stirn. Seit er das letzte Mal genauer hingesehen hatte, schien sich das Ding verändert zu haben. Ein Arm, der noch nicht da gewesen war, ragte in die Luft, und an seinem Ende baumelte etwas, das er in dem dämmerigen Morgenlicht nicht erkennen konnte.

Mürrisch wandte er sich ab – es gab Dringenderes zu tun, als sich mit Fiona Dunbars „Kunstwerk“ zu befassen. Er war gestern von den Abacos im Norden der Bahamas zurückgekommen, wo seine neueste Erwerbung, das Sandpiper Inn, renoviert wurde. Auf dem Schreibtisch lagen Briefe zum Unterschreiben und die Post, die in seiner Abwesenheit eingegangen war.

Das letzte Schreiben, das er zur Hand nahm, kam von einem Reisemagazin und kündete den Besuch eines Journalisten an. Lachlan hatte vor mehreren Wochen verschiedene Zeitschriften und Reiseveranstalter eingeladen, das Moonstone zu besuchen, um sich an Ort und Stelle von seinen Vorzügen zu überzeugen. Zwei Zusagen waren bereits eingetroffen, eine davon von dem renommierten englischen Veranstalter Grantham Cultural Tours, dessen Besitzer seinen Besuch für diese Woche ankündigte. „Die Ruhe und zurückhaltende Eleganz, von der Sie sprechen, sind genau das, was wir für unsere Kunden suchen“, teilte er Lachlan in dem Antwortschreiben mit.

Zurückhaltende Eleganz – mit einer drei Meter hohen Vogelscheuche vor dem Eingang!

„Ruhig ist es, das Ding sagt keinen Ton“, hatte Hugh unbekümmert erwidert, als Lachlan ihm den Brief gezeigt hatte.

„Das ist auch nicht nötig, diese Geschmacklosigkeit schreit zum Himmel. Und als wäre das nicht genug, muss sie außerdem noch Dudelsack spielen.“

„Wer spielt Dudelsack?“

„Fiona. Wart’s nur ab“, fügte er hinzu, als Hugh ihn ungläubig ansah. Sie saßen auf der Hotelterrasse, um den Sonnenuntergang zu beobachten.

Und richtig. Als die letzten Sonnenstrahlen Meer und Himmel rosa färbten, kamen von irgendwoher die lang gezogenen schwermütigen und nicht gerade tonrein vorgetragenen Klänge einer schottischen Ballade.

„Woher willst du wissen, dass es Fiona ist?“, fragte Hugh, nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hatte.

„Wer sollte es sonst sein?“

Fiona Dunbar und seine Schwester Molly hatten es vom ersten Tag an darauf angelegt, ihm den letzten Nerv zu töten. Was immer er auch unternahm, wohin er auch ging, die beiden ließen ihn nicht in Ruhe. Sie quälten ihn mit Fragen, sie liefen ihm hinterher, sie spionierten ihm nach.

„Es sind kleine Mädchen“, erwiderte seine Mutter, als er sich beschwerte. „Du bist der Ältere. Sei nett zu ihnen.“

Von wegen kleine Mädchen! Kleine Hexen kam der Sache bedeutend näher. Trotz mütterlicher Ermahnungen versuchte Lachlan alles, um sie abzuschütteln. Er fauchte, schimpfte, drohte. Nichts half.

„Sie bewundern dich“, sagte Mrs. McGillivray.

„Sie machen mich wahnsinnig.“

Er wurde sie einfach nicht los – bis ihn Fiona eines Tages zu einer Blondine am Strand sagen hörte, wie unerträglich das Leben auf der Insel sei und dass er es nicht erwarten könne, in die Staaten zurückzugehen.

„Dann geh doch!“, fauchte sie ihn an, das Gesicht vor Zorn ebenso rot wie ihr Haar.

Lachlan, der ihre Anwesenheit nicht bemerkt hatte, fuhr herum und starrte sie an. „Nimm das nächste Boot und hau ab“, fuhr sie wütend fort. „Oder schwimm, das ist noch besser. Vielleicht ertrinkst du. Scher dich zum Teufel, Lachlan McGillivray!“ Sie wirbelte herum und rannte davon.

„Wer ist denn das?“, fragte die Blondine erstaunt. „Und warum regt sie sich so auf?“

„Keine Ahnung“, erwiderte Lachlan verlegen. „Sie hat nicht alle Tassen im Schrank.“ Mit Sehnsucht dachte er an den Tag, an dem er abreisen und sie nicht mehr sehen würde.

Als er Fiona ein paar Jahre später erneut begegnete, änderte Lachlan seine Meinung.

Aus dem dürren Mädchen war eine junge Frau mit einem fantastischen Körper geworden. Die einstmals orangeroten Zöpfe hatten sich in eine seidig glänzende kupferrote Mähne verwandelt, und die helle Haut war, wie es bei Rothaarigen oft vorkam, von kleinen Sommersprossen übersät, die er entzückend fand.

Wie unfair, ging es ihm durch den Kopf. Bin ich nach Pelican Cay gekommen, um nach all den Jahren wieder an Fiona Dunbar denken zu müssen? Doch ob er es wollte oder nicht, genau das war der Fall. Wo er sich auch befand, überall begegnete sie ihm, und sie war mit Abstand die schönste Frau auf der Insel. Und was er besonders aufreizend fand – im Gegensatz zu allen anderen weiblichen Wesen zeigte sie ihm die kalte Schulter.

Lachlan hielt sich nicht für einen Adonis, aber er wusste, dass er den Frauen gefiel. Seine tiefblauen Augen, das markante Gesicht und das jungenhafte Lächeln verfehlten nie ihre Wirkung. Über Mangel an Bewunderinnen konnte er weiß Gott nicht klagen. Sie setzten sich neben ihn an die Bar, gaben ihm ihre Telefonnummern oder riefen ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit an, um ihn wissen zu lassen, dass sie verfügbar waren, wann immer er wollte. Manche boten ihm als Andenken sogar die eigene Unterwäsche an.

Ein Journalist, der zufällig Zeuge eines solchen Angebots wurde, fragte ihn, ob das öfter geschehe. Worauf Lachlan aufrichtig erwiderte: „Doch, schon.“ Um nicht arrogant zu klingen, fügte er spaßeshalber hinzu: „Aber ich behalte nur die roten.“

Der Artikel erschien in einer Zeitschrift, und danach konnte er sich vor roten Unterhöschen nicht mehr retten. Für die Skandalpresse war es ein gefundenes Fressen; fast jede Woche versicherte irgendeine Anbeterin, dass ihr Geschenk einen ganz besonderen Platz in Lachlan McGillivrays Sammlung einnahm.

Natürlich war es reine Erfindung, doch wen interessierte das schon?

Bevor er wusste, wie ihm geschah, besaß er einen internationalen Fanclub, der zu drei Vierteln aus Frauen bestand. Ungezählte Fotos von ihm, auf denen er mit ausgestreckten Armen und Beinen einen unhaltbaren Schuss parierte, gingen um die ganze Welt.

„Sie bewundern mein Können“, erwiderte er bescheiden, wenn man ihn nach dem Grund für seine Beliebtheit fragte.

„Unsinn, sie bewundern deine Beine“, sagte Molly trocken und schüttelte den Kopf über die Dummheit ihrer Artgenossinnen. „Männer in Shorts! Da flippen sie einfach aus.“

Ob das nun stimmte oder nicht, auf Fiona Dunbar traf es nicht zu. Sie konnte ihn nicht ausstehen, wie sie ihm vor achtzehn Monaten deutlich bewiesen hatte.

Auf Hughs Einladung war Lachlan zum Jahresende nach Pelican Cay gekommen, um ein paar ruhige Tage zu verbringen. Nach einer anstrengenden Fußballsaison und einem noch anstrengenderen Weihnachtsurlaub in Monaco mit einer gewissen Lisette – oder war es Claudine? – erschien ihm eine Woche an einem einsamen Strand, ohne Partys, ohne Freundinnen, wie ein Geschenk des Himmels. Seine Teamkameraden Joaquin Santiago und Lars Erik Lindquist, deren Leben nicht minder hektisch war, begleiteten ihn.

Hugh holte sie mit seinem Wasserflugzeug in Nassau ab. Er schüttelte nur ungläubig den Kopf, als sein Bruder, noch ganz verkatert, versicherte: „Keinen Tropfen Alkohol, keine Mädchen. Nichts als Sand und Sonne und Ausruhen. Das ist mein Vorsatz fürs neue Jahr.“

Ein unglücklicher Zufall wollte, dass er gleich am ersten Tag eine tizianrote Bikinischönheit an Hughs Strandhaus vorbeistolzieren sah.

„Wow! Wer ist denn das?“

„Fiona“, erwiderte sein Bruder lässig und fügte, als er Lachlans verständnisloses Gesicht sah, hinzu: „Mollys Freundin. Erinnerst du dich nicht?“

„Das ist Fiona Dunbar? Dieses umwerfende Geschöpf?“

Hugh lächelte vielsagend. „Sie hat sich verändert, nicht wahr?“

Mühsam sog Lachlan den Atem ein. Nein, mit dem Fratz von damals hatte diese Fiona nicht die geringste Ähnlichkeit.

Er vergaß seine guten Vorsätze und begann nach ihr Ausschau zu halten. Doch obwohl er sie in den folgenden Tagen ständig auf der Straße oder am Strand erblickte, kam sie ihm niemals nahe.

Hugh erzählte, dass ihr Vater, ein ehemaliger Fischer, kurz nach ihrem Schulabschluss einen Schlaganfall erlitten hatte und sie sich seitdem um ihn kümmerte.

„Außerdem arbeitet sie in Carin Campbells Boutique und macht Skulpturen.“

„Skulpturen?“, wiederholte Lachlan zweifelnd.

„Ja. Aus Sand und Muscheln, sogar aus Metall. Sie schneidet sie aus wie Scherenschnitte und biegt sie zurecht.“

Da er sich nicht viel darunter vorstellen konnte, suchte er Carins Boutique auf, um Postkarten zu kaufen und sich Fionas Kreationen anzusehen. Er war beeindruckt: Da gab es Pelikane, Palmen mit Hängematten, Fischer in Booten und außerdem Zeichnungen und Karikaturen.

Eine witzige Skulptur, die er in Hughs Haus gesehen hatte, fiel ihm ein. Es war ein Wasserflugzeug mit Pilot beim Looping. Die muss von ihr sein, dachte er. Genau wie die Karikatur von Maurice, dem Taxichauffeur, die unten beim Zollamt hängt, und die von Miss Saffron beim Flechten von Strohtaschen.

Fiona karikierte außerdem Touristen und verkaufte ihnen die Bilder am Strand. Auch von Lars Erik und Joaquin hatte sie Zeichnungen angefertigt. Nur ihn, Lachlan, ignorierte sie. Und das ärgerte ihn – umso mehr, da er es nicht fertigbrachte, sie zu ignorieren.

Gegen Ende der Woche hatte er schließlich genug. Nicht ein einziges Mal hatte sie ihn gegrüßt, was ihn besonders wütend machte, da er seinen Freunden mitgeteilt hatte, er kenne sie schon seit Jahren.

„Wer’s glaubt, wird selig“, sagte Lars Erik.

Sie saßen im Grouper, Pelican Cays populärster Bar – sie verdankte ihren Namen einem heiß begehrten Fisch der Bahamas –, und tranken Bier, als Fiona mit ihrer Zeichenmappe hereinstolzierte und sich umsah. Sie lächelte Lars Erik zu, ohne Lachlan eines Blickes zu würdigen.

„Sie ist beleidigt, weil ich früher gesagt habe, dass ihre kostbare Insel ein langweiliges Nest ist“, erklärte er.

„Wirklich?“, meinte Lars Erik ironisch.

Joaquin lachte. „Ich wette, du kennst sie überhaupt nicht.“

„Natürlich kenne ich sie. Sie ist mit meiner Schwester befreundet und heißt Fiona Dunbar.“ Er wandte sich an den Barmann. „Habe ich recht, Michael?“

„Ja, das ist Fiona“, bestätigte dieser mit einem bewundernden Grinsen.

„Schön, du weißt, wie sie heißt. Wenn sie wirklich eine Bekannte von dir ist, warum lädst du sie dann nicht auf einen Drink ein?“

„Weil er sie nicht kennt“, stichelte Joaquin.

Das konnte Lachlan nicht auf sich sitzen lassen. Er stand auf, ging zu Fiona hinüber, die gerade einem Pärchen eine Zeichnung verkaufte, und lud sie mit seinem charmantesten Lächeln auf ein Bier ein.

Sie blinzelte, dann schüttelte sie den Kopf. „Mit Ihnen? Wie komme ich dazu?“

Er starrte sie an. „Was soll das heißen – mit Ihnen? Erinnerst du dich nicht an mich?“

Es ärgerte ihn, dass sie seine Einladung ablehnte und ihn obendrein noch verleugnete. Und was ihn noch mehr ärgerte, war, dass er sie mit jedem Tag unwiderstehlicher fand.

„Natürlich erinnere ich mich. Gerade deshalb will ich auch nichts mit dir zu tun haben.“ Damit drehte sie ihm den Rücken zu und verließ die Bar.

Er starrte ihr nach, während Joaquin und Lars Erik in lautes Gelächter ausbrachen.

„Hallo, Darling“, säuselte eine Frauenstimme. Er drehte sich um und erblickte eine vollbusige Blondine.

„Hallo“, erwiderte er mit einem gezwungenen Lächeln.

Die Dame rutschte von ihrem Barhocker und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Sie sind doch Lachlan, nicht wahr? Der, den man den ‚Tollen Torwart‘ nennt.“ Sie kam näher.

„Manche Leute nennen mich so“, brummte er und fuhr sich mit der Hand durch das Haar.

„Manche Leute wissen, wovon sie reden“, schnurrte die Blonde und lächelte verführerisch. „Ich wollte gerade einen kleinen Spaziergang machen. Kommen Sie mit?“

„Warum nicht?“ Besser das, als sich die Spötteleien seiner Freunde anzuhören. Er legte ihr den Arm um die Schultern, und sie verließen die Bar.

Fiona war nicht weit gekommen. Sie stand mit Carin am Eingang der Boutique und unterhielt sich. Als er an ihr vorbeiging und sie herausfordernd anstarrte, sah sie durch ihn hindurch, als wäre er Luft.

„Ist das nicht wundervoll?“, kicherte seine Begleiterin. „Ausgerechnet heute habe ich rote Unterwäsche an.“

„Nicht mehr lange“, versprach Lachlan und biss sie ins Ohrläppchen.

Später konnte er sich weder an die Unterwäsche noch an die Dame erinnern, und zwei Tage danach flog er nach England zurück. Alles, was ihm von seinem Urlaub im Gedächtnis blieb, war Fiona – lästig und provozierend.

Joaquin nannte sie „der Fisch, der nicht angebissen hat“.

„Wir werden ja sehen“, murrte Lachlan.

Ein Jahr später unternahm er einen erneuten Versuch. Diesmal kam er mit einem Segelboot, das er in Nassau gekauft hatte, weil er beabsichtigte, sich im Frühjahr für immer auf der Insel niederzulassen.

Hugh ging damals mit einem Fotomodell, und Lachlan schlug einen Abend zu viert vor, mit einem Blind Date für sich selbst.

„Wie wär’s mit Fiona Soundso?“, fragte er so ganz nebenbei.

Hugh zog die Brauen hoch. „Fiona? Die geht nicht aus, sie kümmert sich um ihren Vater.“

„Dann tut es ihr gut, einmal aus dem Haus zu kommen. Ich sage Maurice, er soll an dem Abend mit Tom Domino spielen, und du gehst sie einladen.“

Zu sagen, dass Fiona überrascht war, als Lachlan vor der Tür stand, wäre eine schamlose Untertreibung.

„Du?“, fragte sie entsetzt, dann fasste sie sich. „Ich nehme an, du willst Dad besuchen.“

„Nein, ich komme dich abholen.“

„Aber …“

„Wir treffen uns mit Hugh und seiner Freundin im Beaches.“

Sie machte große Augen. „Im Beaches!“

Es war das beste und teuerste Restaurant auf der Insel, und Lachlan hatte Hugh versprochen, dass das Essen auf seine Kosten ging. „Ich nehme an, du willst deine Freundin beeindrucken, oder?“

„Schon …“ Hugh schüttelte den Kopf. „Die Frage ist, was du mit Fiona im Sinn hast.“

Darüber war Lachlan sich noch nicht klar. Später am Abend wusste er dann genau, was er wollte …

Er bekam es nicht. Stattdessen wäre er beinahe ertrunken.

Seitdem ging er ihr aus dem Weg. Als Hugh ihn über den Tod ihres Vaters informierte, schrieb er eine Beileidskarte, ansonsten hatte er keinen Kontakt mehr mit ihr, auch nicht, nachdem er sich endgültig auf Pelican Cay niederließ. Natürlich sah er sie oft – es war unmöglich, eine Frau wie sie zu übersehen –, doch er hielt sie auf Distanz.

Fiona zeigte sich weniger diskret.

Eine Woche nach Eröffnung des Moonstone Inn erschien ein Leserbrief von ihr in der Lokalzeitung, in dem sie die „bedauerliche Kommerzialisierung“ der Insel anprangerte.

Wenn man Fionas Worten glauben wollte, so war Lachlans Hotel das Ende der traditionellen einheimischen Infrastruktur. Und alles, was er getan hatte, war, ein heruntergekommenes architektonisches Juwel in ein geschmackvolles und gut gehendes Reiseziel für Besucher umzubauen, bevor Wind und Wetter Kleinholz daraus machten – welches die begabte Miss Dunbar ohne Zweifel zur Errichtung neuer „Kunstwerke“ verwendet hätte.

Er verfasste eine Antwort, in der er so taktvoll wie möglich ihre Anschuldigungen zurückwies, und sandte sie ebenfalls an die Zeitung.

Kurze Zeit später erschien ein neuer Brief – diesmal ging es um Pelican Cays jugendliches Fußballteam.

„Wäre es nicht angebracht …“, fragte die stets besorgte Miss Dunbar, „… dass diejenigen, die sich die Vorzüge der Insel zunutze machen, unseren Jungen und Mädchen ihre – wenn auch begrenzten – Talente zur Verfügung stellten?“

Wen und was sie meinte, war deutlich: Er, Lachlan McGillivray, der berühmte Torwart, sollte ihnen zeigen, wie man Fußball spielt.

„Immerhin hast du damit deine Millionen verdient“, meinte Hugh.

„Für die Kinder wäre es großartig“, sagte Carin.

Maurice und Estelle pflichteten ihr bei: Ihr Enkel wäre begeistert, mit einem richtigen Star spielen zu können.

„Vielleicht hast du Angst, dich zu blamieren“, stichelte Molly.

Danach blieb ihm nichts anderes übrig, als zähneknirschend in den sauren Apfel zu beißen und einer Horde von Zehn- bis Fünfzehnjährigen zu zeigen, wie man Fußball spielt. Sie nannten sich die Pelikane, und Weltmeister würden sie nicht werden, aber er gab zu, dass sie nach einem Monat Training bereits bedeutend besser spielten. Maurice’ Enkel Lorenzo besaß eindeutig Talent zum Torwart.

Lachlan war stolz auf sich und seine Mannschaft. Er wünschte, Fiona, die das Ganze schließlich ins Rollen gebracht hatte, würde ihnen hin und wieder beim Training zuschauen, um sich von den Fortschritten zu überzeugen. Aber sie kam nicht – und sie sagte niemals ein Wort.

Es war auch nicht nötig – ihre Skulptur sagte alles.

Er stand auf und ging ans Fenster zurück, um erneut einen Blick darauf zu werfen. Dann blieb er wie angewurzelt stehen.

Was da am Ende des neuen Arms frech im Wind flatterte, was er in der Morgendämmerung nicht erkannt hatte, war nichts anderes als ein knallrotes Bikinihöschen.

Jemand hämmerte mit der Faust gegen die Haustür und riss sie aus dem Schlaf.

Fiona blinzelte und sah auf die Uhr: zwanzig nach sieben!

Wer um alles in der Welt wollte um diese Zeit etwas von ihr? Niemand, der ihre Gewohnheiten kannte, so viel war gewiss. Für sie begann der Tag erst, wenn die Sonne hoch am Himmel stand.

Aus diesem Grund hatte sie sich auch der Bildhauerei und nicht der Malerei verschrieben, wie sie ihrer Freundin Carin immer wieder versicherte. Im Gegensatz zu Malern konnten Bildhauer bei jedem Licht arbeiten.

Ihr morgendlicher Besucher wusste natürlich nicht, dass sie bis spät in die Nacht auf gewesen war, um für die Boutique zu arbeiten. Die Touristen mochten ihre Metallfiguren und Miniaturen aus Muscheln, Glasstücken und Treibholz. Sie waren leicht zu transportieren und eine hübsche Erinnerung an die Insel. Und mit dem Geld, das sie einbrachten, bestritt Fiona ihren Lebensunterhalt und zahlte für das kleine rosa Haus, in dem sie jetzt allein wohnte.

Letzte Nacht war es besonders spät – oder vielmehr früh – geworden, denn sie hatte außer für die Boutique noch an der Skulptur am Moonstone gearbeitet. Als sie endlich im Bett lag, war es bereits vier Uhr morgens.

Das Hämmern ließ nicht nach. „Ich komme ja schon“, murrte sie vor sich hin. Sie stand auf und streckte sich, dann zog sie ein T-Shirt über den Kopf, schlüpfte in die Shorts, die auf dem Fußboden lagen, und tappte barfuß die Treppe hinab.

„Einen Moment!“

Wahrscheinlich war es jemand, der nach einer feuchtfröhlichen Nacht sein Haus nicht mehr fand …

Verdrossen riss sie die Tür auf. „Wissen Sie, wie …“

Das Ende des Satzes blieb ihr in der Kehle stecken. Vor ihr stand Lachlan McGillivray, und als sie sah, was er in der Hand hielt, konnte sie trotz seines finsteren Gesichts nur mühsam ein Grinsen unterdrücken.

„Ist das deins?“

Fiona riss ihm das Corpus Delicti aus der Hand, doch als sie die Tür zuschlagen wollte, drängte er sich an ihr vorbei ins Haus.

„He, was soll das? Ich habe dich nicht aufgefordert, hereinzu…“

„Da bin ich nicht so sicher.“ Seine Miene verfinsterte sich, und er bekam zunehmend Ähnlichkeit mit einem Haifisch, der seine nächste Mahlzeit beäugte.

„Wie kommst du dazu …“

„Wie kommst du dazu, dieses Monster vor meinem Hotel aufzustellen?“

„Er ist kein Monster.“

„Das ist Ansichtssache. Warum ausgerechnet vor dem Moonstone?“

„Der Strand gehört allen, ich kann meine Skulptur aufstellen, wo ich will.“

„Eben. Und du wolltest, dass sie genau dort steht, wo sie jetzt ist. Oder täusche ich mich?“

„Und wenn schon.“ Sie hob das Kinn. „Anstatt herumzuschreien, solltest du dankbar sein, dass ich etwas für das künstlerische Image deines Hotels tue.“

„Richtig – die ‚bedauerliche Kommerzialisierung‘ und so weiter. Wie konnte ich das nur vergessen?“

Fiona kreuzte die Arme vor der Brust. „In meinen Augen …“

„Und in meinen erreichst du mit dieser Vogelscheuche nur, den Besuchern die Insel mieszumachen.“

„Das ist nicht wahr! Ich würde nie etwas tun, was Pelican Cay schadet. Das ist meine Heimat, ich bin hier geboren. Ich war nicht diejenige, die davongelaufen ist.“

„Und das bedeutet natürlich, dass du etwas Besseres bist als alle anderen.“

„Natürlich nicht.“

„Besser als ich auf alle Fälle.“

„Dir hat es hier nie gefallen.“

„Das war damals. Zum Kuckuck, Fiona, ist das so schwer zu verstehen? Ich war fünfzehn, und meine Eltern haben mich hierher geschleppt, wo ich keine Freunde hatte und nicht Fußball spielen konnte.“

Sie presste die Lippen zusammen. Was er sagte, machte Sinn, auch wenn sie es damals nicht verstanden hatte. Für sie war seine Kritik ein persönlicher Affront gewesen.

„Du brauchtest ja nicht zurückzukommen“, erwiderte sie störrisch.

„Ich bin hier, weil ich es will.“

Aber sie wollte es nicht. Für sie war das Thema Lachlan McGillivray abgeschlossen. Zumindest hatte sie das geglaubt – bis zu jenem Abendessen im Beaches.

„Und ich habe nicht die Absicht zu gehen“, fuhr er erbittert fort. „Ich bin hier, und das Moonstone ist hier, ob es dir nun gefällt oder nicht.“

„Gegen das Hotel habe ich nichts.“ Aber gegen seine Anwesenheit hatte sie etwas. Das einzig Gute war, dass er nicht lange bleiben würde.

Lachlan gehörte zum Jetset. Er hatte in England, Spanien und Italien gelebt, mit gekrönten Häuptern diniert und Supermodels als Freundinnen gehabt. Er war nicht der Typ, der sich auf Dauer auf einer verschlafenen karibischen Insel wohlfühlen würde. Was sie betraf, so wünschte sie nichts mehr, als dass er so schnell wie möglich wieder verschwinden würde.

Anscheinend konnte er Gedanken lesen, denn er schüttelte den Kopf. „Mach dir keine Hoffnung. Ich bleibe, aber diese Skulptur verschwindet.“

Sie schob das Kinn vor. „Nein.“

„Fiona! Ich verstehe Spaß, genau wie jeder andere. Aber …“

„Das ist kein Spaß.“

„Nein? Und das da?“ Er zeigte auf das Höschen.

„Das … Das habe ich am Strand gefunden, obwohl du mir das natürlich nicht glaubst. Die Skulptur besteht nur aus Strandgut. Das ist es doch gerade, was sie so interessant macht, kannst du das nicht verstehen?“

„Nein.“

Natürlich nicht. Wie sollte er auch?

„Es ist die … die Schwierigkeit, die …“

„Ich habe schon genug Schwierigkeiten und brauche keine neuen.“

„Von dir spreche ich nicht, sondern von mir.“

„Anscheinend ist dein Leben nicht schwierig genug.“

Sie schwieg und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Bisher hatte sie mit niemandem über ihre Bildhauerei gesprochen, auch jetzt erschien es ihr anmaßend. Sie war keine richtige Künstlerin, hatte niemals Unterricht gehabt. Was sie machte, war keine Kunst, sondern Kunsthandwerk. Dennoch faszinierte es sie.

„Ich … Es hilft mir zu lernen.“

„Der Müll, den du aufsammelst? Was willst du damit lernen? Recyceln?“ Spöttisch sah er sie an.

„Nein. Komposition und … und Bewegung. Kreativität … Es gibt mir neue Ideen.“ Wie sollte sie ihm erklären, was sie empfand, wenn sie an der Skulptur arbeitete?

„Aha!“

Was er davon hielt, war nicht schwer zu erraten. Sie unternahm einen erneuten Anlauf.

„Das, was ich jetzt mache – die Souvenirs für Carin –, das ist nur ein Anfang. Was ich wirklich möchte, ist, Bildhauerin zu werden. Ich meine, richtig.“

Sie fühlte sich wie eine Hochstaplerin, und dennoch war es seit vielen Jahren ihr innigster Wunsch. Ihr Traum. Vor langer, langer Zeit hatte sie sogar einmal geglaubt, dass er Wirklichkeit werden und sie Kunst studieren würde …

Doch das war, bevor ihr Vater den Schlaganfall erlitten hatte. Danach gab sie die Hoffnung auf und fand sich damit ab, auf Pelican Cay zu bleiben. Sie begnügte sich mit dem, was sie tat, benutzte das, was die Insel ihr bot, lernte damit, was sie konnte, und verlangte nicht mehr.

Ihre Brüder Michael und Paul versuchten, sie nach Dads Ableben zu einem Studium zu überreden.

„Warum probierst du es nicht?“, fragten sie.

Fiona schüttelte den Kopf. „Dafür bin ich zu alt. Mein Leben ist hier auf der Insel.“

„Du solltest es wenigstens versuchen. Dad hätte nicht gewollt, dass du seinetwegen auf alles verzichtest.“

„Das tue ich doch nicht“, protestierte sie. „Ich wollte bei ihm sein.“

„Das wissen wir, Fiona, und wir können dir nie dankbar genug dafür sein. Aber jetzt könntest du doch neu anfangen.“

Das war vor drei Monaten gewesen, und seitdem hatte sie nichts unternommen. Sie sagte sich, dass es noch zu früh sei, dass sie noch um ihren Vater trauerte. Dass sie mehr Zeit brauchte … und die richtige Motivation.

In der Skulptur am Strand hatte sie diese Motivation gefunden, die Arbeit daran kam ihr wie ein Weckruf vor. Dass sie McGillivray damit außerdem auf die Zehen trat, betrachtete sie als einen Bonus.

„Du willst Bildhauerin werden?“, fragte Lachlan jetzt ungläubig.

„Ja.“

„Und du glaubst ernsthaft, dass du mit diesem … Ungetüm etwas lernst?“

„Er ist kein Ungetüm. Ich nenne ihn den Strandkönig.“

Lachlan verzog den Mund. „Seit Wochen fummelst du daran herum. Wird dir das nicht langweilig?“

„Nein. Ich verändere ihn ständig.“

„Warum denkst du dir nicht etwas Neues aus?“

„Zum Beispiel?“

„Woher soll ich das wissen? Du willst doch Bildhauerin werden.“

„Das stimmt. Aber für ein neues Projekt brauche ich anderes Material. Wenn ich lernen möchte, muss ich etwas ausprobieren, was ich bisher noch nicht versucht habe. Eine neue Technik.“

Lachlan betrachtete sie nachdenklich. Er wippte auf den Fußsohlen, ballte die Fäuste, öffnete sie wieder. Und ließ Fiona die ganze Zeit nicht aus den Augen.

„Wenn ich richtig verstehe, würdest du etwas Neues anfangen, wenn du die Möglichkeit dazu hättest. Stimmt das?“

„Ich …“

„Und du würdest das Monster am Strand verschwinden lassen?“

„Er ist kein …“

„Was auch immer, ich will ihn nicht mehr sehen. Wenn du das, was du mir gerade erzählt hast, wirklich meinst … wenn es kein leeres Gerede ist, dann mache ich dir jetzt einen Vorschlag.“

„Und der wäre?“ Misstrauisch sah sie ihn an.

„Du möchtest bildhauern. Gut. Eine neue Technik ausprobieren. Umso besser. Dann sage mir, was du im Sinn hast, und ich stelle die Mittel bereit. Ein bisschen Kunst kann der Insel nicht schaden. Als Gegenleistung erwarte ich, dass du das Mon…, ich meine den Strandkönig, wegnimmst. Einverstanden?“ Erwartungsvoll sah er sie an.

Fiona zögerte. Träume, Hoffnung und Angst wirbelten ihr durch den Kopf.

„Aber vielleicht …“, fuhr Lachlan mit einem provozierenden Lächeln fort, „… ist das alles nur Geschwätz. Vielleicht willst du nicht wirklich Bildhauerin werden.“

Sie versteifte sich, dann sah sie ihn trotzig an. „Hast du gesagt, ich kann bestimmen, was ich machen möchte?“

„Ja.“

„Ohne Einschränkungen?“

Er blickte sie an – siegesgewiss. „Was immer dein Herz begehrt.“

„Also gut. Dann möchte ich eine Tonskulptur von dir machen. Nackt.“

2. KAPITEL

Mit offenem Mund starrte Lachlan ihr ins Gesicht. Darauf war er nicht vorbereitet.

„Oder traust du dich nicht?“, fragte Fiona ungerührt.

Hatte sie wirklich nackt gesagt? Er musste sich verhört haben. Und selbst wenn sie es gesagt hatte, es konnte nicht ernst gemeint sein. Es war ein Scherz. Sie machte sich über ihn lustig.

Aber sie sah nicht so aus, als machte sie einen Scherz, obwohl ihre grünen Augen provokant glitzerten.

Laut ausatmend schloss Lachlan den Mund. Seit wann hatte sie das Verlangen, ihn nackt zu sehen? An jenem Abend nach dem Essen im Beaches wären sie beinahe ertrunken, um ebendas zu verhindern. Und jetzt …

Er wandte sich zur Tür. „Sehr komisch, haha.“

„Angsthase!“

Mit einem Ruck blieb er stehen und fuhr herum. Schweigend erwiderte sie seinen Blick. Er sah die Entschlossenheit, aber gleichzeitig einen Anflug von etwas anderem, das er nicht verstand. Fast hätte man meinen können, von … Hilflosigkeit.

Unmöglich! Sie war ebenso hilflos wie eine Giftschlange.

Was führte sie im Schilde?

Ein dunkelgrauer Kater strich plötzlich vorbei und sprang auf eine Kommode. Sie griff nach ihm und nahm ihn auf den Arm, ohne Lachlan aus den Augen zu lassen. Da standen sie, wie die Hexe mit ihrem Helfer, und musterten ihn mit dem gleichen grünen Blick.

An Lachlans Schläfe pochte ein Muskel.

„Du willst also, dass ich mich nackt vor dich hinstelle“, sagte er schließlich betont gleichgültig. Zu seiner Genugtuung bemerkte er, dass ihre Wangen rot wurden.

„Mit wollen hat es nichts tun. Aber für eine Skulptur brauche ich ein Modell.“

„Ganz klar, deine Motive sind rein künstlerischer Natur.“ Seine Stimme triefte nur so vor Sarkasmus.

Sie drückte den Kater enger an sich. „Es war deine Idee, oder etwa nicht? Und du hast gesagt, ich kann bestimmen, was ich machen möchte.“

„Was ich damit sagen will, ist …“

„… dass du es dir anders überlegt hast“, unterbrach sie ihn ironisch. „Kein Problem. Nicht jeder Mann besitzt die … hm … notwendigen Voraussetzungen …“ Für den Bruchteil einer Sekunde ließ sie den Blick unterhalb seiner Gürtellinie verweilen.

Das ging denn doch zu weit! „Willst du dich davon überzeugen, dass ich deinen Anforderungen entspreche?“, fragte er und griff nach der Gürtelschnalle. Sie war nicht die Einzige, die provozieren konnte. Fiona hatte ihn überrumpelt, aber das Spiel war noch nicht zu Ende.

„Nicht!“, rief sie schrill, bevor sie in ruhigerem Ton fortfuhr: „Ich meine … nicht jetzt. Später. Ich kann nicht … Zuerst brauche ich die Erde – ich meine Tonerde …“

„Tonerde?“

„Ja.“ Sie nickte krampfhaft. „Ich habe keine. Ich … Ich habe noch nie mit Ton modelliert.“

„Ich verstehe.“ Er glaubte ihr kein Wort. Das Ganze war ein Bluff. Sie wollte ihn nur in Verlegenheit bringen, damit er ging. Aber den Gefallen würde er ihr nicht tun.

„Dann sieh zu, dass du sie bekommst.“

„Wen?“

„Deine Tonerde – für die Skulptur.“

Bestürzung und Panik spiegelten sich in ihren Zügen, doch dann straffte sie die Schultern. „Hugh kann sie mitbringen, wenn er am Mittwoch nach Nassau fliegt.“

Er schluckte. „Hugh?“ Dann nahm Lachlan sich zusammen. Sie konnte sagen, was sie wollte, er nahm es ihr nicht ab, sie meinte es nicht ernst. So nachlässig wie möglich zuckte er mit den Schultern. „Sage ihm, er soll genug davon besorgen.“

„Das werde ich. Ist dir Donnerstagmorgen recht?“

„Fiona …“

Sie sah ihn nur an.

„Donnerstagmorgen habe ich eine Besprechung.“ Es war keine Lüge. Es stand in seinem Terminkalender.

Natürlich glaubte sie ihm nicht. „Ich bin sicher, dass du in der nächsten Zeit jede Menge Besprechungen haben wirst“, sagte sie ironisch.

„Fein, ich verschiebe sie. Donnerstagmorgen stehe ich dir nackt zur Verfügung. Um sechs Uhr.“

Was?“

„Du stehst wohl nicht gern früh auf, wie?“ Er ließ einen viel sagenden Blick über das zerzauste Haar und die zerknitterten Shorts gleiten. „Nicht jeder kann es sich leisten, den halben Tag zu verschlafen. Aber wenn du lieber darauf ver…“

„Sechs passt mir gut. Ich freue mich schon.“

„Ja. Ich auch.“ Er öffnete die Tür. „Bis Donnerstag also.“

„Sei pünktlich!“

„Ich war heute Morgen am Strand, um mir den König anzusehen“, bemerkte Carin, als Fiona mit einem Schubkarren voll Souvenirs in die Boutique kam. „Der neue Arm ist gut, er macht das Ganze noch authentischer. An deiner Stelle hätte ich noch etwas daran aufgehängt.“

Das hatte ich, dachte Fiona, sagte aber nichts. Ihr war nicht danach zumute, Carin zu erklären, was es gewesen und warum es jetzt nicht mehr da war, denn sonst hätte sie Lachlans morgendlichen Besuch und auch die Folgen erwähnen müssen. Und das war unmöglich.

Hatte sie ihn tatsächlich gebeten, nackt für sie Modell zu stehen?

Hatte er tatsächlich eingewilligt?

Oder war das eins ihrer Fantasiegebilde?

„Wahrscheinlich musst du erst etwas Passendes finden“, überlegte Carin laut.

Fiona nickte nur.

„Eine Künstlerin, die der Laune der Gezeiten preisgegeben ist“, sagte Carin dramatisch und lächelte.

Wohl eher ihrem eigenen Schwachsinn, ging es Fiona durch den Kopf. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht?

„He, der ist spitze.“ Carin hielt einen Surfer aus Metall in die Höhe. „Der Erste seiner Art.“

„Ich bin froh, dass er dir gefällt.“

„Du solltest öfter etwas Neues versuchen. Das ist gut für die Kreativität und erweitert den Horizont. Manchmal mache ich mir Sorgen um dich.“

„Das brauchst du nicht.“

„Da bin ich nicht so sicher. Aber der Surfer ist ein guter Anfang. Was kannst du sonst noch?“

Fiona fragte sich, wie Carin reagieren würde, wenn sie wüsste, dass ihr nächstes Projekt eine Tonskulptur war – mit Lachlan McGillivray als Modell.

Dabei habe ich keine Ahnung, wie man mit Ton arbeitet.

Aber weshalb machte sie sich eigentlich Gedanken? Die Wahrscheinlichkeit, dass es so weit kommen würde, war gleich null. Dennoch – der Vorschlag hatte sich gelohnt, nur um den fassungslosen Ausdruck auf seinem markanten Gesicht zu genießen. Lachlan McGillivray war viel zu arrogant, und es schadete nicht, wenn er zur Abwechslung einmal von seinem hohen Ross heruntersteigen musste.

„Was hast du eigentlich gegen ihn?“, hatte Paul seine Schwester einmal gefragt. „Mit dem Mann kann man Pferde stehlen.“

„Der Meinung bin ich auch“, hatte Mike zugestimmt.

Fiona dachte anders als ihre Brüder. Wenn man sie fragte, so war Lachlan heute ebenso unerträglich wie vor zwanzig Jahren.

Lachlan hatte sie Fiona Karottenkopf genannt und an den Zöpfen gezogen, wenn sie ihm zu nahe kam. Was nicht oft der Fall war: Die meiste Zeit schnauzte er sie und Molly an, ihn in Ruhe zu lassen. Als kleine Mädchen waren Molly und sie fest entschlossen, Geheimagentinnen zu werden. Sie nutzten jede Gelegenheit, seine Geheimnisse aufzudecken, schlichen ihm nach und verbargen sich hinter Büschen oder Felsen, um ihn zu beobachten. Wenn er sie dabei erwischte, machte er ihnen unmissverständlich klar, ihn in Ruhe zu lassen.

Molly hätte wahrscheinlich aufgegeben – schließlich musste sie mit ihm unter dem gleichen Dach wohnen. Aber für Fiona war Lachlan das ideale Objekt. Trotz seiner Herablassung, trotz aller verächtlichen Bemerkungen über die Insel – und über sie – zog er sie an wie das Licht die Motten.

Mit neun Jahren war Fiona Dunbar heimlich und bis über beide Ohren in Lachlan McGillivray verliebt, doch leider beruhte es nicht auf Gegenseitigkeit. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sich das ändern würde, wenn sie erst einmal erwachsener war.

Er belehrte sie eines Besseren, und sie erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen, an die Ereignisse, die dazu führten. Und an die Demütigung.

Es geschah im Sommer nach seinem Abitur. Fiona war damals dreizehn, und Lachlans Abreise nach Virginia stand bevor. Ihr blieb nicht viel Zeit, um ihm zu beweisen, dass es sich lohnte, ihretwegen nach Pelican Cay zurückzukommen. In den letzten Monaten hatten sich endlich die ersten Anzeichen eines Busens bemerkbar gemacht, und sie hoffte, dass es genügen würde, ihn auf sich aufmerksam zu machen.

Als ihr Vater das nächste Mal nach Nassau flog, begleitete sie ihn, und während Tom seine Einkäufe erledigte, ging sie heimlich in eine Boutique und kaufte einen Bikini. Türkisblau wie das Meer und so knapp, wie es nur ging.

„Genau das Richtige – bei Ihrer Figur“, versicherte die Verkäuferin. „Alle werden Sie bewundern.“

Sie täuschte sich.

Als Fiona ein paar Tage später den Mut aufbrachte, sich in dem neuen Bikini in der Öffentlichkeit zu zeigen, suchte sie eine Stelle am Strand aus, wo man sie nicht übersehen konnte. Sie breitete ein Handtuch aus, legte sich möglichst provokant hin, holte ein Buch aus der Tasche und gab sich den Anschein, ganz darin vertieft zu sein.

Sie wartete und wartete.

Ein paar Meter entfernt spielten drei Jungen und eine hübsche Blondine Volleyball. Das Mädchen fragte, ob sie mitspielen wolle, aber Fiona schüttelte lächelnd den Kopf. Herumlaufen, hochspringen, bücken – in ihrem winzigen Bikini? Nein, danke. Sie blieb auf ihrem Handtuch und sah zu … schwitzte und wartete.

Nach einer Weile kamen Hugh und ein paar Freunde an den Strand. Sie rissen die Augen auf, als sie Fiona in ihrem Bikini erblickten, und Hugh stieß einen bewundernden Pfiff aus. Einer der Jungen machte eine Bemerkung, worauf die übrigen zu lachen anfingen. Sie tat, als wären sie Luft, aber insgeheim freute sie sich über ihr unreifes Verhalten. Dass man sie bemerkte, stärkte ihr Selbstvertrauen.

Als Lachlan dann schließlich erschien, drehte sie sich – natürlich ganz zufällig – auf die Seite und wartete darauf, von ihm gesehen zu werden.

Er musterte den Strand, als suche er jemand. Hugh rief ihm etwas zu, aber er schüttelte den Kopf.

Und dann – Fiona zitterte – dann sah er in ihre Richtung und lächelte sie breit an.

„Hallo“, rief er.

Sie setzte sich auf und sah ihm mit einem einladenden Lächeln entgegen, genauso, wie sie es zu Hause vor dem Spiegel einstudiert hatte.

Sein Lächeln wurde noch breiter, und er sprintete auf sie zu. Und dann sprang er über sie hinweg und rief: „He, Stacey! Der Brief ist gekommen. Ich habe mein Zimmer an der Uni.“

Das blonde Mädchen drehte sich um. „Wirklich, Lachlan? In welchem Gebäude bist du?“

Und während Fiona zusah, holte er ein Stück Papier aus der Tasche seiner Badeshorts, das er der Blondine entgegenhielt. Stacey und er beugten sich darüber, um es gemeinsam zu lesen. Das Mädchen lächelte ihn an und legte die Hand auf seinen Arm. „Cool“, sagte sie. „Mein Wohnhaus ist ganz in der Nähe.“

Warum bin ich noch hier? Worauf warte ich? Er hat mich nicht einmal gesehen.

Aber sie rührte sich nicht. Sie blieb sitzen und sah zu, wie Lachlan und Stacey Hand in Hand ins Wasser liefen, schwammen, sich gegenseitig nass spritzten. Nach einer Weile kamen sie zurück und legten sich in den Sand, nur ein paar Meter von ihr entfernt. Sie unterhielten sich, lachten, sahen sich in die Augen.

Und Fiona, während sie mühsam die aufsteigenden Tränen unterdrückte, sagte sich bitter, dass sie in der Tat die perfekte Geheimagentin abgeben würde: Nach dem Benehmen der beiden zu urteilen, war sie völlig unsichtbar.

Dann hörte sie, wie er Stacey – Stace! – anvertraute, was für ein langweiliges Nest Pelican Cay war und dass er es kaum noch erwarten konnte, wieder in Virginia zu sein. Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wie konnte er so über die Insel reden? Sie sprang auf, schrie ihn an, er solle sich zum Teufel scheren, und lief davon.

Kurz darauf reiste Lachlan ab, und Fiona tat, was sie konnte, um nicht mehr an ihn zu denken. Es gelang ihr nicht. Ob es an ihren Hormonen lag oder daran, dass sie die geborene Masochistin war – sie konnte ihn nicht vergessen. Sie nannte sich Dummkopf, Esel, Idiotin – und träumte weiter von ihm.

In den nächsten Jahren begegneten sie sich noch zweimal – zuerst im Grouper, als er sie auf ein Bier einlud, und dann noch einmal, vor einem Jahr.

Sie wusste nicht einmal, dass er sich auf der Insel befand, als sie eines Nachmittags nach Hause kam und Dad ihr mitteilte, Hugh sei vorbeigekommen und habe sie zu einem Abendessen zu viert eingeladen.

„Hugh? Hat er gesagt, aus welchem Anlass?“ Sie und Hugh McGillivray waren befreundet, aber noch nie zusammen ausgegangen.

„Keine Ahnung. Ich habe für dich zugesagt.“

„Dad!“

„Warum nicht? Du musst auch ab und zu mal unter die Leute.“

Womit er nicht unrecht hatte.

Als jedoch am Abend Lachlan anstelle von Hugh vor der Tür stand, blieb ihr fast das Herz stehen. „Du?“, fragte sie, dann verstand sie. „Du kommst Dad besuchen, nehme ich an.“

„Nein, ich bin hier, um dich abzuholen.“

„Aber …“

„Hugh und Deanna sind schon im Restaurant.“ Bewundernd sah er sie an. „Du siehst umwerfend aus“, sagte er und nahm ihren Arm.

„Ich …“ Sie wollte ihn abweisen, aber nichts fiel ihr ein. Verlangen und Verstand lagen miteinander im Widerstreit, und letztendlich siegte das Verlangen.

Dumm, wie sie war, ging sie mit. Sie aßen mit seinem Bruder und dessen Begleiterin zu Abend, dann gingen sie am Strand spazieren, wo Hugh und seine Freundin sich kurz darauf von ihnen verabschiedeten. Was die beiden im Sinn hatten, war nicht schwer zu erraten.

Anscheinend schwebte Lachlan Ähnliches vor, denn anstatt den Weg zu ihrem Haus einzuschlagen, sagte er: „Komm, ich zeige dir mein neues Boot.“

Und Fiona nickte, obwohl sie Nein sagen wollte. Für sie war dieser Abend wie ein Märchen gewesen, wie die Verwirklichung ihrer kühnsten Träume. Sie fühlte sich wie Aschenbrödel, das vom Prinzen zum Ball geladen war und noch nicht nach Hause gehen wollte.

Noch jetzt konnte sie die Finger spüren, die ihre Hand umschlossen hielten, als sie zum Hafen hinunterschlenderten. Sie erinnerte sich an die milde salzige Nachtluft und den Duft seines Rasierwassers, als er ihr half, an Bord zu klettern.

Sie hatte das brandneue Segelboot schon vor ein paar Tagen bewundert und sich gefragt, wem es gehörte. Irgendwann einmal, so ging es ihr dabei durch den Kopf, würde auch sie mit so einem Boot auf dem Meer sein und nicht mit dem alten Fischerkahn ihrer Brüder, auf dem es nach Dieselöl und Fisch stank.

„Es ist wunderschön“, sagte sie leise und strich mit der Hand über eine der glänzenden Messingverzierungen.

„Nicht so schön wie du“, erwiderte er. Seine Stimme klang rau, doch die Worte waren süß wie Honig. Er sagte, dass er sie schön fand …

Sanft berührte er ihre Wange, dann zog er sie an sich und küsste sie, so, wie er es in ihren Träumen unzählige Male getan hatte.

Seine Lippen waren zärtlich und leidenschaftlich zugleich. Widerstand war unmöglich. Unwillkürlich öffnete sie den Mund und überließ sich dem Zauber dieses Kusses.

Als er flüsterte: „Lass uns nach unten gehen“, hätte sie um ein Haar zugestimmt. Denn sie wollte es, und sie wollte ihn. Aber nicht, wie er, nur für eine Nacht.

Sie kannte seinen Ruf, in den Magazinen und Skandalblättern las man oft genug von seinen Abenteuern. Obwohl Molly stets behauptete, dass vieles übertrieben sei, war Fiona überzeugt, dass die Geschichte von seiner Sammlung roter Unterwäsche keine Erfindung der Presse war.

Und die Tatsache, dass sie selbst heute Abend rote Dessous anhatte, brachte sie mit einem Schlag in die raue Wirklichkeit zurück. Er würde glauben, sie habe es absichtlich getan!

Als Lachlan sie daher sacht mit sich in Richtung Kabine ziehen wollte, legte sie die Arme um seinen Hals und küsste ihn noch einmal. Dann stieß sie ihn vor die Brust – und sie fielen beide ins Wasser.

Carins Stimme weckte Fiona aus ihren Erinnerungen. „Wie dem auch sei …“, sagte sie, „… mir gefallen deine Sachen. Du bist auf dem richtigen Weg. Was jetzt noch fehlt, ist ein Mann in deinem Leben.“

„Carin!“

„Du wirst nicht jünger.“

„Und du bist politisch inkorrekt“, erwiderte Fiona scharf. „Ich brauche keinen Mann.“

„Ich habe nicht gesagt, dass du einen brauchst. Aber es wäre schön, wenn du jemand hättest, der …“

„Ich habe schon jemand.“

Carin machte große Augen. „Seit wann? Wer ist es?“

Fiona lachte leise. „Er ist drei Meter hoch, hat Arme aus Treibholz und …“

Carin lachte, dann schüttelte sie den Kopf. „Im Ernst, Fiona. Nathans Freund Nick kommt nächste Woche zu Besuch. Er ist auch Fotograf und ein netter Mann. Vielleicht könntet ihr …“

„Untersteh dich! Ich hasse Blind Dates“, erwiderte sie heftig.

Carin blinzelte. „Das klingt nach schlechter Erfahrung.“

„Ja. Ich meine, nein.“ Ruhiger fuhr sie fort: „Ich finde nur, so etwas lässt sich nicht erzwingen. Wenn ich so weit bin, dann finde ich allein jemanden.“

„Lass dir nicht zu viel Zeit.“

„Und das sagt die Frau, die dreizehn Jahre gebraucht hat, um sich zu entscheiden.“

Carin lachte. „Ich bin eben langsam.“ Sie drehte sich um, als die Tür aufging und ein dunkelhaariger Mann mit einem kleinen Jungen auf den Schultern hereinkam. „Aber wie es so schön heißt: Ende gut, alles gut. Stimmt’s, Nathan?“

„Allerdings.“ Nathan Wolfe legte den Arm um seine Frau und drückte sie an sich, während er mit der anderen Hand ein Bein seines Sohns festhielt.

Lächelnd betrachtete Fiona das Trio. Es hatte dreizehn Jahre gedauert, bis Nathan herausfand, warum Carin seinem Bruder vor ebenso vielen Jahren kurz vor der Hochzeit den Laufpass gegeben hatte: weil sie ihn, Nathan, liebte und ein Baby von ihm erwartete. Lacey Campbell Wolfe hatte sich mittlerweile in eine selbstsichere junge Dame von vierzehn gemausert, und vor einem Jahr war der kleine Joshua dazugekommen.

„Meinst du nicht auch, dass Fiona einen netten Mann brauchen könnte, Nathan?“

Er nickte zustimmend. „Leider sind meine Brüder inzwischen alle vergeben.“

„Jetzt hört aber auf“, protestierte Fiona.

„Wir möchten dir doch nur helfen.“

„Ich brauche keine Hilfe, ich komme sehr gut allein zurecht.“

„Du musst es wissen.“ Carin sah nicht sehr überzeugt aus. „Wenigstens hast du etwas Neues kreiert.“ Sie zeigte Nathan den Surfer aus Metall. „Warum tust du das diese Woche nicht auch?“

„Einverstanden.“

„Wunderbar. Ich bin schon neugierig, was es diesmal sein wird.“

Fiona unterdrückte ein Grinsen. Sie konnte sich Carins Gesicht vorstellen, wenn sie ihr eine Skulptur von Lachlan auf den Ladentisch stellen würde.

Nur schade, dass sie diese Gelegenheit nicht haben würde.

Lachlan erwartete, von Fiona zu hören, um zu erfahren, was er wirklich tun musste, damit sie den Strandkönig verschwinden ließ.

„Hat jemand für mich angerufen?“, fragte er, als er Montagabend ins Büro kam.

Seine Assistentin Suzette warf einen Blick auf ihre Notizen. „Ja, Dooley. Es geht um das Dach vom Sandpiper. Und der Mann von der Holzhandlung aus Nassau will wissen, wann …“

„Sonst niemand?“

„Doch, Lord Grantham. Er kommt Mittwochabend an.“

Lachlan trat ans Fenster und zog eine Grimasse, als er sah, dass Fiona den Strandkönig inzwischen um einiges bereichert hatte. An der Stelle, wo sich bei einem menschlichen Wesen der Bauch befindet, prangte eine Sechserpackung mit leeren Bierflaschen. An dem neuen Arm hing jetzt ein Lasso, und auf dem Kopf saß eine Baseballmütze. Es war nicht schwer, sich die Reaktion eines kultivierten Kunstliebhabers wie Lord Grantham vorzustellen.

„Hat sich Fiona Dunbar gemeldet?“

Suzette schüttelte den Kopf. „Erwarten Sie einen Anruf von ihr?“

„Nein. Ich frage nur …“

Sie ließ auch am Dienstag nichts von sich hören, ebenso wenig am Mittwochmorgen. Lachlan spürte, wie ihm der Schweiß über den Rücken lief. Er fragte sich, ob mit der Klimaanlage etwas nicht in Ordnung sei. Dann fragte er sich, ob Fiona es tatsächlich ernst meinen konnte, und hatte plötzlich ein hohles Gefühl in der Magengegend, was ihn nur noch mehr irritierte.

Seit wann störte es ihn, sich in Gegenwart von Frauen auszuziehen? Er hatte es oft genug getan, verflixt noch mal. Nicht nur vor einer, sondern vor vielen. Er war kein schüchterner Jüngling.

Aber vor Fiona Dunbar die Hüllen fallen zu lassen, damit sie ihn in aller Ruhe anstarren und beurteilen konnte, kam nicht infrage.

Wütend versetzte er der Wand einen Fausthieb. Seine Assistentin sah vom Schreibtisch auf. „Stimmt etwas nicht?“

„Ja, das heißt, nein. Ich meine … ich denke nur nach.“

„Worüber?“

„Nichts Besonderes.“ Er fuhr sich durch das Haar, knackte mit den Fingern, suchte nach irgendetwas – irgendjemand –, an dem er sich abreagieren könnte.

„Ich gehe schwimmen“, sagte er abrupt.

„Jetzt? Aber wir müssen doch noch …“

„Sagen Sie mir Bescheid, wenn jemand anruft.“

Fiona dachte, Lachlan würde anrufen und mit einer neuen Ausrede kommen, warum es am Donnerstagmorgen leider nicht ging.

Nichts geschah. Kein Anruf kam, keine Nachricht war auf dem Anrufbeantworter.

Er konnte doch nicht allen Ernstes beabsichtigen, sich nackt vor sie hinzustellen, und von ihr erwarten, aus einem Tonklumpen eine Skulptur zu zaubern.

Fiona trat der Schweiß auf die Stirn.

Sie telefonierte mit Hugh und bestellte die Tonerde. Sie bat ihren Bruder Paul, ihr bei der Anfertigung einer Armatur zu helfen und einen Ständer dafür herzustellen. Sie holte jedes Buch über Bildhauerei aus dem Regal und begann, fieberhaft zu lesen.

Sie sagte sich ein ums andere Mal, dass er nicht kommen würde.

Und wenn er doch kam – was dann?

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag machte Lachlan kein Auge zu. Seine letzte Hoffnung war eine Naturkatastrophe – Erdbeben, Flutwelle, Hurrikan, was auch immer. Oder gleich der Weltuntergang.

Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, und um fünf Uhr morgens kroch er mit dem Enthusiasmus eines zum Tode Verurteilten aus dem Bett, zog die Jeans an und verließ leise das Hotel. Vor dem Eingang blieb er einen Moment stehen und starrte auf die Silhouette des Strandkönigs. Er drehte sich um und betrachtete das Moonstone Inn – sein Werk, seine Zukunft.

„Nichts im Leben wird einem geschenkt“, pflegte sein Vater zu sagen, worauf Lachlan jedes Mal ernsthaft nickte – er war bereit, das Seine zu tun. Dass er eines Tages für Fiona Dunbar nackt Modell stehen müsste, hätte er in seinen wildesten Träumen nicht für möglich gehalten.

Die Straße zum Kai, in dessen Nähe sich ihr Haus befand, war menschenleer, und um Viertel vor sechs erklomm er die Stufen und klopfte an die Tür. Seine Handflächen waren feucht, und er verspürte ein Flattern in der Magengegend. Er kannte die Symptome noch aus seiner Zeit als Torwart, sie waren nichts Ungewöhnliches und bedeuteten lediglich eine Steigerung des Adrenalinspiegels und die Beschleunigung des Blutkreislaufs. Allerdings konzentrierten sie sich heute ausschließlich auf die Regionen unterhalb der Gürtellinie. Er biss die Zähne zusammen und sah sich um.

Am Horizont zeigte sich ein erster Silberstreifen, sonst war der Himmel noch dunkel. Im Hafen tanzten vereinzelt Lichter auf dem Wasser – Fischerboote, die zur Ausfahrt klargemacht wurden. Er beneidete die Männer an Bord und hätte liebend gern mit ihnen getauscht.

Er klopfte erneut – vorsichtig, nicht wie neulich. Es war früh, und man musste an die Nachbarn denken. Es bestand kein Grund, sie um diese Zeit aufzuwecken.

Vielleicht hört sie mich nicht und verschläft, ging es ihm durch den Kopf, sie ist keine Frühaufsteherin.

Er wartete – nichts geschah. Ein leises Gefühl der Erleichterung stieg in ihm auf. Er hatte seine Pflicht getan, sein Wort gehalten. Wenn sie nicht aufmachen wollte, dann …

Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren, und Fiona stand vor ihm. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen und gaben ihr eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Waschbären. Anscheinend hatte auch sie nicht gut geschlafen.

„Da bist du“, sagte sie.

Täuschte er sich, oder war da ein Anflug von Bedauern in ihrer Stimme? Hatte sie etwa gehofft, er würde sich drücken? Er? Da kannte sie ihn schlecht.

„Donnerstagmorgen, sechs Uhr. Das war doch die Abmachung, oder?“

Sie blinzelte verschlafen und sah trotz Augenringen zum Anbeißen aus. Er verdrängte den unpassenden Gedanken.

„Es ist noch nicht sechs“, sagte sie anklagend nach einem Blick auf die Armbanduhr.

„Ich konnte es kaum erwarten.“

Sie sah ihn verwirrt an, dann stieß sie die Fliegentür auf und machte eine Kopfbewegung: „Komm rein.“

Lachlan folgte ihr ins Haus. Wie beim letzten Mal war sie barfuß, in einem zerknitterten T-Shirt und Shorts. Das kupferrote Haar fiel ihr wirr auf die Schultern, und Lachlan juckte es in den Fingern, eine Strähne hochzuheben. Schnell schob er die Hände in die Hosentaschen.

„Hast du die Tonerde?“, fragte er betont sachlich.

Er wusste, dass sie sie hatte – Hugh hatte es gestern bei einem Bier im Grouper erwähnt.

„Wozu Fiona einen Zentner Tonerde braucht, ist mir schleierhaft“, hatte er gesagt.

„Einen Zentner!“

Sein Bruder nickte. „Als ich gefragt habe, was sie damit anfangen will, hat sie nur ein geheimnisvolles Gesicht gemacht.“

Lachlan atmete auf. „Vielleicht beabsichtigt sie, sich auf Keramik umzustellen.“

„Wer weiß?“, meinte Hugh schulterzuckend. „Was würdest du mit einem Zentner Tonerde machen, Lily?“, fragte er die Kellnerin hinter der Bar.

Vielsagend blickte sie auf. „Einen Mann.“

Worauf sich Lachlan an seinem Bier verschluckte.

„Ja …“, erwiderte Fiona. „Im Atelier.“ Sie drehte sich um und stieg die Treppe hinauf.

Er kannte das Haus noch aus der Zeit, als er mit Paul und Mike auf Fischfang gegangen war. Die Brüder hatten damals einen Raum unter dem Dach, im ersten Stock befanden sich das Bad, Fionas Zimmer und das Schlafzimmer der Eltern. Anscheinend war dieses jetzt ihr Atelier.

Sie öffnete die Tür. „Hier arbeite ich.“ Dann zeigte sie auf das gegenüberliegende Badezimmer. „Da kannst du dich umziehen“, sagte sie und machte die Tür hinter sich zu.

Lachlan sah ihr nach und atmete tief durch. Umziehen? Sie meinte wohl ausziehen.

Er hörte, wie sie im Atelier umherging und mit irgendwelchen Dingen klapperte. Etwas fiel zu Boden.

Ich bin nicht der Einzige, der nervös ist, dachte er grimmig, doch diese Feststellung brachte keine besondere Erleichterung. Er war es, der als Nackedei herumspazieren sollte.

„Pass auf, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen“, pflegte Fionas Mutter zu sagen.

Die Warnung war auf taube Ohren gestoßen. Fionas Wünsche waren noch nie in Erfüllung gegangen, und es bestand auch keine Aussicht, dass sich daran etwas ändern würde. Wenigstens war es bis vor ein paar Tagen so gewesen.

Jetzt stand sie, von panischer Angst erfüllt, vor ihrem Arbeitstisch und fragte sich erneut, wie sie auf die Idee gekommen war, sie, Fiona Dunbar, könne Talent zur Bildhauerin haben. Sie würde sich bis auf die Knochen blamieren. Alles, was sie bisher vollbracht hatte, waren ein paar stümperhafte Pelikanfiguren aus Ton und die Andenken für Carins Boutique. Und jetzt bildete sie sich ein, die Skulptur eines menschlichen Körpers – Lachlans Körper – nachbilden zu können.

„Um etwas zu können, muss man es lernen – damit man es kann, wenn man es gelernt hat.“

So ähnlich hatte sich angeblich der griechische Philosoph Plato ausgedrückt. Ein weiser Spruch von einem weisen Mann.

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ Ihr Vater – noch ein weiser Mann – hatte seine Kinder oft genug an diese wohlbekannte Tatsache erinnert.

Plato und Dad hatten gut reden. Sie selbst hätte besser daran getan, ihr großes Mundwerk zu halten. Mit zitternden Händen hob sie die Armatur auf den Ständer und stülpte einen Papierkegel darüber. Das, so wusste sie, war die Basis, auf der sie die Skulptur modellieren würde.

Und das, ging es ihr durch den Kopf, war ungefähr alles, was sie von Bildhauerei wusste.

Angeberin! Hochstaplerin!

Sie nahm einen Klumpen Ton, ließ ihn auf den Arbeitstisch fallen und begann zu kneten, um ihren Händen etwas zu tun zu geben.

Die Erde war feucht und kühl. Nachgiebig, nicht hart und kalt wie Metall oder Muscheln. Fast konnte man glauben, etwas Lebendiges vor sich zu haben.

Dann ging die Tür auf, und im Vergleich zu dem Mann, der jetzt splitternackt das Atelier betrat, kam ihr der Ton plötzlich wie ein steifer, lebloser Felsbrocken vor.

3. KAPITEL

„Okay, dann wollen wir“, sagte Fiona forsch. Wie beim Fußballtraining, ging es Lachlan unwillkürlich durch den Kopf.

Sie zeigte auf ein kleines, etwa dreißig Zentimeter hohes Podium vor dem Fenster. „Stell dich dort drauf.“

Sein Mut sank. Einen dramatischen Auftritt zu produzieren war erheblich leichter, als jetzt das ganze Atelier im Adamskostüm zu durchqueren.

Sie sah ihn erwartungsvoll an, und er biss die Zähne zusammen. Wie sie die Situation genießen musste! Dann wies sie mit einer Kopfbewegung auf das Podium. Als ob er nicht selbst wüsste, wo es langging!

Na schön, sollte sie ihren Spaß haben. Er hatte nichts zu verbergen.

So nonchalant wie möglich stolzierte er durch den Raum. Durch das offene Fenster wehte eine leichte Brise, doch sie brachte ihm keine Kühlung. Er befand sich in einem Zustand von Unrast, sowohl körperlich als auch seelisch, der ihm völlig unbekannt war. Seit zehn Minuten machte er sich immer wieder Mut, dass er keinen Anlass dazu hatte – schließlich war es nicht das erste Mal, dass er einer Frau nackt gegenüberstand.

Aber in allen vorangegangenen Situationen war die Frau ebenfalls nackt gewesen und hatte mit ihm schlafen wollen.

Fiona war weder nackt, noch wollte sie mit ihm schlafen.

Wenn sie es nur wäre! Wenn sie es nur wollte!

Bei dem bloßen Gedanken durchlief ihn eine Hitzewelle. Hastig stieg er auf das Podium und hätte um ein Haar das Gleichgewicht verloren, als sich das Ding zu drehen begann. „Verdammt!“

Sie sah auf. „Oh, ich hätte dich warnen sollen. Paul hat es so gebaut, damit es einfacher für dich ist, die Position zu ändern.“

„Hast du Paul gesagt, für wen du das … äh … Podium brauchst?“ Er konnte sich das Gesicht – und die Kommentare – ihres Bruders nur zu gut vorstellen.

„N…nein.“

Dem Himmel sei Dank! Unwillkürlich bewegte er sich, worauf die Scheibe erneut eine Vierteldrehung machte. Er verlagerte das Gewicht, um sie zum Stillstand zu bringen.

Das hatte ihm noch gefehlt – sich wie ein Uhrwerk vor Fiona im Kreis zu drehen, damit sie ihn von allen Seiten beäugen konnte.

„Wie soll ich mich hinstellen?“

Sie hob den Kopf und sah ihn zum ersten Mal richtig an, inspizierte ihn sozusagen von Kopf bis Fuß.

Regungslos stand er vor ihr, wusste nicht wohin mit seinen Händen. Er ballte die Fäuste, biss die Zähne zusammen und dachte an Eiszapfen und Schneefelder. Dabei brannte seine Haut, als hätte er drei Stunden in der Sonne gelegen.

„Lass dir ruhig Zeit“, knirschte er.

„Was?“

„Nichts. Beeile dich, ich kann nicht den ganzen Tag hier rumstehen.“

„Entschuldige, aber das ist mein erster Versuch als Bildhauerin.“

„Und meiner als Modell.“

„Okay, okay. Bleib so, wie du jetzt bist. Das heißt … Könntest du das Gewicht ein bisschen nach rechts verlagern?“

Er veränderte die Position. „Ist es so richtig?“ Wenn das aufreizende Geschöpf wenigstens nicht so attraktiv wäre! Er traute sich kaum, zu ihr hinzusehen.

„Nicht so viel. Warte …“ Sie unternahm einen Schritt in seine Richtung.

Heiliger Strohsack! Wenn sie ihn jetzt berührte, war es um ihn geschehen.

„Sag, was ich tun soll“, brachte er mühsam hervor.

Eisbären. Pinguine. Antarktis. Schnell!

Abrupt blieb sie stehen. „So … So ist es besser. Ja, so ist es richtig.“

Täuschte er sich, oder war sie rot geworden? Hoffentlich – es geschah ihr recht.

„Ist das nicht zu anstrengend?“, fragte sie.

„Wie kommst du darauf?“

Sie achtete nicht auf seinen sarkastischen Ton – oder tat zumindest so – und holte einen Zeichenblock aus der Schublade.

„Was tust du?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Ich muss dich skizzieren, bevor ich …“

„Das kommt nicht infrage.“ Skizzen! Wer weiß, wo die landen würden. Nackt Modell zu stehen war schlimm genug.

„Aber …“

„Du hast von Bildhauern gesprochen, nicht von Zeichnen. Basta.“

Fiona öffnete den Mund, als wolle sie widersprechen. Ihr Blick glitt über ihn hin, und Lachlan bewegte sich nicht. Dann zuckte sie mit den Schultern und legte den Block beiseite. „In Ordnung. Keine Skizzen.“

Er atmete auf und stellte sich wieder in Positur. „Worauf wartest du?“

Sie starrte ihn an und schluckte. „D…dann fange ich jetzt an.“

„Tu das.“ Er schloss die Augen und dachte an den Nordpol.

Lieber Gott, hilf! Hilf mir, lieber Gott!

Doch warum sollte Er ihr, Fiona, helfen? Sie bekam lediglich, was sie verdiente.

Nur ein paar Schritte entfernt stand der bestaussehende Mann auf Erden splitternackt vor ihren Augen, und sie durfte ihn nur ansehen. Berühren war verboten. Und als wäre das nicht schlimm genug – hier stand sie mit einem Berg von Tonerde, aus dem sie eine Skulptur – ein Kunstwerk! – schaffen sollte. Nie würde sie dazu in der Lage sein – niemals!

Was sollte sie jetzt tun? Sie konnte nicht einfach die Arme in die Luft werfen und sagen: „Das Ganze war nur ein Scherz, ich weiß nicht, wie man das macht.“ Selbst wenn es die Wahrheit war, sie konnte es nicht zugeben.

Nicht vor ihm. Nicht vor Lachlan McGillivray.

Sie hatte ihm den Fehdehandschuh hingeworfen, und er hatte ihn aufgenommen. Und ihr damit die Hände gebunden.

Nervös fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen und sah zu ihm hin. Er hielt die Augen geschlossen, was es ihr erleichterte, ihn anzusehen. Nur, ihn zu betrachten steigerte das Verlangen, näher zu gehen, die Hand auszustrecken, ihn zu berühren.

Unwillkürlich stöhnte sie, und er riss die Augen auf. „Was ist?“

„N…nichts“, erwiderte sie tonlos. „Gar nichts.“

Sie wandte sich um und ergriff ein paar Hände voll Tonerde, die sie auf dem Papierkegel verteilte. Dann begann sie, die formlose Masse zu kneten und zu glätten, bis man nach einer Weile die Umrisse eines Körpers erkennen konnte.

Hm, nicht schlecht. Es war ein Anfang.

Jetzt die Beine. Nicht die ganzen Beine, nur ein Teil der Schenkel, so wie sie es in einem der Bücher über Bildhauerei gelesen hatte. Anfänger, so erklärte der Autor in seinen Erläuterungen, sollten sich auf das Wesentliche beschränken. Dazu gehörte, außer Kopf und Schultern, vor allem der Körper mit dem oberen Teil der Beine. Sie sah auf ihr Modell und konzentrierte sich entschlossen auf das „Wesentliche“. Und bei dem, was sie vor Augen hatte, wurde ihr der Mund trocken.

Sie hatte in ihrem Leben nur selten nackte Männer gesehen, aber man brauchte nicht Michelangelo zu sein, um zu erkennen, dass Lachlan wie ein griechischer Gott gebaut war: breitschultrig und schmalhüftig, mit langen harten Muskeln. Seine Haut war glatt und sonnengebräunt. Bis auf das Gesäß, was sie ein wenig überraschte. Anscheinend war er kein Anhänger der Freikörperkultur.

Warum verschwende ich meine Zeit mit solchen Gedanken. Mach dich an die Arbeit, denk an dein Werk!

Aber da lag das Problem. Um der Skulptur Leben und Ausdruckskraft zu verleihen, musste sie an ihn denken. Und sie musste ihn ansehen. Eins war ohne das andere nicht möglich. Es war wie die sprichwörtliche Katze, die sich in den Schwanz biss.

Ihr Blick verweilte auf ihm, und ohne sich dessen bewusst zu sein, strich sie mit den Händen über den Ton. Fast instinktiv formte sie die Schultern, den Rücken, das Gesäß.

Sein Körper war einmalig, nicht nur in seinen Proportionen, sondern auch in den Bewegungen. Im Fernsehen hatte sie ihn Fußball spielen sehen, kraftvoll und geschmeidig wie ein Raubtier. All das versuchte sie jetzt in einem leblosen Klumpen Erde zum Ausdruck zu bringen.

Sie zitterte, doch nach und nach wurde sie ruhiger. Sie vergaß ihre Ängste, die Gesten wurden sicherer. Und während sie knetete und glättete und modellierte, wichen das Fieber und der innere Aufruhr.

Ja, dachte sie, so muss es sein. Von den Augen in die Hände. Alles schien zu fließen. Wie unglaublich, nicht nur den Körper, sondern auch das Wesen des Mannes vor ihr mit den Händen zum Leben erwecken zu können. Nie zuvor hatte sie etwas Derartiges empfunden.

Ton war Erde – Erde, die atmete. Sie besaß Leben und Kraft. Und zum ersten Mal verstand Fiona die Bedeutung, die dieser Materie in der Entstehungsgeschichte der Menschheit zuteil wurde. Man sagte, dass der Mensch aus Erde geschaffen sei. Jetzt glaubte sie es.

Zeit ist ein relativer Begriff. Für Fiona verging sie wie im Flug; für Lachlan, der regungslos an einer Stelle verharren musste, bewegte sie sich mit der Langsamkeit eines Gletschers.

Er hatte seine liebe Not, um zu verbergen, wie sehr ihn diese bezaubernde Frau erregte. Zähneknirschend starrte er aus dem Fenster, machte sich kalte Gedanken und konjugierte im Geist jedes unregelmäßige deutsche Verb, das ihm einfiel.

Ungeduldig verlagerte er das Gewicht von einem Bein aufs andere. Selbst die bequemste Position wurde nach einer Weile unbequem. Wie lange sollte er noch so herumstehen und sich von ihr beäugen lassen? Hatte sie sich immer noch nicht satt gesehen?

Er riskierte einen Blick in ihre Richtung, und was er sah, überraschte ihn.

Sie arbeitete mit einer Konzentration, die ihn, ob es ihm gefiel oder nicht, tief beeindruckte. Sie starrte ihn an, aber nicht mit dem selbstzufriedenen Ausdruck, den er erwartet hatte. Es war, als sehe sie ihn gar nicht; die Tatsache, dass er nackt war, schien sie nicht zu berühren. Den Kopf ein wenig zur Seite gelegt, betrachtete sie ihn mit gekrauster Stirn, während sie mit den Händen unablässig an dem Ding vor ihr herumstrich.

Er warf einen Blick auf die Figur. Viel versprechend sah sie nicht aus, und mit den zwei Metallstäben, die aus dem Rücken hervorstachen, erinnerte sie an eine dieser seltsamen Skulpturen, die man in Museen für moderne Kunst bewundern konnte. Wollte sie einen Picasso aus ihm machen?

Was immer ihr vorschwebte, sie ging ganz in ihrer Tätigkeit auf. Im Moment war sie damit beschäftigt, einen Arm am Ende der Schulter zu befestigen – jedenfalls sah es danach aus. Sie warf einen Blick auf seine

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