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Millionen zum Glück

ARLENE JAMES

Millionen zum Glück

Millionenerbin sucht das Glück

Noch keine Frau hat ihn so berührt wie Valerie – und nach einem Kuss weiß er, dass sie auch etwas für ihn empfindet. Ian ist fest entschlossen, das Herz der hübschen Kosmetikerin zu erobern. Doch er hat einen Rivalen: Seit bekannt wurde, dass Valerie eine Million Dollar geerbt hat, tut ihr Exfreund alles, um sie zurückzugewinnen.

Glück ist unbezahlbar

Endlich kann Sierra sich ihren Traum erfüllen: eine eigene Blumenfarm! Und ausgerechnet der umwerfende Sam bietet ihr seine Unterstützung an. Schon bald wünscht Sierra sich, jede Nacht in den Armen dieses attraktiven Mannes zu liegen. Doch je mehr ihr Herz in seiner Gegenwart klopft, umso mehr scheint Sam sich von ihr zu distanzieren.

Ein Herzenswunsch wird wahr

Weder sein Vermögen noch sein umwerfender Charme schei-nen die hübsche Avis zu beeindrucken. Dabei möchte Milliardär Luc Tyrone doch nichts mehr, als ihr zu zeigen, wie schön die Liebe sein kann. Also lässt er sich einen Trick einfallen, um Avis ihre schlechten Erfahrungen ein für alle Mal vergessen zu lassen – und ihr Herz zu gewinnen.

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Millionenerbin
sucht das Glück

1. KAPITEL

„Nein, nein, nein!“ Mürrisch starrte Edwin Searle sein Spiegelbild an und griff sich mit knorrigen Fingern an den Kopf. „Da haben Sie es immer noch nicht richtig gemacht.“

„Und Sie haben wahre Adleraugen“, erwiderte Valerie nachsichtig, während sie die bereits kurz geschorenen silbergrauen Haare an der betreffenden Stelle hochkämmte. Sie setzte den summenden Haarschneider so behutsam ein, dass es eines Mikroskops bedurft hätte, um die abgeschnittenen Haarspitzen zu sehen.

Doch der alte Mann lächelte zufrieden, bevor er an eine andere Stelle fasste. „Hier müssen Sie auch noch was wegnehmen.“

Gehorsam befolgte sie die Aufforderung. Edwin war ihr reizbarster Kunde. Er suchte ihr Geschäft jeden zweiten Donnerstag auf und murrte ständig über seinen Haarschnitt. Doch sie hatte schon vor langer Zeit durchschaut, dass er gar nicht so pingelig war, sondern nur den Besuch bei ihr ausdehnen wollte. Er war ein einsamer alter Mann, und sie nahm sich gern Zeit für ihn.

Außerdem standen die Kunden nicht gerade Schlange, weder an diesem Tag noch an anderen. Ihr Schönheitssalon florierte längst nicht so sehr, wie sie es sich erhofft hatte. Sie hatte durchaus eine loyale Stammkundschaft, durch die sie die laufenden Kosten tragen konnte, aber Puma Springs lag zu nahe an Fort Worth und war mit gerade mal achttausend Einwohnern zu klein, um seinen kleinen Geschäften mehr als das nötigste Einkommen bescheren zu können. Jeden Monat betete sie, dass nichts Außergewöhnliches eintrat, aber meistens geschah es doch.

Mit einem Seufzer trat sie zurück, während Edwin seinen Kopf im Spiegel musterte. Bevor er sich erneut beschweren konnte, ging die Ladentür auf. Das freundliche Lächeln erstarb auf Valeries Lippen, als ihr früherer Freund Buddy Wilcox eintrat.

„Hallo.“

Ohne seinen Gruß zu erwidern, wandte sie sich wieder an Edwin. Buddy war eine schlechte Gewohnheit, die sie abzulegen beschlossen hatte.

Valerie und Buddy waren seit der Schulzeit mit einigen Unterbrechungen zusammen. Dass ihre Beziehung immer wieder aufgelebt war, mochte an dem Mangel an anderen Gelegenheiten in der Kleinstadt liegen. Die meisten ihrer Gleichaltrigen hatten kurz nach dem Examen entweder geheiratet oder waren in Großstädte verzogen.

Valerie selbst hatte vorübergehend in Fort Worth gewohnt, weil sie sich dort zur Hairstylistin und Kosmetikerin hatte ausbilden lassen. Aber sie hatte stets beabsichtigt, nach Puma Springs zurückzukehren, um bei ihrer verwitweten Mutter und ihrem jüngeren Bruder zu sein.

Buddy hatte die Kleinstadt nie verlassen. Er war es ganz zufrieden, von einem schlecht bezahlten Job zum anderen zu wechseln und sich in seinem Ruf als ehemals erfolgreichster Quarterback der Schulmannschaft Puma Springs Panthers zu sonnen. Sie hielt sich mit vierundzwanzig endlich für erwachsen, aber er würde es nie werden.

„Was willst du, Bud? Ich habe keine Zeit, dir die Haare zu schneiden“, erklärte sie, da er aus lauter Eitelkeit sehr häufig vorbeikam, um sich frisieren zu lassen – kostenlos.

„Sieh mich doch mal an, Püppchen.“ Er schlenderte zum Spiegel und musterte sich. „Meine Haare sehen toll aus. Ich brauche dein Auto.“

Automatisch blickte sie durch das Fenster zu ihrem vier Jahre alten schwarzen Coupé, das vor dem kleinen Einkaufszentrum parkte. Sie musste es noch zwei Jahre lang abbezahlen und hatte gerade erst die Beifahrertür reparieren lassen, der ihr leichtsinniger Bruder eine Beule verpasst hatte. Verglichen mit Buddy war Dillon ein Musterknabe. Sie stellte den Rasierer ab, legte ihn beiseite und verschränkte die Arme. „Nicht mal im Traum.“

„Komm schon, Val“, jammerte Buddy.

„Auf keinen Fall. Du fährst immer, als wärst du auf einer Rennstrecke.“

Er grinste. „Danke.“

„Das war kein Kompliment.“

„Hör mal, es ist wichtig. Ich habe keine Zeit, mit dir zu diskutieren. Hängt der Schlüssel am Haken?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, stürmte er zum Hinterzimmer.

„Komm zurück!“, schrie sie und lief ihm nach. „Ich habe nicht gesagt, dass du …“

Die Tür öffnete sich erneut, und momentan vergaß Valerie die potenzielle Gefahr für ihr Auto, als ein hoch gewachsener, gut aussehender Mann mit einem schwarzen Hund hereinkam. Der Mann hatte breite Schultern, dichte pechschwarze Haare, markante Züge und ebenmäßige weiße Zähne. Der Hund war ungewöhnlich groß für seine Rasse, setzte sich auf Befehl gehorsam hin und starrte sie mit seinen schwarzen Augen an. Der Mann lächelte sie an, und seine leuchtend blauen Augen blickten fragend und auch ein wenig anerkennend.

Er konsultierte das Klemmbrett in seiner Hand. „Sind Sie … Valerie Blunt?“

„Ja, allerdings.“

Er reichte ihr eine Hand, die so groß wie eine Schaufel war. „Ich bin Ian Keene, der neue Brandschutzinspektor.“

Brandschutzinspektor. Sie hatte in der Lokalzeitung über ihn gelesen, dass er hohe Auszeichnungen und Qualifikationen besaß, aber zu teuer für die Kleinstadt war, zumal er einen Assistenten mitbrachte. Dennoch hatte der Stadtrat einstimmig seine Einstellung beschlossen und sich dabei auf eine staatliche Studie gestützt, nach der die kleine Gemeinde inmitten eines von Feuersbrünsten bedrohten Gebiets lag. Zwei Jahre Trockenheit hatten dafür gesorgt, dass die Felder und Weiden selbst jetzt im Frühling ausgedörrt waren.

Während die Zeitung den Heldenmut und die Qualifikationen des neuen Brandschutzinspektors lobte, wurde darin nicht erwähnt, wie reizvoll er das rote Flanellhemd und die hautenge Jeans ausfüllte. Seine starke, langfingrige Hand verschlang förmlich ihre. Er sah nicht so aus, als hätte er einen Haarschnitt nötig, aber sie konnte sich keinen anderen Grund für sein Auftauchen vorstellen.

„Was kann ich für Sie tun, Inspektor Keene?“

Er zog seine Hand zurück. „Ich bin hier, um das Geschäft zu inspizieren.“

„Inspizieren“, wiederholte sie dümmlich.

In diesem Moment kam Buddy aus dem Hinterzimmer. „Ich hab ihn gefunden“, verkündete er, und das bedeutete, dass er ihre Handtasche durchwühlt hatte.

„Buddy, wage es ja nicht …“

„Inspizieren?“, rief Edwin erbost, und Valerie blickte zu ihm. „Ich wusste doch, dass nichts Gutes bei dieser Sache rauskommen würde.“

„Wir sehen uns!“, rief Buddy und schlüpfte hinter dem Brandschutzinspektor aus dem Salon.

„Nein!“ Valerie lief ihm nach und riss die Tür auf. „Buddy, warte!“ Doch er hatte ihr Auto bereits gestartet und brauste davon.

Vergeblich bemühte sie sich, ihren Zorn zu unterdrücken. Sie wirbelte herum und fand eine Zielscheibe direkt vor sich. „Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben!“

„Ich? Ich bin nur gekommen, um Ihr Geschäft auf Einhaltung zu prüfen.“

„Auf was?“

„Einhaltung der Feuerschutzverordnung.“

„Ich weiß nichts von einer neuen Verordnung.“

„Nicht neu“, entgegnete er lakonisch. „Sie ist nur bisher nicht durchgesetzt worden.“

„Heston ist der Schuldige“, verkündete Edwin und drehte sich zu dem Inspektor um. „Der Junge schert sich einen Dreck um andere Menschen, und das sage ich, obwohl seine Mutter meine eigene Schwester ist.“ Er stand auf und fischte seine Brieftasche aus der Gesäßtasche seiner ausgebeulten Jeans.

„Sie sind also der Onkel des Bürgermeisters“, bemerke Keene mit deutlichem Interesse.

Edwin warf eine Fünf-Dollar-Note auf die schmale Ablage unter dem Spiegel. „Ich bin Edwin Searle, und Callie Searle Witt ist meine Schwester, aber ich bezeichne Heston Witt nicht als Familienmitglied. Er ist ein habgieriger Egoist.“ Mit ruckartigen Bewegungen stand er auf. Er kraulte den Hund, der immer noch gehorsam neben seinem Herrchen saß, ging weiter zum Garderobenständer und setzte sich seinen fleckigen, zerbeulten Cowboyhut auf. „Mit dieser unsinnigen Inspektion will er bloß seine Macht beweisen.“

„Es war der Stadtrat, der diese Inspektion verordnet hat“, wandte der Inspektor ein. „Der Bürgermeister hat als Einziger dagegen gestimmt.“

„Wollen Sie damit sagen, dass er Sie nicht angestiftet hat, mein Haus zu prüfen?“

„Na ja, er hat erwähnt, dass es dort einige Probleme geben könnte“, gestand Keene milde ein.

Edwin straffte die hängenden Schultern und drohte dem Inspektor mit seinem knorrigen Zeigefinger. „Sie werden keinen Fuß auf mein Grundstück setzen.“

„Oh doch“, entgegnete Keene entschieden. „Und falls Veränderungen nötig sein sollten, werden sie erfolgen.“

„Nur über meine Leiche“, knurrte Edwin und riss die Tür auf.

„Gerade das suchen wir durch die Inspektionen zu verhindern“, entgegnete Keene ruhig.

Edwin verriet seine Einstellung dazu, indem er wortlos hinausging und die Tür rüde zuknallte.

Ian Keene schüttelte seufzend den Kopf, bevor er seinen Blick auf Valerie richtete. „Ist er immer so angenehm?“

Sie musterte ihn und kam zu dem Schluss, dass seine Selbstsicherheit an Arroganz grenzte, dass er viel zu gut aussah und außerdem schuld war, dass Buddy mit ihrem Auto verschwunden war. „Edwin kann schwierig sein“, gestand sie ein. „Vor allem, wenn man ihn reizt.“

„Mir scheint eher, dass er derjenige ist, der andere reizt.“ Er schnippte mit den Fingern, und der Hund erhob sich auf und lief schnüffelnd durch den Laden.

„Nun, mir gefällt diese Inspektion ebenso wenig wie Edwin“, murrte sie.

Keene blickte sich um und machte ein paar Notizen auf seinem Klemmbrett. „Es muss sein. Nur so kann die Brandgefahr in dieser Stadt minimiert werden. Es geht ganz schnell. Ich habe noch viel Arbeit vor mir.“

„Eine echt lange Liste an Leuten, die Sie schikanieren wollen, wie?“

„Ich würde es nicht als Schikane bezeichnen, für die Sicherheit der Leute zu sorgen. Also, wie viele Räume haben Sie hier?“

Valerie schluckte eine bissige Bemerkung hinunter. „Drei, wenn man das Lager und den Waschraum mitzählt.“

Er machte sich eine Notiz. „Gehen Sie nur Ihrer Arbeit nach. Ich bin in ein paar Minuten wieder weg.“

Sie verschränkte die Arme und tippte ungehalten mit dem Fuß auf den Boden, während er von Schrank zu Schrank und von Ecke zu Ecke wanderte.

Er inspizierte den Frisierstuhl, als könnte er jeden Moment in Flammen aufgehen, und ging dann weiter zur Waschstation. Die elektrische Wandheizung wurde so minutiös untersucht, dass Valerie die Augen verdrehte – und dabei den Hund ins Hinterzimmer schlüpfen sah.

„Würden Sie Ihren Hund bitte zurückpfeifen? Was fällt Ihnen überhaupt ein, das Tier in ein Geschäft mitzubringen?“

„Cato ist ein wesentlicher Bestandteil des Prozesses“, erklärte er. „Ich muss sehen, wo Sie Ihre Waren lagern. Schönheitsprodukte enthalten viel Alkohol und andere Brennstoffe.“

Der Hund stieß ein Wuff aus, und Keene stürmte abrupt ins Hinterzimmer. „Aha.“

Valerie folgte ihm auf den Fersen. „Aha? Was soll das heißen? Es ist ein gewöhnlicher Lagerraum.“

Sie versuchte, über seine Schulter zu blicken, um zu sehen, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Doch eine kalte, feuchte Nase in ihrer Hand und ein pathetisches Jaulen ließen sie stattdessen zu dem Hund blicken, der sich prompt auf ihre Füße setzte. „Ich rate dir, dass du nicht getan hast, was ich vermute“, murrte sie und suchte nach einer verräterischen Pfütze. Als sie keine fand, gab sie nach und kraulte ihn zwischen den Ohren.

„Cato, such“, befahl Ian Keene.

Der Hund stand auf und trottete zu dem Inspektor, der nun vor dem neuen Gasboiler hockte.

„Wie Sie sehen werden, sind die Vorräte in dem Metallschrank am anderen Ende des Raumes untergebracht“, verkündete Valerie.

Der Hund steckte die Schnauze hinter den Boiler und winselte.

„Braver Junge“, lobte Ian Keene und tätschelte ihn. Dann drehte er an den Ventilen.

„Was tun Sie denn da?“

„Ich stelle ihn ab. Er hat ein Leck.“

„Das ist unmöglich. Ich habe ihn gerade erst installieren lassen.“

Er zuckte die Achseln und machte eine Eintragung auf seinem Klemmbrett. „Er hat trotzdem ein Leck.“

Sie schnupperte. „Ich rieche aber kein Gas.“

„Ich auch nicht, aber Cato.“

„Sie lassen Ihren Hund mein Heißwasser abstellen? Ich kann ohne Heißwasser nicht arbeiten.“

„Ich dichte das Rohr ab, bevor ich gehe.“ Er zog ein Maßband hervor. „Sie können vorübergehend weiterarbeiten, aber dieser Boiler muss versetzt werden.“

„Was?“

„Sie müssen den Boiler versetzen lassen.“ Er ging zur Tür, während er erneut etwas auf sein Klemmbrett schrieb, und stieß prompt mit Valerie zusammen.

Sie geriet ins Taumeln, er stützte sie mit beiden Händen. Ihre Füße verhakten sich miteinander, ihre Körper trafen aufeinander. Plötzlich erstarrten beide. Hitze strömte an den Stellen aus, an denen sie sich berührten. Die Atmosphäre zwischen ihnen knisterte förmlich. Lange Zeit standen sie reglos da. Dann fiel das Klemmbrett in seiner Hand klappernd zu Boden und brach den Bann. Sie stoben auseinander. Sie legte sich eine Hand auf die Brust, um ihr pochendes Herz zu beruhigen, während er sich nach dem Klemmbrett bückte und wieder aufrichtete.

„Zehn Zentimeter reichen“, murmelte er.

„Das geht nicht.“

„Ich fürchte, Sie haben keine andere Wahl“, entgegnete er und ging an ihr vorbei.

Sie lief ihm nach. „Wo wollen Sie hin?“

„Ich bin gleich wieder da“, versicherte er, und schon verschwand er zur Tür hinaus.

Sie warf die Hände in die Luft und stieß ein Wort aus, das lieber ungehört blieb. Ein Jaulen rief ihr in Erinnerung, dass sie nicht allein war. Der Hund stand neben ihr und blickte betörend zu ihr auf. „Das ist alles deine Schuld. An anderer Leute Boiler zu schnüffeln! Schäm dich.“

Er bellte und warf sie beinahe um, als er sie mit den Vorderpfoten ansprang und ihr das Gesicht ableckte. Unwillkürlich grinste sie.

„Runter, Cato“, befahl Ian, der in diesem Augenblick mit einem roten Werkzeugkasten zurückkehrte. Der Hund sank augenblicklich auf alle viere und winselte. „Er mag Sie.“

„Ich Glückspilz“, murrte sie, aber sie tätschelte das Tier verstohlen, während sie seinem Herrchen ins Hinterzimmer folgte. „Ist es wirklich Ihr Ernst, dass ich den Boiler umhängen lassen muss? Ich habe ihn gerade erst installieren lassen.“

„Trotzdem.“ Er kniete sich vor das anstößige Gerät und öffnete den Werkzeugkasten. „Er ist nicht vorschriftgemäß angebracht worden.“

„Das ist nicht meine Schuld. Ich kenne die Vorschriften nicht.“

„Das zählt nicht. Ich kann es nicht durchgehen lassen.“

„Nur wegen zehn Zentimetern muss ich ihn umbauen lassen?“

„Entweder das, oder Sie ersetzen ihn durch ein Elektrogerät.“

„Die gewerblichen Stromkosten sind zu hoch.“

„Dann erfüllen Sie die Vorschriften.“

„Aber der Einbau hat mich schon ein Vermögen gekostet.“

„Das ist nicht mein Problem“, entgegnete er, ohne die Arbeit zu unterbrechen. „Reden Sie mit dem Klempner. Er hätte es richtig machen müssen.“

Valerie blickte ihn finster an. Verzweiflung kämpfte mit Zorn. „Das ist nicht fair.“

„Was ist daran nicht fair? Die Vorschriften gelten für alle. Bringen Sie es in Ordnung, oder ich muss Ihr Geschäft schließen.“

„Wie können Sie das tun?“

„Es ist mein Job.“ Er legte das Werkzeug zurück in den Kasten, schloss ihn und stand auf. „Sie haben zehn Tage Zeit.“ Er zwängte sich an ihr vorbei. „Ich schicke Ihnen eine offizielle Benachrichtigung. Guten Tag.“

Zehn Tage! Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Seufzend schloss sie die Augen und fragte sich, wovon sie den Umbau bezahlen sollte. Es war einfach nicht fair.

2. KAPITEL

„Ich muss eben alles ausstöpseln“, sagte Avis Lorimer und schüttelte dabei resigniert den Kopf, sodass ihre üppigen schokoladenbraunen Locken hüpften.

Sie war zweiunddreißig und seit drei Jahren verwitwet. Nach dem Tod ihres Mannes, der fast zwanzig Jahre älter gewesen war, hatte sie seinen kleinen Hobbyladen übernommen und verdiente sich dadurch einen bescheidenen Lebensunterhalt.

Nun hatte Ian Keene verfügt, dass sie entweder die elektrisch betriebenen Artikel wie Spielzeugeisenbahnen, beleuchtete Puppenstuben und Strickmaschinen ausstöpseln oder aber neue Stromkreise und Sicherungen installieren lassen musste. Dabei kümmerte es den verbissenen Inspektor nicht, dass Avis sich keine neuen Sicherungen leisten konnte und gerade die eingeschalteten Geräte Kundschaft anlockten.

„Es ist nicht fair“, murrte Valerie.

„Fair vielleicht nicht“, meinte Gwyn Dunstan und füllte die Kaffeetassen auf. „Aber er versteht sein Handwerk. Und davon abgesehen sieht er verdammt gut aus.“

Gwyn war sechsunddreißig, geschieden und zweifache Mutter. Sie schuftete tagtäglich viele Stunden in ihrem kleinen Café, stand im Morgengrauen auf, um zu backen, und schloss erst am späten Nachmittag. Die harte Arbeit hatte Spuren hinterlassen. Zum Glück hatte ihr Geschäft bei dem Brandschutzinspektor recht gut abgeschnitten. Sie musste nur einige Regale umstellen.

„Er mag gut aussehen“, räumte Sierra Carlton ein, „aber er ist total nüchtern und unbestechlich. Ich habe weiß Gott versucht, ihm schöne Augen zu machen.“ Aufreizend klimperte sie mit ihren golden getuschten Wimpern und strich sich dabei verführerisch über ihren langen roten Zopf.

Gwyn und Avis lachten, aber Valerie verspürte einen Anflug von … nun, Besorgnis musste es sein. Schließlich hatte Sierra am schlechtesten von den drei „Mädels“ im Einkaufszentrum abgeschnitten. Ian Keene hatte in ihrem Blumengeschäft zahlreiche Verstöße gegen die Brandschutzverordnung vorgefunden, und seitdem wirkte ihre von Natur aus überschäumende Persönlichkeit sehr bedrückt.

Die vier Frauen teilten sich das Einkaufszentrum mit einem Versicherungsagenten und einem Chiropraktiker, die sich als Ehemänner jedoch abseits hielten. Die „Mädels“ dagegen kamen täglich zusammen, wenn Gwyn das Café schloss. So konnten sie sich ungestört unterhalten und dabei ihre Geschäfte im Auge behalten.

„Das wird richtig ins Geld gehen“, betonte Valerie für den Fall, dass jemandem der Ernst der Lage entgangen sein könnte.

Sierra nickte. „Und der einzige Kunde, den ich bisher hatte, war Edwin.“

„Hat er mal wieder ein Dutzend Nelken geholt?“, fragte Gwyn.

„Natürlich. Sechs für seine Schwester und sechs für das Grab seiner Frau.“ „Du solltest sie ihm nicht zum Selbstkostenpreis geben“, meinte Gwyn. „Ich kann nicht anders. Der arme alte Mann muss offensichtlich jeden Penny dreimal umdrehen.“ Gwyn schnaubte verächtlich. „Wahrscheinlich hat er immer noch den ersten, den er je verdient hat.“ „Dann ist der bestimmt einen ordentlichen Batzen wert“, warf Avis ein.

„Du hast mit Sicherheit viel zu viel für die alten Münzen bezahlt, die du ihm aus lauter Mitleid abgekauft hast“, vermutete Gwyn kopfschüttelnd. „Ich verstehe euch nicht. Val schneidet ihm die Haare praktisch umsonst, und ihr beide verliert bei jeder Transaktion mit ihm viel Geld, aber was hat er je für euch getan?“

„Darum geht es nicht“, erklärte Valerie. „Ich finde es einfach süß von ihm, dass er sich so um seine Schwester im Pflegeheim und um das Grab seiner Frau kümmert.“

Süß ist das letzte Wort, das ich im Zusammenhang mit dem alten Bock benutzen würde“, murrte Gwyn. „Bestimmt hat er sie früher wie Dreck behandelt und kauft ihnen jetzt Blumen, weil er ein schlechtes Gewissen hat.“

„Das kann man nicht wissen“, widersprach Avis sanft.

„Es ist aber nahe liegend. Schließlich ist er ein Mann.“

„Ach, komm schon, Gwyn“, sagte Avis. „Wir wissen doch alle, dass du ihm hin und wieder ein Stück Kuchen oder eine Tasse Kaffee umsonst gibst.“

„Aber nur, wenn ich es sonst wegwerfen müsste“, protestierte Gwyn.

Die drei Frauen an dem kleinen Tisch tauschten wissende Blicke und nippten an ihren Getränken, die sie nie bezahlen mussten.

„Jedenfalls ist Edwin nicht das Problem“, meinte Valerie, „sondern dieser Ian Keene.“

Avis runzelte die Stirn. „Wie ich es sehe, hat der Stadtrat die Schuld. Der hätte diejenigen von uns schützen müssen, die ihre Geschäfte eröffnet haben, bevor die neue Bauvorschrift in Kraft getreten ist.“

„Die Bauvorschrift ist ja gar nicht neu“, entgegnete Gwyn. „Sie wurde nur bisher von niemandem beachtet.“

„Wie gesagt“, beharrte Valerie, „es ist alles Ian Keenes Schuld.“

„Mich hat er jedenfalls in die Klemme gebracht“, sagte Sierra. „Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.“

„Du kannst es ihm aber nicht verdenken, dass er seinen Job macht“, sagte Gwyn.

Ich schon“, konterte Valerie. „Vielleicht sollte jemand dem Bürgermeister einen Floh ins Ohr setzen und ihn wissen lassen, dass die Wählerschaft von Puma Springs nicht gerade erfreut ist.“

„Das kann nicht schaden“, stimmte Sierra zu, und Avis nickte zustimmend.

„Dann suche ich ihn heute Nachmittag auf“, entschied Valerie.

„Nur zu, aber nützen wird es uns gar nichts“, meinte Gwyn. „Du verschwendest damit nur deine Zeit. Allerdings haben wir davon alle mehr als genug.“

„Bist du sicher, dass sie rechtliche Schritte einleiten wollen?“, hakte Avis nach.

Valerie blickte nacheinander die drei Frauen an ihrem Stammtisch im Café an und zuckte die Achseln. Ihr Besuch beim Bürgermeister war nicht gut gelaufen. Heston Witt war ein weicher, schmieriger und selbstgefälliger kleiner Mann, der nicht genug Verstand hatte, um zu begreifen, dass er sein Amt nur erhalten hatte, weil die Bürgerschaft ihn für harmlos hielt. Vom Stadtrat wurde er immer wieder unterstützt, da er zu faul und inkompetent war, um sich gegen dessen Entscheidungen zu stellen.

„Ich weiß nur, dass der Inspektor die unqualifizierte Unterstützung des Bürgermeisters genießt und vom Stadtrat ermächtigt wurde, rechtliche Schritte gegen die Nichterfüllung der Verordnung einzuleiten. Heston hat angedeutet, dass jemand wie Edwin Schwierigkeiten kriegen wird, weil sein Grundstück einen Schandfleck und eine Gefahr darstellt.“

Besorgt fragte Avis: „Was können wir tun?“

„Wir könnten ihm beim Aufräumen helfen“, schlug Valerie vor.

Sierra nickte. „Warum nicht? Das würde uns von unseren eigenen Sorgen ablenken und dem alten Heston einen Strich durch die Rechnung machen.“

Avis seufzte. „Die Frage ist nur, ob Edwin sich helfen lässt.“

„Wir lassen ihm einfach keine Wahl“, entschied Valerie.

„Er wäre uns bestimmt dankbar für die Hilfe“, sagte Sierra.

Gwyn schüttelte den Kopf. „Edwin und dankbar? Im Leben nicht! Ist euch eigentlich klar, dass es dabei nicht nur um ein bisschen Staubwischen geht? Er hat eine ganze Waggonladung Müll auf seinem Grundstück angesammelt.“

Tonlos hakte Valerie nach: „Du willst uns also nicht helfen?“

„Genau.“

„Es wäre auch nicht fair, das zu erwarten“, betonte Avis. „Sie steht jeden Morgen um drei Uhr auf und hat sich um zwei Teenager zu kümmern.“

„Könntest du dann für mich auf Tyree aufpassen, Gwyn?“, bat Sierra. „Es muss an einem Sonntag sein, da das unser einziger freier Tag ist. Es dauert bestimmt nicht so furchtbar lange.“

Gwyn nickte. „Ich passe auf sie auf, so lange es nötig ist. Und da ihr so entschlossen seid, eure Nasen in Edwins Angelegenheiten zu stecken, muss ich euch was erzählen. Ich habe gehört, dass er zusammen mit dem Inspektor beim Anwalt und dann in der Bank war.“

Avis blickte in die Runde. „Vielleicht ist es schon zu spät. Das klingt, als ob Edwin schon eine Strafe gezahlt hat.“

„Ich weiß noch mehr“, fuhr Gwyn fort. „Ich habe aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass der Inspektor gesehen wurde, wie er Sachen aus dem Haus geschafft hat – Kartons und Koffer und so.“

Alarmiert fragte Valerie: „Soll Edwin von seinem Grundstück vertrieben werden?“

„Nein.“

„Woher weißt du das?“

„Weil ich gefragt habe.“

„Du hast den Inspektor danach gefragt?“, hakte Sierra nach.

„Ja. Ich war sehr höflich, und er hat sehr höflich die Aussage verweigert. Allerdings hat er gesagt, dass es sich nicht um eine Zwangsräumung handelt.“

Valerie runzelte die Stirn. „Edwin braucht trotzdem Hilfe.“

Zum wiederholten Male schüttelte Sierra die Kuhglocke, die am Gartentor hing, diesmal lange und kräftig.

„Immer mit der Ruhe“, rief Edwin hinter dem hohen Holzzaun. Einen Moment später steckte er den Kopf durch das Gartentor und fragte überrascht: „Was in aller Welt wollt ihr denn hier?“

Als Anstifterin des Vorhabens fühlte Valerie sich befleißigt, die Führungsrolle zu übernehmen, und sie erwiderte mit einem strahlenden Lächeln: „Wir haben gehört, dass Sie Hilfe brauchen, um das Grundstück zu entrümpeln.“

Edwin legte eine mürrische Miene auf. „Was? Wurde das im Radio durchgesagt? Hat man denn hier überhaupt keine Privatsphäre?“ Er öffnete das Tor weiter und trat zurück. „Dann kommt endlich rein. Der Tag ist schon halb vorbei.“

Die Frauen tauschten amüsierte Blicke und schlüpften nacheinander durch das Tor auf einen überwucherten Gartenweg. Valerie spürte eine Bewegung neben sich, blickte hinab und sah einen großen schwarzen Hund, der ihr vage bekannt vorkam. Sie hatte nicht gewusst, dass Edwin ein Haustier besaß. Geistesabwesend kraulte sie das Tier zwischen den Ohren und ging weiter.

Edwin ging um den gewaltigen Stamm eines uralten Baumes herum und sagte zu einer dahinter verborgenen Person: „Sie kriegen Hilfe. Anscheinend bin ich neuerdings ein beliebter Kerl.“ Er schüttelte den Kopf, bevor er die Frauen zu sich winkte. „Er wird Ihnen zeigen, was zu tun ist.“ Und damit wandte er sich ab und schlurfte zum Haus, gefolgt von dem schwarzen Hund.

Valerie schloss einen Moment lang die Augen. Instinktiv wusste sie, wer da hinter dem großen alten Baum hantierte.

„Danke, dass Sie gekommen sind“, sagte Ian. „Ich hatte keine Hilfe erwartet.“

Einen Moment lang herrschte verlegenes Schweigen. Dann räusperte sich Sierra. „Edwin ist ein … guter Kunde.“

„Wir machen uns Sorgen um ihn“, fügte Avis hinzu.

Valerie zwang sich, die Augen zu öffnen, und begegnete seinem eindringlichen Blick.

„Das freut mich zu hören.“ Er blickte um sich, als wollte er die Lage einschätzen.

Valerie nutzte die Gelegenheit, um ihn verstohlen zu mustern. Der strohfarbene Cowboyhut stand ihm gut, betonte seine pechschwarzen Haare. Ein dünnes weißes T-Shirt und eine alte Jeans, die tief auf seinen Hüften saß, umspannten seinen Körper wie eine zweite Haut. Er schien sich so zu Hause zu fühlen wie in seinem eigenen Garten. Das wurmte sie. Aus irgendeinem Grund wurmte sie alles an ihm.

Er deutete hinter sich. „Eigentlich werfe ich den Schrott nur auf den Anhänger da hinten, den ich später bei der Mülldeponie ablade.“

Er ging davon, und die anderen Frauen folgten ihm ohne Zögern. Doch es dauerte einen Moment, bis Valerie sich zwingen konnte, sich in Bewegung zu setzen. Sie sagte sich, dass seine Hilfe bei der Entrümpelung das Mindeste war, was er tun konnte, da er überhaupt erst das Problem verursacht hatte. Es machte ihn nicht zu einem Helden – nur zu einem anständigeren Menschen, als sie zunächst geglaubt hatte.

Im Hinterhof, gleich beim Tor, stand ein relativ neuer dunkelgrüner Pick-up mit einem blauen Metallanhänger. Verwitterte Balken, kaputte Möbel, Baumstämme und Fässer mit halb verbranntem Müll lagerten um eine baufällige Garage, die vermutlich nach Entfernung des Gerümpels zusammenbrechen würde. Kisten und aufgeweichte Pappkartons stapelten sich neben einem Blechschuppen, der überquoll mit Dosen und Beuteln und Kisten.

„Was will Edwin mit all dem Zeug?“, fragte Sierra.

Ian zuckte die Achseln. „Er hatte vor, alles wieder zu verwerten. Er wollte ein Recycling-Center hier in Puma Springs aufmachen, hauptsächlich auf Betreiben seiner Frau. Mit ihrem Tod ist wohl auch sein Wille dazu gestorben.“

„Der arme alte Kerl“, sagte Avis, während sie ein Paar dicke Gartenhandschuhe aus ihrem Hosenbund zog.

Ian lächelte. „Ich glaube, er würde sich an dieser Bezeichnung stören. Seinen Ausführungen zufolge hatte er in seinem langen Leben alles, was sein Herz begehrt.“

„Sieht so aus, als ob das alles noch hier wäre“, murrte Sierra.

Ian schmunzelte. Lachfältchen bildeten sich in seinen Augenwinkeln, und tiefe Linien gruben sich in seine Wangen. Valerie verspürte ein Flattern in der Magengegend.

„Falls Sie keine Handschuhe mitgebracht haben, im Pick-up sind welche.“

„Danke. Ich habe es tatsächlich vergessen.“

Zum ersten Mal wandte er sich an Valerie. „Wie steht es mit Ihnen?“

Sie griff in die Gesäßtasche und holte ein Paar Lederhandschuhe hervor. „Ich habe meine eigenen dabei“, antwortete sie knapp und eisig.

Er grinste, so als fände er ihre Feindseligkeit höchst amüsant. „Nun, dann können Sie sich ja gleich an die Arbeit machen“, sagte er und musterte sie mit einem Grinsen, das ihr spöttisch erschien, von ihrem alten vergilbten Filzhut bis hin zu den abgewetzten Stiefelspitzen.

Dann begleitete er Sierra zum Pick-up, öffnete die Fahrertür und beugte sich hinein, während er etwas sagte. Sie lachte und blickte zu Valerie, bevor sie sich wieder umdrehte und die Handschuhe entgegennahm.

„Wir scheinen uns in Ian Keene getäuscht zu haben“, murmelte Avis, während sie sich bückte und eine verwitterte Dachschindel aufhob.

„Wieso? Ist er das Geschenk Gottes an einen mürrischen alten Mann?“, konterte Valerie missmutig.

Überrascht blickte Avis auf. „Er bemüht sich offensichtlich, Edwin zu helfen, genau wie wir.“

„Er hat dieses ganze Problem verursacht.“

„Was hätte er denn sonst tun sollen? Schau dich doch mal um. Ein Funke reicht, und hier brennt alles lichterloh.“

„Mag sein, aber ich mag ihn trotzdem nicht.“

Avis warf einen Blick über die Schulter. Valerie tat es ihr gleich, und ihre Laune verfinsterte sich noch mehr, als sie Ian Keene an seinem Pick-up lehnen und angeregt mit Sierra plaudern sah.

„Was gibt es da nicht zu mögen, Val? Der Mann kann nicht so schlecht sein, wenn er hier aushilft. Außerdem ist er ein echt toller Hecht – und ein echter Single.“

Valeries Herz pochte. „Ja und? Was kümmert mich das? Er kostet mich – uns alle – eine Menge Geld, das wir nicht haben.“

„Na ja, aber irgendwie ist er doch im Recht.“

„Er ist überhaupt nicht im Recht! Er ist ein Tyrann.“

Avis blickte erneut zum Pick-up, als Sierra laut lachte. „Sie scheint anderer Meinung zu sein.“

Ein unliebsames Gefühl des Neides stieg in Valerie auf, als ihr bewusst wurde, dass Sierra eine hautenge Jeans und ein knappes Top trug, das ihren geschmeidigen, wohl gerundeten Körper aufreizend umschmiegte.

Ian kehrte gemeinsam mit Sierra zurück in den Hinterhof und rief: „Wenn Sie sich um das Kleinzeug kümmern, dann übernehmen Sierra und ich diese Möbel.“

Sierra, dachte Valerie verbittert. Sie nannten sich also schon beim Vornamen. Verbissen begann sie, ein Stück Gerümpel nach dem anderen einzusammeln, und dabei verfluchte sie insgeheim den Tag, an dem Ian Keene in Puma Springs Einzug gehalten hatte.

3. KAPITEL

„Wir brauchen Hilfe hier hinten!“, rief Ian.

Valerie warf einen giftigen Blick in seine Richtung.

Jedes Mal, wenn er sie anschaute, fühlte er sich wie vom Blitz getroffen. Es ergab keinen Sinn. Sie war nicht sein Typ mit ihrem peppigen Fransenschnitt. Er mochte Naturblondinen mit langen Haaren und einer Vorliebe für Jeans und Turnschuhe. Valeries Aufmachung dagegen war schick und modebewusst, einschließlich des superhellen Lippenstifts, den er hasste. Darüber hinaus gab sie sich höchst unwirsch. Was war es also, das ständig seinen Blick anzog und seine Sinne schärfte?

Vielleicht lag es an der Bluse, die millimetergenau zugeschnitten zu sein schien und die Rundungen ihrer vollen, hohen Brüste betonte. Doch ihr Schmollmund erinnerte ihn an ein verwöhntes Kind. Daddys kleine Prinzessin. Jemand hätte ihr den kecken Po versohlen und sie dadurch zu der Einsicht bringen sollen, dass sich die Welt nicht nur um sie drehte.

Er wandte sich ab, bückte sich nach dem total verrosteten Sprungfedergestell zu seinen Füßen und suchte nach einer Stelle, um es anzuheben, ohne dass es sich in seine Einzelteile auflöste. Sierra stellte sich neben ihn, und er dirigierte die anderen beiden Frauen zu den gegenüberliegenden Ecken.

„Sie müssen sich Stellen am Rahmen suchen, die noch nicht durchgerostet sind. Okay?“ Er wartete, bis alle in Position gegangen waren. „Fertig? Alle zusammen. Eins, zwei und drei!“

Das Ding war schwerer, als es aussah, und erstaunlich sperrig, aber sie schienen es gut im Griff zu haben, bis Sierra auf dem Weg zum Anhänger stolperte. Der Rahmen verdrehte sich, und eine nach der anderen gingen die Sprungfedern hoch wie Feuerwerkskörper am vierten Juli. Eine traf Ian unter dem Kinn, sodass seine Zähne zusammenprallten und sein Kopf zurückgeschleudert wurde. Die Frauen ließen los und rannten davon – bis auf Sierra, die auf die Knie ging und schützend die Arme über den Kopf hielt, während Metallteile wie Querschläger durch die Luft prasselten. Dann, so plötzlich, wie es begonnen hatte, war es vorüber.

Die Haustür öffnete sich, und Edwin steckte den Kopf heraus. „Ich nehme an, ich hätte diese Sprungfedern wohl nicht zusammendrahten sollen.“

Ian blickte ihn verwundert an und schaute dann instinktiv zu Valerie. In ihren leuchtenden goldbraunen Augen las er genau den Gedanken, der ihm durch den Kopf ging: Nur Edwin konnte ein Bettgestell, das seit mehr als dreißig Jahren ausgedient hatte, in eine gefährliche Waffe verwandeln.

Es zuckte um Ians Mundwinkel, ebenso wie um ihre, und dann brachen beide in schallendes, unkontrollierbares Gelächter aus. Sie waren so vertieft in diesen gemeinsamen Heiterkeitsausbruch, dass es einen Moment dauerte, bis ihm bewusst wurde, dass nur sie beide davon angesteckt worden waren. Schließlich gelang es ihm, sich zu beherrschen. Er räusperte sich und rang nach Atem.

Edwin starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren, und vielleicht war dem auch so. „Sind alle okay?“

Ian hüstelte. „Ich schon.“

Valerie schlug sich eine Hand vor den Mund, um ihr Lachen zu unterdrücken, und nickte. Avis erklärte: „Getroffen wurde ich nicht, aber eins von den Dingern ist direkt an meinem Kopf vorbeigeschossen.“

Sierra rappelte sich auf, klopfte sich den Staub von der Kleidung und blickte an sich hinab. „Ich habe was am Arm abgekriegt“, sagte sie, und ihr Ton verriet, dass es wehtat.

„Das sollten wir uns lieber anschauen“, entschied Edwin. „Kommen Sie mit ins Haus, damit wir Eis darauf legen können. Ich habe außerdem eine Kanne Eistee gemacht.“

„Tun Sie lieber, was er sagt.“ Ian räusperte sich erneut. „Wir könnten alle eine kleine Pause gebrauchen.“ Er blickte zu Valerie und erkannte, dass ihr der Heiterkeitsausbruch inzwischen ebenso peinlich war wie ihm.

Avis und Sierra folgten Edwin ins Haus. Valerie bückte sich und hob ein Stück Metall auf. Ian wischte sich am Hosenboden den Rost von den Händen und spazierte zu ihr. Er wusste nicht warum, aber er hatte das Bedürfnis, etwas zu sagen.

„Ich hatte nicht gemerkt, dass er die Sprungfedern mit Draht zusammengebunden hatte.“

„Ich auch nicht.“

Erneut zuckte es belustigt um seine Mundwinkel. „Ich dachte, dass der Rahmen durchbrechen könnte, aber mit so was habe ich nicht gerechnet. Es war wie eine Granatenexplosion, bei der die Querschläger in alle Richtungen auf Blech prallen.“

Gleichzeitig kam ihnen derselbe Gedanke. Sie wirbelten abrupt herum, liefen zu seinem Pick-up und untersuchten ihn.

„Hm, ich sehe nichts“, murmelte sie.

„Muss wohl der Schuppen gewesen sein“, sagte er erleichtert.

„Oder der Anhänger. Besser der als der Pick-up. Das Ding habe ich gerade erst gekauft.“

„Es ist ein schickes Modell“, sagte sie und strich über die Heckpartie.

„Ich bin ziemlich eigen mit meinen Fahrzeugen“, bemerkte er.

Sie nickte verständnisvoll. „Ich weiß, was Sie meinen. Es steckt so viel Geld da drin. Ich bin fast verrückt geworden, als ich neulich eine Beule in meinem Kotflügel vorgefunden habe.“

„Ja, solche Reparaturen nerven gewaltig.“

„Und sie hören nie auf. Eine Katastrophe kommt nach der anderen, und man hat nie Geld dafür.“

Zorn funkelte aus ihren Augen, und damit war es plötzlich vorbei mit dem seltsamen Einvernehmen zwischen ihnen.

„Mit diesen Problemen muss sich jeder von uns herumschlagen, Miss Blunt“, konterte er schroff. „Aber wissen Sie was? Geld zählt nicht so sehr, wenn es um Leben oder Tod geht.“

„Wie bei Springfedern, die sich selbstständig machen und durch das All fliegen?“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Dass man nicht immer alles vorhersehen kann. Man kann alle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen und trotzdem von einem Unglück getroffen werden. Oder man wird sich einer potenziellen Katastrophe über Jahre hinaus nicht bewusst – ohne jegliche schädliche Folgen.“

„Sie müssen diesen Boiler verlegen lassen“, teilte er ihr mit. „Es ist gefährlich.“

„Sie könnten mir zumindest etwas Zeit lassen.“

„Ich habe Ihnen Zeit gelassen!“, rief er aufgebracht. „Mit jedem Tag, den Sie es hinauszögern, riskieren Sie Ihr Leben!“

Sie wirbelte herum und stürmte zum Haus. Er guckte ihr nach und raufte sich vor Verzweiflung die Haare. Was stimmte nicht mit dieser Frau? Warum konnte sie die Gefahr nicht erkennen? Sie musste verrückt sein. Nur so konnte er es sich erklären.

Überhaupt nicht erklären konnte er sich, warum er den Blick auf ihre zierliche Gestalt heftete, bis sie im Haus verschwand. Vielleicht war er der Verrückte. Es hatte ihm gerade noch gefehlt, an einem zänkischen Weib Gefallen zu finden, auch wenn sie noch so sexy war. Zumal sie einen Freund hatte. Das hatte er durch einige beiläufige Fragen in der Stadt herausgefunden.

Buddy Wilcox war der faulste freiwillige Feuerwehrmann von ganz Puma Springs und dem Stadtgeflüster nach so gut wie ein Betrüger. Ian konnte nicht verstehen, was Valerie an dem Burschen fand, aber anscheinend waren die zwei schon sehr lange liiert.

Von ihrem lausigen Geschmack in punkto Männern abgesehen, war Ian sehr erfreut darüber, dass sie und ihre Freundinnen Edwin halfen. Vielleicht ahnten sie, wie krank der alte Mann war. Oder wussten sie möglicherweise noch mehr? Aber nein, Edwin hatte äußerste Diskretion verlangt. Seine Geheimnisse waren sicher.

Ian Keene wischte sich mit einem Halstuch über die Stirn, während er sich in dem aufgeräumten Garten umblickte. „Ladys, Sie waren eine gewaltige Hilfe.“

„Ja“, pflichtete Edwin ihm bei. „Ich erkenne es hier kaum wieder.“

„Wir haben es gern getan“,sagte Avis sanft. Sogar verschmutzt und erschöpft, mit geröteten Wangen von der Sonne, sah sie feminin und hübsch aus.

Das konnte Valerie von sich selbst leider nicht sagen. Sie fühlte sich, als wäre sie im Dreck gewälzt und dann durch die Mangel gezogen worden.

„Wie wäre es, wenn ich die Ladys zu einem Bier einlade?“, schlug Ian vor.

„Nein“, erwidere Valerie hastig. „Wir müssen jetzt los.“ Vielleicht war er nicht durch und durch ein Ungeheuer, aber auf keinen Fall wollte sie sich gemütlich mit einem Mann zusammensetzen, der ihnen allen solche Schwierigkeiten machte.

„Okay, dann vielleicht ein anderes Mal.“

„Das wäre nett, danke“, sagte Avis.

„Ich muss leider nach Hause zu meiner Tochter“, erklärte Sierra bedauernd.

Valerie runzelte die Stirn und wandte sich an Edwin. „Tja, ich schätze, wir sehen uns.“

„Für eine Weile noch“, erwiderte er.

Das erschien ihr seltsam, aber sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn schon verkündete Ian Keene: „Noch mal danke, Ladys. Ihre Hilfsbereitschaft sagt mir, dass Sie alle das Nötige tun werden, um Ihre Läden vorschriftsmäßig einzurichten.“

Valerie verdrehte empört die Augen. Sierra und Avis runzelten die Stirn und erweckten somit den Eindruck, dass sie ihr zustimmten.

Doch das erwies sich als Irrtum, sobald die drei in der Abenddämmerung über den frisch geräumten Plattenweg zum Gartentor gingen und Sierra fauchte: „In Zukunft solltest du Avis und mich konsultieren, bevor du Entscheidungen triffst, die uns alle betreffen.“

Verletzt entgegnete Valerie: „Ihr wolltet doch wohl nicht mit ihm auf ein Bier gehen!“

„So, wie wir gerade aussehen, nicht“, räumte Avis ein.

„Entschuldigt bitte“, murrte Valerie gekränkt, „aber da wir zusammen in meinem Auto gekommen sind, bin ich natürlich davon ausgegangen, dass wir auch gemeinsam wieder gehen.“

„Du willst einfach nur nicht zugeben, dass du dich in ihm getäuscht hast“, entgegnete Avis.

„Sieh es ein, Val“, dränge Sierra. „Er ist nicht der Schuft, für den wir ihn gehalten haben.“

Valerie schnappte nach Luft. „Ihr solltet euch mal reden hören! Er ist für all unsere Sorgen verantwortlich. Wir haben uns heute die Finger wund gearbeitet, weil er gedroht hat, den armen Edwin zu verklagen.“

Avis beharrte: „Herrje, Val, er tut doch nur seine Pflicht.“

„Es war gefährlich auf dem Grundstück. Das musst sogar du einsehen“, pflichtete Sierra ihr bei.

„Und unsere Läden sind wohl auch gefährlich, wie?“

„Offensichtlich.“ Avis seufzte. „Meiner zumindest. Bei mir brennen dauernd Sicherungen durch und Kabel schmoren. Wir könnten ihn ja bitten, uns zu helfen, die Vorschriften zu erfüllen.“

Sierra meinte nachdenklich:“ Die Idee ist gar nicht schlecht, aber er hat schon mehr als genug zu tun.“

„Ja, er muss durch die Stadt jagen und anderen Leute Probleme machen.“ Valerie warf empört die Hände hoch. „Dass er zum Anbeißen aussieht und den Müll wegbringt, heißt noch lange nicht, dass er ein netter Mensch ist.“

Sierra und Avis blickten einander an und brachen in Gelächter aus.

„Was ist? Das ist überhaupt nicht witzig. Der Mann hat ein bisschen Macht bekommen, und die ist ihm offensichtlich zu Kopf gestiegen. Wenn ihr das nicht einseht, dann liegt es wohl an mir, ihm einen Dämpfer aufzusetzen.“

Sierra verschränkte die Arme und nickte eifrig. „So ist es wohl, Val.“

„Ja, ich würde sagen, du bist definitiv die richtige Frau für diesen Job“, stimmte Avis zu.

Beim besten Willen konnte Valerie sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte.

Mit vorgerecktem Kinn erklärte sie: „Gut. Ihr werdet schon sehen.“

Ian richtete den wachsenden Stapel Papiere in seiner Ausgangsbox und griff nach seiner Kaffeetasse. Er kam recht gut voran. Der Papierkram sagte ihm von all seinen Aufgaben am wenigsten zu, aber es war nun einmal unerlässlich, unzählige lokale, staatliche und bundesstaatliche Formulare zu bearbeiten. Um seiner angestrebten Karriere willen studierte er beständig die komplexen Vorschriften, die sich alle naslang änderten. Er hatte berufliche Zukunftspläne, und dieses winzige Büro in der Feuerwache war nur die erste Stufe der Erfolgsleiter.

In vielerlei Hinsicht war er immer noch ein Fremder in Puma Springs, aber er verspürte eine wachsende Zugehörigkeit. Es war seine Stadt, und sie musste dringend bereinigt werden. Eifrig sah er dem Tag entgegen, an dem er ohne Sorgen durch die Straßen fahren konnte. Derweil verwendete er jede Woche drei Tage auf Inspektionen und zwei auf Büroarbeit. Brent Hawley, sein Assistent, guter Freund und bewährter Feuerwehrmann, schob die Nachtwachen und sorgte dafür, dass Leiterwagen, Ambulanz und alle weiteren Gerätschaften in einwandfreiem Zustand waren.

Der stämmige, sommersprossige Rotschopf hatte sich für diesen Posten anheuern lassen, um seine schwangere Frau durch die Verringerung des Berufsrisikos zu beruhigen. Ian hatte durchaus Verständnis dafür. Er war der Erste, der sich eingestand, dass seine Ehe über den ersten Jahrestag hinaus angedauert hätte, wenn er damals bereit gewesen wäre, ebenso zu handeln. Doch er hatte sich geweigert, auf gefährliche Einsätze zu verzichten, und Mary Beth hatte ihn verlassen. Er konnte es ihr nicht verdenken.

Er stellte die Tasse ab und griff nach dem nächsten Formular. Plötzlich sprang Cato auf und jaulte aufgeregt. Im nächsten Moment wurde die Bürotür aufgerissen, und Valerie Blunt stürmte herein. Sie knallte ein Blatt Papier auf den Schreibtisch und taumelte seitwärts, als Cato an ihr hochsprang und versuchte, die Vorderpfoten um ihre Taille zu schlingen. Aus irgendeinem Grund betete der verrückte Hund sie an.

In Wirklichkeit war Cato alles andere als verrückt und Valerie entzückend mit ihren kunstvollen Fransen, die um ihr Kinn wehten, und den goldenen Augen, die Feuer sprühten. Während sie den Hund von sich schob, griff Ian zu dem Papier.

„Als ob Sie nicht genau wüssten, was drinsteht!“, fauchte sie.

Er zog die Augenbrauen hoch. „Hier steht, dass jemand namens Dillon Blunt den Kursus in fortgeschrittener Wirtschaftslehre nicht bestanden hat.“

Sie rang nach Atem, schnappte sich das Papier und stopfte es in ihre Manteltasche. „Das ist der falsche Brief. Ich wollte den anderen mitbringen.“

„Welchen anderen?“

„Das wissen Sie ganz genau!“ Sie stützte die Hände auf die Schreibtischkante und beugte sich vor. Der tiefe V-Ausschnitt des goldgelben Tops, das sie unter einem blauen Leinenmantel trug, klaffte einladend.

Ian beugte sich vor und schaute ihr direkt in den Ausschnitt. Das war kein kluger Schritt. Ein Blick auf die festen Rundungen ihrer zart gebräunten Brüste, und seine Jeans wurde sehr unangenehm eng.

„Fünfundzwanzig Dollar! Das ist ja wohl die Höhe!“

Er zwang sich, den Blick zu heben, und heftete ihn auf ihren Mund. An diesem Tag trug sie einen bronzefarbenen Lippenstift, der etwas dunkler als gewöhnlich war. Er schluckte, sammelte seine zerstreuten Gedanken und krächzte: „Das ist nicht mein Werk. Der Stadtrat …“

„Es war nicht der Stadtrat, der in meinen Laden gestürmt ist, mir befohlen hat, Hunderte von Dollar auszugeben und mir dann auch noch Gebühren von fünfundzwanzig Dollar für diese Ehre aufbrummt.“

„Er hat die Gebühren vor meiner Inspektion beschlossen.“

„Das ist mir egal! Ich werde es nicht bezahlen!“

„Offensichtlich haben Sie mit dem Klempner über die Kosten gesprochen. Ist es derselbe, der den Boiler ursprünglich installiert hat?“

„Natürlich.“

Er griff zu einem Füllfederhalter. „Ich brauche seinen Namen.“

Sie antwortete nicht. Stattdessen hob sie einen Oberschenkel auf die Ecke des Schreibtisches und hockte sich auf die Kante. Er konnte nicht umhin zu bemerken, wie ihr geblümter Rock hoch rutschte und viel Bein zeigte – mehr Bein, als eine Frau besitzen sollte, die ihm gerade mal bis an die Schulter reichte.

„Hören Sie, ich weiß, dass Sie Ihren Job sehr ernst nehmen, aber ich will niemanden in Schwierigkeiten bringen.“

„Dieser Klempner sollte umfassend über die Stadtverordnung informiert sein, bevor er einen weiteren Fehler macht. Meinen Sie nicht?“

Sie sprang auf. „Es sind nur zehn Zentimeter! Können wir das Ganze nicht vergessen?“

„Ausreichende Belüftung ist sehr wichtig bei einem Gasboiler“, entgegnete er mit Autorität in der Stimme. „Sonst riskieren Sie eine Vergiftung durch Kohlenmonoxid. Es ist farblos, geschmacklos, geruchlos und tödlich, und ich vermute, dass Sie bis jetzt noch keine Auswirkungen gespürt haben, weil das Wetter milde ist und die Ladentür meistens offen steht und frische Luft hereinlässt. Aber was passiert, wenn es wärmer oder kälter wird, die Tür überwiegend geschlossen ist und die verbrauchte Luft durch die Klimaanlage ständig zirkuliert? Wenn Sie Glück haben, leiden Sie dann nur an Übelkeit, Schläfrigkeit und starken Kopfschmerzen. Wenn Sie Pech haben, explodiert das Ding einfach. Glauben Sie mir, Valerie, wenn der Boiler nicht umgehängt wird, kommt früher oder später jemand zu Schaden.“

Sie schluckte. „Trotzdem ist es nicht fair. Schon gar nicht die fünfundzwanzig Dollar.“

Diese Sache gefiel ihm auch nicht, aber die Stadt musste irgendwie die Unkosten decken. „Der Betrag deckt nicht mal die Papierarbeit.“

Der Hund sprang erneut an ihr hoch, legte die Vorderpfoten auf ihre Schultern und versuchte, ihr Gesicht abzulecken. Sie wehrte es ab, indem sie ihn zwischen den Ohren kraulte. „Ich habe über neunhundert Dollar locker gemacht, um diesen Boiler installieren zu lassen“, murrte sie.

Er hielt den Füller über einem Zettel bereit. „Ich brauche den Namen des Klempners.“

„Duane Compton“, sagte sie unwirsch, und Cato nutzte ihre momentane Unachtsamkeit und leckte ihr Gesicht. Sie lachte, und der Klang ging Ian unter die Haut.

„Cato, runter“, befahl er.

Gehorsam sank der Hund auf den Boden und winselte flehend. Valerie verdrehte die Augen, hockte sich vor ihn und kraulte ihn unter dem Kinn. „Ich sollte auf dich auch sauer sein“, teilte sie ihm mit. Cato rollte sich auf den Rücken und schwänzelte entzückt. „Du hast mich in diese Patsche gebracht.“ Sie rieb seinen Bauch. „Du und deine Spürnase.“

Ian grinste über Catos heraushängende Zunge. Der Köter fühlte sich wie im Hundehimmel. „Er mag Sie.“

„Das ist mir nicht entgangen“, erwiderte sie trocken.

„Sie sollten sich geschmeichelt fühlen. Er ist ein Held, müssen Sie wissen. Er hat seinen ursprünglichen Besitzer, einen alten Mann, vor einem Feuer gerettet. Hat ihn mitten in der Nacht aufgeweckt.“

„Und wie sind Sie an ihn geraten?“

„Der alte Mann hat sich bei einem Sturz die Hüfte gebrochen. Seine Familie hat beschlossen, ihn in ein Pflegeheim zu stecken. Deshalb hat er mich gebeten, Cato zu übernehmen. Das ist jetzt fast vier Jahre her, und ich habe ihn noch nie so verrückt nach jemandem erlebt, wie er es nach Ihnen ist.“

„Muss mein Parfüm oder so was sein“, murmelte sie.

„Oder so was.“ Seine eigene Liste an Anziehungspunkten ging bei weitem über Parfüm hinaus. Sie war geradezu faszinierend, wenn sie nicht gerade Feuer spie – und selbst dann. Er beobachtete, wie ihre kleine Hand mit den korallenroten Fingernägeln den Hund streichelte und bekam ein wenig Atemnot. Ihm fiel auf, wie zierlich ihre Handgelenke und Knöchel waren, wie wohl gerundet ihre Hüften und Schenkel. Sie hätte ausgezeichnet in seinen Schoß gepasst. „Hören Sie, was die fünfundzwanzig Dollar angeht“, sagte er spontan, „werde ich sehen, was ich tun kann.“

Sie versteifte sich bei der Erwähnung der Gebühr und richtete sich auf. Zu spät wurde ihm bewusst, dass er sie nur an ihren Konflikt erinnert hatte.

„Das ist ja wohl das Mindeste, das Sie tun können“, teilte sie ihm hochnäsig mit. Und damit rauschte sie aus seinem Büro und knallte die Tür hinter sich zu.

Cato stand auf und winselte Mitleid erregend.

„Gib es auf, Kumpel“, murrte Ian, während er zum Telefonbuch griff. „Sie ist offensichtlich nicht für uns gedacht. Also sollten wir beide lieber aufhören, nach ihr zu lechzen.“

Cato wandte den Kopf um und schien mit seinen schwarzen Augen zu sagen: Leichter gesagt als getan.

„Das stimmt“, murmelte Ian seufzend.

4. KAPITEL

Valerie beobachtete, wie der Klempner ein Stück Rohr abmaß. „Ich weiß es zu schätzen, dass Sie den Preis gesenkt haben, Mr. Compton, aber ich bin momentan so knapp bei Kasse, dass ich trotzdem in Raten zahlen muss.“

Der kleine, gertenschlanke Mann bedachte sie mit einem missmutigen Blick, aber sie konnte nichts gegen seinen Unmut tun.

Als sich die Ladentür öffnete, eilte Valerie vom Hinterzimmer in den Salon, denn sie hoffte auf einen zufälligen Kunden.

Ian Keene begrüßte sie. „Ich nehme an, Compton ist hier?“

„Ja. Rechtzeitig, um Ihre willkürliche Frist einzuhalten“, entgegnete sie verstimmt.

„Es ist nicht willkürlich, sondern obligatorisch.“ Er trat auf sie zu. „Ich hätte Ihr Geschäft schließen können, und wäre das Wetter nicht so mild, hätte ich es auch getan.“

Das überraschte sie, doch sie verbarg den Anflug von Dankbarkeit hinter störrischem Groll und folgte ihm ins Hinterzimmer.

Hastig stand der Klempner auf. Er schien zu schrumpfen und wirkte geradezu winzig, als Ian sich vor ihm aufbaute. „Inspektor Keene, was tun Sie denn hier?“

„Ich bin gekommen, um Ihre Arbeit zu inspizieren.“

„Ich bin noch nicht fertig.“

„Kein Problem. Ich schaue Ihnen einfach zu.“

Duane Compton setzte eine missmutige Miene auf, trat nervös von einem Fuß auf den anderen und erklärte Valerie zu ihrer Verblüffung: „Ich habe mir überlegt, dass ich Ihnen nichts für die Verlegung des Boilers berechnen werde.“

Erleichterung stieg in ihr auf. Dann wurde ihr bewusst, dass sie den Kostenerlass allein Ians Auftauchen zu verdanken hatte. Trotz all der hässlichen Dinge, die sie gedacht und gesagt hatte, war er ihr zu Hilfe gekommen. Abrupt gerieten ihre Vorurteile ins Wanken. Sie zog den Kopf ein, um die Schamesröte auf ihren Wangen zu verbergen. „Ich glaube, unter diesen Umständen kann ich die Gebühr für die Inspektion aufbringen“, murmelte sie verlegen.

„Das hat sich schon erledigt.“ Finster starrte Ian den Klempner an. „Da Sie sich so fair verhalten, werde ich dafür sorgen, dass Sie für die Nichteinhaltung der Verordnungen nicht belangt werden. Dieses eine Mal.“

Auch Valerie bedachte den Handwerker mit einem zornigen Blick, als ihr bewusst wurde, wer der eigentliche skrupellose Charakter in diesem kleinen Drama war. Sie schluckte ihren Stolz hinunter und sagte zu Ian: „Er wollte mir den halben Preis des Voranschlags berechnen, bevor Sie aufgetaucht sind.“

Er nahm sie am Arm und zog sie ans andere Ende des langen, schmalen Raumes. Die Wärme seiner Hand drang durch ihre Bluse und ihren Kittel. „So etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht. Ich habe ihn gleich für einen gerissenen Kerl gehalten, der eine hübsche junge Frau zu übervorteilen versucht.“

Mit großen Augen blickte sie ihn an. „Sie finden mich hübsch?“

Er wirkte ebenso überrascht wie sie. „Natürlich.“

Sie sank an die Wand. „Oh, war das ein Kompliment?“

„Sie wissen, dass Sie hübsch sind.“

„Ich weiß jetzt, dass Sie so denken“, konterte sie keck.

Er lächelte, beugte sich dicht zu ihr und sagte sanft: „Sie mögen nicht die schönste Frau sein, die ich je gesehen habe, aber Sie sind mit Abstand die attraktivste.“

Ein prickelndes Gefühl stieg in ihr auf, und plötzlich spürte sie sehr intensiv seine männliche Ausstrahlung. Ihr wurde bewusst, wie muskulös sein Körper war, wie straff seine Haut, wie stark seine Hände. Er lächelte, so als wüsste er genau von ihren Gedanken, ihren Emotionen. Fasziniert von der Stärke der Anziehungskraft, die plötzlich zwischen ihnen erwacht war, erwiderte sie das Lächeln.

Ein statisches Knistern erklang, gefolgt von einer eindringlichen Stimme. „Feuerwehr Eins, hier Zentrale. Kannst du mich hören?“

Eilig richtete Ian sich auf und nahm das Funkgerät von seinem Gürtel. Er hielt es sich dicht an den Mund, drückte einen Knopf und sagte: „Was ist los?“

„Ein Notruf. Es ist Edwin Searle. Die Ambulanz ist schon unterwegs.“

Edwin! Plötzlich fiel Valerie ein, dass Donnerstag war.

„Verdammt!“, murrte Ian, und schon stürmte er zur Tür hinaus.

Eine Sekunde lang blieb sie wie erstarrt stehen. „Ich komme später wieder“, teilte sie dann dem Klempner mit und lief Ian hinterher. „Warten Sie!“, rief sie, als er gerade in seinen Pick-up stieg. Sie lief weiter zum Café, riss die Tür auf und rief Gwyn zu: „Edwin ist was passiert! Sag es den anderen.“

Dann rannte sie zum Parkplatz und sprang auf den Beifahrersitz des Pick-ups.

„Schnallen Sie sich an“, befahl Ian, während er Sirene und Blinklicht auf dem Wagendach einschaltete und mit quietschenden Reifen anfuhr. Sie fummelte mit dem Sicherheitsgurt und begann zu beten.

Mit heulender Sirene fuhr Ian bei Rot über eine Kreuzung. Neben ihm fragte Valerie nervös und besorgt: „Was glauben Sie, was es ist?“

Er zögerte einen Moment, bevor er erklärte: „Das Herz. Edwin befindet sich seit Wochen im Endstadium einer lebensbedrohlichen Erkrankung.“

Bevor er mehr sagen konnte, erreichten sie Edwins Grundstück. In einer Staubwolke hielt Ian vor dem geöffneten Tor, sprang vom Sitz und lief in den Garten. Er hörte Stimmen – leise Stimmen, und wusste instinktiv, dass es zu spät war. Er drehte sich um und schlang Valerie, die an ihm vorbeilaufen wollte, einen Arm um die Taille. Sie blickte ihn an und schien zu begreifen, dass kein Grund mehr zur Eile bestand. Gemeinsam gingen sie um den dicken, alten Baum herum.

Mehrere Leute liefen im Hof herum. Edwin lag auf dem Rücken, die Arme an die Seiten gelegt, das Gesicht zum Himmel erhoben. Sein Cowboyhut war ihm auf die Brust gelegt worden.

Valerie sank neben ihm auf die Knie und begann lautlos zu weinen. Ian hockte sich an ihre Seite und fühlte mit zwei Fingern nach dem Puls an Edwins Hals. Er fand keinen und schluckte schwer. In der Ferne ertönte die Sirene der Ambulanz. Er blickte auf und fragte: „Wer hat ihn gefunden?“

Ein grauhaariger Mann mit Schirmmütze räusperte sich. „Ich. Hab ihn gestern Abend spazieren gehen gesehen. Er sah nicht gut aus. Er sagte, dass er Probleme mit dem Kreislauf hätte und meinte, dass ihm etwas Bewegung guttun würde. Aber er war sehr kurzatmig. Deshalb habe ich heute Morgen nach ihm gesehen und ihn hier gefunden.“ Er deutete zu einer stämmigen Frau Mitte dreißig. „Miss Mooney hier ist Krankenschwester. Ich bin sofort zu ihr gerannt, und wir haben 911 angerufen.“

Die Frau hatte Wiederbelebungsversuche unternommen, aber es war schon zu spät gewesen.

Valerie hob ihr tränennasses Gesicht und fragte den Mann: „Meinen Sie, dass er die ganze Nacht hier gelegen hat?“

„Nein. Er hat jetzt andere Sachen an und ist frisch rasiert.

Ich glaube, es muss passiert sein, kurz bevor ich ihn gefunden habe.“

„Es ist Donnerstag“, flüsterte sie. „Er wollte bestimmt losgehen, um Blumen zu kaufen und sich die Haare schneiden zu lassen.“ Sie blickte Ian an. „Jetzt ist er bei ihr. Sie sind wieder vereint.“

Er zog sie fest an seine Seite. Die Sirene war lauter geworden, und Reifen knirschten auf Kies. Die Ambulanz war eingetroffen.

Kurz darauf wurde eine Trage herangerollt. Ian zog Valerie hoch, legte die Arme fest um sie und ging mit ihr beiseite. Sie schluchzte leise, als Edwin auf die Trage gehoben wurde.

„Er war darauf vorbereitet“, murmelte Ian. „Er wusste, dass seine Zeit abgelaufen war.“ Er hatte Edwin gemocht, ihn verstanden. Sie waren beide Einzelgänger, jeder auf seine Weise.

Arm in Arm folgten sie der Trage durch den Garten. Sie hörten ein weiteres Fahrzeug vorfahren – Sierras alten, verbeulten Lieferwagen.

„Was ist passiert?“,rief Avis angstvoll, während sie zu Valerie lief.

Sierra folgte ihr. Tränen strömten ihr bereits über das Gesicht. „Er ist tot, oder?“

Valerie nickte. „Sie vermuten, dass es sein Herz war.“ Sie löste sich von Ian, und die drei Frauen umarmten einander und weinten.

Er beobachte sie und erkannte, dass sie nichts ahnten, und so sollte es auch sein. Er dachte daran, wie sich Valeries Leben verändern würde, und er fragte sich, ob er eine Rolle darin spielen würde.

Nach der Beerdigung fuhren Valerie, Avis und Sierra bedrückt zurück zum Einkaufszentrum. In stummer Übereinkunft begaben sie sich schnurstracks in das Café. Gwyn hatte nicht an der Trauerfeier teilgenommen. Sie meinte, dass Edwin sie dort nicht erwartet und auch nicht gewollt hätte. In Wahrheit hatte sie wohl nur vermeiden wollen, ihre Gefühle zur Schau zu stellen, wie Valerie vermutete.

Wenige Minuten später kam Ian herein und zog sich einen Stuhl an den Tisch. „Ich dachte mir, dass ich Sie hier finde“, bemerkte er, während er sich setzte. „Unser ehrenwerter Bürgermeister hielt es wohl nicht für angebracht, sein Haus für eine Trauerfeier zu öffnen.“

„Allerdings nicht“, murrte Sierra.

„Habt ihr euch je gefragt, wie es Edwin ergangen wäre, wenn er Marge nicht verloren hätte?“, fragte Avis.

„Oder wenn er sie gar nicht erst kennengelernt hätte“, warf Ian ein.

Alle dachten eine Weile darüber nach. Dann sagte Valerie: „Ich finde es furchtbar süß und furchtbar traurig, wie sehr er sie vermisst hat.“

„Das war kein Grund, ständig so mürrisch zu sein“, entgegnete Gwyn tonlos, während sie Ian eine Tasse Kaffee hinstellte. „Jeder verliert mal etwas oder jemanden. So ist das Leben.“ Sie blickte Ian an. „Möchten Sie sonst noch was?“

Er lächelte sie an. „Ein Stück von dem köstlichen Pflaumenstrudel wäre nicht übel.“

„Und bestimmt wollen Sie ihn auch noch warm und mit Sahne“, murrte sie, während sie hinter die Kuchentheke ging.

Er grinste. „Sie bemüht sich redlich, knallhart zu wirken.“

„Es geht uns wohl nichts an“, meinte Avis, „aber ich vermute, dass es einen Grund dafür gibt.“

„Meistens ist dem so.“

Gwyn kehrte mit dem heißen Strudel zurück und deutete zum Fenster. „Avis, ist das nicht ein Kunde von dir?“

Avis reckte sich und blickte über Sierras Schulter. „Ja. Danke.“ Sie schnappte sich ihre Handtasche. „Ich muss rennen. Die Pflicht ruft.“

„Ich gehe auch lieber wieder in meinen Laden“, verkündete Sierra. „Die Rechungen bezahlen sich nicht von selbst.“

„Keine Sorge. Das wird sich ändern“, verkündete Ian.

„Hoffentlich“, entgegnete Sierra zweifelnd, während sie mit Avis zur Tür hinausging.

„Sie wollen doch nicht auch verschwinden, oder?“, erkundigte sich Ian bei Valerie.

„Ich habe für heute Nachmittag alle Termine abgesagt, alle beide.“

Er schmunzelte und machte sich über den Strudel her. Nach mehreren Bissen fragte er: „Wie geht es Ihnen?“

Sie seufzte. „Es geht. Das Ganze hat mich an den Tod meines Dads erinnert. Autounfall. Ich war sechzehn.“

„Das war bestimmt hart. Standen Sie sich sehr nahe?“

Sie lächelte versonnen. „Ja. Sie wissen bestimmt, wie es ist.“

Er nickte. „Ich habe eine Schwester. Sie war mit meinem Vater ein Herz und eine Seele und hat ihn ständig um den Finger gewickelt.“ Er grinste. „Offen gesagt, habe ich Sie auch für diese Sorte gehalten.“

Sie lachte. „Erzählen Sie mir mehr über Ihre Familie.“

„Lois, meine Schwester, ist zweiunddreißig, verheiratet, hat zwei Kinder. Sie ist Krankenschwester und lebt in Lubbock. Meine Eltern sind dorthin verzogen, nachdem Mom einen Schlaganfall hatte, damit Lois sich um sie kümmern kann. Mom hat sich gut erholt, aber sie fühlen sich wohl dort und sind geblieben.“

„Haben Sie noch mehr Geschwister?“

„Einen kleinen Bruder. Warren ist Cop in Fort Worth.“

„Sehen Sie ihn oft?“

„In letzter Zeit nicht. Mein Job hält mich ziemlich in Schach.“

„Aber Sie sorgen sich um ihn, oder?“

„Ja, sicher.“ Er hob abwehrend eine Hand, als sie den Mund öffnete. „Sagen Sie es nicht. Ich weiß, dass es bei der Feuerwehr auch gefährlich ist. Aber Warren hat Familie. Eine Frau und eine vierjährige Tochter.“

„Also meinen Sie, dass er den Dienst quittieren sollte?“

„Vielleicht.“

„Das kann ich verstehen. Ich habe auch einen kleinen Bruder.“

„Ach ja. Dillon, der Student.“

Sie seufzte. „Ich habe mir die Finger wund gearbeitet, um sein Studium zu finanzieren, und jetzt hat er schon wieder ein Semester vergeigt, weil er sich nicht die Mühe macht, regelmäßig zu den Vorlesungen zu gehen.“

„Vielleicht sollten Sie ihn von der Leine lassen.“

„Würden Sie das tun?“

„Wahrscheinlich nicht. Ich würde ihm eher den Hintern versohlen und die Daumenschrauben anziehen, bis er sich dahinter klemmt.“

„Eine gute Idee. Aber leider habe ich dazu nicht genug Kraft.“

„Kopf hoch“, sagte Ian aufmunternd. „Die Dinge werden sich bald ändern.“

„Meinen Sie?“

„Das tun sie doch immer, oder?“

„Meistens zum Schlechteren.“

„Diesmal nicht.“

„Wie kommen Sie darauf?“

Er senkte den Blick. „Tja, da Sie nun nicht mehr zu glauben scheinen, dass ich nur hier bin, um Ihnen das Leben schwer zu machen und Ihr Bankkonto zu plündern, ist alles möglich.“

Valerie lachte. „Da könnten Sie recht haben.“

Er räusperte sich und blickte sie abschätzend an. „Ich habe gehört, dass Sie mit Buddy Wilcox gehen.“

Sie schnaubte verächtlich. „Der Schein trügt. Ich will von ihm lediglich, dass er für die Beule bezahlt, die er in mein Auto gefahren hat, und sich dann in Luft auflöst. Und zwar für immer.“

„Dann sind Sie also nicht mit ihm liiert?“

„Ist das wichtig?“

„Ja.“

„Wir sind nicht liiert. Ich gehe mit niemandem.“

„Vielleicht sollten Sie damit anfangen.“

Schüchtern, mit klopfendem Herzen, senkte sie den Blick. „Ian Keene, wollen Sie mich bitten, mit Ihnen auszugehen?“

„Würden Sie einwilligen, wenn dem so wäre?“

„Unbedingt.“

Lachfältchen erschienen in den Winkeln seiner gefährlichen blauen Augen. „Ich dachte da an Dinner. Bald. Sehr bald.“

Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht. Ihr Schicksal schien sich tatsächlich zum Besseren zu wenden.

5. KAPITEL

Ärgerlich auf sich selbst hob Ian den Schlüsselbund auf, der ihm aus lauter Nervosität entglitten war, als er die Fahrertür aufgeschlossen hatte.

Herrje, es ist nur ein Date, kein brennendes Waisenhaus.

Er musste sich zusammenreißen. Dass Valerie, die sich gerade auf dem Beifahrersitz anschnallte, zum Anbeißen süß aussah, war noch lange kein Grund für die Nervosität, die ihn schon den ganzen Nachmittag quälte. Aus Versehen hatte er sogar seine Stiefel zwei Mal geputzt. Und dann hatte ihr Anblick – mit tomatenrotem Lipgloss und in einem kurzen, engen Kleid in genau demselben Farbton – ihn vollends zu einem linkischen Trottel gemacht.

Er atmete tief durch und glitt hinter das Lenkrad. „Ist Ihnen das Steakhaus recht?“

„Na klar“, erwiderte sie mit einem strahlenden Lächeln, das sein Herz höher schlagen ließ.

Es gelang ihm, ohne weiteren Zwischenfall zu dem schlichten Restaurant in der Innenstadt zu fahren. Der Barkeeper, der ein wachsames Auge auf den Eingang hielt, begrüßte sie herzlich, sobald sie eintraten. „Hallo, Inspektor, Val.“

„Hallo, Skeet!“, rief sie fröhlich. „Wir nehmen den Tisch da drüben am Fenster.“

„Okay. Ich schicke Liz gleich zu euch.“

„Skeet?“, hakte Ian nach, während sie sich einander gegenüber an den Tisch setzten. „Ich dachte, er heißt Robert.“ „Ein alter Spitzname. Wir sind zusammen zur Schule gegangen.“

„Soll ich mal raten, wie Ihr Spitzname lautet?“

„Ich hatte nie einen.“

„Dann wurden Sie entweder nicht beachtet oder waren sehr, sehr beliebt.“ Er schüttelte den Kopf. „Nicht beachtet kann nicht sein. Bestimmt waren Sie sogar die Anführerin der Cheerleader.“

Sie grinste verschmitzt. „Das nicht, aber die Ballkönigin.“

„Oh. Dann habe ich Sie ja unterschätzt.“

„Und was ist mit Ihnen? Nein, lassen Sie mich raten. Sie waren der Kapitän des Football-Teams.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe damals davon geträumt, beim Rodeo Karriere zu machen, und an allen Jugendveranstaltungen teilgenommen.“

„Wieso haben Sie es dann aufgegeben?“

„Ich bin einfach nicht dafür geschaffen. Zu groß fürs Bullenreiten und zu ungeschickt fürs Lassowerfen.“

„Was ist mit den anderen Sportarten für harte Männer – wie Stierkampf oder Wildpferde zureiten?“

„Das war mir nicht spektakulär genug. Sie scheinen sich im Rodeo auszukennen.“

Sie zuckte die Achseln. „Wir sind hier schließlich in Texas. Außerdem hat mein Dad sich hobbymäßig darin versucht. Wildpferde reiten. Meine Mom war nicht gerade angetan.“ Sie blickte hinab auf ihre Hände und sagte sanft: „Er war nicht unbedingt für seine Vorsicht bekannt.“

Die Kellnerin servierte Tafelwasser, Chips und Salsa. „Zwei Mal T-Bone-Steak?“

Es war die Spezialität des Hauses, und Ian hatte es nirgendwo besser gegessen. „Klingt gut.“

„Für mich auch“, pflichte Valerie bei.

„Wie soll es sein?“, hakte die Kellnerin nach.

„Medium“, sagten beide wie aus einem Munde, und dann lächelten sie sich an.

„Kartoffeln?“

„Gebacken“, erwiderten sie gleichzeitig, und ihre Blicke hielten einander gefangen.

„Beilagen?“

„Kein Käse“, sagte Ian.

Im selben Moment erwiderte Valerie: „Lassen Sie den Käse weg.“ Sie blickte ihn an, und beide lachten laut auf.

„Salatdressing?“

„Süß-sauer“, sagte Valerie.

Ian verzog das Gesicht. „Pikant.“

„Was wollen Sie trinken?“

„Bier“, entschied er.

Nun verzog Valerie das Gesicht. „Margarita.“

Die Kellnerin wandte sich ab. „Kommt sofort.“

„Übereinstimmung in drei von fünf Punkten“, meinte Ian. „Wir sind praktisch kompatibel.“

Sie grinste. „Gar nicht schlecht, oder?“

Er lächelte. Valerie zeigte sich von einer unbeschwerten Seite, die er bisher nicht an ihr kennengelernt hatte. Unwillkürlich fragte er sich, wie diese neue Valerie im Bett sein würde. Er taucht einen Chip in die Salsa und ließ ihn sogleich wieder fallen, als Ärger nahte.

„He, Baby.“ Buddy Wilcox drapierte einen Arm auf Valeries Stuhllehne und beugte sich zu ihr, um sie zu küssen. Im letzten Moment wandte sie den Kopf ab.

„Was wollen Sie hier, Buddy?“

Er blickte zu Ian. „Mit meinem Mädchen reden.“

„Dein Mädchen?“, höhnte Valerie. „Von wegen, du Schuft!“

„Ach, komm schon, sei doch nicht so“, schmeichelte er und legte ihr eine Hand auf die nackte Schulter.

Sie stieß seine Hand fort. „Wie soll ich nicht sein, Buddy? Als ob ich nicht wüsste, was für ein Versager du bist?“

„Das sagst du nicht zum ersten Mal, aber du kommst trotzdem immer wieder zu mir zurück. Jeder weiß, dass du mein Mädchen bist.“

Sie seufzte und entgegnete betont nachsichtig: „Ist dir entgangen, dass wir seit Monaten kein Date mehr hatten?“

„Na ja, wir waren eben sehr beschäftigt.“

Ich war beschäftigt – und desinteressiert. Du hast nur auf der faulen Haut gelegen und trainiert, noch mehr Bier in dich reinzuschütten. Übrigens schuldest du mir siebenhundertfünfzig für die Beule in meinem Auto.“

Er grinste. „Dafür gibt es doch Versicherungen, Honey.“

„Du musst total verrückt sein, wenn du glaubst, dass ich mich deinetwegen höher einstufen lasse. Und jetzt verschwinde.“

„Und wenn ich nicht will?“

„Vielleicht sollte ich etwas nachhelfen“, sagte Ian und schickte sich an aufzustehen.

Buddy warf ihm einen giftigen Blick zu, wich aber zurück. „Val, wir reden später weiter.“

„Dieser Kindskopf“, murmelte sie kopfschüttelnd. Dann lächelte sie Ian an. „Es ist schön, es zur Abwechslung mal mit einem richtigen Mann zu tun zu haben.“

Erfreut und ermutigt durch ihre Worte griff er über den Tisch, legte die Hand auf ihre und dachte dabei, wie gern er ihr bewiesen hätte, wie mannhaft er sich fühlte.

Beschwingt lief Valerie die Stufen zu ihrem Apartment hinauf. Ihr war seltsam schwindlig. „Skeet muss die Drinks heute ein bisschen stärker als sonst gemacht haben.“

Ian legte ihr den Arm fester um die Taille und stützte sie. „Ich glaube nicht, dass es am Alkohol liegt. Du hattest doch nur zwei Drinks.“

Sie erreichte den Treppenabsatz und wirbelte zu ihm herum. „Was ist es denn dann, Mr. Brandschutzinspektor Wundervoll?“

Lächelnd blickte er sie an. „Wundervoll, hast du gesagt? Du solltest mich hereinbitten, damit wir das diskutieren können.“

„Lieber nicht.“ Sie fischte den Schlüssel aus der Handtasche, schloss die Tür auf und ging beiseite, um ihn eintreten zu lassen. „Diskutieren, meine ich.“

Er hielt ihren Blick gefangen, während er an ihr vorbei in den Flur ging. Sie folgte ihm, schloss die Tür und wollte zum Lichtschalter greifen, doch Ian zog sie an sich.

Unbeirrt fand sein Mund den ihren in der Dunkelheit. Sie ließ Handtasche und Schlüssel fallen und schlang die Arme um ihn. Der Kuss war so wundervoll, wie sie es sich vorgestellt hatte. Als seine Zunge eindrang, stellte sie sich auf Zehenspitzen und schmiegte sich an seinen großen, harten Körper. Er senkte die Hände auf ihren Po und hob sie hoch, und sie schlang die Beine um ihn.

Aufstöhnend murmelte er: „Du hast mich den ganzen Abend verrückt gemacht. Rot steht dir gut.“

Sie zog seinen Kopf an sich und küsste ihn. Sie wollte nicht daran denken, wohin es führte. Es war ihr egal, dass sie ihn noch vor wenigen Tagen für die Wurzel allen Übels gehalten hatte, dass sie ihr spontanes, untypisches Verhalten schon bald bereuen könnte.

Er trat einen Schritt vor und drückte sie mit seinem Körper an die Wand. Während er die Zunge immer wieder in ihren Mund schob, strich er ihr mit beiden Händen über Po, Beine, Arme und Brüste.

Vage hörte sie ein gedämpftes Knattern, aber sie ignorierte es. Selbst als eine Stimme ertönte, schenkte sie ihr keine Beachtung, obwohl sie die Worte registrierte.

„Feuerwehr Eins? Hier Feuerwehr Zwei. Bitte kommen. Ian, bist du da?“

Mit einem frustrierten Laut beendete Ian den Kuss, riss das Funkgerät vom Gürtel und knurrte hinein: „Ja. Was ist denn?“

„Ist bei dir alles klar?“

Mit sanftem Druck stemmte Valerie sich gegen seine Brust und löste die Beine von seiner Taille.

Er seufzte schwer, wich einen Schritt zurück und sagte in das Funkgerät: „Brent, ich hoffe, dass es sehr wichtig ist.“

„Der Leiterwagen ist außer Betrieb.“

Ian rieb sich den Nacken. „Was ist es denn dieses Mal?“

„Kühlerschlauch. Jemand muss nach Fort Worth fahren und ein Ersatzteilgeschäft finden, das noch offen hat.“

„Ja, ja, bin schon unterwegs. Ende.“ Er klemmte sich das Funkgerät an den Gürtel. „Dieses Ding ist zum Fluch meines Lebens geworden, aber ich muss mich darum kümmern. Der Leiterwagen muss einsatzbereit sein. Ich könnte ja vielleicht später wiederkommen?“

...

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