Logo weiterlesen.de
Weihnachtsträume

Penny Jordan

Zwei Spuren im Schnee …

PROLOG

„Ich denke, er ist ganz gut geraten“, meinte Christabel mit einem kritischen Blick auf ihren kleinen Cousin, der friedlich im Arm seiner Mutter schlief. Noch nicht einmal eine Woche war er alt, aber schon beherrschte sein Rhythmus das Leben der Erwachsenen um ihn herum.

In vier Wochen war Weihnachten, und Heaven würde mit ihrem Mann und dem Kleinen wieder in ihrem Haus an der schottischen Grenze sein. Zurzeit befanden sie sich aber noch in London, und Jon nutzte die Gelegenheit, seinen Sohn voller Stolz der Verwandtschaft vorzuführen.

„Ich verstehe allerdings überhaupt nicht“, fuhr Christabel nachdenklich fort, „warum ihr ihm so einen albernen Spitznamen verpasst habt. ‚Figgy‘! Das klingt wirklich unmöglich! Und es hat doch gar nichts mit seinem richtigen Namen zu tun.“

Über den Kopf von Charles Christopher Hugo hinweg grinste Heaven ihren Mann Jon an.

„Das ist eine lange Geschichte“, begann Heaven. „Unser ‚Figgy Pudding‘, den es zu Weihnachten gibt, hat eine Menge damit zu tun …“

„Das reicht“, mischte sich Jon ein, aber seine Nichte dachte anders darüber. Endlich wurde es einmal interessant. Sie würde schon herauskriegen, was für Geheimnisse ihr Onkel und ihre neue Tante hatten.

„Bitte, erzähl doch“, bat sie Heaven. „Ich liebe Geschichten!“

Heaven lachte. „Na schön. Du weißt ja, dass der Weihnachtspudding etwas ganz Besonderes ist. Viele Zutaten gehören hinein. Und damit fängt diese Geschichte an …“

1. KAPITEL

„Willst du den Job wirklich annehmen? Nach allem, was er dir angetan hat?“

Heaven Matthews warf ihrer besten Freundin Janet einen kurzen Blick zu. Dann rührte sie wieder energisch in der Teigschüssel. „Auf jeden Fall“, erklärte sie knapp. „Du weißt doch, was ich vorhabe.“

„Allerdings“, kicherte Janet. „Rache ist süß. Und er hat es wirklich verdient.“

„Das denke ich auch“, bekräftigte Heaven die Meinung ihrer Freundin. „Harold Lewis ist ein Mistkerl. Und nun wird er eine kleine Kostprobe von dem bekommen, was ich für ihn empfinde.“ Ihr schmales, hübsches Gesicht drückte so viel Abscheu aus, dass Janet erschrak. Heaven war noch immer nicht darüber hinweggekommen, was Harold Lewis ihr angetan hatte.

„Eine kleine Kostprobe …“, wiederholte Heaven, grimmig lächelnd. „Genau. Er war schon immer gierig. Diesmal wird es ihm im Hals stecken bleiben.“ Ihr Lächeln verschwand.

Janet sah ihre Freundin besorgt an. Seit Monaten hatte sie nicht mehr herzhaft gelacht. Für jeden, der Heaven kannte, war dies fast unvorstellbar. Sie war beliebt und hatte jede Menge Freunde, die ihr fröhliches, unkompliziertes Wesen zu schätzen wussten.

Die beiden Frauen kannten sich schon seit ihrer Schulzeit. Damals hatte sich die immer etwas pummelige Janet mit der schlanken, zierlichen Heaven angefreundet, und sie hatten sich über all die Jahre nicht mehr aus den Augen verloren.

Heaven hatte schon damals davon geträumt, eines Tages eine berühmte Köchin zu werden. Vor einigen Monaten hatte Janet darüber gesprochen, und Heavens bittere Antwort zeigte, wie tief verletzt sie war.

„Es hat doch beinahe geklappt, oder etwa nicht? Nur dass ich jetzt nicht berühmt, sondern berüchtigt für meine Kochkunst bin. Untragbar für jeden Arbeitgeber.“ Wütend hatte sie die Tränen beiseitegewischt, die ihr bei diesen Worten in die Augen gestiegen waren. Selbstmitleid war nun ganz und gar nicht ihre Sache, auch wenn sie wirklich allen Grund dazu gehabt hätte.

Ihre vielversprechende Karriere war ruiniert und ihr Leben durch die Aufdringlichkeit der Medien völlig aus den Fugen geraten. Ganz egal, wie oft sie ihre Unschuld beteuerte – es würde immer Menschen geben, die ihr nicht glaubten.

„Mich stellt doch jetzt sowieso keiner mehr als Köchin ein“, hatte Heaven bekümmert gesagt. „Jede Hausdame in London kennt mein Gesicht und die Geschichte von der Köchin, die ihrer Arbeitgeberin angeblich den Ehemann ausspannen wollte.“

Trotzdem hatte sie wenigstens ein Inserat aufgegeben, um es noch einmal zu versuchen.

„Bist du sicher, dass du das Richtige tust?“, fragte Janet vorsichtig. Sie hatte schon immer das Gefühl gehabt, ihre zarte, gutgläubige Freundin vor allem Schlechten in der Welt beschützen zu müssen.

Sie standen in der Küche des hübschen, altmodischen Hauses in Chelsea, das Heavens Familie seit einigen Generationen gehörte. Da ihre Eltern sich als Altersruhesitz ein Landhaus in Shropshire gekauft hatten, stand es die meiste Zeit leer. Heavens Vater hatte schließlich vorgeschlagen, es als eine Art Refugium zu benutzen, bis das Interesse an Heavens Person in der Öffentlichkeit nachgelassen hatte.

„Immerhin hast du doch trotzdem dein eigenes kleines Unternehmen“, versuchte Janet ihre Freundin aufzuheitern.

„Stimmt“, erwiderte Heaven ironisch. „Ich verkaufe per Anzeige Kuchen und Weihnachtspudding. Ein toller Job für eine erstklassig ausgebildete Köchin.“

„Aber du verdienst dir damit deinen Lebensunterhalt“, stellte Janet fest.

„Ich kann auf diese Weise existieren“, berichtigte Heaven. „Und das auch nur, weil ich keine Miete bezahle.“

„Hast du schon einmal daran gedacht, im Ausland zu arbeiten?“

„Wo mich keiner kennt, meinst du?“ Heaven schüttelte den Kopf. „Das wäre vielleicht eine Möglichkeit, aber ich möchte nicht weg. London ist meine Heimat. Hier gehöre ich hin, und hier will ich arbeiten. Wenn diese elende Ratte mir nicht alles kaputt gemacht hätte …“ Sie schluckte. „Alles lief so gut. Ich war doch gerade dabei, mir einen Namen zu machen!“

Heaven schob die Schüssel beiseite und fuhr sich ratlos mit den Fingern durchs Haar. „Tut mir leid, dass ich so miesepetrig bin. Ich fühle mich wie ein welker Salatkopf. Verstehst du, was ich meine?“

Janet grinste. Die Angewohnheit ihrer Freundin, Vergleiche aus der Welt der Kochkunst heranzuziehen, hatte schon oft zu Heiterkeit Anlass gegeben.

„Ich weiß genau, was du meinst“, antwortete sie voller Mitgefühl. „Zu dumm, dass Lloyd nicht mehr verdient. Dann könnten wir dich als Köchin einstellen. Neulich erst hat er gesagt, dass ihm das ganze Mikrowellenzeug allmählich auf die Nerven geht. Deshalb freut er sich auch schon so auf das Festessen bei seinen Eltern. Und ich muss mit.“

Sie verdrehte in gespieltem Entsetzen die Augen. „Nein, im Ernst, seine Eltern sind wirklich in Ordnung. Ich freue mich auch darauf, Weihnachten bei ihnen zu verbringen. Sag mal, was machst du eigentlich über die Feiertage? Hast du schon Pläne?“

Heaven schüttelte den Kopf. „Meine Eltern haben mir angeboten, mit ihnen nach Adelaide zu fliegen. Sie wollen Weihnachten und den ganzen Januar bei Hugh verbringen.“

Hugh war Heavens älterer Bruder, der mit seiner Frau und den Kindern in Australien lebte.

„Und warum fährst du nicht mit?“, fragte Janet aufgeregt. „Vielleicht gefällt es dir dort so gut, dass du gar nicht wieder zurückkommen möchtest.“

„Das schwarze Schaf der Familie wandert aus …“, sagte Heaven nachdenklich. „Nein, Janet, ich renne nicht weg. Jeder wird denken, dass doch etwas an der Geschichte dran ist, wenn ich jetzt die Flucht ergreife.“ Sie schwieg einen Moment. „Harolds Ehe ist nicht meinetwegen auseinandergebrochen, das schwöre ich dir. Ich hatte nie ein Verhältnis mit ihm. Selbst wenn er nicht der widerwärtige, schleimige Typ wäre, der er ist, so war er doch verheiratet. Es ist nicht meine Art, mich in eine Ehe zu drängen. Ganz schuldlos bin ich allerdings sicher nicht“, schloss sie bitter.

Janet hatte ihr aufmerksam zugehört. Sie empfand ihre Freundin wieder einmal als viel zu selbstkritisch und naiv. Dieser Harold Lewis war ein Ekelpaket, wie es im Buche stand. Daran gab es nichts zu rütteln.

„Ich hätte von Anfang an wachsamer sein müssen“, fuhr Heaven fort. „Aber wenn man völlig ohne Erfahrung ist, fällt einem vieles nicht weiter auf. Und es schien ein absoluter Traumjob zu sein. Im Sommer mit der Familie nach Südfrankreich, jede Menge Freizeit und vor allem die Möglichkeit, bei allen großen Gesellschaften und Geschäftsessen zu kochen …“

„Ich kann mir gut vorstellen, wie du dich fühlst“, bemerkte Janet leise. Heaven lächelte zaghaft.

„Entschuldige. Ich gehe dir mit meinem Gejammer bestimmt ordentlich auf die Nerven. Aber was mich an der Geschichte am meisten ärgert, ist die himmelschreiende Ungerechtigkeit. Der Mann hat mich skrupellos belogen und mich dafür benutzt, seine Frau loszuwerden. Indem er ihr eine Affäre mit mir weisgemacht hat, brachte er sie dazu, ihn zu verlassen. So konnte er wiederum in aller Ruhe die Scheidung wegen böswilligen Verlassens einreichen. Das ist doch unglaublich! Er wohnt nach wie vor in dem großen Haus, und sie weiß kaum, wie sie über die Runden kommen soll. Sie tut mir wirklich leid.“

„Stehst du in Kontakt mit ihr?“, erkundigte sich Janet.

„Bei dem ganzen Trubel, den die Medien aus der Sache gemacht haben?“ Heaven verzog angewidert den Mund. „Nein, nicht mehr. Allerdings hat sie sich bei mir dafür entschuldigt, dass ich in ihre Privatangelegenheiten hineingezogen wurde. Sie weiß natürlich mittlerweile genau, wie clever Harold uns beide hintergangen hat.“

Heaven schüttelte den Kopf. „Er muss schon Andeutungen über unser angebliches Liebesverhältnis gemacht haben, bevor ich überhaupt meine Stelle angetreten hatte. Zum Beispiel bestand er darauf, mich auch ohne ihr Einverständnis anzustellen. Und dann war alles nur noch ein Kinderspiel. Hier eine Andeutung, da eine Bemerkung … Innerhalb kürzester Zeit hatte er es geschafft, ihr Misstrauen zu erregen. Sie war natürlich bald davon überzeugt, dass ich eine Affäre mit Harold hatte.“

Janet nickte verständnisvoll.

„Würdest du glauben, dass so ein Geizhals tatsächlich fast Millionär ist?“, fuhr Heaven empört fort.

„Ach, ich glaube, das hat nichts miteinander zu tun. Manchmal sind die reichsten Menschen auch die geizigsten“, meinte Janet.

„Jedenfalls kann Louisa meiner Meinung nach froh sein, dass sie den Kerl los ist. Und nach allem, was ich gehört habe, ist sie das auch. Angeblich hat sie allen Freunden und Bekannten von Harolds Lügengeschichten erzählt. Aber wer wird das schon glauben? Mein Ruf ist auf alle Fälle ruiniert.“

Als sie merkte, dass ihr schon wieder Tränen in die Augen stiegen, wandte sie sich rasch ab und griff energisch nach der Teigschüssel. Es ging ja nicht nur um den Job, den sie verloren hatte. Das Geld, das sie mit dem Versand ihrer Weihnachtspuddings nach altem Familienrezept verdiente, sicherte ihr zumindest ein kleines Einkommen. Auch wenn sie zugeben musste, dass ihr schon jetzt manchmal allein der Anblick ihres leckeren Kuchens Übelkeit verursachte. Nein, etwas anderes war noch im Spiel, von dem nicht einmal Janet etwas ahnte.

Nur ein paar Tage, nachdem sie ihre neue Stelle angetreten hatte, hatte Heaven Louisas Bruder, Jon Huntingdon, kennengelernt. Sie erinnerte sich noch sehr genau, wie stürmisch ihr Herz plötzlich geklopft hatte, als sie ihn das erste Mal sah.

Jon war ein großer, gut aussehender Mann, der sehr erfolgreich als Finanzexperte arbeitete. Seltsamerweise war er nicht verheiratet, was Heavens Herz noch etwas mehr in Aufruhr brachte, als ihr lieb war. Er war etwa Mitte dreißig und hatte einen wunderbaren Humor, was sich vor allem im Umgang mit Louisas Töchtern zeigte.

Ganz beiläufig hatte Jon nicht lange nach ihrem ersten Kennenlernen gefragt, ob Heaven nicht Lust habe, ihn ins Theater zu begleiten. Ein ganz neues Stück sollte gespielt werden, das bereits großen Erfolg in London hatte.

Heaven hatte sich auf diesen Abend so sorgfältig vorbereitet wie schon lange nicht mehr. Sie hatte sogar ein kleines Vermögen für ein Traumkleid aus einer der besten Boutiquen Londons ausgegeben. Es war schulterfrei und betonte mit seinem schmalen Schnitt Heavens zierliche Figur. Der weiche, silbrig schimmernde Stoff umspielte bei jedem Schritt ihre schlanken Beine. Heaven wusste, dass ihr das Kleid gut stand, und Jons anerkennender Blick entging ihr nicht. Sie fühlte sich attraktiv und selbstsicher und genoss den Abend in vollen Zügen.

Nach dem Theater waren sie zum Essen in ein kleines französisches Restaurant gefahren, von dem Heaven noch nie gehört hatte. Die Zwiebelsuppe, die sie bestellte, war fantastisch, und spätestens jetzt war sich Heaven im Klaren darüber, dass Jon zu den Männern gehörte, deren Geschmack in jeder Hinsicht äußerst anspruchsvoll war. Später hatte er sie in seinem silbergrauen Jaguar nach Hause gefahren.

Als sie in der Einfahrt zu Heavens Haus standen und Jon die Scheinwerfer ausgemacht hatte, war Heaven vor Aufregung beinahe schwindlig geworden. Natürlich war sie schon mit anderen gut aussehenden Männern ausgegangen, aber noch nie hatte einer von ihnen eine ähnliche Wirkung auf sie gehabt wie Jon. Mit unfehlbar weiblichem Instinkt hatte sie erkannt, dass Jon in ihrem Leben eine ganz besondere Rolle spielen könnte. Vielleicht sogar als der Mann ihres Lebens.

Und dann hatte er sie geküsst. Atemlos, vorsichtig, zärtlich.

Als die Welt um sie herum sich nicht mehr drehte, hatte er sie noch einmal geküsst. Und Heaven hatte den Kuss erwidert, ohne sich gegen ihre Gefühle wehren zu können.

Als er sie schließlich losließ, zitterten ihr die Knie.

„Ich tue so etwas nicht jeden Tag“, brachte sie mühsam hervor, während sie versuchte, ihre Stimme unter Kontrolle zu bekommen.

„Denkst du etwa, ich?“, gab er rau zurück und zog sie wieder an sich. „Du duftest nach Zimt und Honig. Ich würde dich am liebsten anknabbern“, flüsterte er erregt.

Leidenschaftlich ließ er seine Zunge über ihren Mund gleiten, bevor er ihre Lippen sanft öffnete. Jeden Zentimeter ihres Mundes erforschte er, als könne er nicht genug bekommen von ihrem süßen Geschmack.

Aber weiter ging er nicht. Obwohl Heaven merkte, wie sehr sie sich von Jon angezogen fühlte, war sie froh über seine Zurückhaltung, denn sie zeigte ihr, dass es ihm nicht auf eine schnelle Affäre ankam. Schon jetzt mochte er sie offensichtlich genug, um den Dingen Zeit zu lassen und nichts zu überstürzen.

„Morgen reise ich für eine Weile nach Europa“, murmelte Jon dicht an ihrem Ohr. „Ich habe dort geschäftlich zu tun. Wenn ich zurückkomme, rufe ich dich an.“

Natürlich hatte er nicht angerufen. Und sie wäre ja auch gar nicht erreichbar gewesen. Denn zwei Tage nach ihrem gemeinsamen Abend in London platzte die Bombe mit Harold. Louisa hatte einen hysterischen Anfall, nahm die Kinder und verließ ihren Mann ohne weitere Diskussionen. Den Beteuerungen Heavens, es sei alles nicht wahr, schenkte sie keinen Moment Gehör.

Trotz Harolds Behauptung, er habe der Presse kein Wort von dem mitgeteilt, was zwischen ihm und seiner Frau vorgefallen war, blieb Heaven misstrauisch. Sie wusste inzwischen genau, was sie von ihm zu halten hatte. Schon nach kurzer Zeit war das Zerwürfnis zwischen Harold und Louisa in jedem Boulevardblatt auf der ersten Seite zu lesen. Ganz besonders interessant für die Presse und sämtliche Zeitungsleser war natürlich die Rolle, die Heaven angeblich bei der ganzen Sache spielte.

So war ihr Ruf innerhalb kürzester Zeit vollkommen ruiniert. Ganz zu schweigen von ihrem Selbstbewusstsein. Dankbar hatte Heaven damals das Angebot ihrer Eltern angenommen, London zunächst einmal zu verlassen, bis die Wogen sich geglättet hatten. Später war sie dann in Chelsea eingezogen, wo sie mietfrei wohnen konnte.

Sie hatte keine Ahnung, wann Jon aus dem Ausland zurückgekommen war, aber sie war eigentlich nicht besonders überrascht über sein Schweigen. Auch Louisa, die sie später zufällig auf der Straße traf, erwähnte ihn mit keinem Wort, obwohl sie sich wortreich bei Heaven für alles entschuldigte. Heaven hatte allerdings auch nicht den Mut gehabt, nach ihm zu fragen, sodass das Ganze im Sand verlaufen war.

Außerdem hatte Heaven momentan wahrhaftig Wichtigeres zu tun, als sich um Männer zu kümmern. Bis auf einen …

Harold Lewis sollte für das, was er ihr angetan hatte, bezahlen. Aber nicht mit Geld. Er sollte am eigenen Leib zu spüren bekommen, was es hieß, seinen Ruf, seine Selbstachtung und sein Bild in der Öffentlichkeit zerstört zu sehen. So, wie er es mit ihr getan hatte.

„Umrühren“, ermahnte sich Heaven laut, sodass Janet erstaunt aufblickte und leicht den Kopf schüttelte. Jetzt sprach sie schon mit sich selbst!

„Entschuldige“, sagte Heaven. „Es ist nur … ich werde nun einmal mit der Sache nicht fertig. Dieser Kerl kommt einfach ungestraft davon, und ich sitze hier, praktisch ohne Job und ohne Zukunft. Welche vernünftige Frau soll mich denn noch einstellen? Sie müsste doch verrückt sein, so ein Risiko einzugehen. Eine liebestolle Köchin, die nichts anderes im Kopf hat, als ihren Mann zu verführen. Ha! Aber jetzt wird er es doppelt und dreifach zurückbekommen. Diese Gelegenheit ist fast zu schön, um wahr zu sein. Ich werde ihm alles mit gleicher Münze heimzahlen. Und das wird ihm gar nicht schmecken.“

„Was genau hast du eigentlich vor?“, erkundigte sich Janet misstrauisch.

„Lass mich das rasch fertigmachen, ja?“, bat Heaven, während sie mit sicheren Handgriffen ihre Arbeit erledigte. „Ich muss fünfzig Weihnachtspuddings für morgen zubereiten.“

Janet stöhnte. „Fünfzig!“

„Genau“, erwiderte Heaven trocken. „Es dauerte nicht lange. Ich bin schon fast fertig.“

Voller Bewunderung beobachtete Janet, mit welcher Geschwindigkeit die Freundin ihrer Arbeit nachging.

„So“, verkündete Heaven schließlich, als der letzte Pudding im Backofen verschwunden war. „Wie du weißt, habe ich unter dem Namen Mrs. Tiggywinkle inseriert. In der Anzeige stand, dass ich Weihnachtspuddings nach einem alten Familienrezept herstelle und verschicke. Daneben würde ich auch bei Familienfeiern und ähnlichen Anlässen kochen. Nun, vor drei Tagen erhielt ich einen Anruf von einer Dame namens Tiffany Simons.“

Sie legte eine Kunstpause ein, um die Spannung zu erhöhen. „Sie sagte, sie suche händeringend eine Köchin für ein Dinner. Es sollte kurz vor Weihnachten stattfinden und für ihren Mann sowie einige wichtige Geschäftsfreunde und Klienten veranstaltet werden, die demnächst aus Amerika zurückkehrten. Obwohl sie schon sämtliche Vermittlungsagenturen angerufen hatte, bekam sie so kurz vor Weihnachten natürlich niemanden mehr. Meine Anzeige bedeutete sozusagen ihre letzte Rettung. Darüber hinaus sollte die Ärmste in der Zeit, in der ihr Mann im Ausland war, auch noch die Renovierung des Hauses organisiert und abgeschlossen haben. Du kannst dir vorstellen, dass sie mit den Nerven ganz am Ende war.“

Janet nickte. Sie konnte es sich sehr gut vorstellen.

„Also verabredeten wir uns zum Mittagessen, um alle Einzelheiten zu besprechen“, fuhr Heaven fort. „Und da erkannte ich, wen ich vor mir hatte.“

„Wen denn?“, fragte Janet verständnislos.

„Harolds Verlobte“, erklärte Heaven triumphierend. „Sie trug nämlich Louisas alten Verlobungsring. Den hätte ich unter Tausenden erkannt. Ein riesiger, auffallender Diamant. Louisa hatte ihn Harold bei ihrer Trennung zurückgegeben. Wie sie mir später sagte, hatte sie ihn ohnehin nie gemocht. Er war ihr viel zu protzig.“

„Und jetzt hat er ihn einfach an diese Tiffany weitergegeben?“, fragte Janet fassungslos.

„Ja, aber ich bezweifle, dass sie davon weiß. Irgendwie tut sie mir ganz schön leid. Sie ist noch ziemlich jung und will es Harold in jeder Hinsicht recht machen. Es ist doch wirklich typisch für ihn, ihr die ganze Arbeit zu überlassen. Sie soll alles allein organisieren – die Renovierung des Hauses und das Abendessen für ihn und seine wichtigen Leute. Dabei ist er sogar noch zu geizig, ihr genügend Geld zur Verfügung zu stellen.“

Sie schüttelte ärgerlich den Kopf. „Mit dem, was sie ausgeben darf, kann sie niemals ein Dinner nach seinen Vorstellungen gestalten. Außerdem hat sie panische Angst, dass die Gästezimmer nicht rechtzeitig fertig werden. Stell dir vor, Harold weigert sich, den Architekten und Handwerkern ihre Zwischenrechnungen zu bezahlen, wenn sie nicht vor dem vereinbarten Termin mit den Arbeiten im Haus fertig werden. Er will seinen Gästen unbedingt alles vorführen. Es müssen für ihn sehr wichtige Leute sein.“

„Wichtiger als seine Verlobte jedenfalls“, bemerkte Janet scharfsinnig.

„Viel wichtiger“, pflichtete Heaven bei. „Die Art, wie sie über Harold gesprochen hat, hat mir auch gezeigt, dass sie ihn kaum kennt. Ihr Vater unterhält anscheinend Geschäftsbeziehungen zu ihm. So haben sie sich kennengelernt. Und als ich die ganze Geschichte gehört hatte, war mir klar, dass sich hier die Chance meines Lebens bot, mich an Harold zu rächen. Er war schon immer für Süßes zu haben“, fügte sie mit einem geheimnisvollen Lächeln hinzu.

Janet sah ihre Freundin misstrauisch an. „Heaven, du wirst doch nicht zu sehr über die Stränge schlagen?“, erkundigte sie sich besorgt. Sie erinnerte sich nur zu gut daran, wie oft sie als Schulmädchen wegen Heavens Übermut in der Klemme gesessen hatten. Und schließlich hatte sie allen Grund, Harold für sein unmögliches Benehmen zu bestrafen.

„Das kommt darauf an“, meinte Heaven gelassen. Aber in ihren Augen blitzte es gefährlich.

„Worauf?“, fragte Janet vorsichtig.

„Was man darunter versteht.“

Janet seufzte unhörbar. Nun wusste sie genauso viel wie vorher. „Ich meine, du hast doch hoffentlich nichts Ungesetzliches vor?“

Heaven zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Wie kommst du denn auf so eine Idee? Selbstverständlich nicht. Ich möchte lediglich Harolds Stolz verletzen. So wie er meinen verletzt hat. Du fürchtest wohl, ich könnte ihn vergiften, um dann den Rest meines Lebens im Gefängnis zuzubringen? Keine Sorge. Obwohl …“

Janet riss erschrocken die Augen auf.

„Da gibt es doch solche Pilze …“, überlegte Heaven laut.

„So etwas darfst du auf keinen Fall tun“, sagte Janet rasch.

„Natürlich nicht“, antwortete Heaven mit gespielter Folgsamkeit. „Es wäre wirklich nicht recht von mir. Nein, was ich vorhabe, wird ihn viel wirkungsvoller lehren, sich besser zu benehmen.“

„Wenn er dich nicht vorher erkennt und an die Luft setzt“, gab Janet zu bedenken.

„Das wird nicht passieren. Erstens hat Tiffany keine Ahnung, wer ich bin. Sie kennt mich nur unter dem Namen Tiggywinkle. Zweitens werde ich mich dort nirgendwo blicken lassen, denn sie bat mich darum. Harold legt offenbar Wert darauf, dass seine Gäste der Ansicht sind, seine Frau habe gekocht. Da er zu geizig ist, seine Gäste in ein teures Restaurant einzuladen oder einen exklusiven Service anzuheuern, soll das Ganze so aussehen, als sei seine Frau eine hervorragende Köchin, die ihre Gäste gern zu Hause verwöhnen möchte.“

Heaven schüttelte den Kopf. „Ich bin sicher, dass er mich nicht zu Gesicht bekommen wird. Harold würde schon aus Prinzip keine Küche betreten. Außerdem müsste er dann Angst haben, dass er mich gleich bezahlen muss. Mrs. Tiggywinkle hat nämlich um Barzahlung gebeten.“ Sie schmunzelte. „Alles in allem halte ich die Gefahr, dass wir uns treffen könnten, für äußerst gering. Ich denke, es wird so sein, wie ich es mir vorstelle. Rache ist süß. So heißt es doch, nicht wahr? Und da Harold Süßes liebt, wird die Portion Rache für ihn besonders groß ausfallen.“ Heaven sah ihre Freundin zufrieden an.

„Ich wünschte, du würdest das nicht tun“, sagte Janet, die sich sichtlich unwohl fühlte.

„Und ich freue mich darauf“, stellte Heaven fröhlich fest. „Seit Langem habe ich mich nicht so gut gefühlt wie in den letzten Tagen. Allein die Vorstellung, dass er endlich das bekommt, was er verdient! Weihnachten wird einfach wunderbar werden.“ Sie ging zum Herd, wo die Uhr geklingelt hatte, und nahm ihre Weihnachtspuddings heraus.

„Obwohl du ganz allein hier bist? Das kann ich mir nicht vorstellen. Warum kommst du nicht mit zu Lloyds Eltern? Sie würden sich bestimmt freuen.“

„Nein, Janet. Ich möchte lieber allein sein. Nächstes Jahr soll alles besser werden als in diesem Jahr, und irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich mich allein und in aller Ruhe darauf vorbereiten muss.“

„Na schön“, meinte Janet und zuckte resigniert mit den Schultern. „Übrigens duften diese Weihnachtspuddings absolut himmlisch“, fügte sie hinzu und fuhr sich genießerisch mit der Zunge über die Lippen.

„Stimmt“, stellte Heaven mit einem so hintergründigen Lächeln fest, dass Janet sich insgeheim auf alles gefasst machte.

2. KAPITEL

„Ich hoffe, du lässt ihm das nicht durchgehen“, erklärte Jon, während er den Brief, den er eben gelesen hatte, auf den Tisch legte.

Louisa sah ihren Bruder gequält an. Der Brief war am Morgen mit der Post gekommen und stammte von Harolds Rechtsanwalt. Sofort hatte sie Jon angerufen, um ihm alles zu erzählen, was vorgefallen war.

„Natürlich will ich das nicht. Aber was soll ich machen? Wenn er sich weiterhin weigert, für die Mädchen das Schulgeld zu bezahlen, muss ich sie woanders anmelden. Und Belle hat sowieso schon Probleme mit unserer Scheidung. Ich bin wirklich ratlos.“

„Mein Gott, wenn ich mir überlege …“ Jon brach ab, als er bemerkte, wie unglücklich Louisa war.

„Ich weiß genau, was du denkst“, sagte sie hastig. „Ich allein bin schuld an meiner finanziellen Misere. Hätte ich Harold nicht verlassen und auf einer sofortigen Scheidung bestanden, dann hätte man eine ganz andere finanzielle Regelung durchsetzen können. Statt meinen Verstand zu gebrauchen, habe ich meinem Stolz nachgegeben.“

„Die Tatsache, dass er nicht nur dir, sondern auch seinen eigenen Kindern die materielle Unterstützung verweigert, die euch zusteht, hat überhaupt nichts mit deinem Stolz, sondern lediglich mit seinem Geiz zu tun“, erklärte Jon fest. Er sah seine Schwester liebevoll an. „Ich wünschte nur, ich wäre nicht ausgerechnet zum Zeitpunkt deiner Scheidung im Ausland gewesen. Wenn ich bloß wüsste, wie er den Richter davon überzeugen konnte, dass er das Geld, das dir zusteht, nicht aufbringen könnte!“

„Er hat mich in jeder Hinsicht betrogen“, stellte Louisa düster fest. „Durch seine Lügen über die angebliche Affäre mit Heaven hat er mich ja erst dazu gebracht, ihn Hals über Kopf zu verlassen. Es war wirklich geschickt geplant. Ich hätte einfach bleiben sollen. Schließlich hat er ja schon öfter Frauengeschichten gehabt. Wobei das Verhältnis mit Heaven von Anfang bis Ende erlogen war“, fügte sie hastig hinzu. „Sie hat unter der ganzen Geschichte vermutlich jetzt noch viel mehr zu leiden als ich.“

„Hast du sie seitdem gesehen?“, erkundigte sich Jon beiläufig.

„Nur einmal“, antwortete Louisa. „Wir haben uns zufällig auf der Straße getroffen. Bestimmt hatte sie nach der schrecklichen Geschichte mit Harold kein großes Interesse daran, ausgerechnet mir über den Weg zu laufen. Aber so konnte ich mich wenigstens bei ihr entschuldigen. Du wirst es nicht glauben, aber ich habe tatsächlich ein paar Freunde, die nach wie vor davon überzeugt sind, dass zwischen den beiden etwas war. Dabei habe ich alle über den wahren Sachverhalt aufgeklärt. Harold hat sich Heaven gegenüber richtig mies verhalten. Wer weiß, vielleicht hat sie ihn tatsächlich irgendwann abblitzen lassen, und das war seine Rache dafür. Jedenfalls würde es erklären, weshalb er sie öffentlich derart durch den Schmutz gezogen hat.“

Sie schwieg einen Moment. „Aber bei der Sache mit dem Unterhalt bin ich wirklich völlig ratlos. Wenn ich Harolds lächerlich niedrige Zahlung akzeptiere und außerdem kein Schulgeld für die Mädchen von ihm erhalte, bin ich am Ende meiner Weisheit.“

„Das Schulgeld übernehme ich selbstverständlich“, erklärte Jon fest. „Schließlich handelt es sich um meine Nichten.“

„Das ist sehr lieb von dir, Jon, aber du musst auch an deine Zukunft denken. Eines Tages wirst du eine Frau und eigene Kinder haben. Glaubst du, deine Frau wird begeistert sein, wenn du dann auch noch für deine Nichten aufkommen sollst?“

„Eine Frau, die das nicht versteht, kommt niemals für mich infrage“, erwiderte Jon ruhig.

Louisa umarmte ihren Bruder wortlos.

„In dem Brief hier steht, dass Harold vorhat, wieder zu heiraten, und deshalb seine Zahlungen an dich reduzieren will“, sagte Jon stirnrunzelnd. „Wenn er doch nur mir gegenüber offener wäre! Dann wüsste ich bald, wie es ihm ständig gelingt, seine Vermögensverhältnisse derart zu verschleiern.“

„Hat er irgendwann einmal erwähnt, dass er mir weniger Geld bezahlen will?“, fragte Louisa.

„Nein“, antwortete Jon kopfschüttelnd. „Mit keiner Silbe. Trotz meiner Beteuerungen, dass mir an der Freundschaft mit ihm mehr liegt als an deinem Glück, ist er ziemlich zurückhaltend. Aber ich werde weiter an ihm dranbleiben. So schnell gebe ich nicht auf. Am Wochenende bin ich bei ihm zu Hause zum Essen eingeladen. Er hat mir die Einladung aus New York gefaxt. Dort hält er sich nämlich zurzeit geschäftlich auf.“

„Was ist das für ein Essen?“, erkundigte sich Louisa.

„Soweit ich weiß, hat seine neue Verlobte alles arrangiert. Es findet in Harolds neuem Haus in Knightsbridge statt.“

„Das, was er vom Erlös unseres Hauses gekauft hat“, bemerkte Louisa zornig.

„Genau“, sagte Jon.

„Das arme Mädchen. Hoffentlich merkt sie noch vor der Hochzeit, was für ein mieser Kerl Harold ist“, meinte Louisa bitter. „Aber was soll ich nur tun? Von unseren Eltern möchte ich nichts mehr annehmen. Sie haben schon so viel für mich getan. Genau wie Rory.“

Es entging Jon nicht, dass Louisa bei der Erwähnung ihres alten Familienfreundes Rory Stevens ein wenig rot geworden war. Er wusste schon lange, dass Rory seine Schwester liebte, aber nun schien es so, als erwidere sie seine Gefühle. Seit Louisas Scheidung hatte sich Rory ganz besonders um sie bemüht und ihr geholfen, wo er nur konnte.

„Glaubst du wirklich, dass Harold dir vertraut?“, fragte Louisa zweifelnd. „Nimmt er dir ab, dass du sein Verhalten in Ordnung findest?“

„Es scheint zumindest so“, antwortete Jon. „Allerdings bin ich schon etwas enttäuscht. Ich hatte gehofft, inzwischen Hinweise darauf gefunden zu haben, dass er seine wahren Vermögensverhältnisse sehr schlau verbirgt, um dir weniger Geld zahlen zu müssen.“

„Aber wir wissen doch, dass es so sein muss“, warf Louisa ein.

„Natürlich“, sagte Jon. „Aber wie sollen wir es beweisen?“

Später, als er auf dem Weg zu seiner schönen, mit antiken Möbeln ausgestatteten Wohnung in Fulham war, die er neben einem Haus in Schottland und einem Appartement in einem belgischen Schloss nahe Brüssel bewohnte, dachte er immer noch über Louisas Probleme nach.

Es ärgerte ihn maßlos, dass es Harold gelungen war, das Gesetz in dieser Art und Weise zu seinen Gunsten zu nutzen. Offensichtlich kannte er alle Tricks und Nischen, die für ihn von Vorteil waren, ganz genau. Jon fiel es auch immer schwerer, nach außen hin den Anschein von Freundschaft zu wahren, um den er sich wegen Louisa bemühte. Jedes Mal, wenn er mit Harold zusammen war, fragte er sich im Stillen, weshalb dem Mann so viel an ihrer Freundschaft lag. Vielleicht hoffte er, Louisa damit irgendwie zu kränken. Das würde ihm jedenfalls ähnlich sehen.

Nein, diesmal sollte Harold nicht mit seinen Gemeinheiten durchkommen. Jon war fest entschlossen, ihm das Handwerk zu legen. Schließlich ging es um seine Schwester und vor allem um ihre Kinder. Er konnte es einfach nicht zulassen, dass ihnen schon wieder Unrecht zugefügt wurde. Von Anfang an hätte ihnen mehr Geld zugestanden, und Harold hätte ihnen selbstverständlich das Haus zur Verfügung stellen müssen. Aber so etwas wie Anstand war ihm anscheinend völlig fremd.

Als Jon seine Autotür öffnete, fiel sein Blick zufällig auf eine zierliche, dunkelhaarige Frau, die auf dem Bürgersteig vorüberging. Ihre Locken wurden in dem kalten Dezemberwind zerzaust, und sie hüllte sich in einen Mantel, der für ihre schlanke Gestalt ein paar Nummern zu groß wirkte.

Jon hielt den Atem an. Doch als sie den Kopf drehte und er ihr Gesicht erblickte, wandte er sich enttäuscht ab. Natürlich war es nicht Heaven. Wann würde er endlich aufhören, in jeder Frau, die ihr nur im Entferntesten ähnlich sah, Heaven zu vermuten?

Heaven. Was für ein Name. Was für eine Frau. Vom ersten Moment an hatte sie ihn fasziniert. Doch so sehr er sie auch begehrte, er hatte doch instinktiv gefühlt, dass er Heaven nicht bedrängen durfte. Sie war ein Mensch, der Zeit brauchte. Zeit, um Vertrauen zu gewinnen und sich geborgen zu fühlen.

Jon erinnerte sich an jeden Moment ihres Zusammenseins, als wäre es gestern gewesen. Heavens Lippen hatten unter der Berührung seines Mundes vor Erregung gezittert, während ihre Augen alles enthüllten, was sie empfand.

Er hatte keine Ahnung, wo sie sich jetzt aufhielt, aber es war ganz offensichtlich, dass sie nichts mit ihm zu tun haben wollte. Immerhin war er der Mann, dessen Schwager dafür verantwortlich war, dass ihr Ruf ruiniert und sie selbst in der Öffentlichkeit auf die übelste Weise bloßgestellt worden war.

Natürlich hatte Jon keine Sekunde an ihrer Unschuld gezweifelt, aber da war es schon zu spät. Sie war fort, und niemand konnte ihm sagen, wohin sie gegangen war.

Ihre Eltern, mit denen er sogleich Kontakt aufgenommen hatte, waren freundlich, aber bestimmt gewesen. Ihre Tochter wolle auf keinen Fall mit Leuten zu tun haben, die in irgendeiner Verbindung zu Harold standen. Es täte ihnen sehr leid, aber sie könnten ihm nicht sagen, wo Heaven sich aufhielt.

Fast war er schon so weit gewesen, einen Privatdetektiv zu engagieren, als ihm plötzlich bewusst wurde, was für einen Eingriff in Heavens Privatleben dies bedeutet hätte. Und nun sah er jeder jungen Frau auf der Straße nach, die ein bisschen Ähnlichkeit mit Heaven hatte.

Ob sie immer noch diesen herrlichen Sinn für Humor hatte, der ihn so fasziniert hatte? Und das koboldhafte Lächeln? Er konnte es nur hoffen. Womöglich war sie noch gar nicht über die Sache mit Harold hinweggekommen und litt noch immer unter den Folgen des Traumas, das sie erlebt hatte.

Zu gern hätte er gewusst, ob sie manchmal an ihn dachte. Wahrscheinlich nicht. Wäre er doch nicht gerade zu dem Zeitpunkt im Ausland gewesen, als hier all die schlimmen Dinge passierten. Schon oft hatte er in letzter Zeit das Schicksal verflucht, das ihm diesen Streich gespielt hatte. Aber das nützte ja nun auch nichts mehr.

Mit ein paar Frauen war er seither wieder ausgegangen, doch sie alle konnten Heaven seiner Meinung nach nicht das Wasser reichen. Obwohl er sie kaum kannte, war sie für ihn so wichtig geworden, dass jede andere Frau neben ihr verblasste. Jon fragte sich manchmal ehrlich, ob es vielleicht Hirngespinste waren, die ihn so gnadenlos verfolgten …

Heaven stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als endlich auch das letzte Päckchen hinter dem Schalter der Poststelle verschwunden war. Jetzt waren alle Weihnachtspuddings pünktlich auf dem Weg zu ihren Kunden.

Es war ein schöner, frostiger Wintertag mit einem blassblauen Himmel, der sich über dem grauen Wasser der Themse wölbte. Wie immer war Heaven vom Anblick des Flusses so fasziniert, dass sie stehen blieb und gedankenverloren über das Wasser schaute. Ob ihre Vorfahren den Fluss ebenso geliebt hatten wie sie?

Die Meteorologen hatten für die nächsten Tage strengen Frost vorhergesagt. Heaven überlegte sich, wie es wohl sein mochte, wenn die Themse von einer Eisschicht überzogen war. Irgendwo hatte sie gelesen, dass man vor langer Zeit einmal auf dem zugefrorenen Fluss ein Volksfest abgehalten hatte. Um die Besucher und Schlittschuhläufer zu wärmen, waren damals glühende Kohlebecken aufgestellt worden, auf denen sogar kleine Leckereien zubereitet wurden. Dieses Fest war ein Riesenereignis für Jung und Alt gewesen.

Was mochte es damals wohl zu essen gegeben haben? Wahrscheinlich einige Fischgerichte wie zum Beispiel Aal und Weißfisch, verschiedene Sorten von Brot und Kuchen sowie leckere Pasteten und allerlei süße Naschereien.

Das Wasser lief ihr im Mund zusammen, wenn sie an die herrlichen Rezepte dachte, die sich in ihrem Kochbuch aus dem 18. Jahrhundert fanden. Sie hatte es von ihren Eltern zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag bekommen und war sofort begeistert davon gewesen. Allein die Zutaten zu den einzelnen Gerichten ließen Bilder wie aus Tausendundeiner Nacht auferstehen. Im Geist sah sie mächtige Handelsschiffe, die mit exotischen Gewürzen aus aller Welt beladen nach London einfuhren.

Heaven riss sich seufzend aus ihren Gedanken. Heute Nachmittag traf sie sich mit Tiffany Simons, um das geplante Menü in allen Einzelheiten zu besprechen. Sie hatte nur noch bis zum Ende der Woche Zeit, um ihre Einkäufe zu erledigen und sich mit der fremden Küche vertraut zu machen. Das war nicht mehr allzu lange, aber es würde reichen.

Rasch drehte sich Heaven um und eilte nach Hause. Sie dachte jetzt nur noch an das, was vor ihr lag.

„Was ist in so einem Weihnachtspudding eigentlich alles drin?“, erkundigte sich Tiffany mit gerunzelter Stirn.

Die beiden Frauen saßen sich am Küchentisch in Harolds neuem Haus gegenüber. Wie Tiffany sogleich betont hatte, würde es nach der Hochzeit natürlich auch ihr Haus sein.

„Meine Eltern sind ziemlich altmodisch“, hatte sie Heaven leise seufzend anvertraut. „Es würde ihnen ganz und gar nicht gefallen, wenn ich schon vor der Hochzeit bei einem Mann einziehe. Meine Mum war schon vierzig, als ich geboren wurde. Damals hatten sie die Hoffnung auf ein Kind schon fast aufgegeben. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass sie mich immer beschützen möchten.“

Nicht gut genug, dachte Heaven schaudernd, als Harolds Bild vor ihr erschien. Er war bestimmt nicht der richtige Mann für Tiffany.

„Weihnachtspudding ist eigentlich eine Art Kuchen, der nach einem traditionellen Rezept zubereitet wird“, kam Heaven auf Tiffanys Frage zurück. „Es handelt sich dabei um einen sehr reichhaltigen, schweren Teig mit Früchten, Nüssen und vielen Gewürzen. Die meisten Männer sind absolut verrückt danach“, fügte sie mit einem Blick auf Tiffanys Gesicht hinzu. Sofort hellte sich Tiffanys Miene auf.

„Dann ist es ja gut“, erklärte sie eifrig. „Ich verstehe nämlich nicht sehr viel vom Kochen. Deshalb meinte Harold ja auch, dass ich mir jemanden holen sollte. Dieses Dinner ist ziemlich wichtig für ihn. Harold bringt Geschäftsfreunde aus Amerika mit, die seine Firma kaufen wollen.“

Sie strahlte Heaven voller Stolz an. „Er entwickelt Software, wissen Sie. Und er ist furchtbar klug. Selbst wenn er den Laden verkauft, wird er sein neu entwickeltes Softwareprogramm auf jeden Fall selbst behalten. Das hat er mir genau erklärt. Er kann es zwar dann nicht gleich in Amerika verkaufen, aber die Märkte in Taiwan und im Mittleren Osten sind genauso gut.“

Heaven schlug die Augen nieder, um Tiffany ihre wahren Gefühle nicht allzu deutlich zu zeigen. Es bestand wohl nicht der geringste Zweifel daran, dass Harold wusste, wie man Geschäfte machte, die sich lohnten. Andere Menschen waren ihm dabei vollkommen egal. Hauptsache, für ihn sprang genug dabei heraus.

Während sie Tiffanys Schwärmereien über Harolds angebliche Klugheit zuhörte, merkte sie plötzlich, dass ihr das Mädchen richtig leidtat. Sie hatte wirklich keine Ahnung, worauf sie sich einließ. Auf der anderen Seite war es sonnenklar, warum Harold sich ausgerechnet Tiffany als zukünftige Frau ausgesucht hatte. Sie war nämlich nicht nur sehr hübsch, sondern auch maßlos naiv.

„Es bleibt also alles so, wie wir es besprochen haben“, stellte Heaven zufrieden fest. Sie suchte die Notizen zusammen, die sie sich im Lauf des Gesprächs mit Tiffany gemacht hatte, und ließ währenddessen ihren Blick prüfend durch die Küche schweifen. Es war wichtig, dass auch wirklich alles da war, was sie zum Kochen brauchte.

Das halblaut geführte Telefongespräch zwischen Tiffany und der Firma, deren Vertreter vor ein paar Minuten angerufen hatte, war ihr allerdings nicht entgangen. Es hatte offenbart, dass die gesamte Küche mit Einrichtung und Geräten noch nicht bezahlt worden war. Typisch Harold.

„Auf jeden Fall“, versicherte ihr Tiffany strahlend. „Vor allem der Weihnachtspudding darf nicht fehlen. Harold liebt süße Speisen.“

Das Menü, auf das sie sich letztendlich geeinigt hatten, war eigentlich ganz einfach: Als Vorspeise sollte es eine Suppe geben, gefolgt von Fisch und dem Hauptgang: Fleisch mit Gemüse der Saison. Anschließend daran würde Tiffany als krönenden Abschluss den Weihnachtspudding auftragen, Mrs. Tiggywinkles Meisterwerk.

„Und Sie werden alles so weit fertig haben, dass ich einen Gang nach dem anderen servieren kann?“, wollte Tiffany noch einmal aufgeregt wissen.

„Aber ja“, antwortete Heaven. „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Es wird alles rechtzeitig fertig sein. Kein Mensch wird jemals auf die Idee kommen, dass Sie nicht selbst gekocht haben.“

Einen Moment lang hatte Heaven Gewissensbisse, wenn sie daran dachte, dass man der armen Tiffany die Schuld für das geben würde, was sie als Rache an Harold plante. Auf der anderen Seite wusste zumindest Harold ganz genau, dass seine Verlobte nichts mit der Zubereitung der Speisen zu tun hatte. Vermutlich würde er versuchen herauszufinden, wer für das Essen verantwortlich war. Aber da gab es nur Mrs. Tiggywinkle …

Tiffany war plötzlich rot geworden. „Irgendwie ist mir das Ganze schon ziemlich peinlich“, begann sie verlegen. „Solche Schwindeleien sind eigentlich nicht mein Stil. Aber Harold meint, dass der Abend unbedingt ein großer Erfolg für ihn werden muss. Und diese Amerikaner lieben nun einmal nichts mehr als ein hausgemachtes Essen, möglichst nach alten Familienrezepten zubereitet.“

„Bleibt es bei acht Personen?“, erkundigte sich Heaven.

„Ja. Harold und ich, die drei Geschäftsfreunde aus Amerika, sein Buchhalter mit Frau und ein Freund von Harold. Er ist, glaube ich, Finanzberater.“

Den Finanzberater kannte Heaven nicht, aber der Buchhalter und vor allem seine Frau waren ihr bestens bekannt. Sie war eine habsüchtige, bösartige Frau, die nicht davor zurückschreckte, über andere in übelster Weise herzuziehen. Mehr als einmal hatte Heaven gehört, wie sie Louisa und die Kinder bei Harold schlechtgemacht hatte. Sie hatte sogar versucht, sich in Heavens Arbeit einzumischen. Abgesehen davon war sie eine fürchterliche Klatschtante und hatte es genossen, die erfundenen Geschichten über Heaven und Harold überall zu verbreiten.

Heaven freute sich diebisch, dass diese unangenehme Person Harolds Schicksal teilen würde. Sie lächelte Tiffany zu und stand auf. Die junge Frau war eigentlich recht nett. Heaven merkte, dass sie sie mochte. Vielleicht fand sich eine Möglichkeit, sie vom Weihnachtspudding zu verschonen.

Nicht, dass Heavens Pudding schlecht oder gar ungenießbar gewesen wäre! Jedenfalls normalerweise nicht. Aber für dieses ganz spezielle Abendessen sollten es auch ganz besondere Zutaten werden …

3. KAPITEL

Nervös strich Heaven mit beiden Händen über die gestärkte weiße Schürze, die sie über dem schlichten schwarzen Kleid trug.

Dabei war es nicht etwa Lampenfieber wegen des bevorstehenden Essens, das ihr bei jedem Geräusch, welches hinter der geschlossenen Küchentür zu hören war, Magenschmerzen bereitete. Nein, sie hatte einfach Angst, irgendwann im Lauf des Abends von Harold entdeckt und hinausgeworfen zu werden. So sicher, wie sie Janet gegenüber immer getan hatte, war sie sich ihres Plans nämlich keineswegs. Janet hatte ihr inzwischen schon öfter die peinliche Situation ausgemalt, in die sie durch irgendeinen dummen Zufall mit Leichtigkeit geraten könnte.

„Harold wird nicht in die Küche kommen“, hatte Heaven ihrer Freundin versichert. „Er prahlt ja sogar damit, dass er kaum den Kühlschrank finden kann. Freiwillig setzt der keinen Fuß in eine Küche. Schon gar nicht in seine eigene.“

Und obwohl Tiffany ihr auch schon gesagt hatte, dass sie Harold wohl kaum zu Gesicht bekommen würde, blieb die Nervosität.

„Dieses Geschäft mit den Amerikanern ist unglaublich wichtig für Harold“, sagte Tiffany zum wiederholten Mal. „Deswegen wird er auch den ganzen Abend für nichts und niemand anderen Zeit haben. Wahrscheinlich wird er sich sogar kaum um mich kümmern. Er hat mir erzählt, dass er den Vertrag bis zum Jahresende unter Dach und Fach haben muss. Es hat irgendwas mit dem Patent zu tun, das er für seine neue Software anmelden will“, erklärte sie unbestimmt.

Tiffany hatte Heaven in den letzten paar Tagen eine ganze Menge über sich und ihre Beziehung zu Harold erzählt. Jedes Mal, wenn Heaven ihr zuhörte, wurde ihr mehr und mehr bewusst, wie einsam Tiffany im Grunde war. Offensichtlich hatte sie kaum Freunde, geschweige denn einen Menschen, dem sie wirklich vertrauen und ihr Herz ausschütten konnte. In vieler Hinsicht wirkte sie unglaublich weltfremd und naiv, sodass Heaven manchmal das Gefühl hatte, mit ihren dreiundzwanzig Jahren um vieles reifer zu sein als die nur um zwei Jahre jüngere Frau.

Als sich die Küchentür öffnete, spannte sich jeder Muskel in Heavens Körper an. Sie drehte sich rasch um, um ihr Gesicht nicht zu zeigen, doch es war nur Tiffany, die aufgeregt hereinkam.

„Harold hat eben vom Flughafen aus angerufen!“, rief sie atemlos. „Sie machen sich jetzt auf den Weg. Pünktlich um halb neun soll das Essen auf dem Tisch stehen.“

„Das geht klar“, antwortete Heaven so ruhig wie möglich, während ihr Herz heftig klopfte.

„Jetzt ist es acht Uhr“, meinte Tiffany mit einem Blick auf die Uhr. Ihre Stimme zitterte vor Nervosität. „Ich werde mich vorsichtshalber schon einmal an der Haustür aufstellen. Vielleicht kommt irgendjemand doch ein paar Minuten eher. Ein Glück, dass wenigstens alle Gästezimmer fertig sind.“

Heaven lächelte sie verständnisvoll an. Was würde Harold wohl sagen, wenn er wüsste, dass zwar die Schlafzimmer fertig und auch alle angrenzenden Badezimmer vollständig eingerichtet waren, aber leider ohne Anschluss an die Kanalisation. Inklusive der Toiletten.

Der Chef der Firma, die alle Klempnerarbeiten ausgeführt hatte, war vor Wut über Harolds Verhalten fast geplatzt. Harold hatte sich nämlich geweigert, auch nur einen Pfennig zu bezahlen, bevor er nicht selbst alles genauestens inspiziert hatte. So hatte man einfach alle Sanitäreinrichtungen ohne Anschluss gelassen.

„Sie wissen doch, dass Gäste hier übernachten werden, oder?“, hatte Heaven besorgt gefragt, als ihr der Meister bei einer Tasse Kaffee in der Küche sein Herz ausgeschüttet hatte.

„Klar weiß ich das, aber da müssen sie eben mit der unteren Toilette auskommen“, war sein Kommentar gewesen. „Die ist ja schließlich in Ordnung.“ Er zwinkerte Heaven verschwörerisch zu.

Heaven überlegte, ob es ihre Pflicht gewesen wäre, Tiffany über diesen Umstand aufzuklären. Aber hatte das arme Mädchen nicht schon genug um die Ohren?

Sie schrak zusammen, als plötzlich die Haustürklingel ertönte. Nun war es zu spät, sich noch anders zu entscheiden. Alles war bereit. Wirklich alles …

Ihr Blick wanderte zu dem Kochfeld, wo der Weihnachtspudding friedlich vor sich hin dampfte.

Figgy Pudding …

Ein köstliches Gericht mit reichhaltigen Zutaten. Mandeln, Kirschen und andere Köstlichkeiten waren darin zu finden. Und diesmal hatte sie noch ein paar Extras hinzugefügt. Eine große Portion Paraffinöl, eine ebenso reichliche Portion Abführmittel aus Faulbaumextrakt und ein großes Glas Sherry, um den Geschmack zu überdecken.

Heaven lächelte, als sie sich die Wirkung ihrer Zutaten ausmalte. Tatsächlich würden es Harold und seine Freunde sehr unangenehm finden, dass die Toiletten nicht angeschlossen waren …

Nicht, dass jemand ernsthaft zu Schaden kommen würde. Sie hatte genau darauf geachtet, nicht etwa zu viel Abführmittel in den Weihnachtspudding zu geben. Aber es reichte, um sie alle schrecklich in Verlegenheit zu bringen.

Natürlich würde Harold vor Wut schäumen und alles daransetzen, sie in irgendeiner Weise zu belangen. Doch da hatte er Pech. Bevor es so weit kommen konnte, war sie schon lange verschwunden. Und überhaupt – mehr als den Namen Mrs. Tiggywinkle gab es in diesem Zusammenhang nicht.

Heaven bedauerte es keine Sekunde, dass sie einen Teil ihres sauer verdienten Geldes in die Extrazutaten gesteckt hatte. Wenigstens einmal im Leben würde Harold auf diese Weise für seine Taten bestraft werden.

Allerdings war sie sehr erleichtert gewesen, als Tiffany verkündet hatte, dass sie nichts von der Nachspeise essen werde.

„Bestimmt schmeckt der Pudding fantastisch, aber Harold möchte nicht, dass ich zunehme“, hatte sie Heaven anvertraut.

Freundlich lächelnd stellte sich Jon Tiffany vor. Er war erstaunt darüber, wie jung und unsicher sie wirkte. Mit Sicherheit konnte sie Harold in keiner Hinsicht das Wasser reichen. Armes Kind. Sie war überhaupt nicht in der Lage, ihre Nervosität zu verbergen. Ihre Bewegungen waren fahrig und unkonzentriert, ihr Blick wirkte gehetzt. Ständig sah sie auf die Uhr. Obwohl sie eigentlich ganz hübsch war, konnte Jon ihr nicht viel abgewinnen.

„Bin ich der erste Gast?“, erkundigte er sich, während Tiffany ihm den Mantel abnahm.

„Ja. Aber Harold müsste auch gleich kommen. Sein Flug war etwas verspätet.“

„Das wundert mich nicht. In New York hat es anscheinend heftige Schneefälle gegeben. Übrigens hat man für England auch Schnee angesagt. Das wäre seit vielen Jahren die erste weiße Weihnacht.“ Jon lächelte. „Harold wird also Geschäftsfreunde aus Amerika mitbringen?“, fragte er.

„Ja. Es handelt sich um die Leute, denen er seine Firma verkaufen will.“ Tiffany wurde rot vor Verlegenheit. „Eigentlich soll ich nicht darüber reden. Aber Sie sind doch Freunde, nicht wahr?“

„Keine Sorge“, versicherte ihr Jon. „Das ist schon in Ordnung.“

Harold wollte also verkaufen. Eine Firma, die nach seinen Angaben, die er vor dem Scheidungsrichter gemacht hatte, tief in den roten Zahlen steckte. Interessant. Wer würde ein solches Unternehmen wohl kaufen wollen? Und warum? Jon war plötzlich klar, dass dies ein sehr aufschlussreicher Abend werden könnte.

Tiffany, die inzwischen seinen Mantel aufgehängt hatte und ihn fragte, was er trinken wolle, schreckte ihn aus seinen Gedanken.

Er folgte ihr in den Salon. Als sie an der halb geöffneten Tür des Esszimmers vorbeikamen, erstarrte er für einen Moment. Die Möbel, die seine Eltern Louisa geschenkt hatten, standen an ihrem gewohnten Platz. Als Louisa das Haus verlassen hatte, hatte Harold ihr die Möbelstücke mit der Begründung verweigert, dass ja alles ihnen gemeinsam gehören würde. Sie habe durch ihr Verhalten ihr Recht auf irgendwelche Dinge aus dem Haus verspielt.

Natürlich hatte Louisa alles darangesetzt, ihr Hab und Gut wiederzubekommen. Sie hatte sogar einen Möbelwagen gemietet und war während Harolds Abwesenheit zum Haus gefahren, um ihre Möbel zurückzufordern. Da alle Schlösser inzwischen ausgewechselt waren, hatte Louisa so lange an die Tür gehämmert, bis ihr die Haushälterin aufmachte. Doch es war umsonst. Wie sie Jon später erzählte, hatte Harold die wertvolle Esszimmereinrichtung beiseitegeschafft und durch billige, hässliche Möbel ersetzt.

Heaven hörte Gesprächsfetzen durch die angelehnte Küchentür. Gerade als sie die Tür schließen wollte, drang eine vertraute Stimme an ihr Ohr und ließ sie für einen Moment wie versteinert dastehen. Es war die tiefe, warme Stimme eines Mannes, den sie kannte und sehr mochte.

Natürlich irrte sie sich. Es konnte unmöglich Jon sein. Schließlich war er Louisas Bruder und hatte in diesem Haus bestimmt keine Freunde.

Trotzdem brachte es Heaven nicht fertig, von der Tür wegzugehen. Während sie lauschte, stiegen Bilder aus der Vergangenheit vor ihr auf, die sie lange Zeit verdrängt hatte. Bald fühlte sie einen Kloß im Hals, der nichts mit ihrer Nervosität wegen Harold, sondern sehr viel mit der Erinnerung an Jon zu tun hatte. Heaven merkte plötzlich, wie viel er ihr bedeutet hatte. Was wäre gewesen, wenn …

Ich muss aufhören zu träumen, ermahnte sie sich streng. Mit aller Macht musste sie sich zusammenreißen, um jetzt nicht die Kontrolle über ihre Gefühle zu verlieren. So etwas konnte sie sich heute Abend wahrhaftig nicht leisten. Sie durfte doch nicht vergessen, weshalb sie hier war.

Tiffany stand mittlerweile immer noch mit Jon im Salon und wunderte sich darüber, dass er so nachdenklich war. Und warum hatte er nach einem Blick ins Esszimmer derart schockiert ausgesehen? Die Türglocke riss sie aus ihren Gedanken. Rasch eilte sie hinaus, um zu öffnen.

Es war Harolds Buchhalter mit seiner Frau. Jon mochte beide nicht besonders, aber er ließ sich so etwas prinzipiell nicht anmerken.

„Na, ist der alte Junge noch nicht da?“, erkundigte sich Jeremy Parton, als er eingetreten war. Er stellte sich vor den Kamin, in dem rotglühende, künstliche Holzscheite eine behagliche Atmosphäre verbreiten sollten, und rieb sich die Hände.

„Nein, ich hoffe aber, dass er bald kommt“, bemerkte Tiffany besorgt. „Er hat mir extra gesagt, dass er pünktlich um halb neun essen möchte.“

„Wen haben Sie denn für das Dinner engagiert, meine Liebe?“, unterbrach Freda Parton unhöflich das Gespräch. „Manche haben einen furchtbar schlechten Service und Wahnsinnspreise. Und dann das Essen …“ Sie verdrehte die Augen.

„Ich …“, begann Tiffany, aber weiter kam sie nicht.

„Ganz sicher nicht unsere süße, kleine, allseits bekannte Nymphomanin“, kicherte Jeremy. „Dabei soll sie ja auch eine tolle Köchin gewesen sein.“ Grinsend sah er von einem zum anderen.

Jon hatte Mühe, sich zu beherrschen. Dieses Gesicht reizte förmlich zum Schlagen, obwohl körperliche Auseinandersetzungen sonst ganz und gar nicht Jons Stil waren. Eigentlich ließ er sich normalerweise auch nicht so schnell provozieren, aber dieser Kerl raubte einem wirklich die Selbstbeherrschung.

„Jeremy, das reicht“, warnte Freda Parton ihren Mann.

„Ach, hör schon auf! Es weiß doch jeder, dass unser guter Harold ganz heiß auf die Kleine war. Ehrlich gesagt, hätte ich mich von der auch gerne einmal bedienen lassen.“

„Jeremy!“, rief Freda zornig. Sie wandte sich an Tiffany, die beschämt und verwirrt daneben stand.

„Jeremy macht nur Spaß, mein Kind“, bemerkte sie freundlich. „Er meint die junge Frau, die Harolds erste Ehe zerstört hat. Eine hinterlistige, durchtriebene Person, die Harold böswillig in eine Falle gelockt hat. Sie hat ihn nach allen Regeln der Kunst verführt.“

„Davon hat er mir nie etwas erzählt“, stammelte Tiffany.

Freda schoss ihrem Mann einen vernichtenden Blick zu und legte Tiffany den Arm um die Schulter. „Natürlich nicht. Er ist wahrscheinlich heilfroh, dass die Sache hinter ihm liegt. Wobei er sich wirklich nichts vorzuwerfen hat. Na ja, wir wissen doch alle, wie Männer so sind. Und Louisa hätte ja auch ein bisschen genauer hinsehen können. Wie geht es Ihrer Schwester denn eigentlich, Jon?“, fragte sie betont mitfühlend.

„Hervorragend, danke“, erwiderte Jon ruhig. „Sie wird die Feiertage mit den Kindern bei unseren Eltern verbringen.“

Er lächelte Tiffany an. „Louisa, Harolds erste Frau, ist meine Schwester“, erklärte er.

Die junge Frau wurde blutrot vor Verlegenheit. „Oh, das wusste ich nicht“, stotterte sie, aber Jeremy mischte sich schon wieder angriffslustig ein.

„Manche Leute finden es ja schon etwas merkwürdig, dass Sie noch immer so enge Beziehungen zu Harold unterhalten“, meinte Jeremy gehässig. „Nach allem, was zwischen ihm und Ihrer Schwester vorgefallen ist.“

„Ich bin Geschäftsmann“, gab Jon seelenruhig zurück. „Meine Gefühle haben nichts mit meiner Arbeit zu tun. Harold und ich haben einige gute Geschäfte miteinander gemacht.“

„Aha. Und Sie hoffen wohl auf mehr, was? Da könnten Sie heute Abend sogar Glück haben. Er hat Sie doch sicher deshalb eingeladen, damit bei seinem geplanten Verkauf finanziell nichts schiefgehen kann.“

Jons Nackenhaare sträubten sich wie bei einem wütenden Hund, während er Jeremy regungslos ansah. Zum Glück funktionierte seine Selbstbeherrschung hervorragend, auch wenn es ihm jetzt gerade sehr schwerfiel. „Ich werde Harold selbstverständlich so beraten, wie er es wünscht. Will er denn die ganze Firma verkaufen?“

„Alles“, bestätigte Jeremy. Er reckte den Hals, als die Lichter eines Autos, das vor dem Haus hielt, hinter dem Fenster sichtbar wurden.

„Das ist Harold“, verkündete Tiffany erleichtert. „Ich mache auf.“

Zwanzig nach acht. Heaven hatte Harolds laute, aggressive Stimme sofort erkannt. Gleich würde Tiffany erscheinen, um die Suppenteller zu holen. Während die Gäste ihre Suppe aßen, würde genug Zeit bleiben, um das Fischgericht für den zweiten Gang fertigzustellen, das bereits in Vorbereitung war. Auf dieses Gericht war Heaven besonders stolz. Es hatte stets viel Lob geerntet.

„Die Suppe war köstlich“, sagte Tiffany strahlend, als sie mit den leeren Tellern zurück in die Küche kam. „Alle waren begeistert.“

„Prima. Dann werden sie vom Fisch absolut hingerissen sein“, versprach Heaven lachend.

„Freda Parton will schon die ganze Zeit wissen, wen ich für das Dinner engagiert habe“, klagte Tiffany. „Ich habe ihr schließlich erzählt, dass eine Freundin mir geholfen hätte. Eigentlich stimmt es ja beinahe. Ich finde, wir haben uns doch wirklich ein bisschen angefreundet, oder?“, schloss sie zaghaft.

Heaven lächelte stumm. Es berührte sie, dass sie so sehr das Gefühl hatte, die junge Frau beschützen zu müssen. Wie hatte sie sich nur mit einem Mann wie Harold einlassen können? Andererseits war Louisa sicher auch einmal in ihn verliebt gewesen, obwohl Jon seinen Schwager nie besonders gemocht hatte. Das hatte Heaven von Anfang an instinktiv gespürt. Jon … Was fiel ihr ein, über Jon und längst vergangene Tage nachzudenken, wenn sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren musste?

Jetzt war bald der Hauptgang an der Reihe und dann das Dessert … In Heavens Magen krampfte sich irgendetwas zusammen. Um sich abzulenken, begann sie, das gebrauchte Geschirr und das schmutzige Besteck wegzuräumen. Sie hatte gerade den letzten Teller in die Spülmaschine gestellt, als Tiffany die Küche betrat.

Jon verfolgte die Unterhaltung zwischen Harold und seinen amerikanischen Geschäftsfreunden mit größter Aufmerksamkeit. Noch hatte sich kein Anhaltspunkt für sein Misstrauen ergeben, doch er war sicher, dass Harold irgendetwas verbarg. Und dass man ihm nicht trauen durfte, war sowieso klar.

Tiffany, die erhitzt und nervös aussah, brachte gerade den Nachtisch herein. Weihnachtspudding. Jon schüttelte dankend den Kopf, als sie nach seinem Dessertteller griff. Er hatte sich noch nie viel aus Süßem gemacht. Harold hingegen verlangte gleich eine extragroße Portion.

„Das war ein absolut fantastisches Essen“, rief einer der Amerikaner enthusiastisch, nachdem er seinen Löffel aus der Hand gelegt hatte. Charmant bedankte er sich bei Tiffany und erbot sich, ihr beim Hinaustragen des schmutzigen Geschirrs behilflich zu sein. Harold erinnerte derweil Tiffany daran, dass er Käse und Gebäck für die Herren in seinem Arbeitszimmer wünschte.

In der Küche seufzte Heaven vor Erleichterung laut auf. Jetzt brauchte sie nur noch für Kaffee, Gebäck und Käse zu sorgen. Dann konnte sie das Haus endlich verlassen – rechtzeitig vor der Katastrophe, die sie in Gang gesetzt hatte!

Erschrocken drehte sie sich um, als sie die Stimme eines Mannes an der Küchentür hörte. Zum Glück war es nicht Harold, der mit Tiffany den Raum betrat, sondern einer der amerikanischen Gäste.

„Wer ist denn das?“, verlangte er zu wissen und zeigte auf Heaven. Anscheinend hatte er schon reichlich getrunken.

„Ich habe Tiffany nur ein wenig geholfen“, antwortete Heaven schnell.

„Aha. Verstehe. Sagen Sie mal, ist das nicht der Superpudding, den wir eben zum Nachtisch hatten?“, rief er plötzlich aus und griff nach dem Teller mit dem restlichen Weihnachtspudding, den er eben auf dem Tisch entdeckt hatte. „Den müssen Sie einfach probieren“, wandte er sich an Heaven. „Er ist einmalig.“ Und zu Heavens Entsetzen hielt er ihr gleich darauf einen Löffel voll vor den Mund.

Sie trat einen Schritt zurück. Wie sollte sie sich jetzt bloß anständig aus der Affäre ziehen?

„Mr. Rosenbaum“, ertönte Tiffanys ängstliches Stimmchen hinter ihnen. „Eddie … Wir sollten jetzt wieder hineingehen. Harold wartet auf Sie.“

„Wo zum Teufel bleibt Tiffany mit dem Käse?“, schnaubte Harold. „Jon, sei bitte so freundlich und sieh nach, was los ist. Aber gleich, ja?“

Jon knirschte unhörbar mit den Zähnen, während er sich langsam erhob. Leider durfte er nicht der Versuchung nachgeben, Harold so zu behandeln, wie er es verdiente. Er war es Louisa schuldig, die Wahrheit über seinen Exschwager herauszufinden, und dazu brauchte er Harolds uneingeschränktes Vertrauen. Also stand er auf und ging zur Küche. Das hämische Grinsen, das Jeremy Parton ihm dabei zuwarf, entging ihm nicht.

Grimmig stieß er die Küchentür auf und blieb abrupt stehen, als er Heaven vor sich sah.

Totenblass vor Schreck starrte ihn Heaven an. Einen Moment lang fürchtete sie, ohnmächtig zu werden. Was zum Teufel machte Jon in diesem Haus?

„Oh, Jon, gut, dass du kommst. Harold wartet bestimmt schon, nicht wahr?“, zwitscherte Tiffany erleichtert.

„Allerdings“, gab Jon zurück. „Ich soll fragen, was aus dem Käse geworden ist.“

Wie angestochen begann Tiffany, in der Küche herumzurennen und hektisch Kaffee und Gebäck zusammenzusuchen.

Der Amerikaner, der einen Verbündeten witterte, wandte sich an Jon. „Sie will den Pudding nicht probieren“, beklagte er sich, noch immer mit dem Löffel in der Hand.

„Ich kann nicht. Ich bin allergisch gegen Nüsse, und in diesem Teig sind Mandeln.“ Eine bessere Ausrede war Heaven auf die Schnelle nicht eingefallen. Der Blick, den Jon ihr daraufhin zuwarf, sprach allerdings Bände. Er glaubte ihr kein Wort. Stumm griff er an ihr vorbei und nahm dem Amerikaner energisch den Löffel aus der Hand. „Harold möchte mit Ihnen reden“, sagte er freundlich, aber bestimmt.

Gehorsam drehte sich der Mann um und verließ den Raum. Zu Heavens Bestürzung folgte ihm Jon jedoch nicht. Er blieb einfach stehen, wo er war.

„Heaven?“, fragte Tiffany. „Ist alles in Ordnung?“

„Harold wartet, Tiffany“, mahnte Jon.

Tiffany nickte. „Ich gehe ja schon.“ Sie nahm den Servierwagen und verschwand aus der Küche, wo Heaven nun mit Jon allein war.

Sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht zu Späßen aufgelegt war. „Was haben Sie mit dem Nachtisch gemacht, Heaven?“, fragte Jon langsam.

Die Küche schien plötzlich viel zu klein für sie beide. Heaven schluckte. „Wie meinen Sie das?“, begann sie vorsichtig. „Nichts. Was soll ich denn gemacht haben?“

Verzweifelt versuchte sie einen Blick auf die Uhr zu werfen, ohne dass er es merkte. Wie viel Zeit blieb ihr wohl noch bis zum Ausbruch des Desasters? Hätte sie doch nur gehen können, bevor Jon auf der Bildfläche auftauchte!

Heavens Herz schlug wie wild. Sie musste um jeden Preis aus dem Haus sein, bevor ihre Extrazutaten zu wirken begannen. Und es konnte jeden Moment so weit sein …

Wie sie sich erinnerte, neigte Harold zum Jähzorn. Sie hatte es zwar nie erlebt, dass er tätlich wurde, würde ihm aber in der Hinsicht einiges zutrauen. Schon öfter hatte sie gedacht, dass man seine Bereitschaft zur Gewalt besonders an den Augen ablesen konnte.

„Sie wollten nichts essen“, bemerkte Jon. „Wieso?“

„Das habe ich doch schon gesagt“, versuchte Heaven zu erklären. „Ich … ich bin allergisch gegen Nüsse.“ Inständig hoffte sie, dass er ihre Verlegenheit nicht als Schuldgeständnis werten würde. Nun wurde sie zu allem Überfluss auch noch rot!

„Aber als wir beide damals miteinander im Restaurant waren, haben Sie auch ein Dessert mit Nüssen gegessen. Das weiß ich ganz genau. Und da waren Sie nicht allergisch. Sie haben nicht einmal etwas davon erwähnt“, sagte er leise.

Heaven sah ihn verblüfft an. Sie hatte nicht erwartet, dass er sich daran erinnern könnte. Sie selbst hätte jedes Wort aufschreiben können, das an jenem Abend gesprochen wurde. Aber das war ja auch kein Wunder …

„Sagen Sie, wie viel haben Sie von dem Pudding gegessen?“, brachte Heaven mühsam hervor.

„Ich? Gar nichts“, antwortete Jon. „Erstens hatte ich keinen Hunger mehr, und zweitens mag ich Süßes nicht besonders.“

„Nichts“, wiederholte Heaven unendlich erleichtert. „Wirklich nichts? Sind Sie ganz sicher?“

„Natürlich bin ich sicher“, gab Jon zurück. „Und jetzt frage ich Sie zum letzten Mal: Was war in dem Pudding?“

Heaven wagte nicht, ihn anzusehen. Sie wusste, dass es jetzt kein Entkommen mehr gab. Jon wollte die Wahrheit wissen, und er würde so lange warten, bis sie alles gebeichtet hatte.

„Ich habe Abführmittel und Paraffinöl daruntergemischt“, erklärte Heaven mit tonloser Stimme.

„Was?“, fragte Jon entgeistert. Es war ihm anzusehen, dass er Heaven nur schwer glauben konnte.

„Es stimmt“, sagte Heaven. „Abführmittel und Paraffinöl.“ Sie blickte Jon schuldbewusst an. Dann holte sie tief Luft. Wenn er schon das meiste wusste, konnte er auch den Rest erfahren. „Und außerdem hat Harold die Klempnerfirma nicht bezahlt. Deswegen sind die Abflüsse in den Toiletten nicht angeschlossen.“

„Mein Gott …“ Mehr konnte Jon nicht sagen.

In dem Moment hörte Heaven draußen Schritte. Jemand würde gleich die Küche betreten. Panisch sah sie sich um.

„Jon, ich …“ Das Wort blieb ihr im Hals stecken, als sie die Stimme vor der Tür erkannte. Es war Harolds Buchhalter. Natürlich würde er sie erkennen. Sie saß in der Falle!

Jon erfasste die Lage blitzschnell. Als die Tür aufschwang und der Mann hereinkam, riss Jon Heaven in seine Arme und drückte ihren Kopf gegen seine Schulter. Nun konnte niemand ihr Gesicht sehen.

„Was um alles …“, begann sie, aber Jon neigte den Kopf und küsste sie, sodass sie nichts mehr sagen konnte. Es war kein Kuss aus taktischen Gründen, so viel stand fest. Seine Lippen strichen zuerst sanft über ihren Mund, bevor seine Zunge sie liebkoste. Heaven wurde schwindlig, ihre Knie zitterten. Wie heiße Schokoladensoße auf Eiscreme, schoss es ihr durch den Kopf, als sein Kuss drängender und leidenschaftlicher wurde.

„Was zum Teufel ist hier eigentlich los?“, ertönte plötzlich Harolds Stimme in der Nähe. Heaven stand augenblicklich wie erstarrt. Es war klar, dass er gekommen war, um nach seinen Gästen zu sehen, die einer nach dem anderen vom Tisch verschwunden waren. Instinktiv kuschelte sich Heaven noch enger an Jon. Sie hatte unaussprechliche Angst, von Harold entdeckt zu werden.

„Wer ist das?“, wollte Harold von Jon wissen.

„Meine Freundin, Harold“, erklärte Jon geistesgegenwärtig. „Ich habe sie gebeten, mich nachher nach Hause zu fahren. Ich kann es mir nicht leisten, den Führerschein zu verlieren.“

„So, deine Freundin“, wiederholte Harold verächtlich. „Weißt du was? Du kannst es dir mit Sicherheit nicht leisten, jetzt einfach hier in der Küche herumzustehen und mit deiner Lady zu knutschen. Es gibt ein paar wichtigere Dinge zu tun. Sex kannst du hinterher haben und …“ Harold hörte mitten im Satz auf zu sprechen und griff sich an den Magen. Er war kreidebleich geworden.

„O Gott … o Gott …“, stöhnte er und wankte aus der Tür. Dann hörten sie ihn den Flur entlangrennen.

Draußen in der Diele war jetzt die Hölle los. Besonders schlimm hatte es die Männer erwischt. Ächzend und stöhnend hielten sie sich die Bäuche.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Bestseller - Weihnachtsträume Band 2" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen