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JULIA BESTSELLER WEIHNACHTSTRÄUME BAND 1

LUCY GORDON

Glockenklang vom Campanile

Als Sonia erfährt, dass ihr Schwiegervater sie nur nach Venedig gelockt hat, um sie und seinen Sohn wieder zusammenzubringen, ist es schon zu spät. Erneut gerät sie in Francescos unwiderstehlichen Bann. Aber Sonia weiß auch: Sie konnte – und kann! – nicht mit ihm und seiner eifersüchtigen Mutter unter einem Dach leben. Sosehr Francesco sich das auch wünscht …

EMMA RICHMOND

Zärtliche Versöhnung

Ein romantisches Cottage in Kent: Hier will Selina den kleinen Sohn ihrer Freundin großziehen. Da taucht der attraktive Steven Howe auf und erklärt, das Haus gehöre ihm. Selina ist überzeugt, Robbies Vater vor sich zu haben. Obwohl sie glauben muss, dass Steven ihre Freundin damals mit dem Kind allein ließ, kann sie nicht anders – sie verliebt sich in ihn …

EMMA DARCY

Süße Weihnachtswünsche

Noch nie hat Cameron eine so feinfühlige Frau wie Danielle getroffen. Gern nimmt er die Einladung zum Weihnachtsessen im Kreis ihrer Familie an. Doch dann behauptet Danielles Schwester Nicole aus heiterem Himmel, seine Geliebte gewesen zu sein. Cameron weiß nicht, wie ihm geschieht. Denn er liebt doch nur eine: Danielle!

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Glockenklang vom Campanile

1. KAPITEL

Nur noch ein paar Minuten – zehn, dann fünf –, und sie würden Venedig erreichen, die Stadt, in die Sonia nie wieder einen Fuß setzen wollte. Als der Zug über die Lagune rumpelte, weigerte sie sich, aus dem Fenster zu schauen. Sie wusste, was sie als Erstes sehen würde: blaues Wasser, funkelnd unter der Sonne, dann die Dächer und vergoldeten Kuppeln, wie sie langsam aus dem Dunst am Horizont aufstiegen. Es war ein perfektes Bild, magisch, ein Bild, das jedes Herz schneller schlagen ließ. Sonia wollte es nicht sehen.

Venedig, bezauberndste Stadt Italiens, der ganzen Welt. Schon einmal war Sonia ihrem romantischen Charme erlegen und schließlich geflohen, als das Unglück sich nicht mehr abwenden ließ. Venedig hatte ihr den Kopf verdreht, sie sorglos gemacht, sonst wäre sie nie in Versuchung geraten, sich mit Francesco Bartini einzulassen. Die Ehe hatte in einem Fiasko und mit Sonias Schwur geendet, sich nie wieder von Francesco und der wunderschönen Umgebung, wo sie sich kennengelernt hatten, verführen zu lassen.

Sie wehrte sich gegen die Erinnerungen, und doch tauchten Bilder aus jener ersten, glücklichen Zeit vor ihrem inneren Auge auf. Francesco – lächelnd, locker und gewinnend. Man hätte ihn nicht ohne weiteres als gut aussehend bezeichnen können – dafür waren seine Züge nicht ebenmäßig genug, die Nase zu lang, der Mund zu breit. Aber seine dunklen Augen verrieten Humor, sein Lächeln ließ die Sonne aufgehen, und wenn er lachte, war er einfach unwiderstehlich. Ein hinreißender Mann, im wahrsten Sinne des Wortes! Sonia geriet schnell in seinen Bann, fasziniert von dem Tempo, in dem er um sie warb. Er war verliebt und bewies es ihr immer wieder, als hätte er nur auf ihr Erscheinen gewartet, um in ihr die große Liebe seines Lebens zu erkennen.

„Aber es ist wahr“, hatte er einmal gesagt. „Warum noch länger warten, wenn man die Richtige gefunden hat?“

Seine unumstößliche Sicherheit hatte Sonia letztendlich dazu gebracht, ihm zu glauben. Aber auch Venedig hatte ihre Hand im Spiel, hüllte sie in süße Romantik, bis sie eine Urlaubsromanze für die ewige Liebe hielt. Und das würde sie Venedig niemals verzeihen.

Warum aber kehrte sie nun zurück?

Weil Tomaso, ihr Schwiegervater, förmlich um diesen Besuch gebettelt hatte. Sonia mochte den hitzköpfigen kleinen Mann. Selbst in den schlechten Tagen ihrer Ehe hatte er ihr immer wieder gezeigt, wie gern er sie hatte und wie sehr er sie schätzte. Als sie fortging, weinte er. „Bitte, Sonia, geh nicht. Ich flehe dich an – ti prego.“

Offiziell kehrte sie nur für eine Stippvisite nach England zurück, um sich über ihre Gefühle klar zu werden. Aber sie hatte niemanden täuschen können, besonders Tomaso nicht. Er wusste, sie würde nicht wiederkommen.

Er hatte zu ihr gehalten, sie angefleht zu bleiben, während seine Frau Giovanna ihn verächtlich musterte. Wen interessiert es, wenn diese dumme Engländerin fortgeht? besagte ihr Blick. Für Giovanna war die ganze Sache von Anfang an ein Fehler gewesen, und Gott sei Dank hatte Francesco es endlich erkannt.

Tomaso schämte sich seiner Tränen nicht, und Sonia hatte mit ihm geweint. Dennoch war sie gegangen. Sie hatte es tun müssen. Nun jedoch war sie zurück, denn Tomaso hatte sie inständig darum gebeten.

„Giovanna ist sehr krank“, hatte er gesagt, als er in ihrem Apartment in London auftauchte. „Sie weiß, sie hat dich sehr schlecht behandelt, und es lastet auf ihr. Komm nach Haus und lass sie ihren Frieden mit dir machen.“

„Nicht nach Haus, Poppa. Für mich war es nie ein Zuhause.“

„Aber wir haben dich alle geliebt.“

Er hat recht, dachte sie. Mit einer Ausnahme hatten alle sie mit Zuwendung überhäuft: Francescos Schwägerin, seine drei Brüder, seine Tanten, seine Onkel, die unzähligen Cousinen – alle hatten sie mit einem Lächeln und offenen Armen willkommen geheißen. Nur Giovanna, seine Mutter, war ihr gegenüber von Anfang an negativ eingestellt und misstrauisch gewesen.

Warum kehrte sie jetzt zurück? Es war kurz vor Weihnachten, Reisen um diese Jahreszeit konnten zum Albtraum werden. Noch schlimmer, sie würde Francesco wieder sehen müssen. Was hatten sie sich nach diesem letzten schrecklichen Treffen überhaupt noch zu sagen? Er war ihr nach London gefolgt, ein letzter Versuch, ihre Ehe zu retten. Es gelang ihm nicht, und er war zutiefst verbittert gewesen.

„Ich werde dich nicht mehr bitten“, hatte er gezürnt. „Ich dachte, ich könnte dich überzeugen, unsere Liebe zu retten – aber was weißt du schon von der Liebe?“

„Ich weiß nur, unsere war ein Fehler“, erklärte sie unter Tränen. „Wenn es überhaupt Liebe war. Manchmal denke ich, wir hatten es mit einer hübschen Illusion zu tun.“

Sonia erinnerte sich noch gut an sein bitteres Lachen. „Wie schnell du Liebe als Unsinn abtust, sobald es dir in den Kram passt. Es war dumm von mir zu glauben, dass du das Herz einer Frau hast. Du willst nichts mehr von mir wissen? Na schön, ich will auch nichts mehr von dir wissen. Es ist vorbei.“

So hatte sie ihn noch nie erlebt. Sicher, er war oft zornig gewesen in ihrer kurzen Ehe, das lag an seinem südländischen Temperament. Aber so schnell wie der Zorn aufgeflammt war, war er auch wieder verraucht. Diese kalte, entschlossene Zurückweisung hingegen war etwas völlig Neues. Eigentlich hätte sie froh sein sollen, dass er ihre Entscheidung akzeptierte, stattdessen war sie unerklärlich verzweifelt gewesen.

Sie hatte versucht, vernünftig zu sein. Hatte sich gesagt, das war’s, Zeit für einen Schlussstrich.

Der nächste Morgen belehrte sie eines Besseren. Die ungewohnte Übelkeit kurz nach dem Aufwachen versetzte sie in Panik. Ein Test bestätigte den schockierenden Verdacht. Sie trug Francescos Kind unter dem Herzen, und sie hatte es erfahren, einen Tag nachdem er wütend verkündet hatte, nichts mehr von ihr wissen zu wollen.

Immer wieder hörte sie diese Worte. Sie hörte sie jedes Mal, wenn sie nach dem Hörer griff, um ihm von dem Kind zu erzählen. Und jedes Mal zog sie die Hand wieder zurück, bis sie es schließlich gar nicht mehr versuchte, ihn anzurufen.

So hatte Tomaso sie mit großen Augen angestarrt, als er sie in London besuchte und ihren Zustand erkannte.

„Du erwartest ein Kind von ihm, und er weiß es nicht einmal?“

Es rührte ihr Herz, dass er nicht einmal daran dachte, das Kind könnte von einem anderen Mann als Francesco sein. Aber Tomaso hat immer nur das Beste von mir gedacht, erinnerte sie sich. Deshalb fiel es ihr schwer, ihm seine Bitte abzuschlagen.

„Wie kann ich jetzt zurückgehen?“, fragte sie und deutete auf ihren Bauch. „Wenn Francesco mich so sieht, wühlen wir etwas auf, was besser vergessen bleiben sollte.“

„Sei unbesorgt“, versicherte ihr Tomaso. „Francesco macht gerade einer anderen den Hof.“

Sonia verdrängte rasch die feine innere Stimme, die ihr zurief: So schnell schon? Schließlich hatte sie ihn doch verlassen und nicht umgekehrt, oder? Er war ein warmherziger Mann, der nicht lange allein sein würde. Sie hatte kein Recht, sich zu beschweren.

Aber sie bestand darauf, dass Francesco vorgewarnt wurde. Tomaso griff zum Telefon und hatte bald seinen Sohn am Apparat. Sonia verstand kein Wort der Unterhaltung, weil sie Venezianisch, vorgebracht in rasendem Tempo, nie richtig gelernt hatte. Schließlich legte Tomaso auf und verkündete: „Kein Problem. Francesco sagt, es ist dein Kind. Er wird sich nicht einmischen.“

„Das ist gut.“ Sonia bemühte sich um einen fröhlichen Tonfall. Es war doch genau das, was sie wollte. Wenn er nicht an seinem eigenen Kind interessiert war, dann sollte es ihr recht sein.

Aufgrund ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft wollte sie nicht fliegen, und sie buchten eine Zugfahrt nach Venedig. Wie es der Zufall wollte, war sie auch damals auf diesem Weg nach Venedig gekommen, weil sie sich zu spät um ein Flugticket gekümmert hatte.

Tomaso warf ihr einen Blick zu, als sie sich setzte, anstatt einen Blick aus dem Fenster zu werfen. „Willst du nicht sehen, wie Venedig dich nach so langer Zeit willkommen heißt?“

„Oh, Poppa, das ist doch albern“, protestierte Sonia, lächelte aber dabei, um ihren Worten die Schärfe zu nehmen. „Venedig gaukelt dem Betrachter hübsche Trugbilder vor, und ich habe den Fehler begangen, sie für Realität zu halten.“

„Und nun begehst du den Fehler, der Stadt ihre Schönheit übel zu nehmen.“

„Ich hatte mich in sie verliebt und wurde enttäuscht.“

Er antwortete nicht, sah sie aber traurig an.

„Also gut, ich schaue einmal hinaus“, sagte sie, um ihm einen Gefallen zu tun.

Sonia erlebte eine Überraschung. Wo war der Zauber, das langsame Auftauchen der vom Sonnenlicht beschienenen goldenen Kuppeln? Wie hatte sie vergessen können, dass es Ende Dezember war? Auf dem Meer waberte grauer Dunst, hüllte die Stadt wie in Watte ein. Als sie sich dann langsam aus dem Dunst schälte, zögernd, so schien es Sonia, bot sie einen düsteren, schwermütigen Anblick, der ihre eigenen Gefühle widerspiegelte.

Als sie den Bahnhof verließen, wappnete Sonia sich gegen den Anblick des Canal Grande. Eine breite Treppe führte hinunter ans Wasser und lenkte von dort den Blick auf die beeindruckende Kirche San Simeone Piccolo. Als Sonia sie damals, vor drei Jahren, zum ersten Mal sah, hatte es ihr den Atem verschlagen. Das zweite Mal, ein paar Wochen später, barg noch mehr Romantik. Sie hatte in einer Gondel gesessen, die sie zu ihrer Trauung brachte. Sonia schluckte und wandte die Augen ab.

Tomaso hatte bereits ein Motoscafi, ein Bootstaxi, herbeigerufen und reichte ihr die Hand, damit sie sicher einsteigen konnte. Ihr Gepäck war rasch verstaut, und Tomaso nannte dem Bootsführer den Namen ihres Hotels.

Natürlich konnte er nicht wissen, dass sie bereits bei ihrem ersten Aufenthalt im Cornucopia abgestiegen war. Aber das spielte keine Rolle. Sie würde das Cornucopia betreten und die Geister der Vergangenheit vertreiben.

Das Tuckern des Motors verursachte ihr leichte Übelkeit, so schaute sie nicht auf die vorbeigleitenden Paläste und Hotels. Aber nur zu gut erinnerte sie sich, und auch an jeden noch so kleinen Rio, wie die Seitenkanäle genannt wurden: Rio della Pergola, Rio della due Torri, Rio di Noale, und jeder trug sie dichter an das Cornucopia heran, bis es schließlich in Sicht kam.

Das Cornucopia, einst ein Palast, hatte früher eine venezianische Adelsfamilie beherbergt, bevor es in ein Hotel umgewandelt und dabei sein alter Glanz wiederhergestellt worden war.

Ein zuvorkommender Page führte Sonia und Tomaso in den zweiten Stock, wo Tomaso für seinen Gast aus England eine komfortable Suite hatte reservieren lassen.

„Du siehst müde aus“, sagte Tomaso. „Du solltest dich nach der langen Reise ausruhen. Ich lasse dich jetzt allein und rufe in ein paar Stunden an, damit du Giovanna besuchen kannst.“

Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und verließ sie. Sonia war froh, endlich allein zu sein, sich den Staub der Reise abspülen und anschließend aufs Bett sinken zu können.

Sie schaute sich um. Welch ein Unterschied zu damals!

Anlässlich der Messe waren Hotels und andere Unterkünfte ausgebucht, und Sonia bekam nur ein Kämmerchen unter dem Dach des Gebäudes.

Der Raum war winzig gewesen. Aber er hatte ein eigenes Badezimmer, und so ging sie nach der langen Reise gleich unter die Dusche. Es war ihre erste Reise nach Venedig, beruflich bedingt. Nachdem sie sich erfrischt hatte, ließ sie achtlos das Handtuch fallen. Hier oben konnten sie nur die Vögel sehen. Wohlig streckte sie die Arme in den breiten Sonnenstrahl, der durchs Fenster hereinfiel.

Die Tür öffnete sich, und ein junger Mann kam herein.

Sie war völlig nackt, und ihre Haltung unterstrich nur noch ihren perfekten Körper, die langen Beine, die schmale Taille und vollen Brüste. Und der unerwartete Besucher stand nicht einmal zwei Meter von ihr entfernt.

Eine kleine Ewigkeit lang starrten sie sich an, keiner bewegte sich.

Dann errötete er. Selbst jetzt noch musste sie lächeln bei dem Gedanken, dass er rot geworden war.

Scusi, signorina, scusi, scusi …“ Er wich hastig zurück und schloss die Tür hinter sich.

Sie starrte auf die Tür, hatte aber noch immer sein faszinierendes Gesicht vor Augen, das alles andere um sie herum ausblendete. Dann erst erinnerte sie sich, entrüstet zu sein.

Sie stieß einen schrillen Laut aus, wickelte sich in ihr Badelaken und raste zur Tür. Im Korridor sah sie einen großen Stapel Kartons, zwei kräftige Arbeiter und den jungen Mann. „Wieso platzen Sie einfach in mein Zimmer?“, fuhr sie ihn an.

„Aber es ist mein Zimmer“, verteidigte er sich. „Zumindest war es das bislang – ich wusste nicht, dass Sie dort wohnen. Wenn man es mir gesagt hätte …“ Sein dunkler Blick flog über ihren Körper. „… wäre ich doppelt so schnell hier gewesen …“

Sie verzog den Mund, hatte Mühe ärgerlich zu bleiben. Sein Kompliment beeindruckte sie nicht weniger als der Ausdruck in seinen Augen, der noch mehr als das Kompliment verriet.

Das Badelaken rutschte. Beiden Arbeitern drohten die Augen aus dem Kopf zu fallen. Der junge Mann herrschte sie an, und sie verschwanden hastig.

„Ich ziehe mich rasch an“, rettete sie sich aus der Verlegenheit, eilte zurück ins Zimmer und griff sich den Morgenmantel. Der junge Mann folgte ihr wie in Trance. Sie hatte eigentlich ins Bad gehen wollen, war aber auf der falschen Seite des Betts gelandet.

„Ich sehe nicht hin“, versprach er, als er ihr Dilemma begriff.

Er wandte sich ab und bedeckte mit einer solch theatralischen Geste die Augen, dass sie lachen musste.

„Ich schaue nicht“, versprach er ihr über die Schulter hinweg. „Ich bin ein Gentleman.“

„Sie hätten mir nicht hierher folgen sollen. So verhält sich kein Gentleman.“

„Aber ein Mann“, erwiderte er bedeutungsvoll.

Sie band ihren Gürtel fest. „Okay, ich bin angezogen.“

Er drehte sich um. „Ja, das sind Sie“, sagte er mit Bedauern in der Stimme.

„Würden Sie mir jetzt bitte erklären, was Sie in meinem Zimmer tun?“

„Morgen beginnt die Glasmesse, und eine der größten Ausstellungen der Stadt findet hier im Hotel statt. Der Manager ist ein guter Freund und sagte mir, dass in dieser Kammer normalerweise niemand übernachte. Ich könnte sie also kurzzeitig als Lagerraum für mein Glas nutzen.“

„Ich habe erst in letzter Minute gebucht. Ich glaube, es war das letzte freie Zimmer in ganz Venedig.“

„Verzeihen Sie mir – ich hätte vorher fragen sollen, ob es frei ist.“ Er lächelte sie entschuldigend an, ein sehr gewinnendes Lächeln. „Aber dann hätte ich Sie nie kennengelernt. Und das wäre eine Tragödie gewesen.“

Unwillkürlich zog sie beim Klang seiner Stimme ihren Morgenmantel enger um sich. Er sollte nicht merken, dass ihr ganzer Körper vibrierte. Nur ein paar Worte, das Glühen in seinen Augen, und schon kam es ihr vor, als würde er sie überall berühren.

Er war schlank und hochgewachsen, hatte ein schmales, gebräuntes Gesicht, das ein wenig jungenhaft wirkte. Sonia war groß für eine Frau, aber dieser schwarzhaarige Fremde überragte sie deutlich.

„Sie … Sie stellen Glas aus?“

„Stimmt. Mir gehört eine kleine Glasmanufaktur, und ich bin hier, um meinen Stand aufzubauen.“

„Ich bin wegen der Messe hier. Ich bin Glaseinkäuferin für eine englische Firma.“

Sein Gesicht hellte sich auf. „Dann müssen Sie mir gestatten, Sie durch meine Manufaktur zu führen.“ Er holte eine Visitenkarte heraus. „So etwas bieten wir nur besonders privilegierten Besuchern …“

„Dürfte ich mich vorher vielleicht anziehen?“

„Natürlich. Verzeihen Sie bitte. Außerdem muss ich auch noch einen Raum finden, wo ich mein Glas unterstellen kann.“

„Aber haben Sie es nicht unten am Stand?“

„Einiges davon ja. Aber da etwas davon entweder verkauft oder verschenkt wird oder auch mitunter zerbricht, brauche ich Nachschub in unmittelbarer Nähe.“

„Stellt Ihnen das Hotel keinen Lagerraum zur Verfügung?“

„Doch, das schon, aber ich habe mehr mitgebracht, als ich eigentlich sollte. Ich dachte, dass das kein Problem wäre.“

Später entdeckte sie, das war seine Art. Die Regeln hinbiegen und sich dann erst über die praktischen Hindernisse Gedanken machen. Und normalerweise kam er mit dieser Haltung durch. Sein Charme und seine positive Art ebneten den Weg. Sonia bildete da keine Ausnahme.

„Hören Sie, es macht mir nichts aus – wenn Sie nicht zu viel haben.“

„Es ist nicht viel. Sie werden es gar nicht bemerken.“

Am Ende stapelten sich zehn große Kartons in der kleinen Kammer, und Sonia fand kaum Platz, sich um die eigene Achse zu drehen. Aber sie brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, er solle sie wieder wegschaffen. Sie hatte sogar geholfen, sie hineinzutragen. Freiwillig! Ohne dass er sie hatte bitten müssen.

„Macht nichts“, meinte sie fröhlich. „Wenn Sie Ihren Stand erst einmal aufgebaut haben, wird nicht viel übrig bleiben.“

„Er ist schon aufgebaut. Das sind nur die Ersatzsachen. Sie haben es jetzt wirklich etwas eng, nicht wahr?“

Ihm schien es nicht das Geringste auszumachen. Sonia runzelte die Stirn.

„Ich werde Sie zum Essen einladen müssen“, sagte er mit einem Seufzer, „bevor Sie eine Klaustrophobie entwickeln.“

„Das wird ein Problem“, entgegnete sie verärgert.

„Warum?“

„Weil meine gesamte Kleidung sich in dem Schrank dort befindet.“ Sie deutete auf die Kartons, hinter denen der Schrank kaum auszumachen war.

Es dauerte zehn Minuten, ehe sie sich zur Schranktür durchgearbeitet hatten, und selbst dann ließ er sie nicht in Ruhe ihr Kleid auswählen.

„Nein, das nicht“, erklärte er entschieden, als sie nach einem dunkelblauen Seidenkleid griff, das sie extra für diese Reise gekauft hatte. „Das schlichte weiße. Es steht Ihnen besser.“

Inzwischen stritt sie schon nicht mehr mit ihm. Sie war einfach sprachlos.

„Ich hole Sie in einer Stunde ab“, sagte er. Auf dem halben Weg zur Tür schaute er zurück. „Ach, übrigens, wie heißen Sie bitte?“

„Sonia“, erwiderte sie. „Sonia Crawford.“

Grazie, Sonia. Mein Name ist Francesco Bartini.“

„Wie nett von Ihnen, es mir mitzuteilen … endlich.“

Er grinste. „Ja, vielleicht hätten wir uns höflich vorstellen sollen, bevor Sie … ich meine, bevor ich …“

„Hinaus mit Ihnen, solange Sie sich noch in Sicherheit befinden!“

„Wunderschöne signorina, seit ich diese Tür öffnete, befinde ich mich nicht mehr in Sicherheit. Und ich muss es gestehen – Sie auch nicht mehr.“

„Raus!“

„Eine Stunde.“

Er verschwand. Ein Licht schien mit ihm den Raum verlassen zu haben. Sonia starrte auf die Tür, hin und her gerissen zwischen dem Bedürfnis, den nächstbesten Gegenstand dagegen zu werfen und dem unwiderstehlichen Drang … zu lächeln. Ein Lächeln, das ihren ganzen Körper erfassen würde.

Wie ärgerlich, dass das schlichte weiße Kleid ihr wirklich am besten stand!

Sonia kehrte in die Gegenwart zurück und merkte, dass sie lächelte. Wie auch immer ihre Liebe geendet hatte, begonnen hatte sie mit Sonnenschein und großer Freude. Damals war Francesco dreiunddreißig gewesen, aber so witzig und leichten Herzens wie ein Junge. Mit dem impulsiven Enthusiasmus eines Kindes. Es war besser, die Erinnerung daran zu hegen, als an den Haustyrannen, zu dem er geworden war. Oder an den verbitterten Mann bei ihrem letzten Treffen.

Trotzdem, auch wenn sie es wirklich versuchte, konnte sie diese feine Stimme in ihrem Herzen nicht zum Schweigen bringen. Diese Stimme, die flüsterte, das unrühmliche Ende sei nicht unvermeidlich gewesen, dass etwas Besseres aus dieser ersten Begegnung hätte entstehen können.

Wenn sie sich konzentrierte, konnte sie wieder sein Gesicht vor sich sehen. Wie er sie betrachtet hatte, schockiert zunächst und dann zunehmend beherrscht von unverhülltem Verlangen … Und wenn sie sich sehr bemühte, durchströmte sie, wie ein Hauch, das Glücksgefühl, das sie allein bei seinem Anblick früher empfunden hatte.

Ein Klopfen an der Tür zwang sie in die Realität zurück. Erschrocken stellte sie fest, wie viel Zeit bei ihrer sentimentalen Rückschau vergangen war. Tomaso erwartete sicher, dass sie fertig war, um mit ihm ins Krankenhaus zu fahren. Langsam ging sie zur Tür und öffnete sie.

Es war nicht Tomaso. Vor ihr stand Francesco und riss schockiert die Augen auf, als er ihren Zustand sah.

2. KAPITEL

Mio dio“, stieß Francesco mühsam hervor und hörte sich an wie nach einem Faustschlag in die Magengrube. „Oh, mio dio!“

Er kam herein und schloss die Tür hinter sich. Als er Sonia anblickte, waren seine Augen eine einzige dunkle Anklage. „Warum hast du mir das verschwiegen?“

„Aber du hast es doch gewusst“, protestierte sie. „Tomaso hat es dir am Telefon gesagt, als er …“ Da begriff sie. „Er hat es dir nicht gesagt, oder?“

„Kein Wort davon.“

„Das ist typisch für ihn! Für die ganze Familie! Er hat Venezianisch gesprochen, von dem ich nur ein wenig verstehe, wenn ganz langsam gesprochen wird. Und das wusste er genau! Nachdem er aufgelegt hatte, sagte er mir, er hätte dir von dem Kind erzählt, und du hättest kein Interesse an ihm.“

„Das hast du tatsächlich geglaubt?“

„Ja, weil er auch erzählte, du hättest eine andere, und … nein, ich fasse es nicht!“

„Vielleicht wollte er, dass ich es aus erster Hand erfahre“, meinte Francesco mit stahlharter Stimme.

Sie erwartete fast, er würde fragen, ob es von ihm wäre. Nichts dergleichen geschah. So wie Tomaso zweifelte auch er keinen Moment lang daran, dass das Kind seins war. Und auf einmal fühlte sie kurz die alte Wärme aufflackern. Es waren wirklich gute Menschen, immer bereit, das Beste zu denken. Wieso war es ihr nur so schwergefallen, mit ihnen zusammenzuleben?

„Erwarte nicht von mir, dass ich böse auf Poppa bin“, sagte Francesco. „Es ist doch klar, er musste lügen, um dich herzubekommen.“

„Und dann ist wohl die Krankheit deiner Mutter auch nur gelogen?“

„Nein, leider nicht. Ihr Herz ist geschwächt. Sie ist vor ein paar Tagen zusammengebrochen. Sie möchte, dass ich dich zu ihr ins Krankenhaus bringe.“

Sie dachte an die rundliche, quirlige Frau, die in der Familie das Zepter schwang – Sonia ausgenommen, die sich nichts befehlen lassen wollte. Giovanna ging selbstverständlich davon aus, dass sie das Regiment führte. Die anderen hielten das für ganz natürlich und nahmen ihre Herrschsucht mit Humor. Sonia hingegen, die ihr eigenes Leben lebte, seit sie sechzehn war, wehrte sich gegen die Bevormundung.

Und nun war Giovannas unermüdliches Herz am Ende. Es klang wie der Weltuntergang.

„Du meinst, sie stirbt?“, fragte sie.

„Ich weiß es nicht. Aber ich habe sie noch nie so müde gesehen. So, als hätte sie überhaupt keine Kraft mehr zum Kämpfen.“

„Deine Mutter – ohne Kampfesmut?“

„Ja“, sagte er bedrückt. „Ich kann mich an so etwas bei ihr überhaupt nicht erinnern. Nun liegt sie einfach da und will nur noch dich sehen, mehr nicht.“

„Warum? Sie hat mich nie gemocht.“

„Du sie auch nicht.“

„Sie wollte nie, dass ich sie mag. Ach, hören wir auf, was sollen wir uns wieder streiten?“

„Das haben wir in der Vergangenheit oft genug getan, oder?“

„Und es hat uns nie weitergebracht.“

Ihr Rededuell hatte sie über die ersten verlegenen Minuten hinweggerettet, aber nun, nach der ersten Runde, beäugten sie sich vorsichtig.

Er hatte in den letzten sechs Monaten ein wenig an Gewicht zugelegt, und der müde Ausdruck in den Augen war neu. Es tat ihr weh, ihn zu sehen. Seine Augen waren immer voller Schalk und Humor gewesen, voller Lebensfreude.

Jetzt verbarg sich die Sonne hinter grauen Wolken.

„Wo ist Giovanna?“, fragte Sonia.

„Im Krankenhaus von San Domenico. Es ist nicht weit von hier.“

In einer anderen Stadt wären sie mit dem Auto gefahren, aber hier gab es keine, also gingen sie zu Fuß.

Sonia zog ihren Mantel höher. Es fröstelte sie. Dichter Nebel zog auf, und in den dunklen Seitengassen konnte man, bis auf die bunten Lichterketten über ihnen und das Lampenlicht in den Fenstern, kaum etwas sehen. Passanten kamen ihnen entgegen oder überholten sie, viele lächelten. Es war Weihnachten, und trotz des düsteren Wetters war allen Venezianern nach Feiern zumute.

Sie bogen um die nächste Ecke und befanden sich neben einem schmalen Kanal. Hier waren sie weit und breit allein. Es herrschte geisterhafte Dunkelheit.

Plötzlich wurde Sonia bewusst, welche Richtung sie einschlugen. „Nicht hier entlang“, sagte sie scharf.

„Das ist der kürzeste Weg zum Krankenhaus.“

Sie kamen um die nächste Ecke, und vor ihr lag wieder ein erinnerungsträchtiger Ort: Ristorante Giminola. Nichts hatte sich seit damals verändert. Francesco registrierte ihren Gesichtsausdruck.

„Dann bist du doch nicht so hartherzig, wie du mich glauben lassen möchtest“, bemerkte er.

Wenn du wüsstest, wie weit ich davon entfernt bin, dachte sie wehmütig. Sie hätte nicht zurückkommen sollen. Es schmerzte zu sehr. Sonia holte tief Luft. Nicht schwach werden. Sie schaffte es, nonchalant mit den Schultern zu zucken.

„Wie du sagtest, es ist der kürzeste Weg zum Krankenhaus. Lass uns weitergehen.“

Aber sie marschierte an dem Restaurant vorbei, ohne einen einzigen Blick hineinzuwerfen. Sie wollte nicht an den Abend erinnert werden, der ihr Leben verändert hatte. Vor zweieinhalb Jahren war in diesem Lokal der Funke zwischen ihnen übergesprungen. Ein Funke, der ein Feuerwerk aus Verliebtheit, Glück und Lachen entzündete. Heute erschien es ihr wie aus einer anderen Welt, wo die Sonne geleuchtet hatte und alles möglich gewesen war.

Wie Francesco vorausgesagt hatte, saß das weiße Kleid perfekt. Für den passenden Schmuck, eine Halskette aus silbergefassten Türkisen, hatte sie sich erst nach drei verschiedenen Versuchen entscheiden können.

Als das erledigt war, stellte sich gleich die nächste Frage. Ihr Haar war hellbraun und fiel ihr wellig bis auf den Rücken. Sollte sie es hochstecken oder offen tragen? Aber heute Nachmittag hatte er es schon offen gesehen. Allerdings, ihre Haare hatte er sich nicht angesehen, wie sie sich mit einem Lächeln erinnerte. Also, hochstecken.

Sie musterte ihr Gesicht sorgfältig im Spiegel. Drei Tagen vor ihrem sechzehnten Geburtstag hatte sie damit begonnen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, ohne eine Familie im Hintergrund, die ihr Unterstützung anbot oder sie in ihren Lebensentscheidungen zu beeinflussen suchte. Sie hatte gelernt, durch ein geschicktes Make-up ihre natürlichen Vorzüge noch zu betonen. Die zarte reine Haut, die ebenmäßigen Gesichtszüge und die großen, ausdrucksvollen blauen Augen. Ihr Mund war schön geschwungen, aber einen Hauch zu resolut. Der Mund einer Frau, die zu viel hatte kämpfen müssen, zu schwer, zu früh.

Es fehlten noch fünf Minuten zu der vereinbarten Stunde, da wurde an ihre Tür geklopft. Als sie sie öffnete, sah sie niemanden davor stehen, nur eine einzige vollkommene rote Rose lag zu ihren Füßen. Sie schaffte es, sie in ihrem Haar zu befestigen, bevor es zum zweiten Mal klopfte.

Diesmal war er es, und sein Blick flog sofort zur Rose.

„Danke“, sagte er schlicht.

Sie fragte nicht, wohin er sie führte. Welche Rolle spielte es schon? Als sie hinuntergingen, ergriff er ihre Hand und führte sie hinaus ins Sonnenlicht. Und es war ihr, als hätte sie noch nie zuvor das Sonnenlicht gesehen. Er geleitete sie über die Piazza und in eine Gasse, so schmal, dass kein Sonnenlicht hereinfiel, um Ecken, ein paar weitere Gassen entlang, von der jede aussah wie die andere.

„Wie finden Sie sich hier nur zurecht?“, fragte sie verwundert.

„Ich kenne all diese calles mein Leben lang.“

Calles?“ Sie ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen.

„So heißen die Gassen, diese winzigen Straßen, in denen man spazieren gehen und mit seinen Nachbarn reden kann.“

Irgendetwas in seiner Stimme ließ sie fragen: „Und Sie lieben sie alle, nicht wahr?“

„Jeden einzelnen Stein.“

Als sie die letzte calle verließen, blendete sie das grelle Sonnenlicht auf dem Canal Grande. Francesco ergriff wieder fest Sonias Hand und ging mit ihr zu einem der überdachten Tische direkt am Wasser. Während er Kaffee bestellte, schaute sie hinaus auf den belebten Kanal. Alle Boote Venedigs schienen sich hier versammelt zu haben, und über ihnen erhob sich in graziösem Schwung eine breite Brücke mit kleinen Ladengebäuden zu beiden Seiten.

„Das ist die Rialto-Brücke“, erklärte ihr Francesco. „Erinnern Sie sich an Shakespeare? Shylock im Kaufmann von Venedig?“

Was gibt es Neues auf dem Rialto?“, zitierte Sonia.

„Weil zu der Zeit alle wichtigen Geschäfte dort abgewickelt wurden. Nun befinden sich fast nur noch Schmuckgeschäfte und Obst- und Gemüsestände dort.“

„Sehen Sie sich all diese Boote an!“, rief sie aus. „Gondeln, Motorboote, dicht gedrängt. Rammen sie sich denn nicht gegenseitig? Was ist das da für ein langes Boot mit dem weißen Dach?“

„Ein vaporetto, ein Linienbus der städtischen Verkehrsbetriebe. Die vaporetti verkehren auf dem Canal Grande.“

Er sprach nicht weiter, und sie schaute dem Treiben zu, verzaubert von der bunten Geschäftigkeit und den sonnigen Farben. Es gab so vieles, das sie fragen wollte, aber nicht jetzt. Trotz des Zaubers um sie herum fühlte sie, wie ein anderer, uralter Zauber Besitz von ihr ergriff. Sie warf Francesco einen kurzen Seitenblick zu, obwohl es eigentlich nicht nötig war. Sie wusste, er beobachtete sie, lächelte dabei.

„Wenn Sie Ihren Kaffee ausgetrunken haben, können wir weitergehen, wenn Sie mögen“, sagte er schließlich. Als sie aufstanden, nahm er wieder ihre Hand und führte sie über die Rialto-Brücke.

Wie er gesagt hatte, gab es einen lebendigen Markt auf der Brücke. Sie blieben vor einem der Stände stehen. Francesco nahm zwei Pfirsiche und reichte Sonia einen. Der stämmige Händler sah ihm grinsend zu, und sein Grinsen verging nicht einmal, als Francesco sagte: „Die Pfirsiche werden auch nicht besser. Ich werde gnädig sein und ein paar mitnehmen.“ Damit schlenderte er weiter.

„He!“ Sonia und holte ihn ein. „Sollten Sie die Pfirsiche nicht bezahlen?“

„Bezahlen?“ Er starrte sie entgeistert an. „Meinen eigenen Cousin bezahlen?“

„Dieser Mann war Ihr Cousin?“

„Das war Giovanni. Jedes Mal, wenn seine Frau sauer auf ihn ist, kommt er zu mir gelaufen, und ich gebe ihm ein hübsches Glaskunstwerk für sie mit, um sie zu beruhigen.“

„Ist sie oft sauer auf ihn?“

Er dachte kurz nach. „Er ist ein guter Ehemann – auf seine Weise. Aber er schaut anderen Frauen nach. Mir gehen bald die Glasvasen aus, und seit Jahren schon bezahle ich kein Obst mehr.“

Sie lachte leise. Es war wirklich verrückt hier, sie kam sich vor wie auf einem anderen Planeten. Sonia spürte, wie gut ihr die unbeschwerte Lebensart unter südlicher Sonne tat.

Später gesellten sich weitere Eindrücke dazu. Venedigs kleine Gassen schienen alle gleich auszusehen, und sie erinnerte sich hier und da nur an markante Details in diesem Labyrinth. Das Ristorante Giminola allerdings, wohin Francesco sie zum Essen einlud, blieb immer klar in ihrer Erinnerung.

Es war klein und gemütlich. Der Besitzer begrüßte Francesco lautstark und führte sie zu einem Tisch am Fenster. Die Speisekarte brachte Sonia zum Lachen. Sie war in drei Sprachen abgefasst, wies aber mitunter eine etwas eigenwillige Schreibweise auf.

„Was um alles in der Welt sind denn Ruhleier?“

„Ich denke, Rühreier, aber wetten würde ich nicht darauf.“

„Und Brachbohnen?“

„Ich glaube, das hat alles derselbe Mann geschrieben. Auch die Bretkartoffels.“

Er bestellte Wein und Prosciutto, den aromatischen, hauchdünn geschnittenen Schinken.

„Erzählen Sie von sich“, bat er. „Ich möchte alles über Sie wissen.“

Sonia saß plötzlich der Schalk im Nacken. „Ich denke, Sie haben schon alles gesehen.“

„Bitte“, flehte er, „erinnern Sie mich bloß nicht daran.“

„War der Anblick so schrecklich?“, neckte sie ihn.

Er warf ihr einen glutvollen Blick zu. „Wollen Sie wirklich meine Antwort hören? Ich werde sie Ihnen geben. Später. Wenn wir allein sind.“

Sie hatte das Gefühl, in einem führerlos dahinrasenden Zug festzusitzen. Noch vor zwei Stunden hatte sie Francesco nicht gekannt. Jetzt war sie dabei, sich kopfüber in eine Affäre zu stürzen.

Eigentlich hatte es bereits begonnen, als er sie nackt vor sich sah und sie seitdem den Ausdruck in seinen Augen nicht mehr vergessen konnte.

„Sie wollen mehr von mir wissen …“, fuhr sie mit nicht ganz sicherer Stimme fort. „Ich bin Engländerin und arbeite für eine Ladenkette, die Geschenke, Nippes, Artikel aus Glas und Porzellan anbietet. Sie ist gerade von einer Firma aufgekauft worden, die das Sortiment erweitern will, unter anderem mit Glaskunst aus Venedig. Es ist mein erster großer Auftrag, und ich will, dass er ein voller Erfolg wird. Und ich sehe Venedig das erste Mal.“

„Und bestimmt nicht das letzte Mal“, sagte er mit seltsamem Ernst. „Der erste Anblick von Venedig ist entscheidend.“

„Nun, Sie sind Venezianer …“

„Ja, das bin ich, und ich weiß, dass ich von einem der Wunder dieser Welt umgeben bin. Nun, nachdem Sie es gesehen haben, wird es Sie immer begleiten, wohin Sie auch gehen.“ Francesco war ernst geworden, und Sonia begriff, wie viel ihm das Leben in dieser Stadt bedeutete. Sie hoffte, er würde weitersprechen, aber er lächelte schon wieder und sagte: „Erzählen Sie mehr von sich. Was ist mit Ihrer Familie?“

„Ich habe keine. Meine Eltern sind beide tot. Ich habe an der Abendschule Kunst studiert, mich dabei auf Glas spezialisiert. Mein Traumziel ist ein eigener Laden, der die beste Glaskunst der ganzen Welt führt.“

Francesco zog die Stirn kraus. „Nur venezianisches Glas zählt. Warum sollten Sie sich mit anderem herumschlagen?“

„Auch andere Länder stellen gutes Glas her.“

„Nicht zu vergleichen mit dem aus Venedig“, betonte er.

Sonia entdeckte einen besonderen Schimmer in seinen Augen und beschloss, nicht alle Worte dieses Charmeurs auf die Goldwaage zu legen.

„Ich denke, ich werde mir alle Möglichkeiten offenhalten“, erwiderte sie.

„Natürlich müssen Sie das“, gab er ihr recht. „Und dann werden Sie von allein feststellen, dass venezianisches Glas das beste ist.“

„Wenn Sie meinen. Aber nun erzählen Sie mir von sich.“

„Ich bin Francesco Bartini. Meine Eltern sind Tomaso und Giovanna Bartini …“

„Und Sie sind der einzige Sohn“, sagte sie spontan.

„Natürlich bin ich ihr einziges Kind – von meinen Brüdern Ruggiero, Martino und Giuseppe einmal abgesehen!“

„Das haben Sie sich gerade ausgedacht“, beschuldigte sie ihn.

„Nein, wirklich. Wie kommen Sie darauf, ich sei Einzelkind?“

„Sie sind so selbstsicher … wie jemand …“

„Der verwöhnt wurde, meinen Sie?“, fragte er herausfordernd. „Sie könnten recht haben. Ich bin vielleicht kein Einzelkind, aber der Jüngste – und das ist fast das Gleiche.“

„Also verwöhnt?“, fragte sie lachend.

„Und wie! Deswegen habe ich auch die erste Gelegenheit genutzt, mich auf eigene Füße zu stellen. Ich lieh mir Geld von der Bank und kaufte eine stillgelegte Glasmanufaktur auf Murano.“

„Murano?“

„Eine der Inseln in der Lagune. Alle Inseln bei Venedig weisen besondere Merkmale auf. Torcello ist bekannt für den Fischfang, Burano berühmt für seine Spitzen und Murano weltbekannt für seine Glasbläsereien. Der Bankmanager glaubte nicht, dass ich die Produktion wieder profitabel machen könnte, schließlich war ich erst zweiundzwanzig, aber ich redete und redete, bis er fast den Verstand verlor und Ja sagte, damit ich Ruhe gab.“

„Die Geschichte nehme ich Ihnen nicht ab“, lachte sie. Trotzdem glaubte sie ihm.

Und weil er einfühlsame Fragen stellte, sprach sie mit ihm über Dinge, die sie nie zuvor einem Menschen erzählt hatte. Über den schrecklichen Schmerz, als ihr Vater seine Frau und die fünfjährige Tochter einfach allein gelassen hatte. Ihre Mutter war in ein tiefes dunkles Loch gefallen, aus dem sie sich nie mehr vollkommen hatte befreien können. Sie bemühte sich zwar, ihre kleine Tochter zu versorgen, vernachlässigte aber bald sich selbst.

Sonia war sich nicht einmal sicher, ob ihr Vater tot war. Sie wusste nur, dass es seit zwanzig Jahren von ihm kein Lebenszeichen mehr gab. Ihre Mutter war gestorben, als sie zwölf gewesen war, und danach hatte sich die Jugendbehörde ihrer angenommen.

„Mir tun alle leid, bei denen ich Pflegekind war“, erzählte sie Francesco reumütig. „Ich war es gewohnt, schon damals alles selbst in die Hand zu nehmen, was die Angelegenheiten meiner Mutter und mich betraf, und ließ mir nichts sagen. Ich hatte drei Pflegeeltern. Sie waren alle froh, als sie mich wieder loswurden.“

„Das kann ich nicht glauben.“

Es stimmte, aber sie unternahm keinen Versuch, das Chaos in ihrem Leben zu beschreiben. Als Kind hatte sie einen heftigen Sinn für Unabhängigkeit entwickelt, den sie nie wieder aufgeben konnte. Mit sechzehn musste sie es dann allein mit der Welt aufnehmen, als Basis hatte sie nur ihre exzellente Schulbildung. Es schien auszureichen. Schön und talentiert, fand sie leicht Bewunderung, und dass ihre Beziehungen so schnell wechselten, führte sie auf ihre Arbeit zurück. Sie hatte noch nicht verstanden, dass es vielleicht einen anderen Grund haben könnte. Und in dieser einzigartigen, verzauberten Nacht, als ihr Herz sich so weit öffnete wie noch nie, fiel es ihr leicht zu vergessen, dass sie es normalerweise sorgfältig verschlossen hielt.

Sie redete und redete und erfuhr ein berauschendes, neues Gefühl der Freiheit. Und plötzlich blickte sie auf und sah, dass er sie betrachtete. Ihre Kehle war auf einmal wie zugeschnürt. Ihre Blicke verfingen sich, und die Welt schien stillzustehen.

Vergeblich versuchte sie ihren Verstand zu mobilisieren, wehrte sich noch gegen die Erkenntnis, die sich in ihr formte. Umsonst. Sie hatte bereits ihr Herz verloren.

Es war dunkel, als sie das Restaurant verließen, und Francesco tat etwas, was kein anderer Mann getan hätte. Führte sie, wie selbstverständlich, zu einer winzigen Kirche in einer Nebengasse.

„Ich möchte Sie jemandem vorstellen“, sagte er schlicht, und Sonia schaute sich nach einem Priester um. Stattdessen ging er mit ihr zu einer kleinen Nische, in der auf einem Altar eine Kerze vor der Gestalt einer Mutter mit Kind brannte.

„Als Kind kam ich hierher, weil ich diese Madonna liebte“, vertraute er ihr an. „Sie ist anders.“

Sonia begriff sofort, was er meinte. Der Madonna fehlte der Ausdruck schwermütiger Unnahbarkeit, den Sonia oft in den Gesichtern anderer Muttergottesbilder gesehen hatte. Sie war rundlich und fröhlich, und ihr lachendes Kind streckte die Arme der Welt entgegen.

„Für mich war sie wie eine ganz besondere Freundin, und ich konnte mit ihr reden“, sagte Francesco. „Sie hörte sich meine Sorgen an, und niemals schimpfte sie mit mir, selbst wenn ich etwas Unrechtes getan hatte.“

„Geschah das oft?“

„Oh ja. Meinetwegen musste sie Überstunden machen.“

Er nahm eine Kerze, stellte sie zu der anderen und zündete sie an. Dann lächelte er die beiden an und zwinkerte ihnen zu, ehe er sich abwandte.

„Sie zwinkern der Madonna zu?“, fragte Sonia, als sie die Kirche verließen.

„Es macht ihr nichts aus. Weil ich es bin.“ Unerwartet nahm er ihre Hand. „Ich habe es noch keinem anderen erzählt. Finden Sie mich verrückt?“

„Nein“, sagte sie sanft. „Ich finde es sehr schön.“

Wohin waren sie anschließend gegangen? Sie wusste es nicht mehr, hatte wieder nur einen Eindruck gespeichert. Das eigentliche Leben Venedigs spielte sich abseits der Touristenzentren, in den schmalen Hintergassen, ab. Sie erinnerte sich an ihre Schritte auf den Steinplatten, die dunklen calles, spärlich erleuchtet von Straßenlaternen, die weit genug auseinander standen, um Liebenden intimen Schatten zu bieten.

Noch nie hatte sie sich gleich beim ersten Rendezvous so schnell in die Arme eines Mannes begeben. Aber die Zeit verrann, und sie wollte den Zauber nutzen, ehe er sich wieder verflüchtigte. Und außerdem, dies war Francesco, der so anders war als alle anderen Männer. Seine Lippen waren aufregend, so überzeugend und lösten tausend Sehnsüchte aus.

Als er dann den Kopf hob und ihr Gesicht im schwachen Licht der Laterne musterte, sah sie etwas darin, das ihr Herz wild schlagen ließ. Gleichzeitig spürte sie, wie er erbebte, und erwartete, dass er sie dichter an sich zog. Doch er beherrschte sich.

„Wir sollten … weitergehen“, sagte er heiser.

Bald erreichten sie den Canal Grande. Ein paar Stufen führten hinab ans Wasser. Sonia schritt hinunter, dicht gefolgt von Francesco. Er war entschlossen, sie wieder zu küssen, denn beherrschen konnte er sich nicht mehr. Und als sie dastanden, sich in den Armen hielten, zog ein großes Boot vorbei und schickte mit seinen Bugwellen trübes Kanalwasser über ihre Schuhe.

Sie hatten ein Vermögen gekostet, diese Schuhe, aber Sonia fand die Situation urkomisch. Die Nacht hatte sie völlig verzaubert. Francesco war bestürzt, als er den Schaden sah, während Sonia sich vor Lachen schüttelte.

„Das war der Moment, wo ich mich in dich verliebte“, hatte er ihr auf der Hochzeitsreise gestanden.

„Erst dann?“, neckte sie ihn. „Nicht, als du mich das erste Mal sahst?“

„Nein, als ich dich nackt und schön dastehen sah, war ich entschlossen, dich ins Bett zu bekommen. Aber als du es lustig fandest, dass deine teuren Schuhe durchgeweicht wurden, öffnete sich mein Herz, und ich beschloss, dich zu heiraten.“

„Wirklich? Du hattest es beschlossen?“

„Ja. Dir blieb also gar keine andere Wahl. Und nun komm …“

Lachend flog sie ihm in die Arme. Es war damals ein hübscher Spaß gewesen, dass Francesco immer bekam, was er wollte. Was für eine Rolle spielte es schon? Sie wollte dasselbe wie er, und so würde es immer bleiben.

3. KAPITEL

Am nächsten Tag begann die Glasmesse. Nach dem Frühstück begab sich Sonia in den großen Ballraum des Hotels, wo die letzten Vorbereitungen abgeschlossen wurden. Sie sah Francesco sofort. Das Handy am Ohr winkte er ihr zu und bedeutete ihr, zu ihm zu kommen. Lächelnd ging sie auf ihn zu.

Natürlich würde er sie nicht vor allen Leuten küssen, aber sicherlich mit einem glühenden Blick bedenken, ein Blick, der nur für sie gedacht war. Vielleicht würde er auch etwas Intimes, Besonderes sagen.

Weit gefehlt. Seine ersten Worte waren wie ein Eimer Eiswasser. „Falls du ausgehst, kann ich dann deinen Zimmerschlüssel haben? Ich werde ab und zu ein paar Sachen rausholen müssen.“

„Ich … ja.“ Sie riss sich zusammen. „Hier ist er.“

„Prima. Hast du gut geschlafen?“

„Nicht sehr gut. Mitten in der Nacht wachte ich auf, weil ein Karton auf mich gefallen war.“

„Wie fürchterlich! Ist etwas zerbrochen?“

„Nein, alles heil geblieben“, erwiderte sie bissig. „Mich eingeschlossen, danke der Nachfrage!“

Francesco grinste, aber bevor er antworten konnte, klingelte sein Handy wieder. Er hauchte: „Später“ und wandte sich ab.

Was habe ich denn erwartet? dachte sie. Der Liebhaber vom Abend ist nun voll und ganz Geschäftsmann. Ihre Zeit würde kommen … später.

Die Messe fand gleichzeitig in fünf Hotels statt, und Sonia suchte alle auf, sprach mit den Firmenrepräsentanten, notierte sich Preise, stellte Aufträge zusammen. Und die ganze Zeit über funktionierte sie wie ein Automat. Das Bild in ihrem Kopf wollte einfach nicht verschwinden: Francesco, lächelnd, ein verwegenes Funkeln in den dunklen Augen … Ihre Lippen erwarteten bereits den Abend, sehnten sich nach seinem Kuss.

Dann war es so weit. Endlich hatte sie den Tag hinter sich gebracht. Im großen Ballsaal des Cornucopia tobte noch das Leben. Die Messe erwies sich als ein Riesenerfolg. Sonia suchte sich ihren Weg durch die Menge zum Stand von Bartini Fine Glass und hielt Ausschau nach Francesco.

Er war nirgends zu sehen.

Ein bebrillter junger Mann und zwei modisch gekleidete Frauen unterhielten sich angeregt mit Kunden, aber von Francesco keine Spur.

Eine der jungen Frauen beendete ihr Gespräch. Sonia reichte ihr ihre Visitenkarte und sagte kühl: „Ich hatte gehofft, mit Signor Bartini persönlich sprechen zu können.“

„Tut mir leid, Signor Bartini ist bei einem Geschäftsessen mit Kunden und wird erst morgen wieder auf der Messe sein.“

Es war wie ein Schlag in den Magen. Er war einfach verschwunden, ohne auf sie zu warten. Plötzlich kam sie sich unglaublich dumm vor. Er hatte ihr Zimmer gebraucht und die romantische Szene abgezogen, um rasch ans Ziel zu gelangen. Schließlich war er Italiener, oder?

Sie eilte in ihr Zimmer. Wie erwartet waren alle Kartons verschwunden. Nicht einmal ein paar Dankesworte hatte er zurückgelassen.

Sonia überflog ihre Notizen. Sie hatte einen erfolgreichen Tag gehabt, und eigentlich gab es keinen Grund, noch länger zu bleiben. Je eher sie von hier fortkam, desto besser. Wütend begann sie zu packen, und das Kleid, das sie eigentlich heute Abend für Francesco anziehen wollte, faltete sie penibel auf ein paar Quadratzentimeter zusammen. Nachdem sie ihren Zorn auf diese Weise abreagiert hatte, marschierte sie zur Rezeption.

„Ich möchte gern meine Rechnung bezahlen. Würden Sie mir bitte anschließend ein Taxi rufen?“

Innerhalb weniger Minuten war sie auf dem Weg zum Bahnhof. Ich werde den nächsten Zug nehmen und all dies hinter mir lassen, beschloss sie vernünftigerweise.

Ihre Pechsträhne wurde noch ein Stück länger. Am Bahnhof erfuhr sie, dass der Zug vor fünf Minuten abgefahren war. Der nächste würde erst in drei Stunden starten.

Na, großartig! Einfach großartig!

So blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf die Bank am Bahnsteig zu setzen und ihrer Wut auf Francesco vor sich hin murmelnd Luft zu verschaffen. Sie wollte gerade die zweite Runde beginnen, da hörte sie jemand laut ihren Namen rufen. „Sonia!“

Sie blickte auf und sah Francesco wild gestikulierend heranstürzen. Er sah aus wie ein Mann, dessen letzte Hoffnung sie war. Einen Moment lang erfreute sie sich an diesem Anblick. Das hatte sie sich wirklich verdient. Dann erhob sie sich und wartete mit ausdruckslosem Gesicht, bis er sie erreicht hatte.

Er bremste scharf vor ihr ab und kam zum Stehen. „Wohin willst du? Ich habe versucht dich zu finden, nachdem ich den ganzen Tag auf dich gewartet hatte. Als man mir sagte, du seist abgereist, bin ich fast durchgedreht.“ Er hatte die Sätze in atemberaubendem Tempo hervorgestoßen, ohne einmal Luft zu holen.

„Ich habe den Tag über gearbeitet“, erklärte sie ungnädig. „Ich habe alle Hotels besucht, in denen die Messe stattfindet. Anschließend war ich an deinem Stand und erfuhr, du würdest heute nicht mehr wiederkommen. Du wärst geschäftlich essen. Was machst du hier?“

„Versuche verzweifelt, diese schwierige, kratzbürstige Frau zu finden, die so beschränkt ist, dass sie nicht einmal merkt, wenn ein Mann in sie verliebt ist. Ich habe heute tagsüber so viel wie möglich erledigt, damit wir den Abend zusammen verbringen können – und dann bist du einfach verschwunden!“

„Ich bin verschwunden? Du warst verschwunden!“

„Ich hatte am Stand eine Nachricht für dich hinterlassen, du möchtest mich anrufen …“

„Die ich nie bekommen habe.“

„Und als ich hinauf zu deinem Zimmer ging, war es leer. Ich dachte, ich hätte dich verloren, und rannte hierher …“ Er ergriff ihre Hände. „Aber nun habe ich dich gefunden und werde dich nicht wieder loslassen.“

Er zog sie in die Arme, und sie klammerte sich an ihn, überwältigt von Erleichterung und Glücksgefühlen. Francesco küsste sie entschlossen, nur für den Fall, dass sie noch irgendwelche Zweifel hatte. Und sie erwiderte seinen Kuss, ohne sich von dem milden Lächeln der Passanten stören zu lassen.

„Du bist verrückt!“, keuchte sie schließlich. „Ganz schön verrückt.“

„Ich weiß, Darling“, hauchte er in ihr Haar. „Ich weiß.“ Er nahm ihren Koffer hoch. „Lass uns schnell zurückfahren, damit du dich noch zum Essen umziehen kannst.“

„Aber bist du denn nicht …?“

„Ich will dich Leuten vorstellen, mit dir angeben.“ Er legte den Arm um ihre Hüfte und zog sie entschlossen mit sich über den Bahnsteig.

Aber leider war ihr Zimmer bereits wieder vergeben, wie sie im Hotel erfuhren.

„Das war’s“, sagte sie bedrückt. „Nun kann ich nicht mehr bleiben.“

„Du kannst woanders unterkommen“, erklärte er, beinahe schüchtern. „Ich habe ein Zimmer in meiner Wohnung, das gerade niemand benutzt …“

„Ich glaube nicht …“

„Dort wärst du sicher wie in einer Kirche. Du bekommst den Zimmerschlüssel, und ich dusche kalt so oft es geht.“

„Hör auf, solchen Unsinn zu schwafeln!“ Sie unterdrückte mit Mühe ein Lachen.

„Ich soll nicht kalt duschen? Das ist toll! Dann können wir …“

„Nein, können wir nicht!“, erwiderte sie, empfand aber doch leichtes Bedauern dabei. „Das ist wirklich keine gute Idee.“

Wieder packte er sie fest. „Es ist eine wundervolle Idee, weil ich es nicht zulasse, dass du mich verlässt. Also komm, wir haben nicht viel Zeit.“

„He, wohin gehen wir?“

„Das habe ich doch schon gesagt – zu mir nach Haus.“ Er packte ihren Koffer und marschierte aus dem Hotel.

Er wohnte in einer Wohnung im zweiten Stock mit Ausblick auf einen rio. Sie war winzig. Küche, Bad, ein Wohnzimmer und nur ein einziges …?

„Wo ist das zweite Schlafzimmer?“, wollte sie misstrauisch wissen.

Er sah sie unschuldsvoll an. „Es gibt keins.“

„Du hast gesagt, du hättest noch ein Gästezimmer.“

„Nein“, kam sofort seine Antwort. „Ich sagte, ich hätte noch ein Zimmer, das gerade niemand benutzt. Und ich benutze es nicht. Siehst du, es ist fast leer.“

„Das ist nicht das, was ich …“

„Und ich schlafe auf dem Sofa. Alles ganz einfach.“

Sie hätte ebenso gut mit einer ganzen Herde Affen diskutieren können. Sie wusste, sie sollte auf der Stelle gehen. Aber das wollte sie nicht. Noch wollte sie mit seinen Kunden irgendwo etwas essen. Sie wollte hier bleiben und …

„Ich ziehe mich rasch um, und dann können wir gehen“, sagte sie fest. „Gibst du mir bitte den Schlüssel zum Schlafzimmer, wie du versprochen hast?“

Er sah sie schuldbewusst an. „Nun, weißt du …“

„Es lässt sich nicht abschließen, stimmt’s? Los, hinaus, wenn du weißt, was für dich gut ist.“

„Ich gehe mal kalt duschen“, verkündete er und verschwand.

Sie stand da und lachte leise vor sich hin. Sie konnte einfach nicht anders. Er war verrückt. Durchtrieben und mit allen Wassern gewaschen. So herrlich lebendig! Und auf dem Bahnhof hatte er etwas gesagt, was ihr Herz singen ließ.

… die so beschränkt ist, dass sie nicht einmal merkt, wenn ein Mann in sie verliebt ist.

Er war in sie verliebt. Natürlich war das wieder nur einer seiner Tricks, und sie musste noch mehr auf der Hut sein als vorher.

Als sie ihn eine halbe Stunde später wieder sah, konnte sie nur schwer einen bewundernden Ausruf unterdrücken. Er trug einen Smoking und sah verboten gut aus.

Sie selbst trug das dunkelblaue Seidenkleid, das er bei erster Durchsicht ihrer Garderobe verschmäht hatte, aber er schien sich nicht daran zu erinnern.

„Du siehst wundervoll aus“, sagte er. „Schau mal, ich habe dir auch ein Geschenk mitgebracht.“

Es war ein zierlicher Anhänger aus fein verarbeitetem Silber und bestechend schön, sodass Sonia unwillkürlich die Luft anhielt. Er legte ihr den Schmuck um den Hals, und sie spürte seine Finger auf der Haut. Aber anstatt zurückzutreten, blieb er stehen, wo er war, die Hände auf ihren Schultern. Sein warmer Atem strich über ihren Hals. Auch sie rührte sich nicht, wünschte sich, er würde sie an sich ziehen.

„Wir sollten jetzt gehen“, brachte er mit Mühe heraus. „Wir dürfen uns nicht verspäten.“

„Nein“, erwiderte sie verwirrt.

Sie nahmen ein Bootstaxi zurück zum Cornucopia, wo Francescos Gesellschaft bereits wartete.

„Entschuldigen Sie, dass ich zu spät komme“, bat er und fügte mit einem Grinsen in Richtung Sonia hinzu: „Sie ist schuld.“

Alle lachten, und Sonia fühlte sich sofort in die Gruppe aufgenommen. Francesco stellte sie einander vor, und dann begaben sie sich hinaus auf die Terrasse mit freiem Blick auf den Canal Grande und die angestrahlte Kirche auf der anderen Seite. Die Abenddämmerung war hereingebrochen, und die Kirche schien zu schweben. Gebannt betrachtete Sonia das faszinierende Schauspiel.

Außer ihr waren noch acht Gäste dabei, die meisten Einkäufer aus dem Ausland, zwei von ihnen allerdings Venezianer. Sonia saß neben dem Mann, der ein exzellentes Englisch sprach. Schon bald unterhielt sie sich angeregt mit ihm. Zu ihrer Freude konnte sie fachlich gut mithalten.

Nach dem Essen standen sie auf und schlenderten an die Brüstung. Einer der Einkäufer, ein Engländer, stellte sich zu ihr.

„Ich habe von Ihrer Unterhaltung ein wenig mitbekommen“, meinte er vertraulich. „Sie kennen sich wirklich in der Materie aus.“

„Danke.“ Das fiel etwas steif aus. Sonia wünschte, er würde mehr Abstand halten. Als ihr gleich darauf sein Aftershave in die Nase wehte, fand sie es genauso aufdringlich wie den Mann selbst.

„Ich bin Haupteinkäufer für Glaswaren bei …“ Er nannte eines der exklusivsten Londoner Kaufhäuser. „Habe Francesco gerade den größten Auftrag seines Lebens verschafft.“

„Ich bin sicher, er verdient ihn.“

„Nun, ich bin immer dafür, Talente zu fördern. Wo wir gerade davon reden, die Firma ist ständig auf der Suche nach frischem jungen Blut. Ich könnte ein gutes Wort für Sie einlegen.“

„Danke, aber mir gefällt es bei meiner Firma.“

Er schwieg kurz und deutete dann auf die beleuchtete Kirche ihnen gegenüber. „So etwas haben wir zu Hause nicht.“

Aber du hast zu Haus eine Frau, die auf dich wartet – darauf wette ich, dachte sie säuerlich.

„Das stimmt.“ Sie rückte unauffällig ein Stück zur Seite.

Er folgte ungeniert. „Unterwegs bin ich sehr einsam. Geht es Ihnen nicht auch so?“

Seinen vieldeutigen Worten ließ er sofort Taten folgen und strich ihr über den Arm. Im nächsten Augenblick steckte sein Handgelenk im eisernen Griff einer sonnengebräunten Hand. Francesco blickte ihn mit freundlicher Miene, aber ausdruckslosen Augen an.

„Wie geht es Ihrer lieben Gattin, John?“

„Sie … äh, gut, danke.“ Der Mann bewegte sein schmerzendes Handgelenk.

„Wie schön. Meinen Sie nicht, sie würde sich jetzt über einen Anruf von Ihnen freuen?“

John versuchte zu lachen. „He, ist das eine Art, Ihren besten Kunden zu behandeln?“

„Ich verkaufe Glas, aber nicht meine Verlobte.“

John hob beide Hände. „Sagen Sie nichts mehr … ein echtes Missverständnis …“ Er schlenderte rasch davon.

Sonia starrte Francesco an. „Hast du gerade gesagt …“

„Das war nur so dahergesagt“, erwiderte er hastig. „Damit er dich in Ruhe lässt.“

„Aber er wird bestimmt seinen Auftrag stornieren, so wie du ihn behandelt hast. Er ist dein bester Kunde, vergessen?“

„Ja, das ist er, und er soll zum Teufel gehen! Wenn er dich weiterhin belästigt hätte, wäre er im Kanal gelandet!“

„Das ist richtig nett von dir, aber ich bin ein großes Mädchen und werde mit solchen Kerlen auch allein fertig.“

„Sag nicht so was“, jammerte er. „Erzähl mir lieber, wie aufregend du es findest, dass ich so umgehend zu deiner Hilfe geeilt bin.“

„Bestimmt nicht.“

Bevor er antworten konnte, wurden alle durch einen anderen Gast zusammengerufen, der sich mit einer kleinen Ansprache für Francescos Gastlichkeit bedanken wollte. „… und dafür, dass er mir die Gelegenheit geboten hat, seine liebliche Braut kennen zu lernen.“

Sonia öffnete den Mund, schloss ihn aber rasch wieder.

„Tut mir leid“, sagte er, als sie später auf dem Nachhauseweg waren. „Irgendjemand muss es mitbekommen haben.“

„Und hat es für bare Münze genommen.“

„Nein, das war nur ein Grund, noch ein Glas zu trinken. Morgen wird sich niemand mehr daran erinnern.“ Es klang ein wenig zögernd, aber das entging ihr, da sie zum Mond hinaufschaute, der hell und klar über den Dächern stand.

An seiner Haustür nahm Francesco sie in die Arme und küsste sie lange und leidenschaftlich.

„Wäre es nicht besser, drinnen weiterzumachen?“, murmelte sie benommen.

„Nein, drinnen kann ich dich nicht anfassen.“

„Warum nicht?“

„Weil ich ein Mann mit Ehre bin.“ Seine Stimme bebte leicht.

Er hielt Wort. Als sie die Wohnung betreten hatten, brachte er sie zu ihrem Zimmer, wünschte ihr eine gute Nacht und schloss fest die Tür hinter sich. Ein paar Minuten darauf hörte sie das Rauschen der Dusche. Hin und her gerissen zwischen Glückseligkeit und Frust hieb sie lächelnd die Faust ins Kissen.

John reiste am nächsten Tag ab. Vorher hatte er noch den Auftrag storniert. Francesco zuckte nur mit den Schultern, übergab den Stand seinen Assistenten und verkündete Sonia, er würde ihr jetzt die Fabrik zeigen.

„Deine Brötchengeber werden bestimmt beeindruckt sein, dass du dich in einer echten venezianischen Glasmanufaktur umgesehen hast“, versprach er ihr. „Was ist los?“, fragte er im nächsten Moment.

„Nichts.“ Sie schaute sich um. „Mir kam es nur so vor, als würde die Frau dort drüben uns beobachten.“

Francesco blickte hinüber. Er sah die Frau gerade noch im Schatten verschwinden.

„Ist doch egal“, meinte er und schob Sonia weiter.

„Auf der anderen Seite beobachtet uns auch jemand.“

„Ich weiß, ich habe es gesehen.“

„Aber wer sind diese Leute?“

„Die Erste war meine Tante Celia, die Zweite meine Nichte Bettina. Giuseppe hast du bereits kennengelernt. Vergiss sie alle. Es gibt noch eine ganze Menge von ihnen.“

„Spionieren sie uns nach?“

„In Venedig nennt man es nicht Spionieren. Bezeichne es als Familieninteresse. Der Mann, der sich dort aus dem Fenster lehnt, ist mein ältester Bruder Ruggiero.“

„Du meinst … gestern Abend …?“

„Ganz Venedig weiß es inzwischen“, gab er zu. „Das Küken hat sich endlich verlobt.“

„Aber wir sind doch nicht wirklich … Ich meine, es war nur …“

„Da kommt ein Boot“, sagte er hastig. „Lauf.“

Er packte ihre Hand und eilte auf den Anleger zu, wo das Wassertaxi gerade anlegte. Der Fahrer begrüßte ihn mit Namen und fragte dann: „Murano, ja?“, ohne dass Francesco ein Wort gesagt hatte. Francesco war offensichtlich in ganz Venedig bekannt wie ein bunter Hund.

Die Insel Murano lag auf der anderen Seite der Lagune. Als der Fahrtwind Sonia durchs Haar strich, hatte sie das Gefühl, direkt in die Sonne zu fahren. Das Sonnenlicht hüllte sie ein, glitzerte auf dem Wasser, tanzte in der Entfernung und lockte sie auf eine wunderschöne, aufregende Reise. Sie lachte laut, schaute in Francescos Augen und streckte eine Hand nach ihm aus.

In der Manufaktur war es brutheiß. Glas wurde dort nach traditionellen Methoden hergestellt, die als Geheimnis gehütet wurden. Fasziniert schaute sie zu, wie einer der Männer eine Vase herstellte, indem er die heiße Glasmasse drehte und gleichzeitig aufblies.

So bemerkte sie auch den anderen Mann nicht, der rasch eine Skizze von ihr anfertigte, während sie zuschaute, aber später sah sie dann eine Tafel mit ihrem eingeätzten Porträt. Das perfekte Ende eines perfekten Tages. Fast zu perfekt, zu romantisch, zu viel von allem? Hatte sie sich diese Frage schon damals gestellt? Oder war sie einfach verzaubert gewesen?

In ihrem Leben hatte es so wenig davon gegeben. Konnte sie sich wirklich Vorwürfe machen, weil sie in einem schwachen Moment nachgegeben hatte? Oder sollte sie diese wenigen märchenhaften Tage wirklich bedauern, wo sie so glücklich gewesen war?

Zum Mittagessen kehrten sie ins Zentrum zurück, schlenderten durch die Straßen, bis sie ein kleines Restaurant fanden. Und überall hatte Sonia das Gefühl, begutachtet zu werden. Einmal winkte ihnen eine dunkelhäutige Frau kurz zu und verschwand dann wieder.

„Meine Schwägerin Wenda“, erläuterte Francesco. „Sie stammt aus Jamaika.“

„Vermutlich bist du auch mit der jungen Asiatin verwandt, die uns von dem Stand dort drüben beobachtet“, meinte sie trocken.

„Das ist Lin Soo. Sie stammt aus Korea und ist mit meinem Onkel Benito verheiratet.“

Sonia lachte hell auf. „Hat denn jemand aus deiner Familie überhaupt einen echten Venezianer geheiratet?“

„Einer oder zwei. Aber wir kommen viel herum und bringen uns dann unsere Bräute von dort mit. Wenn wir alle zusammensitzen, sieht es aus wie eine Sitzung der UNO.“

Sie aßen in der kleinen Trattoria, dessen Besitzer Francesco natürlich wieder per Namen begrüßte. Inzwischen hatte Sonia sich schon fast daran gewöhnt.

„Du scheinst wirklich jeden in Venedig zu kennen!“

„Es scheint nicht nur so, es ist so. Schließlich habe ich hier mein Leben lang gelebt.“

„Ich wohne seit meiner Geburt in London, kenne aber dort niemanden.“

„Weil London eine Millionenstadt ist. Venedig nennt sich zwar auch Stadt, ist aber eigentlich ein größeres Dorf. Wenn du den Weg kennst, gelangst du innerhalb einer halben Stunde von einem Ende zum anderen und triffst an jeder Straßenecke Freunde.“

Sein Handy meldete sich, als sie ihren Kaffee tranken. Die leise geführte Unterhaltung bestand von seiner Seite aus nur aus: „Si, Poppasi, Poppa!“ Nachdem er aufgelegt hatte, verkündete er: „Ich habe den Befehl bekommen, dich heute Abend zum Essen mitzubringen.“

„Ein Befehl deines Vaters?“

„Du liebe Güte, nein! Meiner Mutter! Er hat ihr nur als Sprachrohr gedient.“

Sie war amüsiert. „Und wenn ich etwas anderes vorhabe?“

„Ich hatte auch etwas anderes vor, aber wenn Mamma etwas sagt, springen alle.“ Er sah, dass sie ihn mit seitwärts geneigtem Kopf prüfend anblickte. „Es ist besser, wir tun, was meine Mutter sagt …“

„Also gut, unter einer Bedingung“, lenkte sie ein. „Du musst mich in der Gondel hinfahren.“

„Gondeln sind nur für Touristen!“, protestierte er. „Sie machen Rundtouren, und mein Elternhaus liegt nicht an der Strecke.“

„Du hast also keinen Gondolierefreund, der für dich eine Ausnahme macht?“, zog sie ihn auf.

Selbstverständlich hatte er einen entsprechenden Freund. Marco und er waren zusammen zur Schule gegangen, und Marco machte nur zu gern eine Sondertour für ihn.

„Wie schafft er es bloß, das lange Boot mit nur einem Ruder von der Stelle zu bekommen?“, wunderte sie sich. „Eigentlich müssten wir uns im Kreis drehen.“

„Die eine Seite des Bootes ist länger als die andere“, erklärte ihr Francesco mit aufrichtiger Miene.

„Also, wirklich …“

„Ehrlich. Sie wölbt sich weiter nach außen als die andere Seite, und das gleicht es aus. Es ist wie alles in Venedig, wie die Venezianer selbst. Widersprüchlich.“

Sonia fing an zu lachen. Francesco lachte mit ihr, und irgendwann lag ihr Kopf an seiner Schulter, als sie langsam auf den Rio di St. Barnaba zuglitten, wo seine Eltern wohnten.

Marco half ihnen beim Aussteigen und blickte Sonia dabei bewundernd an. Sinnend schaute er den beiden hinterher und griff schließlich zu seinem Handy, um die Neuigkeit zu verbreiten, dass wieder ein guter Mann am Haken hing.

Die Gondeln fuhren nicht mehr. Auf dem Canal Grande tuckerten geräuschvoll zahlreiche vaporetti auf und ab. Weihnachten stand vor der Tür, und die letzten Vorbereitungen wurden getroffen. Und doch war es in den Straßen seltsam friedlich. Keine Fahrzeuge, nur Menschen, lächelnd, die stehen blieben und sich unterhielten, ihren Einkaufsmarathon für einen schnellen Besuch in einer Bar unterbrachen.

An der Straßenecke befand sich eine Bar, ihr Licht überstrahlte das schwache Straßenlicht. Fröhliches Stimmengewirr drang heraus.

„In der Regel trinke ich hier vorher immer einen Kaffee“, sagte Francesco.

„Schön.“ Sie war froh, die Begegnung mit der Familie noch ein wenig hinauszögern zu können.

Als sie hineingingen, fing es gerade an zu schneien. Sie setzte sich an einen der Tische, während Francesco den Kaffee holte. Italienische Bars waren so ganz anders als englische oder amerikanische. Man bekam dort Bier und Wein, Eiscreme und Kuchen, und oft sah man ganze Familien sich darin vergnügen.

Heute war der Raum voller Gäste, die um die kleinen Tische herumsaßen und sich fröhlich gegenseitig Buon natale und auf Venezianisch Bon nadal Weihnachtsgrüße zuriefen.

Lautes Gelächter lenkte Sonias Aufmerksamkeit zu einem der Tische in der Ecke, und sie erkannte Francescos Tante Lin Soo.

Ihre Kinder, beide um die zehn Jahre alt, saßen neben ihr. Die dunklen Kinderaugen leuchteten auf, als sie Sonia erkannten. Rasch sprangen sie auf und rannten mit ausgestreckten Armen auf sie zu. „Tante Sonia!“

Auch Lin Soo kam heran, ihr folgte Teresa, Giuseppes Frau.

„Wir waren gerade bei Mamma“, erklärten sie. „Hinterher gehen wir immer hierher.“

Diese Bemerkung sagte genug. Sonia warf Francesco einen viel sagenden Blick zu.

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