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JULIA BESTSELLER – Sara Craven

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Die entflohene Braut

1. KAPITEL

Sie rannte eine lange gerade Straße entlang. Bäume warfen geisterhafte Schatten auf den Asphalt. Sie hatte Angst und war schon völlig außer Atem. Doch sie musste weiterlaufen und wagte nicht, sich umzudrehen. Ich darf auf keinen Fall stehen bleiben

Abrupt fuhr Cally Maitland hoch. Im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie sich befand. Erst der schrillende Wecker versetzte sie wieder in die Wirklichkeit. Immer wieder der gleiche Albtraum, dachte sie, als sie ihn ausstellte und sich aufs Kissen zurücksinken ließ.

Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch einen Spalt in den zerschlissenen Vorhängen. Es versprach ein wunderschöner Maitag zu werden. Trotzdem fröstelte Cally. „Es wird Zeit zu verschwinden“, sagte sie leise zu sich selbst, stand auf und strich sich ordnend durch den schulterlangen Pagenkopf. Das hellbraune Haar war nach der unruhigen Nacht ziemlich zerzaust. Allerdings fiel die Frisur schnell wieder in Form, denn trotz aller Geldsorgen leistete Cally sich den Luxus, einmal im Monat den besten Friseur am Ort aufzusuchen.

Wie sie bei einem flüchtigen Blick in den Spiegel feststellte, hatte sie dunkle Schatten unter den dicht bewimperten haselnussbraunen Augen, und der geblümte Baumwoll-Schlafanzug, den sie auf dem Wochenmarkt erstanden hatte, war ihr mindestens zwei Nummern zu groß. Sie erkannte sich kaum wieder. Was war nur aus dem verwöhnten Mädchen geworden, das sie noch vor achtzehn Monaten gewesen war?

Für Selbstmitleid ist jetzt keine Zeit, dachte Cally. Kit hatte am Abend zuvor angerufen und sie gebeten, zu einer eilig anberaumten Frühstückskonferenz ins Kinderzentrum zu kommen, und sie wollte pünktlich sein.

Nachdem sie im nur durch eine Spanplattenverkleidung abgetrennten Badezimmer geduscht hatte, schlüpfte sie schnell in frische Wäsche und zog sich ihre Arbeitskleidung an: einen grauen Rock und eine cremefarbene Bluse.

Eigentlich war es eine Frechheit, diese schäbige Unterkunft als Wohnung zu bezeichnen. Der Vermieter hatte Wohn-, Schlaf-, Küchen- und Badbereich lediglich durch billige Zwischenwände abgetrennt. Und feucht war die Behausung auch. Das Handtuch, das Cally am Vortag benutzt hatte, war immer noch nicht trocken.

Immerhin fühlte sie sich hier einigermaßen sicher davor, entdeckt zu werden. In so einer Absteige würde sie keiner vermuten!

Trotzdem würde sie ihrer derzeitigen Herberge keine Träne nachweinen. Das kleine, an einem Fluss gelegene Marktstädtchen Wellingford würde sie dagegen sehr wohl vermissen. Sie hatte sich die unscheinbare Kleinstadt ausgesucht, um hier in Ruhe über ihre Zukunft nachzudenken. Zuweilen war sie sogar fast glücklich gewesen und hätte beinahe ihre Probleme vergessen. Doch jetzt wurde es höchste Zeit weiterzuziehen. Sie war schon mehr als einen Monat länger geblieben, als sie ursprünglich vorgehabt hatte. Wenn sie nicht bald von hier verschwand, würde man ihr noch auf die Spur kommen, oder sie würde anfangen, sich zu Hause zu fühlen. Das wäre fast ebenso schlimm.

Cally hatte zwar keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Entdeckung ihres Aufenthaltsorts unmittelbar bevorstand, doch sie hatte ein ungutes Gefühl. Außerdem hatte sie wieder diesen Albtraum gehabt.

Es gab auch genug andere Gründe, Wellingford zu verlassen. Am Ende der Woche würde sie arbeitslos werden. Die Hartleys würden ihr den letzten Lohn in die Hand drücken und Cally jeden Penny missgönnen.

Noch immer konnte Cally nicht fassen, dass Genevieve Hartley wirklich gestorben war. Sie war eine so unbeugsame, lebensbejahende Frau gewesen. Die zierliche weißhaarige Mrs. Hartley war regelmäßig in ihrer Limousine am Gunners Wharf vorgefahren, um zu sehen, welche Fortschritte ihr Projekt machte.

Nach ihrem plötzlichen Tod hatten ihre Söhne die Bautätigkeit sofort einstellen lassen. Und nun sahen sich die Menschen, die sich so viel von der Restaurierung erhofft hatten, gezwungen, sich ein neues Quartier zu suchen.

Das war natürlich überhaupt nicht in Mrs. Hartleys Sinn. Sie hatte sogar ihren Notar aufgesucht, um testamentarisch zu verfügen, was mit Gunners Wharf geschehen sollte. Alles war geregelt gewesen, bis auf eine Kleinigkeit: die Unterschrift. Bevor Mrs. Hartley sie hatte leisten können, hatte ein Herzschlag ihrem Leben ein Ende gesetzt.

Die Anwohner hatten natürlich gehofft, dass das Bauprojekt trotzdem fortgeführt werden würde, schließlich hatte Mrs. Hartley auch ihren verärgerten Söhnen unmissverständlich zu verstehen gegeben, was sie vorhatte.

Also hatten die Mieter Geld für einen Kranz gesammelt und waren zur Trauerfeier gekommen, um der von ihnen geschätzten alten Dame, die ihre Visionen unterstützt hatte, die letzte Ehre zu erweisen. Leider hatten die Hartleys die kleine Gruppe mit Missachtung gestraft.

Cally war das gleich wie ein böses Omen erschienen. Und ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht.

Innerhalb von zwei Wochen war allen Mietern gekündigt und Gunners Wharf verkauft worden. Es sollte völlig umgebaut werden. Die Leute hatten natürlich protestiert, mussten jedoch erfahren, dass sie keine rechtliche Handhabe hatten. Die Mietverträge waren per Handschlag mit Mrs. Hartley abgeschlossen worden, noch dazu zu einem lächerlich geringen Mietzins.

Außerdem, so wurde den Mietern mitgeteilt, sei der Zustand der Gebäude so schlecht, dass man niemandem zumuten könne, darin zu wohnen.

Cally verteilte Feuchtigkeitscreme auf ihrem blassen Gesicht, trug dezent Lippenstift auf und blickte traurig in den Spiegel, während sie an die Verstorbene dachte.

Genevieve Hartley gehörte zu den ersten Menschen, die Cally bei ihrer Ankunft in Wellingford kennengelernt und lieb gewonnen hatte.

Cally hatte im Imbiss am Busbahnhof die Stellen- und Immobilienanzeigen des Lokalblattes überflogen.

„Verwaltungsassistentin für Wohnungsbauprojekt mit Kinderzentrum gesucht“, hatte sie gelautet. „Erwartet werden hohe Motivation, PC-Kenntnisse und Eigeninitiative.“ Darunter hatte eine Telefonnummer gestanden.

Eine knappe Stunde saß Cally in Mrs. Hartleys elegantem Salon und führte ein Vorstellungsgespräch. Es konnte sie nicht erschüttern, dass ihre zukünftige Arbeitgeberin eine gepflegte ältere Dame mit stahlblauen Augen und herrischem Wesen war. Cally war an alternde Tyrannen gewöhnt, schließlich hatte sie den größten Teil ihres bisherigen Lebens mit einem verbracht. Daher reagierte sie auf Mrs. Hartleys unnachgiebige Befragung gelassen.

Ja, sie habe Arbeitszeugnisse und in erster Linie als Serviererin und Verkäuferin gearbeitet. Diese Jobs habe sie angenommen, um sich über Wasser zu halten, um darüber nachdenken zu können, was sie wirklich mit ihrem Leben anfangen wollte, hatte Cally behauptet und gehofft, dass man ihr diese kleine Notlüge verzeihen würde.

„Können Sie auch mit einem PC umgehen?“, fragte Genevieve Hartley und goss erlesenen chinesischen Tee in fast durchsichtige Porzellantassen. „Ich brauche jemanden, der meinen Schriftverkehr führt, Ablage macht und die Restaurierungsarbeiten beaufsichtigt. Sie müssten auch den Kontakt zu den Arbeitern, Mietern und dem Rathaus halten.“ Genevieve Hartley rang sich ein Lächeln ab. „Meine Mieter am Gunners Wharf hatten es nicht immer leicht im Leben. Sie sind etwas misstrauisch und gelegentlich auch unberechenbar. Ich brauche also jemanden, der ihnen gewachsen ist und Probleme löst, bevor sie uns über den Kopf wachsen.“

Cally wurde dann doch etwas unsicher. „Ich habe in meinem letzten Schuljahr Informatik belegt.“

„Und welche Schule haben Sie besucht?“

Als Mrs. Hartley den Namen hörte, zog sie überrascht die Brauen hoch. „Tatsächlich? Gut, Sie haben den Job. Aber wir vereinbaren eine zweiwöchige Probezeit. Es könnte ja immerhin sein, dass Sie den Mietern doch nicht gewachsen sind. Ach ja, und Sie müssten im Kinderzentrum aushelfen und an der Kaffeebar bedienen.“ Sie lächelte honigsüß. „Mit Letzterem haben Sie ja schon Erfahrung, meine Liebe.“

Mrs. Hartley hatte ein angemessenes Gehalt gezahlt. Doch große Sprünge hatte Cally mit dem Geld nicht machen können.

Heute Abend werde ich mal den Atlas zur Hand nehmen und überlegen, wohin ich als Nächstes ziehe, dachte Cally, als sie am Fluss entlangging, der in dem strahlenden Sonnenschein funkelte. Allerdings sah man bei dieser Beleuchtung auch, wie verfallen einige Speicher und Schuppen am Gunners Wharf waren.

Hier musste wirklich gründlich saniert werden. Dem konnte selbst Cally sich nicht verschließen. Wieso konnte man das aber nicht getrennt von dem Wohnbauprojekt machen, statt es einfach zu stoppen?

In der Parallelstraße zum Kai waren die meisten Häuser schon renoviert worden. Mit neuen Fenstern und Dächern, restauriertem Mauerwerk und frischer Farbe sahen sie aus wie neu. Viele Arbeiten hatten die Mieter in Eigenregie übernommen, weil sie darauf vertraut hatten, hier langfristig wohnen zu können. Und nun hatte man ihnen gekündigt!

Das Kinderzentrum hatte Mrs. Hartley aus eigener Tasche finanziert. Es hatte ein kleines Vermögen gekostet, denn immer wieder hatte die Stadt neue Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen verfügt. Natürlich hätten die Hartley-Söhne es lieber gesehen, wenn das Geld in das Kaufhaus der Familie geflossen wäre, das in den vergangenen zwei Jahren, wie viele andere Geschäfte auch, erhebliche finanzielle Einbußen hatte hinnehmen müssen.

Nun haben sie ja, was sie wollten, dachte Cally betrübt. Gunners Wharf war so schnell verkauft worden, dass man annehmen musste, die Gebrüder Hartley hätten schon lange mit potenziellen Käufern verhandelt. Und was sollte aus den alleinerziehenden Müttern, was aus den kleinen Familien werden, die nur über ein geringes Einkommen verfügten und sich jetzt eine neue Bleibe suchen mussten?

Cally schüttelte resigniert den Kopf. „Des einen Verlust ist des anderen Gewinn“, hatte ihr Großvater immer gesagt.

„Hallo, Cally.“ Tracy schob den Buggy über den kaputten Bürgersteig. „Hat Kit dir gesagt, warum wir uns heute Morgen treffen?“

Cally schnitt ein Gesicht und brachte dadurch das Kleinkind im Buggy zum Lachen. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, kein Wort. Warum sollte er auch? Schließlich sind wir nicht unzertrennlich.“

Allerdings schien ihr das niemand zu glauben. Mit Kit Matlock, dem Geschäftsführer des Zentrums, arbeitete sie am engsten zusammen. Da sie beide alleinstehend zu sein schienen, machten ihre Mitmenschen sich so ihre Gedanken. Außerdem hatte Kit durchblicken lassen, dass er gern mehr von Cally wollte. Das war ein weiterer Grund für sie, möglichst bald wegzuziehen.

Sie mochte den attraktiven, umgänglichen, manchmal aufbrausenden Mann, betrachtete ihn jedoch eher als Kumpel, und dabei sollte es auch bleiben. Also hatte Cally alle seine Einladungen höflich, aber bestimmt abgelehnt.

Sie hatten nur einige Male gemeinsam die Mittagspause bei Sandwichs und Kaffee in Callys kleinem Büro im rückwärtigen Bereich des Zentrums verbracht. Zu mehr war sie nicht bereit.

„Schade“, sagte Tracy enttäuscht. „Ich hatte gehofft, er hätte eine Gesetzeslücke oder so etwas gefunden. Das hätte er dir natürlich zuerst erzählt.“

Cally schob die Hände in die Taschen ihres schwarzen Blazers. „Tut mir leid, Tracy, du irrst dich, es ist nichts zwischen uns. Kit ist ein toller Mann, aber ich werde von hier wegziehen. Man hat mir einen Job in London angeboten.“

„Du willst fort?“ Tracy schien entsetzt.

„Mir bleibt keine Wahl. Ich bin ja praktisch arbeitslos, da muss ich nehmen, was sich bietet.“

„Alles geht den Bach runter“, meinte Tracy traurig.

Cally hatte Mitleid mit ihr. Tracys Haus war als eines der ersten renoviert worden. Im oberen Stockwerk war es feucht gewesen, und der kleine Brad hatte ständig gehustet. Jetzt war er gesund und konnte das Kinderzentrum besuchen. Seitdem hatte Tracy halbtags als Kassiererin im Supermarkt gearbeitet. Alles schien sich zum Guten gewendet zu haben, doch nun würden Tracy und der Kleine bald keine Bleibe mehr haben.

Die anderen warteten schon im Spielzimmer, wo sie auf Kinderstühlen saßen, Kaffee tranken und halbherzig an Kopenhagenern knabberten, die Kit besorgt hatte.

Die Stimmung im Raum war bedrückt. Als Kit sah, dass alle versammelt waren, stand er auf. „Tut mir leid, dass ich euch zu so früher Stunde hergebeten habe, aber dank Leila weiß ich jetzt, wer Gunners Wharf erworben hat.“

Die Anwesenden sahen einander überrascht an. „Wie hast du denn das angestellt?“, rief einer.

Leila blickte selbstzufrieden in die Runde. „Der Nachbar meiner Mutter arbeitet im Bauamt. Die Firma heißt Eastern Crest Developments. Für übermorgen haben sich Firmenvertreter angesagt. Roy hat erfahren, dass sie im Rathaus anhand eines Modells zeigen wollen, wie sie Gunners Wharf in Zusammenarbeit mit der Stadt sanieren wollen. Das ist unsere Chance.“

„Welche denn?“, fragte Cally.

„Denen mal so richtig zu zeigen, dass sie mit uns nicht tun und lassen können, was sie wollen!“ Leila war jetzt so richtig in ihrem Element. „Wir sollten das Rathaus stürmen und Plakate hochhalten: ‚Rettet unsere Häuser!‘ oder ‚Hände weg von Gunners Wharf!‘ Wir könnten uns auch anketten.“

Cally stöhnte insgeheim. „Sonst noch Vorschläge?“, fragte sie. „Wir könnten zum Beispiel durch die Hauptstraße ziehen und die Fensterscheiben des Hartley-Kaufhauses einwerfen.“

Leila sah sie begeistert an. „Keine schlechte Idee.“

„Stimmt“, antwortete Cally. „Es ist eine lausige Idee. Noch dazu ungesetzlich.“

„Aber was die mit uns machen, ist auch nicht die feine englische Art“, gab Leila zu bedenken.

„Ich hatte an eine weniger drastische Vorgehensweise gedacht.“ Kit blickte in die Runde. „Wir sollten uns das Modell ansehen und mit dem Projektleiter sprechen. Vielleicht ist es doch möglich, das Wohnbauprojekt in sein Bauvorhaben zu integrieren. Wir können damit argumentieren, dass die Firma dadurch Menschlichkeit beweisen würde. Unter Umständen ist dem Käufer gar nichts von unserer Existenz bekannt. Die Hartleys haben uns ganz bestimmt nicht erwähnt.“

Besonderen Anklang fand sein Vorschlag nicht. „Ich habe gehört, die wollen Wohnungen für Neureiche und Edelboutiquen aus dem Komplex machen. Auf uns haben die gerade gewartet“, sagte einer.

„Kommen wir ohne Einladung überhaupt ins Rathaus?“, fragte jemand anders.

„Roy könnte uns dazu verhelfen“, erwiderte Leila.

„Ich finde, wir sollten es versuchen.“ Tracy unterstützte Kits Vorschlag, was ihr ein strahlendes Lächeln einbrachte.

„Genau.“ Nach kurzem Zögern fügte Kit hinzu: „Ich schlage vor, du, Cally und ich gehen als Abordnung ins Rathaus.“

„Nur ihr drei?“, fragte Leila angriffslustig.

„Das wirkt besser, als wenn wir alle auftauchen würden“, erklärte Kit. „Wir wollen ja diskutieren und keine Auseinandersetzung führen. Es wäre aber großartig, wenn du uns die Einladungen besorgen könntest“, fügte er versöhnlich hinzu.

Es dauerte einen Moment, bevor Leila sich darauf einließ. Schließlich sah sie jedoch ein, dass Kit recht hatte. „Okay, lenkte sie schließlich ein, und alle atmeten erleichtert auf.

„Muss ich wirklich mitkommen?“, fragte Cally später, als sie einen Augenblick mit Kit allein war.

„Ich denke schon. Wir sollten protokollieren, was wir mit der Geschäftsführung von Eastern Crest besprechen.“

„Das könnte Tracy auch übernehmen.“

Kit schüttelte den Kopf. „Sie ist viel zu nervös, und objektiv ist sie auch nicht. Tracy hört nur, was sie hören will. Außerdem brauchen wir sie, um Mitleid zu erregen. Eine hübsche blonde alleinerziehende Mutter, deren Baby erst vor Kurzem genesen ist, könnte die Herzen der abgebrühten Geschäftsleute erweichen.“

„Gute Idee, wenn es auch nicht ganz mein Stil ist.“ Cally kritzelte gedankenverloren auf ihrem Block herum. „Meinst du, wir haben eine Chance?“

„Auf jeden Fall werden sie uns anhören. Mehr würde ich mir nicht von dem Gespräch versprechen. Das sind eiskalte Manager, die Profit machen müssen, und keine Sozialarbeiter.“

„Stimmt. Sehr menschenfreundlich werden sie wohl nicht sein.“

„Und deshalb müssen wir mit klaren, verständlichen Argumenten kommen und beten.“ Kit sah auf. „Es wäre wunderbar, einen anderen Wohltäter aus dem Hut zu zaubern, der ein Gegenangebot macht und uns alle in letzter Sekunde rettet.“ Er lächelte Cally zu. „Kennst du nicht vielleicht den einen oder anderen Millionär?“

Der Bleistift, mit dem Cally eben noch gekritzelt hatte, brach entzwei. „Nein, eigentlich nicht“, behauptete sie heiser und wich Kits forschendem Blick aus.

„Ich leider auch nicht.“ Er überlegte einen Moment, bevor er zögernd vorschlug: „Wir könnten nach der Besprechung gemeinsam zu Abend essen. Was hältst du von dem Italiener in der Hauptstraße?“

„Okay, aber wir müssen Tracy rechtzeitig Bescheid sagen, damit sie einen Babysitter für Brad engagiert. Es wird ihr gut tun, mal einen Abend herauszukommen.“

Die Enttäuschung darüber, dass Tracy mitkommen sollte, war Kit anzumerken, doch er versuchte nicht, Cally umzustimmen.

Als sie wieder allein in ihrem Büro saß, überlegte sie, dass sie eigentlich die Gelegenheit beim Schopf hätte ergreifen und Kit über ihre bevorstehende Abreise informieren sollen. Vielleicht ahnte er es sowieso, denn auch sein Vertrag lief bald aus. Die Hartleys hatten zwar zugesagt, das Kinderzentrum bis auf Weiteres nicht zu schließen, doch wie lange würden sie ihr Versprechen halten?

Als Eigentümer des örtlichen Kaufhauses konnten die Hartleys sich keine schlechte Presse leisten. Allerdings würden die Bewohner von Gunners Wharf berechtigt sein, in Sozialwohnungen zu ziehen. Und wenn die Stadt dies erst einmal organisiert hatte, würde sich auch keiner mehr dafür interessieren, dass die Menschen ihre Häuser zum großen Teil in Eigenregie renoviert hatten und es verdienten, dort wohnen bleiben zu dürfen.

Die kleine Gemeinschaft hat es nicht verdient, auseinandergerissen zu werden, dachte Cally. Wenn ich doch nur etwas tun könnte …

Du hättest etwas tun können, meldete sich eine innere Stimme. Wenn du einen anderen Lebensstil gewählt hättest und nicht fortgelaufen wärst.

Blicklos sah sie vor sich hin. Es tat so unbeschreiblich weh …

Da Cally nichts anderes hatte, zog sie für den Besuch im Rathaus ihre Arbeitskluft an.

Es stellte sich heraus, dass die Firmenvertreter nicht nur ein Modell des Bauprojekts mitgebracht hatten, sondern auch einen Videofilm, den sie im Konferenzsaal zeigen wollten. Viele Konferenzen hatten dort noch nicht stattgefunden, eher Antik- und Handwerkermärkte und Blumenschauen, wenn das Wetter zu schlecht für eine Veranstaltung im Freien gewesen war.

Der Bürgermeister und seine Entourage waren sichtlich stolz, dass der Raum endlich einmal seiner Bestimmung entsprechend genutzt wurde.

Die Veranstaltung hatte viele Leute angelockt. Die meisten hatten sich um die Tische geschart, auf denen das maßstabsgetreue Modell aufgebaut war. Die anderen standen in der Nähe des aus auserlesenen Speisen bestehenden Büfetts.

Kellner reichten Champagner und Appetithappen, vermutlich auf Kosten von Eastern Crest.

Die wollen uns offensichtlich einwickeln, dachte Cally, die mit Kit und Tracy an der Tür stand und überlegte, wen sie ansprechen sollten. Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, denn einen Moment später kamen Gordon Hartley und sein jüngerer Bruder Neville aus zwei verschiedenen Richtungen auf sie zu. Man sah ihnen schon von Weitem an, wie ungehalten sie waren.

„Ich wusste nicht, dass Sie auch eingeladen worden sind.“ Gordon sprach Kit an. Den beiden jungen Frauen schenkte er keinerlei Beachtung. „Bitte gehen Sie wieder, und zwar sofort.“

Kit hielt drei Karten hoch. „Wie Sie sehen, sind wir geladene Gäste. Wir wollen uns wenigstens ein Bild davon machen, was uns erwartet.“

„Gar nichts erwartet Sie.“ Nun mischte sich auch Neville ein. „Sie stehen auf verlorenem Posten, was wollen Sie hier also? Unsere Mutter mag Sie mit ihrer Wohltätigkeit bedacht haben, wir tun es nicht.“

Kit ließ sich jedoch nicht beirren. „Wir wollen uns die Baupläne und das Modell ansehen und wenn möglich mit einem Vertreter von Eastern Crest sprechen.“

Cally bewunderte, wie gelassen er war. Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Da werden Sie kein Glück haben.“ Gordon kam bedrohlich näher. „Der Vorstandsvorsitzende übernimmt die Präsentation selbst. Er hat ganz sicher keine Zeit für Sie. So, und nun verschwinden Sie endlich, bevor er Sie an die Luft setzen lässt.“

Die lauten Stimmen der Brüder hatten andere Gäste auf die kleine Gruppe aufmerksam gemacht. Cally fing einige neugierige Blicke auf. Sie fühlte sich unwohl und begann zu beben. Wir sollten wirklich nicht hier sein, dachte sie und zog Kit am Ärmel. „Hör mal, wir sollten vielleicht …“

Doch plötzlich verstummte sie, denn ihr war bewusst geworden, dass es ganz still im Konferenzsaal geworden war und sich jemand einen Weg durch die Menge zu Kit, Tracy und ihr bahnte.

Es war ein großer Mann mit schmalem sonnengebräunten Gesicht und leicht zerzaustem schwarzen Haar. Sein Gesicht hatte fast arrogante Züge. Ein Gesicht, das sie niemals hatte vergessen können. Die elegante, sportliche Erscheinung im Designeranzug kam unaufhaltsam näher.

Cally stockte der Atem. Seit über einem Jahr hatte sie sich vor diesem Augenblick gefürchtet. Doch es gab kein Entrinnen. Sie konnte nur abwarten und hoffen, dass alles nur halb so schlimm werden würde.

Im nächsten Moment stand der blendend aussehende Mann vor ihr und sah sie mit seinen grauen Augen an. Sein Blick ging ihr durch und durch. „Guten Abend“, begann ihr Gegenüber kühl, „stimmt etwas nicht?“

Er spielt mit mir, nach seinen Spielregeln, dachte Cally. Aber außer ihr hatte das niemand bemerkt.

„Diese Störenfriede haben sich hier eingeschlichen, Sir Nicholas“, erklärte Neville Hartley prompt. „Doch wir haben die Sache im Griff. Wenn Sie also wieder zu Ihren Gästen zurückkehren möchten …“

„Gleich“, antwortete der Mann ruhig und wandte sich Kit zu. „Darf ich fragen, wer Sie sind?“

„Christopher Matlock. Ich bin Leiter des Kinderzentrums und Vertreter der Hausbewohnerinitiative am Gunners Wharf. Durch Ihr Bauvorhaben werden wir bald auf der Straße sitzen, wenn sich nicht doch noch ein Kompromiss finden lässt. Darüber wollten wir gern mit Ihnen sprechen.“

„Aha.“ Der Mann nickte. „Ich habe davon gehört.“ Er wandte sich Tracy zu, die schrecklich nervös war. „Und Sie sind …?“, fragte er mit einem charmanten Lächeln, das seinen Zügen die Härte nahm.

„Tracy … Tracy Andrews.“ Kit übernahm die Vorstellung, als ihm bewusst wurde, dass Tracy keinen Ton herausgebracht hätte. „Sie gehört zu den Hausbewohnern.“ Er wandte sich Cally zu. „Und dies ist meine Verwaltungsassistentin.“

„Danke, Sie brauchen uns nicht miteinander bekannt zu machen“, erklärte der Mann. „Wir kennen uns, nicht wahr, Caroline, meine Liebe?“ Er umfasste ihr Kinn und küsste Cally flüchtig auf den Mund. „Wird nicht allgemein behauptet, die Liebe wird stärker, wenn man einander vorübergehend nicht sieht? Ob das wohl stimmt? Du schaust nicht sehr erfreut aus, mich zu sehen.“

„Cally?“ Kit musterte sie schockiert. „Kennst du diesen Mann?“

Cally riss sich zusammen. „Ja“, antwortete sie. „Er heißt Nicholas Tempest.“

„Ich bin der Vorstandsvorsitzende von Eastern Crest.“ Sein auf Cally ruhender Blick war herausfordernd und warnend zugleich. „Nun verrat ihm auch noch den Rest, Liebling!“

Hilflos gehorchte sie. „Er ist mein Mann.“

2. KAPITEL

Einen Moment lang hatte sie das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Aber so viel Glück war ihr nicht beschert. Stattdessen hörte sie Nick wie aus weiter Ferne sagen: „Könnten Sie wohl einen Stuhl für meine Frau besorgen? Sie scheint einen Schock erlitten zu haben.“

Genau diese Herausforderung schien Cally gebraucht zu haben. Sie nahm sich zusammen und behauptete kühl: „Danke, nicht nötig. Mir geht es prima.“ Damit wandte sie sich Kit zu, der sie noch immer mit offenem Mund anstarrte, genau wie Tracy. „Bitte hole Tracy etwas zu trinken.“ Cally atmete tief durch. „Ich glaube, ich gehe jetzt lieber.“

„Noch nicht, Liebling.“ Nicks Stimme klang ganz sanft, doch der Griff, mit dem er Cally plötzlich am Handgelenk festhielt, war das genaue Gegenteil. „Du hast dir ja solche Mühe gegeben, mich heute Abend zu treffen, dann kannst du jetzt auch sagen, was du auf dem Herzen hast.“

Cally presste die Lippen zusammen. Nick hielt ihre linke Hand gefangen, auf deren Ringfinger einige Stunden lang der Ehering gesteckt hatte. Die Tatsache, dass Cally ihn nicht mehr trug, war ihrem Mann nicht verborgen geblieben. Am liebsten hätte Cally sich losgerissen, besann sich jedoch eines Besseren, denn sie wollte weiteres Aufsehen vermeiden. Daher erwiderte sie nur kurz angebunden: „Kit ist unser Sprecher. Vielleicht könntest du es morgen einrichten, mit ihm zu sprechen.“

„Leider reise ich morgen gleich nach dem Frühstück ab. Aber ich hätte heute Abend nach der Präsentation Zeit für ein Gespräch.“

„Aber wir wollten essen gehen.“ Der Champagner schien Tracys Zunge gelöst zu haben. „Beim Italiener. Meine Nachbarin passt auf mein Baby auf“, fügte sie strahlend hinzu.

„Gut, dann schließe ich mich Ihnen an.“ Nick hatte sofort eine Lösung parat. „Wir können uns bei Kalbsschnitzel in Marsala unterhalten.“

Tracy blickte ihn starr an. „Ich wollte aber Lasagne bestellen.“

„Warum nicht?“ Nicks charmantes Lächeln wirkte entwaffnend. „Und dann erzählen Sie mir alles über Gunners Wharf.“

„Das war ein Projekt unserer verstorbenen Mutter.“ Gordon Hartley mischte sich ein. Er machte einen fast verzweifelten Eindruck. „Leider ist sie gestorben, als das Vorhaben noch in den Kinderschuhen steckte. Die meisten Häuser sind daher noch nicht restauriert worden. Sie sind baufällig, die sanitären Anlagen funktionieren nicht, und sie sollten abgerissen werden.“

Cally war zwar aufgewühlt und angespannt, doch diese Lüge konnte sie Gordon Hartley nicht durchgehen lassen. „Sie wissen ganz genau, dass das so nicht stimmt. Die Hälfte der Straße ist bereits saniert, und an den anderen Häusern wird gearbeitet.“

„Aber darüber wollen wir später sprechen.“ Nick hatte Cally inzwischen losgelassen, und sie rieb sich das schmerzende Handgelenk. „Ich habe noch einiges zu erledigen, wir müssen diese Diskussion also aufschieben.“

„Es gibt eigentlich nichts zu diskutieren, Sir Nicholas.“ Neville Hartley unterstützte seinen Bruder. „Wir haben unseren Standpunkt doch klar vertreten.“

„Ja, Ihre Meinung habe ich gehört“, antwortete Nick und wandte sich Kit zu. „Wo treffen Sie sich zum Abendessen?“

„Das Restaurant heißt ‚Toskana‘ und liegt in der Hauptstraße.“

„Gut, dann treffen wir uns dort in einer Stunde.“ Nick sah Cally bedeutungsvoll an. „Und zwar alle, damit das klar ist.“ Dann lächelte er in die Runde und verschwand in die Richtung, aus der er gekommen war.

Die Gebrüder Hartley sahen einander besorgt an.

Cally konnte ihr Dilemma verstehen. Als Lady Tempest, Frau des dynamischen Vorstandsvorsitzenden von Eastern Crest, wäre sie als Ehrengast geladen gewesen, doch wie sollte man jetzt mit ihr umgehen? Offensichtlich lebte sie ja von ihrem Mann getrennt. Und sie hatte sich von Anfang an für Gunners Terrace eingesetzt.

Schließlich sagte Neville Hartley: „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.“ Dann verschwand er wütend mit seinem Bruder.

„Das wollten wir eigentlich sagen“, rief Cally ihnen feindselig nach.

Kit betrachtete sie, als sähe er sie das erste Mal. „Ich fasse es nicht. Du bist verheiratet? Mit ihm?“ Er schüttelte nur ungläubig den Kopf.

„Ja, aber nicht mehr lange. Wenn ich zwei Jahre getrennt von ihm gelebt habe, ist die Scheidung kein Problem mehr.“

„Sieht er das auch so?“, fragte Kit.

„Wie meinst du das?“

„Es hat dich überrascht, ihn hier zu sehen, wohingegen er offensichtlich nur auf dich gewartet hat.“

„Er sieht toll aus“, stellte Tracy neidisch fest. „Ich würde mich freuen, wenn er auf mich warten würde.“

Cally rang sich ein Lächeln ab. „Du kannst ihn im Restaurant mit Beschlag belegen. Ich habe genug für heute und gehe jetzt nach Hause.“

„Das geht nicht, Cally.“ Kit sah sie entsetzt an. „Du hast doch gehört, was er gesagt hat: Er ist bereit, sich unseren Standpunkt anzuhören, vorausgesetzt, wir sind alle anwesend. Wir stehen kurz vor dem Ziel, Cally. Du darfst uns jetzt nicht im Stich lassen.“

„Ich würde euch nur schaden.“ Sie ließ den Kopf hängen.

„Im Gegenteil. Du musst kommen.“ Kit sah sie beschwörend an.

„Ich kann ihn nicht treffen. Es ist einfach zu viel passiert.“

„Dann betrachte es als Geschäftsessen.“ Kit gab nicht nach. „Fünfzig Prozent aller Abschlüsse werden angeblich beim Essen getätigt.“

„Meinst du wirklich, er macht Zugeständnisse?“

„Klar. Warum sollte er sich sonst mit uns treffen? Er hätte ja auch darauf bestehen können, mit dir allein essen zu gehen. Ich glaube, wir können uns Hoffnungen machen.“

„Nick spielt mit den Menschen. Außerdem weiß er genau, was er will“, gab Cally zu bedenken.

„Trotzdem ist es einen Versuch wert.“ Kit senkte den Kopf, bevor er leise hinzufügte: „Sag mal, hättest du mir irgendwann erzählt, dass du verheiratet bist?“

„Wozu? Ich bin so gut wie geschieden.“

„Warum trägt er einen Titel?“, fragte Tracy.

„Er ist ein Baronet. Den Titel hat er von einem entfernten Vetter geerbt.“

„Mit viel Land und Geld? Ach, wie romantisch!“ Tracy war ganz hingerissen.

„Das meiste Land war bereits verkauft. Und Millionär war Nick sowieso schon. Eigentlich hat er neben dem Titel nur ein ziemlich verfallenes Haus geerbt.“

„War es Liebe auf den ersten Blick? Als ihr euch kennengelernt habt, meine ich. Du musst ihn ja attraktiv genug gefunden haben, ihn zu heiraten.“ Tracy musterte Cally erwartungsvoll.

„Es war eigentlich nur so etwas wie eine geschäftliche Vereinbarung“, erklärte Cally. „Ich habe leider zu spät gemerkt, dass ich dafür doch nicht geschaffen bin. So, und nun möchte ich nicht mehr darüber sprechen.“ Das werde ich noch früh genug tun müssen, wenn es nach Nick geht, dachte sie. Immerhin bin ich einfach fortgelaufen, ohne Erklärung, und habe ihn vor aller Welt zum Narren gehalten. Das wird er mir nicht so leicht verzeihen.

Er würde eine Erklärung für ihr Verhalten verlangen. Also musste sie sich etwas Überzeugendes ausdenken, denn die Wahrheit würde sie ihm nicht sagen können, die war in ihrem tiefsten Innern verschlossen.

Cally entschuldigte sich bei den anderen und ging eine Steintreppe hinunter zu den Waschräumen. Beim Blick in den Spiegel stellte sie fest, dass sie förmlich glühte. Ihre Augen glänzten, und ihre Wangen waren gerötet. Da sie Fragen des Mitgefühls nach ihrer Gesundheit umgehen wollte, hielt sie ein Papiertuch unter kaltes Wasser und legte es sich zur Kühlung auf die Stirn.

Schon viel besser, dachte sie nach einer Weile. Sie musste kühl und gelassen wirken und durfte sich keine Blöße geben, wenn sie später mit Nick über die Scheidung reden würde. Einer Annullierung der Ehe würde er kaum zustimmen, das ließe sich nicht mit seiner männlichen Eitelkeit vereinbaren. Es wäre zu blamabel für ihn, wenn herauskäme, dass er seine Frau nicht einmal angerührt hatte. Zumal er doch der Eroberertyp war. Allerdings hatten sich die Leute bei der Hochzeit wohl gefragt, was er mit einem so unscheinbaren Mädchen wollte.

Nick hatte sie nicht wegen ihres Aussehens geheiratet, sondern aus einem ganz anderen Grund, den sie aber lieber vergessen wollte. Das war jetzt sowieso alles gleichgültig, denn sie wollte nur ihre Freiheit zurückhaben.

Während der vergangenen Monate hatte sie bewiesen, dass sie in der Lage war, für sich selbst zu sorgen. Luxus konnte sie sich natürlich nicht leisten, doch es reichte, um sich über Wasser zu halten. Sie plante, nach der Scheidung Kurse zu besuchen und einen richtigen Beruf zu erlernen. Dann würden ihr alle Türen offen stehen. Eines Tages würde sie dann auch vergessen können, dass sie einmal mit Nick Tempest verheiratet gewesen war.

„Ach, hier steckst du.“ Tracy hatte den Waschraum betreten. „Kit hatte schon Angst, du hättest dich aus dem Staub gemacht.“

„Nein.“ Cally hatte sich das Gesicht gepudert und wirkte wieder recht blass. Jetzt kämmte sie ihr Haar.

„Benutz deinen Lippenstift“, riet Tracy ihr.

„Ich habe keinen dabei.“ Das stimmte zwar nicht, doch Cally dachte nicht daran, sich herauszuputzen. Das würde Nick sofort merken und ihn veranlassen, sich Hoffnungen machen.

„Kit hat vorgeschlagen, uns auf ein Glas im ‚White Hart‘ zu treffen. Dabei könnten wir unsere Strategie besprechen“, fuhr Tracy fort.

„Okay, geh schon mal vor, ich komme gleich nach.“

Als sie schließlich vor dem italienischen Restaurant standen, war Cally noch angespannter. Die Strategiebesprechung im „White Hart“ war unergiebig und unerfreulich verlaufen. Kit schien immer noch verärgert zu sein, dass Cally ihm ihre Ehe verschwiegen hatte.

Nick saß bereits am besten Tisch und sah ihnen entgegen, als sie schließlich das Restaurant betraten. Er war in Begleitung eines blonden untersetzten Mannes gekommen, den er als Projektarchitekt Matthew Hendrick vorstellte.

Cally, die entschlossen gewesen war, keinesfalls neben Nick zu sitzen, fand sich auf dem Stuhl ihm gegenüber wieder, was fast noch schlimmer war.

Während Speisekarten verteilt, Brot gebracht und Wein gereicht wurde, spürte sie die ganze Zeit Nicks Blick auf sich gerichtet. Hoffentlich dankt er seinem Schicksal, nicht mit mir zusammenleben zu müssen, dachte Cally. Allerdings spürte sie instinktiv, dass ihre Hoffnung vergebens war.

Ohne Appetit aß sie ein Antipasto und rührte auch das aus Poularde in Weißwein bestehende Hauptgericht kaum an, sondern versuchte, sich auf die lebhafte Diskussion zu konzentrieren, die hauptsächlich von Kit und Matthew Hendrick geführt wurde. Nick schien aufmerksam zuzuhören. Genau darauf kommt es an, dachte Cally. Hier ging es nicht um ihr Schicksal, sondern um das der Hausbewohner von Gunners Terrace.

Eigentlich hätte sie sich auch an dem Gespräch beteiligen sollen, doch sie war sich ihres Gegenübers zu bewusst und wurde dadurch abgelenkt. Dessert und Kaffee lehnte sie dankend ab. Insgeheim hoffte sie, nun bald gehen zu können. Vergeblich.

„Gute Nacht, Miss Andrews, Mr. Matlock.“ Nick stand auf und verabschiedete sich höflich per Handschlag. „Wir treffen uns morgen früh um neun vor Ort, Matthew. Meine Frau und ich bleiben noch etwas hier und feiern unser Wiedersehen.“ Er lächelte verhalten. „Wir haben uns einiges zu erzählen, nicht wahr, meine Süße?“

Cally wollte protestieren, besann sich jedoch anders und beschloss, Gelassenheit zu demonstrieren, so schwer ihr das auch fallen würde.

Kit schien noch immer verärgert zu sein. Am liebsten hätte sie ihn gebeten, noch zu bleiben, doch das wäre nicht fair gewesen. Die gemeinsame Arbeit hatte ihr Spaß gemacht, doch mehr würde nie zwischen ihnen sein, selbst wenn Cally ungebunden gewesen wäre. Er hatte sich falsche Hoffnungen gemacht.

Außerdem wollte sie das Treffen vor Ort nicht dadurch gefährden, dass sie den Vorstandsvorsitzenden verärgerte und er es sich anders überlegte.

Als die anderen gegangen waren und Nick sich wieder gesetzt hatte, sagte Cally leise: „Ich finde, jemand sollte mich jetzt über meine Rechte aufklären.“

„Ich kenne meine bereits. Immerhin hatte ich lange genug Zeit, mich zu informieren.“ Nick winkte den Ober heran, um sich noch einen Espresso zu bestellen.

„Danke, ich möchte nichts“, lehnte Cally schnell ab.

„Dann kannst du mir Gesellschaft leisten, und wir unterhalten uns, während ich meinen Espresso genieße. Ist das nicht ein heimeliges Bild?“

Cally beschloss, sofort zur Sache zu kommen. „Hör mal, Nick, muss das sein? Können wir nicht einfach akzeptieren, dass unsere Ehe kein guter Einfall war, und es dabei belassen? Ich würde jetzt wirklich gern nach Hause gehen.“

„Ein ausgezeichneter Vorschlag. Leider ist mein derzeitiges Zuhause das Majestic Hotel, das allerdings nichts Majestätisches an sich hat. Aber wenigstens haben sie mir die Hochzeitssuite überlassen. Findest du das nicht sehr passend?“ Er trank seinen Espresso aus. „Wollen wir los?“

Das Herz schlug ihr plötzlich bis zum Hals. Das kann doch nicht Nicks Ernst sein, dachte sie verstört und sagte leise: „Ich gehe nirgends mit dir hin. Du scheinst vergessen zu haben, dass ich dich verlassen habe.“

„Nein, Liebling, daran erinnere ich mich nur zu genau. Die Tinte auf der Heiratsurkunde war ja kaum getrocknet, als du dich aus dem Staub gemacht hast.“

„Ich schulde dir wohl eine Erklärung.“

„Allerdings! Und eine Entschuldigung dafür, dass du mich vor aller Öffentlichkeit bloßgestellt hast.“

Cally senkte den Kopf. „Ja, natürlich. Es tut mir leid.“

„Ist das alles?“

Du hast mich auch bloßgestellt, allerdings nicht in der Öffentlichkeit, dachte sie und sah ihn an. „Ich hatte keine Wahl, ich musste es tun.“ Zögernd fragte sie: „Was hast du den Leuten denn erzählt?“

„Jedenfalls nicht die Wahrheit, denn die wusste ich ja nicht. Du hast ja nicht mal einen Abschiedsbrief hinterlassen. Ich habe den Leuten erklärt, dass du es dir anders überlegt hast und wir uns entschlossen haben, uns zu trennen. Zuerst wusste ich ja selbst nicht, was los war. Du hattest den Wagen genommen, und ich befürchtete, du könntest einen Unfall gehabt haben. Was glaubst du, wie viel Zeit ich damit verschwendet habe, alle Krankenhäuser in der Umgebung anzurufen? Schließlich meldete sich die Polizei, weil die Beamten junge Leute mit dem Wagen erwischt hatten. Sie hatten das Auto am Bahnhof gestohlen und zu Schrott gefahren. Der Schalterbeamte am Bahnhof hat dich auf unserem Verlobungsfoto erkannt und sich erinnert, dass du einen Einzelfahrschein nach London gelöst hast. Das gab der Geschichte eine neue Richtung.“

Cally betrachtete interessiert das weiße Tischtuch. „Dann hast du mich also gesucht?“

„Nein, zunächst nicht. Dazu war ich zu wütend. Ich habe dich dorthin gewünscht, wo der Pfeffer wächst.“

„Dabei hättest du es auch belassen sollen.“

„Vielleicht. Dann aber habe ich es mir anders überlegt.“

„Wie … wie hast du mich denn gefunden?“

„Abgesehen von den ersten Wochen wusste ich immer, wo du bist.“

Cally erschauerte und schloss kurz die Augen. „Und ich dachte, ich hätte alle Spuren verwischt. Ich bin doch so oft umgezogen, dass sich meine Spur irgendwann verlieren musste.“

„Es war einfach, dich zu finden. Nur die Entscheidung, was ich mit dem Wissen anfangen sollte, war schwierig. Anfangs hatte ich noch gehofft, du würdest zu mir zurückkommen, denn ein Leben an meiner Seite wäre vielleicht doch erträglicher gewesen als die Arbeit in irgendwelchen Imbissen. Doch irgendwann musste ich diese Hoffnung aufgeben.“

„Ich dachte, ich sei frei. Stattdessen hast du mich nur an der langen Leine laufen lassen.“

Nach kurzem Schweigen fragte Nick: „Warum bist du hergekommen?“

„Hier lebt es sich genauso unauffällig wie in anderen verschlafenen Städten.“

„Diese Stadt sieht allerdings einer rosigen Zukunft entgegen. Jemand hat nämlich entdeckt, dass man von hier aus gut nach London pendeln kann. Deshalb soll Gunners Wharf ausgebaut werden.“

„Und deshalb bist du hier.“

„So eine Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen“, antwortete er langsam, und Cally wusste, dass er damit nicht das Bauvorhaben meinte. Sie wurde immer nervöser, versuchte jedoch, sich nichts anmerken zu lassen. „Dann ist Eastern Crest auch eine Neuerwerbung? Jedenfalls hatte ich den Namen vorher noch nicht gehört.“

„Du warst ja fort, mein Liebling. Wie konntest du dich da auf dem Laufenden halten? Ich habe deine Abwesenheit genutzt, weitere Firmen zu kaufen. Was hättest du übrigens getan, wenn du Eastern Crest mit mir assoziiert hättest?“

Cally überlegte eine Weile, bevor sie erschöpft erwiderte: „Offensichtlich war es ja sinnlos, mich vor dir zu verstecken. Außerdem müssen wir uns wohl früher oder später über die Scheidung unterhalten. Aber warum ausgerechnet jetzt?“

„Weil ich gehört habe, dass du mit jemandem zusammen bist“, erklärte Nick ausdruckslos. „Es schien mir also der richtige Moment gekommen zu sein, um einzugreifen. Deinem Kollegen Mr. Matlock scheint es nicht zu passen, dass du verheiratet bist. Du hast doch wohl keine Versprechungen gemacht, die du nicht halten kannst, oder, Liebling?“

„Ich bin mit niemandem zusammen. Und Kit hat kein Recht, verärgert zu sein. Du hättest dir diesen Auftritt also sparen können.“ Cally funkelte ihn wütend an.

„Du hast ja selbst ganz richtig erkannt, dass wir uns über die Zukunft unterhalten müssen. Dann lass uns das tun.“ Nick lächelte freudlos. „Abgesehen von deiner Abwehrhaltung hast du dich kaum verändert, mein Schatz.“

„Du hast das bisher nur nicht bemerkt.“

„Ich habe ziemlich viel bemerkt“, widersprach er. „Und ich hätte mich darauf eingestellt. Doch du hast mir keine Gelegenheit dazu gegeben, sondern bist auf und davon, als wäre ich ein Massenmörder.“

„Nun übertreib mal nicht! Ich war nur nicht bereit, mein Leben nach deinen Regeln zu führen.“

Nick sah sie erstaunt an. „Ich wusste gar nicht, dass ich Regeln aufgestellt habe.“

„Du hast mich geheiratet“, sagte sie leise. „Die Ehe bringt gewisse … Verpflichtungen mit sich.“

„Aha, jetzt kommen wir der Sache näher. Mit anderen Worten: Du wolltest nicht mit mir schlafen.“ Nick betrachtete sie nachdenklich. „Zugegeben, wir hatten keine Verlobungszeit, um uns aneinander zu gewöhnen, aber du hast mir nie den Eindruck vermittelt, mich abstoßend zu finden.“

Cally senkte den Kopf. „Jetzt weißt du es.“

Nick tat, als hätte er nichts gehört. „Es gab sogar Momente, in denen ich mir sicher gewesen bin, dass du mich besonders anziehend gefunden hast. Oder habe ich mir das alles nur eingebildet?“

Nein, dachte Cally und errötete. Das hast du dir leider nicht eingebildet. Laut sagte sie: „Klar, dass du das glaubst. Alles andere würde ja auch das Image deiner Unwiderstehlichkeit beschädigen.“

„Wäre ich je so eingebildet gewesen, hättest du mich spätestens aller Illusionen beraubt, als du weggelaufen bist“, entgegnete er in frostigem Ton.

„Du hast dich sicher schnell getröstet.“ Cally bereute diesen Vorwurf sofort.

„Was hast du denn gedacht, Liebling? Du hast dir doch nicht eingebildet, ich würde fortan wie ein Mönch leben und meine Wunden lecken?“

„Erwartest du etwa, dass es mich interessiert?“ Solange ich es nicht mit ansehen muss, fügte sie in Gedanken hinzu.

Das Gespräch hatte sie sehr aufgewühlt. Wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, dass die Mauern, die sie um sich her errichtet hatte, auf einen Schlag zum Einsturz gebracht wurden, musste sie sich jetzt schleunigst in Sicherheit bringen.

Cally atmete tief durch. „Bitte lass es uns dabei belassen, Nick. Sonst werfen wir uns noch Sachen an den Kopf, die wir später bereuen. Am besten wäre es, unsere Anwälte zu beauftragen, alles zu regeln. Einverstanden?“

„Nein, denn ich will mich nicht scheiden lassen.“

Sie schaute ihn ungläubig an. „Aber du kannst doch nicht mit jemandem verheiratet sein wollen, der nicht mit dir zusammenleben will.“

„Da hast du recht. Natürlich wünsche ich mir eine Frau, die Tisch und Bett mit mir teilt.“ Er lächelte und ließ den Blick über sie gleiten.

Er zieht mich mit Blicken aus, dachte sie und begann zu beben.

„Ich begehre dich, meine Süße“, fügte er leise hinzu. „Komm zu mir zurück, und als Belohnung weise ich Matthew Hendrick an, dein Bauprojekt zu retten und es in unser Großprojekt zu integrieren. Solltest du mein Angebot ablehnen, kommt nächste Woche die Abrissbirne. Das ist mein letztes Wort. Die Zukunft von Gunners Terrace liegt also ganz allein in deiner Hand, Liebling.“

„Du Schuft!“ Cally war außer sich. „Du überträgst mir die Verantwortung für das Leben und das Glück anderer Menschen. Das … das ist ja Erpressung!“

„Ich sehe das etwas anders. Du hast neben mir in der Kirche gestanden und gewisse Versprechen gegeben. Ich weiß es noch wie heute. Du hast ein weißes Hochzeitskleid mit entzückenden kleinen Knöpfen getragen, die ich am liebsten mit meinen Zähnen geöffnet hätte.“

Bei den Worten sah er sie so sinnlich an, dass Cally erschauerte.

„Und jetzt möchte ich, dass du dein Versprechen einlöst, meine Süße. Ich finde nämlich, ich habe jetzt lange genug gewartet. Du musst zugeben, dass unsere Hochzeitsnacht überfällig ist.“

Cally war wie betäubt. „Willst du damit sagen, du würdest mich mit Gewalt …?“

„Selbstverständlich nicht! Es wird aber Zeit, dass dein wunderschöner Körper zum Leben erweckt wird. Als du das letzte Mal in meinen Armen gelegen hast, warst du sehr einverstanden mit der Vorstellung.“

Cally musterte Nick empört. „Dein Vorschlag ist unglaublich. Du bildest dir doch wohl nicht ein, dass ich mich darauf einlassen werde?“

Nick zuckte die Schultern. „Du bist heute Abend freiwillig hergekommen, Cally, weil du um einen Gefallen bitten wolltest. Um einen Riesengefallen, um genau zu sein. Und von mir erfährst du jetzt den Preis, den dich dieser Gefallen kostet. Es liegt an dir, ob du ihn bezahlen willst und dir Gunners Terrace und seine Bewohner wirklich so am Herzen liegen, wie du behauptest.“

„Ich soll sie zu meinen Lasten retten?“

„Nur zu Lasten eines Jahres. Eines Jahres unseres Zusammenlebens, um das du mich durch deine Flucht gebracht hast. Das sollte genügen, um deine Schulden bei mir abzutragen und mir das zu geben, was ich von dir will.“

Cally befeuchtete ihre Lippen. „Verstehe ich dich richtig: Du willst mich zurückhaben, aber nur für einen begrenzten Zeitraum?“

Er nickte. „Genau so lange, wie es dauert, mein Kind zu gebären. Bitte entscheide dich schnell, das Lokal wird gleich geschlossen.“

Schockiert sah Cally ihn an. Sie musste sich verhört haben. Schließlich hatte sie sich so weit gefangen, dass sie ihre Umgebung wieder wahrnahm. Dabei stellte sie fest, dass sie tatsächlich die letzten Gäste waren und die Kellner sich am anderen Ende des Lokals versammelt hatten, wo sie sich unterhielten.

Es kostete sie große Überwindung, ihr Gegenüber anzusehen. „Habe ich dich richtig verstanden? Du willst ein Baby mit mir haben? Das ist völlig absurd. Ganz unmöglich!“

„Es ist mein Ernst, Cally. Ich will einen Erben. Dabei ist es mir gleichgültig, ob wir einen Sohn oder eine Tochter haben werden.“

„Ist das der Grund …?“

„Ich habe Wylstone Hall geerbt, weil ich Ranald Tempests einziger Verwandter war“, erklärte Nick. „Aber ich kannte ihn kaum. Ich möchte meinen Besitz meinem eigenen Fleisch und Blut vererben und nicht irgendeinem entfernten Verwandten, dem ich vielleicht noch nie begegnet bin. Bitte erfülle mir diesen einen Wunsch, Cally. Dann willige ich in die Scheidung ein. Und eine großzügige Abfindung bekommst du auch“, fügte er nach kurzem Zögern hinzu.

Geld, dachte sie. Er spricht von Geld. Wahrscheinlich werde ich nie wieder arbeiten müssen, wenn ich es nicht will. „Und danach?“, fragte sie mit bebender Stimme. „Falls ich ein Kind bekommen sollte, was passiert danach?“

„Darüber müssen wir verhandeln. Aber ich würde gemeinsames Sorgerecht vorschlagen. Jedenfalls zunächst.“

„Du musst den Verstand verloren haben“, sagte Cally und sah ihn starr an.

„Wieso? Weil ich mir von meiner Frau ein Baby wünsche? In meinen Ohren klingt das ganz normal.“

„Wir führen aber keine normale Ehe.“

„Das könnte sich schnell ändern, Cally.“

„Hast du mich deshalb geheiratet? Fragte sie leise. „Weil ich jung und gesund bin? Du wolltest mich nur als Brutkasten!“

Nick schüttelte den Kopf. „Wir alle haben Pläne. Ich verrate dir ein Geheimnis, Cally, ich fand dich auch sehr begehrenswert.“

Cally legte die Arme um sich, als wollte sie sich vor ihm schützen, was Nick mit einem amüsierten Lächeln quittierte. „Aber es gibt doch noch andere Frauen.“ Schnell versuchte sie, gewisse Bilder, die vor ihrem geistigen Auge auftauchten, zu verdrängen. „Du könntest dich schnell von mir scheiden lassen und eine andere Frau heiraten, die du glücklich machen und mit der du eine Familie gründen kannst.“

„Darüber habe ich natürlich nachgedacht. Ich glaube aber, ich eigne mich nicht als Ehemann. Eine unglückliche Ehe reicht mir. Ich habe nicht vor, dich zu ersetzen. Du kannst ja kaum abwarten, mich loszuwerden. Also besteht auch nicht die Gefahr, dass du bleiben willst, wenn du dein Versprechen eingelöst hast.“

„Und du kannst tun und lassen, was du willst, oder?“

„Genau, mein Schatz. Wie gut du mich kennst.“ Nick lächelte frech.

„Dann hör mir mal genau zu: Es gibt keine Garantie, dass ich schwanger werde. Vielleicht kann ich gar keine Kinder bekommen.“

„Das Risiko gehe ich ein.“ Er begegnete ihrem Blick. „Nimmst du die Pille?“

Schweigend schüttelte sie den Kopf. Warum hätte sie die nehmen sollen? Sie hatte ja die ganze Zeit allein gelebt.

„Gut, du wirst sie auch weiterhin nicht nehmen, wenn du wieder bei mir lebst. Aber es ist allein deine Entscheidung, was du tust. Ganz einfach.“

Ganz einfach! Cally konnte sich kaum beherrschen. „Das ist also deine Rache. Du willst mich demütigen. Ich soll für meine Flucht bezahlen.“

„Da wärst du aber ganz schön im Rückstand, Süße.“ Nick wurde ernst. „Sag mal, warum hast du eigentlich meinen Heiratsantrag angenommen, wenn dich das alles so erniedrigt?“

„Aus Dankbarkeit, glaube ich. Alles war so ein heilloses Durcheinander, und du hast uns gerettet. Ich habe mich nie richtig dafür bedankt, aber ich tue es jetzt. Vielen Dank für alles, was du für meinen Großvater und mich getan hast.“

„Ich erwarte mehr als Worte, Cally.“

„Mehr kann ich dir nicht geben“, antwortete sie mit bebender Stimme. „Ich könnte versuchen, dir das Geld zurückzuzahlen, aber ich werde nicht das tun, was du von mir erwartest. Das musst du doch einsehen. Ich kann es nicht.“

Nick betrachtete sie einen Moment lang forschend. Dann zog er ein Handy aus der Sakkotasche.

„Wen willst du anrufen?“

„Matthew. Ich sage das Treffen am Wohnprojekt ab. Du kannst den Bewohnern dann morgen mitteilen, dass ihr Projekt endgültig gescheitert ist. Am besten fängst du schon mal an zu überlegen, wie du ihnen das beibringen willst. Auf alle Fälle werden sie dir die Schuld geben.“

„Nein.“ Sie bekam kaum Luft. „Warte!“

„Ja?“ Er sah sie erwartungsvoll an, das Handy noch immer in der Hand.

Cally senkte den Blick auf ihre im Schoß verschränkten Hände. „Gunners Terrace ist mir wichtig. Wichtiger, als ich gedacht habe. Auch meine Freiheit ist mir wichtig, wenn du sie mir dann eines Tages zurückgibst. Ich möchte eine schriftliche Garantieerklärung, dass ich meine Freiheit zurückbekomme.“

„Kein Problem.“ Nick steckte das Telefon wieder ein.

Sie sah ihm direkt in die Augen. „Also gut, dann bin ich einverstanden. Vorausgesetzt, du lässt mir etwas Zeit, mich an die veränderten Umstände zu gewöhnen.“

„Warum sollte ich?“

„Weil du doch sicher auch nicht willst, dass unser Kind aus Hass geboren wird.“

„Du hasst mich?“ Nick sah sie amüsiert an.

„Sicher.“

„Und was schlägst du vor? Ein Kind der Liebe?“

Cally zuckte zusammen. „Ich dachte, wir könnten uns vielleicht auf einen Kompromiss einigen. Hattest du nicht vorhin etwas von Zugeständnissen gesagt?“

„Wie dumm von mir!“ Nick dachte einen Moment lang nach. „Also schön. Ich habe jetzt ein Jahr lang gewartet, da kommt es auf ein paar Tage mehr oder weniger auch nicht an.“ Er winkte den Ober an den Tisch, um die Rechnung zu begleichen. „Aber ich warne dich, Liebling. Halte mich nicht zu lange hin. Haben wir uns verstanden?“

Sie nickte, stand auf und verließ das Restaurant an der Seite ihres Mannes.

3. KAPITEL

Er fuhr einen neuen Wagen, dessen Chassis fast auf der Straße aufsaß, der windschnittig war und tiefe Ledersitze hatte, in denen man versank. Aus den Boxen erklang eins von Bachs Brandenburgischen Konzerten. Alles sehr verführerisch und angenehm. Fast hätte sie sich einwickeln lassen.

Cally richtete sich auf. „Wohin fahren wir?“, fragte sie leise.

„Zum Hotel“, antwortete Nick. „Wohin sonst?“

„Ich würde lieber in meine Wohnung zurückkehren.“

„Dort hast du doch sicher kein Doppelbett. Die Suite im Majestic ist sicher etwas bequemer.“

Cally musterte ihn ärgerlich von der Seite. „Aber du hast versprochen zu … Verflixt, ich hätte wissen müssen, dass ich dir nicht vertrauen kann.“

„Danke, gleichfalls, mein Schatz. Hast du wirklich gedacht, ich würde dich noch ein einziges Mal aus den Augen lassen?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, Cally. Du wirst die Nacht mit mir verbringen, nur zur Sicherheit. Ich werde schon nicht gleich über dich herfallen“, fügte er trocken hinzu.

„Aber ich muss wenigstens meine Kleidung aus der Wohnung holen.“

„Wenn die Sachen so aussehen wie das, was du gerade trägst, können sie dort bleiben. Außerdem habe ich alles mitgebracht, was du brauchst, Cally. Vielleicht erinnerst du dich, dass du eine Aussteuer hast.“

Sie strich sich über den billigen Rock, als wollte sie das Kleidungsstück verteidigen. „Ja, ich erinnere mich.“

„Du hattest auch mal einen Ehering. Wo ist der?“

Cally sah aus dem Fenster. „Ich habe ihn weggeworfen.“

„Wie dramatisch!“, sagte Nick ironisch. „Du hättest ihn verkaufen sollen. Du musst doch Geld gebraucht haben.“

Ich fühlte mich aber so hintergangen, verwirrt und wütend, dass ich keinen klaren Gedanken fassen konnte, dachte sie, sprach es aber nicht aus.

„Ich werde dir einen neuen kaufen müssen.“

Cally sah ihn an. „Ist das wirklich nötig – für so eine kurze Zeit?“

„Es ist nun mal so üblich.“

„Und ich dachte immer, du machst dir nichts aus Konventionen. Übrigens werde ich ihn wieder wegwerfen, wenn ich meine Pflicht getan habe und wieder frei bin.“

„Tu, was du nicht lassen kannst, aber solange du meine Frau bist, wirst du meinen Ring tragen.“

War das eine versteckte Drohung?

„Und du wirst dich daran gewöhnen, das Bett mit mir zu teilen. Vielleicht gefällt es dir ja sogar“, fügte Nick amüsiert hinzu.

„Darauf würde ich mich nicht verlassen“, erwiderte Cally wütend. „Sag mal, wie willst du eigentlich meine plötzliche Rückkehr erklären?“

„Gar nicht“, antwortete Nick kühl. „Die Angelegenheit geht schließlich nur uns beide etwas an.“

Das stimmt wohl nicht ganz, dachte Cally, beschloss jedoch, nicht nachzuhaken. Eins musste sie allerdings noch wissen. „Du hast aber Adele Bescheid gesagt, oder? Sie wohnt doch noch im Herrenhaus, oder?“

„Nein, ich habe schon vor Monaten dafür gesorgt, dass sie ins Witwenhaus umzieht, als ich noch gehofft hatte, dass du aus freien Stücken zu mir zurückkehrst.“

Cally sah ihn überrascht von der Seite an. „Das hat ihr sicher nicht gepasst.“

„Stimmt. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass sie als Dame des Hauses ersetzt worden ist. Dabei stand von Anfang an fest, dass sie das Haus würde verlassen müssen, wenn ich heirate.“ Er warf Cally einen flüchtigen Blick zu. „Oder wolltest du mit ihr unter einem Dach leben?“

„Natürlich nicht.“

„Das habe ich mir gedacht.“ Nick fuhr unter einem Torbogen hindurch und parkte den Wagen geschickt auf dem kleinen Hotelparkplatz ein. Als sie das Hotel durch den Hintereingang betraten, spürte Cally Nicks Hand auf ihrem Arm.

Die Empfangsdame an der Rezeption schien enttäuscht zu sein, dass der wichtigste Hotelgast in Begleitung zurückgekehrt war.

Cally lächelte verstohlen. Tut mir leid, meine Liebe, aber du hättest sowieso keine Chancen bei ihm gehabt. Er ist schon gebunden, aber nicht an mich.

Außer dem Zimmerschlüssel nahm Nick auch noch einen Stapel Nachrichten in Empfang, bevor er mit Cally den Lift betrat.

Auf der Fahrt in den ersten Stock überlegte Cally verzweifelt, wie sie sich aus der Affäre ziehen könnte – wenigstens für eine Nacht. Ich kann mich nicht Hals über Kopf auf eine neue Lebenssituation einstellen, dachte sie und betrachtete unauffällig ihren Mann. Doch der verzog keine Miene.

Die Hochzeitssuite bestand aus einem kleinen, unscheinbaren Wohnzimmer mit Schreibtisch und Fernsehgerät und einem wesentlich größeren Schlafzimmer, ausgestattet mit einem breiten Doppelbett, das mit einem weißen Satinüberwurf bedeckt war, auf dem ein riesiges rotes Herz prangte.

Trotz ihrer Anspannung hätte Cally am liebsten laut gelacht. Hier sollte sie also ihre Hochzeitsnacht verbringen? Eigentlich war geplant gewesen, die Flitterwochen auf den Virgin Islands zu verbringen. Das schien jedoch in einem anderen Leben gewesen zu sein, als sie noch naiv genug gewesen war, romantischen Träumen nachzuhängen, statt sich mit Tatsachen auseinanderzusetzen.

„Deine Reisetasche steht hier.“ Der Klang von Nicks Stimme versetzte Cally wieder in die Gegenwart. „Zum Badezimmer geht’s durch die Tür da. Du findest mich im Wohnzimmer, wo ich mir einen Absacker genehmigen und die Nachrichten durchgehen werde, die für mich eingegangen sind. Ich werde etwa zwanzig Minuten brauchen.“ Er lächelte kühl. „Möchtest du auch etwas trinken?“

„Nein, danke.“ Sie hatte also zwanzig Minuten Aufschub.

Nick schloss die Tür hinter sich, und Cally war vorübergehend allein.

Sie setzte sich aufs Bett und sah sich um. Ob es eine Möglichkeit gab zu entkommen? Die Klimaanlage surrte, daher waren die Fenster wahrscheinlich hermetisch abgeriegelt und boten keine Fluchtmöglichkeit.

Ich sitze in der Falle, dachte Cally nervös und begann zu beben. Nick würde auch sicher nicht auf der Couch im Wohnzimmer schlafen oder ihr, Cally, erlauben, die Nacht dort zu verbringen. Es führte wohl kein Weg daran vorbei: Sie würde das Bett mit ihrem Mann teilen müssen. Nicht nur diese Nacht, sondern …

Cally mochte gar nicht daran denken, was ihr noch bevorstand. Wenigstens wusste sie jetzt, warum Nick sie geheiratet hatte: Weil sie jung war und er ein Kind von ihr wollte. Die Frau, die er wirklich liebte, konnte ihm offensichtlich keine Kinder schenken. Bei dem Gedanken an die andere Frau empfand Cally wieder tiefen Schmerz.

Sie versuchte, ihre Gefühle zu unterdrücken, immerhin war sie nicht mehr das naive Mädchen von vor einem Jahr, das sich eingebildet hatte, Nick Tempest zu lieben, sondern hatte sich entschlossen, auf sein Geschäft einzugehen. Denn genau das war es: ein Geschäft – nicht mehr und nicht weniger.

Ich stehe in seiner Schuld und muss jetzt bezahlen, dachte Cally. Sie schwor sich, während ihrer „Geschäftsbeziehung“ keine Fragen zu stellen, wohin Nick ging, woher er kam, mit wem er zusammen gewesen war. Und auf gar keinen Fall würde sie ihn je wieder beschatten …

Sie stand auf, ging zum Gepäckständer und zog den Reißverschluss ihrer Reisetasche auf. Das sündhaft teure Nachthemd, das sie ein Jahr zuvor gekauft hatte und das ihren romantischen Vorstellungen von einer Hochzeitsnacht entsprochen hatte, lag ungetragen obenauf. Mit bebenden Händen schüttelte Cally das edle Hemd aus Chiffon und Spitze aus.

Alle Sachen in der Reisetasche waren unbenutzt, auch die hübsche bestickte orangefarbene Kulturtasche, die sie samt Nachthemd mit ins Badezimmer nahm. Aus der Dusche kam nur ein spärliches Rinnsal. Cally trocknete sich mit einem der winzigen Hotelhandtücher ab und schlüpfte dann ins Nachthemd.

Als sie es vor einem Jahr gekauft hatte, hatte es ihre schlanke Figur betont und sie sehr verführerisch aussehen lassen, doch jetzt hing es an ihr herab, weil sie so dünn geworden war.

Auch egal, dachte Cally. Schließlich wollte sie ja gar nicht, dass Nick sie attraktiv fand. Er stand auf schöne Frauen. Daraus hatte er nie ein Geheimnis gemacht. Vor einem Jahr bin ich sogar aufgeblüht und war fast schön, dachte Cally. Aber jetzt?

Sie kehrte ins Schlafzimmer zurück und holte die Sachen heraus, die sie am nächsten Tag anziehen wollte: frische Wäsche und ein zartgelbes wadenlanges Kleid mit eckigem Ausschnitt und angeschnittenen Ärmeln.

Als die zwanzig Minuten fast vergangen waren, legte Cally sich widerwillig in das große Bett – und zwar so dicht an die Kante wie möglich – und machte das Licht aus. Sie lag auf der Seite, hielt die Augen geschlossen und versuchte, tief und regelmäßig zu atmen. Vielleicht nahm Nick ihr ab, dass sie schlief.

Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, als Nick schließlich leise das Zimmer betrat und auf Zehenspitzen ins Badezimmer ging. Wenig später wurde die Dusche betätigt.

Cally versuchte, sich zu entspannen, doch das war schwieriger, als sie gedacht hatte. Immerhin war es die erste Nacht, die sie mit einem Mann verbrachte, und sie war völlig verängstigt.

Schließlich kehrte Nick ins Schlafzimmer zurück. Cally hörte das Rascheln von Seide, als würde er seinen Morgenmantel ablegen, dann spürte sie, wie die Matratze unter dem Gewicht des großen Mannes nachgab.

Wie versprochen, wahrte Nick Distanz. Trotzdem war Cally sich seiner Nähe nur zu bewusst. Er duftete frisch und nach Seife. Außerdem spürte Cally instinktiv, dass er nackt war.

Diese Erkenntnis ließ sie noch angespannter werden. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen.

„Entspann dich!“ Sein Tonfall verriet, dass Nick langsam die Geduld verlor. „Ich bin nicht der gewalttätige Typ.“

„Verstehst du nicht, wie schwierig dies für mich ist?“, fragte Cally.

„Für mich ist es auch nicht leicht. Aber irgendwo müssen wir unser Eheleben ja beginnen, und traditionell ist ein Bett der richtige Ort dafür.“

„Für Liebende vielleicht“, erwiderte Cally in scharfem Ton.

Nach kurzem Schweigen fragte Nick mit sanfter Stimme: „Willst du mich herausfordern?“

Cally schloss die Augen noch fester. „Nein!“, antwortete sie leise.

„Gut. Dann wollen wir es dabei bewenden lassen. Übrigens hat man im Bett nicht nur Sex, Cally. Es dient auch als ruhiger und privater Ort, um sich zu unterhalten.“

„Du meinst, wir hätten etwas zu besprechen, Nick? Bisher hast du doch nur Anweisungen gegeben.“

„Ich dachte nur, du wolltest mir vielleicht erklären, warum du weggelaufen bist.“

Cally machte die Augen auf. „Ich hielt es damals für eine gute Idee. Der Meinung bin ich übrigens noch immer.“

„Ist das alles, was du mir zu sagen hast?“ Er klang eher neugierig als wütend.

„Momentan denke ich eher an die Zukunft, als mich an die Vergangenheit zu erinnern.“

„Tatsächlich? Und ich dachte, die Gegenwart macht dich so nervös, dass du dich an die Bettkante klammerst.“

„Das könntest du mir wohl kaum zum Vorwurf machen.“

„Du wolltest ja Abstand haben“, erinnerte Nick sie leise an ihre Worte.

„Schließlich kannst du nicht von mir erwarten, dass wir da anfangen, wo wir vor einem Jahr aufgehört haben, Nick“, sagte Cally schließlich mit rauer Stimme.

„Aha, und wo genau war das, Cally?“

Jetzt bin ich ihm in die Falle getappt, dachte sie und biss sich auf die Lippe. „Vor einem Jahr dachte ich vorübergehend, dass unsere Ehe funktionieren könnte.“

„Und trotzdem bist du weggelaufen? Warum, Cally? Sag mir bitte endlich den Grund.“

Diese direkte Frage hatte sie befürchtet, doch sie konnte und wollte sie nicht direkt beantworten.

Weil du mir das Herz gebrochen hast, dachte sie. Weil mir erst bewusst geworden ist, wie sehr ich dich liebe, als ich dich an unserem Hochzeitstag mit einer anderen Frau in den Armen gesehen habe. Den Gedanken, dich mit einer anderen Frau teilen zu müssen, konnte ich nicht ertragen. Ich spürte, dass du sie liebst und mich nur aus Vernunftgründen geheiratet hast. Als ich das erkannte, war ich wie von Sinnen. Ich wusste nur eins: Ich musste fort von dir, und zwar für immer.

Doch das wollte sie alles für sich behalten, denn sonst würde er ja erfahren, wie sehr sie ihn geliebt, wie sie sich nach ihm gesehnt hatte. Nein, diese Erniedrigung könnte sie nicht ertragen. Dann wollte sie sich lieber weiterhin seinem Ärger aussetzen, sein Mitleid wollte sie nicht.

Natürlich wusste sie nicht, ob Vanessa Layton noch immer einen Platz in seinem Leben hatte. Ob sie in Southwood Cottage wohnte oder ob sie inzwischen eine Nachfolgerin hatte.

Das werde ich noch früh genug herausfinden, dachte Cally und zuckte zusammen. Eins stand jedenfalls fest: Nick durfte nicht wissen, wie sehr sie seine Untreue verletzt hatte. Ihn mit Vanessa zu sehen, hatte ihr das Herz gebrochen. Sie war weggelaufen, weil sie darin ihre einzige Chance gesehen hatte, sich von dem Schlag zu erholen und wieder zu sich selbst zu finden.

Nick hatte selbst zugegeben, dass er nicht zum Ehemann taugte. Er brauchte jemanden, der ihm den Haushalt führte und ihm ein Kind schenkte. Bei Nick musste alles nach Plan gehen.

Und ich war Teil seines Plans, dachte Cally. Er hat das arme, mittellose Waisenkind gerettet, um daraus einen Vorteil zu ziehen. Er hat mich anstelle des Geldes genommen, das mein Großvater ihm geschuldet hat. Es war alles nur ein Geschäft. Warum habe ich das damals nicht erkannt?

Cally holte tief Luft.

„Ich warte noch immer auf eine Antwort“, sagte Nick mit rauer Stimme.

Langsam und zögernd drehte Cally sich zu ihm um. Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, und sie konnte sehen, wie Nick sich aufgestützt hatte und sie beobachtete. Seinen Gesichtsausdruck konnte sie allerdings nicht erkennen.

„Ich habe es dir doch schon erklärt! Mir war bewusst geworden, dass ich einen furchtbaren Fehler gemacht habe. Da ich mir nicht anders zu helfen wusste, bin ich fortgegangen.“

„Und das ist alles?“

„Ja.“ Jedenfalls alles, was du je erfahren wirst, dachte sie.

„Warum hast du nicht mit mir geredet? Vielleicht hätten wir gemeinsam eine Lösung gefunden.“

„Ich hatte Angst, du würdest mich zum Bleiben überreden.“

„Fast beruhigend zu wissen, dass das mal möglich gewesen sein könnte“, antwortete er trocken.

„Nur vorübergehend!“

„Aha. Wenn du damit andeuten willst, du würdest dich wieder aus dem Staub machen, dann lass dir eins gesagt sein: Ich werde nicht mit fairen Mitteln um dich kämpfen.“

„Danke für die Warnung“, sagte sie ausdruckslos.

„Aber es kann auch ganz anders kommen“, fügte Nick nach kurzem Schweigen hinzu.

„Solange ich deine Spielregeln einhalte?“ Cally lachte freudlos.

„Ich hatte eigentlich eher an den Tag am Fluss gedacht. Und gib bitte nicht vor, du könntest dich nicht daran erinnern.“

Cally wusste nur zu gut, wovon er sprach, und wurde noch angespannter. „Was meinst du?“, fragte sie trotzdem.

„Lass uns alles andere vergessen. Wir wollen uns nur auf die Zeit am Fluss konzentrieren.“ Nick rückte näher und legte ihr die Hand auf die nackte Schulter.

Widerstrebend erinnerte Cally sich …

Das sanfte Plätschern des Flusses, den aromatischen Duft der Wiese, der strahlende Sonnenschein. Und Nicks Mund auf ihrem, wie er ihn sanft und spielerisch liebkoste und sie dann mit kaum gezügelter Leidenschaft küsste und streichelte, bis sie eine nie gekannte, tiefe Sehnsucht in sich spürte, die zugleich verwirrend und süß war – und völlig überwältigend.

Ihr war, als wäre es gestern gewesen … oder jetzt.

Jetzt! Wo bin ich, dachte Cally und wurde sich im gleichen Moment wieder bewusst, dass Nick neben ihr lag.

Schockiert rückte sie von ihm ab. „Fass mich nicht an! Ich ertrage das nicht!“

Nach kurzem Schweigen fragte Nick: „Was erhoffst du dir, Liebling? Dass du mich so sehr beleidigst, dass ich dich wieder zu den Samaritern von Gunners Wharf schicke und verletzt davonkrieche? So leicht wirst du mich nicht los. Zu unserer Vereinbarung gehört es nun einmal, dass wir einander berühren.“

„Aber bitte noch nicht jetzt.“

„Also gut, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, mein Schatz. Ich jedenfalls werde jede Sekunde unseres Beisammenseins genießen.“ Er wandte sich um und knipste die Nachttischlampe an.

Cally zuckte zusammen. „Was soll das?“

„Wenn ich dich schon nicht anfassen darf, dann möchte ich dich wenigstens ansehen.“ Mit diesen Worten zog er ihr die Bettdecke weg.

Vergeblich versuchte Cally, ihn daran zu hindern. Dann fügte sie sich in ihr Schicksal und blickte starr an die Zimmerdecke. Dabei war ihr nur zu bewusst, wie durchsichtig der Chiffonstoff war, und sie spürte, wie Nicks Blicke über ihren Körper glitten.

Schließlich fragte Cally leise: „Bist du fertig?“

Nick lachte rau. „Sei nicht albern, Liebling. Wir wissen beide, dass ich kaum angefangen habe.“ Damit drehte er sich um und löschte das Licht. Er überließ es Cally, sich wieder zu bedecken.

Selbst als seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge ihr verrieten, dass er eingeschlafen war, lag Cally noch lange wach und grübelte über ihre Zukunft. Schließlich fiel sie doch in einen unruhigen Schlaf.

Als sie erwachte, wusste sie im ersten Moment nicht, wo sie sich befand. Erst als sie sich umwandte und das eingedrückte Kopfkissen neben sich sah, erinnerte sie sich.

In diesem Moment ging die Badezimmertür auf, und Nick betrat das Schlafzimmer. Er war frisch rasiert, das dunkle Haar war noch feucht, und er war gerade dabei, Manschettenknöpfe zu befestigen.

„Guten Morgen“, sagte er geschäftsmäßig. „Das Badezimmer ist frei. In einer Viertelstunde wird das Frühstück serviert. Ich schlage also vor, dass du dich ein wenig beeilst. Wir haben heute noch einiges vor, und ich möchte am frühen Nachmittag in Wylstone sein.“

„Du willst heute schon zurück? Willst du mich denn mitnehmen?“, fragte Cally erstaunt.

„Selbstverständlich. Sowie das Gunners Terrace-Projekt unter Dach und Fach ist.“

„Aber ich kann doch hier nicht einfach alles stehen und liegen lassen“, protestierte Cally.

„Dass du das kannst, hast du im vergangenen Jahr oft genug bewiesen, mein Schatz. Du hast ja richtiggehend Übung darin. So, und nun zieh dich an. Oder soll ich dir dabei helfen?“

„Nein.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Ich schaff das schon allein.“

Die Dusche schien inzwischen besser zu funktionieren. Wahrscheinlich hat Nick ihr befohlen, vernünftige Arbeit zu leisten, dachte Cally rebellisch, als sie in das hellgelbe Kleid schlüpfte, sich kämmte und ins Wohnzimmer ging.

Das Frühstück war gerade serviert worden. Es bestand aus Grapefruit, Croissants, Butter und Konfitüre und einer großen Kanne Kaffee.

Nick stand auf. „Setzt dich.“ Er deutete auf das Sofa neben sich, und Cally gehorchte widerstrebend.

Als sie saß, umfasste er ihr Kinn und sah ihr in die Augen. „Besonders ausgeruht wirkst du nicht gerade.“

„Ich habe kaum geschlafen“, erklärte Cally kurz angebunden und befreite sich aus seinem Griff. „Ich bin es nicht gewohnt, mein Bett zu teilen. Schon gar nicht mit einem Mann.“

Er lächelte ironisch. „Dann ist das eine von vielen neuen Erfahrungen, die du demnächst sammeln wirst, Liebling.“

„Ich hatte gehofft, alles wäre nur ein Albtraum oder ein übler Scherz.“ Sie schluckte. „Bitte Nick, sag, dass du es nicht so gemeint hast. Ich bin doch schon genug gestraft.“

„Tut mir leid, Schatz, es war mein voller Ernst.“ Nick schenkte Kaffee ein. „Wenn du mir ein Kind schenkst, bekommst du die Scheidung. Das ist doch ganz einfach.“

„Ich verstehe nicht, wieso du so grausam zu mir bist.“

„Daran bist du natürlich ganz unschuldig“, sagte er ironisch. „Trink deinen Kaffee, und füg dich in dein Schicksal.“

Cally gab sich für den Moment geschlagen. Nach einigen Schlucken vom belebenden Kaffee wagte sie einen erneuten Vorstoß. „Wenn wir in Wylstone sind, würde ich gern wieder in die kleine Wohnung ziehen, die zum Hof hinaus liegt. Jedenfalls fürs Erste.“

„Das wird leider nicht gehen.“ Nick hatte seine Grapefruit gegessen und legte den Löffel auf den Teller. „Die Thurstons sind dort eingezogen.“

Cally überlegte. „Wer sind die Thurstons?“

„Das Ehepaar, das für mich arbeitet.“ Er nahm sich ein Croissant.

„Wo ist denn Mrs. Bridges geblieben?“, fragte Cally erstaunt. Sir Ranalds Haushälterin hatte viele Jahre dort gearbeitet und fast zum Inventar gehört.

Nick lächelte amüsiert. „Sie ist mit Adele ins Exil gegangen. Aber die Thurstons sind fantastisch. Du wirst sie mögen.“

„Das wage ich zu bezweifeln.“ Unwirsch stellte Cally die Tasse zurück.

„Lass dir deine Abneigung wenigstens nicht anmerken“, bat Nick. „Sag mal, willst du nichts essen?“

„Ich habe keinen Hunger.“

„Du willst dich wohl zu Tode hungern? Oder bist du inzwischen magersüchtig?“

„Weder noch. Ich mache mir nur nichts aus Frühstück.“

„Na schön. Aber irgendwann musst du etwas essen, Schatz. Du willst doch bei Kräften bleiben, oder?“

„Für das, was du mit mir vorhast, wird es schon noch reichen“, erwiderte Cally herausfordernd.

„Eins zu null für dich.“ Nick lachte amüsiert und ließ sich das Croissant schmecken.

Er kostet seinen Triumph wirklich aus, dachte Cally und ballte die Hände zu Fäusten. „Wenn ich die Wohnung nicht haben kann, möchte ich wenigstens ein Zimmer für mich allein haben.“

„Du hast das ganze Haus für dich – jedenfalls tagsüber. Nachts werde ich an deiner Seite sein.“ Er stand auf, faltete die Serviette und legte sie auf den Tisch. „So, und nun müssen wir los.“

Auch Cally hatte sich erhoben. „Du bist also nicht zu dem kleinsten Zugeständnis bereit, oder?“, fragte sie enttäuscht.

„Doch, mein Zugeständnis habe ich vergangene Nacht gemacht. Heute fängt unser Eheleben an. Wollen wir jetzt zum Gunners Wharf gehen und deinen Freunden die gute Nachricht verkünden? Du darfst es ihnen sagen, Liebling. Das hast du dir verdient.“

„Du bist ein gemeiner Kerl, Nick Tempest!“ Cally funkelte ihn wütend an. Dann ging sie ins Schlafzimmer, um ihre Handtasche zu holen.

4. KAPITEL

„Du siehst so anders aus“, sagte Kit. „Bisher habe ich dich immer nur in Schwarz, Weiß oder Grau gesehen. Plötzlich erscheinst du hier in Farbe.“ Er musterte sie schlecht gelaunt. „Du siehst wirklich fantastisch aus. Doch irgendwie habe ich das Gefühl, ich hätte dich nie gekannt.“

Cally erwiderte seinen Blick. „Das ist auch gut so. Ich hatte schließlich nicht vor, hier Wurzeln zu schlagen. So, und nun will ich meine Sachen abholen.“ Sie begann, ihren Schreibtisch aufzuräumen.

„Ich wusste auch gar nicht, dass du Caroline heißt, bevor Tempest dich so genannt hat“, fuhr er fort, als hätte er gar nicht zugehört.“ Wieso nennst du dich Cally?“

„Als ich klein war, konnte ich Caroline nicht aussprechen, so wurde Cally daraus.“

Kit sah vor sich hin. „Kein Wunder, dass ich nicht bei dir landen konnte. Wie soll ich gegen einen Multimillionär ankommen? Du hast dich von ihm kaufen lassen“, fügte er vorwurfsvoll hinzu.

Und wenn es so wäre, wieso zahle ich dann die Zeche?, überlegte Cally, bevor sie müde sagte: „Nun übertreib mal nicht, Kit. Ich kehre zu meinem Ehemann zurück. Das ist alles. Und noch etwas: Ich habe dir nie Hoffnungen gemacht.“

„Nein, das stimmt leider“, antwortete Kit verbittert.

Temperamentvoll schob Cally die leere Schreibtischschublade zu. „Du solltest dich freuen, dass Gunners Terrace gerettet ist, statt hier mit Leichenbittermiene herumzustehen.

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