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JULIA BESTSELLER – Sandra Marton 1

SANDRA MARTON

Wenn die Liebe neu erwacht

In Annie werden romantische Erinnerungen wach, als sie ihre 18-jährige Tochter ganz in weiß in der Kirche sieht. Ihrem Exmann Chase scheint es nicht anders zu gehen. Gerührt nimmt er Annies Hand und schaut ihr tief in die Augen. Sind es nur sentimentale Gefühle? Oder ist es fünf Jahre nach ihrer Trennung doch noch Liebe, die sie füreinander empfinden?

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Wenn die Liebe neu erwacht

1. KAPITEL

Heute war die Hochzeit ihrer Tochter Dawn, und Annie Cooper schien mit dem Weinen gar nicht wieder aufhören zu können.

„Ich gehe nur rasch mein Make-up auffrischen“, hatte sie Dawn wenige Minuten zuvor gesagt, als sie gemerkt hatte, dass ihr erneut die Tränen in die Augen stiegen.

Und nun stand sie da in einer der Kabinen auf der Damentoilette einer schönen alten Kirche in Connecticut, eine Handvoll durchnässter Taschentücher in der Hand.

„Versprich mir, dass du nicht weinst, Mom“, hatte Dawn erst gestern Abend noch zu ihr gesagt.

„Versprochen“, hatte Annie geantwortet und war prompt in Tränen ausgebrochen.

Aber sie ist doch noch so jung, dachte Annie jetzt, sich die Augen wischend. Sie ist erst achtzehn, viel zu jung zum Heiraten. Aber als sie vorsichtig diesen Einwand an jenem Abend angebracht hatte, an dem Dawn strahlend mit Nicks Verlobungsring am Finger nach Hause gekommen war, hatte ihre Tochter sie mit einem Argument besiegt, gegen das sie machtlos gewesen war.

„Und wie alt warst du, als du geheiratet hast?“

Damit war die Diskussion bereits beendet.

Achtzehn, genauso alt wie du, und schau dir an, was daraus geworden ist, hätte nämlich Annies Antwort gelautet, und eine solche Antwort wollte sie ihrer Tochter natürlich nicht geben.

Es war schließlich nicht Dawns Schuld, dass die Ehe ihrer Eltern mit einer Scheidung geendet hatte.

„Annie?“

Annie hörte, wie die Schwingtür zur Damentoilette aufgestoßen wurde, sodass Stimmgemurmel und die sanften Töne der Orgel zu ihr hereindrangen. „Annie? Bist du da drin?“ Es war Deborah Kent, ihre beste Freundin.

„Nein“, gab Annie niedergeschlagen zurück, während sie krampfhaft ein Schluchzen unterdrückte.

„Annie“, meinte Deborah sanft, „komm da raus!“

„Nein.“

„Annie.“ Deborahs Stimme nahm den Tonfall an, den sie vermutlich bei ihren Drittklässlern anwendete. „Das ist doch Unsinn. Du kannst dich nicht ewig da drin verstecken.“

„Nenn mir einen guten Grund, warum nicht“, schnüffelte Annie.

„Na ja, du hast fünfundsiebzig Gäste, die auf dich warten.“

„Hundert“, schniefte Annie. „Lass sie warten.“

„Der Pastor sieht allmählich schon ungeduldig aus.“

„Geduld ist durchaus eine Tugend.“ Sie warf die feuchten Papiertaschentücher in die Toilette.

„Außerdem glaube ich, dass deine Tante Jeanne gerade einem der Freunde des Bräutigams einen unsittlichen Antrag gemacht hat.“

Annie stöhnte. „Sag, dass das ein Scherz ist.“

„Ich weiß bloß, was ich gesehen habe. Sie hat diesen ganz bestimmten Ausdruck in ihrem Gesicht … Du weißt schon, was ich meine.“

„Und?“

„Und sie ist mit voller Beflaggung auf den großen blonden Jungen zugesegelt.“ Deborahs Stimme wurde träumerisch. „Im Grunde genommen kann man es ihr nicht verübeln. Hast du gesehen, wie der Bursche gebaut ist?“

„Debbie! Also wirklich!“ Annie spülte die Taschentücher hinunter, entriegelte die Kabinentür und ging zum Waschbecken. „Tante Jeanne ist achtzig, das lässt sich noch entschuldigen. Aber du …“

„Hör mal, nur weil ich vierzig bin, heißt das noch lange nicht, dass ich tot bin. Mag ja sein, dass du so tun möchtest, als ob du vergessen hättest, wozu Männer gut sind, aber auf mich trifft das sicher nicht zu.“

„Dreiundvierzig“, korrigierte Annie, die in ihrer Handtasche herumkramte. „Mir kannst du bezüglich deines Alters nichts weismachen, Debbie. Immerhin haben wir am selben Tag Geburtstag. Und wozu Männer gut sind … Glaub mir, ich weiß, dass das nicht viel ist. Eigentlich sind sie zu nichts nutze, außer dazu, dass sie Kinder machen, und genau das ist ja das Schlimme. Dawn ist noch ein Kind. Sie ist viel zu jung für eine Ehe.“

„Das ist das andere, was ich dir noch sagen wollte.“ Deborah räusperte sich. „Er ist da.“

„Wer?“

„Dein Ex.“

Annie erstarrte. „Nein.“

„Doch. Er ist vor ungefähr fünf Minuten gekommen.“

„Nein, das ist unmöglich. Er ist in Georgia oder Florida oder irgendwo da unten.“ Annie sah ihre Freundin im Spiegel an. „Bist du sicher, dass es sich um Chase handelt?“

„Einen Meter neunzig, mittelblondes Haar, das phantastische Gesicht mit der leicht schiefen Nase und Muskeln überall …“ Debbie wurde rot. „Nun ja, mir fallen solche Sachen eben auf.“

„Das merke ich.“

„Es ist Chase, kein Irrtum möglich. Ich weiß gar nicht, weshalb du so erstaunt bist. Er hat doch gesagt, er würde zu Dawns Hochzeit kommen und dass er niemand anderem erlauben würde, bei seiner Tochter den Brautführer zu machen.“

Annie presste verächtlich den Mund zusammen, drehte den Wasserhahn auf und schrubbte sich heftig die Hände mit Seife.

„Chase war immer groß im Versprechen von Dingen. Nur sie dann wirklich durchzuziehen, das schafft er normalerweise nicht.“ Ärgerlich riss sie ein Papierhandtuch aus dem Spender. „Diese ganze Sache ist bloß seine Schuld.“

„Annie …“

„Hat er Dawn etwa gesagt, dass sie einen Fehler begeht? Nein. Der Blödmann hat ihr seinen Segen gegeben. Seinen Segen, Debbie, kannst du dir das vorstellen?“ Sie knüllte das Papier zusammen und schleuderte es in den Mülleimer. „Ich hab’ ihr gesagt, sie soll warten, erst ihre Ausbildung beenden. Aber er hat ihr einen Kuss gegeben und ihr gesagt, sie solle doch tun, was sie für das Beste hielte. Das ist doch wieder mal typisch. Typisch! Er hat schon immer genau das Gegenteil von dem machen müssen, was ich wollte.“

„Annie, bitte, nun mach mal halblang.“

„Als er zur Probe gestern nicht aufgetaucht ist, habe ich ernsthaft geglaubt, dass wir noch mal Glück gehabt hätten.“

„Dawn hätte das ganz bestimmt nicht so gesehen“, erklärte Deborah ruhig. „Und du weißt, dass sie keinen Moment an ihm gezweifelt hat. ‚Daddy wird da sein‘, das hat sie immer wieder gesagt.“

„Umso mehr ein Beweis dafür, dass sie zu jung ist, um zu wissen, was gut für sie ist“, murrte Annie. „Und was ist mit meiner Schwester? Ist sie inzwischen erschienen?“

„Nein, noch nicht.“

Annie runzelte besorgt die Stirn. „Ich hoffe, bei Laurel ist alles in Ordnung. Es sieht ihr nämlich gar nicht ähnlich, zu spät zu kommen.“

„Ich hab’ schon am Bahnhof angerufen. Der Zug hatte wohl Verspätung. Allerdings würde ich mir an deiner Stelle eher Sorgen um den Pastor machen. Er hat nämlich in zwei Stunden noch eine andere Hochzeit, drüben in Easton.“

Seufzend strich Annie sich den Rock ihres knielangen blassgrünen Chiffonkleides glatt. „Na ja, ich schätze, da muss ich wohl durch. Also gut, lass uns der Meute gegenübertreten … Was ist denn?“

„Vielleicht solltest du vorher noch einen kurzen Blick in den Spiegel werfen.“

Annie drehte sich noch einmal zum Waschbecken hin um und erbleichte. Ihr Mascara war verlaufen und umrahmte dick und schwarz ihre grünen Augen. Die kleine Nase hatte sich rosa verfärbt, und das blonde Haar, das von ihrem Friseur so liebevoll gestylt worden war, stand von Annies Kopf ab, als habe sie einen elektrischen Schlag erlitten.

„Debbie, schau doch mal, wie ich aussehe!“

„Ich schaue ja“, erwiderte Debbie trocken. „Wir könnten den Organisten ja fragen, ob er vielleicht die Melodie zu Frankensteins Braut kennt.“

„Sei doch wenigstens einmal ernst! Da draußen stehen hundert Leute.“ Und Chase, schoss es Annie völlig unvermutet durch den Kopf, und sie musste unwillkürlich blinzeln.

„Was ist denn jetzt schon wieder los?“

„Nichts“, sagte Annie schnell. „Ich meine … hilf mir doch bitte, den Schaden einigermaßen wieder zu reparieren!“

Deborah öffnete ihre Handtasche. „Wasch dir das Gesicht!“, ordnete sie an, woraufhin sie dann eine solche Menge an Kosmetika aus den Tiefen ihrer Tasche hervorzauberte, dass man damit einen eigenen Laden hätte aufmachen können.

Chase Cooper stand auf der Treppe zu der kleinen neuenglischen Kirche und bemühte sich, so auszusehen, als ob er hier hingehörte. Das war nicht leicht. In seinem ganzen Leben war er sich nie mehr wie ein Außenseiter vorgekommen.

Chase war ein Stadtmensch, und als Annie nach der Scheidung das Apartment verkauft und ihm mitgeteilt hatte, dass sie mit Dawn nach Connecticut ziehen würde, war er völlig außer sich gewesen.

„Stratham?“, hatte er mit erstickter Stimme hervorgestoßen. „Wo zum Teufel soll das denn sein? Das finde ich ja noch nicht mal auf einer Landkarte!“

„Probier’s doch mal mit einem dieser riesigen Atlanten, die du so liebst“, hatte Annie kalt erwidert. „Die, in denen du immer nachschaust, in welchen Teil des Landes du als Nächstes verschwinden wirst.“

„Ich habe es dir schon tausendmal gesagt, dass mir keine andere Wahl bleibt. Wenn ich die Dinge nicht selbst in die Hand nehme, geht regelmäßig etwas schief. Ein Mann kann sich das nicht leisten, vor allem dann nicht, wenn er eine Frau und eine Familie ernähren muss.“

„Nun, jetzt brauchst du mich ja nicht mehr zu ernähren.“ Stolz hatte Annie den Kopf in den Nacken geworfen. „Ich habe deine Unterhaltszahlung nämlich abgelehnt, falls du dich daran erinnerst.“

„Weil du wie immer stur geblieben bist. Verdammt, Annie, du kannst diese Wohnung nicht verkaufen! Dawn ist hier aufgewachsen.“

„Ich kann tun und lassen, was ich will. Die Wohnung gehört mir. Das war Teil der Scheidungsvereinbarung.“

„Weil sie unser Zuhause gewesen ist!“

„Sie ist nicht unser Zuhause, jedenfalls jetzt nicht mehr. Sie ist nichts weiter als ein Haufen Zimmer in einem Berg aus Backsteinen, und ich verabscheue sie.“

„Du verabscheust dieses Haus, das ich mit meinen eigenen Händen gebaut habe?“

„Du hast ein vierundzwanzigstöckiges Hochhaus gebaut, das zufälligerweise unsere sieben Zimmer enthielt, und du hast einen Riesenreibach damit gemacht. Und wenn du’s wirklich genau wissen willst: Ja, ich verabscheue es. Ich verachte es, und ich kann’s kaum abwarten, da rauszukommen.“

O ja, dachte Chase nun, der unbehaglich von einem Fuß auf den anderen trat. Sie ist verschwunden, und zwar schnell. Und dann ist sie mit Dawn in diesen … Stecknadelkopf auf der Landkarte gezogen. Wahrscheinlich hat sie geglaubt, dass dies das Ende meiner wöchentlichen Besuche bei meiner Tochter bedeuten würde.

Doch weit gefehlt. Chase war jedes Wochenende die knapp zweihundertfünfzig Kilometer hin und zurück gefahren. Denn er liebte seine Tochter, und sie liebte ihn, und nichts, was zwischen Annie und ihm geschehen war, konnte daran etwas ändern. Woche für Woche war er nach Stratham gekommen und hatte mit angesehen, wie seine Frau – seine frühere Frau – sich ein neues Leben schuf.

Sie hatte Freunde, ein kleines gutgehendes Geschäft. Und Dawn zufolge gab es auch Männer in Annies Leben.

Irgendwann allerdings hatte er aufgehört, nach Stratham zu fahren. Es war einfacher so. Dawn war mit der Zeit alt genug, um mit dem Zug oder dem Flugzeug dorthin zu kommen, wo Chase sich jeweils gerade aufhielt. Und von Mal zu Mal schien sie noch hübscher geworden zu sein.

Sein Mund wurde schmal. Aber sie ist noch lange nicht erwachsen genug, um zu heiraten. Zum Teufel noch mal. Achtzehn. Und dann soll sie die Frau von irgend so einem Kerl werden?

Das ist Annies Schuld. Wenn sie sich etwas weniger um ihr eigenes Leben und dafür mehr um das ihrer Tochter gekümmert hätte, wäre ich jetzt nicht hier und würde darauf warten, mein kleines Mädchen einem Jungen zuzuführen, der kaum alt genug ist, um einen Rasierapparat zu benutzen.

Na ja, so ganz stimmte das nicht. Nick war einundzwanzig, und Chase mochte ihn. Nick – oder Nicholas, um genau zu sein – stammte aus einer guten Familie und hatte eine aussichtsreiche Zukunft vor sich. Chase hatte ihn kennengelernt, als er Dawn und ihren Verlobten nach Florida zu seiner letzten Baustelle eingeladen hatte, damit sie dort eine Woche mit ihm verbringen konnten.

Chase hatte versucht, Dawn von ihrem Plan abzubringen, doch ohne Erfolg. Nach dem Gesetz war sie volljährig und benötigte seine Einwilligung nicht. Und außerdem, wie sie ihm eiligst erklärte, hätte Annie angeblich gesagt, dass sie die Hochzeit für eine gute Idee hielte.

Also hatte Chase seine Einwände für sich behalten, Dawn einen Kuss gegeben, Nick die Hand geschüttelt und ihnen seinen Segen gegeben – auch wenn dieser vermutlich nichts weiter bedeutete …

„Sir?“

Chase blickte sich um. Ein junger Mann stand im Eingangsportal zur Kirche.

„Man hat mich geschickt, um Ihnen zu sagen, dass die Trauung gleich beginnt.“

Sir, dachte Chase. Das ist bloß ein anderes Wort für „alter Herr“, und genauso fühlte er sich plötzlich, alt.

Mit einem gezwungenen Lächeln klopfte er dem jungen Mann auf den Rücken und trat an ihm vorbei in die kühle Dunkelheit der Kirche.

Annie schniefte sich durch die Zeremonie hindurch. Dawn sah wunderschön aus, wie eine Märchenprinzessin, und Nick an ihrer Seite wirkte so attraktiv, dass auch das zu Tränen rührte.

Chase jedoch trug eine steinerne Miene zur Schau. Nur ein einziges Mal hatte er kurz gelächelt, als er die Braut dem wartenden Bräutigam übergeben hatte.

Danach hatte er seinen Platz neben Annie eingenommen.

„Ich hoffe, du weißt, was zum Henker du da tust“, hatte er dabei mürrisch gemurmelt.

Annie war empört. Was macht er mir denn jetzt schon wieder zum Vorwurf? Dass die Trauung nicht in einer Kathedrale stattfindet? Oder meint er etwa, dass Dawns Kleid zu altmodisch und meine Blumenarrangements zu provinziell sind? Was Chase betraf, so hatte Annie ihm ja noch nie irgendetwas recht machen können.

Sie konnte ihn aus dem Augenwinkel erkennen, wie er neben ihr stand, groß, hochgewachsen und männlich.

Bumm!

Annie zuckte zusammen. Die Kirchentür war aufgeflogen, und ein überraschtes Murmeln ging durch die Reihen. Der Pastor hielt inne und blickte wie alle anderen den Mittelgang entlang, Dawn und Nick eingeschlossen.

Jemand stand unter dem offenen Türbogen.

Annie stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Das ist Laurel“, flüsterte sie dem Pastor zu. „Meine Schwester. Ich bin ja so froh, dass sie es noch geschafft hat.“

„Typisch Bennettsche Dramatik“, brummte Chase gedämpft.

Annie stieg die Farbe in die Wangen. „Wie bitte?“

„Du hast mich schon verstanden.“

„Allerdings, und …“

„Mutter!“, schnappte Dawn.

Annie errötete. „Entschuldige.“

Der Pastor räusperte sich vernehmlich. „Und nun“, erklärte er mit volltönender Stimme, „sollte niemand unter uns sein, der einen Grund zu nennen weiß, weshalb Nicholas Skouras Babbitt und Dawn Elizabeth Cooper nicht miteinander vermählt werden sollten, der sonst jetzt spreche oder für immer schweige …“

Wenig später war die Trauzeremonie vorüber.

Es war interessant, der Vater der Braut bei einer Hochzeit zu sein, bei der die Mutter der Braut nicht mehr länger die eigene Frau war.

Dawn hatte darauf bestanden, dass ihre beiden Eltern mit ihr am selben Tisch saßen.

„Du kannst dich doch beherrschen, Daddy, oder?“, hatte sie gesagt. „Ich meine, es macht dir doch nichts aus, für ein paar Stunden neben Mom zu sitzen, nicht wahr?“

„Nein, natürlich nicht“, hatte er geantwortet. Schließlich waren sie bereits seit fünf Jahren geschieden, und die Wunden waren verheilt. Es war sicherlich möglich, für ein paar Stunden liebenswürdig zu lächeln und höfliche Konversation zu betreiben.

Das hatte er gedacht, doch in der Realität sah die Sache schon ganz anders aus.

Zu dem Zeitpunkt, als Annie und er wie zwei siamesische Zwillinge den Anfang der Empfangsreihe für die zahlreichen Gratulanten bilden mussten, war Chase so gereizt zumute wie einem Löwen mit einem Dorn in der Pfote.

„Lächelt, ihr zwei“, hatte Dawn ihnen zugezischt, und sie hatten gehorcht, wenngleich Annies Lächeln so aufgesetzt wirkte wie vermutlich das seine ebenfalls.

Glücklicherweise waren sie wenigstens in getrennten Wagen zum Stratham Inn gefahren. Nur dass sie dort wiederum an dem erhöhten Tisch nebeneinander platziert worden waren.

Chase hatte das Gefühl, als sei das Lächeln auf seinem Gesicht festgefroren, und Dawn zog die Brauen hoch, als sie seinem Blick begegnete.

Okay, Cooper, sagte er sich. Du wirst doch wohl noch imstande sein, freundlichen Smalltalk mit deiner Exfrau zu machen.

Er sah Annie an. „Und“, meinte er mit gespielter Munterkeit. „Wie ist es dir so ergangen?“

Sie drehte ihm den Kopf zu. „Tut mir leid“, sagte sie höflich. „Hast du mit mir gesprochen?“

Chase zwang sich zu einem Lächeln. „Ich habe gefragt, wie es dir geht.“

„Sehr gut, danke der Nachfrage. Und selbst?“

„Oh, ich kann mich nicht beklagen.“ Da Annie schwieg, fuhr er fort: „Ich weiß nicht, ob Dawn es dir gegenüber erwähnt hat, aber wir haben gerade den Zuschlag für einen großen Auftrag bekommen.“

„Wir?“, fragte Annie in einem Ton, der einen Eskimo das Frieren hätte lehren können.

„Nun, Cooper Construction. Wir haben ein Angebot unterbreitet, das …“

„Wie schön“, meinte sie und wandte sich ab.

Chase spürte, wie sein Blutdruck emporschoss. So viel also zur Höflichkeit. Annie ignorierte ihn nicht nur total, sondern verrenkte sich auch noch förmlich den Hals, um nur ja nicht in seine Richtung zu sehen.

Plötzlich huschte ein echtes Lächeln über ihr schönes Gesicht.

„Hallooo“, rief sie leise und winkte einem Mann an einem der Nachbartische zu, der auch sofort zurückwinkte.

„Wer ist denn der Kerl?“, entfuhr es Chase unwillkürlich.

Annie schaute ihn nicht einmal an, sie war zu sehr damit beschäftigt, dem anderen Mann zuzulächeln.

„Dieser ‚Kerl‘“, sagte sie, „ist Milton Hoffman. Er ist Anglistikprofessor an der Universität.“

Chase ließ den Professor nicht aus den Augen, der sich erhob und sich durch die Tische einen Weg zu ihnen herüber bahnte. Der Mann war groß und dünn und trug einen glänzenden blauen Serge-Anzug mit Fliege. Auch er lächelte, als er sich Annie näherte. „Annie“, sagte Hoffman. „Annie, meine Liebe.“ Annie reichte ihm ihre Hand, die er mit seinen weichen weißen Fingern ergriff und an die Lippen führte. „Die Trauungszeremonie war ganz wunderbar.“

„Vielen Dank, Milton.“

„Die Blumen waren perfekt.“

„Danke, Milton.“

„Die Musik, die Dekoration … alles war wundervoll.“

„Ich danke dir, Milton.“

„Und du siehst entzückend aus.“

„Danke, Milton.“ Das war Chase. Die Köpfe der beiden anderen fuhren zu ihm herum. Chase lächelte breit. „Ja, nicht wahr?“, sagte er. „Ich meine … dass sie wirklich toll aussieht.“

Annie warf ihm einen warnenden Blick zu, den Chase jedoch geflissentlich ignorierte. Stattdessen neigte er sich zu ihr und legte ihr den Arm um die Schultern.

„Ich liebe dieses tief ausgeschnittene Dekolleté, Schatz, aber du kennst mich ja.“ Mit einem Grinsen an Hoffman gewandt, ergänzte er: „Manche Männer stehen ja mehr auf Beine, Milty, stimmt’s? Aber ich bin schon immer ein …“

„Chase!“ Auf Annies Wangen tanzten hochrote Flecken. Hoffman, dessen Augen hinter der Hornbrille groß und dunkel wirkten, blinzelte. „Sie müssen Annies Mann sein.“

„Da haben Sie aber schnell geschaltet, Milty, das muss man Ihnen lassen.“

„Er ist nicht mein Mann“, erklärte Annie mit Nachdruck und entzog sich Chases Arm. „Er ist mein Exmann, mein früherer Ehemann, mein Ehemaliger, und offen gestanden, wenn ich ihn nie wiedersähe, wäre das sicher kein Schaden.“ Sie schenkte Milton ein schmelzendes Lächeln. „Ich hoffe, du bist heute in Tanzstimmung, Milton. Ich habe nämlich die Absicht, den ganzen Nachmittag durchzutanzen.“

Chase entblößte in einem raubtierhaften Lächeln die Zähne. „Haben Sie das gehört, Milty?“, meinte er liebenswürdig und konnte sich einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren, als Hoffmans Gesicht noch eine Spur blasser zu werden schien.

„Chase“, zischte Annie ihn an. „Hör sofort auf damit.“

Chase lehnte sich über den Tisch. „Sie ist eine vollendete Tänzerin, unsere Annie. Aber wenn sie zu viel Sekt getrunken hat, muss man aufpassen. Habe ich nicht recht, Schatz?“

„Hör auf, mich so zu nennen!“, fuhr sie zornentbrannt auf. „Und hör auf zu lügen. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie betrunken.“

Chase verzog die Lippen zu einem langsamen, anzüglichen Lächeln. „Süße, komm schon. Erzähl mir nicht, dass du den Abend vergessen hast, an dem wir uns kennengelernt haben.“

„Ich warne dich, Chase!“

„Da war ich also, ein unschuldiger, frischgebackener Erstsemester auf dem College, und tanzte mit meiner Freundin auf ihrem Highschool-Valentinstagsball …“

„Du bist noch nie unschuldig gewesen“, fiel Annie ihm ins Wort.

Chase grinste wieder. „Na, du musst es ja wissen, Schatz. Jedenfalls tanzte ich gerade so vor mich hin, da erblickte ich unsere gute Annie, wie sie aus der Tür torkelte, sich dabei den Magen hielt und aussah, als hätte sie soeben einen Eimer voll unreifer Äpfel gegessen.“

Annie wandte sich an Milton Hoffman. „Es war ganz anders. Mein Tanzpartner hatte mir meinen Punsch mit hartem Alkohol versetzt. Woher hätte ich denn ahnen sollen …“

2. KAPITEL

In einem Trommelwirbel und einem lauten Beckenschlag ging Annies Stimme unter.

„Und nun“, dröhnte dann eine geschmeidige tiefe Stimme durch den Saal, „werden Mr. und Mrs. Nicholas Babbitt ihren ersten Tanz als Ehemann und Ehefrau miteinander ausführen.“

Die Gäste begannen zu applaudieren, während Nick Dawn in die Arme nahm und sie auf die Tanzfläche geleitete, wo sie einander seelenvoll in die Augen schauten.

Annie warf Milton einen flehentlichen Blick zu. „Milton, hör mal …“

„Ist schon gut“, sagte er rasch. „Heute ist ein Familientag, Annie. Das verstehe ich.“ Er wollte nach ihrer Hand greifen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne und wich zurück. „Ich rufe dich morgen an. Es war … interessant, Sie kennengelernt zu haben, Mr. Cooper.“

Chase lächelte höflich. „Nennen Sie mich doch bitte Chase. Kein Grund, so formell zu sein, wenn man bedenkt, was wir alles gemeinsam haben.“

Wutentbrannt sah Annie ihn an, als Hoffman zu seinem Tisch zurückeilte.

„Du bist wirklich das Allerletzte“, erklärte sie erbost.

Chase seufzte. „Annie, hör zu …“

„Nein, du hörst jetzt zu.“ Sie zeigte mit dem Zeigefinger auf ihn. „Ich weiß genau, was du vorhast.“

So?, dachte er. Dann weiß sie mehr als ich. Es gibt überhaupt keinen Grund dafür, dass ich mich soeben wie ein Vollidiot benommen habe. Was geht es mich an, ob sie etwas mit dem Kerl hat oder nicht? Sie kann schließlich tun und lassen, was sie will.

„Ich weiß es, Chase. Du versuchst, Dawns Hochzeit zu verderben, weil ich sie nicht so ausgerichtet habe, wie du es gerne gehabt hättest.“

Chases Augenbrauen schossen in die Höhe. „Bist du jetzt vollkommen übergeschnappt?“

„Ach, komm schon!“ Annies Stimme bebte vor Zorn. „Du wolltest eine Riesenhochzeit in einer großen Kirche, sodass du all deine exklusiven Freunde dazu hättest einladen können.“

„Du bist tatsächlich übergeschnappt! Ich habe nie …“

„Schrei nicht so!“

„Ich schreie überhaupt nicht. Du bist diejenige, die …“

„Ich will dir mal eins sagen, Chase Cooper. Diese Hochzeit ist ganz genau so, wie Dawn sie sich gewünscht hat.“

„Und das ist auch gut so. Wenn es nach dir gegangen wäre, hätte unsere Tochter womöglich irgendwo barfuß auf einem Hügel geheiratet …“

„Oh, und wie sehr hätte das doch deinem kostbaren Image geschadet!“

„… während irgendein Trottel im Hintergrund die Satyr gespielt hätte.“

„Sitar“, zischte Annie. „Das heißt Sitar, Cooper, obwohl du über Satyre vermutlich eine Menge mehr weißt als über Musikinstrumente.“

„Ach, sind wir wieder dabei gelandet?“, knurrte Chase, und Annies Wangen färbten sich noch intensiver, sodass die feinen Sommersprossen, mit denen ihre Nase golden gesprenkelt war, dunkel hervortraten.

„Nein. Wir sind bei gar nichts gelandet. Soweit es mich betrifft …“

„… die Eltern der Braut, Mr. und Mrs. Chase Cooper.“

Annie und Chase blickten zur Bühne. Der Sänger der Tanzkapelle lächelte wohlwollend in ihre Richtung, und die Gäste, selbst diejenigen, die ein wenig von der Ankündigung überrascht zu sein schienen, klatschten in die Hände.

„Kommen Sie, Annie und Chase.“ Das theatralische Lächeln des Sängers wurde noch breiter. „Auf zur Tanzfläche, zum Brautpaar.“

„O nein, ganz bestimmt nicht“, brummte Chase halblaut.

„Der Mann ist ja völlig verrückt“, schnappte Annie.

Doch der Applaus wurde immer stärker, und selbst der hilfesuchende Blick, den Annie ihrer Tochter zuwarf, die noch in den Armen ihres Bräutigams schwebte, zeitigte lediglich ein entschuldigendes Schulterzucken Dawns.

Energisch stieß Chase seinen Stuhl zurück und streckte seine Hand aus. „Also gut“, meinte er voller Ingrimm. „Je schneller wir’s hinter uns bringen, desto besser.“

Annie reckte das Kinn, erhob sich steif und legte ihre Hand in seine. „Ich hasse dich wirklich, Chase.“

„Dieses Gefühl, Madam, beruht absolut auf Gegenseitigkeit.“

Beide holten ein paarmal tief Atem, setzten ein zivilisiertes Lächeln auf und betraten die Tanzfläche.

Förmlich hielt Chase Annie im Arm, genug Raum zwischen ihnen, dass selbst Miss Elgar, die Anstandsdame auf Annies Schulabschluss-Ball, zufrieden gewesen wäre. Wider Willen musste Chase lächeln. Erinnerungen an damals stiegen in ihm auf: Es war ein warmer Frühlingsabend gewesen, und sogar draußen auf dem Parkplatz hatten sie noch vollkommen ineinander versunken weitergetanzt. In dieser Nacht hatten sie zum ersten Mal miteinander geschlafen, auf einer Patchwork-Decke, die Chase vom Rücksitz seines uralten Wagens genommen und auf dem weichen, süß duftenden Gras am Captree Point ausgebreitet hatte.

Mit einem weichen kehligen Laut schloss er den Arm enger um seine Frau und drückte ihre andere Hand an seine Brust.

„Chase?“, sagte sie.

„Schsch …“, flüsterte er, die Lippen an ihrem Haar.

Annie hielt sich noch eine Sekunde länger steif aufrecht, dann seufzte sie, legte den Kopf an seine Schulter und gab sich der Musik und den Erinnerungen hin, die nun auch sie überwältigten.

Es fühlte sich so gut an, hier in Chases Armen zu sein. Annie schloss die Augen. Sie hatten schon immer gut zusammen getanzt, sogar zu Highschool-Zeiten.

Und dann, in jener Nacht, das erste Mal … Sein Körper, sein Geruch, der Geschmack seiner Haut … Und schließlich der Moment, als Chase sie in Besitz genommen hatte, ein Teil von ihr geworden war, für immer …

Nur dass es nicht für immer gewesen war.

Annie versteifte sich in den Armen ihres Mannes.

Es war Sex gewesen, sonst nichts, und irgendwann nicht einmal mehr das. Chase ist mein Ex, sagte sie sich. Er ist nicht mehr mein Mann. Er ist weder der Junge, in den ich mich damals so Hals über Kopf verliebt habe, noch der Mann, der Dawn gezeugt hat. Er war ein Fremder, der sich mehr für sein Geschäft interessiert hatte als für Frau und Kind. Und mehr dafür interessiert, mit einer zweiundzwanzigjährigen Sekretärin ins Bett zu gehen, als mit ihr, der Ehefrau, deren Körper allmählich begonnen hatte, an Attraktivität zu verlieren.

Kälte stieg in Annie auf, und sie hörte auf, ihre Füße zu bewegen. Sie legte ihre Handflächen auf Chases Brust.

„Das reicht“, sagte sie.

Blinzelnd öffnete Chase die Augen. Er sah aus wie jemand, der grob aus einem schönen Traum gerissen worden war.

„Annie“, seine Stimme klang sanft. „Annie, hör zu …“

„Der Eröffnungstanz ist vorbei, Chase. Die Tanzfläche ist voll.“

Er schaute sich um. Es stimmte. Sie befanden sich am Rand des Tanzbodens, auf dem sich mittlerweile zahlreiche weitere Paare tummelten.

„Wir haben unsere Scharade gespielt. Und ab jetzt, wenn du nichts dagegen hast, sind meine Tänze für Milton Hoffman reserviert.“

Chases Miene wurde hart. „Selbstverständlich“, erwiderte er höflich. „Ich möchte mich auch mit ein paar Leuten unterhalten. Wie ich sehe, hast du einige meiner alten Freunde ebenfalls eingeladen, nicht nur deine.“

„Natürlich.“ Annies Lächeln hätte Wasser zu Eis erstarren lassen können. „Manche von ihnen sind auch meine Freunde. Außerdem wusste ich ja, dass du etwas brauchen würdest, um dich zu beschäftigen … in Anbetracht der Tatsache, dass du das große Opfer gebracht hast, nicht deine neueste kleine Gespielin mitzubringen. Oder bist du ausnahmsweise gerade mal solo?“

Chase hatte noch niemals in seinem Leben die Hand gegen eine Frau erhoben. Männer, die Frauen schlugen, waren verachtungswürdig. Dennoch, für den Bruchteil einer Sekunde wünschte er, Annie wäre ein Mann, um ihr dieses selbstgerechte Lächeln vom Gesicht zu wischen.

Stattdessen entgegnete er: „Falls du wissen willst, ob es eine besondere Frau in meinem Leben gibt, lautet die Antwort ja.“ Er legte eine effektvolle Pause ein. „Und ich wäre dir verbunden, wenn du dir etwas Einschränkungen in der Art und Weise auferlegtest, wie du über meine Verlobte redest.“

Annies selbstgefälliger Gesichtsausdruck war schlagartig verschwunden, und ihr stand der Mund offen.

„Deine … deine …?“

„Verlobte“, sagte Chase. Das war noch nicht einmal ganz gelogen. Seit zwei Monaten ging er nun schon mit Janet aus, und diese machte auch keinerlei Hehl daraus, was sie sich von dieser Beziehung versprach. „Janet Pendleton. Ross Pendletons Tochter. Kennst du sie?“

Sie kennen? Janet Pendleton, die Erbin des Pendleton-Vermögens? Jenes blonde, blauäugige Wesen, das beinahe jede Woche auf den Gesellschaftsseiten der New York Times erschien? Die junge Frau, die ebenso für ihre Brillanz als Pendletons Vizepräsidentin berühmt war wie für die Tatsache, dass sie ein Millionen-Dollar-Angebot ausgeschlagen hatte, mit dem sie einem französischen Parfüm ihre klassische Schönheit für Werbefotos hätte leihen sollen?

Einen flüchtigen Augenblick lang hatte Annie das Gefühl, dass ihr der Fußboden unter den Füßen wegkippte. Dann richtete sie sich auf und lächelte gezwungen.

„Wir bewegen uns nicht in denselben Kreisen, fürchte ich. Aber ich weiß natürlich, wer sie ist. Es freut mich, dass dein Geschmack Fortschritte gemacht hat, von Zweiundzwanzigjährigen hin zu Frauen, die bereits auf die Dreißig zugehen. Hast du es Dawn schon erzählt?“

„Nein! Ich meine, dazu war noch keine Gelegenheit. Ich … äh, ich habe gedacht, ich warte noch damit, bis sie und Nick aus den Flitterwochen zurück …“

„Milton. Da bist du ja.“ Annie packte Milton Hoffman, der offenbar versucht hatte, sich an ihnen vorbeizudrücken, um ans Buffet zu gelangen, am Arm. „Milton“, sagte sie, hakte sich bei ihm ein und bedachte ihn mit ihrem strahlendsten Lächeln. „Mein Exmann hat mir gerade ein paar aufregende Neuigkeiten mitgeteilt.“

Hoffman sah Chase hinter seiner Hornbrille hervor misstrauisch an. „Tatsächlich? Wie schön.“

„Chase hat sich entschlossen, wieder zu heiraten. Janet Pendleton. Ist das nicht wundervoll?“

„Nun ja“, meinte Chase einschränkend, „eigentlich …“

„Mir scheint, dies ist eine Zeit der Romanzen“, erklärte Annie mit silberhellem Lachen. „Dawn und Nick, Chase und Janet Pendleton …“ Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute in Milton Hoffmans langes, knochiges Gesicht. „Und wir.“

Hoffmans Adamsapfel hüpfte so heftig auf und ab, dass man fast befürchten musste, seine Fliege würde sich lösen. Es war erst eine Woche her, dass er Annie Cooper einen Heiratsantrag gemacht hatte. Und sie hatte ihm gesagt, wie sehr sie ihn mochte und bewunderte, wie sehr sie seine Gesellschaft und seine Aufmerksamkeit schätzte. Nur ja hatte sie nicht gesagt.

Hoffmans Blick ging zu ihrem früheren Mann. Chase Cooper hatte aus der Baufirma seines Vaters ein landesweit bekanntes Unternehmen gemacht. Hoffman schluckte erneut. Im Moment wirkte der Kerl, als wollte er ihn am liebsten zu Mus verarbeiten.

„Chase?“, sagte Annie. „Willst du uns nicht gratulieren?“

„Doch.“ Chase steckte die Hände tief in die Hosentaschen, wo er sie zu Fäusten ballte. „Ich wünsche dir alles Gute, Annie. Dir und deinem Gerippe, euch beiden.“

Annies Lächeln verschwand. „Du hast ja schon immer das Richtige zu sagen gewusst, Chase, nicht wahr?“ Sich auf dem Absatz herumdrehend, zog sie Milton mit sich zur Schlange der Wartenden am Buffet.

„Annie“, wisperte Milton ihr zu. „Annie, meine Liebste, ich hatte ja keine Ahnung …“

„Ich auch nicht“, wisperte sie zurück und lächelte so angestrengt in sein verblüfftes Gesicht hinauf, dass er glauben musste, die Tränen in ihren Augen seien Tränen des Glücks und nicht solche, die daherrührten, dass sich in ihrem Herzen auf einmal ein tiefes Loch aufzutun schien.

Heiraten, dachte Chase. Meine Annie und diesen Trottel heiraten … Da hätte ich ihr wahrhaftig einen besseren Geschmack zugetraut.

Er schob dem Barmann sein leeres Glas hinüber.

„Frauen, ha“, meinte er. „Man kann nicht mit ihnen leben, aber auch nicht ohne sie.“

Der Barkeeper lächelte höflich. „Ja, Sir.“

„Geben Sie mir noch einen. Bourbon und …“

„Und Wasser, einen Eiswürfel. Ich weiß.“

Chase sah den Mann an. „Wollen Sie mir damit etwa sagen, dass ich heute Nachmittag zu oft hier gewesen bin?“

Das Lächeln des Barkeepers wurde noch höflicher. „Das werde ich vielleicht bald tun müssen, Sir. Das Gesetz, wissen Sie.“

Chase presste die Lippen zusammen. „Wenn ich zu viel zu trinken gehabt habe, werde ich es Sie sicher wissen lassen. Bis dahin machen Sie einen doppelten daraus.“

„Chase?“

Er wandte sich um. Hinter ihm tanzten einige der Gäste, während andere sich noch an dem raffinierten Essen gütlich taten, das Annie hatte auffahren lassen und an dessen Kosten er sich nicht hatte beteiligen dürfen.

„Chase? Bist du okay?“

Chase blinzelte. David Chambers, hochgewachsen, blaue Augen, die dunklen Haare noch immer im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst wie damals vor zwölf Jahren, als er Chases persönlicher Anwalt geworden war, stand neben ihm.

Chase stieß ein freudloses Lachen aus. „David.“ Er packte ihn an beiden Schultern. „He, Mann, wie geht’s dir denn so?“

Chambers umarmte ihn kurz und betrachtete ihn dann aufmerksam. „Gut. Und dir? Alles in Ordnung?“

„Könnte nicht besser sein. Was trinkst du?“

Chambers warf dem Barmann einen Blick zu. „Scotch“, sagte er. „Einfach, mit Eis. Und ein Glas Chardonnay, bitte.“

„Sag bloß“, meinte Chase, „du bist in weiblicher Begleitung hier? Ich schätze, dich hat’s wohl auch erwischt.“

„Mich?“ David lachte. „Der Wein ist für eine Dame an meinem Tisch. Nein, nein, Chase. Eine Ehe, eine Scheidung, das reicht. Nie wieder, jedenfalls nicht in diesem Leben.“

„Genau.“ Chase nickte. „Wozu auch? Du heiratest eine Frau, und nach ein paar Jahren ist sie plötzlich ein völlig anderer Mensch.“

„Richtig. Die Ehe ist nichts als eine weibliche Phantasie.“ Der Barkeeper stellte den Scotch vor David hin, der das Glas an den Mund hob und einen großen Schluck trank. „Meiner Meinung nach sollte ein Mann eine Haushälterin, eine Köchin und eine gute Sekretärin haben. Was braucht er mehr?“

„Nichts“, antwortete Chase düster. „Gar nichts.“

Der Mann hinter dem Tresen stellte ein Glas Chardonnay vor David hin, der es aufnahm, sich umwandte und quer durch den Raum schaute. Chase folgte seinem Blick zu einem Tisch, an dem eine kühl wirkende, schöne Brünette in würdevoller Haltung saß.

David trank erneut von seinem Scotch. „Dummerweise gibt es da noch eine andere Sache“, sagte er resigniert. „Und die ist es, die arme Hunde wie dich und mich in Schwierigkeiten bringt.“

Chase dachte daran, wie es sich angefühlt hatte, Annie beim Tanzen in seinen Armen zu halten. Erst zwei Stunden war das her.

„Arme Hunde stimmt genau“, meinte er und hob sein Glas. „Tja, du und ich, wir beide wissen es besser. Ins Bett mit ihnen und sie dann gleich wieder vergessen, sag’ ich da nur.“

Lachend stieß David mit Chase an. „Darauf trinke ich.“

„Worauf? Was heckt ihr beiden denn gerade aus, so versteckt hier an der Bar?“ Dawn, strahlend in weißer Spitze, stand Arm in Arm mit Nick hinter ihnen und lachte sie an. „Daddy.“ Sie küsste ihren Vater auf die Wange. „Und Mr. Chambers. Ich freue mich ja so, dass Sie kommen konnten.“

„Ich freue mich auch.“ David hielt dem Bräutigam die Hand hin. „Sie sind ein Glückspilz, junger Mann. Geben Sie gut auf sie acht.“

Nick schüttelte ihm die Hand. „Das habe ich auch vor, Sir.“

Dawn gab Chase noch einen Kuss. „Geh herum und misch dich unter die Leute, Daddy. Das ist ein Befehl.“

Chase salutierte zackig zum Spaß. Das Brautpaar ging weiter, und er seufzte. „Das ist das einzig Gute, was bei einer Ehe herauskommt. Ein Kind, das man sein eigen nennen kann.“

David nickte. „Das stimmt. Ich hatte immer gehofft …“ Achselzuckend griff er mit der einen Hand nach seinem Drink und nahm mit der anderen das Weinglas. „He, Cooper“, sagte er dann grinsend. „Wenn man zu lange an einem Bartresen steht, wird man melancholisch. Hat dir das schon mal einer gesagt?“

„Ja“, erwiderte Chase. „Mein Anwalt, und zwar vor fünf Jahren, als wir gemeinsam versackt sind, nachdem meine Scheidung rechtskräftig geworden ist.“

Die Männer grinsten einander verständnisinnig an, bevor David Chambers Chase einen leichten Klaps auf den Rücken versetzte. „Nimm dir Dawns Rat zu Herzen, mein Lieber. Misch dich unter die Leute. Es läuft eine erstaunliche Auswahl an gutaussehenden alleinstehenden Frauen hier herum, falls du das noch nicht bemerkt haben solltest.“

„Für einen Rechtsanwalt“, erklärte Chase schmunzelnd, „hast du manchmal ganz gute Ratschläge auf Lager. Was ist mit der Brünetten da an deinem Tisch? Ist die schon vergeben?“

Davids Augen verengten sich kaum merklich. „Momentan schon.“

„Ach ja?“

„Ja.“ Der Anwalt lächelte, doch in seinem Blick lag ein gewisses Etwas, das Chase sogleich erkannte.

Er grinste. „Du alter Schmutzfink, du! Na ja, macht nichts. Ich werde also … Wie hat meine Tochter das noch genannt? Mich unter die Leute mischen. Das ist es. Ich werde mal die Blicke schweifen lassen und schauen, was hier so im Angebot ist.“

Die Männer verabschiedeten sich voneinander, Chase leerte sein Glas, ohne dem Barkeeper die Genugtuung zu verschaffen, ihm noch einen weiteren Drink zu verweigern, und bugsierte sich schnurstracks zur Tür hinaus.

Annie schleuderte ihre Pumps von den Füßen, streckte die Beine auf der alten Chintz-Ottomane aus, die sie schon so lange hatte hinauswerfen wollen, und stieß einen tiefen, langen Seufzer aus.

„Na“, stöhnte sie. „Das wäre geschafft.“

Debbie, die ihr gegenüber auf dem Sofa saß, nickte zustimmend. „Vorbei und vorüber.“ Die Arme auf der Rückenlehne ausgestreckt, streifte sie ebenfalls ihre Schuhe ab. „Und ich wette, du bist froh darüber.“

„Froh?“ Annie schnaubte wenig damenhaft. „Das trifft es nicht einmal im Entferntesten.“ Seufzend fuhr sie fort: „Die Planung der ganzen Sache übersteigt jedes Vorstellungsvermögen. Stell dir mal vor, dass deine Tochter eines Abends hereinkommt und ruhig verkündet, dass sie in zwei Monaten heiratet und ob es nicht einfach großartig wäre, wenn sie die perfekte Hochzeit haben könnte, von der sie schon immer geträumt hat.“

Debbie zog sich die Strumpfhose aus, die sie unter ihrem Chiffonkleid trug. „Meine Tochter ist absolut vernarrt in die Siebziger“, erklärte sie, wobei sie sich die Strumpfhose wie eine Boa um den Hals drapierte. „Wenn ich Glück habe, will sie ihre Hochzeit irgendwo auf einem Hügel in der freien Natur feiern, und alle Gäste sollen etwas mitbringen zum … Was hast du?“

„Ach nichts.“ Annie sprang auf und tappte barfuß in die Küche, aus der sie gleich darauf mit einer Champagnerflasche sowie zwei Saftgläsern zurückkehrte. „Dessen hat er mich bezichtigt, musst du wissen.“

„Was? Wer hat dich wessen bezichtigt?“

„Macht es dir was aus, dieses Zeug aus Saftgläsern zu trinken?“

„Meinetwegen können wir es auch aus Marmeladengläsern trinken. Wovon redest du, Annie?“

„Von Chase. Mr. Ex.“ Sorgfältig löste Annie den Korken, ließ ihn knallen, und der Champagner schäumte heraus. Rasch hielt sie die Gläser darunter. „Vor ein paar Wochen hat er angerufen, um mit Dawn zu sprechen. Leider bin ich ans Telefon gegangen. Er sagte, er habe seine Einladung erhalten und sei froh, dass meine Gefühle offenbar nicht mit mir durchgegangen seien.“ Sie hielt Debbie eines der Gläser hin. „Kannst du dir das vorstellen? Und bloß, weil ich damals, als wir noch jung verheiratet waren, ein paar Partys im Hinterhof der Mietskaserne gegeben habe, in der wir gewohnt haben.“

„Ich dachte, ihr hättet in einem Apartment gewohnt.“

„Später ja, aber zu der Zeit noch nicht. Chase kannte jemanden, der uns diese wirklich billige Mietwohnung in Queens vermittelt hat.“

„Und was für Partys hast du veranstaltet?“

„Freiluft-Partys zum größten Teil.“

„Na und?“ Debbie schnitt eine Grimasse.

Annies Lippen zuckten. „Na ja, es war Winter.“

„Im Winter?“

„Ja. Die Wohnung war eben so klein, und außerdem hatten die Mäuse das Haus fest im Griff.“

Annie ließ sich erneut auf die Ottomane sinken. „Es war nichts Großartiges, aber schließlich hatten wir auch nicht viel Geld. Ich war gerade aus der Highschool raus, und der einzige Job, den ich kriegen konnte, war Verkäuferin bei dem Burger King in unserem Viertel. Chase war aufs City College gewechselt, wo die Studiengebühren viel niedriger waren. Und außerdem konnte er so zwei Tage die Woche in der Baufirma seines Vaters arbeiten.“ Sie seufzte. „Wir waren dermaßen pleite. Glaub mir, wir haben tausenderlei Möglichkeiten erfunden, um Geld zu sparen!“

Debbie schmunzelte. „Einschließlich der Freiluft-Partys mitten im Winter.“

Annie schmunzelte ebenfalls. „Ach, das war gar nicht so schlimm. Wir haben ein Feuer in einem Barbecue-Grill angezündet, und ich habe tonnenweise Chili und selbstgebackenes Brot gemacht. Wir haben eine Riesenkanne Kaffee aufgesetzt, und für die Jungs gab’s Bier …“ Ihre Stimme verlor sich vage.

„Welch ein Unterschied zu heute“, meinte Debbie, die die Gläser nachfüllte. „Champagner, Kaviar, Shrimps auf Eis, Rindfleisch ohne Knochen mit Pilzen …“

Filet de Boeuf aux Chanterelles, wenn ich bitten darf“, gab Annie scherzhaft zurück.

Debbie grinste. „Oh, pardonnez-moi, Madame.“

„Kein Witz. Wenn man bedenkt, wie kostspielig das Zeug ist, sollte man lieber die französische Bezeichnung dafür nehmen.“

„Und du hast Chase keinen roten Heller zahlen lassen, hm?“

„Nein“, sagte Annie scharf.

„Ich finde ja immer noch, du bist verrückt. Was willst du dir denn damit beweisen?“

„Dass ich sein Geld nicht brauche.“

„Und ihn auch nicht?“, meinte Debbie sanft. Annie schaute sie an, und Debbie zuckte die Achseln. „Ich habe euch tanzen sehen. Eine Weile lang hat das ziemlich innig ausgesehen.“

„Du hast gesehen, wie sich die Vergangenheit in die Gegenwart eingeschlichen hat. Glaub mir, Debbie. Dieser Teil meines Lebens ist vorbei. Ich habe überhaupt keine Gefühle mehr für Chase. Ich kann kaum glauben, dass ich je welche hatte.“

„Verstehe. Ein Nostalgietrip also?“

„Genau. Verursacht durch die Hochzeit meines kleinen Mädchens.“ Annie schluckte und brach unvermittelt in Tränen aus.

„Ach, Schätzchen.“ Debbie sprang vom Sofa auf und hockte sich neben Annie. Sie legte ihr die Arme um die Schultern und tätschelte ihr den Rücken. „Wein doch nicht. Es ist gar nicht so ungewöhnlich, wenn man noch etwas für seinen Ex empfindet, weißt du. Vor allem, wenn er so gut gebaut ist wie Chase.“

„Er will wieder heiraten“, schnüffelte Annie.

„Chase?“

„Und zwar Janet Pendleton.“

„Muss ich die kennen?“

„Ich hoffe nicht“, hickste Annie. „Sie ist reich, intelligent und sieht toll aus. Eine Superfrau.“

„Ich hasse sie jetzt schon.“ Debbie hob Annies Kinn. „Bist du dir da sicher?“

„Er hat’s mir gesagt.“ Annie lehnte sich zurück, kramte ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich die Nase. „Also habe ich ihm erzählt, dass ich Milton heirate.“

„Milton? Milton Hoffman?“ Debbie fuhr zurück. „Grundgütiger, das ist nicht dein Ernst!“

„Wieso nicht? Er ist alleinstehend, zuverlässig, und er ist nett.“

„Das ist ein Teddybär auch“, stellte Debbie fest. „Lieber einen von denen im Bett als Milton Hoffman.“

„O Debbie, das ist nicht fair von dir.“ Annie stand auf. „In einer Beziehung geht es doch um mehr als bloß Sex.“

„Worum denn dann?“

„Gemeinsamkeit beispielsweise. Gleiche Interessen. Träume, die man miteinander teilt.“

„Und davon hast du genug mit Milton Hoffman, um all das Übrige zu vergessen?“

„Ja!“ Annie ließ die Schultern sinken. „Nein“, gab sie zu. „Ist das nicht furchtbar? Ich mag Milton, aber ich liebe ihn nicht.“

Debbie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. „Dem Himmel sei Dank! Einen Moment lang habe ich wirklich geglaubt, du hättest eine Schraube locker.“

„Ich bin nicht nur sexbesessen …“

„Das bist du nicht. Sex spielt eine wichtige Rolle im Leben.“

„… sondern habe auch noch Milton missbraucht. Jetzt muss ich ihn anrufen und ihm sagen, dass es nicht so gemeint war, als ich ihn Chase als meinen Verlobten vorgestellt habe.“

„Wow“, Debbie stieß einen leisen Pfiff aus. „Ich muss schon sagen, du hast ganze Arbeit geleistet.“

„Ein großes Durcheinander angestiftet, meinst du wohl.“

„Bring mich nicht gleich um, wenn ich das jetzt so sage, aber vielleicht solltest du die Dinge noch einmal überdenken. Ich meine, ich weiß, dass er heiraten will, aber vielleicht empfindest du ja doch noch was für deinen Ex.“

„Und wenn er ins Kloster ginge, das wäre mir völlig egal!“ Annies Augen blitzten. „Ich empfinde rein gar nichts mehr für Chase. Ich gebe zu, dass ich durcheinander bin, aber das liegt bloß daran, dass meine Kleine geheiratet hat.“

„Du weißt doch, wie es heißt, Annie. Wir ziehen unsere Kinder nur auf, um sie ihren eigenen Weg gehen zu lassen, sobald sie erwachsen sind.“

Annie steckte das Taschentuch fort, nahm die Champagnerflasche und verschwand in Richtung Küche.

„Nicht das Loslassen regt mich so auf, Debbie. Es ist, weil sie noch so jung ist. Zu jung, befürchte ich, um eine derartige Verpflichtung einzugehen.“

„Nun …“, wandte Debbie ein, die sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen lehnte. „Du warst auch jung, als du geheiratet hast.“

Annie seufzte. „Ja, genau. Und schau, wozu das geführt hat. ich dachte damals, ich wüsste, was ich tue, aber es stellte sich heraus, dass dies keineswegs der Fall war. Es waren die Hormone, nicht die Vernunft, die …“

In diesem Augenblick läutete das Telefon.

3. KAPITEL

Annie nahm ab. „Hallo?“

„Annie?“

„Chase.“ Annies Lippen wurden schmal. „Was willst du? Ich dachte, wir hätten heute Nachmittag schon alles gesagt, was es zwischen uns zu sagen gibt.“

Auf der anderen Seite des Städtchens blickte Chase zu dem Jungen, der mit hängendem Kopf am Fenster stand.

„Annie … Nick ist hier bei mir.“

Annie zog die Brauen zusammen. „Nick? Was meinst du? Wo, hier?“

„Hier, in meinem Hotelzimmer.“

„Nein, das kann nicht sein. Nick sitzt mit Dawn in einem Flugzeug nach Hawaii …“ Sie wurde auf einmal blass. „O nein“, flüsterte sie. „Ein Unfall? Ist Dawn …?“

„Nein“, beruhigte Chase sie sofort. „Dawn geht es gut. Weder ihr noch Nick ist irgendetwas zugestoßen.“

„Warum ist er dann …?“

„Sie hat ihn verlassen.“

Annie sank auf einen der Küchenstühle. „Sie hat ihn verlassen?“, wiederholte sie betäubt. Ungläubig sah Debbie sie an. „Dawn hat Nick verlassen?“

„Ja.“ Chase rieb sich den Nacken. „Sie … sind wohl zum Flughafen gefahren und haben ihr Gepäck aufgegeben. Dann sind sie zum VIP-Warteraum gegangen. Ich habe ihre Tickets etwas aufgewertet, Annie, und ihnen eine Mitgliedschaft besorgt …“

„Verdammt, Chase, sag endlich, was passiert ist!“

Seufzend fuhr er fort: „Nick sagte, dass er ihnen was zu trinken holen wollte, und Dawn war es recht. Aber als er mit dem Kaffee zurückkam, war sie verschwunden.“

„Sie hat ihn nicht verlassen“, rief Annie entsetzt. „Sie ist entführt worden!“ Debbie blieb der Mund offen stehen. Hast du die Polizei alarmiert? Hast du …?“

„Sie hat einen Zettel hinterlassen“, erklärte Chase müde. „Darauf steht, dass es nicht deshalb ist, weil er ihr nichts bedeuten würde …“

„Sie hat gesagt, dass sie Nick liebt.“ Annie erhob die Stimme. „Dass sie verrückt nach ihm ist.“

„… aber“, sprach Chase weiter, „dass es nicht genug ist, wenn sie ihn liebt.“

„Nicht …?“

„Genug ist. Sie schreibt, dass sie keine andere Wahl hat, als die Ehe zu beenden, noch bevor sie begonnen hat.“

„Oje. Das klingt so düster.“

Chase nickte, als ob Annie ihn sehen könnte. „Nick ist vollkommen außer sich, genau wie ich.“ Seine Stimme wurde rau vor Gemütserregung. „Er hat überall nach ihr gesucht, aber er kann sie nicht finden. Mein Gott, wenn unserem kleinen Mädchen irgendetwas passiert ist …“

Annie hob den Kopf. Leise, fast unhörbar, wurde die Vordertür geöffnet und dann wieder geschlossen. Langsam näherten sich Schritte.

„Mom?“

Dawn stand in der Tür, bekleidet mit dem Hosenanzug, den sie für die Reise gekauft hatten. Die winzigen Orchideen am Revers ließen traurig den Kopf hängen. Dawns Augen waren rot und geschwollen.

„Kleines?“, flüsterte Annie.

Dawn lächelte, wobei ihre Lippen jedoch bebten, und dann brach sie in Tränen aus.

„Oh, Mommy“, jammerte sie, und Annie ließ das Telefon fallen und öffnete ihre Arme.

Ihre Tochter flog durch den Raum und barg den Kopf in Annies Schoß.

Debbie hob das Telefon vom Boden auf.

„Zum Teufel noch mal“, brüllte Chase. „Wer ist da? Was ist da los?“

„Ich bin eine Freundin von Annie“, erklärte Debbie. „Sie und Nick können aufhören, sich Dawns wegen zu beunruhigen. Sie ist gerade hereingekommen.“

Chase signalisierte Nick ein Okay-Zeichen, und dieser eilte an seine Seite.

„Ist meine Tochter in Ordnung?“

„Ja, sie scheint …“

Chase knallte den Hörer auf, und er und Nick stürmten aus dem Zimmer.

Der Mond war aufgegangen, in eine Wolkenbank aufgestiegen und verschwunden.

Leise seufzend, knipste Chase die Lampe neben seinem Stuhl an und wünschte, er könnte so etwas auch innerlich tun. Vielleicht würden die anderen dann endlich aufhören, ihn so anzustarren, als wäre er in der Lage, eine Lösung in dieser unmöglichen Situation herbeizuzaubern.

Doch die Wahrheit war eben schlicht und einfach, dass unmögliche Situationen unwahrscheinliche Lösungen erforderten, und ihm fiel keine ein. Sein Kopf schien wie leergefegt.

Noch vierundzwanzig Stunden zuvor hätte Chase seine Tochter zu ihrem Schritt beglückwünscht. Da hätte er fast alles darum gegeben, wenn Dawn beschlossen hätte, die Hochzeit noch aufzuschieben, bis sie älter und hoffentlich auch klüger war.

Müde schloss Chase die Augen. Aber das hatte sie nun mal nicht getan. Dawn und Nick waren nun aneinander gebunden, sowohl kirchlich als auch vor dem Gesetz. Diese Bindung zu lösen stellte sich jetzt sehr viel schwieriger dar als noch vor wenigen Stunden. Und dass Dawn weinte und wieder und wieder versicherte, dass sie Nick von ganzem Herzen liebte, sie nur nicht mit ihm verheiratet sein konnte, wollte und durfte, half auch nicht weiter.

Niemand verstand, wovon sie redete.

Dennoch meinte Annie immer wieder beschwichtigend: „Ich verstehe dich, Schätzchen“, und wiegte sie in ihren Armen.

„Was verstehst du?“, wollte Chase entnervt wissen, nachdem es Annie gelungen war, Dawn dazu zu überreden, sich hinzulegen und ein wenig zu schlafen.

„Verdammt, Annie!“, brüllte Chase, woraufhin Dawn erneut haltlos zu schluchzen angefangen hatte, Nick besorgt herbeigeeilt kam und Annie Chase mit einem erbosten Blick bedacht hatte.

„Schau, was du jetzt wieder gemacht hast!“, fuhr sie ihn an und schlug ihm die Tür zu Dawns Zimmer vor der Nase zu.

Chase stöhnte. Er saß in der Diele und war hundemüde. Seit Stunden war aus dem Zimmer seiner Tochter kein Laut mehr zu hören. Dawn und Annie schliefen vermutlich, und selbst Nick war auf dem Sofa im Wohnzimmer erschöpft eingenickt.

Vielleicht könnte ich ja auch ein bisschen dösen, und wenn’s nur für fünf Minuten ist, dachte er und ließ den Kopf nach hinten sinken.

„Verdammter Stuhl!“, fluchte er.

Er hatte vergessen, dass Annie all die gemütlichen Möbel von früher hinausgeworfen und sich stattdessen mit altem Trödel eingerichtet hatte. Antiquitäten nannte sie die Sachen, aber für ihn war es nichts anderes als Trödel – Sofas und Tische mit albernen Beinchen, Stühle ohne Kopfstützen …

„Wenn du diesem Stuhl einen Tritt versetzt, Chase Cooper, dann kriegst du einen Fußtritt in den Allerwertesten, das schwöre ich!“

Chase fuhr herum. Seine Exfrau stand an der Tür. Statt des festlichen Kleides von gestern trug sie jetzt Jeans und ein Sweatshirt. Und aus der Art und Weise, wie zerrauft ihr Haar aussah und sie die Hände in die Hüften gestemmt hatte, schloss er, dass ihre Laune nicht viel besser war als die seine.

„Das Ding hat einen Tritt verdient“, murrte er, ging jedoch zur Seite und ließ sie an sich vorbei. „Wie geht es Dawn?“

„Sie schläft.“ Annie schüttelte die Stuhlkissen auf und legte sie wieder ordentlich zurecht. „Und Nick? Ich nehme an, er ist noch da?“

„Ja, er schläft, im Wohnzimmer.“

„Und ist er okay?“

„Na ja, so okay, wie man in Anbetracht der Dinge sein kann. Hat unsere Tochter dir inzwischen erzählt, was genau mit ihr los ist?“

Annie blickte Chase an und strich sich dann die Locken aus dem Gesicht.

„Wie wär’s mit einem Tee?“ Ohne seine Antwort abzuwarten, ging sie in die Küche. „Es sei denn, du möchtest lieber Kaffee?“, meinte sie und schaltete das Neonlicht ein.

„Tee ist gut“, meinte Chase, der in dem plötzlichen grellen Licht müde blinzelte. Er setzte sich auf einen der Hocker an der Frühstückstheke.

Annie riss einen der Küchenschränke auf, holte eine Schachtel Teebeutel heraus und stellte sie auf die Arbeitsplatte. „Willst du einen Keks dazu?“

„Nur Tee, danke“, erwiderte er. „Was hat Dawn gesagt?“ Seine Augen verengten sich. „Hat Nick sie etwa misshandelt?“

„Nein, natürlich nicht. Gib mir bitte zwei Becher, ja? Da drüben im Schrank, gleich neben dir.“

„Mir scheint er auch nicht der Typ dafür zu sein.“ Chase nahm zwei weiße Porzellanbecher aus dem Schrank und schob sie die Theke entlang auf Annie zu. „Aber wenn er unserer Tochter auch nur ein einziges Haar gekrümmt hat …“

„Tu mir einen Gefallen, und krieg dich wieder ein, ja? Ich hab’ dir doch schon gesagt, dass es nicht das ist. Nick ist ein feiner Kerl.“

„Na gut, was ist es dann?“

Annie warf ihm einen kurzen Blick zu. „Es … Ach, es ist kompliziert. Nimmst du noch immer zwei Löffel Zucker, oder hast du mittlerweile gelernt, ohne das Zeug auszukommen?“

„Zwei Löffel, und hör auf mit der Nörgelei.“

Annie gab den Zucker in Chases Becher und rührte energisch um. „Du hast recht. Du kannst dich in Zucker wälzen, mir ist das egal. Deine Gesundheit ist nicht mehr länger mein Problem, sondern ihres.“

„Ihres?“

„Janet Pendletons.“

„Oh.“ Seine Wangen röteten sich. „Janet.“

Annie stellte den Becher so heftig vor ihn hin, dass etwas von der heißen, bernsteinfarbenen Flüssigkeit über den Rand auf Chases Finger schwappte.

„Richtig. Soll sich doch deine Verlobte um dein Gewicht Sorgen machen.“

„Um mein Gewicht muss sich niemand Sorgen machen“, er klärte Chase und zog dabei heimlich den Bauch ein.

Stimmt, dachte Annie säuerlich, als sie auf einen Hocker neben ihm rutschte. Er sieht immer noch so gut gebaut und attraktiv aus wie an dem Tag unserer Hochzeit – oder der Scheidung. Noch ein männlicher Vorteil. Männer müssen sich nicht den Kopf über die unangenehmen Veränderungen zerbrechen, die das mittlere Alter mit sich bringt. Zum Beispiel über die Falten, die eine Janet Pendleton nicht hat. Oder das schwache Bindegewebe, das Chases niedliche kleine Sekretärin auch nicht hatte.

„… ihn normal zu machen. Das ist doch nicht mit Dawn und Nick passiert, oder?“

Annie runzelte die Stirn. „Wovon sprichst du?“

„Von der Realität. Ich hab’ gerade erzählt, dass ich neulich von diesem Kerl gehört habe, der ein Mädchen geheiratet hat, obwohl er genau wusste, dass er schwul war. In der Hoffnung, dass er durch eine Ehefrau wieder normal würde …“

Annie verschluckte sich fast an ihrem Tee. „Du liebe Güte“, rief sie aus. „Was für ein trauriger Chauvinist voller Vorurteile du doch bist, Chase Cooper! Was heißt schon normal? Aber trotzdem, nein, Nicholas ist nicht, wie du es auszudrücken beliebst, schwul.“

„Bist du dir ganz sicher?“

„Ja.“

„Na ja, kann ja nicht schaden, wenn man mal nachfragt.“

„Nick und Dawn haben die letzten drei Monate schon zusammen gewohnt. Und Dawn hat nicht einmal angedeutet, dass es bei ihnen im Bett Schwierigkeiten gibt. Im Gegenteil.“ Annie errötete leicht. „Ich bin ein paarmal unangemeldet bei ihnen vorbeigekommen – zu üblichen Zeiten wohlgemerkt … Und daraus, wie lange es dauerte, bis sie an die Tür kamen, und wie sie aussahen, war unschwer zu erkennen, dass in dem Bereich alles vollkommen in Ordnung ist.“ Sie senkte den Blick auf ihren Tee. „Jetzt komme ich nicht mehr vorbei, ohne vorher angerufen zu haben.“

„Was soll das heißen, die beiden haben zusammen gewohnt?“ „Genau das, was ich sage. Hat Dawn dir das nicht erzählt? Sie haben sich ein Apartment in Cannondale genommen.“

„Zum Teufel, Annie, wie konntest du das zulassen?“

„Was? Dass sie mit dem Mann zusammengezogen ist, den sie heiraten wollte? Sie ist achtzehn, Chase, das heißt volljährig. Alt genug, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.“

„Trotzdem.“

„Was trotzdem?“

„Du hättest ihr sagen können, dass es falsch ist.“

„Liebe ist nie falsch.“

„Liebe“, meinte Chase kopfschüttelnd. „Sex, das trifft’s wohl eher.“

Annie seufzte. „Sex, Liebe … Das gehört doch zusammen. Denk dran, wie es bei uns gewesen ist.“

Chase sah scharf hoch. „Was wir getan haben oder nicht, hat mit dieser Situation hier nichts zu tun.“

„Da irrst du dich gewaltig.“ Annie stand auf, wärmte die Hände an ihrem Becher, knipste das Licht aus und trat an das Bogenfenster, von dem aus man den Garten überblicken konnte. „Ich fürchte, wir haben sogar eine Menge damit zu tun.“

„Was soll das heißen?“

Annie ließ sich auf dem Fenstersims nieder, den Blick nach draußen in die Dunkelheit gerichtet. „Du willst wissen, was sie gesagt hat? Also gut, aber es wird dir nicht gefallen.“

„Mir hat von dem, was heute geschehen ist, sowieso das meiste nicht gefallen“, sagte Chase und kam zu ihr. „Warum sollte es jetzt anders sein?“

„Nun, sie sagt, sie liebt Nick. Und sie weiß, dass er sie liebt. Doch genau das ist auch der Grund, weshalb sie ihn verlassen hat.“

„Wie bitte? Das ist doch völlig absurd.“ Chase sah verständnislos drein.

„Sie hat Angst.“

„Angst? Wovor?“

„Davor, dass die beiden sich wieder entlieben könnten. Sie hat Angst vor dem, was geschehen wird.“

Chase nahm neben Annie Platz. „Was wird denn geschehen?“

Annie hob die Schultern. „Ihre Liebe wird verdorren und absterben.“

„Das ist doch albern.“

„Dasselbe habe ich auch gesagt.“

„Und?“

„Und sie hat gesagt …“ Annie musste schlucken. „Sie hat gesagt, dass sie uns heute während der Feier beobachtet hat. Sie hat gesagt, dass es sie zutiefst verletzt hat, zu sehen, wie sehr wir es verabscheut haben, dass man uns gezwungen hat, miteinander zu tanzen.“

„Na klar. Niemand hat uns vorgewarnt. Aber wir haben’s doch geschafft.“

„Sicher, das habe ich ihr auch gesagt.“

„Und dann?“

„Dann meinte sie, es sei traurig gewesen, dass wir … so tun mussten, als ob wir gerne miteinander tanzten.“ Sie holte tief Luft. „Und ich habe ihr gesagt, dass sie sich darüber keine Gedanken zu machen braucht. Aber das war es wohl, was den Anstoß gegeben hat.“

„Was? Ich begreife überhaupt nichts.“

Annie stellte den Becher aufs Fensterbrett und verschränkte die Hände in ihrem Schoß. „Dawn sagte, als sie am Flughafen stand und darauf wartete, bis Nick das Gepäck aufgegeben und ihren Flug bestätigt hatte, da hat es sie plötzlich mit voller Wucht getroffen, wie furchtbar traurig es ist, dass du und ich, dass wir uns irgendwann einmal sehr geliebt haben müssen.“

„Wäre es ihr lieber gewesen, wenn wir das nicht getan hätten?“, brummte Chase.

„Sie meint, wenn ihr Vater und ihre Mutter von diesem Gefühl zu dem gekommen sind, was wir jetzt füreinander empfinden, dann will sie mit dieser ganzen Sache nichts zu tun haben, die uns beide an diesen Punkt gebracht hat.“

In Annies Augen schimmerte es feucht, und ihre Lippen zitterten.

„Und was hast du gesagt?“

„Was hätte ich denn sagen sollen?“

„Dass unsere Fehler nicht auch ihre sein müssen, zum Beispiel.“

Annie machte nur eine abwehrende Handbewegung.

„Hast du ihr gesagt, dass sie wahrscheinlich bloß müde und durcheinander ist und die Dinge übermäßig dramatisiert?“

„Ja.“

„Gut.“

„Das dachte ich zuerst auch“, seufzte sie. „Aber Dawn meint, dass sie lediglich praktisch denkt. Sie will die Beziehung mit Nick lieber jetzt beenden, solange sie einander noch lieben, anstatt zu warten, bis … bis sie anfangen, sich zu hassen.“

„Du lieber Himmel, Annie. Wir hassen uns doch nicht. Das hast du ihr doch gesagt, oder nicht?“

Annie nickte. „Aber sie meint, ich mache mir was vor, dass Liebe und Hass zwei Seiten derselben Medaille sind und dass es keinen Mittelweg gibt, sobald Menschen, die sich einmal geliebt haben, sich nicht mehr lieben.“

Chase stieß geräuschvoll den Atem aus. „Meine Tochter, die Philosophin.“

Annie schaute auf. „Was sollen wir bloß tun?“

„Ich weiß es nicht.“

„Dawn bricht es das Herz. Irgendetwas müssen wir doch unternehmen! Wir können nicht zulassen, dass sie Nick einfach so verlässt. Sie liebt ihn, Chase. Und er liebt sie.“

„Ich weiß. Ich weiß.“ Chase kämmte sich mit den Fingern durchs Haar.

„Unsere Tochter hat fürchterliche Angst vor der Ehe, und es ist unsere Schuld!“

Chase sprang auf. „Aber das ist doch ausgemachter Blödsinn.“

„Es ist die Wahrheit.“

„Ist es nicht. Schlimm genug, dass unsere Ehe gescheitert ist, aber ich will verdammt sein, wenn ich Schuldgefühle kriege, weil Dawns Ehe nicht funktioniert. Hörst du, Annie?“

„Das ganze Haus hört dich“, fuhr sie ihn halblaut an. „Sprich leiser, sonst weckst du noch die Kinder.“

„Du hast mir doch gerade erklärt, dass sie keine Kinder mehr sind. Unsere Tochter war alt genug zu entscheiden, dass sie heiraten wollte, obwohl du es ihr angeblich auszureden versucht hast.“

„Angeblich?“ Annie schoss empor, die Hände auf den Hüften. „Ich habe es versucht! Aber du hattest ja schon nachgegeben und ihr diesen Quatsch von wegen ‚Folge deinem Herzen‘ erzählt. Du hast ihr gesagt, sie solle tun, was sie für richtig hält!“

„Das ist nicht wahr.“ Zornig sah Chase sie an. „Ich habe sie gebeten, es sich wirklich gut zu überlegen. Ich hab’ ihr gesagt, dass sie zu jung ist, um einen so wichtigen Schritt zu wagen. Und weißt du was? Ich hatte recht!“

Annie ließ die Schultern nach vorn sinken. „Okay, okay. Wir haben also beide versucht, sie davon zu überzeugen, dass sie noch warten sollte. Und vielleicht hätte sie auf uns hören sollen. Aber das hat sie eben nicht getan.“

„Nein. Sie hat ihr eigenes Ding durchgezogen. Und dann sieht sie uns zusammen tanzen, und ganz plötzlich verwandelt sie sich in Sigmund Freud und denkt sich aus, dass sie einen schrecklichen Fehler begangen hat. Sie hat getan, was sie wollte, und jetzt glaubt sie, sie könnte unsere Scheidung dafür verantwortlich machen?“ Chase presste den Mund zusammen. „Das finde ich nicht.“

„Sie will niemand für irgendetwas verantwortlich machen. Sie ist aufgeregt.“

„Sie ist aufgeregt? Und was ist mit allen anderen? Meint sie etwa, dass wir uns hier prima amüsieren?“ Chases Miene verfinsterte sich. „Kannst du dir vorstellen, wie das für mich gewesen ist, als Nick vor meiner Tür stand, um mir zu sagen, dass Dawn davongelaufen war und er sie nirgendwo finden konnte? Hast du überhaupt eine Ahnung, was der Junge und ich ausgestanden haben?“

„Sich jetzt noch darüber aufzuregen, hat keinen Sinn. Dawn braucht unsere Hilfe. Sie kann Nick und ihre Ehe nicht aus so völlig falschen Gründen im Stich lassen.“

„Da stimme ich dir völlig zu. Zum Henker, wieso konnte sie nicht einfach mit ihm zusammenziehen. Musste es denn gleich in einer Heirat enden?“

„Gerade eben warst du noch sauer, weil sie mit ihm zusammengezogen ist!“

„Hast du ihr denn überhaupt keine Selbstbeherrschung beigebracht? Wenn ihre Hormone nicht verrückt gespielt hätten …“

„Wie kannst du es wagen? Ausgerechnet du redest von Selbstbeherrschung? Falls du welche gehabt hättest, wären wir vielleicht heute noch verheiratet!“

„Ich bin es leid, mich gegen diese alte Anschuldigung zu verteidigen, Annie. Außerdem, wenn du mich nicht wie einen Aussätzigen behandelt hättest …“

„So ist’s recht. Schieb nur mir wieder die Schuld zu.“

„Ich sehe niemand anders hier im Raum, dem ich sie zuschieben könnte.“

„Ich hasse dich, Chase Cooper! Ich hasse dich, hörst du! Und ich bereue jedes einzelne Mal, an dem ich mich von dir habe anrühren lassen!“

„Lügnerin!“

„Ach ja?“

Chase packte Annie bei den Schultern und riss zu sich herum. „Du warst in meinen Armen weich wie Butter, von Anfang an.“

„Nur weil ich so unschuldig war!“ Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. „Ich war noch ein kleines Mädchen, als wir uns kennengelernt haben. Oder hast du das schon vergessen?“

„Du warst das heißeste kleine Mädchen, das ich je gesehen hatte. Als ich dich das erste Mal geküsst habe, bist du wie ein ganzes Feuerwerk hochgegangen. Und das Einzige, woran ich noch denken konnte, war, dass ich dich für mich allein haben wollte, für den Rest meines Lebens!“

„Bis du herausgefunden hast, dass es im Leben mehr gibt als das Bett.“

„O ja.“ Er lachte freudlos. „Diese Lektion hast du mir wirklich gründlich erteilt. ‚Nicht jetzt, Chase. Ich bin nicht in Stimmung, Chase.‘“

„Wenn ich mich von dir weggedreht habe“, entgegnete Annie aufgebracht, „dann deshalb, weil ich einen verdammt guten Grund dazu hatte. Ich empfand nichts mehr für dich. Hätte ich vielleicht so tun sollen, als ob?“

„Tust du das, wenn du mit Hoffman zusammen bist? Tust du dann nur so?“

Annies Hand durchschnitt die Luft, doch Chase fing ihr Handgelenk ab, bevor sie seine Wange traf.

„Du weißt genau, dass du mir nichts vorspielen musstest, wenn wir uns geliebt haben“, erklärte er barsch. „Nicht mal zum Schluss. Du warst nur zu stolz, um es zuzugeben.“

„Armer Chase. Kann dein Ego die Wahrheit nicht vertragen?“

„Ich werde dir die Wahrheit schon zeigen!“

„Nein“, protestierte Annie, doch zu spät. Chase hatte sie schon in seine Arme gezogen und von ihren Lippen Besitz ergriffen.

Sein Kuss war voller Zorn, und Annie wehrte sich dagegen, trommelte mit den Fäusten auf seine Schultern, in dem verzweifelten Bemühen, ihren Mund von seinem zu lösen.

Und dann, tief in ihrem Innersten, schien sich mit einem Mal etwas zu lösen.

Vielleicht war es die Stille der Nacht, vielleicht die lange Anspannung des Tages. Plötzlich jedenfalls machte der Zorn einem viel gefährlicheren Gefühl Platz. Verlangen – dem Verlangen, das in der Vergangenheit zwischen ihnen gewesen war und von dem Annie geglaubt hatte, es sei gestorben.

Chase erging es ebenso.

„Annie“, flüsterte er an ihrem Mund. Die Hände in ihrem Haar vergraben, hob er ihr Gesicht zu sich empor.

Mit einem Seufzer der Kapitulation schlang sie die Arme um seinen Nacken, öffnete die Lippen unter seinen und gab sich ihm und seinem Kuss hin. Ihre Körper bewegten sich gemeinsam wie in einem lange eingeübten Tanz und mit einer Leichtigkeit, die aus der Leidenschaft herrührte, die sie vor langer Zeit einmal miteinander geteilt hatten.

Für lange Momente versank die Welt um sie herum.

Doch auf einmal war die Küche hell erleuchtet.

„Mom? Dad? Was in aller Welt macht ihr da?“

Annie und Chase fuhren herum. Dawn und Nick standen mit schockierter Miene und offenem Mund an der Tür.

4. KAPITEL

Gute Frage, dachte Annie. Ihre Wangen, bereits dunkelrot, wurden noch heißer. Was tun wir hier eigentlich?

„Mutter?“ Dawn starrte sie noch immer beide an. Sie sah aus, als ob die Tatsache, dass sie ihre Eltern bei einem Kuss ertappt hatte, nur unwesentlich weniger schockierend sei, als wenn sie die Küche voller kleiner grüner Männchen vorgefunden hätte, die sie aufgefordert hätten: „Bringen Sie uns zu Ihrem obersten Anführer.“

„Mutter? Bist du in Ordnung?“

Annie holte tief Luft. „Ja“, sagte sie mühsam. „Mir geht es gut.“

Ein verblüfftes Lächeln huschte über Dawns Miene. Dawn blickte von Annie zu Chase. „Was habt ihr gemacht?“

Annie wartete darauf, dass Chase antwortete, doch er schwieg. Na toll, dachte sie verärgert. Jetzt soll ich mir also was ausdenken. Der Schuft weiß ganz genau, dass ich Dawn nicht die Wahrheit sagen würde.

„Nun ja“, meinte Annie daher, „dein Vater und ich, wir … Nun, wir haben über dich gesprochen. Und über Nick. Und … und …“

„Und deine Mutter hat angefangen zu weinen, deshalb habe ich sie in den Arm genommen und getröstet.“

Erstaunt sah Annie ihn von der Seite her an.

„Deine arme Mutter war sehr niedergeschlagen“, erklärte Chase, legte seinen Arm um Annie und warf ihr sein bestes Kopf-hoch-Lächeln zu. „Sie brauchte eine Schulter, an der sie sich ausweinen konnte. Das war doch so, Annie, nicht wahr?“

„Ja“, bestätigte Annie, die zusammengebissenen Zähne hinter einem Lächeln versteckt. Was hätte sie sonst tun sollen? Damit herausplatzen, dass Chase schwindelte? Dass er und sie sich im Dunkeln so geküsst hatten, dass ihr die Knie weich geworden waren, weil er ein gemeiner, manipulativer Mistkerl war und sie zu lange ohne Mann gewesen war? Denn das war die Wahrheit, oder etwa nicht? Niemals hätte sie derartig leidenschaftlich reagiert, wenn sie nicht schon seit Ewigkeiten wie eine Nonne lebte.

„Wirklich?“ Dawn sah von einem zum andern, und ihr schwaches Lächeln verschwand. „Ich verstehe. Es war dumm von mir zu glauben … Ich meine, als ich sah, wie ihr euch geküsst habt, dachte ich … Habe ich fast gedacht … Ach, was soll’s.“

„Geküsst?“ Annie lachte abwehrend. Sie schlüpfte unter Chases Arm hervor, ging zum Herd und begann, den wer weiß wievielten Tee zu kochen. „Dein Vater und ich, uns geküsst?“

„Mmmm.“ Dawn schlurfte zum Küchentisch und ließ sich auf einen der Küchenstühle fallen. Die Ellbogen aufgestützt, legte sie das Kinn in die Hände. „Da sieht man mal, wie blöd ich doch sein kann.“

„Nein“, widersprach Nick schnell. Alle schauten ihn an. Sein jungenhaftes Gesicht überzog sich mit einer feinen Röte. „Das bist du nicht.“

„Doch. Zu heiraten, wenn jeder, der auch nur halbwegs bei Verstand ist, sehen konnte, dass das ein Fehler ist, weil eine Ehe nicht hält. Das wissen wir doch alle.“

„Wir wissen überhaupt nichts von der Art.“ Nick eilte zu ihr, hockte sich neben ihren Stuhl und nahm zärtlich ihre Hände in seine.

„Guck dich doch bloß mal um, Nick. Dein Onkel Damian – geschieden. Meine Eltern – geschieden. Sogar Pastor Craighill …“

„Der Typ, der die Trauung gehalten hat?“, erkundigte sich Chase.

Dawn nickte.

„Woher weißt du das?“

„Ich habe ihn gefragt. Der arme Mann ist schon zweimal geschieden. Zweimal, könnt ihr euch das vorstellen?“

Mit einem raschen Blick auf Annie presste Chase hervor: „Nein, das kann ich ganz bestimmt nicht.“

„Schau mich nicht so an!“, fuhr Annie auf. Das Wasser kochte sprudelnd, und sie stellte den Kocher aus. „Was haben die Ehegeschichten von dem Mann damit zu tun?“

„Ein Pastor, der seinen Ehering nicht am Finger behalten kann, sollte sich nach einem andern Job umsehen“, knurrte Chase.

„Nein, Daddy“, sagte Dawn. „Er hat genau den richtigen Beruf. Er erinnert uns an die Realität.“ Sie seufzte. „Ich wünschte, ich wäre klug genug gewesen, mir das alles schon vor heute klarzumachen, anstatt so verdammt dumm zu sein.“

„Schatz, bitte hör auf, das zu sagen.“ Nick umfasste ihre Schultern.

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