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JULIA BESTSELLER – Miranda Lee 1

MIRANDA LEE

Siehst du nicht, wie schön du bist?

Molly bittet ihren besten Freund Liam Delaney um einen Rat: Was kann sie nur tun, um den Mann, den sie heimlich liebt, auf sich aufmerksam zu machen? Der weltgewandte Playboy Liam kennt so einige Tricks. Und die setzt Molly so grandios um, dass „der Mann, den sie liebt“, tatsächlich schlagartig starkes Interesse an ihr entwickelt – nämlich Liam!

Mit dir ins Paradies

Eine malerische kleine Insel mitten im Pazifik! Die verwöhnte Großstädterin Jessica ist berauscht von Nordfolk Island. Trotzdem ist sie fest entschlossen, das Haus, das sie hier geerbt hat, zu verkaufen und in die Stadt zurückzukehren. Nicht einmal der umwerfend attraktive Sebastian Slade kann sie davon abbringen. Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als ihr zu folgen …

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Siehst du nicht, wie schön du bist?

1. KAPITEL

Jetzt bist du also fünfundzwanzig, dachte Molly, während sie sich das lange braune Haar aus der hohen Stirn bürstete und auf dem Hinterkopf zusammendrehte. Ein Vierteljahrhundert.

Seufzend steckte sie sich die erste von sechs Nadeln ins Haar, ohne hinsehen zu müssen. Seit Jahren trug sie diese Frisur. Sie war einfach und praktisch und vor allem preiswert. Molly brauchte jeden Cent ihres Gehalts, um zusammen mit ihrer Mutter zurechtzukommen.

Sie warf einen prüfenden Blick in den Spiegel und lächelte unwillkürlich. Kein Zweifel, sie sah genau so aus, wie man sich die typische Bibliothekarin vorstellte: ordentliche Frisur, sittsame weiße Bluse, dunkelblauer Faltenrock. Fehlte nur noch die Hornbrille auf der Spitze ihrer nicht zu klein geratenen Nase.

Doch Molly hatte ausgezeichnete Augen, was sie gelegentlich bedauerte. Wäre es nicht viel schmeichelhafter gewesen, jeden Morgen das eigene Bild wie durch einen Weichzeichner zu sehen? Sie stellte sich plötzlich vor, wie sie an ihrem fünfzigsten Geburtstag in den Badezimmerspiegel schauen würde. Es würde sich gar nicht viel verändert haben, nicht einmal die Frisur.

Sie würde immer noch zu Hause bei ihrer Mutter wohnen. Sie würde immer noch eine graue Maus sein. Und immer noch unsterblich verliebt in Liam.

Gefühle wie Verzweiflung, aber auch Selbstverachtung stiegen in ihr hoch. Denn es war reine Zeitverschwendung, Liam zu lieben. Eine Vergeudung ihres Lebens. Molly wusste, dass er ihre Liebe niemals erwidern würde.

Längst hatte sie aufgehört, sich an ihren Teenagertraum zu klammern, dass Liam eines Tages aufwachen und feststellen würde, dass sich seine Gefühle für das Mädchen von nebenan über Nacht auf wundersame Weise geändert hätten und aus der platonischen Freundschaft verzehrende Leidenschaft geworden wäre. Spätestens mit ihrem einundzwanzigsten Geburtstag war sie von der Romantikerin zur Realistin gereift. Es wäre auch schwierig gewesen, an diesen fruchtlosen Träumen festzuhalten angesichts der Mädchen, die Liam regelmäßig mit nach Hause brachte.

Die waren keinesfalls unscheinbar, und man hätte sie auch nicht als Bücherwurm bezeichnet, wie Molly, seit sie denken konnte, genannt worden war. Nein, Liams Freundinnen fielen mehr durch Aussehen als durch Verstand auf. Er hatte eine Vorliebe für große, langbeinige und sonnengebräunte Frauen mit üppiger Oberweite und schimmerndem Haar.

Was die Oberweite betraf, konnte Molly zwar mithalten, aber sie war allenfalls durchschnittlich groß, und obwohl ihr langes, glattes Haar gepflegt und gesund war, wirkte es durch seine braune Farbe einfach unauffällig und glanzlos. Deshalb hatte sich Molly schon vor langer Zeit von ihren Jungmädchenträumen in Bezug auf Liam verabschiedet. Die Vernunft sagte ihr, dass es vergebliche Liebesmühe sei.

Dennoch liebte sie ihn immer noch, klammerte sich an diese Liebe wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm. Warum sonst hätte sie noch in diesem Haus gelebt, das für zwei Personen viel zu groß und viel zu teuer war? Weil Liams Mutter im Nachbarhaus wohnte. Wenn Molly mit ihrer Mutter woanders hingezogen wäre, hätte sie Liam vermutlich nie mehr gesehen. Hätte nie mehr die Freude genossen, die sie jedes Mal durchzuckte, wenn Liam, wie er es gelegentlich tat, auf einen Drink und ein Plauderstündchen vorbeischaute.

Liam nannte sie stets seine beste Freundin, aber Molly wusste, dass sie im Grunde nicht einmal das war. Sie war einfach da, eine bequeme Sache, immer bereit, ihm zuzuhören und ihre Meinung zu seinem neuesten Computerspiel oder Grafikprogramm zu äußern.

Heftiger Zorn verdrängte unerwartet die aufkeimende Verzweiflung. Wie konnte Liam so blind sein? So verdammt gefühllos? Und warum ließ sie sich überhaupt von dieser lauwarmen und höchst einseitigen Vorstellung von Freundschaft in Beschlag nehmen? Beste Freunde teilten miteinander. Wo aber war das Geben und Nehmen in Liams Beziehung zu ihr? Sie hatte heute Geburtstag, verdammt! Würde Liam daran denken? Da konnte sie lange warten. Der dynamische Kopf von Ideas and Effects Pty Ltd war viel zu beschäftigt mit der Leitung seines immens erfolgreichen Unternehmens, um sich an derartige Nebensächlichkeiten zu erinnern. Verdammt, er hatte ja kaum noch Zeit, nach Hause zu kommen. Seit Weihnachten hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und das war gut zwei Monate her.

Nein, sie konnte weder einen Anruf noch eine Karte und schon gar kein Geschenk von Liam erwarten. Dabei hatte sie Stunden in den Geschäften zugebracht, um für seinen letzten Geburtstag das richtige Geschenk auszusuchen, und ihm sogar noch einen Kuchen gebacken.

„Molly!“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter durch die Badezimmertür. „Was machst du so lange? Dein Frühstück steht seit fünf Minuten auf dem Tisch.“

„Ich komme ja schon.“

Zur Feier des Tages bestand das Frühstück an diesem Morgen aus einem Glas Orangensaft, einem gekochten Ei, einer Scheibe Vollkorntoast, einem Teelöffel Margarine und schwarzem Kaffee. Eine üppige Mahlzeit im Vergleich zu dem kleinen Schälchen Müsli, das Molly gewöhnlich vorgesetzt bekam.

Seit ihr Vater vor zwei Jahren mit nur einundfünfzig Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war, hatte ihre Mutter sich zu einer Gesundheitsfanatikerin gewandelt. Ruth McCrea brachte nur noch eine strenge Diät aus fettarmer, vitaminreicher Kost auf den Tisch, was für ihre vernaschte Tochter eine harte Prüfung war. Molly musste allerdings zugeben, dass sich diese veränderten Essgewohnheiten sehr vorteilhaft auf ihre früher etwas rundliche Figur ausgewirkt hatten. Sie hatte etliche Pfunde abgenommen und hätte sich jetzt sogar im Bikini an den Strand gewagt, wenn ihre helle Haut nicht so zu Sommersprossen geneigt hätte.

„Wow!“, rief Molly begeistert aus, als sie sich an den Küchentisch setzte. „Das sieht wirklich lecker aus.“

„Na, immerhin hast du heute Geburtstag, Liebes“, antwortete Ruth. „Ich werde dir auch etwas Besonderes zum Abendessen kochen.“

Molly überlegte unwillkürlich, was das wohl bedeuten konnte. Sicher nicht knuspriger Schweinebraten mit Röstkartoffeln und zum Nachtisch Schokoladentorte und Kaffee mit Sahne. „Ich freue mich schon drauf, Mum“, sagte sie trotzdem und nahm das Messer, um das Ei aufzuklopfen.

„Willst du denn deine Geburtstagskarte gar nicht öffnen?“, fragte Ruth ein wenig vorwurfsvoll.

Molly hätte sich ohrfeigen können. Sie legte das Messer wieder aus der Hand und griff stattdessen nach dem weißen Umschlag, der an der Obstschale lehnte. Er enthielt eine lieb gemeinte, kitschige Geburtstagskarte und einige Lotterielose, die einen Millionengewinn versprachen.

„Es tut mir leid, aber mehr konnte ich mir leider nicht leisten“, sagte ihre Mutter sofort entschuldigend.

Molly blickte sie lächelnd an. „Red keinen Unsinn, Mum. Das ist doch toll. Wer weiß? Vielleicht gewinn’ ich ja ein Vermögen, und dann können wir beide eine Weltreise machen.“

„Oh, das wäre nichts für mich. Ich bin am liebsten zu Hause. Aber du könntest natürlich auf Reisen gehen“, fügte sie zögernd hinzu.

Molly sah ihrer Mutter an, dass ihr diese Vorstellung überhaupt nicht behagte. Vielleicht bedauerte sie es sogar, dass sie ihrer Tochter die, wenn auch noch so geringe, Chance gegeben hatte, reich und möglicherweise flügge zu werden. Ruth McCrea war eine scheue, zurückhaltende Frau, die, falls das überhaupt möglich war, nach dem Tod ihres Mannes noch zurückgezogener lebte als zuvor. Selten einmal ging sie aus dem Haus, außer zum Einkauf in dem nahe gelegenen Einkaufszentrum, in dem auch die Filiale der Bücherei untergebracht war, in der Molly arbeitete. Sie lebte für ihr Haus, ihren Garten und ihre Tochter.

Gelegentlich empfand Molly es als bedrückend, dass ihre Mutter so von ihr abhängig war. Im Großen und Ganzen hatte sie sich jedoch mit ihrem Leben, wie es war, abgefunden, denn schließlich war sie die Tochter ihrer Mutter und ihrem Wesen nach eher duldsam und schicksalsergeben, ohne große Ansprüche und Sehnsüchte.

Die einzige Sehnsucht, die ihre Träume und ihr inneres Gleichgewicht stören konnte, galt Liam. Doch sie hatte sogar gelernt, diese Gefühle zu beherrschen. Ganz sicher hatte Liam nie erraten, welche Leidenschaft hinter dem stets gelassenen Blick ihrer grünen Augen schwelte, wenn sie ihn anschaute. Und er würde es auch niemals erfahren.

Bei diesem Gedanken durchzuckte sie erneut Wut, doch diesmal allein auf sich. Du bist ein Dummkopf, Molly, ermahnte sie sich streng. Jeder deiner Freundinnen hättest du geraten, den Mann zu vergessen und nach vorn zu schauen. Es ist höchste Zeit, dass du deine eigenen guten Ratschläge annimmst. Vergiss Liam. Schau nach vorn!

Molly nahm das Messer wieder auf und köpfte ihr Frühstücksei mit einem entschlossenen Streich. So wollte sie von jetzt an sein. Entschlossen.

Und ihr erster Entschluss bestand darin, sich nicht mehr in ihrer Schwärmerei für Liam zu verlieren, sondern nach vorn zu blicken.

Nachdem der Vormittag zur Hälfte vorüber war, stand Molly vor einem großen Stapel zurückgegebener Bücher und gab die Nummern in den Computer ein, als aus den Augenwinkeln etwas Leuchtendes, Rotes ihre Aufmerksamkeit erregte.

Sie sah auf und sah durch die Glastüren ein anscheinend nagelneues rotes Auto, das soeben auf den Parkplatz direkt vor der Bücherei einbog. Molly kam es nicht bekannt vor, obwohl es ein sehr auffälliges Modell war – kein ausgesprochener Sportwagen, aber dennoch schick und schnittig und zweifellos sehr teuer. Vermutlich gehörte es jemandem, der neu in der Gegend war und deshalb auch nicht wusste, dass die Filiale der Bücherei mittwochsmorgens geschlossen hatte.

Molly wollte sich schon wieder ihrer Arbeit zuwenden, als die Fahrertür des roten Autos geöffnet wurde und der Fahrer ausstieg. Beim Anblick des ihr sehr vertrauten Blondschopfs, der golden in der Sommersonne schimmerte, setzte ihr Herz einen Schlag aus. Liam.

Er hatte also doch an ihren Geburtstag gedacht und kam sogar persönlich vorbei. Sie konnte es kaum glauben.

Überglücklich beobachtete sie, wie er die Wagentür schloss und dann auf die Eingangstüren zuging. Er bemerkte Molly durch die Glasscheiben, lächelte ihr zu und klopfte an den Holzrahmen.

„Sieht man denn nicht, dass wir geschlossen haben?“, beschwerte sich Joan von ihrem Schreibtisch aus. Mollys Kollegin konnte nicht sehen, wer da klopfte, andernfalls wäre sie bestimmt nicht so wild darauf gewesen, den unerwünschten Besucher wegzuschicken. Denn obwohl Joan mit ihren dreiunddreißig Jahren glücklich verheiratet und dreifache Mutter war, hatte sie immer einen Blick für attraktive Männer.

Liam war genau das … und mehr. Fast einen Meter neunzig groß, schlank und durchtrainiert, mit einem gut geschnittenen, markanten Gesicht, war er mit seinen dreißig Jahren ganz sicher ein Mann, bei dem die Frauen zweimal hinschauten. Den Eindruck lässiger Eleganz unterstrich er durch seine Kleidung. Liam hatte eine Vorliebe für Sakkos – weiches Wildleder oder sportlicher Tweed im Winter, leichte Woll- oder Leinenstoffe im Sommer, die er tagsüber mit lässigen T-Shirts und abends mit Seidenhemden kombinierte. Nur selten trug er eine Krawatte. Molly hatte ihn noch nie wirklich förmlich gekleidet gesehen.

Heute hatte er Jeans mit einem marineblauen T-Shirt und einem lässigen cremefarbenen Leinensakko kombiniert, dessen Ärmel er bis zu den Ellbogen hochgeschoben hatte. Sein aschblondes Haar mit den sonnengebleichten Strähnen war länger, als Molly es in Erinnerung hatte, und fiel ihm von einem Seitenscheitel mit sanftem Schwung in die hohe Stirn, was seinem Gesicht einen jungenhaften Charme verlieh. Das Haar jetzt leicht vom Wind zerzaust, sah er einfach umwerfend aus.

Sofort schob Molly ihren Entschluss, nach vorn zu schauen, um fünf Jahre auf. Mit dreißig, so entschied sie, würde es früh genug sein, alle Hoffnung aufzugeben.

Allein die Tatsache, dass Liam in diesem Moment dort vor der Tür stand, durfte für sie doch Grund genug sein zu hoffen. Er hatte seine über alles geliebte Firma im Stich gelassen und war die fünfzig Meilen von Sydney nach Gosford gefahren, nur um sie an ihrem Geburtstag zu besuchen!

„Jetzt reicht’s aber“, stieß Joan ärgerlich aus, als Liam erneut klopfte. „Die Öffnungszeiten stehen doch deutlich genug auf dem Schild an der Tür!“

„Es ist jemand, den ich kenne“, sagte Molly. „Ich lasse ihn eben herein.“

Joan sprang hinter ihrem Schreibtisch auf. „Aber es ist doch fast …“ Sie verstummte, als sie Liam erblickte. „Hm, ja, lass ihn auf jeden Fall herein“, bekräftigte sie sofort, wobei sie ihre schimmernden schwarzen Locken zurechtzupfte.

Molly eilte hinter der Empfangstheke hervor zu Tür. Sie hatte keine Sorge, in Joan eine ernsthafte Rivalin um Liams Gunst zu finden. Obwohl ihre Kollegin wirklich hübsch war, war sie auch eine verheiratete Frau, und Liam hielt sich streng an die Devise, sein Liebesleben unkompliziert zu gestalten.

„Nie mehr als eine Frau zur gleichen Zeit“, hatte er Molly einmal anvertraut. „Und niemals die eines anderen.“ Das war heutzutage eine überraschend konservative Einstellung, zumal bei einem Mann wie Liam, dem die Frauen zu Füßen lagen.

Eine ähnlich traditionelle Haltung vertrat er gegenüber der Ehe. Die kam für ihn nur ein Mal infrage und sollte dann das ganze Leben halten, weshalb er erst daran denken wollte, wenn er über dreißig und finanziell abgesichert war. Bei der Suche nach der perfekten Partnerin wollte er keinen Fehler machen.

„In der Zwischenzeit habe ich viel Spaß dabei, mögliche Kandidatinnen für die Rolle der zukünftigen Mrs. Liam Delaney probespielen zu lassen“, hatte er einmal Molly gegenüber gewitzelt.

Molly hatte immer die Angst gequält, einer dieser möglichen Kandidatinnen könnte es gelingen, nicht nur Liams sexuelles Interesse zu erregen, sondern auch seine Liebe zu gewinnen. Das war glücklicherweise nicht geschehen, und es hatte Molly Mut gemacht, dass es keiner seiner schönen Freundinnen gelungen war, mehr als einige Monate mit ihm zusammenzubleiben.

Nur seine letzte Freundin, eine aufregende Blondine namens Roxy, bereitete ihr in dieser Hinsicht etwas Sorge. Sie war schon sechs Monate mit ihm zusammen, für Liam ein Rekord. Er hatte sie sogar zu Weihnachten über die Feiertage mit nach Hause gebracht, wobei Molly reichlich Gelegenheit gehabt hatte, Roxys äußere Vorzüge zu bewundern. Diese Frau war im Bikini ein wahrhaft atemberaubender Anblick!

Ich werde den Teufel tun und jetzt an Roxy denken, ermahnte Molly sich energisch, als sie die Eingangstür aufschloss und öffnete. Heute ist mein Geburtstag, und mein bester Freund ist gekommen, um ihn mit mir zu feiern.

„Liam“, rief sie aus und blickte lächelnd in seine blitzenden blauen Augen.

„Hi, Molly. Tut mir leid, wenn ich dich bei der Arbeit störe, aber ich musste dir einfach mein neues Auto zeigen. Ich habe es heute Morgen bei einem der Händler auf der anderen Seite von Hornsby abgeholt und konnte der Versuchung nicht widerstehen, eine kleine Spritztour damit zu machen. Ehe ich mich’s versah, war ich auf der Autobahn in Richtung Norden. Im Handumdrehen hatte ich die Hawkesbury Bridge hinter mir und wollte schon umkehren, als ich mir sagte: ‚Was soll’s, Liam? Du hast dir schon eine Ewigkeit keinen freien Tag mehr gegönnt. Fahr nach Gosford, und besuche deine Mum!‘“

Er lächelte jungenhaft. „Erst als ich vor dem Haus hielt, fiel mir ein, dass sie ja mittwochs immer zum Golf geht. Das hat mir vielleicht den Wind aus den Segeln genommen! Auf keinen Fall wollte ich nach Sydney zurückfahren, ohne das neue Auto jemandem gezeigt zu haben. Da dachte ich natürlich an dich. Also, wie gefällt es dir?“ Er deutete auf den Wagen draußen auf dem Parkplatz, und seine Augen leuchteten erwartungsvoll. „Der neue Mazda Euno 800, das Miller-Cycle-Modell. Tolles Rot, oder?“

Mollys Freude war wie weggeblasen. Liam war gar nicht wegen ihres Geburtstags gekommen, sondern um ihr ein blödes Auto vorzuführen. Und, was noch schlimmer war, sie war ihm nicht als Erstes in den Sinn gekommen, sondern nur zweite Wahl gewesen, wie üblich.

Eisige Kälte erfasste ihr Herz und bildete eine Mauer, die ihre Liebe einschloss. Molly entschied sich, sie für immer dort zu vergraben. Sie warf einen flüchtigen Blick auf das dumme Auto und zuckte gelangweilt die Schultern. „Für mich ist ein rotes Auto wie das andere, Liam.“

Diese kühle, gleichgültige Reaktion hatte er zweifellos nicht erwartet. Er blickte sie verwundert und sichtlich gekränkt an. Sehr zu ihrem Ärger, verspürte Molly sofort Gewissensbisse. So viel zu ihren guten Vorsätzen. Doch sie war entschlossen, diesmal nicht wieder schwach zu werden. Genug war genug.

„Du kennst mich doch, Liam“, sagte sie schroff. „Ich habe mich noch nie für Autos begeistert.“

„Weil du immer noch nicht den Führerschein gemacht hast, Molly. Wenn du selber je hinter dem Lenkrad gesessen hättest, wüsstest du, was das für ein Gefühl ist, ein tolles Auto zu fahren. Komm schon, wir machen eine kleine Probefahrt, ja?“ Er fasste sie am Arm und schob sie wirklich zur Tür hinaus.

„Liam!“ Molly entzog sich seinem Griff und blieb auf dem Bürgersteig stehen. „Ich kann nicht. Ich muss arbeiten.“

„Aber die Bücherei hat doch geschlossen“, wandte er ein. „Für ein paar Minuten wird man wohl auf dich verzichten können.“

„Das ist nicht der Punkt“, sagte sie fest. „Du bist dein eigener Boss, Liam, und kannst ganz nach Belieben kommen oder gehen. Die meisten Menschen, mich eingeschlossen, müssen sich an feste Arbeitszeiten halten. Außerdem ist es fast Zeit für die Frühstückspause, und da muss ich unbedingt da sein.“

In ihrem Kollegenkreis war es Tradition, dass zu den Geburtstagen alle anderen zusammenlegten und dem Geburtstagskind eine Torte spendierten, die man gemeinsam in der Frühstückspause verspeiste. Auf keinen Fall wollte Molly ihre wirklichen Freunde enttäuschen, nur um Liams Eitelkeit zu genügen.

„Ich begreife nicht, warum“, meinte er jetzt eigensinnig.

Natürlich nicht, dachte Molly trotzig und erwog, ihm den Grund zu nennen, damit er wenigstens für einige Sekunden so etwas wie Gewissensbisse haben würde.

Die Entscheidung wurde ihr aus der Hand genommen, denn in diesem Moment steckte Joan den Kopf zur Tür heraus. „Los, Geburtstagskind. Greg hat die Torte gebracht, die fünfundzwanzig Kerzen sind angezündet und warten auf dich. Also komm endlich herein und puste sie aus. Wenn du willst, kannst du deinen gut aussehenden Freund ja mitbringen“, fügte sie mit einem koketten Blick auf Liam hinzu. „Es ist genug Kuchen da.“

Voller Genugtuung hörte Molly, wie Liam gequält aufstöhnte. Fairerweise musste sie auch zugeben, dass er einen angemessen zerknirschten Eindruck machte, sobald Joan wieder in der Bücherei verschwunden war.

„Du liebe Güte, Molly, ich hatte keine Ahnung, dass du heute Geburtstag hast! Da steh ich hier und erzähl dir von meinem neuen Auto, und du musst die ganze Zeit gedacht haben, wie egoistisch ich doch bin.“

Molly kostete seine Schuldgefühle weidlich aus. Ihr gekränkter Stolz erholte sich etwas. „Schon gut, Liam. Ich bin es gewöhnt, dass du meinen Geburtstag vergisst.“

Wieder zuckte er betroffen zusammen. „Mach mir doch nicht ein noch schlechteres Gewissen, als ich es sowieso schon habe.“

Fast wäre sie schwach geworden. Es war sehr schwer, Liam lange böse zu sein. Er war ja nicht bewusst egoistisch, sondern leider nur das Produkt einer ihn vergötternden Mutter und zu vieler natürlicher Gaben. Verstand, gepaart mit Schönheit, war einfach nicht der Stoff, der einen bescheidenen, zurückhaltenden Menschen abgab. Liam konnte, wenn er wollte, großzügig und charmant sein, aber im Allgemeinen war er meist mit sich beschäftigt und schaute selten über die eigene Nasenspitze hinaus.

Der Himmel weiß, warum ich ihn so sehr liebe, dachte Molly ärgerlich. Doch dann ließ sie den Blick bewundernd über sein hübsches Gesicht und den männlich schönen Körper schweifen und fühlte, wie die Frau in ihr sehnsüchtig danach verlangte, von ihm genauso bewundernd bemerkt zu werden. Aber in Liams Augen las sie nur schuldbewusste Reue, und als er sich nun nachdrücklich bei ihr unterhakte, war ihr die Verärgerung und Enttäuschung deutlich anzusehen.

„Sei nicht böse auf mich, Molly“, bat Liam entwaffnend sanft.

„Ich bin nicht böse auf dich“, erwiderte sie abweisend.

„O doch, das bist du, und völlig zu recht. Aber wenn du es mir erlaubst, werde ich es heute Abend wiedergutmachen.“

„Heute Abend?“, fragte sie, wobei ihre Stimme verräterisch zitterte.

„Ja, heute Abend“, bestätigte er entschieden. „Jetzt warten aber erst einmal deine Kollegen darauf, dass du deine fünfundzwanzig Kerzen auspustest.“

Mit der für ihn typischen Selbstsicherheit führte Liam sie in die Bücherei zurück, wo er mit seinem Charme im Nu alle für sich eingenommen hatte. Es ärgerte Molly, dass er vor ihren Kollegen offen den Eindruck erweckte, er sei ihr Freund, und es ihm sogar gelang, ihr unter Joans vielsagenden Blicken das Versprechen zu entlocken, am Abend mit ihm auszugehen. Allerdings lehnte Molly es ab, mit ihm essen zu gehen, weil sie ihre Mutter nicht enttäuschen wollte, und willigte lediglich ein, später irgendwo einen Kaffee mit ihm zu trinken.

Nachher sagte sich Molly, dass sie nie zugestimmt hätte, überhaupt mit ihm auszugehen, wenn sie allein mit ihm gewesen wäre. Sie hätte ihm eine gehörige Abfuhr erteilt, denn sie brauchte weder sein Mitleid noch seine Schuldgefühle.

Kaum war der neue rote Mazda in Richtung Sydney davongefahren, schaute Joan Molly bedeutsam an.

„Du bist mir vielleicht ein stilles Wasser!“, sagte sie, als sie gemeinsam in die Bücherei zurückgingen. „Ich dachte immer, du seist ein schüchternes kleines Ding, und dabei hattest du die ganze Zeit einen Mann wie den an der Angel!“

Molly verwünschte Liam insgeheim. Er brachte ihr immer nur Ärger und Kummer ein. „Liams Mutter ist unsere Nachbarin“, erklärte sie möglichst ruhig. „Ich kenne Liam seit vielen Jahren. Wir sind nur gute Freunde.“

„Oh, natürlich! Er ist extra den weiten Weg von Sydney hierher gefahren, um dir zum Geburtstag zu gratulieren, weil ihr nur gute Freunde seid. Weißt du was? Ich wette, du bist eins von den Mädchen, die abends aus dem Büro nach Hause kommen und in zehn Sekunden eine rasante Wandlung vollziehen. Du weißt schon … weg mit der Brille und den sittsamen Kleidern. Die Haarnadeln aus dem Haar und her mit den aufreizenden Klamotten, dem Make-up, dem Parfüm … und sofort brodelt der Vulkan.“

Molly lachte unwillkürlich. Es wären schon mehr als zehn Sekunden nötig gewesen, um sie zu verwandeln!

„Lach du nur“, spottete Joan. „Aber ich lasse mich nicht so leicht hinters Licht führen, und du bist viel hübscher, als du allen weismachen willst. Ich frage mich schon seit Langem, warum du nie nach einem Mann Ausschau hältst, und wollte schon alles Mögliche glauben, bis heute dieser Traumprinz aufgetaucht ist. Er hat jedenfalls mein Blut zum Brodeln gebracht, das kann ich dir sagen! Und ich habe bemerkt, wie du ihn angeschaut hast, wenn du dachtest, keiner würde es sehen. Es hat dich schwer erwischt, Molly. Versuch nicht, es zu leugnen. Also, warum habe ich von diesem Prachtexemplar noch nichts gehört? Warum diese Heimlichtuerei? Ist er verheiratet? Ein Weiberheld? Ein böser Junge? Komm, du kannst mir deine tiefsten und dunkelsten Geheimnisse anvertrauen“, flüsterte sie Molly verschwörerisch zu. „Ich werde schweigen wie ein Grab.“

Molly lachte erneut. „Es gibt keine dunklen Geheimnisse. Ich sagte dir doch, wir sind nur gute Freunde. Liam war der Junge von nebenan. Wir sind zusammen zur Schule gegangen, allerdings nicht in dieselbe Klasse. Als er seinen Abschluss auf der Highschool machte, war ich erst in der ersten Klasse.“

„Nun, jetzt hat er aber nichts mehr vom einfachen Jungen von nebenan an sich“, meinte Joan trocken. „Seine ganze Haltung verrät die Welterfahrenheit des Großstadtmenschen … und natürlich Erfolg.“

„Das ist mir klar, glaub mir. Ich bin nicht blind. Aber es war nie etwas zwischen mir und Liam, und daran wird sich auch nichts ändern. Er hat eine feste Freundin. Sie heißt Roxy.“

„Roxy?“ Joan rümpfte die Nase. „Ich weiß Bescheid. Eine aufregende Blondine mit Atombusen, langem Haar bis zur Taille und Beinen bis zum Hals?“

Molly sah sie erstaunt an. „Du kennst sie?“

„Nein, ich habe nur geraten. Männer wie dein Liam zeigen sich immer in Begleitung solcher Frauen.“

„Er ist nicht mein Liam“, widersprach Molly sofort.

„Du hättest es aber gern, stimmt’s?“

Sie wollte es leugnen, brachte die Worte aber nicht heraus. Tränen brannten ihr in den Augen. Ihr Liam. Was für eine Vorstellung. Was für eine unwahrscheinliche, unmögliche Vorstellung! Es war nicht nur erniedrigend, sondern höchst deprimierend, sich an diese Illusion zu klammern.

„Es gab eine Zeit, als ich so dachte“, antwortete sie schließlich schroff. „Aber das ist vorbei. Ich habe Wichtigeres zu tun, als mich nach dem Unmöglichen zu verzehren.“

„Warum sagst du, es sei unmöglich?“

„Lieber Himmel, Joan, du hast ihn doch gesehen. Und du hast selber gesagt, dass Männer wie Liam auf Frauen wie Roxy stehen und nicht auf kleine graue Mäuse wie mich.“

„Du wärst alles andere als eine graue Maus, wenn du deine Vorzüge ein bisschen betonen würdest. Ehrlich gesagt, Molly, etwas Make-up würde nicht schaden … und hin und wieder ein Besuch beim Friseur.“

„Ich will keinen Mann, der mich nicht um meinetwillen liebt“, wehrte Molly heftig ab, obwohl sie wusste, dass Joans freundliche Kritik berechtigt war.

„Das ist Unsinn, und du weißt es genau. Obwohl ich eine alte Ehefrau bin, muss ich immer noch einiges dafür tun, um das Interesse meines Mannes an mir wachzuhalten. Hör zu, Molly, wenn Liam dich heute Abend abholt, überrasche ihn einfach!“

„Ich soll ihn überraschen?“

„Ja. Trag dein Haar offen. Leg etwas Make-up auf. Benutze ein verführerisches Parfüm. Und zieh etwas an, das deine tolle Figur zur Geltung bringt.“

Joans Kompliment über ihre Figur gab Molly für einen Moment inneren Auftrieb. Doch der Gedanke an die langbeinige Sexbombe Roxy brachte sie schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. „Ich besitze kein verführerisches Parfüm“, gestand sie entmutigt. Sie besaß auch kaum etwas an Make-up, aber das wollte sie nicht auch noch zugeben.

„Dann geh in der Mittagspause in die Drogerie, und kauf dir eins“, sagte Joan ungeduldig.

Molly hatte nur fünf Dollar im Portemonnaie. Verführerische Parfüms waren teuer, und sie benutzte lieber gar keines, als sich mit einem billigen Duft zu besprühen. Doch sie war tatsächlich versucht, Joan zu bitten, ihr etwas Geld zu leihen, als sie sich brutal die Tatsachen vor Augen hielt. Sie hätte mehr Make-up als eine japanische Geisha auflegen und in dem exotischsten und teuersten Parfüm der Welt baden können, und Liam würde sich dennoch nicht in sie verlieben. Sich etwas anderes einzubilden war höchst lächerlich und kam einer Geringschätzung seiner Intelligenz gleich.

„Danke für deinen Rat, Joan“, sagte sie deshalb vernünftig. „Aber ich bin lieber einfach so, wie ich bin. Und jetzt sollte ich mich besser wieder mit diesem Bücherstapel befassen.“

Sie machte sich wieder an ihre Arbeit und tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie zumindest nach dem besonderen Geburtstagsessen ihrer Mutter heute Abend nicht würde hungern müssen. Sie würde sich von Liam zu dem Kaffee etwas köstlich Süßes und Sahniges bestellen lassen.

Joans Rat hinsichtlich Make-up und Parfüm war vergessen, bis Molly spätnachmittags nach Hause kam und ihre Schultertasche öffnete, um den Hausschlüssel herauszuholen. Oben auf dem Schlüssel lag eine Schachtel, die ein kleines, aber teuer aussehendes Parfümfläschchen enthielt. Und eine kurze Notiz.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Darling!“, hatte Joan in ihrer schwungvollen Handschrift geschrieben. „Dieser Duft wirkt bei mir Wunder … manchmal zumindest. Aber was hast Du zu verlieren? Wag es!“

Molly sprühte sich eine Winzigkeit aufs Handgelenk und schnupperte. Es war ein wundervoll sinnlicher Duft, der sofort Assoziationen von Satinlaken, Liebenden und ungeahnten Lüsten weckte.

Sie schüttelte den Kopf. Es wäre für sie einer unerträglichen Folter gleichgekommen, einen solchen Duft in Liams Gegenwart zu tragen. Schau den Tatsachen ins Gesicht, Molly, ermahnte sie sich. Du könntest in diesem Parfüm baden und würdest Liam damit nicht scharf auf dich machen. Bei einer Freundin wie Roxy findet er Sex im Überfluss.

Sie warf einen Blick auf den Namen des Parfüms und hätte fast laut gelacht. Es hieß „Verführung“. Du liebe Güte, es wäre schon ein sehr starker Stoff nötig gewesen, um sie in eine Verführerin zu verwandeln!

Lieb gemeint von Joan, aber leider eine völlige Zeit- und Geldverschwendung. Genau wie Joans Rat. Denn Molly glaubte, schon etwas zu verloren zu haben. Ihre Selbstachtung und möglicherweise sogar Liams Freundschaft. Sie wollte ihre bestehende Beziehung nicht aufs Spiel setzen, indem sie sich anders oder gar provozierend verhielt. Liam war ein intelligenter Mann und würde sicherlich aufmerken, wenn sie in eine derart aufreizende Duftwolke gehüllt in seinen Wagen einsteigen würde.

Nein, sie würde das Parfüm nicht benutzen, genauso wenig wie sie ihre Frisur ändern, mehr Make-up auflegen oder ihre begrenzte Garderobe nach einem möglichst figurbetonten Kleidungsstück durchkämmen würde. Sie hatte ihren Stolz. Entschlossen schob sie das Parfüm in die Tasche zurück und holte den Haustürschlüssel heraus.

„Bist du das, Liebes?“, rief ihre Mutter, als sie die Diele betrat.

„Ja, Mum.“ Bratenduft stieg Molly in die Nase. Doch nicht der Duft von Schweinebraten, sondern von Hühnchen. Natürlich, dachte sie wehmütig. Hühnchen enthielt am wenigsten Fett und Kalorien, vorausgesetzt, man entfernte die Haut. Was ihre Mutter ganz sicher getan hatte, genauso wie sie statt der ersehnten Röstkartoffeln gerade Kartoffeln in Folie einwickelte, als Molly in die Küche kam.

Ruth blickte auf und fragte lächelnd: „Na, hattest du einen schönen Tag, Liebes?“

„Ja, ganz nett. Joan und die anderen haben mir zur Frühstückspause eine Torte spendiert.“

„Oh, du hast hoffentlich nur ein kleines Stück genommen“, sagte ihre Mutter stirnrunzelnd. „Ich hatte überlegt, für heute Abend auch einen Kuchen zu besorgen, aber wir hätten ihn ja doch nicht ganz essen können.“

Molly hätte am liebsten laut losgeschrien. Sie hängte ihre Tasche über einen Stuhl und atmete tief ein, bevor sie sich wieder ihrer Mutter zuwandte. „Du errätst bestimmt nicht, wer heute Morgen in der Bücherei bei mir vorbeigeschaut hat“, sagte sie betont fröhlich.

„Wer denn?“

„Liam.“

„Liam Delaney?“

„Genau der!“ Molly entschied sich, die Sache mit dem neuen Auto zu verschweigen. „Er war in der Gegend und hat mich eingeladen, zu meinem Geburtstag heute Abend mit ihm auszugehen.“

„Aber ich habe doch ein besonderes Essen vorbereitet!“ „Ich werde zum Essen da sein, Mum. Liam holt mich erst gegen acht Uhr ab.“

Ruth sah ihre Tochter durchdringend an. „Dir ist doch klar, dass er eine Freundin hat, ja? Und eine sehr schöne dazu, wenn ich mich recht erinnere.“

Molly hatte Mühe, ihre wachsende Verärgerung zu verbergen. „Ich bin mir dessen bewusst, Mum, aber wir wollen doch nur irgendwo einen Kaffee trinken gehen. Vergiss nicht, Liam und ich waren schon befreundet, lange bevor Roxy aufgetaucht ist.“

„Trotzdem … ich habe kein gutes Gefühl dabei.“

Molly trat zu ihrer Mutter und drückte sie liebevoll. „Hör auf, dir Sorgen zu machen, Mum. Ich bin inzwischen erwachsen und kann gut auf mich aufpassen. Außerdem, Liam ist schließlich nicht verlobt oder so etwas.“

Ruth blickte scharf auf. „Du hast doch nicht vor, etwas zu tun … was du nicht tun solltest, oder, Molly?“

Molly stutzte und wurde nun wirklich ärgerlich. „Zum Beispiel?“ Schließlich hatte sie doch nicht vor, mit Liam ins Bett zu gehen. Wobei sie es bestimmt tun würde, wenn sich je die Chance dazu ergeben würde. Mit Liam zu schlafen, stand ganz oben auf der Liste ihrer erotischen Fantasien. Doch sie war sich ganz sicher, dass sie auf Liams Liste nicht einmal auftauchte.

„Ich weiß nicht recht“, meinte ihre Mutter unbehaglich. „Du wirkst heute Nachmittag irgendwie verändert.“

Molly dankte dem Himmel, dass sie sich entschieden hatte, sich für den Abend nicht herauszuputzen. Wie hätte ihre Mutter dann erst reagiert? Sie seufzte und sagte zum x-ten Mal an diesem Tag: „Liam und ich sind nur gute Freunde, Mum.“

Zu ihrem Entsetzen sah ihre Mutter sie daraufhin genauso an, wie Joan es getan hatte. „Komm schon, Molly. Ich bin deine Mutter. Ich weiß genau, was du für ihn empfindest.“

„Schön. Aber er erwidert meine Gefühle nicht, oder?“, entgegnete sie gereizt.

„Nein, und das wird er auch nicht. Niemals.“

Die Worte ihrer Mutter trafen Molly wie ein Dolchstoß mitten ins Herz. Es war eine Sache, sich selber einzureden, dass es keine Hoffnung gäbe, aber etwas ganz anderes, es mit so brutaler Endgültigkeit aus dem Mund eines anderen zu hören. „Das ist mir klar“, sagte sie schroff und schaffte es gerade noch, die Küche zu verlassen und in ihr Zimmer zu eilen, bevor sie in Tränen ausbrach.

2. KAPITEL

Um fünf vor acht stand Molly in ihrem Schlafzimmer am Fenster und hielt Ausschau nach Liams Auto. Er würde bestimmt nicht zu spät kommen. Erstaunlicherweise zählte Pünktlichkeit inzwischen zu seinen Tugenden.

Das war nicht immer so gewesen. Als Molly Liam kennengelernt hatte, war er ein computerverrückter Siebzehnjähriger gewesen, der immer an irgendeinem Computerprojekt herumgetüftelt hatte. Wenn er vor dem Bildschirm saß, verlor Zeit jegliche Bedeutung für ihn, und er war eigentlich immer und überall zu spät gekommen.

Es war ihr erstes und Liams letztes Jahr auf der Highschool gewesen. Jeden Morgen hatte Molly ungeduldig vor dem Haus der Delaneys gewartet, dass Liam herauskommen und sie zur Schule begleiten würde. Er hatte sich dazu erboten, nachdem sie auf dem Schulweg von einigen Halbstarken belästigt worden war. Fünf Minuten vor Schulbeginn war Liam im Laufschritt zur Haustür herausgestürmt, und Molly hatte keine Wahl gehabt, als mitzulaufen.

Sie würde nie begreifen, wie sie es damals geschafft hatte, als kleine Zwölfjährige mit ihm Schritt zu halten. Aber Heldenverehrung ließ einen gelegentlich das Unmögliche vollbringen. Molly hatte sich wie ein Schatten an Liams Fersen geheftet, den Hügel hinunter, dann die flache Strecke neben den Bahngleisen entlang, über die Eisenbahnbrücke und den Hügel hinauf bis zur Schule. Gewöhnlich waren sie immer gerade noch pünktlich, allerdings ziemlich außer Atem, angekommen.

Auch der Rückweg nach Hause geschah im Laufschritt, weil Liam es immer eilig gehabt hatte, wieder an seinen geliebten Computer zu kommen. Obwohl er sich nie besonders für Sport interessiert hatte, hatte Liam sich damals durch dieses tägliche Laufen fit gehalten. Er war dieser Gewohnheit treu geblieben, wie Molly wusste. Immer noch joggte er jeden Morgen zur Arbeit und abends zurück. Beim Laufen kämen ihm die besten Ideen, hatte er ihr einmal verraten.

Molly wollte sich gerade vom Fenster abwenden, als Liams roter Wagen den Hügel heraufkam und in die Zufahrt zu ihrem Haus einbog. Auf die Minute pünktlich. Ja, Liam hatte sich in mancher Hinsicht verändert. Er war nicht länger der zerstreute, vergessliche Junge von nebenan, sondern ein hellwacher, außergewöhnlich kluger Geschäftsmann. Ehrgeizig. Brillant. Erfolgreich.

Eine ganz andere Klasse als du, Molly!

Wehmütig beobachtete sie, wie er noch einen Moment im Auto sitzen blieb, um sich das Haar zu kämmen. Es geschah ohne übertriebene Eitelkeit. Ohne in den Rückspiegel zu schauen, zog Liam einfach rasch den Kamm durchs Haar, bevor er ihn wieder in die Innentasche seines Sakkos steckte. Wenigstens in dieser Hinsicht hatte er sich nicht geändert. Er war immer gepflegt, aber noch nie eitel gewesen.

Dennoch sah er natürlich umwerfend gut aus. Molly vermutete, dass er sein Gespür für Eleganz und Stil von seiner Mutter hatte. Babs Delaney war zwar schon Ende fünfzig, aber im Herzen sehr jung geblieben und immer über die neuesten Trends informiert. Ihr Mann war bei einem Unfall in den Bergen ums Leben gekommen, als Liam erst zwölf gewesen war. Doch Babs hatte mit ihrer Arbeit als Autorin und Illustratorin von Kinderbüchern genug verdient, um für sich und ihren Sohn ein gutes Auskommen zu haben.

Genau wie sie, Molly, war Liam das einzige Kind einer verwitweten Mutter. Doch hier endete auch schon jede Ähnlichkeit. Denn Babs Delaney hatte nichts mit Mollys stiller, schüchterner Mutter gemein. Sie war ein aufgeschlossener, temperamentvoller Mensch mit einem großen Freundeskreis und vielen Interessen. Obwohl sie Liam vergötterte, lebte sie nicht ausschließlich für und durch ihren Sohn. Sie war eine Mutter, die sich nicht anklammerte, sondern immer ermutigte und positiv verstärkte. Ihre Devise war, dass sie stets das Beste für ihren Sohn wolle, doch dass er allein herausfinden müsse, was für ihn das Beste war.

Kein Wunder, dass Liam glaubte, die ganze Welt würde ihm offenstehen. Kein Wunder, dass seine Firma von Anfang an so unglaublich erfolgreich gewesen war. Vor Jahren hatte er sogar einen Preis als bester Jungunternehmer des Jahres von New South Wales verliehen bekommen und war inzwischen als Redner bei Unternehmerveranstaltungen sehr gefragt.

Molly konnte den Blick nicht von ihm wenden, als ihr heimlicher Traumprinz jetzt aus seinem Wagen stieg. Er hatte sich nicht umgezogen, trug immer noch Jeans, T-Shirt und das helle Sakko. Als er sich aufrichtete, reckte er die breiten Schultern, und Molly durchzuckte es heiß.

Zum ersten Mal wurde ihr richtig bewusst, wie erotisch ihre Liebe zu Liam im Verlauf der Jahre geworden war. Ihre unschuldige Schulmädchenschwärmerei hatte sich längst zu einer flammenden Leidenschaft entwickelt, voller Wünsche und Sehnsüchte, die sich nicht leugnen ließen. Immer häufiger träumte sie davon, mit Liam zu schlafen. Nachts lag sie im Bett und stellte sich vor, wie es sein würde, ihn zu küssen und zu streicheln, malte sich aus, was für ein Gefühl es sein würde, nackt in seinen Armen zu liegen und eins mit ihm zu werden.

Molly errötete. Ihr Herz klopfte aus Scham, aber auch vor Erregung. War es verdorben von ihr, sich solche Gedanken zu machen?

Sie fühlte sich nicht verdorben. Ihre Sehnsucht nach Liam war übermächtig, kannte keine Vorbehalte oder Schuldgefühle … lediglich quälende Frustration. Wie sehr wünschte sie sich, atemberaubend schön zu sein und einen Körper zu haben, dem kein Mann widerstehen konnte!

Während sie zusah, wie Liam jetzt selbstbewusst auf die Haustür zuging, dachte sie voller Neid und Verzweiflung an Roxy. Wie oft hatte Liam schon mit ihr geschlafen? Molly wusste, dass er nicht mit ihr zusammenlebte, was aber nicht hieß, dass sie nicht die meisten Nächte in ihrer oder seiner Wohnung miteinander verbrachten. War sie gut im Bett? Kannte sie all die Tricks, wie man einen Mann glücklich machte? Womit hatte sie es geschafft, Liams Interesse an ihr schon sechs Monate lang wachzuhalten?

Plötzlich kam Molly ein schrecklicher Gedanke. War es möglich, dass Liam Roxy liebte? Er hatte doch nicht etwa vor, sie zu heiraten? Nein, das durfte nicht sein.

Das Läuten der Türglocke ließ Molly nervös zusammenfahren. Sie widerstand der Versuchung, gleich die Treppe hinunterzueilen. Es war verrückt von ihr gewesen, sich von Liam einladen zu lassen. Der Abend würde für sie nur eine Qual werden.

Sie hörte, wie ihre Mutter unten durch die Diele ging und die Tür öffnete. Ruth McCrea und Liam begrüßten sich höflich, aber förmlich. Einen Moment lauschte Molly dem Austausch von Höflichkeitsfloskeln. Dann hatte sie sich genug gefasst, um langsam nach unten zu gehen. Sie war froh, dass sie Joans Rat nicht befolgt hatte und sich außergewöhnlich zurechtgemacht hatte. Dennoch begutachtete ihre Mutter sie skeptisch von Kopf bis Fuß, als suchte sie nach einem versteckten Hinweis auf Unmoral.

Doch Molly war sich sicher, dass keiner ihr Aussehen als verwerflich oder aufreizend hätte kritisieren können. Der schmale schwarze Rock bedeckte die Knie, das weiße Stricktop war zwar zart und vorne mit hübschen Perlmuttknöpfen geknöpft, aber durchaus hochgeschlossen. Ebenso schlicht und unaufdringlich wie ihre Kleidung war der Schmuck: eine einfache Perlenkette, die ihr die Eltern zum einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hatten, und passende Ohrstecker. Auch die hautfarbene Nylonstrumpfhose und die halbhohen schwarzen Pumps konnte man nicht gerade als verrucht bezeichnen. Das Haar hatte Molly wie üblich hochgesteckt, und abgesehen von einem korallenroten Lippenstift trug sie keinerlei Make-up. Nicht einmal ihre Unterwäsche, ein einfacher weißer BH und ein ebensolcher Baumwollslip, hätte das Herz irgendeines Mannes höher schlagen lassen. Aber das wusste nur sie.

Molly begriff deshalb nicht, weshalb auch Liam bei ihrem Anblick sichtbar stutzte und den Blick fast erstaunt über sie schweifen ließ. Sie bildete sich nicht ein, dass er urplötzlich von ihrer bis dahin unerkannten Schönheit beeindruckt war. Was also war der Grund?

Ihre Neugier wurde befriedigt, als sie sich von Ruth verabschiedet hatten und allein zu Liams Wagen gingen.

„Du hast in letzter Zeit ziemlich abgenommen, oder, Molly?“, bemerkte Liam unvermittelt.

Molly presste die Lippen zusammen. Seit zwei Jahren hatte sie nach und nach die überflüssigen Pfunde verloren, und ihr jetziges Gewicht hielt sie schon seit mindestens drei Monaten. Doch Liam fiel es erst jetzt auf. Typisch! Und nicht verwunderlich. Denn in den vergangenen sechs Monaten hatte er sowieso nur Augen für Roxy gehabt.

„In letzter Zeit eigentlich nicht“, antwortete Molly deshalb kühl. „Ich halte mein Gewicht jetzt schon eine ganze Weile.“

„Tatsächlich? Das ist mir gar nicht aufgefallen.“

Wie gewöhnlich, dachte Molly gekränkt. Ihr dagegen entging nicht die kleinste Veränderung an Liam. Wenn er sein Haar kürzer schneiden ließ, wenn er einen neuen Sakko trug, wenn er eine neue Freundin hatte.

„Bist du sicher, dass es Roxy nichts ausmacht, wenn du mich heute Abend ausführst?“, konnte Molly sich nicht verkneifen zu fragen.

„Roxy und ich haben uns im Moment auf Probe getrennt“, entgegnete er schroff.

„Ach ja?“ Molly hatte Mühe, äußerlich gelassen zu bleiben. Ihr Herz pochte. „Habt ihr euch gestritten oder so etwas?“

„Oder so etwas“, erwiderte er unwillig.

„Du willst mit mir nicht darüber sprechen?“

Er öffnete ihr lächelnd die Beifahrertür. „Nicht heute Abend, Molly. Ich will mir die Stimmung nicht verderben, indem ich an Frauen denke.“

„Aber ich bin auch eine Frau“, protestierte sie empört.

„Ja, schon, aber du bist anders. Für mich bist du in erster Linie ein guter Kamerad. Komm, steig ein. Wir fahren hinaus nach Terrigal. Es ist ein wundervoller Abend für einen Spaziergang am Strand.“

Womit er recht hatte. Es war klar und mild unter einem funkelnden Sternenhimmel. Ein Abend für Liebespaare.

Molly verdrängte den letzten Gedanken. Sie neigte eigentlich nicht zu Masochismus. Oder doch?

„Aber ich bin nicht für einen Strandspaziergang angezogen“, wandte sie ein, als Liam sich neben sie hinter das Steuer setzte. „Ich habe Pumps und Strümpfe an.“

„Du kannst sie ja im Auto ausziehen“, schlug er, ohne mit der Wimper zu zucken, vor.

Es war schon deprimierend, wie gleichmütig er davon sprach, dass sie sich vor ihm ausziehen sollte. Molly konnte sich lebhaft vorstellen, wie anders es wäre, wenn Roxy anfangen würde, sich auf dem Beifahrersitz auszuziehen. Sie hatte dagegen das schlimme Gefühl, dass sie splitternackt vor Liam sitzen könnte und er sie allenfalls fragen würde, ob es ihr nicht kalt wäre.

Allein der tröstliche Gedanke, dass die schöne Roxy anscheinend kurz davor stand, in die Wüste geschickt zu werden, bewahrte Molly davor, in schwärzeste Depressionen zu versinken. Sie hasste Roxy mehr als alle anderen Freundinnen von Liam. Vielleicht weil sie die schönste war … und diejenige, die sich in ihrer Stellung als Liams Freundin am sichersten fühlte.

Ja, Mollys Stimmung heiterte sich beträchtlich auf, wenn sie daran dachte, dass Roxy, wie es aussah, nun doch nicht zu Liams Verlobten und zukünftigen Frau avancieren würde!

„Du bildest dir hoffentlich nicht ein, dass ich mich damit zufrieden gebe, wenn du mir einen Kaffee spendierst“, meinte sie gut gelaunt, als Liam den Wagen rückwärts aus der Einfahrt setzte. „Ich hatte vor, mir ein großes Stück Sahnetorte dazu zu gönnen. Du kannst dir nicht vorstellen, was für ein Essen Mum mir seit Dads Tod vorsetzt, Liam! Sie ist eine Gesundheitsfanatikerin geworden.“

„Das kann auch nicht schlimmer sein als eine Mutter, die einen ständig mästen will“, entgegnete er trocken. „Wenn ich nach Hause komme, behauptet Mum immer, ich wäre viel zu dünn, und versucht, mich mit Chips und Törtchen und ich weiß nicht was vollzustopfen.“

„Du bist nicht zu dünn“, sagte Molly sofort. „Du bist genau richtig.“

Er lächelte sie dankbar an, und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Du liebe Güte, Liam war unwiderstehlich, wenn er lächelte.

„Weißt du eigentlich, wie gut du mir tust, Molly? Du sagst immer das Richtige. Du machst immer das Richtige“, sagte er bedeutsam. „Heute Morgen hast du mich beschämt. Ich habe noch nie an deinen Geburtstag gedacht, wohingegen du meinen nicht ein Mal vergessen hast. Deshalb öffne jetzt bitte das Handschuhfach. Du findest dort eine Kleinigkeit, die dich hoffentlich für all die vergessenen Geburtstage in der Vergangenheit entschädigt.

Sag nicht, dass es nicht nötig gewesen wäre“, fügte er hinzu, bevor sie etwas erwidern konnte. „Und sag nicht, dass es zu teuer sei. Ich kann es mir leisten. Tatsächlich kann ich mir inzwischen so ziemlich alles leisten, was ich will. Das Computerspiel, von dem ich dir vor einiger Zeit erzählt habe, wird seit Kurzem weltweit vermarktet und wird mich zum Multimillionär machen.“

„O Liam, wie wundervoll!“

„Vielleicht“, meinte er sachlich. „Ich beginne nämlich gerade festzustellen, dass reich und erfolgreich sein nicht alles im Leben ist. Ausgenommen wenn es darum geht, meiner besten Freundin etwas wirklich Schönes zum Geburtstag zu schenken“, schränkte er lächelnd ein. „Los, Molly, pack es aus. Ich bin neugierig, ob es dir gefällt.“

Molly folgte seiner Bitte und hielt den Atem an. „O Liam! Das wäre doch nicht nötig gewesen.“

„Ich hatte dich gebeten, das nicht zu sagen“, tadelte er sanft. „Also, gefällt es dir wirklich? Die Auswahl war so groß, dass ich mich kaum entscheiden konnte. Ich habe heute Nachmittag Stunden in dem Juweliergeschäft zugebracht und schließlich etwas gewählt, das schlicht, aber solide ist. Wie du.“

Molly versuchte, seine Worte als Kompliment zu verstehen. Trotzdem löste sich ihre Freude über das Geschenk schlagartig in Nichts auf. Langsam nahm sie die schwere Goldkette aus der grünen Samtschachtel und ließ die Fingerspitzen über die ovalen Kettenglieder aus massivem Gold gleiten. Schlicht, aber solide. Wie ich.

„Sie gefällt dir nicht.“

Molly hörte die Enttäuschung in Liams Worten und zwang sich, ihn anzulächeln. „Red keinen Unsinn! Ich finde sie wunderschön.“ Da Liam seine Aufmerksamkeit wieder dem Straßenverkehr zuwenden musste, konnte sie es sich erlauben, ihn einen Moment lang zärtlich zu betrachten. Wie könnte ich die Kette nicht wundervoll finden?, dachte sie wehmütig. Sie ist ein Geschenk von dir, Darling, und ich werde sie für den Rest meines Lebens als Schatz hüten.

Liam, der von ihren Gedanken nichts ahnte, war offensichtlich noch nicht überzeugt. „Ich hoffe, du sagst das nicht nur so.“

Die Situation entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Molly fragte sich, was wohl geschehen würde, wenn sie ihm sagen würde, was sie wirklich für ihn empfand. Wie sie Liam kannte, würde sie ihn in schreckliche Verlegenheit stürzen. Er war im Grunde einfach und geradlinig und hasste gefühlsmäßige Komplikationen in seinem Leben.

„Würde ich dich anlügen?“, fragte sie mit unüberhörbarem Sarkasmus.

Er warf ihr überrascht einen Blick zu. Von dieser Seite kannte er sie bislang nicht. „Hm, ich hoffe nicht. Du warst immer kompromisslos ehrlich. Und hellwach und klug dazu. Warum hätte ich dich sonst so oft um deine Meinung gefragt? Mum fand alles, was ich vorhatte, kritiklos großartig. Aber ich brauchte jemanden, der mir sagte, wie es wirklich war. Genau das hast du immer getan. Wie viel Zeit hätte ich mit manch abenteuerlichem Projekt vergeudet! Du hast es immer geschafft, mir deutlich zu machen, woran es sich weiterzuarbeiten lohnte. Was von bleibendem Wert sein würde.“

Nur schade, dass du mich nie nach meiner Meinung zu deinen Freundinnen gefragt hast, dachte Molly spöttisch. Ich hätte dir sagen können, dass all diese Frauen sich selber viel zu sehr liebten, um viel für einen anderen Menschen übrig zu haben. Aber andererseits hast du ja auch nicht Liebe bei ihnen gesucht, Liam, oder?

Doch in der Gewohnheit lauerte auch Gefahr. Was, wenn sich Liam eines Tages wirklich eine Frau wünschte, die ihn liebte und die er auch aufrichtig lieben konnte? Du wirst nie die Richtige finden, wenn du dich weiter zu dem falschen Typ Frau hingezogen fühlst, dachte Molly mit einem Anflug von Verbitterung. Die Roxys dieser Welt sind nur auf ihren materiellen Vorteil aus. Wohingegen ich dich wie keine andere lieben würde, Darling. Schau mich an, Liam. Siehst du nicht, wie sehr ich dich liebe? Fühlst du es nicht?

Doch Liam ahnte von alledem natürlich nichts. „Ich hoffe wirklich, dass diese Kette meine Gedankenlosigkeit in all den Jahren ein bisschen wiedergutmacht, Molly“, knüpfte er wieder an seinen Gedankengang an. „Ich weiß, dass ich ein bodenloser Egoist bin. Aber deine Freundschaft bedeutet mir sehr viel, und ich möchte nicht, dass du glaubst, ich würde nie an dich denken. Denn das stimmt nicht.“ Er lächelte sie entwaffnend an. „Das Problem ist, ich denke gewöhnlich nur an dich, wenn ich deine Hilfe brauche. Oder deinen Rat. Oder deine Meinung über mein neues Auto.“

Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, und flüchtete sich in Zorn. „Geht es auch heute Abend nur darum, Liam?“, fragte sie scharf. „Ein kleine Probefahrt? Fährst du mit mir nach Terrigal raus, damit ich dir meine Meinung über dein neues Auto sagen kann?“

„Du liebe Güte, nein!“ Er sah sie ehrlich entsetzt an. „Nein, das ist nicht der Grund! Überhaupt nicht. Tatsache ist, dass mir heute Morgen in der Bücherei bewusst geworden ist, dass ich dich nie nach dir gefragt habe. Das hat meine Schuldgefühle nur noch verstärkt. All die Jahre kennen wir uns nun schon, und ich habe immer nur über mich geredet. Deshalb will ich heute Abend alles über dich erfahren, Molly.“

„Über mich?“, wiederholte sie ungläubig.

„Ja. Über dich. Ich will wissen, wie dein Leben aussieht. Mich hat fast der Schlag getroffen, als deine Kollegin sagte, dass du heute fünfundzwanzig wirst. Urplötzlich wurde mir klar, dass ein so tolles Mädchen wie du mit fünfundzwanzig eigentlich längst verheiratet sein sollte. Ich fragte mich, warum du es nicht bist, und ich frage jetzt dich, Molly. Warum hast du keinen festen Freund?“

Molly wusste nicht, was sie ihm antworten sollte. Umständlich legte sie die Goldkette in die Samtschatulle zurück und steckte sie in ihre Tasche. Dabei zermarterte sie sich den Kopf nach einer überzeugenden Ausrede.

Ich habe einfach noch nicht den Richtigen getroffen. Ich warte, bis Mum über Dads Tod hinweg ist. Ich würde gern heiraten, aber der Mann, den ich liebe, nimmt von mir als Frau keine Notiz …

Das Schweigen wurde unerträglich. Schließlich warf Liam ihr einen besorgten Blick zu. „Du liebe Güte, Molly, du bist doch nicht etwa … lesbisch?“

Molly verschlug es für einen Moment die Sprache. Und dann lachte sie laut und herzlich. Die Ausrede war ihr gar nicht in den Sinn gekommen. „Nein, nein, ich bin nicht lesbisch.“

„Wo liegt dann das Problem?“

„Das Problem ist …“ Nach kurzem Zögern entschied sie sich für die dritte Ausrede, in der sich auf ironische Weise die Wahrheit verbarg. Liam, der liebe, gute, blinde Liam, würde es nie erraten. „Nun ja, es gibt da einen Mann, den ich liebe. Aber er erwidert meine Liebe nicht. Tatsächlich nimmt er mich als Frau sozusagen gar nicht wahr.“

„Und warum nicht?“ Liam schien empört, dass dieser geheimnisvolle Unbekannte seiner besten Freundin so wenig Leidenschaft entgegenbrachte.

Molly fühlte sich durch seine Parteinahme fast ein wenig getröstet. „Ich nehme an, ich bin rein äußerlich einfach nicht sein Typ. Ich bin nicht hübsch genug.“

„Unsinn! Du bist sehr hübsch.“

„Nein, das bin ich nicht. Aber es ist nett von dir, das zu sagen.“

Zu Mollys Erleichterung verfolgte Liam dieses Thema nicht weiter. Er schwieg missmutig, während sie durch Gosford fuhren, und sprach erst wieder, als sie die Entrance Road erreicht hatten und sich Erina näherten. „Schön, wer ist dieser Idiot?“, fragte er schroff. „Stammt er aus der Gegend?“

„Ja, natürlich.“

„Kenne ich ihn?“

„Das nehme ich doch an.“

„Ist er auf unsere Schule gegangen?“

„Ja, aber mehr werde ich dir nicht verraten.“

„Auf unsere Schule …Verdammt, es waren mehr als achthundert Schüler auf unserer Schule!“ Er überlegte angestrengt. „Es hat keinen Sinn. Ich komme nicht drauf, wer es sein könnte. Komm, Molly, sag’s mir. Spann mich nicht auf die Folter.“

„Tut mir leid, aber ich werde es weder dir noch irgendjemand anderem sagen. Es wäre für mich zu peinlich. Außerdem wäre es auch völlig sinnlos, denn ich habe inzwischen akzeptiert, dass er nicht an mir interessiert ist. Kurz gesagt, ich habe mich entschlossen, nach vorn zu schauen und mein Leben neu in die Hand zu nehmen. Mach dir also keine Sorgen, Liam, ich habe nicht vor, ewig zu leiden.“

Die ganze Strecke durch Erina bis zu der Abzweigung nach Terrigal fluchte Liam vor sich hin, und Molly fand es höchst amüsant, dass er, ohne es zu ahnen, auf sich selber schimpfte.

„Nun gut! Hat dieses großartige Beispiel für Geschmacksverirrung eine Freundin?“, fragte er schließlich.

„Augenblicklich ist er wohl gerade solo.“

„Er hat also viele Freundinnen, ja?“

„Unmengen.“

„Und du liebst diesen unverbesserlichen Weiberhelden?“

„Er raubt mir den Atem.“

Liam verzog das Gesicht. „Warum fliegt ihr Frauen nur immer auf die bösen Jungs? Dieser Kerl klingt wirklich schrecklich.“

„Ich finde ihn überhaupt nicht schrecklich. Und geschäftlich ist er sehr erfolgreich.“

„Ich nehme an, er sieht gut aus?“, fragte Liam spöttisch.

„Absolut umwerfend.“

„Schön ist, wer schön handelt“, meinte er missmutig und schimpfte dann bis Terrigal weiter vor sich hin.

Molly ließ ihn schweigend gewähren. Sie hatte sich lange nicht mehr so köstlich amüsiert. Auch wenn sie vielleicht mit dem Feuer spielte, es war ihr das Risiko wert. Sie glaubte nicht, dass bei Liam der Groschen fallen würde, und es machte ihr ungeheuren Spaß, auf diese Weise mit der Wahrheit zu spielen.

Sie fuhren um die letzten Hügel herum und blickten auf den Strand von Terrigal. An einem milden, klaren Abend wie diesem, wenn das Wasser silbern im Mondlicht glitzerte, war es hier besonders idyllisch und romantisch. Die Wellen rollten sanft an den feinen Sandstrand, einige Leute schwammen noch in dem ruhigen Wasser. Überall sah man Paare, die Arm im Arm in dem warmen Sand saßen oder Hand in Hand am Meer entlangspazierten. Ja, es war eine Nacht wie geschaffen für Liebespaare.

Liam fuhr an dem großen öffentlichen Parkplatz am Fuß des Hügels vorbei und folgte der schmalen Straße parallel zum Strand, die zum Wasser hin von hohen Pinien, zur anderen Seite von Geschäften gesäumt wurde. Ganz am Ende der Straße parkte Liam den Wagen unter einer Pinie, schaltete den Motor aus und wandte sich Molly zu. Offenbar war er in seinen Überlegungen zu einem Ergebnis gelangt.

„Es ist doch nicht etwa Dennis Taylor, oder?“, fragte er scharf.

Dennis Taylor war mit Liam in eine Klasse gegangen und der Einzige, der ihm, was das Aussehen und den späteren beruflichen Erfolg betraf, annähernd das Wasser reichen konnte. Anders als der blonde Liam war er eher der dunkle Typ des Latin Lovers mit welligem schwarzem Haar, glühenden dunklen Augen und der Statur eines Bodybuilders. Zwar besaß er nicht Liams überragende Intelligenz oder dessen schöpferisches Genie, aber er war der geborene Geschäftsmann. Nach der Schule war er erfolgreich in die Immobilienbranche eingestiegen, hatte vor einigen Jahren ein eigenes Büro an der Central Coast aufgemacht und erst kürzlich erheblich expandiert. Privat war er der ewige Junggeselle, der das Leben in vollen Zügen genoss und keine Gelegenheit ausließ.Vor Kurzem hatte er nicht weit von Terrigal ein Anwesen gekauft und darauf eine protzige Villa errichtet, in der er häufig wilde Partys feierte, die zu reichlich Klatsch Anlass gaben.

Molly war so gut über Dennis informiert, weil seine Eltern nur zwei Häuser weiter wohnten. Dennis besuchte sie oft, und wenn er dann Molly zufällig im Vorgarten sah, winkte er ihr in seiner typisch lässigen Art zu.

Vor einigen Monaten hatte er sogar bei ihnen an die Tür geklopft, um sich zu erkundigen, ob sie und ihre Mutter vielleicht das Haus verkaufen wollten. Obwohl sie die Frage verneint hatten, hatte er ihnen seine Visitenkarte dagelassen und dann noch mehr als ausgiebig mit Molly geplaudert. Dennis gehörte zu den Männern, die an keiner Frau vorbeigehen konnten, ohne ihr zu beweisen, dass er ein Geschenk des Himmels an das weibliche Geschlecht war. Sobald ein weibliches Wesen in seinem Blickfeld erschien, schaltete er ganz automatisch seinen gelackten Charme ein.

Molly fand ihn ganz nett, aber viel zu oberflächlich. Es ärgerte sie, dass Liam auch nur im Entferntesten glauben konnte, sie sei in Dennis unsterblich verliebt.

„Nun? Ist es Dennis?“, fragte er nach, als sie schwieg.

„Tut mir leid, aber ich möchte derartige Fragen nicht beantworten, weil ich mich nicht in Verlegenheit bringen will.“

„Du bist verdammt schwierig!“

„Nein, ganz und gar nicht. Du magst mein Freund sein, trotzdem gibt es Grenzen, was ich dir erzähle. Und mein Liebesleben ist doch wohl allein meine Sache, meinst du nicht? Als ich dich gefragt habe, was zwischen dir und Roxy vorgefallen ist, wolltest du es mir schließlich auch nicht sagen, oder?“

„Schön, das stimmt. Wenn es aber Dennis ist, hoffe ich, dass sich deine heimlichen Wunschträume nie verwirklichen werden“, erklärte Liam nachdrücklich. „Er steht, was Frauen betrifft, in einem schlimmen Ruf.“

Molly verdrehte die Augen. Als ob Dennis Taylor sich je ernsthaft für sie interessieren könnte. Das war genauso unwahrscheinlich wie bei Liam. Plötzlich war sie dieses Spiel leid. „Wenn es dich beruhigt … Es ist nicht Dennis“, sagte sie seufzend. „Aber bitte zermartere dir nicht den Kopf nach weiteren Kandidaten. Ich werde es dir nicht verraten, und damit basta!“

„Ich hatte keine Ahnung, dass du so dickköpfig sein kannst.“

Molly blickte ihn spöttisch von der Seite an. „Es gibt eine Menge Dinge, die du nicht von mir weißt, Liam.“

„Hm, das glaube ich allmählich auch. Und dabei habe ich all die Jahre herumerzählt, was für ein liebes kleines Ding du bist. Vielleicht hat Roxy doch nicht so unrecht.“

Molly horchte sofort auf. „Ach ja? Und was, bitte schön, hat Roxy über mich gesagt?“

„Dass du es faustdick hinter den Ohren hast und sie dir nicht über den Weg trauen würde.“

„So! Die hat es gerade nötig.“

„Darf ich das so verstehen, dass du Roxy nicht magst?“

„Ganz recht.“

„Und warum?“

Sie war sehr versucht, ihm einen Vortrag über Eitelkeit, Oberflächlichkeit und skrupellosen Ehrgeiz zu halten, hielt sich aber gerade noch rechtzeitig zurück. Was hatte es für einen Sinn, jetzt noch auf Roxy herumzuhacken, da alles darauf hindeutete, dass ihre Tage an Liams Seite gezählt waren? Überdies hätte ihr die ungeschminkte Wahrheit leicht als Eifersucht ausgelegt werden können.

„Man kann nicht alle Menschen mögen“, sagte sie deshalb gleichmütig. „Mit manchen Leuten kommt man einfach von Anfang an nicht klar.“

„Da hast du recht. Schön, belassen wir es dabei. Ich werde dir auch keine peinlichen Fragen über Mr. X mehr stellen. Allerdings bin ich froh, dass es nicht Dennis ist. Komm, lass uns jetzt spazieren gehen.“ Im nächsten Moment war er ausgestiegen, kam um das Auto herum und öffnete die Beifahrertür.

„Könnten wir nicht zuerst Kaffee trinken?“, fragte Molly heiser, als Liam ihre Hand nahm und ihr aus dem Wagen half. So rasch wie möglich entzog Molly sie ihm wieder.

„Ja, natürlich, wenn du so wild darauf bist.“

„Es ist weniger der Kaffee, sondern etwas zu essen, worauf ich wild bin.“

Liam sah sie überrascht an. „Hast du denn nicht zu Abend gegessen? Du hast doch gesagt, deine Mutter wollte dir etwas Besonderes kochen.“

„Ja, das hat sie auch getan. Aber von dem, was sie mir als Abendessen vorsetzt, würde nicht einmal ein Spatz satt werden. Du glaubst es nicht, Liam, aber manchmal knurrt mir der Magen, wenn ich ins Bett gehe.“

Er lachte. „Beklage dich nicht. Du siehst toll aus, dank der Diät deiner Mutter.“

Molly errötete geschmeichelt. „Meinst du wirklich?“

„Ja, wirklich.“ Zum zweiten Mal an diesem Abend ließ Liam den Blick bewundernd über sie schweifen.

Und Molly wusste, dass sie keinen Bissen mehr herunterbringen würde.

Eine Viertelstunde später saß Molly Liam in einem der gemütlichen Cafés entlang der Strandpromenade gegenüber. Fast zehn Minuten hatte Liam kommentarlos zugesehen, wie sie in einem großen Stück geeisten Karottenkuchen herumstocherte, ohne wirklich etwas zu essen. Dann konnte er sich nicht mehr zurückhalten.

„Ich dachte, du hättest so großen Hunger.“

Molly machte ein betretenes Gesicht und legte die Gabel auf den Teller. „Das dachte ich auch. Möchtest du ihn essen?“

Liam seufzte. „Frauen! Komm, gib schon her.“

Er war nicht wirklich ärgerlich. Lächelnd nahm er ihr den Teller aus der Hand. Molly erwiderte sein Lächeln und sah dann schweigend zu, wie Liam aß.Wie gebannt ruhte Mollys Blick auf seinem Mund, der so unglaublich sexy und sinnlich war. Als Liam sich mit der Zungenspitze einen Krümel von den Lippen leckte, durchzuckte es Molly heiß. Unwillkürlich verspürte sie den brennenden Wunsch, seine Zunge an ihrem Mund, zwischen ihren sehnsüchtig geöffneten Lippen zu fühlen.

Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte gequält aufgestöhnt. Was würde sie nicht darum geben, dies nur ein Mal zu erleben! Jetzt bereute sie, Joans Rat in den Wind geschlagen zu haben. Wenn sie an diesem Abend ihr Haar offen getragen und sich in den sinnlichen Duft von Joans Parfüm gehüllt hätte, hätte Liam vielleicht nicht nur ihre schlankere Figur bewundert. Und wenn sie den Mut zu etwas mehr Make-up und einem aufregend roten Lippenstift aufgebracht hätte, wäre er vielleicht sogar versucht gewesen, sie zum Abschied zu küssen.

Wag es!, hatte Joan sie aufgefordert. Und was hatte sie getan? Sie hatte sich feige gedrückt. Ihr Traummann hatte sie eingeladen, mit ihm auszugehen, und sie hatte sich in einer Aufmachung präsentiert, die zu ihrer Mutter gepasst hätte. Sie war einfach ein hoffnungsloser Fall.

„Was ist los?“ Liam legte die Gabel auf den leeren Teller und sah Molly forschend an.

Sie konnte sich nicht mehr verstellen. Traurig, hoffnungslos erwiderte sie seinen Blick, das Ende ihres Traums vor Augen.

Liam nahm ihre Hand und drückte sie freundschaftlich. „Die Liebe zu diesem Mr. X macht dich sehr unglücklich, stimmt’s?“

Erst seit heute, schoss es Molly durch den Kopf. Bis zum heutigen Tag war es eigentlich ein schöner Traum gewesen. Und sie hatte immer noch Liams Freundschaft als Trost gehabt. Wie viele Frauen verschwendeten ihre Liebe an weniger würdige Männer?

Liam war etwas Besonderes. Er war attraktiv und klug und im Grunde seines Wesens ein guter Mensch. Er liebte das Leben, seine Mutter, und er liebte sie – wie ein Bruder. Molly hatte es sich noch nie so bewusst vor Augen geführt.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“ Er ließ den Daumen liebevoll über ihre Hand gleiten.

Molly erstarrte. „Ich glaube nicht“, sagte sie heiser. „Es ist mein Problem, und, wie ich schon sagte, bin ich ziemlich entschlossen, nach vorn zu schauen.“

„Das wäre sicher das Beste, Molly. Vergiss den Idioten. Er weiß nicht, was gut ist.“

Sie rang sich ein Lächeln ab und entzog ihm ihre Hand. Liam richtete sich auf und betrachtete sie besorgt.

„He, warum tust du nicht das, was meine Mutter immer macht, wenn sie niedergeschlagen ist und etwas Aufmunterung braucht? Eine neue Frisur. Neue Kleider. Ein ganz neues Aussehen.“

Ein bisschen spät, dachte Molly wehmütig, selbst wenn ich das Geld dafür hätte. Doch ihre Neugier war geweckt. „Und was würdest du vorschlagen?“, fragte sie Liam spontan. „Ich meine, was, glaubst du, würde zu mir passen?“

Er lachte. „Du meine Güte, Molly, warum fragst du ausgerechnet mich? Ich habe keine Ahnung.“

„Du hast mich gerade gefragt, ob du mir irgendwie helfen kannst, Liam. Aber sobald ich dich dann wirklich um etwas bitte, drückst du dich. Schau, du bist doch gelernter Grafiker, hast ein Auge für Form, Gestalt und Farbe. Betrachte mich einfach wie einen deiner grafischen Entwürfe. Tu so, als hättest du mich auf deinem Computerbildschirm, und verändere mich ganz nach deinem persönlichen Geschmack.“

„Nach meinem persönlichen Geschmack? Wäre es nicht besser, wenn ich dich nach dem persönlichen Geschmack von Mr. X verwandeln würde?“

„Ihr beide seid vom Typ her ähnlich“, meinte Molly, die wieder zunehmend Gefallen an dem Spiel fand. Ja, sie fasste sogar ganz spontan den Entschluss, Liams Ratschläge zu beherzigen. Sie würde tun, was er ihr riet, koste es, was es wolle. Irgendwie würde sie das Geld schon auftreiben.

Er lächelte vielsagend. „Und ich dachte, du hättest eben erst gesagt, du wolltest nach vorn schauen.“

„Es ist das Vorrecht der Frau, ihre Meinung zu ändern.“

Liam schüttelte den Kopf. „Irgendwie habe ich Mitleid mit diesem Mr. X. Mag sein, dass er es noch nicht weiß, aber du wirst ihn nicht so leicht davonkommen lassen, stimmt’s?“

„Hör auf, vom Thema abzulenken, Liam. Schau mich einfach an, und sag mir, was ich ändern sollte.“ Sie setzte sich kerzengerade hin und lächelte ihn aufmunternd an.

Er ließ den Blick nachdenklich über sie schweifen und schüttelte erneut den Kopf. „Wirklich, Molly, ich halte das für keine so gute Idee. Du bist doch kein grafischer Entwurf, sondern eine Frau – mit Gefühlen.“

Sie zog spöttisch die Brauen hoch. „Überaus scharfsinnig bemerkt, Liam! Aber ich werde meine Empfindlichkeit tapfer außen vor lassen und mir anhören, was du zu sagen hast. Du hast mich schon so oft um meine Meinung gefragt und dabei besonderen Wert auf meine Ehrlichkeit gelegt. Jetzt bitte ich dich um deine ehrliche Meinung.“

Seine Miene blieb skeptisch. „Tut mir leid, Molly“, sagte er nach kurzem Überlegen. „Ich kann das wirklich nicht tun. Hol dir lieber den Rat eines Experten ein.“

„Der Rat eines Experten interessiert mich nicht. Ich will deine Meinung hören. Schön, wenn es dir so schwerfällt, wie wär’s, wenn wir es mit einem Auswahlspiel versuchen?“

„Wie meinst du das?“

„Ich schlage eine Veränderung vor und gebe dir drei Möglichkeiten an. Du sagst mir, welche deiner Meinung nach am besten zu mir passen würde.“

Er gab sich geschlagen. „Schön, wenn du darauf bestehst. Aber ich verspreche nichts und garantiere nicht für den Erfolg.“

„Einverstanden. Der erste Punkt wäre mein Haar. Ich werde es schneiden lassen. Schulterlang, kinnlang oder richtig kurz?“

Liam neigte den Kopf zur Seite und betrachtete sie prüfend. „Richtig kurz“, sagte er schließlich. „Du hast einen hübschen Hals. Es wäre schade, ihn zu verstecken.“

Dieses unerwartete Kompliment brachte ihr Herz zum Klopfen. „Was … was ist mit der Farbe?“, fuhr sie heiser fort. „Was würde mir am besten stehen? Blond, Brünett oder Rot?“

„Warum lässt du die Farbe nicht einfach, wie sie ist?“

„Auf keinen Fall. Ich habe lange genug mit dieser Straßenköterfarbe gelebt, besten Dank. Von jetzt an werde ich nichts von einer grauen Maus mehr an mir haben, darauf kannst du wetten. Also wähle!“

Liam seufzte. „Gut, aber du hältst den Kopf dafür hin.“

„Im wahrsten Sinn des Wortes.“

Er betrachtete sie kopfschüttelnd. „Erst Sarkasmus, dann geistreiche Schlagfertigkeit. Was noch?“

Molly ließ sich nicht beirren. „Blond, Brünett oder Rot?“

„Hm. Nun, du hast die helle, zarte Haut, die man gewöhnlich Rothaarigen zuschreibt. Aber bitte … kein knalliges Rot. Ein warmer Kupferton wäre hübsch.“

„Ein warmer Kupferton.“ Molly schluckte nervös. Irgendwie konnte sie sich gar nicht mit kurzem rotem Haar vorstellen. Du liebe Güte, diese Sache würde einigen Mut erfordern, aber sie war entschlossen. Sie überlegte, ob sie Liam auch wegen des nötigen Make-ups fragen sollte, und ließ es dann sein. Männer hatten davon normalerweise nicht viel Ahnung. Sie musste sich fachkundige Hilfe suchen, vielleicht in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses.

Rasch überschlug Molly die bisherigen Kosten. Ein guter Friseur, eine Färbung, die etwa alle sechs Wochen aufgefrischt werden musste, ein neues Make-up … ganz zu schweigen von einer neuen Garderobe. Ihr wurde ganz schwindelig angesichts der Summe, die da auf sie zukommen würde.

„Was ist mit der Garderobe?“, fuhr sie dennoch fort. „Ich meine, welche Kleidung gefällt dir an einer Frau? Mir ist natürlich klar, dass ich nicht so eine sensationelle Figur habe wie Roxy, aber so schlecht ist sie inzwischen auch nicht.“

„Stell dein Licht nicht unter den Scheffel, Molly“, meinte Liam schroff. „Ich habe heute Abend durchaus bemerkt, was für eine hübsche Figur du hast – einen schönen Busen, einen knackigen Po und eine zierliche Taille. Und für eine eher kleine Frau hast du auch bemerkenswert hübsche Beine.“

Molly schwebte wie auf Wolken. Zwar hatte Joan ihr am Morgen auch schon ein Kompliment über ihre Figur gemacht, aber aus Liams Mund war das natürlich etwas ganz anderes. Wie es schien, fand er außer ihrer Größe nichts an ihr auszusetzen. „Leider lässt es sich nicht ändern, dass ich klein bin, Liam“, sagte sie betont sachlich. „Glaub mir, ich wäre zu gern größer.“

„Dann ist dein Mr. X wohl ein großer Mann?“

„Ja, ziemlich groß, und er hat eine Vorliebe für große Frauen.“

„Dummkopf. Weiß er denn nicht, dass gerade die wirklich wertvollen Dinge oftmals klein sind?“, meinte Liam gereizt. „Nun ja, du könntest auf jeden Fall Schuhe mit höheren Absätzen tragen … und kürzere Röcke, das lässt dich größer wirken.“

„Liam, ich habe nicht die Absicht, jeden Tag mit zehn Zentimeter hohen Stilettos und im Minirock zur Arbeit zu gehen.“

Er sah sie forschend an. „Du siehst ihn also auf der Arbeit, ja?“

„Äh … eher selten.“

„Dann ist es völlig unwichtig, was du zur Arbeit trägst. Aber es ist etwas ganz anderes, was du anhast, wenn er in der Nähe ist.“

„Hör zu, Liam, wenn ich all die Mühe und Kosten einer derartigen Wandlung auf mich nehme, dann werde ich das nicht für Mr. X tun, sondern um meinetwillen“, sagte sie entschieden.

„Natürlich, Molly, natürlich. Schön, ich zum Beispiel mag keine Streifen, Karos oder Blumenmuster. Es gefällt mir, wenn Frauen figurbetonte Sachen in starken Kontrastfarben tragen.“ Er bemerkte Mollys überraschten Blick und fügte belustigt hinzu: „Du sagtest doch, Mr. X habe einen ähnlichen Geschmack wie ich. Hör auf, mir vorzumachen, das Ganze geschähe nicht um seinetwillen. Das wäre eine Beleidigung meines Intellekts.“

„Also gut, ich will deinen Intellekt nicht beleidigen. Fahr fort. Was gefällt dir sonst noch?“

„Ich mag es nicht, wenn Frauen Hosen anhaben.“

Sie machte große Augen. „Wenn du dir einbildest, dass ich ohne Unterwäsche herumflanieren werde, irrst du dich gewaltig!“

Liam wirkte im ersten Moment ehrlich verblüfft und hob dann beschwichtigend die Hände. „Ich rede von Hosen, Molly, nicht von Slips! Hosenanzüge zum Beispiel. Dabei habe ich natürlich nichts gegen Nylonstrumpfhosen und auch nichts gegen Jeans, vorausgesetzt, sie sitzen gut. Wir Männer werden von den weiblichen Formen angezogen. Wir wollen sie sehen.“

„Du bist ein Sexist, weißt du das?“

Er lächelte spitzbübisch. „Ja. Ich mag Sex. Sehr sogar. Hast du das mit Sexist gemeint?“

„Nein, und das weißt du verdammt gut!“

Sein Gesicht wurde plötzlich ernst, und er betrachtete sie nachdenklich.

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