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JULIA BESTSELLER – LORI FOSTER

LORI FOSTER

Zu heiß für die Liebe?

Allein mit dem bezaubernden Adam auf einer einsamen Insel in der Karibik – für die hübsche Melanie wird der Notfall zu einem Geschenk des Himmels! Seit Kindertagen kennen sich die beiden, waren aber nie ein Paar. Jetzt soll Adam sie endlich in die Arme nehmen, küssen und am weißen Strand unter Palmen verführen. Melanie hat lang genug darauf gewartet …

LORI FOSTER

Stunden wie im Rausch

Auf dem Maskenball erkennt niemand, dass die sonst so unscheinbare Carlie in dem Kostüm der aufreizenden Haremsdame steckt. Die Männern vergöttern sie, was Carlie äußerst verlegen macht. Heimlich zieht sie sich in einen Gartenpavillon zurück. Der smarte Anwalt Tyler aber folgt ihr – und beschert ihr Stunden wie im Rausch …

LORI FOSTER

Ja – immer wieder ja

Den Glauben an Liebe – womöglich sogar an eine Ehe – hat Sara nach ihrer geplatzten Verlobung restlos verloren. Deshalb stellt sie sich mit ihrem überaus charmanten Nachbarn Gavin auch nicht mehr vor als einen heißen Flirt. Der aber will sie ganz oder gar nicht. Doch dazu müsste Sara erst ihren Glauben an die wahre Liebe zurück gewinnen …

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Zu heiß für die Liebe?

1. KAPITEL

Sie war die einzige vollständig bekleidete Frau in Sichtweite.

Auf dem geräumigen, voll besetzten Kreuzfahrtschiff, inmitten eines Dutzends halb nackter Frauen, die um die Aufmerksamkeit der Männer buhlten, stach sie mit ihrer Zurückhaltung deutlich ab. Adam war nicht der einzige Mann, der das wahrnahm, und es ließ ihn nicht kalt.

Im Grunde sollte er ihr dafür dankbar sein. Momentan konnte er jede Art von Ablenkung gebrauchen. Unablässig kreisten seine Gedanken um den Vertrag, den er auf der Insel Marco abschließen wollte, es machte ihn schier verrückt. Auf diesen Termin hatte er lange und verbissen hingearbeitet, und nun stand der Abschluss kurz bevor.

Sie trat an die Reling und beugte sich hinaus über das klare blaue Wasser des Golfs, betrachtete wie geistesabwesend den Himmel und das endlose Meer. Eine feuchte, salzige Brise kam auf, drückte ihr den weiten bunten Rock an den Körper und hob ihren reizvollen kleinen Po und die langen Beine hervor.

Adam Stone hievte seine Reisetasche von einer Hand in die andere und ließ die Fingergelenke knacken. Das teure Lederstück war ein Geschenk von seinem kleineren Bruder Kyle, extra für diese Reise. Sicherheitshalber hatte Adam die Tasche mit einem Lederriemen am Gürtel befestigt. Sie enthielt wichtige Papiere sowie einen beträchtlichen Scheck. Zudem besaß der elegante Beutel einen hohen gefühlsmäßigen Stellenwert. Er war ein Unterpfand für seine Zukunft, für die Zukunft seiner Angehörigen. Zwar würde man ihn auf der Jacht wohl kaum ausrauben, doch er konnte sein instinktives Verteidigungsbedürfnis nicht abschalten, solange so viel auf dem Spiel stand.

Er überlegte, ob er die Frau ansprechen sollte, und entschied sich dagegen. Hauptsächlich, weil er keine Zeit hatte, sich auf mehr als ein nettes Geplauder einzulassen. Außerdem schien sie sämtliche Männer auf dem Schiff zu ignorieren, ihn eingeschlossen. Jedenfalls wandte sie ihm den Rücken zu, als spürte sie sein Interesse und lehnte es rundheraus ab.

Die Sonne über Florida gab sich heute verhüllt, der Himmel war diesig. Doch das entmutigte die Bikinimädchen auf der Jacht nicht, sich um Adam zu scharen. Sie hatten sich auf ihn geworfen, sobald er an Bord gegangen war, mit eindeutigen Verführungsabsichten trotz seiner offensichtlichen Gleichgültigkeit. Seine Sinne konzentrierten sich auf diese unerreichbare Frau, die sich jetzt erneut entfernte, sich wieder von den anderen absetzte.

Adam vergaß seinen üblichen Charme und ließ die Mädchen stehen, um der Frau zu folgen. Es war ihr glänzendes schwarzes Haar, das ihm zuerst in die Augen gestochen hatte. Selbst ohne direktes Sonnenlicht schimmerte es wie Seide. Der Wind zauste die kurzen, feinen Locken und blähte den bunten Rock wie eine Fahne.

Adam schluckte.

Es war lächerlich, dass ihn der Anblick einer schlanken Hüfte unter einem leichten Rock dermaßen beeindruckte, während Oben-ohne-Mädchen ihn kaltgelassen hatten, doch er konnte sein Interesse nicht leugnen. Er spürte es unmittelbar im Bauch, und das Gefühl kam ihm unheimlich vertraut vor.

Sie hatte die Ellbogen auf die Reling gestützt, und er konnte ausgiebig den schönen Schwung ihres Nackens und ihres Rückens bis zu der schmalen Taille betrachten. Ihr knappes Top mit den Spaghettiträgern, fast prüde im Vergleich zu den winzigen Bikinis der anderen, gestattete ihm dennoch eine reizvolle Sicht auf goldfarbene Haut und verführerische Kurven. Fasziniert trat er näher, wobei er wieder die Reisetasche von einer Hand in die andere wechselte.

Sie hatte ihn noch nicht wahrgenommen. Mit einem Seufzer, der für ihn sogar die laute Musik und das Rauschen der Wellen am Bug übertönte, hob sie das Gesicht in die Brise. Adam trat einen Schritt zur Seite, neugierig, ihr Profil zu sehen – ob sich das Interesse lohnte, das sie in ihm geweckt hatte.

Der Schock fuhr ihm durch alle Glieder.

„Mel? Mel Tucker?“

Anstatt sich ebenso überrascht umzuwenden, versteifte sie sich abrupt. Sie umklammerte die Reling noch fester und drehte den Kopf langsam in seine Richtung. Mit schmalen Augen und zusammengekniffenen Lippen sagte sie: „Alte Gewohnheiten sterben langsam, wie ich sehe. Aber mein Name ist Melanie. Und für dich Miss Tucker.“

Adam lachte. Plötzlich war ihm ganz leicht zumute. Das böse Schicksal, das ihn auf dieses Schiff verschlagen hatte, schien ihm nicht mehr so übel zu wollen. „Du hast dich kein bisschen verändert, Mel.“

Er musterte sie eingehend, als sie sich ihm zuwandte, die Hände in die schlanken Hüften gestemmt. Seine Stimme senkte sich kaum wahrnehmbar, und ohne die Zustimmung seines Verstandes abzuwarten, murmelte er: „Du bist verteufelt sexy.“

Ihr Mund wurde schmal, und die hellblauen Augen, die ihn noch immer in seinen Träumen heimsuchten, wirkten drohender als das aufziehende Unwetter. Sie hob die Nase ein Stück – eine Geste, die sie schon in der Grundschule perfekt beherrscht hatte – und sagte: „Du hast dich offenbar auch nicht verändert.“

Die Worte trafen ihn wie ein Schlag, denn er wusste, was sie meinte. Seine Muskeln verkrampften sich. Und wie er sich verändert hatte – mehr, als er sagen konnte.

Mit Mühe hielt Adam einen Wutausbruch zurück. Solange er sich erinnern konnte, hatte Mel diese Fähigkeit gehabt, ihn mit einer Kleinigkeit zur Raserei zu bringen. Damals in Brockton, Ohio, war seine Familie unsäglich arm gewesen, während Mels Vater quasi die ganze Stadt beherrschte. Sie wohnte auf einem Hügel mit einer fantastischen Aussicht, und er in einem halb durchgerosteten Wohnmobil unten am Fluss. Obwohl Adam schon früh zu arbeiten begonnen hatte, gab er seinen ganzen Verdienst zu Hause ab – und trotzdem war sein Vater gestorben. Mel war auf ein Elitecollege gegangen, während er die traurigsten Jahre seines Lebens durchmachte.

Und sie wagte zu behaupten, er hätte sich in all den Jahren nicht verändert?

Doch er war inzwischen älter und klüger und hatte die Unsitte, mit Mädchen zu kabbeln, längst abgelegt. Er rang sich ein Lächeln ab. „Sieben Jahre sind vergangen. Da sollte man annehmen, dass wir uns beide verändert haben.“

Sie blinzelte gereizt und presste die Lippen zusammen. „Was willst du, Adam?“

Verblüfft starrte er sie an, mit offenem Mund und gerunzelten Brauen. „Du bist mir ja immer noch böse“, stellte er fest. „Nach sieben Jahren bist du noch wütend auf mich.“ Er stieß ein kurzes, raues Lachen aus, und sie richtete sich gerade auf, das Kinn erhoben.

Die Spannung zwischen ihnen war deutlich spürbar, bis Mel sich abrupt umdrehte und zum Heck des Schiffes ging. Sie duckte sich unter einer Rutsche hindurch, die vom Oberdeck bis fast ins Wasser reichte, öffnete eine Pforte und setzte sich auf das Sprungbrett. Dann zog sie den Rock zu den Knien hoch und tauchte die schlanken Füße ins Wasser, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.

Adam schäumte. So einfach ließ er sich nicht abwimmeln! Er wand sich ebenfalls unter der Rutsche hindurch, setzte sich mit gekreuzten Beinen neben sie und nahm seine Tasche auf den Schoß. Sie verharrte schweigend, ablehnend.

Es ging ihm gegen den Strich.

Mel hatte stets eine starke Wirkung auf ihn ausgeübt. Von der ersten Begegnung an, als Kinder, war da eine Anziehung gewesen, was sie heftig abstritt und ihn ständig beunruhigte. Er spürte es noch, aber er würde sich hüten, es ihr zu sagen. Ihr Reichtum und ihre gesellschaftliche Stellung würden ihn nicht mehr einschüchtern. Er hatte es zu etwas gebracht, obgleich es nicht leicht gewesen war. Es gab keinen Grund für ihn, sich als der erbärmliche Habenichts zu fühlen, über den ihre Familie die Nase gerümpft hatte.

Die Jacht machte wenig Fahrt, doch das Wasser des Golfs war bewegt. Adam sah zum Himmel, dann stirnrunzelnd auf Melanie. Er suchte nach einem unverfänglichen Thema, um seine Gelassenheit zu beweisen. „Es sieht nach einem Sturm aus. Ich werde zu spät kommen.“

Er wünschte, sie würde fragen: „Zu spät wozu?“ Natürlich fragte sie nicht. Mel tat nie das, was er erwartete. Stattdessen sagte sie: „Ich wünschte, du wärst nicht auf diesem Schiff, Adam.“

Sie sah ihn nicht an, und das ärgerte ihn ungemein. Sein Leben lang war sie ihm aus dem Weg gegangen, für ihn unerreichbar gewesen. Und noch immer gab es Nächte, in denen er nicht schlafen konnte, weil er an sie dachte, sich vorstellte, dass …

Damals hatte er sie gnadenlos aufgezogen. Zwar war er zwei Jahre älter, doch er musste wegen der Krankheit seines Vaters, die nicht richtig behandelt wurde, ein Schuljahr wiederholen. Niedergelassene Ärzte waren zu teuer, und die Fahrten zur Klinik kosteten Adams Eltern viel Arbeitszeit.

Er hatte Mel in dieser Zeit oft gesehen, und ihr Lebensstil, ihr offensichtlicher Reichtum waren für ihn wie ein anhaltender, pochender Schmerz. Ständig führte sie ihm vor Augen, was er entbehrte und was sie im Übermaß genoss. Als Jugendlicher hatte er sie in mancher Hinsicht beinah gehasst.

In der Highschool dann hatte er gelernt, seine Gefühle zu verbergen und sie mehr und mehr als weibliches Wesen wahrzunehmen. Sie stellte alles dar, was er im Leben erreichen wollte: Sicherheit, Wohlstand, Geltung. Nach einer Weile wollte er sie erreichen. Aber das war wie ein Griff nach den Sternen. Lächerlich.

Er hatte sie unablässig beobachtet, mit klarem Blick für die Unterschiede, besessen und gleichzeitig besitzergreifend. Sobald jener traurige, einsame Blick in ihre blauen Augen trat, war er der Erste, vielleicht der Einzige, der es bemerkte. In dem kleinen, schlichten Ort war sie durch ihren großen Reichtum total isoliert vom Rest der Bevölkerung.

Er hatte ihre Traurigkeit verscheuchen wollen. Sie schuf eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen, etwas, das ihn anzog.

Doch das war längst vorbei. Damals hatte sie ihn verabscheut.

Und offenbar hasste sie ihn noch heute.

„Ich hätte ein Charterboot nehmen sollen“, knurrte er. Er versuchte, die alten Sehnsüchte zu vergessen, die Stiche, die ihr Groll ihm versetzte, obwohl er es leugnen wollte. Der Wind pfiff über das Deck und fegte ein buntes Badefloß ins Meer, wo es ungebärdig auf den aufgewühlten Wellen zu tanzen begann. „Aber der Kapitän wurde plötzlich krank. Ich hätte einen wichtigen Termin verpasst, doch dann sah mich dein Freund, der Kapitän dieses Schiffs, und bot mir eine Passage an. Da habe ich zugegriffen.“

„Er ist nicht mein Freund. Ich kenne ihn kaum.“

„Warum bist du dann hier?“

Mel blickte aufs Meer hinaus, wobei sie sich ständig die windzerzausten Haare aus dem Gesicht strich. Sie trug das Haar jetzt kürzer, und das gefiel ihm. Der lässige Schnitt passte gut zu ihren zarten Zügen. Der Saum ihres Rocks wurde nass, aber entweder bemerkte sie es nicht, oder es war ihr egal. Adam dagegen bemerkte es. Er hatte immer jede Kleinigkeit, die sie betraf, überdeutlich wahrgenommen.

Sie überhörte seine Frage und sagte: „Ich habe dich vorhin schon gesehen.“ Sie warf ihm einen Blick zu und sah wieder weg, scheinbar gleichgültig. „Du warst die ganze Zeit von Frauen umringt, seit du den Fuß an Bord gesetzt hast. Manche Dinge ändern sich wohl nie.“

Verdutzt starrte er ihr Profil an. „Du hast mich gesehen und nicht einmal Hallo gesagt?“

„Warum sollte ich?“ Sie sah ihn direkt an, ihre Augen blitzten. „Wir sind nicht gerade in Freundschaft geschieden. Du warst ein mieses kleines Scheusal, das seinen Spaß daran hatte, mir das Leben sauer zu machen.“

Er musterte ihr Gesicht, sichtlich gepeinigt. „Meine Güte, Mel, das ist sieben Jahre her. Wir waren Kinder, und als wir älter waren, habe ich nicht …“

„Melanie. Ich heiße Melanie, verflixt noch mal.“

Er konnte sich nicht erinnern, sie jemals so aufgebracht erlebt zu haben. Meistens war sie ihm gegenüber gereizt, sie schreckte zurück, sobald er ihr zu nahe kam. Nie verteidigte sie sich, obwohl er alles daransetzte, sie aus der Reserve zu locken. Zunehmend frustriert zog er eine Augenbraue hoch. „Entschuldige tausend Mal.“ Dann fügte er hinzu: „Du hast dich tatsächlich verändert, nicht?“

Wieder hob sie das Kinn. „Wenn du damit meinst, dass du mich nicht mehr einschüchtern kannst – ja.“

„Ich habe dich eingeschüchtert?“ Es stimmte, er hatte es auf ihre Verletzlichkeit abgesehen gehabt, doch das wollte er jetzt nicht mehr gelten lassen. Neid, Begehrlichkeit, ein sehr tiefer emotionaler Hunger hatten ihn getrieben. Er war keineswegs stolz auf jene Phase in seinem Leben. „Honey, du hattest mich doch vollkommen in der Hand. Du hättest meine gesamte Familie zum Tor hinausjagen können, wenn du gewollt hättest.“

Sie blinzelte, als wäre sie von ihren eigenen Worten, von ihrem Geständnis überrascht. Ein paar Regentropfen fielen, sacht zuerst, doch bald hart und stechend. Im Hintergrund ergriff das Partyvolk lachend und kreischend die Flucht. Die Frauen angelten nach ihren Tops und Handtüchern, das geheizte Becken auf dem Oberdeck leerte sich im Nu. Minuten später waren alle unter Deck. Alle außer Mel und Adam.

Schließlich wandte Melanie den Blick ab, und Adam sog tief die Luft ein, während er sie nicht aus den Augen ließ. Einen Moment lang hatte er sich von ihrem Blick gefangen gefühlt, und das war keineswegs unangenehm gewesen. Sie rührte etwas in ihm auf, das er lange Zeit vergessen hatte.

Der Regen rauschte herunter und durchnässte Adams Haar, er ignorierte es.

Er sollte Mel am Arm nehmen und in die Kabine bringen. Aber er wollte nicht. Er wollte mit ihr reden, allein, abseits von der angetrunkenen Meute. Sobald sie die Insel erreichten, würde er sie vermutlich nie wiedersehen. Es drängte ihn, sich für sein früheres Benehmen zu entschuldigen. Er wollte ihr mitteilen, was er inzwischen alles erreicht hatte, wie sehr er sich geändert hatte.

Sie sollte in ihm nicht mehr den armen Kerl von unten am Fluss sehen.

Das Schiff bäumte sich plötzlich auf, sie rutschten auf den Planken entlang, suchten Halt an der Reling – und aneinander. Mel klammerte sich an Adams Hosenbein, während er ihren Ellbogen packte. Sanft, mit pochendem Herzen, strich er an ihrem Arm hinab bis zu ihren schmalen Fingern. Sie lockerte ihren Griff, doch bevor sie ganz losließ, nahm er ihre Hand und hielt sie fest.

Mels Augen wurden groß, und sie blickte sich um, als bemerkte sie erst jetzt den Sturm und das verlassene Deck. Das Stampfen des Schiffs verhinderte, dass sie Adam von sich stieß. Über das Dröhnen der Maschinen hinweg sagte sie: „Wir sollten hineingehen.“

Ein vergessenes Badetuch traf ihn im Rücken, von Regen und Wind herangeschleudert. Er verstärkte den Griff um ihre Hand, während er sich von dem Handtuch befreite. Zum Glück hatte er trockene Kleidung in der Reisetasche, sonst hätte er seine Besprechung vergessen können. Schließlich konnte er nicht das Geschäft seines Lebens abschließen, wenn er aussah wie eine nasse Katze. Ein weiteres Badefloß segelte vorbei und verschwand in den tosenden Wellen.

Besorgt über die Stärke des Sturms, stand Adam vorsichtig auf und half Mel ebenfalls auf die Füße. Das Gejohle aus der Kabine, das Lachen und die laute Musik ließen vermuten, dass niemand von ihrer Anwesenheit an Deck wusste. Und als Mel sich gerade aufrichtete, legte das Schiff sich hart auf die Seite, und sie verlor das Gleichgewicht. Mit vor Schreck geweiteten Augen und einem entsetzten Schrei stürzte sie über Bord.

Adam stieß einen Fluch aus und griff nach ihr, verfehlte sie jedoch. Seine Tasche schlug ihm gegen die Beine, der Gurt riss ihn von den Füßen. Auch er wurde in einem gewaltigen Schwung über Bord gespült, allerdings unglücklicher als sie, denn er schlug im Fallen mit dem Kopf an die Rutsche.

Bevor er unterging, nahm er noch das Rumoren des sich entfernenden Schiffsmotors wahr, das Brüllen des Sturms und – am schlimmsten – Melanies fast hysterisches Schreien. Ihre Angst elektrisierte ihn. Er ignorierte den Schmerz in seinem Kopf, kämpfte sich an die Oberfläche und suchte verzweifelt mit den Augen die Wellenkämme nach ihr ab.

Wind, Regen und Meer schlugen ihm ins Gesicht, seine Schläfe pochte höllisch, aber er durfte nicht nachlassen. Mel war bereits mehrere Meter von ihm entfernt, sie strampelte wild um sich, als wäre sie am Ertrinken. Die Angst drückte ihm schier die Luft ab, als er sich umdrehte und das Schiff entschwinden sah. Mit dem niederziehenden Gewicht der Tasche am Leib schwamm er auf Mel zu. Gerade als sie einen erneuten halb erstickten Schrei ausstieß, erreichte er sie … und versank mit ihr.

Melanie nahm eine glatte, gleitende Berührung am Unterkörper wahr und öffnete den Mund, um wieder zu schreien. Sie verschluckte einen gewaltigen Schwall Salzwasser. Der Gedanke an Haie steigerte ihre Panik ins Unermessliche, Unkontrollierbare.

Doch dann tauchte Adams blonder Haarschopf neben ihr auf. Sie fühlte sich hochgezogen und an seinen festen Körper gedrückt. „Mel!“ Sie spürte seine Beine, die mit ihrem langen Rock kämpften, seine Arme um ihren Körper. Nichts in ihrem bisherigen Leben hatte sich so beruhigend angefühlt.

„Lieber Gott.“ Sie klammerte sich fest an ihn und versuchte, die Schrecken ihrer Lage zu verdrängen. Sie liebte Schiffe, Sonne und Meer, aber sie hatte sich nie vorgestellt, einmal über Bord zu gehen und den Naturgewalten ausgeliefert zu sein. „O mein Gott, mein Gott …“

„Mel, du ertränkst mich ja. Beruhige dich.“

Er versuchte, sie ein wenig von sich zu schieben, aber sie hatte eine Hand in seinem Haar vergraben und schien um keinen Preis loslassen zu wollen. Sein vertrauter Duft, den sie ihr Leben lang nicht vergessen würde, umgab sie, und sie drängte sich noch näher an ihn. Sein Haar war noch genauso wie früher, etwas zu lang, zu sexy, der verflixte Kerl, und sie nahm es als Rettungsanker, sie wollte nicht als Haifischfutter dienen.

Ihre Stimme brach fast, als sie verzweifelt ausrief: „Wo ist das Schiff? Wo ist es?“

„Hab keine Angst“, sagte Adam. „Wir müssen jetzt ein bisschen schwimmen, Honey.“

„Schwimmen? Schwimmen!“ Eine bösartige Welle schlug ihr ins Gesicht, sie bekam Wasser in die Nase, sodass sie spuckte und würgte. Die Wut des Sturms ließ nicht nach und tauchte sie immer wieder unter. Würde das aufgewühlte Wasser die Haie anziehen oder vertreiben?

So ruhig wie möglich erklärte Adam: „Das Schiff ist weg, Mel. Entspann dich, du reißt mir die Haare aus.“

Mel versuchte es, sie gab sich alle Mühe. Sie hatte unbedingt Eindruck auf Adam machen wollen, und auf diese Weise gelang ihr das sicher nicht. Aber sie konnte ihre Finger einfach nicht von ihm lösen. „Das darf doch nicht wahr sein … das gibt’s doch nicht …“

„Mel, komm zu dir. Die Idioten an Bord sind entweder zu betrunken oder zu dämlich, um zu merken, dass wir nicht mehr da sind. Wir sind auf uns selbst angewiesen, bis sie anlegen und die Passagiere durchzählen.“

Falls sie überhaupt zählen. Er hatte recht, sie waren alle beschwipst, deshalb hatte sie sich von ihnen ferngehalten, um allein zu sein. Ob diese Leutchen jemals feststellten, dass zwei fehlten? Mel stöhnte laut. „Wir werden ertrinken!“

„Nein, werden wir nicht.“ Adams Stimme war fest und sicher, genau wie Mel sie kannte. „Wir sind nicht weit von der Küste weg. Kannst du schwimmen?“

„Was ist mit den Haien?“ Angstvoll spähte sie umher. Waren das bedrohliche Schatten, die sie da im Wasser sah, oder nur Wellenreflexe?

„Hier gibt es keine Haie.“

Sie riss den Kopf wieder herum und zerrte fester an seinem Haar, sodass er aufstöhnte. „Woher weißt du das?“, fragte sie und rüttelte seinen Kopf. Es würde Adam ähnlich sehen, sich über ihre Angst lustig zu machen.

„Verflixt, Mel, lass mich los!“

Trotz ihrer Panik erkannte sie, dass er vor Schmerz zuckte, und gab ihn widerstrebend frei. Adam umfing ihre Taille mit seinen starken Armen und zog sie näher an sich. Der Körperkontakt erregte sie, ungeachtet ihrer misslichen Lage. Immer wenn sie sich eine ähnliche Szene ausgemalt hatte, waren sie auf sicherem Boden gewesen, er hatte sich reumütig entschuldigt, und sie verzieh ihm gnädig.

Jetzt dagegen gab sie ein höchst jämmerliches Bild ab. Aber es spielte keine Rolle mehr, da sie ohnehin sterben würden.

Nah an ihrem Ohr erklärte er: „Ich habe einen Reiseführer für Florida. In diesen Gewässern kommen keine Haie vor, das schwöre ich. Also, kannst du schwimmen?“

„Lass mich nicht los!“

„Honey, ich bin hier. Aber wir müssen …“

Etwas stieß an Mels Rücken. Etwas Großes – Rotes. Sie keuchte und würgte erneut.

„Ein Floß. Das hat uns der Himmel geschickt.“ Adam lächelte ihr zu. Er kniff die Augen gegen die anprallenden Wasserwogen zusammen, an seinen Wimpern hingen schimmernde Tropfen, das blonde Haar war ihm glatt an den Kopf geklebt. Doch er lächelte. Sie fühlte sich merkwürdig beruhigt und strampelte weniger hektisch. „Mel? Schaffst du es da hinauf?“

Sie erinnerte sich, wie das Floß vom Deck geweht wurde. Und nun bot Adam es ihr an. Wie lieb von ihm. Dankbar ergriff sie die Gummimatratze und hievte ihren Körper ungeschickt halb hoch. Sie klammerte sich mit aller Kraft daran, wild entschlossen, es nicht mehr herzugeben, bis sie Land unter den Füßen hatte. Die nasse Kleidung war ihr überall im Weg, aber sie wusste nicht, ob es ihre Rückseite bedeckte oder nicht. Sie war zu benommen, zu verängstigt, um sich darüber Gedanken zu machen.

Mel spürte, wie Adam ihr den Rock zurechtzupfte, fühlte seine Hände auf der Haut und schickte ein Stoßgebet um das schiere Überleben zum Himmel.

„Halt dich einfach fest.“ Adam schwamm nach hinten und schob sich halb über sie, bis sein Kopf auf gleicher Höhe mit ihrem Po war. Sie nahm wahr, wie er seine schwere, triefende Ledertasche auf ihrem Rücken platzierte, doch sie protestierte nicht. Solange sie auf dem Floß liegen konnte, war ihr alles recht. Dann begann er zu paddeln und mit den Beinen zu rudern.

Mel kam sich nutzlos vor wie ein Klotz, ein hysterisches Bündel, aber sie konnte nichts dagegen machen. Furchtsam blickte sie sich um, auf der Suche nach gefährlichem Meeresgetier. Würde in diesem Moment auch nur ein Goldfisch in ihre Nähe kommen, wäre es um ihre Fassung endgültig geschehen.

Ein neuer schlimmer Gedanke durchfuhr sie. „Woher weißt du, welche Richtung wir nehmen müssen?“, schrie sie gegen den Sturm nach hinten.

„Ich rate einfach.“

Was?“ Er murmelte etwas, das sie nicht verstand, und sein Kinn stupste gegen ihren Po. Dann rief er zurück: „Du weißt doch, mein Reiseführer. Ich vermute, wir sind irgendwo zwischen den Keys und Marco Island. Vertrau mir, ich weiß, was ich tue.“

Sie wollte weiter fragen, ließ es jedoch sein. Eine Unterhaltung war unmöglich, und ihre Zähne schlugen unkontrollierbar aufeinander. Also beschloss sie, ihm die Führung zu überlassen.

Doch nachdem eine Stunde oder mehr vergangen war und ihre Lippen vor Kälte gefühllos wurden, stieg wieder Panik in ihr auf. Es konnte doch sein, dass Adam weiter in den Golf hinausschwamm anstatt auf eine Insel zu. Vielleicht gab es da Wale und Haie oder sogar Riesenaale … Sie zuckte zusammen, als er ihre Wange berührte.

„Bald sind wir da, Mel. Hältst du noch so lange durch?“

Im ersten Moment konnte sie nicht glauben, was sie hörte. Zweifelnd fragte sie: „Wo sind wir bald?“

„An der Küste. Sieh mal nach vorn.“

Seine Augen waren offenbar besser als ihre, da er den dichten Regenvorhang durchdringen konnte. Doch nach einer Weile glaubte auch Mel, einen Streifen Land zu erkennen. Erleichtert stieß sie die Luft aus, ihr Herz begann zu hämmern. „Wo sind wir?“

„Wenn ich das wüsste. Aber solange der Boden mich trägt, soll es mir egal sein.“

Selbstverständlich. Sie wollte nur aus dem Wasser, gleichgültig, wo. Mit einem tiefen Atemzug lockerte sie ihren verzweifelten Griff um die Kante des Floßes. Die Gelenke taten ihr weh, ihre Finger waren steif, aber sie streckte die Arme aus und begann zu paddeln.

„Braves Kind. Wir schaffen es, Mel, du wirst sehen.“

Sie ruderte weiter und schloss dabei die Augen und sprach ein stilles Gebet. Bitte, bitte, bitte lass mich noch so lange leben, bis ich Land unter den Füßen habe.

Knapp zehn Minuten später wurde ihr Gebet erhört.

2. KAPITEL

Als Mel merkte, dass Adam auf Grund stand, hätte sie vor Erleichterung fast geweint. Sie wollte vom Floß steigen, um es ihm bequemer zu machen, aber der Regen hatte nachgelassen, und sie konnte klarer sehen. Das Land, dem sie sich näherten, wirkte unheilvoll mit seinen dürren, zerfetzten Palmen, deren Kronen zum Teil ins Wasser hingen, mit seinen gespenstischen Mangrovenbäumen, die der Insel das Aussehen einer Gespensterinsel gaben.

„Glaubst du, dass irgendwas im Wasser ist?“

Zunächst antwortete Adam nicht, sondern strebte nur vorwärts, indem er das Floß nachzog. Endlich sagte er, sichtlich erschöpft: „Bis jetzt hat mich noch nichts gebissen.“

Allein die Vorstellung ließ sie schaudern. Nach ein paar weiteren Metern verließ Adam sie, watete voraus zum Strand und fiel ausgestreckt auf den Rücken.

Mel erkannte, dass sie entweder selbst das Floß an Land ziehen musste, oder sie würde wieder hinaus aufs Meer getrieben, wenn sie nichts unternahm. Adam schien sich nicht mehr um sie zu kümmern.

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und sprang ins Wasser. Es ging ihr bis an die Knie. Das Wasser war so flach, dass Adam sie unmöglich hätte näher an den Strand ziehen können. Ängstlich beäugte Mel das klare Wasser, verwünschte ihre kindische Feigheit und versuchte, möglichst überlegen zu tun. Sie packte das Floß und zog es hinter sich her, während sie an Land watete.

Ihre Riemchensandalen waren längst dahin, und ihre Zehen sanken in den weißen Sand. Ihr Rock, den sie zwei Mal um den Körper wickeln konnte, hatte sich total verschlungen und klebte ihr an den Schenkeln, jegliche Bewegung behindernd. Sie blieb stehen, um ihn auszuschütteln und das Wasser auszuwringen, aber es war sinnlos. Der Stoff haftete an ihr wie eine zweite Haut. Sie warf sich neben Adam in den feinen Sand. Er rührte sich nicht.

Er hatte die Augen vor dem leichten Regen geschlossen, seine Kleidung war genauso ruiniert wie ihre, seine Lippen eine schmale Linie. Trotzdem sah er unglaublich aufregend aus.

Die altbekannten Minderwertigkeitsgefühle regten sich in Mel. Solange sie denken konnte, hatte Adam diese lebenssprühende, gewinnende Art gehabt, er stand sofort im Mittelpunkt, wenn er einen Raum betrat. Sie dagegen war ein blasses Mauerblümchen, befangen in ihrer Scheu und Verletzlichkeit. Als sie ihn auf der Jacht entdeckt hatte, war der Wunsch in ihr aufgestiegen, ihn zu beeindrucken, ihm zu beweisen, dass sie nicht mehr das schüchterne, bemitleidenswerte Mädchen war. Sie hatte geplant, bis zur Landung zu warten, etwas Eleganteres anzuziehen und ihn dann anzusprechen.

Stattdessen hatte er sie angesprochen, sie beinah aus der Fassung gebracht, und sie hatte sich wie ein Tollpatsch benommen. „Adam?“

„Hm?“ Er sah blass aus, sein Mund war zusammengekniffen.

„Geht es dir gut?“

„Bestens. Ich schwimme gern ein Stündchen, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen.“

Ihre Augen wurden schmal. Typisch. Nichts als Hohn und Spott, sogar in dieser Situation.

Doch dann machte sie sich klar, dass er völlig ausgepumpt sein musste. Zu ihrer Schande hatte sie ihm kein bisschen geholfen. Sie sah ihn an und wollte ihn um Verzeihung bitten, aber sie wusste nicht, wie. Er war noch immer der Racheengel aus ihrer Schulzeit, doch jetzt zugleich ihr Held. Unwillkürlich knirschte sie mit den Zähnen.

Mel blickte sich um, musterte den Strand, aber da gab es nichts als krumme Bäume, Sand und ein paar Pelikane. Die Insel war klein, und Mel fragte sich, wie es einem Lebewesen hier bei einem starken Unwetter ergehen mochte. „Adam …“

Er ächzte und rieb sich den Kopf. „Sprich bitte leise, ja? Ich habe fürchterliche Kopfschmerzen.“

Gehorsam senkte sie die Stimme. „Hast du eine Ahnung, wo wir sind?“

„Nicht die geringste.“

Mel schaute erneut umher. Dies war mit Sicherheit nicht Marco Island, es musste eine von den kleineren Inseln sein. Sie wollte aufstehen und sich auf die Suche nach Menschen, Häusern machen – nach irgendwelchen Anzeichen von Zivilisation. Adam packte sie am Arm.

„Geh nicht weg. Ich möchte nicht Gefahr laufen, dass wir uns verlieren. Lass mir ein paar Minuten Zeit, dann erkunden wir gemeinsam die Umgebung.“ Er sprach mit geschlossenen Augen, und ihre Sorge um ihn wuchs, obwohl ihr die Situation zutiefst zuwider war.

Sie ließ sich im Sand nieder und betrachtete Adam. Er lag da wie ein gestrandeter Seestern, Arme und Beine von sich gestreckt, ein Bild vollständiger Erschöpfung. Die Krawatte war noch fest um seinen Hals geschlungen, die Reisetasche an seinen Gürtel geschnallt. Melanie sagte sich, dass sie es ihm zumindest ein wenig bequemer machen könnte – ihm zeigen, dass er sie nicht mehr einschüchterte. Immerhin war er hinter ihr ins Meer gesprungen und hatte sie in Sicherheit gebracht. Wenn er nicht gewesen wäre, hätten die Haie – Melanie schluckte – sie wahrscheinlich längst verspeist. Obwohl sie eigentlich keine Haie gesehen hatte, war sie der festen Überzeugung, dass sie da draußen lauerten. Jedenfalls hatte Adams Gegenwart ihr ungeheuren Trost gespendet.

Sie langte nach dem Gurt der Tasche, aber bevor sie dazu kam, spürte sie Adams harten Griff am Handgelenk.

Er öffnete die Augen und hielt ihren Blick fest, scharf und intensiv. „Was hast du vor?“

Oh, wie Melanie diesen Blick kannte. So zwingend, so sexy. Adam Stone besaß einfach die Fähigkeit, Frauen um den Verstand zu bringen. Obwohl er arm gewesen war und manchmal direkt gefährlich wirkte, liefen die Mädchen ihm in Scharen nach. Nur Mel hatte ihm widerstanden. Es war ihr auch nichts anderes übrig geblieben. Sein einziges Interesse an ihr bestand in boshaften Späßen.

„Ich wollte dir die Tasche und die Krawatte abnehmen.“

„Warum?“ Die Anzeichen von Erschöpfung waren wie weggewischt, er sah angriffsbereit aus.

Mel schnaubte ärgerlich. „Weil du ziemlich elend aussiehst.“

„Und was macht dir das aus?“, knurrte er zurück. „Bist du nicht die Frau, die mir vorhin noch den Kopf abreißen wollte?“

Sie wurde rot. Musste er das jetzt erwähnen? Verflixt, warum spielte er ständig dieses Spiel mit ihr? Sie waren erst so kurz wieder zusammen, und schon musste sie in Verteidigungsstellung gehen! Aber so war es immer gewesen. Zwar hatte er ein näheres Interesse an ihr bekundet, bevor sie zum College wegging, doch zu der Zeit hatte sie ihn bereits durchschaut. Sie wusste, dass er sie nur an der Nase herumführen wollte, um sie zu demütigen. Folglich hatte sie ihn kalt und ohne große Szene abgewiesen.

Aber nach dem College war sie als eine andere Frau zurückgekehrt. Befreit vom erstickenden Einfluss ihrer Eltern, war sie erwachsen geworden, selbstbewusst trat sie jeglicher Herausforderung entgegen. Begierig hatte sie auf eine neue Begegnung mit Adam Stone gewartet, sorgfältig hatte sie die Sätze eingeübt, die sie ihm erwidern wollte, die ihn entwaffnen würden.

Nie wieder sollte er in ihr ein hilfloses Opfer haben.

Leider war er zu dem Zeitpunkt nicht mehr da, er war nach dem Tod seines Vaters weggezogen. Und Mel hatte sich um ihren Triumph betrogen gefühlt.

Sie hatte ihn jedoch nie vergessen. Wahrscheinlich würde das auch nie geschehen. Im Gegensatz zu ihren Eltern übte er einen bleibenden Einfluss auf sie aus.

Nein, das musste ein Ende haben. Sie würde nicht wieder in diese Falle gehen. Jetzt war sie eine erwachsene Geschäftsfrau, und entsprechend würde sie sich verhalten, und wenn er sie noch so provozierte.

Sie ballte die Hände unter ihrem zerknüllten Rock und zwang sich zu einem gleichgültigen Ton. „Ich wollte nur hilfsbereit sein, Adam, da du den galanten Ritter gespielt und mich gerettet hast.“

Er runzelte die Stirn. „Wovon redest du?“

„Du bist mir nachgesprungen“, sagte sie. „Du hättest das nicht zu tun brauchen, wenn man die Umstände betrachtet. Jetzt kann ich wenigstens versuchen, nett zu dir zu sein.“

Er starrte sie verständnislos an. „Nett?“ Dann lachte er auf und ließ stöhnend den Kopf auf den Sand fallen. Er schwieg eine Weile und murmelte schließlich: „Ja, du schuldest mir wirklich einiges.“

„So habe ich es nicht gemeint.“

„Ach nein? Aber das wäre doch recht und billig, oder? Meine Sachen sind ruiniert, und ich habe meinen verdammten Termin verpasst.“ Er machte ein Auge auf und sah sie an. „Und alles nur, weil ich dir nachgesprungen bin.“

„Deshalb brauchst du nicht zu fluchen.“

Er stützte sich auf den Ellbogen und knurrte: „Ich fluche verdammt noch mal, so viel ich will. Du hast keine Ahnung, was dieser Termin für mich bedeutete.“

Sie wich zurück, bestürzt von seiner flammenden Wut. Kleinlaut bat sie: „Erzähl mir mehr.“

Adam starrte sie ungnädig an und drehte dann den Kopf weg. Sekunden später warf er sich wieder auf den Rücken. „Vergiss es.“

Mel zuckte die Schultern, doch er sah es nicht. Sie verspürte Gewissensbisse. „Ich glaube, ich schulde dir doch etwas. Ein wenig.“

„Eine Menge.“

Sie seufzte. „Okay. Ich schulde dir eine Menge. Wie viel Geld hast du verloren durch dieses … Missgeschick?“

Sein Blick wurde geradezu tödlich, seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Du willst mir doch nicht etwa Geld anbieten, Honey?“

„Du sagtest, dass ich dir viel schulde.“

„Du schuldest mir Dankbarkeit, mehr nicht. Ich will dein verdammtes Geld nicht.“

„Oh.“ Eine Geldschuld wäre bei weitem einfacher gewesen.

Er drehte sich zu ihr, einen Arm unter dem Kopf, und betrachtete sie mit einem halben Lächeln auf den sinnlichen Lippen. „Also gut, Mel, da wir uns nun verständigt haben, lasse ich dir deinen Willen.“

„Ich verstehe nicht ganz …“

„Komm, mach es mir bequemer. Das war doch deine Absicht, oder? Ich bin gespannt auf deine Bemühungen.“

Es klang wie eine Herausforderung, und augenblicklich regte sich ihr Widerstand. Sie würde nicht hinnehmen, dass er – oder irgendein anderer Mann – sie jemals wieder verunsicherte. Was machte es schon, dass er inzwischen mehr Muskeln hatte, dass er mit den Jahren noch männlicher, noch sexier geworden war? Sein blondes Haar hatte hellere Strähnen von der Sonne, seine Augen waren wie dunkles Gold. Er sah umwerfend aus, und sie kam sich wie eine Vogelscheuche vor.

Schlimm genug, dass er sie in den lässigen Sachen gesehen hatte, die sie für die Seefahrt angezogen hatte. Ihr Top und die knappen Shorts waren aus seidigem Material, ihr Körper war von den langen, luftigen Bahnen des Wickelrocks verhüllt, dennoch hatte sie sich halb nackt gefühlt und nicht in der Lage, Adam gegenüberzutreten. Das Unterdeck war überfüllt gewesen und taugte nicht als Versteck. Doch dann sagte sie sich, dass sie sich eigentlich nicht vor Adam verstecken wollte. Nie mehr. Allerdings stellte sie fest, dass er zu sehr von Frauen umschwärmt war, um sie überhaupt wahrzunehmen.

Damit hatte sie offenbar falschgelegen.

Und nun, nach dem Waffenstillstand, sah sie erbarmungswürdig aus. Sie spürte direkt, wie ihr Mascara sich auf den Wangen verschmiert hatte, wie ihr kurzes Haar in alle Richtungen abstand. Sie war im Lauf der Jahre noch schlanker geworden, während er Muskelpakete entwickelt hatte. Mel besaß nicht die üppigen Kurven, die Männer offenbar so sehr bewunderten, und in diesem knappen Outfit hatte sie keine Chance, ihre Figur zu verbergen.

Aber das war nun mal nicht zu ändern, also würde sie das Beste aus dieser ungemütlichen, unvorstellbaren Situation machen.

Mutig griff sie erneut nach der Tasche. Unseligerweise war der Gurt nicht abnehmbar, sie musste Adams Gürtel lösen. Die Gürtelschnalle. Ohne hinsehen zu müssen, nahm sie sein diebisches Grinsen wahr. Er glaubte, sie würde zurückschrecken. Aber sie würde es ihm beweisen.

Um sich von der verwirrenden Nähe seines Körpers abzulenken, bemerkte sie: „Zum Glück hat es aufgehört zu regnen.“ Sie schob die Hand unter den Gürtel und versuchte, die Schnalle aufzumachen.

„Es wird bald höllisch heiß werden, ist dir das klar?“

Sie spürte die Hitze bereits. Adams Bauch war unter ihren Händen hart wie Stein. Und warm. Zu warm im Vergleich mit seiner nassen Kleidung.

„Und schwül“, fügte er leise hinzu. Seine Stimme klang wie ein raues Grollen. „Regelrecht aufheizend.“

„Willst du wohl aufhören!“

Mit gespielter Harmlosigkeit gab er zurück: „Womit?“

„Hör auf, so zu reden. So … sexy und voller Anspielungen.“

Adam zog eine Augenbraue hoch.

„Ach, schon gut. Vermutlich ist es dir gar nicht bewusst.“ Die Gürtelschnalle ging auf, Mel zog den Gurt der Tasche heraus und machte sich sofort über den Schlips her. Sie zerrte so heftig, dass Adams Kopf auf dem Boden aufschlug. Bevor er sich beschweren konnte, erklärte sie: „So kenne ich dich seit ewig. Du bist nichts weiter als ein wandelndes Bündel von männlichen Hormonen, und falls gewisse Frauen das schätzen – ich gehöre nicht dazu.“

Energisch löste sie den Knoten. Adam packte ebenso entschlossen ihre Hände. „Willst du mich erwürgen? Verflixt noch eins, Weib, ich habe nur vom Wetter geredet, und du kommst dabei auf meine Hormone!“

Melanie schrak zurück und stand unbeholfen auf. Sie schob sich das zerzauste Haar aus dem Gesicht und versuchte, ihren nassen, verknäulten Rock zu entwirren. Nach einigen vergeblichen Versuchen gab sie auf. Sie stemmte die Arme in die Hüften und verkündete: „Ich kam darauf, weil es stimmt. Du bist eine männliche Hormonbombe, die dauernd kurz vorm Explodieren steht.“

Adam setzte sich langsam auf, die Arme auf den Knien, den Kopf schräg gelegt, und musterte sie streng. „Findest du? Nun, dann würde ich sagen, du bist einigermaßen in Schwierigkeiten, was?“

Erschrocken fragte sie: „Was soll das heißen?“

„Ich kläre dich ungern auf. Nein, ich kläre dich mit Vergnügen auf. Diese Insel scheint unbewohnt zu sein. Wir sind allein – du und ich und meine explosiven Hormone.“ Er grinste frech. „Und wer weiß, für wie lange.“

Melanie erstarrte. Ein paar beklommene Herzschläge später meinte sie wegwerfend: „Sei nicht albern.“

„Es stimmt leider.“ Adam stand auf, klopfte seine muskulöse Rückseite ab und sah sich um. „Du hast nicht darauf geachtet, aber ich hatte die Insel aus der Ferne gut im Blick, von einem Ende zum andern. Nirgends gab es ein Lebenszeichen. Kein Kind, kein Hund, keine Menschenseele.“

„Du willst mir bloß Angst machen.“

„Nein. Das Letzte, was ich mir jetzt wünsche, ist eine hysterische Frau am Hals.“ Er schälte sich aus dem Jackett und schüttelte es aus. Dann warf er es zum Trocknen über ein Büschel stacheliges Gras. Dasselbe tat er mit seinen Schuhen und Socken. „Ich hoffe nur, wir finden etwas zum Essen und Wasser.“

„Adam, lass das.“ Mit gerunzelten Brauen sah sie ihn streng an. Ihr Puls raste, ihr Magen flatterte. „In Florida gibt es keine unbewohnten Inseln mehr. Dies ist ein Touristenmekka. Du willst mich auf den Arm nehmen, wie immer.“

Er kam schnell zwei Schritte auf sie zu und legte ihr die Hand unters Kinn. „Ich bin ein erwachsener Mann, Mel. Ich laufe nicht mehr durch die Gegend und ziehe Mädchen auf. Glaubst du im Ernst, irgendjemand auf dem Schiff würde uns vermissen? Meinst du, sie würden überhaupt wissen, wo sie uns suchen sollten? Was glaubst du, wie lange es dauert, bis wir als vermisst gemeldet werden?“

In der Sekunde, als er sie berührte, war ihre Zunge wie gelähmt. Sie konnte kein Wort herausbringen, keinen Protest äußern. Ihr Herzschlag verlangsamte sich, ihr Atem stockte.

Oh, wie hilflos sie sich vorkam. Melanie hatte sich so sehr gewünscht, ihn zu beeindrucken, nachdem sie ihn auf dem Schiff erkannt hatte. Sie hatte genau geplant, wie sie ihn ansprechen, was sie sagen würde, wie sie ihm eindeutig bewies, dass er sie nicht länger ärgern konnte, dass sie jetzt eine Frau war und immun gegen ihn.

Doch dann war sie über Bord gegangen, und er war wider alle Erwartung hinterhergesprungen. Sie dachte daran, wie närrisch sie sich im Wasser verhalten hatte und wie sie hinterher am liebsten ein Loch in den Sand gegraben hätte, um sich zu verkriechen. Stattdessen schnauzte sie Adam an, reizte ihn, reagierte auf seine Herausforderung.

Heftig riss sie sich los. „Es tut mir leid.“

„Was?“

„Ich … niemand wird mich vermissen. Ich war allein auf dem Schiff und nicht besonders freundlich zu den anderen.“

„Du warst allein?“

Warum musste er darauf herumreiten? Das hatte sie gar nicht zugeben wollen. Sie reckte das Kinn in die Luft und bestätigte: „Ja, allein.“

Er musterte sie langsam von Kopf bis Fuß und gab einen schnaubenden Laut von sich. Dann wandte er sich ab und begann, sein Hemd aufzuknöpfen. „Ich dachte, du wärst längst mit einem erfolgreichen Manager verheiratet.“

Wäre alles nach Plan gelaufen, wäre sie das auch. Zum Glück hatte sie rechtzeitig die Notbremse gezogen.

Als Adam das Hemd abstreifte, konnte Melanie zunächst nur gebannt seinen Brustkorb anstarren. Fest, sehnig und dicht behaart in einem etwas dunkleren Farbton als sein goldblondes Kopfhaar – eine Männerbrust, von der Millionen Frauen träumten. Er ging zu seinen Hosenknöpfen über, Mel klappte den Mund auf und schloss ihn schnell wieder. Mit krächzender Stimme erkundigte sie sich: „Was soll das werden?“

Ohne sie anzusehen, entgegnete er: „Du erwartest doch nicht etwa, dass ich unsere kleine Insel im Anzug erforsche?“

Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern stieg gemächlich aus der Hose. Mel drehte sich so hastig um, dass ihr fast schwindelig wurde. Trotzdem war sie nicht schnell genug. Sie erblickte ein Paar perfekt sitzende Boxershorts – nasse Shorts –, die sich eng an seinen Unterkörper schmiegten. Der Mann war ein wahrer Unhold.

„Adam“, sagte sie mühsam beherrscht, „zieh deine Hose wieder an.“

„Auf keinen Fall. Und wenn du vernünftig bist, ziehst du deinen Rock auch aus.“

Sie raffte ihren Rock schützend um den Körper. „Das werde ich mit Sicherheit nicht tun!“

„Wie du willst. Aber ich fürchte, du wirst nicht glücklich damit, wenn du nicht das Salzwasser ausspülst und den Stoff an der Luft trocknen lässt.“

Er hatte recht, aber sie würde sich nicht vor ihm ausziehen. Zwar trug sie unter dem Rock Shorts und darunter Unterwäsche. Aber ihr Exverlobter hatte ihr oft genug geraten, ein paar Pfunde zuzulegen, damit sie reizvollere Kurven entwickelte. Gegen Ende der Beziehung hatte sie gemerkt, dass er sie überhaupt nicht attraktiv fand. Nicht, dass Jerry sich das anmerken ließ. Er war stets höflich, zuvorkommend, anständig. Und das war einer der Gründe, weshalb sie mit ihm gebrochen hatte. Er schien täglich gleichgültiger zu werden, als hätte er keinerlei Empfindungen, jedenfalls nicht für sie.

Um Abstand zu gewinnen, war Melanie nach Florida gegangen, damit sich der Tumult der Gefühle nach dem schmerzlichen Bruch legte. Und nun dies. Mit Adam waren Gefühlstumulte regelrecht vorgezeichnet.

Sie musste sich behaupten, ihm beweisen, dass ihr Theater im Meer untypisch für sie war. Sie konnte und würde sich durchsetzen.

Während sie noch überlegte, wie sie das anstellen sollte, spürte sie Adams warmen Atem im Nacken. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er so nah herangekommen war.

„Eins hat sich nicht geändert, wie ich sehe.“

Melanie erstarrte und wagte nicht, sich zu bewegen vor Angst, dass sein Mund tatsächlich ihre Haut berührte – denn dann wäre sie mit Sicherheit in Ohnmacht gefallen. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, seine Nähe verursachte ihr ein Prickeln bis in die Fingerspitzen. „Und was?“

„Du bist noch immer ein scheues Reh.“

Aber sie war nicht scheu. Sie war nur … betroffen. Er hatte sie immer betroffen gemacht. Zitterig, befangen und mit Stummheit geschlagen. Seit ihrer ersten Begegnung brauchte er sie nur anzusehen, und ihre Knie wurden weich.

Entschlossen drehte sie sich um und wollte ihn zornig zurechtweisen, doch sie hatte seinen halb nackten Zustand vergessen.

Himmel. Ihre Lippen gehorchten ihr nicht mehr. Ihre Augen auch nicht. Ihr Blick klebte geradezu an dem nackten, äußerst männlichen Körper, der sich ihr bot. Ihre Fantasie hatte nicht ausgereicht, sich das konkret vorzustellen.

Adam stupste sie am Kinn. „Komm schon. Wir gehen ein Stück am Strand entlang und schauen, ob wir Reste von Behausungen finden.“

Er trat zurück, und sie sah mit klopfendem Herzen zu, wie er seine Tasche schulterte. Seine ausgezogene Kleidung ließ er in dem hohen, trockenen Gras liegen. Dann ging er gemächlich an ihr vorbei und pfiff eine fröhliche Melodie.

Wenn Melanie irgendwo einen Felsbrocken erblickt hätte, würde sie ihn Adam an den Kopf schleudern. Frustriert, verärgert und gleichzeitig fasziniert eilte sie ihm nach.

Wie er bereits festgestellt hatte, waren viele Dinge inzwischen anders geworden. Aber seine Anziehungskraft hatte sich nicht verändert. Der Mann war sexy durch und durch. Und obwohl Melanie es nicht zugeben mochte, war sie keineswegs immun dagegen.

3. KAPITEL

„Wenn du so sicher bist, dass wir allein auf der Insel sind, warum schleppst du dann deine Tasche mit?“, wollte Melanie wissen.

Adam lächelte in sich hinein. Sie gab sich zwar alle Mühe, unbekümmert zu erscheinen, doch ihre Stimme bebte. Gut so. Sollte sie sich ruhig ein bisschen aufregen. Elend wollte geteilt sein, und er machte sich im Moment die allergrößten Sorgen, er fühlte sich ausgesprochen elend.

Er hatte seinen Termin verpasst. Seinen Ärger vor Melanie zu verbergen war nicht leicht, doch er wollte sie auf keinen Fall wissen lassen, wie wichtig der Vertrag für ihn gewesen war. Und nicht nur das – Melanies Nähe hatte ihn innerhalb von Sekunden in das gewohnte Fahrwasser gelenkt, er reizte und drangsalierte sie, wie sie es ihm stets vorgeworfen hatte. Dabei hatte er Frauen immer respektvoll und höflich behandelt, seit er aus Brockton weggezogen war.

Nur jetzt nicht. In Wort und Tat gab er Melanie recht, er hatte sich überhaupt nicht verändert. Und das machte ihn ungeheuer wütend. „Ich habe wichtige Sachen darin. Wo ich bin, ist auch meine Tasche.“

Seine dunklen Boxershorts waren fast trocken, aber Melanies langer Rock triefte noch vor Nässe. Er wünschte, sie würde ihn endlich ablegen. Der Anblick ihrer hübschen Beine würde seine Laune beträchtlich heben. Sie war noch immer so schlank, so zart. Das hatte sich in den sieben Jahren nicht geändert, nur innerlich war sie widerstandsfähiger. Er lachte. Himmel, sie war fast so boshaft, wie sie es ihm vorhielt.

„Worüber lachst du?“

Er warf ihr einen Blick zu. „Ach, nur so.“ Da bemerkte er, wie hell ihre Haut war. „Hast du Sonnenschutzcreme aufgetragen?“

Sie blickte an sich herunter und schlang die Arme um ihre entblößte Taille. „Hatte ich, aber das war vor unseren Tauchübungen.“

„Ich habe meine Widerstände dagegen“, begann er und stellte die Tasche ab. Er kniete sich hin und suchte darin herum. „Aber du solltest ein Hemd überziehen. Ich möchte nicht, dass du einen Sonnenbrand bekommst.“

„Spielst du schon wieder den Helden?“

Sein Kinn verspannte sich kurz, ihre Worte trafen ihn. Heldentum lag ihm so fern wie nur irgendetwas. Sie wusste das sicher auch und meinte die Bemerkung eher als Beleidigung denn als Kompliment. Er betrachtete ihre selbstgefällige Miene und schüttelte den Kopf. „Nein, ich will dich bloß nicht jammern hören, wenn deine zarte Haut ganz rot wird.“

„Ich jammere nicht.“

„Was du nicht sagst.“

Sie wollte wütend davonstapfen, und er rief ihr nach: „Wo willst du denn hin, Honey? Beklag dich hinterher nicht bei mir, wenn du dich verläufst und ein wilder Eber dich angreift.“

Abrupt blieb sie stehen und drehte sich langsam um. „Auf Inseln in Florida gibt es keine Wildschweine.“

Adam wühlte in der Tasche, zog den berühmten Reiseführer hervor und wedelte damit herum. „Hier steht aber etwas anderes.“ Allerdings hatte er keine Ahnung, was das Buch über Wildschweine sagte, er hatte es erst teilweise gelesen.

Melanie marschierte zu ihm zurück und wirbelte dabei kleine Sandfontänen auf. Sie wirkte wie ein kleiner, sehr femininer Bulle. „Das will ich sehen.“

Er hielt das Buch hinter den Rücken. „Kommt nicht infrage. Es gehört mir. Übrigens habe ich eine Reihe nützlicher Dinge in meiner Tasche. Schauen wir mal …“ Er schob sich den Band unter den Hosenboden, sodass sie ihn nicht erreichen konnte, und untersuchte den Inhalt der Tasche. „Hier ist das Hemd, mit dem du deinen kostbaren Körper schützen könntest, wenn du nicht so kratzbürstig wärst. Zahnbürste und Zahnpasta. Ein paar Schokoriegel, Kaugummi, Shampoo und Seife. Und ein Rasierapparat.“ Er sah sie an und grinste boshaft. „Saubere Unterhosen und sogar eine Packung Kondome.“

Sein diebisches Grinsen war nichts gegen ihr verächtliches Lächeln. „Falls du nicht vorhast, die Wildschweine zu verführen, wirst du deine Kondome kaum brauchen.“

„Der kluge Mann ist allzeit gewappnet.“

„Komisch, dass ausgerechnet du dann welche dabeihast.“

Ihre Miene war so überheblich, dass er lachen musste. „Verdammt, du bist immer noch so hochnäsig wie eh und je.“

Sie schnaubte wütend. „Ich war nie hochnäsig!“

Er hob abwehrend die Hand. „O doch. Aber du besitzt im Moment nichts außer den paar Kleidern am Leib. Wenn du also etwas von mir geliehen haben willst, sei gefälligst etwas netter.“

„Geh zum Teufel!“

Adam schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Was sind das für hässliche Worte? Muss ich dich daran erinnern, Mel, dass es auf dieser Insel keine Läden gibt? Deine Kreditkarten nützen dir hier nichts.“

„Ich habe nicht einmal mein Portemonnaie dabei. Aber das macht nichts, denn wir werden bis zum Abend gerettet.“

Er schüttelte mitleidig den Kopf. „Du bist so naiv.“

„Ich bin weder hochnäsig noch naiv. Du bist nur immer so beschäftigt, mich zu provozieren, dass du das nie gemerkt hast.“

Darin lag ein Körnchen Wahrheit, jedenfalls was ihre frühere Beziehung betraf, vor der Highschool. Doch er hatte keine Lust, sich jetzt deshalb Predigten anzuhören. „Ich habe dich provoziert, weil du so hochnäsig warst.“

Ihr Gesicht rötete sich in stummer Wut. „Und du bist ein Miesling. Behalte deine geheiligten Sachen, ich brauche nichts davon.“

Wider Willen fand Adam ihre Haltung beeindruckend. Die Hände auf den Hüften, das Haar eine dunkle, schimmernde Wolke, der dünne geblümte Rock. Die Insel bildete einen passenden Hintergrund für das Bild. Sie sah exotisch, begehrenswert und verflixt sexy aus. „Was wollen wir wetten?“

„Wie bitte?“

Er schürzte die Lippen. „Ich schlage dir eine Wette vor. Ich werde mich ausgiebig bei dir entschuldigen, wenn wir vor Einbruch der Nacht gerettet werden.“

„Und wenn nicht?“

„Tja, dann …“ Sein Blick konzentrierte sich auf ihren Mund, seine Stimme wurde leiser. „Ich habe mich immer gefragt, wie es wäre, dich zu küssen.“

Es verschlug ihr den Atem, sie wurde glühend rot. „Das ist doch unglaublich!“

„Nein, es stimmt. Das habe ich mich oft gefragt.“

„Dann kannst du noch lange fragen.“

Und er würde, kein Zweifel. Die sieben Jahre der Trennung hatten nicht ausgereicht, um seine Fantasien über Melanie abzuschwächen. Doch jetzt hatte er die Chance, sie auszuleben, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. „Feige?“

Ihre Augen wurden dunkel, sie zog die Brauen zusammen. „Natürlich nicht.“

Er trat näher und flüsterte: „Dann nimm die Wette an.“

„Idiot.“

„Und ich hatte mir eingebildet, ich wäre dein Held.“

Sie knurrte leise und nickte abrupt. „Okay, aber wenn du verlierst, wird es dir leidtun.“

„Dir nicht auch ein bisschen?“

Sie drehte ihm den Rücken zu. Lächelnd zerrte Adam das langärmelige weiße Hemd aus der Tasche. Melanie stand stocksteif da, schier bebend vor Wut. Er sollte sich schämen, sie derartig zu necken, es war eine spontane Reaktion, die er längst vergessen glaubte, doch es erregte ihn. Sie war so sexy mit ihrem neuen kessen Verhalten.

„Hier, bedeck deine Haut, bevor sie Schaden nimmt. Ich mag nun mal keine gerösteten Frauen. Ich würde dich heute Abend lieber küssen, wenn du nicht vor Sonnenbrand winselst.“ Er setzte sein liebenswürdigstes, aufrichtigstes Gesicht auf, mit dem er gewöhnlich bei Frauen alles erreichte.

Doch als er Anstalten machte, ihr das Hemd überzustreifen, wich sie zurück und schluckte. „Adam, ich finde, wir sollten nicht streiten.“

„Ganz meine Meinung.“ Er streckte die Hand aus, und sie packte sie. „Nein, im Ernst, wir sitzen hier vielleicht ein paar Stunden fest“, sagte sie ernstlich besorgt.

„Das könnte sein.“ Er wollte nicht noch einmal erläutern, wie misslich ihre Lage wirklich war. Heute Abend, wenn er sie ausgiebig küsste, würde sie die Wahrheit ohnehin einsehen. Die freudige Erwartung dämpfte sogar seine Enttäuschung über den verpatzten Vertrag. Oder fast.

„Wollen wir Waffenstillstand schließen?“

„Drückst du dich vor der Wette?“

Sie seufzte. „Nein.“

„Dann hast du in mir den friedfertigsten aller Männer. Und nun zieh das Hemd an.“ Er streifte es ihr über, doch dazu musste er sich näher über sie beugen, und plötzlich schrie sie auf.

„O Himmel, dein Kopf.“

Adam sah sie überrascht an. „Er schmerzt zwar höllisch, aber noch sitzt er auf meinen Schultern, nicht?“

„Du blutest!“

„Mach bitte kein Drama daraus, Mel, es ist nichts weiter.

Ich habe mir den Kopf an der Rutsche gestoßen, als ich über Bord ging.“

„Komm, setz dich.“ Sie ergriff ihn bei den Schultern, aber Adam starrte sie regungslos an. Ihre kleinen Hände und ihre schwachen Kräfte konnten ihm nichts anhaben, aber ihre plötzliche Besorgnis … Er wusste nicht, was er davon halten sollte. In all den Jahren hatte er Melanie so manches unterstellt, nur nicht echte Sorge um sein Wohl.

„Mel …“

„Melanie“, verbesserte sie, doch jetzt, ohne erzürnt zu sein. „Setz dich endlich.“

Keine Frau außer seiner Mutter hatte ihn je körperlich verwöhnt – abgesehen von Bettszenen – und so setzte er sich erwartungsvoll hin. Nur sein männliches Ego musste noch kurz protestieren. „Es geht schon, Mel, wirklich.“

Sie beugte sich über ihn, und er spürte ihren sanften Atem an der Schulter, nahm ihren süßen weiblichen Duft wahr. Mit ihren schlanken Fingern berührte sie seine Kopfhaut, leicht und zärtlich.

Entsetzt, fast erstickt flüsterte sie: „Du hast einen schlimmen Riss, Adam.“

Er fand ihre Fürsorge durchaus angenehm. Solange sie glaubte, dass er ihr nachgesprungen war, konnte sie sich ruhig ein wenig um ihn kümmern. Außerdem hätte er ihr sowieso geholfen – wäre er nicht unabsichtlich ins Wasser gefallen. „Es blutet doch nicht mehr, oder?“

„Doch, ein bisschen.“

„Na, siehst du? Es hat beinah aufgehört, also mach dir keine Sorgen. Nach der ganzen Zeit im Meer ist die Wunde auch gut ausgewaschen.“

Sie schien keineswegs überzeugt. „Ich habe auf dem College einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht. Ich denke, wir sollten die Wunde abbinden.“

„Mel, mein Kopf schmerzt schon genug ohne deine Doktorspiele.“ Er bemerkte die Zweideutigkeit, die ihr auch auffallen musste, und grinste. „Andererseits, wenn ich mir vorstelle …“

„Halt den Mund.“ Sie ging um ihn herum und öffnete seine Tasche. „Du hast bestimmt etwas, das man als Verband benutzen kann.“

Er fasste sie an den Händen und zog sie weg. „Lass meine Sachen in Frieden!“

„Sei doch nicht kindisch!“

„Ich bin nicht …“ Er brach ab, betroffen von der Sorge in ihrem Blick, der echten Bekümmertheit. Mel Tucker sorgte sich um ihn.

Ein wahrhaft erschütternder Gedanke. „Also gut, tu meinetwegen, was du willst. Ich sehe, du lässt dich sowieso nicht davon abbringen.“

Als Erstes zog sie seine Geschäftsunterlagen heraus, gut abgedichtet und fest versiegelt. Der Umschlag enthielt den Kaufvertrag, einen Scheck und die Versicherungspolice. Alles, was seine Zukunft sichern sollte. Das war nun hinfällig.

„Was ist das?“

Er starrte in die glühende Sonne und verwünschte stumm das Meer, das Wetter und betrunkene Kapitäne. „In diesem Moment nichts weiter als Müll.“

Sein Ton war abweisend und hätte eigentlich weitere Fragen erübrigen sollen.

Natürlich ließ Mel sich nicht abschrecken. Reiche Leute hatten ihre eigenen Gesetze und gaben sich nicht leicht geschlagen. „Es sieht aber ziemlich wichtig aus“, beharrte sie.

„Es war wichtig. Inzwischen habe ich den Schlusstermin verpasst.“

„Welchen Schlusstermin? Oh, sieh mal. Das taugt prima für einen Verband.“

Angewidert schnaubte Adam: „Ich laufe auf keinen Fall mit einer Unterhose auf dem Kopf herum!“

„Meine Güte, ich reiße sie doch in Streifen. Es ist weiße Baumwolle und bestens geeignet.“

Er schüttelte den Kopf. „Kommt nicht infrage.“

„Adam …“

„Wenn du auf Unterwäsche bestehst, nimm doch deine.“

Sie riss die Augen auf und stotterte: „Aber ich habe meine an.“

„Dann zieh sie aus.“

Melanie sah aus, als würde sie ihn gleich ohrfeigen. „Meine würde nicht dafür taugen.“

„Warum nicht? Du sagtest, Unterwäsche wäre bestens geeignet, und gibst dich als Expertin aus.“

„Meine ist weder weiß noch aus Baumwolle“, gab sie aufgebracht zurück. Er beobachtete hingerissen, wie ihr Gesicht dunkelrot wurde.

Er genoss es wie ein Gassenjunge, eine Lady wie Melanie erröten zu sehen. „Was du nicht sagst.“

Sie würdigte ihn keines Blickes. „Lenk mich nicht ab.“

„Ich habe nur versucht, mich selbst abzulenken.“ Allerdings erfolglos, wie er gestehen musste. Ihr Haar war noch feucht, ihr Rock und das Top klebten an ihrem Körper. Sie war so schlank wie damals, ihre Rippen waren unter dem kurzen Top zu sehen, aber sie wirkte dennoch weich, anschmiegsam und verdammt weiblich.

Er räusperte sich. „Gut, lassen wir das Wäschethema. Nehmen wir etwas anderes, das hier zum Beispiel.“ Er hielt ein schwarzes T-Shirt hoch, das er für die Rückreise vorgesehen hatte, um es zu seinen Jeans zu tragen. Nach der Geschäftsbesprechung wäre er sofort wieder zu lässiger Kleidung übergewechselt, er hasste Anzüge.

Mel schüttelte den Kopf. „Schwarz ist nicht gut, da sieht man nicht, ob du noch blutest.“

„Entweder dies oder dein Slip. Du hast die Wahl.“

Sie wählte das T-Shirt. „Du warst schon immer ein elender Tyrann, Adam Stone.“

„Dann solltest du langsam daran gewöhnt sein, oder?“ Er gab sich keine Mühe mehr, sie davon zu überzeugen, dass er ein anderer geworden war. Wozu auch? Egal, was sie taten oder sagten, ihre unterschiedliche Herkunft trennte sie für alle Zeiten, es war unabänderlich.

Adam holte seinen Schlüsselring aus der Tasche. Daran war ein kleines, aber äußerst scharfes Messer befestigt. Energisch begann er, das Shirt zu zerschneiden.

Melanie betrachtete das Messer misstrauisch. „Warum trägst du so etwas mit dir herum?“

„Alte Instinkte sind schwer abzulegen. Ich bekam das Messer, als ich sechzehn war und noch am Fluss wohnte.“ Er fing ihren Blick auf und schüttelte den Kopf. „Ich habe nie jemandem den Bauch aufgeschlitzt, Honey. Ich trage es nur zur Verteidigung. Und aus Gewohnheit.“

„Meine Güte, hast du etwa auch noch deine Lederjacke?“

Er lächelte. „Um ehrlich zu sein, ja. Aber sie ist mir inzwischen zu klein geworden. Meine Mutter hatte Näharbeiten angenommen, um sie mir kaufen zu können. Das Stück bedeutet mir sehr viel. Wenn meine Mutter allerdings gewusst hätte, wie rabaukenhaft ich mir in der Jacke vorkam, hätte sie sie mir vermutlich weggenommen.“

Melanie lachte. „Du hattest wirklich manchmal verrückte Ideen.“

Adam legte den Kopf schräg. „Und du?“

„Was – ich?“

Er zupfte an einer dunklen, schimmernden Locke neben ihrem Ohr. „Hast du noch die Minnie-Maus-Kämmchen, die du immer rechts und links im Haar getragen hast?“

Melanie war überrascht, dass er sich daran erinnerte. Aber er hätte ihr bestätigen können, dass er kaum etwas vergessen hatte, was sie betraf. Er erinnerte sich an ihre adretten Kleidchen genauso wie an ihren ernsten, verschlossenen Blick.

Adam verspürte einen vertrauten Stich im Herzen und räusperte sich. Er hatte keinen materiellen Wohlstand genossen wie sie, doch er hatte stets einen Schwarm von Freunden um sich und den ungeteilten Rückhalt seiner Familie, sobald er ihn brauchte. „Also, hast du sie noch?“

Sie neigte den Kopf, um ihr Gesicht zu verbergen. „Ja. Ich hatte sie mir selbst gekauft, als ich vierzehn war. Meine Mutter fand sie geschmacklos, aber ich habe sie geliebt.“

„Ein kostbarer Besitz, wie?“

„Kostbar für mich, für andere natürlich nicht.“

Adam hatte plötzlich das Gefühl, sich auf gefährlichem Boden zu bewegen. Er wusste, dass Melanies Beziehung zu ihren Eltern nie besonders gut war. Kein Zweifel, die Tuckers liebten ihre Tochter, aber sie hatten sehr hohe Erwartungen. Sie erlaubten es Mel nicht, ein normales Kind mit normalen Unarten zu sein – nein, sie sollte etwas Besseres darstellen. Vielleicht waren die lustigen Kämme der erste Schritt zu ihrer Unabhängigkeit gewesen.

Adam wechselte abrupt das Thema. Melanies wehmütige Stimmung behagte ihm nicht, lieber nahm er es mit ihrer Kratzbürstigkeit auf. „Was ist jetzt? Willst du das verflixte Shirt benutzen oder nicht? Soll ich verbluten?“

„Du hast gesagt, das bisschen Blut macht dir nichts!“

Er zuckte gleichgültig die Schultern, was sie sichtlich ärgerte. Dann reichte er ihr das zerschnittene Shirt und erduldete ihre Behandlung.

Eigentlich war erdulden nicht das richtige Wort. Trotz ihres Grimms achtete sie sorgfältig darauf, ihm nicht wehzutun. Vorsichtig säuberte sie die Wunde von Sandresten und strich sein Haar glatt, bevor sie den provisorischen Verband anlegte. Zum Schluss wickelte sie ihm einen Streifen Stoff als Stirnband um den Kopf. Ihr Duft hüllte ihn ein, und zwei Mal spürte er, wie ihre Brüste seine Schulter berührten.

Verdammt. Er trug nichts als seine knappen Shorts, und seine körperliche Reaktion wäre deutlich zu sehen, wenn er nicht schleunigst auf andere Gedanken kam.

„Was hast du ganz allein auf dem Schiff gemacht?“, fragte er. „Ich meine, es ist doch ungewöhnlich, so einsam Urlaub zu machen.“

Sie verknotete den Verband und erwiderte gleichmütig: „Ich bin das Alleinsein gewohnt. Dabei kann ich besser nachdenken.“

„Über was nachdenken?“

Melanie überprüfte den Sitz des Stirnbands und hockte sich dann in den Sand. Sie glättete den Rock um ihre schlanken Schenkel, was Adams Aufmerksamkeit sehr fesselte. Als er ihr ins Gesicht sah, schien sie verunsichert. Er dachte schon, sie würde gar nicht antworten, doch sie hob die Schultern und sagte: „Über das, was ich mit meinem Leben anfangen soll.“

„Konntest du dir das nicht zu Haus in Brockton überlegen?“ Adam machte die Tasche zu und stand auf.

Sie erhob sich ebenfalls und klopfte sich den Sand ab. „Zu Hause gab es zu viele … Ablenkungen.“

Er nahm ihre Hand und begann den Strand entlangzugehen. Sie sträubte sich nicht, und er genoss die Berührung. Ihre Hand war so schmal, so klein in seiner großen. „Was für Ablenkungen?“

„Ach, die Verwandtschaft, Freunde … und ein Exbräutigam.“

Letzteres versetzte seinem Magen einen kräftigen Hieb. Er versuchte, nur beiläufig interessiert nachzufragen: „Verwandtschaft?“

„Du kennst doch meine Eltern. Sie sind ziemlich … besitzergreifend. Und sie wollen dauernd über mein Leben bestimmen.“

„Das weiß ich noch gut. Sie hatten das Sagen über deine Freunde, deine Kleider, dein erstes Auto.“

Sie nickte. „Aber das war, bevor ich aufs College ging. Danach war ich ein anderer Mensch.“

Melanie sah ihn an, und er merkte, dass seine Reaktion ihr wichtig war. Er lächelte. „Soweit ich sehe, bist du in der Tat sehr verändert.“

„Ja.“ Sie schien aufzuatmen. „Aber das gefiel ihnen gar nicht. Sie versuchten ständig, für mich zu entscheiden, besonders über meinen zukünftigen Ehemann. Ich brauchte einfach Abstand von ihren Machenschaften.“

„Und was ist mit deinen Freunden?“

„Sie meinen es gut, aber sie verstehen nichts.“

„Was verstehen sie nicht?“

„Mich.“ Sie liefen ein Stück, bis Melanie hinzusetzte: „Alle fanden, ich sollte mich mit meinem Verlobten aussöhnen, wir wären ein ideales Paar. Jerry ist sehr erfolgreich, er besitzt Einfluss. Meine Freunde dachten, er vergötterte mich, aber …“

Wieder zog sich sein Magen zusammen, und sein Herz pochte schmerzlich. Der Mann, von dem sie sprach, besaß alles, was Adam nie erreichen würde, er war der ideale, kultivierte Partner für eine Frau ihrer Herkunft. Adam hatte sich immer vorgestellt, dass Mel eines Tages so jemanden heiraten würde.

Er hatte den Gedanken damals gehasst, und er hasste ihn jetzt.

Der Regen hatte aufgehört, aber die Schwüle war fast erstickend. Er hatte das Gefühl, kaum Luft zu bekommen. „Und was ist passiert?“

„Ich liebte ihn nicht. Und er liebte mich nicht.“

Wärme durchströmte Adam, seine Muskeln spannten sich. Er drückte ihre Hand fester. „Fanden deine Eltern und deine Freunde nicht, dass Liebe wichtig ist?“

„Sie dachten, ich würde ihn mit der Zeit lieben lernen.“

Sie blickte hinaus auf den Ozean und mied seinen Blick. Adam hatte nichts dagegen. Der Anblick ihres Profils war hinreißend genug. Er mochte den kecken Schwung ihrer Nase und wie ihre langen Wimpern Schatten auf ihre Wangen malten. Er mochte sogar ihre Ohren.

Verflixt. „Meinst du nicht, das wäre möglich gewesen?“

Der Blick ihrer blauen Augen schien ihn empört zu durchbohren. „Nein. Niemals.“

„Dann hast du dich richtig entschieden.“

„Ich weiß. Aber was nun?“ Mit den Zehenspitzen wirbelte sie Sand auf und schlenkerte Adams Hand ein bisschen. „Ich muss einen Job finden und ein neues Leben anfangen.“

Stirnrunzelnd fragte er: „Du musst dir Arbeit suchen?“

Ihre Augen wurden groß. „Oh, ich bin nicht etwa pleite oder dergleichen. Aber Jerry ist Anwalt, und ich war seine Sekretärin. Nachdem ich die Verlobung gelöst hatte, konnte ich schlecht weiter bei ihm arbeiten. Außerdem wollte ich sowieso etwas Neues machen. Und man sollte nicht nur des Geldes wegen arbeiten, nicht?“

Adam schüttelte tadelnd den Kopf; „Nur reiche Leute können sich so eine Einstellung leisten.“

„Das ist nicht wahr.“ Sie zog die Stirn kraus. „Möchtest du deine Arbeit nicht auch genießen? Hast du keine Ziele, für die du dich anstrengst? Willst du in deinem Leben nicht etwas bewirken?“

„Ich wollte ein besseres Leben für meine Mutter bewirken. Sie hat wirklich Ruhe und Erholung verdient. Und ich wollte meinem Bruder eine Chance verschaffen, viele Chancen, seine Träume zu verwirklichen.“

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