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JULIA BESTSELLER

JILL SHALVIS

Sommer, Sonne, Sinnlichkeit

Bisher hatte Taylor nie das Gefühl, dass ihre Wohnung zu klein sei. Aber seit sie dem ehemaligen Sheriff Mac angeboten hat, eine Weile bei ihr zu wohnen, scheint er ihr ständig im Weg zu stehen. Liegt das wirklich nur an seinen breiten Schultern, oder versucht Mac, ihr mit diesen zufälligen Berührungen etwas zu sagen?

Verlobt, verliebt, verführt

Suzanne kann es kaum fassen: Ein lauter Knall, eine zerborstene Fensterscheibe – und plötzlich steht ein äußerst attraktiver Mann mitten in ihrem Schlafzimmer. Der gut gebaute Eindringling sollte eigentlich die Bäume vor Suzannes Haus beschneiden. Doch ganz offensichtlich hatte das Schicksal einen anderen Plan …

Aus heiterem Himmel

Heiraten wird Nicole nie. Das hat sie sich geschworen. Sie ist Ärztin und lebt nur für ihren Beruf. Männern geht sie lieber aus dem Weg. Bis ausgerechnet der ebenso attraktive wie selbstbewusste Ty O’Grady direkt vor ihren Füßen landet. So gerne sie auch über ihn hinwegsehen würde …irgendetwas hat er einfach an sich …

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Sommer, Sonne, Sinnlichkeit

1. KAPITEL

Eines Tages, dachte Taylor Wellington, werde ich alt und runzlig sein. Und dann hören meine besten Freundinnen vielleicht endlich damit auf, mir einreden zu wollen, dass ich eine große Liebe brauche.

Niemand brauchte die große Liebe.

Taylor hatte geliebt, aber sie hatte auch lange Zeit ohne Liebe gelebt, deshalb war sie sich ihrer Sache sehr sicher. Im Moment presste sie sich gerade ihr Handy ans Ohr und lauschte Suzanne und Nicole, die ihr per Konferenzschaltung endlose Vorträge darüber hielten, wie wunderbar das Leben durch die Liebe wurde.

„Du musst es unbedingt ausprobieren.“

Und so etwas von Nicole! Bei ihr war es gerade erst ein paar Monate her, dass sie sich Hals über Kopf in Ty Patrick O’Grady verliebt hatte, den eigenwilligen Architekten aus Irland, den Taylor engagiert hatte.

„Liebe ist noch besser als Eiscreme.“

Diese Erkenntnis kam von Suzanne, bei der Eisessen als Lösung für alle Probleme hatte herhalten müssen. Suzanne hatte sich auch erst vor Kurzem verliebt. Sie war sogar noch einen Schritt weiter gegangen als Nicole und hatte geheiratet.

„Gib dir einen Ruck, Taylor, und mach Schluss mit dem Single-Dasein. Probier’s zur Abwechslung mal mit einem Mann. Das wird dein Leben komplett verändern.“

Taylor glaubte keine Sekunde lang daran. Liebe, das wusste sie aus eigener Erfahrung, war etwas, wobei man am Ende nur litt. Aber das würden ihre Freundinnen nicht verstehen. Taylor hatte es ihnen nie zu erklären versucht, denn sie kannte die beiden noch gar nicht so lange. Sie hatte die beiden Frauen kennengelernt, als sie die zwei Apartments in dem Haus, das sie kurz zuvor geerbt hatte, vermieten musste. Sie hatte das Geld gebraucht, denn von irgendetwas musste sie ja schließlich leben. Suzanne war als Erste eingezogen, und später Nicole. Beide hatten zusammen mit Taylor geschworen, niemals ihr Single-Dasein aufzugeben.

Leider hatten die beiden ihren Schwur schon bald gebrochen. Erst kürzlich waren sie wieder ausgezogen, denn natürlich wollte jede mit ihrer großen Liebe zusammenleben.

„Nur weil ihr zwei freiwillig eure Freiheit aufgebt, heißt das doch noch nicht, dass auch ich …“ Taylor verstummte, weil sie ein seltsames Geräusch hörte. Lauschend neigte sie den Kopf zur Seite. „Wartet mal einen Moment.“

Das ganze Haus erzitterte. Einen Augenblick lang fürchtete sie, das Haus würde zusammenbrechen, und das war gar nicht so abwegig, denn das alte Gebäude hatte eine grundlegende Renovierung dringend nötig. Aber ein zusammenbrechendes Haus stand für heute nicht auf Taylors Plan, und in ihrem Leben passierte selten etwas, das nicht von ihr geplant war.

Doch da war wieder dieses Zittern. Und gleich darauf noch einmal. Irgendetwas hämmerte regelmäßig gegen die Wände, genau im selben Rhythmus wie Taylors Kopfschmerzen. „Mädels, ich würde euch liebend gern weiter zuhören. Es interessiert mich brennend, was alles in meinem Leben nicht stimmt, aber ich muss jetzt auflegen.“

„Warte! Höre ich da etwa Geräusche von Bauarbeiten?“, fragte Suzanne.

Taylor ließ sich von dem beiläufigen Ton nicht täuschen. Sowohl Suzanne als auch Nicole hatten ihre große Liebe durch Bauarbeiten kennengelernt. Bauarbeiten, die sie, Taylor, in Auftrag gegeben hatte. Jetzt hofften Suzanne und Nicole, dass ihr, Taylor, das Gleiche passierte.

Da muss ich euch enttäuschen, dachte Taylor. Ich werde mich in niemanden verlieben. Sie hatte zwar ein schlechtes Gewissen, dennoch hielt sie den Hörer ein wenig vom Kopf weg und ahmte mit dem Mund ein Rauschen und Knacken in der Leitung nach. Das ist nicht nett von mir, dachte sie. Schließlich sind das hier die beiden einzigen Menschen auf der Welt, denen ich wirklich etwas bedeute. Aber von dem ganzen Gerede über Liebe bekomme ich Schweißausbrüche, auch wenn die zwei es nur gut meinen.

Und eine Wellington geriet nie ins Schwitzen, schon gar nicht, wenn sie Seide auf der Haut trug. Das hatte Taylor von ihrer Mutter gelernt. „Ich muss auflegen, die Verbindung ist ganz schlecht!“, verkündete sie und beendete das Gespräch.

Mist. Sie liebte Suzanne und Nicole wie die Schwestern, die sie sich immer anstatt der beiden gewünscht hatte, die sie tatsächlich hatte. Trotzdem hätte sie bestimmt laut geschrien, wenn sie sich ihr Loblied auf die große Liebe noch länger hätte mit anhören müssen. Und im Moment konnte sie sich einen solchen Ausbruch nicht erlauben, denn sie brauchte ihre ganze Kraft, um ihre neuen Lebensumstände zu meistern.

Es kostete sie schon genug Energie, das nötige Geld für die umfangreichen Umbauarbeiten aufzutreiben. Allein aus diesem Grund bekam Taylor nachts oft kein Auge zu. Ihr Großvater hatte ihr ein Erbe mit einem großen Haken hinterlassen: dieses renovierungsbedürftige alte Haus, in dem sie jetzt stand. Nur das Haus und keinen Cent mehr. Keine Wertpapiere, kein Barvermögen, nichts.

Taylors teure Ausbildung hatte er komplett finanziert, und sie hatte gut von seinem Geld gelebt, bis er eines Tages starb und alles außer diesem Haus ihrer Mutter hinterließ, die gar nicht einsah, warum sie teilen sollte. Taylors Mutter war schon ihr ganzes Leben lang so geizig gewesen, dass jeder Schotte vor Neid erblassen konnte.

Tja, es war eben Pech. Taylor wollte darüber genauso wenig nachgrübeln wie über die Tatsache, dass ihre Familie, mit der sie nichts außer der Blutsverwandtschaft verband, bestimmt überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen würde, wenn sie die vor ihr stehende Aufgabe mit Erfolg bewältigte. Aber wenn sie es nicht schaffte, würden es ganz sicher alle mitbekommen. Wenn sie das Haus verkaufte, wäre sie frei und könnte tun, was sie wollte, doch sie hatte auch ihren Stolz. Sie stand vor der ersten großen Herausforderung ihres Lebens, und da wollte sie nicht kneifen.

Ich werde es schaffen, dachte sie. Ich werde dieses Haus renovieren lassen und meinen Platz im Leben finden. Schon vor Monaten hatte sie angefangen, ein Zimmer nach dem anderen wieder herzurichten, aber dann hatte sie sich dazu durchgerungen, einige ihrer wertvollen Antiquitäten zu verkaufen. Sie hatten ihr mehr eingebracht als erwartet, und sie wollte mit diesem Geld das ganze Haus in einem Zug renovieren lassen.

Und zwar ab morgen.

Auch wenn es ihr auch noch so schwerfallen mochte, sie würde ganz ruhig bleiben. Entschieden steckte sie das Handy wieder in die Tasche. Prüfend blickte sie zu den Wänden, die immer noch unter den rhythmischen Schlägen erbebten. Taylor war sich ziemlich sicher, dass sie sich mit dem Bauunternehmer darauf geeinigt hatte, erst morgen mit den Arbeiten zu beginnen, und nicht schon heute.

Eins konnte sie nicht leiden, und das war die Störung ihrer wohldurchdachten Pläne. Sie wollte diesen letzten Tag der Ruhe genießen, um Kraft für die vor ihr liegende Aufgabe zu sammeln. Damit sie ab morgen der Welt zeigen konnte, aus welchem Holz sie geschnitzt war.

Ihr Haus war um die Jahrhundertwende im viktorianischen Stil erbaut worden und besaß den altmodischen Charme der damaligen Zeit. Allerdings war das Haus seit mittlerweile hundert Jahren vernachlässigt worden. Putz rieselte von den Wänden, die elektrischen Leitungen waren in einem katastrophalen Zustand, über die Holzbalken hatten sich die Termiten hergemacht, und im letzten Jahr hatte ein Wasserrohrbruch eine Überschwemmung herbeigeführt, deren Schäden immer noch nicht beseitigt waren.

Im Erdgeschoss gab es zwei Geschäftsräume mit großen Schaufenstern, im Dachgeschoss befand sich ein Apartment und ein Dachboden. Dazwischen lagen im ersten Stock zwei Apartments, von denen Taylor eines bewohnte. Im Moment schloss sie die Tür dieses Apartments und ging die Treppe hinunter, dem Lärm folgend.

Auf den Straßen des South Village tobte bereits das Leben. Den Geschäftsleuten des Viertels stand ein weiterer ertragreicher Tag bevor. Los Angeles lag keine zehn Kilometer entfernt, und der berüchtigte Smog machte natürlich nicht an der Stadtgrenze Halt. Doch Taylor fand die heißen, stickigen Sommer nicht so lästig wie viele andere. Ihr gefiel es hier blendend, und sie fühlte sich inmitten der jungen trendbewussten Leute wohl, die sich von diesem Vorort mit seinen vielen Theatern, Straßencafés, Boutiquen und Galerien angezogen fühlten.

Auf diese Leute setzte Taylor ihre Hoffnungen. Schon bald würde sie die beiden Geschäftsräume vermieten können. Suzanne hatte bereits angekündigt, dass sie einen der kleinen Läden für ihren Party-Service nutzen wollte. Zum Glück. Aber was sollte aus dem zweiten werden? Die Vermietung wäre eine wahre Erleichterung für ihr strapaziertes Bankkonto. Allerdings wollte sie die Hoffnung nicht aufgeben, diese Räume eines Tages für ein eigenes Geschäft zu nutzen. Vorausgesetzt, ihr blieben noch Antiquitäten übrig, nachdem sie die ganzen Umbauten bezahlt hatte. Im Moment war das jedoch ein sehr weit entfernter Traum.

Das Hämmern war jetzt lauter, und es kam ganz eindeutig aus einem der schmutzigen und staubigen Ladenräume. Von der Straße her hörte Taylor Menschen, die vorbeigingen, sich unterhielten und lachten. Shopping war früher mal ihr liebstes Hobby gewesen, und insgeheim sehnte sie sich manchmal danach zurück.

Doch auch das musste sie auf einen fernen Tag verschieben.

Taylor wandte sich den Geschäftsräumen auf der linken Seite zu, und das Hämmern wurde noch lauter. Sie öffnete die Tür zu einem kurzen Flur und wurde in den hinteren Zimmern von einer gigantischen Staubwolke empfangen. Der Lärm war hier so laut, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte, doch sobald sie eintrat, verstummte das Hämmern.

Verwundert blieb sie stehen und atmete den Schmutz ein. Die Luft war an diesem heißen Frühlingstag in Kalifornien ohnehin schon schwül und drückend, und Taylor überlegte, wie lange es dauern würde, bis ihr sorgfältig gelocktes Haar, von dem sie einige Strähnen unter ihrem Strohhut hervorgezupft hatte, ihr in schlaffen Strähnen ins Gesicht hängen würde.

„Sie sind mir im Weg“, erklang eine tiefe barsche Stimme hinter ihr.

Taylor fuhr herum und blinzelte, um trotz des Staubs, der sich langsam senkte, etwas zu erkennen. Inmitten von all dem Schmutz und Staub stand ein Mann. Eine Hand hatte er auf die Hüfte gestützt, in der anderen hielt er einen riesigen Vorschlaghammer, dessen Stiel an seine Schulter gelehnt war.

Einen Moment lang war sie sprachlos, und das kam bei ihr nur sehr selten vor.

Als sich der Staub noch mehr senkte, erkannte Taylor in dem Mann Thomas Mackenzie, ihren Bauunternehmer. Den größten Teil ihrer bisherigen Abmachungen hatten sie per Telefon und E-Mail erledigt, aber ein paar Mal hatten sie sich auch getroffen. Da war er aber sauber und ordentlich angezogen gewesen. Im Moment war er keines von beidem.

Obwohl sie immerhin knapp einen Meter siebzig groß war, musste Taylor den Kopf in den Nacken legen, um dem mindestens zehn Zentimeter größeren Mackenzie ins Gesicht zu sehen. Beim letzten Treffen hatten sie beide am Tisch gesessen, und Taylor hatte ihn nicht als so groß, so muskulös, so beeindruckend in Erinnerung.

Im Moment zog er die Mundwinkel abfällig nach unten. Seine Augen hatten den goldbraunen Farbton von gutem altem Whiskey, und sein Blick wirkte verärgert. Sein Haar wies fast denselben Farbton auf wie seine Augen. Seine Stirn wurde teilweise von einem blauen Schweißband verdeckt. Der Mann machte einen sehr ernsten Eindruck und wirkte mit seinem wilden Äußeren mehr als nur ein bisschen gefährlich.

Bei diesem Gedanken lief Taylor ein Schauer über den Rücken, obwohl sie sich für dieses seltsame Prickeln fast schämte. Weshalb fiel ihr denn ausgerechnet jetzt ein, dass sie sich zwar für ein Leben als Single entschieden hatte, keineswegs aber für das einer Nonne? Sie mochte schöne Dinge und wusste alles zu schätzen, was eine schöne Form besaß. Dieser Mann war trotz seines mürrischen Blicks ein wahres Prachtexemplar, und bei seinem Anblick erwachten ihre Sehnsüchte und Begierden schlagartig zum Leben.

Andererseits stand sie gar nicht auf wilde Kerle, und ihr entging nicht, dass dieser Mann hier genau zu wissen schien, wie er sich zur Geltung bringen konnte. Taylor griff auf denselben Trick zurück, den sie anwandte, wenn sie auf Flohmärkten ein Möbelstück sah, von dem sie auf den ersten Blick begeistert war, das sie sich aber nicht leisten konnte.

Geh einfach weg, sagte sie sich. Langsam trat sie einen Schritt zurück und riskierte einen letzten Blick auf dieses Musterbeispiel männlicher Schönheit, wobei sie alle Einzelheiten registrierte.

Lange kräftige Beine in weicher abgetragener Jeans. Abgenutzte Arbeitsstiefel mit Profilsohle. Die muskulösen Arme und die breite Brust waren ihr schon aufgefallen. Das T-Shirt spannte sich wie eine zweite Haut über dem Oberkörper. Der Mann war groß und schlank, voller Energie und ungekünstelt. Genau solche Männer mochte sie, vorausgesetzt, sie legte es darauf an, einen kennenzulernen. Was momentan nicht der Fall war.

„Sie stehen mir immer noch im Weg“, stellte er fest.

„Ihnen auch einen guten Morgen, Mr. Mackenzie.“

Er stieß die Luft aus. „Mac.“

„Wie bitte?“

„Nennen Sie mich Mac. Der Name passt zu mir.“

„Wirklich? Zu Ihnen passt eher etwas wie Mr. Überheblich.“

Seine Lippen verzogen sich zum Anflug eines Lächelns. „Aber wenn man mich mit Mac anspricht, antworte ich eher.“

„Also gut. Mac.“

Reglos stand er da, als warte er auf etwas. Und als er auffordernd die Augenbrauen hob, merkte Taylor, dass sie gehen sollte.

Schade, dachte sie, dass er mich nicht besser kennt. Sonst wüsste er, dass ich nur das tue, was mir passt, und mich nicht darum kümmere, was andere von mir erwarten. „Ich war nicht damit einverstanden, dass die Arbeiten heute schon beginnen“, erklärte sie.

„Aber Sie haben den Vertrag unterschrieben.“

Das hatte sie allerdings. Ihre geliebte Kommode hatte sie verkaufen müssen, um die erste Anzahlung leisten zu können, und es würden noch viele Zahlungen fällig werden. Aber die Arbeiten sollten erst morgen beginnen, und Taylor brauchte noch diesen einen Tag der Ruhe.

Anscheinend war Mac der Ansicht, es sei alles geklärt, denn er wandte sich ab und ging mit der Gelassenheit eines Mannes, der gelernt hat, geduldig zu sein, zurück an seine Arbeit. Erneut hob er den Vorschlaghammer und schlug damit gegen die Südwand. Seine Arme streckten und beugten sich, und die deutlich ausgeprägten Muskeln bewegten sich in perfektem Gleichklang. Taylor wurde in keiner Weise mehr beachtet, während Mac die Mauer bis auf die Stahlträger herausschlug.

Fassungslos sah sie zu und war gegen ihren Willen fasziniert von der körperlichen Gewalt, die Mac ausübte. Sein Körper kam ihr wie eine perfekte Maschine vor. „Äh … entschuldigen Sie bitte.“

Der Vorschlaghammer hob und senkte sich vollkommen gleichmäßig. Was für eine Kraft mag dazu nötig sein, überlegte sie und betrachtete wie gebannt Macs Muskeln. Wieder überkam sie ein Schauer, und das lag mit Sicherheit nicht daran, dass es in dem Raum zu kühl war. Im Gegenteil. Der Mann schwitzte, und auch Taylor wurde es heiß.

Ganz offensichtlich war es zu lange her, seit sie in den Armen eines Mannes Erfüllung gefunden hatte. „Mac?“

Er blickte nicht einmal zu ihr hin, und das verunsicherte sie. Taylor hatte ihre Wirkung auf Männer schon früh erkannt, als ihr schlaksiger Teenagerkörper sich in etwas verwandelt hatte, wovon alle Männer träumten. Seit jener Zeit schaffte sie es spielend, dass jedes Wesen mit Bartwuchs sich nach ihr umdrehte.

Im Augenblick wurde sie allerdings vollkommen ignoriert. Verdammt!, dachte sie, als in diesem Moment auch noch ihr Handy klingelte. Sie hielt es sich ans Ohr und steckte sich einen Finger in das andere, weil Mac solchen Lärm machte.

„Hallo?“

„Ich habe schlechte Neuigkeiten“, verkündete Mrs. Cabot, die Besitzerin eines exklusiven Antiquitätengeschäfts am anderen Ende der Stadt.

„Schlechte Neuigkeiten?“, wiederholte Taylor überrascht.

Der Vorschlaghammer sank zu Boden, und Mac drehte sich um.

Taylor und er blickten sich in die Augen.

Es kam ganz unvermittelt, und Taylor empfand es wie eine Explosion im Kopf. Dieser Mann hatte so faszinierende Augen, dass sie zum ersten Mal im Leben bei einem Gespräch den Faden verlor. Sie biss sich auf die Unterlippe und suchte krampfhaft nach einer wenigstens halbwegs vernünftigen Erwiderung. Ihr Puls begann zu rasen, als Mac den Blick zu ihrem Mund wandern ließ.

Das bildest du dir alles ein!, sagte sie sich. Er fühlt sich nicht zu dir hingezogen und du dich nicht zu ihm. Das wäre vollkommen unpassend. Andererseits hatte sie sich nach ihrem entsetzlichen Verlust von damals zwar geschworen, ihr Herz nie wieder zu verschenken, aber Enthaltsamkeit musste damit ja nicht zwangsweise verbunden sein.

Nervös befeuchtete sie die Lippen mit der Zunge, als der Blick ihres Bauunternehmers noch tiefer glitt. Ganz unverhohlenes Verlangen sprach aus diesem Blick.

O Mann! Mühsam konzentrierte Taylor sich auf das Telefonat. „Was gibt’s denn?“

Mac stellte den Hammer hin.

Tat er das ihretwegen? Taylor konnte das kaum glauben. Das würde ja heißen, dass er zu so etwas wie Umsicht und Rücksichtnahme fähig war! Wahrscheinlich war er nur fertig mit seinem heutigen Arbeitspensum.

„Tut mir leid“, sagte Mrs. Cabot, „was den Kerzenleuchter aus dem neunzehnten Jahrhundert betrifft, so sind Sie überboten worden.“

Schlagartig vergaß Taylor Mac. Sie umklammerte den Hörer. „Was wollen Sie damit sagen? Hat noch jemand ein Angebot für den Kerzenleuchter abgegeben?“

„Sie wurden überboten von …“, Taylor hörte leises Rascheln am anderen Ende der Leitung, „… von einer Isabel W. Craftsman.“

Darauf hätte Taylor eigentlich selbst kommen können. Nur ein Mensch in der Stadt konnte den Wert des Leuchters genauso gut einschätzen wie sie selbst – ihre Mutter.

Taylor hatte es sich so sehr gewünscht, diesen Leuchter zu besitzen, aber das wusste ihre Mutter sicher auch. Ihre Mutter war hochgebildet, unglaublich gescheit, und ihr entging nichts. Mit dem Ergebnis, dass sie immer alles wusste. Das war auch schon früher so gewesen.

Nur eines wusste sie nicht: Was eine gute Mutter ausmachte. In dieser Rolle hatte sie schmählich versagt.

Nach dem College war Taylor zu Hause ausgezogen und hatte beschlossen, damit einen Schlussstrich unter ihre Vergangenheit zu ziehen und sich wie eine Erwachsene zu verhalten. Und deshalb hatte sie mit ihrer Mutter gesprochen. Sie hatte ihr sagen wollen, sie verziehe ihr all die vergessenen Geburtstage und die mangelnde Herzlichkeit. Was genau sie sich von dieser Erklärung erhofft hatte, wusste Taylor nicht, aber sie hatte bestimmt nicht damit gerechnet, dabei vom Klingeln des Handys ihrer Mutter unterbrochen zu werden. Ihre Mutter hatte eine Hand gehoben, damit Taylor wartete, während sie den Anruf entgegennahm. Es drehte sich um irgendetwas Berufliches, und nach dem Gespräch hatte ihre Mutter ihr einen Kuss auf die Wange gegeben und war einfach gegangen. Dass ihre Tochter ihr gerade etwas Wichtiges hatte sagen wollen, hatte sie vollkommen vergessen.

Schließlich hatte Taylor nur mit den Schultern gezuckt und war auch gegangen. Sie hatte es überlebt und sich damit abgefunden, dass nicht jede Mutter warmherzig und gefühlvoll war.

Vor ein paar Jahren hatte Isabel dann das Undenkbare getan und wieder geheiratet. Ihrem neuen Ehemann zuliebe hatte sie alles andere aufgegeben. Dr. Edward Craftsman war ein kaltherziger Gehirnchirurg und genauso ehrgeizig wie sie selbst. Taylor war zur Hochzeit eingeladen gewesen und hatte nicht glauben können, was sie dort erlebte, hätte sie es nicht mit eigenen Augen gesehen.

Ihre Mutter lebte förmlich für diesen Mann und wich ihm nicht von der Seite. Isabel, die ihre Töchter nie umarmte, küsste und herzte ihren Edward, als gäbe es nichts Schöneres für sie.

Allein der Gedanke daran tat weh. Und genauso schmerzte die Vorstellung, dass ihre Mutter ihr den Kerzenleuchter weggeschnappt hatte. „Ich danke Ihnen.“ Taylor unterbrach die Leitung und steckte das Handy wieder weg. Verdammt! Diesen Leuchter hatte sie sich so sehr gewünscht! Natürlich musste so etwas passieren, wenn sie ihr Herz an etwas hängte. Hatte sie nicht längst gelernt, dass es ihr nur Schmerzen brachte, wenn sie sich nach etwas sehnte?

Sie hatte schließlich andere Sorgen. Zum Beispiel war da ein Haus, was sie instand setzen lassen musste. Und Mac rief ihr Dinge ins Gedächtnis, an die sie sich lieber nicht erinnern wollte.

Er hatte den Vorschlaghammer beiseitegelegt, doch er war nicht untätig. Er schaufelte Schutt in eine Schubkarre und wirkte dabei genauso entschlossen wie beim Einreißen der Wand.

Taylor runzelte die Stirn und stemmte ungeduldig die Hände in die Seiten. „Wir haben immer noch nicht geklärt, weswegen Sie einen Tag zu früh anfangen.“

Er schaufelte weiter, bis die Schubkarre unter ihrer Last fast zusammenbrach. Langsam richtete er sich auf, und Taylor konnte nicht die kleinste Spur von sexuellem Interesse in seinem Blick erkennen. Hatte sie sich das Knistern zwischen ihnen etwa nur eingebildet?

„Ich dachte mir, ein Tag früher dürfte für Sie kein Problem sein.“ Er warf die Schaufel zur Seite und packte die Griffe der Schubkarre. Die Muskeln an seinen Oberarmen spannten sich an.

Mühsam riss Taylor den Blick von ihm los. „Ich brauche diesen letzten Tag, bevor in den nächsten drei Monaten hier nur noch Lärm und Chaos herrschen. Diesen Ruhetag haben Sie mir verdorben.“

Mit dem Unterarm wischte er sich über die Stirn. Taylor erkannte, dass er erschöpft, verschwitzt und schlecht gelaunt war. „Ich glaube eher, dass dieser Anruf Ihnen den Tag verdorben hat.“

Trotz ihrer Verärgerung empfand sie immer noch dieses erotische Prickeln. „Mir wäre es wirklich sehr lieb, wenn Sie jetzt gehen und erst morgen wieder kommen würden.“

„Das ist ein Scherz, oder?“, entgegnete Mac.

„Nein.“

„Ihre Ruhe ist Ihnen wichtiger als der Beginn der Renovierungsarbeiten, die Sie selbst in Auftrag gegeben haben?“

„Allerdings.“

„Na schön.“ Er ließ die Schubkarre stehen und stützte die Hände in die Seiten. „Wie Sie wollen, Prinzessin. Dann eben morgen, aber treiben Sie dieses Spielchen nicht noch einmal mit mir. Ich werde diesen Job nicht weiter aufschieben, egal in welcher Laune Sie gerade sind.“

Hatte er sie wirklich gerade Prinzessin genannt? Der Kerl konnte was erleben! Taylor riss sich den Strohhut vom Kopf, für den sie seinerzeit ein hübsches Bündel Scheine hingeblättert hatte. Diesen Mann ging es nichts an, dass sie ihre helle Haut vor der Sonne schützen musste. Auch wenn er sie vermutlich wegen dieses Huts für zimperlich hielt. „Morgen ist mir sehr recht“, stieß sie hervor.

Mac reckte sich, und das T-Shirt spannte sich über seiner Brust. Taylor sah lieber nicht genauer hin, um nicht abgelenkt zu werden. Dann rieb er sich die Augen. „Gut, ich verschwinde. Aber wenn Sie ohnehin schon vor Wut kochen, dann könnten Sie uns beiden doch einen Gefallen tun.“ Er hob den Vorschlaghammer hoch und hielt ihn Taylor hin. „Schlagen Sie den alten Putz von den Wänden. Betrachten Sie es als eine Art Therapie.“

Taylor blickte auf den schweren Hammer. Sie konnte sich nicht entsinnen, jemals in ihrem Leben auch nur einen Schraubenzieher benutzt zu haben. Das lag zwar in erster Linie an ihrer vornehmen Familie, doch sie lebte jetzt schon so lange allein, dass sie sich den Umgang mit Werkzeugen längst hätte beibringen können.

Es wäre bestimmt eine Genugtuung, jetzt den Hammer zu schwingen und diesen Mann dadurch zu verblüffen. Liebend gern würde sie sehen, wie ihm das überhebliche Grinsen verging.

Einladend wedelte er mit dem Vorschlaghammer.

Seltsam, dachte Taylor. Es juckt mir in den Fingern, dieses Werkzeug zu halten, mit aller Kraft zu schwingen und gegen die Wand krachen zu lassen, mag es auch noch so roh und gewalttätig sein.

„Sie wollen es doch“, forderte Mac sie mit leiser tiefer Stimme auf. „Fassen Sie ihn an.“

Taylor hob die Augenbrauen und blickte den Mann mit aufreizendem Augenaufschlag an. „Haben die alle dieselbe Größe?“

Sofort blitzte es in seinen Augen auf, und Taylor erkannte, dass sie sich die erotische Spannung vorhin nicht bloß eingebildet hatte. „Ich dachte, die Größe spielt keine Rolle?“

Sie hob eine Schulter. „Das ist nur so eine Geschichte, die eine Frau in die Welt gesetzt hat, um ihren armen Ehemann zu trösten, der … nicht richtig ausgestattet war.“

„So, so.“ Wieder hob Mac den Vorschlaghammer, und jetzt lächelte er belustigt. „Auf die richtige Ausstattung kommt es also an, ja?“

„Genau.“

Kurz sah er zu dem Vorschlaghammer und dann wieder in Taylors Augen. „Anscheinend habe ich ja die richtige Ausstattung. Greifen Sie jetzt zu?“

Ja, das würde sie. Jedenfalls was den Hammer betraf. Im Moment konnte sie ihren Zorn kaum bändigen. Sie ärgerte sich über ihren verstorbenen Großvater, der sich wahrscheinlich von irgendeiner Wolke aus gerade königlich über sie amüsierte. Sie war wütend auf ihre Mutter, der alles außer ihrer eigenen Tochter wichtig war, auf ihr kümmerliches Bankkonto, auf den Kerzenleuchter, den sie nicht bekam, und am meisten ärgerte es Taylor, dass sie das alles allein durchstehen musste.

Im Augenblick brauchte sie nichts dringender als diesen schweren Vorschlaghammer.

Mac hielt ihn ihr hin.

Es kribbelte ihr in den Fingerspitzen.

Herausfordernd sah er sie an.

„Also gut.“ Sie setzte sich den Strohhut wieder auf, schnappte sich den Hammer und stieß einen Fluch aus, als das Gewicht des Hammers ihr die Arme nach unten riss. Der Hammer schlug dicht vor ihren Füßen auf den Boden.

Mac schnalzte mit der Zunge. „Tut mir leid, ich dachte, Sie seien stärker.“

2. KAPITEL

Wütend musterte Taylor Mac, und er verkniff sich ein Lächeln, während er in gespielter Unschuld die Schultern hob.

Taylor packte mit aller Kraft zu und wuchtete den Vorschlaghammer hoch. Dabei landete sie fast auf ihrem wohlgeformten Po. Sie taumelte einen Schritt zurück und lächelte Mac triumphierend und strahlend an.

Sein Herz setzte einen Schlag lang aus.

Mac hätte nie gedacht, dass er nach all seinem Kummer überhaupt noch zu so intensiven Gefühlsregungen fähig war.

Taylor wandte ihm den Rücken zu, schwang den Hammer mit aller Macht und ließ ihn gegen die Wand krachen. Als der Putz fiel und Staub aufwirbelte, lachte Taylor laut auf und drehte den Kopf zu Mac.

Ja, er sah ihr zu. Seit sie diesen Raum betreten hatte, konnte er kaum den Blick von ihr abwenden. Mac vermutete, dass alle Männer Taylor Wellington mit Blicken verschlangen. Und ganz bestimmt war Taylor sich dessen sehr bewusst. Sie kleidete sich teuer und geschmackvoll und sah mit ihrem blonden Haar und den großen grünen Augen umwerfend aus. Ihr Körper war wie dafür geschaffen, erwachsene Männer in die Knie zu zwingen und betteln zu lassen. Ihre aufreizenden weiblichen Kurven wurden von einem seidenen Sommerkleid verhüllt, und Mac musste sich beherrschen, um diesen Körper nicht zu berühren. In Gedanken riss er ihr den Strohhut vom Kopf, fuhr ihr durchs Haar, küsste ihre sinnlich geschwungenen Lippen und streichelte ihre seidige Haut, die nach Pfirsichen duftete. Er wollte über ihr blaues Seidenkleid streichen und herausfinden, ob Taylor auch mit zerzaustem Haar so unwiderstehlich aussah wie in ihrer prinzessinnenhaften Perfektion.

Mac wusste, wann er eine verwöhnte Tochter aus gutem Hause vor sich hatte. So eine Erfahrung hatte er schon hinter sich, und genau wegen dieser bitteren Enttäuschung wollte er auch jetzt nicht der Versuchung erliegen.

Sein Glück hing von wichtigeren Dingen ab als von einem albernen Leuchter. Er hatte beim Stadtrat von South Village Angebote für mehrere Projektausschreibungen eingereicht. Dabei ging es um die Renovierung von Gebäuden, die unter Denkmalschutz standen. Alte Straßenzüge und Gassen sollten wieder in früherem Glanz erstrahlen, und wenn Mac diese Aufträge bekam, würde ihm das nicht nur eine Menge Geld einbringen, sondern auch sein Ansehen in der gesamten Baubranche fördern. Diese Sache lag ihm sehr am Herzen, obwohl er sich ständig bemühte, sich nicht allzu große Hoffnungen zu machen.

Taylor hob wieder den Vorschlaghammer und legte all ihre Kraft in den nächsten Schlag. Keine Strähne ihrer kunstvollen Frisur verrutschte unter dem Strohhut, und selbst das Kleid warf kaum Falten. Dennoch spürte Mac, dass Taylor sich nicht über ihn lustig machte. Sie versuchte tatsächlich, ihre Wut abzureagieren. Entschlossen presste sie die Lippen aufeinander, und sie blickte auf die Wand, als sähe sie dort ein ihr bekanntes Gesicht, das ihre Hammerschläge erdulden musste.

Die unverhohlene Aggression, die diese Frau auslebte, erschreckte Mac beinahe. Doch mehr noch erschrak er über die Erregung, die ihr Anblick in ihm auslöste. Jedes Mal, wenn sie zum Schlag ausholte, bewegten sich ihre runden Brüste, die Hüften und ihr Po.

Mac schaffte es einfach nicht, den Blick von ihr loszureißen. „Ich kann nur hoffen, dass ich Ihnen nie in die Quere komme“, stellte er nüchtern fest, und Taylor antwortete mit einem zustimmenden Stöhnen, bevor sie den Hammer wieder gegen die Wand krachen ließ.

Wenn sie so weitermachte, würde sie noch Blasen an den Händen bekommen. Mac hätte nicht gedacht, dass sie den Hammer überhaupt hochheben konnte. „He, Prinzessin, meinen Sie nicht, das reicht allmählich?“

Ohne auf ihn zu achten, hämmerte sie weiter, obwohl es sie alle Kraft kostete.

Mac trat einen Schritt näher, um ihr den Vorschlaghammer abzunehmen, bevor sie sich noch verletzte.

Mit einem Ellbogen stieß Taylor ihn weg. „Zurück“, stieß sie zwischen den Zähnen hervor.

Halb verärgert, halb belustigt gehorchte er. „Also schön, vielleicht habe ich mich in Ihnen tatsächlich getäuscht.“

„Nein.“ Noch ein Schlag und noch ein Schlag. „Sie hatten recht, das hier ist genau das Richtige. Außerdem …“, sie hämmerte weiter, „… ist es viel billiger als eine Therapie.“ Sie machte einen Moment Pause, um Luft zu schnappen.

„Sie könnten doch Ihren Daddy bitten, dass er Ihnen etwas zuschießt.“

Taylor erstarrte. Dann stellte sie langsam den Vorschlaghammer ab, bevor sie sich mit eiskaltem Blick zu Mac umwandte. „Wissen Sie, wenn ich es mir recht überlege, bin ich jetzt doch fertig. Vielen Dank.“ Sie sprach betont förmlich, ging an Mac vorbei und zog die Tür hinter sich zu.

Mac schüttelte den Kopf und pfiff leise. Die Frau bewahrte selbst dann, wenn sie vor Wut fast platzte, eisern Haltung. Mac verließ das Haus und wusste nicht, ob er sich über Taylor Wellington ärgern oder amüsieren sollte. Er würde nachgeben und ihr ihre Ruhe lassen. Aber nur, weil es ihm sehr gut passte.

Mac stieg in seinen Pick-up und fuhr in Richtung Osten. Er lebte nicht im noblen und beliebten South Village, wo die Mieten hoch waren, sondern in einer Gegend, die von den Stadtvätern bislang völlig vernachlässigt worden war.

Nach zehn Minuten betrat er sein eigenes kleines Haus, und es war wirklich winzig. Als Erstes warf er seine Post ungeöffnet auf den Tisch zu den anderen Stapeln von unbezahlten Rechnungen.

Für Mac spielte seine finanzielle Lage keine sehr große Rolle. Ihm war nur wichtig, dass er unabhängig war. Frei von jeglichen Verpflichtungen seiner Familie gegenüber. Sie meinten es alle gut mit ihm, doch er fühlte sich oft regelrecht von ihnen erdrückt. Außerdem war er frei von seiner Exfrau, der er es verdankte, dass er seine Rechnungen nicht bezahlen konnte.

Er hatte sich damals geweigert, ihrem Wunsch nachzugeben, dass sie beide vom Geld seiner großzügigen Familie lebten. Sie hatte zur feinen Gesellschaft gehören wollen, doch das Leben der Reichen und Vornehmen war nicht seine Welt. Schließlich hatte sie all sein Geld an sich gerissen und ihn mit voller Absicht so sehr verletzt, wie sie nur konnte, indem sie ihr gemeinsames Kind abtreiben ließ.

Nein, beschloss Mac, heute werde ich nicht daran denken. Er zog sich aus, streifte sich alte Shorts über und reagierte auf seine Weise den Zorn ab: mit langem, kraftraubendem Jogging.

In aller Frühe fuhr Mac am nächsten Morgen wieder zu Taylors Haus. Diese Tageszeit mochte er besonders. Wenn die Sonne noch nicht ganz aufgegangen war, kam ihm der Tag noch frisch und unverdorben vor.

Seine Männer würden heute überall im Haus alten Putz abklopfen, defekte elektrische Leitungen und alte Wasserrohre herausreißen. Gestern hatte er ganz für sich allein seinen Ärger abreagieren wollen, und davon gab es genug. Seine Mutter hatte ihn angerufen. Trotz ihres aufreibenden Jobs war sie eine warmherzige, liebevolle Frau, die davon überzeugt war, ihr Sohn müsse ohne ihre selbst gekochten Gerichte verhungern. Ständig bedrängte sie ihn, wann er wieder einmal am Sonntag zum Essen kam.

Dann hatte ihn sein früherer Captain angerufen, der ihn wieder zur Polizei zurückholen wollte. Den Polizeidienst hatte Mac vor vier Jahren, kurz nach der Scheidung, aufgegeben.

Er war gern Polizist gewesen, aber die Baubranche gefiel ihm noch besser. Seit seiner Kindheit bastelte und werkelte er, und es machte ihn immer noch glücklich, etwas mit seinen eigenen Händen aufzubauen.

Es brachte ihm Spaß, heruntergekommene historische Häuser zu renovieren, sodass sie wieder in ihrem ursprünglichen Glanz erstrahlten. Bisher hatte er noch keinen Tag bereut, den Polizeidienst quittiert zu haben. Zuerst hatte er in der Firma eines Freundes der Familie gearbeitet, um die Branche kennenzulernen. Jetzt war er seit zwei Jahren sein eigener Chef. Angefangen hatte er mit der Renovierung einzelner Räume, bis er im letzten Jahr zum ersten Mal ein ganzes Haus restauriert hatte.

Taylors Haus war sein bislang größter Auftrag und seine Chance, die nächste Stufe auf der Erfolgsleiter zu erklimmen.

Er konnte nur hoffen, dass ihm das gelang. Nachdem Ariel ihn finanziell, moralisch und seelisch ruiniert hatte, konnte er es sich noch nicht leisten, sein eigenes Haus zu renovieren. Na schön. Dann arbeitete er eben an fremden Häusern, um sich etwas zusammenzusparen. Damit hatte er kein Problem.

Er parkte direkt vor Taylors Haus und war sich gar nicht bewusst, welches Glück es war, hier in der Gegend einen Parkplatz zu finden. Hoffentlich kam Taylor ihm heute nicht ständig in die Quere. Seine Männer sollten sich auf die Arbeit konzentrieren und nicht durch eine schöne Frau abgelenkt werden, auch wenn sie den Vorschlaghammer noch so elegant schwingen konnte.

Sein Team wartete bereits vor der Haustür, und Mac runzelte die Stirn. Wieso gingen sie nicht hinein und machten sich an die Arbeit?

Aber sie standen nicht einfach nur da, sondern lächelten und nickten wie willenlose Puppen. Es überraschte ihn wenig, als er Taylor in der Runde erblickte.

„Die stammt aus Russland“, verkündete sie gerade und hielt eine Vase hoch, während Mac sich verärgert der Gruppe näherte. Mit perfekt manikürten Fingernägeln strich sie liebkosend über das glatte Porzellan, während sie sprach. Macs Herz schlug schneller, und das lag nicht nur an seinem Ärger. Sein Puls beschleunigte sich, und Verlangen packte ihn. Himmel, er musste verrückt geworden sein!

„Sie kostet einkleines Vermögen.“ Taylor streichelte die Vase und seufzte leise, so sehr genoss sie die Schönheit des Porzellans.

Ihr Seufzer half Mac nicht gerade dabei, sich wieder in den Griff zu bekommen, und er überlegte, wie lange es schon her war, dass er mit einer Frau zusammen gewesen war. Durch Ariel und ihr grausames Spiel war ihm die Lust auf Frauen vergangen.

Diese Lust kehrte jetzt allerdings zurück und ließ sich nicht einfach so ignorieren. Er blickte auf die Vase in Taylors Händen.

Anscheinend war sie sich gar nicht bewusst, dass diese Männer bezahlt werden wollten. Sonst hätte sie gestern nicht so leichtfertig seinen Arbeitstag beendet. Im Nachhinein konnte Mac sich nicht erklären, was ihn gestern so zu ihr hingezogen hatte. Taylor war Ariel viel zu ähnlich, als dass er sich in ihrer Nähe wohl fühlen konnte. Doch worin auch immer diese Anziehungskraft bestand, die Taylor auf ihn ausübte, er würde ihr nicht mehr nachgeben.

Taylor trug ein kurzes hellblaues Kleid mit farblich passendem Jackett, ein Outfit, in dem sie eher auf einen Laufsteg passte als auf die Stufen ihres heruntergekommenen alten Hauses. Das Haar hatte sie sich hochgesteckt, und sie trug denselben Lipgloss wie gestern.

In Macs Augen sah sie wie ein hübsch dekorierter kalter Drink aus, und mit einem Mal hatte er den Eindruck, vor Durst gleich umzukommen. Er konnte den Blick nicht von ihr losreißen.

Als Taylor ihn entdeckte, hielt sie mitten im Satz inne und leckte sich unbewusst die Lippen. Entweder war sie nervös oder erregt. Bei Mac bewirkte diese kleine Bewegung jedenfalls sofort, dass sich von neuem Verlangen in ihm regte.

„Wieso sind Sie hier?“, fragte er.

Sie hob die Augenbrauen und schien dadurch ihm und seiner Crew deutlich machen zu wollen, dass er kaum mehr als ein Neandertaler war. Zugegeben, vielleicht hatte die Frage etwas barsch geklungen, denn immerhin gehörte ihr dieses Haus.

Andererseits hatten sie beide sich über jedes Detail der Renovierung geeinigt. Taylors Anwesenheit hier war also nicht mehr erforderlich, und Mac wusste genau, dass er mit den Arbeiten heute viel weiter kommen würde, wenn sie sich nicht hier aufhielt.

Je weiter sie weg war, desto besser. „Sie haben zugestimmt, dass Sie für die Dauer der Renovierungsarbeiten ausziehen“, rief er ihr in Erinnerung.

„Ich habe zugesichert, dass die Mieter nicht hier wohnen. Suzanne und Nicole sind fort.“

„Aber Sie sind noch hier.“

„Ich bin ja auch keine Mieterin.“

Kopfschüttelnd stieg er die Stufen zu ihr hinauf. Er brauchte diesen Job. Wenn er erstklassige Arbeit abliefern wollte, dann musste er sich in seine Aufgabe vertiefen, und das konnte er sicher nicht, wenn Taylor den ganzen Tag lang hier herumstolzierte. „Sie können doch nicht ernsthaft während der Bauarbeiten hier bleiben wollen.“

Entschlossen hob sie das Kinn und blickte ihn herausfordernd an. „Ich tue, was mir gefällt.“

Offenbar wollte sie tatsächlich bleiben. Vertraute sie ihm nicht oder wollte sie ihn nur um den Verstand bringen? „Warum?“

„Ich komme Ihnen schon nicht in die Quere.“ Das war eigentlich keine direkte Antwort auf seine Frage.

Mac wusste aus Erfahrung, dass Bauherren bei den eigentlichen Bauarbeiten nur störten, weil sie ständig die Abfolge der Arbeiten ändern wollten. „Sehen Sie mal, Prinzessin …“

„Mein Name“, sagte sie und lächelte kühl, während sie die Vase in die andere Hand nahm, als überlege sie, ob sie Mac das gute Stück auf den Kopf schmettern sollte, „lautet nicht Prinzessin.“

Mac fuhr sich mit dem Finger über die Nase. „Ich will mich hier nicht wie ein Sturkopf aufführen, aber wir alle kämen hier viel besser zurecht, wenn Sie uns einfach unsere Arbeit machen ließen.“

„Sie sind ein Sturkopf, das war ja einer der Gründe, weshalb ich Ihnen den Auftrag erteilt habe.“ Taylors Bemerkung überraschte Mac. „Und ich finde, Sie könnten mir schon ein bisschen vertrauen. Ich werde Ihnen bestimmt nicht auf die Füße treten.“

Mac vertraute ohnehin nur wenigen Menschen, und bestimmt keiner Frau, die es gewohnt war, dass ihr die Männer zu Füßen lagen.

„Vertrauen Sie mir“, wiederholte sie mit leiser Stimme und sah Mac unverwandt an.

Mac stemmt die Hände in die Seiten. Er sah Taylor in die Augen, aber die erwiderte den Blick mit der Kaltblütigkeit einer Kobra. „Also schön, wie Sie wollen.“

Taylor unterdrückte ihr Lächeln, doch der Triumph sprach aus ihrem Blick.

Mac sah das und konnte nicht glauben, dass ihre grünen Augen ihn erst gestern so unglaublich erregt hatten. Doch selbst jetzt löste ihr Blick Begierde in ihm aus.

„Werden Sie in dieser Woche noch mit dem Abklopfen des Putzes im Erdgeschoss fertig?“

„Unten und oben.“

„Oh.“ Sie wirkte ein wenig verunsichert. „Müssen Sie Ihre Mannschaft denn so antreiben?“

„Wieso fragen Sie?“

„Tja, ich finde, es reicht, wenn Sie in dieser Woche mit den Wänden im untersten Stockwerk fertig werden. Schließlich soll es fürchterlich heiß werden.“

„Eine Woche reicht für die Abrissarbeiten. Wir schaffen auch den ersten Stock“, erwiderte er unbeirrt.

„So.“

Es klang so, als hielte sie ihn nicht nur für einen Sturkopf, sondern auch für einen Sklaventreiber. „Solche Arbeiten sind sehr anstrengend und schmutzig“, erklärte er und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr es ihn nervte, dass er sein Vorgehen erklären musste.

„Das ist mir bewusst.“

„Deshalb ist es besser, wenn wir es so schnell wie möglich hinter uns bringen.“

„Okay, vielleicht können Sie und Ihre Leute erst im Erdgeschoss alle Renovierungsarbeiten beenden, bevor Sie im ersten Stock weitermachen.“

„Nein, das wäre unsinnig.“

„So.“

Es klang zweifelnd. Wieso wollte sie nicht, dass sie in dieser Woche schon in den ersten Stock kamen? Am liebsten hätte er sie zu einer Antwort gedrängt, aber mittlerweile hatten sie die ungeteilte Aufmerksamkeit der gesamten Mannschaft, und die Köpfe der Männer gingen hin und her wie bei einem Tennismatch.

Mac wollte Taylor keine Szene machen. Wenn sie ihm den ganzen Tag über im Nacken sitzen wollte, dann würde er dafür sorgen, dass sie heute Abend völlig verdreckt war und dass sie ihr elegantes Outfit ab morgen nur noch als Putzlappen benutzen konnte.

Ja, die Prinzessin würde Staub schlucken und schwitzen – und dann hoffentlich etwas von ihrer verheerenden Wirkung auf ihn verlieren.

„Auf geht’s“, ermunterte er seine Männer, und sie betraten das Haus.

3. KAPITEL

In den nächsten Tagen behielt Taylor die Umbauarbeiten genau im Auge, allerdings aus sicherem Abstand heraus. Sie war klug genug, Mac nicht weiter zu reizen, so leicht ihr das auch gefallen wäre.

Anscheinend empfand er dieselbe irritierende körperliche Anziehungskraft. Denn mehr als körperlich konnte sie nicht sein. Mac strahlte eine elementare Männlichkeit aus, und da konnte Taylor sich doch nur körperlich angezogen fühlen. Etwas Zärtliches, Einfühlsames konnte sie an ihm nicht entdecken.

Mit einem sanfteren Mann konnte sie Spaß haben und ihn wieder verlassen, wenn ihr danach war. Vorausgesetzt, sie wollte überhaupt einen Mann. Was zurzeit nicht auf ihrem Programm stand.

Später vielleicht. Im Moment hatte sie größere Probleme. Wie zum Beispiel sollte sie vor ihrem Bauunternehmer verbergen, dass sie nicht nur aus Interesse bei den Arbeiten zugegen war, sondern dass sie hier wohnte, weil ihr schlichtweg das Geld fehlte, um sich irgendwo anders einzuquartieren? Jeden Cent, den sie besaß, musste sie in dieses Haus stecken. Bevor der Umbau nicht fertig war, konnte sie keine neuen Mieter suchen und hatte kaum Einnahmen.

Suzanne und Nicole hatten ihr beide angeboten, bei ihnen zu wohnen, aber Nicole lebte jetzt mit Ty zusammen und Suzanne bei Ryan. Alle waren frisch verliebt. Obwohl Taylor dieses Gefühl kannte, wollte sie das nicht aus der Nähe mit ansehen. Das würde sie sich nicht antun.

Sie würde einfach hier bleiben, sich aus den Arbeiten heraushalten und Mac aus dem Weg gehen. Was schwierig werden könnte, denn mittlerweile wusste sie, wie wenig man sich vor Thomas Mackenzie verbergen konnte.

„Gehen Sie zur Seite, Prinzessin, oder Sie verwandeln sich innerhalb von zwei Sekunden in ein wandelndes Staubtuch.“

Wie aus dem Nichts aufgetaucht, stand er am Fuß der Treppe und blickte zu ihr hoch. Taylor lehnte sich im ersten Stock an das Treppengeländer vor ihrem Apartment. Bisher hatte Mac noch nicht mitbekommen, dass sie immer noch hier schlief.

Er trug einen Schutzhelm, Arbeitshandschuhe und eine Atemmaske, die ihm um den Hals baumelte. Das staubbedeckte dunkle T-Shirt klebte ihm am Leib. Taylors Herz schlug schneller, und das ärgerte sie. Aber er war so groß und sah so männlich aus. Den Vorschlaghammer in den Händen, musterte er sie mit durchdringendem Blick. So ungern Taylor es sich auch eingestand, sie zitterte fast vor Verlangen. Es erschreckte sie, dass sie sich hier wie ein Teenager aufführte. Wenn sie geahnt hätte, dass es dazu kommen würde, hätte sie den Auftrag an einen anderen Bauunternehmer vergeben.

Nein, beschloss sie, auch wenn dieser Mann es ihr nicht gerade leicht machte, so würde sie doch mit keinem anderen zusammenarbeiten wollen. Er mochte stur und direkt sein, aber er war grundehrlich und verstand sein Handwerk.

Ehrlichkeit war es im Moment allerdings nicht, was sich auf seinem Gesicht abzeichnete, als er langsam die Treppe zu Taylor hinaufkam. Als er direkt vor ihr stand, hatte sie den Eindruck, von seiner Größe und Kraft fast erdrückt zu werden. Er will mich nur einschüchtern, dachte sie, aber ich werde ihm zeigen, wer hier der Herr im Haus ist.

Sie hob den Kopf und reckte das Kinn.

„Sie stehen ja immer noch hier in dem ganzen Schmutz“, stellte er fest.

Ich werde nicht ausweichen, dachte Taylor. Keinen Millimeter. Auch wenn er mir jetzt so nahe ist, dass ich seine Körperwärme spüren kann. Sie sah ihm in die hellbraunen Augen und erkannte unglaubliches Selbstbewusstsein in seinem Blick.

Ihr Herz schlug schneller, und ihr wurde immer wärmer. Ihre Haut kribbelte, als würden sämtliche Nervenenden gleichzeitig gereizt. Nein, ich werde die Finger von ihm lassen, ermahnte sie sich. Schließlich hatte er keine der Eigenschaften, auf die sie bei einem Mann Wert legte. Er war nicht ruhig und gelassen. Er war nicht umgänglich, sondern sehr entschlossen, seinen Willen durchzusetzen. Sicher ließ er nicht zu, dass sie ihre Spielchen mit ihm trieb.

Es war schon lange her, seit ein Mann solche Emotionen in ihr ausgelöst hatte. Und Jeff Hathaway war damals eher noch ein Junge gewesen als ein Mann.

Sie hatten sich in der zweiten Klasse kennengelernt. Jeff hatte damals Tony Villa geschlagen, nachdem der Taylor als „Grünling“ verspottet hatte, nur weil sie ein grünes Kleid, eine grüne Strumpfhose und grüne Schuhe getragen hatte. Jeff hatte ihre Ehre verteidigt, und Taylor war selig gewesen.

In der sechsten Klasse hatte Jeff in der Mittagspause ihre Hand gehalten, obwohl alle anderen es sehen konnten, und damit hatte er endgültig ihr Herz erobert.

Auf der Highschool waren sie unzertrennlich gewesen. Taylor war felsenfest davon überzeugt, dass Jeff der Richtige für sie war. Es spielte keine Rolle, dass er aus ärmlichen Verhältnissen stammte und ihre Mutter ihn ablehnte. Er war Taylors Ein und Alles.

Sie wollten gleich nach Abschluss der Schule heiraten, aber Taylor war damals noch nicht achtzehn, und es war klar, dass ihre Mutter niemals ihre Einwilligung geben würde. Also warteten sie den Sommer über und schmiedeten Pläne fürs College, wo sie sich ein Zimmer teilen wollten. Im Oktober wollten sie dann heimlich zum Heiraten nach Las Vegas fahren, gleich nach Taylors achtzehntem Geburtstag.

Jeff war ihr bester Freund, ihr Liebhaber, ihr zukünftiger Ehemann.

Und am letzten Septembertag kam Jeff bei einem Autounfall ums Leben.

An die darauf folgenden Tage und die nächsten Jahre wollte Taylor nicht zurückdenken. Doch im Grunde war sie zäh und überstand das alles. Irgendwie lebte sie trotz ihres Kummers weiter, und mit Anfang zwanzig verabredete sie sich sogar hin und wieder. Doch sie wollte sich nur amüsieren. Auf keinen Fall wollte sie tiefe Gefühle entwickeln.

Selbst jetzt noch, mit siebenundzwanzig, kam es ihr manchmal so vor, als fehle ein Teil von ihr. Der beste Teil, nämlich Jeff. Taylor hatte ihn über alle Maßen geliebt. Natürlich kam sie mittlerweile mit dem Leben wieder zurecht. Sie konnte Gefallen an einem Mann finden, konnte lachen und all das tun, was sie zuvor auch getan hatte.

Nur eines hatte sich unwiderruflich geändert: Wenn sie jetzt einen Mann an sich heranließ, dann lediglich, um ein Bedürfnis zu stillen. Manchmal wollte sie sich an eine muskulöse Brust schmiegen oder sexuelle Erfüllung finden.

Mehr nicht. Es war jetzt fast zehn Jahre her, doch Taylor konnte sich immer noch nicht vorstellen, jemals wieder eine so tiefe und bedingungslose Liebe für einen Menschen zu empfinden.

„Prinzessin?“

Sie fuhr erschrocken zusammen. Wie hatte sie Mac bloß vergessen können? Er blickte sie gerade auffordernd an. Er war der erste Mann seit Jeff, nach dem sie sich überhaupt sehnte. Also schön, jetzt hatte sie es sich eingestanden. Das änderte aber überhaupt nichts daran, dass Mac nicht ihr Typ war.

„Ein bisschen Staub bringt mich nicht um“, sagte sie.

„Sie haben den schlimmsten Dreck ja auch noch nicht erlebt. Wenn Sie hier stehen bleiben, während wir im Flur den Putz abschlagen, werden Ihre Lungen innerhalb von einer halben Stunde wie Feuer brennen. Ganz zu schweigen von den Kopfschmerzen, die Sie bekommen werden.“

Klang da Fürsorge aus seiner Stimme? Damit macht er mich nicht weich, dachte Taylor. So, wie mein Körper auf ihn reagiert, darf ich keine Sekunde lang vergessen, den Verstand einzuschalten. Das wäre nicht nur dumm, sondern auch gefährlich.

„Danke für den guten Ratschlag.“ Lächelnd wandte sie sich ab und ging in ihr Apartment, das bis auf ihr Schlafzimmer und ihr Bad leer geräumt war. Fast alle ihre Möbel und ihre persönlichen Dinge befanden sich jetzt bei ihren wertvollen Antiquitäten in einem Lagerhaus.

Nur das Schlafzimmer war ihr als Zufluchtsort noch geblieben. Hier stand das große Himmelbett mit der luxuriösen Bettwäsche. Das war ihr noch aus der Zeit geblieben, als ihr Bankkonto immer prall gefüllt gewesen war.

Taylor fand es nicht schlimm, dass sie ihren Weg jetzt selbst meistern musste. Sie sah es eher als Herausforderung, der sie sich zu stellen hatte. Das alles war so plötzlich gekommen, und niemand hatte auf ihre Gefühle Rücksicht genommen.

Es wäre noch stark untertrieben zu behaupten, dass sie ihrer Familie nicht sehr nahe stand. Ihre Familie war selbstsüchtig, und da konnte sie sich selbst auch nicht ganz ausschließen. Jeder dachte in erster Linie nur an sich, etwas, das Taylor nicht ausstehen konnte. Ihre Absätze klapperten über den Boden, während sie hin und her lief. Sie sehnte sich nach einem anderen Leben. Sie wollte mehr als das, was sie hatte. Irgendetwas fehlte ihr.

Nur selten gestattete sie sich solches Selbstmitleid, aber jetzt sehnte sie sich nach Aufmunterung und Mitgefühl. Sie setzte sich auf ihr Bett, kramte ihr Handy hervor und rief Suzanne an.

„Was machen meine Ladenräume?“, fragte Suzanne zur Begrüßung. „Kann ich bald einziehen?“

Im Hintergrund hörte Taylor das Klappern von Töpfen und Geschirr, und sie musste lächeln. Sofort ging es ihr besser. Suzanne duftete stets nach Vanille, auf ihrer Kleidung waren immer irgendwo Essenskleckse, und meist war sie gerade dabei, irgendeine Köstlichkeit zuzubereiten.

„Dein kleiner Laden macht sich“, beantwortete Taylor die Frage. „Deinem Party-Service steht kaum noch etwas im Weg.“

„Ich bin jedenfalls bereit.“

„Ich auch.“ Hoffentlich konnte sie dann auch zeitgleich in die anderen Geschäftsräume einziehen. Voraussetzung dafür war allerdings, dass sie auf einen weiteren Mieter verzichten konnte. Taylor seufzte. „Ich kann es kaum erwarten, dich wieder in meiner Nähe zu haben.“

Das Töpfeklappern verstummte. „Ich dachte, dir gefällt es, ganz allein zu leben.“

„Tja, eigentlich gefällt es mir nicht so sehr, wie ich gedacht hätte.“

Einen Moment lang war vom anderen Ende der Leitung kein Laut mehr zu hören. „Taylor? Was ist los?“

Mist, sie hatte sich verraten. Ihre Freundinnen bedeuteten ihr sehr viel, aber sie war es nicht gewohnt, sich ihnen zu offenbaren. Taylor fiel es ohnehin schwer, über ihre Probleme zu reden. Im Grunde vertraute sie sich überhaupt niemandem an. Sie wusste ja selbst nicht genau, was mit ihr los war. Irgendetwas fehlte ihr, und sie spürte eine vage Sehnsucht in sich. Doch wonach sie sich sehnte, konnte sie nicht sagen.

„Ich wollte mich nur mal melden.“

„Du klingst bedrückt.“

„Nein, das kann nicht sein.“

„Ist auch egal. Ich komme zu dir, sobald ich hier fertig bin. Das kann höchstens eine halbe Stunde dauern. Dann bringe ich Eiscreme mit, und du kannst mir alles erzählen.“

Eiscreme war für Suzanne eine Art Allheilmittel. Normalerweise half Eisessen auch tatsächlich, aber im Moment glaubte Taylor nicht recht daran. „Sahneeis mit Schokolade?“ Taylor seufzte.

„Geht klar“, versprach Suzanne. „Gib mir dreißig Minuten, das reicht.“

Die Versuchung war sehr groß. Doch sosehr Taylor Suzanne auch mochte, sie konnte sich nicht vorstellen, ihrer Freundin von ihrer Vergangenheit zu erzählen. Der Verlust von Jeff und die Wahrheit über ihre gefühlskalte Familie, das alles hing irgendwie mit den Gefühlen, die ihr jetzt zu schaffen machten, zusammen. Taylor wollte nicht in diese Erinnerungen eintauchen, nachdem sie sie so viele Jahre verdrängt hatte. Wenn sie das jetzt tat, wäre der Schmerz vielleicht wieder so intensiv wie früher. „Heute Abend muss ich zu einem Treffen der Historischen Gesellschaft.“ Das stimmte sogar. „Aber vielleicht morgen, okay?“

„Abgemacht?“

„Abgemacht. Und gib Ryan einen Kuss von mir.“

„Ich wünschte, du würdest während der Bauarbeiten zu uns ziehen. Wenigstens zum Übernachten.“

„Mir geht’s hier ganz gut.“

„Aber du bist mitten in der Altstadt ganz allein in diesem großen, leeren, alten Haus.“

„Genau deswegen wird mich hier auch niemand stören. Weil das Haus alt und leer ist. Mach dir keine Sorgen, Suzanne, ich bin hier in Sicherheit.“

„Natürlich mache ich mir Sorgen, aber das hält dich bestimmt nicht davon ab, deinen Willen durchzusetzen. Also gut, wir reden morgen miteinander, ja?“

„Auf jeden Fall.“

Taylor steckte gerade das Handy weg, als Mac mit seiner tiefen rauen Stimme zu ihr sprach. Sie erschrak fürchterlich und zuckte zusammen.

„Sie sind gar nicht ausgezogen.“

Verdammt. „Sie sind ja ein sehr scharfer Beobachter. Der reinste Sherlock Holmes.“ Ganz langsam drehte sie sich auf dem Bett zu ihm um.

Das war ein Fehler.

Es kam ihr irgendwie schamlos vor, hier auf dem Bett zu sitzen, während er direkt davor stand. Er war ein so maskuliner Typ, und sie hatte spontan Lust auf ihn.

Seine Augen glänzten, und Taylor hatte auf einmal Schmetterlinge im Bauch. Stellte er sich gerade vor, hier bei ihr auf dem Bett zu sein? Malte er sich aus, was sie alles miteinander tun konnten? Darauf würde sie ganz sicher nicht eingehen, und sie wollte sich auch nicht irgendwelchen Tagträumen hingeben, auch wenn es ihr schwerfiel, ihre hyperaktive Fantasie zu zügeln.

„Ich weiß ja nicht, mit wem Sie gerade telefoniert haben“, stellte er fest. „Aber derjenige hat auf jeden Fall recht. Nachts sind Sie hier nicht sicher, auch wenn Sie das nicht wahrhaben wollen.“

„Ich bin hier so sicher wie auf der Polizeiwache.“

„Das Gebäude ist menschenleer, und man sieht ihm von außen an, dass hier renoviert wird. Sie wissen sehr genau, dass hier jeden Tag viele Leute vorbeikommen. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass nicht nachts jemand zurückkommt, um nachzusehen, ob es hier Baumaterial oder Werkzeug zu stehlen gibt?“

„Weil ich die Haustür abschließe.“

Abfällig stieß er die Luft aus.

„Ich bleibe auf jeden Fall, Mac.“

„Bestimmt kommen noch Tage, an denen Sie nicht einmal Strom haben werden, kein fließendes Wasser und kein Gas. Sie sind hier nicht im Hotel, Prinzessin. Selbst Camping ist komfortabler als das Wohnen in einem Haus ohne Energieversorgung.“

Seit Monaten schon gönnte Taylor sich keinerlei Luxus mehr, aber das wollte sie auf keinen Fall zugeben. Es ging Mac auch nichts an, dass sie Stück für Stück ihre Antiquitäten verkaufte, um genug Geld zur Verfügung zu haben. Mac hielt sie für eine verwöhnte Prinzessin, daran konnte sie nichts ändern. Es war ihr vollkommen gleichgültig, was er von ihr dachte.

Wenn er tatsächlich dachte, dass sie vor der ersten Herausforderung kniff, die das Leben ihr stellte, dann irrte er sich gewaltig. Sie würde weiter Spaghetti mit Tomatensoße aus der Dose essen, auch wenn die Renovierungsarbeiten sich ewig hinzogen. Ich werde das hier durchziehen, dachte sie. Das hier wird ein wunderschönes Haus, und bestimmt werde ich meine Pläne keinem Mann zuliebe ändern. Auch wenn er der erste Mann seit zehn Jahren ist, bei dem mein Herz schneller schlägt.

„Ich werde dafür sorgen, dass ich immer Batterien und Trinkwasser im Haus habe“, erklärte sie entschieden.

Lange blickte Mac sie unverwandt an, und schließlich schüttelte er langsam den Kopf. „Sind Sie immer so stur oder stellen Sie sich nur bei mir so an?“

Er war nicht der erste Mann, der sie für schwierig hielt, und Taylor bezweifelte, dass er der letzte sein würde. Doch im Moment war ihr der verletzte Stolz am wichtigsten. Sie würde Mac niemals gestehen, dass sie es sich schlichtweg nicht leisten konnte, während der Umbauten woanders zu übernachten. „Ich bleibe, Mac.“

„Trotz Schmutz und Lärm? Trotz der ganzen lästigen Umstände und der Gefahr?“

Die einzige richtige Gefahr drohte Taylor von ihm allein, doch für diese seltsame Komik fehlte ihm wahrscheinlich der Sinn. „Trotz Schmutz, Lärm und Gefahr.“

„Taylor, ich …“

„Immerhin ein Fortschritt. Sie sprechen mich mit meinem Namen an.“ Lächelnd neigte sie den Kopf zur Seite. „Dann kennen Se ihn also doch.“

Mac biss die Zähne zusammen. „Sie lassen sich nicht umstimmen, habe ich recht? Ich kann sagen, was ich will, aber Sie ändern Ihre Meinung nicht, stimmt’s?“

„Sie haben es erfasst.“ Ihr blieb keine andere Wahl. „Sie können sagen, was Sie wollen.“

4. KAPITEL

Das Nachtleben im South Village stand dem am Sunset Strip in Los Angeles in nichts nach. Es gab unzählige Veranstaltungen und unzählige Besucher, die extra deswegen jeden Abend durch die Straßen strömten. Doch im South Village waren die Menschen nicht aggressiv, hier herrschte eine entspannte, fröhliche Atmosphäre.

Die Stadtväter hatten diese Atmosphäre aus einem einzigen Grund gefördert: um Reichtum in die Stadt zu bringen.

Der Plan war aufgegangen. Alles war auf Touristen ausgerichtet, und die Menschen kamen in Scharen. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte das Viertel seine erste Blütezeit erlebt, in den dreißiger und vierziger Jahren war es still um das South Village geworden, und in den fünfziger und sechziger Jahren waren hier Protestmärsche und Demonstrationen an der Tagesordnung gewesen. Danach war das Viertel über zwanzig Jahre hinweg langsam wieder aufgebaut worden und hatte sich in eine wahre Goldgrube verwandelt.

Als Folge davon fand man heutzutage kaum noch einen freien Parkplatz.

Fluchend kurvte Mac immer wieder um den Häuserblock.

Er hatte einen langen anstrengenden Tag hinter sich, und jetzt wollte er nichts sehnlicher als eine winzige Parklücke, egal wo. Hauptsache, er konnte seinen Wagen irgendwo abstellen.

Die Hitze würde ihn noch umbringen – vorausgesetzt, Taylor schaffte das nicht vorher. Dazu brauchte sie ihn nur mit ihren wunderschönen grünen Augen anzusehen. Sicher dachte sie, sie könne ihre Gefühle verbergen, aber Mac konnte in ihren Blicken wie in einem Buch lesen.

Was ihn jedoch störte, war die Aura kühler Eleganz, die sie umgab. Allerdings war ihm mittlerweile klar, dass sie damit nur ihre unglaubliche Halsstarrigkeit verbarg, und er vermutete eine hitzige und leidenschaftliche Frau hinter der kühlen Fassade.

Heiße Leidenschaft war wiederum genau sein Fall. Er liebte Frauen, die genau wussten, was sie wollten und wie sie es auch bekamen. Wenigstens war das früher so gewesen.

Leider kam für Taylor und ihn keine noch so kurze Affäre infrage. Diese Frau mochte noch so heißblütig und aufregend sein – Mac wusste ganz genau, dass Taylor all das verkörperte, worauf er sich niemals mehr einlassen würde.

Außerdem verbarg sie irgendetwas vor ihm, das spürte er genau. Dieses Geheimnis hatte nichts damit zu tun, dass sie noch in dem Haus wohnte, obwohl er ihr gesagt hatte, sie solle ausziehen. Er konnte nur ihr zuliebe hoffen, dass es nichts mit seinem Job zu tun hatte. Seine ganze Zukunft hing davon ab, dass er diesen Auftrag erfolgreich beendete. Wieso brachte diese Frau ihn überhaupt dazu, wieder Gefühle zu haben?

Im Moment empfand er nur Hunger und Müdigkeit, aber es war wichtig für ihn, dass er heute Abend am monatlichen Treffen der Historischen Gesellschaft teilnahm. Er musste Kontakte knüpfen, auch wenn er dabei innerlich mit den Zähnen knirschte. Selbst wenn viele das nicht wahrhaben wollten, letztendlich ging es nicht darum, was man konnte, sondern wen man kannte. Und er musste sich diesen Regeln fügen.

Schlimmer wurde das Ganze noch dadurch, dass diese Treffen eher Cocktailpartys glichen als einer Informationsveranstaltung. Mac hasste Cocktailpartys.

Die Treffen fanden im Rathaus statt, und als Mac die Häppchen auf den Tellern sah, wünschte er sich sofort ein kühles Bier und eine saftige Pizza. Eine vierköpfige Band sorgte für die musikalische Untermalung, die so laut war, als wollten die Musiker mit Absicht jede Unterhaltung unmöglich machen.

Wenigstens funktionierte die Klimaanlage. Es war angenehm kühl, obwohl es draußen selbst zu dieser Zeit noch unglaublich schwül war.

Trotz der Hitze hatte sich die gesamte High Society des South Village hier versammelt und plauderte. Mac entdeckte bei seiner Ankunft sofort drei Stadträte, den Polizeichef und die Bürgermeisterin. Dann bahnte er sich einen Weg quer durch die Halle.

Die Menge hatte sich aus gutem Grund versammelt. Hier ging es um Geschäfte, und das war im South Village schon immer ein Thema gewesen, das man sehr ernst nahm. Außerdem dienten diese Treffen jedoch noch einem anderen Grund – sie waren eine Kontaktbörse für Singles.

Spöttisch lächelnd blickte Mac sich um. Stimmt, dachte er, überall Leute ohne festen Partner. Es gab viele junge Frauen aus bester Familie mit gierigem Blick, die durch die Menge zogen und sich nach geeigneten Kandidaten umsahen. Sie suchten Männer, die auf den kleinsten Wink ihrer sorgfältig manikürten Finger reagierten. Diese Männer mussten einen guten Namen haben und ein dickes Bankkonto, das den Frauen ein sorgloses Leben bescherte.

Mac kannte sich da aus. Schließlich hatte er auf einem solchen Treffen ein paar Geschäfte tätigen wollen, als seine Exfrau ihn sich geangelt hatte. Sie hatte bei seinem Namen gleich das große Geld gewittert und nicht damit gerechnet, dass ihm seine Unabhängigkeit mehr bedeutete als ein Leben im Reichtum, das seine Familie ihm ermöglichen konnte.

Auch heute noch fand Mac es beschämend, wie leicht es ihr gefallen war, ihn zu ködern. Sie musste nur lächeln und sich ein paar Mal durch das perfekt frisierte Haar streichen, und schon war er ihr verfallen.

Diese verdammten Erinnerungen!

Er verdrängte die Gedanken an die Vergangenheit, setzte ein Lächeln auf und kämpfte sich weiter durch die Menge. Er hatte den festen Vorsatz, nett zu sein und sich unter die Menge zu mischen.

Eine Stunde später war Mac davon überzeugt, seine Pflicht erfüllt zu haben. Er hatte mit den wichtigsten Entscheidungsträgern geplaudert. Beispielsweise mit der Bürgermeisterin Isabel W. Craftsman, die für ihren rücksichtslosen Ehrgeiz bekannt war. Dennoch waren sich alle einig, dass sie für die Stadt mehr erreicht hatte als jeder andere Bürgermeister zuvor. Auch mit dem Stadtrat Daniel Oberman, der früher einmal selbst ein Bauunternehmen geleitet hatte, jetzt aber mit vollem Einsatz die Renovierungsprojekte vorantrieb, hatte Mac gesprochen und mit verschiedenen anderen.

Kein Wunder, dass er jetzt Kopfschmerzen hatte. In dieser Woche hatte er schwer gearbeitet, und deshalb beschloss er, in ein paar Minuten mit einem höflichen Lächeln zu verschwinden.

Und das hätte er bestimmt getan, wenn er Taylor Wellington nicht gesehen hätte, die Frau, die ihm im Moment das Leben zur Hölle machte.

Sie trug ein glänzendes hellblaues Kleid mit Spaghettiträgern, das ihre Schenkel nur halb bedeckte. Ihre nackten Beine waren gebräunt und noch länger, als Mac sie in Erinnerung hatte. Im Augenblick wurde Taylor von einer Gruppe von Frauen umringt, die alle aussahen, als wäre es ihr höchstes Ziel im Leben, sich für solche Anlässe zurechtzumachen. Jede von diesen Frauen hätte auf das Titelbild einer Zeitschrift gepasst, doch in Macs Augen sahen sie alle wie Plastikpüppchen aus, Taylor eingeschlossen.

Dann hob sie den Kopf und blickte ihm in die Augen. Und innerhalb eines Wimpernschlags bekam ihr kühler Blick einen Ausdruck, den man nur als leidenschaftlich bezeichnen konnte. Das passierte so schnell, dass Mac schon glaubte, er hätte es sich bloß eingebildet.

Dieser Blick traf ihn mitten ins Herz. Es war gleichzeitig quälend und unglaublich schön. Aber wie kam sie dazu, ihn so anzusehen?

Taylor blickte ihm weiter in die Augen, obwohl die Leute um sie herum mit ihr sprachen, sie anlächelten und ihr im Vorbeigehen zunickten. Sie schien völlig unberührt von dem, was um sie herum vorging. Doch dann war der Moment vorbei, und ihr Blick wurde wieder so kühl, als sei nichts geschehen.

Ihre Gedanken und Gefühle verbergen, das kann sie wirklich gut, dachte Mac. Mir soll’s recht sein. Ich will nämlich gar nichts Näheres darüber wissen.

Doch sie blickte immer wieder zu ihm hinüber, und Mac konnte gar nicht anders, er ging langsam auf sie zu. Er fühlte sich wie an einem Bungee-Sprungseil, das an Taylor befestigt war. Und das, obwohl er sich gerade eben erst vorgenommen hatte, von hier zu verschwinden?

Als er Taylor erreicht hatte, wich seine Benommenheit langsam, und er nahm seine Umgebung wieder wahr. Er spürte die kühle Luft und hörte die aufgetakelte rothaarige Frau links von Taylor sagen: „Es überrascht mich, dich hier zu sehen, Taylor. Eigentlich hatten wir gehört, dass du – wie soll man es ausdrücken? – dass du auf der sozialen Leiter ein paar Sprossen nach unten gerutscht seist.“

„Ganz nach unten“, fügte die perfekt frisierte Frau zu Taylors Rechten hinzu. „Bis zur untersten Sprosse.“

Einige der Frauen lachten, so als würden sie sich alle über den Scherz amüsieren. Doch im Grunde bestand kein Zweifel, dass sie sich alle über Taylor lustig machten.

Sie wandte sich wieder den Frauen zu und wirkte dabei so kühl und abweisend, als könnte ihr der Spott der anderen überhaupt nichts anhaben.

„Wir haben von dem Testament gehört.“ Die Frau, die das sagte, schaffte es nicht ganz, einen überzeugend mitfühlenden Blick aufzusetzen. Ihre Häme ließ sich nicht überspielen. „Hat dein Großvater wirklich sein ganzes Geld deiner Mutter vermacht und dir keinen Cent hinterlassen?“

Unbeeindruckt erwiderte Taylor ihren Blick. „Was spielt das für eine Rolle? Ich brauche kein Geld von irgendwem.“

Als sei das der beste Witz des Abends, fingen alle an zu lachen.

Taylor presste die Lippen zusammen.

„Du bist so witzig“, stellte die Rothaarige fest. „Du bringst mich immer zum Lachen.“

„Deine Mutter sieht gut aus“, stellte eine der anderen fest. „Und mit dem Geld von ihrem Daddy kann sie sich zur nächsten Wahl bestimmt eine spitzenmäßige Kampagne leisten.“

„Ganz bestimmt“, erwiderte Taylor nur.

Mac wusste nicht genau, worüber diese Frauen sprachen, aber weil er den Blick nicht von Taylor abwenden konnte, war ihm etwas aufgefallen, das ihn erschreckte.

Ihre Körperhaltung wirkte ganz gelassen, nur an ihrem Blick sah er, dass der Spott der anderen Frauen ihr doch zu schaffen machte. Offenbar spielte es für sie eine große Rolle, was diese Frauen von ihr hielten.

Wieso war er eigentlich nicht sofort weggerannt?

Eine andere Frau aus der Gruppe tätschelte Taylors Arm. „Ich jedenfalls finde, du hast dich bis jetzt tapfer geschlagen.“

„Wenigstens hast du noch all diese fantastischen Sachen zum Anziehen.“ Neidisch betrachtete die Rothaarige Taylors atemberaubendes Kleid. „Jetzt musst du einfach nur damit anfangen, jedes Teil mehr als einmal zu tragen.“

„Und keine Sorge, bei unseren monatlichen Treffen zahlen wir deinen Lunch mit“, bot eine andere an.

Mac hätte gern ein paar dieser Frauen erwürgt. Hatte er nicht gerade eben noch gedacht, dass Taylor perfekt in diese Gruppe passte? Auf einmal wirkte sie überhaupt nicht mehr wie ein Plastikpüppchen, sondern wie ein ganz normaler Mensch, der verletzt war.

„Wie nett von euch, dass ihr euch so um meine finanzielle Lage sorgt.“ Taylors Stimme klang eiskalt. „Sehr rührend.“

Jetzt lächelte nur noch Mac.

„Aber macht euch keine Sorgen um mich“, fuhr sie fort. „Ich komme sehr gut zurecht.“ Sie wandte sich um und ging von den Frauen weg. Und auch von Mac.

Den Kopf hielt sie hoch, und sie sprach mit niemandem mehr. Taylor wollte auf die Veranda und von dort in den angrenzenden botanischen Garten gehen, der von der Historischen Gesellschaft finanziert wurde.

Sie öffnete die Türen und trat hinaus in die Nacht. Mac folgte ihr wie ein Welpe, der sich nach Streicheleinheiten sehnt.

5. KAPITEL

Taylor atmete tief durch und trat in die warme Sommernacht. Nein, beschloss sie, ich werde mich zusammennehmen und das alles nicht an mich heranlassen. Sie war unendlich traurig, aber die Sticheleien dieser Frauen, die sie früher für Freundinnen gehalten hatte, hatten nur wenig damit zu tun.

Diese Frauen waren ihr unwichtig, aber Taylor fühlte sich unsagbar einsam, obwohl ihre eigene Mutter auch auf der Party gewesen war. Ja, sie hatten sich begrüßt und sich das obligatorische Küsschen gegeben, haarscharf an der Wange vorbei, denn schließlich musste man ja darauf achten, dass das Makeup nicht litt und die Kleidung nicht zerknitterte. Also hatten sie beide gelächelt und den üblichen Small Talk gemacht.

Es war eine feucht-schwüle Nacht. Doch genau das brauchte Taylor jetzt als Ausgleich für die Eiseskälte der vergangenen Stunde. Sie stellte sich an das Geländer, um in den Garten zu sehen. Es hieß, dieser Garten sei der schönste im ganzen South Village.

Was bin ich überhaupt für eine Frau?, fragte sie sich. Ich bin siebenundzwanzig und habe bisher von fremdem Geld gelebt. Eigentlich verdiene ich wirklich den Spott, den ich heute geerntet habe, aber aus anderem Grund, als die anderen denken.

Taylor hatte sich nie anstrengen müssen, um etwas zu erreichen. Bis jetzt.

Sie lehnte sich ans hölzerne Geländer und rieb sich die Schläfen. Als sie sich die Tränen aus den Augen wischte, verschmierte sie das Make-up. Es war ihr egal. Armes, reiches Mädchen, dachte sie und hasste sich für ihr Selbstmitleid. Außerdem hätte es richtig heißen müssen: armes ehemals reiches Mädchen.

War es denn so absurd, dass sie sich heute Abend nach so langer Zeit etwas von ihrer Mutter erhofft hatte? Eine richtige Umarmung oder ein echtes Lächeln?

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