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JULIA BESTSELLER

EMMA DARCY

Das Weihnachtswunder

Zutiefst gerührt liest Anthony den Wunschzettel seines Mündels Kimberley. Die Kleine will endlich ihre Mutter kennenlernen. Und als sie Meredith in Sydney besuchen, passiert etwas Seltsames: Nicht nur Kimberley fühlt sich sofort unendlich vertraut mit Meredith – auch ihm geht es so. Wieso glaubt er, die schöne junge Frau zu kennen?

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Das Weihnachtswunder

1. KAPITEL

„Onkel Anthony? Du hast mich doch gefragt, was ich mir zu Weihnachten wünsche, stimmt’s?“, fragte Kimberly streitlustig.

Sofort wusste Anthony, dass ihm nicht gefallen würde, was nun kam. Seine zwölfjährige Nichte konnte manchmal schon so schwierig und nervenaufreibend sein wie ein echter Teenager. Seit Rachel zum Sonntagsbrunch gekommen war, hatte Kimberly in ihrem Zimmer geschmollt. Jetzt stand sie an der Balkontür, und die herausfordernde Frage erweckte keine Hoffnungen auf einen friedlichen, harmonischen Sonntag. Anthony war überzeugt, dass sich Kimberly irgendetwas völlig Unzumutbares ausgedacht hatte und Streit anfangen wollte. „Ja, ja“, sagte er gespielt zerstreut, ohne die Zeitung sinken zu lassen. Vielleicht würde die Sache glimpflich ausgehen, wenn er nicht anbiss.

Rachels Zeitung raschelte. Zweifellos lächelte Rachel seine Nichte aufmunternd an. Sie tat ihr Bestes, um das Mädchen für sich zu gewinnen. Was jeden Tag aussichtsloser wird, dachte Anthony trübsinnig.

„Ich wünsche mir meine richtige Mutter.“

Im ersten Moment war Anthony so schockiert, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Als er sich ein bisschen erholt hatte, überlegte er hektisch, wie er reagieren sollte.

Ihre richtige Mutter … War es ein Täuschungsmanöver, ein Hirngespinst oder Wissen? Unmöglich zu sagen, ohne dass er Kimberly ansah. Anthony ließ die Zeitung sinken und blickte seine Nichte an, als hätte er keine Ahnung, wovon sie sprach. „Wie bitte?“

Mit dem Bluff kam er nicht durch. Kimberlys grüne Augen funkelten vor Wut. „Du weißt Bescheid, Onkel Anthony. Bevor du nach Moms und Dads Tod mein Vormund geworden bist, hat es dir der Anwalt bestimmt gesagt.“

Anthony blieb vorsichtig. „Was gesagt?“

„Dass ich adoptiert wurde.“

Er war bestürzt. Eigentlich sollte Kimberly das nicht wissen. Seine Schwester hatte es dem Kind um jeden Preis verschweigen wollen. Nach dem tödlichen Unfall im vergangenen Jahr hatte Anthony es für das beste gehalten, seiner Nichte nichts zu sagen, bis sie achtzehn war. Schließlich hatte sie unter schrecklichen Umständen Vater und Mutter verloren und musste sich daran gewöhnen, bei ihrem Onkel zu leben. Damit hatte sie genug zu bewältigen, und er hatte sie nicht noch mehr beunruhigen wollen.

„Ich habe eine richtige Mutter!“ Kimberly hob trotzig das Kinn. Sie warf Rachel einen bösen Blick zu und sah dann wieder starr Anthony an. „Und ich möchte Weihnachten mit ihr zusammensein.“

Ihm wurde klar, dass dies eine wirklich ernste Konfrontation war. Er legte die Zeitung beiseite. „Wie lange weißt du es schon?“, fragte er ruhig.

„Eine Ewigkeit“, erwiderte das Mädchen.

„Wer hat es dir erzählt?“ Es muss Colin gewesen sein, dachte Anthony. Der Mann seiner Schwester war ein liebenswerter Mensch gewesen. Denise hatte in der Ehe dominiert, dennoch waren Colins Würde und Integrität nicht zu erschüttern gewesen, wenn es um Dinge gegangen war, die er für „korrekt“ gehalten hatte.

„Niemand“, sagte Kimberly stolz. „Ich habe es selbst herausbekommen.“

Erschrocken fragte sich Anthony, ob er es zu früh bestätigt hatte. Wie, um alles in der Welt, sollte Kimberly das gemacht haben? Wenn es Wissenschaftler gegeben hätte, die daran gearbeitet hätten, ein Baby so an eine Familie anzugleichen, dass ein adoptiertes Kind genau wie ein eigenes aussah, wäre Kimberly ein erstklassiges Beispiel für den Erfolg solcher Forschungen. Niemand könnte ihm widersprechen, wenn er seine Nichte als typische Hamilton bezeichnen würde.

Wie seine Schwester und er war Kimberly langbeinig und groß und hatte schwarzes Haar. Sie hatte sogar ein Familienmerkmal, das Generationen zurückreichte: einen Wirbel am Haaransatz. Kimberly hatte grüne Augen, und nicht dunkelbraune. Manche Merkmale ließen sich weder bei den Hamiltons noch bei Colins Familie finden, aber schließlich war jeder Mensch einzigartig. Wenn Denise behauptet hätte, Kimberly sei ihr eigenes Kind, hätte Anthony niemals daran gezweifelt.

Kimberly hatte es getan. Warum?

„Würdest du mir bitte verraten, wie du darauf gekommen bist?“, fragte Anthony gespielt gelassen.

„Die Fotos“, erwiderte sie, als würde sie unwiderlegbare Beweise vorbringen.

Er hatte keine Ahnung, wovon sie sprach.

Kimberly kam nach draußen auf den Balkon und nahm sich eine Kirsche von dem Obstteller, den sich ihr Onkel und Rachel geteilt hatten. Die Zwölfjährige schob sich die Kirsche in den Mund und kaute herausfordernd. Dabei schaute sie Anthony an, als wartete sie nur darauf, dass er eine Bemerkung darüber machte.

Rebellion lag in der Luft. Alles an Kimberly strahlte Aggressivität aus. Sie trug orange-gelb karierte Shorts und ein dazu passendes limonengrünes Top. Die grünen Augen funkelten kämpferisch. Wenn sie sich bewegte, schwang ihr Pferdeschwanz mit. Sogar das kam Anthony angriffslustig vor. Das Mädchen gab mit allem Erklärungen ab: Niemand würde sie ignorieren, übersehen oder links liegenlassen.

Er sah Rachel an, die taktvoll so tat, als interessierte sie sich nicht für peinliche Familienangelegenheiten. Vom Balkon seiner Wohnung in Blues Point hatte man einen hervorragenden Blick auf den Hafen. Rachel schaute zwar aufs Wasser, doch daran, wie still und steif sie dasaß, erkannte Anthony, dass sie gespannt lauschte. Trotz ihrer intimen Beziehung wollte er plötzlich nicht, dass Rachel dies hörte.

„Rachel … das ist sehr privat …“

„Natürlich.“ Sie stand sofort auf und lächelte ihn verständnisvoll an. „Ich lasse euch damit allein.“

Er mochte so vieles an ihr. Sie war tüchtig, hochintelligent und wusste mit Menschen umzugehen … mit den meisten jedenfalls. Von seiner zwölfjährigen Nichte ließ sich Rachel oft aus der Fassung bringen. Sogar ihre Berufe passten gut zusammen. Sie war Investmentberaterin und er Banker. Beide waren sie in den Dreißigern. Rachel Pearce war in jeder Hinsicht begehrenswert, und Anthony glaubte nicht, dass er eine bessere Lebensgefährtin finden könnte. Und trotzdem … die magische Anziehungskraft fehlte.

Rachels kastanienbraunes Haar glänzte in der Sonne, und die schicke Kurzhaarfrisur sah aus wie eine prächtige kupferfarbene Haube. Bildhübsch, immer elegant, sexy und stets freundlich zu ihm … Mehr konnte er von einer Frau nicht verlangen. Dennoch fand Anthony es nicht richtig, sie in ein so heikles Familiengeheimnis wie Kimberlys Adoption einzuweihen. Sie würden über Denise und Colin sprechen, und das ging Rachel nichts an. Noch nicht.

Anthony stand auch auf, fest entschlossen, die Situation zu beherrschen. „Danke für deinen Besuch, Rachel.“

„War mir ein Vergnügen. Ich hoffe …“ Sie betrachtete Kimberly, die sich gerade noch eine Kirsche nahm und die Freundin ihres Onkels demonstrativ ignorierte. Rachel zuckte hilflos die Schultern, warf Anthony einen letzten wehmütigen Blick zu und ging zur Balkontür.

„Selbst wenn meine richtige Mutter mich nicht will, werde ich nicht auf Ihr ehemaliges Internat gehen!“, rief Kimberly. „Denken Sie nur nicht, dass Sie mich so leicht loswerden.“

Rachel erstarrte.

Das war ein weiterer Schock für Anthony, aber diesmal wusste er zumindest sofort, was dahintersteckte: sein Gespräch mit Rachel am vergangenen Abend. Kimberly hatte im Bett liegen und schlafen sollen, aber offensichtlich hatte sie Rachel und ihn belauscht. Deshalb war Kimberly so aggressiv. „Es geht nicht darum, dich loszuwerden“, sagte er kurz angebunden. „Mich interessiert nur, was am besten für dich ist.“

„Am besten für dich, meinst du“, erwiderte Kimberly. „Und für sie.“ Die Zwölfjährige blickte wütend Rachel an. „Ich bin nicht dumm, Onkel Anthony.“

„Genau. Und deshalb möchte ich, dass du deine höhere Bildung auf einer guten Schule bekommst. Du sollst die besten Lehrer und den besten Unterricht haben.“

„Die meisten Mädchen würden es als Privileg ansehen, aufs PLC zu gehen“, sagte Rachel eifrig. „Mir hat die Zeit auf dem Internat viel gebracht.“

„Dass Sie so reden, ist ja klar“, schimpfte Kimberly. „Sie würden alles tun, um mich beiseite zu schieben. Glauben Sie, ich merke nicht, dass ich nicht erwünscht bin?“

„Genug jetzt, Kimberly“, warnte Anthony. Seine Freundin hatte sich wirklich bemüht, gut mit dem Kind auszukommen. Leider schien es keinen gemeinsamen Nenner zu geben. Oder Kimberly wollte keinen finden.

„Warum Internat, Onkel Anthony?“, fragte sie trotzig. „Wenn es dir nur um die Ausbildung geht, könnte ich doch als Tagesschülerin aufs PLC. Die Schule ist hier in Sydney.“

„Du bist zu oft allein“, erwiderte er. „Ich meine, mit anderen Mädchen zusammen zu sein würde dein Leben bereichern.“

„Du meinst das?“ Kimberly warf Rachel einen anklagenden Blick zu. „Oder hat Miss Pearce dich davon überzeugt?“

„Ich wollte es nach Weihnachten mit dir besprechen.“

Kimberly sah wieder wütend Anthony an. „Ich habe doch gehört, dass du zu ihr gesagt hast, sie solle versuchen, mich dort unterzubringen.“

„Das ist noch nicht endgültig. Und du hättest uns nicht belauschen sollen.“

„Wenn Mom gewollt hätte, dass ich auf ein teures Internat gehe, hätte sie mich schon vor Jahren angemeldet.“ Tränen schimmerten in Kimberlys Augen. „Du willst mich nicht, Onkel Anthony. Nicht so, wie Mom und Dad mich gewollt haben.“

Anthony erkannte, dass seine Nichte den Schmerz über den Tod ihrer Eltern noch nicht bewältigt hatte. Er konnte ihr Vater und Mutter nicht ersetzen. Niemand konnte das. Und er vermisste die beiden ja auch. Seine einzige Schwester, die ihn so gut wie großgezogen hatte, und Colin, der immer freundlich zu ihm gewesen war und ihn unterstützt hatte. Es war schwer gewesen, sein Leben mit dem einer Zwölfjährigen in Einklang zu bringen, aber nicht ein einziges Mal in diesem Jahr hatte Anthony die neue Aufgabe widerwillig erfüllt. „Doch, ich will dich, Kimberly“, versicherte er ihr ernst.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich wurde dir aufgeladen, und jetzt möchtest du mich woanders abladen.“

„Nein.“

„Wenn meine richtige Mutter mich haben will, brauchst du überhaupt nichts mehr zu tun.“ Kimberly wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab. „Dann kannst du mich bei ihr abliefern und frei und unbelastet mit deiner Freundin zusammen sein, ohne dich um die Tochter anderer kümmern zu müssen.“ Sie schaute wütend Rachel an. „Ich will Sie ebenso wenig am Hals haben, wie Sie mich am Hals haben wollen, Miss Pearce.“

Machtlos gegen solche Feindseligkeit, blickte Rachel seufzend Anthony an.

„Geh einfach“, riet er.

„Tut mir leid.“

„Nicht deine Schuld.“

„Nein, es ist meine Schuld!“, schrie Kimberly. „Ich verderbe euch beiden alles. Deshalb sollte ich gehen!“ Sie lief zur Balkontür und drückte sich an Rachel vorbei.

Anthony folgte seiner Nichte, doch sie war schon durchs Wohnzimmer gerannt und riss die Haustür auf. Schon halb draußen, drehte sich Kimberly noch einmal um und rief: „Wenn ich dir überhaupt irgendetwas bedeute, bring mir zu Weihnachten meine richtige Mutter, Onkel Anthony! Dann wird vielleicht noch alles gut.“

2. KAPITEL

An diesem Tag war das Päckchen von Denise Graham auch nicht gekommen. Einmal im Jahr schrieb sie, wie es Kimberly ging, und schickte Fotos, die sie in den vergangenen zwölf Monaten von ihrer Adoptivtochter gemacht hatte.

Deprimiert und besorgt betrat Meredith Palmer ihre Wohnung und schloss hinter sich ab. Wieder sah sie die Post durch, die sie gerade aus dem Briefkasten genommen hatte. Weihnachtskarten, Kontoauszüge, ein Werbeprospekt … Meredith öffnete jeden Umschlag und kontrollierte den Inhalt zweimal, aber sie hatte sich nicht geirrt. Von Denise Graham war nichts dabei.

Normalerweise kam das Päckchen in der letzten Novemberwoche. Elf Jahre lang hatte es immer pünktlich im Briefkasten gelegen. An diesem Tag war der vierzehnte Dezember, und jetzt war Meredith überzeugt, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Sogar ihre Briefe ließen erkennen, dass Denise Graham übergenau war, ein Mensch, der nach einem strengen „Fahrplan“ lebte. Entweder war das Päckchen in der Weihnachtspost verloren gegangen, oder im Haushalt der Grahams stimmte irgendetwas nicht.

Krankheit? Ein Unfall?

Meredith malte sich alle möglichen Katastrophen aus. Nicht Kimberly, dachte sie. Bitte … nicht Kimberly! Ihr kleines Mädchen musste noch ein wundervolles Leben vor sich haben. Nur indem sie daran geglaubt hatte, hatte Meredith all die Jahre damit fertig werden können, dass sie ihre Tochter nicht behalten hatte.

Sich das Schlimmste vorzustellen brachte überhaupt nichts. Vielleicht war dem Anwalt etwas zugestoßen, der die Adoption abgewickelt hatte und seitdem Denise Grahams jährlichen Bericht und die Fotos an Meredith weiterleitete. Wann immer sie umgezogen war, hatte sie ihm die neue Adresse mitgeteilt. Und sie war mindestens ein halbes Dutzend Mal umgezogen, bevor sie genug Geld gespart hatte, um sich diese Wohnung in Balmoral zu kaufen. Jedes Mal hatte Meredith vom Anwalt eine Empfangsbestätigung erhalten, und niemals war etwas schiefgegangen. Aber möglicherweise hatte er die Angelegenheit jemand anderem übergeben, der nicht so übertrieben genau und gründlich arbeitete.

Meredith ging ins Wohnzimmer und setzte sich an den Schreibtisch, der in einer Ecke zwischen zwei Wänden mit Bücherregalen stand. Nachdem sie die Post sortiert und in die verschiedenen Eingangsablagen gelegt hatte, zog Meredith eine Schublade auf und holte ihr Adressbuch heraus. An diesem Tag konnte sie die Anwaltsfirma nicht mehr anrufen, aber sie würde es am nächsten Morgen als Erstes tun. Sie schrieb die Telefonnummer in das Notizbuch, das sie immer in der Handtasche hatte.

Allein schon weil sie beschlossen hatte, etwas zu unternehmen, fühlte sich Meredith ein bisschen besser, aber sie hörte trotzdem nicht auf, sich Sorgen zu machen. Sie schaltete den Fernsehapparat ein, bekam jedoch von den Abendnachrichten kein Wort mit. Das Glas Weißwein, das sie sich eingeschenkt hatte, war plötzlich leer, ohne dass sie sich erinnern konnte, etwas getrunken zu haben. Schließlich ging sie in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Nachdem sie mehrere Minuten lang hineingeschaut hatte, gab sie den Gedanken auf, sich ein anständiges Essen zu kochen, und entschied sich für Käse, Gewürzgurken und Cracker.

Meredith hatte keine rechtsgültigen Beweise, das war das Problem. Wenn Denise Graham aus irgendeinem Grund beschlossen hatte, den einzigen Kontakt mit ihr abzubrechen, konnte Meredith überhaupt nichts tun. Sie war verzweifelt gewesen, als sie ihr Baby hergegeben hatte, und aus Mitleid hatte Denise Graham versprochen, ihr einmal im Jahr zu schreiben und Fotos von Kimberly zu schicken. Es war eine Vertrauenssache gewesen. Wenn der Anwalt ihr sagte, es würden keine Päckchen mehr kommen, musste sich Meredith damit abfinden.

Das Gefühl, völlig machtlos dagegen zu sein, quälte sie, raubte ihr den Appetit und machte es ihr unmöglich, irgendetwas Sinnvolles zu tun. Als es klingelte, wollte sie zuerst nicht öffnen. Es war kurz nach acht. Sie erwartete niemanden und war nicht in der Stimmung für Besuch. Nur der Gedanke, dass vielleicht ein Nachbar Hilfe brauchte, veranlasste Meredith, zur Tür zu gehen.

Allein zu leben erforderte Vorsichtsmaßnahmen. Die Sicherheitskette ließ nur eine sehr schmale Öffnung zu. Und durch diesen Spalt schaute Meredith ungläubig den Mann an, der vor der Tür stand.

Niemals hatte sie damit gerechnet, ihn noch einmal wiederzusehen. Sein Anblick löste all die Empfindungen aus, die nur er jemals in ihr hervorgerufen hatte. Ihr Herz klopfte wie verrückt, und Erregung durchflutete sie wie eine prickelnde Woge. So war es vor dreizehn Jahren gewesen. Erinnerungen überwältigten Meredith, und sie konnte ihn nur starr ansehen.

„Miss Palmer? Meredith Palmer?“

Seine volltönende Stimme weckte Gefühle, die so lange im Verborgenen gelegen hatten, dass sie Meredith fremd geworden waren …

Aber er erkannte sie nicht. Sonst hätte er sie Merry genannt. Den Namen hatte er ihr gegeben … Merry Christmas, Fröhliche Weihnachten. Das schönste Weihnachten, das er jemals erlebt hatte.

„Ja.“ Noch immer tat es weh, daran zu denken, was seine Schwester gesagt hatte, als sich Meredith damals mit dem Vater ihres Babys in Verbindung hatte setzen wollen. Denise Graham hatte behauptet, er habe einen Unfall gehabt und könne sich an die Sommerferien und an Meredith nicht erinnern. Da er bereits in die Vereinigten Staaten geflogen war – er hatte ein zweijähriges Stipendium an der Harvard University erhalten –, hatte Meredith keine Möglichkeit gehabt, nachzuprüfen, ob seine Schwester die Wahrheit gesagt hatte.

Jetzt hatte Meredith den Beweis. Nicht Merry. Miss Meredith Palmer mit Fragezeichen.

Aber auch wenn er sich nicht erinnerte, müsste er sich doch unwillkürlich zu ihr hingezogen fühlen. Es war damals nicht einseitig gewesen.

„Mein Name ist Anthony Hamilton …“ Er zögerte, als würde es ihm schwerfallen, sich auf den Zweck seines Besuchs zu konzentrieren.

Da er nicht zu ihr gekommen war, weil er sich an sie erinnerte, musste es mit Kimberly zu tun haben. Hatte er erfahren, dass sie seine Tochter war? War ihr etwas zugestoßen? Überbrachte er schlechte Nachrichten von seiner Schwester?

„Ich bin Denise Grahams Bruder.“

„Ja“, sagte Meredith wieder. Sie war sich qualvoll bewusst, welche Folgen diese Verwandtschaft für sie gehabt hatte. Aber jetzt verdrängte Angst den Gedanken daran. „Sie sind bestimmt wegen Kimberly hier. Das Päckchen … Ich hätte es schon vor vierzehn Tagen erhalten sollen.“

„Das habe ich gehört“, erwiderte er mitfühlend. „Darf ich hereinkommen? Ich habe viel zu erklären.“

Meredith nickte nur. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Seit dreizehn Jahren beherrschten dieser Mann und sein Kind ihr Leben. Ihn nach so langer Zeit leibhaftig vor sich zu sehen kam ihr gleichzeitig wie ein Traum und ein Alptraum vor. Ungeschickt löste sie die Sicherheitskette. „Geht es Kimberly gut?“, stieß Meredith hervor, als sie die Tür öffnete.

„Ja. Besser könnte es dem Mädchen nicht gehen“, versicherte ihr Anthony Hamilton schnell. Er kam herein und blieb neben Meredith stehen, die sich an die Wand lehnte, weil ihr vor Erleichterung schwindlig geworden war. „Tut mir leid, dass Sie sich Sorgen gemacht haben.“ Er blickte sie beunruhigt an. „Ihrer Tochter geht es ausgezeichnet, Miss Palmer.“

Zum ersten Mal nach dreizehn Jahren sprach jemand aus, dass sie eine Tochter hatte. Tränen traten Meredith in die Augen. Niemand wusste Bescheid. Sie hatte immer geheimgehalten, dass sie ein Kind hatte. Es war schwer, so etwas jemandem anzuvertrauen. Wer hätte es verstehen können? Sie war in einer Notlage gewesen und beeinflusst worden. Alle hatten gesagt, es sei das Beste, ihr Baby herzugeben. Und sie hatte geglaubt, das Richtige zu tun. Trotzdem wurde sie manchmal von Schmerz überwältigt, wenn sie an das Kind dachte, das sie niemals umarmen konnte.

„Danke“, flüsterte Meredith heiser. Anthony Hamiltons Nähe, sein Verständnis und Mitgefühl wühlten sie auf. Nervös forderte sie ihn auf, ins Wohnzimmer zu gehen, und schloss umständlich die Haustür ab. Die Wohnung lag im vierten Stock, was einen gewissen Schutz gegen Einbrüche bot, doch Meredith war immer vorsichtig. Eine alleinstehende Frau in der Großstadt musste aufpassen. Aber es war unmöglich, sich gegen alles zu schützen. An diesem Abend hatte Meredith die Tür geöffnet, und die Vergangenheit war auf sie eingestürmt. Ob es gut oder schlecht ausgehen würde, ließ sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.

„Eine schöne Wohnung haben Sie.“

Anthony Hamilton machte ihr das Kompliment, als handelte es sich hier um einen völlig normalen Besuch. Fast hätte Meredith hysterisch gelacht. Sie atmete tief ein und aus und bemühte sich, den Gefühlsaufruhr unter Kontrolle zu bekommen, dann drehte sie sich langsam um. Wenn sie die freundliche Gastgeberin für diesen höflichen Gast spielte, würde sie wahrscheinlich am besten mit den unhaltbaren Träumen fertig werden. „Danke“, sagte sie wieder, und diesmal klang ihre Stimme natürlich und fest.

Er stand am Ende des Flurs, der an der kleinen Küche vorbei zum Wohnzimmer führte, und schaute Meredith starr an. Sie erwiderte den Blick und hatte plötzlich das Gefühl, dass sich nichts verändert hatte. Sie sah den zweiundzwanzigjährigen Anthony Hamilton vor sich, der von ihr so hingerissen war wie sie von ihm. Die Luft zwischen ihnen knisterte vor Spannung, und es war, als würde der Rest der Welt nicht existieren …

Sei nicht albern, schalt sich Meredith. Das war dreizehn Jahre her. Anthony war noch immer groß, muskulös und unglaublich gutaussehend, aber jetzt trug er einen eleganten, zweifellos sehr teuren Anzug, das schwarze Haar war an den Schläfen grau meliert, und seine Gesichtszüge waren markanter. Das Leben war weitergegangen. Wahrscheinlich hatte er geheiratet und war Vater weiterer Kinder geworden.

Das hatte Meredith schon tausendmal gedacht, also warum tat es gerade jetzt wie verrückt weh? Weil er hier war und sie so bewundernd und verlangend anschaute, wie er sie in jenem Sommer angeschaut hatte.

Und was sah er? Sie war auch älter geworden. Wahrscheinlich war nach dem langen Tag im Büro die Mascara verwischt und die Lippenstiftfarbe verblasst. Meredith hatte makellose olivfarbene Haut und brauchte kein Make-up, doch sie benutzte einen Puder, der mattierend wirkte. Aber nicht zwölf Stunden lang, dachte sie trübsinnig. Und dann wurde ihr bewusst, dass sie auf Strümpfen vor Anthony Hamilton stand. Als sie nach Hause gekommen war, hatte sie sofort die Schuhe ausgezogen. Nicht, dass es viel ausmachte. Sie trug sowieso nur flache Absätze. Groß, schlank und langbeinig, hatte sie immer das Gefühl, dass ihre Figur unproportioniert aussah, wenn sie die langen Beine auch noch durch hohe Absätze betonte. Trotzdem, ohne Schuhe kam sie sich irgendwie ungepflegt vor.

Und das Haar! Sie hatte es seit dem Morgen nicht mehr gebürstet, und es war so dicht und fein, dass es schon nach wenigen Stunden zerzaust aussah.

Zumindest das schwarz, weiß und sandfarben gemusterte Hemdblusenkleid würde wohl noch ebenso perfekt sitzen wie am Morgen. Das passende Kleid für die erfolgreiche Geschäftsfrau, dachte Meredith zynisch. Für sie war das Leben auch weitergegangen. Mit dem Teenager im knappen Strandkleid hatte sie nichts mehr gemein.

Jetzt straffte Anthony Hamilton die Schultern und hob das Kinn. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie so lange angeblickt habe. Es muss die Ähnlichkeit mit Kimberly sein. Die Augen … dasselbe ungewöhnliche Grün. Das ist … unheimlich“, sagte er, plötzlich verlegen.

„Ich finde, Kimberly sieht wie …“

Wie du aus.

Meredith biss sich gerade noch rechtzeitig auf die Zunge. Wusste er es? Was würde es für sein Leben bedeuten, wenn er es wüsste?

„Wenn wir uns schon einmal begegnet wären, würde ich mich daran erinnern“, stieß Anthony Hamilton hervor. Er ließ langsam den Blick über Meredith gleiten und nahm jede Einzelheit in sich auf. „Ich habe das Gefühl, Sie zu kennen“, sagte er stirnrunzelnd. „Es müssen die Augen sein …“

Nein, alles an mir! dachte Meredith und wünschte, sie könnte es ihm sagen.

Er lächelte sie so charmant an, dass ihr schwindlig wurde. „In so einer Situation bin ich noch nie gewesen. Normalerweise bin ich nicht so taktlos.“

„Bitte gehen Sie ins Wohnzimmer, und setzen Sie sich. Machen Sie es sich bequem“, forderte ihn Meredith auf. Die gute Gastgeberin zu spielen würde ihr verbergen helfen, wie belastend dieses Zusammentreffen für sie war. „Kann ich Ihnen einen Drink bringen? Weißwein? Ich habe vorhin eine Flasche geöffnet. Oder möchten Sie lieber Tee oder Kaffee?“

Anthony Hamilton zögerte. „Trinken Sie auch ein Glas Wein?“

„Ja.“ Meredith wollte eine Weile mit ihm zusammen sein, wie sinnlos und schmerzlich es auch sein mochte.

„Dann ja. Danke.“

Froh, etwas zu tun zu haben, ging sie in die Küche und nahm die Flasche aus dem Kühlschrank. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Warum war Anthony gekommen? Was wollte er hier?

Er setzte sich nicht, sondern sah sich die Bücher an, blickte aus dem Panoramafenster auf Balmoral Beach und den Ozean, ließ den Blick über die Möbel gleiten und betrachtete lange die Blumen, die Meredith für sich selbst gebunden hatte. Sie war mit ihrer Arbeit zufrieden gewesen. Gefiel ihm das schlichte, aber kunstvolle Arrangement? Sie wäre niemals Floristin geworden, wenn sie nicht so jung schon schwanger die Schule hätte verlassen müssen und zur Schwester ihrer Stiefmutter nach Sydney abgeschoben worden wäre. Die reinste Ironie, wie eins zum anderen geführt hatte … Die unbezahlte Lehre im Blumenladen ihrer Stieftante hatte ihr Interesse geweckt, und die Ausbildung hatte es ihr ermöglicht, ein erfolgreiches eigenes Unternehmen aufzubauen.

„Wohnen Sie hier mit jemandem zusammen?“, fragte Anthony Hamilton. Es war ihm sichtlich peinlich, ihr die Frage zu stellen.

„Nein. Das Apartment gehört mir allein“, erwiderte Meredith stolz, denn es bewies, dass sie eine finanziell unabhängige Frau war.

Sie hatte sich viel Zeit mit der Einrichtung gelassen. Auf dem weichen cremefarbenen Ledersofa und den dazu passenden Sesseln lagen die bunten Gobelinkissen, die sie an vielen einsamen Abenden gestickt hatte. Bücherregale, Beistelltische, der Schreibtisch und die Essgarnitur mit vier Stühlen waren aus heller Esche. Der Teppich war zartrosa.

Die Wohnung wirkte so, wie Meredith es sich gewünscht hatte: freundlich, stimmungsaufhellend und behaglich. Was immer Anthony denkt, ist unwichtig, sagte sie sich heftig. Er war vor dreizehn Jahren aus ihrem Leben ausgestiegen und hatte kein Recht, zurückzukommen und irgendetwas zu kritisieren.

Sie schob sein Glas über die Theke, die Küche und Wohnbereich trennte. „Ihr Drink.“

„Danke. Sind Sie geschieden?“ Anthony blickte Meredith neugierig und abschätzend an, während er auf sie zukam.

Die sehr persönliche Frage ärgerte Meredith. Er hatte sie für jeden anderen Mann verdorben und deutete an, dass sie sich mit der Abfindung oder den Unterhaltszahlungen eines Exmannes ein schönes Leben machte. „Nein. Ich habe diese Wohnung nicht von einem Mann bekommen, Mr. Hamilton“, erwiderte Meredith kurz angebunden. „Ich habe hart gearbeitet und ein bisschen Glück gehabt. Haben Sie es durch eine Frau zu etwas gebracht?“

In gewisser Hinsicht hatte er das. Seine Schwester hatte ihn davor bewahrt, die Verantwortung für eine junge Frau und ein Baby übernehmen zu müssen. Er hatte unbelastet sein Studium beenden und Karriere machen können. Und Denise Graham hatte auch dafür gesorgt, dass sein Kind ein schönes Zuhause bekam.

„Ich wollte nicht andeuten …“, sagte er verlegen.

Jetzt mischte er sich in ihr Leben ein … viel zu spät. Meredith war verärgert und beschloss, nicht länger geduldig darauf zu warten, dass er erklärte, warum er gekommen war. „Warum überprüfen Sie mich? Was bezwecken Sie damit?“

„Man könnte sagen, wir sehen uns einer äußerst heiklen Situation gegenüber. Ich versuche in Erfahrung zu bringen, ob Sie Kimberly wohl kennenlernen möchten oder ob sich ein Treffen mit Ihrer Tochter negativ auf das Leben auswirken könnte, das Sie sich aufgebaut haben.“

Ihr drehte sich alles. Meredith konnte kaum glauben, was Anthony Hamilton da sagte. Sie hatte gehofft, dass es irgendwann dazu kommen würde, wenn Kimberly erwachsen war und selbst bestimmen durfte, aber sie war doch erst zwölf! „Ihre Schwester erlaubt es?“, fragte Meredith zweifelnd.

„Denise und ihr Mann sind vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Kurz vor Weihnachten“, erwiderte Anthony leise. „Seitdem ist Kimberly in meiner Obhut.“

Völlig schockiert blickte ihn Meredith an. Denise und Colin Graham tot. Schon seit einem Jahr. Und sie hatte die ganze Zeit an die beiden gedacht und sich vorgestellt, wie sie mit ihrer Tochter das Familienleben genossen, das ihr versagt geblieben war! Kimberly hatte ihre Adoptiveltern verloren.

„Ich bin zu ihrem Vormund bestellt worden“, sagte Anthony Hamilton.

Offensichtlich hatte er noch immer nicht erfahren, dass er Kimberlys unehelicher Vater war. Dann hatte Denise also geschwiegen und nicht einmal für den Notfall einen Brief bei ihrem Anwalt hinterlegt.

„Ich wusste nichts von Ihnen. Ich hatte keine Ahnung, dass zwischen Ihnen und meiner Schwester eine Verbindung bestand.“

Meredith schloss die Augen. Sie konnte nicht ertragen, dass sie für ihn eine Fremde war.

„Erst heute habe ich vom Anwalt Ihre Adresse bekommen“, sagte Anthony Hamilton angespannt. „Er wollte sie mir nicht geben. Für ihn ist der Kontakt zwischen Ihnen und Denise mit ihrem Tod aufgehoben, und er hat mir davon abgeraten, ihn weiterbestehen zu lassen.“

Anthony Hamilton schien die Bedenken des Anwalts zu teilen. Angst vor den Folgen … Du lieber Himmel! Er fürchtete sich davor, sie in sein und Kimberlys Leben zu lassen. Die richtige Mutter! „Warum sind Sie trotzdem hier?“, fragte Meredith. Sie versuchte, ihre Verbitterung nicht zu zeigen. Auch wenn die Adoptiveltern tot waren, konnte sie keinen Anspruch auf ihre Tochter erheben. Sie hatte alle Rechte verloren, als sie Kimberly zur Adoption freigegeben hatte.

„Wegen Kimberly. Sie wünscht sich …“ Anthony zögerte.

Meredith sah ihm an, dass ihm die Sache nicht gefiel. Er wollte es nicht. Offensichtlich hätte er den Rat des Anwalts lieber befolgt.

Anthony Hamilton seufzte. „Sie wünscht sich … ihre richtige Mutter … zu Weihnachten.“

Nur zu Weihnachten.

Sich kennenlernen und zusammensein … aber nur für kurze Zeit … genau wie mit ihrem Vater. Für kurze Zeit … zu spät für Liebe und eine dauerhafte Beziehung. Die Qual war zu groß. Meredith wollte sich an der Küchentheke festhalten, doch sie brachte nicht mehr die Kraft auf. Ihr wurde schwarz vor Augen, und sie sank langsam zu Boden.

3. KAPITEL

Anthony hob Meredith vom Küchenboden auf. Ihm zitterten die Knie. Es war nicht die Anstrengung. Meredith Palmer war überdurchschnittlich groß, aber nicht schwer. Das seltsame Kribbeln, das sich in seinem ganzen Körper ausbreitete, hatte etwas damit zu tun, wie sich die Frau in seine Arme zu kuscheln schien. Ihr Kopf lag an seiner Schulter, und das lange Haar berührte seinen Hals. Anthony verstrickte sich in Gefühle, die überhaupt keinen Sinn ergaben. Zumindest keinen, den er anzuerkennen bereit war.

Es war zu verrückt … ging über jede vernünftige Erklärung hinaus. Er war Meredith Palmer nie zuvor begegnet, dessen war er sich völlig sicher. Aber er hatte von ihr geträumt. Wie war das möglich? Sie plötzlich leibhaftig vor sich zu haben war ein Schock gewesen. Alles an ihr war ihm so vertraut … Das hatte ihn hoffnungslos abgelenkt. Er hätte feinfühliger sein und ihr die Sache schonender beibringen müssen. Offensichtlich war Meredith Palmer schon gestresst gewesen, weil sie das Päckchen nicht erhalten hatte, und als er auf der Bildfläche erschienen war, hatte sie sich noch mehr aufgeregt.

Und jetzt lag die Frau in tiefer Ohnmacht, weil er unüberlegt vorgegangen war, und er beschäftigte sich damit, wie sie ihn berührte! Anstatt wie ein Idiot in der Küche zu stehen, sollte er vielleicht endlich irgendetwas unternehmen, damit Meredith Palmer wieder zu sich kam.

Auf das zweisitzige Sofa im Wohnzimmer konnte er sie nicht legen. Anthony blickte sich um. Neben einem der Bücherregale stand eine Tür einen Spaltbreit offen. Wie er feststellte, war es das Schlafzimmer. Er trug Meredith hinein und legte sie aufs Bett. Sie begann sich zu rühren und stöhnte leise. Mitleidig nahm Anthony ihre Hand und drückte sie. Dann fiel ihm ein, dass er Meredith wahrscheinlich ein Glas Wasser holen sollte. Wo war das Badezimmer? Er sah sich suchend um … und erlitt wieder einen Schock.

Überall an den Wänden hingen Fotos von Kimberly!

Jedes Lebensjahr seiner Nichte war in Fotomontagen dokumentiert. Dazwischen hingen Vergrößerungen besonders gelungener Aufnahmen, die so ausdrucksstark waren, dass Anthony das Gefühl hatte, Kimberly würde ihn aus den Fotos anschauen.

Es war unheimlich. Anthony hatte die meisten Bilder schon gesehen, aber niemals alle auf einmal. Und plötzlich fragte er sich, ob es noch normal war, mit einer so überwältigenden Sammlung von Fotos zu leben.

Er dachte daran, was Kimberly gesagt hatte: Wenn meine richtige Mutter mich haben will … In diesem Zimmer war der Beweis, dass Meredith Palmer ihre Tochter haben wollte. Anthony grübelte über moralische und Rechtsansprüche. Für ihn war Kimberly immer das Kind seiner Schwester, seine Nichte gewesen. Sie gehörte in seine Familie. Aber wie viel mehr gehörte sie zu dieser Frau, die sie zur Welt gebracht hatte? Was, wenn Kimberlys Wunsch, sie kennenzulernen, nur eine Laune war?

Was habe ich hier in Gang gesetzt?, fragte sich Anthony erschrocken. Ihm fiel die Warnung des alten Anwalts von Denise ein. Lassen Sie die Finger davon, hatte Hector Burnside gesagt. Wer weiß, was dabei herauskommt.

Vielleicht hätte er auf den Rat eines Mannes hören sollen, der in seinem Beruf alle Seiten der menschlichen Natur kennengelernt hatte. Anthony verzog das Gesicht. Jetzt saß er in einer schönen Klemme. Er hatte Kimberly versprochen, mit einer Antwort von ihrer richtigen Mutter zurückzukommen. War er in einem Traum oder Alptraum gelandet, indem er diese Richtung eingeschlagen hatte? Wie auch immer, er konnte nicht mehr zurück.

4. KAPITEL

Er hielt ihre Hand.

Die Berührung nahm Meredith die entmutigende Angst vor dem Unbekannten und beruhigte sie.

Träumte sie das nur?

Nein. Anthony Hamilton drückte ihre Hand.

Meredith öffnete die Augen und sah ihn auf der Bettkante sitzen. Einen Moment lang war sie völlig verwirrt. Warum lag sie auf dem Bett? Wie war sie ins Schlafzimmer gekommen? Dann erinnerte sie sich. „Ich muss ohnmächtig geworden sein“, sagte sie überrascht.

Aus seinen Gedanken gerissen, wandte sich Anthony hastig um und blickte sie an. „Ja. Sie sehen immer noch blass aus. Möchten Sie ein Glas Wasser?“

Meredith stützte sich auf den Ellbogen, doch sofort drehte sich ihr alles, und sie sank zurück. „Ja, bitte. Vielleicht hilft es.“ Sie schloss wieder die Augen und kämpfte gegen Schwindel und Übelkeit. „Es tut mir leid …“

„Meine Schuld. Bin sofort zurück.“

Schock und zu viel Wein auf fast leeren Magen, überlegte Meredith und wünschte, sie wäre vernünftig gewesen und hätte ordentlich zu Abend gegessen. Sie wollte nicht, dass Anthony Hamilton sie für kränklich und schwach hielt und ihr nicht zutraute, mit schwierigen Situationen fertig zu werden. Er könnte es sich anders überlegen und nicht einmal ein kurzes Treffen mit Kimberly erlauben.

Meredith sehnte sich so sehr danach, ihre Tochter zu sehen, dass alles andere unwichtig wurde. Nicht nur Fotos von ihr betrachten, sondern Kimberly wirklich vor sich haben und sie sprechen hören, ihre Ansichten erfahren … Das war jeden Kummer wert.

Aus Angst, Anthony Hamilton könnte ihr eine Begegnung mit Kimberly versagen, wenn er einen schlechten Eindruck von ihr erhalten würde, setzte sich Meredith auf die Bettkante und beugte den Kopf nach unten auf die Knie. Als er mit einem Glas Wasser zurückkehrte, war ihr nicht mehr so schwindlig.

Das Wasser beruhigte ihren Magen. Meredith stellte das leere Glas auf den Nachttisch und sah auf. Sie wollte Anthony Hamilton danken, doch er blickte nicht sie, sondern die Fotos an den Wänden an. Seinem grimmigen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, machte es ihm keine Freude.

Meredith verlor den Mut. Auf jemand, der mit dieser Sammlung nicht täglich lebte und zum ersten Mal damit konfrontiert wurde, musste sie eine überwältigende Wirkung haben. Meredith erwartete nicht, dass andere verstanden, wie wichtig es ihr war, wenigstens durch Fotos am Leben ihres verlorenen Kindes teilhaben zu können. Nicht einmal Freunde und gute Bekannte hatten jemals einen Blick in ihr Schlafzimmer geworfen. Sie war immer davor zurückgeschreckt, die tief verwurzelte Sehnsucht nach ihrer Tochter irgendeinem anderen Menschen zu offenbaren.

„Ich habe Sie nicht hier hereingebeten“, stieß Meredith hervor. „Niemand soll dieses Zimmer betreten!“

Anthony Hamilton wandte sich um und schaute sie so argwöhnisch an, dass sie verzweifelte. Zog er sich bereits von ihr zurück? Sie zeigte auf die Fotos und versuchte, es ihm zu erklären. „Ich meine … das ist privat. Für Sie ist wahrscheinlich alles selbstverständlich, was mit Kimberly zu tun hat, weil Sie sie ständig um sich haben. Aber ich kann nur so mein Kind aufwachsen sehen.“

Er schüttelte den Kopf. Bis zu diesem Moment hatte Anthony überhaupt nicht begriffen, wie sehr Meredith darunter litt, Kimberly verloren zu haben. Jetzt sah er bestürzt aus.

„Ich habe sie weggegeben, weil ich geglaubt habe, dass es das Beste für sie sei. Aber das bedeutet nicht, dass ich sie nicht liebe“, sagte Meredith leidenschaftlich.

„Es tut mir leid“, erwiderte Anthony rau. „Ich hatte keine Vorstellung davon, wie … Ich habe überhaupt nicht verstanden …“ Er machte eine entschuldigende Handbewegung. „Verzeihen Sie bitte, aber darauf war ich nicht … gefasst.“

Der Vater ihres Kindes tauchte aus dem Nichts auf und überraschte sie damit, sie dürfe sich mit Kimberly treffen. Natürlich hatte er keine Ahnung, was es ihr bedeutete. Er wusste ja nicht einmal, dass allein sein Besuch schon eine Wiedervereinigung war. Meredith tat alles weh, wenn sie Anthony anschaute. Ihn bei sich zu haben erinnerte sie qualvoll daran, wie es gewesen war, auf ihn und das Baby verzichten zu müssen.

Er zog sich zur Tür zurück. „Ich wollte nicht Ihre Privatsphäre verletzen“, sagte er betroffen. „Sie waren ohnmächtig, und ich hielt es für das Beste, Sie aufs Bett zu legen. Ich hatte nur vor zu helfen, deshalb habe ich Sie in Ihr Schlafzimmer gebracht. Wenn Sie sich jetzt lieber allein erholen möchten …“

Meredith fragte sich besorgt, ob er die Gelegenheit ergriff, sich einer Situation zu entziehen, die er zu emotionsgeladen fand. Hatte sie alles verdorben? Sie wollte ihn doch nicht vertreiben. Vielleicht würde sie niemals wieder die Chance bekommen, ihre Tochter kennenzulernen. Meredith wusste, dass sie irgendetwas sagen musste, das für sie sprach. Sie dachte fieberhaft nach, doch ihr fiel nur ein, um Aufschub zu bitten.

„Gehen Sie bitte nicht. Ich werde nicht wieder zusammenbrechen.“

Anthony Hamilton blickte sie forschend an. Er schien unschlüssig zu sein, was er tun sollte.

Eine Ewigkeit schien zu vergehen. Merediths Anspannung nahm zu, weil sie seine spürte.

„Ich warte im Wohnzimmer“, sagte er schließlich. In diesem Raum mit den Fotos, die von unerfüllter Mutterliebe zeugten und für einen Fremden etwas Beklemmendes haben mussten, fühlte er sich sichtlich unbehaglich.

Im ersten Moment war Meredith unglaublich erleichtert, doch dann bekam sie Angst, er könnte es sich anders überlegen, wenn sie ihn allein lassen würde. „Ich komme mit“, erklärte sie hastig. „Bestimmt fühle ich mich viel besser, sobald ich etwas gegessen habe.“ Sie stand zu schnell auf und schwankte ein bisschen.

Sofort war Anthony Hamilton bei ihr.

„Ich habe eine robuste Gesundheit. Normalerweise wird mir niemals schwindlig, das müssen Sie mir glauben“, versicherte sie ihm und sah ihn fast flehend an.

„Haken Sie sich bei mir ein“, befahl er energisch. „Ich führe Sie zum Sofa, und dann werde ich Ihnen etwas zu essen machen. Sie können mir sagen, wo ich was in der Küche finde.“

„Das schaffe ich schon“, protestierte Meredith, fest entschlossen, es zu beweisen.

„Ich auch.“

Plötzlich fand Meredith es nicht mehr so wichtig, Stärke und Unabhängigkeit zu demonstrieren. Wenn er beschäftigt war, gewann sie Zeit. Und sobald sie sich völlig erholt hatte, wollte sie ihn davon überzeugen, dass sie sich verantwortungsbewusst, vernünftig und feinfühlig verhalten würde, falls es zu einem Treffen mit Kimberly kommen sollte. Es musste dazu kommen!

Meredith hakte sich bei Anthony ein und spürte, dass er erschauerte, als sie ihm die Hand auf den Arm legte. Nervös fragte sich Meredith, ob Anthony vor ihrer Berührung zurückschreckte oder so darauf reagierte wie früher. Oh, es war Wahnsinn, jetzt daran zu denken! So viel stand auf dem Spiel. Außerdem passte die schnell entfachte Leidenschaft der Jugend nicht mehr ins Bild.

Trotzdem war sich Meredith seiner Nähe nur allzu bewusst, während Anthony sie ins Wohnzimmer führte. Vertraute Empfindungen durchfluteten sie und erinnerten sie daran, was für eine intime Beziehung sie früher gehabt hatten.

Meredith nahm den herben Duft seines Aftershave wahr – zweifellos dasselbe, das er damals benutzt hatte – und musste daran denken, wie Anthony in jenem Sommer alle ihre Sinne geschärft hatte. Jeder Geruch war ihr exotisch vorgekommen, jede Farbe leuchtender, jede Berührung … Hör auf damit, befahl sie sich verärgert. Es rührte Gefühle auf, die sie sich nicht leisten konnte.

Sie war erleichtert, als sie schließlich auf dem Sofa saß und Anthony Hamilton in die Küche ging. Weil er so schnell verschwand, vermutete Meredith, dass er über den Abstand zwischen ihnen ebenso froh war, wenn auch aus anderen Gründen. Ihm lag daran, endlich zur Sache zu kommen.

Anthony hatte den Kühlschrank geöffnet und blickte hinein, als würde er überlegen, was sich mit dem Inhalt anfangen ließ.

„Ein Sandwich genügt“, rief Meredith. „Alles dafür ist im Kühlschrank, auch das Weißbrot.“

Rasch und sicher nahm Anthony Brot, Butter, Käse und Tomaten heraus und ordnete alles auf der Arbeitsfläche an, dann schaltete er den Grill ein.

Zweifellos macht Anthony das nicht zum ersten Mal, dachte Meredith und fragte sich, ob er sich und Kimberly selbst versorgte. Oder war er verheiratet?

Meredith wollte ihn sich nicht mit einer Ehefrau vorstellen. Sie dachte daran, wie schlecht sie mit ihrer Stiefmutter ausgekommen war und wie sehr sie darunter gelitten hatte. Ob Kimberly das gleiche Problem hatte? Was, wenn sie nach dem Tod der Eltern einer Frau aufgehalst worden war, die sie nicht gern hatte und die sich nur um sie kümmerte, weil sie den Vormund des zwölfjährigen Mädchens liebte?

Aus eigener Erfahrung wusste Meredith, wie schlimm es gerade in dem Alter war, sich unerwünscht zu fühlen. Und irgendetwas musste doch in Kimberly den Wunsch geweckt haben, ihre richtige Mutter kennenzulernen. Es war ja wohl auch klar, dass ein so attraktiver Mann wie Anthony Hamilton nicht allein war. Eine Beziehung hatte er bestimmt.

Noch ein Gedanke kam Meredith. Woher wusste Kimberly überhaupt von ihr? Es passte nicht zu Denise Graham, dem Kind, das sie als ihr eigenes aufgezogen hatte, irgendetwas über dessen richtige Mutter zu verraten. Kimberly musste es nach dem Tod ihrer Adoptiveltern erfahren haben. „Wie lange weiß Kimberly schon, dass sie adoptiert ist?“, fragte Meredith.

„Sie hat es eine Woche vor dem Autounfall herausgefunden, bei dem Denise und Colin ums Leben gekommen sind“, erwiderte Anthony ausdruckslos.

Herausgefunden? Du lieber Himmel! Hatte es danach Streit in der Familie gegeben, und war es deswegen zu dem Unfall gekommen?

Anthony, der gerade das Brot mit Butter bestrich, sah flüchtig auf. „Anscheinend hat Denise Fotos angeschaut und mit Colin besprochen, welche sie Ihnen schicken soll. Kimberly hat ihre Eltern belauscht und sich zusammengereimt, was das Gespräch bedeutete.“ Anthony runzelte die Stirn. „Kimberly hat die schlechte Angewohnheit zu lauschen. Vielleicht, weil sie ein Einzelkind ist. Wenn sie Geschwister hätte, mit denen sie reden könnte …“

„Hat sie ihre Eltern damit konfrontiert?“, fragte Meredith besorgt. Wenn Denise und Colin nach einer Auseinandersetzung mit dem Auto losgefahren und nicht zurückgekehrt waren, würde sich Kimberly vielleicht schuldig fühlen.

Anthony schüttelte den Kopf. „Sie wollte erst darüber nachdenken. Sich darüber klarwerden, wie viel es ihr bedeutet.“

Zu erfahren, dass sie ein Adoptivkind ist, muss einen inneren Aufruhr ausgelöst haben, dachte Meredith. Sie war jedoch erleichtert, dass dem tödlichen Unfall von Denise und Colin Graham keine Spannungen in der Familie vorausgegangen waren, für die sich Kimberly jetzt verantwortlich fühlen könnte.

„Dann ist ihre heile Welt zerbrochen, und meine Nichte musste mit so vielen Veränderungen in ihrem Leben fertig werden, dass sie sich wohl lieber an das Sichere und Vertraute geklammert hat, als die Sache mit der Adoption weiterzuverfolgen. Wahrscheinlich kam es ihr auch irgendwie unwirklich vor, noch eine Mutter zu haben. Für Kimberly waren meine Schwester und ihr Mann schließlich immer die Eltern gewesen.“

„Und dann haben Sie mit Kimberly darüber gesprochen?“

„Nein“, erwiderte Anthony. „Ich fand es besser, das nicht zu tun. Sie hat Mutter und Vater verloren, und ich wollte nicht daran rühren, dass sie als Baby schon einmal ihre Eltern … ihre leiblichen … verloren hat. Meine Nichte hat es bis vor einigen Tagen für sich behalten.“

Ein solches Geheimnis ein ganzes Jahr zu bewahren … Meredith fragte sich, wie oft sich ihre Tochter wohl ein anderes Leben mit ihren richtigen Eltern vorgestellt haben mochte, während sie versucht hatte, sich an das mit ihrem Vormund zu gewöhnen, der nur durch Adoption ihr Onkel war. Oder fühlten sich die beiden enger verbunden … Vater und Tochter?

Ob es Blutsbande gab, auch wenn die Blutsverwandtschaft nicht bekannt war? Würde Kimberly das Gefühl haben, eine völlig Fremde vor sich zu haben, oder würde sie sofort spüren, dass sie zusammengehörten? Letzteres, hoffte Meredith. Sie konnte es kaum erwarten, ihre Tochter kennenzulernen, aber sie wusste, dass sie vernünftig sein und sich gedulden musste, solange das Treffen noch nicht einmal festgesetzt war.

Meredith beobachtete, wie der einzige Mann, den sie jemals geliebt hatte, die Sandwiches auf den Grill legte. Was hielt Anthony von der Bitte seiner Nichte? Darauf war er wohl auch nicht gefasst gewesen. Aber Anthony Hamilton war kein Mensch, der sich vor Problemen drückte. Er stellte sich ihnen und löste sie. Und genau auf diese Eigenschaft hatte Meredith vertraut, als sie gemerkt hatte, dass sie schwanger war.

„Du meinst im Ernst, ein Student aus reichem Haus wird zu dir stehen?“, hatte ihre Stiefmutter gespottet. „Der hat sich schnell davongemacht, als ich ihm gesagt habe, wie alt du seist. So ein Mann will nicht an ein sechzehnjähriges Provinzmädchen gefesselt sein, das ihm nichts bedeutet. Für ihn warst du nur eine Urlaubsbekanntschaft, mit der er sich gut amüsiert hat.“

Meredith hatte damals nicht geglaubt, dass sich Anthony davongemacht hatte, und sie glaubte es jetzt nicht.

Er war schockiert gewesen, als ihm ihre Stiefmutter gesagt hatte, wie jung Meredith noch sei. Viele hatten sie damals für achtzehn oder neunzehn gehalten. Und da sie sich verzweifelt wünschte, dass Anthony sie mitnahm – wohin, das war ihr völlig gleich –, ließ sie ihn annehmen, sie wäre schon älter. Liebe hat nichts mit dem Alter zu tun, rechtfertigte sie sich.

Aber Anthony sah das anders. Er erkannte die Probleme und setzte sie Meredith auseinander. Sie habe noch zwei Schuljahre vor sich, sagte er, und danach müsse sie entscheiden, ob sie studieren wolle. Es sei nicht gut, wenn sie sich jetzt schon an einen Mann binde. Sie brauche ihre Freiheit, damit sie sich unbelastet Gedanken über ihre Zukunft machen könne.

Er war der Meinung, dass sie mit einer festen Beziehung warten sollten, bis Meredith älter war. Ihre Liebe würde die Zeit überdauern. Er gab Meredith seine Adresse und schlug vor, dass sie sich Weihnachtskarten schickten. Ohne jede Verpflichtung. Sie würden sich einmal im Jahr schreiben, und wenn Meredith einundzwanzig wäre …

„Ist achtzehn nicht alt genug?“, protestierte sie. So viele Jahre, bis sie wieder mit ihm zusammen sein konnte. Der Gedanke war ihr unerträglich.

„Es wäre dir gegenüber nicht fair“, erwiderte Anthony wehmütig. „Und es ist besser, wenn ich nicht noch länger hierbleibe, Merry. Je enger unsere Beziehung wird, desto schwerer wird es sein, auseinanderzugehen.“

Er reiste noch am selben Tag ab. Einen Tag, nachdem sie auf der hinteren Veranda miteinander geschlafen hatten und dabei von ihrer Stiefmutter überrascht worden waren. Sie hatte eine hässliche Szene gemacht und Anthony beschuldigt, ein sechzehnjähriges Mädchen auszunutzen. Obwohl er schockiert gewesen war, hatte er nicht zugelassen, dass Merediths Stiefmutter in den Schmutz zog, was so schön gewesen war.

Anthony ging, aber vorher versprach er Meredith, dass sie eine gemeinsame Zukunft haben würden … wenn sie sich wirklich liebten. Er bewies, dass es ihm Ernst war, indem er ihr seine Adresse gab. Das hätte er nicht getan, wenn er sich einfach hätte „davonmachen“ wollen.

Sie hatten nicht ohne Schutz miteinander geschlafen. Auch in dieser Hinsicht war Anthony verantwortungsbewusst gewesen. Meredith wusste nicht, was schiefgegangen war, aber sie war sich darüber im Klaren, dass ihre Schwangerschaft ein weiterer Schock für Anthony sein würde. Trotzdem würde er zu ihr stehen, daran zweifelte sie nicht. Er war nett, fürsorglich und anständig. Meredith konnte sich nicht vorstellen, dass er sie im Stich lassen würde.

Nach der Geburt des Babys wartete Meredith sehnsüchtig auf die erste Karte von Anthony. Sie war sich völlig sicher, dass er ihr wie abgemacht eine zu Weihnachten schicken würde. Auch wenn er jetzt in Amerika studierte, würde er doch an sie denken und ihr schreiben. Und dann hatte sie seine neue Adresse und konnte ihm mitteilen, was passiert war. Sie stellte sich vor, wie er das erste Flugzeug nach Hause nehmen und ihr gemeinsames Kind von seiner Schwester zurückfordern würde. Und dann würden sie heiraten und … Aber Meredith bekam keine Weihnachtskarte von ihm …

Nur das erste versprochene Päckchen mit Fotos von Kimberly traf pünktlich ein.

Meredith musste akzeptieren, dass es vorbei war. Entweder hatte Denise Graham die Wahrheit gesagt, und Anthony konnte sich nicht an die gemeinsam verbrachte Zeit erinnern, oder er wollte nichts mehr von ihr wissen. Auf jeden Fall war es zu spät. Meredith hatte ihr Baby weggegeben. Diese Entscheidung war unwiderruflich.

Aber Meredith konnte nicht aufhören zu träumen. Ein Jahr später gab sie der Versuchung nach und ging zum Haus der Grahams. Die Adresse hatte sie damals von Anthony bekommen, bevor er sie verlassen hatte. Seine zwei Jahre in den Vereinigten Staaten waren um, und Meredith hoffte, mit ihm sprechen zu können. Sie wollte Gewissheit haben und ihn fragen, wie es zwischen ihnen stand.

Die Grahams waren umgezogen. Keiner der Nachbarn wusste, wohin. Der einzige Weg zu Anthony war versperrt.

Das Leben geht weiter, hatte sich Meredith gesagt, und es war weitergegangen, doch sie hatte noch lange immer wieder davon geträumt, dass Anthony eines Tages kommen und alles in Ordnung bringen würde.

Jetzt war er da, aber er erinnerte sich nicht an sie.

Anthony tauchte aus der Küche auf, und Meredith wappnete sich. Sie musste ruhig und gelassen bleiben und ihn davon überzeugen, dass ihr das Wohl und Glück ihrer Tochter wichtiger als alles andere war und sie tun würde, was am besten für Kimberly war. Unwillkürlich blickte Meredith ihn jedoch sehnsüchtig an.

Je näher er kam, desto schneller schlug ihr Herz. Als er sich hinunterbeugte und den Teller mit überbackenen Sandwiches auf den Couchtisch stellte, bewunderte sie Anthonys lange, dichte Wimpern – seine Tochter hatte sie von ihm geerbt – und seinen sinnlichen Mund. Sofort musste sie an Anthonys leidenschaftliche Küsse denken und an die Erfüllung, die sie früher bei ihm gefunden hatte. Meredith erschauerte und war wütend auf sich, weil sie unfähig war, die Wünsche zu unterdrücken, die er in ihr weckte.

„Sind Sie verheiratet?“ Sie musste einfach wissen, ob er unerreichbar für sie war. Wenn ja, konnte sie vielleicht aufhören, sich von ihren Gefühlen für ihn verwirren zu lassen, und sich stattdessen völlig darauf konzentrieren, dass das Treffen mit Kimberly zustande kam.

„Nein.“ Anthony warf Meredith einen scharfen Blick zu und setzte sich dann in den Sessel auf der anderen Seite des Couchtisches.

Meredith verzog keine Miene. Er sollte glauben, dass sie diese Frage nur gestellt hatte, weil sie sich dafür interessierte, was für ein Zuhause ihre Tochter bei ihm hatte. Die Antwort stimmte Meredith hoffnungsvoll, und einen Moment lang malte sie sich alle möglichen wundervollen Dinge aus. Dann fiel ihr etwas ein. „Leben Sie mit einer Freundin zusammen?“

„Nein.“

Meredith hatte Angst, dass er ihr ansah, wie erleichtert sie war.

Seine Miene verriet nicht, was er dachte, als er langsam hinzufügte: „Ich habe eine Haushälterin, die immer da ist, wenn Kimberly aus der Schule kommt, und die sich auch um meine Nichte kümmert, wenn ich abends weggehen muss. Sie ist jetzt bei ihr. Die beiden verstehen sich sehr gut.“

Anthony versicherte ihr, dass nichts daran auszusetzen war, wie er seine Aufgabe als Vormund erfüllte. Meredith lächelte. „Das ist schön“, sagte sie und meinte etwas ganz anderes. Sie war überglücklich, dass er nicht mit einer Frau zusammenlebte.

Er sah sie so lange starr an, dass ihr Lächeln verschwand. Hatte er ihre Fragen als unhöflich und aufdringlich empfunden? Besorgt und befangen wich Meredith seinem Blick aus.

„Essen Sie“, befahl Anthony.

Froh, etwas zu tun zu haben, bis er seine Karten aufdeckte, begann sie, eins der überbackenen Weißbrotdreiecke zu essen. Noch nie hatte ihr ein Sandwich so gut geschmeckt. Ihr ganzer Körper schien wie elektrisiert zu sein. Das Leben war plötzlich herrlich, und Meredith wollte alles auskosten, was es zu bieten hatte.

Anthony Hamilton und sie waren wieder zusammen.

Ihre Tochter lebte bei ihm.

Und er war nicht an eine andere Frau gebunden.

5. KAPITEL

Anthony war völlig durcheinander. Es war ein neuer Schock für ihn gewesen, als Meredith Palmer gelächelt hatte. Wieder hatte er das Gefühl gehabt, sie zu kennen. Er hielt nichts von diesem ganzen New-Age-Zeug und glaubte selbstverständlich nicht, dass er der Frau in einem früheren Leben schon einmal begegnet war, aber er hatte keine Erklärung für das, was er empfand. Es ärgerte ihn fürchterlich.

Er beobachtete, wie Meredith Palmer die Sandwiches aß, die er ihr gemacht hatte, und grübelte darüber, warum ihn diese Fremde so stark berührte. Oberflächlich betrachtet, war sie nicht attraktiver als Rachel. Trotzdem war die schlanke, auf den ersten Blick weniger verführerische Meredith Palmer aufregender … irgendwie elektrisierender.

Anthony fand es so beunruhigend, mit ihr zusammen zu sein, dass er wünschte, er könnte sofort gehen. Eigentlich hatte er wirklich keinen Grund, noch länger zu bleiben. Anscheinend stand einem Treffen mit Kimberly nichts im Wege.

Wo würde das enden? Anthony hatte keine Ahnung. Er wusste nur, dass Kimberly keine Ruhe geben würde, bis sie ihre Mutter kennengelernt hatte. Und er hielt es nicht für richtig, eine Begegnung zwischen den beiden zu verhindern. Sollen die Würfel fallen, wie sie wollen, dachte er. Bedrückt akzeptierte er, dass er höchstwahrscheinlich keinen Einfluss auf die Folgen des Treffens haben würde.

„Passt es Ihnen am Samstagmittag?“, fragte er.

Meredith lächelte wieder. „Jeder Tag und jede Zeit ist mir recht“, erwiderte sie eifrig.

Anthony runzelte die Stirn. Das klang zu sorglos. „Sind Sie nicht berufstätig?“

„Ich bin selbständig und kann mir meine Arbeitszeit einteilen“, erklärte Meredith.

„Was machen Sie?“ Kimberly würde es wissen wollen, und er selbst war auch neugierig.

„Ich beliefere Hotels und Restaurants mit Blumenschmuck. Meine Firma heißt ‚Flower Power‘.“

Anthony war beeindruckt. Er blickte auf das kunstvolle Gesteck auf dem Couchtisch, das er vorhin schon bewundert hatte … nur drei versetzt angeordnete perfekte Blumen, die in einer interessanten Auswahl an Blättern und Gräsern eingefasst waren … sehr schlicht und dennoch schön. „Ist das Ihr Werk?“

„Ja. Gefällt es Ihnen?“

Er nickte. „Haben Sie Kunst studiert?“

Meredith sah erfreut aus. „Nein. Alles praktische Erfahrung.“

„Wahrscheinlich sowieso die beste Lehre“, sagte Anthony. „Aber Sie müssen dafür begabt sein. Ihr Gesteck hat einen wunderbaren Stich ins Dramatische.“

„Die Arbeit macht mir Spaß. Blumen schenken viel Freude und können einen Raum aufhellen.“

Das kannst du auch, dachte Anthony. Ob es einen Mann in ihrem Leben gab? Sie war nicht verheiratet und lebte nicht mit einem Mann zusammen, doch das bedeutete nicht unbedingt, dass sie keinen festen Freund hatte. Er wohnte mit Rachel ja auch nicht zusammen. Anthony wünschte sich plötzlich, Meredith Palmer und er hätten beide keine Beziehung mit anderen Partnern, und dieser irrationale Gedanke verwirrte ihn noch mehr. Er musste so schnell wie möglich hier fertig werden und verschwinden.

Meredith Palmer hatte die Sandwiches gegessen und schien sich völlig von der Ohnmacht erholt zu haben. Er konnte ruhigen Gewissens gehen. „Kennen Sie das ‚Harbour Restaurant‘ unterhalb des ‚Opera House‘?“

„Ja.“

Wir werden draußen unter einem Sonnenschirm sitzen, beschloss Anthony. Von der Terrasse des Restaurants hatte man einen schönen Blick auf den Hafen und das geschäftige Treiben auf dem „Bennelong Point“. Das müsste für eine entspannte Atmosphäre sorgen … so weit es beim ersten Treffen zwischen Mutter und Tochter überhaupt locker zugehen konnte.

„Ich lasse uns einen Tisch für zwölf Uhr reservieren.“ Anthony stand auf. „Länger hält Kimberly das Warten bestimmt nicht aus. Und jetzt muss ich sehen, dass ich nach Hause komme. Sie wird nämlich erst ins Bett gehen, wenn ich ihr alles genau erzählt habe.“

„Natürlich …“ Meredith stand schnell auf und brachte ihn zur Tür. „Bitte sagen Sie Kimberly, dass ich mich sehr darauf freue, sie zu treffen.“

Meredith blickte ihn so hoffnungsvoll an, dass Anthony Mitleid mit ihr hatte und sie warnte. „Erwarten Sie nicht zu viel, Miss Palmer. Kimberly ist ein wirklich liebes Mädchen, aber im Moment ist sie ein bisschen schwierig. Im nächsten Jahr wird sie in die Highschool kommen, und die Wahl der Schule hat zum Streit geführt. Mir scheint, meine Nichte teilt Ihnen eine Rolle in der Auseinandersetzung zu. Sie ist schließlich erst zwölf. Ich glaube nicht, dass sie erfasst, wie … wie bedeutungsvoll die Begegnung mit ihr für Sie ist, Miss Palmer.“

Sie seufzte resigniert. „Was auch immer geschieht, ich werde einmal mit ihr zusammen sein können. Danke, dass Sie es erlauben, Mr. Hamilton. Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar.“

Jeder Krümel vom Tisch war besser als nichts.

Dieser deprimierende Gedanke ging Anthony nicht aus dem Kopf, während er nach Hause fuhr. Ein Mittagessen mit Kimberly. Es war nicht richtig, dass Meredith Palmer so wenig so viel bedeutete. Und die Fotos an den Wänden in ihrem Schlafzimmer … Er hatte niemals darüber nachgedacht, wie sich eine Frau fühlen mochte, die ihr Baby zur Adoption freigegeben hatte. Es musste traumatisch sein und sich auf ihr ganzes Leben auswirken … Eine Wunde, die niemals heilte.

Anthony fragte sich, was Meredith Palmer dazu gebracht hatte. War sie damals in solcher Not gewesen, dass sie keinen anderen Ausweg gesehen hatte? Hatte sie unter Druck eine Entscheidung getroffen, die sie seitdem bereute? Waren ihre Eltern sittenstrenge Leute, die sich für ihre schwangere Tochter geschämt und sich geweigert hatten, ihr zu helfen?

Sie musste noch sehr jung gewesen sein. Es war schwer, das Alter einer Frau zu erraten, aber sie sah aus wie höchstens siebenundzwanzig. Eine Fünfzehnjährige, die vielleicht an postnatalen Depressionen litt, musste das Gefühl haben, dass sie die Verantwortung für ein Baby niemals würde bewältigen können. Und wenn dann keine Familie da war, die Unterstützung anbot, kamen einem so jungen Mädchen die Probleme bestimmt unlösbar vor.

Ich habe sie weggegeben, weil ich geglaubt habe, dass es das Beste für sie sei.

Meredith Palmer hatte so traurig und verzweifelt geklungen, als sie das gesagt hatte.

In welcher Beziehung hatte sie zu seiner Schwester gestanden? Anthony war inzwischen klar, dass es eine private Adoption gewesen war, und er wollte Bescheid wissen. Er würde Meredith Palmer auf jeden Fall noch danach fragen.

Bis Kimberly ihm das mit den Fotos gesagt hatte und er daraufhin Denises alten Anwalt gebeten hatte, ihn zu informieren, hatte Anthony angenommen, dass es eine normale Adoption gewesen sei. Denise und Colin hatten oft davon gesprochen, dass sie sich an die staatliche Adoptionsvermittlung gewandt hätten und auf einer Warteliste stehen würden. Als Anthony in den Vereinigten Staaten den Brief seiner Schwester gelesen hatte, in dem sie ihm von dem Baby schrieb, hatte er einfach geglaubt, dass das Warten endlich ein Ende habe. Denise und Colin hatten ihn niemals aufgeklärt.

Warum das Geheimnis?

Warum die Fotos?

Hatte sich seine Schwester irgendwie schuldig gemacht?

Seit Anthony gesehen hatte, wie sehr sich Meredith Palmer nach ihrem Kind sehnte, fühlte er sich schuldig, weil er Kimberly hatte. Aber sie war immer seine Nichte gewesen. Er hatte niemals darüber nachgedacht, dass sie adoptiert war. Und er liebte das Kind. Er wollte Kimberly nicht hergeben … nicht einmal ihrer leiblichen Mutter wollte er sie überlassen.

Vielleicht könnten Meredith Palmer und er sich gemeinsam um Kimberly kümmern.

Alles hing natürlich davon ab, wie die erste Begegnung zwischen den beiden ausginge. Anthony wusste nicht, wie Kimberly darauf reagieren würde. Was erhoffte sie sich?

Sie fiel in dem Moment über ihn her, als Anthony hereinkam. „Wie ist sie? Ist sie hübsch? Will sie mich sehen? Hast du ein Treffen ausgemacht?“

„Ja zu den letzten drei Fragen. Jetzt warte bitte erst einmal!“, sagte er und schob seine Nichte auf Armlänge zurück.

Sie war unfähig, still zu stehen, die grünen Augen funkelten, und ihr Gesicht war vor Aufregung gerötet. Kimberly brannte darauf, alles zu erfahren. „Sei kein Langweiler, Onkel Anthony! Ich muss alles über sie wissen!“

„Lass mich erst Mrs. Armstrong bezahlen.“ Er sah die Frau an, die ihr Strickzeug einpackte. „Irgendwelche Anrufe, Fran?“

„Nur einer, von Rachel Pearce. Sie bittet Sie, heute Abend noch zurückzurufen, wann immer es Ihnen passt.“ Fran nahm ihre Tasche und kam auf die Haustür zu. „Ich hoffe wirklich, dass die Sache mit Kimberlys Mutter gut ausgeht. Das tut es nicht immer, wissen Sie. Ich habe so viele Zeitschriftenartikel darüber gelesen, und …“

„Ich denke, Risiken gehören zum Leben, Fran“, unterbrach Anthony sie freundlich. Negative Kommentare halfen jetzt nicht weiter.

Sie nickte. Wie immer richtete sie sich nach seinen Wünschen. Die Witwe war Mitte Fünfzig und vermisste eine Aufgabe, seit die erwachsenen Kinder von zu Hause ausgezogen waren. Sie hatte ein rundliches Gesicht und eine dralle Figur, das dauergewellte graue Haar war bieder frisiert, und ihre Kleidung wirkte matronenhaft. Während sie darauf wartete, Großmutter zu werden, strickte sie unaufhörlich Spielzeug für die heiß ersehnten Enkel. Aber das füllte sie natürlich nicht aus, und deshalb war sie froh über den Job bei Anthony Hamilton.

Und er war dankbar, dass sie sich so gut um Kimberly kümmerte. An diesem Abend gab er Fran Armstrong ihr Honorar und ein Trinkgeld.

„Sie sind ein netter Mann“, sagte sie herzlich. „Bis morgen, Kimberly. Sei so lieb und geh bald ins Bett. Du brauchst deinen Schlaf.“

„Gute Nacht, Mrs. Armstrong. Ich gehe ins Bett, sobald ich alles aus Onkel Anthony herausgeholt habe“, versprach Kimberly.

Kaum hatte er hinter der Haushälterin und Kinderfrau die Tür geschlossen, da bestürmte ihn Kimberly wieder mit Fragen. Er brauchte einen Drink und ging zur Hausbar in der Essecke, während er die ersten beantwortete. Portwein schien ihm in dieser Situation genau richtig zu sein. Anthony öffnete eine Flasche und schenkte sich eine großzügige Menge ein, dann nahm er das Glas mit ins Wohnzimmer. Er ertappte sich dabei, kritisch die Einrichtung zu betrachten, mit der er seit Jahren lebte. Schwarze Ledersofas und Ledersessel, Glastische, blaugrauer Teppich, Fernsehapparat und Hi-Fi-Anlage mit schwarzem Gehäuse, einige Skulpturen und moderne Bilder, die er schon lange nicht mehr bewusst anschaute.

Meredith Palmers Wohnzimmer hatte Anthony gefallen. Mehr Wärme. Die handgestickten bunten Kissen, die Blumen und Bücher verliehen dem Raum eine persönliche Note. Und dann das Schlafzimmer mit all den Fotos, das eine dunklere Seite von ihr verriet, die sie noch niemandem gezeigt hatte. Anthony hätte es nicht sehen sollen. Aber er hatte es gesehen, und jetzt konnte er es nicht vergessen.

Er machte es sich auf einem der Sofas bequem. Seine Nichte lümmelte sich auf dem Zweisitzer gegenüber und fragte ihn weiter aus, bis Anthony ihr alles über Meredith Palmer erzählt hatte, was er preiszugeben bereit war.

Kimberly, die unbedingt einen guten Eindruck auf ihre richtige Mutter machen wollte, begann darüber nachzudenken, was sie am Samstag anziehen sollte.

Während die Zwölfjährige grübelte, rüstete sich Anthony für das Gespräch über die heiklen Aspekte der Zusammenkunft.

„Ich weiß, wie aufgeregt du bist“, sagte er ruhig, „aber am Samstag sollt ihr euch zunächst einmal nur kennenlernen. Hast du verstanden? Versuch nicht, Miss Palmer gegen mich auszuspielen …“

„Das würde ich niemals tun, Onkel Anthony!“, rief Kimberly.

„Oder gegen Rachel.“

Kimberly wurde rot und wich seinem Blick aus.

„Du wirst dich mit einer sehr empfindsamen Frau treffen, die niemals verwunden hat, ihr Kind hergegeben zu haben. Zieh sie nicht in einen Streit über eine Schule hinein. Gib ihr nicht das Gefühl, dass du sie nur benutzt, Kimberly.“

Sie zupfte einen Moment lang sichtlich verlegen an einem der blauen Kissen, dann sah sie ihren Onkel trotzig an. „Würde es sie denn nicht interessieren, wie ich darüber denke?“

„Doch. Aber wenn du das Thema anschneidest, fühlt sich Miss Palmer hilflos und ist traurig, weil sie dabei nichts zu sagen hat. Sie hat jedes Mitspracherecht verloren, als sie dich zur Adoption freigegeben hat.“

„Das ist nicht fair!“, platzte Kimberly heraus. „Sie ist meine richtige Mutter!“

„Möchtest du wirklich Kontakt mit ihr haben, oder willst du sie benutzen?“

„Natürlich möchte ich mit ihr zusammen sein!“, protestierte Kimberly.

Anthony glaubte ihr, trotzdem spielten dabei zweifellos noch andere Dinge eine Rolle. Und deshalb ließ er nicht locker. „Hoffentlich bist du nicht so engstirnig und selbstsüchtig, dass du bei dieser ersten Begegnung über deine Probleme klagst. Damit würdest du Miss Palmer alles verderben. Für sie erfüllt sich am Samstag ein Traum.“

„Ein Traum?“

„Sie hat sich mit den Fotos ein Idealbild von dir geschaffen, Kimberly. Ich möchte, dass sie stolz auf dich ist, wie du jetzt bist. Das schuldest du wohl der Mutter, die dich geliebt und für dich gesorgt hat, seit du ein Baby warst. Zeig Miss Palmer, wie gut deine Mom dich großgezogen hat.“

Kimberly runzelte die Stirn. „Mom hätte doch gewiss nichts dagegen, dass ich meine leibliche Mutter kennenlerne, stimmt’s, Onkel Anthony? Ich meine, Mom hat ihr die Fotos geschickt. Dann muss sie gewollt haben, dass Miss Palmer sieht, wie ich aufwachse.“

„Ich glaube, deine Mom hätte diesem Treffen zugestimmt. Und sie hätte sich gewünscht, dass Miss Palmer dich kennenlernt, deine guten Manieren bewundert und sagt, sie hätte es nicht besser machen können als deine Mom. Du weißt, wie viel Wert sie darauf gelegt hat, dass du dich gut benimmst und freundlich zu anderen Menschen bist.“

Tränen schimmerten in Kimberlys Augen. „Ich werde artig sein, Onkel Anthony.“ Sie stand auf, kam zu ihm, setzte sich auf seinen Schoß und legte ihm die Arme um den Nacken. „Ich benehme mich so, dass Mom stolz auf mich wäre. Ich verspreche es.“

Anthony drückte Kimberly an sich, gerührt über die Zuneigung des Kindes. Er liebte seine Nichte. Sie war die einzige Verwandte, die ihm geblieben war, und sie gehörten zusammen. Aber Meredith Palmer hatte niemals aufgehört, die Tochter zu lieben, die sie hergegeben hatte, und daran würde er von jetzt an jedes Mal denken müssen, wenn er Kimberly ansah. Er hatte das Gefühl, in einer hoffnungslosen Zwickmühle zu sein.

„Deine richtige Mutter wird dich wundervoll finden“, flüsterte er. „Das schönste Weihnachtsgeschenk, das sie jemals bekommen hat.“

Kimberly seufzte laut. „Ich wünsche mir so sehr, dass sie mich mag.“

„Wird sie. Und jetzt solltest du besser ins Bett gehen.“

„Gute Nacht, Onkel Anthony. Und danke für alles.“ Kimberly küsste ihn flüchtig auf die Wange, stand auf und ging hinaus. Im Flur blieb sie stehen und sagte: „Für mich wird auch ein Traum wahr. Ich träume von meiner richtigen Mutter, seit ich weiß, dass ich adoptiert worden bin.“ Kimberly wartete nicht auf eine Antwort, sondern lief weiter in ihr Zimmer.

Anthony blieb auf dem Sofa sitzen und dachte an seine Träume. Wie hatte sein Unterbewusstsein das Bild von Meredith Parker heraufbeschworen? Vielleicht hatte er irgendwann einmal ein Foto von ihr gesehen. Wenn seine Schwester sie gekannt hatte, könnte sie eins von ihr gehabt haben.

Aber warum erinnerte er sich nicht daran? Außerdem hatte Denise jahrzehntelang begeistert fotografiert und alle Frauen in ihrem Bekannten- und Freundeskreis aufgenommen. Warum sollte ausgerechnet Meredith Palmer die Frau geworden sein, die ihn in seinen Träumen rief, aber immer unerreichbar blieb?

Anthony hatte geglaubt, diese Traumfrau wäre ein Symbol für seine Enttäuschung darüber, dass er nicht die Frau fürs Leben finden konnte. Und auch ein Symbol für die Hoffnung, dass es dort draußen in der Welt eine gab, die auf ihn wartete und die er finden würde, wenn er nur lange genug suchte.

Dass diese Phantasiegestalt wirklich existierte, war jedoch … Anthony biss die Zähne zusammen. Nein, er würde nicht anfangen, diesen übernatürlichen Kram in Betracht zu ziehen. Es musste eine logische Erklärung geben. Und die Wirkung, die Meredith Palmer auf ihn hatte … Jeder wäre wohl schockiert und verwirrt, wenn er plötzlich einem Traumbild gegenüberstehen würde. Am Samstag würde Meredith Palmer schon nicht mehr so viel Macht über ihn haben.

Entschlossen verdrängte Anthony die Gedanken an Meredith Palmer und ging zum Telefon in der Küche. Es war fast elf Uhr, doch er wusste, dass Rachel selten vor Mitternacht ins Bett kam. Außerdem hatte sie darum gebeten, dass er zurückrief.

Als sie sich meldete, ertappte sich Anthony dabei, ihre energische, harte Stimme mit der weichen, melodischen Meredith Palmers zu vergleichen. „Hier ist Anthony“, sagte er schnell, wütend auf sich selbst.

„Wie schön! Ich bin so froh, dass du zurückrufst“, sagte Rachel herzlich.

Seine Laune besserte sich trotzdem nicht.

„Ich habe eine Einladung.

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