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JULIA BESTSELLER BAND 155

JILL SHALVIS

Einmal Himmel und zurück

Verstohlen mustert Tim Banning die junge Frau, die neben ihm im Jet sitzt. Ziemlich ausgeflippt, lautet sein Urteil. Aber als sie unerwartet in eine Notsituation gerät, bietet er ihr an, zeitweise bei ihm unterzukommen. Allerdings ahnt Tim nicht, dass Natalia aus einer einflussreichen Adelsfamilie stammt – mit einer geheimen Schwäche für echte Cowboys wie ihn …

Wer ist diese Frau?

Wie jedes Jahr geht Stone Cameron an einem bestimmten Frühlingstag an den Strand von San Paso Bay. Hier lernte er seine große Liebe Jenna kennen, die kurz nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter aus seinem Leben verschwand. Diesmal trifft Stone auf eine einsame Fremde, zu der er sich magisch hingezogen fühlt. Wer ist die hübsche Unbekannte?

Viel zu heiße Spiele

Woche für Woche putzt Dana die Villa von Colin West – obwohl sie die Chefin der Reinigungsfirma ist! Seit Ewigkeiten schwärmt sie für ihren umwerfenden Auftraggeber und hofft, ihm so endlich näherzukommen. Da überrascht Colin sie mit einer ungewöhnlichen Bitte: eine Scheinverlobung. Dana ist fest entschlossen, diese Chance zu nutzen, um Colin zu erobern!

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Einmal Himmel und zurück

1. KAPITEL

Timothy Banning brauchte dringend Urlaub von seinem New-York-Urlaub. Nicht, dass das möglich gewesen wäre, und erholen konnte er sich schließlich auch auf seiner Ranch in Texas – aber zunächst musste er überhaupt dorthin zurückkommen.

Der Flughafen war überfüllt, nur was sollte man an einem Sonntagnachmittag auch anderes erwarten? Tim wappnete sich innerlich gegen das Unvermeidliche: ein überfülltes Flugzeug, von dem ihn nicht einmal eine kleine Mahlzeit ablenken würde. Wenigstens hatte er eine Bordkarte, ganz im Gegensatz zu der laut nörgelnden Menschenmenge, die sich gerade um den Check-in-Schalter drängte.

Dankbar, dass er nicht mit der überforderten Flughafenangestellten tauschen musste, die versuchte, die aufgebrachte Meute zu besänftigen, reihte er sich in die Boarding-Schlange ein.

Er fühlte sich ausgelaugt, aber so war das nun mal, wenn er seine angeblich pensionierte Großmutter besuchte. Unaufhaltsam rannte sie von Theateraufführung zu Theateraufführung, von Shoppingausflug zu Shoppingausflug, und redete dabei wie ein Wasserfall. Ein kleines Nickerchen würde ihn schon wieder auf die Beine bringen.

Nicht das erste Mal nahm er sich fest vor, es auch wirklich ernst zu nehmen, wenn seine Großmutter eine Runde Drachenfliegen über dem Central Park vorschlug. Tim streckte seinen Nacken und zuckte vor Schmerz zusammen: Dieses Mal hätte sie ihn beinahe umgebracht.

Und nach wie vor weigerte sie sich, auch nur darüber nachzudenken, mit ihm zurück nach Texas zu kommen, damit er sich besser um sie kümmern konnte. All seine Überredungsversuche fegte sie unwillig vom Tisch.

Vor ihm saß ein etwa fünfjähriges Mädchen auf dem Arm seiner Mutter. Es hatte schrecklich verstrubbeltes Haar und trug ein Sommerkleidchen, auf dem „Bin ich nicht süß?“ stand. Mit weit aufgerissenen Augen starrte es Tim an und lutschte lautstark an einem leuchtend blauen Lolli.

So süß die Kleine auch sein mochte – er hoffte inständig, dass sie im Flugzeug nicht neben ihm sitzen würde.

Mit einem vernehmbaren Schmatzlaut zog sie sich den Lutscher aus dem Mund und lächelte Tim mit blau gefärbten Zähnen an. Speichel tropfte von ihren Lippen auf den Nacken ihrer Mutter herab. „Tish, pass doch auf!“ Die Mutter verlagerte das Gewicht des Mädchens auf ihren anderen Arm. „Behalt das bitte im Mund, ja?“

Genau, Tish, behalt das schön im Mund.

Schließlich steckte sich Tish den Lutscher wieder zwischen die bläulichen Lippen und musterte Tims Hut. „Bis’ du’n Cowboy?“, nuschelte sie.

Tim schnipste sich den Cowboyhut in den Nacken und bestätigte: „Yep!“

„Has du’n Ferd?“

„Yep!“

„Mag sie Tsucka?“

„Vermutlich genauso gern wie du!“

Tish grinste breit und lutschte weiter an ihrem Lolli. Die Warteschlange war kein Stück kürzer geworden. Stattdessen wurde er von hinten langsam, aber sicher immer dichter an Tish und ihren klebrigen blauen Lutscher gedrückt.

Das Chaos aus lärmenden Passagieren, knisternden Lautsprechern, den müden Stimmen des Flughafenpersonals und stechendem Kerosingeruch wurde immer größer.

Ein ziemlicher Unterschied zu dem Anblick der sanften Hügel, die seine Ranch umgaben, und zu der Stille der weiten Landschaft, die nur selten von etwas anderem als dem Gebrüll von Rindern gestört wurde.

„Entschuldigen Sie bitte!“, ertönte hinter ihm eine außerordentlich genervte und durchdringende Frauenstimme. „Ich will in dieses Flugzeug!“

Tim warf einen Blick über die Schulter und musste zweimal hinsehen. Die in Leder und Nieten gekleidete, stachelhaarige Jugendliche hinter ihm passte ganz und gar nicht zu dem gebildeten, fordernden Klang der Stimme. Für einen Augenblick empfand Tim Mitleid mit der armen Flugbegleiterin, sie sich um ihre neue Kundin kümmern musste. Dann schloss er seine Hand dankbar ein wenig fester um seine Bordkarte und schob sich gemeinsam mit den anderen Glücklichen in der Reihe vorwärts.

„Ma’am“, sagte die Angestellte, „dieser Flug ist überbucht.“

„Wie bitte?“

„Wir haben über Bestand verkauft!“, sagte die Angestellte ruhig. „Jetzt können wir …“

„Und wenn Sie ganz New York über Bestand verkauft haben!“ Das Mädchen in Leder klang absolut nicht wie ein Teenager. „Ich habe ein Ticket für einen Platz in der ersten Klasse. Und jetzt geben Sie mir meine Bordkarte.“

Tim konnte über diese aufgeblasene Zicke nur den Kopf schütteln. In die Schlange kam Bewegung, wenn auch nur im Schneckentempo. Vor ihm standen nur noch drei Personen, und schon in wenigen Augenblicken würde er es sich im Flugzeug bequem machen und sein ersehntes Nickerchen halten.

Schließlich waren da nur noch Tish und ihr außergewöhnlicher blauer Lutscher. Bald würde er sich ausstrecken, die Augen schließen und ins Traumland wandern. Tim stieg in das Flugzeug und lächelte die hübsche, rothaarige Stewardess an, die direkt vor ihm einem Erste-Klasse-Passagier, der sich schon gesetzt hatte, ein Getränk servierte.

„Hallo“, sagte sie atemlos und zwängte ihren spektakulären Körper in dem engen Gang dicht an seinem vorbei.

Sein Nickerchen zog augenblicklich den Kürzeren angesichts seines zweiten Hobbys: Frauen.

Leider handelte es sich dabei um einen eher passiven Zeitvertreib, da die meisten Frauen seine anstrengende Arbeit unter freiem Himmel als wenig förderlich für eine längerfristige Beziehung empfanden. Keine von ihnen hatte die zweite Geige neben hustenden Gäulen und einer Rinderherde spielen wollen.

Schon wieder kam die Schlange nicht vorwärts, diesmal wegen eines erbitterten Kampfes der Leute vor ihm um den Stauraum im Handgepäckfach.

Die hübsche Stewardess blickte mit einem Lächeln zu ihm nach oben. „Ich bin Fran“, sagte sie.

„Hi, Fran.“

„Ganz schön kuschelig hier drin, bei den vielen Leuten.“ Sie verschlang ihn mit heißen, vielversprechenden Blicken.

„Ich bin nur froh, dass ich endlich einsteigen konnte“, sagte er, Manns genug, sich über ihr offenkundiges Interesse an seinem Körper zu freuen – einem Körper, der gerade allerdings todmüde war. Lieber schuftete er von morgens bis abends auf seiner Ranch, als nur einen einzigen weiteren Tag mit seiner Großmutter durchstehen zu müssen. Endlich kam wieder Bewegung in die Schlange, und nach einem letzten vielsagenden Lächeln von Fran fand er seinen Sitzplatz.

In seinen Ohren klangen noch immer die wütenden Klagen der Passagiere nach, die weniger Glück gehabt hatten als er, weil sie nicht früh genug am Check-in-Schalter gewesen waren. Bloß was wollte man erwarten, bei schweren Frühlingsstürmen und einer Fluggesellschaft, die mehr Tickets verkaufte, als Plätze vorhanden waren?

Aber alles in allem war das nicht sein Problem. Mit einem breiten Gähnen zog er sich den Hut über die Augen und versuchte, seine langen Beine auszustrecken, was natürlich darin resultierte, dass er sich beide Knie anstieß. Doch als Vollblutcowboy hatte er schon früh gelernt, auch in den unmöglichsten Situationen zu schlafen, und das hier war keine Ausnahme. Er schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass die beiden Plätze neben ihm frei blieben. Dann fiel ihm auf, wie hoffnungslos das auf einem überbuchten Flug war, und beschloss, sich auch mit einem kleinen und vor allem leisen Nachbarn zufriedenzugeben. Zehn Sekunden später dämmerte er unter der einschläfernden Stimme einer Stewardess ein, die die Fluggäste bat, das zusätzliche Gepäck unter den Sitzen zu verstauen.

Gerade war er eingeschlafen, als jemand von hinten in seinen Sitz trat. Er öffnete die Augen, drehte sich um und blickte direkt in ein Paar grüne Augen, unter dem ihn ein blauer, sabbernder Mund angrinste.

„Hi, Cowboy!“ Tish, die Lutscherkönigin, grinste und winkte, wobei sie ihrer Mutter einen beachtlichen Nasenstüber verpasste.

Innerlich stöhnend winkte Tim zurück, drehte sich wieder um, schloss erneut seine Augen und döste wieder ein, diesmal zu einer mitreißenden Darbietung von „Old MacDonalds Farm“.

Als Tim das nächste Mal unsanft geweckt wurde, fiel sein Verdacht augenblicklich auf Tish. Er stellte sich schlafend, in der Hoffnung, dass sie ihn in Frieden lassen würde.

Aber es war nicht Tish.

In seinem Blickfeld erschien ein Paar langer, gebräunter Beine in schweren schwarzen Kampfstiefeln, als sich jemand übellaunig in den Sitz neben ihn fallen ließ.

„Scheißunglaublich“, murmelte die kleine Zicke vom Check-in-Schalter. Sie hatte tatsächlich einen Platz bekommen, und, wie das Schicksal es wollte, direkt neben ihm.

„Die Sitze hier hinten sind viel zu nahe beieinander.“ Sie zappelte herum, offensichtlich darum bemüht, dass er es genauso unbequem hatte wie sie. Ihr Plan ging auf.

Ihr knapper schwarzer Ledermini rutschte etwas höher. Tim wunderte sich, dass ihre Mutter sie in so einem Aufzug überhaupt aus dem Haus gelassen hatte. Na ja, dachte er, es hätte schlimmer kommen können. Er schloss erneut die Augen. Es hätte ein Plappermaul sein können …

„Das wird mir keiner glauben!“ Sie ließ ihre Kaugummiblase so laut platzen, dass Tim beinahe die Ohren abfielen. „Wir sitzen hier ja wie die Sardinen!“

Verdammt. Sie war ein Plappermaul.

„Wie soll man sich hier denn bitte ausstreck… autsch!“ Sie rieb ihr Bein. So eng, wie sie nebeneinandersaßen, spürte er ihren Handrücken dabei sanft an seinem Bein entlanggleiten. „Es gehört verboten, so zu sitzen. Ich sollte Beschwerde einlegen!“

Er würde sie einfach keines Blickes würdigen. Nicht einmal eines kurzen. Er drückte sich den Hut ins Gesicht, rutschte tiefer in seinen Sitz und rammte sich dabei seine Knie ins Kinn.

„Mein Pech heute bricht wirklich alle Rekorde“, übertönte das junge Mädchen seinen Schmerzensschrei.

Ihre Stimme hatte einen leicht britischen Klang. Unter seinem Hut hervor riskierte er einen schnellen Blick zur Seite. Sprach sie mit ihm oder mir der dicken Frau am Ende der Reihe? Da die Frau nicht reagierte und er vorgab zu schlafen, gab es nur eine Möglichkeit.

Sie sprach mit sich selbst, was bedeutete, dass sie nicht nur ein Plappermaul, sondern auch noch verrückt war.

„Ich wette, die amerikanische High Society kennt solche Probleme nicht“, sagte sie. „Ich meine, wann musste wohl zuletzt ein Kennedy in der Economy Class fliegen?“

Tim schaffte es, sich noch ein bisschen tiefer in seinen Sitz zu verkriechen, ohne seine Knie noch mehr zu verstümmeln. Die Augen hielt er dabei fest geschlossen.

„Und überhaupt: Was fällt denen nur ein, mich in die zweite Klasse zu setzen? Hat etwa Prinz William in der ersten Klasse alle Plätze belegt? So eine Unverschämtheit!“ Sie musste sich zur Seite gelehnt haben, um es etwas bequemer zu haben, denn Tim fühlte, wie ihr Haar über seinen Arm strich. Ein exotischer, beinahe unwiderstehlicher Duft nach Blumen und Frauen stieg ihm in die Nase.

Eigentlich liebte er sowohl dieses Gefühl als auch diesen Geruch, aber minderjährige, verrückte Frauen waren nun mal nicht gerade sein Ding.

Das Flugzeug fuhr an. Sehr gut. Menschen redeten nicht während des Startvorgangs. Normale Menschen jedenfalls nicht. Menschen wie ich.

Tim begriff, dass dies hier seine letzte Chance auf ein Schläfchen war.

Für ganze 15 Sekunden hielt die Kleine den Mund. Seine Hoffnung wuchs.

„Oh Mann!“ Ihre Stimme schwankte und klang auf einmal ganz und gar nicht mehr selbstbewusst. „Wenn man bedenkt, wie oft ich das hier schon gemacht habe, sollte mir der Start eigentlich weniger Probleme bereiten.“

Er fühlte die weiche, warme, glatte Haut ihres Arms an seinem, als sie nach der Armlehne zwischen ihnen griff.

Mach bloß nicht die Augen auf, Banning!

„Haben Sie gehört, wie das Triebwerk stottert?“, fragte sie und stieß ihn vorsichtig an. „Entschuldigen Sie, es tut mir wirklich leid, dass ich Sie störe, aber war das ein Stottern? Was glauben Sie?“

Ein anderer Mann hätte den scharfen Klang der Angst in ihrer Stimme vielleicht ignorieren können. Aber Tim war einfach nicht der Typ, der jemanden im Stich ließ, wenn der sich fürchtete. Er öffnete die Augen, drehte sich zu ihr und versicherte beruhigend: „Das sind nur ganz normale Startgeräusche!“

Sie hörte auf, Kaugummi zu kauen und biss sich stattdessen auf die Lippen. Noch immer umklammerte sie die Armlehnen zu ihren Seiten und grub Tim dabei ihren Ellenbogen in die Rippen.

„Ganz sicher“, fügte er hinzu, leicht irritiert durch die warme Tiefe ihrer dunkelgoldenen Augen. Ihr ebenfalls dunkelgoldenes Haar passte perfekt dazu, auch wenn es in Stacheln in die Höhe ragte und dabei von oben bis unten gepiercte Ohren entblößte. „Es wird schon alles gut gehen“, sagte er, um sie endgültig zu beruhigen, damit er ungestört weiterschlafen konnte.

Sie nickte. Ihre Augen waren dick schwarz umrandet, und sie trug blauen Lidschatten, der zu dem blauen Lipgloss passte, den sie gerade nervös abnagte.

Vor ihnen schloss Fran, die Stewardess, den Vorhang zwischen erster und zweiter Klasse und zwinkerte Tim dabei aufreizend zu.

Seine merkwürdige Sitznachbarin setzte sich kerzengerade auf und deutete anklagend in die erste Klasse. „Haben Sie das gesehen? Die da vorne bekommen Mittagessen! Das ist mein Mittagessen! Huhu! Hallo!“

Aber Fran kam nicht zurück.

Kluge Fran.

„Na ja.“ Das junge Mädchen lehnte sich zurück, offensichtlich sehr erstaunt darüber, einfach nicht beachtet zu werden. „Echt wahr! Ich verhungere hier hinten, und die kriegen was zu essen.“ Sie ärgerte sich einen Moment lang und rief dann: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie hier gerade eine echte Prinzessin verhungern lassen?“

Fran steckte ihren Kopf durch den Vorhang. „Ich muss Sie bitten, sich zurückzuhalten“, sagte sie.

„Aber …“

„Sie können mich gerne köpfen, sobald wir gelandet sind, aber bis dahin bin ich hier die Königin.“

Der Vorhang schloss sich endgültig.

„Ich bin wirklich am Verhungern“, sagte die Lederprinzessin zu Tim, jetzt schon etwas zaghafter.

„Das tut mir leid.“

Sie starrte ihn an. „Sie haben keine Ahnung, wer ich bin, oder?“

„Lass mich raten: eine verhungernde Prinzessin?“

„Ja!“ Sie wirkte erfreut, bis sie bemerkte, dass er sie auf die Schippe nahm. „Das ist ja mal was ganz Neues, nicht erkannt zu werden.“ Sie lachte und schüttelte fassungslos den Kopf, während sie sich ein Paar Kopfhörer aufsetzte.

Sie ist verrückt, dachte Tim.

Tish steckte von hinten ihren Kopf zwischen den Sitzen hindurch. „Hallo!“

Die Lederprinzessin lächelte und nahm die Kopfhörer ab, aus denen laute, unerträgliche Geräusche schallten. „Hallo zurück!“, sagte sie zu dem kleinen Mädchen.

„Ich bin sson soooo alt!“ Tish lehnte sich über den Sitz, verpasste Tim dabei eine Kopfnuss und hielt fünf klebrige Finger in die Höhe.

Die Lederprinzessin nickte. „Ich bin so alt mal vier plus vier.“

Tim sah mehr als überrascht auf. „Du bist … ich meine, Sie sind vierundzwanzig?“

Ihre schwarz umrandeten Goldaugen blitzten ihn fröhlich an. „Für wie alt haben Sie mich denn gehalten?“

„Zwölf!“

„Zwölf also. Aha.“ Grinsend zog sie ihre Lederjacke aus und enthüllte ein schwarzes, bauchfreies Top, das ihm unmissverständlich mitteilte, dass sie wesentlich älter war als zwölf.

Sie lachte über seinen verblüfften Gesichtsausdruck. Auch Tish lachte und ließ ihren Lolli fallen – direkt in Tims Schoß.

Tim hob ihn auf, bevor Tish Gelegenheit dazu bekam, und warf im Geiste seine klebrige Hose weit aus dem Fenster.

„Tish, setz dich hin!“, meldete sich ihre Mutter zu Wort.

Genau, Tish, setz dich hin!

Er inspizierte erst angewidert die blauen, klebrigen Flecken auf seiner Jeans und starrte dann seine Sitznachbarin an. Sie lächelte ihm zu, aber er brachte es nicht fertig, ihr Lächeln zu erwidern. Es wäre ihm deutlich lieber, wenn sie tatsächlich zwölf wäre.

Eine andere Stewardess kam den Gang entlang und warf jedem Passagier eine erbärmlich kleine Packung Erdnüsse zu.

Tims hungrige Nachbarin reagierte nicht schnell genug, und die Tüte traf sie mitten im Gesicht, um dann mit einem leisen Rascheln in ihren Schoß zu plumpsen. In einer Mischung aus Selbstmitleid und Wut blickte sie auf die Erdnusstüte hinunter und murmelte: „Ich hasse Linienflüge.“

Aber wenigstens hatte sie vergessen, sich zu fürchten. Erleichtert, dass er seine Aufgabe gemeistert hatte, und in der Hoffnung auf ein wenig Schlaf lehnte Tim sich zurück. Immerhin war sie jetzt zufrieden. Und ruhig.

Hoffentlich sehr ruhig.

„Ich kann im Flugzeug nicht schlafen“, sagte sie in leicht niedergeschlagenem Ton und spielte mit der Erdnusstüte herum.

Knister … Knister … Knister …

Tim hatte die Wahl: Er konnte explodieren und sie anschreien. Er konnte sich zusammenreißen, den gesamten Flug über kein Auge zutun und nach der Landung laut schreien, sobald er sich alleine in einem geschlossenen Raum befand, um seinem Ärger Luft zu machen. Oder er konnte dafür sorgen, dass diese kleine Irre sich beruhigte. Er entschied sich für die letzte Alternative.

Mit einem Seufzen streckte er die Hand aus und legte sie auf ihre.

„Danke“, flüsterte sie, verschränkte ihre Finger in seine und umklammerte seine Hand. Erstaunlicherweise hielt sie von da an den Mund.

Und so kam es, dass Tim Banning eine verrückte junge Zicke – nun ja, vielleicht keine Zicke, aber doch eine eindeutig verrückte Frau – an der Hand hielt.

2. KAPITEL

Bei ihr zu Hause wusste jeder, dass Natalia eine Prinzessin war, auch wenn sie sich alle Mühe gab, es zu verbergen. Sie mochte es nicht, mit all den anderen Prinzessinnen verglichen zu werden, die größtenteils viel beliebter waren als sie selbst. Ein Teil von ihr liebte es einfach, die Leute zu schockieren.

Aber hier in den USA war sie ein Niemand, und sich königlich zu amüsieren bekam eine ganz neue Bedeutung, wenn es die anderen waren, die sich über einen lustig machten.

Ihrem ehemaligen Kindermädchen Amelia Grundy zufolge, die mit den Jahren ihre engste Vertraute geworden war, verlor eine Prinzessin niemals die Beherrschung, schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

Doch alleine heute hatte Natalia schon mehrfach gegen diese Regel verstoßen, und sie nahm sich fest vor, dass ihr das nicht noch mal passieren würde. Bestimmt würde ihr das gar nicht so schwerfallen, immerhin hatte sie ja eine angemessene Ersatzbeschäftigung gefunden. Es war wesentlicher einfacher und viel lustiger, den attraktiven Cowboy neben ihr auf die Palme zu bringen.

Natürlich war das nicht unbedingt politisch korrekt, aber Prinzessin Natalia Faye Wolfe Brunner von Grunberg war ja auch nicht gerade bekannt dafür, dass sie sich an die Regeln hielt. Nicht, dass sie die Welt, aus der sie kam, nicht gemocht hätte, aber sie passte sich eben nicht gerne an. An nichts und niemanden, nicht einmal an ihre Herkunft. Sie war anders, und es ging ihr gut damit. Ihre Familie liebte und schätzte sie, egal ob sie Silberschmuck, Lederklamotten und blauen Lippenstift trug oder die wohlerzogene kleine Prinzessin spielte. Vor langer Zeit war sie tatsächlich brav gewesen, weil sie dachte, nur so gemocht zu werden.

Aber heute … uff. Ihre Anreise aus Europa hatte den ganzen Tag gedauert, und sie war immer noch schockiert über die maßlose Unfreundlichkeit der Amerikaner, denen sie an diesem Tag über den Weg gelaufen war. Sie hoffte, dass sich dieses Phänomen auf die Flughäfen beschränkte, denn ansonsten würde ihr Aufenthalt hier eher unangenehmer Natur werden.

Hatte Amelia sie nicht vor den USA gewarnt, dem Land der Shopping-Malls, Hollywooddiven und Wildwestcowboys?

Eigentlich hatte Natalia eine geheime Schwäche für alte Westernfilme. Ihre beiden Schwestern waren davon überzeugt, dass sie zu viele Clint-Eastwood-Streifen gesehen hatte. Aber auch wenn Annie und Lili vielleicht recht hatten: Sie faszinierten sie nun mal. Natürlich wusste sie, dass die modernen amerikanischen Männer keine Hüte und Revolver trugen, der bloße Gedanke gefiel ihr nur irgendwie.

Genauso wie der Anblick zu ihrer Rechten. Der Cowboy war groß, sehnig, durchtrainiert und trug, als Tüpfelchen auf dem i, sogar einen echten Cowboyhut. Und er hielt ihre Hand. War das nicht süß? Sie wäre nie darauf gekommen, dass ein Cowboy unter seiner stahlharten Schale auch süß sein könnte – und sie zweifelte nicht daran, dass dieser raue Mann mit der Respekt einflößenden Stimme stahlhart war. Sie betrachtete ihn und beschloss, dass es eine Schande war, dass Hollywood ihn nicht entdeckt hatte. „Sie haben nicht vielleicht einen Revolver dabei, oder?“

Er schob seinen Hut nach hinten und starrte sie an. „Sind Sie betrunken?“

„Nein, selbstverständlich nicht!“ Trinken gehörte ebenfalls zu den Dingen, die Prinzessinnen in der Öffentlichkeit nicht taten. „Ich hab mich nur gefragt … Also haben Sie jetzt einen Revolver oder nicht?“

Abrupt verbarg er sein Gesicht wieder hinter dem Hut, was wirklich eine schreiende Ungerechtigkeit war, bei den markanten Zügen. Er war keiner von den hübschen Jungs, wie sie zu Hause in Scharen herumliefen. Vielmehr sah er eher aus wie der Marlboromann, nur ohne Zigarette im Mundwinkel. Ein sonnengebräuntes Gesicht, das viel erlebt hatte und das sie so fesselte, dass sie kaum mehr wegsehen konnte. Und zu allem Überfluss saß dieses Gesicht auf einem Körper, der wohl jeder Frau das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

„Den Revolver habe ich zu Hause gelassen“, sagte er. „Genauso wie mein sprechendes Pferd.“ Gähnend streckte er sich. Schon wieder stieß er sich die Knie am Vordersitz an. Er fluchte unterdrückt und versuchte, seine langen Beine wieder zusammenzufalten wie ein Storch, der es sich in den Kopf gesetzt hat, ein Nickerchen in einer Streichholzschachtel zu machen. Bei diesem Gedanken musste Natalia grinsen und bewegte dann leicht ihre Finger in seiner großen warmen Hand, die ihr aus unerklärlichen Gründen das Gefühl gab, dass alles, aber auch wirklich alles gut gehen würde.

Obwohl Natalia sonst alles anderes als leicht zu beeindrucken war, schmolz sie nun dahin. Er trug ein dunkelblaues T-Shirt und Jeans, die unglaublich weich aussahen und perfekt saßen. Sie hätte alle Ringe in ihrem linken Ohr verwettet, dass er sie nicht so gekauft, sondern bei seiner harten Arbeit im Sattel eingetragen hatte.

Entgegen der landläufigen Vorstellung vom Inhalt des Kleiderschrankes einer Prinzessin besaß sie selber mehrere Jeans. Auf ihre Reise hatte sie aber keine davon mitgenommen, schließlich wollte sie Aufsehen erregen, und Leder eignete sich dafür wesentlich besser als Jeans.

Ihr Drang, aufzufallen, war so ein Sandwich-Kind-Ding. Als Mittlere von drei Töchtern musste man sich nun mal ein bisschen ins Zeug legen, um die gebührende Aufmerksamkeit zu bekommen. Als sie zehn Jahre alt war, brachte ihre Mutter sie zu einem Kinderpsychologen, der herausfinden sollte, warum sie permanent im Mittelpunkt stehen musste. Das Ganze hatte nichts gebracht außer einer saftigen Arztrechnung, auch wenn sich Natalia noch immer gerne an die Bonbons erinnerte, die sie nach jeder Sitzung bekommen hatte. Ihre Mutter war nie auf die Lösung des Problems gekommen, aber Natalia glaubte, dass sie selbst sie sehr wohl kannte: Sie liebte Aufmerksamkeit einfach.

Und das war auch der Grund, aus dem sie alleine hier war. Dies war ihre erste Reise ohne Hofstaat. Sie war auf dem Weg zu der Hochzeit einer ebenfalls adeligen Freundin, auf der sie ihre Familie repräsentieren und ausnahmsweise einmal stolz machen wollte. Aber sie hatte nicht mit den guten, alten Nerven gerechnet.

Sie saß zwischen dem mittlerweile wieder schlafenden Cowboy und einer unbeschreiblich fetten Frau, die mit offenem Mund schlief. Ihr Schnarchen würde demnächst bestimmt die Schallgrenze durchbrechen und übertönte sogar das neue Album von Good Charlotte, das aus Natalias Kopfhörern tönte.

Wenigstens der Cowboy schlief geräuschlos, zog aber trotzdem all ihre Aufmerksamkeit auf sich. Wie konnte man bei so einem umwerfenden Mann schon widerstehen, ihm heimliche Blicke zuzuwerfen?

Ärgerlicherweise hatte Natalia zu viel Wasser getrunken und musste dringend in den Waschraum. So ein Mist! Sie betrachtete die schnarchende Frau skeptisch und beschloss, sich eher erschießen zu lassen, als jemals mit offenem Mund in der Öffentlichkeit einzuschlafen. „Entschuldigen Sie bitte!“, flüsterte sie und rüttelte die dicke Frau vorsichtig. „Ich muss mal aufstehen!“

Die Frau fuhr mit einem lauten Schnauben aus dem Schlaf auf. „Sehen Sie nicht, dass ich gerade schlafe?“, brummte sie vorwurfsvoll.

„Ich weiß. Aber ich muss zum Waschraum.“

„Zum Waschraum? Im Flugzeug? Wo soll der denn sein, häh?“

Innerlich seufzte Natalia und beschloss, sich damit abzufinden, dass die Leute in diesem Land einfach keinen Stil hatten. Sie zeigte in Richtung der Toiletten und der ersten Klasse, wo sie eigentlich hätte sitzen sollen.

„Oh, aufs Klo, meinen Sie“, sagte die dicke Frau so laut, dass es mit Sicherheit niemandem im Umkreis von 100 Kilometern entgangen war. „Sie müssen pinkeln! Kindchen, warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt?“ Sie zog eine Augenbraue hoch: „Oder dürfen Prinzessinnen das Wort pinkeln nicht verwenden?“

War das lustig. Mein Gott, war das lustig! „Könnten Sie mich bitte durchlassen?“

„Ist ja schon gut.“ Mühsam hievte die Frau sich aus dem Sitz und quetschte sich in den Gang. „Nichts liegt mir ferner, als eine Prinzessin warten zu lassen.“

Als Natalia endlich auf dem „Klo“ saß, starrte sie im Spiegel ihr müdes Gesicht an. Sie sah blass und krank aus. Sie spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht, um dann festzustellen, dass ihre Ähnlichkeit mit Frankensteins Braut dadurch nicht unbedingt kleiner geworden war. Na toll.

Der Cowboy regte sich, als sie sich wieder setzte, schnipste seinen Hut zurück und öffnete ein Auge. Ein hinreißend dunkelgrünes Auge, mit dem er sie eingehend musterte, bevor er es wieder schloss.

Er war der erste Mann, der ihr jemals begegnet war, der kein Wort über ihr Make-up, ihre Kleidung oder ihren Schmuck verlor. „Sind wir schon da?“, fragte er.

„Nein.“

„Hmm.“ Er versuchte, sich zurückzulehnen, aber sein langer, trainierter Körper war einfach zu groß für den Sitz. Sein Arm stieß ihren von der Armlehne, und sie starrte ihn an, verblüfft, weil er sich nicht auf der Stelle überschlug, um sich zu entschuldigen, so wie sie es gewohnt war.

Er sah sie noch nicht mal an!

Weil er so offensichtlich unbequem saß und sie nicht noch unangenehmer auffallen wollte, ließ sie ihn in Frieden. So unhöflich die Amerikaner auch waren – die Männer machten wirklich was her.

„Beobachten Sie mich beim Schlafen?“, fragte er mit tiefer, fast heiserer Stimme.

Sie zwang sich, wegzusehen. „Natürlich nicht“, antwortete sie mit geheuchelter Empörung.

„Tun Sie wohl.“

Jetzt ganz bestimmt nicht mehr, und wenn ihr Leben davon abgehangen hätte. Sie verbot sich sogar, an ihm vorbei aus dem Fenster zu sehen – immerhin hätte er denken können, dass sie ihn schon wieder anstarrte. Also richtete sie ihren Blick seufzend auf den Walfisch neben sich, der wieder zu schnarchen begonnen hatte. Was hätte sie dafür gegeben, weiterhin den scharfen Cowboy mustern zu können.

Seufzend setzte Natalia sich aufrecht hin und versuchte, so etwas wie hoheitsvolle Gelassenheit an den Tag zu legen, selbst als das Flugzeug plötzlich absackte. So viel Selbstbeherrschung war ihr noch nie abverlangt worden.

Ein sehr kleiner Teil von ihr wünschte sich, dass der Cowboy wieder ihre Hand nahm.

So katastrophal, wie der Tag bisher verlaufen war, hätte ihr eigentlich klar sein müssen, dass das dicke Ende noch bevorstand – immerhin kam ein Unglück schließlich selten allein. Bloß das, was sie erwartete, hätte sie sich in ihren schlimmsten Träumen nicht ausmalen können.

Das Flugzeug landete pünktlich – so weit, so gut.

Natalia machte sich für den Ausstieg bereit, und das war der Punkt, an dem sich das dicke Ende ankündigte.

Die Stewardessen wünschten den Passagieren einen schönen Tag, lächelten und salutierten dabei wie eine Horde gut gelaunter Feldwebel. Als Natalia zum Ausstieg kam, hörten sie auf zu winken, knicksten und riefen: „Lebt wohl, euer Hoheit!“

Ausgesprochen witzig.

Sie hörte den Cowboy hinter sich tief und rau lachen. Aber als sie sich umdrehte, sah er sie nur mit seinem intensiven, allwissenden Blick an. Doch so gut er seine ernste Miene auch im Griff hatte – sie wusste einfach, dass sich dahinter Spott verbarg.

Natalia sah ihn einen langen Moment lang prüfend an, erstaunt, wie unbefangen er ihrem Blick standhielt.

Dann drängte ihn jemand von hinten gegen ihren Rücken. Die Wärme seines Körpers brannte sich in ihre Haut ein, und während Natalia noch überlegte, ob sie das Gefühl angenehm oder peinlich finden sollte, war der Cowboy schon wieder zurückgewichen.

Sie ging eilig weiter, schließlich durfte sie ihren Anschlussflieger auf keinen Fall verpassen.

Eigentlich kann das nicht weiter schwierig sein, dachte sie, bis sie feststellen musste, dass dieser spezielle Flughafen und ein Labyrinth so einiges gemeinsam hatten.

Wie in Gottes Namen sollte sie in diesem gewaltigen Flughafengebäude das richtige Gate finden? Und wo war sie eigentlich? Ach ja, Dallas. Dallas, Texas. Dallas, wo die Frauen riesige Föhnfrisuren trugen und die Männer Gürtelschnallen von der Größe Mexikos.

Kein Ort, an dem man unbedingt bleiben musste.

Vor allem nicht, wenn man wie Natalia allen Grund hatte, sich selbst zu bemitleiden. Sie fiel auf wie ein bunter Hund, und bei jeder Bewegung fühlte sie die neugierigen und abschätzigen Blicke der Leute auf sich ruhen. Aber sie riss sich zusammen, reckte stolz ihr Kinn in die Höhe und starrte provokativ zurück. Sie hatte sich noch nie so grässlich gefühlt. Und zu allem Unglück war sie statt in Terminal B nun auch noch in Terminal C gelandet!

Verdammt. Sie durfte auf keinen Fall ihren Anschlussflieger verpassen! Sie wollte ihren Platz in der ersten Klasse, und nichts würde sie davon abhalten, ihn auch zu bekommen. Aber sie hatte nur wenige Minuten bis zum Abflug, und sie musste unbedingt verhindern, wieder dieser elenden Überbuchungsgeschichte zum Opfer zu fallen. Also begann sie zu laufen – was sich als gar nicht so einfach entpuppte in einem vollkommen überfüllten Flughafen und mit schweren Stiefeln an den Füßen, die zwar gut aussahen, sich aber nicht gerade für einen Sprint eigneten. Im Slalom lief Natalia um die Leute herum. Ihr Handgepäck schlug ihr mit jedem Schritt schmerzhaft gegen die Hüften, und ihre Zehen stießen gegen die Stahlkappen in ihren Stiefeln. Einen Moment lang verfluchte Natalia sich für ihre Eitelkeit.

Sie kam unendlich langsam voran. Alte Leute mit Krückstöcken und herumtollende Kinder versperrten ihr den Weg. Bei diesem Tempo würde sie unprinzessinnenhaft verschwitzt und ramponiert sein, wenn sie endlich am richtigen Gate ankam. Sie war so außer Atem, dass sie eine Pause machen und ihre Handtasche und ihr Handgepäck abstellen musste, um Luft zu holen.

Sobald sie wieder zu Hause war, musste sie dringend einen hofeigenen Fitnesstrainer anstellen, der ihre Kondition auf Vordermann brachte.

In diesem Moment wünschte sie sich dagegen nichts so innig wie eine Sauerstoffmaske.

„Hey! Bewegen Sie sich!“, wurde sie von einem uniformierten Mann angeschnauzt, der ein Golfmobil fuhr. Ein Golfmobil! Sie wäre Skateboard gefahren, um ihre Lungen zu schonen. „Gott sei Dank!“ Sie keuchte noch immer. „Fahren Sie mich bitte zu Gate …“ Sie schnaufte wie eine Lokomotive und blickte auf ihr Ticket, um herauszufinden, von wo sie abflog.

„Tut mir leid, ich bin kein Taxi.“

„Was?“ Sie starrte den Wagen an. Er war riesig! Sie hätte mehr als genug Platz gehabt. „Was soll das heißen? Ich muss doch nur zu …“

„Nein!“

„Mir ist bewusst, dass Sie nicht wissen, wer ich bin, aber …“

„Passen Sie mal auf, junge Dame: Und wenn Sie Christina Aguilera höchstpersönlich wären, würde ich Sie nicht mitnehmen. Ich befördere nur Senioren.“

Und dann besaß er die Frechheit, einfach wegzufahren. Natalia stand da, mit wirrem Haar und schmerzenden Zehen, den Arm ausgesteckt nach ihrem Handgepäck.

Sie hatte keine Wahl, also lief sie wieder los und kam zwei Minuten vor der Zeit an ihrem Gate an. Sie schleppte sich an den Schalter und signalisierte der Frau dahinter, dass sie erst Luft holen musste, bevor sie sprechen konnte.

Die Flughafenangestellte wippte nur ungeduldig mit dem Fuß, sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an und trommelte genervt mit den Fingern auf dem Schalter herum.

„Ich bin hier … weil ich … einchecken will.“ Trotz der Umstände und ihres Zustandes rang Natalia sich ein Lächeln ab. Ein königliches Lächeln. Ein königliches Wagen-Sie-es-bloß-nicht-mir-zu-widersprechen-Lächeln.

„Ma’am, der Flug wurde aufgrund des Wetters gecancelt.“

Sobald sie wieder zu Hause war, musste sie dringend ihre Ohren untersuchen lassen. „Was?“

„Gewitter über New Mexico.“

„Aber genau da muss ich hin!“

„Ja, Sie und noch zweihundert weitere Passagiere.“

Das war der richtige Moment, um das Handy zu zücken und die Kurzwahltaste nach Hause zu drücken. Zu Hause. Was für ein schönes Wort. Ihr Vater, ihr Hofstaat, ihre Amelia – vor allem Amelia, die wie immer alles hatte kommen sehen – würden sie aus diesem Schlamassel schon wieder herausholen. Amelia Grundy hatte sie ihr Leben lang aus jedem Schlamassel geholt, was einem Wunder gleichkam. Amelia war wie eine moderne Mary Poppins, die instinktiv immer wusste, wann Natalia sie brauchte. Für Natalia und ihre Schwestern war es ganz normal, dass seltsame Dinge passierten, sobald Amelia ihre Finger im Spiel hatte. Magische Dinge. Erstaunliche Dinge. Und, im Falle, dass man Mist gebaut hatte, auch schreckliche Dinge.

Die Wahrheit war, dass Natalia Amelia jetzt brauchte, und es war sehr wahrscheinlich, dass Amelia es bereits wusste. Vermutlich würde sie sich sogar ihr „Ich hab’s dir ja gleich gesagt“ sparen.

Sehr vermutlich.

Aber sie würde hundertprozentig diesen allwissenden, leicht tadelnden Ton anschlagen, der das „Ich hab’s dir ja gleich gesagt“ überflüssig machte. Niemand, vor allem nicht Amelia, die immer wusste, wann Ärger anstand, hatte gewollt, dass Natalia ihre Reise alleine antrat.

Ihr ganzes Leben lang war sie beschützt worden. Ihr Leben lang hatte sie gegen all die Verbote, guten Ratschläge und Ermahnungen angekämpft. Und jetzt saß sie in Dallas fest. „Und wie soll es jetzt weitergehen?“

„Nun ja …“ Die Finger der Flughafenangestellten flitzten über die PC-Tastatur, während sie über Natalias Schicksal entschied. Ihre Frisur hatte, abgesehen von der Farbe, einiges mit der von Marge Simpson gemeinsam, und von ihren Ohren baumelten untertellergroße Ohrringe. Und diese Leute finden, dass ich seltsam aussehe? „Der nächste Flieger geht morgen“, sagte die Frau.

Natalia unterbrach ihren Frisurvergleich. „Morgen?“

„Morgen.“

Natalia widerstand dem Drang, mit dem Kopf gegen den Counter zu hämmern, und schrie auf. „Und was ist mit meinem Gepäck?“

„Das können Sie leider erst an Ihrem Endziel in Empfang nehmen.“

„Sie machen wohl Scherze!“

Doch der humorlose Gesichtsausdruck der Frau hinter dem Schalter sagte mehr als tausend Worte.

„Sie machen keine Scherze“, stellte Natalia entgeistert fest.

„Ma’am, Scherzen fällt nicht in meinen Aufgabenbereich.“

Natalia schüttelte den Kopf. „Das kann einfach nicht wahr sein.“

„Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen den Busfahrplan vorlegen. Der Shuttle bringt Sie zu der Bushaltestelle vor dem Terminal.“

„Bus?“

„Bus.“

Bus.

Genau dort fand sich Natalia 45 Minuten später wieder. Auf einer Bank an der Bushaltestelle wartete sie in der feuchten, dampfigen, widerlichen Hitze auf den Bus und beobachtete die Gewitterwolken, die sich bedrohlich über ihr zusammenzogen.

In Bussen gab es keine Bordverpflegung, da war sie sich ziemlich sicher. Sie zog ihre Lederjacke aus und legte sie auf das Handgepäck zu ihren Füßen. Natalia hätte sogar die dummen Witze der Stewardessen auf sich genommen, nur damit ihr jemand ein Tütchen Erdnüsse zuwarf.

Aber es gab, soweit war sie informiert, immerhin ein „Klo“.

Wahnsinn.

Sie saß ganz alleine an der Bushaltestelle. Alle anderen waren offenbar so klug gewesen, im Flughafengebäude auf den Bus zu warten. Aber eigentlich war das gar nicht so übel, immerhin starrte sie jetzt niemand mehr an.

Ihr größtes Problem war der Hunger.

Nur so aus dem Leim gegangen, wie sie sich in letzter Zeit fühlte, tat es ihr gar nicht so schlecht, die eine oder andere Mahlzeit ausfallen zu lassen. Sie sah an sich herab und beschloss, dass sie im Augenblick mollig genug war, um ohne ein Mittagessen nicht gleich verhungern zu müssen.

Immerhin verdanke ich meinem Appetit ein Paar nicht zu verachtende Brüste, erinnerte sie sich selbst.

Nicht, dass ansehnliche Brüste einem irgendetwas brachten, wenn man sein ganzes Leben lang bemuttert wurde.

Aber in diesem Moment wirst du nicht bemuttert!

Bei diesem Gedanken fiel ein Großteil der Anspannung von ihr ab. Sie lächelte sogar leise vor sich hin. Sie war allein, so wie sie es immer gewollt hatte. Und was auch immer da kommen mochte, sie würde ihre Familie stolz machen.

Ihr war vollkommen bewusst, wie gut sie es hatte. Aber es gab nun mal mehr im Leben, als sich für die Presse zu verstellen und auf Wohltätigkeitsveranstaltungen Handküsse entgegenzunehmen.

Und Natalia wünschte sich von ganzem Herzen, einen Teil von diesem „mehr“ kennenzulernen.

Was nicht gerade einfach war, wenn man Tag und Nacht von seinen zwei Schwestern, seinem Vater, einem wahren Heer von Bodyguards, und, nicht zu vergessen, einem ganzen Land beobachtet wurde. Doch jetzt war die Zeit für ihren Soloauftritt gekommen. Für ein Abenteuer. Zugegeben, die Hochzeit einer der ältesten Freundinnen ihrer Mutter in Taos, New Mexico, war nicht unbedingt ein Abenteuer, es war lediglich ein Anfang. Vor allem, weil ihre ältere Schwester ebenfalls dort sein würde. Aber da Annie als die Älteste der drei Schwestern die Aufgabe hatte, bei den Hochzeitsvorbereitungen zu helfen und deswegen Tag und Nacht eingespannt sein würde, hatte Natalia netterweise vorgeschlagen, dass sie sich ja erst auf der Hochzeit selbst treffen könnten.

Nett, von wegen! Sie hatte die Chance beim Schopf ergriffen!

Ihr Vater hatte zugestimmt. „Aber pass gut auf dich auf“, hatte er ihr ungefähr zweitausend Mal gesagt. „Ruf oft an!“

Natalia war anstandslos bereit gewesen, jeder Bedingung nachzugeben. Sie freute sich außerdem darauf, ihre ältere, burschikose Schwester in einem Kleid zu sehen. Als sie daran dachte, breitete sich auf ihrem Gesicht ein Grinsen aus, das Annie sofort an die Decke hätte gehen lassen.

Donner grollte, und Natalia zuckte zusammen. Plötzlich wünschte sie sich, dass Annie hier wäre, um sie abzulenken. Oder auch Lili, das 23-jährige Nesthäkchen der Familie. Aber Lili würde wegen weiterer Verpflichtungen erst am Tag der Hochzeit nach Taos fliegen.

Einen Atemzug später zuckte ein Blitz über den Himmel. Das war nicht gut. Sie griff nach dem Telefon, drückte es an ihre Brust und starrte in den Himmel. Ein Anruf zu Hause würde nicht wehtun. Natürlich nur, um ihrer Familie zu versichern, dass es ihr gut ging, denn sicher machten sie alle sich Sorgen.

Schon wieder blitzte und donnerte es. Natalia wählte hastig ihre Nummer und hoffte, dass sie nicht vom Blitz getroffen wurde, ehe sie eine vertraute Stimme hören konnte.

Im nächsten Moment drang aus dem Handy allerdings eine sehr vertraute, leider auch sehr strenge Stimme: „Erzähl mir alles, Natalia!“

Das war nicht ihr Vater, sondern Amelia, die mal wieder ihre seltsame und beunruhigende Fähigkeit nutzte, Natalias Gedanken zu lesen. „Und was, wenn es nichts zu erzählen gibt?“, fragte Natalia und beobachtete dabei argwöhnisch den Himmel.

„Natalia, Schätzchen, du hast immer etwas zu erzählen. Also raus mit der Sprache, junge Dame. Natürlich geht es dir gut. Wenn nicht, wüsste ich bereits Bescheid.“

Ja, das stimmte. Amelia hatte etwas Unerklärliches an sich, sofern es um die Prinzessinnen ging. Als sie noch klein gewesen waren, dachten Natalia und ihre Schwestern, dass Amelia eine Märchenfee wäre. Eine echte, mit Zauberstab, Feenstaub und allem, was dazugehörte.

Manchmal glaubte Natalia immer noch fest daran, aber meistens war sie einfach nur dankbar um Amelias geheimnisvolle Hellsichtigkeit. „Es geht mir tatsächlich gut“, stimmte sie zu und sah sich um. Ihr Blick glitt über die flachste Landschaft, die sie jemals gesehen hatte. Und nur für den Fall, dass Amelia vorhatte, ihr eine Eskorte zu schicken, fügte sie vorsichtshalber hinzu: „Mehr als gut.“ Ein weiteres Donnergrollen ließ den Boden unter ihren Füßen erzittern. „H-h-hervorragend, um genau zu sein.“

„Aha.“ Amelia machte eine lange, bedeutungsvolle Pause, in der sie wohl erwartete, dass Natalia sich das Herz ausschüttete.

Es war verlockend, aber sie schaffte es gerade noch, den Mund zu halten.

„Wir sind hier, falls du uns brauchst, Natalia.“

„Du meinst, falls ich in der Kacke stecke?“

„‚In der Kacke stecken‘ ist nicht gerade ein prinzessinnenhafter Ausdruck.“

Amelias Ton war diplomatisch, es klang sogar ein wenig Nachsicht mit. „Aber wenn du irgendetwas brauchst, bin ich nur einen Telefonanruf entfernt.“

Natalia wusste das. Vermutlich wäre dieser Anruf noch nicht einmal nötig, weil Amelia schon längst Bescheid wissen würde. Was für ein Luxus. Bei dem bloßen Gedanken daran, wie sehr man sich um sie kümmerte, bekam Natalia Atemnot. Doch natürlich kümmerte sie selbst sich genauso um ihre Familie, und im Augenblick war es ihr größtes Ziel, sie alle stolz zu machen. Sie würde es schaffen, so wie sie alles schaffen konnte. Schließlich war sie eine Prinzessin. Und vielleicht, vielleicht konnte sie währenddessen ja ein kleines Abenteuer erleben.

„Natalia? Du wolltest diese Woche ganz für dich haben. Für jemanden wie dich ist das eine lange Zeit. Dafür braucht man sich nicht zu schämen.“

„Du meinst für jemanden, der keine Ahnung vom echten Leben hat.“

„Wenn du irgendetwas brauchst …“, wiederholte Amelia, die sich niemals provozieren ließ, ruhig.

„Ich werde aber nichts brauchen. Du verstehst mich doch, Amelia, oder?“ Erst in diesem Augenblick merkte Natalia, wie wichtig ihr Amelias Verständnis war.

„Ja, mein Schätzchen“, sagte Amelia, jetzt mit weicherer Stimme. „Ich verstehe das. Du willst dich beweisen. Und du wirst das großartig meistern. Verlier nur nicht den Kopf.“

„Ich schaffe das schon. Bis bald!“

„Bis bald, Schätzchen.“

Natalia drückte das Handy an ihr Herz, als ob sie dadurch Amelias Liebe und Wärme festhalten könnte. Wenn sie die Augen schloss und sich konzentrierte, dann würde ihr das sicher auch gelingen …

„Wissen Sie, wie spät es ist?“

Natalia wäre beinahe von der Bank gefallen, als sie die Stimme hörte. Sie gehörte einem jungen Mann Anfang zwanzig, der so aussah, als hätte er mehr als nur ein Mittagessen verpasst. Sein Gesicht war eingefallen und sein Kopf und seine Haare – falls er welche hatte – steckten trotz der schwülen Hitze unter einer Strickmütze. Seine Augen funkelten tückisch.

Oh-oh. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Warum hatte sie Amelia nicht gesagt, wo sie sich befand?

Weil sie das hier selbst regeln konnte, deshalb! Und abgesehen davon wusste Amelia wahrscheinlich sowieso schon Bescheid, wie merkwürdig es auch klingen mochte.

Um einiges ruhiger, als sie sich fühlte, sagte sie: „Wie spät? Ja, das weiß ich.“ Bitte geh einfach weg! Sie drehte ihr Handgelenk, um auf das Ziffernblatt sehen zu können. „Es ist kurz nach dr… hey!“

Der junge Mann schnappte sich ihr Handgepäck und die Lederjacke und begann, an der Handtasche, die noch über ihrer Schulter hing, herumzuzerren.

„Lass das gefälligst! Das sind …“, sie hörte auf zu schreien, um besser nach der Handtasche greifen zu können, „… meine Sachen!“

„Lass los!“, fauchte er, während sie Seilziehen mit Natalias Sachen spielten.

Aber ihre Furcht verwandelte sich in Wut. Der Typ hatte ja keine Ahnung, mit wem er sich gerade anlegte und was sie heute schon alles hatte ertragen müssen. All das verlieh ihr eine schier unglaubliche Kraft. „Ich werde ganz bestimmt nicht loslassen, du, du Schurke!“

„Falls du es noch nicht bemerkt hast, ich raube dich gerade aus!“

„Nein, das tust du nicht!“

Er sah so unglaublich überrascht aus, dass sie beinahe gelacht hätte. Sie kämpfte um ihre Sachen wie ein Pitbullterrier.

„Du solltest jetzt eigentlich ausflippen“, sagte er. „Und weinen und schreien. Nicht kämpfen! Verdammt, warst du etwa nie im Selbstverteidigungskurs? Da bringen sie einem bei, dass man sich nicht wehren sollte.“

„Ich werde nicht ausflippen, ich werde die Oberhand behalten. Und dann übergebe ich dich der Polizei. Und jetzt lass los!“

Natalia hatte das Gefühl, eine Ewigkeit lang mit ihm um die Sachen zu kämpfen, bis sie schließlich mit einem lauten Kreischen den Griff um den Handtaschenträger und damit auch das Spiel verlor. Sie kippte Hals über Kopf rückwärts von der Bank und landete höchst unelegant im Dreck.

Währenddessen rannte der Dieb mit ihren heiß umkämpften Sachen davon. Aus sicherer Entfernung drehte er sich noch einmal zu ihr um und grinste ihr triumphierend zu. Dann verschwand er endgültig. Mit ihm verschwanden ihre Handtasche und das Busticket.

Und ihr Stolz.

3. KAPITEL

Als Natalia, die höchst unprinzessinnenhaft vor sich hin fluchte, wieder auf die Beine kam und sich den Rock zurechtzerrte, war der junge Mann bereits kaum noch zu erkennen. Ihr blieb dennoch nichts anderes übrig, als ihm verzweifelt hinterherzusehen. Mit einem müden Anflug von Schadenfreude erinnerte sie sich, wie die Tasche bei ihrem Sprint durch den Flughafen ihre Hüfte malträtiert hatte. Sie hoffte, dass es diesem Verbrecher nicht besser ging und dass er sich die nächsten Tage mit einem riesigen blauen Fleck würde herumschlagen müssen.

„Idiot!“, schrie sie. „Penner! Mistkerl!“ Sie sank zurück auf die Bank und fragte sich, wen sie da eigentlich beschimpft hatte: den Dieb oder sich selbst.

Ein Tropfen fiel vom Himmel und ihr direkt auf die Nase. Der Sturm, den die Fluggesellschaft den ganzen Tag über angekündigt hatte, begann sich bemerkbar zu machen.

Ein weiterer Tropfen traf sie. Und noch einer. Der Himmel wurde von einem langen, zackigen Blitz in zwei Teile gerissen.

Natalia saß auf der Bank, völlig erschöpft von den Ereignissen des Tages. Sie befand sich irgendwo im Nirgendwo, ohne Ausweis, ohne Geld und, noch schlimmer, ohne Make-up. Sie sollte die Kreditkarten möglichst schnell als gestohlen melden, aber im Augenblick war ihr das viel zu anstrengend.

Es regnete immer heftiger. Sie hatte gar nicht gewusst, wie unangenehm sich nasses Leder auf der Haut anfühlte. Ein weiterer Blitz fuhr über den Himmel, als ob er die Katastrophe, die ihr Leben gerade war, noch mit einem hämischen leuchtenden Ausrufezeichen unterstreichen wollte.

Na toll. Vielleicht würde sie ja noch vom Blitz getroffen werden und dabei das Gedächtnis verlieren. Das wäre dann das Tüpfelchen auf dem i.

Du wirst das großartig meistern. Verlier nur nicht den Kopf.

Amelias Worte klangen so deutlich in Natalias Ohren nach, dass sie sich unvermittelt umblickte, darauf gefasst, dass ihr Kindermädchen wirklich dort hinter ihr stand und mit einer tadelnd hochgezogenen Augenbraue ihre durchnässte Kleidung musterte. Aber natürlich war da niemand.

Nur hatte ihre Stimme so … realistisch geklungen!

Doch Natalia war allein. Mutterseelenallein. Vermutlich, dachte sie, ist es das Selbstmitleid, was mich Stimmen hören lässt.

Immerhin steckte das Handy noch in ihrer Rocktasche, und genau das sollte sie jetzt benutzen, um zu Hause anzurufen. Andererseits breitete sich bei dem Gedanken ein bitterer Nachgeschmack in ihrem Mund aus: Sie wollte das hier schaffen, verdammt noch mal!

Ihre Haarstacheln begannen sich aufzulösen, und ihre Kleider klebten an ihr wie eine äußerst unbequeme zweite Haut. Sie hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Vielleicht würde ja ein Ritter auf einem weißen Ross vorbeikommen. Wäre das nicht schön?

Aus der Ferne erklang ein Rumpeln, das, wie Natalia feststellte, nicht zu einer Märchenkutsche, sondern zu einem Truck gehörte, der die Straße entlangkam. Er wäre fast an ihr vorbeigefahren, hielt dann aber mit quietschenden Reifen direkt vor ihr an.

Ihr rutschte das Herz in die Hose, bis ihr einfiel, dass sie nichts mehr hatte, das man hätte stehlen können.

Außer dir selbst, flüsterte ihr die tiefe, wenig hilfreiche Stimme der Angst zu. Es schnürte ihr die Kehle zu, und fast wäre sie trotz ihrer schweren Stiefel davongelaufen, hätte sich nicht in diesem Moment das Fenster geöffnet. Der Fahrer lehnte sich zu ihr hinüber, und unter einem Cowboyhut blickte sie ein Paar leuchtend grüner Augen unverwandt an.

Es war der Cowboy aus dem Flugzeug.

„Gibt’s Probleme?“, fragte er mit seinem langsamen Südstaatendialekt, bei dem ihr das Herz warm wurde, auch wenn sie unter ihren nassen Sachen erbärmlich fror.

„Probleme?“, wiederholte sie so gelassen, wie sie konnte. Sie verschränkte die Arme und versuchte, möglichst rotzig zu wirken. „Wie kommen Sie darauf, dass ich Probleme habe?“

„Weil Sie hier im strömenden Regen sitzen wie ein begossener Pudel.“

Ein begossener Pudel! „Der Bus ist noch nicht gekommen.“ Aber selbst wenn er gekommen wäre: Ihre Fahrkarte steckte in ihrer Handtasche. Und die Handtasche hatte der Dieb. Nur würde sie das diesem Mann ganz bestimmt nicht erzählen, das ließ das Fünkchen Stolz, das sie sich noch bewahrt hatte, nicht zu.

Er stellte den Motor des Trucks ab und legte seinen Unterarm auf das Lenkrad. „Und wie kommt es, dass eine Prinzessin Bus fahren muss?“

Natalia schwieg. Die Wahrheit war einfach zu demütigend.

„Ach, zum Teufel!“, glaubte sie ihn murmeln zu hören. Dann stieg er aus dem Truck und lief zu ihr hinüber, ohne sich von dem heftigen Regen stören zu lassen.

Als er so vor ihr stand, erschien er ihr viel größer als im Flugzeug. Er war weit über eins achtzig, hatte breite Schultern, stählerne Muskeln und vermutlich kein Gramm Körperfett. Er war eindeutig größer als alle Männer, die ihr sonst so nahe kamen. Natalia trat einen kleinen Schritt zurück, das Kinn aber immer noch in die Höhe gereckt. Kampflos würde sie niemals aufgeben.

„Hier.“ Er schlüpfte aus seiner Jacke und legte sie um ihre Schultern. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie seine Fürsorglichkeit rührend oder beleidigend finden sollte. „Und was ist mit Ihren Sachen passiert?“, fragte er.

„Sind gestohlen worden. Und kurz davor wurde mein Anschlussflug gecancelt. Ist einfach nicht mein Tag.“

Die Art, wie er sie ansah, mit zurückgelegtem Kopf und tiefgrünem, durchdringendem Blick, ließ ihr Herz hüpfen. „Sind Sie verletzt?“

Es geht mir gut. Das antwortete sie auf solche Fragen eigentlich immer. Aber es ging ihr nicht gut. In ihrer Magengrube breitete sich ein seltsames, unbekanntes Gefühl aus, das nichts mit dem schrecklichen Tag oder dem Regen oder dem Diebstahl zu tun hatte. Oder damit, dass ihr Make-up ihr in dicken schwarzen Streifen das Gesicht hinunterlief.

Es hatte eher mit seinen Händen auf ihren Schultern zu tun, mit seiner Zuversicht und damit, dass er zum Anbeißen aussah.

„Prinzessin?“

Sie sah auf zu dem Mann, der sie ein ganzes Stück überragte, zu seinem unergründlichen Blick und der braunen Haarlocke, die ihm in die Stirn fiel. Dunkelgoldene Strähnen durchzogen sie. Natalia stellte sich vor, wie lange Tage in der Sonne sie ausgebleicht hatten. Tage auf dem Pferderücken. Als Cowboy. Das Gefühl in ihrem Bauch wurde stärker. „Glauben Sie wirklich, dass ich eine Prinzessin bin?“, flüsterte sie.

Er runzelte die Brauen und beugte sich dann ein wenig herunter, um ihr in die Augen sehen zu können. „Haben Sie sich vielleicht am Kopf verletzt? Ist es das?“

Er hielt sie für verrückt. Und das war sie auch.

Denn er war ein Fremder, ein Fremder mit einer umwerfend männlichen Ausstrahlung, der mit einer einzigen Berührung schaffte, was noch kein Mann jemals geschafft hatte: dass in ihr ein Verlangen aufloderte, das sie bisher nur aus Büchern und Filmen kannte. Dass sie ihren Bauch einziehen und ihr Make-up und ihre Frisur überprüfen wollte. Dass sie ihn näher kennenlernen wollte, als sie irgendjemanden sonst kannte. Und dass sie gleichzeitig das Gefühl hatte, ihn schon ihr Leben lang zu kennen.

Oh Amelia, wie dämlich bin ich eigentlich?

Tim strich der Frau das wirre, klitschnasse Haar aus der Stirn und untersuchte sie mit gerunzelter Stirn nach einer Beule. Der verschmierte, schwarze Eyeliner ließ ihre Augen noch größer und sie noch verletzlicher wirken.

„Meinem Kopf geht es gut“, sagte sie mit klarer Stimme und wich seiner Berührung aus. „Und ich bin wirklich eine Prinzessin. Euer Hoheit Natalia Faye Wolfe Brunner von Grunberg, genau genommen.“

Er trat zurück, kratzte sich das Kinn und beobachtete sie genau. Sie schien nicht zu scherzen. „Sie nehmen den Mund ganz schön voll“, sagte er.

„Weswegen ich ‚Euer Hoheit Natalia Faye‘ vorziehe.“

„Das ist nicht viel besser.“

„Hätte man mich nicht ausgeraubt, würde ich Ihnen meinen Ausweis vorlegen.“

„Möchten Sie zur Polizei, um Anzeige zu erstatten?“

Sie runzelte die Brauen. „Nein. Der Dieb ist verschwunden, und meine Familie würde darauf bestehen, dass ich heimfliege. Alles, was ich will, ist ein Flug nach Taos, New Mexico. Ich muss auf eine Hochzeit.“

Sie sprach in einem hochnäsigen Tonfall, mit hochgerecktem Kinn und blitzenden Augen, als ob er ihr Diener wäre. Tim starrte sie einen kurzen Moment lang an, dann warf er den Kopf in den Nacken und lachte brüllend.

„Ich wüsste nicht, was daran so komisch ist“, sagte sie mit vor der Brust verschränkten Armen.

Junge, Junge. Die war wirklich ein Fall für die Klapse. Trotz ihrer herablassenden Art sah Tim, dass sie fror. Sie hatte überall Gänsehaut. Auf einmal sah sie wieder so klein und verletzlich aus wie eine Zwölfjährige, wenn man mal die Tatsache außer Acht ließ, dass sie den appetitanregendsten, kurvenreichsten Körper hatte, den er jemals gesehen hatte. Verdammt, sie war die mit Abstand hübscheste Verrückte, die ihm jemals über den Weg gelaufen war! Und sollte jemand vorbeikommen, der noch verrückter war als sie, wäre sie ihm vollkommen schutzlos ausgeliefert! Tim hatte eigentlich kein Interesse an Fällen für die Klapse, aber er konnte sie hier nicht einfach allein lassen.

Manchmal wünschte er sich, er könnte ein bisschen abgebrühter sein. Schließlich hatte er genug am Hals, aber er wusste, dass diese Frau mit den ausdrucksstarken Augen ihn bis in seine Träume verfolgen würde, wenn er nicht versuchte, ihr zu helfen. „Sie scheinen wirklich einen schlechten Tag zu haben.“

„Ja, das stimmt wohl.“

Seine Eingeweide zogen sich zusammen. „Kann ich jemanden für Sie anrufen?“

„Nein!“

„Aber …“

„Nein!“, sagte sie mit solcher Autorität, dass er ihr einen Moment lang beinahe geglaubt hätte, dass sie eine Prinzessin war. Sie strich ihre nassen Ledersachen zurecht und straffte ihre Schultern. „Wie bereits gesagt, es geht mir gut.“

Na wunderbar. Ihr ging es gut, und er hatte Verspätung. Und trotzdem konnte er nicht einfach weiterfahren. Er hatte eben einfach ein weiches Herz. „Und wohin wollen Sie jetzt gehen?“

„Im Augenblick nirgendwohin.“

„Ich könnte Sie mit auf meine Ranch nehmen.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Warum?“

Warum? Weil er ein Idiot war! Weil er abgesehen von seiner starrköpfigen Großmutter und seiner Schwester, die mit dem neuen Rancharbeiter schlief, nicht schon genug Sorgen hatte! „Sie … Sie wären dort sicher!“

„Auf Ihrer Ranch.“

„Ja.“ Wo ihn schon ein Gehege voller kranker Tiere erwartete, die zu töten er einfach nicht übers Herz brachte. Nicht, dass er vorgehabt hätte, diese Frau in das Gehege zu sperren. Aber andererseits war der Unterschied so groß dann auch wieder nicht.

Und genau das hatte seine Großmutter ihm gesagt, als er versucht hatte, sie davon zu überzeugen, mit ihm auf die Ranch zurückzukehren.

Du versuchst, mich vor dem Alter zu bewahren, Timothy. Aber ich mag das Alter. Und es gefällt mir hier. Ich liebe dich, aber geh heim und rette eine Kuh oder so.

Er seufzte. Statt einer Kuh würde er nun diese durchnässte Frau retten. „War das ein Ja?“ Mit der Hand schirmte er seine Augen vor dem heftigen Regen ab. „Kommen Sie mit?“

Als sie ihn misstrauisch musterte, verschwand eine ihrer goldenen Augenbrauen unter ihrem in nassen Strähnen hinabhängenden Haar.

„Keine Angst, ich werde Ihnen nichts tun“, fügte er schnell hinzu.

Ein weiterer Blitz zuckte über den Himmel. Der Donner war ihm dicht auf den Fersen. „Sie können sich frisch machen“, lockte Tim sie, um so schnell wie möglich aus dem Regen zu kommen. „Und etwas essen und schlafen. Und dann können Sie … na ja, vielleicht ein bisschen mit anpacken.“

„Mit anpacken“, wiederholte sie, als ob das für sie ein vollkommen neuer Gedanke wäre. „Hmm. Klingt ja interessant. War das ein Jobangebot?“

„Ich suche gerade nach einem Koch und einem Ranchhelfer.“ Und zwar, um Josh zu ersetzen, der seine Finger nicht von Tims kleiner Schwester lassen wollte.

Ob Sally wohl immer noch sauer auf ihn war? Aber das war im Augenblick sein geringstes Problem.

So wie er Sally kannte, war sie ganz sicher noch wütend.

Zu blöd. Seine Eltern wollten, dass er sich um sie kümmerte, und loyal, wie er war, tat er das auch, obwohl sie dieses Jahr schon 20 wurde. Er würde für sie sorgen, und wenn es ihn umbrachte.

Was wesentlich wahrscheinlicher war, als dass seine Bemühungen jemals von Erfolg gekrönt würden.

Es drängte ihn nach Hause, und so betrachtete er die Frau sorgfältig. Sie schien gesund zu sein, abgesehen vielleicht von ihrer Unfähigkeit, die Realität zu akzeptieren. Ihr goldenes Haar klebte ihr im Gesicht, und ihre Lederkleidung klebte eng an ihrem weichen, kurvigen Körper. Nicht, dass ihn das interessiert hätte.

Jedenfalls nicht sehr.

„Ein Job“, wiederholte sie und kaute gedankenverloren an ihrer Oberlippe herum. „Das könnte funktionieren.“

Er versuchte, sie sich in Jeans vorzustellen. „Sind Sie schon mal auf einer Ranch gewesen?“

„Na klar!“

Na klar.

„Wir haben in den Ferien mal einen Zwischenstopp auf einem Ponyhof eingelegt.“

Er schloss resigniert die Augen und schüttelte den Kopf. „Und wie steht es mit Kochen? Können Sie kochen?“

Sie wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. „Sie meinen, für andere?“

„Nein, für die Queen.“

Ihre Lippen wurden schmal. „Jetzt machen Sie wieder Witze. Warum scherzt hier eigentlich jeder über die gute Elizabeth?“

„Können Sie nun oder nicht?“

„Kochen? Natürlich!“

Schon wieder ein „Natürlich“. Vermutlich konnte sie überhaupt nicht kochen. Er schnipste seinen Hut nach hinten. „Es regnet verdammt stark“, sagte er in der Hoffnung, das Ganze damit etwas zu beschleunigen.

„Ich habe keine Sachen zum Wechseln dabei“, sagte sie mit gerunzelter Stirn. „Meistens habe ich einen ganzen Haufen Sachen dabei.“

Er zog sich sein nasses T-Shirt mit einem saugenden Geräusch von der Haut und zuckte zusammen, als es sich sofort wieder anhaftete. „So, Prinzessin. Ich werde mich jetzt wieder in meinen Truck setzen. Die Straße runter ist ein Laden. Wenn Sie möchten, können Sie sich Geld von mir leihen und ein paar Sachen kaufen. Ich bezweifle allerdings, dass sie schwarzes Leder führen.“

„Ich könnte ja mal was Neues ausprobieren. Ich mag Neues.“

„Na dann – ich denke, Sie haben die Wahl zwischen hellen und dunklen Jeans.“

„Ich mag Jeans.“

„Na, dann mal los!“

Sie legte den Kopf schief und musterte ihn.

„Sie sind wirklich wie die Cowboys aus dem Wilden Westen. Galant und freundlich.“

„Ach was“, antwortete er. „Das hier würde jeder tun.“

„Da liegen Sie falsch. Ich denke, dass Sie was Besonderes sind. Anders.“

„Anders“ im Sinne von „verrückt“! „Sind Sie sicher, dass Sie nicht verletzt sind?“ Oder auf Medikamenten? „Und dass es niemanden gibt, den ich für Sie anrufen kann?“

„Ja, ich bin sicher. Ich wollte einfach mal ganz alleine reisen. Es ist das erste Mal, und ich hab’s total versaut.“

Sie strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht und stellte sie wieder auf. „Aber diesmal werde ich mein Geld selber verdienen.“

Sie würde also mitkommen. Er öffnete die Beifahrertür und legte seine Hand auf die zarte Haut ihres nackten Rückens.

Er fühlte sich unwohl dabei, und so schob er sie kurzerhand sanft in den Wagen. Irgendwie wusste er nicht, ob er es grauenhaft oder gut finden sollte, dass sie einstieg.

„Sie sind doch kein Axtmörder, oder?“, fragte sie.

Grauenhaft, beschloss er. Sie ging ihm eindeutig auf die Nerven.

„Nein.“

„Ich bin noch nie per Anhalter gefahren.“ Sie sah sich im Truck um, vermutlich auf der Suche nach einem Beweisstück. Zum Beispiel abgehackten Körperteilen. „Auch wenn Sie mir das jetzt nicht glauben werden, ich bin eigentlich nicht so leichtsinnig.“

„Sie sind hier sicher.“

„Das sagen alle Verbrecher.“

„Falls Sie sich erinnern, bin ich doch ein galanter Cowboy.“

Sie lachte tatsächlich. Sie lachte! Ein süßes, perlendes Lachen, bei dem er grinsen musste wie der letzte Idiot.

„So“, sagte er dann, „nachdem die Axtmörderfrage geklärt wäre: Ich bin Timothy Banning. Für dich Tim. Und wir duzen uns. Das hier ist schließlich Texas.“ Er streckte ihr die Hand hin. Natalia ergriff sie, schüttelte sie fest und erwiderte: „Natalia.“ Sie hielt seine Hand den Hauch einer Sekunde zu lang ihn ihrer und sah ihm dabei in die Augen. Dann zog sie sie schnell zurück und griff nach dem Sicherheitsgurt.

„Keine Chance, dass du mich einfach nach Taos bringst, oder?“, fragte sie, als Tim sich hinter das Steuer gesetzt und ebenfalls angeschnallt hatte.

„Tut mir leid, Prinzessin. Weißt du, wie weit das ist? Ich werde auf meiner Ranch gebraucht und war ein paar Tage zu lang weg.“ Gott allein wusste, was seine Schwester in seiner Abwesenheit ausgefressen hatte. Vergiss Sally. Wie war es wohl all den anderen ergangen? „Sag mir einfach Bescheid, wenn ich jemanden anrufen soll. Jederzeit.“

„Nein danke. Ich werde für dich kochen, wenigstens ein paar Tage lang.“

„Nicht nur für mich“, korrigierte er. „Für alle meine Angestellten.“

Sie lächelte zuversichtlich. Er war sich nicht sicher, ob ihr Lächeln echt war. „Und … wie viele Leute sind das?“

Unecht, beschloss er. Großartig. „Das hängt davon ab, wie viele Leute einfach weggerannt sind, während meine Schwester das Zepter in der Hand hatte“, sagte er grimmig und fuhr an.

Natalia träumte seit Jahren von ein und derselben Sache: davon, die wirkliche Welt, das echte Leben kennenzulernen. Und davon, einmal in ihrem Leben in erster Linie eine Frau zu sein, und erst in zweiter eine Prinzessin.

Sie war sich ziemlich sicher, dass Timothy Banning nicht ein Wort von dem, was sie über ihre Herkunft erzählt hatte, glaubte. Aber vielleicht war das auch besser so.

Denn zum ersten Mal in ihrem Leben bestand die Chance, dass ihr Traum wahr werden könnte, wenn auch nur für einige Tage.

Sie könnte in erster Linie eine Frau sein.

Und das Prinzessinnensein für eine Weile in den Hintergrund stellen.

„Wie weit ist es denn noch bis zur Ranch?“, fragte sie und sog begierig den Anblick der Landschaft in sich auf. Anscheinend war sie in einer Wüste aus Gras, Gras und noch mehr Gras gelandet. Der Norden von Mitteltexas war zweifellos die flachste Gegend, die sie jemals gesehen hatte. Ihr Zuhause in den Alpen war so anders. Umgeben von tiefen Wäldern lag es zwischen Österreich und der Schweiz.

Sie vermisste ihr Zuhause zwar, aber auf eine raue Weise war auch dieses Land schön. Hier und da ragten ein paar Bäume in die Höhe, Pekannussbäume und Eichen, wie sie vermutete.

Es war anders, dennoch mochte sie es.

„Noch etwa 45 Meilen.“ Natalia musste an den Laden denken, wo sie vorhin einen Zwischenstopp eingelegt hatten. Tim hatte vollkommen recht gehabt: Es hatte keine Ledersachen gegeben. Dafür hatte sie aber einen leuchtend apfelgrünen Lipgloss gefunden, ein kleiner Erfolg war ihr also doch noch beschieden worden. Ihr Cowboy wirkte angespannt, so als ob er es bereuen würde, sie mitgenommen zu haben.

„Ich bin nicht verrückt oder gefährlich oder so“, sagte sie. „Nur, damit du Bescheid weißt. Ich werde niemanden auffressen.“

Er musste grinsen. Gott, war sein Grinsen attraktiv. Selbstsicher und sexy. Seine Zähne waren weiß und gerade, bis auf einen etwas schief geratenen Eckzahn, der spitzbübisch hervorragte und ihn nur noch unwiderstehlicher machte. Sein fein geschnittenes, kantiges Gesicht war gebräunt und wettergegerbt. An seinen Augenwinkeln fanden sich zahlreiche Lachfältchen, die bezeugten, dass er Sinn für Humor hatte. Und dann war da ja noch sein Körper, groß und muskulös. Natalia war sich sicher, dass er noch nie ein Fitnessstudio von innen gesehen hatte, sondern sich seine Muskeln durch harte körperliche Arbeit antrainiert hatte.

Und diese Hände … Groß und selbstsicher lagen sie auf dem Lenkrad, gebräunt und rau. Stark. Seltsam, was für verdorbene Gedanken ihr beim Anblick dieser Hände durch den Kopf gingen.

Amelia Grundy würde sie zweifellos mit erhobenem Finger vor einem solchen Mann warnen. Aber Amelia war schließlich nicht da. Zum ersten Mal war da nur Natalia.

In erster Linie eine Frau. Und erst in zweiter eine Prinzessin.

Gefährliche Gedanken. Gefährlich und irgendwie aufregend. Sie fragte sich, ob er wohl wusste, wie er mit diesen langen, schmalen Fingern einer Frau Freude bereiten konnte …

„Du bist ja ganz rot, Prinzessin!“ Er warf ihr einen schnellen Blick zu. „Alles in Ordnung?“

„Natürlich.“

Aber eigentlich war nichts in Ordnung. Ganz wie er vermutete, war sie verrückt, jedenfalls, wenn sie von diesem Mann träumte. Sie war sich nicht sicher, was sie von all dem halten sollte, eines hingegen wusste sie ganz bestimmt: dass noch keiner ihrer Tagträume so weit gegangen war. Hinter diesen grünen Augen und dem lockeren Lächeln verbarg sich eine offenkundige Intelligenz, die weitaus mehr zu bieten hatte, als Rinder zu treiben.

Während der ganzen langen Autofahrt dachte sie über ihn nach, reden taten sie nämlich nur selten. Schließlich bog er von dem Highway in eine kleine, schmale Straße ab. Auf einem hölzernen Schild am Straßenrand stand „Banning Ranch, 1898“.

„Deine Familie lebt schon lange hier.“ Der Gedanke gefiel ihr. Tradition und Familie hatten in ihrem Leben eine große Bedeutung. Und auch diesem Mann schien beides wichtig zu sein.

„Ja, seit mein Ururgroßvater den Grund vor über einem Jahrhundert bei einem Kartenspiel gewonnen hat.“

Sie warf ihm einen entgeisterten Blick zu, über den er wieder lachen musste. „Der wilde, wilde Westen! Das waren eben die guten alten Zeiten.“

„Dein Ururgroßvater hätte sich schämen sollen.“

„Das hat er vielleicht auch“, sagte Tim, „aber da der Vater meiner Ururgroßmutter ihn einige Jahre später erschoss, weil er sie dessen einzige Tochter betrogen hatte, werden wir es wohl nie herausfinden.“

Ihre Augen wurden schmal, aber er lachte arglos weiter sein unbeschwertes, mitreißendes Lachen, bei dem ihr die Knie weich wurden. „Wie ich sehe, hast du eine ziemlich farbenfrohe Vergangenheit.“

Ich soll eine farbenfrohe Vergangenheit haben?“ Er lachte wieder. „Ich bin hier nicht die Prinzessin.“

Sie war sich nicht sicher, ob er sie auf den Arm nahm. „Ich bin wirklich eine Prinzessin.“

„Wie gesagt. Eine farbenfrohe Vergangenheit.“

Er glaubte ihr immer noch nicht, und sie war erstaunt, dass er so locker damit umging, ohne sie zu verurteilen. Alleine das hätte ausgereicht, um sie schwach zu machen.

Als ob sie sich jemals in einen Cowboy verlieben würde.

Oder er sich in eine Prinzessin.

„Wir sind fast da“, sagte er und wies mit dem Kopf auf ein Ranchhaus am Ende der Straße. „Das ist das Haupthaus.“

Das Haus war frisch gestrichen und hatte zwei Stockwerke. Darum herum wuchsen Blumen, und die Auffahrt war gesäumt von dichten Baumreihen. Die Ranch war viel größer, als sie gedacht hätte, und hinter dem Haus konnte sie noch einige weitere Gebäude erkennen, Stallungen und eine Scheune.

„Und, was denkst du?“, fragte er, während sie sich umsah.

„Dass ich dankbar bin, dass ich für Kost und Logis nicht putzen muss.“

Er lachte.

Natalia blieb das Lachen im Halse stecken. Aus Spaß hatte sie Gourmet-Kochkurse besucht, und war deswegen ziemlich gut darin, ausgefallene, überkandidelte Partyhäppchen zuzubereiten. Jedenfalls solange sie sich an das Rezept hielt und nicht mit den Mengenangaben schluderte. Nur hatte sie noch nie normales Essen gekocht, vor allem nicht für eine Horde hart arbeitender, raubeiniger und zäher Rancharbeiter.

Daran hätte sie früher denken müssen.

Aber wie sie es ihr Leben lang getan hatte, verdrängte sie ihre Angst und setzte ihr rebellisches Gesicht auf. Sie würde das schaffen. Und zwar mit Bravour.

Hoffentlich.

4. KAPITEL

Natalia stieg aus dem Truck und sah sich um. Sie war es gewöhnt, von vielen Menschen umgeben zu sein und im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. So war das eben als Prinzessin. Die Leute liebten Adelige.

Aber hier draußen, unter dem weiten Himmel, umgeben von der endlos wirkenden Landschaft, stand sie nicht im Mittelpunkt. Es gab keine Menschenmengen, denen sie zuwinken konnte, keine Kinos, keine Tätowierstuben, keine chemische Reinigung … nichts außer der endlosen Weite.

Sie fühlte sich, als hätte man sie auf einen anderen Planeten gebeamt.

Und dann war da noch Tim, dieser merkwürdige, unfassbar anziehende Mann. Die ganze Zeit über war er so süß und mitfühlend gewesen. Er hatte alles getan, um eine Frau, die er für verrückt hielt, von der Straße zu holen.

Welche Art von Mann tat so etwas?

Und welche Art Frau ließ es zu? Hatte sie einfach ihren Gefühlen nachgegeben, um ihr Abenteuer auf Tims Kosten zu erleben?

Heute war Sonntag. Die Hochzeit würde erst am kommenden Samstag stattfinden. Sie hatte sich auf ein teures Hotel in Taos mit Zimmerservice eingestellt, wo sie ihre Zeit mit einem guten Buch am Pool verbringen würde.

Nach dem heutigen Fiasko hatten sich jedoch ihre Ziele geändert. Sie wollte sich beweisen, auch ihrer Familie gegenüber. Sie wollte beweisen, dass sie normal sein konnte. Eine ganz normale Frau.

Nichts wünschte sie sich mehr als das. Aber zum Frausein gehörte, da war sie sich sicher, auch, auf Menschen achtzugeben, die einem wichtig waren.

Und seltsamerweise war ihr dieser Mann, der sich für eine vollkommen fremde Frau so viele Umstände gemacht hatte, wichtig. Sie würde ihn nicht ausnutzen. Sie würde ihm zurückgeben, was er ihr gegeben hatte.

Und trotzdem an der Hochzeit teilnehmen.

„Lass dir bis morgen Zeit, um dich einzugewöhnen“, sagte Tim, der sich neben sie gestellt hatte. Sein Arm fuhr an ihrem entlang, eine einfache, ungewollte Berührung, die ihren Puls in die Höhe trieb. Sie hielt still, um sicherzugehen.

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