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JULIA BESTSELLER BAND 154

PENNY JORDAN

Auf rosaroten Wolken

„Zum Flughafen, bitte!“ Zutiefst verletzt sinkt Imogen auf die Rückbank des Taxis. Endlich ist sie mit ihrem Traummann verheiratet, da erfährt sie, dass ihr Gatte Dracco eine andere liebt. Offenbar ging es ihm bloß um ihr Erbe! Nun will Imogen nur noch eins – weg von all dem Schmerz. Doch kann ein Neuanfang in einem fernen Land ihr gebrochenes Herz heilen?

Bitte heute Nacht nicht stören!

Alexa lässt sich auf ein prickelndes Abenteuer ein: Sie zieht zu Piers Hathersage, weil sie ihm beweisen will, dass sie Ben in den perfekten Familienhund verwandeln kann. Und obwohl sie und der arrogante Piers vorgeben, nichts für einander zu empfinden, knistert es heftig zwischen ihnen. Allerdings mag Ben es gar nicht, wenn sie mit seinem Herrchen kuschelt!

Palast der Stürme

Auf einen Schlag könnte Claire ihre finanziellen Sorgen loswerden und die Zukunft ihres Bruders sichern. Alles, was sie tun muss: eine Scheinehe mit Raoul führen und mit ihm in einem Märchenpalast leben. Aber mit jedem Tag fühlt sie sich stärker zu Raoul hingezogen. Als er ihr einen verlockenden Vorschlag macht, steht sie vor einer schweren Entscheidung …

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Auf rosaroten Wolken

PROLOG

„Du willst es also tatsächlich tun? Du willst Dracco heiraten, obwohl er dich nicht liebt?“

Bei den giftigen Worten ihrer Stiefmutter Lisa zuckte Imogen zusammen. Sie waren in ihrem Zimmer – oder zumindest hatte es bis zum Tod ihres Vaters ihr gehört. Seitdem verkündete Lisa bei jeder Gelegenheit, sie würde das hübsche Haus, in dem Imogen aufgewachsen war, veräußern und sich in der kleinen Markstadt, in der sie wohnten, ein modernes Apartment kaufen.

„Dracco hat mich gebeten, erreichbar zu sein, damit ich ihm helfen kann, wenn er Gäste hat“, hatte Lisa erklärt, nachdem sie sie mit dieser Eröffnung schockiert hatte. „Er meint, ihm wäre klar, wie viele neue Kunden die Firma gewonnen hat, seitdem ich als Gastgeberin fungiere. Leider war deiner Mutter nie bewusst, wie wichtig es war, eine gute Gastgeberin zu sein.“

Dann zuckte sie beinah verächtlich die Schultern, wie sie es immer tat, wenn sie über ihre verstorbene Mutter sprach. Imogen wollte diese instinktiv verteidigen, wusste jedoch aus Erfahrung, dass es sinnlos war. Trotzdem erwiderte sie leise: „Mummy war krank. Sonst hätte sie Daddys Kunden sicher bewirtet.“

„Oh ja, wir wissen alle, dass deine Mutter eine Heilige war.“ Der feindselige Ausdruck in Lisas harten blauen Augen entging Imogen nicht. „Und Dracco ist genau wie ich der Meinung, dass du deinem Vater das Leben all die Jahre sehr schwer gemacht hast, indem du ständig von deiner Mutter gesprochen und versucht hast, ihm ein schlechtes Gewissen zu machen, weil er sich in mich verliebt hat.“

Imogens Magen krampfte sich zusammen.

Dann fuhr ihre Stiefmutter triumphierend fort: „Dracco findet, dass dein Vater sich sehr glücklich schätzen kann, mit mir verheiratet zu sein. Tatsächlich …“ Sie verstummte und lächelte auf eine Weise, bei der Imogens Herz schmerzhaft zu pochen begann. Es tat unglaublich weh, Lisa über Dracco sprechen zu hören, als würden die beiden sich besonders nahe stehen, denn sie liebte ihn über alles!

Imogen hatte nie verstanden, wie ihr geliebter Vater sich in eine Frau hatte verlieben können, die so kühl und berechnend war wie Lisa. Sicher, sie war atemberaubend attraktiv – groß und blond und hatte eine perfekte Figur. Sie, Imogen, hingegen schlug nach ihrer Mutter, die klein und zierlich gewesen war und dichtes, lockiges dunkles Haar und violette Augen gehabt hatte. Doch während die Augen ihrer Mutter stets liebevoll geblickt hatten, waren Lisas kalt.

Allerdings hatte Imogen nie etwas zu ihrem Vater gesagt. Ihre Mutter war gestorben, als sie sieben war. Und als er sieben Jahre später beschlossen hatte, wieder zu heiraten, akzeptierte sie ihre neue Stiefmutter ihm zuliebe. Obwohl sie ihn über alles liebte und sich seit dem Tod ihrer Mutter auf ihre Art um ihn sorgte, war sie bereit, jede Frau zu akzeptieren, die ihn glücklich machen konnte.

Lisa gab ihr allerdings unmissverständlich zu verstehen, dass sie nicht bereit war, genauso großzügig zu sein. Sie war zweiunddreißig und mochte Kinder nicht besonders. Für andere Frauen hatte sie noch weniger übrig. Von Anfang an behandelte sie sie wie eine Rivalin.

Nach weniger als drei Monaten teilte sie ihr kühl mit, sie würde es für besser halten, wenn sie auf ein Internat ginge, statt zu Hause zu bleiben und die Privatschule im Ort zu besuchen, die ihre Mutter für sie ausgesucht hatte, bevor ihre schwere Krankheit sie noch mehr geschwächt hatte. Dracco war derjenige gewesen, der ihren Vater daran erinnerte, dass seine erste Frau diese Schule ganz bewusst für sie gewählt hatte, obwohl sie wusste, dass sie ihre Einschulung nicht mehr miterleben würde. Und Dracco war auch derjenige gewesen, der sie in der Schule aufsuchte, um ihr die Nachricht von dem tödlichen Unfall ihres Vaters zu überbringen. In dem Moment hatten in seinen grünen Augen, in denen sonst ein unergründlicher Ausdruck lag, Tränen geschimmert.

Das war vor fast zwölf Monaten gewesen. Damals war sie siebzehn gewesen. Nun war sie achtzehn, und in weniger als einer Stunde würde sie Draccos Frau sein.

Die Trauung würde in derselben kleinen Kirche stattfinden, in der ihre Eltern geheiratet hatten und auf deren Friedhof ihre Mutter begraben war. Der Wagen wartete bereits draußen. Drinnen saß der ältere Anwalt, der sie zum Altar führen sollte. Auf ihren Wunsch hin würden Dracco und sie in aller Stille heiraten.

Du willst es also tatsächlich tun? Du willst Dracco heiraten, obwohl er dich nicht liebt? Nun musste Imogen wieder an die herausfordernde Frage ihrer Stiefmutter denken.

„Dracco sagt, es … es sei zu meinem Besten und … mein Vater habe es so gewollt“, erwiderte sie.

„‚Dracco sagt‘“, äffte Lisa Atkins sie nach. „Du bist so unglaublich naiv, Imogen. Dracco heiratet dich nur aus einem Grund: weil er die alleinige Kontrolle über die Firma haben will.“

„Nein, das ist nicht wahr!“, protestierte Imogen verzweifelt. „Dracco leitet die Firma bereits. Er weiß, dass ich nie versuchen würde, daran etwas zu ändern.“

Du vielleicht nicht“, bestätigte Lisa kühl. „Aber was ist mit dem Mann, den du sonst eines Tages vielleicht heiraten würdest, wenn Dracco es nicht selbst tut? Er hat womöglich andere Pläne. Dein Vater hat verfügt, dass deine Anteile treuhänderisch verwaltet werden, bis du dreißig bist, es sei denn, du heiratest vorher. Komm schon, Imogen. Du glaubst doch nicht etwa, dass Dracco dich wirklich will?“ Sie zog spöttisch die Augenbrauen hoch, bevor sie fortfuhr: „Dracco ist ein Mann! Für ihn bist du noch ein Kind, sogar weniger als das … Dracco will, was du ihm geben kannst. Er hat mir selbst gesagt, dass er dich nie heiraten würde, wenn die Firma nicht wäre.“

Obwohl Imogen sich zusammenriss, rutschte ihr ein entsetzter Laut heraus. Sie sah Lisas triumphierendes Lächeln und hasste sich dafür, dass sie sich nicht besser in der Gewalt hatte.

„Dracco würde nicht …“, begann sie.

„Was würde Dracco nicht?“, unterbrach Lisa sie leise. „Er würde sich mir nicht anvertrauen? Oh, meine Liebe, ich fürchte, du bist nicht auf dem neusten Stand. Dracco und ich …“ Sie machte eine Pause und betrachtete ihre perfekt manikürten Fingernägel. „Na ja, eigentlich hätte er es dir sagen sollen, aber ich möchte es mal so ausdrücken: Die Beziehung zwischen Dracco und mir ist etwas ganz Besonderes – für uns beide.“

Imogen traute ihren Ohren kaum. Sie war wie betäubt und konnte nicht fassen, dass ihr das ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag passierte. Es hätte der glücklichste Tag ihres Lebens werden sollen, und nun schien er der schlimmste zu werden.

Bisher hatte sie sich kaum Gedanken um das Testament ihres Vaters gemacht. Sein Verlust hatte sie zu sehr getroffen, als dass sie überlegt hätte, welche finanziellen Folgen sein Tod für sie haben könnte. Natürlich wusste sie, dass er ein sehr erfolgreicher und wohlhabender Mann gewesen war. John Atkins war als Anlageberater tätig gewesen, und sowohl seine Kunden als auch seine Geschäftspartner hatten ihn sehr geschätzt. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie begeistert er gewesen war, als er Dracco, der gerade sein Studium absolviert hatte, unter seine Fittiche nahm.

Die beiden hatten sich bei einer Podiumsdiskussion in Draccos Universität kennengelernt. Ihr Vater war fasziniert von Draccos Redegewandtheit, seinem Fachwissen und seinem Ehrgeiz.

Dracco hatte keine leichte Kindheit gehabt. Sein Vater hatte ihn verlassen, und er war von verschiedenen Verwandten großgezogen worden, nachdem seine Mutter wieder geheiratet und ihr zweiter Ehemann sich geweigert hatte, ihn bei sich aufzunehmen. Sein Studium hatte er selbst finanziert, und als er bei ihrem Vater anfing, wohnte er zunächst bei ihnen.

Dracco fuhr sie zur Schule, wenn ihr Vater geschäftlich verreist war. Dracco brachte ihr das Fahrradfahren bei. Dracco der Drache, wie sie ihn scherzhaft nannte. Und als ihr Vater ihn zum Juniorpartner machte, hatte Dracco es mit ihr gefeiert, indem er sie in die Eisdiele einlud.

Imogen war sich nicht sicher, wann sie angefangen hatte, in ihm nicht mehr nur den Partner ihres Vaters und ihren Freund zu sehen, sondern den Mann.

Sie erinnerte sich daran, wie er sie eines Tages in dem roten Sportwagen, den er sich gekauft hatte, von der Schule abgeholt hatte. Es war ein heißer Nachmittag. Dracco hatte das Verdeck heruntergelassen, und sein schwarzes Haar glänzte in der Sonne. Er wandte sich zu ihr um, als sie auf seinen Wagen zuging, als hätte er ihre Nähe gespürt, und betrachtete sie.

Plötzlich schien es ihr, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen. Sie war wie vom Blitz getroffen. Ihr Herz klopfte vor Aufregung schneller, und sie war verlegen und gleichzeitig wie berauscht. Ohne zu wissen, warum, ließ sie den Blick zu seinem Mund gleiten. Irgendwo tief in ihrem Inneren erwachte eine Empfindung, die sie erröten und ihre Knie weich werden ließ. Sie hatte das Gefühl gehabt, dass sie seine Nähe nicht ertragen konnte, weil er womöglich erriet, was in ihr vorging. Andererseits hätte sie es auch nicht ertragen, wenn er nicht da gewesen wäre.

„Nur ein Kind, das so naiv und unerfahren ist wie du, kann glauben, dass Dracco dich tatsächlich begehrt. Eine richtige Frau würde sofort merken, dass es schon jemanden in seinem Leben gibt. Er hat nicht mal versucht, mit dir zu schlafen, stimmt’s?“, erkundigte Lisa sich herausfordernd und fügte dann verächtlich hinzu: „Und tu ja nicht so, als hättest du es dir nicht gewünscht. Man sieht dir an, wie verliebt du in ihn bist.“

Lisas spöttische Worte rissen Imogen aus ihren Gedanken. Instinktiv wandte sie sich ab, und dabei fiel ihr Blick in den Spiegel. Dracco hatte darauf bestanden, dass sie ein traditionelles Brautkleid trug.

„Dein Vater hätte es so gewollt.“ Damit hatte er sie schließlich umgestimmt.

Wenn es etwas gab, was Dracco und sie gemeinsam hatten, war es ihre Liebe zu ihrem Vater.

„Dracco liebt dich nicht. Nicht so, wie ein Mann eine Frau liebt.“

Wieder entschlüpfte Imogen ein entsetzter Laut.

Lisa kniff die Augen zusammen und fuhr in sinnlichem Tonfall fort: „Selbst ein so geschlechtsloses Wesen wie du muss es doch komisch finden, dass er noch nicht mit dir ins Bett gegangen ist. Jede normale Frau hätte sofort gewusst, was das bedeutet, zumal Dracco so ein leidenschaftlicher Mann ist.“ Sie lächelte grausam. „Du musst lernen, deine Gefühle etwas besser zu verbergen. Aber du hast dir doch nicht etwa eingebildet, dass es keine Frauen in seinem Leben gegeben hat, oder? Schließlich ist er ein sehr potenter Mann.“

Imogen war übel, und sie musste sich zusammenreißen, um nicht aus dem Zimmer zu laufen. Natürlich wusste sie, dass es Frauen in Draccos Leben gegeben hatte und wie es war, eifersüchtig zu sein. Immerhin hatte sie es oft genug erlebt. Dracco mit anderen Frauen, Frauen, die er im Gegensatz zu ihr attraktiv und begehrenswert fand, Frauen, mit denen er nackt im Bett lag und …

Für ihn war sie nur ein Kind, die Tochter seines ehemaligen Partners und besten Freundes, jemand, den er herablassend behandelte, als wäre er zwanzig Jahre älter als sie und nicht zehn. Zehn Jahre … Bald würden Dracco und sie allerdings gleichberechtigte Partner sein, bald würde sie seine Frau sein. Imogen erschauerte leicht. Als Teenager hatte sie davon geträumt, dass er ihre Liebe irgendwann erwidern würde, ihr sagen würde, er könnte nicht ohne sie leben, sie leidenschaftlich bitten würde, sich ihm hinzugeben und seine Frau zu werden.

Natürlich warnte eine innere Stimme sie, vorsichtig zu sein, denn bisher hatte Dracco nie von Liebe gesprochen. Und bis jetzt hatte sie sich auch nicht gefragt, was das bedeuten könnte. Bis jetzt. Obwohl sie noch immer benommen war, wurde Imogen bewusst, dass ihre Stiefmutter sehr entschlossen, ja fast verzweifelt wirkte. Allerdings war sie zu schockiert, um sich nach dem Grund dafür zu fragen.

Sie straffte sich und erklärte ruhig: „Dracco heiratet mich …“

„Nein“, unterbrach Lisa sie wütend, „Dracco heiratet dein Erbe. Hast du denn keinen Stolz, du kleine Närrin? Jede normale Frau würde jetzt die Flucht ergreifen, bevor es zu spät ist, und sich einen Mann suchen, der sie wirklich begehrt, statt einem hinterherzulaufen, der die Frau seines Lebens längst gefunden hat!“

Imogen fühlte sich, als wäre sie in einem Albtraum gefangen. Sie ertrug Lisas Grausamkeiten nicht länger. Sie wollte an ihrer Stiefmutter vorbeigehen, doch diese hielt sie zurück, indem sie ihren Arm umfasste, und zischte ihr zu: „Ich weiß, was du dir erhoffst, aber du verschwendest deine Zeit. Dracco wird dich niemals lieben. Er liebt jemand anders. Wenn du mir nicht glaubst, frag ihn! Frag ihn heute, bevor er dich heiratet, ob es eine Frau in seinem Leben gibt, die er liebt. Und wenn du es wagst, frag ihn auch, wer sie ist.“

Eine Frau, die Dracco liebte. Imogen war vor Kummer und Angst ganz benommen, als sie den Gang entlangschritt. Dracco wartete am Altar auf sie und hatte ihr den Rücken zugewandt. Der süße, schwere Duft der Lilien, mit denen die Kirche geschmückt war, nahm ihr den Atem und machte sie schwindelig. Wie konnte Dracco sie nur heiraten, wenn er eine andere liebte?

Lisa hatte gelogen, wie sie es schon so oft getan hatte. Sie hatte gelogen, um sie zu verletzen und zu verunsichern. Und es konnte nicht sein, dass Dracco sie liebte, wie sie mit ihrer letzten Bemerkung angedeutet hatte.

„Liebes Brautpaar …“

Imogen spürte, wie sie schwankte. Sofort umfasste Dracco ihren Arm, um sie zu stützen.

Kummer und Sehnsucht erfüllten sie gleichermaßen. Dies hätte der glücklichste Tag ihres Lebens werden sollen. Schließlich heiratete sie den Mann, den sie liebte. Den Mann, den sie liebte, seit ihr zum ersten Mal bewusst geworden war, was Liebe war.

„Geht es dir gut, Imogen? Einen Moment lang dachte ich, du würdest in Ohnmacht fallen.“

Imogen rang sich ein Lächeln ab, als sie seinem forschenden Blick begegnete. Nun war Dracco ihr Ehemann. Sie hatte ganz weiche Knie. Sie fühlte sich seltsam – so einsam … und sie hatte Angst.

„Dracco, ich muss dich etwas fragen.“

Sie standen draußen vor der Kirche. Die Glocken läuteten, und ihre Gäste plauderten fröhlich miteinander.

„Mh …“

Dracco würdigte sie kaum eines Blickes, wie Imogen traurig feststellte. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Bevor sie den Mut verlor, erkundigte sie sich unsicher: „Hast du …? Gibt es … gibt es jemanden … eine Frau, die du liebst?“

Nun sah er sie an. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf sie, aber nicht so, wie sie es sich gewünscht hatte. Mit finsterer Miene betrachtete er sie.

Imogen konnte es kaum ertragen, seinen Blick zu erwidern. Sie sah das Funkeln in seinen grünen Augen und hörte den wütenden Unterton in seiner Stimme, als er sie fragte: „Wer hat dir das erzählt?“

Es schien ihr, als würde ihr das Herz brechen. Es stimmte also.

Benommen hörte sie, wie er leise fluchte und dann etwas freundlicher erwiderte: „Ja. Ja, es gibt jemanden. Aber …“

Dracco liebte eine andere Frau. Er liebte eine andere Frau und hatte trotzdem sie geheiratet.

Eine Welt brach für Imogen zusammen. Wo war der Mann, den sie angebetet, dem sie vertraut und den sie geliebt hatte? Er existierte überhaupt nicht … Mit einem gequälten Aufschrei wandte sie sich ab und begann zu laufen, um ihrem Kummer und der Schadenfreude ihrer Stiefmutter zu entfliehen, vor allem jedoch Dracco, der sie verraten und bitter enttäuscht hatte. Sie hörte, wie er ihren Namen rief, und lief noch schneller. In der Straße hinter der Kirche hielt gerade ein Taxi, und ohne nachzudenken, eilte sie darauf zu und sprang hinein.

„Schnell“, wies sie den sichtlich verblüfften Fahrer an. „Bitte beeilen Sie sich.“ Dabei warf sie einen Blick zurück, weil sie damit rechnete, dass Dracco ihr folgte. Es war allerdings niemand zu sehen.

„Erzählen Sie mir nicht, dass Sie schnell zu einer Hochzeit müssen“, bemerkte der Taxifahrer jovial, während er sie musterte, und lachte über seinen eigenen Witz. Dann fädelte er sich in den Verkehr ein.

„Falsch“, verbesserte sie ihn energisch. „Ich muss schnell von einer Hochzeit weg.“

Daraufhin drehte er sich um und blickte sie verwirrt an. „Was? Eine Braut auf der Flucht?“

Schnell nannte sie ihm ihre Adresse und fügte hinzu: „Und bitte beeilen Sie sich.“

Bisher war ihnen niemand gefolgt – weder Dracco in seinem schnittigen Mercedes noch ihre Mutter in ihrem Rolls-Royce.

Noch nie war eine Fahrt ihr so lang erschienen. Angespannt saß Imogen auf dem Rücksitz, die Hände nervös zu Fäusten geballt, und drehte sich ständig um, um sich zu vergewissern, ob jemand ihnen folgte. Schließlich setzte der Taxifahrer sie vor ihrem Haus ab und wartete, während sie hineineilte, um Geld zu holen.

Nachdem sie ihn bezahlt und ihm versichert hatte, er bräuchte sich keine Sorgen um sie zu machen, lief sie nach oben in ihr Zimmer und zog das Kleid so schnell aus, dass der dünne Stoff zerriss. Wie von Furien gehetzt, schlüpfte sie danach in ein Top und Jeans, leerte den Koffer, den sie für die Flitterwochen gepackt hatte, und stopfte die Sachen hinein, die sie wahllos von Bügeln riss und aus Schubladen nahm.

Noch immer war ihr nicht richtig klar, was sie getan hatte. Sie wusste nur, dass sie so schnell und so weit wie möglich vor Dracco fliehen musste. Falls er sie tatsächlich nur geheiratet hatte, um die Kontrolle über die Firma zu bekommen, würde er keine Ruhe geben, bis er sein Ziel erreicht hätte. Nun wusste sie, wie entschlossen er sein konnte. Wie zielstrebig und … Imogen schauderte. Dracco! Wie hatte er ihr das nur antun können? Wie hatte er sie so demütigen und verletzen können? Mit Tränen in den Augen nahm sie ihre neue cremefarbene Lederhandtasche vom Stuhl. Darin befanden sich ihr Pass und die Travellerschecks, die Dracco ihr vor einigen Tagen gegeben hatte.

„Zum Ausgeben“, hatte er erklärt und dabei gelächelt. Es war dasselbe Lächeln gewesen, bei dem ihr Herz immer schneller klopfte und sie vor Sehnsucht förmlich dahinschmolz … Sie hatte das Geld anschließend gezählt und war über den hohen Betrag verblüfft gewesen.

Nun kann ich es gut gebrauchen, überlegte sie bitter. Welch Ironie des Schicksals, dass sie das Geld, das für ihre Flitterwochen bestimmt gewesen war, nun für ihre Flucht verwandte! Sie würde davon ein Flugticket kaufen und von ihm wegfliegen, so weit sie konnte!

„Hm, es sind noch einige Plätze in der Maschine nach Rio de Janeiro frei, die in einer halben Stunde startet“, erwiderte die Frau am Schalter auf Imogens Anfrage.

Selbst jetzt konnte Imogen es sich nicht verkneifen, nervös über die Schulter zu blicken. Noch immer rechnete sie damit, Dracco zu sehen, und stellte bestürzt fest, dass sie es sich insgeheim sogar wünschte. Nun war es allerdings zu spät. Sie war auf die Maschine nach Rio gebucht. Mit zittrigen Händen ging sie zum Schalter, um ihren Koffer aufzugeben.

Nun würde sie ihr Zuhause und alles, was sie kannte, hinter sich lassen. Auch die Liebe, nach der sie sich so gesehnt hatte. Und Dracco.

1. KAPITEL

Vier Jahre später

Während des Fluges von Rio hatte Imogen sich genau zurechtgelegt, was sie sagen und wie sie es sagen würde. Dabei rief sie sich ins Gedächtnis, dass sie keine naive Achtzehnjährige mehr war, die keine Ahnung vom wirklichen Leben oder dessen Schattenseiten hatte, ein Mädchen, das von seinem Vater behütet worden war. Nein, sie war jetzt zweiundzwanzig, eine Frau, die genau wusste, wie viel Kummer, Armut und Demütigungen das wirkliche Leben bereithielt, genauso wie Liebe, Mitgefühl und Großmut.

Wenn sie die letzten vier Jahre Revue passieren ließ, konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie noch etwas von dem Mädchen hatte, das sie einmal gewesen war. Imogen schloss die Augen und lehnte sich in ihrem Sitz zurück. Sie hatte einen Platz in der zweiten Klasse gebucht, obwohl sie es sich durchaus hätte leisten können, erster Klasse zu fliegen. Allerdings tat man so etwas nicht, wenn man in den vergangenen Jahren mit Waisen gearbeitet hatte, die in einer Welt lebten, in der bereits kleine Kinder ums Überleben kämpfen mussten. Dank der kleinen Wohltätigkeitsorganisation, für die sie arbeitete, hatten einige dieser Kinder nun wenigstens ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen, konnten zur Schule gehen und – was in Imogens ­Augen am wichtigsten war – bekamen Liebe.

Imogen wusste nicht mehr genau, wann sie zum ersten Mal bedauert hatte, ihrem Erbe den Rücken gekehrt zu haben – nicht aus eigenem Interesse, sondern weil sie es der Organisation und den Kindern hätte zukommen lassen können. Vielleicht war es in dem Moment gewesen, als sie beobachtete, wie Schwester Maria ihnen allen freudestrahlend und mit vor Dankbarkeit bebender Stimme die Summe mitteilte, die sie durch ihre harte Arbeit an Spenden zusammenbekommen hatten. Es war nur ein Bruchteil des Betrags gewesen, den sie aus ihrem Erbe zu erwarten gehabt hätte, ganz zu schweigen vom Verkaufswert. In den letzten Monaten hatte sie sich jedenfalls immer öfter gefragt, ob es klug gewesen war, sich von ihrem Stolz leiten zu lassen.

Und als wäre das noch nicht genug, hatte sie sich zudem den Kopf darüber zerbrochen, was ihre Freunde und Mitarbeiter von ihr denken würden, wenn sie wüssten, dass sie sich aus Sturheit und Egoismus weigerte, ihr Vermögen für einen guten Zweck zu verwenden. Stolz war ja schön und gut, aber wer bezahlte sie, dass sie sich es sich leisten konnte, daran festzuhalten? Diese und andere quälenden Fragen hatten sie viel zu lange beschäftigt. Und nun hatte sie eine Entscheidung getroffen, für die sie so lange gebraucht hatte.

Die Nonnen waren so freundlich, so bescheiden und so dankbar für die kleinste Spende. Sie würden ihr nie einen Vorwurf machen oder sie kritisieren, doch allmählich machte sie sich selbst große Vorwürfe und kritisierte sich.

Während ihrer Zeit in Rio hatte Imogen gelernt, ihre Privatsphäre zu schützen und allen ungewollten Fragen argwöhnisch zu begegnen, so harmlos diese auch sein mochten. So leicht vertraute sie niemandem mehr. Ihre Vergangenheit war tabu, und daher redete sie nie darüber.

Sie hatte einige Freunde in Rio gefunden, ließ allerdings niemanden zu dicht an sich heran – vor allem Männer. Sich in jemanden zu verlieben und in jemanden verliebt zu sein war mit zu viel Schmerzen verbunden, sodass sie nicht einmal daran dachte, geschweige denn es sich gestattete. Nicht nach der Geschichte mit Dracco. Dracco. Selbst jetzt träumte sie noch manchmal von ihm. Und diese Träume nahmen sie derart mit, dass sie tagelang traurig war.

Es gab niemandem, dem sie anvertrauen wollte, wie einsam sie sich bei ihrer Ankunft in Rio gefühlt hatte oder wie oft sie versucht gewesen war, ihre Meinung zu ändern und wieder nach England zurückzukehren. Nur ihr Stolz hatte sie davon abgehalten – und der Brief, den sie eine Woche nach ihrer Ankunft an den Anwalt ihres Vaters geschickt und in dem sie ihm mitgeteilt hatte, sie würde mit ihrem Leben in England abschließen. Außerdem würde sie das Erbe ihres Vaters ausschlagen und sich daher das Recht nehmen, ihr eigenes Leben zu leben. Sie hielt den Brief bewusst förmlich und erklärte, sie wollte auf keinen Fall Kontakt zu ihrer Stiefmutter oder zu Dracco haben.

Natürlich gab sie keine Adresse an, und um ganz sicherzugehen, kaufte sie von dem restlichen Geld, das Dracco ihr gegeben hatte, ein Flugticket in die USA und gab den Brief dort auf, bevor sie nach Rio zurückkehrte.

Um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können, arbeitete sie als Übersetzerin und als Lehrerin, und durch diese Tätigkeit lernte sie auch die Nonnen und deren Wohltätigkeitsorganisation kennen.

Imogen hatte Gewissensbisse, wenn sie daran dachte, wie lange sie gebraucht hatte, um diese Entscheidung zu fällen, und schämte sich bei der Erinnerung an Schwester Marias verwirrten Gesichtsausdruck, als sie ihr erzählt hatte, sie wäre nicht die arme junge Frau, als die sie sich ausgegeben hätte. Dass Schwester Maria ihr weder Fragen gestellt noch sie kritisiert hatte, hatte sie in ihrem Entschluss bestärkt, die Dinge so schnell wie möglich zu regeln.

Zuerst hatte sie geglaubt, einfach an den Anwalt ihres Vaters schreiben und ihm erklären zu können, sie hätte ihre Meinung geändert und wollte doch Anspruch auf das Geld erheben, das ihr Vater ihr hinterlassen hatte. In wenigen Sätzen schilderte sie, wie sie das Geld dafür verwenden wollte, den Straßenkindern von Rio zu helfen. Leider kam die Antwort jedoch nicht von David Fairburn, sondern von einem ihr unbekannten David Bryant. Er stellte sich ihr als Henrys Nachfolger und Neffe vor und teilte ihr mit, sein Onkel wäre verstorben und er hätte die Kanzlei von ihm übernommen. Damit sie ihr Erbe antreten konnte, müsste sie so schnell wie möglich nach England kommen, denn die Situation wäre ziemlich kompliziert.

Natürlich hatte sie vor der Vorstellung zurückgeschreckt, nach Hause zu fliegen. Andererseits hatte sie nichts anderes zu befürchten als ihre eigene Angst, oder? Vor ihrer Liebe zu Dracco, die längst erloschen war, brauchte sie jedenfalls keine Angst zu haben.

Sie hatte überhaupt nichts von ihm gehört und nahm an, dass er nun glücklich mit Lisa zusammenlebte. Die beiden hatten einander verdient. Noch nie war sie zwei Menschen begegnet, die so kaltblütig waren.

Es war sehr bedauerlich, dass ihr Vater es für nötig befunden hatte, Dracco als einen ihrer Treuhänder zu bestimmen, und noch bedauerlicher, dass Henry, ihr anderer Treuhänder, nicht mehr lebte. Imogen war sich nicht sicher, wie ihre rechtliche Situation war, aber David Bryant würde sie zweifellos beraten können. Und das andere Problem würde sie vermutlich auch lösen können, nämlich die unbedeutende Tatsache, dass Dracco und sie dem Gesetz nach immer noch verheiratet waren.

Die einzige Bemerkung, die Schwester Maria gemacht hatte, war die, dass ein eheliches Treuegelöbnis ein Leben lang Gültigkeit hatte. Das beunruhigte Imogen ein wenig. Dummerweise hatte sie sich nie die Mühe gemacht, ihre Ehe annullieren zu lassen. Damals hatte sie viel zu große Angst davor gehabt, dass Dracco versuchen könnte, sie umzustimmen, damit sie nach Hause und zu ihm zurückkehrte.

Jetzt hatte sie allerdings keine Angst mehr und wollte die Ehe nur aus Stolz annullieren lassen. Es war der letzte Schritt in eine Zukunft ohne Dracco. Außerdem freute sie sich darauf, Schwester Maria wie versprochen zu schreiben und ihr zu erzählen, dass alles gut lief und sie bald wieder nach Rio zurückkehren würde.

Als ihr Magen sich bei der Landung auf dem Flughafen Heathrow zusammenkrampfte, sagte sie sich, dass es ganz normal war.

Die Imogen, die England vor vier Jahren verlassen hatte, war etwas pummelig und auf eine mädchenhafte Art hübsch gewesen. Dieses Attribut traf auf die Frau, die sie nun war, überhaupt nicht zu. Ihr Leben in Brasilien entbehrte jeglichen Luxus und erforderte hundertfünfzigprozentigen körperlichen und zweihundertfünfzigprozentigen seelischen Einsatz. Daher hatte sie ihren Babyspeck verloren, sodass ihre perfekten Züge und ihre ungewöhnlichen amethystfarbenen Augen noch besser zur Geltung kamen und ihr Gesicht auf eine Weise strahlte, die alle Blicke auf sich zog.

Imogen trug eine schlichte weiße Baumwollbluse und eine helle Hose. Es war allerdings undenkbar, dass eine Frau in Rio lebte, ohne dass die Sinnlichkeit der Bevölkerung auf sie abfärbte. In Brasilien war die Kleidung sehr körperbetont, und nicht einmal der legere Schnitt verbarg die Tatsache, dass Imogen eine schmale Taille, feste Brüste, lange Beine und einen festen Po hatte.

Ihre Haut hatte in der südamerikanischen Sonne einen warmen Bronzeton angenommen. Als Imogen die Augen beschattete, funkelte die goldene Uhr, die ihr Vater ihr kurz vor seinem Tod geschenkt hatte, an ihrem schmalen Handgelenk. Das lockige dunkle Haar hatte sie mit einem alten Seidenschal im Nacken zusammengebunden. Eine Gruppe Stewardessen, die vorbeiging, warf ihr neidische Blicke zu.

Imogen atmete tief durch und hielt dann ein Taxi an. Als sie darin saß, betrachtete sie den Zettel, den sie aus ihrer Handtasche genommen hatte, und nannte dem Fahrer die Adresse.

„Bute Wharf“, wiederholte dieser. „Das muss eine der neuen Siedlungen an der Themse sein.“

Imogen lächelte pflichtbewusst, sagte aber nichts. Sie hatte ihren Anwalt gebeten, ihr ein Hotel zu empfehlen, das in der Nähe seiner Kanzlei lag und preiswert war. Zu ihrer Verblüffung hatte er geantwortet, er hätte ihr bereits eine Unterkunft besorgt und die Adresse beigefügt, und ihr außerdem ein Erste-Klasse-Flugticket mitgeschickt, das sie jedoch umgetauscht hatte.

Erstaunt blickte Imogen aus dem Fenster des Taxis. Diese Gegend in den Docklands kannte sie nicht. In den Straßen waren überall teure Wagen, und die zumeist jungen Frauen und Männer trugen vorwiegend Designersachen. Es schien sich um ein typisches In-Viertel zu handeln. Sie verspürte einen Anflug von Panik und überlegte, ob der Anwalt sie womöglich falsch verstanden hatte.

Schließlich hielt der Fahrer vor einem imposanten Apartmentkomplex. Imogen stieg aus und sah sich ein wenig unsicher um. Nachdem sie bezahlt hatte, hob sie ihren Koffer, straffte sich und ging zielstrebig zum Eingang. Dabei nahm sie aus den Augenwinkeln wahr, wie ein großer Wagen in die Parklücke fuhr, in der das Taxi gestanden hatte. Sie beachtete ihn allerdings nicht weiter, weil sie sich fragte, ob sie hier richtig war.

Ja, es war tatsächlich dieselbe Adresse, die der Anwalt ihr gegeben hatte.

Ein wenig argwöhnisch betrat Imogen das Foyer des Apartmentblocks und blieb dann stehen, weil irgendetwas sie veranlasste, sich umzudrehen. Vor Schreck stockte ihr der Atem, als sie den Mann erkannte, der aus jenem Wagen stieg und anschließend auf sie zukam.

„Imo!“, rief er kühl. „Eigentlich wollte ich dich ja vom Flughafen abholen, aber offenbar haben wir uns verpasst.“

„Dracco!“

Wie schwach ihre Stimme klang – wie die eines kleinen Mädchens! Imogen räusperte sich und rief sich ins Gedächtnis, dass sie zweiundzwanzig war, doch ihre Sinne reagierten nur auf Dracco. Er hatte sich längst nicht so stark verändert, wie sie sich verändert haben musste. Andererseits war er schon damals erwachsen gewesen.

Noch immer übte er eine so überwältigende Anziehungskraft aus wie vor vier Jahren. Allerdings war sie sich dieser Anziehungskraft jetzt viel deutlicher bewusst, und sie zuckte förmlich zusammen. Hatte sie vergessen, wie sexy er war, oder hatte sie es schlichtweg nicht gewusst, weil sie zu naiv gewesen war? Inzwischen war es jedenfalls nicht mehr so.

Sein Haar war noch genauso dunkel, wie sie es in Erinnerung hatte, aber kürzer, sodass er etwas maskuliner wirkte. Auch sein Blick wirkte härter als vor vier Jahren und ließ sie frösteln.

„Du bist nicht erster Klasse geflogen.“

„Du wusstest, dass ich komme?“ Sosehr sie es auch versuchte, sie konnte nicht verbergen, wie schockiert sie war.

„Natürlich. Ich bin dein Treuhänder, falls du es vergessen haben solltest, und da du gekommen bist, um über dein Erbe zu sprechen …“

Ihr Treuhänder! Ja, natürlich wusste sie das. Dennoch hatte sie angenommen, ja geglaubt, sie würde mit David Bryant verhandeln und dieser würde als Vermittler zwischen Dracco und ihr fungieren. Ihr stand nicht der Sinn nach einer Begegnung mit Dracco, zumal sie ohnehin angespannt und übermüdet war.

Entschlossen, nicht ganz die Kontrolle über die Situation zu verlieren, sagte Imogen scharf: „Komisch, dass Lisa nicht bei dir ist.“

„Lisa?“

Sein Tonfall und der Ausdruck in seinen Augen bewiesen, dass Dracco nicht gerade begeistert über ihre Bemerkung war.

„Das hier hat nichts mit Lisa zu tun“, fügte er kühl hinzu.

Natürlich will er sie schützen, überlegte sie wütend. Sie war entsetzt über die Erkenntnis, dass sie ihm am liebsten alles Mögliche an den Kopf geworfen hätte. Die alte Imogen hätte der Versuchung wahrscheinlich nachgegeben und es getan. Als er jedoch gesagt hatte, er wäre ihr Treuhänder, hatte er ihr einen warnenden Blick zugeworfen, der ihr zu verstehen gab, dass sie sich vorsehen sollte.

Sicher war es nur eine Formalität, wenn sie Anspruch auf die Einkünfte erhob, die sie damals abgelehnt hatte. Schließlich gehörte es von Rechts wegen ihr, oder nicht? Bestimmt hätte David Bryant es ihr mitgeteilt, wenn es nicht der Fall gewesen wäre oder wenn er mit Problemen gerechnet hatte, statt ihr nahe zu legen, nach England zu fliegen. Was ihre Anteile an der Firma betraf, hatte sie ein besseres Gefühl. Da Dracco bereit gewesen war, sie zu heiraten, um sie sich zu sichern, würde er sich freuen, wenn er die Kontrolle darüber als Gegenleistung dafür bekam, dass die Erträge der Wohltätigkeitsorganisation zuflossen. Wenn sie wollte, konnte sie die Anteile immer noch auf dem freien Markt verkaufen. Und zu wissen, dass sie in dieser Hinsicht Macht über ihn ausübte, half ihr dabei, ihren ganzen Mut zusammenzunehmen.

Dracco stand nun vor ihr, und Imogen stellte fest, dass eins sich nicht geändert hatte. Sie musste immer noch den Kopf zurücklegen, um ihm in die Augen sehen zu können. Hätte sie bloß keine Pumps mit flachen Absätzen angezogen!

„Komm.“ Er legte ihr die Hand auf den Rücken und seine Berührung veranlasste Imogen, sofort in die Richtung zu eilen, in die er zeigte.

Was war nur los mit ihr? Warum fürchtete sie nach all den Jahren seine Berührungen? Damals hatte sie es getan, weil sie wusste, dass selbst der flüchtigste Körperkontakt mit ihm bewirkte, dass sie vor Sehnsucht fast verging. Aber das war vorbei. In den Straßen von Rio hatte sie das lebende – und abschreckende – Beispiel dafür gesehen, was passierte, wenn zwei Menschen ihrem Verlangen nachgaben. Sie würde ihr Kind niemals im Stich lassen. Allerdings war sie auch erwachsen und konnte selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Es ging darum, dass …

Imogen merkte, wie schwer es ihr fiel, einen klaren Gedanken zu fassen. Tatsächlich war es ihr unmöglich, sich auf etwas anderes als auf Dracco zu konzentrieren.

„Hier entlang.“

Automatisch folgte sie ihm zu dem gläsernen Aufzug und registrierte benommen, wie der livrierte Portier ihr zunickte und Dracco mit einem respektvollen „Guten Tag, Mr Barrington“, begrüßte.

„Tag, Bates“, erwiderte Dracco ruhig. „Wie geht’s Ihrer Familie?“

„Gut. Robert ist überglücklich mit dem Job, den Sie ihm besorgt haben.“

Das Lächeln, das Dracco dem Portier schenkte, ließ ihn plötzlich viel weniger Furcht einflößend wirken und erinnerte Imogen daran, wie er sie früher immer angelächelt hatte. Ein fast unerträglicher Schmerz überkam sie, doch sie führte ihn darauf zurück, dass der Aufzug so schnell fuhr.

„Hast du immer noch Höhenangst? Sieh nicht nach unten“, riet Dracco ihr kühl. „Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund scheint jeder Architekt in London der Meinung zu sein, dass gläserne Aufzüge der letzte Schrei sind.“

Während er eine solche Bemerkung damals mit einem amüsierten Unterton gemacht hätte, klang er nun angespannt und eisig. Allerdings hatte er auch keinen Grund, freundlich zu ihr zu sein, oder? Andererseits hatte sie es ihm erspart, so tun zu müssen, als wollte er sie wirklich heiraten oder als würde sie ihm etwas bedeuten, und ihm gleichzeitig gegeben, was er wollte. In dem Brief an Henry, in dem sie ihr Erbe ausgeschlagen hatte, hatte sie Dracco die alleinige Verfügungsgewalt über ihre Firmenanteile übertragen. Dabei war sie sich sicher gewesen, dass er die Firmenpolitik ihres Vaters fortführen würde. Zumindest in der Hinsicht hatte sie ihm bedingungslos vertrauen können.

Imogen hatte die Augen geschlossen, als der Aufzug sich in Bewegung setzte, aber die Bilder, die vor ihrem geistigen Auge auftauchten, und die Erinnerungen, die sie quälten, machten ihr noch mehr zu schaffen als ihre Höhenangst. Sie würde Dracco niemals verzeihen, dass er versucht hatte, sie zu manipulieren, und das Vertrauen, das ihr Vater in ihn gesetzt hatte, missbraucht hatte.

Schließlich hielt der Aufzug an.

„Du kannst die Augen jetzt öffnen“, hörte sie Dracco ironisch sagen.

Als sie den Lift verließ, fiel ihr Blick auf das Schild mit der Aufschrift „Penthousesuite“. Ihr Anwalt hatte sie in einer Penthousesuite untergebracht? Sie fühlte sich unbehaglich, denn ihr war klar, dass es nicht billig sein konnte.

Nach ihrer Ankunft in Rio hatte sie mit anderen jungen Frauen in einem Raum schlafen müssen, und es hatte lange gedauert, bis sie sich daran gewöhnte. Als sie später eine eigene Wohnung hatte, hatte sie die anderen tatsächlich vermisst. Nun musste Imogen jedoch zugeben, dass sie es genießen würde, ein eigenes Bad zu haben.

„Ich habe David Bryant gebeten, mir eine preiswerte Unterkunft zu suchen, die in der Nähe seiner Kanzlei liegt“, erklärte sie leise, als Dracco einen Schlüssel zückte und die Tür zum Apartment aufschloss.

Er zog die Augenbrauen hoch. „Das hat er ja auch getan“, erwiderte er. „Seine Kanzlei ist ganz in der Nähe, und du wohnst hier als mein Gast.“

„Als dein Gast?“

Kaum hatte sie den Flur betreten, erstarrte Imogen und betrachtete ihn entgeistert, während er die Tür hinter ihnen schloss.

„Als dein Gast?“, wiederholte sie. „Ist das dein Apartment?“

„Ja“, bestätigte er. „Als David mir erzählt hat, dass du in der Nähe seiner Kanzlei untergebracht werden willst, habe ich ihm vorgeschlagen, dass du bei mir wohnen kannst. Schließlich haben wir eine Menge zu bereden … und nicht nur, was dein Erbe betrifft.“

Imogen stellte fest, dass er demonstrativ auf ihre linke Hand blickte, an die er ihr damals den Ehering gesteckt hatte. Auf dem Weg nach Heathrow im Taxi hatte sie den Ring abgenommen und ihn aus dem Fenster geworfen. Es war ihr egal gewesen, wo er hinfiel, und mit den Tränen in den Augen hatte sie ohnehin nichts sehen können.

„Du meinst …“ Sie verstummte und befeuchtete sich die Lippen. Dabei spürte sie seinen Blick auf sich.

„Du meinst unsere Ehe?“, fragte sie dann mit bebender Stimme.

„Ja, ich meine unsere Ehe“, bestätigte Dracco. „Weißt du“, fuhr er im Plauderton fort, als er sich bückte, um ihren Koffer aufzuheben, „für eine Frau, die immer noch Jungfrau ist, wirkst du sehr erfahren.“

Imogen versuchte sich einzureden, dass die Schwäche, die sie plötzlich befiel, von der stickigen Luft im Flur herrührte. Trotzdem hörte sie sich heiser fragen: „Woher … woher weißt du das?“

„Dass du noch Jungfrau bist?“, hakte er nach. „Ich weiß alles über dich, Imo … Schließlich bist du meine Frau …“

Seine Frau!

Imogen wurde übel. Sie konnte es nicht fassen und verspürte kalte Angst. Damit hatte sie wirklich nicht gerechnet. Während des langen Flugs von Rio hierher hatte sie sich gezwungen, sich mit ihren Ängsten der vergangenen Tage auseinanderzusetzen. Ihr hatte davor gegraut, wider besseres Wissen feststellen zu müssen, dass sie nach all den Jahren immer noch etwas für Dracco empfand. Dass diese Gefühle unterschwellig da waren und irgendwann wie eine Zeitbombe explodieren und das Leben, das sie sich aufgebaut hatte, und ihren schwer erkämpften Seelenfrieden zerstören würden. Nun allerdings weckte er keine Liebe in ihr, sondern Wut und Feindseligkeit.

Na gut, sie war noch Jungfrau. War das etwa ein Verbrechen?

„Du hast kein Recht, in meinem Leben herumzuschnüffeln und mir hinterherzuspionieren“, begann sie aufgebracht, aber er ließ sie nicht aussprechen.

„Wir sind immer noch verheiratet. Ich bin immer noch dein Mann und du immer noch meine Frau“, erinnerte er sie kalt.

Imogen wandte sich ab, damit er ihren Gesichtsausdruck nicht sah. In den Augen der Kirche waren Dracco und sie vielleicht noch verheiratet, aber sicher nicht vor dem Gesetz, da sie die Ehe nie vollzogen hatten. Und das gab Dracco ganz bestimmt nicht das Recht, Ansprüche auf sie zu erheben, in einem Tonfall, der vermuten ließ … Resigniert schüttelte Imogen den Kopf. Jetzt ging ihre Fantasie mit ihr durch. Sein Tonfall war nicht besitzergreifend gewesen.

Seine Worte schockierten sie. Warum, in aller Welt, hatte er ihre Ehe nicht aufheben lassen? Schließlich liebte er eine andere Frau – ihre Stiefmutter!

Selbst nach all den Jahren erfüllte die Vorstellung, dass Dracco mit Lisa zusammen war, sie mit Verachtung und ließ Übelkeit in ihr aufsteigen. Die Frau ihres Vaters und der Mann, den ihr Vater so geliebt und geschätzt hatte. Ob Dracco schon zu Lebzeiten ihres Vaters mit ihr geschlafen hatte? Hatten die beiden …? Hatte er …? Plötzlich gingen ihr all die Fragen durch den Kopf, an die sie sich nicht einmal zu denken erlaubt hatte. Die Bilder, die sie hervorriefen, verursachten einen unerträglichen Schmerz.

Damals hatte Dracco ihr das Gefühl vermittelt, dass er sie heiratete, um sie zu beschützen. Dabei hatte er lediglich seine Interessen wahren wollen!

Müde schloss Imogen die Augen. Sie war nur aus einem Grund nach England gekommen, nämlich um Anspruch auf das Geld zu erheben, das ihr zustand. Und um Dracco dazu zu bewegen, ihre Anteile an der Firma auf die Wohltätigkeitsorganisation zu übertragen, damit diese direkt von ihrem Erbe profitieren konnte. Alles andere …

„Ich bin nicht zurückgekommen, um über unsere Ehe zu sprechen, Dracco.“ Imogen atmete tief durch, entschlossen, die Situation unter Kontrolle zu behalten. „Ich habe David Bryant geschrieben, was ich will, und das ist …“

„Du willst dein Erbe irgend so einer Wohltätigkeitsorganisation stiften“, unterbrach er sie grimmig. „Nein, Imo. Als dein Treuhänder käme ich meinen moralischen Verpflichtungen dir gegenüber nicht nach, wenn ich mich damit einverstanden erklären würde. Und als dein Mann …“

Am liebsten hätte sie alle Bedenken über Bord geworfen und ihn gefragt, wann moralische Verpflichtungen ihm je wichtig gewesen wären. Ihr Instinkt sagte ihr jedoch, dass sie damit zu weit gehen würde. So sollte ihr Gespräch nicht verlaufen. Sie war jetzt erwachsen und kein Kind mehr, dem er Vorschriften machen konnte.

„Vom rechtlichen Standpunkt aus gehört das Geld mir“, erinnerte sie, nachdem sie im Stillen bis zehn gezählt und sich ein wenig beruhigt hatte.

„Es hat dir gehört“, verbesserte er sie schroff. „Du hast schriftlich erklärt, dass du auf dein Erbe verzichtest, falls du es vergessen haben solltest.“

Erneut atmete sie tief durch. Mit so vielen Schwierigkeiten hatte sie nicht gerechnet.

„Ja, ich habe es Onkel Henry geschrieben“, bestätigte sie und erkundigte sich leise nach einer kurzen Pause: „Wann ist er gestorben?“

Dracco hatte sich abgewandt, und einen Moment lang dachte sie, er hätte ihre Frage entweder nicht gehört oder wollte sie nicht beantworten. Schließlich erwiderte er kühl: „Er hatte einen Herzinfarkt, kurz nach … am Tag unserer Hochzeit.“

Imogen stieß einen entsetzten Laut aus.

„Offenbar hatte er sich schon vorher nicht gut gefühlt“, fuhr er fort, als hätte er es nicht gehört. „Als er vor der Kirche zusammenbrach …“ Er verstummte, während sie den Schock zu verarbeiten versuchte. „Ich fuhr mit ihm ins Krankenhaus. Die Ärzte gaben ihm noch eine Chance … Aber auf der Intensivstation bekam er einen zweiten Herzinfarkt, der tödlich war.“

„War es …?“ Da sie zu entsetzt war, um nachzudenken, platzte sie heraus: „War es meinetwegen? Weil ich …?“

„Er hatte unter enormem Druck gestanden“, sagte Dracco, ohne auf ihre Frage einzugehen. „Nach dem Tod deines Vaters hatte er sehr viel zu tun, und anscheinend gab es Symptome für ein Herzleiden, die er allerdings ignoriert hatte. Er war kein junger Mann mehr – er war zehn Jahre älter als dein Vater.“ Nach einer Pause fügte er abrupt hinzu: „Er hat mich gebeten, dir auszurichten, wie stolz er darauf war, dich zum Altar führen zu dürfen.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Im Geiste sah sie den Anwalt ihres Vaters am Morgen ihrer Hochzeit vor sich. Er trug einen Cut, und sein silbergraues Haar war sorgfältig gekämmt. Auf dem Weg zur Kirche hatte er im Wagen ihre Hand genommen und sie ein wenig verlegen getätschelt. Er war genau wie ihr Vater verwitwet gewesen, hatte allerdings keine Kinder gehabt und war ihr gegenüber immer etwas befangen gewesen. Der Ausdruck in seinen Augen hatte ihr bewiesen, dass Henry Fairburn an jenem Tag auch an ihren Vater dachte.

Sie war traurig gewesen, als sie durch seinen Neffen von seinem Tod erfuhr, doch sie hätte nie für möglich gehalten …

„Falls du jetzt in Selbstmitleid und Schuldgefühlen schwelgen willst, ist es mir egal“, warnte Dracco sie kühl. „Henry hätte den Herzinfarkt früher oder später bekommen, ob du nun da gewesen wärst oder nicht.“

Statt sie zu trösten, bewirkten seine Worte, dass sie sich noch schlechter fühlte, wie Imogen feststellte.

„Ich will nicht mit dir streiten, Dracco“, erwiderte sie leise. „Du bist selbst ein wohlhabender Mann. Wenn du nur wüsstest, in welchen Verhältnissen diese Kinder leben …“

„Ja, es ist eine seriöse Organisation. Aus meinen Quellen weiß ich …“

„Aus deinen Quellen?“, fiel sie ihm wütend ins Wort. „Du hast kein Recht …“

„Du glaubst doch nicht, ich hätte zugelassen, dass du spurlos verschwindest, oder? Und wenn es nur deinem Vater zuliebe war. Ich war es ihm schuldig.“

„Ich kann einfach nicht fassen, dass jemand wie du so tief sinken kann. Mir hinterherzuspionieren und mich zu überwachen“, flüsterte sie bitter.

„Deine Reaktion ist übertrieben“, meinte Dracco lakonisch. „Ja, ich habe Nachforschungen angestellt, um zu erfahren, wo du dich aufhältst, was du machst und zu wem du Kontakt hast“, bestätigte er. „Jeder hätte sich in der Situation genauso verhalten. Du warst jung und naiv. Dir hätte wer weiß was passieren können.“

Er machte ein finsteres Gesicht, und sie musste das alberne Gefühl verdrängen, dass er sich ernsthafte Sorgen um sie gemacht hatte.

„Egal, was du sagst, ich werde nicht aufgeben, Dracco“, warnte sie ihn entschlossen. „Die Nonnen brauchen unbedingt Geld, und ich werde alles tun, um dafür zu sorgen, dass sie meins bekommen.“

Die Stille, die ihrem leidenschaftlichen Ausbruch folgte, ließ Imogen erschauern. Dracco sah sie an, als ob … Warum hatte sie damals nie gemerkt, wie besitzergreifend und Furcht einflößend, ja dämonisch er wirken konnte? Sie fröstelte und führte es auf das englische Klima zurück.

„Na ja, du bist jetzt eine Frau, Imo, und du hast sicher die Erfahrung gemacht, dass man für alles im Leben einen Preis zahlen muss. Du hast mir dein Erbe aus freien Stücken überschrieben. Nun willst du es wieder zurückhaben, und zwar nicht nur den Profit, den deine Geschäftsanteile in den letzten vier Jahren abgeworfen haben, sondern auch den zukünftigen.“

„Das Geld gehört mir“, beharrte sie. „Den Bedingungen im Testament meines Vaters zufolge bekomme ich es entweder an meinem dreißigsten Geburtstag oder wenn ich heirate, und das war zuerst der Fall.“

„Hm …“ Er warf ihr einen Blick zu, den sie nicht zu deuten vermochte. „Du hast mir gesagt, was du von mir verlangst, Imo. Aber zu welcher Gegenleistung bist du bereit – vorausgesetzt natürlich, dass ich nachgebe?“

Sie krauste die Stirn. Was konnte sie ihm schon geben?

„Wir sind immer noch verheiratet“, erinnerte er sie wieder. „Unsere Ehe wurde nie annulliert.“

Ihre Miene hellte sich auf. „Du willst unsere Ehe annullieren lassen“, mutmaßte Imogen. Sie ignorierte den stechenden Schmerz, der sie durchzuckte, und redete sich ein, dass sie erleichtert war. „Ja, sicher werde ich zustimmen, und …“

„Nein, ich will unsere Ehe nicht annullieren lassen“, unterbrach Dracco sie. „Ganz im Gegenteil.“

2. KAPITEL

„Du willst keine Annullierung?“ Fassungslos blickte Imogen ihn an. „Was … was soll das heißen?“ Sie hörte, wie ihre Stimme bebte, und verachtete sich dafür. Dracco konnte damit nicht meinen, dass er mit ihr verheiratet bleiben wollte. Das war unmöglich. Und genauso wenig konnte sie das Hochgefühl akzeptieren, das sie bei seinen Worten verspürte.

Dracco betrachtete Imogen eingehend. Als ihr Treuhänder war es seine moralische Pflicht, ihr Erbe für sie zu bewahren und sich des Vertrauens, das ihr Vater in ihn gesetzt hatte, als würdig zu erweisen. Und das würde er auch tun. Und wenn es ihm selbst zum Vorteil gereichte, umso besser! Und wenn er ihr erzählte, warum … Nein, das stand außer Frage. Das Schicksal hatte ihm einige Trümpfe in die Hände gespielt, und nun lag es an ihm, diese auszuspielen und zu gewinnen!

Imogen schauderte nervös, als sie auf seine Antwort wartete. Seine Miene war hart und undurchdringlich, und der Ausdruck in seinen Augen wirkte reserviert.

„Ich muss dich hoffentlich nicht daran erinnern, wie viel dein Vater mir bedeutet hat“, begann Dracco schließlich unvermittelt.

„Ich weiß, dass du mich wegen seines Testaments geheiratet hast“, erwiderte Imogen. Sie hatte ihn warnen wollen, dass sie nicht mehr das naive Mädchen von damals war, war jedoch schockiert, dass er ihre Botschaft so schnell verstanden hatte. Schockiert und, wenn sie sich selbst gegenüber ehrlich war, auch ein wenig ängstlich, als sie das wütende Funkeln in seinen Augen bemerkte.

„Und was genau soll das heißen?“, erkundigte er sich he­rausfordernd.

Imogen atmete tief durch. Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass er die Oberhand gewann. Es stand zu viel auf dem Spiel. Sie hatte eine große Verantwortung denen gegenüber, die auf ihre Hilfe angewiesen waren.

„Ich war sehr jung, als ich dich geheiratet habe, Dracco“, sagte sie, so ruhig sie konnte. „Wie wir beide wissen, sah das Testament meines Vaters vor, dass ich mit meiner Heirat über meine Anteile an der Firma verfügen konnte. Und da ich erst achtzehn war, hätte ich mich natürlich in allen geschäftlichen Angelegenheiten nach dir gerichtet, sodass du die alleinige Kontrolle über die Firma – und damit auch über den Profit – gehabt hättest. Und hättest du dich entschieden, die Firma zu verkaufen und den Erlös in deinem eigenen Interesse zu verwenden …“

„Was?“ Dracco wirkte beinah schockiert. „Wenn du damit andeuten willst, ich hätte dich aus finanziellen Gründen geheiratet, täuschst du dich gewaltig. Ich bin jetzt vermögender, als dein Vater es je war – zugegeben dank des Wissens, das er mir vermittelt hat.“

Er redet mit mir, als würde er ein Kind zurechtweisen, dachte sie wütend.

„Und warum hast du mich dann geheiratet?“, erkundigte sie sich scharf.

„Du weißt, warum“, antwortete er kurz angebunden und wandte sich ab, sodass sie sein Gesicht nicht sehen konnte.

Sie spürte, dass ihre Frage ihm in gewisser Weise Unbehagen bereitete. Weil er Schuldgefühle hatte? Sollte er doch!

„Ja, das weiß ich, nicht?“, bestätigte sie scharf. „Mein ­Vater …“

„Dein Vater war ein Mann, den ich mehr bewundert habe als jeden anderen Menschen“, unterbrach er sie in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. „In den ersten Jahren unserer Freundschaft wünschte ich sogar, er wäre mein Vater gewesen. Ich bin nie einem Mann begegnet, den ich so sehr geliebt und respektiert habe wie John Atkins, Imogen. Und ich war stolz darauf, dass er mein Freund war und mir vertraute. Er verkörperte alles, was ich sein wollte und was mein Vater nicht war.“

Er machte eine Pause, und sie schluckte, weil ihr die Kehle wie zugeschnürt war. Sein Vater hatte seine Mutter verlassen, als Dracco noch ein Baby war. Er war ein Spieler und ein Frauenheld gewesen und bei einer Schlägerei ums Leben gekommen, als Dracco ein Teenager war.

„An meiner Bewunderung und meiner Liebe hat sich nie etwas geändert, Imo, genauso wenig wie an meinem Wunsch, dass wir eine engere Bindung hätten.“ Wieder machte Dracco eine Pause.

Imogen wurde zunehmend nervöser, denn sie wusste, dass sie die Bedingungen, die er ihr stellen würde, irgendwie erfüllen musste. Auf keinen Fall wollte sie die Nonnen jetzt enttäuschen oder etwas tun, das es ihr unmöglich machte, den Kindern in dem Heim ein besseres Leben zu bieten.

„Dein Vater hätte nie mein Vater sein können, Imo. Aber hätte der Großvater meines Sohnes – unseres Sohnes sein können“, erklärte Dracco bedeutungsvoll.

Sein Sohn … ihr Sohn. Entgeistert blickte sie Dracco an. Sie musste sich verhört haben.

„Nein!“, protestierte sie verzweifelt. „Das kann nicht dein Ernst sein.“ Sie sah ihm jedoch an, dass er es durchaus ernst meinte. Ihr Herz setzte erst einen Schlag aus, um dann umso schneller zu pochen.

„Nein“, flüsterte sie gequält. „Ich kann nicht. Das kommt nicht infrage! Das ist Erpressung, Dracco“, warf sie ihm vor. „Wenn du dir so sehr ein Kind wünschst …“

„Ich will nicht irgendein Kind, Imo“, unterbrach er sie kühl. „Hast du mir nicht zugehört, verdammt? Ich will ein Kind, das mit deinem Vater blutsverwandt ist, und das kannst nur du mir schenken.“

„Du bist verrückt“, brachte sie hervor. „Das ist ja wie im Mittelalter! Ich werde es niemals tun!“, fügte sie heftig hinzu.

„Dann werde ich dir dein Geld nicht geben“, informierte er sie trügerisch sanft.

„Das musst du. Ich werde dich verklagen. Ich werde …“, begann sie hitzig, aber wieder ließ er sie nicht ausreden.

Er schüttelte den Kopf und sagte ungehalten: „Ein Richter hätte sicher kein Verständnis dafür, dass du auf dein Geburtsrecht verzichtet hast. Vor allem wenn er den Eindruck hat, dass dein Vater sein Testament unter anderem deswegen so verfasst hat, weil er fürchtete, du wärst nicht geschäftstüchtig genug, um deine Interessen zu wahren.“

Zornig funkelte Imogen ihn an. „Das würdest du nicht wagen …“, begann sie, doch Dracco lächelte spöttisch und sagte leise: „Wetten, dass?“

Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Das war emotionale Erpressung par excellence. Wie hatte sie Dracco nur je lieben können? In diesem Moment hasste sie ihn sogar.

„Das kannst du nicht machen“, protestierte Imogen mit gequälter Miene und fügte mit bebender Stimme hinzu: „Wenn du diese Kinder nur sehen könntest. Sie haben nichts, Dracco! Weniger als nichts. Sie brauchen dringend Hilfe!“

„Und die können sie auch bekommen“, erwiderte er ruhig, „allerdings nicht durch dein Erbe. Als dein Treuhänder kann ich es nicht zulassen, aber …“ Er machte eine Pause und blickte sie durchdringend an. „… aber als dein Ehemann“, fuhr er so trügerisch sanft fort, dass ihr Magen sich zusammenkrampfte, „als dein Ehemann wäre ich bereit, eine Million Pfund jetzt an das Heim zu zahlen und eine weitere Million, wenn du unser Kind zur Welt bringst.“

Falls sie nicht bereits zu dem Ergebnis gekommen wäre, dass sie ihn hasste, wäre sie es spätestens jetzt. Wie konnte er nur so zynisch, so grausam und so korrupt sein? Zwei Millionen Pfund! Er musste wirklich reich sein, wenn er es sich leisten konnte, mal eben so viel Geld zu zahlen … Er hatte ihren Vater geliebt und verehrt, das wusste sie, und sie konnte auch nachvollziehen, warum er sich ein Kind wünschte, das mit ihrem Vater blutsverwandt war. Dass er jedoch so weit gehen wollte, obwohl ihm klar war, dass er sie nicht liebte und sie zwingen musste, mit ihm zu schlafen … Imogen schauderte vor Wut und Verachtung.

„Ich … ich brauche Zeit zum Nachdenken“, erwiderte sie trotzig.

„Zum Nachdenken oder um wieder wegzulaufen? Ich dachte, diese Wohltätigkeitsorganisation wäre dir so wichtig, Imo, aber anscheinend …“

„Hör auf.“ Sie hielt sich die Augen zu und wandte sich ab.

Seine Grausamkeit schockierte sie, doch Imogen musste zugeben, dass er recht hatte. Wenn sie daran dachte, was sie mit dieser Summe alles bewirken würde, wusste sie, dass sie ihre Bedürfnisse unmöglich über die der Kinder stellen konnte.

„Sind wir uns dann einig? Zwei Millionen für deine Organisation und eine Frau und hoffentlich auch ein Enkel deines Vaters für mich?“

Irgendwie schaffte sie es, sich nicht anmerken zu lassen, wie gern sie sein Angebot abgelehnt hätte. Sie nahm allen Mut zusammen, atmete tief durch und sagte heiser: „Ja.“

Imogen blickte finster aus dem Wagenfenster auf die grüne Landschaft, die an ihnen vorbeiflog. Dracco fuhr jetzt keinen Mercedes mehr, sondern einen silbermetallicfarbenen Sportwagen. Sie hatte ihn nicht gefragt, wohin sie fuhren. Tatsächlich hatte sie noch kein Wort zu ihm gesagt, seit sie an diesem Morgen in seinem Londoner Apartment aufgewacht war – in seinem Apartment, aber zum Glück nicht in seinem Bett. Nein, das war ihr bisher erspart geblieben, denn er hatte ihr das Gästezimmer überlassen.

Sie hatte keine Ahnung, wohin sie fuhren, und wollte ihn auch nicht fragen. Nachdem sie sich mit den Bedingungen, die er stellte, einverstanden erklärt und den Vertrag unterzeichnet hatte, hatte er ihr lediglich erzählt, er würde sie zu dem Haus bringen, in dem sie wohnen würde.

„Hör auf, so zu tun, als wärst du die Hauptdarstellerin in einem Melodrama“, hörte sie Dracco schließlich ironisch sagen. „Es passt nicht zu dir, und außerdem ist es unnötig.“

„Unnötig? Nach allem, was du getan hast!“, fuhr sie ihn an.

„Nach allem, was ich getan habe?“, fragte er. „Ich habe dir lediglich ein Geschäft angeboten.“

„Ein Geschäft!“ Wütend funkelte sie ihn an. „Du erpresst mich, damit ich ein Kind von dir bekomme.“ Schnell wandte sie sich wieder ab, damit er nicht sah, mit welchen Gefühlen sie kämpfte. „Was wirst du tun, wenn du dein Kind hast, Dracco?“

„Was glaubst du denn?“, erkundigte er sich herausfordernd. „Mein Kind wird weder von seiner Mutter noch von mir im Stich gelassen werden.“

„Du erwartest also, dass ich mit dir verheiratet bleibe?“ Es war doch nicht etwa Erleichterung, was sie empfand, oder?

„Ich erwarte, dass wir so lange verheiratet bleiben, wie es für das Wohlergehen unseres Kindes erforderlich ist. Was hattest du denn erwartet?“, fügte er hinzu, während er eine scharfe Kurve nahm.

Imogen schüttelte den Kopf. Dracco sollte nicht merken, wie erleichtert sie darüber war, dass er nicht versuchen würde, sie von ihrem Kind zu trennen, damit er es allein großziehen konnte. Denn sie würde ihr Kind niemals verlassen können, egal, was sie von Dracco hielt und wie sehr sie ihn für sein Verhalten verachtete und hasste.

Sie krauste die Stirn, als ihr plötzlich klar wurde, wo sie sich befand, denn die Straße führte in das Dorf, in dem sie aufgewachsen war. Am Ende des Dorfs bog Dracco links ab. Die Straße führte nun steil bergauf, und obwohl es vier Jahre her war, seit sie sie das letzte Mal entlanggefahren war, erinnerte Imogen sich an jeden Zentimeter. Hier hatte Dracco sie zur Schule gebracht. Hier war er mit ihr entlanggefahren, als er sie nach dem Tod ihres Vaters abgeholt hatte. Hier war sie am Tag ihrer Hochzeit entlanggefahren.

„Du hast unser altes Haus gekauft“, sagte sie ausdruckslos, während sie mit ihren Gefühlen kämpfte.

„Ich hatte schon vor unserer Hochzeit Verhandlungen darüber geführt“, erwiderte er sachlich. „Ich wollte es dir zur Hochzeit schenken und dich damit überraschen. Ich wusste, wie sehr es dir widerstrebte, dass Lisa es verkaufen wollte. Und als mir klar wurde, dass du weder von mir noch von sonst jemand ein Geschenk annehmen würdest, war es zu spät, um noch einen Rückzieher zu machen.“ Er zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich hätte ich es wieder verkaufen können, aber …“

Inzwischen war Dracco in die Auffahrt eingebogen. Als er kurz darauf vor dem Haus hielt, hatte Imogen fast das Gefühl, dass sie ihren Vater auf sich zukommen sehen würde, wenn sie die Augen schloss und dann wieder öffnete. Doch ihr Vater war tot, und in ihr war auch etwas gestorben.

„Es sieht immer noch so aus wie früher“, erklärte sie beim Aussteigen kühl. Dracco war ein Fremder für sie, ein Mann, den sie verachtete, und trotzdem würde er heute Nacht … Während sie die Angst zu verdrängen versuchte, die sie überkam, schloss er die Haustür auf.

„Du wirst feststellen, dass sich einiges verändert hat“, warnte er sie lässig. „Ich habe das Zimmer deines Vaters so gelassen, wie es war, aber …“ Er machte eine Pause und wandte sich ab. Als er fortfuhr, verriet seine Stimme ein Gefühl, das Imogen nicht zu ergründen vermochte. „Ich habe das Haus im Grunde kaum benutzt. Allerdings habe ich einige der anderen Räume umgestalten lassen.“

Schließlich drehte er sich wieder zu ihr um und erklärte: „Ich dachte, keiner von uns würde die Zimmer benutzen wollen, die deinen Eltern gehört haben. Deswegen habe ich eine Suite anbauen lassen und einen Wintergarten, wie deine Mutter ihn sich den Erzählungen deines Vaters zufolge immer gewünscht hatte. Er brachte es nicht übers Herz, ihn nach ihrem Tod anbauen zu lassen, aber ich dachte …“ Er verstummte und presste die Lippen zusammen. Dann öffnete er die Tür.

Imogen stellte fest, dass sie zitterte, als sie ihm ins Haus folgte. Diese Treppe war sie auf dem Weg zu ihrer Hochzeit beinah hinuntergestolpert, noch ganz unter dem Einfluss von Lisas grausamen Worten, und diese Treppe war sie auch hinuntergeeilt, um vor Dracco und ihrer Ehe mit ihm zu fliehen.

Ihr Geschmack hatte sich in den letzten Jahren geändert, und sie verspürte einen schmerzhaften Stich, als ihr bewusst wurde, wie altmodisch, ja schäbig der dunkelrote Teppich auf der Treppe aussah, den ihre Mutter ausgesucht hatte. Das Haus wirkte verlassen und ungeliebt. Staub tanzte im Sonnenlicht, und auch auf dem Tisch unter dem prunkvollen venezianischen Wandspiegel, den ihre Eltern auf ihrer Hochzeitsreise gekauft hatten, lag Staub.

Ihre Mutter war eine perfekte Hausfrau gewesen, bevor sie so schwer erkrankt war. Und plötzlich stellte Imogen fest, dass es ihr in den Fingern juckte, das Haus wieder zum Leben zu erwecken und es in das von Liebe erfüllte Zuhause zu verwandeln, das sie in Erinnerung hatte. Verärgert über ihre Verletzlichkeit, wandte sie sich an Dracco und fragte ihn scharf: „Warum genau hast du mich hergebracht? Abgesehen von dem offensichtlichen Grund natürlich.“ Dann fügte sie hinzu: „Ehrlich gesagt, überrascht es mich, dass du dieses Kind nicht im Bett meines Vaters zeugen willst …“ Als sie den Ausdruck in seinen Augen sah, verstummte sie schockiert.

„Ich habe dich hierher gebracht, weil es von jetzt an dein Zuhause sein wird“, erwiderte Dracco ruhig, nachdem sie den Blick gesenkt hatte.

„Aber du wohnst nicht hier, oder?“, erkundigte sie sich.

„Bisher habe ich nicht hier gewohnt“, bestätigte er. „Es hätte keinen Sinn gehabt. Jetzt allerdings … Ein Apartment in London ist meiner Meinung nach nicht die richtige Umgebung, um ein Kind großzuziehen.“

„Trotzdem wirst du weiterhin ab und zu in London sein, nicht?“, hakte sie nach und flehte stumm, er möge ihre Frage bejahen und sagen, er würde nur gelegentlich auf Stippvisite hierher kommen, wenn er sie zwang, das Bett mit ihm zu teilen.

Statt zu antworten, erkundigte er sich jedoch zu ihrer Überraschung: „Was genau macht dir solche Angst, wenn es um Sex geht, Imo?“

„Nichts! Ich habe keine Angst davor“, entgegnete Imogen schnell, wohl wissend, dass ihr das Blut ins Gesicht schoss. Sie wandte sich schnell ab, aber er hatte es sicher gesehen. „Es ist nicht wegen Sex“, fuhr sie fort, „sondern deinetwegen … und …“

„Ich glaube dir nicht“, erklärte er ungerührt. „Wenn eine Frau in deinem Alter immer noch Jungfrau ist, deutet es darauf hin, dass …“

„Worauf deutet es hin?“, fragte sie herausfordernd. „Dass ich wählerisch bin, wenn es darum geht, wem ich …“ Meine Liebe schenke, hatte sie sagen wollen, verbesserte sich allerdings schnell. „Wem ich mich hingebe.“

„Es deutet darauf hin, dass du Angst vor etwas hast“, fuhr Dracco ungerührt fort. „Ist es so, Imo?“

„Nein“, entgegnete sie vehement. Das war gelogen. Sie hatte Angst. Sie hatte große Angst. Für sie war Sex untrennbar mit Liebe verbunden, und sie hatte entsetzliche Angst davor, dass …

Dass was? Dass sie Dracco unweigerlich wieder lieben würde, wenn er sie zwang, Sex mit ihm zu haben, um das Kind zu zeugen, das er sich wünschte?

Als sie letzte Nacht in seinem Gästezimmer wach lag, hatte sie sich gesagt, dass das Opfer, das sie brachte, nichts war im Vergleich zu dem, was die Wohltätigkeitsorganisation bekommen würde, und sie in ihrem Alter nicht mehr das Recht hatte, sich selbst zu bemitleiden. Ihre verzweifelten Versuche, das Ganze nüchtern zu betrachten, hatten allerdings nichts an dem Schmerz geändert, den sie verspürte – oder an der Angst, die damit einherging.

Als Imogen sich von Dracco entfernte und durch die Eingangshalle zum Arbeitszimmer ihres Vaters ging, hörte sie ihn ironisch sagen: „Einmal im Monat kommt ein Reinigungsteam aus dem Dorf und macht das ganze Haus sauber. Ich habe die Leute gebeten, den Kühlschrank und die Gefriertruhe aufzufüllen. Wenn sie genauso einkaufen, wie sie sauber machen, sollten wir lieber noch mal einen Blick in den Kühlschrank werfen. Ich habe für heute Abend einen Tisch im Emporio’s reserviert. Du magst doch immer noch italienisches Essen, oder?“

„Du willst mit mir essen gehen?“, erkundigte sie sich zynisch. „Warum zerrst du mich nicht gleich ins Bett, sondern verschwendest deine Zeit und dein Geld? Schließlich hast du dich schon verpflichtet, zwei Millionen dafür zu zahlen.“

„Hör sofort damit auf.“

Sie stieß einen entsetzten Laut aus, als er auf sie zueilte. Er umfasste ihre Arme so grob, dass seine Finger sich ihr schmerzhaft in die Haut bohrten, und schüttelte sie leicht.

„Du bist meine Frau, Imogen, kein Flittchen, das ich dafür bezahle. Und wenn mir der Sinn danach steht, dich zu um­werben …“

„Mich zu umwerben!“ Beinah hätte sie hysterisch aufgelacht. „Warum solltest du das tun?“, fragte sie scharf. „Du willst doch nur ein Kind, den Enkel meines Vaters! Und den kannst du auch bekommen, ohne dass du mich zum Essen einlädst. Schließlich ist es dir egal, ob ich es freiwillig tue oder nicht!“

Dracco ließ sie so unvermittelt los, dass sie schockiert war. Die beschämende Erkenntnis, dass sie es insgeheim bedauerte, machte sie wütend und machte ihr gleichzeitig auch Angst. Imogen sagte sich, dass es nur ihre Erinnerung war, die ihr einen Streich spielte, weil es eine Zeit gegeben hatte, in der sie sich nach seinen Berührungen sehnte. Sich danach und nach ihm verzehrte, das war wohl die treffendere Beschreibung. Imogen zwang sich, sich wieder auf die Gegenwart zu konzentrieren, und zuckte ein wenig zusammen, als sie den wütenden Blick sah, den Dracco ihr zuwarf.

Er schüttelte den Kopf und presste die Lippen zusammen. „Was ich will und was ich mir für dieses Kind – unser Kind – wünsche, ist, dass es zumindest in gegenseitiger Leidenschaft gezeugt wurde, wenn schon nicht in gegenseitiger Liebe.“

Seine Worte schockierten sie und erregten sie auf eine gefährliche Weise.

Imogen warf den Kopf zurück und fragte: „Und wie soll das vonstattengehen, wenn ich dich nicht begehre?“

Sie hörte fast, wie die Sekunden vergingen, als Dracco sie betrachtete. Was konnte er sehen? Was wollte er sehen? Unwillkürlich befeuchtete sie sich die trockenen Lippen. Daraufhin ließ er den Blick zu ihrem Mund gleiten, und sie spürte, welche Wirkung dies auf ihren Körper ausübte.

„Egal, was du tust, ich werde dich niemals begehren, Dracco. Hast du mich gehört?“

„Willst du mich herausfordern, Imogen?“, erkundigte er sich leise. „Denn wenn du willst, dass ich deine Behauptung widerlege, verspreche ich dir, dass ich dazu mehr als bereit bin.“

Plötzlich schien sie alles überdeutlich wahrzunehmen: den Staubgeruch, die Wärme der Sonnenstrahlen, die durchs Fenster fielen, die allerdings nichts war im Vergleich zu dem Feuer, das in Draccos Augen brannte. Sie schauderte, als Gefühle, die sie längst erloschen geglaubt hatte, in ihr wach wurden.

„Nein!“, flüsterte sie gequält. Nein! Es war vorbei. Sie liebte Dracco nicht mehr, und sie würde auch nicht zulassen, dass sie ihn je wieder liebte. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, sah sie ihm in die Augen. „Das könntest du niemals!“, entgegnete sie und versuchte, es selbst zu glauben.

„Nein? Dann pass bloß auf!“, flüsterte er. „Pass bloß auf, Imogen. Und wenn du in meinem Bett, in meinen Armen, unter mir liegst und mich anflehst, dich zu nehmen, weil du dich so nach mir sehnst, werde ich dich an diesen Moment erinnern.“

3. KAPITEL

Imogen wandte sich vom Fenster ihres ehemaligen Zimmers ab und blickte auf ihre Armbanduhr. Es war halb acht. Bald würde sie nach unten gehen müssen. Dracco hatte sie gewarnt, dass er sie holen würde, wenn sie nicht um acht ­fertig wäre.

„Warum tust du das?“, hatte sie ihn wütend und frustriert zugleich gefragt.

„Warum tust du es?“, konterte er so kühl, dass sie die Zähne zusammenbeißen musste.

„Du weißt, warum ich es tue. Ich habe keine andere Wahl.“

„Natürlich hast du das“, erwiderte er prompt. „Du könntest gehen, wenn du wolltest.“

„Das Heim braucht Geld, das weißt du ganz genau“, hatte sie bitter eingewandt.

Das stimmte, und sie würde auch sicher nicht damit leben können, wenn sie nicht alles tat, um zu helfen. Vielleicht rührte ihre Entschlossenheit daher, dass sie sich schuldig fühlte, weil sie bisher nichts unternommen hatte. Allerdings hatte sie lange gebraucht, um keine Angst mehr vor der Macht zu haben, die die Vergangenheit über sie ausübte. Und um keine Angst mehr vor der Liebe zu haben, die sie für Dracco empfunden hatte. Jetzt hatte sie diese Angst überwunden!

Aber war sie wirklich entschlossen und mutig genug, um mit ihm zu schlafen und ein Kind von ihm zu bekommen?

Imogen blickte wieder zum Fenster. Von diesem Fenster aus hatte sie ihren Vater so oft nach Hause kommen sehen. Sie hatte auf der Fensterbank gekniet, die Arme auf das Sims gestützt, und nach seinem Wagen Ausschau gehalten. Sobald sie das Motorengeräusch hörte, war sie nach unten geeilt, um sich ihrem Vater in die Arme zu werfen.

Selbst in der schweren Zeit, als ihre Mutter unheilbar krank war, hatte er ihr genug Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt. Und danach war die noch schwerere Zeit gefolgt, als ihr Vater mit Lisa verheiratet war und sie sich oft an Dracco wandte, wenn sie Trost brauchte. Und sie hatte von diesem Fenster aus nach ihm Ausschau gehalten.

Ihr Vater hatte dieses Haus geliebt. Er hatte ihr einmal gesagt, es würde für ihn alles verkörpern, was ein richtiges Zuhause haben sollte.

„Eines Tages wirst du mich hier mit deinen Kindern besuchen, Imo“, hatte er oft erklärt. Und er hatte sich darauf gefreut, eines Tages Großvater zu werden.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Ein Kind. Ein Kind, das sowohl ein Teil von ihm als auch ein Teil von ihr und Dracco war. Ihr Vater wäre überglücklich gewesen und hätte dieses Kind über alles geliebt.

Ein Kind. Draccos Kind. Wie oft hatte sie an diesem Fenster gesessen und davon geträumt, ein Kind von Dracco zu bekommen! Davon, dass er sie liebte und diese Liebe ihre Erfüllung in der Geburt ihres Babys fand!

Wütend drängte Imogen die Tränen zurück. Dracco liebte sie nicht. Er wollte nur mit ihrem Vater blutsverwandt sein, das hatte er selbst gesagt. Als sie sich jedoch vom Fenster abwandte, tauchte vor ihrem geistigen Auge das Bild einer kleinen Familie auf, die die Auffahrt hochkam: Dracco, sie und zwischen ihnen ein dunkelhaariger Junge mit grünen Augen, der so groß und kräftig war wie er und das freundliche Lächeln seines Großvaters geerbt hatte.

„Ich muss völlig übergeschnappt sein“, flüsterte Imogen, als sie ihre Jacke und ihre Handtasche nahm und zur Tür ging.

Niemals würde sie freiwillig tun können, wozu Dracco sie zwang. Und sie konnte auch nicht die tiefe Liebe unterdrücken, die sie bei dem Bild des Jungen in ihrer Fantasie empfunden hatte.

Als sie die Tür öffnete, sah sie Dracco im Flur auf sich zukommen. Im Gegensatz zu ihr hatte er sich umgezogen. Er trug jetzt keinen Anzug mehr, sondern ein kurzärmeliges Hemd und eine helle Baumwollhose. Offenbar ist es ein warmer Sommer in England, stellte sie geistesabwesend fest, während sie den Blick hilflos über seine gebräunten Arme gleiten ließ. Seine Arme hatten sie schon immer fasziniert, und schon damals hatte sie bei ihrem Anblick ein Prickeln verspürt. Allein bei der unschuldigen Vorstellung, wie er sie umarmte und an sich zog, um sie einfach nur zu halten, hatte schmerzliches Verlangen sie erfüllt.

Als sie älter wurde, hatten sich ihre Fantasien dann um seine Hände gedreht – wie er sie berührte, streichelte und auf eine Weise erregte, die ihr sogar die Röte ins Gesicht trieb, wenn sie allein war und in ihrem Bett lag.

Offenbar hatte Dracco sich nicht nur umgezogen, sondern auch geduscht. Plötzlich war Imogen sich unbehaglich der Tatsache bewusst, dass sie immer noch dieselben Sachen trug wie bei ihrer Landung in Heathrow.

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