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JULIA BESTSELLER BAND 151

SUSAN MALLERY

Eine Braut zu viel

Eine Frau feurig wie ein Vulkan: Seit Scheich Jefri der schönen Billie begegnet ist, steht seine Welt kopf. Nie hat er so ein Verlangen verspürt – obwohl es nicht sein darf! Er hat bereits eine Braut …

So küsst nur ein Wüstenprinz

Sie sollte seine Königin werden. Doch sie hat ihn verlassen! Kronprinz Murat kann und will Daphne dies nicht verzeihen. Nun ist die Zeit für seine Rache da. Raffiniert lockt er Daphne in sein Reich …

Traummann mit Vergangenheit

Bei einem Sturm sucht Stephan gemeinsam mit Nora Schutz. Zwischen den beiden erwacht etwas Besonderes. Dabei will Stephen keine feste Beziehung mehr. Oder soll er noch einmal das Abenteuer Liebe wagen?

Ja, ich will

Sierra hat seinen Sohn vor einem wilden Bullen gerettet! Einst waren Dylan und das hübsche Cowgirl ein Paar. Aber dann heiratete er eine andere! Nun ist er wieder frei. Wird Sierra ihm noch eine Chance geben?

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Eine Braut zu viel

1. KAPITEL

Prinz Jefri von Bahania konnte es nicht fassen, dass er einer Frau im Zweikampf unterlegen war. Ausgeschlossen. Dennoch hatte er bei einem Tempo von fünfhundert Meilen pro Stunde die andere Maschine aus den Augen verloren. Er saß im Cockpit seiner F15 und starrte auf die Stelle am Himmel, wo der Kampfjet eben noch schräg über ihm geschwebt hatte.

„Sie sollten sich mal ein bisschen bewegen.“

Die amüsierte Frauenstimme aus seinem Headset ließ ihn grimmig die Zähne zusammenbeißen.

Wo war sie nur? Er schaute sich um. Vielleicht blitzte irgendwo ein Stückchen Metall in der Sonne auf, das ihren Kurs verriet. Doch er entdeckte nichts.

Jefri flog seit seiner Teenagerzeit und hatte sich im Cockpit immer sicher gefühlt. Doch nun spürte er, wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. Sekunden später ertönte ein schrilles Signal. Ziel erfasst! Wäre dies eine echte Kampfsituation gewesen, dann wäre er jetzt tot.

„Peng, peng“, sagte die Frau amüsiert. „Sie haben ganze zwei Minuten durchgehalten. Nicht schlecht für den Anfang. Okay. Folgen Sie mir nach unten.“

Wie aus dem Nichts stieß ihr Jet auf der linken Seite herab und schwenkte vor ihm ein.

Jefri stöhnte entnervt auf. Das konnte doch nicht wahr sein. Er war ein Prinz, ein Ölscheich, Erbe von unermesslichem Reichtum – der jüngste Sohn des Königs von Bahania. Er wurde nicht von einer Frau am Himmel abgeschossen!

„Ich weiß genau, was Sie jetzt denken“, erklärte sie nüchtern. „Sie sind verärgert und gekränkt. Alle Männer reagieren so. Trösten Sie sich mit der Tatsache, dass ich im Zweikampf seit sieben Jahren ungeschlagen bin. Nehmen Sie es nicht persönlich. Mein Job ist es, Sie zu trainieren. Ihr Job ist es, zu lernen.“

„Ich kenne meine Verpflichtungen“, gab er barsch zurück.

„Aha, Sie nehmen es also doch persönlich.“ Sie seufzte. „Manche Männer sind eben so. Es ist wie eine Krankheit.“

Sie wippte ein paarmal neckisch mit den Tragflächen ihres Jets, bevor sie wie der Blitz davonschoss. Jefri starrte auf die Stelle, wo er sie eben noch gesehen hatte. Wie zum Teufel hatte sie das gemacht?

Er schüttelte ungläubig den Kopf. Dann gab er an den neuen Militärtower seine Kennnummer sowie seine Position in der Wüste durch und bat um Erlaubnis, zur Basis zurückzukehren.

Zwanzig Minuten später landete er und steuerte sein Flugzeug zu den ebenfalls neu errichteten Hangars. Als die Maschine langsam ausrollte und er die Luke öffnete, hörte er, wie jemand seinen Namen rief.

„Zwei Minuten.“ Das war Doyle Van Horn vom Rollfeld aus. „Der bisherige Rekord. Gut gemacht.“

Gut? Ha! Jefri kletterte aus dem Cockpit. „Es war eine Katastrophe.“

„Sie dürfen das nicht persönlich nehmen.“ Doyle klopfte ihm auf die Schulter. „Billie ist nicht zu schlagen.“

„Scheint so.“ Jefri sah den blonden Doyle nachdenklich an. „Seit wann ist sie in Ihrer Firma?“

Doyle grinste. „Praktisch ihr Leben lang. Sie ist meine Schwester. Panzerfahren hat sie von Dad gelernt, als sie zwölf war. An ihrem sechzehnten Geburtstag flog sie zum ersten Mal allein einen Düsenjäger. Sie sagten, Sie wollen nur von den besten Piloten trainiert werden. Diese Forderung erfüllen wir, Eure Hoheit.“

„Nennen Sie mich Jefri. Keine überflüssigen Formalitäten bitte.“

„Natürlich. Ich wollte nur sichergehen. Hätte ja sein können, dass Sie auf diesen Abschuss ein wenig gereizt reagieren. Da wären Sie keine Ausnahme.“

Daran zweifelte Jefri keine Sekunde. Er beobachtete das anfliegende Flugzeug bei der Landung. Der Jet setzte so sanft auf, dass die Räder kaum Staub aufwirbelten.

„Ich möchte sie kennenlernen“, erklärte er steif.

„Dachte ich mir. Das wollen alle.“

Jefri hob die Brauen. „Alle?“

„Sicher. Keiner will es wahrhaben. Und die ganze Sache wird noch schlimmer, wenn man Billie erst gesehen hat.“

„Inwiefern?“

„Das werden Sie schon selbst herausfinden. Nur ein Hinweis noch: Hände weg von Billie, auch wenn Sie ein Prinz und unser Auftraggeber sind! Sie ist nicht zu haben. Auch für Sie nicht.“

Jefri war es nicht gewohnt, dass jemand ihm Befehle erteilte, doch er verzichtete auf eine scharfe Erwiderung. Billie Van Horn interessierte ihn schließlich nur als Ausbilderin. Er wollte von ihren Kenntnissen profitieren, mehr nicht. Und dann … dann würde er sie noch einmal herausfordern und gewinnen.

Billie sprang behände aufs Rollfeld und öffnete als Erstes den Reißverschluss ihres Overalls. Wie oft hatte sie den Herstellern schon ihre Maße gegeben und noch nie einen gut sitzenden Anzug bekommen! Wer auch immer diese Dinger entwarf, schien zu vergessen, dass es bei Frauen Körperteile gab, die Männer nicht hatten.

Als sie ihren Helm abnahm, sah sie einen großen Mann auf sich zukommen. Sein Gang wirkte entschlossen, die Kopfhaltung eigensinnig. Oh ja, so hatte sie sich Prinz Jefri vorgestellt. Die Königliche Hoheit von Bahania war es nicht gewohnt zu verlieren. Nun, er würde sich daran gewöhnen müssen. Je eher, desto besser. Sie hatte nicht die Absicht, ihm eine Sonderbehandlung zuzugestehen. Was bedeutete, dass er das schrille Abschusssignal so lange hören würde, wie sie ihn trainierte.

Männer hassten es, gegen sie zu verlieren. Sie konnten einfach nicht akzeptieren, dass eine Frau sie im Zweikampf besiegte. Nach ihrer Erfahrung gab es zwei Kategorien von Männern. Die einen wurden wütend und aggressiv. Den Frust, den sie in der Luft erfuhren, reagierten sie nicht selten dadurch ab, dass sie Billie – kaum zurück auf dem Boden – zu demütigen versuchten. Die anderen ignorierten sie einfach. Außerhalb des Cockpits benahmen sie sich so, als sei sie Luft.

Nur einige wenige Männer – sehr wenige – schafften es, ihr ganz unbefangen gegenüberzutreten und sie wie einen normalen Menschen zu behandeln.

Aber keiner ihrer Schüler hatte sie je als Frau betrachtet. Ihre Überlegenheit beim Fliegen zu akzeptieren und Billie am Samstagabend zum Tanzen auszuführen, das ließ sich in ihren Augen nicht vereinbaren.

Unwillkürlich fragte sie sich, welcher Kategorie Prinz Jefri wohl angehörte. Zumindest bestand berechtigte Hoffnung, dass er gute Manieren hatte. Ein Prinz war doch sicher wohlerzogen und höflich.

Während sie noch über ihn spekulierte, nahm er seinen Helm und seine Sonnenbrille ab. Das war der Moment, als Billies Verstand sich ausschaltete.

Er sah einfach umwerfend aus.

Nein, dieses Wort beschrieb ihn nicht wirklich. Sie musste sich etwas Passenderes einfallen lassen. Er war eine Schönheit, aber in absolut maskuliner Ausprägung. Dunkelbraune Augen von dichten schwarzen Wimpern umrahmt. Schwarzes Haar, hohe Wangenknochen, ein entschlossener Mund und ein energisches Kinn.

Billie hatte in Illustrierten Fotos von ihm gesehen, aber diese Hochglanzabbildungen waren nichts im Vergleich zur Wirklichkeit. Sie atmete tief durch und versuchte, sich ganz normal zu benehmen, obwohl ihr Herz deutlich schneller und lauter schlug als sonst.

„Gratuliere“, sagte ihr Superheld und streckte Billie die Hand entgegen. „Sie fliegen Ihren Jet wie ein Profi.“

Er klang wohlwollend und nicht im Geringsten gekränkt. War das möglich?

„Ich bin ein Profi.“

Als sie seine Hand ergriff, durchfuhr es sie heiß, so heftig sprühten die Funken zwischen ihnen. Doch Jefri sah sie nur freundlich, aber ansonsten unbeteiligt an und schien nichts davon zu spüren. Wenn das nicht wieder mal typisch ist, dachte sie nicht ohne Selbstironie. In ihrer Eigenschaft als Fluglehrerin verwandelte sie sich offenbar in ein Neutrum.

„Wie haben Sie das gemacht, buchstäblich in der Sonne zu verschwinden?“, fragte er. „Ich hatte Sie genau im Blick. Und dann waren Sie plötzlich weg.“

„Jeder Jet hat tote Winkel. Der Trick ist, sie zu kennen und zum Vorteil zu nutzen.“

„Ich hätte mich aber drehen können, dann hätte sich der tote Winkel verändert.“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie waren da oben ziemlich verkrampft. Ich wusste, dass Sie für den Moment auf Kurs bleiben würden. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen …“

Billie steuerte auf die Zelte zu, die als provisorische Kasernen am Rand des Flugfelds aufgebaut waren. Doch Jefri ließ sich nicht so leicht abschütteln. Er ging neben ihr her und bombardierte sie mit allen möglichen Fragen, die sie automatisch beantwortete, während ihr verschiedene andere Dinge durch den Kopf gingen. Zum Beispiel, dass dieser Mann dem Klischee groß, dunkel und gut aussehend perfekt entsprach. Ein richtiger Märchenprinz und leider mehr am Fliegen als an ihr interessiert.

Am Eingang zu ihrer Unterkunft unterbrach sie ihn mitten im Satz. „Wir haben noch viel Zeit, über all diese Dinge zu sprechen. Im Unterricht und im Flugsimulator.“

„Wann trete ich wieder gegen Sie an?“

Sie zog den Reißverschluss ihres Overalls bis zu den Hüften hinunter und befreite ihren Oberkörper aus dem schweren Stoff. Es war Oktober, aber immer noch sehr warm in der Wüste. Billie zupfte ihr T-Shirt zurecht.

„Nur Geduld, uns bleibt jede Menge Zeit“, versicherte sie ihm. „Ich werde Sie noch oft genug schlagen.“

„Wohl kaum“, versetzte er gekränkt. „Bei diesem letzten Manöver …“

Dieser Mann schien wirklich nicht zu registrieren, dass sie Brüste hatte. Wie die meisten anderen Männer leider auch.

„Ich habe erst morgen früh wieder Dienst.“ Sie blieb höflich, obwohl sie ihm am liebsten einen sanften Tritt versetzt hätte, damit er in seinem Palast oder wo auch immer er wohnte, verschwand. „Ich weiß, Sie möchten Ihre neue Air Force so schnell wie möglich aufbauen, aber ich arbeite nun mal nicht jeden Tag vierundzwanzig Stunden.“

Damit ließ sie ihn stehen und verschwand in ihrem Zelt.

Jefri runzelte die Stirn. So ein respektloses Verhalten konnte er ihr nicht einfach durchgehen lassen. Er folgte ihr. „Sie verstehen mich nicht. Ich brauche diese Information“, behauptete er.

Sie schaute sich zu ihm um und lächelte. „Sie geben wohl niemals auf.“

„Nein.“

Billie kramte einige Kleidungsstücke aus der Kommode und verschwand damit hinter einem Wandschirm.

„Okay. Ich gebe Ihnen fünfzehn Minuten, aber dann müssen Sie mir eine Pause gönnen. Ich bin die ganze Nacht geflogen, und mein Privatzelt ist noch nicht aufgebaut. Bis dahin muss ich mich mit dieser Unterkunft hier begnügen. Es ist heiß, und ich vermisse meine Klimaanlage. Oh, setzen Sie sich doch.“

Er entdeckte in einer Ecke einen Klappstuhl, auf dem ein Knäuel lag. Als er danach griff, entrollte sich das Knäuel, knurrte und schnappte nach ihm.

Hinter dem Wandschirm ertönte ein fröhliches Lachen.

„Wie ich höre, haben Sie Bekanntschaft mit Muffin gemacht.“

Stirnrunzelnd betrachtete er das Fellknäuel. „Muffin?“

„Mein Schätzchen. Sei nett zu dem großen Mann, Süße“, erklärte Billie streng. „Er bezahlt die Rechnungen. Kraulen Sie Muffin ein wenig unter dem Kinn. Und sagen Sie ihr, dass sie hübsch ist. Das hört sie gern.“

Jefri fand den winzigen Hund mit den bunten Haarsträhnen und den misstrauischen Augen alles andere als hübsch.

„Was würde ich jetzt für ein schönes Bad geben“, seufzte Billie. „Aber eine Badewanne haben wir nicht mit im Gepäck. Doyle findet das zu umständlich. Natürlich können wir tonnenweise Jets und Computerausrüstungen transportieren, aber eine einzige kleine Bade­wanne stellt ein Problem dar. Was ist bloß mit euch Männern los? Warum seht ihr nicht ein, wie viel uns Frauen ein schönes Schaumbad bedeutet?“

Als sie nun hinter dem Wandschirm hervortrat, verschlug es Jefri buchstäblich die Sprache. Erst in diesem Moment nahm er sie zum ersten Mal wirklich wahr.

Sie war der Inbegriff aller Männerfantasien. Langes blondes Haar, große blaue Augen und üppige Brüste. Ihr eng anliegendes Strandkleid betonte die beeindruckenden Rundungen. Sandaletten mit hohen Absätzen machten sie ein wenig größer, dennoch reichte sie ihm kaum bis an die Schultern.

Billie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, bevor sie das Zelt durchquerte und das Fellknäuel hochhob. „Wie geht es meinem kleinen Mädchen? Hast du dem netten Prinzen Guten Tag gesagt?“

Sie ergriff Muffins Pfote und winkte damit. „Muffin sagt Hallo.“

Prinz Jefri von Bahania blickte sprachlos von Billie zum Hund und wieder zurück.

„Okay.“ Billie grinste. „Sie unterhalten sich wohl nicht gern mit Tieren. Kein Problem, das kann ich akzeptieren.“

Sie schlug die Zeltplane am Eingang zurück, um ein wenig Luft hereinzulassen. „Ich dachte, es wäre um diese Jahreszeit kühler hier. Aber na gut, wir sind immerhin in der Wüste.“ Mit Muffin auf dem Arm trat sie nach draußen. „Ich möchte Sie nicht drängen, aber Ihre Zeit läuft langsam ab. Wollten Sie mir nicht noch ein paar Fragen stellen?“

Fragen? Jefri folgte ihr nach draußen. Erst der Anblick der Jagdflieger auf dem Rollfeld rief ihm in Erinnerung, worüber er mit ihr reden wollte. Dennoch schaffte er es nicht, eine Frage zu formulieren. Ihr enges, kurzes Kleid lenkte seine Aufmerksamkeit auf ihre perfekten Oberschenkel. Und die Art, wie sie sich beim Gehen in den Hüften wiegte, beschleunigte seinen Puls.

Derart heftige physische Reaktionen waren ihm völlig fremd. Normalerweise hatte er mit dem anderen Geschlecht keine Probleme. Wenn er eine attraktive Frau begehrte, dauerte es nicht lange, und sie gehörte ihm. Billie jedoch schien sich ihrer Attraktivität nicht bewusst zu sein und sah in ihm offenbar ausschließlich den eifrigen Schüler.

„Was ist?“ Ihre blauen Augen funkelten amüsiert. „Heraus damit. Was wollen Sie wissen?“

Nun, zum Beispiel, wie sich ihre Haut unter seinen Händen anfühlte. Und dann … wie küsste sie? Wie würde sie reagieren, wenn er sie nach allen Regeln der Kunst verführte? Ihren herrlichen Körper liebkoste, bis sie vor Lust laut stöhnte? Wie lange würde es dauern, bis sie sich ihm sehnsüchtig hingab?

„Warum machen Sie diesen Job?“ Seine Stimme klang seltsam belegt. „Warum fliegen Sie?“

„Weil ich es liebe. Ich fliege für mein Leben gern. Außerdem bin ich gut darin.“

„Ja, das stimmt“, räumte er mit widerstrebender Anerkennung ein.

In diesem Moment kamen zwei Mechaniker am Zelt vorbei. Sie musterten Billie unverhohlen von Kopf bis Fuß. Dann steckten sie die Köpfe zusammen. Jefri konnte sich gut vorstellen, worüber sie tuschelten.

„Sie können nicht hierbleiben.“

Billies Lächeln erlosch. „Wie bitte? Wollen Sie mich etwa nach Hause schicken?“

„Nein. Natürlich nicht. Ich sage nur, dass Sie nicht in diesem Camp bleiben können. Es ist nicht sicher.“

Ihre gute Laune kehrte zurück. „Vielen Dank für die Sorge, aber ich lebe in Camps, seit ich elf bin. Es wirkt nach außen alles ein bisschen rau, aber es macht mir Spaß. Normalerweise passen drei Brüder und mein Vater auf mich auf. Diesmal ist Doyle allein, aber ich bin absolut sicher, er wird mich gut beschützen.“ Sie rieb ihre Wange an Muffins Kopf. „Zu gut, stimmt’s, mein kleines Mädchen?“

„Sie und Ihr Bruder sind meine Gäste im Palast“, erklärte Jefri gebieterisch.

Sie blinzelte. „Sagten Sie Palast?“

„Ja. Wir haben Dutzende von Gästezimmern. Es wird Ihnen an nichts fehlen.“

„Haben diese Gästezimmer eine Badewanne?“

„Groß genug, um darin zu schwimmen.“

Ein sehnsüchtiger Seufzer kam über ihre vollen, rosigen Lippen, und Jefris Fantasie lief sofort auf Hochtouren.

„Ein richtiges Bett, Wände und ein sandfreies Leben.“ Billie konnte ihr Glück kaum fassen. „Doyle ist bestimmt nicht einverstanden, aber ich werde ihn schon überzeugen.“

„Wenn du mich fragst, dann ist das hier die reine Zeitverschwendung“, fluchte Doyle. In einer schwarzen Stretchlimousine passierten sie ein schmiedeeisernes Tor. „Wir haben noch nie bei einem Klienten gewohnt.“

Billie betrachtete versonnen die gepflegten Rasenflächen. „Wir hatten auch noch nie einen königlichen Klienten. Es ist ein Palast, okay? So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben. Niemand zwingt dich, die Demütigungen dieses Luxus zu erdulden. Fahr zurück in die Zeltstadt am Flugplatz, wenn es dich glücklich macht.“

Ihr Bruder sah sie wütend an. „Du weißt genau, dass Dad mich umbringt, wenn ich nicht auf dich aufpasse.“

„Ich bin siebenundzwanzig und erwachsen, Doyle. Irgendwann musst auch du das akzeptieren.“

„Nicht in diesem Leben.“

Sie schüttelte resigniert den Kopf. Diese Situation war ihr nur allzu vertraut. Schlimm genug, das jüngste Kind in der Familie zu sein, aber noch dazu ein Mädchen? Das wünschte sie ihrem ärgsten Feind nicht.

Dennoch hatte sie sich mit den Jahren an die überhebliche Art ihrer Brüder gewöhnt und sich in ihr Schicksal gefügt. Wenn für sie nichts Besonderes auf dem Spiel stand, gab sie gern nach. Aber diesmal nicht. Diesmal ging es immerhin um eine Badewanne.

Der Wagen bog um eine Ecke, und der Palast kam in Sicht. Billie traute ihren Augen kaum. „Unglaublich!“ Sie starrte auf das mehrstöckige Gebäude, das im strahlenden Licht der Sonne wie rosa überpudert wirkte.

Jedes Stockwerk hatte einen umlaufenden Balkon. Türme und Rundbogenfenster ließen den majestätischen Palast aussehen wie ein Schloss aus Tausendundeiner Nacht. Üppig blühende Gartenanlagen bildeten den passenden Rahmen.

„Nicht schlecht.“ Doyle pfiff anerkennend durch die Zähne.

Billie stieß ihm neckend den Ellbogen in die Seite. „Hey, du bist tatsächlich beeindruckt. Zu schade, dass Dad und die Jungs das nicht sehen können.“

Ihr Vater nahm in Südamerika an einer internationalen Konferenz teil, und ihre Brüder erfüllten Sonderaufträge im Irak. So blieb der Job in Bahania Doyle und ihr überlassen. Eine leichte Arbeit, dachte Billie. Air-Force-Piloten konnte sie im Schlaf ausbilden. Sie flog gern, und Fliegen war eins der wenigen Dinge, die sie perfekt beherrschte.

Die Limousine kam sanft vor dem Palast zum Stehen. Ein uniformierter Wärter öffnete den Wagenschlag. Nachdem Doyle ausgestiegen war, folgte Billie mit Muffin auf dem Arm. Es dauerte einen Moment, bis ihre Augen sich an die gleißende Sonne gewöhnten. In diesen zwei Sekunden fiel ihr Blick auf Prinz Jefri. Sie hätte schwören können, dass er von einer goldenen Aura umflort wurde.

Gemeiner Trick, dachte sie, als sie wieder klar sehen konnte.

„Miss Van Horn.“ Der Prinz neigte höflich den Kopf.

„Billie“, korrigierte sie ihn fröhlich. „Da ich Sie von nun an regelmäßig in Ihrem Jet abschießen werde, verzichten wir lieber auf Förmlichkeiten.“

Diese Bemerkung dürfte dem Prinzen kaum gefallen. Zweifellos bildete er sich ein, sie in kürzester Zeit schlagen zu können. Das glaubten sie alle. Und sie alle irrten sich. Dementsprechend würde er im Verlauf des Trainings immer mürrischer werden. Oh, aber auch damit hatte sie Erfahrung. Sie würde es schon überleben.

Der Prinz wechselte ein paar Worte mit einer uniformierten jungen Frau, die daraufhin zu Doyle trat und ihn mit einer einladenden Geste aufforderte, ihr zu folgen. Ihr Bruder zwinkerte Billie zum Abschied kurz zu. Während sie darauf wartete, ebenfalls abgeholt zu werden, versuchte Billie sich von diesem gewaltigen Reichtum nicht nervös machen zu lassen.

„Hier entlang bitte“, sagte Prinz Jefri.

Sie blickte erstaunt auf. „Wie?“

„Ich möchte Ihnen zeigen, wo Sie wohnen.“

Erledigten Königliche Hoheiten so etwas neuerdings höchstpersönlich? Irgendwo hatte sie doch gelesen, dass manche Könige sogar einen persönlichen Diener extra dafür beschäftigten, ihnen die Zahncreme auf die Zahnbürste zu drücken.

„Ist dies Ihr erster Besuch in meinem Land?“, erkundigte sich Jefri.

„Ja.“ Sie nahm Muffin auf den anderen Arm, während sie neben Jefri herging. „Bei der Firmenpräsentation war ich nicht dabei.“

Sie betraten ein Foyer von der Größe einer kleinen Arena. Die vergoldete Decke war an die zwanzig Meter hoch. Die Wände schmückten Mosaikdarstellungen von alten Schlachten. Wow, das war schon etwas anderes als die Tapeten in dem Hotel in Bosnien, wohin ihr letzter Auftrag sie geführt hatte.

Als Jefri ihr Interesse bemerkte, blieb er vor einer Abbildung stehen, die etliche Reiter auf kräftigen Pferden zeigte. „Mein Volk war immer ein Volk von Kämpfern. Vor tausend Jahren haben wir das Land gegen die Kreuzritter verteidigt.“

Sie sah ihn aus dem Augenwinkel an. „Sie meinen damit uns, ja?“

„Aber nein, das ist doch längst Geschichte.“

Billie schaute bewundernd zu dem imposanten Kronleuchter und den bunten Glasfenstern auf. „Wunderschön …“

„Danke. Der Rosa Palast ist ein Juwel für das Volk von Bahania.“

Sie folgten dem Hauptgang, der breit genug war, um darin mit einem Panzer zu fahren, wie Billie überwältigt feststellte. „Ich habe ein wenig über Ihr Land gelesen.“ Ihre hochhackigen Sandaletten klapperten auf dem Fliesenboden. „Es ist nicht streng islamisch.“

„Nein. Es gibt hier auch Christen und andere Glaubensrichtungen. Alle respektieren sich gegenseitig.“

„Wofür brauchen Sie dann die Air Force?“

„Um unsere Ölfelder zu schützen. Bei den Unruhen in den Staaten um uns herum müssen wir in der Lage sein, unsere Ressourcen zu sichern.“

„Das Öl reicht nicht ewig“, gab sie zu bedenken.

„Richtig. Deswegen sind wir auch dabei, unsere Exporte breit zu fächern. Bahania soll auf dem Weltmarkt bestehen können.“

Schön und klug dazu, dachte sie mit einem kleinen Lächeln. Wenn er sie nun auch noch begehrenswert fände, wäre ihr Glück perfekt. Ihre Recherche hatte ergeben, dass Prinz Jefri unverheiratet war, aber sie hatte ihn auf vielen Fotos in der Gesellschaft bezaubernder Frauen abgelichtet gesehen.

Sie durchquerten etliche Räume. Einige waren im westlichen Stil eingerichtet, andere mit niedrigen Sofas und Kissen möbliert, die besser in ein Nomadenzelt gepasst hätten. Billie bewunderte Gemälde, prachtvolle Mosaike und kostbare Seidenteppiche.

Plötzlich wand Muffin sich auf ihrem Arm.

„Was ist, Süße?“

Die Hündin ließ sich nicht beruhigen. Sekunden später huschte eine große weiße Katze aus einem Konferenzraum und kreuzte ihren Weg.

Billie schrie leise auf. „Was ist das?“, fragte sie entsetzt.

Der Prinz sah sie erstaunt an und erwiderte dann betont geduldig: „Das ist eine Katze.“

„Ich weiß, dass es eine Katze ist“, fauchte Billie gekränkt. „Aber was hat die hier zu suchen?“

„Mein Vater ist leidenschaftlicher Katzenliebhaber.“

Sie musterte das flaumige weiße Wesen. „Das habe ich gelesen. Aber ich dachte dabei eher an Porzellanfigürchen. Wollen Sie damit sagen, dass es hier im Palast Katzen gibt?“

„Dutzende. Ist das ein Problem?“

Sie registrierte das amüsierte Zucken um Jefris Mundwinkel.

„Nun, sagen wir so: Ich bin nicht gerade ein Katzenfan.“

„Keine Sorge, sie werden Ihnen nichts tun“, erwiderte er mit einem milde herablassenden Lächeln.

Hm, darüber konnte man geteilter Meinung sein. „Und was ist mit Muffin?“

„Ich bin sicher, für Ihren … Hund besteht keine Gefahr.“

Es gefiel ihr nicht, wie er das Wort Hund betonte. Und ihr gefielen die Katzen nicht.

„Leiden Sie unter einer Allergie?“, erkundigte er sich.

„Nicht direkt.“

„Wo liegt dann das Problem?“, hakte er geduldig nach.

„Ich habe schlechte Erfahrungen gemacht, als ich klein war.“

„Mit einem Löwen?“

Sie musterte ihn kritisch. Plötzlich fand sie Jefri nicht mehr ganz so gut aussehend und nicht im Geringsten intelligent. „Würden Sie mir jetzt bitte mein Zimmer zeigen?“

„Es gibt nichts, was ich lieber täte.“

2. KAPITEL

Jefri fragte sich, warum sein Gast so verärgert auf die Katzen reagierte. Er selbst liebte Katzen zwar nicht so sehr wie sein Vater, vor allem nicht, weil sie sich überall ausbreiteten und seine Kleidung mit Haaren übersäten. Aber mehr als eine kleine Unannehmlichkeit bedeutete ihre Anwesenheit nicht für ihn. Billie Van Horn jedoch benahm sich völlig hysterisch, sobald eine Katze ihren Weg kreuzte. Welches Trauma konnte diese Überreaktion hervorgerufen haben?

Zumindest lenkte ihre Katzenphobie ihn ein wenig von ihrem perfekten Körper ab, diesen üppigen Rundungen an den richtigen Stellen. Ihr Duft, eine Mischung aus einem leicht blumigen Parfüm und frischer Seife, erregte ihn. Diese Reaktion hätte ihn nicht weiter verwundert, wenn sie versucht hätte, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber Billie schien mehr darauf bedacht, sich vor dem räuberischen Katzenvolk zu schützen.

Als sie im dritten Stock aus dem Fahrstuhl traten, thronte eine Katze mitten im Flur. Billie machte einen Satz zur Seite, was Jefri dazu veranlasste, sich angesichts der hohen Absätze um ihre schlanken Fesseln zu sorgen.

„Wurden Sie einmal angegriffen?“, fragte er, obwohl er sich das kaum vorstellen konnte.

Sie sah ihn aus großen Augen an. „Ich nicht, aber ein guter Freund.“ Billie presste die Lippen zusammen. „Muffin wiegt nur sieben Pfund. Die Biester könnten die Kleine zum Frühstück verspeisen.“

„Ich glaube nicht, dass sie diesen Ehrgeiz aufbrächten.“ Die Katzen seines Vaters schliefen die meiste Zeit.

Billie hob skeptisch die Brauen, schwieg jedoch.

Sosehr sich Jefri wünschte, sie hier im Palast einzuquartieren, er wollte sie mit seiner Einladung auch nicht in Verlegenheit bringen. „Möchten Sie lieber im Camp wohnen?“

Sie schüttelte energisch den Kopf. „Wir werden schon damit ­fertig.“

„Ihr Zimmer ist gleich hier.“

Er öffnete eine Tür und ließ seinen Gast eintreten. Billie war sprachlos vor Staunen über den Luxus, der sie erwartete: eine elegant ausgestattete, riesige Suite, deren großzügiger Wohnbereich mit Blick aufs Meer durch eine zweiflüglige Tür mit dem Schlafzimmer verbunden war.

„Meinen Sie, Sie werden sich hier wohlfühlen?“

„Ja. Und es reicht auch noch für ein paar Untermieter, nur für den Fall, dass ich mein Gehalt aufbessern muss.“ Sie lächelte verschmitzt. „Daran könnte ich mich gewöhnen.“

„Betrachten Sie den Palast als Ihr Zuhause.“

„Seien Sie vorsichtig mit Ihren Einladungen. Wenn ich nun für immer bleiben möchte?“ Sie blitzte ihn herausfordernd an.

Dann wäre sie immer in seiner Nähe. Ein äußerst reizvoller Gedanke, wie Jefri fand. Zu schade, dass die Institution des Harems längst abgeschafft war. Billie wäre eine wundervolle Bereicherung gewesen.

„Falls Sie irgendetwas brauchen, wenden Sie sich bitte an das Personal“, sagte er.

„Sicher. Aber ich kann mir nicht vorstellen, woran es mir hier fehlen sollte.“

Sie setzte ihr Hündchen auf dem Fußboden ab. Sofort begann Muffin, ihre neue Umgebung zu erschnüffeln.

Jefri trat an die Balkontüren und zeigte aufs Meer. „Der Balkon führt um den ganzen Palast herum. Im Süden hat man einen herrlichen Blick auf Lucia-Serrat.“

„Ich habe von der Insel gehört. Sie soll wunderschön sein.“

„Hier ist es fast überall wunderschön.“

„Da habe ich ein anderes Bild im Kopf“, meinte sie skeptisch. „Sand, so weit das Auge reicht. Die Stadt ist allerdings viel größer, als ich gedacht hätte. Aber sonst … nichts als Sand.“

„Haben Sie das heute während des Fliegens bemerkt?“

Billie nickte. „Gibt ja nicht viel zu tun da oben. Die ersten Tage im Nahkampf sind ziemlich langweilig.“ Als ihr klar wurde, was sie gesagt hatte, hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Sie warf Jefri einen vorsichtigen Seitenblick zu.

„Oje. Ich habe einen Prinzen beleidigt“, erklärte sie wenig reuevoll. „Steht darauf eine Strafe? Komme ich jetzt in den Kerker?“

„Warum plötzlich so zaghaft? Am Flughafen sprachen Sie mir doch jede Chance, Sie zu schlagen, ab.“

„Das stimmt zwar, aber ich sollte es vielleicht nicht so deutlich sagen.“

„Und das hat etwas mit dem Palast zu tun?“

„In gewisser Weise rückt er die Dinge in die richtige Perspektive. Ich bin ein Mädchen aus der Kleinstadt, und Sie … nicht.“

„In der Tat. Ich würde nicht mal als Mädchen aus der Großstadt durchgehen.“

„Sie wissen, was ich meine. Gibt es vielleicht eine Broschüre oder einen Leitfaden? ‚Wie ich es vermeide, die königliche Familie zu beleidigen‘.“

„Es gibt jemanden, der für die Etikette zuständig ist. Soll ich ihn vorbeischicken?“

Billie rümpfte die Nase. „Sie machen sich über mich lustig.“

„Nur ein ganz klein wenig.“

„So. Humor haben Sie also auch. Womit wollen Sie mich als Nächstes überraschen? Waschen Sie etwa Ihre Wäsche selbst?“

„Niemals.“

„Typisch Mann. Meine Brüder auch nicht. Dafür sind wir Frauen …“

Ein schrilles Jaulen unterbrach jäh das Gespräch. Bevor Jefri schalten konnte, kniete Billie bereits auf dem Marmorboden, um ein wild raufendes Fellknäuel zu entwirren.

Obwohl Jefri wenig Lust verspürte, ihr Schoßtier zu retten, fühlte er sich verpflichtet, Billie zu helfen. Ein Blick auf ihre nackten Arme und Beine genügte, um ihn in seinem Entschluss zu bestärken. Kurz entschlossen umfasste er ihre Taille und hob sie hoch.

Sie schrie, was nicht zur Entspannung der Situation beitrug. Nachdem er einen raschen Eindruck von ihren Rundungen und ihrem Temperament gewonnen hatte, ließ er sie wieder herunter.

„Ich kümmere mich darum.“ Damit griff er todesmutig mitten in die fauchende Meute und zog eine bellende Fellkugel hervor.

Die Aktion brachte ihm etliche Kratzer, einen Hundebiss und Millionen Haare auf seinem Anzug ein.

„Ich glaube, das hier gehört Ihnen.“ Indigniert hielt er Billie das zitternde kleine Hündchen hin.

„Muffin!“ Billie drückte das Fellbündel an sich und streichelte es liebevoll. „Bist du verletzt? Was haben dir diese gemeinen Killer angetan?“

Nachdem sie sich von Muffins Unversehrtheit überzeugt hatte, wandte sie ihre Aufmerksamkeit Jefri zu. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, empörte sie sich. „Diese Bestien hätten Muffin töten können.“

Jefri untersuchte seine Hand. Der Hundebiss war nicht durch die Haut gedrungen, aber die Krallen der Katzen hatten ihre Spuren hinterlassen. „Ich glaube, Ihr Hund hätte den Zusammenstoß überlebt.“ Er scheuchte die Katzen auf den Flur und schloss die Tür hinter ihnen.

„Falls Sie noch eine entdecken, jagen Sie sie einfach raus“, meinte er leichthin.

Billie sah sich unbehaglich um. Dann trat sie zu ihm. „Wie kann ich Ihnen danken?“

Ihre Stimme klang plötzlich tief und eindringlich. Bei Frauen aus seinen Kreisen hätte er dahinter ein verstecktes Angebot vermutet. Aber bei Billie war er nicht sicher. Außerdem wollte er nichts überstürzen, sondern sich richtig Zeit lassen. Er hatte die Absicht, sie nach allen Regeln der Kunst zu verführen und dabei keinen Schritt zu überspringen. Allein die Vorfreude versüßte ihm bereits das Pläne­schmieden.

„Das war doch selbstverständlich.“

Sie setzte Muffin aufs Sofa. „War es nicht. Diese Katzen sind die reinsten Ungeheuer.“ Besorgt nahm sie seine Hand, um sich die Wunden anzusehen. „Sie bluten ja!“

Das beunruhigte Jefri nicht im Geringsten, dennoch widersprach er nicht, als Billie ihn in das geräumige Badezimmer zog und ihm kaltes Wasser über die Hand laufen ließ.

Sie stand so dicht neben ihm, dass er die erregende Wärme ihres Körpers spürte. Ihre Brust berührte leicht seinen Arm.

„Sie waren sehr mutig“, erklärte sie ernst.

„Es sind doch nur Katzen“, winkte er ab.

„Raubtiere.“ Billie erschauderte und gab ihm ein Handtuch.

Nachdem er sich in aller Ruhe die Hände abgetrocknet hatte, umfasste er sanft ihr Kinn. „Warum haben Sie solche Angst vor Katzen? Ich gebe gern zu, es sind Jäger, aber zu klein, um Ihnen ernsthaft gefährlich zu werden.“

„Ich mag sie eben nicht.“

„Das ist mir klar. Die Frage ist: warum?“

Billie seufzte. Ihr Atem streifte seine Haut, und er ließ die Hand sinken.

„Als ich klein war, wollte ich unbedingt ein Haustier. Meine Mutter war dagegen. An meinem siebten Geburtstag lösten meine Brüder dieses Problem und schenkten mir eine weiße Maus.“ Sie lächelte versonnen. „Sie dachten natürlich, ich hätte Angst vor Mäusen, aber sie irrten sich.“

„Sie haben drei ältere Brüder, nicht wahr?“

Billie nickte.

Wenn die beiden anderen auch so kräftig und energisch sind wie Doyle Van Horn, hat Billie keinen leichten Stand, überlegte Jefri.

„Ich habe Missy sehr geliebt“, fuhr sie fort.

Er hob die Brauen. „Missy, die Maus?“

„Ja. Sie war zahm. Ich habe ihr Kunststücke beigebracht.“

„Zum Beispiel?“

„Sie hat auf ihren Namen gehört und sich auf die Hinterbeine gestellt, wenn ich ihr etwas zu Fressen anbot.“

„Das ist kein Kunststück. Sie hat nur versucht, das Futter zu erreichen.“

Billie funkelte ihn böse an. „Es war meine Maus. Und ich entscheide, ob es ein Kunststück war oder nicht.“

„In Ordnung. Sie hatten also diese Maus. Ich nehme an, irgendwann kam eine Katze ins Spiel.“

„Eines Tages war Missy verschwunden. Ich konnte sie nirgends finden. Meine Brüder wollten mir nicht bei der Suche helfen. Darüber war ich so wütend, dass ich in unser Spielzimmer gerannt bin und die Tür hinter mir zugeworfen habe. Ich hatte mich selbst eingesperrt. Ich war nämlich noch zu klein, um an das Schloss heranzureichen.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe dann aus dem Fenster geschaut“, erzählte sie weiter. „Und dort sah ich Missy. Die Nachbarskatze hatte sie in die Enge getrieben. Sie spielte mit ihr. Ich schrie nach meinen Brüdern, aber die tobten vorn im Garten und konnten mich nicht hören. Und meine Mutter war einkaufen. Fast zwei Stunden lang war ich eingesperrt. Und genau so lange hat die Katze gebraucht, um Missy zu töten und zu fressen.“

Keine schöne Erfahrung für ein kleines Mädchen, dachte Jefri mitfühlend. „Haben Sie denn die ganze Zeit zugeschaut?“

„Natürlich. Es war doch meine Maus.“ Sie seufzte. „Meine Mutter wollte mir hinterher einreden, es wäre nicht Missy gewesen, aber wie viele weiße Mäuse leben in freier Natur?“

„Ist das der Grund für Ihre Katzenphobie?“

„Würden Sie diese Killer etwa noch mögen?“, gab sie anklagend zurück.

„Sie handeln nicht aus Böswilligkeit, sondern folgen nur ihrem Instinkt“, argumentierte er.

„Das macht die Sache nicht besser. Auf jeden Fall passe ich auf, dass Muffin nichts geschieht. Keine von diesen Palastkatzen wird ihn zum Abendessen verspeisen.“

„Katzen pflegen keine Hunde zu verspeisen. Außerdem werden sie gut gefüttert.“

„Das will ich Ihnen auch geraten haben.“ Sie stemmte die Hände in die Seiten, und ihre Augen blitzten kampflustig.

Wie hatte das Gespräch nur so abgleiten können? Jefri hätte viel lieber über das Fliegen geredet oder darüber, wie attraktiv er sie fand. Stattdessen diskutierte er mit Billie über ihre absurde Angst vor Katzen.

„Ich gebe Anweisung, dass das Personal die Katzen aus Ihrem Zimmer fernhält.“

„Wirklich? Prima.“ Sie warf einen sehnsüchtigen Blick in Richtung Badewanne. „Auf dieses großartige Badezimmer würde ich ungern verzichten.“

Aha, die Badewanne war also der Grund für ihren Wunsch hierzubleiben. Das relativierte die Dinge. „Damit Sie unabhängig sind, stelle ich Ihnen einen Wagen mit Chauffeur zur Verfügung. Sagen Sie dem Fahrer einfach Bescheid, wohin er Sie bringen soll.“

Sie sah ihn aus großen Augen an. „Das ist nicht Ihr Ernst! Ich bekomme einen eigenen Chauffeur? Daran könnte ich mich glatt gewöhnen.“

„Nun, ich möchte Ihnen den Aufenthalt in meinem Land so angenehm wie möglich machen“, erwiderte er galant. Er nickte ihr zu und verließ das Zimmer. Es gab noch viel zu sagen, aber dies war nicht der richtige Zeitpunkt. Später, wenn er sich für eine Strategie entschieden hatte, würde er das Gespräch in geschickte Bahnen lenken. Er würde die Geheimnisse dieser schönen Frau entdecken, die wie ein Falke flog und sich anmutig, wie die von ihr so verhassten Katzen bewegte. Er würde ihre Stärken und ihre Schwächen kennenlernen. Er würde mit ihr schlafen und sie in der Luft be­siegen.

Nachdem Billie ihre Haare geföhnt hatte, trat sie einen Schritt zurück, um das Ergebnis zu bewundern. „Nicht schlecht“, murmelte sie. Und das Beste war, die trockene Luft in Bahania würde dafür sorgen, dass die duftige Föhnfrisur nicht in sich zusammenfiel.

Nach einer geschlagenen Stunde in der großen Badewanne hatte Billie ihr Strandkleid wieder angezogen und fühlte sich nun entspannt und unternehmungslustig, obwohl ihr der lange Flug vom Vortag noch in den Knochen steckte.

„Komm, wir machen einen Spaziergang.“ Sie nahm Muffin auf den Arm. „Und danach organisieren wir uns ein Abendessen. Meinst du, es gibt hier im Palast einen Zimmerservice? Ich hätte den Prinzen danach fragen sollen.“

Das hätte sie auch getan, wenn er nicht so ein prinzenmäßiges Gehabe an den Tag legen würde. „Der Mann ist ein Prachtexemplar“, vertraute sie Muffin an, als sie die Suite verließ. „Ich wünschte, er wäre mein Typ.“

Nicht, dass Billie einen bestimmten Typ bevorzugte. Das hätte ein Maß an Erfahrung vorausgesetzt, über das sie nicht verfügte.

„In meinem nächsten Leben werde ich Vamp. Dann stehen die Kerle Schlange vor meiner Tür.“

Aber bis es so weit war, musste sie sich mit Muffins Ergebenheit begnügen.

Am Ende des Korridors bog Billie um die Ecke und lief beschwingt die Treppe hinunter. Dank ihres ausgezeichneten Orientierungssinns brauchte sie keine fünf Minuten, um den Weg in den Garten zu finden.

Der entpuppte sich als parkähnliches Areal, in dem verschiedene Bereiche ineinander übergingen. Einem strengen englischen Garten schloss sich eine großzügige Poollandschaft inmitten tropischer Üppigkeit an. Billie ließ Muffin herunter, damit diese herumschnuppern konnte.

Sie selbst schlenderte den gepflasterten Weg entlang, der sich zwischen Büschen und Bäumen entlangschlängelte. Hier und da blieb sie stehen, um an einer farbenprächtigen Blüte zu schnuppern oder ein exotisches Blatt zu berühren. Über Pflanzen wusste sie wenig. Ihr Spezialgebiet waren Motoren, die über genügend Schubkraft verfügten, um die Schallmauer zu durchbrechen. Aber sollte sie irgendwann gezwungen sein, auf dem Boden zu bleiben, wären diese Gärten ihr Zuhause.

Ein paar Schritte weiter saß ein Mann auf einer Bank. Er erhob sich, als Billie auf ihn zukam.

„Guten Tag“, begrüßte er sie mit einem gewinnenden Lächeln.

Er war groß und gut aussehend, wenn auch schon etwas älter. Die Schläfen waren ergraut, um die dunklen Augen hatten sich feine Fältchen eingegraben. Auffällig war die exquisite Kleidung des Mannes. Vielleicht ein Bankier, überlegte Billie.

„Billie Van Horn“, stellte sie sich vor.

„Ah, die Militärexperten. Der Name Van Horn ist mir bekannt.“ Er bedeutete ihr, sich zu ihm auf die Bank zu setzen, und sie folgte der Einladung. „Sie gehören sicher zur Familie.“

„Ich bin das einzige Mädchen. Das ist wirklich ein hartes Schicksal, kann ich Ihnen sagen. Dafür bin ich aber eine ausgezeichnete Pilotin. Und wenn meine Brüder mich zu sehr ärgern, fordere ich sie zu einem Luftkampf heraus.“ Sie grinste schelmisch. „Ein Kampfjet gleicht die Unterschiede bestens aus.“

„Das kann ich mir vorstellen“, schmunzelte er.

Muffin trottete heran und beschnüffelte die Schuhe des netten Mannes.

„Mein Hund“, erklärte Billie. „Muffin. Ich wusste, dass es hier Katzen gibt, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so viele sind. Hoffentlich passiert ihr nichts. In meinem Zimmer gab es schon eine wüste Rauferei.“

Der ältere Herr zog die Brauen hoch. „Sie wohnen hier im Palast?“

„Ja. Prinz Jefri hat mich und meinen Bruder Doyle eingeladen.“ Sie beugte sich vertraulich zu ihm vor. „Ich muss gestehen, die Aussicht auf eine Badewanne war zu verlockend. Bei unserem Job müssen wir oft ohne Luxus auskommen, wie könnte ich da so einem Palast widerstehen? Es ist wundervoll hier.“

„Schön, dass es Ihnen gefällt.“ Er bedachte sie mit einem wohlwollenden Blick. „Sie fliegen also Kampfjets?“, hakte er nach. „Ist das Ihr Job?“

„Ich bin hauptsächlich für das Lufttraining zuständig. Aber ich arbeite mit den Piloten auch am Simulator.“

„Sind Sie eine gute Pilotin?“

„Die Beste“, erwiderte sie stolz. „Heute Morgen habe ich in weniger als zwei Minuten Prinz Jefri abgeschossen. Natürlich nicht wirklich.“

„Wie tröstlich. Ich möchte meinen jüngsten Sohn noch nicht verlieren.“

Als seine Worte ihr ins Bewusstsein sickerten, nahm sie im ersten Moment an, sie hätte sich verhört. „Ihren Sohn?“, wiederholte sie.

„Ja.“

Sie blickte in seine dunklen Augen. Tatsächlich, die Ähnlichkeit hätte ihr eigentlich sofort auffallen müssen. „Aber dann sind Sie ja …“

„Der König.“

„Großer Gott.“

Musste sie jetzt aufstehen? Demütig das Knie beugen? Am liebsten wäre sie auf der Stelle tot umgefallen. Sie hielt sich die Hände vor das Gesicht und stöhnte leise. „Wie viele Gesetze habe ich gebrochen?“

„Höchstens drei oder vier.“

Sie lugte durch die gespreizten Finger zum König hinüber. Er wirkte nicht verärgert, sondern lächelte amüsiert.

Erleichtert ließ sie die Hände sinken. „Das hätten Sie mir doch verraten können.“

„Habe ich eben getan.“

„Ich meine vorhin. Als ich gesagt habe: ‚Hallo, ich bin Billie‘, hätten Sie erwidern können: ‚Hallo, ich bin der König.‘“

„So war es interessanter. Sie hätten nicht so offen mit mir geredet, wenn Sie gewusst hätten, wer ich bin.“

Billie seufzte. „Ich muss mich wohl dafür entschuldigen, dass ich keine Katzen mag.“

Ein lautes Jaulen unterbrach ihr Gespräch. Billie sprang erschrocken auf und steuerte auf den Lärm zu. Dabei kreuzte eine schwarz-weiß gefleckte Katze ihren Weg. Beim Versuch, ihr auszuweichen, rutschte Billie auf den glatten Steinen aus und verlor das Gleichgewicht.

Im Fallen spürte sie, wie sich zwei starke Arme von hinten um sie schlossen und vor dem unausweichlichen Sturz bewahrten. Billie vergaß das Atmen, als sie die harten Muskeln, die erregende Hitze und ihren eigenen dröhnenden Herzschlag spürte. Schwer zu glauben, dass sich ein älterer Mann so anfühlte. Das konnte nicht der König sein, oder doch?

Als sie sich umdrehte, stellte sie erfreut fest, dass ihr Retter Prinz Jefri höchstpersönlich war.

„Muffin scheint schon wieder in Schwierigkeiten zu stecken“, meinte er augenzwinkernd. „Offenbar besitzt sie ein besonderes Talent dafür.“

Billie strich sich das Kleid glatt. „Bei den vielen Katzen hier bleibt Muffin doch gar nichts anderes übrig, als in die Defensive zu gehen.“

Die Anwesenheit des Königs fiel ihr einen Moment zu spät ein. Sie schluckte. „Nicht, dass die Katzen nicht nett wären“, fügte sie kleinlaut hinzu.

König Hassan schmunzelte. Er bückte sich, hob Muffin hoch, die inzwischen herbeigelaufen war, und meinte mit sanftem Tadel: „Aha, du bist also eine kleine Unruhestifterin. Es wird Zeit zu lernen, wo dein Platz in der Welt ist.“

Hoffentlich nicht in einem Käfig, dachte Billie alarmiert. „Ich nehme sie auf alle Reisen mit. Kann sein, dass sie ein bisschen verzogen ist.“

Der König nickte verständnisvoll und setzte Muffin wieder auf den Boden. „Ich möchte Sie und Ihren Bruder heute Abend zum Dinner einladen. Wenn Sie es ertragen, die Kleine im Zimmer zu lassen.“

Dinner beim König? Wie oft im Leben passierte einem Mädchen wie ihr so etwas?

„Natürlich.“ Billie ging im Geiste ihre Garderobe durch. „Formelle Kleidung?“

„Es kommt nur die Familie“, erwiderte der König leichthin.

Was ihre Frage nicht beantwortete, sie aber darüber spekulieren ließ, ob Prinz Jefri auch da sein würde.

„Sagen Sie bitte Ihrem Bruder Bescheid?“ König Hassan sah sie erwartungsvoll an.

Billie zögerte einen Moment. Sie wusste, dass Doyle Dinnereinladungen verabscheute, aber in Anwesenheit eines Königs würde selbst er sich zusammennehmen. „Das überlasse ich lieber Ihnen. Er kommt sicher gern.“

Als Jefris Mundwinkel zuckten, fragte sie sich, ob er ihre Gedanken erraten hatte.

Nein, das war unwahrscheinlich. Männer wie er kümmerten sich nicht darum, was andere dachten. Sie wollten … Eigentlich wusste sie nicht wirklich, was Männer wie er von Frauen wollten. Da sie kein Supermodel und keine Millionenerbin war, würde sie es sobald auch nicht herausfinden.

„Also dann, um halb acht“, sagte der König.

„Sehr gern.“ Sie nahm Muffin auf den Arm und kehrte auf dem kürzesten Weg zu ihrem Zimmer zurück. Ein Abendessen im Kreis der königlichen Familie verlangte eine Frisur mit viel Volumen.

Jefri band sich die Krawatte. Dann nahm er sein Jackett und untersuchte den Stoff auf Katzenhaare.

„Versuch es hiermit.“ Sein Bruder Murat warf ihm eine Fusselrolle zu.

„Danke.“

Während Jefri sich um sein Jackett kümmerte, machte Murat es sich auf dem kürzlich enthaarten Sofa bequem.

„Hat sie wirklich einen Hund?“

„Eher eine Ratte mit Fell.“ Jefri schmunzelte, als er an die Tragödie mit ihrer Maus dachte. Anscheinend hatte Billie eine Vorliebe für Nagetiere.

„Und sie hat dich vom Himmel geschossen?“

Jefri schlüpfte in sein Jackett. „Nicht wirklich.“

„Das sehe ich.“ Murat grinste. „Ich kann es kaum erwarten, sie kennenzulernen.“

„Sie ist … erstaunlich.“

„Klingt interessant.“

Die Blicke der beiden Brüder trafen sich. Murat stand auf, streckte sich und lachte amüsiert in sich hinein. „Ich bin der Kronprinz. Ich habe Vorrang.“

„In diesem Fall nicht.“

Murat zog eine Augenbraue hoch. „Warum nicht?“

Nun erlaubte Jefri sich ein kleines Lächeln. „Sie gehört mir.“

„Aha. Weiß sie das?“

„Noch nicht. Aber sie wird es bald erfahren.“

„Dann wünsche ich dir Glück.“

„Das werde ich brauchen.“

Jefri war fest entschlossen, das Rätsel Billie Van Horn zu lösen. Und nichts würde ihn davon abhalten.

3. KAPITEL

Da Billie sich gern herausputzte, besaß sie viele Kleider, von ­denen sie etliche in Paris gekauft hatte. Zu ihren beruflichen Pflichten gehörte der regelmäßige Besuch der Pariser Luftfahrtschau. Nachdem sie mit ihren Brüdern die neuesten technologischen Entwicklungen bewundert hatte, ging sie in den Pariser Boutiquen einkaufen.

Jetzt stand sie in einem bodenlangen roten Abendkleid aus einem weichen, schimmernden Stoff vor dem Spiegel. Das Oberteil betonte ihre üppige Figur. Kämme hielten ihr dichtes, langes Haar aus dem Gesicht, das von einigen Locken umrahmt war. Die silbernen Riemchen-Sandaletten hatten so hohe Absätze, dass Billie sich wie eine Amazone fühlte. Nun, vielleicht wie eine kleine Amazone.

Zum Abschluss legte sie noch ein Paar funkelnde Ohrringe an und versprach Muffin, ihr etwas vom Abendessen mitzubringen.

Als sie den Korridor zum Lift entlangging, fühlte sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben beinahe wie eine Prinzessin. Da sie mit den hohen Absätzen und dem langen Kleid keine Treppen steigen wollte, wartete sie auf den Fahrstuhl. Irgendwo auf dem Gang hörte sie eine Tür klappen. Kurz darauf stand Jefri neben ihr.

„Guten Abend.“ Er neigte galant den Kopf.

Jefri trug einen schwarzen Smoking, in dem er blendend aussah. Also hatte sie richtig vermutet. Ein Familiendinner in königlichen Kreisen war ein gesellschaftlicher Anlass, der ein angemessenes Outfit verlangte.

Ein Smoking verlieh den meisten Männern eine Aura von Noblesse, aber die von Mutter Natur ohnehin schon Begünstigten sahen im Smoking einfach umwerfend aus. Jefri stellte da keine Ausnahme dar. Er hatte das dunkle Haar aus dem Gesicht gekämmt, was seine strenge Schönheit unterstrich. Der weiße Hemdkragen ließ seinen Teint noch dunkler wirken.

Billie hingegen mied die Sonne so gut wie möglich. Ihre Haut verbrannte eher, als dass sie bräunte. Und sie wollte mit fünfzig nicht alt und runzlig sein.

Gerade ihre unterschiedliche Hautfarbe regte Billies Fantasie an. Einen winzigen Augenblick lang sah sie sich mit Jefri im Bett, wie zwei Schauspieler in einem Erotikfilm.

„Hi“, begrüßte sie Jefri mit einem strahlenden Lächeln. „Sie sehen aber schick aus.“

Er nahm ihre Hand und deutete einen Handkuss an. „Sie sind bezaubernd. Der Glanz meines Landes verblasst vor Ihrer Schönheit.“

Okay, sicher. Es war eine Masche, noch dazu eine altmodische, aber sie wirkte. Ihr Herz begann laut zu pochen.

Als die Türen des Fahrstuhls lautlos auseinanderglitten, legte Jefri leicht seine Hand auf ihren Rücken, um ihr den Vortritt zu lassen. Billie erschauerte wohlig.

„Ich vermisse Muffin.“ Jefri sah sie fragend an.

„Ich hab sie im Zimmer gelassen. Das ist sicher das Beste. Mich plagt zwar immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich ohne sie ausgehe, aber ich habe ihr einen Film eingelegt.“

Er drückte den Knopf für die zweite Etage. „Verzeihung, Ihre Hündin sieht sich einen Film an?“

„Ja, am liebsten natürlich Filme mit Hunden.“

Jefri bedachte sie mit einem befremdeten Blick. „Ich verstehe das nicht. Sie sind doch die toughe Pilotin, die einen Kampfjet besser fliegt als jeder ihrer männlichen Kollegen.“

Der Lift hielt, und sie stiegen aus.

„Genau die.“

„Trotzdem legen Sie einen Film für Ihre Hündin ein.“

„Tut mir leid. Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen.“

„Ich auch nicht wirklich. Hier entlang bitte.“

Er führte sie durch einen weiteren langen Korridor, von dem Dutzende von Zimmern abgingen. So viel Platz! Mit einer Runde auf einer einzigen Etage könnte sie hier locker ihr tägliches Aerobic-Pensum absolvieren.

„Ihr Bruder wird heute Abend nicht mit uns essen, wie ich hörte.“

„Unsere restliche Ausrüstung ist eingetroffen. Er wollte unbedingt alles sofort inspizieren. Nur eine Ausrede, wenn Sie mich fragen. Er hasst formelle Kleidung. Na ja, selbst schuld. Das Essen ist bestimmt vorzüglich.“

„Ich hoffe, Sie werden zufrieden sein.“

Seine tiefe Stimme war wie eine Liebkosung. Billies Knie zitterten. Plötzlich fühlte sie sich seltsam wackelig auf den Beinen. Fast ein wenig benommen. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie noch über ihre eigenen Füße stolpern.

Hinter einer großen Säule auf der linken Seite befand sich der Speisesaal mit einem Esstisch für mindestens dreißig Personen in der Mitte des Raumes. Von der hohen Decke hingen drei prächtige Kronleuchter mit echten Kerzen. Wandleuchter sorgten für zusätzliche Beleuchtung. Zwei antike Geschirrschränke standen rechts und links neben einem Wandgemälde. Es zeigte eine junge Frau in einem Boot.

Jefri trat an das Getränkebüfett. „Champagner?“

„Gern. Ich fliege erst morgen Nachmittag wieder.“

Er schenkte zwei Gläser ein und reichte ihr eins davon. „Auf neue Abenteuer.“ Lächelnd stieß er mit ihr an. „Und auf diejenigen, mit denen wir sie teilen.“

Sie nahm an, dass ein normales ‚Prost‘ in diesem Fall nicht angebracht war. Also erwiderte sie sein Lächeln, bevor sie einen Schluck trank. Köstlich, wie diese prickelnde Flüssigkeit die Kehle hinunterrann. Oh, ja. An dieses Leben könnte sie sich gewöhnen.

Ein großer Mann, den sie noch nicht kannte, betrat das Speisezimmer. Dem guten Aussehen nach zu urteilen, konnte er nur einer von Jefris Brüdern sein.

„Mein ältester Bruder, Kronprinz Murat.“

Bingo, dachte sie. Sie hielt das Glas in der einen und die Handtasche in der anderen Hand. Während sie noch überlegte, was von beiden sie abstellen sollte, beugte Murat sich vor und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

„Willkommen, Miss Van Horn. Mein Bruder beklagt sich über Ihre ausgezeichnete Flugtechnik, aber Ihre außergewöhnliche Schönheit hat er uns leider verschwiegen.“

Seltsamerweise ließ der Kuss dieses gut aussehenden Prinzen, der einmal den Königstitel erben würde, sie völlig ungerührt. Interessant. Jefris Reiz hatte also nichts damit zu tun, dass er ein orientalischer Prinz war und in einem Palast lebte.

Nach und nach lernte sie die anderen Familienmitglieder kennen und wurde dann vom König persönlich zu Tisch geführt. Nun saß sie also neben dem König von Bahania, umgeben von echten Prinzen und Prinzessinnen. Für einen flüchtigen Moment wünschte sie, ihre Mutter würde noch leben und an diesem Dinner teil­nehmen.

„Mal sehen, ob ich alles richtig verstanden habe“, überlegte sie laut, nachdem die Suppe serviert war. „Sabrina und Zara sind Prinzessinnen von Geburt.“

Der König nickte.

„Und Cleo und Emma sind die amerikanischen Ehefrauen Ihrer Söhne.“

„Das ist richtig.“

„Sehr kompliziert.“ Unauffällig ließ sie ein Stückchen Braten von ihrem Vorspeisenteller in ihre Handtasche gleiten. Für diesen Zweck hatte sie die Tasche mit einer Plastiktüte präpariert.

„Sie werden schnell lernen, wer zu wem gehört“, erklärte der König freundlich. „Denken Sie einfach daran, dass meine Söhne eine Vorliebe für amerikanische Frauen haben.“

„Interessanter Aspekt.“

Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu Jefri. Teilte er diese Vorliebe für Amerikanerinnen? Zumindest war sie ihm nicht völlig gleichgültig, das merkte sie. Aber Billie war so oft enttäuscht worden, dass sie ihre Hoffnungen nicht mehr allzu hoch steckte. Sie hatte sich bisher immer nur in Männer verliebt, die ihre Gefühle nicht erwiderten. Es war wie ein Fluch.

Die königliche Familie verhielt sich keineswegs so steif und langweilig, wie ihr Status hätte vermuten lassen. Nachdem Billie die interessierten Fragen zu ihrer eigenen Familie beantwortet hatte, wurde viel gelacht, gescherzt und geneckt wie in jeder anderen Familie auch. Okay, Besteck und Geschirr waren auffallend edel. Aber ansonsten verlief das Essen überraschend locker.

Billie wusste nicht, ob es am Champagner lag, am Jetlag oder daran, dass sie sich den ganzen Abend in Jefris Aufmerksamkeit gesonnt hatte, jedenfalls konnte sie nicht schlafen. Schließlich schlüpfte sie in ihren Bademantel und ließ die schnarchende Muffin allein im Schlafzimmer zurück. Sie öffnete die Balkontüren und trat hinaus in die ruhige, sternenklare Nacht.

Der Mond stand tief am Himmel. In der Luft hingen Düfte, die sie nicht kannte und die sie immer an Bahania erinnern würden. Was kann es Schöneres geben, dachte sie verträumt.

Sie stützte sich auf das Geländer und blickte in die Gärten hinunter. Schmale Schatten huschten in die Büsche und wieder heraus. Katzen. Katzen auf der Jagd. Wie konnte man diese Kreaturen nur als Haustier halten?

„Was macht Ihnen Sorgen?“ Jefri trat aus der Dunkelheit heraus und stellte sich neben sie ans Geländer. „Sie runzeln ja die Stirn.“

Billie erschrak ein wenig über sein unverhofftes Erscheinen, beruhigte sich aber schnell. „Da unten.“ Sie deutete auf die Büsche. „Katzen.“

Er lachte leise. „Keine Angst, ich beschütze Sie. Wo ist Muffin?“

„Die schläft. Sie braucht doch ihren Schönheitsschlaf.“

„Sagen Sie nicht, dass Ihre Hündin im Schlaf eine Augenmaske trägt.“

„Aber nein, wie kommen Sie nur darauf.“

„Gut.“ Er klang aufrichtig erleichtert.

Er verlagerte ein wenig das Gewicht, wobei er wie zufällig ihre Schulter streifte. „Hat Ihnen das Dinner mit uns gefallen?“

„Sehr sogar.“ Sie blickte ihn an. Er hatte die Krawatte abgenommen, das Hemd aufgeknöpft und die Ärmel hochgekrempelt. „Ich war vorher ziemlich nervös, aber alle waren so freundlich und ungezwungen, dass ich mich gleich wohlgefühlt habe.“

„Sind wir wie andere Familien auch?“

„In anderen Familien gibt es nicht so viele Prinzen und Prinzessinnen“, versetzte sie neckend.

„Und das hat Sie beeindruckt.“

„Eigentlich nicht.“

Er hob erstaunt die Brauen. „Im Ernst? Warum nicht?“

„Das ist doch klar. Warum sollten mich Reichtum und ein Titel beeindrucken, wenn wir doch beide wissen, dass ich Sie in achtunddreißig Sekunden vom Himmel schießen kann.“

„Gutes Argument. In anderer Hinsicht sieht die Sache aber vielleicht ganz anders aus.“ Das klang halb wie eine Frage, halb wie eine Feststellung.

Oh ja. Diese Möglichkeit bestand durchaus.

„Ich mache hier nur meinen Job als Trainerin“, sagte sie gleichmütig. „In ein paar Monaten bin ich wieder weg, und Sie herrschen über Ihren Himmel wieder allein.“

„Gefällt Ihnen das ständige Herumreisen?“

Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Es ist schön, etwas von der Welt zu sehen, aber manchmal hätte ich auch gern irgendwo ein Zuhause. Nur, Heim und Herd lassen sich schlecht mit dem Fliegen vereinbaren.“

„Wo haben Sie das Fliegen gelernt?“

„Mein Vater hat mich auf seinen Flügen mitgenommen. Mit zehn konnte ich schon einmotorige Maschinen fliegen. Meine Mutter versuchte natürlich, mich zu bremsen. Aber nach ihrem Tod war niemand mehr da, der mir das Fliegen hätte verbieten können. Da bin ich dann schnell auf Kampfjets umgestiegen.“ Sie lächelte verschmitzt. „Unsere Familie ist ja fast eine Mini-Air-Force. Wie war es bei Ihnen?“

„Ich bin schon immer gern geflogen. Mit zwölf bekam ich Flugunterricht. Mein Vater nahm damals sicher an, ich würde das Interesse schnell wieder verlieren. Aber es war genau umgekehrt. Je mehr ich flog, desto begeisterter war ich. Später wollte ich dann zur Air Force. Hier in Bahania hatten wir ja leider keine. Aber kein Land wollte mich haben. Ich bin der Sohn eines Königs. Diese Verantwortung war allen zu groß.“

„Aha. Ich wusste nicht, dass Mitglieder von Königshäusern unter Diskriminierung zu leiden haben.“

„Sie würden sich wundern.“

„Vielleicht, aber erwarten Sie kein Mitleid von mir.“

„Das tue ich nicht.“ Er sah sie forschend an. „Sie führen auch nicht gerade ein traditionelles Leben.“

„Ich weiß. Und ich bin froh darüber. Aber es verlangt auch Opfer. In ein paar Jahren werde ich dreißig. Ich möchte heiraten und Kinder haben, aber ich treffe einfach immer die falschen Männer.“

„Wie meinen Sie das?“

„Ich fliege zu gut. Damit kommen die meisten Männer nicht zurecht. Sie reagieren entweder aggressiv oder ignorieren mich. Keiner ist einfach nur nett zu mir.“

Obwohl Jefri tatsächlich eine Ausnahme darstellte. Wenn er nur kein Prinz wäre, dachte sie traurig.

„Das ist doch Unsinn“, widersprach er.

„Unsinn oder nicht, die Männer, mit denen ich arbeite, sehen in mir nicht die junge Frau, die noch zu haben ist.“

„Vielleicht will sich nur keiner mit Ihren Brüdern anlegen.“

„Wie bitte?“

„Ihre Brüder. Doyle hat mich heute gewarnt, Ihnen ja nicht zu nahe zu kommen.“

Sie schüttelte fassungslos den Kopf. „Was?“

„Die Botschaft war sehr deutlich.“

„Ich … Er …“ Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Waren ihre Brüder etwa dafür verantwortlich, dass alle einen großen Bogen um sie machten?

Sicher, sie hatten von klein auf gelernt, sich um ihre Schwester zu kümmern und auf sie aufzupassen. Sie verhielten sich manchmal sogar ausgesprochen besitzergreifend.

„Das sieht ihnen ähnlich.“ Allmählich stieg die Wut in ihr hoch. Seit Jahren hatte sie keine Verabredung mehr gehabt. Wie viele Männer hatten mit ihr ausgehen wollen und waren von ihren Brüdern „gewarnt“ worden?

„Das werden sie mir büßen“, grollte sie.

„Bitte seien Sie nicht allzu streng mit ihnen.“

„Warum?“

„Weil sie andere Männer von Ihnen ferngehalten haben.“

„Ach, und das ist also etwas Gutes. Wieso?“

„Weil Sie noch frei sind.“

Ehe Billie sich über den Sinn seiner Worte klar wurde, nahm Jefri sie in die Arme und drückte seine warmen Lippen auf ihre. Er küsste sie zärtlich und leidenschaftlich zugleich. Die Wut, die sie eben noch verspürt hatte, verrauchte, als wäre sie nie da gewesen. An ihre Stelle trat ein überwältigendes Verlangen.

Billie lehnte sich leise seufzend an ihn und ließ ihre Arme auf seinen starken Schultern ruhen. Er duftete betörend nach einem exotischen Aftershave. Jefri zog sie dicht an sich, sodass sie eng aneinandergeschmiegt dastanden. Er schob eine Hand in ihr seidiges Haar und streichelte ihren Rücken.

Billie legte den Kopf in den Nacken und öffnete leicht den Mund, während Jefri mit der Zungenspitze sanft über ihre Unterlippe strich. Doch anstatt den Kuss zu vertiefen, ließ er seine Lippen über ihre Wange und ihr Kinn gleiten bis zu der empfindsamen Stelle unter ihrem Ohr. Billie erschauerte, als seine Zunge sie kitzelte. Dann knabberte er zärtlich an ihrem Ohrläppchen.

Augenblicklich stand sie in Flammen. Ihre Brustspitzen wurden hart vor Erregung. Heißes Verlangen durchfuhr sie, und sie wollte ihn berühren und von ihm berührt werden – überall.

Jefri suchte erneut ihre Lippen, schob die Zungenspitze leicht zwischen ihre sehnsuchtsvoll geöffneten Lippen, zog sich wieder zurück. Hauchzart strich er mit dem Mund über ihren. Billies Verlangen wuchs, und sie seufzte leise auf.

Als sie schon meinte, es nicht mehr aushalten zu können, drang er mit der Zunge in ihren Mund und erforschte ihn behutsam. Ja, dachte sie, so ist es gut. Sie zitterte vor Erregung und wünschte sich so viel mehr als diesen Kuss.

Doch es sollte nicht sein. Nach einer kleinen Ewigkeit löste Jefri sich von ihr, und sie entdeckte in seinen Augen ein Verlangen, das sie erregte und zugleich fast ängstigte.

„Du steckst voller Überraschungen.“ Seine Stimme klang rau. Er streichelte ihre Wange.

„Das Kompliment gebe ich gern zurück.“

Jefri fuhr mit dem Daumen sanft über ihren Mund. „Ich freue mich schon auf morgen. Wer weiß, was passiert? Schlaf gut, ­Billie.“

„Gute Nacht.“

Sie wartete, bis Jefri in der Dunkelheit verschwunden war. Dann kehrte sie in ihr Zimmer zurück. Gut schlafen? Wo ihr Körper vor Verlangen zitterte und die Gedanken in ihrem Kopf durcheinanderwirbelten? Nach diesem aufwühlenden Kuss würde sie womöglich nie wieder schlafen können. Eine durchaus reizvolle Vorstellung. So konnte sie die Nacht dazu verwenden, ihre Rache an den Van-Horn-Männern zu planen.

Am nächsten Tag erschien Jefri zu seiner wöchentlichen Besprechung mit seinem Vater ein paar Minuten früher als verabredet. Der König saß hinter dem Schreibtisch und blätterte konzentriert in seinem Kalender.

„Ich überlege, ob ich demnächst nach Europa reise“, meinte König Hassan nachdenklich. „Bei vier Söhnen, die sich die Arbeit hier teilen, bleibt für mich nicht mehr viel zu tun.“

Jefri setzte sich in den Besuchersessel. „Fühlst du dich unterbeschäftigt?“

„Wahrscheinlich.“ Er lehnte sich zurück. „Unser Air-Force-Projekt läuft offenbar gut an.“

„Ja. Das Van-Horn-Team ist jetzt komplett. Billie leitet das Flugtraining. Es ist geplant, unsere Piloten innerhalb von acht Wochen zu einem Team zusammenzuschweißen. Nach dieser Grundausbildung finden in regelmäßigen Abständen Trainingskurse statt, bis wir das selbst in die Hand nehmen können.“

„Sehr beeindruckend, diese Billie Van Horn“, erwiderte der König. „Ich würde dir raten, sie nicht zu reizen. Am Ende bläst sie dich noch vom Himmel, wie sie selbst sich ausgedrückt hat.“

„Keine Chance.“

„Du klingst aber ziemlich selbstsicher.“

„Ja.“ Und er hatte auch allen Grund dazu. Es war ihm gelungen, Billies Schwächen zu entdecken. Der Rest würde ein Kinderspiel sein. Gestern Abend war sie in seinen Armen förmlich dahingeschmolzen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie nachts so willig auf ihn reagierte und ihn dann am nächsten Tag, wenn auch nur theoretisch, abschoss.

„Schön, dass alles gut läuft“, sagte sein Vater. „Nun zu einem anderen Thema. Ich habe eine Braut für dich gefunden.“

Jefri zog verwundert die Brauen zusammen, als er sich plötzlich an ein bereits Monate zurückliegendes Gespräch mit seinem Vater erinnerte. Damals hatte er dem väterlichen Druck nachgegeben und eingewilligt, wieder zu heiraten.

„Vielleicht ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt“, wandte er vorsichtig ein.

„Du bist mein Sohn. Es ist deine Pflicht, Thronerben in die Welt zu setzen.“

„Ich bin erst neunundzwanzig, Vater, habe also noch jede Menge Zeit.“

„Du vielleicht, aber ich nicht“, widersprach der König. „Außerdem hast du mich gebeten, eine geeignete junge Frau für dich auszusuchen.“ Er nahm einen Zettel aus der Schreibtischschublade. „Sie soll fügsam, einigermaßen attraktiv und kinderlieb sein. Ich habe diese Frau gefunden.“

Jefri fragte sich, was er sich dabei gedacht hatte, einen solchen Wunsch zu äußern. Sicher, heiraten musste er. Und es sprach auch nichts gegen eine arrangierte Ehe. Aber ausgerechnet jetzt?

„Ich habe im Moment andere Prioritäten. Die Air Force nimmt meine ganze Zeit in Anspruch.“

„Deine Braut wird nicht viel von dir verlangen. Du hast deine Wünsche eindeutig klargemacht und eine Liebesheirat ausge­schlossen.“

Das entsprach der Wahrheit. Jefri hatte dieses Spiel schon einmal gespielt und verloren. Die Liebe war nicht für ihn gemacht. Besser, er fand eine Partnerin, die ihre Pflichten erfüllte und nicht sein Herz manipulierte. Wichtiger als Liebe war der gegenseitige Respekt.

Ohne es zu wollen, dachte er an eine junge Frau im Mondschein. An ihren biegsamen Körper in seinen Armen und ihre leidenschaftliche Hingabe. Billie stellte eine Versuchung dar, aber sie erfüllte seine Bedingungen nur in einem einzigen Punkt: Offenbar war sie sehr kinderlieb. Aber sicherlich würde ihr niemand unterstellen, sie sei fügsam. Und sie als einigermaßen attraktiv zu bezeichnen wäre so ähnlich, als würde man den Mittelpunkt der Sonne als lauwarm beschreiben.

„Ich möchte mich im Augenblick nicht verloben“, erklärte Jefri entschieden.

„Es sind bereits alle Arrangements getroffen.“

„Dann müssen sie rückgängig gemacht werden.“

Der König sah ihn durchdringend an. Jefri wusste, dass er seinen Vater vielleicht umstimmen könnte. Gegen den König jedoch hatte er wenige Chancen.

Schließlich sagte der ältere Mann zu Jefris Erstaunen: „Wie du wünschst.“

„Danke, Vater.“ Er sah auf seine Uhr. „Ich muss bald am Flughafen sein.“

„Dann geh jetzt lieber. Richte Billie bitte aus, wie anregend ich ihre Gesellschaft gestern Abend fand.“ Augenzwinkernd fügte er hinzu: „Und sag ihr auch, dass ich nächstes Mal einen Teller vorbereiten lasse, den sie ihrem Hund mitnehmen kann. Sie muss kein Fleisch in ihrer Handtasche verschwinden lassen.“

Sein Vater hatte es also auch bemerkt. Jefri lächelte zufrieden. „Ich freue mich schon darauf, ihr diese Nachricht zu überbringen.“

Billie marschierte, ohne anzuklopfen, in Doyles Zimmer, ging zum Fenster und zog die Vorhänge zurück. Wie erwartet schlief ihr Bruder noch. Als die Sonne ihm direkt ins Gesicht schien, drehte er sich protestierend zur Seite.

„Was soll das?“, beschwerte er sich. „Weißt du, wann ich schlafen gegangen bin?“

„Frag mich, ob mich das interessiert.“ Wütend trat sie an sein Bett. „Du kriegst jetzt richtig Ärger. Und glaub ja nicht, dass du dich herausreden kannst.“

Doyle streckte sich genüsslich und gähnte unbeeindruckt. Dann setzte er sich auf und lehnte sich gegen das Kopfteil.

„Ich sehe, dass du deine Lippen bewegst, aber du sagst nicht viel.“

Damit reizte er sie noch mehr. Sie schleuderte ihm einen Stiefel entgegen. „Wie kommst du dazu, dich in mein Leben einzumischen? Dazu hast du kein Recht.“

Er wehrte den Stiefel ab und sah sie entgeistert an. „Du hast den Verstand verloren.“

„Noch nicht, aber es kann nicht mehr lange dauern.“

Als sie den anderen Stiefel aufhob, duckte er sich vorsichtshalber. „Leg das hin.“ Blitzschnell beugte er sich vor, um ihr den Stiefel wegzunehmen.

Doch Billie wich geschickt aus. Sie brauchte bloß aus seiner Reichweite zu bleiben. Wie alle ihre Brüder schlief Doyle nackt. Er würde sich so nicht aus dem Bett wagen.

„Du bist schuld, dass niemand mit mir ausgeht, hast alle Männer vergrault, die sich für mich interessierten“, fauchte sie. „Was gibt dir das Recht dazu? Ich bin erwachsen und in der Lage, meine eigenen Entscheidungen zu treffen.“

„Du bist verrückt.“

„Ach ja? Wie oft habe ich mich gefragt, warum die Männer sich nach einem kurzen Flirt sofort zurückziehen. Ich dachte, es läge an mir. Dabei geht das auf eure Kappe. Dad hat bestimmt auch mitgemischt.“

„Wir dachten nur …“

„Was? Dass ich zu zerbrechlich bin, um allein auf mich aufzupassen?“

„Wir dachten, es wäre besser, nach allem, was passiert ist.“

„Doyle, die Sache ist jetzt acht Jahre her. Ich habe damit abgeschlossen.“

„Und wenn wieder ein Typ versucht, dir wehzutun?“

„Dann werde ich damit fertig. Du kannst mich nicht ein Leben lang beschützen. Das bringt doch nichts.“ Sie stellte den Stiefel auf den Boden. „Ab sofort hältst du dich gefälligst aus meinen Privatangelegenheiten heraus.“

Er verschränkte die Arme. „Und wenn nicht?“

Sie sah ihn wütend an. Als Kind hatte sie geglaubt, sie könnte es später einmal, wenn sie erwachsen war, mit ihren Brüdern aufnehmen. Aber das war ein Irrtum. Für ihre Brüder blieb sie immer die hilflose kleine Schwester. Auch wenn sie locker in der Lage war, alle, einschließlich ihres Vaters, in weniger als drei Minuten vom Himmel zu schießen.

„Wenn du nicht aufhörst, mich wie ein Kind zu behandeln, verlasse ich die Firma“, drohte sie.

Doyle sah sie entsetzt an. „Du bluffst. Dazu liebst du deine Arbeit viel zu sehr.“

„Du weißt, dass ich jeden Monat mindestens sechs Jobangebote bekomme. Ich meine es ernst, Doyle.“

Sie sah ihm an, dass er innerlich fluchte, bevor er schließlich aufgab. „Gut. Ich rede mit Dad und den anderen. Es könnte aber eine Weile dauern, bis wir uns umgestellt haben.“

„Ich bin sicher, dass ihr der Aufgabe gewachsen seid.“ Sie warf einen raschen Blick auf ihre Uhr. „Ich muss jetzt zum Training im Simulator.“ Damit wandte sie sich zum Gehen.

„Hey. Und was ist mit den Vorhängen?“, rief Doyle ihr nach.

„Steh auf und mach sie selbst zu.“

Mit gestärktem Selbstbewusstsein kehrte Billie zu ihrer Suite zurück, um Muffin abzuholen, bevor sie zum Flugplatz fuhr. In meinem eigenen Wagen mit eigenem Chauffeur, dachte sie lächelnd. Ach, das Leben war so gut zu ihr.

Als sie um eine Ecke bog, stieß sie beinahe mit Prinz Jefri zusammen. Ihr unbeschwertes Selbstvertrauen schmolz dahin. Übrig blieb ein Gefühl von Verunsicherung.

„Du bist ja so vergnügt.“ Jefri musterte sie forschend. „Gibt es dafür einen besonderen Grund?“

Oh Mann, er sah einfach umwerfend aus in seinem dunklen Anzug und dem hellblauen Hemd. Prinzen hatten offenbar gute Schneider.

„Ich …“ Was wollte er noch wissen? Ach ja. „Ich habe gerade meinem Bruder die Meinung gesagt.“

„Ist es gut gelaufen?“

„Ich denke, er hat die Botschaft verstanden.“

Jefri lächelte amüsiert. „Hast du ihm gedroht?“

„Natürlich. Das machen Schwestern doch immer so.“

„Meine Schwester nicht. Aber sie war auch die meiste Zeit in Amerika. Ist Blut geflossen?“

„Nein, aber ich habe einen Stiefel nach ihm geworfen.“

„Beeindruckend.“

Sein Lächeln vertiefte sich, und die Funken zwischen ihnen sprühten nur so. Seit dem heißen Kuss waren mehr als zwölf Stunden vergangen, doch Billie spürte immer noch die höchst angenehmen Nachwirkungen. Ob es Jefri ähnlich erging? Als gut aussehender Prinz hatte er sicher schon viele Frauen geküsst. War sie nur eine von vielen?

„Woran denkst du?“, fragte er.

Sie fuhr leicht zusammen, als hätte er sie bei etwas Verbotenem ertappt. „Nichts Wichtiges.“

„Ich glaube, es war sogar sehr wichtig.“ Er kam einen Schritt näher. „Willst du es mir nicht verraten?“

„Ich, also …“ Billie räusperte sich. „Es wird heute wieder ein schöner Tag. Schade, dass wir nur im Simulator fliegen.“

„Ein ziemlich armseliger Versuch, das Thema zu wechseln.“ Seine Augen blitzten herausfordernd.

„Ich weiß. Aber du bist doch so schrecklich wohlerzogen. Ich hatte gehofft, du lässt es mir durchgehen.“

„Hm. Und ich hatte gehofft, du würdest mir sagen, dass du an gestern Abend gedacht hast.“ Er senkte die Stimme. „Ich fand es jedenfalls sehr schön. Du nicht?“

Du liebe Güte. Wollte er tatsächlich darüber reden? So etwas war sie nicht gewohnt.

„Ich fand es auch nett“, gestand sie zögernd.

Er hob erstaunt die Brauen. „Nett? Dann muss ich wohl noch an meiner Technik arbeiten.“ Jefri lächelte verheißungsvoll, wartete ihre Antwort aber nicht ab. „Bis später, Billie. Wir sehen uns auf dem Flugplatz.“

Jefri blickte konzentriert auf seine Instrumente. Es war alles, wie es sein sollte, dennoch hörte das hohe Pfeifen in seinem Headset nicht auf. Er schaltete die Simulation ab und verließ die Maschine.

Während er bei den ersten beiden Simulationen wenigstens drei Minuten überstanden hatte, waren es bei der letzten weniger als vierzig Sekunden gewesen.

Auch Billie hatte ihren Simulator verlassen und kam nun auf ihn zu. In ihrem Jeansrock und dem engen T-Shirt sah sie wie eine Studentin aus. Das lange blonde Haar fiel ihr in weichen Locken über den Rücken, ihre schlanken Füße steckten in verboten hohen Sandaletten. Sie war die personifizierte Versuchung. Andererseits aber auch Profi genug, um Privates nicht mit Beruflichem zu verquicken. Ihr Verhalten ließ keinen Zweifel daran, dass sie entschlossen war, einen besseren Piloten aus ihm zu machen. Dafür würde sie auch seine schlechte Laune in Kauf nehmen.

„Ich weiß, du bist sauer“, sagte sie, als sie auf ihn zukam. „Beim letzten Durchgang dachtest du plötzlich, du kannst es, und hast dich nicht mehr richtig konzentriert. In der Luft darfst du nie den Respekt vor deinem Gegner verlieren, sonst lebst du nicht lange.“

Ihm fiel auf, dass ihre Wangen gerötet waren. Sicher kein Rouge, sondern Folge ihrer Aufregung. Sie ging wirklich voll und ganz in ihrem Job auf.

„Du musst einfach vergessen, dass ich eine Frau bin“, fuhr sie fort. „Ich verfüge über ein bestimmtes Wissen, das ich an dich weitergebe. Das ist alles.“

Routiniert setzte sie ihre Ausführungen fort. Natürlich, dachte er. Sie weiß, wie sie ein zerbrechliches männliches Ego wieder aufbauen kann. Dies war ihre Welt. Sie hatte ständig mit Piloten zu tun, die es nicht ertragen konnten, von einer Frau übertrumpft zu werden.

Sie war die erstaunlichste Frau, die er kannte. Intelligent, entschlossen, talentiert. Und sehr sinnlich.

Er begehrte sie mit jeder Faser seines Körpers.

„Wir treffen uns in einer Stunde“, unterbrach Jefri sie mitten im Satz.

Sie blinzelte. „Wie bitte?“

„Wir treffen uns in einer Stunde vor eurem Büro.“ Er musterte sie kurz von oben bis unten. „Und bring eine Jacke mit.“

„Ich habe Unterricht. Es gibt noch andere Flugschüler, die …“

Er legte ihr den Zeigefinger auf die Lippen, um sie zum Schweigen zu bringen und ihre warme, weiche Haut zu spüren.

„Bitte“, sagte er. „Ich möchte dir etwas zeigen.“

4. KAPITEL

Billie wartete wie vereinbart vor ihrem Büro und hatte sogar eine Jacke mitgebracht, obwohl es brütend heiß war. Eine derartige Arbeitssituation war für sie völlig ungewohnt und eigentlich auch nicht akzeptabel.

Deshalb erklärte sie als Erstes, als sie in Jefris Jeep einstieg: „Mir ist klar, dass du ein Prinz bist und entsprechende Rechte hast. Aber ich kann nicht einfach den Unterricht für den Rest meiner Schüler ausfallen lassen, nur weil du es so willst.“

„Doch, das kannst du“, erwiderte er leichthin. „Es wird sich keiner von deinen Schülern beschweren.“

„Weil du das Oberkommando über die Air Force hast.“

„Richtig.“

„Du solltest diese Macht lieber für einen guten Zweck einsetzen.“

„Ich verspreche dir, ich führe nichts Böses im Schilde“, meinte er augenzwinkernd.

„Ich bin nicht sicher, ob ich dir glauben kann.“

„Du wirst mir vertrauen müssen.“

Eben das war ihr Problem. Wie sollte sie damit umgehen, dass sie in der Lage war, jederzeit sein Ego in den Boden zu stampfen, wenn sie ihn im Luftkampf besiegte? Bei anderen Männern wäre es ihr egal, aber bei Jefri …

Bei Jefri war alles ganz anders. Er brachte regelmäßig ihren Puls zum Rasen – und hatte sie geküsst wie noch kein anderer zuvor. Sie mochte ihn und …

„Hör auf zu grübeln“, sagte er. „Du sollst dich entspannen und beeindrucken lassen.“

„Hat es etwas mit dem Fliegen zu tun?“, wollte sie wissen. „Damit kann man mich nämlich nicht so leicht beeindrucken.“

Er lächelte geheimnisvoll. „Abwarten.“

Jefri steuerte den Wagen um die Hangars herum und hielt schließlich vor einem großen Gebäude. „Sobald du ausgestiegen bist, mach bitte die Augen zu.“

„Nicht gerade mein Stil“, meinte sie zweifelnd.

„Bitte. Es soll eine Überraschung sein.“

Da sie ihn noch einmal lächeln sehen wollte, gab sie nach.

Billie stieg aus und schloss gehorsam die Augen. Jefri nahm sie bei der Hand und führte sie ins Innere des Gebäudes.

„Nicht bewegen. Bleib einfach so stehen“, befahl er im Weggehen.

Sie hörte Schritte. Dann wurde das Licht angeschaltet.

„Jetzt.“

Sie öffnete die Augen und war einen Moment sprachlos vor Staunen. Unglaublich. „Das ist nicht dein Ernst!“ Ein ganzer Hangar voll alter, sorgfältig restaurierter Flugzeuge.

Eine Fokker stand zwischen einer Spitfire und einer Tiger Moth. Billie traute ihren Augen kaum, als sie sich in Jefris privatem Flugzeugmuseum umsah.

„Ich glaube es nicht … Gehören die Flugzeuge alle dir?“

„Das ist nur ein Teil meiner Sammlung.“ Er ging zu den großen Hangartoren und öffnete sie per Knopfdruck. Dann führte er Billie zur Tiger Moth. „Helm und Schutzbrille liegen auf dem kleinen Tisch dort vorn.“

„Soll das heißen, wir fliegen damit?“

„Natürlich.“ Er strahlte vor Stolz. „Alle Maschinen sind vollständig funktionstüchtig.“

„Ich … du …“ Okay, nun war sie wirklich sprachlos.

Billie ging um die Maschine herum, nahm sich Helm und Schutzbrille und zog ihre Jacke an. Dann überlegte sie, wie sie hineinklettern sollte. Mit dem knappen Rock und den hohen Sandaletten? Unmöglich. Also schlüpfte sie kurz entschlossen aus den Schuhen und zog sich an den Handgriffen in die Maschine. Wahrscheinlich gewährte sie Jefri auf diese Weise unbeabsichtigt tiefe Einblicke, aber sie war zu aufgeregt, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

„Eine fantastische Maschine“, rief sie über die Schulter, als er den Sitz hinter ihr einnahm.

„Mein Lieblingsflugzeug“, stimmte er zu.

Zwei Männer in grauen Overalls eilten herbei, um die Bremsklötze zu entfernen. Dann startete Jefri den Motor. Während das Flugzeug sich langsam in Bewegung setzte, studierte Billie staunend das Cockpit. Es gab nur ein Minimum an Instrumenten, doch der Mangel an Technologie wurde bei Weitem durch die Flugeigenschaften wettgemacht. Die Tiger Moth hob so gut wie unmerklich vom Boden ab.

Je höher sie stiegen, desto kälter wurde es. Der Flugplatz wurde kleiner, der Himmel unendlich weit.

„Probier mal“, rief Jefri ihr zu.

Sie übernahm das Steuer und machte sich mit der Maschine vertraut, bevor sie ein paar Kreise flog und einen steilen Anstieg probierte.

„Gib’s zu“, rief er. „Du bist beeindruckt.“

Sie lachte. „Allerdings. Ich will auch so eine.“

„Die sind nicht so leicht zu beschaffen.“

Eine Weile genoss Billie die Aussicht auf die Stadt. „Kleine Maschinen habe ich selten geflogen“, erzählte sie. „Ich wollte immer nur schneller und schneller fliegen. Jetzt weiß ich erst, was ich versäumt habe.“

„Früher waren diese Flugzeuge richtige Arbeitspferde“, erzählte er. „Man hat mit ihnen zum Beispiel die Wüste kartiert. Zu Fuß wäre es zu riskant gewesen.“

„Der Job hätte mir gefallen.“

„Du hättest es sicher bereut.“

„Warum?“

Er lachte. „Zu der Zeit herrschten hier noch andere Sitten. Es gab einen königlichen Harem voll schöner Frauen. Man hätte dich bestimmt gefangen genommen und meinem Großvater geschenkt.“

„Oh, nicht gerade meine Traumvorstellung.“

„Es wäre eine große Ehre gewesen.“

„Eine von vielen zu sein? Nein, danke.“ Sie flog eine ausgedehnte Acht. „Existiert der Harem heute noch?“

„Nein, nur der Gebäudekomplex des Palastes, die Institution als solche ist aber seit zwei Generationen abgeschafft.“

„Wie traurig für dich.“

Seine Augen blitzten. „Ich muss meine Frauen nicht einsperren, damit sie bei mir bleiben.“

Das glaubte sie ihm aufs Wort. Er brauchte nur mit dem Finger zu schnippen, und die Frauen liefen ihm nach. Da stellte sie keine Ausnahme dar, gestand Billie sich ein.

„Flieg Richtung Norden“, wies er sie an. „Etwa dreißig Meilen.“

Kurze Zeit später kam eine kleine Oase in Sicht sowie eine beängstigend kurze Piste. Doch auch hier legte Billie eine gewohnt elegante Landung hin.

„Willkommen in meinem Privatparadies“, sagte Jefri.

Sie nahm die Schutzbrille ab. „Gehört die Oase wirklich dir?“

„Ich habe sie entdeckt, als ich zwölf war, und wollte sie unbedingt haben. Da niemand protestierte, hab ich sie mir einverleibt“, erklärte er augenzwinkernd.

Er führte sie um einen kleinen Palmenhain herum zu einem Tisch mit zwei Loungesesseln. Auf einer Kühlbox stand ein Korb mit Obst.

„Das ist nicht dein Ernst“, staunte Billie. „Du hast das alles geplant?“

„Bis ins letzte Detail. Wir bleiben zum Lunch hier.“

„Hast du die Sachen extra kommen lassen?“

„Natürlich.“

Für ihn war das anscheinend das Selbstverständlichste von der Welt. Sie dagegen konnte froh sein, wenn einer ihrer Brüder ihr Kaugummi vom Supermarkt mitbrachte.

Was auch immer sie sich unter einem Lunch in der Wüste vorgestellt hatte, die Realität übertraf all ihre Fantasien. Es gab nicht nur einen Esstisch mit passenden Stühlen, ein weißes Damasttischtuch, elegantes Geschirr und kostbare Gläser. Nein, sie wurden außerdem von einem Diener in Landestracht hofiert, der ihr den Stuhl zurechtrückte und eine handgeschriebene Speisekarte offerierte, die sie mit wachsender Begeisterung studierte: verschiedene Salate, eine Vorspeisenauswahl, alles, was das Herz begehrte.

Sie legte die Speisekarte auf den Tisch. „Du strengst dich wirklich an, um mich zu beeindrucken.“

„Soll das heißen, du bist beeindruckt?“

„Vielleicht.“

„Gut.“

Er beugte sich vor und strich flüchtig mit den Lippen über ihren Mund, eine Berührung, die sie wohlig erschauern ließ. „Also, was möchtest du essen?“

„Ich werde nicht fragen, was heute zu empfehlen ist. Bestimmt ist alles fantastisch.“

„Natürlich. Oh, und falls du mit dem Gedanken spielst, Muffin etwas mit in den Palast zu schmuggeln, lässt der König dir ausrichten, dass man jederzeit alles, was du wünschst, für sie aufs Zimmer bringt. Du brauchst Muffins Fressen nicht in deiner Handtasche verschwinden zu lassen.“

Sie schloss mit einem leisen Aufstöhnen die Augen. „Ertappt …“

„Kann man sagen.“

„Das ist mir so peinlich.“ Billie sah ihn zerknirscht an.

„Wir fanden es alle bezaubernd“, erwiderte er galant.

„Ich hatte eine Plastiktüte dabei“, erklärte sie. „Es ist nicht so, dass ich das Essen direkt in die Ledertasche getan hätte.“

„Natürlich nicht.“

„Du hältst mich also für seltsam.“

„Extrem seltsam“, gestand er schmunzelnd.

„Jetzt machst du dich über mich lustig.“

„Allerdings.“

Vierundzwanzig Stunden später flogen Billie und Jefri erneut zusammen. Aber diesmal jeder in seinem eigenen Kampfjet. Es dauerte gerade einmal neunzig Sekunden, bis sie ihn im Visier hatte und einen sicheren Schuss abfeuern konnte. Dann drückte sie auf den Knopf. Das schrille Pfeifen signalisierte einen Treffer.

„Schon wieder kalt erwischt“, meinte Jefri.

„Dafür werde ich auch gut bezahlt.“

An seiner Stimme konnte sie nicht erkennen, was er wirklich dachte. Und sie war sich auch nicht sicher, ob sie es überhaupt wissen wollte. Billie folgte ihm zum Flugplatz und landete hinter ihm. Sie zögerte einen Moment, bevor sie das Cockpit verließ.

Was sollte sie sagen? Dass es für sie keine Rolle spielte, ob er sie am Himmel besiegte oder nicht? Dass sie trotzdem gern mit ihm zusammen war und nichts dagegen hätte, wenn er sie noch einmal küsste?

Sie nahm den Helm ab und kletterte aus der Maschine. Als sie das Rollfeld überquerte, sah sie ihren Bruder Doyle auf Jefri zusteuern. Das ließ nichts Gutes ahnen. Billie beeilte sich, die beiden einzuholen.

Leider kam sie zu spät und konnte nicht mehr verhindern, dass ihr Bruder Jefri auf den Rücken klopfte und mitfühlend sagte: „Es wird Sie noch umbringen, einer Frau unterlegen zu sein.“

„Du verlierst doch auch immer gegen mich“, erinnerte sie Doyle tadelnd. Wenn er doch nur den Mund halten würde.

Doyle grinste. „Ja, aber ich bin kein Prinz.“

Frustriert biss sie die Zähne zusammen, überholte die beiden Männer und verschwand rasch im Hauptzelt. Dort griff sie sich ihre Straßenkleidung und zog sich in einer Toilette um.

Als sie in Shorts und T-Shirt und mit Muffin auf dem Arm das Zelt verließ, stieß sie beinahe mit Jefri zusammen.

„Was gibt’s?“, fragte sie knapp.

„Ich habe dich gesucht.“

„Okay. Fein. Aber ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich gut fliegen kann. Es tut mir leid, wenn dein Ego darunter leidet.“

„Mein Ego fällt nicht in deinen Verantwortungsbereich.“

Dass er so ruhig und gelassen sprach, verunsicherte sie noch mehr. „Ich mache nur meinen Job“, ereiferte sie sich. „Ich weiß, was die Leute über mich sagen, aber ich habe nicht die Absicht, meine Schüler zu entmannen. Ich bringe ihnen nur das Fliegen bei.“

Er dirigierte sie in den schmalen Durchgang zwischen dem Zelt und den Stapeln mit Transportkisten.

„Du redest zu viel.“ Jefri ließ den Blick über ihr Gesicht ­schweifen.

„Ich versuche nur zu erklären.“

„Das weiß ich. Lass endlich den Hund runter, Billie.“

Diese Anweisung kam so unerwartet, dass Billie sie ohne Widerspruch befolgte. Ebenso widerspruchslos ließ sie es geschehen, dass er sie in die Arme nahm und küsste.

Sie genoss den sanften Druck seiner warmen Lippen. Plötzlich waren all ihre Bedenken und Zweifel wie weggeblasen.

Er strich langsam über ihre Lippen, als wolle er ihr Zeit geben, sich an das Gefühl zu gewöhnen. Oh, seine Küsse gefielen ihr, sie gefielen ihr sogar sehr.

Billie legte die Hände auf seine Schultern, schmiegte sich an ihn und legte einladend den Kopf in den Nacken.

Ganz sanft schob er seine Zunge zwischen ihre Lippen und berührte ihre Zungenspitze.

Es war genauso aufregend wie beim ersten Mal, als er sie geküsst hatte. Sie spürte, wie ihre Knie weich wurden und ihre Oberschenkel zitterten. Tief in ihrem Innern regte sich eine Sehnsucht, deren Heftigkeit sie verwirrte.

Jefri ließ ihr Haar durch seine Finger gleiten, während er mit der anderen Hand ihren Rücken streichelte. Als er ihren Po umfasste, presste sie sich an ihn.

Sie spürte seine Erregung. Er begehrte sie. Jefri begehrte sie trotz allem, was geschehen war, trotz der Warnungen ihres Bruders. Darüber war sie so glücklich, dass sie am liebsten gelacht hätte.

Er löste sich von ihr. „Was ist so amüsant?“, fragte er atemlos.

„Alles.“

„Dass ich dich küssen will?“

„Es ist eine kleine Überraschung.“

Er umfasste ihr Kinn und sah ihr in die Augen. „Warum? Du bist eine schöne Frau. Einzigartig, intelligent, begehrenswert. Es gibt auf dieser Welt keinen Mann, der nicht bereit wäre, für eine Nacht mit dir seine Seele zu verkaufen.“

Sie blinzelte. Wow, das hörte sich wirklich gut an. Es war ihr vollkommen egal, ob er es ernst meinte oder nicht.

„Oh, vielen Dank.“

„Gern geschehen.“ Lächelnd strich er mit dem Daumen über ihre Lippen. „Ich möchte dich heute Abend zum Essen einladen.“

In diesem Augenblick wäre sie ihm bis zum Mond gefolgt. „Okay. Ich meine, das wäre schön.“

„Gut. Ich hole dich um sieben in deinem Zimmer ab. Einver­standen?“

Da sie den Rest des Nachmittags für ihre Körper- und Seelenpflege vorgesehen hatte, passte sieben Uhr ausgezeichnet.

„Gut, ich werde fertig sein.“

„Wir gehen in einem Restaurant in der Stadt essen, wenn es dir recht ist.“

„Natürlich.“

„Dann sind wir also verabredet.“ Er gab ihr einen zärtlichen Kuss zum Abschied und löste sich von ihr. „Und, Billie, lass bitte Muffin zu Hause.“

Billie stand vor ihrem Kleiderschrank und suchte nach dem passenden Outfit für den heutigen Abend. Sexy und kultiviert sollte es sein, mit einem Hauch von Eleganz. Also schieden Kleider mit Perlenbesatz oder Federn von vornherein aus.

„In Schwarz sieht man immer gut aus“, murmelte sie. Sie zog das enge schwarze Kleid mit einem tiefen V-Ausschnitt und transparenten Ärmeln heraus. „Andererseits … Jede kommt im kleinen Schwarzen.“

Vielleicht lieber etwas mehr Farbe. Aber kein Rot. Rot stand ihr nicht wirklich, ließ sie irgendwie gewöhnlich wirken.

„Blau“, entschied sie. Billie griff zu dem nachtblauen Kleid aus Paris, das sie fast ihren gesamten Monatslohn gekostet hatte.

Der schräg geschnittene Rock endete knapp über dem Knie. Dazu ein ärmelloses Oberteil, das gar nicht tief ausgeschnitten war, aber trotzdem eine verblüffende Wirkung erzielte. Von der Taille aufwärts war der Stoff transparent. Doch über der Brust und dem eingenähten BH wiederholte sich das handgemalte Muster vom Saum des Rocks. Damit war ihr Körper perfekt bedeckt, ohne wirklich etwas zu verhüllen.

Billie freute sich riesig auf den heutigen Abend. Und zwar nicht nur, weil sie mit einem Prinzen ausging. Sie war unendlich erleichtert, dass Jefri sich trotz seiner Unterlegenheit in der Luft nicht davon abhalten ließ, sich mit ihr zu treffen. Das passierte Billie zum ersten Mal. Und es machte ihr Hoffnung für das gesamte männliche Geschlecht.

Es klopfte an der Tür. „Wer ist da?“ Billie warf einen Blick auf die Uhr. Für Jefri war es noch zu früh.

„Doyle.“

Sie öffnete nicht gern. „Mach’s kurz. Ich bin beschäftigt.“

Er drängte sich an ihr vorbei ins Zimmer. Dann musterte er sie skeptisch. „Du sieht aber nicht beschäftigt aus. Ich brauche deine Hilfe bei einer Turbine.“

„Das ist nicht mein Gebiet.“

„Billie, ich meine es ernst. Die Mechaniker arbeiten gerade daran, ein Triebwerk einzustellen. Du sollst es dir mal anhören. Schließlich bist du die Einzige, die am Klang erkennt, was nicht stimmt.“

„Ja, diese Gabe besitze ich. Und wir können alle morgen davon profitieren. Jetzt geh bitte.“

Sie wollte ihn zur Tür schieben, doch er rührte sich nicht von der Stelle. „Was ist los mit dir?“

„Das sagte ich bereits. Ich bin beschäftigt.“

Doyle verschränkte die Arme und hob missbilligend die Brauen. „Und womit, wenn man fragen darf?“

Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Ich habe eine Verabredung.“

„Mit wem?“ Seine Miene verdüsterte sich.

Billie kannte ihren Bruder lange genug, um zu erkennen, wann er verärgert war. „Ich bin über einundzwanzig und nicht dein Eigentum, dir also keine Rechenschaft schuldig.“

„Ich gehe nicht eher, bis du mir alle Einzelheiten genannt hast.“

Sie lachte spöttisch auf. „Doyle, wir leben nicht im neunzehnten Jahrhundert. Ich gehe mit einem Mann essen, basta. Du wirst schon darüber hinwegkommen.“

„Und was ist mit deiner Verantwortung gegenüber der Firma?“

„Oh, bitte.“ Sie verdrehte entnervt die Augen. „Wie oft bin ich für dich ...

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