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JULIA BESTSELLER BAND 150

ANNE MATHER

Heißes Begehren

Als ihr Ex vor der Tür steht, schlägt Isobels Herz höher. Die Maklerin möchte nur eines: wieder in Jakes starke Arme sinken und mit ihm und der gemeinsamen Tochter leben! Aber der eigensinnige Selfmademan will sich endgültig trennen. Er ist überzeugt, dass das Kind nicht von ihm ist. Kann Isobel seine Liebe zurückgewinnen und endgültig alle Zweifel zerstreuen?

So reich, so schön, so einsam

Wer bist du wirklich? Olivia versucht, in dem markanten Gesicht des attraktiven Fremden zu lesen. Er behauptet, Alex zu sein, der Sohn ihres kürzlich dahingeschiedenen Mannes. Die junge Frau spürt allerdings, dass Alex ein Geheimnis umgibt. Warum nennt ihn eine rätselhafte Anruferin Leon? Und warum zieht seine raue, wilde Art sie so magisch in seinen Bann?

Herz in Fesseln

In seinem Landhaus an der englischen Küste will der erfolgreiche Reporter Matt sich von den gefährlichen Strapazen seines letzten Jobs erholen. Endlich Ruhe! Doch ausgerechnet jetzt lernt er die hinreißende Felicity kennen. Der heiße Flirt mit ihr könnte zum größten Abenteuer seines Lebens werden – denn Matt meint, nie mehr jemanden lieben zu können!

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Heißes Begehren

1. KAPITEL

Das Apartment lag in einer der etwas teureren Gegenden. In keinem Hochhausviertel, obwohl dort viele luxuriöse Wohnungen angeboten wurden. Nein, Isobel hatte sich lieber für ein Apartment im oberen Stockwerk eines umgebauten viktorianischen Stadthauses entschieden, dessen Mangel an modernen Annehmlichkeiten durch den vornehmen Stil mehr als wettgemacht wurde.

Es überraschte Jake nicht, dass sie das betagtere Gebäude bevorzugt hatte. Isobel entstammte altem Geldadel und würde, wie immer ihre Verhältnisse auch sein mochten, eher in Räumen frieren, für die niemals eine Zentralheizung vorgesehen war, als umgeben von Komfort in anonymer Einförmigkeit zu leben.

Nicht dass die Wohnung billig gewesen wäre. Jake kannte ihren Preis. Wie sollte es auch anders sein, dachte er ironisch. Bei ihrer Trennung hatte er sie für Isobel gekauft.

Jake musste seinen Wagen in der Nebenstraße parken und die kurze Strecke zum Eaton Crescent zu Fuß gehen. Es regnete, typisches Maiwetter, und er blickte missmutig drein, als seine Lederjacke im Platzregen an den Schultern pitschnass wurde. Schon wieder muss eine Jacke dran glauben, dachte er resigniert und fragte sich, seit wann er Kleidungsstücke wie lästige Strafzettel wegwarf. Er hätte einen Schirm benutzen sollen.

Auf einer Tafel neben der Tür standen die Namen der einzelnen Hausbewohner neben den jeweiligen Klingeln. Angeblich aus Sicherheitsgründen, aber Jake wusste, dass hartnäckige Besucher einfach sämtliche Klingelknöpfe drückten, bis irgendeiner dumm genug war, sie hereinzulassen. Eine Gegensprechanlage gab es nicht. Zwar hatte er beim Kauf der Wohnung Isobel gegenüber seine Bedenken geäußert, aber seine Besorgnis hatte sie gleichgültig gelassen.

Jake schob diese unerfreuliche Erinnerung beiseite, drückte auf Isobels Klingelknopf und wartete auf den Türsummer. Isobel wusste, dass er kam, also konnte sie schlecht so tun, als wäre sie nicht da.

Er musste nicht lange warten. Schon ertönte der Summton, und Jake stieß die Tür zum Flur auf.

Drinnen war es düster, roch aber angenehm nach Lavendel und Möbelpolitur. Ein Reinigungsdienst hielt die Korridore und das Treppenhaus in ausgezeichnetem Zustand, und man war augenblicklich vom edlen Ambiente beeindruckt.

Die Tür schloss sich automatisch hinter ihm, und nachdem er sich flüchtig übers nasse Haar gefahren war, stieg Jake die mit Teppich ausgelegte Treppe hinauf, wobei er jeweils zwei Stufen auf einmal nahm. Sein Atem ging etwas schwer, als er die zweite Etage erreichte, und ihm fiel ein, dass er schon länger keinen Sport mehr getrieben hatte. Vor dem Computer zu sitzen war ja so viel bequemer, als Gewichte zu stemmen, wenn auch längst nicht so gesund.

Isobels Tür war zu. Er widerstand dem Impuls, die Klinke nach unten zu drücken, hob die Hand und klopfte. Dann wartete er ein wenig ungeduldig, dass Isobel ihm öffnete.

Aber nicht Isobel machte die Tür auf, sondern Emily. Da stand sie nun und starrte ihn so wütend und voller Groll an, wie er es von ihrer Mutter erwartet hätte.

„Was willst du?“

Ihre Frage überraschte ihn. Er war davon ausgegangen, dass Isobel seinen Besuch mit ihr besprochen hatte. Offensichtlich hatte sie das nicht getan, und nun blieb es ihm überlassen, einer frühreifen Zehnjährigen klar zu machen, dass ihre Mutter ihn erwartete.

„Sie ist nicht da“, verkündete Emily sichtlich zufrieden. „Du wirst also ein andermal wiederkommen müssen.“

Jake blinzelte. „Das meinst du nicht ernst.“ Er dachte dabei an den Ärger, den er gehabt hatte, nur um diese Verabredung einzuhalten. Ganz zu schweigen von seinem Parkplatz eine Straße weiter und dem Fußmarsch im strömenden Regen.

„Klar, ganz bestimmt“, antwortete sie selbstgefällig. Offensichtlich genoss sie seinen Frust. Sie machte Anstalten, die Tür zu schließen. „Ich werde ihr sagen, dass du hier warst …“

„Warte!“ Bevor sie ihm die Tür vor der Nase zuknallen konnte, zwängte er den Fuß in den Spalt. Er zuckte zusammen, als die schwere Holztür dumpf gegen seinen Stiefel prallte, hielt jedoch durch, und Emily musste sich am Ende geschlagen geben.

„Das wird Mummy gar nicht gefallen“, rief sie aus und warf ihren dunkelbraunen Zopf zurück. „Du hast mir nichts zu sagen.“

„Und ob ich das habe“, erwiderte Jake grimmig. „Wie wär‘s, wenn du jetzt aufhörst, dich wie ein verwöhntes Gör zu benehmen, und deiner Mutter erzählst, dass ich warte?“

„Ich hab dir doch schon gesagt, sie ist nicht da.“ Jetzt zitterte ihre Stimme ein bisschen. „Was fällt dir ein, dich so hereinzudrängen! Du machst mir Angst!“

Jake hatte gedacht, es würde etwas mehr dazugehören, Isobels Tochter Angst einzujagen. Aber vielleicht hatte er sich ja getäuscht. Jedenfalls wurde er plötzlich daran erinnert, dass – Emily, obwohl groß für ihr Alter und ziemlich frech, immer noch ein Kind war, und er bedauerte, dass er ihr gegenüber die Beherrschung verloren hatte.

„Ich bin der Ehemann deiner Mutter. Also, wo ist sie? Sie wusste, dass ich komme. Warum … warum ist sie nicht hier?“

Emily zog einen Schmollmund. „Sie ist bei Granny“, teilte sie ihm schließlich mit. „Ich weiß nicht, wie lang sie dort bleibt.“

„Bei deiner Großmutter?“ Jake merkte, wie erneut Wut in ihm aufflammte, und kämpfte sie entschlossen nieder. Aber er hätte wissen müssen, dass Lady Hannah ihre Hand im Spiel hatte. Sie hatte ihn noch nie gemocht, hatte die Beziehung ihrer Tochter zu ihm noch nie gebilligt. Und sie hatte bis heute noch nicht begriffen, dass sie ohne seine Hilfe längst nicht mehr jenes verfallene Gemäuer ihr Eigen nennen würde, das sie als „Familiensitz“ bezeichnete.

Jake atmete tief durch. „Du willst doch nicht etwa behaupten, dass sie in Yorkshire ist, oder?“

„Nein.“ Wieder zog sie einen Schmollmund. „Sie ist in Grannys Wohnung.“

„Gut.“ Das war wenigstens keine paar hundert Meilen entfernt. „Was macht sie dort?“, fragte er, stolz, dass seiner Stimme die Frustration nicht anzuhören war.

Emily zuckte die schmalen Schultern. Einmal mehr fiel ihm auf, wie ähnlich sie Isobel war. Natürlich hatte sie helleres Haar, aber ihre kindlichen Züge verrieten jetzt schon, dass sie eines Tages die Schönheit ihrer Mutter besitzen würde. Sie war groß und schlank, und ihre Augen hatten den gleichen leuchtenden Blauton.

„Granny hat sie zu sich kommen lassen“, antwortete sie schließlich. Und fügte hinzu: „Es geht ihr nicht sehr gut.“

Jake stieß einen Fluch aus, ehe er es verhindern konnte, aber Emily zog nur tadelnd die Brauen hoch – wie ihre Großmutter. Es war geradezu unheimlich. „Dann hast du also keine Ahnung, wann sie zurück sein wird?“

Emily zögerte. „Na ja, sie meinte, es würde nicht lang dauern“, murmelte sie widerwillig.

„Moment mal.“ Jake war gerade etwas eingefallen. „Bist du etwa ganz allein hier?“

„Was geht dich das an?“ Emily wurde wieder aufsässig. „Ich bin kein Baby mehr.“

„Das vielleicht nicht.“ Jake presste die Lippen zusammen. „Aber selbst eine Zehnjährige müsste wissen, dass man einem Fremden nicht die Tür öffnet.“

„Ich bin fast elf“, korrigierte Emily ihn verächtlich. „Aber woher sollst du das wissen. Du bist ja bloß mein Vater.“

„Ich bin nicht dein …“ Jake verstummte abrupt.

Er wollte sich nicht mit Emily über ihre Herkunft streiten. Warum hatte Isobel ihr gesagt, er sei der Vater? Er hatte dafür keine Erklärung, es sei denn, es war ihre Art, anderen die Verantwortung zuzuschieben.

„Außerdem wusste ich, dass du es bist“, setzte Emily gelangweilt hinzu. „Ich habe dich durchs Fenster gesehen.“ Sie ließ den Blick abschätzend über ihn gleiten. „Du bist ganz nass.“

Jake atmete tief durch. „Wie du siehst“, bemerkte er und sah hinunter auf seine vom Regen fleckige Jacke. „Ja, vielleicht hast du schon bemerkt, dass es regnet.“

„Du kommst wohl besser rein.“

Jake zögerte. „Hat deine Mutter dir gesagt, dass ich komme?“, fragte er, weil er plötzlich ahnte, weshalb sie aus dem Fenster geschaut hatte. Hatte Isobel ihre Tochter absichtlich allein gelassen, während sie zu Beginn der Rushhour quer durch London fuhr? Erwartete sie, dass er so lange blieb, bis sie zurückkam? Dass er Emilys Babysitter spielte?

„Kann schon sein“, antwortete Emily ausweichend, drehte sich um und ging den Flur entlang. Plötzlich blieb sie stehen und sah zu ihm zurück. „Kommst du jetzt rein oder nicht?“

Oder nicht, dachte Jake wütend, warf kurz einen Blick auf seine goldene Armbanduhr und unterdrückte einen Fluch. Es war schon nach fünf. Er hatte Marcie versprochen, sie um sechs Uhr bei ihrem Friseur in Mayfair abzuholen. Verdammt, das würde er nicht schaffen.

Er hörte, wie unten eine Tür geöffnet wurde, und spähte hoffnungsvoll über das Geländer. Aber es war nur einer der Nachbarn. Wahrscheinlich kam er gerade von der Arbeit. Jake verdrängte seinen Ärger und betrat, wenn auch nur widerwillig, das Apartment seiner Ehefrau.

Emily war in einem Raum am Ende des Korridors verschwunden. Wenn er sich recht erinnerte, war es die Küche. Er streifte seine nasse Jacke ab, schloss die Eingangstür und folgte Emily.

Wie erwartet, war sie in der Küche, wo sie gerade den Wasserkocher auffüllte und einschaltete.

„Ich nehme an, du möchtest Kaffee“, sagte sie. Ihre kühle Distanz erinnerte ihn wieder an Isobel. „Leider ist es nur löslicher. Mummy sagt, was anderes können wir uns nicht leisten.“

Jake biss die Zähne zusammen, als er seine Jacke auf einen freien Stuhl warf. Diese beiläufige Bemerkung traf ihn zutiefst. Weshalb konnten sie sich nichts anderes leisten? Er hatte Isobel im Lauf der Jahre nun wirklich genug gezahlt!

Aber das wollte er nicht mit dem Kind besprechen. Unter halb gesenkten Lidern beobachtete er, wie Emily ein paar Löffel Pulverkaffee in einen Porzellanbecher gab. Sie war diese Aufgabe offensichtlich gewohnt. Als sie ein Kännchen Milch aus dem Kühlschrank holte, warf sie einen Blick in seine Richtung.

„Nimmst du Milch und Zucker?“, erkundigte sie sich höflich.

„Ich habe nicht gesagt, dass ich etwas will“, antwortete er kurz angebunden und fügte unwirsch hinzu: „Solltest du überhaupt mit kochendem Wasser umgehen?“

„Oh, Mann!“ Emily warf ihm einen zynischen Blick zu. „Tu nicht so, als würde dich das kümmern. Außerdem kann ich Kaffee aufbrühen. Sehr gut sogar. Das mach ich schon ewig.“

„Wenn du meinst.“

„Ja, das meine ich.“ Emily stützte sich mit beiden Armen auf dem Tresen ab. „Also – was willst du?“

„Wann ist deine Mutter weggegangen?“

Emily zuckte die Schultern. „Vor Kurzem.“

„Wann vor Kurzem?“

„Weiß ich nicht.“ Sie hob die Hand und zog ihren Zopf über die Schulter. „Vor einer Stunde oder so.“

„Vor einer Stunde?“

Jake fühlte sich ein bisschen beruhigt. Seiner Schätzung nach dürfte Isobel nicht länger als eine Stunde bis nach Bayswater brauchen. Sie würde wie lange bei ihrer Mutter bleiben? Eine halbe Stunde vielleicht? Also zweieinhalb Stunden alles in allem. Was bedeutete, dass er, wie befürchtet, zu spät dran wäre, um Marcie abzuholen, aber nicht zu spät, um ihre Verabredung zum Abendessen bei den Allens einzuhalten.

„Du hast mir immer noch nicht verraten, wie du deinen Kaffee haben möchtest.“

Während er sich seine Möglichkeiten durch den Kopf hatte gehen lassen, hatte das Wasser im Kessel gekocht, und Emily hatte den Becher aufgefüllt, „Ich – so, wie er ist“, sagte er. „Danke“, fügte er hinzu, als sie ihm den Becher hinschob. „Leistest du mir nicht Gesellschaft?“

„Ich trinke keinen Kaffee“, sagte Emily und zögerte kurz, bevor sie auf das angrenzende Wohnzimmer deutete. „Wir können auch hier sitzen.“

Jake zog die Brauen hoch, nahm dann jedoch seine Jacke und seinen Kaffeebecher und folgte ihr. Sie hatte recht. Er konnte es sich genauso gut gemütlich machen. Beide wussten, er würde bleiben, bis Isobel nach Hause kam.

Das Wohnzimmer war der größte Raum. Bei ihrem Einzug hatte Isobel ihn so möbliert, dass die Einrichtung zu der hohen Decke und dem polierten Holzfußboden passte. Statt moderner Stühle und Sofas hatte sie ein Paar mahagonigerahmter Sofas und zwei hochlehnige Sessel ausgesucht, die mit burgunderrotem Samt bezogen waren. Es gab mehrere Beistelltische und eine geschnitzte Eichenvitrine, die das Hochzeitsgeschenk von ihrer Mutter enthielt: Porzellan und ein silbernes Teeservice. Ein hoher Bücherschrank, vollgestopft mit Büchern, stand neben dem großen Kamin aus Bruchsteinen, wo Isobels einziges Zugeständnis an das einundzwanzigste Jahrhundert hinter einer Glasscheibe glomm. Ein offenes Feuer wäre bei einem Kind in der Wohnung zu gefährlich gewesen, und das gasbetriebene Ersatzfeuer flackerte sehr stilecht. Lange Samtportieren hingen vor den breiten Erkerfenstern. Ihr Dunkelrot verblich allmählich zu einem gedämpften Farbton. Der riesige Teppich wirkte ein wenig fadenscheinig, und Jake fragte sich, ob Isobel diese Wahl absichtlich getroffen hatte. Bei der Summe, die er ihr monatlich zukommen ließ – und bei ihrem Job –, sollte es ihr eigentlich an nichts fehlen.

Während er sich umsah, entdeckte er jedoch überall deutliche Abnutzungserscheinungen. Die Schränke mussten dringend poliert werden, die Dielen waren zerschrammt. War Isobel damit überfordert, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen?

Aber Isobels Probleme sind nicht meine, entschied er und hängte seine Jacke über eine Stuhllehne. Er machte es sich auf einem der Sofas bequem, einen Fuß über dem Knie. Der Kaffee war zum Trinken noch zu heiß, deshalb stellte er den Becher auf den Boden neben sich.

Ich hätte es mir denken können, überlegte er, als Emily rasch den Raum durchquerte und einen Beistelltisch neben ihm platzierte. Sie stellte einen Unterteller darauf und bückte sich, um seinen Becher aufzuheben, aber er kam ihr zuvor. „Das mach ich schon“, sagte er leicht ungeduldig. „Du kannst verschwinden und deine Hausaufgaben erledigen oder was du sonst nachmittags um diese Zeit immer tust.“

Anscheinend hatte Emily nicht die Absicht, ihn allein zu lassen. „Meine Hausaufgaben kann ich auch später machen“, sagte sie und setzte sich in den Sessel am Kamin ihm gegenüber. „Ich habe Zeit genug.“

Ich aber nicht, dachte Jake trocken und blickte das Mädchen verärgert an. Sie war das Ebenbild ihrer Mutter. Die Art, wie sie dasaß, den Rücken kerzengerade, die Knie sittsam aneinandergelegt. Vielleicht war es auch das Ergebnis der Erziehung ihrer Großmutter. Die alte Dame hatte Isobel beeinflusst. Warum dann nicht auch ihre Enkelin?

Plötzlich schien ihr seine Musterung bewusst zu werden. Sie trug noch ihre Schuluniform: grauer Rock, weiße Bluse und grüne Strickjacke. Jetzt wandte sie den Blick von ihm ab und steckte einen Finger in eins der Knopflöcher ihrer Jacke. Hatte sie Angst vor ihm?

Irgendwie fühlte er sich verpflichtet, irgendetwas zu sagen. „Was ist denn nun mit deiner Grandma los?“

„Granny geht‘s nicht gut. Das hab ich dir doch schon erzählt.“

„Ja, aber was fehlt ihr? Weißt du das?“

Emily presste die Lippen zusammen. „Ich glaube … ich glaube, es hat mit ihrem Herzen zu tun“, antwortete sie endlich. Und etwas bestimmter fügte sie hinzu: „Sie hatte letztes Jahr eine Herzoperation.“

„Ach ja?“

Jake runzelte die Stirn. Isobel hatte ihm nichts davon erzählt. Aber warum hätte sie auch? Sie hatten sich in letzter Zeit ja kaum gesehen.

„Du magst Granny nicht, stimmt‘s?“, bemerkte Emily plötzlich, und Jake stockte der Atem.

„Wie bitte?“

„Du magst Granny nicht“, wiederholte sie ausdruckslos. „Sie sagt, du hast sie noch nie gemocht.“

„Ach wirklich?“ Jake spürte Ärger in sich aufsteigen. „Nun, sie muss es ja wissen.“

„Warum?“ Emily zog fragend die Brauen hoch, und Jake seufzte.

„Ich schätze, weil sie mich noch nie gemocht hat“, antwortete er nach kurzer Überlegung. Warum sollte er sich verteidigen? Das alte Mädchen hatte lange genug seinen Willen durchgesetzt. „Ich könnte mir denken, dass sie dir das nicht erzählt hat.“

„Nein.“ Emily wirkte skeptisch. „Wohnst du deshalb nicht mehr bei uns?“

„Nein!“ Jake wusste, er klang verärgert, und schlug einen anderen Ton an. „Hör mal, warum siehst du nicht ein bisschen fern oder machst sonst was? Ich muss ein paar wichtige Anrufe erledigen.“

„Was für Anrufe?“

„Telefonanrufe“, sagte Jake kurz angebunden, stand auf und holte sein Handy aus der Jackentasche. „Hast du was dagegen?“

„Nein.“ Emily schüttelte den Kopf. „Wen willst du anrufen?“

Meine Geliebte?

„Einen Freund“, erwiderte er und nahm wieder Platz. „Niemanden, den du kennst.“

„Keine Freundin?“

Emily war hartnäckig, und einmal mehr musste Jake seine Zunge hüten.

„Ist das so wichtig?“, fragte er und machte eine bedeutsame Pause. „Kannst du mich kurz allein lassen?“

„Kannst du mich bitte kurz allein lassen“, verbesserte Emily ihn. „Granny sagt, du hast kein Benehmen.“

Granny sagt viel zu viel, dachte Jake wütend. Aber er war erleichtert, als Emily aufstand und auf die Tür zuging.

„Ich werde mal nachsehen, was wir für heute Abend zu essen haben.“ Ihr Zögern war unverkennbar. „Wahrscheinlich wird es spät werden, bis Mummy zurückkommt.“

Jake unterdrückte einen gereizten Kommentar. Außerdem hatte Emily den Raum schon verlassen.

Marcie war alles andere als erfreut, als er sich bei ihr meldete. „Sag bloß nicht“, meinte sie, „dass du zu spät kommst. Ehrlich, Jake, du hast versprochen, es würde nicht lange dauern.“

Jake seufzte. Er konnte die Geräusche aus dem Frisiersalon im Hintergrund hören: das konstante Stimmengemurmel, das Brummen der Haartrockner, die leise Musikberieselung, die die Kundinnen entspannen sollte.

„Es gibt ein Problem“, sagte er und hoffte, sie konnte ihn hören. „Isobel ist nicht hier.“

„Sie ist nicht da?“ Offensichtlich verstand sie ihn ausgezeichnet. „Und wo liegt das Problem? Dann siehst du sie eben ein andermal.“

„Nein, das geht nicht. Das heißt …“ Es würde nicht leicht sein, Marcie zu überzeugen, dass er bleiben musste. „Emily ist hier.“

„Das Kind?“

„Isobels Tochter, ja.“ Jake missfiel Marcies geringschätziger Tonfall. „Sie ist allein.“

„Na und?“

„Ich muss hier bleiben, bis ihre Mutter zurück ist. Du bestellst dir besser ein Taxi und lässt dich nach Hause fahren.“

„Nein!“ Marcie klang wütend. „Jake, weißt du überhaupt, wie schwierig es ist, abends um diese Zeit ein Taxi zu bekommen?“

Jake seufzte. „Tut mir leid, aber ich kann es nicht ändern.“

„Doch, das kannst du“, versetzte sie ärgerlich. „Du kannst den Bastard deiner Frau allein lassen, hierher kommen und mich abholen, so, wie du es versprochen hast.“

„Sprich nicht so von ihr!“, verlangte er. „Du meine Güte, Marcie, es ist nicht ihre Schuld, dass Isobel zu ihrer Mutter gefahren ist.“

„Und meine auch nicht“, konterte Marcie grimmig. „Komm schon, Jake, sie probiert mal wieder, wie weit sie es treiben kann. Wahrscheinlich hat sie sich schon gedacht, wie du reagieren würdest, wenn du Emily allein antriffst.“

„Sie hatte keine Wahl.“ Jake fragte sich, weshalb er seine Ehefrau vor seiner Freundin verteidigte. „Die alte Dame ist krank, so, wie es aussieht. Das Herz, vermutlich.“

„Und mir blutet das Herz.“ Marcie schnaufte verächtlich. Dann aber, so als hätte sie gemerkt, wie mitleidlos sie geklungen hatte, atmete sie tief durch. „Okay“, sagte sie und fügte sich in ihr Schicksal. „Ich nehme mir ein Taxi nach Hause. Und du holst mich ab – wann? In eineinhalb Stunden?“

„So in etwa“, stimmte Jake zu und warf einen Blick auf die Uhr. Isobel würde bestimmt gegen halb sechs zurück sein.

„Du hast nicht vergessen, dass wir heute Abend ausgehen, oder, Jake?“ Marcie war der zweifelnde Unterton in seiner Stimme nicht entgangen. „Du brauchst mindestens eine Stunde, um dich zu duschen und umzuziehen.“

„Das ist mir klar.“ Langsam wusste er nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. „Lass mich jetzt in Ruhe, Marcie, ja? Ich werde da sein.“

„Oh Jake.“ Marcie seufzte. „Tut mir leid, wenn ich mich wie ein Drachen angehört habe. Es ist nur, ich freue mich so sehr auf diesen Abend. Und ich habe nicht den halben Tag im Schönheitssalon verbracht, damit – nun ja, Isobel mir diesen Abend verdirbt.“

„Das wird sie nicht. Ich verspreche es dir.“ Hoffentlich gab er da keine Versprechungen, die er nicht halten konnte. „Jetzt muss ich Schluss machen. Wir sehen uns später.“

Er gab ihre keine Gelegenheit mehr, weiterzudiskutieren. Aus dem Augenwinkel hatte er Emily bemerkt, die unmittelbar hinter der Küchentür herumschlich. Und er hatte nicht die Absicht, ihr pikante Details fürs Gerede mit ihrer Mutter zu liefern.

Sobald er das Handy ausgeschaltet hatte, tauchte sie auf. „Fertig?“, fragte sie, und er nickte. Natürlich war er nicht so naiv, sich einzubilden, sie habe nicht die ganze Zeit zugehört.

Aber jetzt war es zu spät, daran noch etwas zu ändern. Er nahm seinen Kaffeebecher und trank dankbar einen Schluck. Zum Glück war er jetzt kalt genug und überraschend gut außerdem. Sie hatte eindeutig nicht übertrieben, als sie sagte, sie würde nicht zum ersten Mal Kaffee aufbrühen.

„Möchtest du noch welchen?“, fragte sie, als er den leeren Becher abstellte, doch Jake lehnte ab.

„Nicht jetzt gleich“, sagte er und beobachtete sie seltsam kritisch, als sie sich umdrehte, um den Becher in die Küche zu bringen.

In ihrer Schuluniform sah sie aus wie die übrigen hundert Mädchen der Lady-Stafford-Mittelschule. Dennoch hätte Jake sie mühelos inmitten einer großen Menschenmenge entdeckt. Obwohl er sie in den letzten zehn Jahren nur ein paar Mal gesehen hatte, hätte er sie überall erkannt.

Verdammt, sie war nicht seine Tochter. War es nie gewesen. Und wäre Isobel nicht so versessen darauf gewesen, sie anzulügen, hätten er und das Mädchen eine freundschaftliche Beziehung aufbauen können. Jetzt hasste Emily ihn, und er hegte eine instinktive Abneigung gegen sie.

Dann kam sie zurück und setzte sich wieder ihm gegenüber.

„Nun, was machst du so in deiner Freizeit?“, fragte er in freundlichem Ton. „Hast du einen Computer?“

„Natürlich. Den hat doch jeder“, erwiderte sie bissig.

Jake versuchte es noch einmal. „Und wie steht‘s mit Computerspielen? Darin bin ich ziemlich gut.“

„Du spielst Computerspiele?“

Es klang verächtlich, und Jake spürte Ärger in sich aufsteigen. Anscheinend hatte sich Isobel sehr genau überlegt, welche Informationen sie ihrer Tochter gab. Es würde ihm eine Freude sein, ihr den Spaß zu verderben.

„Ich erfinde sie“, sagte er wie nebenbei. „Unter anderem. Hat deine Mutter es dir nicht erzählt?“

„Nein.“ Neugierde blitzte in ihren Augen auf. „Welche Spiele hast du erfunden?“

Jake runzelte die Stirn und gab vor nachzudenken. „Lass mich mal überlegen … Hast du schon von Moonraider gehört? Space Spirals? Black Knights?

Emily klappte der Unterkiefer herunter. „Du hast Black Knights erfunden?“, rief sie verblüfft aus. „Das glaube ich nicht.“

Jake zuckte die Schultern. „Dann hast du es also schon gespielt?“

„Ja. Ja.“ Emily warf einen Blick über die Schulter. „Mummy hat mir zu Weihnachten eine Dreambox gekauft.“

Jake verzog anerkennend das Gesicht. „Das war eine gute Idee von ihr.“

„Wieso? Oh Gott!“ Emily presste beide Hände an die Wangen. „Hast du auch Dreambox erfunden?“

Dreambox gehört mir“, sagte Jake lächelnd. „Und ich glaube nicht, dass es deiner Mutter gefallen würde, wenn du – ‚Oh Gott‘ sagst, oder?“

„Granny würde mich bei Pater Joseph melden“, gab sie ihm recht. „Wahrscheinlich müsste ich dann hundertmal das Ave Maria beten, weil ich den Namen des Herrn ohne Not ausgesprochen habe. Trotzdem …“ Sie sah ihn beinahe andächtig an. „Dir gehört Dreambox! Das finde ich cool!“

Es überraschte Jake, wie sehr Emilys Reaktion ihm schmeichelte. Sie war nur ein Kind, aber die Bewunderung in ihrem Blick tat ihm gut. Es gefiel ihm tatsächlich, dass sie ihn gut fand. Am liebsten wäre er losgegangen und hätte ihr alle Spiele gekauft, die er bis jetzt auf den Markt gebracht hatte.

„Hättest du Lust, Black Knights mit mir zu spielen?“, schlug sie plötzlich vor. „Nur so lange, bis Mummy zurück ist, meine ich. Dann hätten wir etwas zu tun.“

Jake zögerte. Er hatte das Gefühl, dass Isobel nicht damit einverstanden wäre, wie sich die Dinge entwickelten. Okay, vielleicht hatte sie die verrückte Idee gehabt, er könnte seine Einstellung ihr gegenüber ändern, wenn sie ihn und Emily zusammenführte.

Zum Teufel damit!

Er sah in das erwartungsvolle Gesicht des Mädchens und machte eine zustimmende Geste. „Warum nicht?“ Er stand auf. „Wo ist dein Computer? In deinem Zimmer?“

Einige Zeit später, als Jakes Handy zu klingeln begann, stellte er erschrocken fest, dass es beinahe sieben Uhr war. Er war so vertieft gewesen in das Spiel, das Emily, wie er festgestellt hatte, außergewöhnlich gut beherrschte, dass er dabei die Zeit völlig vergessen hatte. Während er Hexen und Kobolden auswich, über Spalten hinwegsprang, in denen Drachen lauerten, während er über Hindernisse lachte, die einer lebhaften Fantasie entsprungen waren, hatte er erkannt, wie viel Spaß es machte, mit jemandem zu spielen, der ihn wirklich zu schlagen versuchte. Abgesehen von seinem stellvertretenden Geschäftsführer bei McCabe Tectonics wollten seine übrigen Angestellten eher seine Anerkennung als das Spiel gewinnen.

Er entschuldigte sich kurz bei Emily, ging zurück ins Wohnzimmer, wo er sein Handy gelassen hatte, und blickte mit einem unguten Gefühl auf das Display. Wie erwartet, wurde Marcies Nummer angezeigt, und Marcie war alles andere als erfreut.

„Wo steckst du?“, fragte sie. „Ich dachte, du wolltest mich um sieben Uhr abholen?“

„Sieben Uhr dreißig“, verbesserte er sie, und fragte sich, weshalb. Selbst wenn er sich jetzt gleich auf den Weg machte, würde er es nicht schaffen.

„Okay, dann halb acht“, stimmte sie gereizt zu. „Nun, bist du unterwegs? Ich weiß, dass du nicht zu Hause bist. Dort habe ich es schon versucht.“

Richtig.

Jake seufzte tief, und während er das tat, hörte er, wie Isobel den Schlüssel ins Schloss steckte.

Ja, es muss Isobel sein, dachte er düster, denn einen ungünstigeren Zeitpunkt für ihre Rückkehr hätte sie sich nicht aussuchen können. Da stand er nun, versuchte, seine Freundin zu beschwichtigen, und hatte seine Ehefrau als unfreiwillige Zuhörerin.

2. KAPITEL

Genau in diesem Moment kam auch Emily in den Raum. Sie hatte Isobel gehört und eilte ungeduldig quer durch das Wohnzimmer auf sie zu.

„Daddy und ich haben Computerspiele gespielt“, rief sie zur Begrüßung, und Jake hatte nicht mehr die Zeit, die Sprechmuschel seines Handys zu bedecken, bevor Marcie es mitbekam.

Daddy und ich?“, stieß sie verärgert hervor. „Was geht da vor, Jake? Ich dachte, du sagtest, du seist nicht der Vater des Kindes.“

„Das bin ich auch nicht.“

Mehr wagte Jake nicht zu sagen, da seine Ehefrau ihn von der Flurtür aus beobachtete. Verflixt, da war er ja in eine schöne Situation geraten. Egal, was er jetzt auch äußerte, irgendjemanden würde er unweigerlich kränken.

„Jake.“ Isobel war so weit ganz höflich, aber er bemerkte ihre angespannten Züge. „Gut, dass du geblieben bist.“

Ja, richtig.

Jake verkniff sich eine spöttische Antwort und nickte ihr nur kurz zu, als Marcie wieder zu sprechen begann. „Ist Isobel da?“, fragte sie. „Jake …“

„Ich muss jetzt Schluss machen“, unterbrach er sie, wohl wissend, dass er sich damit Ärger für später einhandelte. „Nimm dir ein Taxi ins Hotel, ja? Ich treffe dich dort, sobald ich kann.“

„Jake …“

„Tu, was ich dir gesagt habe“, befahl er angespannt und verspürte kurz Schuldgefühle, als sie ohne ein Wort auflegte.

Als er sein Handy zuklappte, merkte er, dass Isobel ihn noch immer beobachtete. „Es tut mir leid, wenn wir deine Dinnerpläne für heute Abend durcheinandergebracht haben“, meinte sie steif. „Ich habe mich sehr beeilt, aber meiner Mutter geht es nicht gut.“

„Das tut mir leid.“

Es war seine Standardantwort, und sie belächelte sie ironisch. „Ja, aber das ist auch nicht dein Problem.“ Ihre Züge wurden weich, als sie Emily ansah. „Du warst hoffentlich ein braves Mädchen.“

Emily schnitt ein Gesicht. „Ich bin kein Baby, Mummy. Daddy und ich haben Black Knights gespielt.“ Sie strahlte übers ganze Gesicht. „Ihm gehört Dreambox. Hast du das gewusst?“

Isobel presste die Lippen zusammen. „Ja. Er ist sehr klug“, erwiderte sie trocken, knöpfte ihren marineblauen Mantel auf und wickelte sich den Seidenschal vom Hals. „Nun, wie wär’s, wenn du mir einen Tee machen würdest, Em? Ich denke …“, fragend blickte sie Jake an, „… ich denke, wir müssen reden.“

Emily seufzte. „Muss ich das tun?“

„Em!“

„Oh, ist schon in Ordnung.“

Emily stolzierte aus dem Zimmer, und Isobel zog sich den Mantel aus. Darunter trug sie eine cremefarbene Seidenbluse und einen marineblauen Rock, der etwa eine Handbreit über dem Knie endete, was Jake allerdings kaum bemerkte. Ihn beunruhigte vielmehr, wie schlank sie geworden war. Unter dem dünnen Stoff ihrer Bluse zeichneten sich deutlich ihre Schlüsselbeine ab.

Trotzdem ist sie immer noch eine Schönheit. Das blasse ovale Gesicht wurde von ebenholzschwarzem Haar umrahmt, das sie in der Mitte gescheitelt und im Nacken zu einem lockeren Chignon zusammengefasst hatte. Leuchtende blaue Augen und hohe Wangenknochen betonten den sinnlichen Mund, und mit ihrer zarten, hellen Haut erinnerte sie an eine Madonna.

Aber sie war keine Heilige. Das wusste Jake. Isobel war – und das schon immer – eine leidenschaftliche Frau, und obwohl er sie für die Art verachtete, wie sie ihn behandelt hatte, bewunderte er sie nach wie vor für ihre Anmut und Eleganz.

Jetzt jedoch war er von ihrer äußeren Erscheinung betroffen, und während ihm noch Emilys Bemerkungen in den Ohren klangen, sagte er unvermittelt: „Verheimlichst du mir etwas?“

Isobel faltete ihren Mantel sorgfältig zusammen und legte ihn über einen Stuhl. „Ich weiß nicht, was du meinst.“ Sie wich seinem Blick aus. Dann straffte sie sich. „Tut mir leid, dass du warten musstest, aber es ging nicht anders. Mama rief an und …“

Ihre Stimme verlor sich, und Jake presste die Lippen zusammen. „Und du konntest sie nicht im Stich lassen“, bemerkte er spöttisch. „Erzähl mir was Neues.“

„Du verstehst das nicht. Sie ist äußerst … anfällig … seit, nun, in den letzten Monaten.“

„Seit ihrer Operation, meinst du?“ Jake schaute sie misstrauisch an. „Emily hat mir davon erzählt.“

„Aha!“ Isobel zögerte. „Dann weißt du wohl auch, dass Bypass-Operationen bei älteren Menschen zu Komplikationen führen können.“

„Das war‘s also.“ Jake nickte. „Ich wusste es nicht.“

Isobel runzelte die Stirn. „Aber du sagtest doch, Emily …“

„Sie hat sich nur sehr vage geäußert.“ Er zuckte die Schultern und sah sich um. „Warum setzt du dich nicht? Du siehst müde aus.“

„Vielen Dank.“

Es war wohl kaum ein Kompliment, aber Isobel war froh, seinem Rat zu folgen. Sie war müde. Mehr als das. Sie war erschöpft. Seit Wochen schon. Seit Monaten.

Seit sie erfahren hatte, dass ihr Ehemann ein Verhältnis mit Marcie Duncan hatte.

Natürlich hatte er auch schon vorher Affären gehabt. Mehrere im Laufe der Jahre, und jede einzelne hatte sie durchlitten. Seine Beziehung zu Marcie war jedoch etwas anderes. Einerseits bestand sie schon so viel länger als die übrigen, andererseits hatte eine Freundin ihr berichtet, Marcie erzähle jedem, dass Jake sie heiraten würde.

Nur dass er noch mit Isobel verheiratet war.

Sie atmete zittrig aus und setzte sich auf das Sofa, das der Tür am nächsten stand. Als Jake es sich dann in dem Sessel ihr gegenüber bequem machte, rang sie sich ein förmliches Lächeln ab.

Aber es fiel ihr schwer. Verdammt schwer, dachte sie in einem plötzlichen Anflug von Ärger. Es war niemals leicht, dem Mann gegenüberzusitzen, den man einmal mehr als sein Leben zu lieben geglaubt hatte. Und es gefiel ihr nicht, dass er hier hereinschneien und so tun konnte, als wären sie beide niemals etwas anderes als flüchtige Bekannte gewesen.

Er sieht so verdammt entspannt aus, überlegte Isobel. In der legeren Freizeitkleidung, die er zur Arbeit trug – was ihre Mutter bei einem Mann in seiner Position schon immer missbilligt hatte –, wirkte er völlig unbefangen, und das ärgerte sie.

Ein schwarzes T-Shirt umspannte seine breiten Schultern und betonte seine ausgeprägten Muskeln. Anscheinend hatte er kein Gramm Fett zu viel, und die enge Lederhose brachte seine schmalen Hüften und die langen, muskulösen Beine perfekt zur Geltung. Eine Lederjacke, der man noch ansah, dass es bei seiner Ankunft geregnet hatte, hing über der Sessellehne. Er hatte einen Fuß lässig aufs Knie gelegt.

Er ist nicht hübsch, sagte sie sich, um sich nicht einzugestehen, dass er mit seinen markanten Zügen mehr als gut aussah. Seine Haut war eher dunkel, sein Haar blond, mit bernsteinfarbenen Strähnen, seine grünen Augen erinnerten an irische Vorfahren.

„Wartest du schon lange?“, erkundigte sie sich endlich.

Jake betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. „Was glaubst du wohl? Wir waren für fünf Uhr verabredet, richtig?“

Isobel seufzte. „Müssen wir Termine vereinbaren? Schließlich haben wir kein Geschäftstreffen, oder?“

Jake ignorierte die Bemerkung „Ich nehme an, du weißt, weshalb ich hier bin.“

Ein Schauer rieselte ihr über den Rücken. „So?“ Sie wollte es ihm nicht leicht machen. „Vermute ich richtig, dass du dich endlich entschlossen hast, deine Tochter als solche anzuerkennen?“

„Nein!“ Mit seiner scheinbaren Gelassenheit war es vorbei. Er beugte sich in seinem Sessel vor und stützte die Ellbogen auf die gespreizten Schenkel. „Mit dieser erfundenen Geschichte haben wir uns schon vor einiger Zeit befasst, und du wirst mich jetzt nicht umstimmen. Ich bin hier, weil es höchste Zeit ist, dieser lächerlichen Episode ein Ende zu machen …“

„Was gibt’s zum Abendessen, Mummy?“

Isobel wusste nicht, ob Emily ihr Gespräch mit angehört hatte oder nicht. Wie auch immer, Emilys Auftauchen lenkte sie ab und brachte Jake aus dem Konzept.

Er fluchte laut, und Isobel warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Tochter richtete.

„Hast du den Tee gemacht?“, fragte sie. „Wir können uns später überlegen, was wir zu Abend essen.“

„Bleibt Daddy zum Dinner?“

Emily war äußerst beharrlich, und Isobel war versucht zu lächeln. „Das bezweifle ich“, sagte sie. „Und jetzt bring den Tee, Schätzchen. Danach kannst du dir dein Bad einlaufen lassen.“

„Oh, muss das sein?“

„Tu, was deine Mutter dir sagt“, befahl Jake in barschem Ton, und Emilys Ausdruck wechselte von milder Enttäuschung zu kalter Wut.

„Sag du mir nicht, was ich tun soll, du … du Frauenheld!“, rief sie wütend aus, und Isobel hätte nicht sagen können, wer von ihnen darüber am erstauntesten war.

So wie Emily sich verhalten hatte, als sie nach Hause gekommen war, hatte Isobel gehofft, die beiden hätten sich irgendwie angefreundet. Sie hätte es besser wissen müssen.

Wie erwartet, erholte Jake sich als Erster. „Du kleines Ungeheuer!“, fuhr er sie an. „Wie kannst du es wagen, mich Frauenheld zu nennen?“

„Weil du es bist“, erklärte Emily, die nicht bereit war nachzugeben.

„Ich möchte wetten, das hast du von deiner Großmutter gehört, stimmt’s?“, fragte er wütend. „Diese alte …“

„In der Schule habe ich es gehört“, widersprach Emily etwas kleinlaut. „Das erzählen sich die älteren Mädchen von dir. Sie lachen über dich. Sie sagen, du hattest jede Menge Freundinnen und dass du dich kein bisschen um Mummy und mich kümmerst.“

Isobel wusste nicht, wohin sie schauen sollte. Offensichtlich war ihr Ehemann schockiert, aber sie durfte Emily diese Frechheit nicht durchgehen lassen, mochte sie noch so berechtigt sein.

„Ich finde, du solltest dich bei deinem Vater entschuldigen, Emily“, sagte sie ruhig.

„Was die Leute über mich reden, ist mir egal“, erwiderte Jake grimmig. Aber sein Ton verriet Isobel, dass es ganz und gar nicht so war. Schließlich war Jake kein gefühlloser Mensch, und Emilys Vorwürfe klangen durchaus glaubhaft. „Deine Mutter weiß, dass ihr beide unter meinem Verhalten nicht zu leiden habt.“

„Aber das tun wir“, murmelte Emily unter Tränen. „Warum können wir keine richtige Familie sein? Warum kannst du nicht bei uns wohnen wie jeder andere richtige Vater?“

„Emily …“ Isobel versuchte verzweifelt, dem Ganzen ein Ende zu machen, aber Jake war noch nicht fertig.

„Weil ich nicht dein Vater bin“, versetzte er wütend, und Isobel schloss die Augen, als Emily blass wurde und nun vollends in Tränen ausbrach.

„Das bist du“, protestierte sie. Isobel stand auf und ging auf sie zu, doch zu spät. „Ich weiß, dass du es bist“, behauptete sie beharrlich. „Mummy sagt das. Und Mummy erzählt keine Lügen.“

„Ich auch nicht.“ Jake hatte sich ebenfalls erhoben. „Um Himmels willen, Emily …“

„Ich will nichts mehr von dir hören.“ Emily hielt sich die Ohren zu und sah ihn unter tränennassen Wimpern an. „Ich bin deine Tochter. Du weißt, dass ich es bin.“ Verzweifelt wandte sie sich Isobel zu. „Sag es ihm, Mummy. Sag ihm, dass ich das bin. Er muss dir glauben. Gerade heute.“

Isobel legte ihrer Tochter einen Arm um die Schultern.

„Was meinst du damit?“, fragte er argwöhnisch. „Weshalb gerade heute?“

„Wegen des Spiels“, sagte Emily zaghaft. „Wegen Black Knights. Du hast es selbst gesagt. Du hast gesagt, ich wäre genau wie du. Ich würde spielen, um zu gewinnen.“

Erst eine gute Dreiviertelstunde später kam Isobel zurück ins Wohnzimmer, wo Jake wie ein Tiger im Käfig unruhig hin und her lief. Sobald sie an der Tür auftauchte, richtete er den Blick auf sie. Die tiefen Linien um seinen Mund verrieten, dass er schwere Kämpfe mit sich selbst ausgefochten hatte.

„Wie geht es Emily?“, fragte er und blieb vor dem Kamin stehen.

„Was glaubst du wohl?“ Isobel stand nicht der Sinn danach, ihn zu beruhigen, auch wenn es nicht allein seine Schuld gewesen war, dass Emily sich so aufgeregt hatte. „Sie schläft jetzt. Endlich. Sie war ganz erschöpft.“ Sie machte eine Pause. „Es überrascht mich, dass du noch da bist.“

„Wo sollte ich sonst sein?“

„Oh, schon gut. Wir hatten unser Gespräch ja noch nicht beendet.“

„Das ist nicht der Grund, weshalb ich geblieben bin.“

„Nein?“ Isobel sah kurz auf die Uhr. Es war nach halb acht. „Du meine Güte, schon so spät?“

„Du hast noch nicht mal deinen Tee bekommen“, stellte Jake fest und fügte hinzu: „Ich könnte selbst einen gebrauchen. Was hältst du davon, wenn ich uns beiden eine Tasse mache?“

„Das kann ich erledigen.“ Dass Jake glaubte, er müsse sie versorgen, wäre das Letzte, was sie sich wünschte. „Ich nehme an, du würdest lieber etwas Stärkeres als Tee trinken? Leider habe ich nur Sherry hier.“

„Kein Bier?“

„Ich mag kein Bier“, sagte Isobel steif. „Und ich kann es mir nicht lei… Ich meine, wir haben keine Verwendung für scharfe Sachen.“

Jake presste nun die Lippen zusammen. Vermutlich weiß er genau, was ich anfangs hatte sagen wollen, dachte Isobel. Schon bereitete sie sich auf eine Diskussion vor, doch dann sagte er nur: „Und wie steht’s mit Cola? Die trinkt Emily doch sicher?“

„Cola light“, stimmte Isobel zu und ging in Richtung Küche. „Wir müssten noch welche im Kühlschrank haben.“

Jake folgte ihr, die Hände in den Gesäßtaschen, das Haar zerzaust. Trotzdem sah er attraktiv aus wie immer, und Isobel dachte, wie ungerecht es doch sei, dass dieser Mann nach wie vor eine solche Wirkung auf sie ausübte.

Aber es war gefährlich, jetzt daran zu denken. Sie beschäftigte sich damit, eine Dose Cola aus dem Kühlschrank zu nehmen und sie zusammen mit einem Glas vor Jake auf den Tisch zu stellen. Dann schaltete sie den Wasserkessel ein und schüttete den Tee fort, den Emily vorher aufgebrüht hatte.

Jake rührte das Glas nicht an. Er zog die Lasche hoch und trank direkt aus der Dose. Dabei hatte er den Kopf zurückgelegt, während er die gekühlte Flüssigkeit schluckte.

Isobel ertappte sich nun dabei, wie sie ihn beobachtete, und wandte rasch den Blick ab. Er kam ihr tiefer gebräunt als sonst vor, und sie fragte sich, wo er dieses Jahr wohl seinen Winterurlaub verbracht haben mochte. Dann fiel es ihr wieder ein. In einer der Boulevardzeitungen war ein Artikel erschienen. Man hatte das ehemalige Starmodel Marcie Duncan mit seiner letzten Eroberung, dem Computermillionär Jake McCabe, beim Urlaub auf den Seychellen aufgespürt.

Auch Fotos hatte man veröffentlicht, die aber hatte Isobel sich nicht angesehen. Wahrscheinlich hätte sie den ganzen Artikel gar nicht bemerkt, wenn Lady Hannah ihn nicht extra für sie aufgehoben hätte. Sie zuckte zusammen. Manchmal wusste sie wirklich nicht, ob ihre Mutter stets das Beste für sie im Sinn hatte oder einfach ein perverses Vergnügen daran fand, ihr zu beweisen, dass sie immer im Recht war.

„Danke.“

Während sie vor sich hingeträumt hatte, hatte Jake die Dose geleert. Jetzt drückte er sie in der Faust zusammen, bevor er sie in den Schwingeimer neben der Spüle warf.

„Möchtest du noch eine?“, fragte Isobel, froh, dass das Wasser kochte und sie sich mit dem Tee beschäftigen konnte.

„Nicht sofort.“ Er wich unruhig zur Seite, als sie Milch in eine Tasse gab und sie mit Tee aus der Kanne auffüllte. „Ich sollte dich wohl um Entschuldigung bitten.“

Isobel versuchte, sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen. Sie warf ihm einen unsicheren Blick zu und ging zurück ins Wohnzimmer. „Wenn du meinst“, sagte sie schließlich, setzte sich wieder auf ihren Platz auf dem Sofa und nippte am Tee. „Hm, das habe ich jetzt gebraucht.“

Sie wusste, dass Jake hinter ihr an der Tür stand, und wünschte, sie könnte sein Gesicht sehen. Oder vielleicht besser doch nicht. Denn sie hatte noch nie ihre Gefühle vor ihm verbergen können.

Als ihre Nerven bis zum Zerreißen gespannt waren, kam er herein. Doch anstatt sich wie zuvor in den Sessel ihr gegenüber zu setzen, ließ er sich neben ihr auf dem Sofa nieder.

„Es ist mein Ernst“, erklärte er. „Ich wollte nicht so damit herausplatzen. Aber, verdammt, Belle, ich dachte, sie wüsste es.“

Isobel nahm all ihren Mut zusammen und schaute Jake an. „Sie wüsste was?“, fragte sie, obwohl sie genau wusste, was er meinte.

„Dass ich nicht ihr Vater bin“, erwiderte er unwirsch. „Wenn du es unbedingt noch einmal von mir hören musst.“

Isobel zog die dunklen Brauen hoch. „Aber du bist ihr Vater“, behauptete sie wie schon so oft zuvor. „Du willst es nur nicht wahrhaben.“

„Da hast du verdammt recht.“ Er wirkte verärgert. „Um Himmels willen, Isobel, wie lange willst du noch auf dieser Lügengeschichte herumreiten?“

Isobel stellte ihren Becher auf den Beistelltisch. „So lange wie nötig, vermutlich.“ Sie war selbst überrascht, wie ruhig sie trotz des Aufruhrs in ihrem Innern klang. Dann, als sie merkte, dass sie den Augenblick nicht länger hinauszögern konnte, zuckte sie die Schultern und fragte: „Warum erzählst du mir nicht, weshalb du mich treffen wolltest?“

Jake sah sie eindringlich an. „Hältst du es für richtig, falsche Erwartungen in Emily zu wecken?“, fragte er, ohne auf ihre Frage einzugehen, und Isobel seufzte.

„Du meinst, weil ihr Vater sich weigert, sie anzuerkennen?“

„Verdammt, sie ist nicht mein Kind.“

„Doch, das ist sie.“

„Wie kannst du das behaupten? Wo du und Piers Mallory damals eine Affäre hattet?“

„Wir hatten keine Affäre.“

„Du hast mit ihm geschlafen.“

„Ich war im Bett mit ihm“, sagte sie, verärgert, weil ihre Stimme bebte. „Aber nicht freiwillig.“

Jake stieß einen verächtlichen Laut aus. „Oh, natürlich. Dann hat er dich also vergewaltigt?“

„Nein.“ Isobel nahm ihren Becher auf, um ihre kalten Hände daran zu wärmen. „Aber ich hatte getrunken. Ich kann mich an nichts mehr erinnern.“

Fluchend stand Jake auf und begann, unruhig auf dem Teppich auf und ab zu gehen. Seine kräftige Gestalt warf einen langen Schatten über den Kamin. Isobel wandte sich um und blickte in die Flammen des Gasofens, um nicht Jake anzusehen. Dabei konnte sie der Versuchung kaum widerstehen.

„Er war mein Freund“, flüsterte Jake rau.

„Ja, ich weiß. Das war ja das Problem. Du konntest einfach nicht glauben, dass dein Freund so … so …“

„Unglaubwürdig war?“, schlug Jake wütend vor, aber Isobel schüttelte den Kopf.

„So verachtenswert“, verbesserte sie ihn und sah ihn vorwurfsvoll an. „Daraufhin hast du beschlossen, dass Emily unmöglich deine Tochter sein kann. Dass sie seine Tochter sein muss.“

„Darüber will ich nicht reden.“

„Das glaub ich dir gern.“

„Um Himmels willen, Belle, sei ein einziges Mal in deinem Leben ehrlich!“ Jake blieb vor ihr stehen, und sie wandte den Blick ab. „Wir waren drei Jahre lang verheiratet, und du bist nicht schwanger geworden. Willst du mir etwa erzählen, dass wir plötzlich Glück hatten? Das glaube ich nicht.“

„Wir hatten versucht, eine Schwangerschaft zu verhindern“, schrie sie ihn an. „Das weißt du.“

„Aber Unfälle passieren. Das ist es doch, was du mir sagen willst, oder?“

Isobel stöhnte. „Also, worauf willst du hinaus?“, fragte sie und machte eine resignierte Geste. „Dass Piers Mallory so … so sehr Macho sei, dass eine einzige Nacht mit ihm genügt hätte?“

„Wenn es nur eine einzige Nacht war“, versetzte Jake barsch. „Und dazu habe ich nur deine Aussage.“

Jetzt konnte Isobel nicht länger ruhig sitzen. Am ganzen Körper heftig zitternd, stand sie auf, stieß Jake beiseite und entfernte sich vom Sofa. Natürlich hatte er nur ihr Wort. Piers würde niemals zugeben, was er getan hatte. Niemals.

„Wie auch immer, als du schwanger wurdest, kamen Beleidigung und Kränkung zusammen“, sagte Jake, und es klang leicht verbittert. „Wie konntest du das tun, Belle? Wie konntest du mit meinem besten Freund ein Verhältnis anfangen? Du wusstest, wie nahe mir das ging. Piers und ich waren Freunde seit unserer Zeit am College.“

Isobel klammerte sich an die Rückenlehne eines Sessels, während sie darum kämpfte, die Beherrschung nicht zu verlieren. „Piers war niemals dein Freund, Jake“, sagte sie und überhörte geflissentlich sein spöttisches Lachen. „Nein. Er war eifersüchtig und neidisch auf dich und dein Leben. Und er hätte alles getan, um uns auseinander zu bringen.“

„Das ist völliger Unsinn“, bemerkte Jake bissig. „Ich verstehe nicht, warum du immer wieder dieselbe alte Geschichte, dieselben alten Lügen wiederholst. Als hätte ich sie nicht schon hundertmal gehört.“

Isobel hob den Kopf. „Hoffentlich kommst du eines Tages endlich zur Vernunft und glaubst mir“, erwiderte sie heiser. „Und ziehst zumindest in Betracht, dass Emily deine Tochter sein könnte.“

„Sie ist nicht meine Tochter“, erklärte Jake geradeheraus. „Sie hat nichts mit mir gemeinsam.“

„Sie hat auch nichts mit Piers Mallory gemeinsam“, entgegnete Isobel, und die schon so vertraute Hoffnungslosigkeit machte sich in ihr breit. „Du liebe Zeit, Jake, wann habe ich dich jemals angelogen?“

„Als du mir beteuertest, du hättest niemals mit Piers geschlafen“, antwortete Jake prompt. „Du warst ganz schön überzeugend damals.“

„Weil es die Wahrheit ist.“

„Aber du bestreitest nicht, dass er Sex mit dir hatte, als ich euch beide erwischt habe?“

Isobel ließ die Schultern hängen. „Er hat es versucht, ja.“

„Richtig.“ Er sah sie verächtlich an. „Weshalb behauptest du dann beharrlich, du hättest niemals Sex mit ihm gehabt?“

Isobel schüttelte den Kopf. „Weil ich es nicht glaube. Jedenfalls hatte ich – Angst.“

„Angst vor mir?“

„Angst vor dem, was geschehen könnte, wenn du glaubtest, ich sei untreu gewesen.“ Sie stöhnte verzweifelt. „Ich wusste, wie du reagieren würdest.“

Jake schüttelte müde den Kopf. „Dabei hast du behauptet, du könntest ihn nicht einmal leiden.“

„So war es auch.“

„Es ist spät geworden“, meinte Jake plötzlich. „Und du bist müde. Ich gehe jetzt besser.“

Isobel schaute ihn an. „Aber wir haben noch nicht alles besprochen.“

„Nein. Nicht alles, was von Bedeutung ist.“ Er zögerte. „Ich komme ein andermal wieder. Wenn ich mehr Zeit habe und du nicht so erschöpft bist.“

Isobel schnitt ein Gesicht. „Du verstehst es wirklich, einer Frau Komplimente zu machen, Jake. Ich hatte ganz vergessen, wie charmant du sein kannst.“

„Und du musst mir nicht schmeicheln, Isobel.“ Jake zog schwungvoll seine Jacke von der Sessellehne und streifte sie sich über. Dann fügte er beinahe widerwillig hinzu: „Du weißt, wie verdammt attraktiv du bist. Das hast du schon immer gewusst. Vermutlich fiel es mir deshalb so schwer, dir zu vertrauen. Ich wusste, es wäre nur eine Frage der Zeit, bis du einen anderen Kerl finden würdest, der ein bisschen Aufregung in unsere Ehe bringt.“

3. KAPITEL

Gegen acht Uhr am nächsten Morgen saß Jake an seinem Schreibtisch.

Er hätte schon viel früher da sein können. Er war nicht im Bett gewesen. Die meiste Zeit hatte er damit verbracht, sich durch die Kanäle des viel zu riesigen Digitalfernsehers zu zappen, den er – wäre es nach Marcie gegangen – in seinem Schlafzimmer hätte aufstellen sollen und der nun in seinem Arbeitszimmer stand. Er durfte gar nicht an den Krach denken, den sie in ihrer Wohnung gehabt hatten, nachdem sie von dem Essen bei den Allens zurückgekommen war – allein.

Aber das kommt dabei heraus, wenn man seiner Ex in spe erlaubt, das zu ruinieren, was ein netter Abend hätte werden sollen, dachte er reuig. Frank Allen und seine Frau waren alte Freunde von ihm, und Marcie hatte sich darauf verlassen, dass er den Medientycoon dazu überreden würde, ihr zu etwas Starruhm zu verhelfen.

Arbeit im Fernsehen war ihr nicht fremd. Sie war schon in Talkshows aufgetreten, in Quizsendungen mit berühmten Persönlichkeiten und Ähnlichem, aber sie wollte ernst genommen werden. Sie wollte ihr Dummchenimage ein für alle Mal ablegen und sich einen Namen mit ihrer eigenen Talkshow machen.

Es wäre bestenfalls ein Versuch. Das wusste Jake. Frank Allen war schließlich seit mehr als vierzig Jahren im Geschäft und erkannte einen Dilettanten, wenn er ihn sah. Marcie machte sich gut in Rateshows, in denen ihre Beiträge weniger wichtig waren als ihr Äußeres. Aber ihr fehlte einfach das Zeug, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.

Jake hatte ihr vorgeschlagen, Schauspielunterricht in Erwägung zu ziehen, aber sie hatte sofort heftig protestiert. Sie wollte nichts anderes hören, als dass sie für eine erfolgreiche Fernsehkarriere nicht mehr als ihr gutes Aussehen brauche. Weil andere es geschafft hatten, glaubte sie zuversichtlich, dass es auch ihr gelingen müsse.

Dass Jake nicht im Restaurant erschienen war, hatte sie als persönliche Beleidigung aufgefasst. Und das, obwohl er ihr und Frank Allen eine Nachricht hatte zukommen lassen. In Marcies Fall zusammen mit einem riesigen Strauß roter Rosen, die um halb neun Uhr abends nur verdammt schwer aufzutreiben gewesen waren. Er hatte sich zwar damit entschuldigt, dass man ihn bedauerlicherweise aufgehalten habe, aber Marcie war trotzdem vor Wut außer sich gewesen.

Dass er bei ihrer Rückkehr in ihrer Wohnung auf sie wartete, hatte die Wogen auch nicht geglättet. Sie warf ihm quasi den Rosenstrauß an den Kopf und behauptete, er habe ihr den Abend absichtlich ruiniert und kümmere sich mehr um seine von ihm getrennt lebende Frau und deren freches Gör als um sie.

Es war einfach nicht vernünftig mit ihr zu reden gewesen. Schließlich hatte er sich den Strauß geschnappt und das Apartment verlassen. Die Rosen hatte er in den nächstbesten Abfalleimer geworfen. Vor Wut – wusste aber nicht genau, ob auf Marcie oder auf sich selbst.

Deshalb also saß er an seinem Schreibtisch, lange bevor seine übrigen Mitarbeiter auftauchten, blickte böse auf den Computerbildschirm und wünschte, es hätte den Vorabend niemals gegeben.

Und zwar nicht nur wegen des Streits mit Marcie. Sie hatten sich früher schon öfter gestritten und würden es zweifellos wieder tun. Das gehörte zu ihrer Beziehung. Nicht deshalb, sondern weil er am Abend zuvor zum ersten Mal erfahren hatte, dass Isobels Tochter ihren eigenen Kopf und ihre eigene Persönlichkeit besaß.

Bis dahin hatte er kaum mit dem Kind gesprochen. Seine Beziehung zur Mutter des Kindes war nur von kurzer Dauer gewesen. Und seine Erinnerung an Emily war die an ein scheues Kleinkind, das sich hinter Isobels Rockzipfel versteckte, oder an eine schmollende Zehnjährige, die ihn nicht in ihrer Nähe haben wollte.

Nun, das wollte sie am Vorabend auch nicht, wie er zugeben musste. Anfangs jedenfalls. Später, nachdem sie ihr gemeinsames Interesse am Computerspiel entdeckt hatten, war sie beinahe freundlich geworden. Sie hatte über seine Anstrengungen gelacht, mit ihr mitzuhalten, und ihre Fähigkeit, ihm stets zwei Schritte voraus zu sein, hatte ihm unwillkürlich Bewunderung abgenötigt.

Deshalb bedauerte er so sehr, was danach geschehen war. Jetzt hämmerte er wild auf die Tasten ein. Verdammt, er hatte dem Kind nicht wehtun wollen. Es war nicht seine Schuld, dass Isobel Emily niemals die Wahrheit gesagt hatte. Trotzdem hatte er sich schuldig gefühlt, als die Kleine so bestürzt gewesen war.

Plötzlich bemerkte Jake, das er nicht mehr allein im Raum war. Als jemand die Hand auf seine Schulter legte, fluchte er heftig und wandte sich mit wütendem Gesicht zu dem Eindringling um.

Shane Harper, sein stellvertretender Geschäftsführer, hob in gespielter Kapitulation beide Hände hoch.

„He, die Tür war offen“, sagte er und schlenderte um Jakes Schreibtisch herum. „Ich wollte dich nicht erschrecken. Du bist früh dran. Konntest du nicht schlafen?“

„So ungefähr.“ Er lächelte reuevoll. „Entschuldige, aber ich war meilenweit weg.“

„In irgendeiner finsteren Kluft, so, wie es sich anhörte“, bemerkte Shane trocken. „Ich habe Kaffee in meinem Büro. Möchtest du welchen?“

Jake schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Ja“, sagte er und strich sich das Haar zurück. „Das klingt gut. Ich komme mit.“

Shanes Büro grenzte wie das von Jake und den anderen Mitgliedern der Geschäftsleitung direkt an einen Großraum, in dem viele der übrigen Angestellten arbeiteten. Zwei Angestellte saßen schon an ihren Schreibtischen vor flimmernden Bildschirmen und dem unvermeidlichen Becher mit Kaffee.

Jake folgte Shane in ein Büro, das seinem sehr ähnlich war, und lehnte sich gegen die Tür, um sie zu schließen. Dann ließ er sich in einem Sessel gegenüber von Shanes Schreibtisch nieder und lächelte dankbar, als der andere ihm einen dampfenden Becher in die Hand drückte.

Wie erwartet duftete und schmeckte der Kaffee herrlich aromatisch und war genau das, was er für den Start in den neuen Tag brauchte. Er ähnelte in nichts dem Instantgebräu, das Emily ihm am Abend zuvor serviert hatte, und wieder spürte er Ärger in sich aufsteigen, als er daran dachte, dass Isobel ihrer Tochter gesagt hatte, sie könnten sich nichts Besseres leisten.

Das war gelogen, schlicht und einfach gelogen. Seine finanzielle Unterstützung an seine Frau plus ihre eigenen Einkünfte sollten ihnen erlauben, verhältnismäßig luxuriös zu leben. Aber es ließ sich nicht leugnen: Die Wohnung begann, einen schäbigen Eindruck zu machen, und es sah Emily durchaus nicht ähnlich, ihn diesbezüglich anzulügen. Also, wohin floss das Geld? Wofür gab Isobel es aus?

„Hallo? Erde an McCabe? Hast du dich schon wieder ausgeklinkt?“

Shanes Worte rissen Jake aus der immer tiefer werdenden Depression, in die er gefallen war, und er verzog das Gesicht, während er den nächsten Schluck Kaffee trank.

„Entschuldige“, murmelte er und versuchte, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, anstatt in die Vergangenheit abzudriften. „Schlafmangel, schätze ich. Was hast du gerade gesagt?“

„Ich habe dich gefragt, ob du einen netten Abend im ‚L’Aiguille‘ verbracht hast“, erklärte Shane gutmütig. „Es muss ein Wahnsinnsabend gewesen sein, nur weiß ich nicht, ob wahnsinnig gut oder wahnsinnig schlecht.“

Jake seufzte. „Nicht gut“, sagte er, stellte den Becher auf den Schreibtisch und rieb sich die Handflächen an den Knien. „Ich bin gar nicht ins ‚L’Aiguille‘ gekommen.“ Er schnitt ein Gesicht. „Marcie war nicht gerade begeistert.“

„Das kann ich mir denken.“ Shane zog die Brauen hoch. „Was ist passiert? Ich dachte, ihr wolltet euch mit den Allens zum Dinner treffen.“

„Haben wir auch. Marcie zumindest.“ Jake hob die Hände und verschränkte sie im Nacken. „Ich nicht.“

Shane runzelte die Stirn. „Das versteh ich nicht.“

„Nun, sie hat es auch nicht verstanden“, bemerkte Jake und seufzte tief. „Es ist eine lange Geschichte.“

„He“, Shane blickte ihn prüfend an, „hattest du nicht vor, gestern Isobel zu treffen?“ Langsam dämmerte es ihm. „Ich hab‘s. Marcie wollte nicht, dass du Isobel triffst. Sie hat Terror gemacht, und du bist ausgestiegen.“

„Ja.“ Jake sah ihn missbilligend an. „So ungefähr.“

„Aber …“ Shane hätte die Sache noch weiterverfolgt, doch eine plötzliche Veränderung in Jakes Gesichtsausdruck warnte ihn. Stattdessen wechselte er das Thema. „Wie geht’s Isobel eigentlich? Und ihrer Tochter? Wie hieß sie noch gleich? Emma?“

„Emily“, verbesserte Jake, ehe er es verhindern konnte. Dann ließ er die Hände sinken und griff wieder nach seinem Kaffeebecher. „Es geht ihnen gut. Danke der Nachfrage.“

Jetzt musterte Shane seinen Freund mit einem abschätzenden Blick. Offensichtlich steckte mehr dahinter als ein gewöhnlicher Ehekrach, aber Shane hütete sich, den Bogen zu überspannen.

„Großartig“, sagte er und griff nach einem Ausdruck auf seinem Schreibtisch. „Das sind übrigens die veranschlagten Zahlen für Merlin’s Mountain. Jay meint, es würde alle anderen Spiele übertreffen, wenn man nach den Ergebnissen der Anzeigenkampagne gehen kann, und das kann man für gewöhnlich. Ach ja, und Steve möchte wegen der Firewall mit dir reden. Ihm zufolge ist sie das einzige sichere System gegen Hacker.“

„Er muss es wissen“, stellte Jake trocken fest, erleichtert, dass sich das Gespräch nun geschäftlichen Dingen zuwandte. Er wollte Shane nicht kränken. Sie waren schon viel zu lange befreundet, als dass er seinen Rat für selbstverständlich hielt. Aber ihm war es noch nie leicht gefallen, über Isobel zu sprechen, und nach dem gestrigen Abend hätte er die ganze leidige Geschichte am liebsten für immer aus seinem Gedächtnis gestrichen.

Später am Vormittag – er befand sich gerade in einer Besprechung mit der Finanzabteilung – klingelte sein Handy, und Marcies Nummer erschien auf dem kleinen Display. Jake unterdrückte einen Fluch, entschuldigte sich kurz bei seinen Kollegen, stand auf und ging hinüber zum Fenster.

Da stand er nun und blickte hinunter auf die regennassen Straßen Londons etwa zwanzig Stockwerke unter ihm und dachte, wie sehr er diese Stadt manchmal hasste. Er hielt das Handy ans Ohr. „McCabe.“

„Jake.“

Marcies Stimme klang entschieden wärmer als am Abend zuvor. Offensichtlich hatte sich ihre Laune mit der Zeit gebessert, und sie hatte sich auf ein großmütiges Verhalten vorbereitet.

„Marcie.“ Trotz ihrer Begrüßung zögerte Jake unerklärlicherweise, sie ebenso zu erwidern. „Was kann ich für dich tun?“

„So förmlich, Darling?“ Marcies Stimme hätte Eis zum Schmelzen gebracht. „Eigentlich dachte ich, du könntest mich angerufen haben. Du weißt ja, wie aufgeregt ich gestern Abend war. Ich konnte kaum schlafen.“

Jake erwähnte nicht, dass er selbst nicht ins Bett gekommen war. Diese Genugtuung gönnte er ihr nicht. Stattdessen sagte er: „Ich war selbst ziemlich genervt.“

Schweigen, dann sprach Marcie wieder. „Du erwartest hoffentlich nicht, dass ich dich um Entschuldigung bitte. Muss ich dich daran erinnern, dass nicht ich dich im Stich gelassen habe? Was du getan hast, war – na ja, ziemlich unverzeihlich. Du hast mich zu einer kompletten Närrin gemacht.“

„Wie das?“

„Wie du weißt, wollte ich, dass du Frank nach seiner Meinung fragst, was meine Chancen für eine eigene Show betrifft“, antwortete Marcie mit dem voraussehbaren Beben in der Stimme. „Du wusstest, dass ich das Thema nicht selbst anschneiden konnte. Ich kenne die Allens kaum. Sie sind deine Freunde, nicht meine.“ Sie machte eine Pause, und als er nichts sagte, fuhr sie in aggressiverem Ton fort: „Und seine Frau ist ein fürchterlicher Snob. Als ich ihr erzählte, was ich in den vergangenen fünf Jahren gemacht habe, klappte ihr der Unterkiefer bis auf den Boden. Diese hochnäsige Hexe! Sie hat gerade so getan, als wäre ich ein Nichts! Als hätte sie sich noch niemals ausgezogen, um ihr Ziel zu erreichen. Weißt du, Jake, von solchen Frauen habe ich die Nase gestrichen voll. Ich glaube, die wissen gar nicht, in welchem Jahrhundert sie leben. Wie ich es geschafft habe, ihr dämliches Gesicht nicht in die Lachsmousse zu tauchen, ist mir immer noch ein Rätsel.“

Jetzt musste Jake lächeln. Die Vorstellung, wie Marcie bei Virginia Allen gewalttätig wurde, war einfach grotesk. Franks Frau war eine Lady. Er konnte sich ihr Entsetzen gut vorstellen, als sie erfuhr, dass Marcie ihren Lebensunterhalt als Fotomodell verdient hatte. In ihren Augen waren Models nicht viel besser als bezahlte Kurtisanen.

„Das hätte ich zu gern selbst gesehen“, sagte er jetzt, und seiner Stimme war anzuhören, wie sehr es ihn amüsierte.

Marcie kicherte. „Das hättest du, wenn du da gewesen wärst“, erwiderte sie scharf. Also hatte sie ihm immer noch nicht verziehen. Dann fügte sie hinzu: „Was hältst du davon, mir stattdessen beim Lunch Gesellschaft zu leisten? Ich habe eine Flasche Champagner im Kühlschrank, die ich gestern Abend aufmachen wollte. Wir können uns ja überlegen, worauf wir jetzt anstoßen wollen. Was meinst du, Darling? Es ist ein Louis Roederer. Deine Lieblingsmarke.“

Das Angebot war verlockend, trotzdem musste Jake es ablehnen. „Ich kann nicht kommen“, sagte er. „Zum Lunch bin ich mit einem Lieferanten verabredet, und heute Nachmittag fliege ich nach Brüssel zu einem Treffen mit unseren europäischen Großhändlern. Ich rechne nicht damit, vor Mitternacht zurück zu sein.“

Marcie stöhnte. „Ich könnte dich begleiten. Ich habe den ganzen Tag frei.“

„Das halte ich für keine gute Idee“, lehnte Jake ab. „Was glaubst du, wie viel von meinem Arbeitspensum ich schaffe, wenn du dabei bist? Nein, Marcie. Ich schätze, den Champagner musst du für eine andere Gelegenheit aufheben.“

„Falls ich sonst niemanden finde, der ihn mit mir trinkt, willst du wohl sagen.“

„Das musst du wissen.“ Jake merkte, dass es auffallend still hinter ihm geworden war. Jetzt telefonierte er schon zu lange, und man konnte während seiner Abwesenheit nicht allzu viele Entscheidungen treffen.

„Dann sehe ich dich also erst am Samstag“, sagte Marcie kühl.

„Scheint so“, stimmte Jake ihr zu und warf einen entschuldigenden Blick über die Schulter. „Ich rufe dich an, wenn ich zurück bin.“

Er hörte, wie Marcie die Verbindung unterbrach, und schnitt seinem Spiegelbild in der vom Regen verwaschenen Fensterscheibe ein Gesicht, bevor er sein eigenes Handy zuklappte und in die Tasche schob.

Dann drehte er sich zu seinen Kollegen um. „Tut mir leid, meine Herren“, sagte er und rang sich ein Lächeln ab. „Wie heißt es doch gleich? Ein lokales Problem, richtig? Nun, wo waren wir stehen geblieben?“

4. KAPITEL

Jake wollte gerade seinen Aktenkoffer schließen, als seine Sekretärin Lucy an der offenen Tür erschien.

„Pete hat angerufen. Er sagt, eine Besucherin für Sie sei auf dem Weg nach oben.“

Jake schloss kurz die Augen und wünschte, er wäre eine Viertelstunde früher gegangen. Er hatte keine Zweifel, wer es war. Seit seinem Telefonat mit Marcie rechnete er schon fast damit, dass sie versuchen würde, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Anscheinend hatte er richtig vermutet.

Nachdem Lucy gegangen war, folgte er ihr und sah wenig später eine zierliche Gestalt aus dem Fahrstuhl steigen.

„Meine Güte! Es ist Emily.“ Er blickte ungläubig auf Lucy herab, die inzwischen wieder an ihrem Schreibtisch saß. „Wussten Sie das?“

„Pete sagte, sie habe behauptet, sie sei Ihre Tochter“, antwortete Lucy und stand auf, um das Mädchen zu betrachten, das unschlüssig am Ende des Raumes stand. „Du liebe Zeit, sie ist ja noch ein Kind!“

„Was dachten Sie denn?“, rief Jake aus und fuhr sich frustriert durchs Haar. „Verdammt, so alt bin ich noch nicht!“

Lucy zog nachdenklich die Brauen hoch. „Das wohl nicht“, meinte sie. „Ich muss schon sagen, Sie haben die Existenz Ihrer Tochter geschickt verheimlicht.“

In Jakes Wange zuckte ein Muskel. Sie ist nicht meine Tochter, hätte er beinahe erwidert. Aber er sagte es nicht. Nicht jetzt. Nicht, da Emily ihn entdeckt hatte und zielstrebig auf ihn zukam. Das durfte er ihr nicht antun. Und sich selbst auch nicht. Im Moment musste er die Dinge so belassen, und er ging auf sie zu.

„Hallo“, sagte sie, ein bisschen nervös, und zum ersten Mal fragte er sich, wie sie hergekommen sein mochte und woher sie gewusst hatte, wo sie ihn finden würde. Isobel hatte es ihr doch bestimmt nicht verraten und sie hergeschickt. Nicht nach dem, was am Vorabend geschehen war.

„Hallo“, erwiderte er. Dann merkte er, dass sie viel zu viel Aufmerksamkeit erregten, und deutete hinter sich. „Möchtest du in mein Büro kommen?“

„Hm – ja, danke.“

Emily war außergewöhnlich eifrig, und Jake dachte, wie anders sie sich doch am Tag zuvor verhalten hatte. Ist irgendetwas passiert? fragte er sich. Hatte Isobel ihr erklärt, weshalb sie nicht mehr zusammen waren?

Lucy lächelte Emily an, als sie an ihrem Schreibtisch vorbeikam, und Jake war gezwungen, die beiden miteinander bekannt zu machen. „Das ist meine Sekretärin Lucy Givens“, sagte er verlegen. „Lucy, das ist Emily …“

„McCabe“, ergänzte Emily nun stolz. „Emily McCabe.“ Sie streckte ihr nun die Hand hin. „Es freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Ganz meinerseits“, murmelte Lucy mit einem verstohlenen Blick auf ihren Chef. „Bist du zum ersten Mal hier im Büro, Emily?“

„Ja.“ Emily war erstaunlich gelassen, wenn man die Umstände betrachtete. „Es ist hübsch, nicht wahr? Und riesig. So riesig!“

„Uns gefällt es.“

Lucy sah Jake an und verzog die Lippen. Daraufhin fand er es an der Zeit, den Wortwechsel zu beenden, und führte Emily in sein geräumiges Eckbüro.

„Du hast doch nichts dagegen, dass ich gekommen bin, oder?“, erkundigte sie sich unsicher, und Jake konnte ihr einfach nicht böse sein.

„Ich … Weiß deine Mutter, wo du bist?“, fragte er, um eine direkte Antwort zu vermeiden.

Sie seufzte. „Nein.“

Er runzelte die Stirn. „Wird sie sich keine Sorgen um dich machen?“

„Noch nicht.“ Emily trat an das Fenster und sah hinaus. „Wir sind ganz schön hoch oben, was?“

„Zwanzig Stockwerke. Aber das weißt du ja. Du bist mit dem Lift raufgefahren.“

„Ja.“ Emily drehte sich zu ihm um. Anscheinend hatte sie gemerkt, dass er noch auf eine Antwort wartete. „Mummy wird mich erst vermissen, wenn sie nach Hause kommt.“

„Und wann ist das?“

„Fünf Uhr.“ Emily zuckte die Schultern. „Oder so. Manchmal ist sie früher dran. Manchmal später.“

„Wie spät?“

„Halb sechs. Einmal war es sechs Uhr, aber das war nur, weil ein Kunde so spät gekommen war.“

Jake wurde schon wieder ärgerlich. Diesmal wegen Emily. Du liebe Zeit, wusste Isobel denn nicht, dass Emily noch viel zu jung für ein Schlüsselkind war? Warum, verdammt noch mal, engagierte sie nicht für ein paar Stunden am Nachmittag eine Tagesmutter? Eine Nachbarin vielleicht. Oder einfach irgendjemanden, der darauf achtete, dass Emily während der Abwesenheit ihrer Mutter keine Dummheiten machte. Wie zum Beispiel, hier aufzutauchen!

„Okay“, sagte er, denn ihm war klar, dass er diese Angelegenheit mit Isobel regeln musste. Er zeigte auf eine Sitzgruppe in der Ecke. „Warum setzt du dich nicht und erzählst mir, weshalb du gekommen bist?“

Emily zögerte. „Ich denke, das weißt du. Ich will mit dir über Mummy reden.“

Jake sah sie groß an. Mummy! Ja, richtig.

„Und weiter“, sagte er, ging zu seinem Schreibtisch und lehnte sich an die auf Hochglanz polierte Granitplatte. „Was ist mit deiner Mutter?“

Emily biss sich auf die Lippe. Dann legte sie die Arme um sich und sagte schnell: „Ich weiß, warum ihr nicht mehr zusammen seid.“

Jake zog die Brauen hoch. „Ach ja?“ Er bemühte sich, sein Erstaunen zu verbergen, und Emily nickte.

„Ja. Sie hat es mir erzählt. Sie hat gesagt, sie hätte etwas getan – ich schätze, es muss etwas ganz Schlimmes gewesen sein –, und du würdest ihr nicht verzeihen.“ Sie befeuchtete sich die Lippen. „Aber es tut ihr leid. Das weiß ich. Mummy tut nichts, was andere Menschen verletzt. Frag Granny.“

„Und deshalb bist du den ganzen Weg hierher gekommen?“

„Hm.“ Sie schaute ihn hoffnungsvoll an. „Ich wollte dich darum bitten, dass du ihr verzeihst. Mir zuliebe. Ich möchte, dass wir wieder eine Familie sind.“

Verdammt noch mal!

War er naiv, wenn er glaubte, Isobel hätte ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt? Emily war zehn Jahre alt. Um Himmels willen. Wie hatte sie ihn überhaupt finden können, wenn ihre Mutter es ihr nicht gesagt hatte? Und wie war sie hierher gekommen? Emilys Schule lag auf der anderen Seite der Stadt.

„Sieh mal“, begann er, verzweifelt bemüht, eine Lösung zu finden. „Ich habe nicht … das heißt … Woher wusstest du, wo ich arbeite?“

„Ich habe im Telefonbuch in der Schule nachgesehen“, antwortete sie stolz. „McCabe Tectonics. So heißt deine Firma, stimmt’s? Die Adresse war leicht zu finden.“

Jake stieß hörbar die Luft aus. „Und wie bist du hierher gekommen? Mit einem Taxi?“

„Einem Taxi?“ Einen Moment lang sah Emily verblüfft aus. „Oh nein, das konnte ich mir nicht leisten. Ich hab einen Bus genommen.“

„Einen Bus?“ Jake war schockiert.

„Das ist schon in Ordnung“, beruhigte sie ihn. „Ich fahre jeden Tag mit dem Bus von der Schule nach Hause.“

„Und das sind wie viele Stationen? Drei?“ Es klang kurz angebunden, aber Jake konnte es nicht verhindern. „Verdammt, Emily, du kannst nicht in der Stadt herumfahren, ohne es jemandem zu sagen. Was, wenn du …?“ Er verstummte kurz. „Was, wenn du entführt worden wärst?“

„Weil ich deine Tochter bin, meinst du?“

Offensichtlich zog Emily dies in Betracht. Und Jake, der nun vollends die Geduld verlor, stieß sich vom Schreibtisch ab und ging auf die Tür zu.

Er riss sie auf und sah sich einer erschrockenen Lucy gegenüber, die gerade telefonierte. Sofort legte sie den Hörer auf, als er sagte: „Lassen Sie meinen Flug nach Brüssel stornieren, ja? Setzen Sie sich mit Helmut Leitnich in Verbindung. Richten Sie ihm aus, es tue mir leid, aber wir müssen unser Treffen auf nächste Woche verschieben.“

Lucy, deren Gesicht ein bisschen rot geworden war, nickte eifrig. „Ja, Jake.“

„Ach ja, und sagen Sie Pete Bescheid, dass ich in einer Viertelstunde meinen Wagen brauche. Nachdem Sie uns Kaffee und Orangensaft gebracht haben – okay?“

Lucy stand auf. „Kaffee und Orangensaft“, wiederholte sie. „Wird erledigt.“

„Gut.“ Jake machte eine Pause. Und weil er vor seiner Sekretärin nicht als ein kompletter Narr dastehen wollte, fügte er brüsk hinzu: „Sollte ich herausfinden, dass Sie diese Geschichte überall herumerzählen, dann schauen Sie sich besser schon gleich nach einem anderen Job um.“

Isobel bemerkte den schnittigen schwarzen Porsche in unmittelbarer Nähe vom Haus Nummer dreiundzwanzig, als sie nach Hause kam.

Sie war müde und besorgt und hätte den parkenden Wagen überhaupt nicht wahrgenommen, wäre er ihr nicht so vertraut gewesen. Es war das gleiche Modell, das Jake fuhr, und sie fragte sich, wer von ihren Nachbarn daran Gefallen gefunden hatte. Das Fahrzeug befand sich in hervorragendem Zustand. Der Lack war tadellos, die Radkappen glänzten wie neu. Sogar das Nummernschild war – dasselbe!

Und da geriet sie in Panik.

Die letzten Meter zum Tor rannte sie, wühlte in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln, als sie die Stufen zur Eingangstür hinaufeilte. Doch als sie sie erreichte, ging sie wie von selbst auf, also musste jemand ihre Ankunft beobachtet haben. Schneller, als sie es sich in ihrer gegenwärtigen Verfassung zugetraut hätte, stürmte sie die Treppen hinauf.

Jeder Gedanke an ihre Mutter, an das, was der Arzt ihr in der Mittagspause nach ihrer Ankunft im Krankenhaus anvertraut hatte, all das war vergessen, als sie die Wohnungstür erreichte. Was hatte Jake hier zu suchen? Was hatte er Emily gesagt? Hatte er beschlossen, den Enthüllungen des Vorabends noch eine genauere Schilderung ihrer Sünden hinzuzufügen? Dem Kind ein für alle Mal zu beweisen, dass er mit ihm, mit keinem von ihnen, etwas zu tun haben wollte?

Emily hatte die Tür schon geöffnet, noch bevor Isobel den Schlüssel ins Schloss stecken konnte, aber nichts in ihrem Gesichtsausdruck deutete auf Kummer und Besorgnis hin. Ganz im Gegenteil. Isobel kam es so vor, als würde sie ein bisschen schuldbewusst wirken, als hätte sie etwas Unerlaubtes getan. Und zum ersten Mal fragte sie sich, ob Jakes Wagen nur zufällig dort draußen auf der Straße stand.

Auf die Antwort brauchte sie nicht lange zu warten. „Daddy ist hier“, verkündete Emily. „Er hat mich nach Hause gebracht.“

„Er hat was?“

Isobel war irritiert. Sie ging in den Flur, ließ die Tür hinter sich zufallen und knöpfte sich mit etwas unsicheren Fingern den Mantel auf.

„Erzähl deiner Mutter ruhig auch, von wo ich dich nach Hause gebracht habe“, bemerkte Jake lakonisch, kam aus dem Wohnzimmer und lehnte sich mit der Schulter an den Türrahmen. Isobel begegnete seinem rätselhaften Blick.

„Von wo du sie nach Hause gebracht hast?“, wiederholte sie erstaunt, ließ ihren Mantel auf die Truhe unter dem antiken Spiegel fallen und drehte sich zu ihrer Tochter um. „Ich verstehe nicht …“

Emily zuckte die Schultern. „Er hat mich von seinem Büro aus hergefahren.“

„Du … du bist in sein … in sein Büro gegangen?“, fragte sie. „Oh Em …“

„Was ist schon dabei?“, meinte Emily. „Warum sollte ich ihn nicht in seinem Büro besuchen? Andere Mädchen machen das auch.“

„Was andere Mädchen tun, interessiert mich nicht“, sagte Isobel und dachte mit Schrecken daran, was Jake von der Sache halten mochte. „Oh, Em, musstest du mir das auch noch antun? Habe ich nicht so schon genug Probleme?“

„Was für Probleme?“ Jake hatte sich vom Türrahmen abgestoßen und kam auf sie zu. Bis jetzt hatte sie kaum bemerkt, was er anhatte, nun sah sie, wie formell er gekleidet war. Die enge Hose seines schwarzen Anzugs betonte seine langen, muskulösen Beine, unter einem zweireihigen Jackett trug er einen schwarzen Rollkragenpulli.

Wie immer hatte er eine verheerende Wirkung auf sie.

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