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JULIA BESTSELLER BAND 149

SARA CRAVEN

Tanz ins Glück

Chellie ist verzweifelt: Ohne Pass und ohne Geld wird sie in einer schäbigen Hafenbar festgehalten und gezwungen, als Sängerin und sogar als Stripperin zu arbeiten! Deshalb nimmt sie sofort das Angebot des faszinierenden Ash Brennan an, mit ihm auf seiner Jacht zu flüchten. Der rätselhafte Fremde zieht Chellie magisch an … Aber in wessen Auftrag handelt er?

Traummann auf Raten

Auf der Beerdigung seines Vaters sieht Gabriel seine wunderschöne Ehefrau Joanna wieder, von der er seit zwei Jahren getrennt lebt. Kaum stürzt sich Joanna in einen wilden Flirt mit dem aalglatten Schönling Paul, erwacht in Gabriel brennende Eifersucht. Er will seine Frau zurück – und das Testament seines Vaters bietet ihm hierzu eine überraschende Chance.

Noch schöner als zuvor

Bewundernd mustert Marius seine Jugendliebe Lydie. Fünf Jahre sind vergangen, seit er sie nach einer stürmischen Liebesnacht Hals über Kopf verlassen musste. Jetzt ist er zurückgekehrt, um die Intrige aufzudecken, die Lydies Familie damals gegen ihn ausheckte. Doch sowie er der sensiblen Galeristin in die Augen schaut, entflammt Marius’ Leidenschaft erneut …

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Tanz ins Glück

1. KAPITEL

Das Hafenviertel war voller Menschen, die Luft stank nach Alkohol und fettigem Essen und war von den schwülen Rhythmen einheimischer Musik erfüllt. Aus den Bars und anrüchigen Nachtlokalen kamen Leute und bildeten reizbare Gruppen in der stickigen Feuchtigkeit des südamerikanischen Abends.

Wie ein Pulverfass, dem nur ein Funke fehlt, dachte Ash Brennan sarkastisch. Er ging langsam, aber zielstrebig, betrachtete die bunten Neonschilder, die Schnaps und Frauen anpriesen, und ignorierte die teils abschätzenden, teils einladenden Blicke, die ihn trafen. Die ganze Zeit wahrte er seinen Freiraum.

Nur ungefähr eine Meile weit weg war der Jachthafen von Santo Martino, wo Millionäre ihre Boote vertäuten und all die Nachtclubs und Casinos für gut betuchte Touristen lagen. Aber eigentlich war er himmelweit entfernt, und jeder Tourist, der sich hierher wagte, musste die Beine in die Hand nehmen oder riskierte, überfallen und ausgeraubt zu werden. Oder Schlimmeres.

Ash war der Meinung, dass er sich ganz gut einfügte. Sein von der Sonne aufgehelltes dunkelblondes Haar streifte den Kragen des alten blauen Hemds, eine verschossene Kakihose schmiegte sich an seine schmalen Hüften und langen Beine, er trug alte Segeltuchschuhe und eine billige Armbanduhr.

Seine Größe, die breiten Schultern und das selbstbewusste Auftreten ließen auf einen Mann schließen, der auf sich aufpassen konnte. Er sah aus wie ein Matrose, der Entspannung suchte, aber wählerisch war, und an diesem Abend war seine Wahl anscheinend auf „Mama Rita’s“ gefallen. Er ging an den Schautafeln mit Fotos von halb bekleideten und unbekleideten jungen Frauen vorbei in das Nachtlokal, blieb am Eingang stehen und blickte sich um.

Neben der langen Theke war eine kleine Bühne mit einer Stange für die Tänzerinnen in der Mitte, umgeben von Tischen, an denen nur Männer saßen. Die Luft war verräuchert, und es stank nach billigem Schnaps. Ein kleiner Mann mit traurigem Gesicht spielte Klavier. Die Gäste saßen größtenteils brütend über ihren Drinks. Ash vermutete, dass sie auf die Frauen warteten.

Gleich an der Tür saß an einem Tisch eine gewaltige Frau. Ihr tief ausgeschnittenes, mit Pailletten besetztes grünes Kleid bauschte sich über den Fettwülsten, ihr Haar war rotbraun gefärbt, die karmesinrot geschminkten Lippen waren zu einem ausdruckslosen Lächeln verzogen, die Augen ähnelten in Teigfalten versunkenen kleinen Rosinen.

Das ist wohl Mama Rita, dachte Ash und schnitt in Gedanken ein Gesicht.

Sie winkte ihn heran. „Sie zahlen das Gedeck, querido.“

Ash zog die Augenbrauen hoch, als sie den Preis nannte. „Ich will nur einen Drink, Mama, nicht Ihr Lokal kaufen.“

Das Lächeln wurde breiter. „Sie bekommen einen Drink. Meinen besten Champagner und ein Mädchen, das mit Ihnen trinkt.“

„Nur ein Bier. Und ich entscheide, ob ich Gesellschaft möchte.“

Einen Moment lang blickten sie sich an, dann zuckte sie die Schultern, was die Pailletten in wogende Bewegung versetzte und funkeln ließ. „Was immer Sie sagen, querido.“ Sie schnippte mit den Fingern. „Manuel, such einen guten Tisch für den schönen Mann.“

Manuel, groß, gut aussehend und mürrisch, wollte nach vorn zur Bühne gehen, aber Ash hielt ihn kurz angebunden auf. „Dieser genügt“, sagte er und setzte sich an einen Tisch im hinteren Teil des Raums. Manuel ging an die Theke, und Ash lehnte sich zurück und sah sich gründlicher um. Man hatte ihm erzählt, von all den jungen Frauen, die nach Santo Martino kommen würden, könnte sich Mama Rita die schönsten aussuchen, und es schien zu stimmen. Einige von ihnen saßen schon mit Gästen zusammen und ermunterten sie, ungeheure Getränkerechnungen auflaufen zu lassen, aber mehrere standen an der Theke, und Ash betrachtete sie, während er eine Schachtel Zigarillos herausholte. Er zündete sich einen an und warf das leere Streichholzheft in den Aschenbecher.

Die Frauen bildeten eine ziemlich kosmopolitische Gruppe. Ash entdeckte einige Nordamerikanerinnen, wenige Europäerinnen und die einheimischen chicas, die von Farmen und Plantagen weggelaufen waren, auf der Suche nach einer Alternative zu früher Heirat und ununterbrochenem Kinderkriegen. Tja, die haben sie gefunden, dachte Ash zynisch und unterdrückte das Mitleid. Weil er nicht hier war, um Mitleid zu haben. Das konnte er sich nicht leisten.

„Sehen Sie etwas, was Ihnen gefällt, Señor?“ Manuel war mit dem Bier zurück und lächelte Ash wissend an.

„Noch nicht“, erwiderte Ash kühl. „Ich melde mich dann schon.“

Manuel zuckte die Schultern. „Wie Sie wünschen. Sie brauchen es nur zu sagen.“ Er deutete auf einen Bogengang mit einem Perlenvorhang hinter der Bühne. „Wir haben Zimmer – sehr private Zimmer –, in denen die Frauen für Sie allein tanzen würden. Ich kann das arrangieren. Für entsprechendes Geld, naturalmente.“

„Ich werde es mir merken“, sagte Ash. Das Bier war überraschend gut und herrlich kalt. Er wandte den Blick von den hoffnungsvollen jungen Frauen ab und konzentrierte sich auf den Pianisten, der trotz der Gleichgültigkeit seiner Zuhörer verbissen weiterspielte. Ich hoffe, die alte Hexe an der Tür bezahlt dich gut, Kumpel, dachte Ash, während er sein Zigarillo ausdrückte. Der Mann hatte es verdient.

Der Pianist spielte das Lied zu Ende und stand auf, um sich für den nicht vorhandenen Applaus zu bedanken, dann setzte er sich wieder hin und schlug einen Akkord an.

Der Perlenvorhang bewegte sich, und eine junge Frau kam herein. Ein seltsames Geräusch durchdrang den Raum. Es klang wie ein leises Grollen. Die Raubtiere wittern ihre Beute, dachte Ash angewidert. Er kniff die Augen zusammen, als er sie richtig sehen konnte. Sie war blond und trotz der High Heels nur mittelgroß. Ihr schlanker, straffer Körper wurde von dem schwarzen Minikleid betont. Das trägerlose Oberteil war über den vollen Brüsten gerade geschnitten, der Rock schmiegte sich an die schmalen Hüften und war so kurz, dass der beunruhigende Eindruck entstand, sie sei darunter nackt.

Aber sie ging nicht auf die Bühne. Sie sah niemand an, ignorierte die Pfiffe und zotigen Zurufe und lehnte sich an das Klavier, als wäre sie froh, Halt zu finden. Der Pianist spielte die Einleitung von „Killing Me Softly“.

Ash war völlig von ihrem unglaublich schönen Gesicht gefesselt. Im Gegensatz zu dem schulterlangen blonden Haar waren Brauen und Wimpern dunkel. Die Augen waren grün und wachsam wie die einer Katze, die Lippen in einem sexy Pink geschminkt. Und sie hatte eine Heidenangst.

Ash hatte es gewusst, sobald sie hereingekommen war. Er hatte ihre Angst durch den ganzen Raum gespürt. Jetzt bemerkte er, dass sie die Hände zu Fäusten geballt hatte. Aber als sie zu singen begann, hatte sie keine Probleme mit ihrer Stimme, die tief, kräftig und ein bisschen heiser war. So eine Stimme will ein Mann beim Höhepunkt hören, wenn die Frau seinen Namen stöhnt, dachte Ash, dann verzog er voller Selbstverachtung den Mund.

Die Männer hörten zu, während sie sang, aber sie waren unruhig. Für sie zählte, was das knappe Kleid versprach, und sie konnten nicht glauben, dass nur ein Song geboten wurde. Alle anderen Frauen zogen sich aus, also warum sollte sie es nicht auch tun?

Sie ging zum nächsten Lied über – „Someone to Watch Over Me“. Gerade als sie verstummte, erwiderte sie Ashs Blick, und einen atemlosen Moment lang sahen sie sich an. Jetzt weiß ich, warum ich heute Abend hierher gekommen bin, dachte er.

Der Auftritt war vorbei. Sie bedankte sich mit einem Nicken für den spärlichen Beifall und verschwand durch den Perlenvorhang, begleitet von den Buhrufen und dem Geschrei der enttäuschten Männer.

Ash trank sein Bier aus und stand auf.

„Haben Sie einen Wunsch, querido?“, fragte Mama Rita.

„Ich will die Sängerin“, sagte Ash ruhig.

„Sie meinen, sie soll sich zu Ihnen setzen und … nett sein?“

„Nett, ja. Aber in einem Ihrer privaten Zimmer. Ich will, dass sie für mich tanzt.“

Mama Rita lachte. „Sie ist mein neuestes Mädchen und lernt noch, mi corazón. Und vielleicht hebe ich sie sowieso für einen reichen Kunden auf. Sie können sie sich nicht leisten.“

„Stellen Sie mich auf die Probe.“

„Verrückter Mann. Warum wollen Sie Ihr ganzes Geld ausgeben? Suchen Sie sich ein anderes Mädchen aus.“

„Nein. Die Sängerin. Ich zahle, was sie kostet.“

Mama Rita musterte ihn. „Sie haben so viel Geld?“, fragte sie ungläubig.

Ash holte seine Brieftasche heraus und warf einige Scheine auf den Tisch.

„Das ist für mich.“ Mama Rita nahm sie schnell und steckte sie in ihren Ausschnitt. „Provision. Sie müssen noch die Sängerin bezahlen. Was auch immer sie wert ist. Wozu auch immer Sie sie veranlassen. Sollte einfach sein für einen schönen Mann wie Sie.“ Mama Rita lachte wieder. „Sie etwas lehren, ?“

„Sí“, sagte Ash leise. „Eine Lehre fürs Leben. Hat sie einen Namen?“

„Micaela.“ Mama Rita stand auf und lächelte Ash anzüglich an. „Sie trinken noch ein Bier – auf Kosten des Hauses. Ich gehe und sage Ihrer Sängerin, was für ein Glück sie hat.“

Ich hoffe nur, dass sie derselben Meinung ist, dachte Ash.

Aber das lag im Schoß der Götter, wie so vieles andere.

Chellie sank auf den Hocker vor dem Spiegel und umklammerte die Tischkante, bis das Zittern aufhörte. Es war fast einen Monat her, dass sie in diesem Nachtclub zu singen angefangen hatte, und sie hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt. Sie konnte nicht damit fertig werden, wie die Männer sie mit Blicken verschlangen, und war dankbar, dass sie nicht richtig verstand, was sie ihr zuriefen.

„Wie erträgst du das?“, hatte sie Jacinta gefragt, eine der Stangentänzerinnen und die einzige junge Frau im Mama Rita’s, die ein bisschen freundlich war.

Jacinta hatte die Schultern gezuckt. „Ich lächle, aber ich sehe sie nicht an. Ich blicke vorbei und bin mit den Gedanken woanders.“

Das schien ein kluger Rat zu sein, und Chellie hatte ihn befolgt. Bis zu diesem Abend, als sie unwillkürlich den Blick eines Mannes erwidert hatte. Zugegeben, er hatte sich von den anderen Gästen unterschieden. Er hatte allein an einem der hinteren Tische gesessen, während die meisten Männer gern alle zusammen vorn saßen und wie Wölfe nach jedem Stück nackter Haut schrien. Außerdem kamen nicht viele Europäer ins Lokal, und er war offensichtlich einer. Und er war auffallend, fast gefährlich attraktiv. Sogar durch den ganzen Raum war ihr bewusst gewesen, dass sein gutes Aussehen eine durchschlagende Härte verschleierte.

Er hat mich irgendwie dazu gebracht, ihn anzusehen, dachte Chellie verwirrt. Und warum suchte er den billigen Reiz eines Nachtlokals wie Mama Ritas? Chellie hatte nicht viel Erfahrung mit Männern, ihr Gefühl sagte ihr jedoch, dass dieser Mann es nicht nötig hatte, Sex zu kaufen.

Du liebe Güte, die Sache musste ja schlimm stehen, wenn sie anfing, von einem Kunden zu fantasieren. Tatsächlich konnte es nicht schlimmer stehen. Ihr Leben hatte sich in einen Albtraum ohne Ende verwandelt. Chellie zog die ekelhafte blonde Perücke ab und fuhr sich durch das stoppelkurze rabenschwarze Haar. Mama Rita hatte darauf bestanden. Dunkelhaarige waren in diesem Teil der Welt nichts Neues. Die Männer, die in ihr Lokal kamen, wollten Blondinen, hellhäutige obendrein.

Chellie war so verzweifelt gewesen und so dankbar dafür, irgendwo unterkommen und Geld verdienen zu können, dass sie wahrscheinlich in alles eingewilligt hätte. Besonders da ihr Gelegenheit zum Singen gegeben worden war. Sie hatte geglaubt, es sei das Ende der Katastrophe. Stattdessen war es erst der Anfang gewesen. Sie hatte sich gesagt, sie würde nicht lange im Nachtclub bleiben müssen, sie würde bald genug für ein Flugticket gespart haben.

Aber so lief es nicht. Von dem Geld, das Chellie erhielt, forderte Mama Rita die Miete für das kleine, von Kakerlaken heimgesuchte Zimmer im obersten Stock, die Leihgebühr für die geschmacklosen Kleider, die Chellie tragen musste, und die Bezahlung für Gomez, den Klavierspieler, der das Geld bestimmt niemals zu sehen bekam. Chellie hatte kaum genug übrig, um sich zu ernähren.

Am schlimmsten war, dass Mama Rita ihr den Reisepass weggenommen und in ihren Schreibtisch eingeschlossen hatte, was sie im Grunde zu einer Gefangenen machte. Die Falle hatte sich geöffnet, und sie war direkt hineinspaziert. Natürlich könnte sie mehr verdienen. Das hatte Mama Rita von Anfang an deutlich gemacht. Chellie könnte freundlich sein, sich zu den Gästen setzen und sie ermuntern, teuren Champagner zu bestellen. Aber selbst wenn sie bei dem Gedanken nicht eine Gänsehaut bekommen hätte, Jacinta hatte sie davor gewarnt.

„Du verdienst mehr, sie nimmt mehr“, hatte sie gesagt. „Erst sitzt du bei einem Kunden am Tisch, als Nächstes ziehst du dich aus. Weil du hier nicht herauskommst. Mama Rita entscheidet, wann und wohin du gehst. Es gibt schlimmere Orte als diesen, glaub mir. Und versuch nicht, davonzulaufen. Sie findet dich auf jeden Fall, und dann wirst du es bereuen.“

Chellie stand seufzend auf und ging zum Kleiderständer in der Ecke. Sie trat jeden Abend zweimal auf und musste sich zwischendurch umziehen. Mama Ritas Neuerwerb war ein Minirock aus schwarzem Leder mit einem Top, das einfach ein Netz aus kleinen schwarzen Perlen war. Da könnte ich ebenso gut überhaupt nichts tragen, dachte Chellie. Genau darauf wollte Mama Rita wahrscheinlich hinaus.

Aber das würde nicht passieren. Chellie war fest entschlossen, zu entkommen, ganz gleich, wie groß das Risiko war. Und sie nahm sich vor, niemand mehr zu vertrauen. Besonders keinem Mann.

Sie zuckte zusammen, als sie an Ramon dachte. Schon erinnerte sie sich kaum noch daran, wie er aussah oder wie seine Stimme klang, und vielleicht würde sie eines Tages auch seine Berührungen vergessen können. Oder sogar, dass sie sich eingebildet hatte, ihn zu lieben. Irgendwie schien das alles bereits weit entfernt zu sein, als wäre es einem anderen Menschen passiert. War es natürlich nicht. Und deshalb war sie jetzt hier, übertölpelt, ausgeraubt und sitzen gelassen. Es mochte demütigend sein, im Geiste noch einmal die Schritte zu durchleben, die sie hierher gebracht hatten, aber es war auch heilsam.

Trotz allem glaubte sie noch immer, dass sie ihrem Leben in England und der so unerbittlich für sie geplanten Zukunft hatte entfliehen müssen. Leider war sie, durch Ramon, nur vom Regen in die Traufe gekommen.

Ich werde überleben, sagte sich Chellie energisch.

Der dünne Vorhang wurde beiseitegeschoben, und Lina, eine der Schoßtänzerinnen, kam in die Garderobe. „Mama Rita will dich sprechen. Sofort.“

Chellie runzelte die Stirn. Es war das erste Mal, dass Mama Rita sie so zu sich bestellte. Normalerweise wurden die Frauen wegen irgendeines Vergehens nach oben gerufen. Chellie hatte schon mehrere mit Kratzern im Gesicht und blutendem Mund gesehen, nachdem sie mit Mama Ritas dicken, beringten Händen in Kontakt gekommen waren. „Weißt du, warum?“

Linas Augen funkelten boshaft. „Vielleicht fängst du an, für deinen Lebensunterhalt zu arbeiten, wie wir anderen.“

„Ich arbeite. Als Sängerin.“

„Ja? Dann ändert sich das jetzt vielleicht. Es wird gemunkelt, dass dich irgendein Kerl näher kennenlernen will.“

Chellie wurde blass. „Nein. Unmöglich.“

„Nimm es mit Mama Rita auf.“ Lina zuckte gleichgültig die Schultern. „Und lass sie nicht warten.“

Das Büro war ein Stockwerk höher. Chellie ging langsam auf die klapprige Eisentreppe zu. Das konnte nicht stimmen. Sicherlich hatte Lina das aus reiner Gehässigkeit gesagt. Mama Rita hatte ihr erklärt, sie habe viele willige Frauen im Haus und würde sie nicht zu etwas drängen, was sie nicht wolle. Chellie hatte ihr geglaubt. Sie hatte sich darauf verlassen.

Manuel kam die Treppe heruntergepoltert, und Chellie trat beiseite, um ihn vorbeizulassen. Sobald sie im Lokal zu arbeiten begonnen hatte, war ihr klar geworden, dass er ein Problem war. Sein derbes, gutes Aussehen stieß sie ab, und seine ständigen Versuche, sie zu streicheln, flößten ihr Abscheu ein. In der ersten Nacht in ihrem kleinen, muffigen Zimmer war sie ihrem Gefühl gefolgt und hatte einen Stuhl unter den Türgriff geklemmt. Und in den frühen Morgenstunden war sie aufgewacht und hatte gehört, wie jemand versuchte, den Griff hinunterzudrücken. Seitdem hatte sie diese Vorsichtsmaßnahme beibehalten.

Sich zu beschweren war zwecklos, da die anderen Frauen der Meinung waren, Manuel sei Mama Ritas Neffe oder sogar ihr Sohn.

Er grinste anzüglich wie immer. „Hola, Schatz.“

„Guten Abend“, sagte Chellie kühl.

„Oh, du bist so hochmütig und stolz, chica. Zu gut für den armen Manuel. Vielleicht schlägst du morgen einen anderen Ton an.“ Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Für mich.“

Sie unterdrückte ein Schaudern. „Halt nicht den Atem an.“

Die Bürotür stand offen. Mama Rita saß am Schreibtisch vor ihrem Laptop. „Du hast heute Abend einem Gast so gut gefallen, dass er eine Privatvorstellung will.“

Chellie stockte das Herz. „Irgendein besonderer Song?“

„Erlaubst du dir einen Spaß mit mir? Er will, dass du für ihn tanzt.“ Mama Rita machte vor, was verlangt wurde.

„Ich kann nicht tanzen.“

„Du hast den anderen zugesehen. Und er will keine Ballerina. Du hast einen schönen Körper. Benutz ihn.“

Chellie hatte die anderen Frauen unten im Lokal tanzen sehen. Das hatte Grenzen. In den Privatzimmern dagegen … „Aber Sie beschäftigen mich als Sängerin“, sagte sie verzweifelt. „Wir haben einen Vertrag geschlossen.“

Mama Rita lachte verächtlich. „, aber die Bedingungen haben sich gerade geändert.“

„Dann haben Sie gerade den Vertrag gebrochen, und damit ist jede Vereinbarung zwischen uns aufgehoben. Also geben Sie mir bitte meinen Reisepass zurück. Ich werde sofort gehen.“

„Du denkst, das sei so einfach?“ Die ältere Frau schüttelte fast traurig den Kopf. „Du träumst, hija.“

„Ich verstehe nicht, was so kompliziert ist. Nach dem Gesetz haben Sie den Vertrag gebrochen.“

Mama Rita beugte sich vor. „Dies ist mein Nachtclub. Ich mache hier die Gesetze. Und du gehst nirgendwohin. Weil ich deinen Pass als Sicherheit behalte, bis du deine Schulden bezahlt hast.“

„Aber ich habe die Miete und alles andere im Voraus bezahlt.“

„Nicht alles. Da ist deine Arztrechnung.“

„Arztrechnung?“, wiederholte Chellie verwirrt. „Wovon sprechen Sie?“

„Na, na, du hast ein kurzes Gedächtnis. Als du hierher gekommen bist, habe ich einen Arzt gerufen, der überprüft hat, ob du an Lungenentzündung leidest.“

Chellie erinnerte sich an den kleinen, dicken Mann mit den blutunterlaufenen Augen und der Schnapsfahne. „Ja, das weiß ich. Und?“

„Sieh dir an, was du ihm schuldest.“ Mama Rita gab ihr ein Blatt Papier.

Schockiert las Chellie den Endbetrag. „So viel kann er nicht verlangen. Er hat mich ungefähr zwei Minuten lang untersucht und nichts von dem Zeug verschrieben, das hier aufgeführt ist. Außerdem war er betrunken.“

„Du warst krank, Mädchen, und du brauchtest einen Arzt. Pedro Alvarez ist ein guter Mann. Sehr diskret. Worüber du vielleicht eines Tages froh sein wirst. Solange du all das Geld schuldest, gehst du nicht. Also musst du verdienen, um bezahlen zu können. Dieser Kunde, der dich haben will, hat Geld und sieht gut aus.“ Die Fettwülste wackelten, als Mama Rita lachte. „Sei nett. Vielleicht kannst du alles in einer Nacht verdienen.“

„Nein. Ich will nicht. Und Sie können mich nicht zwingen.“

Mama Rita schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. „Ich habe Geduld mit dir gehabt, chica, aber jetzt ist Schluss. Du tust, was ich sage, verstanden? Oder ich gebe dich Manuel und lass ihn dich lehren, dankbar zu sein. Willst du das?“

„Nein“, flüsterte Chellie.

„Oder ich schicke dich zu meiner Freundin Consuela. Sie bittet dich nicht, zu singen oder zu tanzen.“

Chellie geriet in Panik. Sie hatte den Garderobentratsch über diese Freundin mitbekommen. Alles, nur das nicht! dachte sie. „Bitte …“

„Jetzt wirst du vernünftig.“ Mama Rita nickte zufrieden. „Lina bringt dich in das Zimmer. Ich schicke ihn zu dir hoch.“

Lina wartete draußen auf dem Flur. „Dein Eintritt in die Arbeitswelt, Schätzchen? Nach heute Abend wirst du wohl nicht mehr die Nase über uns anderen rümpfen.“

„Habe ich das getan?“, fragte Chellie wie betäubt. „Tut mir leid, es war mir nicht bewusst.“

Lina blickte sie scharf an. „He, du wirst mir doch nicht etwa ohnmächtig? Das würde Mama Rita nicht lustig finden.“

„Nein“, erwiderte Chellie mühsam.

„Wo liegt überhaupt das Problem?“ Lina öffnete eine Tür am Ende des Flurs. „Dir muss klar gewesen sein, dass Mama Rita hier keine Wohltätigkeitsorganisation führt. Warum bist du hierher gekommen?“

Chellie sah sich schaudernd um. Das Zimmer wurde von einem breiten roten Sofa beherrscht. Lateinamerikanische Musik spielte leise, und auf einem Konsoltisch stand eine Flasche Champagner im Eiskühler mit zwei Gläsern bereit. „Ich bin ausgeraubt worden und zur Polizei gegangen. Ein Beamter hat gesagt, er würde mir eine sichere Unterkunft besorgen, während sie nach meinem Geld suchen würden. Er hat mich hierher gebracht.“

„Das wundert mich nicht. Mama Rita bekommt viele ihrer Mädchen so. Sie bezahlt die Polizisten, damit sie ihr das Strandgut schicken, das in Santo Martino angeschwemmt wird.“

Chellie biss sich auf die Lippe. „Danke.“

„De nada.“ Lina ging zur Tür, dann zögerte sie. „Hör zu, es ist keine große Sache. Lächle einfach und tu so, als würdest du dich amüsieren. Oder ist es etwa dein erstes Mal?“

„Nein.“ Chellie wollte nicht an jene wenigen demütigenden, unangenehmen Nächte mit Ramon denken. Damals hatte sie geglaubt, Schlimmeres könnte ihr nicht passieren. Was für ein Irrtum.

„Wenn es schwierig wird, drück den Knopf unter dem Tisch. Aber nur, wenn es wirklich nötig ist, sonst verärgerst du Manuel, und das willst du sicher nicht. Er ist einer der Bösen.“ Lina winkte spöttisch. „Also, viel Glück.“

Alle Wände waren mit bodenlangen Vorhängen bedeckt, sodass unmöglich zu sagen war, wo sich das Fenster befand. Wenn es überhaupt eins gab. Doch selbst wenn sie es entdeckte, bevor der Freier sie fand, würde es ihr nichts nützen. Nach Chellies früheren Erfahrungen zu urteilen würde es vergittert sein. Aber sie könnte wirklich frische Luft gebrauchen. Die Luft im Zimmer war drückend und von einem moschusartigen Geruch erfüllt. Chellie ging an den Wänden entlang und hob die Vorhänge an, fand jedoch nur undurchbrochene Mauern.

Ihr wurde bewusst, dass sie nicht mehr allein war. Sie hatte nicht gehört, dass die Tür aufgegangen war, und der weiche, dicke Teppich musste seine Schritte gedämpft haben. Trotzdem war sie sicher, dass er da war, hinter ihr. Langsam drehte sie sich um. Sie erkannte ihn, und ihre Augen wurden groß, als sie noch einmal, diesmal aus nächster Nähe, den kühlen, harten Blick, die gerade Nase und das energische Kinn registrierte. Das gut aussehende Gesicht eines Mannes, der ein Nein nicht gelten ließ. Er saß völlig entspannt auf dem Sofa, und ein schwaches Lächeln umspielte seinen Mund.

Noch nie in ihrem Leben hatte Chellie solche Angst gehabt. Sie bebte am ganzen Körper und kam fast um vor Verlegenheit, dennoch war sie einen Moment lang enttäuscht. Sie hatte geglaubt, er hätte sich in den Nachtclub verirrt, aber er war nicht besser als all die schreienden, geifernden Kerle, die um die Bühne saßen.

Buenas noches, Micaela“, sagte er leise.

Sie brachte keinen Ton heraus und nickte nur. Micaela. Das war ihr Name hier. Ihre Identität. Und ihr Schutzschild. Wenn sie sich dahinter versteckte, konnte sie sich vielleicht vormachen, dass nichts von alldem ihr passierte. Dass sie eine andere war. Und dann würde sie fähig sein, es zu ertragen.

Er ließ so langsam und gründlich den Blick über sie gleiten, dass es unnötig erschien, sich auszuziehen. Chellie wusste, dass sie mit der Vorstellung beginnen sollte. Micaela würde lächeln, aber Chellie schaffte es einfach nicht. Obwohl dies nicht das Schlimmste war, was ihr passieren konnte. Außerhalb dieses Zimmers drohten Manuel und Consuela und all die Gräuel, die sie bedeuteten. Ich muss es tun, dachte Chellie. Sie hatte keine andere Wahl.

Sein Lächeln wurde breiter. „Solltest du mir nicht einen Drink anbieten?“

„Oh. Ja.“ Sie ging zum Tisch. „Möchtest du Champagner?“, fragte sie und sah im Geiste vor sich, wie sie früher dafür gesorgt hatte, dass die Gäste ihres Vaters alles bekamen, was sie brauchten. Diese junge Frau hatte sie hinter sich lassen wollen. Pass auf, was du dir wünschst, weil es vielleicht wahr wird, hatte einmal jemand zu ihr gesagt.

„Nein, aber lass dich nicht abhalten. Du siehst aus, als hättest du es nötig.“

Sie zögerte unsicher. Der Champagner war für den Kunden, das war eine der Regeln im Haus. Die Frau trank nicht allein, wenn überhaupt. Chellie stellte die Flasche zurück in den Eiskühler. „Ich bin nicht durstig.“

„Ich auch nicht.“ Er musterte sie wieder, fast nachdenklich. „Ich weiß, dass du singen kannst. Wollen wir jetzt herausfinden, was für andere Talente du besitzt?“ Er lehnte sich zurück – ein Mann, der sich auf sein Vergnügen vorbereitete.

Chellie nickte ergeben und stellte sich vor ihn, dann begann sie, sich langsam zur Musik zu bewegen.

2. KAPITEL

Chellie hatte gelogen, als sie zu Mama Rita gesagt hatte, sie könne nicht tanzen. Sie hatte früher leidenschaftlich gern getanzt. Damals hatte sie sich vorsätzlich in ein Partygirl verwandelt und war so oft wie möglich in Nachtclubs und Discos gegangen, wo sie sich völlig in den hämmernden Rhythmen verloren hatte, um ihre Frustration darüber loszuwerden, dass sie keine Ausbildung zur Sängerin machen durfte.

Aber diese langsame und verführerische Musik hier sollte nicht das Vergessen fördern, sondern ihren Kunden dazu verleiten, die Brieftasche zu öffnen, damit sie noch mehr zeigte. Und das musste sie tun, um zu überleben. Nicht, dass der Blick des Kunden besonderes Interesse an ihrer Vorstellung verriet. Langweile ich ihn? fragte sich Chellie besorgt. Sie musste es richtig machen, oder Mama Rita würde sie büßen lassen.

Chellie wiegte sich in den Hüften, strich mit den Händen über das Seidenkleid bis zu den Oberschenkeln, zog es ein bisschen höher und ließ es zurückgleiten.

Er lächelte anerkennend, und jetzt funkelten seine Augen vor Verlangen. „Komm näher“, forderte er sie auf. „Oder kostet das zusätzlich?“

Sie schüttelte den Kopf. Ihrer Stimme traute sie nicht.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte er. „Ich beiße nicht, es sei denn, ich werde darum gebeten. Außerdem darf ich dich nur ansehen, glaube ich. Anfassen ist gegen die Vorschriften.“

Gegen die Vorschriften? In einem solchen Haus? dachte Chellie. War er verrückt oder naiv?

„Oder zumindest darf ich es ohne deine Erlaubnis nicht, die du mir im Moment wahrscheinlich nicht geben wirst.“ Er nahm seine Brieftasche heraus. „Vielleicht erweicht das dein Herz.“ Er legte einige Geldscheine auf den Tisch. „Könntest du die Vorstellung jetzt ein bisschen vorantreiben?“

Mit anderen Worten, sie sollte sich ausziehen. Chellie geriet in Panik. Unter dem Kleid trug sie nur einen G-String. Zweifellos wollte er, dass sie den auch entfernte. Ihr kam in den Sinn, dass der Fremde nach Ramon erst der zweite Mann sein würde, der sie nackt sah. Ramon hatte es allerdings viel zu eilig gehabt, um dem Beachtung zu schenken. Ihr schauderte, als sie daran dachte, wie er sie mit dem Gewicht seines Körpers auf die Matratze gedrückt hatte. Sie hatte geglaubt, die schmerzhaften Stöße würden niemals enden. Und jetzt würde sie es wieder ertragen müssen …

„Ich warte, Micaela“, sagte er.

Der Reißverschluss war an der Seite des Kleides und reichte von der Brust bis zur Hüfte. Sobald sie ihn aufmachte, würde das Kleid einfach von ihr abfallen. Und danach gab es kein Zurück mehr. Plötzlich wurde Chellie starr vor Empörung über das, wozu sie gezwungen wurde. Bittend und trotzig zugleich blickte sie den Fremden an. „Ich kann nicht“, flüsterte sie heiser. „Es tut mir leid, aber ich kann das einfach nicht.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht und wartete auf seine Reaktion. Ein Wutanfall wäre völlig berechtigt. Vielleicht würde er sogar gewalttätig. Er könnte auch einfach gehen und Mama Rita rufen. Oder Manuel. Chellie war sich darüber im Klaren, was für eine Strafe sie herausforderte.

Seltsamerweise änderte es nichts. Ganz gleich, welche Folgen ihre Entscheidung haben würde, sie konnte vor diesem Mann nicht strippen. Vor irgendeinem anderen auch nicht. Und sie würde keine der Intimitäten zulassen, die er für sein Geld fordern durfte. Lieber sterbe ich, dachte sie. Aber vielleicht war der Tod nicht einmal das Schlimmste, was ihr passieren konnte.

Das Schweigen schien kein Ende zu nehmen. Schließlich ließ Chellie die Hände sinken. Er lümmelte sich auf dem Sofa, offensichtlich unberührt von ihrem Ausbruch. Und als er endlich sprach, hatte er die Frechheit, amüsiert zu klingen.

„Hast du schon mal daran gedacht, den Beruf zu wechseln?“, fragte er. „Für deine jetzige Laufbahn engagierst du dich offensichtlich nicht völlig.“

Chellie blickte ihn wütend an. „Mach dich nicht über mich lustig, du Mistkerl.“

Er stand auf. Er war groß. Trotz ihrer hohen Absätze musste sie zu ihm aufsehen, und sie ärgerte sich darüber.

„Du hast recht“, sagte er scharf. „Dies ist nicht zum Lachen. Und es wäre vielleicht besser, mich nicht zu beschimpfen. Setz dich.“

„Nein.“ Chellie wich zurück.

Er zog einen Flachmann aus der Gesäßtasche und schraubte ihn auf. „Hier. Trink.“

„Was ist das?“

„Brandy. Viel sicherer als der minderwertige Champagner deiner Chefin, dem möglicherweise ein Betäubungsmittel beigemischt ist.“ Er musterte Chellies blasses Gesicht. „Los, trink. Du hast es nötig.“

Sie schüttelte den Kopf. „Meine Probleme fangen gerade erst an. Brandy wird nicht helfen. Ich … gehe jetzt besser. Soll ich dir eine der anderen Frauen schicken?“

„Wenn ich eine von ihnen gewollt hätte, hätte ich sie gleich verlangt“, erwiderte er kurz angebunden. „Ich habe dich gewählt.“

Chellie biss sich auf die Lippe. „Es tut mir leid. Ich dachte, ich könnte es tun …“

„Nur einen Moment lang dachte ich das auch.“

Sie blickte ihn starr an. „Willst du damit sagen, du wusstest, dass ich es nicht zu Ende führen würde?“

„Natürlich. Jetzt setz dich und trink.“

Chellie gehorchte widerstrebend. Was ging hier vor? Sie war gekauft und bezahlt worden. Warum bestand dieser Mann nicht darauf, dass sie die Abmachung einhielt? Und wie hatte er wissen können, dass sie bei der ersten Hürde stürzen würde?

Der Brandy war ziemlich stark, und sie bekam fast einen Hustenanfall, aber das innerliche Kältegefühl verschwand. „Danke“, sagte sie steif und gab ihm die Taschenflasche zurück.

„De nada.“ Er setzte sich wieder hin, ans andere Ende des Sofas.

Es hätte Chellie beruhigen sollen, tat es aber nicht. Weil er immer noch da war, weil sie ihn sah.

„Meinst du, das Zimmer ist verwanzt?“

Sie rang nach Atem. „Wovon redest du?“

„Das ist doch wohl nicht schwer zu verstehen. Benutzt Mama Rita versteckte Mikrofone oder Kameras?“

„Ich denke, nicht. Die anderen Frauen hätten es erwähnt.“

„Gut.“

Chellie war sich nervös bewusst, dass er sie unverwandt anblickte. „Warum starrst du mich so an?“

„Weil ich dafür bezahlt habe. Also kann ich ebenso gut die Zeit ausnutzen, die mir noch bleibt.“

Sie sah ihn erstaunt an. „Das ist alles, was du willst?“

„Es genügt. Natürlich, wenn du irgendetwas ablegen möchtest …“

Ein Schweigen folgte, dann sagte sie resigniert: „Ich hätte wissen müssen, dass es zu schön ist, um wahr zu sein. Wolltest du, dass ich mir mit dem Brandy Mut antrinke?“

„Tatsächlich habe ich an diese scheußliche Perücke gedacht“, erwiderte er gelassen. „Oder willst du behaupten, dass es dein Haar ist?“

„Nein. Mama Rita besteht darauf, dass ich sie trage.“ Chellie nahm die Perücke ab und fuhr sich verlegen durchs schwarze Haar.

„Gut“, sagte er leise. „Das ist eine erstaunliche Verbesserung.“

Chellie wurde rot. Sie verstand diese Kehrtwendung noch immer nicht und traute ihr nicht. Vielleicht wiegte der Fremde sie nur in Sicherheit. Sie konnte sich nicht entspannen.

Was ihm nicht entging. „Du bist furchtbar nervös.“

„Wundert dich das?“ Sie warf ihm einen ärgerlichen Blick zu.

„Nein. Mir ist ein Rätsel, wie du in diesem anrüchigen Etablissement gelandet bist. So ein Leben zu wählen scheint mir ein schlechter Schritt zu sein.“

„Wählen? Bist du verrückt?“ Ihre Stimme wurde lauter. „Glaubst du wirklich, ich hätte jemals so ein Lokal betreten, wenn es nach mir gegangen wäre?“

„Warum bleibst du dann?“

„Weil ich ohne Geld und ohne Reisepass nicht von hier wegkomme.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Bist du ausgeraubt worden?“

„Mama Rita hat mir den Pass abgenommen. Jemand anders hatte mein Geld gestohlen. Die Folge war, dass ich aus meinem Hotelzimmer geworfen wurde. Und sie haben mein Gepäck behalten. Ich hatte eine Viruskrankheit, und deshalb war ich nicht ganz klar im Kopf.“ Abgesehen von der Erkenntnis, dass Ramon sie sitzen lassen hatte, pleite und völlig aufgeschmissen. Aber sie durfte nicht über ihre geradezu kriminelle Dummheit nachdenken. Dann würde sie vor diesem Fremden zusammenbrechen. Chellie straffte die Schultern. „Ich wusste, dass ich ziemlich schnell zum britischen Konsul musste und habe einen Streifenwagen angehalten, um nach dem Weg zu fragen.“

„Nicht sehr klug“, sagte der Fremde.

„Das habe ich gemerkt.“ Chellie schauderte. „Der Polizist hat gedroht, mich wegen Landstreicherei einzusperren, dann hat er sich scheinbar erweichen lassen und gesagt, das Konsulat sei an dem Tag geschlossen, aber er würde mich erst einmal an einen sicheren Ort bringen. Ich war ihm sogar dankbar. Nur hat er mich hierher gebracht.“

„Nicht gerade dein Glückstag.“

„Nein. Aber ich weiß, dass es noch schlimmere Häuser gibt als dieses, denn Mama Rita hat mir schon gedroht, mich in das ihrer Freundin zu schicken, wenn ich nicht gehorche. Ich habe wirklich geglaubt, sie würde mich singen lassen, bis ich genug Geld habe, um von hier zu verschwinden. Wir haben eine schriftliche Abmachung“, Chellie rang sich ein Lächeln ab. „Wie naiv kann man sein?“

„Mama Rita ist eine Frau, die viel davon hält, alle ihr zur Verfügung stehenden Aktivposten auszubeuten. Die Frage ist, willst du einer dieser Aktivposten bleiben?“

„Du meinst, warum ich nicht weglaufe? Ohne Reisepass würde ich nicht weit kommen. Und sie würde mich finden und hierher zurückbringen. Oder zu ihrer Freundin Consuela.“

„Wie weit würdest du denn gern weglaufen?“

„Am liebsten bis ans andere Ende der Welt.“

„Das kann ich nicht versprechen“, sagte er. „Aber St. Hilaire wäre immerhin möglich.“

Chellie runzelte die Stirn. „Wo ist das?“

„Die Insel gehört zu den Windward Islands und ist nicht besonders groß. Ich bringe für den Eigner eine Jacht dorthin. Du kannst mitkommen.“

„Ich soll mit dir mitgehen?“ Sie schüttelte den Kopf.

„Jetzt hör mal gut zu. Ich mag ja der erste Mann sein, der für deine Gesellschaft zahlt, aber ich bin mit Sicherheit nicht der letzte. Und der nächste Kerl respektiert deine Scheu vielleicht nicht. Tatsächlich könnte er sie für Anmache halten und viel mehr Lust von dir erwarten, als ich es getan habe.“

Chellie wurde rot. „Du nimmst wirklich kein Blatt vor den Mund.“

„Eigentlich verfahre ich glimpflich mit dir.“

Sie schwieg einen Moment lang. „Warum sollte ich dir trauen?“

„Weil du es kannst.“ Er warf ihr einen arroganten Blick zu.

„Ich habe in letzter Zeit anderen Leuten vertraut. Es ist jedes Mal eine Katastrophe gewesen.“

„Irgendwann musst du Glück haben. Warum nicht jetzt?“

„Was genau meinst du damit, ich könne mitkommen?“ Ihre Röte nahm noch zu.

Er verzog den Mund. „Wenn ich dich gewollt hätte, dann hätte ich dich inzwischen gehabt, Sängerin. Das Schiff hat mehrere Kabinen, also wirst du so viel Privatsphäre haben, wie du willst. Ich biete dir eine Überfahrt nach St. Hilaire an, das ist alles. Mehr ist an der Sache nicht dran.“

Chellie hätte erleichtert sein sollen, aber sie war fast gekränkt. Deswegen wütend auf sich, wurde ihre Stimme schärfer. „Wie ein Philanthrop siehst du nicht aus.“

„Tja, Süße, dein Aussehen lässt auch Missdeutungen zu, meinst du nicht auch?“

Anscheinend hat er auf alles eine Antwort, dachte Chellie verärgert. „Es ist nur … ich kann dich nicht bezahlen.“

„Mach dir darüber keine Gedanken“, erwiderte er. „Ich bin sicher, wir kommen zu einer für beide Seiten angenehmen Vereinbarung.“ Als Chellie ihn empört ansah, fragte er: „Kannst du kochen?“

„Ja“, log sie schnell.

„Dann ist das Problem gelöst. Du bezahlst deine Reise mit der Zubereitung von drei Mahlzeiten am Tag für Laurent und mich.“

„Laurent?“

„Das zweite Crewmitglied. Großartiger Kerl, aber er kann nicht kochen. Also?“

„Ich verstehe nicht … Warum willst du mir helfen? Wir kennen uns überhaupt nicht.“ Das Wort „gefährlich“ kam ihr in den Sinn. Aber auch „verführerisch“.

„Wir haben dieselbe Nationalität. Wir sind beide weit weg von zu Hause. Und dein Blick hat mir verraten, dass du in großen Schwierigkeiten bist. Ich dachte, du könntest Hilfe gebrauchen.“

Chellie blickte ihren unbekannten Wohltäter starr an. „Du heißt nicht zufällig Galahad, wie der Ritter der Tafelrunde?“

„Nein“, sagte er. „Ebenso wenig wie du Micaela heißt.“

„Ich bin mir noch immer nicht ganz sicher, ob …“, begann sie.

„Damit das klar ist, Darling, ich werde dich nicht auf die ‚La Belle Rêve‘ drängen. Und ich werde dich nicht auf Knien bitten. Ich fahre heute Abend, ob du bei mir bist oder nicht. Ende der Diskussion. Du sitzt zwischen Baum und Borke. Triff deine Entscheidung.“

„Und wenn wir auf St. Hilaire sind?“, fragte Chellie nervös. „Was dann?“

„Wie es weitergeht, kannst du dort überlegen.“

„Du vergisst, dass ich keinen Reisepass habe. Dadurch sind meine Möglichkeiten gleich null. Es sei denn, man hat auf St. Hilaire freie Stellen für Sängerinnen“, sagte Chellie sarkastisch.

Er schwieg einen Moment lang. „Weißt du, wo Mama Rita deinen Pass aufbewahrt?“

„In ihrem Schreibtisch, in der oberen rechten Schublade eingeschlossen. Sie hat ihn mir einmal gezeigt, um zu beweisen, dass sie ihn noch und damit mich besitzt.“

„Und der Schlüssel? Wo ist der?“

„An einer langen Kette um ihren Hals.“

Er schauderte. „Da kann er auch bleiben. Was glaubst du, wo Mama Rita gerade ist?“

„Unten im Lokal. Sie wird erst wieder am Ende der Nacht nach oben kommen, um die Einnahmen zu zählen. Warum?“

„Ich will den Schreibtisch aufbrechen.“

„Bist du verrückt?“

„Wir können das verdammte Ding ja wohl nicht mitnehmen. Es überrascht mich, dass du es nicht selbst versucht hast.“

„Weil ich so etwas nicht kann“, sagte Chellie angespannt. „Du scheinst dagegen zu wissen, wie man das macht.“

Er zuckte die Schultern. „Nur nebenbei erworbene Kenntnisse. Es gibt hier hoffentlich eine Hintertür?“

„Ja, aber die ist auch abgeschlossen, und Manuel hat den Schlüssel.“

„Kein Problem.“ Er stand auf.

Chellie erhob sich ebenfalls. „Manuel hat ein Messer. Er ist wirklich gefährlich, schlimmer als Mama Rita.“

„Vielleicht bin ich auch gefährlich, Sängerin“, erwiderte der Fremde sanft. „Und behaupte nicht, dass es dir nicht schon in den Sinn gekommen ist.“

Sie blickte ihn starr an. Er konnte einen Schreibtisch aufbrechen und hatte keine Angst vor Messern. Wer war dieser Mann, und wann würde sie in der Lage sein, von ihm loszukommen? Und wie viel würde es sie kosten? „Du scheinst mir das kleinere Übel zu sein“, sagte sie heiser.

„Danke.“ Er verzog den Mund. „Glaube ich. Ist Mama Ritas Büro auf dieser Etage?“

Chellie nickte. „Soll ich dich hinführen?“

„Das spart Zeit, und ich störe nicht jemand anders in einem intimen Moment. Ich nehme an, das hier ist nicht das einzige private Zimmer?“

„Nein, aber es gilt als das beste. Du musst viel Geld dafür bezahlt haben.“

„Mach dir deswegen keine Gedanken. Ich erwartete, dass ich den Wert zur gegebenen Zeit zurückbekomme.“ Er bemerkte ihren erschrockenen Blick und lächelte. „Deine Kochkünste.“ Er schob die blonde Perücke mit dem Fuß unters Sofa. „Die brauchst du nicht mehr. Du kannst dich umziehen gehen, während ich den Schreibtisch aufbreche.“

„Ich habe nicht viel.“ Es war demütigend, dieses Eingeständnis zu machen.

„Irgendetwas anderes. Wir müssen aber unauffällig verschwinden, und in dem Kleid siehst du zu sensationell aus.“

Chellie wurde rot und ärgerte sich darüber.

Auf dem Flur war niemand, und die Tür zum Büro war angelehnt. Mama Rita hatte die Schreibtischlampe brennen lassen. Abgesehen vom Schreibtisch gab es nur wenige Möbel in dem Raum. Auf einer Kommode an der Wand standen zwei hübsche, reich verzierte Kerzenleuchter aus Holz, alle anderen Einrichtungsgegenstände waren Trödel.

„Mama Rita scheint ja keine Angst davor zu haben, beraubt zu werden.“

„Sie glaubt nicht, dass es jemand wagen würde. Außerdem hat sie einen Safe für das Geld.“ Chellie zeigte auf den Schreibtisch. „Das ist die Schublade.“

„Überlass das mir, und geh dich umziehen. Wir sehen uns hier in einigen Minuten wieder. Und bring mit, was du jetzt anhast. Wenn sie annehmen, dass du noch irgendwo im Haus bist, verschafft uns das mehr Zeit.“

Chellie zögerte. „Sei vorsichtig.“

„Aber Liebling, ich wusste nicht, dass du dich um mich sorgst.“

„Tue ich auch gar nicht“, fuhr sie ihn an. „Du bist meine Chance, hier rauszukommen, deshalb will ich nicht, dass irgendetwas schief geht.“

„Du bist die Freundlichkeit in Person.“

„Zwischen Baum und Borke. Das hast du selbst gesagt. Ich habe meine Wahl getroffen, aber sie muss mir nicht gefallen.“

Er zuckte die Schultern. „So begeistert bin ich auch nicht, doch jetzt ist keine Zeit, darüber zu sprechen. Wir reden, wenn wir erst einmal ausgelaufen sind.“

Chellie biss sich auf die Lippe und verließ das Büro.

Ash ging zur Tür und horchte, bevor er sie fest zudrückte. Dann kehrte er zum Schreibtisch zurück, knöpfte sein Hemd auf und riss die flache Tasche ab, die er mit Klebeband an seiner Taille befestigt hatte. Er wählte einen der Dietriche aus und öffnete die Schublade. Auf den Papieren lag ein Messer mit großer Klinge. „Sängerin“, sagte Ash leise, „du hast Mama Rita unterschätzt.“ Er fand mehrere Reisepässe, aber nur einen britischen. Ash schlug ihn auf und überprüfte schnell die Angaben. So weit, so gut, dachte er zufrieden. Ein schwaches, fast trotziges Lächeln umspielte den Mund der jungen Frau auf dem Foto, ihr Blick war kühl und völlig furchtlos.

Aber das war damals, dachte Ash zynisch. Wie sich die Dinge ändern konnten. Er steckte den Pass ein, legte den Dietrich zurück in die Tasche und klebte sie sich wieder auf die Haut. Dann beschädigte er mit dem Messer das Schloss der Schublade und brach alle anderen Schubladen auf und verstreute den Inhalt auf dem Boden, um einen Gelegenheitsdiebstahl vorzutäuschen.

Flüchtig hatte er Mitleid mit den anderen jungen Frauen, deren Reisepässe Mama Rita einbehielt, doch er konnte nichts dagegen tun. Außerdem war keine von ihnen die Tochter eines reichen Mannes.

Nur du, Sängerin, und du kommst mit mir, ob es dir gefällt oder nicht, dachte Ash.

Chellies Herz raste, als sie nach oben in ihr Zimmer ging, und sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Sie wappnete sich gegen die huschenden Geräusche, öffnete die Tür und schaltete die nackte Glühbirne ein, die von der Decke baumelte. Zumindest dieser besondere Albtraum würde ihr auf dem Schiff erspart bleiben. Aber dafür wirst du anfällig für viele andere, sagte eine innere Stimme.

Chellie wusste nichts über ihren Retter, nicht einmal seinen Namen, und sie hatte keine Garantie dafür, dass er seinen Teil der Abmachung einhalten würde. Indem sie ihm vertraute, könnte sie durchaus in einen noch schlimmeren Schlamassel geraten. Sie gab widerwillig zu, dass er ein guter Typ war. Er war schlank und muskulös und hatte breite Schultern. Aber andererseits war das Leben, das er gewählt hatte – die Boote anderer Leute überführen, mit ein bisschen Diebstahl nebenbei –, eine ziemlich unsichere Existenz. Unter normalen Umständen wäre er der Letzte gewesen, an den sie sich um Hilfe gewandt hätte.

Darüber durfte sie jetzt jedoch nicht nachdenken. Verzweifelte Situationen erforderten verzweifelte Maßnahmen, und sie musste aus diesem Haus raus, ganz gleich, wie. Schnell legte sie ab, was sie anhatte, und zog den weißen BH und den Slip an, die sie früher an diesem Tag gewaschen hatte. Sie waren noch feucht, aber das war nicht zu ändern. Sie streifte sich ihr einziges T-Shirt über den Kopf, zog einen kurzen Jeansrock an und stopfte das schwarze Kleid und den G-String zusammen mit den wenigen Toilettenartikeln und dem bisschen Geld, das sie besaß, in ihre Segeltuchumhängetasche. Dann nahm sie die Sandaletten vom Schrank, schlug sie gegeneinander, um darin lauernde Kakerlaken zu verjagen, und schlüpfte hinein.

Auf dem Weg zur Tür erblickte sich Chellie im Spiegel und berührte unwillkürlich ihr kurzes rabenschwarzes Haar. Der Verlust schmerzte wirklich. Es war zu einem eleganten, kinnlangen Bob geschnitten gewesen, als sie hier angekommen war. Mama Rita hatte befohlen, es abzuschneiden, damit die Perücke besser saß. Lina hatte die Schere bekommen und ihre Aufgabe genossen, während die anderen gelacht und höhnische Bemerkungen gemacht hatten.

Ich bin kaum wiederzuerkennen, dachte Chellie. Aber vielleicht würde das ein Vorteil sein, wenn sie ihre Reise allein fortsetzte. Denn darauf musste sie sich konzentrieren: ihr Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen. Das mit Ramon war nur eine Panne gewesen. Noch einmal würde sie sich nicht von einem Mann zum Narren halten lassen.

Chellie knipste das Licht aus und ging leise die Treppe hinunter. Sie war auf halbem Weg zum Büro, als Manuel um die Ecke bog.

„Hola, chica, wo willst du hin?“ Er kniff misstrauisch die Augen zusammen.

Irgendwie fand sie die Kraft, ihn anzulächeln. „Nach unten an die Bar, etwas trinken.“

„Wo ist der hombre, der dich gekauft hat?“

„Schläft. Und macht keinen Spaß mehr.“ Chellie warf Manuel einen vielsagenden Blick zu.

„Warum bist du so angezogen? Und wo ist deine Perücke? Du sollst blond sein.“

„Das Kleid ist zerrissen. Die Perücke ist mir zu warm. Nur um ein Bier zu trinken, brauche ich sie ja wohl nicht.“

Ein unangenehmes Lächeln umspielte seinen Mund. „Ich habe Bier in meinem Zimmer, chica. Wenn du noch mehr Spaß haben willst, bekommst du ihn mit mir.“

„Nein.“ Chellie wich zurück und umklammerte unbewusst den Riemen der Umhängetasche.

Manuel bemerkte es. „Was hast du da?“

„Nichts. Und ich trinke mein Bier unten im Lokal. Ohne dich.“ Erstaunt sah sie ihn zustimmend nicken. Erst als er auf die Knie sank und dann der Länge nach hinfiel, bemerkte sie, wer mit einem von Mama Ritas hölzernen Kerzenleuchtern in der Hand hinter ihm stand. „Ist er tot?“, fragte Chellie zittrig.

„Ich weiß, was ich tue. Er wird schlimme Kopfschmerzen haben, wenn er aufwacht, mehr nicht.“

„Mehr nicht? Erst Einbruch und jetzt schwere Körperverletzung. Was als Nächstes, Galahad?“

„Ich habe vor, von hier zu verschwinden.“ Er durchsuchte die Hosentaschen des Bewusstlosen und nahm zufrieden seinen Schlüsselbund an sich. „Ich habe deinen Pass. Kommst du mit, oder bleibst du lieber hier? Manuels nächste Einladung ist vielleicht nicht so herzlich, aber wenn dir das gleichgültig ist …“

Nicht nur zwischen Baum und Borke, sondern zwischen zwei Feuern, dachte Chellie. Und sie musste sich für eins davon entscheiden. Fürs Erste, aber nicht für immer. An den Gedanken konnte sie sich klammern. Sie schauderte vor Angst und spürte gleichzeitig eine seltsame Erregung, als sie ihm in die blauen Augen sah. „Worauf warten wir noch? Gehen wir.“

3. KAPITEL

Die Luft war warm und schwül, aber Chellie atmete sie ein, als wäre sie reiner Sauerstoff. Ich bin frei, dachte sie. Vor Erleichterung traten ihr Tränen in die Augen, doch sie blinzelte sie weg. Weil keine Zeit zum Weinen war. Sie musste ihre Flucht bewerkstelligen. Den ersten Teil, jedenfalls.

Aus dem Nachtlokal herauszukommen war ebenso nervenaufreibend gewesen wie alles davor. Sie hatten Manuel ins Büro geschleift und ihn mit seinem eigenen Schlüssel eingeschlossen. Der Weg zur Hintertür führte an der Garderobe vorbei. Ihr Retter war zuerst gegangen, um aufzuschließen, und war unbemerkt vorbeigeschlüpft. Chellie hatte jedoch Jacintas überraschten Blick aufgefangen. Chellie hatte gelächelt und ihr sogar zugewinkt, als wäre alles in bester Ordnung, aber sie konnte nicht sicher sein, dass Jacinta nicht erwähnte, was sie gesehen hatte, wenn Chellies Flucht erst einmal entdeckt worden war. Vielleicht würde Jacinta keine andere Wahl haben.

Sobald sie draußen war, rannte Chellie los.

„Immer mit der Ruhe.“ Ihr Retter packte sie am Handgelenk und hielt sie zurück.

„Was soll das? Wir müssen weg. Sie werden uns verfolgen.“

„Wahrscheinlich. Und wenn wir bei dieser Hitze rennen, fallen wir auf, sodass man sich an uns erinnert. Wenn wir dagegen normal gehen, sind wir nur irgendein Paar unter all den anderen. Versuch auszusehen, als wolltest du mit mir zusammen sein, und hör auf, ständig über die Schulter zu blicken. Deine ganze Körpersprache schreit: ‚Sie sind hinter mir her!‘“

„Oh, bitte entschuldige“, sagte Chellie sarkastisch. „Aber die Rolle der Flüchtigen ist neu für mich.“

„Zum Glück“, erwiderte er absolut ungerührt. „Hoffentlich musst du sie nicht lange spielen.“ Er ließ ihr Handgelenk los und umfasste ihre Taille.

Chellie wurde klar, dass sie jetzt aussahen wie ein Liebespaar, das den Rest der Nacht zusammen verbringen wollte. Nur waren ihr blaue Flecken am Handgelenk lieber als diese Umarmung, die unwiderstehlich erregend war, was sie weder gebrauchen konnte noch verstand.

Das Leben hatte sie gelehrt, sich vor Fremden in acht zu nehmen. Ramon hatte ihre Zurückhaltung nach langer Zeit durchbrechen können, weil sie unglücklicherweise schließlich geglaubt hatte, seine Hartnäckigkeit sei Liebe. Und jetzt war sie dazu verurteilt, die Nähe dieses Fremden zu ertragen, der keine Skrupel hatte, einen Einbruch zu begehen oder jemand niederzuschlagen. Dass er es in ihrem Interesse getan hatte, schien Chellie keine angemessene Rechtfertigung zu sein.

Er war von der Straße hereingekommen und hatte so viel Mitleid mit ihr gehabt, dass er sich für sie eingesetzt hatte. Und wie wahrscheinlich ist das? fragte sich Chellie beklommen. Sie riskierte viel, indem sie seine Hilfe annahm, darüber war sie sich völlig im Klaren. Was ihre sexuelle Reaktion auf ihn umso unerklärlicher machte. Derer sie sich seit jenem Moment bewusst gewesen war, als sie sich im Lokal zum ersten Mal angeblickt hatten. Je eher ich von ihm wegkomme, desto besser, dachte sie. Aber das würde nicht so einfach sein. Anscheinend war sie aus Mama Ritas Klauen nahtlos in seine übergegangen. Wie hatte sie nur so dumm sein können? War es zu spät, die Sache irgendwie noch wieder in Ordnung zu bringen?

Chellie atmete tief durch. „Was hast du mit Manuels Schlüsseln gemacht?“

„Ich habe sie in einen offenen Gully geworfen.“

„Oh. Das ist … gut.“

„Dachte ich auch“, erwiderte er trocken.

„Dieses Boot, wo genau liegt es eigentlich?“

„Im Jachthafen.“

„Werden sie uns dort nicht zuerst suchen?“

„Sie haben keinen Grund, mich mit dem Jachthafen in Verbindung zu bringen.“

„Du scheinst ja unbesorgt zu sein.“

„Und du machst dich wegen irgendwelcher Möglichkeiten verrückt“, erwiderte er.

Chellie schwieg einen Moment lang, dann fragte sie: „Hast du meinen Reisepass gefunden?“

Er seufzte. „Das habe ich dir doch gesagt.“

„Könnte ich ihn bitte haben?“

„Denkst du daran, es allein zu versuchen, Sängerin?“ Er schüttelte den Kopf. „Du würdest keine Meile weit kommen.“

Dass er recht hatte, verbesserte ihre Laune nicht.

„Außerdem bin ich der Meinung, dass ich – wie Mama Rita – irgendetwas brauche, was dein gutes Benehmen gewährleistet.“

Chellie rang nach Atem. „Soll das heißen, dass du mir nicht traust?“

„Nicht weiter, als ich dich mit einer Hand werfen könnte, Schatz. Nicht mehr, als du mir traust. Knirsch ruhig mit den Zähnen, aber ich bin immer noch das Beste für dich, wenn du hier heil herauskommen willst, und du weißt es. Was ist schon ein bisschen gegenseitiges Misstrauen unter Freunden?“

„Ich bin nicht deine Freundin, Galahad“, erwiderte Chellie kühl.

Er zuckte die Schultern. „Meine Weihnachtskartenliste ist sowieso voll.“

„Aber ich möchte trotzdem gern meinen Reisepass zurückhaben“, sprach sie weiter, als hätte er nichts gesagt. „Bitte.“

„Du lieber Himmel, der authentische Ton der Herrscherin. Hat ja nicht lange gedauert, bis er zum Vorschein kommt. Vom unterdrückten Opfer mühelos zu einer, der zu gehorchen ist.“ Seine Stimme wurde härter. „Und was soll ich jetzt machen, Darling? Blass werden und vor dir kriechen? Das hättest du bei Manuel versuchen sollen. Er wäre sehr beeindruckt gewesen.“

„Wie kannst du es wagen …“ Plötzlich wurde Chellie über den Kai in die Dunkelheit zwischen zwei Lagerhäusern gezerrt.

Er packte sie an den Schultern und zwang Chellie, ihn anzusehen. „Oh, ich wage es. Dich hätte schon vor langer Zeit jemand stoppen sollen. Dann würdest du mich jetzt nicht brauchen, um aus diesem Schlamassel herauszukommen.“

„Ich brauche dich nicht“, erwiderte sie wütend. „Im Hafen liegen genug andere Boote. Ich finde auch ohne deine fragwürdige Hilfe eine Reisemöglichkeit.“

„Ja“, sagte er grimmig. „Aber wahrscheinlich nicht heute Abend. Und das ist nur eins deiner Probleme. Wie lange kannst du warten? Wie lange wird es dauern, bis sich herumspricht, dass eine junge Frau mit auffallend grünen Augen und einem schlechten Haarschnitt versucht, den Hafen zu verlassen? Wie lange, bis Mama Rita dich aufspürt? Und dann ist da noch die Kostenfrage. Du hast nicht genug Geld. Bist du wirklich bereit, den Alternativpreis zu zahlen, der von dir verlangt werden könnte? Wenn ja, wird dir die Fahrt vielleicht sehr lang vorkommen.“

„Du bist gemein“, stieß Chellie hervor.

„Ich bin Realist. Während du …“ Er lachte spöttisch. „Trotz allem, was passiert ist, hast du noch immer nichts gelernt, stimmt’s?“

„Bitte … bitte lass mich los“, flüsterte sie heiser.

„Angst, ich könnte dir eine Lektion erteilen? Keine Chance, Schatz. Du bist nicht mein Typ.“

Aber er ließ sie nicht los, und Chellie, gefangen zwischen seinem harten Körper und der Holzwand hinter ihr, fing an zu beben. Die Welt schien auf diese dunkle Ecke zu schrumpfen, auf die Nähe zwischen ihnen. Chellie hörte Männerstimmen und lautes Hupen, doch es war, als würden die Geräusche aus einem anderen Universum kommen, das nichts mit ihr und ihrem immer stärker werdenden Verlangen zu tun hatte.

Ihr Retter fluchte leise, und dann spürte sie plötzlich seinen Mund auf ihrem. Nur konnte dieser Kontakt keineswegs als Kuss bezeichnet werden. Das war der wirkliche Schock. Es war die harte, gefühllose Parodie eines Kusses. Die ebenso schnell vorbei war, wie sie begonnen hatte.

Chellie war kaum fähig, sich auf den Beinen zu halten. „Was sollte das?“, fragte sie zittrig.

„Das war Manuel, in einem Jeep, zusammen mit einem anderen Kerl. Glatze, gebaut wie ein Stier. Kennst du ihn?“

„Rico. Er ist Rausschmeißer im Nachtclub.“ Chellie war wie betäubt. Ohne Erfolg versuchte sie, sich zu fassen. „Haben sie uns gesehen?“

„Dann hätten sie wohl angehalten“, sagte er trocken. „Außerdem habe ich dafür gesorgt, dass du nicht zu sehen warst.“

„Ja“, flüsterte sie. „Ja.“ Also deshalb … Sie schauderte.

Er nahm ihre Hand. „Los, komm.“

Chellie blieb stehen, starr vor Angst. „Was machen wir denn jetzt nur?“

„Wir gehen zum Jachthafen, wie geplant. Was sonst?“

„Aber alles hat sich geändert“, protestierte sie. „Sie werden vor uns dort sein … auf uns warten.“

„Ich wette, sie fahren nicht einmal in die Nähe des Jachthafens.“ Er klang fürchterlich gelassen. „Ich würde jedoch lieber hier weg sein, wenn sie zurückkommen.“ Er legte den Arm um sie und ging energisch los.

Chellie ging unwillkürlich mit. Ihre Gedanken jagten sich. Aber nicht die Gefahr, entdeckt zu werden, quälte sie. Zu ihrem Erstaunen war das nicht mehr ihr vordringliches Problem. Sie durchlebte noch einmal den Moment, als sie seine Lippen auf ihren gespürt hatte. Und ihr wurde entsetzt klar, dass sie mehr gewollt hatte. Dass sie ihren Retter begehrte. Sie hielt den Atem an. Du meine Güte, das ist völlig verrückt, dachte sie. Wie konnte sie so empfinden? Sie wusste nicht einmal seinen Namen.

Dennoch war es die beschämende Wahrheit, die sie ertragen musste. Sie hatte die Lippen geöffnet und ihn zu einem leidenschaftlicheren Kuss auffordern wollen. Sie hatte sich danach gesehnt, von ihm gestreichelt zu werden, und war bereit gewesen, ihm überallhin zu folgen. Sie stieß einen leisen Laut zwischen Lachen und Schluchzen aus.

„Was ist?“

„Ich glaube, ich werde mit dieser Situation nicht besonders gut fertig.“

„Du machst das ganz richtig“, sagte er kurz angebunden.

Es war nicht, was Chellie hatte hören wollen. Höchstes Lob hatte sie nicht erwartet, aber zumindest auf ein bisschen Freundlichkeit und Trost gehofft. Wenn er sie doch nur einmal anlächeln würde, als würde er es ernst meinen … Nein. So durfte sie nicht denken. Es war falsch und gefährlich.

Seine Umarmung vermittelte ihr allerdings ein Gefühl von Sicherheit, auch wenn sie etwas seltsam Unpersönliches an sich hatte. Ebenso wie sein Kuss unpersönlich gewesen war. Tja, den Grund dafür kannte sie jetzt. Er hatte nur dafür gesorgt, dass sie nicht zu sehen gewesen war. Und gerade vor einer Minute hatte er zu ihr gesagt, sie sei nicht sein Typ. Ihr brannte das Gesicht bei der Erinnerung, und sie war dankbar, dass sie der Versuchung nicht nachgegeben hatte, ihn zu einem echten Kuss herauszufordern. Es wäre eine Katastrophe gewesen. Der Mann war mehr als nur attraktiv und sprach gebildet, doch er stellte etwas Dunkles dar … eine Gefahr. Und ein Ritter war ihr Galahad zweifellos auch nicht. Er war einfach ein Pirat, wie einer der Seeräuber, die früher einmal in der Karibik ihren Geschäften nachgegangen waren.

Wenn sie ihm in London begegnet wäre oder auf „Aynsbridge“, hätte sie ihn nicht genauer angesehen. Es sei denn, er hätte dich zuerst angesehen und du hättest plötzlich festgestellt, dass du den Blick nicht von ihm losreißen kannst, sagte eine listige innere Stimme.

Mein Problem ist, dass ich an sofortige sexuelle Anziehungskraft nicht gewöhnt bin, dachte Chellie. Sie hatte so etwas immer als billig abgeschrieben. Sich gern haben sollte zuerst kommen. Eine geistige Übereinstimmung, aus der wahre Liebe werden konnte. Und wie erklärte sie dann die Sache mit Ramon?

Eine Pechsträhne, vermutlich. Sie hatte verzweifelt nach einer Möglichkeit gesucht, das Joch ihres Vaters abzuschütteln und sich von der verdummenden Langeweile ihres Lebens zu befreien. Nonstop auf Partys zu gehen hatte sie nicht weitergebracht.

Chellie rebellierte auch dagegen, dass ihr Vater ihr unbedingt Jeffrey Chilham als Ehemann aufdrängen wollte. Es wäre eine rein dynastische Ehe. Der Witwer, zwanzig Jahre älter als sie, würde die Leitung des Unternehmens übernehmen, wenn sich Sir Clive zur Ruhe setzte. Nur eine vollständige Persönlichkeitstransplantation konnte Jeffrey helfen. Er war korrekt, würdig und so nachsichtig ihr gegenüber, dass sich Chellie oft danach sehnte, sich schreiend auf ihn zu stürzen. Sie wollte ihren Vater davon überzeugen, dass sie ein Mensch mit eigenem Recht und unverkäuflich war und sich selbst einen Ehemann suchen konnte. Also ließ sie mehrere völlig ungeeignete junge Männer vor ihm aufmarschieren. Heiraten wollte sie keinen von ihnen, dennoch tat es weh, einen nach dem anderen verschwinden zu sehen, nachdem ihr Vater sie gesellschaftlich kaltgestellt hatte.

Die Klatschkolumnisten hatten ihren Spaß mit Chellie. Ihre Kommentare wurden immer abfälliger, als eine Beziehung nach der anderen zu Ende ging. Chellie wurde als herzloses reiches Luder dargestellt, das auf Männern herumkaute und sie wieder ausspuckte. Liebe und Heirat würde sie nur als ein Spiel für ihr Ego betrachten.

Ramon war anders. Er ließ sich von Sir Clives eisiger Missbilligung nicht einschüchtern, was ihm bei Chellie sofort Megapunkte einbrachte. Sie ahnte nicht, dass er sie einfach sorgfältig und skrupellos anvisiert hatte.

Er sprach Englisch mit einem weichen spanischen Akzent und hatte eine tiefe Stimme, die sie wie dunkler Samt zu liebkosen schien. Und er zeigte ihr, dass ein anderes Leben außerhalb der Obhut ihres Vaters möglich war. Ramon erzählte ihr von Regenwäldern und Flüssen, die so breit wie Meere waren. Von estancias mit Tausenden von Acres Weideland, von dem Haus, das er als einziger Sohn seines Vaters geerbt hatte, und den Obst- und Kaffeeplantagen, die es umgaben. Und natürlich sprach er von der Frau, die er dort an seiner Seite brauchte.

Wie durch ein Wunder war anscheinend sie diese Frau. Ramon umwarb sie feinfühlig und respektvoll und weckte ihre Sinnlichkeit. Chellie war sein Engel auf einem Podest und sollte immer vergöttert werden. Er machte ihr einen Traum schmackhaft, und sie dachte nicht einmal daran, zu fragen, wer diese großen Plantagen leitete, während er in Europa war. Sie sah sich schon mit Ramon durch die weite, sonnenüberflutete Landschaft reiten.

Über Geld sprachen sie nicht. Er war gut angezogen, hatte eine Wohnung im richtigen Teil der Stadt, wurde in den besten Restaurants gesichtet und fuhr ein schnelles Auto. Naiv setzte Chellie sein Gerede vom Familienbesitz mit Solvenz gleich und nahm an, dass ihm ihr Status als reiche Erbin unwichtig war.

Der Widerstand ihres Vaters bestärkte sie nur in ihrer Überzeugung, dass sie sich nichts weiter wünschte als das Leben mit Ramon, das er so lyrisch beschrieb. Schließlich verbot ihr Sir Clive, Ramon auch nur wiederzusehen, was ihr die Entscheidung, mit ihm durchzubrennen, nahezu abnahm. Wenn ihr Vater nicht jeden Mann außer Jeffrey pauschal verurteilt hätte, wäre sie vielleicht vernünftiger mit seinem Widerstand umgegangen und hätte sogar das Dossier gelesen, das er zweifellos über Ramon angelegt hatte. Stattdessen ignorierte sie Sir Clives Warnungen und die Drohung, er würde sie aus seinem Leben verbannen und sie mittellos machen, wenn sie ihm nicht gehorchte.

Chellie hatte geglaubt, er würde einlenken und zugeben, dass er sich geirrt hatte, sobald er sie glücklich verheiratet erlebte und Enkelkinder hatte. Tatsächlich hatte sie alles in rosarotem Licht gesehen. Sie seufzte.

„Bist du in Ordnung?“, fragte der Mann, der neben ihr ging.

„Ja.“ Sie rang sich ein Lächeln ab. Sich daran zu erinnern, wie Ramon sie getäuscht hatte, war schmerzlich, aber nützlich. Während ihrer Zeit im Mama Rita’s hatte sie von einem Tag bis zum nächsten gedacht. Jetzt musste sie ihr Leben planen, und ihr Retter konnte darin keine Rolle spielen. Sie würde ihm ewig dankbar sein, aber sie hatte nicht vor, sich ein zweites Mal völlig lächerlich zu machen, ganz gleich, wie attraktiv er war.

Überrascht sah sie, dass sie den Jachthafen erreicht hatten. Ramon hatte sie hierher gebracht. Sie hatten im Casino zu Abend gegessen, danach hatte Ramon Blackjack gespielt und verloren. Chellie hatte es seinem Pech zugeschrieben, dass er so übellaunig gewesen war, inzwischen war ihr jedoch klar, dass er darüber gegrübelt hatte, wie er sie sitzen lassen und verschwinden konnte. Ihr Schicksal war besiegelt gewesen, sobald sie ihm erzählt hatte, dass ihr Treuhandvermögen erst an ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag verfügbar würde, wenn sie gegen die Wünsche ihres Vaters heiratete. Ramon hatte schockiert ausgesehen, aber gut verborgen, wie wütend er gewesen war.

Er hatte jedes Recht, wütend zu sein, dachte Chellie ironisch. Er hatte viel Zeit und Mühe investiert, um sich eine reiche Erbin zu schnappen, und dann hatte er feststellen müssen, dass sie keinen lumpigen Heller besaß. Dass ihr Vater sein Geld benutzt hatte, um ihr Leben zu kontrollieren. Er hatte ihr nicht erlaubt, eine Ausbildung zu machen, die es ihr ermöglicht hätte, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Taschengeld hatte sie bekommen. „Ehefrau eines reichen Mannes“ war der einzige Beruf, auf den sie vorbereitet worden war.

Chellie verzog sarkastisch den Mund. Hier im Jachthafen waren viele potenzielle Bräutigame. Auf den Luxusjachten wurde gefeiert. Sie hörte Gelächter und das Klirren von Gläsern, sah Designermode und Juwelen. Wenn sie vor zwei Monaten, vor ihrer Beziehung mit Ramon, nach Santo Martino gekommen wäre, dann wäre sie wahrscheinlich Gast auf einem der Boote gewesen, hätte tagsüber an ihrer Sonnenbräune gearbeitet und abends ihre eigenen Designerkleider vorgeführt.

Plötzlich fragte sie sich, was wohl passieren würde, wenn sie eine der Gangways hochgehen und sagen würde, sie sei Clive Greers Tochter und brauche Hilfe. Fast hätte sie sich von ihrem Begleiter losgerissen und es versucht. Aber nur fast. Ohne ihren Reisepass würde sie nicht weit kommen, selbst wenn die Leute bereit wären, ihr zu helfen. Und so, wie sie aussah, mit einer Frisur wie ein schlecht gemähter Rasen, würde ihr sowieso keiner glauben. Sie hatte die geringschätzigen Blicke schon bemerkt, die ihnen zugeworfen wurden.

„Los, Sängerin, heute Abend ist nicht der richtige Zeitpunkt für Cocktails“, sagte er belustigt.

Jetzt kann er also auch noch Gedanken lesen, dachte Chellie mürrisch. „Die Leute starren uns an.“

„Nicht mehr lange. Dort liegt unsere Jacht, ‚La Belle Rêve‘.“

Chellies Augen wurden groß. Die Motorjacht war doppelt so groß, wie sie gedacht hatte, und brauchte den Vergleich mit den anderen Booten im Hafen nicht zu scheuen. „Die überführst du nach St. Hilaire?“, fragte sie schwach.

„Traust du mir das nicht zu?“ Er klang amüsiert.

„Doch, ich glaube, du bist zu allem fähig.“

Ein Mann wartete oben an der Gangway. Er hatte eine dunkle Haut, lockiges schwarzes Haar und trug abgeschnittene Jeans und eine Jeansweste. „Mon ami, ich habe angefangen, mir Sorgen um dich zu machen“, sagte er lächelnd zu Chellies Begleiter, „aber jetzt verstehe ich den Grund für deine Verspätung.“ Er nahm Chellies Hand. „Mademoiselle, ich bin Laurent Massim. Enchanté. Darf ich Ihren Namen erfahren?“

Als sie zögerte, sagte der Mann neben ihr: „Laut ihres Reisepasses ist sie Michelle Greer, und sie ist der neue Schiffskoch.“

Chellie biss sich auf die Lippe. Natürlich hatte niemals die Möglichkeit bestanden, ihre Identität zu verheimlichen. Zum Glück hatte er anscheinend den Zusammenhang nicht hergestellt. Wer erwartete auch schon, dass die Tochter eines Großindustriellen in einem Stripteaselokal in Südamerika arbeitete? Tja, dachte sie, lange möge er unwissend bleiben. Sie blickte ihn herausfordernd an. „Und wie heißt du? Oder ist dein Name ein Geheimnis?“

„Keineswegs. Ash Brennan. Es ist vielleicht besser, wenn du unter Deck gehst, bevor jemand bemerkt, dass wir einen Passagier haben.“

„Danke.“ Plötzlich war sie nur noch erschöpft und überempfindlich. Sie stieg vorsichtig die Kajütentreppe hinunter und gelangte in einen großen, luxuriös eingerichteten Salon mit schieferblauen Ledersesseln und teuren Brücken auf dem Holzfußboden. An einer Seite war eine Bar und dahinter die moderne Kombüse, die funkelte wie das Innere eines Raumschiffs. Chellie betrachtete sie mit bösen Vorahnungen.

Ash kam zu ihr. „Wir laufen bald aus.“ Er blickte sie mit zusammengekniffenen Augen an. „Du bist blass. Wirst du seekrank?“

„Soweit ich weiß, nicht. Und bestimmt nicht, während ich noch im Hafen bin.“

„Der Wetterbericht ist gut. Auf der Fahrt nach St. Hilaire müsste alles glattgehen.“

Chellie unterdrückte ein hysterisches Lachen. Konnte noch irgendetwas in ihrem Leben glattgehen? „Ich kann es nicht wirklich glauben“, sagte sie heiser. „Jeden Moment werde ich aufwachen und wieder in der Kakerlakengasse sein.“

„Es ist vorbei, Michelle. Du weißt doch, wie dieses Boot heißt – La Belle Rêve, der schöne Traum. Albträume wird es nicht mehr geben.“

Sie sah Ash nicht an. „Ich werde versuchen, daran zu denken.“

„Du bist fix und fertig“, erklärte er. „Ich zeige dir, wo du schläfst.“

Die große, luxuriös eingerichtete Kabine raubte Chellie den Atem. An eine Wand war das Doppelbett mit Stauraum darunter gebaut, darüber waren Fenster. Einbauschränke nahmen eine andere Wand ein, und sie hatte sogar ihr eigenes Bad, klein, aber wunderschön ausgestattet. „Bist du sicher, dass der Eigner nichts dagegen hat?“, fragte sie nervös.

Ash zuckte die Schultern. „Warum sollte es ihn interessieren? Hauptsache, ich bringe die Jacht heil nach St. Hilaire.“ Er öffnete eine Schranktür. „Die Tochter des Eigners benutzt diese Kabine, wenn sie an Bord ist. Sie hat einige Sachen hier gelassen, Shorts, Badeanzüge … Du kannst dir ausleihen, was du brauchst.“

„Das geht doch nicht!“

„Sie ist ein tolles Mädchen und würde dir gern aushelfen, wenn sie jetzt hier wäre. Und ihr habt so ziemlich dieselbe Größe. Nur mit dem, was du anhast, kommst du nicht aus.“

Chellie blickte zu Boden. „Ich bin anscheinend einer wachsenden Anzahl von Leuten zu Dank verpflichtet.“

„Mach dir darüber morgen früh Gedanken“, erwiderte Ash gleichgültig. „Du kannst später Kaffee und Sandwiches haben, wenn du möchtest.“

„Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas hinunterbringe.“

„Dann lasse ich dich in Ruhe.“ Er lächelte sie flüchtig an. „Gute Nacht.“

Als sich die Tür hinter ihm schloss, setzte sich Chellie auf die Bettkante. Ash Brennan. Jetzt kannte sie endlich seinen Namen. Aber das war auch alles, was sie wusste. Er war noch immer ein Rätsel. Und das durfte sie nicht vergessen. Er schien jedoch ernst gemeint zu haben, was er gesagt hatte. Sie war nur ein weiteres Crewmitglied. Vielleicht war ihr Verdacht, dass sie nur eine Falle gegen eine andere getauscht hatte, völlig unfair gewesen. Andererseits war nicht zu leugnen, dass sie in seiner Gewalt war und keine Kontrolle darüber hatte, wie er diese Gewalt ausübte. Seine Einstellung ihr gegenüber auf dem Weg hierher war sachlich und energisch gewesen, trotzdem konnte sie nicht vergessen, wie er sie angesehen hatte, als sie im Lokal gesungen hatte, und wie seine Augen vor Verlangen gefunkelt hatten, als sie für ihn getanzt hatte.

Sogar in dem Moment schien er sie jedoch gegen seinen Willen zu begehren. War das nicht genau das, was sie selbst empfand?

Sie war zu müde, um klar zu denken. Seufzend stand Chellie auf und sah sich die Sachen im Schrank an. An der Stange hingen schicke Baumwollhosen, Tops, Shorts, Blusen und Kleider, die meisten mit Designerlabel. In der oberen Schublade fand sie Bikinis und Pareos. Die darunter enthielt Wäsche und die dritte Nachthemden. Chellie nahm eins heraus und ließ den zarten weißen Stoff durch die Finger gleiten. Es war wunderschön und durchsichtig. So etwas trug also die Tochter des Eigners in den mondhellen karibischen Nächten. Nur für sich? Ein tolles Mädchen, hatte Ash gesagt. Seine Stimme hatte freundlich, sogar ein bisschen zärtlich geklungen. Er musste die junge Frau sehr gut kennen, wenn er in ihrem Namen ihre Sachen anbot. Wenn er sicher war, dass sie nichts dagegen hatte.

Chellie blickte zum großen Bett und fragte sich, ob sie jemals zusammen darin gelegen hatten. Und warum sollte sie das interessieren? Sie würde sich auf St. Hilaire von ihm trennen und ihn nie wieder sehen.

Sie hörte das Dröhnen des Motors und wurde sich bewusst, dass sie fuhren. „Wir sind unterwegs“, sagte sie leise. „Jetzt habe ich mich festgelegt. Es gibt kein Zurück mehr.“

Die Endgültigkeit ihrer Worte ließ sie schaudern.

4. KAPITEL

Eine halbe Stunde später kam Ash den Gang entlang und blieb vor der Kabinentür stehen. Er klopfte leise, und als Michelle nicht antwortete, öffnete er die Tür. Lautlos ging er zum Bett und blickte stirnrunzelnd auf sie hinunter. Sie musste eingeschlafen sein, sobald sie sich hingelegt hatte, denn die Nachttischlampe brannte noch. Ein Träger des Nachthemds war ihr von der Schulter gerutscht, was Michelle seltsam verletzlich aussehen ließ. Irgendetwas glitzerte im Lichtschein auf ihrer Wange, und als er sich vorbeugte, erkannte Ash, dass es eine einzelne Träne war. Unwillkürlich wollte er sie wegwischen, doch er unterdrückte die Regung gerade noch rechtzeitig.

Ich muss mich jetzt zusammenreißen, sagte er sich. Sonst würde er als Nächstes den verrutschten Träger hochziehen und ihr über das unmöglich kurze schwarze Haar streichen. Und das sollte er besser nicht tun, weil dies geschäftlich war.

Er knipste die Lampe aus, trat vom Bett zurück und stieß mit dem Fuß gegen einen Gegenstand. Im Mondlicht, das durch die Fenster schien, sah er ihre Tasche auf dem Boden liegen. Daneben lag das Seidenkleid, das Michelle im Nachtlokal getragen hatte. Er erinnerte sich an ihre geschmeidigen Bewegungen, während sie für ihn getanzt hatte, erinnerte sich auch an jenen Moment, als er vergessen hatte, warum er dort war. Als er sich danach gesehnt hatte, sie nackt zu sehen.

Aber sie hatte nicht vor ihm strippen wollen. Obwohl sie sich bestimmt schon vor anderen Männern ausgezogen hatte. Nach dem Leben, das sie geführt hatte, konnte es für sie keine große Sache sein. Warum diese plötzliche jungfräuliche Scheu? Vielleicht war sie davor zurückgeschreckt, dafür bezahlt zu werden. Was auch immer der Grund gewesen war, sein Gefühl hatte ihm gesagt, dass sein Verlangen nicht befriedigt werden würde.

Ash atmete scharf ein. Es war ein schwacher Moment gewesen, der sich nicht wiederholen würde. Er musste diese Erinnerungen verdrängen. Michelle Greer mochte jedermanns sein, aber nicht seine. Das durfte er nie wieder vergessen.

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