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JULIA BESTSELLER BAND 148

LYNNE GRAHAM

Liebe meines Lebens

„Warum bist du weggelaufen?“, will Luc von seiner Frau wissen, nachdem er Star endlich aufgespürt hat. Fassungslos hört er sich ihre Vorwürfe über seine angebliche Untreue an – und ihren Wunsch, die Ehe zu beenden. Außer sich vor Wut stellt er der jungen Malerin ein Ultimatum: Nur wenn sie eine letzte Nacht mit ihm verbringt, willigt er in die Scheidung ein!

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Liebe meines Lebens

1. KAPITEL

Star war wie vor den Kopf geschlagen. Das Konto war erloschen.

Als sie das Bankgebäude verließ, hielt sie noch immer das Formular, mit dem sie Geld hatte abheben wollen, in der Hand. Ihr zartes Gesicht war vor Schreck wie versteinert, und ihre ungewöhnlichen aquamarinblauen Augen wirkten noch größer als sonst. Als wollte sie einen bösen Traum verscheuchen, schüttelte sie den Kopf, sodass ihre langen kupferfarbenen Haare nur so flogen. Wie in Trance stieg sie in Rory Martins alten Kleinwagen.

„Das hat aber lange gedauert“, bemerkte Rory und fuhr los.

Ein kurzer Blick auf die Rückbank zeigte Star, dass die Zwillinge noch tief und fest in ihren Kindersitzen schliefen. „Ich musste mit dem Filialleiter sprechen …“, begann sie.

„Das kommt davon, wenn man plötzlich zu einer bedeutenden Kundin geworden ist“, neckte Rory sie und spielte damit auf den größeren Betrag an, den Star vor einigen Wochen stolz eingezahlt hatte.

„… und er hat mir mitgeteilt, dass Juno das Konto aufgelöst hat“, ergänzte Star ausdruckslos.

„Wie bitte?“ Die Ampel zeigte gerade Rot, und Rory blickte Star verständnislos von der Seite an. „Deine Mutter kann doch nicht einfach über dein Konto verfügen!“

„Es war nicht meins, sondern ihres, Rory. Ein eigenes Konto wäre sinnlos gewesen, weil ich sowieso von meiner Mutter abhängig war. Das Geld für die beiden Stickbilder, die ich vorigen Monat verkauft habe, war mein erstes eigenes Einkommen.“

Die Ampel sprang auf Grün, und Rory fuhr weiter. „Trotzdem war es dein Geld!“, beharrte er.

„Mein und Dein gibt es nicht bei Juno und mir!“ Star wurde wütend. „Wir sind Mutter und Tochter und halten zusammen! Wenn Juno das Geld abgehoben hat, muss sie es dringend gebraucht haben.“ Sie überlegte. „Ich habe meine Mutter auch schon seit über zwei Wochen nicht mehr gesprochen, immer wenn ich sie angerufen habe, hatte sie den Anrufbeantworter eingeschaltet.“

„Vielleicht hat sie ein Konto bei einer anderen Bank eröffnet und vergessen, es dir zu sagen“, tröstete Rory sie. „Es wird sich bestimmt aufklären. Zerbrich dir bitte nicht weiter den Kopf, und sag mir, wohin ich dich fahren soll. Lass uns meinen freien Tag genießen.“

Star schüttelte den Kopf. „Ohne Geld kann ich nichts einkaufen.“

„Dann leihe ich dir eben etwas“, bot er sofort an.

„Nein, danke!“, lehnte Star nachdrücklich ab, denn sie wollte sich Rory gegenüber nicht verpflichtet fühlen. „Bitte bring mich direkt nach Hause, damit ich telefonieren kann. Ich muss unbedingt versuchen, Juno zu erreichen.“

„Sei doch vernünftig, Star! Erstens ist deine Mutter sowieso nie zu Hause, und zweitens müssen die Zwillinge und du doch etwas zu essen haben!“

Aber Star ließ sich nicht beirren, und so hielt Rory eine halbe Stunde später auf dem mit altem Kopfstein gepflasterten Hof von Highburn Castle. Highburn Castle war eine kleine Schlossanlage mit Wehrturm, die unter Denkmalschutz stand und schon so zerfallen war, dass man sie nicht mehr vermieten konnte. Carlton, der Besitzer und ein Freund von Juno, hatte kein Geld, um das alte Gemäuer zu sanieren. Da er in der Karibik lebte, hatte er Star kostenlos die Nutzung überlassen, froh, überhaupt jemanden gefunden zu haben, der sich um seinen Besitz kümmerte.

Da das Hauptportal sich nicht mehr öffnen ließ und ein Gerüst, mit dem der Turm notdürftig abgestützt wurde, den Weg verbaute, benutzten Star und Rory wie immer den Hintereingang. Beide atmeten erleichtert auf, als Venus und Mars, die Zwillinge, in ihren Betten lagen, ohne aufgewacht zu sein.

„Die beiden sind wirklich ein kleines Wunder“, bemerkte Rory. „Unvorstellbar, dass zwei solch winzige Frühchen überhaupt überleben konnten. Und wie gut sie sich in den letzten Monaten entwickelt haben!“

Star nickte nur abwesend, denn sie hatte gesehen, dass der Anrufbeantworter blinkte. Sofort schaltete sie ihn ein, und die Stimme ihrer Mutter erklang.

„Ich bin es, Darling. Ich stecke wirklich in riesengroßen Schwierigkeiten, die ich dir auf die Schnelle nicht erklären kann. Ich muss unbedingt ins Ausland, bin aber völlig blank. Um mir das Ticket leisten zu können, habe ich mir dein Geld geliehen. Ich weiß zwar, dass du momentan auch finanzielle Probleme hast, aber vielleicht wendest du dich jetzt endlich an Luc, damit er dir und den Kindern den Unterhalt zahlt, der euch zusteht!“

Luc! Bei der Erwähnung seines Namens wurde Star blass, und ihr Magen zog sich zusammen. Sie stoppte das Band und verscheuchte die Erinnerungen an Luc Sarrazin, ihren treulosen Ehemann und Vater ihrer Kinder – von denen er jedoch noch gar nicht wusste. Sie hatte jetzt dringendere Probleme zu lösen.

Was würde nun aus der Galerie werden, die Juno in London eröffnen wollte? Noch vor sechs Wochen war ihre Mutter so optimistisch gewesen, dass das Projekt ein voller Erfolg werden würde – und das musste es auch, denn Juno hatte einen Riesenkredit aufnehmen müssen, um es zu finanzieren. Star war damals ganz perplex gewesen, dass sich überhaupt eine Bank bereit erklärt hatte, ihrer Mutter eine derart hohe Summe zur Verfügung zu stellen. Juno Roussel Geld zu leihen war nämlich alles andere als sicher – schon zwei Mal hatte ihre Mutter mit von ihr gegründeten Firmen Konkurs anmelden müssen.

Dass Juno in einer schwierigen Situation einfach die Flucht ergriffen hatte, konnte Star verstehen, denn es war typisch für sie. Wie ihre Mutter ihr jedoch vorschlagen konnte, Luc um Geld zu bitten, war ihr unbegreiflich. Juno wusste doch ganz genau, was für eine Katastrophe ihre sechswöchige Ehe mit Luc gewesen war! Und daran war ihre Mutter nicht ganz unschuldig gewesen. Schließlich war sie es gewesen, die Luc mehr oder weniger dazu gezwungen hatte, ihre Tochter zu heiraten.

„Star, wer ist Luc?“, fragte Rory unwirsch.

„Pst! Ich muss noch den Rest hören.“ Sie schaltete das Band wieder an.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass du von diesem Vorschlag nichts wissen willst! Du weißt, ich hasse Luc, weil er ein Sarrazin ist, und er hat weder Herz noch Feingefühl, trotzdem ist er für die Kinder verantwortlich, die er in die Welt gesetzt hat.“ Juno machte eine Pause. „Ich weiß nicht, wann ich diese Krise überwunden haben werde – und ob es mir überhaupt gelingt. Aber wenn, werde ich bei meiner Rückkehr die allerschönste Überraschung der Welt für dich haben. Also, bis dann!“

„Luc heißt er also!“, stellte Rory nüchtern fest. „Du hast dich immer geweigert, über den Vater deiner Kinder zu reden. Doch jetzt, da ich seinen Namen weiß, könntest du mir vielleicht von ihm erzählen.“

„Er ist … Er ist sozusagen mein Ehemann …“

Rory fuhr sich verzweifelt durch das blonde Haar. „Soll das heißen, dass du verheiratet bist? Ich bin davon ausgegangen, dass …“

„Ich weiß, was du geglaubt hast.“ Star zuckte die Schultern. „Aber ich sah keinen Sinn darin, dir die Wahrheit zu sagen.“

„Darin hast du keinen Sinn gesehen?“ Seine Wangen waren gerötet, und der Blick seiner braunen Augen war vorwurfsvoll. „Es ist für mich ein großer Unterschied, ob du eine ledige Mutter oder die rechtmäßige Ehefrau eines anderen Mannes bist, Star!“

„So? Es war aber nur eine sehr kurze Ehe, wenn man überhaupt von einer Ehe sprechen kann. Das mit den Zwillingen war ein Unfall. Es war meine Schuld“, betonte sie. „Ich möchte über diese Angelegenheit nicht mehr sprechen und sie möglichst schnell wieder vergessen.“

„Aber du kannst doch nicht einfach vergessen, dass du einen Ehemann hast!“ Rory war entsetzt. „Was werden nur meine Eltern dazu sagen, wenn sie erfahren, dass du eine verheiratete Frau bist?“

Ich muss mich entscheiden, dachte Star, als sie eine Stunde später die Zwillinge mit ihrem Spielzeug in den Laufstall setzte.

Rory war längst nicht mehr nur der gute Kumpel. Spätestens an dem Tag, an dem er sie mit zu seinen Eltern genommen hatte, hatte sich das geändert. Obwohl er sie nur als weitläufige Bekannte vorgestellt hatte, hatten seine anscheinend sehr gut situierten Eltern in ihr eine Bedrohung gesehen und sie entsprechend behandelt. Rory war über ihr Verhalten außer sich gewesen, denn er war ein sehr höflicher und hilfsbereiter Mensch.

Einige Wochen nach der Geburt der Zwillinge hatten seine Eltern ihn zufällig in der Cafeteria des Krankenhauses getroffen. Venus und Mars hatten auf der Frühgeborenenstation gelegen und Rorys Großmutter in der chirurgischen Abteilung. Da Star kein Auto besaß und die Busverbindung sehr umständlich war, hatte Rory ihr angeboten, sie mitzunehmen.

Er war damals gerade zweiundzwanzig geworden und hatte ihr erzählt, dass er im Supermarkt arbeiten würde. Dass dies nur ein Praktikum für seinen Abschluss als Betriebswirt war und seinen Eltern eine der bekanntesten Supermarktketten Englands gehörte, hatte er ihr anfangs verschwiegen, weil sie, Star, seiner Meinung nach Vorurteile gegen reiche Leute hatte.

Aber auch sie war Rory gegenüber nicht ganz offen gewesen. Sie hatte ihm nur berichtet, dass sie vom neunten bis zum achtzehnten Lebensjahr unter der Obhut eines reichen französischen Vormunds gestanden hatte und während dieser Zeit auf einem Internat untergebracht worden war. Er hatte sie nicht bei sich haben wollen, um den untadeligen Ruf seiner alten, adligen Familie nicht durch ihre zweifelhafte Vergangenheit zu gefährden.

Dieser Vormund war Roland Sarrazin gewesen, Lucs Vater.

Star hatte ihn nur zwei Mal gesehen: einmal, als sie sein Mündel geworden war, und einmal auf dem Sterbebett. Das war jetzt achtzehn Monate her. Damals war sie nach Chateau Fontaine geflogen, um ihm einen letzten Besuch abzustatten, wie es sich gehörte. Was in jenem Winter noch auf dem Chateau passiert war, daran wollte sie jetzt nicht denken.

Stattdessen ließ sie ihre Gedanken zu den neun Jahren schweifen, in denen sie von Juno getrennt gewesen war, neun Jahre in einem strengen englischen Internat, neun Jahre ohne jeglichen Kontakt zu ihrer Mutter. Die Ferien hatte sie bei Caroline Auber verbracht, einer kinderlosen Witwe und weitläufigen Verwandten der Sarrazins, die in London lebte. Einzig und allein von Caroline hatte sie in dieser schweren Zeit Liebe und Zuwendung erfahren, doch Caroline hatte auch einen großen Fehler begangen: Sie hatte sie, Star, ermuntert, sich in Luc Sarrazin zu verlieben.

„Luc braucht eine Frau wie dich, er weiß es nur noch nicht“, hatte Caroline, eine unverbesserliche Romantikerin, ihr eingeredet.

Nein, Luc hat es wirklich nicht gewusst, dachte Star bitter, und hat mich gedemütigt, wie es schlimmer kaum geht. „Du liebst nicht mich, sondern ausschließlich Sex“, hatte er ihr entgegengehalten. „Such dir lieber einen gleichaltrigen Jungen für deine Experimente.“

Star fröstelte. Das war jetzt anderthalb Jahre her, aber seinen Rat hatte sie noch immer nicht befolgt. Sie hätte auch gar keine Gelegenheit dazu gehabt. Zum einen hatte sie entdecken müssen, dass sie in der ersten und einzigen Nacht, die sie bisher mit einem Mann verbracht hatte, schwanger geworden war. Zum anderen waren die Zwillinge viel zu früh geboren worden, und es war monatelang fraglich, ob sie überleben würden. Doch jetzt waren Venus und Mars gesund und munter und endlich bei ihr zu Hause. Sie machten täglich neue Fortschritte, obwohl sie natürlich noch längst nicht ihrem Alter entsprechend entwickelt waren.

Während der schwierigen und nervenaufreibenden Zeit hatte Rory sie unterstützt, wo er nur konnte, die Zwillinge in sein Herz geschlossen und nie irgendetwas von ihr erwartet. Aber mit seiner Geduld würde es bald vorbei sein, denn er wollte eine Frau und nicht nur eine gute Freundin.

Sie würde sich entscheiden müssen.

Rorys Küsse waren tröstlich, jedoch nicht erregend – was vielleicht auch ein Vorteil war, denn sie machten weder abhängig, noch schalteten sie den Verstand aus. Und wohin leidenschaftliche Liebe führen konnte, hatte sie, Star, schließlich schon einmal erlebt. Luc, der Mann ihres Lebens, hatte die Hochzeitsnacht in den Armen seiner Geliebten Gabrielle Joly verbracht. Diese Demütigung hätte sie eines Besseren belehren müssen, dennoch hatte sie den Traum, seine Liebe zu gewinnen, nicht aufgeben wollen und mit allen Mitteln weiter um ihn gekämpft.

Als er dann schließlich doch mit ihr ins Bett gegangen war, hatte sie sich am Ziel ihrer Träume geglaubt. Sie hatte sich eingebildet, ihn für immer und ewig an sich gebunden zu haben – damit, dass Luc das völlig anders sah, hatte sie nicht gerechnet.

„Star, ich habe noch zu tun, vielleicht melde ich mich heute Abend noch einmal.“

Sie zuckte zusammen und blickte Rory an, der traurig lächelte. „Oh ja, natürlich … Entschuldige, aber ich war mit meinen Gedanken ganz woanders.“

Star musste sich eingestehen, dass sie sich richtiggehend erleichtert fühlte, nachdem sie die Tür hinter Rory geschlossen hatte. Sie verbot sich jedoch, weiter an ihn oder gar Luc zu denken. Sie musste sich dringend einen Plan zurechtlegen, wie sie den Lebensunterhalt für sich und die Zwillinge bestreiten sollte, nachdem Juno sie völlig mittellos im Stich gelassen hatte.

Das wird eine stürmische Nacht werden, dachte Luc Sarrazin, passend zu meiner Stimmung. Er umklammerte das Lenkrad fester, denn die Böen machten selbst seinem schweren Sportwagen zu schaffen.

Am Tag zuvor war völlig überraschend Caroline Aubers Steuerberater in seinem Pariser Büro erschienen und hatte um einen Termin gebeten. Robin Hodgson hatte ihn vor die vollendete Tatsache gestellt, dass Caroline ohne vorherige Rücksprache praktisch ihr gesamtes Barvermögen verliehen hatte: an eine Frau namens Juno Roussel.

Er war wütend gewesen, insgeheim jedoch auch amüsiert, denn selbst unter diesen Umständen hatte Caroline ihrem Steuerberater verschwiegen, dass diese Juno Roussel niemand anderes war als seine, Lucs, Schwiegermutter. Dass sie mit dem Geld auf Nimmerwiedersehen verschwunden war, überraschte ihn nicht weiter.

„Ich bin der Meinung, das Ganze war ein ausgemachter Betrug“, schloss Robin Hodgson seinen Bericht, „einer, der von langer Hand vorbereitet wurde. Caroline kennt nämlich Juno Roussels Tochter, eine gewisse Star, und diese hat die beiden miteinander bekannt gemacht.“

Jetzt war Luc doch schockiert. Star war immer so ehrlich gewesen! Die Vorstellung, sie könnte Caroline hintergangen haben, war einfach schrecklich. Aber es kam noch schlimmer, denn Robin erwähnte nebenbei, dass Star die Mutter von einem kleinen Zwillingspärchen war.

Luc war tief verletzt. Seine junge, so unschuldig wirkende Ehefrau hatte die Kinder eines anderen Mannes zur Welt gebracht, während sie dem Gesetz nach zu ihm gehörte!

An das, was Robin Hodgson ihm dann noch weiter erklärt hatte, konnte er sich nicht mehr erinnern, denn die Wut hatte seinen Verstand ausgeschaltet. Und diese Wut saß heute noch so tief wie am Tag zuvor. Wie konnte Star mit anderen Männern ins Bett gehen, solange sie noch mit ihm verheiratet war? Wahrscheinlich war sie jetzt doch Junos negativem Einfluss erlegen, vor dem er sie stets hatte beschützen wollen. Was konnte man schließlich auch schon von der Tochter eines Kriminellen erwarten?

Star wiegte sich bestimmt in Sicherheit, da es ihm in den vergangenen achtzehn Monaten nicht gelungen war, ihre Adresse herauszufinden. Aber das hatte sich geändert. Am Morgen hatte ihm die Polizei Zugang zu Junos Galerie verschafft. Und dort hatte er ihre Adresse gefunden …

Star hatte gerade die Zwillinge zu Bett gebracht, als es klingelte. Ein Blick auf die altertümliche, aber immer noch funktionierende Rufanlage für die Dienstboten in der Küche zeigte Star, dass am Haupteingang geschellt worden war. Es musste also ein Fremder sein, der das Hinweisschild, den Hintereingang zu benutzen, übersehen hatte.

Star seufzte, denn bei diesem Wetter ums Haus zu laufen war kein Vergnügen. Aber nachdem es zum dritten Mal geklingelt hatte, blieb ihr nichts anderes übrig. Der Sturm wehte ihr das Haar aus dem Gesicht und zerrte an ihrem langen Rock. Sie kam nur mit Mühe vorwärts, und die ächzenden Geräusche, die die verrostete Stützkonstruktion des Turms von sich gab, jagten ihr Angst ein.

Star stutzte, als sie den teuren Sportwagen vor dem Tor erblickte, und als sie Luc erkannte, blieb sie wie angewurzelt stehen. Das konnte doch nicht wahr sein! Hatte Caroline ihr nicht hoch und heilig versprochen, Luc nichts von ihrem Aufenthalt in Highburn Castle zu verraten?

Der Mann, dem sie gegenüberstand, war jedoch eindeutig Luc Sarrazin: eins neunzig groß, dunkelhaarig, elegant, selbstsicher und einer der einflussreichsten Bankiers der Welt. Stars Herz schlug wie verrückt, und sie atmete mühsam.

„Du bist das personifizierte schlechte Gewissen.“ Luc klang gefährlich sanft und leise. „Dein Gesicht spricht Bände, mon ange.“

„Luc …“ Star verstummte.

Oui, Luc Sarrazin, dein Ehemann. Du hast doch bestimmt damit gerechnet, dass ich dich früher oder später aufspüren würde.“

„Nein, eigentlich nicht …“ Fieberhaft überlegte sie, wie sie ihn am schonendsten davon in Kenntnis setzen konnte, dass sie ihn in der Zwischenzeit zum Vater von Zwillingen gemacht hatte.

Luc presste die Lippen zusammen. „Dachtest du etwa, ich würde dir nicht auf die Schliche kommen? Du bist das schlechte Gewissen in Person!“, stellte er mitleidslos fest.

Er wusste es also schon! Er musste Caroline so lange bearbeitet haben, bis sie ihm nicht nur ihren, Stars, Aufenthaltsort verraten, sondern auch noch von den Zwillingen erzählt hatte!

2. KAPITEL

„Es tut mir so leid, Luc, wirklich …“ Star führte Luc über einen langen Gang und an etlichen Türen vorbei in die Küche, die zugleich auch ihr Wohnzimmer war. Da der Raum im Souterrain lag und kaum Tageslicht hereindrang, hatte sie Kerzen angezündet. Das elektrische Licht war aufgrund der völlig veralteten Leitungen abgeschaltet worden.

„Wenn ich erst die ganze Wahrheit über deinen Verrat erfahren haben werde, wirst du dir selbst am allermeisten leidtun!“

Verrat? Hätte sie seiner Meinung nach die Schwangerschaft abbrechen sollen? Fühlte er sich hintergangen, weil sie seine Kinder auf die Welt gebracht hatte? Worauf wollte er hinaus? Ihr Magen zog sich vor Furcht zusammen.

Luc blickte sich flüchtig in dem kargen Raum um und sah dann Star direkt in die Augen.

Die Wirkung war verheerend. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, das Blut rauschte ihr in den Ohren, und heftiges Verlangen stieg in ihr auf. Was hat dieser Mann nur an sich? fragte sie sich verzweifelt. Lag es an seinem aristokratisches Aussehen, das er von seiner Großmutter mütterlicherseits, einer italienischen Gräfin, geerbt hatte, an seiner stattlichen, schlanken Figur, dem markanten Gesicht und dem blauschwarzen Haar? Fühlte sie sich deshalb nur als halber Mensch, wenn sie nicht in seiner Nähe war?

„Du hast also nichts zu deiner Verteidigung zu sagen?“, fragte er barsch.

„Ich stehe noch unter Schock“, gestand sie wahrheitsgemäß.

Schock, dachte Luc, wenn hier jemand einen Schock hat, dann doch wohl ich! Star hier zu finden, in diesem verfallenen Gebäude, in dem es noch nicht einmal elektrisches Licht zu geben schien! Sie war viel zu dünn, und ihre Kleidung schien aus einem Dritte-Welt-Laden zu stammen – ein langer bunter Rock mit Fransen und ein Wickeltop aus Samt. Achtzehn Monate ohne sein Geld hatten sie tief sinken lassen. Hatte er es nicht geahnt?

Noch nicht einmal Schuhe hatte sie an, sie war bei dem Wetter barfuß über den Kies gelaufen! Völlig weltfremd, so hatte Caroline Star einmal bezeichnet. Sein Beschützerinstinkt regte sich – und nicht nur der. In seiner Fantasie malte er sich aus, was sich unter ihrer abenteuerlichen Kleidung verbarg: ihre langen schlanken Beine, ihre Brüste, so klein und fest, dass ein BH überflüssig war …

Stars Haar glänzte wie Kupfer, und die dichten, aus der Stirn gekämmten Locken betonten ihr fein geschnittenes, herzförmiges Gesicht. Der zarte, helle Teint ließ ihre großen aquamarinblauen Augen noch größer erscheinen, ihre vollen, leicht geöffneten Lippen wirkten sinnlich und verführerisch.

Das also war die Frau, für die er während der letzten achtzehn Monate ein halbes Vermögen ausgegeben hatte, nur um sie ausfindig zu machen! Klein, zart und nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechend, war Star alles andere als konventionell. Ihre Stimmungen waren sprunghaft und ihre Bewegungen ausdrucksvoll und lebhaft, was noch durch die klimpernden Armreifen und die großen, schaukelnden Silberohrringe unterstrichen wurde. Star war nicht schön und kleidete sich für seinen Geschmack einfach lächerlich. Sie entsprach nicht im Geringsten seinem Idealbild einer Frau. Dennoch war er ihrer erotischen Ausstrahlung hoffnungslos verfallen.

Er musste sich diese Frau endgültig aus dem Kopf schlagen, denn sie war eine Betrügerin, die die ältliche Cousine seines verstorbenen Vaters dazu gebracht hatte, ihre letzten Ersparnisse zu opfern!

„Wie konntest du Caroline das nur antun?“, fragte er kalt.

„Caroline? Antun?“ Verständnislos runzelte Star die Stirn.

Luc wurde ungeduldig. „Du willst also die Unschuldige spielen! Aber damit kommst du bei mir nicht durch! Und was ist mit den zwei kleinen Bastarden, die du gezeugt hast, während du noch mit mir verheiratet warst?“

Eine Ohrfeige hätte sie nicht schlimmer treffen können. Daher schwieg sie.

„Illegitimität scheint bei euch in der Familie zu liegen“, stellte er schneidend fest. „Deine Mutter, du, deine Kinder – auf so etwas Banales wie Recht und Ordnung scheint ihr alle verzichten zu können.“

Ungläubig sah sie ihn an. Luc schien überzeugt zu sein, dass nicht er, sondern ein anderer Mann der Vater ihrer Kinder war! Dass er sie derart verdächtigen konnte, schmerzte sie tief. „Nein … nein, Luc, ich …“

„Deine Entschuldigungen will ich gar nicht hören“, schnitt er ihr das Wort ab. „Ich werde mich wegen ehelicher Untreue scheiden lassen und dir keinen Pfennig Unterhalt zahlen!“

Scheidung! Sie wünschte sich nichts sehnlicher als diesen Mann, und er wollte sich von ihr trennen. Jetzt hatte er auch einen stichhaltigen Grund dafür. Schon immer hatte vieles gegen sie gesprochen: Sie war zu jung, von zu zweifelhafter Herkunft und eine zu exaltierte Mutter, um die Frau eines der bedeutendsten Bankiers der Welt zu sein!

Wie unglaublich naiv und optimistisch sie doch gewesen war! Wie sie um ihn gekämpft hatte, wie sie den Sieg genossen hatte, endlich seine Ehefrau werden zu dürfen – wenn auch nur probeweise! Und er traute ihr zu, ihn mit einem anderen Mann betrogen zu haben! Da Luc jedoch nur glaubte, was er glauben wollte, brauchte sie gar nicht erst zu versuchen, ihn von der Wahrheit zu überzeugen.

Luc wandte sich ab. Er drehte Star den Rücken zu, damit sie nicht sehen konnte, dass er nahe daran war, die Beherrschung zu verlieren. Machte sie sich denn gar keine Vorstellung davon, was er ihretwegen durchgemacht hatte? Was hatte er nicht alles unternommen, um sie ausfindig zu machen, alles ohne Erfolg. Und statt sich über die Möglichkeit zu freuen, nach ihrem plötzlichen Verschwinden sein Leben wieder wie früher planen zu können, waren die vergangenen achtzehn Monate die Hölle für ihn gewesen: Sie hatte ihn bis in seine Träume verfolgt.

Star hob den Kopf und sah ihn an. „Du bist es von Anfang an nicht wert gewesen, dass ich dich liebe, das zumindest weiß ich jetzt. Du bist kalt und gefühlsarm und wirst einmal ebenso einsam und verlassen enden wie dein Vater.“ Sie schüttelte den Kopf. „Du magst ja noch nicht einmal Kinder!“

Er erwiderte nichts auf diesen Vorwurf und sah sie nur feindselig an. Oh, ich weiß, dachte sie traurig, eines Tages wirst du mit deiner nächsten, standesgemäßen Frau einen Sohn und Erben zeugen, der sofort nach der Geburt mit einer gut bezahlten und bestens ausgebildeten Kinderschwester in den äußersten Teil des Schlosses verbannt wird. Er wird nach dem Muster erzogen werden, nach dem auch du erzogen worden bist. Er wird lernen, nicht zu weinen und Gefühle für unmännlich zu halten. Nur gut, dass Mars nicht dieser bedauernswerte Junge sein wird.

„Wie konntest du Caroline einer durchtriebenen und geldgierigen Frau wie deiner Mutter vorstellen?“, kam Luc wieder auf sein Anliegen zurück.

Irritiert durch den abrupten Themenwechsel, wusste Star im ersten Moment nicht, worauf er hinauswollte. Ja, natürlich, der Kredit, den er erwähnt hatte. Aber wie konnte er Juno, deren größter Fehler es war, in materieller Hinsicht immer viel zu freigiebig zu sein, als geldgierig bezeichnen?

„Ich weiß wirklich nicht, was du meinst, Luc.“

„Spar dir deine Unschuldsmiene, denn mit dieser Masche kommst du bei mir nicht weiter! Ganz im Gegenteil, deine Lügerei könnte mich veranlassen, die Polizei einzuschalten.“

„Ich lüge nicht!“, erwiderte sie empört.

„Schön, das vereinfacht die Sache. Du gibst also zu, dass ihr, du und deine Mutter, Caroline dazu überredet habt, für Junos wahnwitziges Projekt den letzten Cent herzugeben …“

„Nein!“ Entsetzt ging sie einen Schritt auf ihn zu.

„Wage nicht, das abzustreiten! Gestern war Carolines Steuerberater bei mir, um mich über den wahren Sachverhalt zu unterrichten: Caroline hat all ihre Wertpapiere verkauft, um Juno das nötige Startkapital für ihre Galerie zu verschaffen.“

Star war wie gelähmt vor Schreck, denn endlich hatte sie des Rätsels Lösung gefunden: nicht eine Bank, sondern Caroline hatte Juno den Kredit gewährt!

„Und deine Mutter ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt! Wo ist sie?“

„Ich weiß es nicht.“ Nervös fuhr sie sich durch die Haare. Jetzt machte auch die mysteriöse Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter Sinn: Juno hatte sie mit der Wahrheit am Telefon nicht konfrontieren wollen. Aber wie hatte Caroline, die weder reich noch naiv war, Juno, einer Frau, die sie nur ein einziges Mal gesehen hatte, einen derartig hohen Betrag zur Verfügung stellen können?

„Caroline hat all ihre Wertpapiere verkauft und ist jetzt völlig mittellos.“

„Oh nein!“ Star, die Caroline Auber liebte wie eine zweite Mutter, konnte nicht fassen, wie Juno zu einer derartigen Tat fähig gewesen war. Vielleicht weil sie gewusst hatte, wie Luc an seiner Tante hing, und fest darauf gebaut hatte, dass er ihr den Verlust sofort wieder ersetzen würde?

„Wenn du mir Junos Aufenthaltsort nennst, will ich dir glauben, dass du mit der Angelegenheit nichts zu tun hast“, meinte Luc versöhnlich.

„Wie ich dir bereits erklärt habe, weiß ich nicht, wo meine Mutter ist“, beharrte Star. „Wie kannst du nur auf die Idee kommen, ich hätte Caroline ermuntert, ihr Geld herzugeben!“

„Warum nicht?“ Er musterte sie kalt. „Du hast Caroline seit deiner Flucht aus Frankreich nur ein einziges Mal besucht, und zwar zusammen mit Juno. Das spricht doch nicht gerade für eine besonders innige Beziehung, oder?“

Star atmete erleichtert auf. Also hatte Caroline nicht verraten, dass sie die ganze Zeit miteinander in Kontakt gestanden hatten! Dennoch blieb es ihr ein Rätsel, warum Caroline, die von den Sarrazins und auch von ihr schon so viel über den leichtsinnigen Umgang ihrer Mutter mit Geld gehört hatte, ihr auch nur einen einzigen Cent geliehen hatte! Verzweifelt legte sie sich die Hände auf die pochenden Schläfen. Wie sollte sie das verstehen?

„Ich kann dir auch verraten, warum Caroline deiner Mutter das Geld geliehen hat“, fuhr Luc unbarmherzig fort. „Sie hat gehofft, wenn die Galerie ein Erfolg würde, würdest du zu deiner Mutter nach London ziehen und sie, Caroline, könnte dich öfter sehen! Das kannst nur du ihr eingeredet haben!“

Das letzte bisschen Farbe wich aus Stars Gesicht, und sie senkte den Kopf. „Ich wusste wirklich nicht, dass das Geld von Caroline stammte.“

„Das glaube ich dir nicht. Als ich vorhin unverhofft vor dir stand, warst du das schlechte Gewissen in Person.“ Er ging zur Tür. „Da wir so offensichtlich nicht weiterkommen, werde ich Juno von der Polizei ausfindig machen lassen.“

Sie lief ihm hinterher. „Wenn ich wüsste, wo sie ist, würde ich es dir sagen, das schwöre ich!“

„Nein, das würdest du eben nicht tun, weil du Juno decken willst!“

Sie schüttelte den Kopf. „Du irrst, ich verurteile, was meine Mutter Caroline angetan hat. Es war falsch.“

„Das wird der Richter entscheiden.“

„Das kannst du doch nicht tun!“ Als er die Tür öffnen wollte, hielt sie ihn am Ärmel fest und sah bittend zu ihm auf.

„Fass mich nicht an!“ Er musterte sie abweisend.

Star ließ ihn los, als hätte sie sich verbrannt. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt, denn seine schroffe Ablehnung riss alte Wunden wieder auf. Luc hatte sie schon immer zurückgestoßen, sogar die Hochzeitsnacht hatte er nicht mit ihr, sondern seiner Geliebten verbracht. Sie, Star, machte sich etwas vor, wenn sie immer noch hoffte, seine Liebe eines Tages doch noch zu erringen, und diese Erkenntnis machte sie traurig.

„Juno werde ich vor ein Gericht bringen, und von dir werde ich mich scheiden lassen“, erklärte er völlig emotionslos.

„Bitte nicht!“

„Bitten nützt bei mir nichts.“ Luc hatte die Augen halb geschlossen und lächelte sinnlich.

Obwohl sie sich dafür verachtete, spürte sie, wie eine Welle der Erregung ihren Körper erfasste.

„Aber schließlich bevorzuge ich auch blonde, hochgewachsene und kultivierte Frauen“, stellte er eisig fest.

„Oh, Entschuldigung!“ Die Tür wurde aufgerissen. „Als du auf mein Klopfen nicht reagiert hast, bin ich einfach hereingekommen. Ich wusste nicht, dass du Besuch hast.“ Zwei prall gefüllte Einkaufstüten in der Hand, betrat Rory die Küche.

Star seufzte gequält und machte die beiden Männer dann miteinander bekannt. „Rory, das ist Luc Sarrazin … Er wollte gerade gehen.“

Luc stellte sich neben sie. „Nein!“

„Luc?“ Rory setzte die Tüten ab. „Sind Sie Stars Mann?“

Luc überging die Frage. „Wohnt er hier?“, wollte er von Star wissen.

„Nein“, antwortete Rory an ihrer Stelle.

„Dann kann ich Ihnen nur empfehlen zu verschwinden, bevor ich Sie höchstpersönlich vor die Tür setze.“

„Luc!“ Star war über sein Benehmen entsetzt. „Was ist nur in dich gefahren!“

„Das fragst du noch? Soll ich ihm etwa die Füße dafür küssen, dass er meine Frau geschwängert hat?“ Luc konnte sich kaum beherrschen vor Zorn.

„Aber er ist doch gar nicht der Vater!“

Rory musste wider Willen lächeln, schüttelte den Kopf und blickte fragend von einem zum anderen.

„So? Wie viele Männer hast du denn verschlissen, um endlich deine kleinen Bastarde auf die Welt zu bringen?“

Star erblasste, legte Rory die Hand auf den Arm und führte ihn aus der Küche. „Es tut mir leid, Rory, aber es ist wohl besser, wenn du jetzt gehst. Luc und ich haben noch einiges zu besprechen.“

„Den Eindruck habe ich allerdings auch. Offensichtlich hast du ihm bisher verschwiegen, dass es seine Kinder sind.“

„Luc will sich scheiden lassen“, erklärte sie.

„Das ist unter den gegebenen Umständen wohl auch das Beste. Er scheint mir ein sehr aggressiver Typ zu sein, der überhaupt nicht zu dir passt. Glaub mir, mit einem Mann wie ihm würdest du nie glücklich werden.“

Star lächelte bitter, denn auch ohne Luc konnte sie nicht glücklich werden, das hatten ihr die vergangenen achtzehn Monate gezeigt – sie konnte ihn einfach nicht vergessen. Sie schloss die Tür hinter Rory und atmete ruhig und tief durch, um Kraft zu sammeln, bevor sie Luc wieder gegenübertrat.

Sie fand ihn im Kinderzimmer, am Fuß der beiden Bettchen. Venus lag auf der Seite, das puppenhaft zarte Gesicht von dichten kupferfarbenen Locken fast ganz bedeckt. Mars hatte sich flach auf dem Rücken ausgestreckt, eine Rassel fest an die Brust gedrückt. Seine Wangen waren vom Schlaf gerötet, und eine Strähne seines seidigen schwarzen Haars hing ihm in die Stirn.

„Wie alt sind sie?“, fragte Luc ungerührt. „Fünf Monate? Sechs?“

Star betrachtete ihre beiden Kinder liebevoll. Sie war von ganzem Herzen dankbar, dass die beiden die viel zu frühe Geburt ohne bleibende Schäden überstanden hatten. Dennoch würde es natürlich noch einige Zeit dauern, bis ihre Entwicklung der ihrer Altersgenossen entsprach.

„Würdest du dich freuen, wenn es deine Kinder wären?“, fragte sie spontan.

„Soll das ein Witz sein?“, erwiderte er kalt.

Star errötete. Wie hatte sie nur eine so dumme Frage stellen können! Stattdessen hätte sie ihn lieber kurz und bündig über die Wahrheit aufklären sollen.

Luc drehte sich um und ging zurück in die Küche, wo er neben dem altertümlichen Herd stehen blieb und die Arme verschränkte. „Ich bin sogar äußerst froh, dass es nicht meine Kinder sind“, nahm er das Gespräch wieder auf, „denn das hätte eine Scheidung äußerst kompliziert gemacht. So verschieden, wie wir beide nun einmal sind, hätten wir uns über das Sorgerecht bestimmt nicht gütlich einigen können.“

„Luc, ich …“

„Ich muss jetzt gehen“, unterbrach er sie. Zorn und Trauer über Stars Untreue trübten seinen sonst so klaren Verstand, und er fürchtete, die Beherrschung zu verlieren. Niemand liebt dich so wie ich. Hatte sie ihm das nicht geschworen? Er schob die Hände in die Hosentaschen, damit Star nicht sehen konnte, wie sie zitterten.

„Luc, wir müssen miteinander reden …“

„Worüber?“ Er hatte Mühe, sich zu konzentrieren, und versuchte verzweifelt, sich Stars verführerischem Zauber zu entziehen. Das Kerzenlicht machte ihren hellen Teint noch zarter, das ungewöhnliche Blau ihrer Augen noch geheimnisvoller, und ihre sinnlichen Lippen wirkten nahezu unwiderstehlich verlockend.

„Wir müssen über Juno reden“, brachte Star mühsam hervor, denn sie spürte Lucs Begehren. Es knisterte förmlich zwischen ihnen.

Er sah sie verlangend an. „Wenn du die Nacht mit mir verbringst, werde ich nichts gegen deine Mutter unternehmen.“

„Was … was willst du …?“

Seine Miene blieb unbewegt. „Eine Nacht mit dir – das ist der Preis dafür, dass ich Juno und dich laufen lasse.“

„Das kann doch nicht dein Ernst sein!“ Sie bebte am ganzen Körper.

„Warum nicht?“ Er legte den Kopf zurück und lächelte. „Nur diese eine Nacht. Morgen fährst du mit mir nach London zu Caroline und sagst ihr, dass sie keine Angst um ihr Geld zu haben braucht, denn ich werde es ihr zurückzahlen. Danach trennen wir uns auf Nimmerwiedersehen.“

Ihr Magen zog sich vor Nervosität zusammen. „Aber ich bin doch gar nicht dein Typ, das hast du gerade gesagt! Du magst mich nicht, und du willst mich auch nicht!“

„Im Bett schon.“

Star konnte es nicht fassen: Luc gab mit einem Mal zu, was er vor achtzehn Monaten noch abgestritten hatte: Er fand sie begehrenswert! Er hatte die Nacht, die sie miteinander verbracht hatten, also genossen, und seine abweisende Haltung am Morgen danach, mit der er sie so verletzt hatte, war nur gespielt gewesen!

Star war zwischen Wut und Schmerz hin- und hergerissen. „Und warum hast du mir das damals verheimlicht?“

„Weil ich dich sonst darin bestärkt hätte, unserer Ehe eine Zukunft zu geben.“

Star verschlug es die Sprache. Wie konnte er seine Gefühle nur derart manipulieren! Am nächsten Tag, nach dem Besuch von Caroline, wollte er sich für immer von ihr trennen, die Nacht davor aber noch mit ihr schlafen. Bildete er sich wirklich ein, dass sie sich für so etwas hergab?

„Du magst mich nicht genug …“, erwiderte sie impulsiv, bereute ihre Worte jedoch sofort, weil sie damit zu viel über ihre Gefühle verraten hatte.

„Und was wäre für dich genug?“ Er ließ sie nicht aus den Augen.

Sie wollte, dass er ihr seine Gefühle rückhaltlos offenbarte, sie wollte hören, dass er sich nach ihr sehnte wie noch nie nach einer Frau vor ihr. Sie errötete.

„Sag mir, Star, was wäre genug?“, wiederholte er leise.

„Viel mehr …“ Ihre Stimme klang belegt.

Viel mehr? Was meinte sie damit? Luc fühlte sich machtlos, weil er nicht wusste, wie er mit Star umgehen sollte. Er hatte gedacht, sie würde, ohne zu zögern, auf sein Angebot eingehen, denn sie sehnte sich nach körperlicher Liebe, das war offensichtlich. Warum also nahm sie sich zurück, wo sie doch von Natur aus spontan und emotional war? Worauf wollte sie hinaus?

„Viel mehr … Geld?“, fragte er zynisch, weil dies das Einzige war, das ihm dazu einfiel.

Aus großen Augen sah sie ihn an. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Unwillkürlich musste sie lachen.

Ärgerlich griff er ihr Handgelenk und zog sie so dicht zu sich heran, dass sie kaum noch atmen konnte. „Findest du das lustig?“, fragte er drohend.

Nein, dachte sie, ganz im Gegenteil, ich finde es unglaublich traurig. Sie blickte zu ihm auf, wobei sie tief den vertrauten Duft seiner Haut und seines Rasierwassers einatmete. Am liebsten hätte sie den Kopf an seine Schulter gelegt, sich ganz dicht an ihn gekuschelt und sich einfach fallen lassen.

„Ich finde es nicht lustig, sondern traurig“, erwiderte sie leise, „denn anscheinend wäre es dir nur recht, wenn ich Geld verlangen würde. Dann könntest du mich nämlich verurteilen, dass ich nur auf materielle Vorteile bedacht wäre. Dann könntest du Distanz und einen klaren Kopf bewahren. Dinge, die nicht mit Geld zu kaufen sind, verunsichern dich.“

„Für dich und deine Mutter habe ich einen hohen Preis zahlen müssen, das kannst du mir glauben“, konterte er.

Star musste zugeben, dass er damit in gewisser Weise recht hatte. Doch noch ehe sie etwas darauf erwidern konnte, ließ ein ohrenbetäubender Knall sie zusammenzucken.

Auch Luc sah sich erschrocken um. „Was war das?“

Star ahnte Schlimmes. „Das Gerüst!“, rief sie.

Er unterdrückte einen Fluch und eilte nach draußen, während Star noch nach ihren Sandaletten suchte.

Das Bild, das sich vor dem Haupteingang bot, war erschreckend. Das Gerüst um den Turm hatte sich teilweise aus der Verankerung gelöst, Metallstangen und Holzplanken waren herabgestürzt und hatten Lucs Auto unter sich begraben, nur die Fahrertür lag noch frei.

Luc ging darauf zu, was Star in Panik versetzte. Sie hielt ihn am Ärmel fest. „Was hast du vor? Bitte geh nicht zu dem Auto! Siehst du nicht, dass jeden Moment noch mehr herunterkommen kann?“

„Ich brauche mein Handy!“ Er schüttelte ihre Hand ab, warf einen Blick nach oben und trat einen Schritt vor.

„In der Küche steht ein Telefon“, rief Star verzweifelt.

Genau in diesem Moment frischte der Wind erneut auf und ließ auch noch den Rest des Gerüsts auf den Wagen krachen. Da musste Luc sich geschlagen geben und folgte Star wieder nach drinnen.

Kopfschüttelnd betrachtete er das alte schwarze Telefon, das in einen Wandschrank eingebaut war. „Wem gehört dies verfallene Gemäuer eigentlich? Ich werde den Besitzer für den Schaden haftbar machen.“

„Damit wirst du keinen Erfolg haben. Carlton ist arm wie eine Kirchenmaus. Als ich zuletzt von ihm gehört habe, hat er in der Karibik Bootsmotoren für die einheimischen Fischer repariert.“

Luc atmete tief durch und blickte sich missbilligend um. „Hier zu wohnen ist sträflicher Leichtsinn.“

„Das mit deinem Auto tut mir wirklich leid.“ Star seufzte. Was wusste ein Mann wie Luc Sarrazin schon vom richtigen Leben? Es war überhaupt ein Wunder, dass er sich selbst ans Steuer gesetzt hatte, um von Frankreich nach England zu fahren, denn normalerweise reiste er nur mit Chauffeur.

Luc war ein mächtiger und erfolgreicher Bankier, unermesslich reich und besessen von seiner Arbeit. Sein Tagesablauf war bis in die kleinste Einzelheit verplant und bis auf die letzte Minute geregelt, und ein Riesenaufgebot von Assistenten, Sekretärinnen, Fahrern und Piloten sorgte dafür, dass er mit den lästigen und zeitraubenden Tücken des Alltags nicht in Berührung kam.

„Das ist ja wie im Mittelalter!“, beschwerte er sich und hielt eine Kerze hoch, um die Wählscheibe des Telefons besser erkennen zu können. „Hat der Sturm die Stromversorgung unterbrochen?“

„Nein. In der Küche sind die Sicherungen immer raus, weil die Leitungen zu marode sind, das Telefon jedoch wird separat versorgt und funktioniert noch. Carlton hat eben selbst für die nötigsten Reparaturen kein Geld.“

Sie beobachtete Luc beim Wählen und war erleichtert. Er würde sich jetzt einen Wagen kommen lassen und dann für immer aus ihrem Leben verschwinden.

Sie würde ihn niemals wieder sehen!

Plötzlich verspürte sie eine unendliche Zärtlichkeit für ihn. Lucs Wunsch, die Nacht mit ihr zu verbringen, bewies, dass er Gefühle für sie hegte, die er sich nur nicht einzugestehen traute.

Wenn sie diese Nacht nicht nutzte, würde er sofort und für immer aus ihrem Leben verschwinden! Natürlich war es nicht vernünftig, auf seinen Vorschlag einzugehen. Aber war sie je vernünftig gewesen, was Luc Sarrazin betraf?

Sie hörte ihn anordnen, dass der Chauffeur ihn möglichst schnell abholen sollte. Sie schloss die Augen und entschloss sich im Bruchteil einer Sekunde.

„Morgen früh“, widersprach sie. „Du brauchst das Auto erst morgen früh.“

3. KAPITEL

Morgen früh!

Luc verstand sofort. Star hatte es sich also anders überlegt – oder hatte sie es von Anfang an so gewollt und die ganze Zeit nur mit ihm gespielt? Mit einer Miene, die nicht das Geringste über sein aufgewühltes Inneres verriet, teilte er seinem Chauffeur den neuen Termin mit. Betont langsam hängte er den Hörer ein.

Er musste sich zur Ruhe zwingen, denn am liebsten hätte er Star sofort dieses absolut lächerliche indische Flattergewand vom Körper gerissen und sie so stürmisch und vorbehaltlos geliebt, wie er es sich schon immer erträumt hatte. Doch trotz aller Leidenschaft ließ er sich nicht zu unbedachtem Handeln hinreißen.

„Die Bedingungen sind klar“, stellte er vorsichtshalber noch einmal fest. „Morgen werden wir uns trennen.“

„Das ist kein Problem für mich“, erwiderte Star, wenn auch mit versagender Stimme. „Dann bin ich endlich frei – frei für einen Neubeginn.“

Sie redete sich ein, dass diese Nacht mit Luc genau das war, was sie brauchte, um einen Schlussstrich unter ihre Ehe zu ziehen und sich mit der Vergangenheit auszusöhnen. Außerdem tat es ihrem Selbstbewusstsein gut, dass Luc es gewesen war, der um körperliche Liebe gebeten hatte, und nicht sie. Bisher war es nämlich immer umgekehrt gewesen. Endlich hatte sie Macht über ihn, und das wollte sie genießen.

„Bist du im Moment mit einer anderen zusammen?“, wollte sie wissen, denn das wäre der einzige Grund, der sie dazu bewegen könnte, ihren Entschluss noch einmal zu überdenken.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf.

Sie senkte den Blick und atmete erleichtert auf. Also hatte er die Beziehung zu seiner Geliebten Gabrielle Joly, die ihr so viel Kummer bereitet hatte, endlich gelöst! Als sie spürte, dass er auf sie zukam, hob sie wieder den Kopf. Sein Gesichtsausdruck war undurchdringlich, und ihr Herz begann plötzlich vor Angst unruhig zu klopfen.

„Schläfst du nachts wie Aschenputtel zusammengerollt vor dem Herd?“, fragte er.

„Nein … Das heißt doch, denn im Winter habe ich hier geschlafen, weil in meinem Zimmer eisige Temperaturen herrschten.“

Behutsam zog Luc sie in die Arme, es schien, als hätte er Angst, sie würde erschrecken und sich ihm wieder entziehen. Und diese Befürchtung war nicht unbegründet, denn Star war plötzlich äußerst nervös. Es war ihr nämlich jetzt erst bewusst geworden, dass es weitaus schwieriger war, mit einem hellwachen Luc ins Bett zu gehen, als heimlich zu ihm unter die Decke zu schlüpfen, während er tief und fest schlief.

„Luc …?“

„Sag nichts!“ Sanft zog er mit dem Finger die Konturen ihrer Lippen nach.

Sie erschauderte, denn die zärtliche und verhaltene Berührung ließ Gefühle wach werden, die sie achtzehn Monate lang mit aller Kraft unterdrückt hatte. Verzweifelt wehrte sie sich dagegen und zwang sich, Luc direkt in die Augen zu blicken. „Diesmal werde ich mich vor dir zu schützen wissen! Ein zweites Mal wird es dir nicht gelingen, mich zu demütigen“, erklärte sie fest.

Der Blick seiner dunklen Augen war unergründlich. „Das ist noch nie meine Absicht gewesen, Star.“

Wie konnte er das behaupten, wenn er sie geheiratet hatte, ohne sie zu lieben, und nicht den geringsten Wert darauf legte, von ihr geliebt zu werden?

„Lassen wir die Vergangenheit ruhen“, bat sie, um die Situation für beide erträglicher zu machen.

Luc ließ die Hände zu ihren Hüften gleiten, hob Star mühelos hoch und drückte sie eng an seine Brust. Dann suchte er ihre Lippen und küsste sie leidenschaftlich. Star verlor sich in diesem Kuss, sie spürte nur noch Lucs festen, muskulösen Körper und ihr eigenes, heißes Verlangen.

Ohne die Lippen von ihren zu lösen, setzte er sie irgendwo ab. Ihr war alles egal, solange er sie nur in den Armen hielt. Ihr Puls raste, und das Blut rauschte ihr in den Ohren, als er die Hände in ihre kupferfarbenen Haare schob und sein Kuss fordernder wurde.

Als sie glaubte, die Spannung kaum mehr ertragen zu können, löste er die Lippen von ihren. „Star, du sitzt auf dem Tisch“, flüsterte er rau.

Na und? Ihr war es egal, und verlangend zog sie seinen Kopf wieder zu sich herab. Luc stöhnte und küsste sie wieder und wieder, wobei er die Bänder, die ihr Wickeltop im Rücken zusammenhielten, löste. „Wo ist dein Schlafzimmer?“ Als wäre sie leicht wie eine Feder, hob er sie wieder hoch, trug sie durch die Küche und öffnete die Tür mit dem Ellenbogen.

„Gleich rechts … Nein, links natürlich!“ Sie blinzelte, denn sie war mit ihren Gedanken ganz woanders.

Er küsste sie. „Du hast den süßesten Mund der Welt, mon ange.“

Die untergehende Sonne tauchte den kleinen, spärlich eingerichteten Raum in goldenes Licht, als er sie auf ihr Bett legte und sich auszog. Fasziniert sah sie ihm dabei zu. Das Spiel von Licht und Schatten betonte seine hohen Wangenknochen, seine schmale gerade Nase und sein markantes Kinn.

Seine Bewegungen waren geschmeidig und elegant. Nacheinander legte er Krawatte, Jackett, Hemd und Unterwäsche auf einen Stapel, bis er unbekleidet vor ihr stand. Star konnte den Blick nicht von ihm wenden und betrachtete bewundernd seine athletische Figur. Unruhig vor Verlangen, bewegte sie sich.

Schnell kam er ans Bett und zog sie zu sich hin, wobei ihr das lose Top von den Schultern glitt. Luc hielt ihr die Handgelenke fest, damit sie sich nicht wieder bedecken konnte, und betrachtete fasziniert ihre kleinen, festen Brüste mit den rosigen Spitzen. Sein Blick ließ sie erröten, und sie musste sich zwingen, ruhig sitzen zu bleiben.

„Star …“ Mit seiner Beherrschung war es schlagartig vorbei, und er war nicht mehr in der Lage, sich zurückzuhalten. Ungeduldig befreite er Star von dem Top, schob sie zurück in die Kissen und streckte sich neben ihr aus. Abwechselnd küsste er ihren Mund und ihre Brüste, sodass Star vor Lust und Verlangen seufzte.

„Ich möchte dich schmecken …“ Er streifte ihr den Rock ab und ließ die Lippen über ihren Körper gleiten, bis Star glaubte, gleich verrückt vor Lust zu werden.

Sie konnte sich nichts mehr vormachen: Sie begehrte Luc mit aller Leidenschaft, derer sie fähig war. Als sie seine Zunge an ihrer empfindsamsten Stelle spürte, schrie sie leise auf und krallte die Finger in seine Schultern, weil sie es vor Ungeduld kaum noch aushalten konnte.

„Luc!“, bat sie verzweifelt.

Da erst schob er sich auf sie. Sie umarmte ihn, und endlich kam er zu ihr. Das Gefühl war so unbeschreiblich, dass sie befürchtete, ohnmächtig zu werden. Noch nie hatte sie so etwas erlebt, und sie ließ sich mitreißen vom Strudel ihrer Empfindungen, bis sich ihre Leidenschaft in einem berauschenden Höhepunkt entlud und tiefer Frieden sie erfüllte.

Das Erste, was wieder in Stars Bewusstsein drang, war die absolute Stille im Raum. Luc hielt sie immer noch in den Armen und hatte sie ganz eng an sich gezogen. Für einen Moment genoss sie die Nähe und Intimität der Umarmung, doch dann meldete sich ihr Verstand wieder. Sie erschrak vor der Schwäche, die sie Luc gegenüber gezeigt hatte, indem sie sich ihm so völlig willenlos hingegeben hatte.

„Star“, unterbrach Luc ihre Gedanken. „So schön ist es für mich noch nie gewesen.“

Sie wünschte insgeheim, dass es auch nie wieder so schön für ihn werden würde, ganz im Gegenteil, die Erinnerung an diese Stunde sollte ihn bis ans Ende seines Lebens verfolgen! Es fiel ihr unsagbar schwer, aber dennoch gelang es ihr, sich aus seiner Umarmung zu befreien und von ihm abzurücken.

Doch er zog sie wieder an seine Seite. „Möchtest du mir etwas sagen?“, fragte er.

„Nein“, behauptete sie und gratulierte sich insgeheim, dass es ihr gelungen war, nicht von Liebe zu sprechen.

Luc stützte sich auf den Ellenbogen und sah ihr in die Augen. „Star …“

„Wir haben in der Küche die Kerzen brennen lassen.“ Noch ehe er erraten konnte, was sie vorhatte, war sie aufgesprungen. Sie nahm ihren Morgenmantel, der auf einem Stuhl am Fenster lag, schlüpfte hinein und verließ das Schlafzimmer.

In der Küche zog sie fröstelnd den Mantel enger um sich und räumte dann die Lebensmittel, die Rory gebracht hatte, in den Vorratsschrank. Die alltäglichen Handgriffe halfen ihr, ihre aufgewühlten Gefühle wieder zu ordnen und sich mit den Tatsachen auseinanderzusetzen, vor denen sie so lange die Augen verschlossen hatte.

Die Ehe mit Luc war von Anfang an eine Farce gewesen, denn er hatte sie gar nicht heiraten wollen, sondern sich lediglich dazu gezwungen gesehen.

In jenem Winter war sie nach Chateau Fontaine gekommen, um sich von ihrem todkranken Vormund zu verabschieden. Luc hatte sie überrascht, indem er ihr nach neun Jahren ein Wiedersehen mit Juno ermöglicht hatte, und sie hatte sich mit ihrer Mutter ausgesprochen und versöhnt. Nur eines trübte die Freude: Juno hasste allein schon den Namen der Sarrazins und versuchte Star dazu zu überreden, heimlich und mit ihr zusammen Frankreich zu verlassen.

Star jedoch hatte sich unsterblich in Luc verliebt, und nichts in der Welt hätte sie dazu bringen können, freiwillig von seiner Seite zu weichen.

Eines Tages jedoch kam Juno, ohne anzuklopfen, in Lucs Arbeitszimmer und überraschte die beiden bei einer Umarmung. Juno warf Luc vor, die Unerfahrenheit eines behütet aufgewachsenen Teenagers ausgenutzt zu haben, und drohte, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Um seinem Vater in den letzten Wochen seines Lebens einen derartigen Skandal zu ersparen, bestand Luc auf einer Heirat – was Juno noch mehr erzürnte.

Star jedoch stimmte dieser Vernunftehe voller Begeisterung zu, denn sie war felsenfest überzeugt, dass, wenn sie sich nur genug Mühe gab, Luc eines Tages darauf kommen würde, dass sie die Frau seines Lebens war.

Aber das ist lange her. Jetzt weiß ich, dass ich mir nur Illusionen gemacht habe, und ich liebe Luc auch gar nicht mehr, versuchte sie sich einzureden. Natürlich, er war ihre erste Liebe gewesen, von daher würde er ihr nie völlig gleichgültig sein. Heute ziehe ich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit, schwor sie sich, und werde mich auch mit unliebsamen Tatsachen auseinandersetzen, statt sie einfach zu ignorieren. Wenn der Morgen des folgenden Tages dämmerte, würde sie ein neues Leben beginnen. Überzeugt, sich wieder völlig unter Kontrolle zu haben, ging sie zurück ins Schlafzimmer.

Luc war immer noch im Bett und lag entspannt auf der Seite. Im sanften Mondlicht wirkte die Szene wie das Ölgemälde eines alten Meisters, und Stars Herz machte einen Sprung.

Als er sich immer noch nicht rührte, trat sie näher ans Bett. Er war eingeschlafen! Wie gern wäre sie zu ihm geschlüpft, hätte sich an ihn gekuschelt und wäre neben ihm eingeschlafen – doch sie verbot es sich, weil sie sich und ihren Gefühlen für diesen Mann nicht traute.

Auf Zehenspitzen schlich sie zurück in die Küche.

Pünktlich um acht Uhr hielt am nächsten Morgen eine schwere Limousine vor der Tür. Der Chauffeur klopfte, gab einen Koffer für Luc ab und zog sich dann respektvoll ins Auto zurück.

Star hörte, dass Luc unter der Dusche stand, deshalb brachte sie sein Gepäck ins Schlafzimmer und ging dann wieder in die Küche, wo die Zwillinge sauber, gefüttert und in ihrem schönsten Sonntagsstaat auf sie warteten. Star hatte sich entschieden, Luc erst während des Scheidungsverfahrens davon zu unterrichten, dass er der Vater ihrer Kinder war. Sie würde es ihrem Anwalt sagen, der es dann Lucs Anwalt mitteilen konnte, und hätte damit eine persönliche Konfrontation umgangen.

Sie wollte nicht mit Luc darüber diskutieren, warum sie in jener Nacht zu ihm ins Bett geschlichen war, ohne auch nur an so etwas wie Verhütungsmittel zu denken.

„Du hättest mich eher wecken sollen!“

Ganz in ihre Gedanken vertieft, hatte sie Luc nicht kommen hören und blickte erstaunt auf. Er wirkte so elegant und war so korrekt gekleidet, als wäre er geradewegs aus der Chefetage seiner Bank gekommen: dunkelgrauer Anzug, helles Hemd und bordeauxrote Seidenkrawatte. Seine ganze Erscheinung strahlte Macht und Reichtum aus.

„Möchtest du frühstücken?“, fragte sie schüchtern.

Er blickte auf die Uhr. „Nein, wenn du so weit bist, lass uns lieber sofort aufbrechen“, erwiderte er kühl.

Star biss sich auf die Lippe. Obwohl sie nichts mehr von ihm wissen wollte, machte es sie unerklärlicherweise wütend, dass er so tat, als wäre nichts zwischen ihnen passiert.

„Hast du etwa Angst, ich will dich bemuttern und mich wie eine Klette an dich hängen?“, fragte sie erbost. „Bilde dir nur nichts ein, ich bin fertig mit dir!“

„Bitte mach jetzt keine Szene, denn dazu haben wir keine Zeit“, antwortete er eisig.

Star bebte am ganzen Körper und ballte die Hände zu Fäusten. „Ich mache keine Szene, ich sage dir nur, was ich fühle!“

„Und wenn ich dir sage, dass mich deine Gefühle nicht interessieren?“

Star, eben noch rot vor Zorn, erblasste und wandte sich ab, um aus dem Fenster zu blicken.

Luc konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf die Zwillinge in ihrem Laufstall, um sich von den Erinnerungen der letzten Nacht und seinem Verlangen, das sich schon wieder regte, abzulenken. Die beiden Kinder sahen ihn aus großen Augen still und erwartungsvoll an, und er war überrascht, dass es ausgesprochen niedliche Babys waren – und Babys, für die er in Zukunft verantwortlich war. Denn wer sonst konnte Star unterstützen?

Sie drehte sich wieder zu ihm um. „Ich weiß sehr gut, dass das, was gestern im Bett geschehen ist, nichts mit Gefühlen zu tun hatte, es war reiner Sex. Aber es war meine Art, dir Lebewohl zu sagen, und ich lasse mich deshalb noch lange nicht wie ein billiges Mädchen für eine Nacht behandeln.“

Als er daraufhin schwieg, hob sie stolz den Kopf. „Keiner kann sich mehr über die Scheidung freuen als ich, denn dann bin ich endlich frei für den Mann, der mich mag, der seine Gefühle zeigt – und der mit mir redet.“

Lucs Blick ließ ihr das Blut in den Adern stocken. „War das alles, was du mir zu sagen hattest?“

Star senkte den Kopf und wandte sich ab. Es war dumm von ihr gewesen, eine Aussprache mit ihm zu suchen. „Ich hole die Autositze für die Zwillinge“, erklärte sie.

„Du willst die Kinder mitnehmen?“

„Was denn sonst?“ Sie schüttelte den Kopf. Eine solche Frage überhaupt zu stellen war typisch für einen Mann wie Luc, in dessen Kreisen kleine Kinder in die Obhut einer Nanny gehörten.

„Logisches Denken ist nicht gerade deine Stärke, oder?“, fragte sie bissig. „Wer sollte sich denn sonst um Venus und Mars kümmern?“

Luc zog die Brauen hoch. „Venus und … Mars?“

„Juno hat sie so getauft, als sie noch im Inkubator lagen, die Namen sollten ihnen Glück bringen. Auf den Geburtsurkunden steht allerdings Vivienne und Maximilian.“

„Venus und Mars!“, wiederholte Luc abschätzig.

Während der Fahrt nach London war Star krampfhaft bemüht, Luc keines Blickes zu würdigen. Sie dachte daran, dass sich mit diesem Besuch bei Caroline ein Kreis schloss: Schon einmal, vor elf Jahren, hatte Luc sie zu Caroline Auber gebracht, um sich anschließend der Verantwortung für sie zu entziehen …

Philippe Roussel, ihr Vater, war kurz nach ihrem neunten Geburtstag gestorben. In seinem Testament hatte er Roland Sarrazin zu ihrem Vormund bestimmt. Warum, war nicht so recht klar, denn der Kontakt zu Roland hatte noch nicht einmal die Kindheit überdauert. Vielleicht hatte Philippe gehofft, dass der weitläufige Verwandte und reiche Bankier Juno und Star finanziell unterstützen würde.

Philippe war ein liebenswürdiger Mensch gewesen, der jedoch all sein Geld verspielt hatte. Er war nach Mexiko ausgewandert, wo er mit Frau und Kind am Rande des Existenzminimums gelebt hatte. Erst nach seinem Tod erklärte Juno ihrer Tochter, dass Philippe nicht ihr leiblicher Vater gewesen war, da sie ihn geheiratet hatte, als sie schon von einem anderen schwanger gewesen war.

Nach Philippes Tod litt Juno unter starken Depressionen und warf sich vor, als Mutter versagt zu haben. Deshalb willigte sie schließlich nach langem Zögern auch ein, dass Star erst einmal nach Frankreich ging, um in den Genuss einer hervorragenden Schulbildung zu kommen. Nie hätte sie geahnt, dass es eine Trennung auf neun Jahre werden sollte, da sich Roland Sarrazin vor einem französischen Gericht das volle Sorgerecht für Star erstritt. Von da an war jeder, der Sarrazin hieß, Junos erklärter Feind.

Star konnte sich an den Abschied von ihrer Mutter noch ganz genau erinnern. Luc war von seinem Vater geschickt worden, um sie abzuholen. Er war damals gerade erst zwanzig gewesen, jedoch weitaus reifer, als sein Alter vermuten ließ. Unverhofft stand er plötzlich in ihrer armseligen Unterkunft, und sie, Star, wurde vor die Tür geschickt. Nach einer mehrstündigen Besprechung mit ihrer Mutter nahm er sie mit und flog mit ihr nach Frankreich.

Er hatte sich alle Mühe gegeben, das verstörte Kind zu trösten. Er erzählte viel von dem herrlichen Loiretal und Chateau Fontaine, das seit dem siebzehnten Jahrhundert im Besitz seiner Familie war, denn ganz selbstverständlich ging er davon aus, dass Star bei ihnen wohnen würde.

Doch Roland Sarrazin entschied anders. Einerseits war er ein stolzer und pflichtbewusster Mensch, der sich nichts nachsagen lassen wollte, andererseits verabscheute er selbst den leisesten Verdacht eines Skandals. Und Stars Herkunft sowie das Leben, das Juno und sein Cousin Philippe Roussel geführt hatten, schienen ihm mehr als skandalös. Zudem fand Lilliane, seine schöne und mondäne Frau, dass Star eine Beleidigung fürs Auge wäre, und wollte nichts mit ihr zu tun haben.

Gleich am nächsten Tag wurde Star deshalb zu Caroline Auber nach London geflogen und in einem Internat angemeldet. Jeglicher Kontakt zu ihrer Mutter wurde ihr verboten.

Noch ganz in ihre Gedanken an diese selbstsüchtige und rücksichtslose Entscheidung von Lilliane und Roland Sarrazin versunken, blickte Star auf. Luc hatte eine Arbeitsplatte herausgeklappt, arbeitete an seinem Laptop und telefonierte gleichzeitig über sein Handy. Die ganze Fahrt hatte er weder mit ihr noch mit den Zwillingen, die unbedingt seine Aufmerksamkeit hatten erregen wollen, auch nur ein einziges Wort gesprochen.

Obwohl das Sonnenlicht durch die getönten Scheiben stark gedämpft wurde, ließ es sein schwarzes Haar bläulich glänzen, und wieder fiel Star auf, dass Lucs Wimpern länger waren als ihre eigenen. Luc ist der bestaussehende Mann, den ich kenne, dachte sie sehnsuchtsvoll, selbst seine Hände sind ebenmäßig und schön.

Plötzlich klingelte es, und Star brauchte eine ganze Weile, bis sie merkte, dass es ihr Handy war, das sie gerade erst vor ein paar Tagen von Rory geschenkt bekommen hatte. Luc betrachtete sie missbilligend, als sie es aus ihrer geräumigen Tasche holte.

„Star, wo bist du? Was ist passiert? Ich war so erschrocken, als ich das Auto gesehen habe, das unter dem Gerüst begraben war. Geht es dir gut?“

„Keine Sorge, mir geht es ausgezeichnet, und ich bin mit Luc auf dem Weg nach London, um Caroline zu besuchen“, beruhigte sie Rory, froh über die Ablenkung. Sie gab sich die größte Mühe, strahlend zu lächeln und einen glücklichen Eindruck zu machen, denn Luc sollte ruhig sehen, dass Rory der Mann war, mit dem sie sich eine Zukunft vorstellen konnte. Rory war rücksichtsvoll und aufmerksam – und hatte keine Geliebte, die wie ein Topmodel aussah …

„Wann kommst du zurück?“

„Ich weiß es noch nicht.“ Sie blickte auf und sah Luc direkt in die Augen. „Sofort, wenn ich zurück bin, rufe ich dich an. Ich koche uns dann etwas Schönes, und wir machen uns einen gemütlichen Abend“, setzte sie spontan hinzu.

Dieser Rory ist nicht gut genug für Star, beschloss Luc. Eine Beziehung, in der offensichtlich Treue und Loyalität keine Rolle spielten, taugte nichts für Star. Wenn sie nicht von allein darauf kam, musste er es ihr eben deutlich machen. Aus diesem Grund würde er seine großzügigen Unterhaltszahlungen nur dann leisten, wenn sie sich von Rory trennte. Um ihrer selbst und der Kinder willen würde sie ein ruhigeres und konventionelleres Leben führen müssen. Er, Luc, würde ihr helfen, einen neuen Anfang zu machen – wenn es sein musste, mit dem dazu erforderlichen Zwang.

Star hatte sich verändert. Sie hatte ihm nicht gesagt, dass sie ihn noch liebte. Damit hatte er fest gerechnet gehabt, obwohl es ihn ja eigentlich gar nicht interessierte. Luc konnte nicht verstehen, warum ihn dieses Versäumnis so wütend machte. Unwillkürlich musste er an die sechs Wochen denken, die sie zusammen gewesen waren: Star, die ihn fast stündlich im Büro anrief … Star, die ihm beim Frühstück Gedichte vorlas … Star, die stets auf ihn wartete, wenn er nach Hause kam – und wenn es erst am nächsten Morgen war … Star, so sensibel, so zärtlich und hingebungsvoll …

Er schloss die Augen. Wie viele Männer hatten das wohl außer ihm während der vergangenen achtzehn Monate erfahren?

„Weiß Caroline, dass wir kommen?“, fragte Star, als ihr Haus in Sicht kam.

„Natürlich.“

Luc schlug vor, die Kinder nicht zu wecken und unter der Aufsicht des Chauffeurs in ihren Sitzen schlafen zu lassen. Dann stiegen Star und er aus.

Caroline wartete schon an der Tür ihres kleinen Hauses, in dem sie seit über vierzig Jahren wohnte. Sie war groß und schlank, hatte feines weißes Haar und für eine Frau von zweiundsiebzig Jahren eine auffallend frische Gesichtsfarbe.

„Ich habe mich so gefreut, als Luc mir sagte, dass er dich mitbringen würde.“ Caroline umarmte Star herzlich. „Wie schön, dass du ihm endlich von den Zwillingen erzählt hast“, flüsterte sie ihr dabei ins Ohr. „Ich hoffe nur, dass sie noch vor eurer Abreise aufwachen.“ Nach einem letzten Blick auf die friedlich schlafenden Kinder führte Caroline ihre Gäste in das geschmackvoll eingerichtete Wohnzimmer, bat sie, auf dem Sofa Platz zu nehmen, und setzte sich in den Sessel gegenüber.

„Ich bin sehr ärgerlich, dass Hodgson dich in meine Angelegenheiten hineingezogen hat, Luc“, eröffnete sie das Gespräch. „Dazu hatte er nicht die geringste Veranlassung! Zu allem Überfluss hat er die Situation auch noch völlig falsch interpretiert, denn Juno hat mir das Geld nicht abgeschwatzt, sondern ich habe es ihr regelrecht aufzwingen müssen. Ich wehre mich dagegen, sie zu verfolgen wie eine Kriminelle, nur weil die Eröffnung der Galerie ohne ihr Verschulden geplatzt ist! Juno hat in ihrem Leben wirklich schon genug mitmachen müssen.“

Tränen der Dankbarkeit standen Star in den Augen, als sie Carolines Hand nahm. „Meine Mutter ist eine weichherzige und großzügige Frau“, sagte sie. „Aber irgendwie tritt sie immer ins Fettnäpfchen – sie hätte sich wirklich nicht einfach so aus dem Staub machen sollen.“

„Wieso soll sie sich aus dem Staub gemacht haben? Sie ist sofort zu mir gekommen, um mich über das Unglück zu informieren. Wir haben uns lange unterhalten, und sie hat mir gesagt, dass sie auch schon eine Idee hätte, wie sie mir das Geld zurückzahlen könnte – typisch Juno.“

Caroline schüttelte den Kopf und lächelte. „Die Ärmste hat aber auch wirklich Pech gehabt! Ein bekannter Künstler hatte ihr versprochen, seine Werke zur Eröffnung der Galerie bei ihr auszustellen. Einen Monat vorher hat er dann plötzlich abgesagt, woraufhin auch die anderen Maler absagten, weil damit der eigentliche Publikumsmagnet fehlte. Das Geld war natürlich bereits für die Einrichtung der Galerie und die Werbung ausgegeben – Juno konnte wirklich nichts dafür.“ Erwartungsvoll sah sie Luc an.

Der lächelte ihr beruhigend zu. „Juno, wie sie leibt und lebt!“, stellte er fest. „Selbst die schwärzesten Verdächtigungen übersteht sie mit blütenweißer Weste. Ich bin froh, dass du die Angelegenheit so gelassen siehst, Caroline. Aber du hast auch nichts zu befürchten. Da Juno meine Schwiegermutter ist, werde ich selbstverständlich für den Schaden aufkommen.“

„Das kann ich nicht annehmen, Luc.“

„Natürlich kannst du das, denn das ist in einer Familie nun einmal so üblich.“

„Familie?“ Caroline runzelte die Stirn. „Sind wir das denn? Familien wohnen zusammen und verbringen ihre Zeit gemeinsam – du und Star dagegen lebt nun schon so lange getrennt, daher sehe ich Juno nicht als deine Schwiegermutter und kann das Angebot auch nicht annehmen.“

Einen Moment lang herrschte bedrückendes Schweigen. Ein verstohlener Blick auf Luc zeigte Star, dass er von Carolines Standpunkt ebenso überrascht war wie sie, denn er hatte die Stirn gerunzelt.

Doch plötzlich lächelte er strahlend. „Es tut mir leid, aber du bist einfach nicht auf dem Laufenden, Caroline. Star und ich sind nämlich aus einem ganz bestimmten Grund gekommen. Wir wollten dir mitteilen, dass wir beschlossen haben, unserer Ehe eine zweite Chance zu geben, und es noch einmal miteinander versuchen werden.“

4. KAPITEL

Star war wie gelähmt. Eine zweite Chance? Wie konnte Luc, der doch sonst immer so überlegt handelte, innerhalb von Sekunden seine Pläne derart einschneidend ändern?

„Eine größere Freude hättest du mir nicht machen können, Luc!“ Strahlend sprang Caroline auf und umarmte erst ihn und dann Star. „Ich bin so glücklich über eure Entscheidung! Ich nehme an, dass ihr es gut überlegt habt und es euch ernst ist, denn für die Kinder wäre es furchtbar …“

Diese Bemerkung schreckte Star aus ihrer Lethargie auf. Sie unterbrach Caroline und küsste sie auf die Wange. „Jetzt müssen wir aber wirklich los, du weißt ja, wie eng gedrängt Lucs Termine immer sind. Und bitte, Caroline, lass dir von Luc helfen, deine Finanzen wieder in Ordnung zu bringen.“

„Sicherlich. Ihr glaubt gar nicht, wie ich mich jetzt auf meinen schon lange geplanten Besuch auf Chateau Fontaine freue. Schon Ende des Monats werden wir uns also wieder sehen! Ich kann gar nicht abwarten, wie die Zwillinge …“

Star packte Luc am Arm und zog ihn Richtung Tür. „Tut mir leid, aber es wird höchste Zeit für uns. Wir werden ja bald ausreichend Gelegenheit haben, uns in aller Ruhe unterhalten zu können.“ Star hatte schreckliche Angst, dass Caroline Luc mit einer unbedachten Äußerung verraten könnte, dass niemand anders als er der Vater der Zwillinge war.

„Wir fliegen heute Abend noch nach Frankreich“, kündigte Luc an, kaum dass sie im Auto saßen.

„Ich nicht!“, widersprach sie hitzig. „Bade die Folgen deiner wahnwitzigen Verlegenheitslüge ruhig allein aus!“

Auf seinen Wangenknochen zeigte sich eine leichte Rötung. „Es war keine wahnwitzige Verlegenheitslüge, mon ange. Wir müssen diesen Schritt tun, weil sich Caroline sonst nicht von mir helfen lässt. Obwohl sie so ungerührt tut, verfügt sie über keinerlei finanzielle Reserven, müsste schon nächsten Monat aus dem Haus ausziehen und könnte sich nicht die kleinste Annehmlichkeit mehr erlauben. Weißt du, was das für eine Frau ihres Alters bedeutet? Und an dem ganzen Drama ist niemand anders schuld als deine Mutter.“

„Aber …“

„Kein Aber! Caroline hat so viel für dich getan, da ist es wohl nicht zu viel verlangt, dass du ihretwegen den Sommer auf Chateau Fontaine verbringst. Ich werde in meiner Pariser Wohnung bleiben und dich nur zum Wochenende besuchen. Das wird Caroline davon überzeugen, dass ich dich sträflich vernachlässige, und sie wird verstehen, dass du die Scheidung verlangst.“

„Wunderbar! Du zwingst mich nicht nur, drei Monate ohne meinen Freund auszukommen, sondern möchtest auch noch, dass ich die Scheidung einreiche!“ Wütend sah sie ihn an. „Vielen Dank, aber da musst du dir schon etwas Besseres einfallen lassen.“

„Ein Vierteljahr ohne Sex wirst selbst du überleben, glaub es mir.“

Star biss sich auf die Lippe und entschied sich, die Bemerkung einfach zu ignorieren.

„Da wir gerade beim Thema sind, wirst du mir auch eine persönliche Frage gestatten: Wie stellst du dir eigentlich deine Zukunft vor? Du bist gerade zwanzig und hast schon zwei Kinder. Wo steckt der Vater? Weißt du überhaupt, wer er ist?“

Am liebsten hätte sie ihre Wut laut herausgeschrien, aber damit hätte sie die Zwillinge aufgeweckt, und um nichts in der Welt wollte sie sich vor den Kindern mit Luc streiten. Deshalb atmete sie lediglich tief durch, um sich zu beruhigen und ihre Stimme unter Kontrolle zu kommen. „Wie kannst du nur wagen, mich so zu verdächtigen?“

„Ja oder nein?“, wiederholte Luc unbeeindruckt.

„Natürlich weiß ich, wer der Vater ist.“ Sie betrachtete Venus und Mars, die immer noch friedlich in ihren Sitzen schliefen, und lächelte liebevoll. „Aber meine Beziehung zu ihm war nur kurz.“

„Also ein One-Night-Stand!“

Star wunderte sich über sich selbst. So viel Gelassenheit hätte sie sich gar nicht zugetraut. „Ja, so könnte man es durchaus bezeichnen“, antwortete sie und zuckte die Schultern. „Kinder waren auf alle Fälle nicht geplant.“

„Sie sind also ein Zufallsprodukt, genau wie du auch eins bist. Gerade von dir hätte man doch in dieser Hinsicht etwas mehr Verantwortungsgefühl erwarten sollen!“

„Auch dem Vater hat es an Pflichtbewusstsein gemangelt – sonst wären die Zwillinge schließlich nicht auf der Welt.“ Sie lächelte hintergründig. „Dass er die Kinder finanziell nicht unterstützt, liegt daran, dass er gar nichts von ihrer Existenz weiß.“

Zu ihrer größten Enttäuschung schien damit sein Interesse erloschen, denn er schüttelte nur resigniert den Kopf. Gerade jetzt, wo sie alle Trumpfkarten in der Hand hatte, fragte er nicht weiter nach!

„Pack bitte für den Flug nach Frankreich nur das Nötigste ein“, wechselte er abrupt das Thema. „Ich werde dafür sorgen, dass alles andere hinterhergeschickt wird. Leider müssen wir noch heute fliegen, und es wird dir keine Zeit mehr bleiben, für Rory zu kochen“, stellte er zufrieden fest und lächelte selbstgefällig.

„Du bist so rücksichtslos!“ Star standen plötzlich die Tränen in den Augen, denn sie fühlte sich mit ihrer Kraft am Ende. Die Ereignisse der vergangenen vierundzwanzig Stunden waren einfach zu viel für sie gewesen.

„Tut mir leid, aber nach unserer gemeinsamen Nacht wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass deine Gefühle für Rory besonders stark sind“, erwiderte er anzüglich.

Sie ballte die Hände zu Fäusten und wandte den Kopf, um aus dem Seitenfenster zu sehen. Sollte Luc doch denken, was er wollte! Er hatte sie sowieso noch nie verstanden.

Überrascht drehte sie sich jedoch wieder zu ihm um, als der Wagen vor der Sarrazin Bank in der Londoner City hielt.

„Ich habe noch eine wichtige Besprechung“, erklärte er. „Der Chauffeur wird dich nach Highburn Castle fahren, warten, bis du gepackt hast, und dich dann gleich zum Flughafen bringen. Außerdem weiß ich jetzt auch, wie wir Caroline davon überzeugen können, dass auch unser zweiter Eheversuch ein Fehlstart war. Du musst lediglich den wahren Sachverhalt aufdecken.“

Verständnislos sah sie ihn an.

„Meinst du, mir wäre entgangen, dass Caroline mich für den Vater deiner Kinder hält? Andernfalls hätte sie nicht so erfreut reagiert und unsere Zukunft so optimistisch beurteilt. Was dich dazu veranlasst haben kann, ihr dieses Lügenmärchen aufzutischen, ist mir schleierhaft und interessiert mich auch nicht. Eines aber lass dir gesagt sein: So groß auch mein Mitgefühl für Caroline ist, wenn sie die Wahrheit erfahren muss, unter meinem Dach verbiete ich dir, diesem Verdacht auch nur im Mindesten Vorschub zu leisten!“

Das hatte sie nun davon, dass sie nicht mit offenen Karten gespielt hatte! Sie war entsetzt. „Jeder wird mich für ein Flittchen halten!“, wandte sie ein.

„Du sagst es.“

Entgeistert blickte sie ihm hinterher, als er in der Drehtür verschwand. Je eher sie alles beichten würde, desto besser.

Als Star, in jedem Arm einen der Zwillinge, endlich Lucs Privatjet betrat, war sie so erschöpft, dass sie sich kaum noch aufrecht halten konnte. Und jetzt beschwerte sich Luc auch noch, dass sie viel zu lange gebraucht hatte!

Innerhalb von Stunden die Sachen für sich und die Zwillinge zu packen und den Haushalt wenigstens einigermaßen geordnet zu hinterlassen hatte sie an die Grenze ihrer Kräfte gebracht. Rory, den sie sofort angerufen hatte, war zwar gleich gekommen, aber ebenso schnell wieder verschwunden. Nachdem sie ihm von ihrem Flug nach Frankreich erzählt und versucht hatte, die Zusammenhänge zu erklären, hatte er sie einfach stehen lassen und demonstrativ die Tür hinter sich zugeschlagen.

„Luc, könntest du mir, statt zu schimpfen, lieber eins der Kinder abnehmen?“, fragte sie verzweifelt.

„Ich?“ Er war entsetzt.

Sie war zu erschöpft, um sich auf Diskussionen einzulassen. „Ja, du!“ Sie trat einen Schritt vor und deutete mit dem Kinn auf Venus.

„Und wo soll ich sie anfassen?“

„Halt sie einfach fest, bevor sie mir aus dem Arm gleitet.“

Luc fasste zu und hielt seine Tochter so weit von sich, als wäre sie eine Bombe, die jederzeit explodieren könnte. Venus spürte seine Unsicherheit und fing laut zu weinen an.

„Um Himmels willen, halt sie doch richtig! Siehst du denn nicht, dass sie Angst hat?“ Erleichtert, nur noch die halbe Last tragen zu müssen, fasste Star Mars jetzt mit beiden Händen und nahm ihn vor den Bauch.

„Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie man mit einem Baby umgeht!“, beschwerte sich Luc und legte widerstrebend Venus’ Kopf an seine Schulter.

„Dann musst du es eben lernen. Babys brauchen engen Körperkontakt, damit sie sich geborgen fühlen.“

Als wollte sie die Worte ihrer Mutter unterstreichen, kuschelte sich Venus eng an Lucs Brust und hörte mit dem Weinen auf.

„Ich hatte Angst, sie zu zerdrücken“, rechtfertigte sich Luc. „Sie ist zerbrechlich wie ein kleiner Vogel.“

Vor Star ging er in eine Kabine, die als Büro eingerichtet war, und setzte Venus vorsichtig in den einen Kindersitz. Star gurtete Mars in dem anderen an. „Nach dem Start kannst du die beiden hinlegen“, erklärte Luc. „In unserer Schlafkabine habe ich zwei Kinderbetten aufbauen lassen.“

Kaum waren sie in der Luft, hatte sich Luc auch schon in seine Akten vertieft.

Star seufzte. Sie würde also wieder keine Gelegenheit haben, ihm zu eröffnen, dass niemand anders als er der Vater der Zwillinge war. Aber vielleicht war es auch besser, das Gespräch zu verschieben, denn sie war völlig ausgelaugt. So verzichtete sie auch auf das Essen, das ihr die Stewardess anbot, brachte Venus und Mars in ihre Bettchen und legte sich auch hin.

Erst als die Limousine den Wald, der schon zu den Ländereien von Chateau Fontaine gehörte, erreicht hatte, beruhigte sich Mars und hörte auf zu weinen. Erschöpft schloss er die Augen, und Star atmete erleichtert auf. Seit er nach der Landung in Nantes aus dem Tiefschlaf gerissen worden war, hatte er nur geschrien und sich durch nichts beruhigen lassen.

Erst jetzt wurde Star so richtig bewusst, was Luc ihr und den Kindern zugemutet hatte, und sie wurde ärgerlich. „Mars ist völlig verstört“, warf sie ihm vor, „weil du durch deine irrwitzige Idee unseren gewohnten Rhythmus durcheinandergebracht hast! Mars wird die ganze Nacht unruhig sein und weinen.“

Luc zog die Brauen hoch und musterte sie von oben herab. „Das bezweifle ich stark, denn ich habe eine äußerst kompetente Kinderschwester engagiert. Hätte ich Bertille schon zum Flughafen bestellt, wäre uns viel erspart geblieben.“

Einen Moment lang verschlug es Star die Sprache. „Ich glaube, ich höre nicht richtig …“

„Wieso?“ Verständnislos blickte er sie an.

„Du … du hast über meinen Kopf hinweg eine Nanny eingestellt! Und damit nicht genug, behauptest du auch noch, dass sie mit Mars besser fertig geworden wäre als ich!“

Betroffen legte Luc ihr die Hand auf den Arm. „Du hast mich falsch verstanden …“

„So?“ Sie zog ihren Arm zurück, als hätte sie sich verbrannt. „Du und nur du bist schuld daran, dass …“

„Wenn du weiter so schreist, wacht Mars gleich wieder auf“, unterbrach er sie.

Weder Luc noch Star war aufgefallen, dass der Wagen inzwischen angehalten hatte, der Chauffeur ausgestiegen war und die Tür auf Stars Seite aufhielt.

„Wer war es denn, der mit zwei Babys unbedingt bis in die Nacht hinein unterwegs sein wollte? Es ist doch nur verständlich, dass Mars völlig durcheinander ist! Normalerweise würde er jetzt tief und fest in seinem eigenen, gemütlichen Bettchen schlafen!“

„In einem Gemäuer, das vielleicht noch als Stall taugen mag, aber nicht als Wohnhaus!“

Sie errötete vor Zorn. „Warum plötzlich so empfindlich? Gestern Nacht hat es dich nicht gestört.“

Erst jetzt bemerkte Luc, dass die Autotür offen stand. Der Chauffeur war nirgends zu sehen. Diskret, wie er war, hatte er es taktvoller gefunden, seine Pflichten zu vernachlässigen, als zuzuhören, wie das frisch vereinte Paar erbittert miteinander stritt.

„Bitte, Star, lass uns dies Thema beenden. Es ist einfach albern …“

„Albern? Du hast mich tief verletzt! Du selbst kannst ein Kind nicht einmal für ein paar Sekunden halten, ohne dass es anfängt zu schreien, meine Fähigkeiten als Mutter jedoch zweifelst du an!“ Stars Hände zitterten, als sie Venus abschnallte. „Du hast mich beleidigt und mein Heim und meine Gastfreundschaft schlecht gemacht, wo doch alles nur deine Schuld ist! Du hast nicht die geringste Ahnung von Kindern, dein Terminplan ist dir das Wichtigste der Welt, und du erwartest ganz selbstverständlich, dass jeder nach deiner Pfeife tanzt!“

„Star, reiß dich zusammen! Du benimmst dich wie ein verzogenes Kind, das seinen Willen nicht bekommt!

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