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JULIA BESTSELLER BAND 146

MICHELLE REID

Glut in dunklen Augen

So ganz traut Leo der schönen Natasha nicht. Kann es sein, dass sie mit seinem betrügerischen Halbbruder unter einer Decke steckt? Oder ist sie eine gerissene Goldgräberin, immer auf der Suche nach einem reichen Mann? Sicher ist nur, dass Leo sie begehrt wie keine zuvor. Aber wie will er die Wahrheit herausfinden? Da hat Leo eine etwas ausgefallene Idee …

Süßes Wiedersehen in London

Das Wiedersehen mit Freya ist ein absoluter Schock für Enrico! Den zweiten Schock erlebt der attraktive Unternehmer beim Anblick ihres neuen Begleiters. An ihrer Hand hält seine ehemalige Geliebte einen kleinen, süßen Jungen, der Enrico verblüffend ähnelt. Enricos Gefühle fahren Achterbahn. Ist das wirklich sein Sohn? Hat Freya ihn damals gar nicht betrogen?

Herzen in Fesseln

Luis muss heiraten – weil sein Vater es so in seinem Testament bestimmt hat. Dabei liebt er immer noch seine Exfreundin Cristina, die ihn vor Jahren verließ, wegen eines anderen – wie Luis glaubt. Inzwischen ist sie Witwe, und ihre Rinderfarm ist hoch verschuldet. Und der vermögende Geschäftsmann sieht die Chance, die Frau seines Lebens zurückzugewinnen!

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Glut in dunklen Augen

1. KAPITEL

Leo Christakis, mit vierunddreißig Jahren Kopf des weltweit agierenden Christakis Firmenimperiums, saß entspannt am schmalen Ende des Konferenztisches und hielt die anderen Anwesenden allein durch sein Schweigen in angespannter Erwartung.

Niemand wagte, sich zu bewegen. Alle Dossiers, die auf der polierten Tischplatte lagen, blieben geschlossen. Nur die Akte vor Leo war aufgeschlagen. Fünf Minuten verstrichen, dann zehn. Keiner der Anwesenden gab auch nur das leiseste Geräusch von sich.

Jemand hatte versucht, Firmengelder zu stehlen. Das allein war schon schlimm genug. Was Leo jedoch am meisten ärgerte, war die stümperhafte Ausführung. Jeder Laie konnte diesen Betrug auf den ersten Blick entdecken. Leo beschäftigte keine inkompetenten Mitarbeiter. Deshalb stand auf der Liste der möglichen Diebe genau ein Name.

Rico, sein eitler, oberflächlicher und selbstsüchtiger Stiefbruder und der einzige Mensch in dieser Firma, der allein aus Gefälligkeit beschäftigt wurde.

Wie, zum Teufel noch mal, dachte Leo wütend, kommt Rico auf die Idee, er könne mit einem so dilettantisch vorbereiteten Verbrechen unentdeckt davonkommen? Schließlich war es ein offenes Geheimnis, dass in unregelmäßigen Abständen unangekündigte Buchprüfungen durchgeführt wurden – nur so ließ sich ein multinationaler Konzern leiten.

Dieser arrogante Idiot! Reichte es ihm nicht, dass ihm dafür, dass er fast nichts leistete, ein ansehnliches Gehalt gezahlt wurde? Wieso glaubte er, er könne sich einfach so am Honigtopf bedienen?

„Wo ist er?“, fragte Leo, woraufhin alle Anwesenden ihre Köpfe abrupt hoben.

„In seinem Büro“, sagte Juno, seine persönliche Assistentin. „Er wurde über dieses Meeting informiert, Leo“, fügte die junge Frau rasch hinzu, falls Leo auf den Gedanken kam, Rico könne glauben, er sei zu dem Treffen nicht erwartet worden.

Sein Stiefbruder war ein Schmarotzer. Es verstand sich von selbst, dass die Mitarbeiter seiner Firmen Schmarotzer nicht mochten. Leo brauchte nur den Kopf zu heben, um in den Mienen der anderen Anwesenden seinen letzten Gedanken bestätigt zu sehen.

Theos! Wie sollte er diesen Fehltritt nur vertuschen, wenn so viele Menschen Bescheid wussten und insgeheim Ricos Kopf forderten?

Wollte er es denn überhaupt vertuschen? Die Antwort, musste Leo sich eingestehen, lautete Ja. Es zu vertuschen war ihm lieber, als sich mit den Konsequenzen der Wahrheit zu befassen.

Ein Dieb in der Familie.

Heiße Wut brandete in ihm auf. Mit einer abrupten Handbewegung schlug der das Dossier zu und stand auf.

Juno sprang ebenfalls auf. „Ich gehe und …“

„Nein“, fiel Leo ihr ins Wort. „Ich selbst werde gehen und ihn holen.“

Eine seltsame Unruhe durchlief die anderen Anwesenden, als Juno sich wieder setzte. Wäre Leo in der richtigen Stimmung gewesen, hätte er vielleicht die vielsagenden Blicke bemerkt, die sich seine Mitarbeiter verstohlen zuwarfen, aber natürlich hatte er keine Augen dafür.

Ebenso wenig schaute er zur Seite, während er das vornehme Foyer des Londoner Christakis-Büros durchquerte. Sonst hätte er sehen können, wie sich in diesem Moment die Türen des Lifts öffneten.

Er war zu sehr damit beschäftigt, den plötzlichen Herzinfarkt zu verfluchen, der seinen geliebten Vater vor zwei Jahren das Leben gekostet hatte, und der ihm die missliche Aufgabe übertragen hatte, den Babysitter für die beiden lästigsten Menschen, die er kannte, zu spielen: Das waren seine neurotische, aus Italien stammende Stiefmutter Angelina und ihr kostbarer Sohn Rico Giannetti.

Warum schafft mir nicht jemand die verweichlichten Playboys mit ihren überängstlichen Müttern vom Hals, ging es Leo durch den Kopf. Er sehnte den Tag herbei, an dem Rico endlich seine leichtgläubige Braut heiraten und ein neues Leben in Mailand beginnen würde.

Das hieß natürlich, falls es ihm gelang, Rico aus diesem Schlamassel zu befreien, ohne dass sein eigener Ruf oder der der Firma Schaden nahm. Ansonsten würde Rico nirgendwohin gehen, außer ins Gefängnis.

Was würde Natasha tun, wenn sie jemals herausfand, dass sie einen Dieb geheiratet hatte?

Warum sein Stiefbruder überhaupt entschieden hatte, Miss Steif und Prüde Natasha Moyles zu heiraten, blieb Leo ein Rätsel. Sie entsprach so gar nicht dem dürren Starlet, das Rico sonst bevorzugte. Im Gegenteil besaß sie eine perfekte Sanduhrfigur, mit langen Beinen und fantastischen Kurven, die sie allerdings durch ihren lausigen Kleidergeschmack völlig ruinierte. Und sie verhielt sich kalt und höflich und reserviert – zumindest in Leos Gegenwart.

Weshalb Natasha sich ausgerechnet in einen Tunichtgut wie Rico verlieben musste, war ein weiteres Rätsel, das Leo nicht begriff. Gegensätze ziehen sich an? Oder legte sie ihre kühle und steife Haltung bei Rico ab?

Vielleicht wurde sie im Schlafzimmer zu einer Sexgöttin. Denn in ihr steckte auf jeden Fall das Potenzial einer wilden und hemmungslosen Sexgöttin. Weiche weibliche Gesichtszüge, große blaue Augen und ein sinnlicher sexy Mund, der geradezu darum flehte, geküsst zu werden.

Theos, fluchte Leo abermals, als ein vertrautes süßes Verlangen sich tief in seinem Inneren bemerkbar machte. Allein die Erinnerung an Natasha Moyles’ Mund hatte, seit er sie das erste Mal gesehen hatte, diese Wirkung auf ihn ausgeübt.

Zur gleichen Zeit trat – von ihm unbeachtet – die Frau seiner Träume aus dem Lift.

Natasha blieb wie angewurzelt stehen, als sie die unverkennbare Gestalt in dem dunklen Anzug erkannte, die mit eiligen Schritten das Foyer durchquerte.

Ihr Herz tat einen merkwürdigen kleinen Sprung. Einen Moment dachte sie tatsächlich darüber nach, ihrem ersten Impuls nachzugeben, kehrtzumachen und wieder mit dem Aufzug nach unten zu fahren. Sie konnte später mit Rico sprechen, wenn sein Stiefbruder nicht mehr da war.

Sie mochte Leo Christakis nicht. In seiner Gegenwart fühlte sie sich stets unbehaglich und angespannt. Er besaß die Fähigkeit, auch noch ihre kleinste Schwäche aufzuspüren und diese mit sarkastischen Kommentaren zu belegen.

Glaubte er, ihr sei nie das spöttische Grinsen aufgefallen, das er immer dann aufzusetzen schien, sobald er seinen Blick ungehemmt über ihren Körper wandern lassen konnte? Glaubte er, es sei schön, vor Verlegenheit zu erstarren, weil er sich insgeheim über ihren Kleidungsstil lustig machte? Nur weil sie ihre Kurven lieber verhüllte, anstatt wie die anderen Frauen zu betonen, die seinen erlesenen Zirkel frequentierten?

Nicht, dass es eine Rolle spielt, was Leo Christakis über mich denkt, versicherte Natasha sich. Gleichzeitig weigerte sie sich zu akzeptieren, dass ihr Blick wie magisch von seinem Rücken angezogen wurde. Oder dass sie unbewusst die Hand gehoben und verführerisch mit einer blonden Haarsträhne spielte, die dem sorgfältig gesteckten Knoten entkommen war. Oder dass sie ihre kleine schwarze Handtasche vor ihr hellblaues Kostüm hielt, als sei sie ein Schild, mit dem sie ihn abwehren konnte.

Sie war nicht seinetwegen gekommen. Er war nur der arrogante und überhebliche Stiefbruder des Mannes, den sie in sechs Wochen heiraten sollte. Falls Rico jedoch keine sehr überzeugenden Antworten auf die Anschuldigungen geben konnte, mit denen sie ihn gleich zu konfrontieren gedachte, würde die Hochzeit nicht stattfinden!

Natasha spürte, wie alle Farbe aus ihren Wangen wich, während sie sich an den heutigen Morgen zurückerinnerte. Ein Unbekannter war so überaus freundlich gewesen, ihr ein Foto auf ihr Handy zu schicken. Warum nur empfanden Menschen Vergnügen dabei, einer Frau ein Bild von ihrem Verlobten zu senden, wie er gerade in den Armen einer anderen lag? Glaubten sie, nur weil sie in der Popmusikbranche arbeitete, würde sie keine Gefühle besitzen, die man verletzen konnte?

Die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst, den Blick fest auf den grauen Teppichboden gerichtet, schritt Natasha den Korridor entlang, der zu Ricos Büro führte – wobei sie, ohne es zu wissen, Leo Christakis folgte.

Die Tür war geschlossen, doch Leo hielt sich nicht mit Anklopfen auf. Er stieß die Tür weit auf, machte einen Schritt nach vorne und erstarrte angesichts des Anblicks, der sich ihm bot.

Einige Sekunden dachte Leo tatsächlich darüber nach, ob er nicht vielleicht träumte. Es fiel ihm wirklich schwer zu glauben, dass Rico zu einer solchen Unverfrorenheit fähig war. Sein durchaus attraktiver Stiefbruder stand vor dem Schreibtisch, die Hose war bis zu den Knöcheln heruntergerutscht. Zwei schlanke Frauenbeine waren um seine Hüften geschlungen. Der Raum war erfüllt von eindeutigen Lauten.

Überall auf dem Boden lagen Kleidungsstücke verstreut.

„Was zum Teufel …?“, stieß Leo angewidert in genau dem Moment hervor, als er hinter sich einen erstickten Schrei wahrnahm. Er wirbelte herum.

Und blickte in das vor Entsetzen starre Gesicht von Ricos Verlobten.

„Natasha?“, fragte er verwirrt, hatte er doch angenommen, die hübschen Beine gehörten zu ihr.

Aber Natasha hörte ihn nicht. Sie war vollkommen damit beschäftigt, ihren schlimmsten Albtraum wahr werden zu sehen.

Allmählich bemerkten auch die beiden Verursacher des Chaos’, dass sie nicht mehr alleine waren. Wie aus weiter Ferne sah Natasha, wie Rico den Kopf hob und sich umwandte. Übelkeit stieg in ihr auf, als ihre Blicke sich trafen.

Dann bewegte sich die Frau. Ein blonder Kopf mit blauen Augen kam hinter Rico zum Vorschein. Die beiden Frauen starrten sich an.

„Wer zum …?“ Leo drehte sich wieder zu dem Liebespaar um.

Die Frau stütze sich mit einem Arm auf dem Schreibtisch ab und stieß mit der anderen Rico von sich. In diesem Moment erkannte Leo das wahre Ausmaß der Katastrophe.

Cindy, Natashas Schwester. Ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Er drehte sich wieder zu Natasha herum, doch die stand nicht mehr hinter ihm, sondern rannte, so schnell sie konnte, auf den Lift zu.

Wutentbrannt richtete er seine Aufmerksamkeit auf das schuldige Paar. Die ernsten Finanzfragen, die er Rico eigentlich hatte stellen wollen, waren vergessen. „Ich bin fertig mit dir, Rico“, schrie er den jüngeren Mann an. „Zieh dich an und dann verschwinde von hier, bevor ich dich aus dem Gebäude werfen lasse. Und nimm deine Schlampe mit!“

Damit knallte er die Tür zu und rannte hinter Natasha her. Gleichzeitig empfand er ein seltsames Gefühl der Zufriedenheit, weil ihm so unverhofft ein Grund geliefert worden war, Rico aus seinem Leben zu verbannen.

Die Türen des Lifts schlossen sich, bevor er ihn erreicht hatte. Mit einem leisen Fluch auf den Lippen hastete Leo zur Treppe. Im nächsten Stockwerk gab es zwei weitere Aufzüge, nur das oberste wurde von einem einzigen bedient. Er warf einen raschen Blick auf die Anzeigen, um zu sehen, wohin Natasha wollte. Dann eilte er in die wartende Kabine und drückte auf den Knopf für die Tiefgarage.

Unten angekommen, schaute er sich kurz um. Natashas Mini leuchtete wie ein roter Punkt in einer trüben Welt aus modernem Silbergrau und Schwarz. Sie stand vor ihrem Fahrzeug, die Hände auf das Dach gestützt. Ihre Schultern bebten. Vielleicht weint sie, überlegte er. Doch als er näher kam, sah er, dass sie sich übergeben hatte.

„Ist schon gut …“, murmelte er und legte seine Hände auf ihre Schultern.

„Rühr mich nicht an.“ Sie zuckte zurück.

„Ich bin nicht Rico“, verteidigte er sich.

Natasha wirbelte herum und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige.

Überrascht machte Leo einen Schritt nach hinten. Natasha zitterte. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie jemanden geschlagen!

Plötzlich traf sie eine neue Welle der Übelkeit, und sie musste sich wieder am Dach ihres Wagens festhalten.

Rico und Cindy … wie konnte er ihr das nur antun?

Wie konnte sie ihr das nur antun?

Warme Hände legten sich abermals auf ihre Schultern. Diesmal zuckte sie nicht zusammen, sondern überließ sich der Trost spendenden Geste.

Leo hielt sie fest, als sie nach einem Taschentuch suchte. Er spürte, wie sie zitterte. Sie hatte den Kopf gesenkt und entblößte einen eleganten Nacken. Wieder durchströmte ihn das süße Ziehen, und er wandte den Blick rasch ab.

Was sollte er jetzt tun? Sie war nicht sein Problem, meldete sich eine innere Stimme. Er hatte ein Meeting zu leiten, musste sich um ein ernsthaftes finanzielles Problem kümmern und anschließend ein Dutzend weiterer geschäftlicher Entscheidungen treffen, bevor er heute Abend zurück nach Athen flog.

Ein Mann trat unvermittelt aus den Schatten. Es war Rasmus, sein Sicherheitschef, der ihn neugierig musterte. Leo schüttelte nur den Kopf, woraufhin der andere Mann wieder mit der Dunkelheit verschmolz.

Dann dachte er daran, Natasha wieder zurück in sein Büro zu bringen, damit sie sich beruhigte. Allerdings konnte er sich nicht sicher sein, dass ihm das gelang, ohne dass jemand – Rico oder ihre Schwester – sie dabei sah, und es zu einer weiteren unschönen Szene kam.

„Geht es wieder?“, fragte er, als ihr Zittern ein wenig nachließ.

Sie nickte kurz. „Ja, danke“, flüsterte sie.

„Jetzt ist nicht die Zeit für Höflichkeiten, Natasha“, sagte er ungeduldig.

Abrupt entzog sie sich ihm. Sie hasste ihn, weil er Zeuge ihres Untergangs geworden war. Ein Foto zu bekommen, das Rico in den Armen einer Anderen zeigte, war eine Sache. Aber ihn beim Sex mit ihrer eigenen Schwester zu überraschen, war etwas ganz anderes.

Allein der Gedanke löste eine neue Woge der Übelkeit aus. Natasha rang um Selbstkontrolle und kramte in ihrer Handtasche nach den Wagenschlüsseln. In dem Mini befand sich eine Flasche Wasser. Am liebsten wäre sie in den Wagen gesprungen und einfach davongefahren. Doch dazu war sie nicht in der Verfassung.

Als sie sich wieder mit der Flasche in der Hand aufrichtete, musste sie zur Seite ausweichen, um nicht in das Fiasko zu treten, das sie auf dem Boden hinterlassen hatte. Leo verhielt sich wenig hilfreich und bewegte sich keinen Millimeter. Natasha schob sich an ihm vorbei, wobei sie unweigerlich seinen Körper streifte. Die Berührung glich einem elektrischen Schlag. Natasha presste sich gegen die Seitenwand ihres Minis.

Mit gesenktem Blick löste sie den Verschluss der Flasche und trank einen Schluck. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und ihre Kehle war wie zugeschnürt. Leo hingegen blieb einfach stehen, wie ein unheimlicher Schatten, und raubte ihr die Fähigkeit zu denken.

Aber das ist ja auch der großartige und ruhmreiche Leo Christakis, ein übermächtiges Wesen mit einem sagenhaften Repertoire an spöttischen Blicken und unverblümten Kommentaren, dessen einziges Anliegen es war, Geld zu scheffeln. Selbst während sie jetzt neben ihm stand, konnte sie seinen inneren Kampf spüren, auf die Uhr zu blicken. Er musste wichtigere Dinge zu tun haben, als bei ihr zu bleiben und Zeit zu verschwenden.

„In einer Minute bin ich okay“, stieß sie hervor. „Du kannst wieder an die Arbeit gehen.“

Ihre Worte klingen, schoss es Leo durch den Kopf, als sei Arbeit mein einziger Lebenssinn. Natasha Moyles hatte schon immer die Fähigkeit besessen, ihn mit ihrer höflichen und reservierten Art zu verärgern oder mit ihren kühlen flüchtigen Blicken zu streifen, als sei er es nicht wert, länger betrachtet zu werden. Seit sie einander im Londoner Apartment seines Stiefbruders vorgestellt worden waren, verhielt sie sich ihm gegenüber so.

„Trink noch einen Schluck Wasser und hör auf zu überlegen, woran ich gerade denke“, riet er ihr kühl. Die Gefühle, die ihn in ihrer Gegenwart durchströmten, behagten ihm gar nicht.

„Ich habe nicht versucht …“

„Doch“, unterbrach er sie. „Auch wenn du mich nicht magst, Natasha, kannst du mir doch ein wenig mehr Feingefühl zutrauen, als dich jetzt, nach dem, was du hast mit ansehen müssen, alleine zu lassen.“

Aber er besitzt nicht genug Feingefühl, mich nicht daran zu erinnern! ging es Natasha durch den Kopf, während der ganze Schrecken dessen, was sie gerade erlebt hatte, wieder lebendig wurde. Die Welt vor ihren Augen verschwamm. Es musste es bemerkt haben, denn er legte wieder seine Hände auf ihre Schultern. Am liebsten hätte sie ihn abgeschüttelt, doch es wollte ihr nicht gelingen. Sie brauchte den Halt, den er ihr bot, weil sie ansonsten in ein tiefes schwarzes Loch gefallen wäre.

Plötzlich hallte ein gespenstiges Geräusch durch die Tiefgarage. Es kam von dem Lift, der von irgendjemand zurück nach oben gerufen wurde. Leo stieß einen Fluch aus. Natasha hob den Kopf, und ihre Blicke trafen sich: ein magischer Moment, gegen den sie sich nicht wehren konnten und der sie beide wie gefangen hielt.

Theos, sie ist wunderschön, ging es Leo blitzartig durch den Kopf.

Unvermittelt eilte Natasha auf die Wagentür zu. Reflexartig schnellte Leo vor und erreichte die Tür vor ihr. Er umfasste ihr Handgelenk und nahm ihr die Schlüssel ab.

„W … was?“

Als Mann, der es gewohnt war, rasche Entscheidungen zu treffen, machte er mit ihrer gestammelten Frage kurzen Prozess. Leo wandte sich um, nahm Natasha an die Hand und marschierte mit ihr quer durch die Garage zu seinem eigenen schnittigen schwarzen Sportwagen.

„Ich kann selber fahren“, protestierte sie, als ihr klar wurde, was er vorhatte.

„Nein, kannst du nicht.“

„Aber …“

„Rico könnte gleich aus dem Aufzug kommen“, hielt er ihr vor. „Was ist dir lieber? Bei wem von uns willst du jetzt sein?“

Einfach, brutal und wirkungsvoll. Die grauenhaften Erinnerungen an das eben Erlebte stürmten auf sie ein. Sie war wie gelähmt.

Leo öffnete die Beifahrertür und drängte Natasha auf den Sitz. Ohne Protest ließ sie es geschehen, nur die Wasserflasche fiel ihr aus den gefühllosen Händen und landete im Fußraum. Als Leo die Tür schloss, tauchte Rasmus urplötzlich aus der Dunkelheit auf. Leo warf ihm die Schlüssel des Minis zu. Weitere Erklärungen waren unnötig.

Dann ließ er sich hinter das Steuer gleiten. Die auslaufende Wasserflasche ignorierte er. Reglos wie ein Stein saß Natasha da und sah starr auf ihre Hände, die verkrampft auf der schwarzen Handtasche lagen.

Leo startete den Motor, legte einen Gang ein und lenkte den Wagen mit quietschenden Reifen auf die Ausfahrt zu. Kurz darauf umfing sie helles Tageslicht. Das im Wagen eingebaute Telefonsystem schaltete sich automatisch ein. Auf einer Anzeige im Armaturenbrett flackerte Ricos Name auf. Leo drückte einen Knopf am Lenkrad und schaltete das Telefon aus.

Zehn Sekunden später begann das Handy in Natashas Tasche zu klingeln.

„Nicht rangehen“, warnte er.

„Hältst du mich für so dumm?“, stieß sie hervor.

Danach warteten sie in angespanntem Schweigen, bis das Klingeln aufhörte und die Mobilbox den Anruf entgegennahm.

Auf der Fahrt nach London meldete sich das Handy wieder und wieder. Und Leo wurde immer wütender. Er umklammerte das Lenkrad so fest, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten.

Keiner von ihnen sprach ein Wort. Leo hatte keine Ahnung, was er hätte sagen sollen. Außer Obszönitäten, die die Frau neben ihn wahrscheinlich hätte erbleichen lassen, fiel ihm absolut nichts ein.

Natasha hingegen hatte sich in sich selbst zurückgezogen und erlebte immer wieder die Geschehnisse in Ricos Büro. Sie wusste, dass ihre Schwester außer Kontrolle geraten war, aber dass Cindy so tief sinken würde …

Immer wieder sah sie Cindys Gesicht vor sich. Triumph hatte sich auf ihrer Miene gespiegelt, gefolgt von einem nur allzu bekannten, trotzigen Schmollen, das Natasha die Wahrheit enthüllt hatte, warum ihre Schwester sich an Rico herangemacht hatte.

Eigentlich wollte Cindy ihn gar nicht. Tatsächlich mochte sie ihn nicht besonders. Sie konnte nur den Gedanken nicht ertragen, dass Natasha irgendetwas bekam, das sie nicht zuvor selbst ausprobiert hatte.

Egoistisch bis ins Mark, dachte Natasha gequält. Verwöhnt von zwei Eltern, die unbedingt glauben wollten, dass ihre Tochter der talentierteste Mensch der Welt war. Sie war hübscher als Natasha, lustiger und lebendiger und selbstverständlich viel begabter, als Natasha jemals hoffen konnte zu sein.

Gesegnet, nannten ihre Eltern sie immer. Denn Cindy konnte auch noch singen wie ein Vogel und versprach die neuste Popsensation am englischen Musikhimmel zu werden. Nach ihrer Teilnahme an einem nationalen Gesangswettbewerb kannte jeder Cindys Gesicht. Natasha hingegen hielt sich nahezu unsichtbar im Hintergrund. Ihr Job war es, dafür zu sorgen, dass es in dem wundervollen Leben ihrer Schwester keine Probleme gab.

Warum habe ich das zugelassen? fragte sie sich nun. Warum war ich damit einverstanden, mein eigenes Leben auf Eis zu legen und den Babysitter für eine verzogene Göre zu spielen, die es immer gehasst hat, mit einer älteren Schwester alles teilen zu müssen?

Weil, so lautete die einfache Antwort, ihre Eltern zu alt waren, um Cindy in Zaum zu halten. Und irgendjemand musste sich darum kümmern, dass ihre Schwester nicht völlig aus der Bahn geriet.

Und, gib es ruhig zu, Natasha, anfangs warst du doch auch begeistert und stolz, ein Teil von Cindys aufregendem Leben zu sein.

Cindy hasste ihre Anwesenheit natürlich. Du hast dich nur an meinen Rockzipfel gehängt, sagte sie immer.

Wahrscheinlich stimmte das. Sie war zu einem pathetischen Anhängsel eines Popsternchens geworden, das auf herabfallende Krumen wartete, um ein bisschen am Ruhm ihrer Schwester teilzuhaben.

Rico kennenzulernen bedeutete für Natasha, ein echter Mensch mit eigenen Rechten und Gefühlen zu sein. Leider hatte sie geglaubt, er habe sich tatsächlich in sie verliebt.

Was für ein Witz, dachte sie jetzt. Alles war bloß ein schlechter Scherz.

Rico und Cindy …

Tränen brannten in ihren Augen.

Rico hatte mit ihrer Schwester getan, was er ihr immer verweigert hatte.

Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Kehle.

„Alles okay?“, fragte der Mann neben ihr.

Natürlich nicht! wollte Natasha ihn anschreien. Ich habe gerade gesehen, wie mein Verlobter Sex mit meiner Schwester hatte!

„Ja“, flüsterte sie stattdessen.

Leo warf ihr einen raschen Seitenblick zu. Sie hatte sich nicht gerührt, saß immer noch mit gesenktem Blick stocksteif da, die Hände über ihrer Tasche gefaltet.

Hatte Rico diese Frau jemals auf seinem Schreibtisch verführt, wie er es mit ihrer Schwester getan hatte?

Als hätte sie seine Gedanken gehört, hob sie in diesem Moment das Kinn und blickte durch die Windschutzscheibe nach vorne. Ihr Profil gleicht dem einer makellosen Madonna, schoss es Leo unwillkürlich durch den Kopf. Doch als er seinen Blick zu ihrem Mund wandern ließ, fiel ihm wieder ein, dass diese Lippen garantiert nicht zu einer keuschen Heiligen gehörten. Weich und sinnlich, die Oberlippe ein wenig schmaler als die untere. Wieder vermeinte er ein Flehen zu hören: Küss mich …

Abermals durchflutete ihn heißes Verlangen. Nichts als eine momentane Schwäche, redete er sich stur ein.

Doch das stimmte nicht. Denn seit er Natasha auf ihrer Verlobungsparty begegnet war, hatte er eine seltsame erotische Neugier verspürt.

Auch ihre Schwester war dort gewesen. In ihrem apricotfarbenen Kleid, natürlich speziell für sie entworfen, damit jeder ihre perfekte Figur bewundern konnte, war sie gleich der Mittelpunkt der Party geworden.

Natasha hingegen hatte klassisches Schwarz getragen. Damals hatte ihn ihre Wahl schockiert. War Schwarz nicht die Farbe der Trauer? Er erinnerte sich, dass er eine Bemerkung in diese Richtung hatte fallen lassen.

Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen, überlegte er jetzt. Vielleicht hätte er seine sarkastische Meinung für sich behalten sollen.

Seither hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt. Natasha mochte also große dunkle Griechen nicht, die kein Blatt vor den Mund nahmen. Er hingegen mochte keine vorlauten Popsternchen, die dürr wie ein Ast waren. Das war Ricos Metier.

Er bevorzugte weibliche Frauen mit verführerischen Rundungen.

Wie Natasha.

Leo runzelte die Stirn, während sie die Themse überquerten. Was zum Teufel hatte Rico eigentlich mit Natasha gewollt? Hatte er etwa etwas mit der einen Schwester angefangen, um an die andere heranzukommen? Und hatte sein egoistischer Stiefbruder dann eine Art Gewissen entwickelt und Natasha gebeten, ihn zu heiraten?

Falls ja, war es mit seinem Gewissen nicht weit her.

„Wohin fahren wir?“, fragte Natasha, als er den Wagen mit quietschenden Reifen in eine enge Nebenstraße lenkte.

„Zu meinem Haus.“

„Aber ich will nicht …“

„Soll ich dich zu deinem Apartment fahren? Möchtest du gemütlich mit deiner Handtasche auf dem Schoß in einem Sessel sitzen und darauf warten, dass einer der beiden kommt und dich anfleht, ihm zu vergeben?“

„Nein“, entgegnete sie mit bebender Stimme.

„Denn sie werden kommen“, fuhr er fort, unfähig, die sarkastischen Kommentare zu unterlassen. „Cindy braucht dich, damit du ihr Leben organisierst und sie weiterhin das Popsternchen spielen kann. Und Rico braucht dich, um seine Mutter glücklich zu machen. Angelina mag dich und sieht in dir seine Retterin vor einem ausschweifenden Leben voller Frauen und Alkohol.“

War das des Rätsels Lösung? Benutzte Rico sie, um seine besorgte Mutter zu besänftigen? Erneut füllten Natashas Augen sich mit Tränen, als sie sich an ihre erste Begegnung mit Angelina zurückerinnerte. Ein glückliches Lächeln hatte sich auf ihrem Gesicht ausgebreitet. „So ein nettes Mädchen“, hatte sie später gesagt.

Hatte Rico in diesem Moment entschieden, dass es eine gute Idee sein könnte, sie zu heiraten? Immerhin hatte er nur ein paar Tage danach um ihre Hand angehalten. Und wie ein Idiot hatte sie Ja gesagt. Dabei lief außer einigen wenigen Küssen gar nichts zwischen ihnen.

Kein Wunder. Sie entsprach nicht Ricos Typ, sondern dem seiner Mutter. Rico stand auf Frauen wie Cindy.

Sie verspürte einen scharfen Stich im Herzen. Unglücklich wandte sie sich ab und schaute blickleer aus dem Fenster.

Auch Leo erkannte die traurige Wahrheit. Rico wollte sie heiraten, um seiner Mutter zu gefallen, die in letzter Zeit einige erzürnte Bemerkungen über seinen unsteten Lebenswandel gemacht hatte. Denn verärgern durfte Rico sie auf keinen Fall, war sie doch – neben Leo – sein Schlüssel zum Christakis-Vermögen.

Damit wurde Natasha ebenso zur Marionette wie Leo. Seit sein Vater vor acht Jahren Angelina geheiratet und sie ihren achtzehnjährigen Sohn mit in die Ehe gebracht hatte, hatte Leos Leben sich nur noch darum gedreht, Rico das Gefühl zu geben, in der Familie willkommen zu sein. Und als sein Vater Lukas so unerwartet starb, kümmerte er sich weiterhin um Rico, um Angelina glücklich und zufrieden zu machen. Denn sie hatte seinen Vater aufrichtig geliebt, und sein Tod hatte sie tief getroffen.

Aber damit ist jetzt Schluss, schwor er sich. Es war an der Zeit, dass Angelina und Rico ihre Leben endlich wieder selbst in die Hand nahmen. Er war es leid, sich um ihre Probleme zu kümmern.

Und das galt auch für das Geld, das Rico von ihm gestohlen hatte, beschloss Leo und zog verwundert die Augenbrauen zusammen, weil ihm erst jetzt der Grund wieder einfiel, weshalb er in Ricos Büro gegangen war.

Natasha ist eines von Ricos Problemen, dachte er und warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. Sie saß reglos da, bleich wie eine Wand und sah aus, als müsse sie sich jeden Moment wieder übergeben.

„Denk darüber nach“, setzte er seine sarkastischen Kommentare fort. Er wollte sie gar nicht weiter quälen, konnte jedoch einfach nicht schweigen. „Die beiden passen viel besser zusammen als du und Rico. Er steht auf Frauen wie deine Schwester – du musst doch wissen, wie seine verflossenen Gespielinnen aussehen, oder? Hast du dich nie gefragt, weshalb er ausgerechnet dich ausgewählt hat?“

Seine gemeinen Worte ließen die Tränen in Natashas Augen noch heftiger brennen. „Ich dachte, er liebt mich“, flüsterte sie.

„Weshalb er sich ja auch mit deiner Schwester auf seinem Schreibtisch vergnügte, wenn er doch eigentlich in meinem Meeting sein und sich verteidigen sollte.“

„Sich verteidigen?“

Leo antwortete nicht. Die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst, stieg er aus dem Wagen. Er ärgerte sich über sich selbst, weil er Natasha für Ricos Sünden bestrafen wollte.

Er umrundete den Wagen, öffnete die Beifahrertür und half Natasha beim Aussteigen. Das Klingeln ihres Handys lenkte sie lange genug ab, dass er sie ohne Widerstände ins Haus ziehen konnte.

Im Wohnzimmer schob er sie vor einen Sessel und ging dann zu dem Schränkchen, in dem er die alkoholischen Getränke aufbewahrte.

Seine Hände zitterten, während er den Brandy in ein Glas schenkte. Er kehrte zu Natasha zurück. Mittlerweile saß sie steif und aufrecht auf der Kante des Sessels, die Handtasche auf dem Schoß.

„Hier.“ Er reichte ihr das Glas. „Trink das. Vielleicht hilft es dir, dich ein bisschen lockerer zu machen.“

Für das, was als Nächstes passierte, gab es keine Vorwarnung. Völlig unvermittelt sprang Natasha auf und schleuderte ihm den Brandy ins Gesicht.

„F … für wen hältst du dich, dass du glaubst, mich so behandeln zu können?“, schrie sie ihn an. „Jeder, der dir zuhört, würde glauben, du seist derjenige, der betrogen worden wäre! Oder ist es genau das? Verhältst du dich mir gegenüber so abscheulich, weil du dir wünschst, du hättest an Ricos Stelle mit meiner Schwester geschlafen?“

Während goldgelber Brandy von seinem Gesicht tropfte, hörte der ansonsten so unerschütterliche Leo Christakis sich sagen: „Nein. Ich wünschte, es wären du und ich gewesen.“

2. KAPITEL

In dem unbehaglichen Schweigen, das dem absurden Geständnis folgte, sah Natasha in Leos mit Alkohol benetztes Gesicht und wünschte, der Brandy befände sich noch in ihrem Glas, damit sie ihn ein zweites Mal damit überschütten könnte!

„Wie kannst du es wagen?“, herrschte sie ihn entrüstet an. Ihre blauen Augen blitzten auf und funkelten dann wie Dia­manten, als sie sich wieder mit Tränen füllten. „Meinst du nicht, ich bin bereits genug gedemütigt worden? Musst du dich auch noch über mich lustig machen, als sei alles nur ein schlechter Scherz gewesen?“

„Das war kein Witz“, hörte Leo sich murmeln. Als ihm die Wahrheit seiner Worte bewusst wurde, verzog er das Gesicht. Dass er sich seit Wochen nach Natasha verzehrte, war wirklich kein Scherz.

Nein, der eigentliche Witz lag in der Tatsache, dass er es zugegeben hatte.

Er wandte sich ab und fischte mit einer Hand das nie gebrauchte, aber stets von seiner Haushälterin dort platzierte Taschentuch aus der Seitentasche des Jacketts. Während er den Brandy von seinem Gesicht wischte, warf er Natasha einen kurzen Seitenblick zu. Wie erstarrt stand sie in ihrem adretten blauen Kostüm und den Schuhen mit den niedrigen Absätzen vor ihm, die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen.

„Du hast seltsame Vorstellungen von Männern, Natasha, wenn du glaubst, zurückgebundene Haare und hochgeschlossene Kleidung könnten sie davon abhalten, sich neugierig zu fragen, was wohl vor ihnen verborgen werden soll.“

Ein raues Lachen entrang sich Leos Kehle.

„Wir stehen nicht alle auf magersüchtige Popstars, die gerade erst die Schule beendet haben“, klärte er sie auf. „Manche Männer mögen sogar die Herausforderung einer Eroberung, anstatt alles auf einem Silbertablett serviert zu bekommen.“

Sein Blick fiel unmissverständlich auf die sanften Rundungen ihrer Brüste. Es geschah aus reinem Selbstschutz, dass sie die Arme vor der Brust verschränkte. Als er den Kopf wieder hob, wirkten seine Augen verschleiert. In diesem Moment wusste Natasha, wovon er sprach.

„Willst du deine Jacke ablegen und meine Neugier stillen?“, fragte er lächelnd. „Nein? Das dachte ich auch nicht.“

„Warum tust du das? Warum sagst du solche Sachen zu mir?“, fragte sie fassungslos. „Glaubst du, weil du dasselbe mit angesehen hast wie ich, gibt es dir das Recht, mit mir wie mit einem Flittchen zu sprechen?“

„Du würdest kein Flittchen spielen können, selbst wenn dein Leben davon abhänge“, spottete Leo. „Das ist einer der Gründe, weshalb ich so fasziniert von dir bin. Du bist das komplette Gegenteil deiner Schwester.“

Natasha blickte ihn nur weiterhin fassungslos an. Womit, überlegte sie fieberhaft, habe ich das nur verdient? „Du bist abscheulich“, murmelte sie schließlich. „Und daran ist absolut nichts faszinierend.“

Sie hob ihre vorhin zu Boden gefallene Tasche auf und wandte sich, so würdevoll wie möglich, zum Gehen.

„Da hast du recht“, erwiderte er.

„Das weiß ich.“ Sie nickte und setzte einen weiteren wackligen Schritt in Richtung Tür.

„Na schön“, sagte Leo hinter ihr. „Es tut mir leid. Okay?“

Natasha straffte die zitternden Schultern. „Ich habe dich nicht gebeten, mich herzubringen“, brachte sie mit belegter Stimme heraus. „Ich habe dich um gar nichts gebeten. Meine Schwester ist eine Schlampe, dein Bruder auch nicht viel besser. Abgesehen davon, haben du und ich nichts gemeinsam oder uns zu sagen.“

Sie machte einen weiteren Schritt auf die Tür zu. Nur fort von hier, das war alles, was sie wollte. Hoffentlich gaben ihre Beine nicht unter ihr nach.

Wieder klingelte ihr Handy.

Und wie um das Chaos noch zu verschlimmern, schrillte ein weiteres Telefon irgendwo im Haus. Verwirrt blieb Natasha stehen und versuchte, die verschiedenen Geräusche einzuordnen.

Plötzlich klopfte es auch noch an der Tür. Die Klinke wurde von außen heruntergedrückt. Vor ihrem geistigen Auge sah Natasha Rico ins Zimmer kommen. Instinktiv wich sie vor ihm zurück. Vielleicht taumelte sie, denn zwei starke Hände fassten nach ihren Armen. Das Nächste, woran sie sich später erinnern konnte, war, dass Leo sie zu sich umdrehte und gegen seine breite Brust presste.

„Ganz ruhig“, sagte er ihr leise ins Ohr.

Natasha erschauerte.

„Oh, Entschuldigung, Mr Christakis“, rief eine Frauenstimme überrascht. „Ich habe Sie nach Hause kommen hören und angenommen, Sie seien allein.“

„Wie Sie sehen, Agnes, bin ich es nicht“, entgegnete Leo.

Unverblümt, wie immer. Seine Haushälterin war daran gewöhnt. Dennoch blickte sie neugierig die Verlobte seines Stiefbruders an, die er immer noch an sich gedrückt hielt. Als Agnes wieder ihn anschaute, spiegelte sich in ihrer Miene nicht der leiseste Hinweis, dass der Anblick sie schockierte.

„Mr Rico ruft immer wieder an und verlangt, Miss Moyles zu sprechen.“

Natasha erschauerte. Beruhigend streichelte er ihren Rücken. „Wir sind nicht hier“, wies Leo die Haushälterin an. „Und lassen Sie niemanden ins Haus.“

„Ja, Sir.“

Agnes ging aus dem Zimmer. Hinter ihr blieb eine angespannte Stille zurück, die Natasha fast körperlich zu spüren vermeinte. Sie verstand ihre wirren Gefühle nicht mehr. Ihre Wangen röteten sich vor Verlegenheit. Vorsichtig entzog sie sich Leos Umarmung.

„Sie wird denken, wir …“

„Agnes wird nicht fürs Denken bezahlt“, unterbrach Leo sie. Er schritt zu dem Schränkchen mit den Alkoholika, um einen zweiten Brandy einzuschenken.

Unterdessen sank Natasha kraftlos in den Sessel.

„Hier, nimm.“ Er ging vor ihr in die Hocke und reichte ihr das Glas. „Versuch aber diesmal, den Inhalt zu trinken, anstatt ihn mir ins Gesicht zu schleudern.“

Schuldbewusst schaute sie ihn an. „Es tut mir leid. Ich weiß gar nicht, warum ich es getan habe.“

„Mach dir deswegen keine Sorgen.“ Leo lächelte spöttisch. „Ich bin es gewohnt, in Tiefgaragen geschlagen und mit Drinks übergossen zu werden. Verabscheuungswürdige Kerle erwarten das nämlich.“

Er presste die Lippen wieder zu der üblichen schmalen Linie zusammen. Erst jetzt fiel ihr auf, wie schön sein Mund war. Nicht zu groß, dafür sinnlich und verführerisch.

Auch seine Augen waren schön. Dunkelbraun, eingerahmt von dichten schwarzen Wimpern, was sein Gesicht beinahe sanft erscheinen ließ. Die leichte Unebenheit auf seinem Nasenrücken korrigierte jedoch den ersten Eindruck und gab ihm etwas Raues und Eigenwilliges.

Er war acht Jahre älter als Rico, und somit über zehn Jahre älter als sie. Und diese zusätzlichen Jahre an Lebenserfahrung spiegelten sich in seinen unverblümten Meinungen, die er ohne die geringsten Skrupel auch aussprach.

Seine Haut schimmerte in einem warmen Honigton. Zum ersten Mal bemerkte sie seine ebenmäßigen Gesichtszüge – dabei runzelte er die Stirn so oft. Zumindest in ihrer Gegenwart.

Sie war sich nicht bewusst, dass sie, während sie ihn eingehend musterte, den Brandy in kleinen Schlucken trank. So sehr war sie mit den breiten Schultern beschäftigt, dem muskulösen Oberkörper. Im Stehen überragte er Rico um mehrere Zentimeter. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten und betonte so zusätzlich die Ausdrucksstärke seines Gesichts.

Diese Frau ist auf Streit aus, dachte Leo, ihren hübschen Mund betrachtend, während sie ihn abschätzend musterte.

„Wie alt bist du, Natasha?“, fragte er neugierig. „Sechsundzwanzig? Siebenundzwanzig?“

„Ich bin vierundzwanzig!“, erwiderte sie kalt. „Und das war eine weitere Beleidigung!“

„Du bist ganz schön kleinlich.“ Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Ja.“

Wenn ihre blauen Augen so wie jetzt aufblitzen, schoss es Leo durch den Kopf, sieht sie fantastisch aus. Was sollte er jetzt tun?

Er könnte sie küssen – aus irgendeinem Grund kam es ihm so vor, als wolle sie, dass er genau das tat. Oder er könnte ihr das Glas aus den zitternden Fingern nehmen und sie ermutigen, es endlich hinter sich zu bringen und sich an seiner Schulter auszuweinen.

Ein seltsames Gefühl stieg in ihm auf – diesmal kein erotisches Verlangen, sondern eher ein schmerzhaftes Sehnen. Wusste sie eigentlich, wie sehr sie zitterte?

„I … ich möchte jetzt nach Hause“, murmelte sie.

In das Apartment, das sie mit ihrer Schwester bewohnte? „Trink erst den Brandy“, sagte Leo ruhig.

Natasha schaute auf das Glas, das sie mit festem Griff umklammert hielt. Der Anblick schien sie zu überraschen. Leo beobachtete, wie sie das Glas an die Lippen setzte, wie sie den Mund ein wenig öffnete und einen Schluck goldgelben Brandy trank … und das seltsame Gefühl wandelte sich wieder in leidenschaftliches Begehren.

Unvermittelt ertönte die Türklingel.

Rico rief laut Natashas Namen.

Natasha sprang auf. Das Glas rutschte ihr aus den Fingern und landete mit einem dumpfen Laut auf dem Boden. Die Reste des Brandys ergossen sich über den Teppich.

„Natasha …“ Leo, der immer noch gehockt vor ihr saß, streckte die Arme aus, weil er fürchtete, sie könne ohnmächtig werden.

Aber wieder einmal verblüffte Natasha Moyles ihn. Es war gar nicht nötig, sie zu sich auf die Knie zu ziehen. Sie landete zwischen seinen Beinen, schlang die Arme um seinen Nacken und sah ihn mit einer Mischung aus Hilflosigkeit und Entsetzen an.

„Lass ihn nicht herein“, bat sie.

„Das werde ich nicht“, versprach Leo.

„Ich hasse ihn. Ich will ihn nie wiedersehen.“

„Ich werde ihn nicht ins Haus lassen“, wiederholte er.

Aber Rico hörte nicht auf, ihren Namen zu rufen. Sie hörten, wie Leos Haushälterin ein paar scharfe Worte an Rico richtete.

„Mein Herz klopft so schnell, ich kann nicht richtig atmen“, wisperte Natasha.

Ein herausforderndes Funkeln trat in Leos Augen. Er hätte es verbergen sollen, dennoch flüsterte er leise: „Ich kann es noch schneller schlagen lassen.“

Falls er sie damit von Rico ablenken wollte, funktionierte das ausgezeichnet. Als sie vor Überraschung nach Luft rang, spürte er ihn wieder, jenen vibrierenden Funken tief in seinem Inneren.

Er beugte sich vor und presste seine Lippen auf die ihren.

Es ist, als fiele man in eine Grube voller elektrischer Blitze, ging es Natasha durch den Kopf. Etwas Vergleichbares hatte sie noch nie erlebt. Leo intensivierte den Kuss und ließ seine Zunge in ihren Mund gleiten. Die Berührung sandte einen lustvollen Schauer über ihren Körper.

Leo murmelte etwas, legte die Arme um ihre Hüften und zog Natasha enger an sich. Die nächsten Sekunden verflogen wie im Rausch. Vor der Haustür rief Rico weiterhin nach ihr.

Das ist doch verrückt, dachte sie. Schließlich mochte sie Leo Christakis nicht einmal. Und doch küsste sie ihn voller Leidenschaft.

Er ließ seine Hände über ihren Rücken wandern und schmiegte sie noch enger an sich. Gleichzeitig vertiefte er den Kuss, umtanzte mit seiner Zunge die ihre, sodass heiße Wogen der Lust ihren Körper zum Schmelzen zu bringen schienen.

Natasha seufzte auf. Auch Leo gab ein ähnlich raues Geräusch von sich. Dann rief Rico noch einmal nach ihr, wütend und schroff genug, um zu ihr durchzudringen. Sie zuckte zurück.

Zitternd und außer Atem sah sie Leo an, während das Bild vor ihrem inneren Auge auftauchte, wie Rico sich mit ihrer Schwester auf seinem Schreibtisch vergnügt hatte.

Als könne Cindy ihre Gedanken lesen, begann in diesem Moment ihr Handy zu klingeln.

Vor Scham hätte sie im Boden versinken mögen.

„Um Gottes willen, Natasha, lass mich mit dir sprechen“, hörte sie Ricos Stimme.

Rachegelüste durchzuckten sie.

Leo sah, wie es passierte. Plötzlich setzte sein Verstand wieder ein. Sie würde sich ihm anbieten. Aber wollte er sie wirklich so? Verletzt und gedemütigt, mit dem fragwürdigen Wunsch nach Rache an Rico, der leicht jeden Moment ins Zimmer platzen und sie erwischen konnte?

Mit zitternden Fingern begann Natasha, die Knöpfe an ihrer Jacke zu öffnen.

Leo seufzte. „Das willst du doch gar nicht tun, Natasha.“

„Sag mir nicht, was ich will“, entgegnete sie unwirsch.

Unter der Jacke kam ein weißes Top aus einem weichen dehnbaren Material zum Vorschein, unter dem sich ihre vollen Brüste deutlich abzeichneten.

Leo schaute auf die verführerischen Rundungen, dann in Natashas weit aufgerissene Augen, in denen ein fiebriger Glanz lag. Am liebsten hätte er laut geflucht. Als sie die Jacke abstreifen wollte, streckte er die Hände aus, um sie davon abzubringen. Doch der flehende Ausdruck in ihren Augen ließ ihn innehalten.

Wenn er sie jetzt abwies, würde sie das endgültig zerbrechen.

Leo sah, wie sie schluckte. „Bitte …“ Kaum mehr als ein Flüstern.

Er war verloren, das wusste Leo. Als sie die Führung übernahm und ihre Arme wieder um seinen Nacken legte, wusste er genau, dass er sie diesmal nicht zurückhalten würde.

Ihre Lippen glichen einer unwiderstehlichen Einladung. Mit beiden Händen fuhr er über ihre Taille, dann hinauf zu den perfekt geformten Brüsten. Ein Zittern durchlief ihren Körper. Plötzlich löste sich ihr Zopf, und die langen blonden Haare fielen in seidigen weichen Wellen über ihren Rücken.

Die Eingangstür fiel ins Schloss.

Rico war fort.

Falls Natasha wusste, was das Geräusch zu bedeuten hatte, so ließ sie es sich nicht anmerken. In ihren Augen schimmerte immer noch das sinnliche Angebot.

Zeit, eine Entscheidung zu treffen, dachte Leo düster. Weitermachen oder aufhören?

Doch dann presste sie ihre Lippen auf seine und nahm ihm die Entscheidung ab.

Natasha spürte, wie er nachgab. Das Gefühl von Triumph, das sie empfand, grenzte an Wahnsinn. An ihrem Bauch fühlte sie seine erregte Männlichkeit und schmiegte sich instinktiv daran. Er gab einen wohligen Laut von sich und zog Natasha mit sich auf die Füße. Dann hob er sie in die Arme und setzte sich, ohne den Kuss auch nur einen Moment zu unterbrechen, in Bewegung.

Erst als er die Treppe ins Obergeschoss betrat, erwachte in Natasha ein Funken Vernunft. Sie hob den Kopf und blickte in Leos, von schweren Lidern überschattete Augen. Dann schaute sie sich verwirrt um, als sei sie soeben aus einem Traum erwacht.

Der Flur war leer. Es war niemand da. Kein Rico, der mit ansehen musste, wie ihr zukünftiger Liebhaber sie ins Bett trug.

„Änderst du deine Meinung, weil es keine Zeugen gibt?“

Leo war auf einer der Stufen stehen geblieben. Der kalte Zynismus war in seine Augen zurückgekehrt.

„Nein“, erwiderte Natasha und stellte fest, dass sie es auch meinte. Sie wollte von diesem Mann ins Bett getragen werden und mit ihm schlafen. Sie wollte alle ihre Hemmungen und Moralvorstellungen über Bord werfen!

„Bitte“, hauchte sie und küsste ihn ganz sanft auf den Mund. „Liebe mich, Leo.“

Er zögerte einen Moment, dann ging er weiter die Treppe hinauf. Er trug sie in ein von der Sommersonne durchflutetes Schlafzimmer. Die Wände waren in einem hellen Cremeton gestrichen, die Möbel aus dunklem Holz. Ein roter Perserteppich bedeckte fast den gesamten Boden aus Eichenparkett.

Dass er sie recht unzeremoniell aufs Bett fallen ließ, versetzte ihr einen kleinen Schock.

Mit eisiger Miene schaute Leo zu ihr hinunter. „Bleib da liegen und lass mich in Ruhe“, sagte er kalt, bevor er sich umwandte und ging.

„Warum?“, rief Natasha ihm nach.

„Weil ich keine Lust habe, den Ersatzmann zu spielen.“

Natasha richtete sich auf. „Du hast gesagt, du willst mich.“

„Sehr sonderbar, nicht? Aber zu sehen, wie sehr dich die Vorstellung anmacht, dass Rico uns erwischt, hatte auf mich dieselbe Wirkung wie eine kalte Dusche.“

„Es hat mich nicht angemacht …“

„Lügnerin!“ Und dann machte er ihr wirklich Angst, weil er zurückkam und sich bedrohlich über sie beugte.

„Um eines klarzustellen, Natasha“, murmelte er mit seidenweicher Stimme, „wenn dir das, was wir unten getan haben, so gut gefallen hat, dass du Rico ganz vergessen hast, was sagt mir das dann über Miss Verraten und Betrogen, hm?“

Statt das zu sagen, hätte er sie ebenso gut ins Gesicht schlagen können. Fassungslos sah Natasha ihn an. Doch das eigentlich Schlimme war, dass er nur die Wahrheit sagte! Sie hatte an Rico gedacht, als sie im Wohnzimmer die Jacke abgestreift hatte. Und es gab keinerlei Entschuldigung für die Art und Weise, wie sie ihn angefleht hatte, sie ins Schlafzimmer zu tragen!

Aber hatte er sich auch nur einen Deut besser verhalten? „Du gemeiner Mistkerl“, flüsterte sie und zog die Knie an, damit sie ihren Kopf darauf legen und verbergen konnte.

Leo war geneigt, ihr zuzustimmen. Er benahm sich wie ein Schuft, wenn er ihr die alleinige Schuld an allem gab, was zwischen ihnen passiert war. Er richtete sich auf und wandte sich der Tür zu. Wäre ich doch bloß heute Morgen in Athen geblieben …, dachte er.

Zwei Telefone meldeten sich zeitgleich mit lautem Klingeln. Er zog sein Handy aus der Tasche und erwartete, auf dem Display Ricos Namen zu lesen. Doch es war Juno, seine Assistentin.

„Ich hoffe, es ist wichtig“, eröffnete er das Gespräch, während er die Schlafzimmertür hinter sich ins Schloss fallen ließ.

Bei dem Geräusch hob Natasha den Kopf. Sie war allein. Er hatte sie wie ein Häuflein Elend auf seinem Bett zurückgelassen und war gegangen.

Hastig sprang sie vom Bett, unendlich verletzt und zum zweiten Mal an diesem furchtbaren Tag von einem Mann gedemütigt.

Sie musste hier weg! Fast hätte sie laut aufgeschrien, als sie sich umschaute und ihre Schuhe nirgends finden konnte. Jetzt wurde ihr klar, was der dumpfe Laut war, den sie gehört hatte, als Leo sie in die Arme gehoben hatte.

Sie taumelte auf die Tür zu. Ohne jemandem zu begegnen, schaffte sie es ins Wohnzimmer. Die so lange zurückgehaltenen Tränen brannten wieder in ihren Augen, als sie ihre achtlos auf dem Boden liegende Jacke erblickte.

Mit zitternden Händen griff sie danach, schlüpfte hinein und schloss alle Knöpfe. Während sie noch mit den Schuhen beschäftigt war, erschien Leo auf der Türschwelle.

Das Handy in ihrer Handtasche begann zu klingeln.

Natasha beugte sich vor, hob die Tasche auf und zog ihr Telefon heraus. Dann warf sie das schmale Gerät mit aller Kraft auf den Eichenboden.

Das Klingeln verstummte.

Wie das Echo eines Trommelwirbels hallte die folgende Stille durch den Raum. Und noch immer stand Leo auf der Türschwelle und blockierte ihren einzigen Fluchtweg.

„Bitte“, stieß sie schließlich hervor. „Lass mich durch.“

Schweigen. Er sagte nichts. Rührte sich nicht. Irgendetwas an seiner Haltung, wie er sie mit über der Brust gekreuzten Armen aus schmalen Augen ansah, weckte Natashas Misstrauen.

„Was ist los?“, fragte sie.

Wie, überlegte Leo, wird sie wohl reagieren, wenn ich sie beschuldige, eine Diebin zu sein?

„Ich bin nur neugierig“, meinte er ruhig. „Wohin willst du?“

Innerlich fühlte er sich alles andere als ruhig. Innerlich fühlte er sich so betrogen und aufgewühlt, dass er keine Ahnung hatte, wie es ihm gelang, noch an sich zu halten!

Ricos kleine Komplizin … wer hätte das gedacht? Offensichtlich war Miss Steif und Prüde nicht ganz so prüde, wenn es darum ging, ihre hübschen gierigen Finger nach dem Geld auszustrecken, das Rico ihm gestohlen hatte.

„Zu Rico?“, schlug er vor, als er keine Antwort erhielt.

„Nein!“ Sie war eine wirklich gute Schauspielerin. „Nach Hause. In mein Apartment.“

„Du hast keinen Schlüssel.“ Schließlich hatte er Rasmus ihren Schlüsselbund in der Tiefgarage zugeworfen, damit er ihren Wagen nach Hause fuhr.

„Ich bitte den Hausmeister, mich hereinzulassen.“

„Oder deine liebe Schwester“, sagte Leo. „Ich vermute, sie wartet bereits auf dich.“

Ob Cindy auch in den Betrug verwickelt war?

Er ließ seinen Blick über Natashas Körper wandern. Die Knöpfe der Jacke waren wieder bis zum Hals geschlossen, als habe das leidenschaftliche Intermezzo niemals stattgefunden. Nur die offen auf ihre Schultern fallenden Haare und die von den wilden Küssen geröteten Lippen waren als stumme Zeugen übrig geblieben.

„Was kümmerte es dich?“, fragte Natasha. „Es ist ja nicht dein Problem“, fuhr sie steif fort. „Ich verstehe auch nicht, warum du mich überhaupt hergebracht hast.“

„Du brauchtest einen sicheren Platz, um dich zu sammeln.“

„Sicher?“, stieß sie hervor. „Kaum hattest du mich durch die Haustür gezerrt, da bist du doch schon über mich hergefallen!“

Sein gleichgültiges Schulterzucken versetzte sie erst richtig in Wut. Auf immer noch wackligen Beinen marschierte sie auf ihn zu. Sie war sich bewusst, dass er jeden ihrer Schritte mit Argusaugen verfolgte. Und sie ahnte, dass sie die Tränen nicht mehr viel länger würde zurückhalten können.

Dennoch blieb er wie angewurzelt auf der Türschwelle stehen. Je näher sie ihm kam, desto verwirrter reagierten ihre Sinne. Einerseits wappnete sie sich zu schreien, falls er es wagen sollte, sie noch einmal zu berühren. Andererseits verspürte sie die wilde Hoffnung in sich aufsteigen, dass er genau das tat.

Ich erkenne mich selbst nicht mehr, schoss es Natasha hilflos durch den Kopf. „Geh mir aus dem Weg“, forderte sie.

Seine einzige Reaktion bestand in einem leisen Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte. Ansonsten bewegte er sich keinen Zentimeter. „Du kannst nicht gehen“, erwiderte er kühl.

War er verrückt geworden? „Natürlich kann ich.“ Natasha presste beide Hände gegen seinen Oberkörper und versuchte, Leo beiseitezustoßen. Nichts passierte.

„Als ich sagte, du kannst nicht gehen, Natasha, war das mein voller Ernst“, erklärte er mit Nachdruck. „Zumindest so lange nicht, bis die Polizei eingetroffen ist und dich mitnimmt.“

3. KAPITEL

„Die Polizei?“

„Das Betrugsdezernat, um genau zu sein“, bestätigte Leo.

„Das Betrugs …“

Es belustigte ihn, dass Natasha alles wiederholte. „Das für Schwindler und Scharlatane.“ Er ließ seinen Blick über ihren Körper wandern, als wolle er sagen, ihr eigentliches Verbrechen bestehe darin, mit ihrem Aussehen einen Mann binnen Sekunden verführen zu wollen.

Natasha errötete vor Verlegenheit. „Normalerweise …“

„Normalerweise spielst du nicht mit Männern, die du bestehlen willst?“

Sie stolperte ein paar Schritte rückwärts und blickte ihn verständnislos an.

„Da ich keine Ahnung habe, worauf du hinaus willst, solltest du dich wohl besser erklären“, erwiderte sie endlich.

„Heißt das, dass du mit mir ins Bett gehen willst, ist kein Ablenkungsmanöver?“

Natasha öffnete den Mund, dann schloss sie ihn wieder. „Ich stand unter Schock, als …“

„Du hattest Angst, meinst du bestimmt“, unterbrach er sie, „weil du nicht einordnen konntest, inwiefern Rico mit seiner Einlage mit deiner Schwester auf seinem Schreibtisch deine Pläne durchkreuzt hat.“

„Was denn für Pläne?“ Sie strich eine besonders vorwitzige Haarsträhne hinter die Ohren. „Geplant war, dass ich ihn heirate … Tja, daraus wird wohl nichts. Ich habe ihn dabei ertappt, wie du mich so freundlich erinnert hast, wie er Sex mit meiner Schwester hatte.“ Sie ließ die Hand sinken und verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann habe ich mich dem verrückten Verlangen hingegeben, von irgendwem geliebt zu werden. Du warst zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber auch dieser Plan ist gescheitert, weil du deine Meinung geändert hast und mich doch nicht mehr wolltest.“

„Und nun scheitert auch noch dein so ausgeklügelter Plan mit dem Notgroschen“, warf Leo ohne den leisesten Hauch von Mitgefühl ein. „Ich schätze, man könnte sagen, heute ist ein schlechter Tag für dich, Natasha. Ein sehr schlechter Tag.“

„Notgroschen?“, wiederholte Natasha. „Wovon sprichst du denn nun wieder?“

Mit einem Lächeln auf den Lippen, das ihr gar nicht gefiel, stieß Leo sich vom Türrahmen ab und schlenderte auf das Schränkchen mit den alkoholischen Getränken zu.

Jetzt konnte er einen wirklich starken Drink gebrauchen, entschied er und schenkte einen bernsteinfarbenen Whiskey in ein Glas. Er trank einen ordentlichen Schluck und wandte sich zu Natasha um. „Ich habe soeben mit meiner Assistentin telefoniert“, sagte er. „Juno hat sehr intensive Nachforschungen betrieben. Es ist ihr gelungen, die Spur des gestohlenen Geldes zu einer Offshore-Bank zurückzuverfolgen. Zu einem Bankkonto, das unter deinem Namen eröffnet wurde. Du kannst also die verwirrte Miene ablegen, Natasha. Du bist überführt.“

Daraufhin geschah … nichts. Sie rang nicht nach Luft, sie wurde nicht ohnmächtig, sie flüchtete sich nicht in wilde Verleugnungen oder Entschuldigungen. Leo beobachtete sie genau. Ihm wurde eiskalt, als sich auf ihrem blassen Gesicht langsam Verstehen abzeichnete.

Ihr Mund wirkte immer noch einladend und sinnlich, fiel ihm auf. Wütend über sich selbst knallte er das Glas auf den Tisch.

„Ich denke, du setzt dich besser, bevor du in Ohnmacht fällst“, riet er ihr.

Und sie gehorchte, was seine Wut nur noch weiter anfachte. Diese Hexe mit den weichen blonden Haaren ließ sich wie ein Stein in den nächsten Sessel sinken und verbarg dann ihr schuldbewusstes Gesicht hinter diebischen Händen.

Rico hat das Geld gestohlen, hallte es unaufhörlich in Natashas Kopf wider. Er hat gestohlenes Geld auf einem Offshore-Konto, das auf ihren Namen lief, deponiert! Sie hielt eine Hand vor den Mund, als sich die längst überwunden geglaubte Übelkeit wieder meldete.

Hätte Leo Christakis seine Anschuldigungen gestern erhoben, sie hätte ihm nicht geglaubt. Aber nach allem, was sie heute hatte erfahren und sehen müssen, zweifelte Natasha nicht für eine Sekunde an seiner Aufrichtigkeit.

Von Anfang bis Ende war alles an Rico eine Lüge gewesen. Die Art, wie er sein gutes Aussehen, seinen Charme, sein blendendes Lächeln benutzt hatte, um sie zu verführen. Die Art, wie er ihr leise Worte der Liebe in ihre nur allzu empfänglichen Ohren geflüstert und sich gleichzeitig geweigert hatte, mit ihr zu schlafen, um ihre Unschuld zu bewahren. Und dabei hatte er die ganze Zeit auf zynischste Weise geplant, sie unwissentlich zu einer Diebin zu machen!

„Ich gebe dir das Geld zurück, sobald ich darauf Zugriff habe“, versprach sie.

„Aber natürlich wirst du das“, bekräftigte Leo. „Sobald du dich gesammelt hast, gehen wir und kümmern uns darum.“

Natasha blickte auf. Ihr Gesicht wirkte weißer als weiß, die weit aufgerissenen Augen blauer als blau. „Du verstehst nicht … Ich habe im Moment keinen Zugriff auf das Geld.“

„Spiel jetzt keine Spielchen mit mir, Natasha“, stieß Leo ungeduldig hervor. „Du wirst mir mein Geld zurückgeben. Heute.“

„Das kann ich nicht!“ Voller Angst sprang sie auf. „Erst am Tag vor der Hochzeit mit Rico kann ich über das Konto verfügen! Er hat gesagt, es sei ein Steuerschlupfloch, das er entdeckt habe … du hättest ihm davon erzählt!“

Leo explodierte fast vor Zorn. „Ich will nicht, dass du meinen Namen in irgendeinen Zusammenhang mit deinem schmutzigen Diebstahl bringst!“, herrschte er sie an. „Und mir dumme Lügen über die Verfügbarkeit des Geldes zu erzählen, wird Ihre Schwierigkeiten nicht lösen, Miss Moyles! Also rück mein Geld heraus, oder ich rufe die Polizei!“

Erschrocken wich Natasha zurück, als er mit wütender Miene zwei Schritte auf sie zu eilte. Ihre Kniekehlen stießen gegen den Sessel, aus dem sie gerade aufgestanden war, und sie purzelte wieder hinein. Wie schon im Schlafzimmer, beugte er sich in bedrohlicher Haltung über sie. Nur hob Natasha diesmal abwehrend die Hände.

Dass sie sich vor ihm duckte, fachte Leos Wut nur weiter an. „Ich schlage keine Frauen“, sagte er mit rauer Stimme, wandte sich ab und ging aus dem Zimmer.

Die Polizei! Er wird die Polizei anrufen! Außer sich vor Angst sprang Natasha auf und hastete hinter ihm her. Die Furcht vor dem, was passieren würde, wenn sie ihn nicht aufhielt, überwog die Panik, in seine Nähe zu kommen.

Unterdessen hatte er den Flur durchquert und ein von hohen Bücherregalen gesäumtes Arbeitszimmer betreten.

Wie erstarrt blieb Natasha auf der Türschwelle stehen und beobachtete, wie er hinter seinen Schreibtisch schlenderte und den Telefonhörer abhob.

Ihr Herz raste. „Leo, bitte …“ Das flehentliche Zittern in ihrer Stimme ließ ihn innehalten. „Du musst mir glauben“, fuhr sie verzweifelt fort. „Ich wusste nicht, dass das Geld gestohlen war! Rico hat mich von vorne bis hinten belogen, damit ich es für ihn aufbewahre.“

Der letzte Teil schien ihm überhaupt nicht zu gefallen, denn Leo drückte nun hastig auf die Tasten des Telefons. Die unnahbare Entschlossenheit, die sich auf seinem Gesicht abzeichnete, brachte Natasha dazu, ihre Panik zu überwinden und zu ihm zu laufen.

Sie griff nach seinem Arm. „Er hat gesagt, das Geld sei für die Absicherung unserer Zukunft gedacht“, fügte sie unsicher hinzu. „Er hat behauptet, dein Vater habe es ihm vererbt, und du hättest es bislang für ihn verwaltet. Er hat gesagt, du …“

„Ich wollte ihn so dringend loswerden, dass ich bereit war, die Gesetze zu brechen?“, schlug Leo vor, als sie nicht weiterwusste.

„Etwas in der Art“, gab Natasha zu. Oh, verdammt, worauf hatte sie sich da eingelassen? „Und jetzt erklärst du mir, dass er mich in jeder Hinsicht belogen hat, und ich …“

Unvermittelt legte Leo den Hörer auf. Er drehte sich so abrupt zu ihr um, dass Natasha keine Chance mehr blieb, zu reagieren. Plötzlich lag sie wieder in seinen Armen. Er küsste sie mit wütender Leidenschaft, die nichts außer Bestrafung bereithielt … und doch erwiderte sie den Kuss so stürmisch, als würde sie sterben, wenn sie es nicht tat.

Als er sich zurückzog, fühlte sie sich ganz schwindelig und benommen. Wie hatte sie nur so die Kontrolle über sich verlieren können?

„Lass mich dir einen Rat geben“, sagte er. „Bleib bei der Verführung; die funktioniert bei mir wesentlich besser als die gespielte Unschuld.“

Dann stieß er sie von sich und nahm wieder den Telefonhörer ab.

Natasha schlug das Herz bis zum Hals. Größere Angst hatte sie noch nie in ihrem Leben empfunden. „Bitte“, flehte sie. „Ich wusste nicht, dass Rico das Geld von dir gestohlen hat, Leo! In sechs Wochen kann ich dir jeden Penny zurückzahlen. Bitte, ruf nicht die Polizei an. Denk an die Auswirkungen, die es auf Angelina haben wird, wenn ihr Sohn verhaftet wird. Sie wird …“

„Du liebst diesen Mistkerl“, rief Leo zornig.

„Zu Anfang, j … ja“, gestand sie. „Er hat mir Komplimente gemacht und …“ Sie schluckte. „Ich weiß, er klingt pathetisch, aber ich habe mich Hals über Kopf verliebt, weil …“

Oh, weil sie eine blinde Närrin gewesen war! Insgeheim hatte sie es gewusst – wahrscheinlich hatten es alle gewusst!

„Weil die Beziehung zwischen mir und Cindy immer komplizierter wurde. Ich glaube, unbewusst habe ich nach einem Ausweg gesucht.“

Und Rico hatte ihr einen geboten. Es fiel ihr leichter zu gestehen, dass sie sich in ihn verliebt hatte, als vor sich selbst zuzugeben, dass sie so unglücklich mit ihrem Leben gewesen war und die erstbeste Gelegenheit ergriffen hatte, um zu entkommen.

Wie ein Feigling hatte sie sich verhalten. Nicht sie hatte die Kontrolle über ihr Leben übernehmen wollen, sondern auf jemanden gewartet, an den sie sich anlehnen konnte.

„Mir ist bereits klar geworden, dass ich Rico nicht heiraten will“, zwang sie sich weiterzureden. „Ich war gerade auf dem Weg, es ihm zu sagen, als wir … als wir ihn mit Cindy überrascht haben. Es war …“

„Juno …“

Verwirrt blinzelte Natasha zu Leo hinüber, der sie so rücksichtslos inmitten ihres Geständnisses unterbrochen hatte.

„Beenden Sie Ihre Nachforschungen in Bezug auf Miss Moyles“, wies er seine Assistentin an. „Es handelt sich um einen … Irrtum. Sorgen Sie dafür, dass mein Flugzeug nach Athen flugbereit ist, und setzen Sie Miss Moyles’ Namen auf die Passagierliste.“

Er legte auf. Beunruhigt atmete Natasha tief ein. „Warum hast du das getan?“

„Was glaubst du denn?“ Er wandte sich um und musterte sie eindringlich. „Ich will mein Geld zurück. Und da du mir gerade gesagt hast, dass du es erst in sechs Wochen beschaffen kannst, lasse ich dich bis dahin nicht aus den Augen.“

„Aber ich will nicht nach Athen fliegen!“, erwiderte Natasha schrill. „Ich will nirgendwo mit dir hingehen.“

„In deiner momentanen Situation ist das nicht das Schlauste, was du sagen kannst.“

„Was soll das heißen?“

„Sex“, entgegnete er gedehnt, als sei dieses eine Wort die Antwort auf alles. „Das ist die einzige Währung, über die du noch verfügst. Mir also zu sagen, dass du mich nicht willst, hilft dir in dieser misslichen Lage nicht weiter, verstanden?“

Allmählich begriff sie, worauf er hinauswollte. Hilflos ließ sie die Schultern sinken, die blonden Haare fielen ihr ins Gesicht. „Ich begleiche meine Schuld nicht mit Sex!“, protestierte sie.

„Das glaube ich auch nicht“, erwiderte er kalt. „Keine Frau, ganz gleich, wie verführerisch sie auch sein mag, ist im Bett zwei Millionen wert.“

„Nein …“ Erneut schlugen die Wogen der Verwirrung über Natasha zusammen. Dann jedoch verblasste die Beleidigung, als sie seine Worte Revue passieren ließ. „F … fünfhunderttausend Pfund“, sagte sie. Ihre Lippen fühlten sich trocken wie ein Blatt Papier an. „Rico hat das Konto eröffnet mit …“

Ihre Stimme versagte, als sie die höhnische Verachtung in Leos Gesicht sah. „Vier Einzahlungen von jeweils fünfhunderttausend Pfund ergeben zusammen zwei Millionen“, enthüllte Leo die hässliche Wahrheit.

„Bist du dir sicher?“, flüsterte sie.

„Werd endlich erwachsen, Natasha“, spottete Leo. „Jetzt hast du es mit einem wirklichen Mann zu tun, nicht mehr mit diesem Schwächling, in den du dich verliebt hast.“

„Ich liebe ihn nicht!“

„Der Deal sieht folgendermaßen aus“, überging er ihren Einwand. „Wo immer ich hingehe, wirst du mich begleiten. Und um mir die Wartezeit zu versüßen, wirst du in den sechs Wochen auch das Bett mit mir teilen. Nachdem du mir mein Geld übergeben hast, wirst du aus meinem Leben verschwinden.“

Panik überwältigte sie. Seit Stunden hielt sie ihre Gefühle unter Verschluss. Doch jetzt wuchs das Bedürfnis, vor diesem rücksichtslosen Mann zu fliehen, ins Unermessliche. Natasha wirbelte herum und hastete zurück in den Flur und weiter ins Wohnzimmer.

Dort angekommen, suchte sie nach ihrer Handtasche.

„Hast du ein bestimmtes Ziel?“, erklang Leos spöttische Stimme hinter ihr.

„Ja.“ Sie bückte sich nach der Tasche. „Ich muss Rico finden. Er ist der einzige Mensch, der dir die Wahrheit sagen kann.“

„Und du denkst, ich würde ihm auch nur ein Wort glauben?“

Natasha wandte sich zu ihm um. Im letzten Moment gelang es ihr, sich zurückzuhalten. Sonst hätte sie ihm die Handtasche an den Kopf geworfen. „Ich muss mit Rico sprechen“, beharrte sie.

„Hoffst du immer noch, gemeinsam mit ihm dem Schlamassel entkommen zu können?“

„Nein!“ Trotzig hob sie das Kinn, ihre Augen blitzten zornig auf. „Er muss dir die Wahrheit sagen, selbst wenn du ihm nicht glaubst.“

„Dann wirst du ihn erst fangen müssen“, meinte er. „Juno hat mir mitgeteilt, dass Rico das Land bereits verlassen hat. Er hat schneller als du begriffen, welche Konsequenzen sein Stelldichein im Büro haben würde. Er ist geflohen, und du musst den Kopf für ihn hinhalten, Natasha.“

„Dann kannst du mich genauso gut dem Betrugsdezernat ausliefern“, murmelte sie hilflos.

Leo verzog das Gesicht. „Diese Möglichkeit besteht, ja“, stimmte er zu und beobachtete das verräterische Zucken in ihrem Gesicht. „Dennoch bleiben dir andere Wege, die Situation zu deinem Vorteil zu wenden. Du könntest deine Vorteile ausspielen. Du könntest mir ein Angebot machen, das ich nicht ablehnen kann.“

Er sprach wieder über Sex. Natasha lief es eiskalt über den Rücken. „Die Summe ist nur Kleingeld für dich, oder?“

„Der Unterschied zwischen uns besteht darin“, sagte er schulterzuckend, „dass ich reich genug bin, um es Kleingeld zu nennen. Du hingegen nicht.“

Das entsprach so sehr der Wahrheit, dass Natasha nicht erst protestierte. Stattdessen zwang sie sich, ihn anzusehen. „Du willst also, dass ich dir das Geld mit … Gefälligkeiten zurückzahle.“ Sie brachte es einfach nicht über sich, das Ganze Sex zu nennen. „Und dafür versprichst du mir, nicht die Polizei einzuschalten?“

Leo lächelte, weil sie so sorgfältig das Wort Sex vermied. Und in diesem seltenen Fall erreichte das Lächeln sogar seine Augen. „Du spielst die kühle Unschuld außerordentlich gut, Natasha“, sagte er und schlenderte auf sie zu. „Schade, dass deine blonden Haare so verheißungsvoll wie die einer Sirene auf deine Schultern fallen. Deine Lippen sind noch von meinen Küssen gerötet. Sehr schade, denn all das erinnert mich an deinen wahren Charakter.“

Natasha kämpfte darum, nicht zurückzuzucken, als er die Hand nach ihr ausstreckte. „Ich will, dass du mir versprichst, nicht zur Polizei zu gehen, wenn ich tue, was du verlangst.“

Sanft streifte er mit den Fingern ihren Arm. „Du weißt, dass du nichts mehr besitzt, mit dem du handeln kannst, oder?“

Die Lippen fest zusammengepresst, nickte Natasha. „Ich verlasse mich auf dein Ehrgefühl.“

„Du glaubst, ich besitze so etwas?“ Er schien wirklich interessiert zu sein.

Wieder nickte sie. „Ja.“ Zumindest musste sie daran glauben. Es war der einzige Weg, mit allem fertig zu werden.

Fast zärtlich massierte er ihre Schultern, fuhr dann mit den Fingern über ihren Nacken und legte schließlich den Daumen unter ihr Kinn und zwang Natasha, ihn anzusehen. Warm und mit einem Hauch Whiskey versehen streifte sein Atem ihre Lippen. Wie von selbst und gegen ihren Willen, öffnete sich ihr Mund.

„Dann gebe ich dir mein Wort“, versprach er.

Der den Deal besiegelnde Kuss war die erschütternste Erfahrung, die Natasha je gemacht hatte.

Plötzlich meldete sich ihr Handy mit lautem Klingeln und ließ sie erschrocken zurückweichen. Überrascht betrachtete sie das Gerät, das sie vorhin auf den Boden geschmettert hatte. Offensichtlich war es doch nicht kaputt.

Da Natasha sich nicht rührte, hob Leo es auf. Seine Bewegungen erinnerte sie an eine elegante schwarze Raubkatze, gefährlich und anmutig zugleich. Ohne um Erlaubnis zu fragen, drückte er auf eine Taste und hielt dann das Telefon an sein Ohr.

Es war ein Designer, der wissen wollte, warum Cindy nicht zur verabredeten Anprobe erschienen war. „Natasha Moyles ist nicht länger für die Termine ihrer Schwester zuständig“, verkündete Leo förmlich, dann unterbrach er die Verbindung.

Ungläubig sah Natasha ihn an. „Warum hast du das gesagt?“

„Weil es die Wahrheit ist?“

Sie wollte ihm ihr Handy abnehmen, doch er ließ es rasch in seine Tasche gleiten. „Denk darüber nach. Du kannst nicht den Fußabtreter für deine Schwester spielen und gleichzeitig bei mir in Athen sein.“

Und einfach so wurde die Szene, die sie in Ricos Büro hatte miterleben müssen, in ihrem Kopf wieder lebendig. Rico hatte sie nicht nur in seine diebischen Machenschaften hineingezogen, nein, auch er hatte sie wie einen Fußabstreifer behandelt!

Natasha wandte sich ab. Sie hasste sich für ihre Leichtgläubigkeit. Und sie hasste Rico, weil er sie zwang, sich so zu sehen! Dann war da noch Cindy, ihre liebe Schwester Cindy, die sich alles nahm, was sie wollte.

Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Cindy brauchte sie gar nicht mehr, um ihr Leben zu organisieren. Alles war bereits in die Wege geleitet; Cindys Gesangskarriere lag jetzt in den Händen eines professionellen Managements. Mit Beginn der kommenden Woche hätte Natasha sowieso alle Verantwortung für ihre Schwester abgegeben, um sich in aller Ruhe um die Hochzeitsvorbereitungen in Mailand kümmern zu können!

Natasha hob eine Hand an den Mund. Ihre Finger zitterten und waren eiskalt.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“, fuhr Leo sie an.

Sie schüttelte nur den Kopf. Sprechen konnte sie nicht. Unter gar keinen Umständen würde Cindy ihre Schwester mit einem gut aussehenden Italiener wie Rico in den Sonnenuntergang schlendern lassen, ohne es ihr zu verderben. Ich hatte deinen Mann, Natasha. Jetzt kannst du ihn heiraten. Fast vermeinte sie Cindys Stimme zu hören, wie sie die gemeinen Worte fröhlich flötete.

Cindys kleines Abschiedsgeschenk.

„Sie hat mir eine Falle gestellt“, flüsterte Natasha. „Sie wusste, dass ich mich heute mit Rico treffen würde. Also ist sie vorher hingefahren, damit ich auch ganz bestimmt mitbekomme, was sie mit ihm anstellt.“

„Warum würde deine eigene Schwester eine solche Szene für dich arrangieren?“

„Weil ich nicht ihre richtige Schwester bin.“

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