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JULIA BESTSELLER BAND 144

EMMA DARCY

Nacht der tausend Lichter

Träume, Hoffnung, Sehnsucht – all das sieht Jake in Amys Augen, als sie sich bei ihm über ihren Ex ausweint. Warum lässt sie diesen Gefühlen in seinen Armen nicht freien Lauf? Weil sie denkt, dass alle reichen, attraktiven Junggesellen rücksichtslos sind? Dabei ist er ganz anders: einfühlsam, zärtlich und längst bereit, ihr das zu zeigen, wenn sie ihn nur ließe!

Nach all den Jahren endlich du

Auf einer Vernissage bezaubert eine Unbekannte den umwerfenden Millionär Jim Neilson über alle Maßen. Wer ist diese Schöne, die in ihrem gelben Kostüm nicht nur seine Blicke erregt? fragt er sich, ohne zu ahnen, dass das reizende Wesen Beth ist. Eine Frau, die er – wie seine ganze Vergangenheit – gleich einem Schatten aus seinem Leben gestrichen hat …

Skandal um die Millionenerbin

„Er ist kein Mann für Sie, Charlotte.“ Provokant schaut Damien zu Charlotte. Die Millionenerbin ist wie Feuer in seinem Blut. Zwar behauptet sie noch, einen anderen heiraten zu wollen – aber hat er schon einmal anderen etwas überlassen, das er haben wollte? Niemals! Und diese funkelnde Silvesternacht ist doch wie geschaffen für eine Liebeseroberung, oder?

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Nacht der tausend Lichter

1. KAPITEL

Will Ihr Mann oder Partner Sie loswerden? Achten Sie auf die ersten Anzeichen!

Als Amy Taylor die nicht ganz ernst gemeinte Überschrift auf der Titelseite der Dezemberausgabe ihres Lieblingsmagazins las, wurde ihr übel. Die Ratschläge kamen für sie zu spät. Schade, dass der Artikel nicht schon einige Monate früher erschienen war. Vielleicht hätte sie dann gemerkt, dass in ihrer Beziehung etwas nicht stimmte. Zumindest wäre sie dann auf das vorbereitet gewesen, was sie am Wochenende wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf.

Aber wahrscheinlich hätte sie sowieso nicht wahrhaben wollen, dass es Probleme in ihrer Partnerschaft gab. Sie und Steve hatten seit fünf Jahren zusammengelebt und waren sich einig gewesen, nicht heiraten zu wollen. Freigeister sollte man nicht anbinden, hatte er immer gesagt. Auf Veränderungen in seinem Verhalten hatte Amy nicht geachtet. Es waren ihr auch keine aufgefallen.

Sie verzog das Gesicht. Steve, dieser Freigeist, hatte hinter ihrem Rücken ein Verhältnis mit einer anderen Frau angefangen. Die Blondine hatte ihn so rasch dazu gebracht, ihn zu heiraten, dass Amy es als persönliche Beleidigung empfand.

Und jetzt saß sie da mit ihren achtundzwanzig Jahren und war wieder Single. So einen trüben, trostlosen Montag hatte sie noch nie erlebt. In einer Art Masochismus kaufte sie die Zeitschrift, als wollte sie sich damit bestrafen. Aber vielleicht sollte sie den Artikel lesen, um beim nächsten Mal nicht noch einmal so naiv zu sein. Wenn es überhaupt ein nächstes Mal gab.

Die Auswahl an ungebundenen Männern ihres Alters war ziemlich begrenzt, die besten waren meist schon in festen Händen. In Gedanken versunken ging Amy die Alfred Street hinunter zum Milsons Point auf das prächtige Bürogebäude mit Blick auf den Hafen zu.

Steve hatte sie sitzen gelassen wegen einer eleganten, auffallenden Blondine, die von ihm schwanger war. Heutzutage wurde niemand mehr versehentlich schwanger und bestimmt nicht eine Zweiunddreißigjährige. Amy war sich sicher, dass die Frau es geplant hatte, um Steve an sich zu binden. Es hatte sich gelohnt, der Termin für die Hochzeit stand schon fest. In vier Wochen, also Silvester, würden die beiden heiraten. Und Amy sah endlos lange einsame Feiertage auf sich zukommen.

Vielleicht wäre sie mit zweiunddreißig ja auch zu so einer Verzweiflungstat fähig, einer anderen Frau den Partner wegzunehmen. Was natürlich nur funktionieren konnte, wenn der Mann so bereitwillig mitspielte wie Steve. Aber wie konnte man einem Mann vertrauen, der seine Partnerin belogen, betrogen und am Ende einfach verlassen hatte? Lieber bleibe ich allein, sagte Amy sich.

Aber das half ihr jetzt auch nicht. Ihr war übel, sie kam sich ganz leer und verloren vor. Irgendwie hatte sie die Orientierung verloren. Mit Tränen in den Augen stieß sie die Tür des Bürohauses auf und betrat das Foyer. In der ihr so vertrauten, geschäftigen Atmosphäre würde es ihr sicher besser gelingen, den Kummer und Schmerz eine Weile zu vergessen.

„Hallo! Ist unser Chef schon da?“, begrüßte sie Kate Bradley, ohne sie anzusehen. Die Rezeptionistin, eine attraktive Blondine, sollte Amys Tränen nicht bemerken. Außerdem erinnerte die Frau sie viel zu sehr an Steves neue Freundin.

„Noch nicht“, antwortete Kate gut gelaunt. „Wahrscheinlich ist er aufgehalten worden.“

Jake Carter war Frühaufsteher und sonst immer vor Amy im Büro. Sie war sehr erleichtert, dass er sich an diesem Morgen verspätete. So hatte sie wenigstens etwas Zeit, sich wieder in den Griff zu bekommen, ehe er sie mit seinen bernsteinfarbenen Augen, denen nichts entging, prüfend betrachtete.

Sie wollte ihm nicht erklären müssen, warum ihre Mascara auslief, was bestimmt der Fall war, weil sie immer wieder die Tränen wegblinzelte. Sie drückte auf den Knopf und wartete ungeduldig auf den Aufzug.

„Hatten Sie ein schönes Wochenende?“, fragte Kate ahnungslos.

Um nicht unhöflich zu sein, drehte Amy sich halb um. „Nein, es war schrecklich“, stieß sie hervor.

„Oh! Dann kann es ja nur besser werden“, erwiderte Kate mitfühlend.

„Hoffentlich“, sagte Amy leise, als die Aufzugstür sich vor ihr öffnete, und stieg ein. Auf ihrer Etage angekommen, eilte sie in den Waschraum.

Als Jake Carters persönliche Assistentin musste sie dem Firmenimage entsprechen. Die Kunden von Wide Blue Yonder Pty Ltd. waren die Superreichen dieser Welt, die von menschlichen Schwächen nichts wissen wollten. Man erwartete perfekten Service, und deshalb mussten alle Mitarbeiter perfekt funktionieren. Das hatte Jake Amy von Anfang an klargemacht.

Seit zwei Jahren arbeitete sie schon für ihn und kannte ihn durch und durch. Ihm entging nichts. Er war ein brillanter Geschäftsmann, ein Kleinigkeitskrämer und ein eingefleischter Junggeselle und Frauenheld.

Meist hatte er keine feste Freundin, und er schien kurze oberflächliche Affären vorzuziehen. Amy fand ihn sehr attraktiv, wie die meisten Frauen, doch eine flüchtige Beziehung kam für sie nicht infrage. Gelegenheitssex war ihre Sache nicht.

Im Umgang mit Frauen war Jake sehr erfahren, von einer richtigen Partnerschaft hatte er jedoch keine Ahnung. Er wechselte die Freundinnen so oft und regelmäßig, dass Amy die vielen Namen gar nicht behalten konnte.

Eines hatten diese Frauen gemeinsam, sie sahen alle umwerfend gut aus und machten kein Hehl daraus, dass sie mit Jake Carter schlafen wollten. Er brauchte nur auszuwählen und hatte es nicht nötig, hinter einer Frau herzulaufen.

Insgeheim nannte Amy ihn einen Wüstling. Soweit sie es beurteilen konnte, verlor er stets nach kurzer Zeit wieder das Interesse an seinen Gefährtinnen. Amy hatte rasch begriffen, dass sie ihn nie an sich heranlassen durfte, wenn sie ihren Job behalten wollte. Sollen doch andere auf seine sinnliche Ausstrahlung hereinfallen, ich habe ja Steve, hatte sie sich immer gesagt.

Aber den hatte sie jetzt nicht mehr! Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen. Verzweifelt blickte sie in den Spiegel. Vielleicht sollte ich mir das Haar blond färben, dachte sie und hätte beinah laut gelacht. Ihre schön geschwungenen Augenbrauen und die dichten Wimpern waren schwarz. Und ihre dunkelblauen Augen schimmerten manchmal dunkelviolett. Sie war eine typische Brünette und würde mit blondem Haar lächerlich wirken.

Außerdem gefiel ihr die Farbe ihres dichten, glänzenden und schulterlangen Haars ausgesprochen gut. Ihre hohen Wangenknochen ließen ihr Kinn weniger quadratisch erscheinen, und der etwas zu breite Mund mit den vollen Lippen wirkte keineswegs unattraktiv. Mit der geraden Nase, dem langen, schlanken Hals und der schlanken Figur sah sie sehr feminin aus. Ein Eindruck, der durch die üppigen Rundungen an den richtigen Stellen verstärkt wurde.

Mit meinem Aussehen ist alles in Ordnung, versicherte sie sich grimmig. Sonst hätte sie den Job bei Jake Carter auch nicht bekommen, denn seinen Kunden konnte er nur elegante, schöne und glamouröse Mitarbeiterinnen präsentieren. Wide Blue Yonder erfüllte die ausgefallensten Wünsche und berechnete dafür ein Vermögen. Seine Kunden kauften oder charterten Luxusjachten und Jets. Deshalb legte Jake größten Wert darauf, dass seine weiblichen und männlichen Angestellten ganz besonders gut aussahen und zu dem Image seines Unternehmens passten.

Dabei ging es ihm nicht nur um seine Kunden, sondern er machte kein Hehl daraus, dass er den Anblick seiner hübschen Mitarbeiterinnen genoss. Eine Frau müsse Klasse und Stil haben, sagte er. Aber Amy war sich sicher, dass er es stimulierend fand, sich mit schönen Frauen zu umgeben, denn er war ein ungemein sinnlicher Mann.

Sie atmete tief ein und aus. Dann fing sie an, ihr Make-up zu erneuern, um ihrem Chef eine makellose Fassade zu zeigen. Sie hatte Glück, dass er noch nicht da war. Sie musste Steve und seine schwangere Freundin vergessen und sich auf ihre Professionalität besinnen.

Als sie schließlich mit sich zufrieden war, zog sie den Rock des roten Kleids glatt. Leinen war in dieser Saison sehr in Mode, obwohl es leicht knitterte. Und die leuchtende Farbe tat Amy an diesem Morgen gut. Sie hellte ihre Stimmung auf, wie sie sich einredete.

Ihr Stolz ließ es nicht zu, dass sie das teure und elegante Kleid umsonst gekauft hatte. Es war für Steves Weihnachtsparty bestimmt gewesen. Und um sich selbst zu beweisen, dass sie ihm nicht nachtrauerte, hatte sie sich entschlossen, es ins Büro anzuziehen. Es linderte jedoch ihren Kummer und Schmerz nicht. Aber vielleicht ließ Jake Carter sich von dem Outfit ablenken und bemerkte nicht, wie aufgewühlt sie war.

Ihre Anspannung löste sich etwas, als sie wenig später feststellte, dass er immer noch nicht da war. Eigentlich war es seltsam, normalerweise kam er nie zu spät. Doch sie war erleichtert, noch etwas Zeit zu haben, sich zusammenzunehmen und wieder so kühl wie sonst zu wirken.

Sie setzte sich an den Schreibtisch und legte das Hochglanzmagazin in die unterste Schublade. Sie würde es später lesen. Dann schaltete sie den Computer ein, schloss ihn ans Internet an und rief die E-Mail ab, die übers Wochenende eingetroffen war.

Während sie alles ausdrucken ließ, hörte sie plötzlich, dass der Lift ankam. Sogleich verspannte sie sich wieder. Hoffentlich merkt Jake nicht, was mit mir los ist, dachte sie.

Wahrscheinlich würde er erst zu ihr kommen und ihr erklären, warum er sich verspätet hatte, ehe er durch die Verbindungstür in sein Büro ging. Nach einer flüchtigen Begrüßung wollte Amy sich in die Arbeit stürzen und die Post mit ihm besprechen. An diesem Montagmorgen konnte sie Jakes Frage, wie das Wochenende gewesen sei, nicht ertragen. Er brauchte nicht zu wissen, dass es schrecklich gewesen war.

Es war schon schwierig genug, seine sinnliche Ausstrahlung zu ignorieren, aber seiner Neugier konnte man sich noch weniger entziehen. Wenn man auch nur die geringste Andeutung machte, ließ er nicht locker und wollte alles erfahren. Er hatte einen so scharfen Verstand, dass es beinah unmöglich war, ihn zu täuschen.

Als die Tür aufgestoßen wurde, bekam Amy Herzklopfen vor Nervosität. Betont interessiert sah sie zu, wie die Briefe ausgedruckt wurden, und versuchte, sich gegen das beeindruckende Charisma ihres Chefs zu wappnen. Sie wollte sich auch nicht die kleinste Schwäche erlauben.

Stattdessen musste sie den großen, muskulösen Mann mit der gebräunten Haut, der so viel Kraft und Macht ausstrahlte, völlig gleichgültig behandeln. Er war ungemein charmant, und wenn er lächelte, wirkten seine Lippen noch sinnlicher. Seine bernsteinfarbenen Augen strahlten, wenn er verführerisch zwinkerte. Und das dichte dunkle, leicht gewellte Haar mit den silbergrauen Strähnen verlieh ihm eine Reife, die Vertrauen weckte und die man ihm vielleicht sonst mit seinen vierunddreißig Jahren noch nicht zugetraut hätte.

Amy vermutete, dass er in zehn oder zwanzig Jahren nicht viel anders aussehen und immer noch die Herzen der Frauen schneller schlagen lassen würde. Schließlich hob sie den Kopf – und traute ihren Augen nicht.

Jake brachte ein Baby mit ins Büro!

Plötzlich fielen ihr wieder Steves Worte ein. Er hatte sie um Verständnis gebeten, von Verantwortung gegenüber dem Kind gesprochen, das ein Recht auf seinen Vater habe …

Aber Jake in dieser Rolle? Amy verstand überhaupt nichts mehr.

„Steht mir die Vaterrolle nicht gut?“, ertönte seine tiefe, sexy klingende Stimme. Er lachte, als er ihre verblüffte Miene bemerkte, und stellte die Babytrage auf den Schreibtisch. „Ein knuddeliger kleiner Kerl, stimmt’s?“

Amy stand auf und betrachtete das schlafende Kind, das in eine Wolldecke mit lustigen Motiven gewickelt war und von dem man nur das kleine Gesicht und ein winziges Händchen sehen konnte.

„Ist es … Ihr Kind?“ Sie konnte es nicht glauben.

„Mehr oder weniger“, antwortete er lächelnd, und in seinen Augen blitzte es belustigt auf.

„Gratuliere!“ Empört zog sie die Augenbrauen hoch. „Ist die Mutter des Babys etwa mit Ihrer Mehr-oder-Weniger-Vaterrolle einverstanden?“

„Oh!“ Er drohte scherzhaft mit dem Finger. „Sie haben aber eine schlechte Meinung von mir, Amy! Das habe ich nicht verdient.“

„Es tut mir leid. Ihr Privatleben geht mich natürlich nichts an“, erklärte sie betont gleichgültig.

„Joshuas Mutter vertraut mir grenzenlos“, stellte er hochtrabend fest.

„Schön für Sie.“

„Sie weiß, dass sie sich im Notfall auf mich verlassen kann.“

„Natürlich, Sie sind ja jeder Lage gewachsen“, erwiderte sie ironisch.

Jake lachte. „Sie haben sich offenbar von Ihrem Schock erholt. Aber erst waren Sie wirklich sprachlos“, sagte er triumphierend.

„Möchten Sie mich öfter sprachlos sehen?“

„Dann würde es keinen Spaß mehr machen.“ Ihm sah der Schalk aus den Augen.

Als Amy beharrlich schwieg, seufzte er. „Jetzt enttäuschen Sie mich.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich brauche Herausforderungen, Amy. Okay, ich verrate es Ihnen. Joshuas Mutter ist meine Schwester Ruth“, gab er schließlich zu. „Heute Morgen ist bei ihr alles schiefgegangen. Sie musste meinen Schwager ins Krankenhaus bringen, weil er sich die Schulter ausgerenkt hatte. Deshalb muss ich jetzt meinen Neffen betreuen. Sobald sie kann, holt sie den Kleinen hier wieder ab.“

„Dann sind Sie der Onkel des Babys.“

„Und sein Patenonkel.“ Wieder lächelte er belustigt. „Sie sehen einen zuverlässigen und soliden Familienmenschen vor sich.“

Ja, solange es nicht seine eigene Familie ist, dachte Amy ironisch.

„Ich überlasse Ihnen den Kleinen.“ Er hob die Babytrage vom Schreibtisch und stellte sie auf den Boden neben den Aktenschrank. „Joshua ist ein ausgesprochen friedliches Kind. Im Auto ist er sogleich eingeschlafen und hat sich seitdem nicht mehr gemeldet.“

Er lässt das Kind bei mir! dachte Amy und betrachtete den Kleinen, der für seine Eltern ein Band ihrer Liebe bedeutete. Wegen eines Babys hatte Steve sie verlassen, trotz der vielen gemeinsamen Jahre, wie ihr plötzlich wieder schmerzlich bewusst wurde. Von seiner Untreue hatte sie nichts geahnt. Das Baby, das er mit der Blondine bekommen würde, hatte die fünfjährige Beziehung beendet.

Amy konnte ihn sogar verstehen. So ein unschuldiges Wesen verdiente es, in der Obhut beider Eltern aufzuwachsen. Dennoch taten Steves Verrat und Untreue viel zu weh.

„Ist das die Post von heute?“, fragte Jake.

Sie schreckte aus den Gedanken auf und bemerkte erst jetzt, dass Jake neben ihr am Schreibtisch stand und die Briefe in der Hand hielt, die sie ausgedruckt hatte.

„Ja“, antwortete sie wie betäubt.

„Ich nehme sie mit.“ An der Verbindungstür blieb er kurz stehen. „Ach, in der Trage sind zwei Windeln und eine Flasche Babynahrung. Sollte für Sie kein Problem sein“, fügte er über die Schulter hinzu.

Dieser arrogante Kerl! Er wälzte die Verantwortung für das Kind einfach auf sie ab! Ärger breitete sich in ihr aus.

Er warf Amy einen flüchtigen Blick zu. In dem eleganten, perfekt sitzenden Anzug aus anthrazitgrauer Seide und mit dem hinreißend charmanten Lächeln sah er ungemein attraktiv aus.

„Rot steht Ihnen unglaublich gut, Amy. Sie sollten die Farbe öfter tragen.“ Er zwinkerte ihr zu, als wollte er mit ihr flirten, und verschwand.

Das hätte er nicht sagen dürfen. Jake Carter machte es offenbar Spaß, sie aus der Fassung zu bringen, aber gleich würde er selbst eine böse Überraschung erleben. Sie würde nicht auf das Baby aufpassen, mit dem sie überhaupt nichts zu tun hatte. Kinderbetreuung gehörte nicht zu ihren Aufgaben. Außerdem wollte sie nicht den ganzen Tag durch das Kind daran erinnert werden, warum Steve sie verlassen hatte. Sollte doch Jake Carter, der zuverlässige und solide Familienmensch, sich selbst um seinen Neffen kümmern. Das Spiel war aus, und es war ihr egal, ob sie den Job verlor oder nicht. Falls Jake versuchte, sie unter Druck zu setzen, würde sie ihm sogleich die Kündigung auf den Tisch legen.

Wahrscheinlich wäre es für ihn eine ganz neue Erfahrung, dass eine Frau ihm widersprach. Das war ihm sicher noch nie passiert.

Sie lächelte schadenfroh. Sie würde Jake Carter die Rote Karte zeigen. Und die hatte er verdient.

2. KAPITEL

Mit der Babytrage in der Hand stürmte Amy ins Büro ihres Chefs. Als sie sah, wie entspannt Jake in dem Ledersessel saß, mit den Füßen auf dem Schreibtisch, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und selbstzufrieden durch das breite Fenster die herrliche Aussicht auf den Hafen zu genießen schien, wurde Amy noch zorniger.

Statt zu arbeiten, hatte er die Post einfach in den Eingangskorb gelegt. Wahrscheinlich durchlebt er in Gedanken noch einmal seine erotischen Erlebnisse vom Wochenende, von dem für mich nur schmerzliche Erinnerungen übrig geblieben sind, überlegte sie. Das Leben war einfach nicht fair!

Aber dieser Mann sollte sich der Verantwortung nicht entziehen, die er übernommen hatte, dafür wollte sie sorgen.

Fragend blickte er sie an. „Gibt es Probleme?“

Sie ging geradewegs auf den Schreibtisch zu und stellte die Babytrage darauf. Am liebsten hätte sie auch noch Jakes Füße hinweggefegt, aber dann würde vielleicht der Kleine aufwachen. Das Kind konnte nichts dafür, dass sein Onkel ein Chauvi war. Sie stützte die Hände in die Hüften und baute sich Jake gegenüber auf, der sie fasziniert beobachtete. So hatte er seine sonst so kühle und beherrschte Mitarbeiterin noch nicht erlebt.

„Für dieses Baby … sind Sie verantwortlich“, erklärte sie ohne Umschweife. Doch ihre Stimme klang so heiser, dass sie nicht überzeugend genug wirkte. Rasch nahm Amy sich zusammen und fuhr energischer fort: „Ihre Schwester hat das Kind in Ihre Obhut gegeben, nicht in meine.“

Sie bemühte sich, ein kühles Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Offenbar gelang es ihr auch, denn Jake saß schweigend und völlig reglos da.

„Ihre Schwester vertraut Ihnen grenzenlos“, fügte Amy betont liebenswürdig hinzu. „Das kann sie ja wohl auch, denn Sie sind der Patenonkel und ein zuverlässiger und solider Familienmensch.“

Es war ein herrliches Gefühl, seine eigenen Argumente gegen ihn anführen zu können. Noch besser gefiel ihr, wie verblüfft und sprachlos er wirkte.

„Zu meinen Aufgaben gehört es nicht, Ihren Neffen zu betreuen. Wenn Sie es nicht selbst können, müssen Sie einen Babysitter engagieren. Aber so lange müssen Sie sich selbst um das Kind kümmern.“ Sie wirbelte herum und ging mit erhobenem Kopf zur Tür, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Erst nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, wurde ihr bewusst, dass Jakes Schweigen wahrscheinlich nichts Gutes bedeutete. Wieder stürzten die Erinnerungen an Steve auf sie ein. Sie hatte ihren Partner verloren und würde jetzt vielleicht auch den Job verlieren.

Es war wirklich ein schwarzer Tag für sie.

3. KAPITEL

Amy saß an ihrem Schreibtisch und verstand sich selbst nicht mehr.

Sie hatte sich an Jake Carter für das gerächt, was Steve ihr angetan hatte. Und das war unfair.

Als Jakes persönliche Assistentin musste sie sich auch um seine privaten Angelegenheiten kümmern. An jedem anderen Tag hätte sie das Baby wie selbstverständlich betreut und sich insgeheim gesagt, dass man Jake, den Wüstling, natürlich mit so etwas nicht belästigen dürfe. Außerdem hatte er als Firmeninhaber während der Bürozeit wichtigere Dinge zu tun, als seinen kleinen Neffen zu versorgen.

Du liebe Zeit! Wie sollte sie aus der ganzen verfahrenen Situation wieder herauskommen? Sie stützte sich mit den Ellbogen auf den Schreibtisch und legte den Kopf in die Hände.

Da sie jetzt wieder allein war, konnte sie es sich nicht erlauben, ohne Job dazustehen. Bisher hatten Steve und sie sich die Miete geteilt, jetzt musste sie alles selbst bezahlen. Oder sie würde eine Mitbewohnerin finden, was so kurz vor Weihnachten beinah aussichtslos war.

Außerdem war das Angebot an hoch dotierten Stellen nicht groß. Jake bezahlte ihr ein ausgesprochen großzügiges Gehalt. Wehmütig betrachtete sie die Fotos an den Wänden. Lauter berühmte Menschen an Bord von Luxusjachten oder Privatjets. Diese Leute legten Wert darauf, stilvoll umherzureisen und in exklusiver Umgebung zu dinieren.

Auch wenn sie sich manchmal über Jake ärgerte, arbeitete sie gern für ihn. Seine Intelligenz und sein scharfer Verstand gefielen ihr. Immer wieder fühlte sie sich herausgefordert, Höchstleistungen zu erbringen, und die Arbeit war nie langweilig. Jake selbst auch nicht.

Sie würde ihn vermissen, sehr sogar. Und ganz besonders, weil Steve weg war. Das luxuriöse Büro würde ihr auch fehlen.

Kein anderer Arbeitsplatz ließ sich mit diesem vergleichen. Da waren der türkisfarbene Teppich, dessen Farbe an Lagunen erinnerte, die Wände in glänzendem Weiß mit hellgelber Bemalung, die den Eindruck eines Sandstrands vermittelte, und die exotischen Blumensträuße in Orange und Rot mit viel Grün, die einmal in der Woche geliefert wurden. Und ihr stand die modernste Technik zur Verfügung, die es auf dem Büro- und Kommunikationssektor gab. Von allem wurde nur das Beste angeschafft, keine Kosten wurden gescheut.

Am beeindruckendsten war jedoch der fantastische Ausblick auf Darling Harbour und Balmain jenseits des Hafens, auf Goat Island und den Luna Park mit seinen vielfältigen Attraktionen.

Ich hätte mir vorher überlegen sollen, ob ich das alles aufgeben will, sagte Amy sich bedrückt. Dann stand sie auf und stellte sich ans Fenster. Sie könnte zu Jake gehen und sich entschuldigen. Aber wie sollte sie ihr Verhalten erklären?

So etwas hatte sie sich noch nie erlaubt. Wahrscheinlich fragte er sich, was mit ihr los war. Jedenfalls würde er es nicht schweigend hinnehmen, das war nicht sein Stil. Entweder würde er ihr kündigen oder sich etwas anderes ausdenken, um sie zu bestrafen.

Amy schauderte. Aus jeder Kleinigkeit machte Jake eine große Sache, die er dann zu seinem Vorteil ausnutzte, wie sie aus Erfahrung wusste.

Plötzlich wurde die Verbindungstür geöffnet, und Amy versteifte sich. Panik stieg in ihr auf. Sie hatte zu lange gewartet, jetzt war es zu spät, die Initiative zu ergreifen. Hilflos und schmerzerfüllt drehte sie sich zu dem Mann um, von dem ihre Zukunft abhing.

Er stand auf der Türschwelle und zog allein durch seine Anwesenheit die Aufmerksamkeit auf sich. Sekundenlang betrachtete er Amy schweigend und mit ernster Miene, bis sie die Spannung kaum noch ertragen konnte. Sie musste unbedingt etwas sagen, um den Schaden wiedergutzumachen. Aber sie brachte kein Wort heraus.

„Es tut mir leid.“

Das hätte ich doch sagen müssen, ging es ihr durch den Kopf, während sie Jake ungläubig ansah. Hatte er es wirklich ausgesprochen, oder bildete sie es sich nur ein?

Jake lächelte reumütig. „Es war falsch, dass ich Joshua bei Ihnen abgeladen und es für selbstverständlich gehalten habe, Sie würden sich um ihn kümmern.“

Vor lauter Staunen war Amy sprachlos.

Jetzt lächelte Jake richtig charmant. „Wahrscheinlich war ich der Meinung, alle Frauen würden ein Baby begeistert versorgen. Irgendwie habe ich es nicht als Zumutung empfunden.“

Fassungslos und hilflos gestikulierte Amy mit der Hand. „Ich habe … überreagiert“, stieß sie rau hervor.

Er zuckte die Schultern. „Was weiß ich schon von Ihnen? Sie sind schrecklich zugeknöpft, was Ihr Privatleben angeht. Es gibt bestimmt Gründe, warum Sie und der Mann, mit dem Sie schon jahrelang zusammenleben, nicht verheiratet sind.“ Besorgt zog er die Augenbrauen hoch. „Gibt es vielleicht ein Problem damit, Kinder zu bekommen?“, fragte er mitfühlend.

Amy konnte sich nicht mehr beherrschen. Ihr traten Tränen in die Augen, und sie versuchte erst gar nicht, sie zurückzuhalten.

Sekundenlang sah Jake sie entsetzt an. Dann eilte er zu ihr und nahm sie in die Arme. Während sie sich an seiner Schulter ausweinte, bemühte er sich, sie zu beruhigen.

„Ich wollte Sie nicht aufregen, Amy. Ich habe es einfach nur so dahingesagt und selbst nicht geglaubt, es könne wahr sein.“

„Ist es auch nicht“, erwiderte sie schluchzend.

„Nein?“ Jake war verblüfft.

Natürlich sollte er nicht annehmen, sie könne keine Kinder bekommen. Sie hatte sowieso schon genug Minderwertigkeitskomplexe, nachdem Steve sich von ihr getrennt hatte. Sie atmete tief ein. „Er wollte mit mir keine Kinder“, erklärte sie.

„Wieso wollte? Was ist passiert?“

„Er bekommt eins mit ihr“, antwortete sie schmerzerfüllt.

„Hat er etwa mit einer anderen Frau geschlafen?“ Jake klang schockiert, was Amys Stolz guttat.

„Ja, mit einer Blondine.“

„Hoffentlich haben Sie ihn aufgefordert, seine Sachen zu packen und zu verschwinden.“

„Ja“, schwindelte sie. Es wäre zu demütigend, zuzugeben, dass sie dagesessen hatte wie eine Schaufensterpuppe, während Steve seine Hälfte ihres gemeinsamen Haushalts eingepackt und mitgenommen hatte.

„Seien Sie froh, dass Sie ihn los sind. Von so einem Mann hätten Sie bestimmt kein Baby gewollt, Amy. Sie hätten ihm nie vertrauen können.“

Sie nickte traurig.

„Aber es tut immer noch weh“, stellte er mitfühlend fest. „Wahrscheinlich ist es erst an diesem Wochenende passiert.“

„Am Samstag.“

„Und ausgerechnet heute wollte ich Sie mit Joshua belasten.“ Offenbar machte er sich selbst Vorwürfe.

„Sie konnten es ja nicht wissen. Es tut mir leid.“ So, jetzt hatte sie es endlich geschafft, sich zu entschuldigen.

„Ach, Amy, machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Es war einfach nur ein ungünstiger Moment.“

Er war so freundlich und verständnisvoll und streichelte ihr so liebevoll den Rücken, dass sie sich sicher und geborgen fühlte. Sie entspannte sich, legte ihm die Hände auf die Brust und schmiegte sich an ihn, während er ihr das Haar streichelte.

Sein Mitgefühl und seine Zärtlichkeiten taten ihr gut. Es war genau das, was sie jetzt brauchte. Die letzten zwei Tage hatte sie sich viel zu einsam und verlassen gefühlt.

Doch die wohlige Geborgenheit, die sie in Jakes Armen empfand, fand ein jähes Ende, denn plötzlich ertönte Babygeschrei. Joshua! Er war ganz allein in Jakes Büro. Amy hob den Kopf und zögerte. Nur ungern löste sie sich von Jake. Aber früher oder später musste es sowieso sein. Immerhin befanden sie sich im Büro und nicht in einer Privatwohnung.

Außerdem konnte Jake auf die Idee kommen, es würde ihr gefallen, von ihm umarmt zu werden. Täuschte sie sich, oder drückte er sie wirklich fester an sich und rieb sich leicht an ihrem Körper, sodass sie spüren konnte, wie ungemein männlich er war? Irritiert gestand sie sich ein, dass sie nicht immun war gegen seine sinnliche Ausstrahlung. Sekundenlang genoss sie die Wirkung, die Jake auf sie hatte. Doch dann schrie das Baby noch lauter.

„Die Pflicht ruft“, sagte Jake und verzog das Gesicht.

Als er sich sehr sanft von ihr löste, war Amy vollends verwirrt. Bildete sie es sich nur ein, oder empfand er wirklich so etwas wie sexuelles Verlangen?

Er ließ die eine Hand auf ihrer Taille liegen, während er mit der anderen ihr Kinn umfasste und sie zwang, ihn anzusehen.

„Alles wieder in Ordnung?“, fragte er sanft und blickte sie liebevoll an.

„Ja, es geht schon.“ Sie lächelte ziemlich verkrampft.

„Gut.“ Er nickte. „Am besten waschen Sie sich diesen Kerl vom Gesicht ab und vergessen ihn.“

Mit anderen Worten, ich sehe schrecklich aus und soll mich wieder in Bestform präsentieren, dachte sie. Für ihn war sie nichts anderes als seine persönliche Assistentin. Jake Carter würde nie Geschäftliches mit Privatem vermischen, das hatte er auch gar nicht nötig.

„Okay?“ Mit den Fingerspitzen streichelte er so liebevoll ihre Wange, dass Amys Haut prickelte.

Aber wahrscheinlich nur, weil ich erröte, versuchte sie sich einzureden. „Ja, natürlich“, versicherte sie rasch.

Er zog die Hand zurück. „Der Onkel wird gebraucht. Ich muss mich um Joshua kümmern.“

„Danke, Jake“, sagte sie, als er schon an der Tür war.

„Es war mir ein Vergnügen. Meine Schultern sind breit“, antwortete er gut gelaunt und zog sich in sein Büro zurück.

Amy atmete tief ein und aus, ehe sie mit ihrer Tasche in den Waschraum ging. Sie wollte wieder Jakes Anforderungen entsprechen und ihn nicht enttäuschen. Sein freundliches Verständnis und die moralische Unterstützung würde sie ihm nie vergessen. Irgendwie kam er ihr vor wie ein sehr zuverlässiger und treuer Freund.

Doch dann mahnte sie sich, nicht zu überschwänglich zu reagieren. Jake Carter war ihr Chef. Und für ihn war es wesentlich bequemer, seine persönliche Assistentin zu trösten und moralisch zu stärken, statt eine neue Mitarbeiterin zu suchen und einzuarbeiten. Jake war vor allem Pragmatiker. Aus jeder Situation zog er eigene Vorteile.

Dennoch war sie ihm dankbar für seine Reaktion auf ihren Kummer. Natürlich hatte er recht, es war besser, dass sie den Mann los war, der sie betrogen hatte. Sie sollte aufhören, ihm nachzutrauern, und sich stattdessen auf die Gegenwart und Zukunft konzentrieren. Aber das war gar nicht so leicht.

Wenigstens hatte sie ihren Job noch und war glücklicherweise nicht völlig abgestürzt.

Nachdem sie das Make-up erneuert hatte, eilte sie in Jakes Büro. Sie war entschlossen, ihm ihre Hilfe anzubieten, falls er sie brauchte. Weshalb sollte sie sich nicht um Joshua kümmern? Er war ja nicht Steves Baby.

Mit Jake würde sie weiterhin gut zurechtkommen, denn die vergangenen zwei Jahre hatte sie es auch mühelos geschafft. Nichts würde sich ändern. Sie musste nur einen klaren Kopf bewahren … und jeden Körperkontakt mit ihm vermeiden.

4. KAPITEL

Vor der angelehnten Tür zu Jakes Büro zögerte Amy sekundenlang und lächelte belustigt. Er sprach leise mit dem Baby.

„Wir beide schaffen das schon, Josh, ganz bestimmt, mein Kleiner. Wir haben Amy Taylor genau da, wo wir sie haben wollen.“

Bei seinen Worten verging ihr das Lächeln. Hatte sie nicht gewusst, dass sie auf sein vermeintliches Mitgefühl nicht hereinfallen durfte? Irgendwie würde es ihm gelingen, ihre momentane Schwäche zu seinem Vorteil auszunutzen.

„Na ja, noch nicht genau da, wo wir sie haben wollen“, fuhr er fort.

Du liebe Zeit, sie würde ihm schon zeigen, dass sie nicht Wachs in seinen Händen war. Ein einziger Zusammenbruch bedeutete nicht, dass er leichtes Spiel mit ihr haben würde. Dazu kannte sie ihre Grenzen nach der zweijährigen Zusammenarbeit mit Jake Carter zu genau.

„Wir brauchen nur noch etwas Geduld, Josh. Sei ein guter Junge.“

Entschlossen ging Amy in den Raum und betrachtete das Bild, das sich ihr bot. Die Trage stand auf dem Boden, und das Baby lag auf dem Schreibtisch, auf den Jake die Wolldecke gebreitet hatte. Joshua strampelte mit Ärmchen und Beinchen, während sein Onkel die gebrauchte Windel in eine Plastiktüte beförderte.

„Die neue kommt sofort“, versicherte er dem Kleinen.

„Soll ich es machen?“, fragte Amy und stellte sich neben ihn.

Er warf ihr einen kurzen Blick zu und lächelte. „Nein, ich habe alles im Griff.“ Dann zog er Joshua an den Beinchen hoch und schob ihm eine saubere Windel unter. „Ich muss nur noch die Plastikverschlüsse zumachen.“

Da Amy noch nie einem Baby die Windeln gewechselt hatte, war sie froh, dass Jake sich damit auszukennen schien.

„Sie können schon die Flasche aufwärmen.“ Er wies auf die Babytrage. „Ruth hat gesagt, man müsse sie nur dreißig Sekunden in den Mikrowellenherd stellen.“

„Okay.“ Amy eilte mit der Flasche in die Teeküche. Sie hatte keine Ahnung, welche Temperatur die richtige war, und entschied sich für die mittlere. Nach dreißig Sekunden vergewisserte sie sich, dass die Milch nicht zu heiß war. Zufrieden mit ihrer Leistung, brachte sie Jake die Flasche zurück.

Joshua war wieder angezogen und hing wie eine Klette an der Schulter seines Onkels, der ihm den Rücken streichelte. Heute hängen sich wohl alle an ihn und lassen sich trösten, dachte Amy wehmütig. Plötzlich fühlte sie sich schuldig, weil sie sich geweigert hatte, sich um das Baby zu kümmern.

„Ich kann ihn mit in mein Büro nehmen und ihn füttern“, bot sie deshalb an. Außerdem sollte Jake ihr nicht mangelnde Kooperation vorwerfen können. Machtmenschen wie er ließen sich alles Mögliche einfallen.

„Es ist meine Aufgabe. Geben Sie mir bitte die Flasche?“

Amy reichte sie ihm. Das soll bestimmt ein indirekter Vorwurf sein, sonst würde er es nicht so betonen, überlegte sie frustriert.

„Aber Sie können mir die Post vorlesen, während ich Jo­shua füttere“, fügte er hinzu. „Wenn nötig, diktiere ich einige Stichworte, alles andere können Sie selbst erledigen.“

„Gut.“ Rasch holte sie den Stenoblock aus ihrem Büro. Sie wollte Jake nicht noch mehr verärgern.

Der Mann war unglaublich clever. Nie hatte sie ihm persönliche oder private Dinge anvertraut, um ihm keine Macht über sich zu geben. Eher instinktiv hatte sie sich gegen seine Anziehungskraft gewehrt, die ihr wie ein gefährlicher Wirbel vorkam, in den man unweigerlich hineingezogen wurde, wenn man nicht aufpasste. Amy war überzeugt, dass man sich vor Jake Carter hüten musste.

Mit betont geschäftsmäßiger Miene setzte sie sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. Doch trotz aller guten Vorsätze gelang es ihr nur mühsam, sich auf die Arbeit zu konzentrieren.

Jake lehnte sich entspannt in seinem Sessel zurück und legte die Füße auf den Schreibtisch, während er das Baby liebevoll im Arm hielt und ihm die Flasche gab. Die ganze Szene wirkte so natürlich, als wäre Jake an diese Rolle gewöhnt. Er sorgte sogar dafür, dass der Kleine aufstoßen konnte, nachdem er getrunken hatte.

Vielleicht ist er doch ein Familienmensch, auch wenn ich es mir nicht vorstellen kann, oder ihm gelingt einfach alles, was er anfängt, dachte sie verblüfft. Die ganze Situation war sehr verwirrend. Amy war überzeugt gewesen, ihren Chef sehr gut zu kennen. Aber an diesem Morgen zeigte er sich von einer ihr unbekannten Seite, von einer überraschend liebenswerten noch dazu.

Nachdem sie die Post besprochen hatten, zögerte Amy, sich zurückzuziehen. Irgendwie fühlte sie sich wohl in der intim wirkenden Familienszene. Doch dann zog Jake fragend die Augenbrauen hoch.

„Ist sonst noch etwas?“

„Nein.“ Sie stand auf.

Jake lächelte sie freundlich und unbekümmert an. „Sagen Sie mir Bescheid, wenn etwas unklar ist.“

„Okay.“ Amy erwiderte sein Lächeln genauso unbekümmert.

Erst als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, wurde ihr bewusst, dass es ihr schon viel besser ging. Steves Verrat und Betrug schienen weit weg und nicht mehr so schrecklich bedrückend zu sein. Ihr Selbstbewusstsein kehrte zurück.

Hatte sie etwa die ganze Zeit ihren Chef falsch eingeschätzt und sich von Vorurteilen leiten lassen? Hatte sie aus lauter Loyalität Steve gegenüber in Jake Carter so etwas wie einen Teufelskerl gesehen, der es hätte schaffen können, ihr Leben in den Grundfesten zu erschüttern?

Eines war ihr klar, sie war Steve nichts mehr schuldig, weder Loyalität noch sonst etwas. Dennoch durfte sie nie vergessen, warum sie Jake für einen Wüstling hielt.

Schließlich konzentrierte sie sich auf die Arbeit und bekam nicht mit, dass eine halbe Stunde später der Aufzug auf ihrer Etage anhielt. Als es an der Tür klopfte, fuhr Amy zusammen. Sie hob den Kopf und sah eine große Frau mit rotem Haar hereinkommen, die ungemein selbstbewusst wirkte.

Jakes Freundinnen haben manchmal wirklich ein Benehmen wie ein Rhinozeros, sie stürmen herein, als gehörte ihnen die ganze Welt, dachte Amy feindselig. Diese hier war offenbar eine neue Eroberung, wieder so eine glamouröse Frau mit langen Beinen, vollen Brüsten und einem Gesicht, das auf die Titelseite der Vogue passte. Die schicke Kurzhaarfrisur stammte bestimmt von einem berühmten Haarstylisten. Und die Designerjeans und das Top schmiegten sich an ihre Figur wie eine zweite Haut.

„Hallo! Ich bin Ruth Powell, Jakes Schwester.“

Amy war sprachlos. Die beiden sahen sich überhaupt nicht ähnlich. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass Jake seine Schwester erwartete, hätte sie es für reine Erfindung gehalten, denn einige Frauen benutzten die unmöglichsten Ausreden, um an ihn heranzukommen. Doch beim genaueren Hinsehen entdeckte Amy tatsächlich einige Ähnlichkeiten.

Ruth betrachtete Amy interessiert. „Sie sind Amy Taylor, stimmt’s?“

„Ja.“ Amy wunderte sich über den nachdenklichen Ton.

„Ich verstehe“, sagte Ruth plötzlich zufrieden und lächelte.

„Wie bitte?“ Amy war verblüfft.

„Ja, jetzt verstehe ich, warum Jake immer von Ihnen spricht.“

„Tut er das?“, fragte Amy überrascht.

„So oft, dass wir Sie für so etwas wie eine Wunderfrau halten. Wir haben überlegt, ob Sie ein Feuer speiender Drache sind, der Jakes Machismo einfach ignoriert, oder eine strenge Schulleiterin, nach deren Pfeife er tanzen muss. Jetzt kann ich allen erzählen, dass Sie Irin sind.“

„Bin ich doch gar nicht“, entgegnete Amy fassungslos.

„Oh doch.“ Ruth kam auf sie zu und gestikulierte mit der Hand. „Ihr Haar, Ihre Augen und Ihr Temperament verraten es. Sie haben mich so feindselig gemustert, dass ich mir sekundenlang wie ein aufgespießter Schmetterling vorkam. Der Blick Ihrer blauen Augen ist sehr ausdrucksvoll.“

„Es tut mir leid, dass ich so unhöflich war“, entschuldigte Amy sich, während sie versuchte, die Zusammenhänge zu verstehen.

„Das macht nichts. Es war für mich wie eine Offenbarung. Sie haben Jake fest in der Hand, glaube ich.“ Ruth lachte. „Das gefällt mir, es geschieht ihm recht.“

Was für eine absurde Bemerkung! Er interessiert sich doch überhaupt nicht für mich, dachte Amy. Sie hatte Jake doch nicht fest in der Hand. Er hatte genug Freundinnen, um eine ganze Jacht damit zu füllen.

Plötzlich fiel ihr seine Bemerkung wieder ein. „Wir haben Amy Taylor genau da, wo wir sie haben wollen“, hatte er zu Joshua gesagt und einschränkend hinzugefügt: „… noch nicht genau da, wo wir sie haben wollen.“ Die Worte bekamen jetzt eine ganz neue Bedeutung. Sie hatte zugelassen, dass er sie umarmte, aber sie war noch nicht bereit, mit ihm ins Bett zu gehen. So hatte er es wahrscheinlich gemeint.

Nein, das war einfach unmöglich, sie hatte wahrscheinlich nur eine blühende Fantasie. Genau wie Jake neigte offenbar seine Schwester auch dazu, zu scherzen und zu übertreiben.

„Entschuldigen Sie, aber das geht …“

„Stören Sie sich nicht an meinem Gerede“, unterbrach Ruth sie und hob die perfekt manikürten Hände. „Ich bin wahnsinnig erleichtert, dass Martins Verletzung nicht so schlimm ist, wie ich befürchtet hatte. Während ich in der Notaufnahme wartete, habe ich mir schon das Schlimmste vorgestellt.“

Martin – ja, das war sicher Ruths Mann. „Geht es ihm wieder besser?“, fragte Amy.

„Man hat die Schulter wieder eingerenkt. Er schläft noch nach der Narkose. Deshalb will ich rasch Josh abholen.“ Ruth blickte sich suchend im Raum um und runzelte die Stirn. „Wo ist er überhaupt?“

„Bei Jake.“ Amy wies zur Verbindungstür.

„Heißt das, er hat den Kleinen nicht bei Ihnen abgegeben?“, fragte Ruth überrascht.

Amy verzog das Gesicht. „Ehrlich gesagt, wir waren darüber verschiedener Meinung. Ich habe ihn so verstanden, dass Sie ihm Ihr Baby anvertraut haben, nicht mir.“

„Deshalb haben Sie darauf bestanden, dass er sich selbst darum kümmert?“ Ruth war beeindruckt.

„Hoffentlich ist es Ihnen recht. Ich glaube, er macht es ganz gut.“

Ruth lachte auf. „Sie sind einzigartig, Amy. Ich bin froh, dass ich Sie kennengelernt habe. Ja, Jake kann gut mit Josh umgehen. Kinder und Hunde fühlen sich instinktiv zu ihm hingezogen. Frauen auch, aber das haben Sie sicher schon bemerkt.“

„Das lässt sich gar nicht vermeiden“, erwiderte Amy ironisch.

„Mein Bruder bekommt immer alles, was er will.“

„Stimmt, aber er überlässt auch nichts dem Zufall. Bei jedem neuen Projekt prüft er sorgfältig alle Möglichkeiten“, verteidigte Amy ihren Chef.

„Oh, ich zweifle nicht an seiner Professionalität. Jake war schon immer Perfektionist. Doch einiges fällt ihm einfach in den Schoß.“ Ruth verzog spöttisch die Lippen.

Ja, jede Menge Frauen, die bereit sind, mit ihm ins Bett zu gehen, stimmte Amy ihr insgeheim zu.

„Joshua hatte er vorhin auch auf dem Schoß“, erwiderte sie lächelnd.

„Es hat mir Spaß gemacht, mich mit Ihnen zu unterhalten, Amy. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder“, verabschiedete Ruth sich herzlich und ging in Jakes Büro.

Seine Familie scheint sehr unkompliziert zu sein, dachte Amy und versuchte, sich vorzustellen, wie es wäre, in so einer Atmosphäre aufzuwachsen. In ihrer Familie war es weniger locker zugegangen. Als Kind hatte sie sich vor ihrem Vater gefürchtet. Er hatte sie nicht geschlagen oder missbraucht, aber sie mit Worten und seinen strengen Erziehungsmethoden fertiggemacht. Erst viel später war ihr klar geworden, dass er sie alle hatte kontrollieren wollen.

Ihre Mutter, die völlig eingeschüchtert gewesen war, war früh gestorben. Danach war Amy aus dem Elternhaus ausgezogen. Ihre beiden älteren Brüder hatte ihr Vater mit seinen übertriebenen Forderungen und Ansprüchen schon früher aus dem Haus getrieben.

Seitdem hielt sie nicht mehr viel von einer Familie und wollte ihr Leben lieber selbst bestimmen. Wahrscheinlich hatte sie auch deshalb Steve nicht heiraten wollen. Sie hätte es nicht ertragen, von einem Mann so vereinnahmt zu werden wie ihre Mutter von ihrem Vater. Steves ständiges Gerede von Freigeistern hatte ihr gut gefallen – bis sie festgestellt hatte, was er wirklich darunter verstand.

Wie dumm und naiv war sie doch gewesen!

Amy schüttelte den Kopf und versuchte, sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren. Es war sinnlos, über ihre Fehler nachzudenken. Sekundenlang überlegte sie, den Artikel in dem Hochglanzmagazin zu lesen, der sie so brennend interessierte. Sie tat es jedoch nicht, weil sie von Jake nicht dabei ertappt werden wollte. Heute darf ich mir keine Schnitzer mehr erlauben, mahnte sie sich streng.

Wir haben Amy Taylor genau da, wo wir sie haben wollen. Jakes selbstgefällige Bemerkung ging ihr einfach nicht aus dem Kopf. Was auch immer er vorhatte, sie war nicht bereit, seine neueste Eroberung zu werden. Nicht umsonst hatte sie zwei Jahre dagegen angekämpft, seiner sinnlichen Ausstrahlung und seinem Charme zu erliegen.

Jake hätte seine Gedanken nicht aussprechen dürfen, denn Amy nahm sich vor, auf der Hut zu sein und sich auf nichts mehr einzulassen.

Trotz allem ist es ihm gelungen, mich aufzuheitern, mir geht es wirklich besser, gestand sie sich ein.

5. KAPITEL

Wenig später kam Jake in Amys Büro.

„Alles in Ordnung?“, fragte er. Seine Schwester war offenbar schon wieder weg.

„Natürlich“, erwiderte Amy und wies auf die ausgedruckten Seiten.

Jake setzte sich auf die Schreibtischkante, nahm die Briefe in die Hand und las sie durch. Seine Nähe machte Amy ganz nervös. Sie war sich seiner Gegenwart viel mehr bewusst als sonst und konnte nicht vergessen, wie er sie umarmt und wie sich sein Körper an ihrem angefühlt hatte. Sie dachte sogar darüber nach, wie es sein würde, von ihm geliebt zu werden.

Nachdenklich betrachtete sie seine Hände mit den langen, schlanken Fingern, mit denen er so sanft ihr Haar gestreichelt hatte. Mit einer Frau zärtlich und behutsam umzugehen, bedeutete jedoch noch lange nicht, dass er sie auch gern hatte oder liebte. Aber Amy hatte in seinen Armen das Gefühl gehabt, er würde sie mögen. Oder hatte er nur so getan, um etwas Bestimmtes zu erreichen?

„Das haben Sie wieder fantastisch formuliert“, sagte Jake anerkennend. Sein Lächeln wirkte so liebevoll, dass Amy Mühe hatte, nicht beeindruckt zu sein. „Sie verstehen genau, was ich meine, Amy. Sie finden immer die richtigen Worte, den Leuten schonend und unmissverständlich zugleich klarzumachen, was Sache ist.“

„Ich habe ja auch einen guten Lehrer“, antwortete sie und blickte ihn leicht spöttisch an, obwohl sie sich über sein Lob freute.

„Und Sie sind eine gelehrige Schülerin. Ich weiß nicht, was ich ohne Sie machen sollte. Irgendwie bin ich auf Sie angewiesen.“

Das war ziemlich übertrieben. Instinktiv war Amy auf der Hut. Wahrscheinlich sollte sie jetzt etwas für ihn erledigen, wozu er selbst keine Lust hatte.

„Zwei Jahre arbeiten Sie schon für mich – ja, Sie verdienen eine Gehaltserhöhung. Ruth hat recht“, fuhr er fort.

„Womit?“ Die Sache kam ihr nicht geheuer vor.

„Dass Sie einzigartig sind.“ Er lächelte sie an.

Amy runzelte die Stirn. „Reden Sie oft über mich mit Ihrer Familie?“

Er zuckte die Schultern. „Natürlich. Sie sind meine engste Mitarbeiterin. Erwähnen Sie mich nie Ihrer Familie gegenüber?“

„Ich habe keine“, erwiderte sie viel zu rasch, was sie sogleich bereute.

„Sind Sie als Waise aufgewachsen?“ Jake zog die Augenbrauen hoch.

Natürlich wird er sich jetzt nicht mehr ablenken lassen, dachte sie und seufzte. Die ganze Zeit hatte sie Jake Carter erfolgreich auf Distanz gehalten und nie mit ihm über ihre Privatangelegenheiten gesprochen. Aber plötzlich schien sich alles zu ändern, woran sie in gewisser Weise selbst schuld war.

„Das nicht gerade“, antwortete sie leise. „Meine Mutter starb, als ich sechzehn war. Mein Vater hat wieder geheiratet, und wir kamen dann nicht mehr miteinander zurecht. Ich habe zwei Brüder, einer lebt in England, der andere in Alaska. Wir haben uns aus den Augen verloren.“

Amy lächelte betont unbekümmert, was ihr ziemlich schwer fiel, weil Jake sie entsetzt ansah.

„Heißt das, Sie sind ganz allein? Sie haben niemanden, der Ihnen im Notfall hilft?“

„Daran bin ich gewöhnt“, erwiderte sie. „Ich bin schon lange allein.“

„Nein, das stimmt nicht“, widersprach er. „Erst seit dem Wochenende. Deshalb haben Sie sich heute Morgen ja auch an meiner Schulter ausgeweint.“

Sie biss die Zähne zusammen und warf ihm einen finsteren Blick zu. „Müssen Sie mich unbedingt daran erinnern?“

„Zumindest war ich für Sie da, als Sie enttäuscht waren über die Treulosigkeit Ihres Freunds. Vergessen Sie das nicht, Amy.“

„Es hat sich nur zufällig so ergeben. Sie sind mein Chef und brauchen nicht für mich da zu sein“, entgegnete sie hitzig.

„Unsinn. Ich habe sogleich für Sie Partei ergriffen, und ich weiß, was Sie wert sind. Aber dieser verdammte Kerl hat es offenbar nicht gemerkt.“

Ich habe es ja gewusst, jetzt wird er bestimmt meine momentane Schwäche ausnutzen, dachte sie.

„Über Steve möchte ich mit Ihnen nicht mehr reden“, erklärte sie kurz angebunden.

„Natürlich nicht. Je eher Sie ihn aus Ihrem Leben streichen, desto besser für Sie. Dann können Sie sich auf die praktischen Dinge konzentrieren.“

„Ja, auf die Arbeit zum Beispiel.“

„Vielleicht brauchen Sie Hilfe, wenn Sie in ein anderes Apartment ziehen.“

„Meine Wohnung gefällt mir, danke.“

„Es ist keine gute Idee, sie zu behalten, Amy. Zu viele Erinnerungen sind damit verbunden. Sich von allem zu trennen, was Sie an die gemeinsame Zeit erinnert, ist die beste Medizin, auch wenn Sie davor zurückschrecken, einen Umzug zu planen.“

„Sie müssen es ja wissen, Jake“, antwortete sie in Anspielung auf seine zahlreichen Freundinnen.

Er ignorierte ihre Bemerkung einfach. „Ich helfe Ihnen dabei“, bot er stattdessen an, als hätte er sie schon überzeugt mit seiner Argumentation.

„Danke, aber Ihre Hilfe brauche ich nicht.“

Jake lächelte. „Sehen Sie sich meine Familie an. Ich weiß aus Erfahrung, dass sie einem in schwierigen Zeiten Halt gibt. Und da Sie keine Familie haben, betrachten Sie mich einfach als Ersatz dafür.“

„Unmöglich. In Ihnen könnte ich nie einen nahen Verwandten sehen“, stellte Amy nachdrücklich fest.

„Na ja …“ Er hob eine Schulter, während es in seinen Augen mutwillig aufblitzte. „Unter Familienmitgliedern wäre es dann auch Inzest, stimmt’s?“

„Wie bitte?“

„Ich möchte Sie nicht belügen, Amy. Was sich zwischen uns abspielt, kann man wohl kaum als geschwisterliche Zuneigung bezeichnen.“

Sie errötete und ließ sich lieber nicht auf dieses Thema ein.

„Aber ich mache mir wirklich Sorgen um Sie“, fuhr er fort und wirkte dabei so ehrlich und überzeugend, dass Amy ihm beinah geglaubt hätte.

Es war jedoch viel zu gefährlich, ihn in ihr Privatleben eindringen zu lassen. Sie musste unbedingt vernünftig bleiben und Abstand wahren. Er regte sich über Steve auf, aber war er selbst etwa besser? Wohl kaum, bei so vielen Freundinnen.

„Ich werde mich umhören und bestimmt ein gemütliches Apartment für Sie finden.“ Ihre Meinung interessierte ihn offenbar nicht. „Sie sollten in der Nähe des Arbeitsplatzes wohnen, dann sparen Sie sich die lange Fahrt. Bondi Beach ist sowieso nicht die richtige Wohngegend für Sie.“

„Mir gefällt es“, wandte sie ein.

Jake runzelte die Stirn. „Für eine alleinstehende Frau ist es etwas riskant. Am Wochenende treiben sich dort allerhand obskure Gestalten herum. Ohne Begleiter können Sie sich abends nicht auf die Straße wagen.“

Das stimmte, aber wo konnte man das heutzutage noch? Sie würde sich erst an das Leben ohne Steve gewöhnen müssen.

„Wenn Sie unbedingt in Strandnähe wohnen wollen, käme doch auch Balmoral in Frage“, schlug er vor. „Es ist eine ruhige Gegend.“

Amy verdrehte die Augen. „Und eine sehr teure!“

„Nicht teurer als Bondi. Nördlich vom Hafen haben Sie es näher zum Milsons Point, und Sie brauchen nicht über die Brücke zur Arbeit zu fahren.“

„Ich kann es mir nicht erlauben. Meine jetzige Wohnung ist mir ja schon zu teuer.“

„Sie bekommen doch eine Gehaltserhöhung. Sagen wir … zwanzig Prozent. Damit werden Sie doch gut zurechtkommen, oder?“

Es verschlug ihr die Sprache. Rasch rechnete sie nach. „Das ist ja mehr, als Steve verdient“, stieß sie schließlich hervor.

Jake lächelte. „Sie sind es mir wert. Ich unterhalte mich mal mit einigen Immobilienmaklern, die ich gut kenne. Vielleicht hat jemand ein gutes Angebot. Hier, die können Sie so abschicken.“ Er reichte ihr die Briefe. Dann stand er auf und verschwand.

Amy kam sich vor wie in einer anderen Welt. Jake Carter hatte noch nie etwas für sie getan. Weshalb ausgerechnet jetzt? Was bezweckte er damit? Oder wollte er ihr wirklich nur helfen?

Nachdenklich fuhr sie sich durchs Haar. Tatsache war, dass sowohl Jake als auch seine Schwester Spielernaturen waren, die gern Punkte sammelten. Man durfte das, was sie sagten, nicht zu ernst nehmen.

Andererseits hielt Jake immer seine Versprechen. Die Gehaltserhöhung würde sie bestimmt bekommen. Niemals hätte sie sich träumen lassen, einmal so viel zu verdienen. Sie wäre dann wirklich unabhängig und hätte ganz andere Möglichkeiten.

Plötzlich lächelte sie. Ein so hohes Gehalt würde ihr das Leben sehr erleichtern. Und es war ein herrliches Gefühl, ihrem Arbeitgeber so viel wert zu sein. Noch vor wenigen Stunden war ihr die Zukunft finster und trostlos erschienen, doch jetzt sah alles schon wieder ganz anders aus. So schlecht würde das Leben ohne Steve gar nicht sein. Dank Jake kann ich das Beste daraus machen, dachte sie.

Wenn ihr trickreicher Chef sich von dieser üppigen Gehaltserhöhung persönliche Vorteile erhoffte, würde sie ihm zeigen, wie sehr er sich täuschte.

6. KAPITEL

Amy war gerade mit der Ablage beschäftigt, als Jake hereinstürmte.

„Lassen Sie alles stehen und liegen. Kommen Sie mit“, forderte er sie auf.

„Wohin?“

„Das erkläre ich unterwegs.“ Er sah auf die Uhr und ging zur Tür. „In genau fünfundzwanzig Minuten müssen wir jemanden treffen.“

Sie nahm ihre Tasche und eilte an Jake vorbei, der ihr die Tür aufhielt, in den Flur, wo sie mit einem Knopfdruck den Aufzug heraufholte. Amy war froh, dass Jake einen Kundentermin hatte. Das lenkte ihn ab, und er konzentrierte sich nicht mehr auf sie. Sie hätte Zeit, sich zu entspannen und wieder zu sich zu kommen. Außerdem beobachtete sie immer wieder gern, wie fasziniert die Leute von Jake waren.

„Um wen handelt es sich?“, fragte sie, während sie zusammen in den Lift stiegen.

„Nicht um wen, sondern um was“, antwortete er rätselhaft und drückte auf den Knopf zum Parterre.

„Eine neues Boot?“

Jake warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. „Wir handeln nicht mit Booten, Amy, sondern mit Jachten.“

„Tut mir leid, ich habe mich versprochen.“

„Dann passen Sie bitte besser auf. Ich möchte, dass Sie als meine persönliche Assistentin den Mann beeindrucken, der uns erwartet.“ Es klang ziemlich geheimnisvoll.

„Wie heißt er denn?“

„Ted Durkin. Er ist Mitinhaber von Durkin and Harris, einem bekannten Unternehmen auf dem Immobiliensektor.“

Der Name sagte ihr nichts. Dann hielt der Aufzug unten an, und sie kam nicht mehr dazu, weitere Fragen zu stellen. Jake dirigierte sie durch den Empfangsbereich zu der Treppe, die zu dem kleinen Parkplatz führte, der nur für ihn und seine Kunden reserviert war.

„Kate“, rief er im Vorbeigehen der jungen Frau an der Rezeption zu, „wir sind unterwegs. Nehmen Sie bitte die Anrufe entgegen.“

„Wann kommen Sie zurück?“

„Das weiß ich noch nicht. In dringenden Fällen bin ich über’s Handy zu erreichen.“

Während sie auf seinen superschnellen Luxuswagen zueilten, öffnete er per Fernbedienung die Wagentüren. Dann stiegen sie hastig in das zweitürige Coupé, und Jake reichte ihr einen Zettel, ehe er den Wagen anließ.

„Was ist das?“

„Die Adresse. Sie müssen mir helfen, den Weg zu finden. Im Handschuhfach liegt ein Stadtplan. Wir haben keine Zeit, uns zu verfahren.“

Amy holte den Stadtplan hervor und machte es sich auf dem Sitz bequem. Als sie den Zettel las, dachte sie, Jake habe in der Eile die falsche Notiz eingesteckt, denn nach den Stichworten zu urteilen, handelte es sich um eine seiner Freundinnen und nicht um eine Adresse.

Sie verzog leicht spöttisch die Lippen. „Hier steht: Estelle 26, 8, Nichtraucherin, keine Haustiere, keine a. P. …“

„Ausschweifende Partys“, erklärte er und fügte hinzu: „Estelle Road 26 in Balmoral, Apartment 8, so lautet die vollständige Anschrift. Das andere sind Bedingungen des Vermieters.“

Der Spott verging ihr, und sie bekam Herzklopfen. Um sich zu beruhigen, zählte sie bis zehn, ehe sie feststellte: „Ich nehme an, ich soll mir eine Wohnung ansehen.“

„Wenn sie Ihnen gefällt und wir es rechtzeitig schaffen.“ Offenbar merkte er gar nicht, wie eigenmächtig er handelte.

„Jake, meine Privatangelegenheiten gehen Sie nichts an.“ Den ganzen Vormittag hatte er schon versucht, sich in ihr Privatleben einzumischen. Sie musste der Sache unbedingt einen Riegel vorschieben, es ging langsam zu weit.

„Ich habe doch angekündigt, dass ich mich um eine Wohnung kümmern würde“, antwortete er unbeeindruckt.

„Sie sagten, Sie wollten sich umhören. Es war nie davon die Rede, dass Sie mich während der Bürozeit zu Besichtigungsterminen fahren würden. Das kann ich nicht annehmen.“

„Gleich haben wir doch sowieso Mittagspause. Außerdem haben Sie schon so oft Überstunden gemacht, wenn dringend etwas erledigt werden musste. Dass ich Ihnen dafür auch einmal einen Gefallen tue, ist eigentlich selbstverständlich.“

„Aber ich habe es nicht eilig mit der Wohnungssuche, Jake.“ Amy konnte sich kaum noch beherrschen. „Wenn ich überhaupt umziehen will, kann ich mir in meiner Freizeit Apartments ansehen.“

„Warum sind Sie eigentlich so gereizt?“ Er runzelte die Stirn. „Es ist doch nichts dabei, dass Sie sich unverbindlich etwas anschauen. Vielleicht wäre ein Ortswechsel jetzt genau das richtige für Sie.“

Hartnäckig hielt Amy an ihren Einwänden fest. „Sie hätten mir die Adresse geben können, dann …“

„Keine Chance, denn Sie brauchen eine Referenz, in dem Fall mich. Ich habe Ted überredet, Ihnen die Wohnung vor allen anderen Interessenten zu zeigen. Da er bereits auf dem Weg dorthin ist, hätte er meinetwegen seine Zeit verschwendet, wenn ich den Termin jetzt absagte, Amy. Das möchte ich ihm nicht antun, denn er ist ein guter Geschäftsfreund.“

Sie seufzte und gestand sich ärgerlich ein, dass er sie ausgetrickst hatte. Natürlich musste sie auf seine Geschäftsbeziehungen Rücksicht nehmen, denn er war schließlich ihr Chef. Aber er musste auch begreifen, dass er kein Recht hatte, über sie zu bestimmen und Entscheidungen, die nur sie betrafen, über ihren Kopf hinweg zu treffen.

„Trotzdem hätten Sie es erst mit mir besprechen müssen. Ich weiß ja noch gar nicht, was ich überhaupt machen will.“ Sie hasste es, von Jake überrumpelt zu werden.

„Für mich hörte es sich an, als wäre die Wohnung ein Schmuckstück. Sie brauchen sie ja nicht zu nehmen, doch sie ist sicher sehenswert, wenn Teds Beschreibung stimmt. Bis jetzt habe ich mich immer auf sein Urteil verlassen können.“

„Was ist denn daran so gut?“, fragte sie kurz angebunden.

„Die Lage zum Beispiel. Ted meint, dafür sei die Miete supergünstig.“

„Wie günstig?“

Jake nannte ihr einen Betrag, der nur wenig niedriger war als ihre derzeitige Miete. So viel wollte sie trotz der Gehaltserhöhung eigentlich nicht mehr bezahlen. Es wäre unvernünftig.

„Ted sagt, man könne dafür wesentlich mehr verlangen“, fuhr Jake fort. „Aber dem Eigentümer geht es vor allem darum, den richtigen Mieter zu finden. Er hat die Wohnung erst vor Kurzem gekauft, sie wird momentan renoviert. Er legt Wert darauf, dass man sorgsam damit umgeht …“

„Deshalb sind Rauchen, Haustiere und ausschweifende Partys verboten“, unterbrach Amy ihn und blickte auf den Zettel. „Was bedeutet a. K. F.?“

„Alleinstehende Karrierefrau – mit anderen Worten jemand, der fremdes Eigentum respektiert und sehr ordentlich ist.“ Er sah sie leicht belustigt an. „Ich habe erklärt, dass das auf Sie zutrifft, denn ich kenne keine andere Frau, die so korrekt und ordnungsliebend ist wie Sie.“

Er selbst ist genauso, dachte Amy. Und er war ein verdammt verführerischer Kerl und viel zu attraktiv. Offenbar glaubte er jedoch, mit seinem Charme alles erreichen zu können. Aber ich darf nicht zulassen, dass er sich in mein Leben einmischt, nahm sie sich noch einmal fest vor. Es war schlimm genug, dass Steve sie sitzen gelassen hatte. Doch Jake würde ihr das Herz brechen, wenn sie sich mit ihm einließe. Und dann?

Sie hatte das Gefühl, an diesem Tag ganz besonders vor ihm auf der Hut sein zu müssen. Nach dem schlimmen Wochenende war sie noch sehr empfindlich und verletzlich. Irgendwie hatte sie Angst, Jake würde es trotz ihrer Wachsamkeit und Vorsicht schaffen, die Mauern einzureißen, die sie um sich her errichtet hatte. Schade, dass Steve nicht mehr da war. Hinter ihm hatte sie sich verstecken können.

Nein, das war nicht ganz richtig. Steve hatte ihr mehr bedeutet als das. Sie hatte ihn nicht nur als Vorwand benutzt, um erst gar nicht darüber nachdenken zu müssen, was sie vielleicht für Jake empfand. Das konnte sie sich nicht vorstellen. Sie bemühte sich, den Mann neben ihr zu ignorieren, und vertiefte sich in den Stadtplan. Jake strahlte so viel Macht aus, dass Amy sich irgendwie erdrückt fühlte. Er war ungemein männlich und konnte einer Frau bieten, was sie sich nur wünschte. Und ausgerechnet heute setzt er seinen ganzen Charme gegen mich ein, jedenfalls kommt es mir so vor, ging es ihr durch den Kopf.

Wieder fiel ihr seine provozierende Bemerkung ein, die nicht für ihre Ohren bestimmt gewesen war. Wir haben Amy Taylor genau da, wo wir sie haben wollen. Na ja, noch nicht genau da … Wir brauchen noch etwas Geduld. Plötzlich wurde sie misstrauisch. Ein Apartment in Balmoral war Jakes Idee gewesen. Dann hatte er ihr eine Gehaltserhöhung gegeben, damit sie es sich leisten konnte. Und angeblich rein zufällig hatte er auch prompt eins für sie gefunden. Um jede Diskussion zu vermeiden, hatte er ihr erst im Auto verraten, wohin sie fahren würden.

War das etwa ein abgekartetes Spiel zwischen ihm und seinem Geschäftsfreund Ted Durkin? Aber warum? Was hätte Jake davon, wenn sie in Balmoral wohnte?

Natürlich konnte sie seine Pläne immer noch durchkreuzen, wenn sie sich zu nichts überreden ließ. Aber jetzt musste sie ihn erst einmal ohne Umwege in die Estelle Road dirigieren.

Amy hatte noch nie im Norden von Sydney gelebt. Deshalb kannte sie sich in den Stadtteilen um den Middle Harbour überhaupt nicht aus. Sie wusste nur, dass Balmoral eine exklusive und teure Wohngegend war.

Als sie die Estelle Road auf dem Stadtplan entdeckte, war sie verblüfft. Die Straße lag ganz in der Nähe der Esplanade, wie die Strandpromenade hieß, und grenzte unmittelbar an einen Park. Die Anwohner hatten demnach sowohl eine herrliche Aussicht auf die Grünanlagen als auch auf das Meer dahinter.

War denn dann der Mietpreis realistisch, den Jake genannt hatte? Für so eine fantastische Lage war er erstaunlich niedrig. Selbst die bescheidenste Wohnung in dieser Straße könnte man für den doppelten Preis vermieten.

„Irgendwie macht das alles keinen Sinn“, sagte sie leise.

„Was?“

„Die Estelle Road liegt nahe am Meer. Sogar mit den strengsten Auflagen könnte der Vermieter wesentlich mehr für das Apartment verlangen“, erklärte sie. Wahrscheinlich hatte Jake mit Ted Durkin irgendeine geheimnisvolle Absprache getroffen. Amy konnte an so viele glückliche Zufälle hintereinander nicht glauben.

„Ich erwähnte doch, dass Ted sie als supergünstig bezeichnet hat“, erinnerte Jake sie. „Die Sache hat jedoch einen Haken“, fügte er hinzu, als wäre es ihm gerade erst eingefallen. „Aber selbst wenn es für Sie nur ein Notbehelf ist …“

Damit hatte sie die ganze Zeit gerechnet. „Was für einen Haken?“, unterbrach sie ihn deshalb.

„Die Wohnung wird nur für sechs Monate vermietet. Der Eigentümer will offenbar selbst einziehen, sobald er sein Haus verkauft hat. Er will sich jedoch Zeit lassen und nichts überstürzen.“

„So, ich könnte sie nur für ein halbes Jahr bekommen.“

„Hm. Ted meinte, dem Besitzer ginge es vor allem darum, dass das Apartment nicht leer steht. Er sucht wohl eher einen Haushüter als einen Mieter.“

Langsam lösten sich Amys Zweifel auf. Vielleicht war ihr Misstrauen unbegründet. Es war immerhin möglich, dass Jake ihr wirklich einen Gefallen tun wollte. Wenn da nur nicht seine seltsame Bemerkung gewesen wäre. Oder maß sie ihr zu viel Bedeutung bei?

Doch davon abgesehen wäre es eigentlich unsinnig, nach sechs Monaten noch einmal umzuziehen. Sie müsste eine Kaution zahlen, sich einen Möbelspediteur nehmen und hätte die ganze Arbeit und alle Ausgaben gleich zweimal innerhalb eines halben Jahres. Dennoch war sie neugierig auf das Apartment. Jake hatte sich so viel Mühe damit gegeben, sie von der Einmaligkeit zu überzeugen, dass sie wissen wollte, warum.

Sie dirigierte ihn nach dem Stadtplan durch Sydney, und schon bald fuhren sie den Hügel hinunter nach Balmoral Beach. Der Anblick, der sich ihnen bot, war fantastisch. Das Wasser war leuchtend blau, und viele kleine Jachten lagen vor Anker in der malerischen Bucht. Der weite Sandstrand wurde von gepflegten Rasenflächen, wunderschönen Bäumen und Promenaden gesäumt.

Dieser Küstenabschnitt wirkte ruhig und exklusiv, ganz anders als der breite Strand von Bondi, der Menschenmassen anzog und meist überfüllt war. Amy war sehr beeindruckt und wünschte, sie hätte Zeit, sich alles in Ruhe anzusehen. Sie nahm sich vor, einmal allein herzukommen. Nachdem Steve sich verabschiedet hatte, konnte sie wenigstens wieder frei über ihre Zeit verfügen.

Sie bogen in die Straße am Park ein und fanden die Adresse auf Anhieb. Der viergeschossige Apartmentblock aus roten Ziegelsteinen mit der Tiefgarage war nicht mehr ganz neu. Vermutlich lag die Wohnung Nummer acht in der obersten Etage. Amy hoffte sogar, es handele sich um die Endwohnung mit der von Norden nach Osten verlaufenden Dachterrasse.

„Ted steht schon da.“ Jake winkte dem Mann am Eingang zu.

Während Jake einen Parkplatz suchte, musterte Amy den Makler kurz. Er war groß und kräftig, gut gekleidet, und sie schätzte ihn auf Ende vierzig. Amy sah auf die Uhr. Halb eins, sie waren pünktlich. Offenbar war Ted Durkin zu früh gekommen.

Amy merkte, dass der Mann sie prüfend betrachtete, als sie auf ihn zueilten. Er wollte sich wohl vergewissern, ob sie den Anforderungen entsprach. Er runzelte leicht die Stirn. Erst als Jake ihm die Hand reichte, hellte Teds Miene sich auf.

„Nett von dir, dass du uns so kurzfristig einen Termin gegeben hast, Ted“, begrüßte Jake ihn herzlich.

„Für dich tue ich doch alles. Du hast mir ja auch schon so oft einen Gefallen getan, Jake.“

„Das ist Amy Taylor, meine persönliche Assistentin.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Durkin“, sagte Amy freundlich.

Ted lächelte leicht bedauernd. „Um ehrlich zu sein, Miss Taylor, ich habe nicht damit gerechnet, dass Sie noch so jung sind.“

Alleinstehende Karrierefrau hatte es geheißen. Natürlich, er hatte sich wahrscheinlich eine Vierzigjährige vorgestellt, die sich um nichts anderes im Leben kümmerte als um ihre Karriere.

Eines war Amy plötzlich klar. Es war kein abgekartetes Spiel. Ohne darüber nachzudenken, warum es ihr auf einmal wichtig war, die Bedenken des Maklers zu zerstreuen, versicherte sie ihm: „Ich bin achtundzwanzig, Mr Durkin, und habe mich in den zwölf Jahren meiner Berufstätigkeit hinaufgearbeitet bis zu meiner jetzigen Position.“

„Das ist eine beachtliche Leistung.“ Jake wollte ihr offenbar helfen.

Ted Durkin warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Du hast nicht erwähnt, dass deine persönliche Assistent so attraktiv ist, Jake.“ Dann sah er Amy wie um Entschuldigung bittend an. „Ich möchte Sie nicht beleidigen, Miss Taylor, aber der Eigentümer des Apartments verlangt ausdrücklich, dass …“

„Keine ausschweifenden Partys veranstaltet werden“, fiel Amy ihm ins Wort. „Das ist auch nicht mein Stil, Mr Durkin.“

„Seit zwei Jahren arbeitet Amy eng mit mir zusammen, Ted“, erklärte Jake. „Sie ist ein absolut verantwortungsbewusster, zuverlässiger Mensch, das kann ich dir versichern.“

„Aha.“ Ted zog die Augenbrauen hoch. „Haben Sie keinen Freund? Natürlich geht mich Ihr Privatleben nichts an, Miss Taylor. Aber der Eigentümer hat ganz bestimmte Vorstellungen. Hat Jake es nicht erwähnt?“

„Doch, hat er.“ Egal ob sie die Wohnung nehmen wollte oder nicht, es gefiel ihr nicht, als Mieterin eines Luxusapartments vielleicht nicht infrage zu kommen. Ganz besonders nicht nach allem, was Steve ihr angetan hatte. Irgendwie musste sie Ted Durkin überzeugen, dass sie die Person war, die der Vermieter sich wünschte.

„Ich brauche momentan viel Zeit für mich allein, Mr Durkin, nachdem mein Freund, mit dem ich fünf Jahre zusammengelebt habe, und ich uns getrennt haben“, fuhr sie deshalb fort und verzog gequält das Gesicht, um an sein Mitgefühl zu appellieren. „Die Trennung ist endgültig, ich bin wirklich allein und möchte mich auch in nächster Zeit auf keine neue Beziehung einlassen. Die sechs Monate hier wären mir gerade recht.“

„Ah ja.“ Es hörte sich an, als wäre Ted jetzt zufrieden. „Gut, dann zeige ich Ihnen die Wohnung. Sie ist noch nicht ganz fertig.“

Gewonnen, dachte sie seltsam erleichtert. Sie wollte Jake an ihrer Freude teilhaben lassen, weil er mit dazu beigetragen hatte, und blickte ihn an. Aber als sie seine zufriedene Miene bemerkte, hätte sie sich am liebsten selbst geohrfeigt.

Er hatte das alles eingefädelt. Und sie spielte mit und war sogar noch begeistert über seine Idee, von Bondi nach Balmoral umzuziehen. Das tue ich ja nur, damit Jake seinem Geschäftsfreund gegenüber das Gesicht nicht verliert, versuchte sie sich einzureden. Sie konnte immer noch Nein sagen, solange sie keinen Vertrag unterschrieben hatte. Wenn sie überhaupt umziehen wollte, würde sie sich sowieso eine Wohnung aussuchen, in der sie so lange bleiben konnte, wie sie wollte, statt nach sechs Monaten schon wieder ausziehen zu müssen.

Jake Carter freute sich zu früh!

7. KAPITEL

Im Aufzug fuhren Amy und Jake mit Ted Durkin in den obersten Stock. Dort dirigierte er die beiden den hellen, breiten Flur entlang auf eine offene Tür zu. Amy bekam Herzklopfen – es war tatsächlich das Apartment mit der von Norden nach Osten verlaufenden Dachterrasse.

Als sie hineingingen, verliebte Amy sich auf den ersten Blick in die geräumige Wohnung. Es war eine faszinierende Vorstellung, hier zu leben, wenn auch nur für sechs Monate.

Der Fußboden war mit wunderschönen Fliesen ausgelegt, die perlmuttartig wie Muscheln schimmerten. Man hatte das Gefühl, über sandige Dünen auf dem Meeresgrund zu laufen. Die ganze Seite zur Bucht hin war verglast, und das fantastische Panorama vermittelte den Eindruck von Sommer, Sonnenschein und Weite. Die Wände waren cremefarben gestrichen, und die komplett und völlig neu eingerichtete Küche aus Holz und Edelstahl enthielt alles, was man sich nur wünschen konnte. Alle modernen Küchengeräte waren vorhanden.

Im Wohnzimmer saßen zwei Männer auf Klappstühlen und aßen ihren mitgebrachten Lunch.

„Wie läuft’s?“, fragte Ted sie.

„Nur noch die Fußleisten und Tragbalken, dann sind wir fertig“, antwortete der ältere der beiden.

„Sind die Wände noch feucht?“

„Nein, es müsste jetzt alles trocken sein. Man braucht nicht mehr aufzupassen.“

„Gut.“ Ted wandte sich an Amy. „Man hat die alten Teppiche aus den Schlafzimmern herausgerissen. Ende der Woche werden die neuen geliefert.“

„Gibt es etwa mehr als ein Schlafzimmer?“ Amy war überrascht, dass die Wohnung so groß war.

„Ja, zwei.“

Während Ted Amy alles zeigte, unterhielt Jake sich mit den Malern. Offenbar wollte er Amy nicht beeinflussen, was ihre Vermutung widerlegte, er habe das alles geplant. Wahrscheinlich hatte sie die ganze Situation völlig missverstanden und sich in ihr Misstrauen hineingesteigert. Es war sehr gut möglich, dass er sich nur wünschte, seine persönliche Assistentin solle zufrieden und glücklich sein.

Neben dem Badezimmer befand sich ein Hauswirtschaftsraum. Über die neue Waschmaschine und den neuen Trockner freute Amy sich ganz besonders, denn Steve hatte die beiden Geräte aus der gemeinsamen Wohnung mitgenommen. Dafür hatte sie Kühlschrank und Fernseher behalten. Sie hatte sich schon ausgemalt, wie lästig es sein würde, die Wäsche im Waschsalon zu waschen.

Das luxuriös ausgestattete Badezimmer hatte man offenbar völlig renoviert, denn es war mit denselben Fliesen ausgelegt wie der Wohnbereich. Die Badewanne war in den Boden eingelassen, außerdem gab es eine Duschkabine und alles, was man sich sonst noch vorstellen und wünschen konnte.

„In älteren Häusern hat man noch viel Platz. In modernen Apartments sind die Badezimmer für so eine üppige Ausstattung nicht groß genug“, sagte Ted. Offenbar hatte er Amys verblüffte Miene bemerkt. „Auch so hohe Decken gibt es heutzutage kaum noch. Die Räume hier sind überdurchschnittlich groß.“

Und es hat bestimmt wahnsinnig viel gekostet, alles so luxuriös herzurichten, dachte sie. Man hatte an nichts gespart. Kein Wunder, dass der Eigentümer größten Wert auf sorgsame Behandlung und zuverlässige, solide Mieter legte.

„Welche Farbe haben die neuen Teppiche?“, fragte Amy, als sie sich die beiden geräumigen Schlafzimmer ansah.

Ted zuckte die Schultern. „Das weiß ich nicht. Der Besitzer hat sie ausgesucht. Am Freitag könnte ich es Ihnen sagen.“

Sie schüttelte den Kopf. „So wichtig ist es nicht. Ich habe noch nie so ein wunderschönes Apartment gesehen. Glauben Sie mir, Mr Durkin, es würde mir großen Spaß machen, hier zu wohnen. Meinen Sie, der Eigentümer würde es mir vermieten?“

Er lächelte irgendwie nachsichtig. „Warum nicht? Der Vermieter vertraut mir. Wenn ich keine Bedenken habe, gibt es bestimmt keine Probleme. Sie haben mich überzeugt, Miss Taylor.“

„Ich verspreche Ihnen, Sie nicht zu enttäuschen.“

„Jake hat mir bestätigt, dass Sie absolut zuverlässig seien. Sie können die Wohnung haben.“

„Danke, Mr Durkin.“ Sie schüttelte ihm so überschwänglich die Hand, als hätte sie in der Lotterie gewonnen.

„Sie sollten sich bei Jake bedanken, Miss Taylor.“ Ted lächelte leicht ironisch.

„Natürlich, das tue ich auch noch.“ Jake! Er wird jetzt triumphieren und seinen Erfolg genießen, überlegte Amy. Doch das war ihr egal. Er hatte ihr einen großen Gefallen getan. Sie glaubte, auf Wolken zu schweben, als sie ins Wohnzimmer zurückging. Sechs Monate würde sie in diesem herrlichen Apartment leben, in dieser wunderschönen Umgebung. Es war tausendmal besser als Urlaub.

Jake zog fragend die Augenbrauen hoch, als Amy ihm entgegenkam. Sie konnte nicht anders, sie lächelte ihn strahlend an. Und er erwiderte ihr Lächeln. Ohne Worte schien er sie zu verstehen.

Amy kam sich wie verzaubert vor. Fantastische sechs Monate lagen vor ihr. Sie würde sich aufmachen in ein neues Leben. Am liebsten hätte sie vor Freude getanzt und Jake Carter umarmt.

„Beschlossene Sache?“, fragte er.

„Ja“, erwiderte sie begeistert.

„Das muss gefeiert werden. Ich lade Sie zum Lunch ein.“

„Gern.“ Amy war überglücklich. Für Zweifel und Misstrauen hatte sie jetzt keine Zeit. Außerdem hatte sie Jake diese wunderschöne Wohnung zu verdanken. Deshalb war es völlig in Ordnung, dass sie gemeinsam feierten.

8. KAPITEL

Auf dem Weg zu dem eleganten, modernen Restaurant an der Esplanade am Strand fuhren Jake und Amy am Bathers’ Pavilion vorbei, dem historischen Badehaus. Amy lächelte, als er sie darauf aufmerksam machte, und stellte sich sogleich Männer und Frauen in altmodischer Badebekleidung vor.

„Für Carter ist ein Tisch reserviert“, sagte Jake leise zu der Empfangsdame, während Amy die üppigen Blumenarrangements im Foyer bewunderte. Das Restaurant strahlte zweifellos Stil und Klasse aus.

Dann folgten sie der Frau, vorbei an außergewöhnlich gut gekleideten Gästen, die an den Tischen mit weißen Leinentischdecken und silbernen Bestecken saßen. Und weiter ging es, vorbei an der Bar, die sich in sanftem Bogen vom Foyer bis zu dem vom Fußboden bis zur Decke reichenden Fenster erstreckte. Die breite Glasfront schien aus dem Wasser emporzuragen – eine perfekte Illusion.

Als Amy und Jake sich an den Tisch am Fenster setzten, sah sie, dass zwischen Restaurant und Meer der ...

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