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JULIA BESTSELLER BAND 143

LUCY GORDON

Wo die Zitronenbäume blühen

Nach ihrer Scheidung flieht Angel auf die Zitronenplantage, die ihr Ex ihr als Abfindung überlassen hat. Hier will sie endlich zur Ruhe kommen! Wäre da nicht Vittorio Tazzini, der Manager des Gutes. Der glutäugige Charmeur lehrt sie alles über das Geschäft. Und ganz nebenbei zeigt er ihr, was ein temperamentvoller Italiener unter feurigem Verlangen versteht …

Heißes Blut und kühle Hände

Sandra will nur eines: Rache! Blake Gilbert ist schuld am Tod ihres Vaters. Dafür soll er büßen! Zufällig lernt sie ihn kennen – und plötzlich strömt das Blut heiß durch ihre Adern. Sowie er sie küsst, gerät alles um sie herum in Vergessenheit. Kann sie ihr Vorhaben noch durchziehen, wenn sie bloß noch an die berauschende Erregung in Blakes Armen denken kann?

Bei Ankunft Liebe

„Ehemann dringend gesucht!“ Erst nachdem Meryl geheiratet hat, kann sie über ihr Erbe verfügen – wie gut, dass sich Lord Jarvis als Bräutigam anbietet. Sie fährt zu ihm und vermutet nicht, dass ein Wirbelsturm der Gefühle auf sie wartet: Unverhofft verliebt sie sich in den Adligen – allerdings scheint Jarvis nichts von wahrer Herzenswärme wissen zu wollen!

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Wo die Zitronenbäume blühen

1. KAPITEL

„Einen wunderschönen guten Abend, meine Damen und Herren! Hier sind wir wieder mit der beliebten Quizshow Ein Star in meinem Team. Wie immer steht jedem Rateteam ein prominentes Mitglied zur Seite, und es gibt auch heute Abend wieder fantastische Preise zu gewinnen …“

Hinter den Kulissen wartete Angel auf ihren Auftritt. Sie hoffte inständig, dass diese hirnlose Veranstaltung bald vorbei sein möge. Dann würde dieses Kapitel ihres Lebens endgültig beendet sein – ebenso wie ihre Ehe, die nur noch so lange bestand, bis das Scheidungsurteil rechtskräftig wurde.

„… und nun begrüße ich rechts von mir Mr und Mrs Baker und ihr prominentes Teammitglied …“ Der Moderator nannte den Namen eines Darstellers aus irgendeiner Seifenoper.

Über den Monitor sah Angel den Angekündigten schwungvoll die Bühne betreten und mit strahlendem Lächeln den Applaus des Publikums entgegennehmen.

Nina, Angels persönliche Assistentin, musterte sie ein letztes Mal kritisch. „Du siehst umwerfend aus“, stellte sie zufrieden fest.

Natürlich sah sie umwerfend aus. Das tat sie immer, denn es war Angels einzige Aufgabe. Und die erfüllte sie auch an diesem Abend perfekt: langes blondes Haar, große blaue Augen, die schlanke Figur von einem eng anliegenden, superkurzen Goldlamékleid umschlossen. Dazu Unmengen an geschmacklosem Glitzerschmuck.

„… und hier ist sie endlich! Die Frau, auf die wir alle schon ungeduldig gewartet haben …“

Los jetzt, Angel, lächeln! It’s showtime …

Ein letzter Blick in den Spiegel, ein letztes Zurechtziehen ihres Kleides, um sicherzugehen, dass all ihre Pluspunkte optimal zur Geltung kamen. Dann trat sie, begleitet vom leisen Surren der Kameras, ins gleißende Scheinwerferlicht. Für viele ein Traum, doch Angel kam es vor wie ein Gang zum Schafott.

„… begrüßen Sie die schöne …, die hinreißende … ANGEL!“

Es war im Grunde ganz einfach, und sie hatte es schon mindestens hundert Mal zuvor getan. Doch plötzlich stieg wie aus dem Nichts Panik in Angel auf. Vor ihren Augen begann es zu flimmern, der Applaus aus dem Zuschauerraum drang wie von fern an ihr Ohr.

Oh nein, bitte nicht jetzt, flehte sie im Stillen. Dabei war sie so sicher gewesen, dass es mit diesen Attacken endlich vorbei war. Zum Glück dauerte es diesmal nur wenige Sekunden, dann hatte sie die Situation wieder unter Kontrolle.

Auf gefährlich hohen Absätzen schritt sie anmutig auf den Moderator zu und begrüßte ihn mit routiniert gespielter Begeisterung. Ihre Mitstreiter waren Mr und Mrs Strobes, ein Ehepaar mittleren Alters, das Angels Geduld schon bei der Vorbesprechung im Aufenthaltsraum auf eine harte Probe gestellt hatte.

„Das mit Ihrer Scheidung tut uns ja so leid!“, hatte Mrs Strobes gefühlvoll verkündet, kaum dass der Moderator sie miteinander bekannt gemacht hatte. „Wir finden es einfach empörend, wie dieser Mensch Sie quasi vor die Tür gesetzt …“

„Davon kann keine Rede sein“, hatte Angel sie lächelnd unterbrochen. „Joe und ich sind in aller Freundschaft auseinandergegangen.“

Doch im Grunde war jeder Versuch, den Schein zu wahren, eine Farce. Schon seit Wochen stellte Joe in sämtlichen Nachtklubs und auf jeder Party sein neues Liebesglück zur Schau. Das Ehedrama der Clannans war seit geraumer Zeit das Lieblingsthema der Regenbogenpresse, und dementsprechend begierig war das Publikum, Angel zu sehen. Also strahlte und winkte sie nach allen Seiten, um niemanden zu enttäuschen. Im Stillen hörte sie schon die Kommentare – besonders die der Männer: Verdammt sexy, die Kleine … Mit der würde ich auch mal gerne …

Acht Jahre lang war sie das sexy Aushängeschild an Joe Clannans Seite gewesen, und plötzlich erschienen Angel diese acht Jahre wie eine unendlich lange Zeit.

Die erste Runde begann.

Die Fragen waren lächerlich einfach, doch Angel tat so, als würde sie sich verzweifelt den Kopf darüber zerbrechen. Immer wieder kommentierte sie ihre „Unwissenheit“ mit jenem sorgfältig einstudierten Kichern, das inzwischen zu einer Art Markenzeichen für sie geworden war – kindlich naiv mit einer leicht verruchten Note. Die Leute wollten eine beschränkte Blondine, also würde sie ihnen eine liefern.

Der Schauspieler, der zum gegnerischen Team gehörte, war offenbar von Natur aus dumm, und bald lagen Angel und die Strobes in Führung. Es folgten zwei weitere Runden mit noch mehr banalen Fragen, und eine halbe Stunde später erreichten sie das Finale.

„Und jetzt kommt die entscheidende Frage …“, der Moderator wandte sich mit dramatischer Miene Angel zu. „Hier ist eine wirklich harte Nuss für dich, Angel: Wer schuf das berühmte Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle? War es a) Micky Mouse, b) Michelangelo oder c) Mark Antony?“

Angel erfüllte pflichtschuldig ihre Rolle. „Ach, du meine Güte!“, rief sie und legte nachdenklich den Zeigefinger an die vollen Lippen. „Da bin ich wirklich überfragt. Ich habe nie Musik studiert …“

Brüllendes Gelächter aus dem Publikum.

„Könntest du die Frage noch einmal wiederholen?“

Der Moderator tat Angel den Gefallen, worauf diese einen ratlosen Seufzer von sich gab. „Also, da kann ich nur raten. Ist es … Michelangelo …?“

„Michelangelo ist richtig, und ihr habt gewonnen!“

Das Publikum applaudierte begeistert. Die Strobes sprangen auf und fielen einander jubelnd um den Hals. Angel schüttelte Hände, verteilte Luftküsschen und lächelte, bis ihr die Gesichtsmuskeln wehtaten.

Endlich war es vorbei.

Nina wartete schon im Wagen, damit Angel möglichst schnell den Paparazzi entfliehen konnte, die den Studioausgang belagerten. Sie war Angels Sekretärin, Garderobiere und Mädchen für alles. Außerdem waren die beiden in den acht Jahren ihrer Zusammenarbeit gute Freundinnen geworden.

„Tja, das war’s dann wohl“, stellte Nina lakonisch fest, während sie den Wagen in den Verkehr einfädelte. „Hoffen wir, dass du nie wieder bei so einem Schwachsinn mitmachen musst.“

„Nicht, solange ich in Italien lebe“, versicherte Angel. Übermütig fügte sie hinzu: „Amalfi, ich komme!“

Nina seufzte. „Ich wünschte, ich könnte dich begleiten.“

„Ja, ich auch. Bestimmt werde ich dich schrecklich vermissen, aber leider kann ich mir jetzt keine Sekretärin mehr leisten. Und selbst wenn, wüsste ich nicht, was ich mit einer anfangen sollte. Von nun an werde ich ein ruhiges, zurückgezogenes Leben auf dem Lande führen.“

„Joe hat mich heute angerufen und wollte wissen, ob ich nicht wieder für ihn arbeiten will. Er meinte, die künftige Mrs Clannan würde mich brauchen. Weißt du übrigens, dass er sie Merry nennt? Eigentlich heißt sie Meredith, aber er besteht auf dieser albernen Abkürzung.“

Angel zuckte die Schultern. „Mit meinem Namen war es doch das Gleiche. Angela hat ihm zu langweilig geklungen, also hat er aus Imagegründen Angel daraus gemacht.“

„Ich habe ihm gesagt, ich hätte schon einen anderen Job gefunden. Als ob ich je wieder für diesen vulgären Emporkömmling arbeiten würde.“

„Pass auf, wie du über meinen Exmann sprichst“, ermahnte Angel sie.

Nina zog die Brauen hoch. „Stört dich das etwa?“

„Allerdings. Vulgärer Emporkömmling wird ihm nicht annähernd gerecht.“

„Wie wär’s dann mit raffgieriger, hinterhältiger Mistkerl?“

Angel lachte. „Das klingt schon besser.“

„Sei froh, dass du ihn los bist“, meinte Nina. „Mit der Abfindung hat er dich zwar schamlos übers Ohr gehauen, aber wenigstens ist dieser Palazzo in Italien für dich herausgesprungen.“

„Die Villa Tazzini ist kein Palazzo, sonst hätte ‚Merry‘ sie gewollt“, klärte Angel sie auf. „Joe hat das Anwesen gekauft, ohne ihr etwas davon zu erzählen. Es sollte eine wunderbare Überraschung für sie werden, doch als er ihr dann Aufnahmen davon gezeigt und sie gesehen hat, dass es sich nur um ein großes Landgut handelt, fand sie es überhaupt nicht wunderbar. Angeblich hat sie die Fotos zerrissen und ihm wütend vor die Füße geknallt.“

Nina warf ihr einen raschen Seitenblick zu. „Ich nehme an, das weißt du von Freddy.“

„Stimmt.“

Freddy war Joes rechte Hand, und wie die meisten, die Angel persönlich kannten, stand er insgeheim auf ihrer Seite.

„Er meinte, ihre Ausdrucksweise hätte sogar einem Hafenarbeiter die Sprache verschlagen.“

„Und Joe hat zugelassen, dass sie so mit ihm redet?“

„Sie ist zwanzig und sehr sexy.“

„Und er ist neunundvierzig und wird langsam fett“, ergänzte Nina genüsslich.

„Zweiundfünfzig“, korrigierte Angel sie. „Aber das ist ein streng gehütetes Geheimnis. Ich habe es selbst nur durch Zufall herausgefunden. Aber egal, jedenfalls hatte Joe keine Verwendung mehr für das Anwesen und es schließlich mir zugeschoben. Er meinte, ich solle es als zusätzliche Abfindung betrachten.“

„Und das ist alles?“ Nina kannte die lächerlich geringe Summe, die Angel bei der Scheidung erhalten hatte, und machte aus ihrer Empörung keinen Hehl.

„Wenn ich vorsichtig mit dem Geld umgehe, kann ich damit bis zur Ernte meine Kosten decken. Zu dem Anwesen gehört nämlich eine Zitronenplantage, und ich hoffe, dass ich mich damit in Zukunft über Wasser halten kann.“

„Mit Zitronen? Verdammt, Angel, du hättest um eine faire Abfindung kämpfen sollen. Joe ist Multimillionär! Wieso hast du ihn so billig davonkommen lassen?“

„Damit er mich noch jahrelang mit seiner Armee von Anwälten in Atem hält? Nein danke. Dieses würdelose Gefeilsche um Geld hat mich ganz krank gemacht. Ich wollte nur noch meinen Frieden, also habe ich akzeptiert. Außerdem habe ich Italien schon immer geliebt.“

Bevor Angel Joe kennengelernt hatte, hatte sie Kunstgeschichte studiert und vorgehabt, eine Zeit lang nach Italien zu gehen, um dort ihre Kenntnisse zu vertiefen. Sie hatte sogar schon angefangen, Italienisch zu lernen. Aber dann war ihr Großvater krank geworden, und so war nichts aus ihren Plänen geworden.

Welche Ironie des Schicksals, dass sie nun doch nach Italien kam. Allerdings nicht nach Rom oder Florenz, wie sie es damals beabsichtigt hatte. Ihr neues Zuhause befand sich an der Amalfiküste, wo schwindelerregend hohe Klippen steil aus dem Meer aufragten.

Dort würde sie sich von jetzt an um ihren Großvater Sam kümmern.

Nach dem Tod ihrer Eltern hatte Sam die damals achtjährige Angel zu sich genommen. Sein Geld hatte immer nur zum Nötigsten gereicht, doch dafür hatte er seiner Enkelin all die Liebe und Geborgenheit geschenkt, die sich ein kleines Mädchen nur wünschen konnte. Elf Jahre später hatte Sam einen Schlaganfall erlitten und war von da an auf Pflege angewiesen.

Zu der Zeit hatte Angel einen Freund gehabt – Gavin, ein bildhübscher junger Mann, in den sie bis über beide Ohren verliebt gewesen war. Insgeheim hatte sie schon von einer gemeinsamen Zukunft geträumt, doch dann stellte sich heraus, dass in Gavins Lebensplan kein Platz für einen kranken alten Mann vorgesehen war. Kurz darauf machte Angel mit ihm Schluss.

In der Hoffnung, etwas Geld zu gewinnen, bewarb sie sich beim Fernsehen für eine Quizshow. So lernte sie den schwerreichen Joe Clannan kennen, der Mitinhaber der für die Sendung verantwortlichen Produktionsfirma war. Als er Angel sah, war er sofort Feuer und Flamme. Er lud sie zum Essen ein, und schon wenige Wochen später machte er ihr einen Heiratsantrag, den Angel um Sams willen annahm.

Sie liebte Joe zwar nicht, aber sie mochte ihn, und die Heirat ermöglichte es ihr, ihrem Großvater optimale Pflege und ein komfortables Leben zu bieten. Sie engagierte zwei Krankenpfleger, die sich rund um die Uhr um ihn kümmerten, sodass sie Sam stets in guten Händen wusste. Oft war er so verwirrt, dass er Angel nicht erkannte, doch er schien zufrieden zu sein, und mehr durfte sie nicht verlangen.

In den folgenden Jahren jagte ein gesellschaftliches Ereignis das andere – Filmpremieren, Partys, Vernissagen, Wohltätigkeitsveranstaltungen. Natürlich erwartete Joe, dass seine schöne junge Frau ihn jedes Mal begleitete – perfekt gestylt und ausstaffiert mit kostspieligem Schmuck und den offenherzigen Designerfummeln, die er für sie aussuchte. Die Absicht, die dahinterstand, lag klar auf der Hand: Seht her! rief er damit der Welt zu. Ihr mögt mich alle für einen ungehobelten Neureichen halten, aber ich gehe jeden Abend mit dieser Sexgöttin nach Hause, während ihr nur von ihr träumen dürft!

Mit der Zeit erlangte Angel selbst einen gewissen Prominentenstatus. Sie wurde in alle möglichen Fernsehshows eingeladen, bei denen ihre einzige Aufgabe darin bestand, freizügige Outfits vorzuführen, über Banalitäten zu plappern und ihr berühmtes Kichern zum Besten zu geben. Insgeheim verachtete Angel sich dafür, aber Joe liebte es, seine Frau im Fernsehen zu sehen, also tat sie ihm den Gefallen, um ihn bei Laune zu halten.

Eine Weile funktionierte dieses Arrangement hervorragend. Als Angel jedoch schwanger wurde, lernte sie Joe von seiner unangenehmen Seite kennen. Er hatte bereits zwei erwachsene Söhne aus einer früheren Ehe und wollte nicht, dass Angel sich die Figur ruinierte. Als er sie brutal aufforderte, das „Ärgernis“ so bald wie möglich aus der Welt zu schaffen, entbrannte ein erbitterter Streit zwischen ihnen. Zwei Tage später erlitt Angel eine Fehlgeburt, gefolgt von wochenlangen schweren Depressionen.

Joe begann, sich allein die Nächte um die Ohren zu schlagen, und eines Tages eröffnete er ihr, dass er ihre „Leichenbittermiene“ nun lange genug ertragen habe. Es sei einfach nichts mehr mit ihr anzufangen, warf er ihr vor, und außerdem habe sie mit achtundzwanzig ohnehin ihre beste Zeit hinter sich. Kurz darauf trat „Merry“ auf den Plan.

Angel hatte immer gewusst, dass sich hinter Joes jovialer Fassade ein kleingeistiger Charakter verbarg. Wie recht sie mit ihrer Einschätzung gehabt hatte, erlebte sie jedoch erst im Verlauf ihrer Trennung. Er konnte sie und Sam gar nicht schnell genug aus dem Haus bekommen und war nicht bereit, ihr auch nur einen Cent über den gesetzlich vorgeschriebenen Unterhalt hinaus zu zahlen.

Sie mietete ein winziges Reihenhaus am Stadtrand an, das kaum Platz genug für sie, Sam und die beiden Krankenpfleger bot, doch Angel weinte der prunkvollen Villa im feudalen Londoner Westend keine Träne nach. Geld hatte ihr noch nie viel bedeutet, und in wenigen Wochen würden sie ohnehin alle in die Villa Tazzini übersiedeln.

Am Vorabend ihrer Abreise nach Italien betrat Angel Sams Zimmer.

„Ich dachte, ich verabschiede mich jetzt schon von dir, da ich morgen sehr früh aus dem Haus muss.“ Sie ging zu ihm und küsste ihn sanft auf die Stirn.

Sam sah sie verwirrt an. „Wieso denn? Wo willst du denn hin?“

„Das habe ich dir doch schon erklärt“, erinnerte sie ihn liebevoll. „Ich fahre nach Italien, um das Haus für uns vorzubereiten, das Joe mir bei der Scheidung überlassen hat.“

„Was für ein Joe?“

„Joe ist …, war mein Mann.“

Er runzelte die Stirn. „Was ist denn aus Gavin geworden?“

„Wir haben uns vor langer Zeit getrennt, Sam, aber zerbrich dir darüber jetzt nicht den Kopf. Denk lieber daran, dass wir bald in ein wunderschönes Haus in Italien ziehen.“ Angel reichte ihm den Umschlag, den sie mitgebracht hatte. „Hier sind einige Fotos von dem Anwesen. Du kannst sie dir in Ruhe mit Roy und Frank anschauen, während ich weg bin, und sobald wie möglich hole ich euch nach, okay?“

„Warum gehst du weg?“, fragte Sam traurig.

Vittorio Tazzini zog seinen Freund Bruno in die Wohnung, kaum dass er ihm die Tür geöffnet hatte. „Hast du es dabei?“, verlangte er ungeduldig zu wissen.

Bruno machte ein skeptisches Gesicht. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, Vittorio. Du bist von der Sache ja geradezu besessen, und das ist nicht gut.“

„Natürlich bin ich besessen, was erwartest du? Zuerst macht sich mein angeblich bester Freund Leo klammheimlich aus dem Staub, nachdem ich mit meiner Unterschrift für seine Schulden gebürgt habe. Und dann taucht dieser verdammte Joe Clannan hier auf und macht sich meine verzweifelte Situation zunutze. Hätte ich das Geld nicht so schnell gebraucht, hätte ich den Kerl zum Teufel geschickt und das Gut zu fairen Bedingungen an jemand anderen verkauft.“ Angewidert ließ Vittorio den Blick durch den schäbigen Raum gleiten, der jetzt sein Zuhause war. „Dann wäre genug Geld übrig geblieben, um irgendwo neu anzufangen, und ich müsste nicht in diesem Loch hausen.“

Bruno versuchte, sich seine Besorgnis nicht anmerken zu lassen. Seit der Schulzeit war er mit Vittorio befreundet und kannte ihn durch und durch. Gewöhnt an die Weitläufigkeit der Villa Tazzini, wirkte die schlanke, hochgewachsene Gestalt seines Freundes in dieser Umgebung seltsam fehl am Platz. Unwillkürlich musste Bruno an ein wildes Tier denken, das man in einen zu engen Käfig gesperrt hatte. Früher oder später würde es durchdrehen

Mit seinen zweiunddreißig Jahren war Vittorio Tazzini eine faszinierende Erscheinung, wenn auch nicht attraktiv im konventionellen Sinn. Dazu waren seine asketisch wirkenden Züge zu ausgeprägt und der Ausdruck in seinen dunklen Augen zu finster. Die unregelmäßige Linie seiner Nase ließ viele vermuten, dass er sie sich einmal gebrochen hatte. Sein breiter, scharf geschnittener Mund zeugte von einem kompromisslosen Charakter, der ebenso leidenschaftlich lieben wie hassen konnte.

„Also, was ist?“, drängte er nun. „Haben dir deine Freunde in England die Aufnahme geschickt oder nicht?“

Mit sichtlichem Widerstreben griff Bruno in die Innenseite seines Jacketts und zog eine Videokassette hervor. „Es ist die Aufzeichnung einer Quizshow, in der sie mitgewirkt hat. Aber, ehrlich gesagt, ist mir nicht ganz wohl dabei. Von mir aus hasse diesen Clannan, wenn du nicht anders kannst, aber was hat sie damit zu tun?“

Vittorio verzog verächtlich die Lippen. „Sie ist seine Frau, das sagt doch wohl alles.“ Er nahm die Kassette und legte sie in einen alten Videorekorder ein, der in einer Ecke des Zimmers stand. Dann schenkte er zwei Gläser Wein ein und forderte Bruno mit einer Handbewegung auf, sich neben ihn auf das abgewetzte Sofa zu setzen.

Auf dem Bildschirm flimmerte es kurz, dann erschien das Gesicht des Moderators: „… begrüßen Sie die schöne … die hinreißende … ANGEL!“

Mit versteinerter Miene verfolgte Vittorio den Auftritt der atemberaubenden Blondine. Dabei entging ihm keine Einzelheit. Alles, was er sah, bestätigte nur das Bild, das er sich von ihr gemacht hatte: das kunstvolle Make-up, der sexy Schmollmund, das provozierende Kleid, das mehr von ihrem perfekten Körper enthüllte als verbarg …

Putana“, stieß er leise hervor.

„Jetzt mach aber mal einen Punkt!“, protestierte Bruno. „Sie mag mit einem Halsabschneider verheiratet sein, aber das macht sie noch lange nicht zur Hure.“

„Und du meinst, ein Ehering macht sie zu einer ehrbaren Frau?“

„Wahrscheinlich trägt sie ihn schon gar nicht mehr. Meine Freunde haben mir erzählt, dass sie in Scheidung lebt.“

„Dann hat sie mein Zuhause eben als Trennungsgeschenk verlangt. Soll ich mich jetzt besser fühlen?“

In diesem Moment lieferte Angel eine Kostprobe ihres unnachahmlichen Kicherns. Dabei legte sie die Fingerspitzen an die Lippen und blickte in die Runde, als wollte sie sagen: Ach, ich armes, kleines Dummchen

Widerwillig musste Vittorio ihr Anerkennung zollen. Jedes Wort, jede Geste – alles zielte gekonnt darauf ab, einen Mann schwachzumachen. Selbst er hatte ein leichtes Kribbeln verspürt, und das brachte ihn noch mehr in Rage.

Bruno war völlig hingerissen. „Mag sein, dass du mit deinen Vorwürfen recht hast“, meinte er. „Aber man weiß sofort, warum …“

„Du sagst es“, unterbrach Vittorio ihn kalt. „Man weiß sofort, warum.“

Mit einem leisen Knacken zerbarst das Weinglas in seiner Hand, doch er schien es nicht einmal zu bemerken. Denn seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Bildschirm konzentriert.

Und die schöne, provozierende Frau lachte, als hätte sie keine Sorgen auf dieser Welt.

Angel hätte in der Villa Tazzini anrufen und darum bitten können, dass jemand sie vom Flughafen abholte. Angesichts ihres neuen bescheidenen Lebensstils hielt sie es jedoch für passender, darauf zu verzichten.

Unabhängigkeit war eine gute Sache, doch bepackt mit zwei großen Koffern, einem Rucksack und einer schweren Reisetasche begann Angel bald, ihren spontanen Entschluss zu bereuen. Nach der Landung in Neapel fuhr sie mit dem Flughafenbus zum Bahnhof, wo sie Anschluss an den Zug nach Sorrento hatte. Dort angekommen, musste sie in den Bus nach Amalfi umsteigen, den sie beinah verpasst hätte, weil sie so lange brauchte, um sich mit dem vielen Gepäck zum Busbahnhof durchzukämpfen. Als sie sich endlich auf die Rückbank des Taxis sinken ließ, das sie zur Villa Tazzini brachte, fühlte sie sich wie gerädert.

Doch schon bald ließ die spektakuläre Landschaft sie alle Anstrengungen vergessen. Natürlich war ihr bekannt gewesen, dass die amalfitanische Küste zu den schönsten der Welt zählte. Vor ihrer Abreise hatte sie sich sogar mehrere Bildbände darüber besorgt, doch keiner davon hatte sie auf den atemberaubenden Anblick der steilen Klippen vorbereitet, die aus schwindelnder Höhe ins tiefblaue Meer zu stürzen schienen.

Fasziniert betrachtete Angel die kleinen weißen Dörfer, die wie an die Felswände geheftet wirkten. „Wie ist es nur möglich, dass sie nicht einfach ins Meer purzeln?“, fragte sie den Taxifahrer.

„Sie werden von einem großen Helden beschützt“, erklärte er stolz. „Der Legende nach liebte Herkules eine Nymphe namens Amalfi. Als sie starb, war er untröstlich. Er begrub sie hier und umgab ihr Grab mit riesigen Klippen, damit niemand ihren Frieden stören konnte. Doch die Fischer beklagten sich bitter bei ihm, weil sie nun nicht mehr aufs Meer hinausfahren und ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Darauf baute Herkules ihnen Dörfer auf den Klippen und schwor, dass er immer für ihre Sicherheit sorgen würde. Und dieses Versprechen hat er bis heute gehalten.“

Angel fiel es nicht schwer, die bezaubernde Geschichte zu glauben. Was sonst könnte dieses architektonische Wunder erklären?

„Die Villa Tazzini befindet sich oberhalb der Klippen“, teilte ihr der Fahrer mit. „Von dort aus zieht sich die Zitronenplantage Richtung Meer den Hang hinunter.“

„Sind die Zitronen gut?“

„Die Besten, Signora. Sämtliche Limoncello – Hersteller reißen sich darum.“

Angel warf ihm einen verständnislosen Blick zu. „Was in aller Welt ist Limoncello?“

„Das wissen Sie nicht?“ Der Fahrer lächelte genießerisch. „Es ist ein Likör aus Zitronen und Wodka, der direkt aus dem Paradies kommt. Warten Sie, gleich können Sie die Plantage sehen.“ Er lenkte den Wagen um eine scharfe Kurve und deutete nach vorn.

Der Anblick war atemberaubend. Es war, als hätte jemand einen gigantischen Korb voller weißer Blüten über der Klippe ausgeleert. Wie winzige Sterne ergossen sie sich über die Hänge und leuchteten beinah überirdisch in der Sonne. Es war ein unbeschreiblich schönes Bild, das sich für immer in Angels Herz einprägte.

Als der Fahrer sie informierte, dass sie bald da sein würden, zog sie einen Taschenspiegel heraus und frischte ihr Make-up auf. Sie freute sich schon jetzt darauf, in Zukunft nicht mehr so viel Zeit auf ihr Aussehen verwenden zu müssen, doch es war ihr wichtig, bei ihrem ersten Auftreten als neue Eigentümerin des Tazzini-Besitzes einen guten Eindruck zu machen.

Sie bogen von der Hauptstraße ab und hielten zehn Minuten später vor einem großen schmiedeeisernen Tor. Es war unverschlossen, sodass der Fahrer es aufziehen und ungehindert hindurchfahren konnte.

Dann kam die Villa in Sicht. Drei Stockwerke hoch und aus blassgrauem Stein erbaut, war sie in ihrer Schlichtheit ungemein eindrucksvoll. An der Außenseite führte eine Treppe zum zweiten Stock hinauf, der rundum von einem überdachten Balkon umgeben war. Einige Details am unteren Teil des Gebäudes erregten Angels Aufmerksamkeit. Kaum war sie aus dem Taxi gestiegen, nahm sie sie näher in Augenschein und stellte fest, dass es sich um einen Wandbrunnen und verschiedene Wasserspeier in Form steinerner Tierköpfe handelte. Unwillkürlich musste sie lächeln.

Sie ging die drei Steinstufen hinauf, die zum Haupteingang führten. Auch hier waren die breiten Flügeltüren nur angelehnt, und sie betrat mit klopfendem Herzen eine weitläufige Halle. Trotz ihrer Größe wirkte sie erstaunlich anheimelnd. Der Boden war mit dunkelroten Steinfliesen ausgelegt, und ein Bogengang am gegenüberliegenden Ende schien sie förmlich zum Eintreten einzuladen. Ein seltsam wohliges Gefühl durchflutete Angel. Es war, als wollte das Haus sie willkommen heißen.

Sie bezahlte den Fahrer, der ihr mit dem Gepäck gefolgt war, und lehnte dankend sein Angebot ab, ihr die Sachen nach oben zu tragen. Dies waren die ersten kostbaren Minuten in ihrem neuen Zuhause, und die wollte sie allein genießen.

Langsam stieg sie die Treppe hinauf, die von der Halle nach oben führte. Auf halber Höhe befand sich ein geöffnetes Fenster, von dem aus sich ein freier Blick übers offene Meer bot. Unglaublich blau breitete sich die glitzernde Wasserfläche unter einem wolkenlosen Himmel aus. Eine Weile stand Angel einfach nur da, atmete die reine Luft ein und genoss die Stille.

Wann hatte sie zuletzt Stille gehört?

Wie lange hätte sie das hektische Leben, das sie bisher geführt hatte, noch durchgehalten, wäre sie jetzt nicht hierhergekommen?

Seufzend schob Angel die müßigen Fragen beiseite und stieg die restlichen Stufen hinauf. Trotz der Hitze war es dank der dicken Steinmauern im Haus wohltuend kühl. Sie erreichte einen breiten Treppenabsatz, der zu einem Korridor führte, von dem zu beiden Seiten mehrere Türen abgingen. Eine davon war eine Doppeltür. Das war sicher das Schlafzimmer der ehemaligen Besitzer und somit auch ihr künftiges privates Reich.

Erwartungsvoll stieß Angel beide Flügel auf und trat ein.

Die hölzernen Läden vor den Fenstern waren zugezogen, nur einer war ein wenig geöffnet. Ein Mann stand davor und spähte durch den Spalt nach draußen.

Zuerst konnte Angel kaum etwas erkennen, nur dass er groß und schlank war. Sobald ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie, dass er ausgeblichene Jeans, ein altes Arbeitshemd und staubige, abgewetzte Schuhe trug.

Vermutlich der Gärtner, überlegte sie. Aber was tat er hier? Und warum hatte er sie nicht kommen hören? Offenbar war er völlig in Gedanken versunken. Um sich bemerkbar zu machen, räusperte sie sich vernehmlich.

Der Fremde wirbelte herum.

„Wer sind Sie?“, riefen beide gleichzeitig auf Italienisch.

Unwillkürlich musste Angel lachen, dann erklärte sie ihm, wer sie war, und entschuldigte sich für ihr unangemeldetes Erscheinen.

Der Mann öffnete den Fensterladen ein Stück weiter, worauf ein kegelförmiger Lichtstrahl in den Raum fiel, der Angel wie ein Scheinwerfer erfasste. Während sie sich dem Unbekannten näherte, spürte sie, dass eine innere Anspannung von ihm ausging, die mit jedem ihrer Schritte stärker zu werden schien.

„Sie sind also Signora Clannan“, stellte er mit ausdrucksloser Miene fest. „Wir wussten natürlich alle, dass sie kommen würden, wenn auch nicht genau, wann. Aber ich nehme an, Sie haben dieses Detail absichtlich für sich behalten.“ Er lachte spöttisch. „Sehr clever von Ihnen. Wer weiß, bei welchen Schandtaten Sie uns hätten ertappen können.“

Noch nie war Angel einem Mann begegnet, der so hart und unnachgiebig aussah. Nicht nur sein Gesicht, seine ganze imponierende Gestalt strahlte es aus. Und dann die Art, wie er die Arme vor der Brust verschränkte … Ebenso gut hätte er sie mit einem Schwert abwehren können.

„Ich hatte nicht die Absicht, irgendjemanden zu ertappen“, stellte sie ruhig klar, obwohl es ihr schwerfiel, gelassen zu bleiben. „Es war eine spontane Entscheidung.“

„Sie hätten wenigstens vom Flughafen aus anrufen und Berta informieren können. Sie ist hier die Haushälterin, und zwar eine überaus tüchtige. Jetzt wird sie sich Vorwürfe machen, weil sie nichts vorbereitet hat. Finden Sie nicht, sie hätte eine bessere Behandlung verdient?“

Angel verspürte einen Anflug von Gewissensbissen, doch ihre Empörung gewann die Oberhand. Was fiel diesem Menschen ein, so mit ihr zu reden?

„Hören Sie“, sagte sie mühsam beherrscht, „ich vermute, Sie sind einer der Angestellten hier, also lassen Sie mich gleich eines klarstellen: Einen solchen Ton dulde ich nicht. Jedenfalls nicht, wenn Sie weiter für mich arbeiten wollen.“

„Tatsächlich?“ Er verzog höhnisch die Lippen. „Dann kann ich mich ja glücklich schätzen, dass ich nicht für Sie arbeite, sonst würde ich jetzt vor Angst schlottern.“

Seine Dreistigkeit verschlug Angel die Sprache. „Wenn Sie keiner meiner Angestellten sind, haben Sie kein Recht, sich hier aufzuhalten“, erklärte sie kalt. „Also verschwinden Sie.“

Der Mann wurde eine Spur blasser. „Das stimmt“, gab er zu. „Ich habe kein Recht dazu. Nicht mehr.“

„Was meinen Sie damit?“

„Ich bin Vittorio Tazzini, der frühere Besitzer dieses Anwesens.“

2. KAPITEL

„Sie?“ Angel gab sich keine Mühe, ihre Ungläubigkeit zu verbergen.

„Genau“, bestätigte er verbittert. „Eine Vogelscheuche wie ich. Dies war einmal mein Schlafzimmer, und ich wollte etwas holen, das ich hier vergessen habe. Hätte ich allerdings gewusst, dass heute die neue padrona eintrifft, wäre ich rechtzeitig verschwunden und hätte Sie nicht belästigt.“

Es war nichts Neues für Angel, dass man sie anstarrte. Seit Jahren betrachteten die Männer sie mit unverhohlener Begierde. Insgeheim hatte es sie immer abgestoßen, aber sie hatte damit umgehen können. Die tiefe Verachtung im Blick dieses Mannes brachte sie jedoch völlig aus dem Konzept.

„Es gibt keinen Grund, so melodramatisch zu werden“, bemerkte sie kühl, um ihre Unsicherheit zu kaschieren.

„Ich stelle nur die Tatsachen fest. Sie sind doch die neue padrona, der jetzt alle zu Diensten sein müssen, oder etwa nicht?“

„Versuchen Sie, mir ein schlechtes Gewissen zu machen?“

„Nein, denn ich glaube nicht, dass Sie zu Schuldgefühlen neigen.“

„Hören Sie, so funktioniert das nicht. Ich bin schon mit ganz anderen Männern als Ihnen fertiggeworden.“

„Das kann ich mir vorstellen. Ich frage mich allerdings, was Sie hier tun wollen. Ich wette, Sie haben noch keinen Gedanken daran verschwendet, was aus der Plantage werden soll.“ Er lachte hart auf. „Aber warum sollten Sie auch? Mit den üppigen Unterhaltszahlungen, die sie zweifellos jeden Monat erhalten, brauchen Sie sich mit solchen Bagatellen natürlich nicht abzugeben.“

In Angels Augen blitzte es streitlustig auf. „Nicht, dass es Sie irgendetwas anginge, aber ich habe vor, mir hier meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Soweit ich gehört habe, ist der Besitz profitabel. Jeder versichert mir, dass die Tazzini – Zitronen konkurrenzlos sind.“

Vittorio musterte sie spöttisch. „Sie haben also von den Zitronen gehört, und jetzt glauben Sie, Sie wüssten Bescheid?“

„Ich habe auch von Limoncello gehört.“

„Ihr Wissen ist wirklich imponierend. Dann können Sie mir bestimmt auch sagen, welche Sorte Zitronen wir hier anbauen.“

„Zitronen sind Zitronen, oder nicht?“

„Natürlich. Wie dumm von mir, nicht daran zu denken.“

„Hören Sie …“

„Zitronen sind, wie Sie so fachkundig feststellten, Zitronen. Aber sind es Meyer – Zitronen, Eureka – Zitronen oder Lisbon-Zitro…“

„Schon gut“, fiel Angel ihm ungehalten ins Wort. „Ich wusste nicht, dass es mehr als eine Sorte gibt.“

„Nein, und Sie wissen auch nicht, welche Sorte die beste für Limoncello ist. Tatsache ist, dass Sie gar nichts wissen.“

„Ich habe ja auch nicht die Absicht, mich selbst darum zu kümmern. Ich werde jemanden einstellen, der weiß, was zu tun ist. Im Grunde müsste doch schon eine geeignete Fachkraft hier sein, oder?“

Vittorio lächelte süffisant. „Zurzeit arbeitet nur Rico hier. Er ist fleißig und zuverlässig, aber leider muss man ihm jeden Handgriff erklären.“

„Wollen Sie behaupten, dass es hier niemanden gibt, der Bescheid weiß?“

„Der Einzige, der hier Bescheid weiß, bin ich. Besser gesagt, ich war es, bis Sie mir mein Zuhause weggenommen haben.“

„Das ist doch …“ Angel fragte sich, ob der Mann verrückt geworden war. „Das ist absurd!“, stieß sie hervor. „Ist es etwa meine Schuld, dass Sie beschlossen haben zu verkaufen?“

Vittorio setzte zu einer heftigen Erwiderung an, doch dann presste er die Lippen zusammen und sagte nur: „Da Sie offenbar die Zusammenhänge nicht kennen, sollten Sie sich jeden Kommentar dazu sparen.“

„Dann hören Sie auf, mich zu beschuldigen. Ich habe Ihnen ihr Zuhause jedenfalls nicht weggenommen.“

„Nein, das hat Ihr Mann erledigt. Sie sind nur die Besitzerin.“

„Das macht mich wohl kaum zu einer Kriminellen.“ Angel zwang sich, tief durchzuatmen, und schlug einen versöhnlichen Tonfall an. „Hören Sie, Signor Tazzini, ich will mich weder mit Ihnen noch sonst jemandem streiten, sondern einfach nur in Ruhe hier ankommen, okay?“

„Natürlich.“ Mit eisiger Miene ging er zur Tür. „Willkommen in Ihrem neuen Heim. Ich informiere das Personal, dass Sie da sind.“

Angel sah ihm nach, wie er hinausging, und bedauerte es, keinen passenden Gegenstand zur Hand zu haben, den sie ihm hinterherwerfen konnte. Er hatte ihr die ersten kostbaren Momente ihrer Ankunft verdorben. Alles war friedvoll und schön gewesen, bis sie ihn hier vorgefunden hatte – lauernd wie ein Raubtier, als hätte er ihr eine Falle stellen wollen. Die Vernunft sagte ihr, dass es nur ein Zufall gewesen war, doch in diesem Moment war sie nicht in der Stimmung, vernünftig zu sein.

Sie ging von Fenster zu Fenster und stieß die Läden weit auf. Das warme Sonnenlicht, das nun ungehindert hereinströmte, war Balsam für ihre Seele und vertrieb ihre düstere Stimmung. Nun hatte sie erstmals Gelegenheit, das Zimmer genauer zu betrachten. Es gab ein breites Bett aus geschnitztem Walnussholz, einen Nachttisch mit einer auffallend schönen antiken Lampe, zwei Schränke, die in den Freiräumen zwischen den Fenstern standen, und eine große Kommode an der gegenüberliegenden Wand.

Das war es.

Und doch fühlte Angel sich hier sofort wohl. Von der extremen Einfachheit des Raums ging etwas ungemein Friedvolles aus. Neugierig öffnete sie einen der Schränke. Er war leer, nur einige Drahtbügel hingen einsam an der Kleiderstange. Unwillkürlich musste sie lächeln, als sie an die satinüberzogenen Kleiderbügel dachte, auf denen sie früher ihre elegante Garderobe aufgehängt hatte. Eine genauere Inspektion ergab, dass das Möbelstück ziemlich reparaturbedürftig war. Es hatte sogar ein Loch im Boden, und als Angel sich darüberbeugte, sah sie etwas Grünes darunter aufblitzen. Sie fuhr mit der Hand unter den Schrank und zog ein kleines Adressbuch hervor. War es das, wonach Vittorio Tazzini gesucht hatte? Vermutlich war es aus einer seiner Hosentaschen gerutscht und durch das Loch auf den Fußboden gefallen.

Plötzlich hörte sie eine Frauenstimme. Sie klang besorgt, fast den Tränen nah. Eine männliche Stimme, die Angel als die von Vittorio Tazzini erkannte, erwiderte irgendetwas Tröstendes. Die Stimmen kamen näher. Angel hatte gerade noch Zeit, sich wieder aufzurichten und ihren Rock glatt zu streichen, bevor eine füllige Frau mittleren Alters hereinkam. Vittorio hatte ihr den Arm um die Schultern gelegt, als wollte er sie beschützen.

„Das ist Berta“, stellte er Angel die Frau auf Englisch vor. „Leider beherrscht sie Ihre Sprache nur sehr schlecht, und nun befürchtet sie, dass das gegen sie sprechen könnte.“

„Das ist doch Unsinn.“ Insgeheim drückte Angel sich die Daumen, dann wandte sie sich an Berta und sagte langsam auf Italienisch: „Berta, es tut mir leid, dass ich Sie wegen meines Kommens nicht vorgewarnt habe. Es war unhöflich von mir, und ich bedaure die Aufregung, die ich dadurch verursacht habe.“

Darauf ging ein breites Lächeln über Bertas Gesicht. „Wenn Sie mir in die Küche folgen wollen, koche ich Ihnen einen schönen Kaffee, signora“, erwiderte sie ebenso langsam. „In der Zwischenzeit wird Ihr Zimmer hergerichtet.“

Unten angekommen, stellte Angel fest, dass Ihre Ankunft einigen Wirbel ausgelöst hatte. Mehrere Hausangestellte machten sich an ihrem Gepäck zu schaffen und begannen, es nach oben zu tragen. Allerdings nicht, ohne vorher der neuen padrona neugierige Blicke zuzuwerfen.

Angel spürte das allgemeine Unbehagen, und es schnitt ihr ins Herz. Ganz sicher war sie nicht hierhergekommen, um irgendjemanden zu verletzen oder in Verlegenheit zu bringen. Als Berta ihr den Kaffee servierte, dankte Angel ihr mit ihrem wärmsten Lächeln. „Der duftet köstlich, Berta!“, schwärmte sie. „Ich bin sicher, dass wir wunderbar miteinander auskommen werden.“

Berta nickte nur, doch ihre Miene wirkte schon deutlich zufriedener.

„Ach, übrigens …“ Angel hielt Vittorio das Adressbuch hin. „Haben Sie vielleicht danach gesucht?“

„Ja, danke.“ Vittorio nahm es an sich und steckte es ein. „Wo haben Sie es gefunden?“

„Unter einem der Kleiderschränke. Offenbar ist es durch ein Loch im Schrankboden gefallen.“

Berta schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Die Möbel befinden sich in einem furchtbaren Zustand. Sie werden sich doch hoffentlich bald darum kümmern, oder?“

Zu Angels Überraschung war nun die Frage an Vittorio gerichtet. „Wie meinen Sie das?“, erkundigte sie sich. „Nachdem Signor Tazzini sein Eigentum wiedergefunden hat, dürfte er wohl keinen Grund mehr haben, noch einmal hierherzukommen.“

Berta warf Vittorio einen bestürzten Blick zu. „Aber …, haben Sie es ihr denn nicht gesagt?“

Was gesagt?“ Ein ungutes Gefühl beschlich Angel.

„Ich wollte nur … Ich meine, Sie wissen doch nichts über diesen Besitz, und da der padrone so viel weiß …“ Berta verstummte hilflos.

„Bitte lassen Sie uns einen Moment allein“, bat Vittorio sie ruhig.

„Si, padrone.“

Es war das Wort padrone, das Angel den Rest gab. Offenbar betrachtete Berta ihn noch immer als den eigentlichen Herrn des Hauses. Die Art, wie sie seiner Aufforderung nachgekommen und gehorsam aus der Küche geschlüpft war, unterstrich diese ärgerliche Tatsache noch.

„Erklären Sie mir doch bitte, was hier vorgeht“, forderte Angel ihn kühl auf. „Ich habe den Eindruck, dass Sie hier einige Entscheidungen getroffen haben, von denen ich nichts weiß. Vielleicht wäre es ja angebracht, mich jetzt darüber zu informieren.“

„Ganz einfach“, eröffnete Vittorio ihr unverblümt. „Sie brauchen einen Gutsverwalter. Einen Experten für Zitronenanbau, und dafür komme nur ich infrage. Allein haben Sie nicht die geringste Chance, es zu schaffen, das haben Sie bereits bewiesen.“

„Das ist eine unverschämte …“

„Sehen Sie doch den Tatsachen ins Auge“, unterbrach er sie rüde. „Was wissen Sie denn über Zitronen? Wie oft müssen sie bewässert werden? Wie oft blühen sie? Ohne genaue Fachkenntnisse wird die nächste Ernte garantiert ein Fehlschlag. Und ich habe nicht viele Jahre harter Arbeit investiert, um dabei zuzusehen, wie Sie alles ruinieren.“

„Falls das Ihre Art ist, mich um einen Job zu bitten, haben Sie es denkbar unklug angefangen.“

Vittorio schüttelte langsam den Kopf. „Sie verstehen mich nicht. Ich bitte Sie nicht um einen Job, sondern biete Ihnen an, Ihnen meine Kenntnisse zur Verfügung zu stellen. Und wenn Sie klug sind, nehmen Sie das Angebot an. Sie haben nämlich gar keine andere Wahl.“

„Das sehe ich anders. Oder wollen Sie mir erzählen, dass Sie und der unselbstständige Gärtner, den Sie erwähnt haben, das ganze Anwesen allein bewirtschaftet haben?“

„Nein, ich hatte insgesamt vier Gärtner beschäftigt, aber außer Rico haben alle gekündigt, als das Gut verkauft worden ist.“

„Also haben alle drei ganz plötzlich diese Entscheidung getroffen?“

„So ist es.“

„Was für ein erstaunlicher Zufall“, bemerkte Angel ironisch. „Da fragt man sich doch unwillkürlich, wie es dazu gekommen ist.“

„Wollen Sie damit andeuten, ich hätte sie aus Rachsucht dazu ermutigt?“

„Das scheint mir ziemlich offensichtlich zu sein.“

Vittorio trat so unerwartet vor sie, dass sie erschrocken zurückwich, bis sie die Wand im Rücken spürte. „Jetzt hören Sie mir mal gut zu“, sagte er gefährlich sanft. „Offenbar ist es an der Zeit, einige Dinge klarzustellen.“

„Dieses Gespräch ist beendet, Signor Tazzini“, erklärte Angel scharf und versuchte, seitlich an ihm vorbeizukommen, doch Vittorio stützte sich mit beiden Händen an der Wand ab, sodass sie zwischen seinen Armen gefangen war.

„Dieses Gespräch ist beendet, wenn ich es beschließe. Und das wird erst der Fall sein, wenn Sie sich angehört haben, was ich Ihnen zu sagen habe.“

„Geben Sie mir auf der Stelle den Weg frei!“

Vittorio erwiderte mit unbewegter Miene ihren Blick. „Wollen Sie mich dazu zwingen? Versuchen Sie es.“

Es wäre lächerlich gewesen, das zu tun. Obwohl er sie nicht berührte, spürte Angel die stählerne Kraft, die von ihm ausging. Jeder Versuch, es mit ihm aufzunehmen, hätte in einem würdelosen Gerangel geendet.

Vittorio ließ sie nicht aus den Augen, und es kam Angel vor, als könnte er jeden ihrer Gedanken lesen. Nun verzog er die Lippen zu einem raubtierhaften Lächeln. „Sie werden mir jetzt ruhig zuhören, und sobald ich sicher bin, dass Sie mich verstanden haben, lasse ich Sie gehen.“

„Dann bringen Sie es endlich hinter sich“, forderte Angel ihn mit zusammengebissenen Zähnen auf.

„Also gut“, begann er. „Sie haben mir unterstellt, ich wolle diesen Besitz ruinieren, weil ich Sie verachte. Offenbar haben Sie nicht die geringste Vorstellung davon, wie viel Herzblut ich in dieses Gut gesteckt habe, sonst wäre Ihnen klar, dass ich eher zur Hölle fahren würde, als irgendetwas zu tun, um ihm zu schaden. Mich derartig kleingeistiger Bosheit zu beschuldigen ist eine Beleidigung, die ich nicht hinnehmen werde. Sie und Ihr ehrenwerter Gatte hatten die Arroganz, hier aufzutauchen und alles an sich zu reißen, ohne eine Ahnung zu haben, wie es hier läuft. Deswegen haben die Gärtner gekündigt. Weil sie fähige Männer sind, die es nicht nötig haben, ihre Dienste an irgendwelche aufgeblasenen Ignoranten zu verkaufen. Sie glauben, ich hätte sie vertrieben? Irrtum, ich habe sogar versucht, sie zum Bleiben zu überreden. Nicht Ihretwegen, sondern für das Gut und alles, was hier wächst und liebevolle Pflege benötigt – Dinge, die wichtiger sind als persönlicher Stolz, sei es Ihrer oder meiner …“

Für einen Moment schien Vittorio mit seinen Gedanken weit weg zu sein. Dann riss er sich zusammen und fügte hinzu: „Nur damit wir uns klar verstehen: Ich bin nicht der Typ, der sich irgendwelche niederträchtigen Sabotageakte ausdenkt. Reden Sie also nie wieder so mit mir, oder Sie werden es bereuen.“

„Und Sie glauben, Sie könnten mich durch Drohungen dazu bringen, Sie einzustellen?“

„Sie brauchen mich, verdammt noch mal! Haben Sie das denn immer noch nicht begriffen?“

„Verschwinden Sie von meinem Besitz, und lassen Sie sich nie wieder hier blicken“, sagte Angel kalt. Sie wusste selbst nicht, woher sie die Kraft dazu nahm. Ihr Herz hämmerte wie wild, und ihre Knie fühlten sich so weich an, dass sie sich kaum noch aufrecht halten konnte.

Sekundenlang schien es, als würde Vittorio die Beherrschung verlieren, doch im letzten Moment bekam er sich wieder in den Griff. Ein Schauer durchlief ihn, und er ließ die Hände sinken, als hätte ihn plötzlich all seine Energie verlassen.

„Sie haben recht“, stimmte er ihr bitter zu. „Dies ist jetzt Ihr Besitz, und ich wünsche Ihnen viel Glück damit.“ Er warf ihr einen letzten feindseligen Blick zu. Dann drehte er sich um und verschwand.

Nach diesem verstörenden Vorfall hatte Angel mit einer unruhigen Nacht gerechnet, doch zu ihrer Überraschung schlief sie tief und fest. Als sie erwachte, war die Sonne noch nicht aufgegangen. Sie ging ans Fenster und stieß die hölzernen Läden auf. Das Meer lag so still da, dass es beinah etwas Unwirkliches hatte.

Perfekt, dachte sie und lächelte.

Beinah perfekt …

Das Haar in der Suppe war Vittorio Tazzini. Ein gefährlicher Mann, der auf eine Weise gegen sie eingenommen war, die Angel nicht verstehen konnte. Sicher, sie besaß jetzt das Anwesen, das einmal ihm gehört hatte, aber sie hatte es schließlich nicht gestohlen. Vielleicht hatte er nicht verkaufen wollen, sondern war wegen Schulden dazu gezwungen gewesen. Aber wieso tat er so, als wäre es ihre Schuld?

Der Mann war ihr ein Rätsel, doch sie war fest entschlossen, sich nicht von ihm einschüchtern zu lassen. Sie hatte ihn bereits des Hauses verwiesen, nun musste sie ihn nur noch aus ihren Gedanken verbannen.

Aber das war gar nicht so einfach.

Vittorio Tazzini besaß jene Art von Präsenz, die man unmöglich ignorieren konnte. Dabei war er keineswegs attraktiv, jedenfalls nicht im landläufigen Sinn. Außerdem ging eine dunkle innere Kraft von ihm aus, die weder Verzeihen noch Nachsicht zu kennen schien. Nur ein Dummkopf würde sich diesen Mann zum Feind machen.

Dennoch hatte Angel keine Angst vor ihm, im Gegenteil.

Die Männer, mit denen sie in den vergangenen Jahren Kontakt gehabt hatte, schienen sich im Rückblick wie ein Ei dem anderen zu gleichen. Alle verfügten über ein gewandtes Auftreten, waren Meister des Small Talks und nie um bedeutungslose Komplimente verlegen. Alle schienen sie aus derselben nichtssagenden Form gegossen worden zu sein, ob es sich nun um Fotografen, Fernsehproduzenten, zweitklassige Schauspieler oder Models handelte. Ihren Mangel an Persönlichkeit verbargen sie hinter durchgestylten Outfits und strahlendem Zahnpastalächeln, und es war ihnen zur zweiten Natur geworden, sich in jeder Situation wirkungsvoll in Szene zu setzen. Schließlich könnte ja eine Kamera in der Nähe sein.

Angel hatte schon fast vergessen, was echte Männlichkeit bedeutete, bis dieser unwirsche, abweisende Mann sie daran erinnert hatte. Weit entfernt davon, ein Meister schöner Worte zu sein, nannte er die Dinge mit einer Direktheit beim Namen, was zwar ans Beleidigende grenzte, aber doch zumindest von Aufrichtigkeit zeugte. So seltsam es auch sein mochte – die Begegnung mit ihm hatte sie in eine unerklärliche Hochstimmung versetzt.

Sie brauchte nur die Augen zu schließen, um ihn wieder vor sich zu sehen, wie er sie zwischen seinen muskulösen Armen gefangen hielt. Obwohl er sie nicht ein einziges Mal berührt hatte, glaubte sie, seine Hände auf ihrem Körper zu spüren, und …

Hör auf damit, Angel! befahl sie sich und schob energisch die unerwünschten Fantasien beiseite. Ein Blick auf den Wecker verriet ihr, dass es erst halb sechs war; also beschloss sie, noch einmal ins Bett zu gehen.

Kaum war sie zwischen die nach Lavendel duftenden Laken geschlüpft, schlief sie wieder ein, aber dieses Mal hatte sie einen merkwürdigen Traum. Sie hörte Schritte, die sich langsam von ihr entfernten, und wusste, dass etwas Schreckliches geschehen würde, wenn es ihr nicht gelang, sie aufzuhalten. Noch bevor sie etwas unternehmen konnte, wachte sie auf.

Nach dem Frühstück nahm Angel unter Bertas Führung die Villa in Augenschein. Anfangs gab die Haushälterin sich noch sehr zugeknöpft, doch angesichts Angels unbeirrbarer Freundlichkeit taute sie zusehends auf. Angel ihrerseits verliebte sich immer mehr in das Haus. Es war zwar nicht zu übersehen, dass es einmal bessere Tage gesehen hatte, doch gerade der verblichene Glanz vergangener Pracht übte einen besonderen Reiz auf sie aus.

An einigen Wänden waren noch wunderschöne Fresken erhalten, an denen sie sich nicht sattsehen konnte. Während sie hingerissen jedes Detail studierte, rief Angel sich alles ins Gedächtnis, was sie je über Kunstgeschichte gelernt hatte.

„Ein Graf ließ die Villa vor vierhundert Jahren für seinen Sohn erbauen“, erklärte Berta ihr. „Eine Weile wurde sie innerhalb der Familie vererbt, doch es ist schon lange her, seit hier zuletzt jemand mit einem Adelstitel gelebt hat.“

Angel hätte sie gern gefragt, warum Vittorio sich entschlossen hatte, den Besitz zu verkaufen, verzichtete jedoch darauf, da Berta es ihm mit Sicherheit berichtet hätte. Lieber hätte sie sich die Zunge abgebissen, als ihn wissen zu lassen, dass er ihre Neugier erregt hatte.

Nachdem sie ihren Rundgang beendet hatten, stand für Angel fest, wo sie Sam und seine beiden Pfleger unterbringen würde. Im Erdgeschoss befand sich eine Zimmerflucht, die sich ideal dafür eignete. Sam würde keine Treppen steigen müssen und könnte von seinem Zimmer aus direkt in den Garten blicken. Außerdem hätte er Frank und Roy in unmittelbarer Nähe. Vorläufig teilte Angel Berta jedoch nur mit, dass die Räume gründlich sauber gemacht werden mussten. Genauere Erklärungen konnten warten, bis sich das Vertrauensverhältnis zwischen ihnen gefestigt hatte.

In den folgenden Tagen unternahm Angel lange Spaziergänge, um den Rest des Gutes zu erkunden, das sich als viel größer herausstellte, als sie erwartet hatte. Außer der Zitronenplantage gab es einen weitläufigen Garten, der sich von den Klippen landeinwärts erstreckte. Er war stufenförmig angelegt, und die verschiedenen Ebenen waren durch kurze Steintreppen miteinander verbunden. Alle nur erdenklichen Blumensorten waren hier vertreten – Rosen, Geranien, Magnolien, prachtvolle Bougainvilleen und zahllose andere Arten, deren Namen Angel nicht bekannt waren. Es gab Springbrunnen mit Wasserlilien und Gewächshäuser mit tropischen Pflanzen. Rico erklärte ihr, dass alles nach einem genau durchdachten Plan angelegt war, sodass jeden Monat etwas anderes blühte.

Angel wurde schnell klar, warum Rico als einziger Gärtner hiergeblieben war. Wie Vittorio bereits erwähnt hatte, war er sehr liebenswert und hilfsbereit, doch leider etwas schwerfällig im Denken. Er hatte die gesamten dreiundzwanzig Jahre seines bisherigen Lebens auf diesem Gut verbracht und traute sich offenbar nicht zu, außerhalb seiner vertrauten Welt zurechtzukommen. Einmal beobachtete Angel ihn, ohne dass er es bemerkte. Er blickte ratlos um sich und fragte sich offenbar, wie er all die Arbeit allein bewältigen sollte.

Angel ging es nicht anders, und allmählich beschlich sie der unangenehme Verdacht, dass Vittorio Tazzini sich heimlich über sie ins Fäustchen lachte.

Eines Nachmittags spazierte sie allein an den Klippen entlang und genoss den Anblick des tiefblauen, in der Sonne glitzernden Meers. Nach einer Weile blieb sie stehen und lehnte sich vorsichtig über das eiserne Geländer. Tief unter ihr lag der Strand. Die Boote und bunten Sonnenschirme sahen wie Spielzeug aus, und die Menschen wirkten kaum größer als Ameisen.

Fasziniert beugte Angel sich etwas weiter vor, als sie spürte, wie plötzlich die Erde unter ihren Füßen nachgab. Noch bevor sie zurücktreten konnte, löste sich ein weiterer Erdbrocken, sodass sie das Gleichgewicht verlor und hilflos unter dem Geländer hindurchschlitterte. Auf der Suche nach einem Halt ruderte sie wild mit den Armen. Zuerst griff sie nur ins Leere, dann berührten ihre Finger Metall. Blindlings klammerte sie sich daran fest, und kurz darauf gelang es ihr, die teilweise herausgebrochene Geländerstange auch mit der anderen Hand zu umfassen. Ihre anfängliche Erleichterung schlug jedoch in Panik um, als sie begriff, dass sie nun über einem tiefen Abgrund hing. Sie schrie aus Leibeskräften um Hilfe, doch der Wind riss ihr die Worte von den Lippen und brachte keine Antwort.

Kein Mensch ahnte auch nur, in welch verzweifelter Situation sie sich hier befand, und es war äußerst unwahrscheinlich, dass man sie vom Strand aus sehen geschweige denn hören konnte. Selbst wenn jemand sie bemerkte, würde es einige Zeit dauern, hier heraufzugelangen.

Und wie lange sie durchhalten konnte, wusste sie nicht.

3. KAPITEL

„Hilfe …!“, rief Angel wieder, und dieses Mal war es ein lang gezogener, qualvoller Schrei.

„Bleiben Sie ganz ruhig, ich bin gleich bei Ihnen.“

Hatte sie die Worte wirklich gehört, oder halluzinierte sie bereits? „Hier bin ich!“, keuchte sie, fast verrückt vor Hoffnung und Angst.

Keine Antwort.

Also hatte sie sich getäuscht. Niemand kam ihr zu Hilfe, und schon bald würde sie zerschmettert am Fuß der Klippen liegen.

Verzweifelt hob Angel den Kopf und sah zu ihrer unendlichen Erleichterung Vittorio Tazzinis Gesicht über ihr auftauchen. Er lag flach auf dem Boden und streckte beide Arme nach ihr aus.

„Keine Panik“, rief er ihr zu. „Gleich habe ich Sie.“ Er rutschte ein Stück weiter nach vorn, packte dann erst ihr eines, dann das andere Handgelenk. „Jetzt müssen Sie das Geländer loslassen“, instruierte er sie.

„Nein! Ich kann nicht …“

„Aber Sie müssen es tun. Solange Sie sich festhalten, kann ich Sie nicht hochziehen. Vertrauen Sie mir.“

Doch Angels Finger weigerten sich, ihr zu gehorchen. Während sie noch versuchte, die Befehlsgewalt über ihre Muskeln zurückzuerlangen, hörte sie ein bedrohlich knirschendes Geräusch über sich. Kurz darauf prasselten Erdklumpen und Steine herab. Als Angel erneut nach oben blickte, sah sie zu ihrem Entsetzen ein großes Loch unter Vittorios Oberkörper klaffen.

„Was soll ich jetzt tun?“, schrie sie in heller Panik. „Sie haben ja kaum noch Boden unter sich.“

„Kümmern Sie sich nicht darum“, befahl Vittorio ihr. „Vertrauen Sie mir einfach. Lassen Sie das Geländer los. Jetzt!

Angel schickte ein Stoßgebet zum Himmel und tat, was er ihr gesagt hatte. Im selben Augenblick schlossen sich seine Finger noch fester um ihre Handgelenke. Langsam zog Vittorio sie nach oben, während er sich immer weiter zurückbewegte, bis er eine Stelle erreicht hatte, die sicher genug war, um sich hinzuknien. Die enorme Anstrengung stand ihm deutlich im Gesicht geschrieben. „Nur noch ein kleines Stück“, keuchte er und lehnte sich mit aller Kraft nach hinten.

Angel rutschte durch die Lücke unter dem Geländer, dann spürte sie endlich wieder festen Boden unter sich. Sie war in Sicherheit. Doch noch vermochte sie nichts gegen das unkontrollierbare Zittern auszurichten, das ihren ganzen Körper erfasste. „Das war knapp“, flüsterte sie immer wieder. „Das war knapp …“

Wortlos nahm Vittorio sie in den Arm, und Angel klammerte sich wie eine Ertrinkende an ihn. Hätte er in diesem Moment versucht, sich von ihr zu lösen, wäre sie hysterisch geworden.

Der scheinbar sichere Boden unter ihr war nur eine Illusion.

Nur dieser Mann konnte sie beschützen.

„Sind Sie okay?“, fragte Vittorio nach einer Weile.

„Nein“, brachte Angel mühsam hervor. „Ich glaube, ich bekomme gleich einen Heulkrampf. Tut mir leid.“

„Das muss Ihnen nicht leidtun“, entgegnete er beinah schroff. „Nach dem, was Sie erlebt haben, ist das nur normal.“

Da ließ Angel ihren Tränen freien Lauf. Vittorio schien es nicht weiter zu irritieren, er hielt sie nur umso fester. Seine Umarmung hatte nichts Freundliches oder gar Zärtliches an sich. Genau genommen war es eher eine Gefangennahme, doch es war genau das, was Angel brauchte, um sie vor dem nackten Nichts zu bewahren, bis die Welt um sie herum allmählich wieder feste Konturen annahm.

„So was Dummes!“, sagte sie verlegen, sobald sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. „Ich hätte mir wirklich mehr Mumm zugetraut.“

Vittorio rückte gerade so weit von ihr ab, dass er ihr ins Gesicht sehen konnte. „Sie wären um Haaresbreite in den Tod gestürzt“, erinnerte er sie. „Haben Sie so etwas schon einmal erlebt?“

„Nein, aber …“ Sein warmer Atem streifte ihre Wange, und sein forschender Blick schien bis auf den Grund ihrer Seele vorzudringen.

„Warum glauben Sie dann, Sie müssten damit klarkommen? Gibt es irgendein Gesetz, das von Ihnen verlangt, Miss Perfect zu sein? Oder wollen Sie unbedingt, dass Ihre Mitmenschen Sie so sehen?“

„Ach, halten Sie doch den Mund“, fuhr Angel ihn an und befreite sich gereizt aus seinem Griff.

Zu ihrer Verblüffung schien ihre Reaktion ihn zu amüsieren. „Das ist schon besser“, lobte er sie und stand auf. „Und jetzt fahre ich Sie zum Haus zurück.“

„Die padrona braucht einen kräftigen Drink“, rief Vittorio Berta zu, die überrascht aus der Küche geeilt kam, als sie seine Stimme in der Halle hörte.

„Wir brauchen beide einen“, ergänzte Angel und forderte Vittorio mit einer Handbewegung auf, ihr ins Wohnzimmer zu folgen.

Berta brachte eine Flasche Whisky und zwei Gläser. Sobald Vittorio ihnen eingeschenkt hatte, stürzte Angel ihren Drink in einem Zug hinunter.

„Noch einen?“, fragte er und hielt die Flasche hoch.

Angel winkte entschieden ab. „Nein danke. Ich trinke normalerweise überhaupt keinen harten Alkohol, aber dies hier ist ein Ausnahmefall.“ Mit einem tiefen Seufzer ließ sie sich aufs Sofa sinken. „Ich darf gar nicht daran denken, was geschehen wäre, wenn Sie nicht plötzlich aufgetaucht wären.“ Sie warf ihm einen neugierigen Blick zu. „Wie ist es überhaupt dazu gekommen?“

„Sie meinen, wie ich es wagen konnte, Ihren Besitz zu betreten, nachdem Sie mir befohlen hatten, mich dort nie wieder blicken zu lassen?“

Angel errötete. „So habe ich das nicht gemeint“, versicherte sie ihm eilig. „Sie haben mir das Leben gerettet, und dafür stehe ich tief in Ihrer Schuld.“

„Keineswegs“, entgegnete Vittorio trocken. „Ich wollte nur nicht Ihretwegen ins Gefängnis wandern. Jeder hätte natürlich angenommen, ich hätte Sie umgebracht.“

Erleichtert nahm Angel zur Kenntnis, dass er offenbar keinen Wert auf romantische Heldenverehrung legte.

„Übrigens war ich dort, um nach dem Geländer an der Klippe zu sehen“, informierte er sie. „Rico hatte eine unsichere Stelle entdeckt und wusste nicht, was er tun sollte. Also hat er mich gestern Abend angerufen.“

„Und wieso hat er sich damit an Sie gewandt und nicht an mich?“ Es gelang Angel nicht ganz, den Anflug von Verärgerung zu verbergen.

„Ich nehme an, weil er das bisher immer so gemacht hat. Außerdem hat der arme Kerl einen Heidenrespekt vor Ihnen.“ Er warf ihr einen herausfordernden Blick zu. „Wie wären Sie übrigens mit dem Problem umgegangen?“

Sekundenlang maßen sie einander schweigend mit Blicken.

„Jetzt wollen Sie wohl hören, dass ich ebenfalls zu Ihnen gekommen wäre, oder?“, fragte Angel kampflustig.

„Zumindest hoffe ich, dass sie genug Vernunft besessen hätten, es zu tun, aber wetten würde ich nicht darauf. Letztendlich läuft es doch auf die Frage hinaus, was Ihnen wichtiger ist: das Wohl des Gutes oder die Feindseligkeit, die Sie mir gegenüber empfinden.“

Angel schnitt ein Gesicht. „Ich nehme an, jetzt haben Sie mich erwischt. Was Ihnen wichtiger ist, haben Sie heute jedenfalls bewiesen, sonst wäre ich jetzt nicht mehr am Leben. Ich muss zugeben, dass ich mich in Ihnen getäuscht habe.“

„Sehr gegen Ihren Willen natürlich.“

„Schon gut, amüsieren Sie sich nur. Aber bitte kommen Sie wieder zurück, und kümmern Sie sich um den Besitz, bevor hier alles zusammenbricht.“ Zögernd fügte sie hinzu: „Das heißt, falls Sie dazu überhaupt noch bereit sind.“

„Das bin ich. Wie gesagt, es geht mir ausschließlich um das Gut, meine persönlichen Gefühle sind unwichtig. Ich werde gute Arbeit für Sie leisten und garantiere Ihnen eine erstklassige Ernte. Allerdings unter einer Bedingung: Sie lassen mir bei allen Entscheidungen freie Hand und halten sich an meine Anweisungen.“

Seine selbstherrliche Art weckte erneut Angels Widerspruchsgeist, doch sie verkniff sich einen entsprechenden Kommentar. Erstens hatte sie keine Wahl, und zweitens war er im Recht.

„Okay“, stimmte sie daher zu. „Kann ich es Ihnen überlassen, mit den ehemaligen Gärtnern Kontakt aufzunehmen?“

„Sicher. Außerdem müssen wir dringend Dünger bestellen.“

„Das heißt also Waffenstillstand?“

„Hm …, vermutlich ja, nehme ich an.“

„Überanstrengen Sie sich nur nicht“, spottete Angel. „Wir können auch einen kalten Krieg daraus machen, wenn Ihnen das lieber ist.“

„Wahrscheinlich würde das besser funktionieren.“

Unter seinem unverwandten Blick wurde ihr plötzlich heiß. „Sie haben mir noch gar nicht gesagt, was für ein Gehalt Sie verlangen“, wechselte sie rasch das Thema.

„Ich werde es Ihnen schriftlich mitteilen.“ Mit einem herausfordernden Lächeln fügte er hinzu: „Unter einem Wappen mit gekreuzten Schwertern.“

„In diesem speziellen Fall würde ich vielleicht ein weniger martialisches Symbol wählen“, schlug Angel vor und versuchte, ihr heftiges Herzklopfen zu ignorieren.

Vittorio neigte den Kopf und betrachtete sie einen Moment lang mit unergründlicher Miene. „Warten wir lieber ab, wie sich die Dinge entwickeln, bevor wir endgültig die Waffen niederlegen.“

In dieser Nacht fand Angel nur wenig Schlaf. Kaum fielen ihr die Augen zu, glaubte sie, wieder über dem Abgrund zu hängen und verzweifelt um ihr Leben zu kämpfen. Jedes Mal war sie überzeugt davon, es auch ohne Vittorio zu schaffen. Aber plötzlich war er doch da und zog sie hoch – zurück in die Sicherheit. Schon lag sie in seinen Armen und lauschte dem wilden Schlag ihres Herzens.

An diesem Punkt wachte sie stets auf und musste sich erst beruhigen, bevor sie wieder einschlafen konnte. Dann begann alles von Neuem, bis Angel sich schließlich die Wahrheit eingestand: Sie sehnte sich danach, Vittorios Hände auf ihrem Körper zu spüren, von ihm berührt zu werden und ihn zu berühren …

Tatsache war, dass sie sich schon seit ihrer ersten Begegnung danach sehnte.

Noch lange lag sie wach und grübelte darüber nach, wie so etwas möglich war, wo sie ihn doch nicht einmal sympathisch fand. Aber offenbar gab es Dinge, die sich jeder vernünftigen Einschätzung entzogen.

Und gegen die es kein Gegenmittel gab …

Die Gärtner wurden wieder beschäftigt, und nach einer Weile stellte Vittorio fest, dass er mit seiner Situation überraschend zufrieden war. So zufrieden jedenfalls, wie man es von einem Mann erwarten konnte, der als Angestellter auf dem Besitz arbeitete, dessen Herr er einmal gewesen war.

Erfreulicherweise hielt Angel ihr Versprechen und richtete sich in allen Fragen, die das Gut betrafen, nach seinen Anweisungen. Sie engagierte die Mitarbeiter, die er vorschlug, und bestellte nach seinen Vorgaben alles Notwendige, um den Betrieb am Laufen zu halten.

Nicht dass Vittorio sich als glücklich bezeichnet hätte, aber zumindest erlangte er allmählich wieder so etwas wie inneren Frieden. Die Natur änderte sich nicht, und die Pflanzen brauchten immer dieselbe Pflege, egal, was um sie herum geschah.

Das Gleiche galt für Luca, den großen, zerzausten Hund, der früher verwahrlost auf den Straßen herumgestreunt war. Vor vier Jahren hatte er sich an Vittorios Fersen geheftet und sich seither geweigert, sich von seiner Seite vertreiben zu lassen.

Auch an diesem Tag döste er in Vittorios Nähe im Schatten und blickte hin und wieder schläfrig zu seinem Herrn auf, der gerade auf einer Leiter stand und einen Baum beschnitt. Plötzlich spitzte Luca die Ohren und begann aufgeregt zu kläffen.

„Was ist los, mein Alter?“, rief Vittorio ihm zu.

Luca bellte wieder, worauf Vittorio aufmerksam den Blick umherschweifen ließ. Zuerst konnte er nichts Auffälliges entdecken, doch dann machte er in einiger Entfernung eine kleine Gestalt aus, die langsam näher kam. Schließlich erkannte er Angel, und noch bevor er es verhindern konnte, stürmte Luca schon auf sie zu.

Mit wenigen geschmeidigen Bewegungen hatte Vittorio sich von der Leiter geschwungen und rannte ihm hinterher, doch Luca war schneller. Begeistert sprang er an Angel hoch, wobei er mit seinen Pfoten schmutzige Abdrücke auf ihrer blütenweißen Hose hinterließ. Dummerweise blieb er auch noch mit seinen Krallen an ihrem seidenen Top hängen. Vittorio kam gerade rechtzeitig, um mitzubekommen, wie es mit einem hässlichen Geräusch einriss.

„Es tut mir leid“, entschuldigte er sich, sobald er Luca streng zur Ordnung gerufen hatte. „Selbstverständlich werde ich Ihnen den Schaden ersetzen.“ Woher er das Geld dazu nehmen sollte, wusste er allerdings nicht. Sicher hatte ihr Outfit ein Vermögen gekostet.

Doch Angel lachte nur und winkte ab. „Vergessen Sie’s. Er wollte doch nur freundlich sein, stimmt’s, mein Freund?“ Sie kniete sich neben Luca, der sie interessiert beschnüffelte, und kraulte seinen großen, zerzausten Kopf.

Ihre unerwartete Reaktion brachte Vittorio völlig aus dem Konzept. „Das ist sehr großzügig von Ihnen, aber haben Sie gesehen, was er mit Ihrer Kleidung angestellt hat?“

Angel blickte an sich herab und zuckte die Schultern. „Was soll’s? Es ist schade, aber er hat es ja nicht mit Absicht getan.“ Sie richtete sich auf und klopfte sich ohne großen Erfolg die verschmutzte Hose ab. Dann ging sie zu einem Baumstumpf und setzte sich darauf.

„In Zukunft werde ich Luca von Ihnen fernhalten, damit so etwas nicht wieder passiert.“

„Oh nein, bitte tun Sie das nicht!“, protestierte Angel. „Ich liebe Hunde.“

„Und warum haben Sie dann keinen?“ Vittorio setzte sich neben sie auf den Boden, achtete jedoch sorgfältig darauf, sie nicht zu berühren.

Angel schnitt ein Gesicht und wirkte plötzlich mädchenhaft. „Ich wünsche mir schon lange einen, aber mein geschiedener Mann mochte keine Hunde.“

„Ich dachte, er könnte Ihnen keinen Wunsch abschlagen.“ Vittorio konnte sich die Anspielung nicht verkneifen.

Angel warf ihm einen spöttischen Blick zu. „Sie sollten nicht so viele Klatschspalten lesen. Es ist eine schlechte Angewohnheit, außerdem steht nie die Wahrheit darin.“

Eins zu null für sie, dachte Vittorio verärgert. In dem Moment sprang Luca erneut an Angel hoch. Vor Überraschung und Vergnügen kreischte sie laut auf und warf lachend den Kopf zurück. Ihr blondes Haar schimmerte in der Sonne wie pures Gold, und Vittorio hatte plötzlich das Gefühl, von etwas Wundervollem ausgeschlossen zu sein.

Rasch verdrängte er die beunruhigende Empfindung und nahm den Gesprächsfaden wieder auf. „Also hat er Sie nicht mit jedem Luxus überhäuft?“

„Das kommt darauf an, was Sie darunter verstehen“, erwiderte Angel, sobald sie wieder zu Atem gekommen war. „Wenn es um Schmuck oder Kleider ging, war Joe ausgesprochen großzügig. Aber die Vorstellung, dass ein großer, schmutziger Hund meinen aufgestylten Luxuskörper besudeln könnte, fand er geradezu abstoßend.“

Die ironische Art, mit der sie sich über ihren eigenen Ruf lustig machte, war das Letzte, was Vittorio von ihr erwartet hätte. Immer wieder gelang es dieser Frau, ihn aus der Fassung zu bringen, und das gefiel ihm ganz und gar nicht.

„Joe weiß genau, was er will, und ist bereit, gut dafür zu bezahlen“, fügte Angel hinzu. „Wenn man allerdings seine Erwartungen enttäuscht, kann er ziemlich unangenehm werden.“

„Haben Sie sich deswegen von ihm getrennt?“

„Ich habe mich nicht von ihm getrennt. Er hat mich wegen einer jüngeren Frau verlassen.“

Vittorio stieß einen Laut des Erstaunens aus und ließ den Blick über ihre schlanke Figur und ihr schönes Gesicht gleiten. Wäre er sich der offenen Bewunderung bewusst gewesen, die dabei in seinen Augen lag, hätte er diese Reaktion sofort unterdrückt.

„Wie alt sind Sie denn?“, erkundigte er sich. „Zweiundzwanzig? Dreiundzwanzig?“

„Sie unterschätzen den Einfluss der Schönheitssalons“, klärte Angel ihn auf. „In nicht einmal zwei Jahren werde ich dreißig, und hätten Sie die Klatschspalten aufmerksamer gelesen, wüssten Sie, dass ich ein Kunstprodukt bin, das sich allmählich in seine Einzelteile auflöst.“

„Ah ja“, murmelte Vittorio sichtlich verunsichert. „Ich denke, ich verstehe.“

„Ich wette, das tun Sie gar nicht“, widersprach Angel ihm. Das Spiel gefiel ihr zu gut, um es so schnell wieder aufzugeben. „Bevor ich mich abends ausziehe, um ins Bett zu gehen, ziehe ich mir zuerst die Perücke vom Kopf. Dann entferne ich meine künstlichen Fingernägel und Wimpern, und zum Schluss lege ich die restlichen Ersatzteile ab, die verhindern, dass die schöne Fassade in sich zusammenfällt.“

Vittorio spürte heftigen Ärger in sich aufsteigen. Ihm war klar, dass sie sich mit dieser überzogenen Darstellung nur selbst auf den Arm nehmen wollte, aber die Worte „… bevor ich mich abends ausziehe, um ins Bett zu gehen …“, hatten ihn wie ein Faustschlag getroffen.

Was ging in dieser Frau vor?

Er war ein Mann aus Fleisch und Blut, noch dazu ein überaus leidenschaftlicher. War sie sich denn so wenig ihrer weiblichen Macht bewusst, dass sie es riskierte, ihm solche Gedanken in den Kopf zu setzen? Oder war es ihr egal, weil sie ihn nur als unbedeutenden Angestellten und somit als geschlechtsloses Wesen betrachtete? Was auch immer ihre Gründe sein mochten – Angel Clannan war tabu für ihn. Er würde sich keine erotischen Fantasien von ihr gestatten, nicht einmal für wenige Sekunden.

„Sind Sie jetzt fertig?“, erkundigte er sich kalt.

Angel lachte. „Kommen Sie schon, sehen Sie mich nicht so grimmig an. Ich wollte Ihnen nur klarmachen, dass ich ein Auslaufmodell vom letzten Jahr bin. Deswegen hat Joe mir wegen einer Zwanzigjährigen den Laufpass gegeben.“

Sie hatte nicht vorgehabt, ihm so viel von ihrer persönlichen Geschichte preiszugeben. Aber Vittorios offensichtliches Unbehagen, während er versuchte einzuschätzen, was er nun glauben sollte und was nicht, war einfach zu köstlich. Das würde ihn lehren, in Zukunft keine übereilten Schlussfolgerungen mehr zu ziehen.

„Immerhin hat er Ihnen dieses Anwesen gekauft“, erinnerte er sie. „Und als ich ihn hier herumgeführt habe, hatte ich den Eindruck, dass ihm einiges daran liegt, Sie zufriedenzustellen.“

„Joe hat diese Villa nicht für mich, sondern für meine Nachfolgerin gekauft. Aber sie wollte sie nicht haben, weil sie ihr nicht luxuriös genug war. Also hat er sie mir als Abfindung zugeschoben, um für die Scheidung nicht viel zahlen zu müssen. Und ich habe das Angebot akzeptiert, um ihn endlich loszuwerden.“

Das passte ziemlich gut zu Vittorios eigener Erfahrung mit Joe Clannan. „Dann wollten Sie also gar nicht hierherkommen?“, fragte er nach kurzem Zögern.

„Im Gegenteil, ich liebe Italien und habe mir schon immer gewünscht, eine Zeit lang hier zu leben. Deswegen habe ich ja auch Italienisch gelernt.“

Eine Weile hing jeder seinen Gedanken nach. Plötzlich fragte Vittorio: „Möchten Sie immer noch einen Hund haben?“

„Und ob.“ Angel lächelte. „Aber er muss genauso sein wie Luca.“

„Sie wissen nicht, was Sie da sagen“, warnte Vittorio sie. „Er ist ein ziemlich übler Rabauke.“

„Deswegen gefällt er mir ja so gut.“

„Okay, ich besorge Ihnen einen seiner Sprösslinge. Das dürfte nicht schwierig sein, da er die ganze Gegend regelmäßig mit seinem Nachwuchs bevölkert. Aber jetzt muss ich wieder an die Arbeit. Schließlich bezahlen Sie mich dafür.“

Entschlossen stand er auf und signalisierte damit eindeutig, dass die Unterhaltung für ihn beendet war.

Drei Tage vergingen, ohne dass Vittorio noch einmal den Hund erwähnte. Angel dachte schon, er hätte sein Versprechen vergessen, doch am vierten Tag tauchte er mit einem etwa vier Monate alten Welpen auf, der mit seinem braunen wuscheligen Fell und den mutwillig blitzenden Augen bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Luca hatte.

„Er heißt Toni“, teilte Vittorio ihr mit. „Ich hatte schon ein Zuhause für ihn gefunden, aber sein derzeitiger Besitzer war heilfroh, ihn wieder loszuwerden. Er meinte, Toni sei laut, ungehorsam und völlig unerziehbar.“

Angel strahlte. „Wunderbar!“, rief sie begeistert. „Genau das, was ich wollte.“

Noch am selben Tag fuhr sie nach Amalfi, wo sie sich mehrere Jeans und ein Sortiment billiger Baumwollblusen kaufte. Von da an trug sie nichts anderes mehr. Sie hörte auch auf, sich zu schminken, was ohnehin vergebliche Liebesmühe gewesen wäre, da Toni jede Gelegenheit nutzte, ihr übers Gesicht zu schlecken. Angel wusste, dass sie es ihm nicht durchgehen lassen sollte, aber irgendwie schaffte sie es nie, ihn auszuschimpfen.

Ihr Waffenstillstand mit Vittorio hatte Bestand, und die unterschwellige Feindseligkeit zwischen ihnen ließ allmählich nach. Angel erprobte an ihm und Berta ihr Italienisch, und schon bald konnte sie mühelos längere Unterhaltungen führen.

Vittorio seinerseits begann, sie mit der Kunst des Zitronenanbaus vertraut zu machen. Angel erfuhr, dass auf dem Gut die Sorte Lisbon kultiviert wurde und dass der richtige Dünger von entscheidender Bedeutung war. Auch das Wässern der Bäume schien eine Wissenschaft für sich zu sein.

„Am Anfang benötigen sie sehr viel Wasser“, erklärte Vittorio ihr, „dann folgt eine Periode, in der man sie fast austrocknen lassen muss. Später werden sie dann wieder regelmäßig gegossen. Man braucht viel Geduld. Es kann Jahre dauern, bis ein Zitronenbaum zum ersten Mal Früchte trägt. Einige werden dieses Jahr zur Ernte bereit sein, andere im nächsten, wieder andere im übernächsten.“

In solchen Momenten wurde Angel deutlich bewusst, wie groß Vittorios Liebe zu diesem Besitz sein musste. Auf dem Grund und Boden, der einmal sein Eigentum gewesen war, als Angestellter zu arbeiten konnte für einen stolzen Mann wie ihn nur erniedrigend sein, dennoch brachte er dem Gut zuliebe dieses Opfer.

Und noch etwas anderes wurde ihr klar: Wenn dieser Betrieb überleben sollte, waren sie auf eine gute Ernte angewiesen. Durch die laufenden Kosten schmolz ihre bescheidene Abfindung alarmierend schnell dahin. Und damit schwand auch ihre Hoffnung, bis zur Ernte finanziell durchhalten zu können.

Schließlich konnte sie sich nicht länger der Tatsache verschließen, dass sie sehr bald von irgendwoher Geld auftreiben musste. Sie hatte zwar kürzlich ein Angebot von einem Hochglanzmagazin erhalten, die Geschichte ihrer Ehe mit Joe zu verkaufen – ungeschminkt natürlich und mit allen saftigen Details –, doch alles in ihr sträubte sich dagegen, es anzunehmen, da sie damit in ihr altes Leben zurückkehren würde. Und war sie nicht hierhergekommen, um genau dem zu entrinnen?

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