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JULIA BESTSELLER BAND 142

SARAH MORGAN

Süße Nächte in Rio

Luciano ist immer noch so berechnend wie damals, als er sie sitzen ließ! Doch Kimberley hat keine Wahl: Sie ist auf den Milliardär angewiesen, um ihr Kind zu retten. Widerstrebend lässt sie sich auf seine Bedingung ein, zwei Wochen sein Bett zu teilen. Nutzt Luciano wirklich eiskalt ihre Notlage aus – oder ist es seine Art, ihr zu sagen, dass er sie vermisst?

Liebe findet ihren Weg

„Was? Ich soll dich heiraten?“ Holly ist fassungslos. Ihr ältester Freund schlägt ihr allen Ernstes vor, sich mit ihm zu verloben! Mark will eine Beziehung vortäuschen, weil er eine aufdringliche Kollegin loswerden will. Holly stimmt zu. Und verliert beim ersten Kuss ihr Herz! Jetzt muss sie Mark klarmachen, dass ihre Liebe nicht mehr bloß gespielt ist …

Die Unschuld der Rose

Wie konnte sie nur! Sie hat sich Rafael Cordeiro in seiner Villa hingegeben, dabei muss der Unternehmer sie als Geschäftsfrau sehen und respektieren! Schließlich soll er in ihre Cafés investieren. Grace erkennt sich nicht wieder – sie wird Rafael und sein atemberaubendes Anwesen verlassen müssen. Denn sie hütet ein Geheimnis, von dem er nichts erfahren darf!

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Süße Nächte in Rio

1. KAPITEL

Noch nie hatte sie so große Angst gehabt.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als Kimberley in dem von Glaswänden umgebenen Sitzungssaal in der Vorstandsetage von Santoro Investments stand und auf die pulsierenden Straßen von Rio de Janeiro hinunterblickte. Das Warten war eine einzige Qual.

Alles hing davon ab, wie dieser Besuch verlief, einfach alles. Ihr Magen krampfte sich zusammen, und sie hatte weiche Knie. Es war eine Ironie des Schicksals, dass der einzige Mensch, der ihr jetzt helfen konnte, ausgerechnet der Mann war, den sie niemals hatte wiedersehen wollen.

Kimberley zwang sich, gleichmäßig zu atmen, und schloss für einen Moment die Augen. Sie durfte nicht zu viel erwarten. Wahrscheinlich würde er sie nicht empfangen, denn jemanden wie Luc Santoro überfiel man nicht einfach.

Sie saß nur deswegen hier, weil seine Assistentin Mitleid mit ihr gehabt hatte. Als sie ihre Bitte vortrug, musste sie so nervös gewirkt haben, dass die ältere Frau darauf bestanden hatte, sie in den Sitzungssaal zu begleiten und ihr ein Glas Wasser zu bringen. Lächelnd hatte sie ihr versichert, Mr Santoro sei nicht so gefährlich, wie man behauptete.

Kimberley hingegen wusste es besser. Luc Santoro war sogar sehr gefährlich, und sie hätte eigentlich etwas Stärkeres als Wasser gebraucht, um ihm gegenübertreten zu können.

Was sollte sie ihm nur sagen? Wie sollte sie es ihm beibringen? Wo sollte sie anfangen?

An seinen Anstand oder an sein Gewissen konnte sie nicht appellieren, weil er beides nicht hatte. Er half anderen nicht, sondern benutzte sie, vor allem Frauen. Schmerz durchzuckte sie, als sie sich daran erinnerte, wie schlecht er sie behandelt hatte. Er war rücksichtslos und selbstsüchtig, und sein Lebensinhalt bestand darin, sich zu amüsieren.

Und eine Zeit lang hatte er es mit ihr getan.

Das Herz wurde ihr schwer. Rückblickend konnte Kimberley selbst nicht glauben, wie naiv und vertrauensselig sie damals gewesen war. Als idealistische, romantisch veranlagte Achtzehnjährige hatte sie sich ihm vorbehaltlos hingegeben. Er war ihr Ein und Alles gewesen. Und sie hatte ihm überhaupt nichts bedeutet.

Unwillkürlich ballte Kimberley die Hände zu Fäusten und rief sich ins Gedächtnis, dass es heute nicht darum ging, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Sie musste die Erinnerung an den Schmerz, die Panik und das Gefühl der Erniedrigung nach seiner grausamen Zurückweisung verdrängen. All das spielte jetzt keine Rolle mehr.

Es gab nur einen Menschen, der ihr wichtig war, und für diesen würde sie alles tun, um sich mit Luc Santoro gut zu stellen – denn sie würde Brasilien auf keinen Fall ohne das Geld verlassen, das sie brauchte. Es ging um Leben und Tod.

Nervös sprang Kimberley auf und begann, im Raum auf und ab zu gehen. Dabei überlegte sie, wie sie einen Mann, der nichts für sie empfand, dazu bringen konnte, ihr fünf Millionen Dollar zu geben. Wie sollte sie ihm beibringen, dass sie in ernsthaften Schwierigkeiten steckte? Und wie sollte sie sein Mitgefühl wecken?

Panik überkam sie, und im nächsten Augenblick wurde die Tür geöffnet, und Luc betrat den Raum. Sein attraktives Gesicht wirkte hart, und sein schwarzes Haar glänzte im Sonnenlicht.

Und Kimberley wurde klar, dass ihre Situation noch schlimmer war, als sie angenommen hatte.

Sie sah aus wie ein verängstigtes Reh.

Ohne sich anmerken zu lassen, was er dachte, betrachtete Luc die schlanke, ungewöhnlich schöne Rothaarige, die aschfahl und bebend am anderen Ende des Sitzungssaals stand.

Sie wirkte so eingeschüchtert, dass er beinah Mitleid mit ihr gehabt hätte. Allerdings wusste er zu viel über sie. Und an ihrer Stelle hätte er auch vor Angst gezittert. Sie hatte vielleicht Nerven, hierherzukommen!

Sieben Jahre. So lange hatte er Kimberley Townsend nicht gesehen, und trotzdem konnte sie ihn noch aus der Fassung bringen. Endlose Beine, seidiges Haar, weiche Lippen und ein strahlendes, vertrauensvolles Lächeln …

Eine Zeit lang hatte sie ihn tatsächlich getäuscht. Da er normalerweise nur mit Frauen zu tun hatte, die genauso gewandt und berechnend waren wie er, hatten ihre Unschuld und ihre beinah kindliche Offenheit ihn fasziniert und bezaubert.

Es war seine erste und einzige Fehleinschätzung seit langer Zeit gewesen. Sie war eine geldgierige Mitgiftjägerin. Das wusste er inzwischen. Und ihr war klar, dass er es wusste. Was also konnte sie dazu bewogen haben, wieder bei ihm aufzutauchen? Entweder war sie sehr mutig oder ausgesprochen dumm.

Lässig ging Luc auf sie zu, beobachtete dabei, wie sie zusammenzuckte und erneut zu zittern begann, und kam zu dem Ergebnis, dass sie nicht besonders couragiert wirkte.

Dann musste sie dumm sein. Oder verzweifelt?

Kimberley stand mit dem Rücken zur Wand und fragte sich, wie sie hatte vergessen können, welche Wirkung Luciano Santoro auf Frauen ausübte. Wie hatte sie nur je glauben können, dass sie einen Mann wie ihn halten konnte?

Sie war groß, aber er überragte sie um einiges. Er war durchtrainiert und muskulös und hatte breite Schultern, und allein seine markanten, gefährlich anmutenden Züge raubten einer Frau den Atem.

Starr betrachtete sie ihn, während er auf sie zuschlenderte. Sie ließ den Blick von seinem glänzenden blauschwarzen Haar zu seinen hohen Wangenknochen schweifen, den dichten langen Wimpern, die seine dunkelblauen Augen beschatteten, und zu seinem glatt rasierten Kinn. Er war der Inbegriff purer Männlichkeit, denn selbst in dem perfekt sitzenden Maßanzug hatte er etwas Gefährliches an sich, und das verstärkte seinen Sex-Appeal noch. Die Frauen flogen nur so auf ihn, und auch sie hatte keine Ausnahme gebildet und war seinem tödlichen Charme erlegen.

Das Herz hämmerte in ihrer Brust, und Kimberley fragte sich, ob sie verrückt gewesen sei hierherzukommen. Sie war ihm in jeder Hinsicht unterlegen, und jeder von ihnen spielte nach seinen eigenen Regeln.

Und dann rief sie sich energisch den Grund für ihren Besuch ins Gedächtnis. Unter anderen Umständen hätte sie Luc gemieden. Aber er war ihre einzige Hoffnung.

„Luciano.“

Luc blickte sie mit jenem spöttischen, beinah gelangweilten Ausdruck in den Augen an, den sie damals gleichermaßen nervig wie verführerisch gefunden hatte. „Warum so förmlich? Du hast mich immer Luc genannt.“

Er sprach kultiviert, und nur sein Tonfall verriet, wie gefährlich er war. Der überaus erfolgreiche Geschäftsmann und Milliardär, an den nichts mehr daran erinnerte, dass er aus ganz kleinen Verhältnissen kam.

Dennoch ließ er genug Härte und Rücksichtslosigkeit erahnen, um sie erschauern zu lassen. Natürlich ist er so, sagte sich Kimberley, während sie sich zusammenzureißen versuchte. Gerüchten zufolge hatte er es aus eigener Kraft aus der Gosse geschafft und einen der größten multinationalen Konzerne der Welt aufgebaut.

„Das ist Geschichte.“ Und sie wollte nicht an die Vergangenheit erinnert werden. Wollte nicht daran denken, wie sie seinen Namen gerufen hatte, als er ihr den Himmel auf Erden zeigte.

Luc zog eine Braue hoch, und der Ausdruck in seinen Augen bewies ihr, dass er sich auch an ihre leidenschaftlichen Begegnungen erinnerte. Plötzlich schien es vor Spannung zu knistern. „Bist du deswegen hier? Um mit der Vergangenheit abzuschließen? Um mich um Verzeihung zu bitten und mir das Geld zurückzuzahlen, das du gestohlen hast?“

Es war typisch für ihn, dass er als Erstes von Geld sprach.

Einen Moment lang verließ sie der Mut.

„Ich weiß, dass es nicht richtig war, deine Kreditkarten zu benutzen …“ Nervös befeuchtete Kimberley sich die Lippen. „Aber ich hatte einen guten Grund …“ Sie verstummte. Obwohl sie sich die Worte sorgfältig zurechtgelegt hatte und im Geiste immer wieder durchgegangen war, wusste sie plötzlich beim besten Willen nicht mehr, wie sie ihr Anliegen vorbringen sollte.

Jetzt, drängte sie sich verzweifelt, sag es ihm jetzt! Aber es ging einfach nicht.

„Du hast mir die Karten gegeben …“

„Das ist einer der Vorteile, wenn man mit mir zusammen ist“, meinte Luc trügerisch sanft. „Aber als du das Geld ausgegeben hast, warst du es nicht mehr. Ich muss dir gratulieren, denn ich dachte, mich könnte keine Frau überraschen …“ Er ging um sie herum. „Dir ist es gelungen. Während unserer Beziehung hast du nichts ausgegeben. Ich fand es bezaubernd, dass du dich nicht für Geld und materielle Dinge interessiert hast.“ Nun wurde sein Tonfall härter. „Jetzt ist mir klar, dass du besonders clever warst. Sobald es vorbei war, hast du dein wahres Gesicht gezeigt.“

Verblüfft sah Kimberley ihn an. Was, in aller Welt, wollte Luc damit andeuten? Es war wirklich höchste Zeit, dass sie ihm die Wahrheit sagte. „Ich kann dir erklären, was ich mit dem Geld gemacht habe …“ Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, um ihm alles zu gestehen, doch dann zuckte sie nur die Schultern.

„Wenn es noch etwas Langweiligeres gibt, als einer Frau beim Shoppen zuzusehen, dann sind es die Berichte darüber“, meinte er gelangweilt. „Ich habe keine Lust, mir die Einzelheiten über derartige Exzesse anzuhören.“

Entsetzt blickte sie ihn an. „Du glaubst also, ich hätte dein Geld aus einer Laune heraus zum Fenster hinausgeworfen?“

„Du hast dich mit neuen Schuhen und Handtaschen aufgeheitert.“ Er lächelte spöttisch. „Das ist typisch weibliches Verhalten. Mir sind die Vorzüge derartiger Therapien durchaus bekannt.“

Kimberley schnaufte empört. „Du bist so unsensibel!“, rief sie wütend und verletzt zugleich. Luc dachte, sie sei shoppen gewesen? „Das war das Letzte, wonach mir der Sinn stand!“ Vor Empörung bebte sie am ganzen Körper. „Ich brauchte das Geld, um zu überleben, weil ich alles aufgegeben hatte, um mit dir zusammen sein zu können. Alles. Ich habe meinen Job und meine Wohnung aufgegeben und bin bei dir eingezogen, weil du es von mir verlangt hast.“

Der Ausdruck in seinen Augen war kühl. „Wenn ich mich richtig entsinne, hattest du nichts dagegen.“

Sie legte den Kopf zurück und kämpfte mit ihren Gefühlen. „Ich habe dich geliebt, Luc.“ Dann versagte ihr die Stimme, und sie brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen. „Die Zeit mit dir war die glücklichste meines Lebens. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass es jemals anders sein könnte.“

„In meiner Nähe neigen Frauen nun mal dazu, die Hochzeitsglocken läuten zu hören“, sagte Luc trocken.

„Ich rede nicht von heiraten. Das war mir völlig egal. Nur du warst mir wichtig.“

Ein Muskel zuckte in seiner Wange, und seine Züge verhärteten sich. „Offenbar hast du langfristig geplant.“

Es dauerte einige Sekunden, bis Kimberley begriff, was Luc meinte. „Du willst damit andeuten, dass ich dir nur etwas vorgespielt habe?“ Sie lachte ungläubig und fasste sich an den Hals.

„Du warst sehr überzeugend“, räumte er ein, nachdem er einen Moment nachgedacht hatte. „Aber die Aussicht, einen Milliardär an Land zu ziehen, weckt bei Frauen oft die erstaunlichsten schauspielerischen Fähigkeiten.“

Fassungslos blickte sie ihn an. Wie hatte sie damals nur so dumm sein können, diesem Mann ihre Liebe zu schenken?

Tränen schnürten ihr die Kehle zu. „Ich betrachte dich nicht als Preis, Luc“, brachte sie hervor. „Du warst der größte Fehler meines Lebens.“

„Natürlich.“ Sein Blick strafte sein mitfühlendes Lächeln Lügen. „Du kannst dir sicher nicht verzeihen, dass du mich nicht halten konntest. Ich wünsche dir mehr Glück mit dem nächsten Typen.“

Als sie ihn betrachtete, wollte sie plötzlich nur noch weinen. „Du verdienst es, allein zu bleiben, Luc“, sagte sie ausdruckslos. „Und jede Frau, die auch nur einen Funken Verstand hat, wird sich von dir fernhalten.“

Daraufhin lächelte er arrogant. „Wir wissen beide, dass du nicht genug von mir bekommen konntest.“

Seine Worte demütigten sie zutiefst. „Das war, bevor mir klar wurde, was für ein gefühlloser Mistkerl du bist …“ Sie verstummte, entsetzt über ihr Verhalten, das völlig untypisch für sie war. „Es … es tut mir leid, das war unverzeihlich …“

„Du zeigst nur dein wahres Gesicht. Dafür brauchst du dich nicht zu entschuldigen.“ Er wirkte nicht verletzt, sondern amüsiert. „Mir ist es lieber, wenn Frauen ehrlich sind. So entstehen keine Missverständnisse.“

Kimberley fasste sich an die schmerzhaft pochenden Schläfen. Es war ihr so schwergefallen hierherzukommen, und nun lief alles anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie wusste einfach nicht, wie sie ihr Anliegen vortragen sollte. Statt über die Gegenwart zu reden, sprachen sie über die Vergangenheit, und das wollte sie nicht. Es sei denn, sie konnte Luc daran erinnern, was sie einmal miteinander verbunden hatte.

„Ich habe dir etwas bedeutet, Luc“, erklärte sie leise und ließ hilflos die Hände sinken. „Das habe ich gespürt.“

„Mich hat es angemacht, dass ich dein erster Liebhaber war“, bestätigte er gewandt. „Das war etwas ganz Neues für mich. Natürlich wollte ich, dass es dir auch Spaß macht. Du warst sehr schüchtern und unerfahren. Ich habe getan, was ich tun musste, und gesagt, was ich sagen musste.“

Vor Scham brannten ihr die Wangen. Mit anderen Worten, Luc war so erfahren, dass er genau wusste, was Frauen wollten. In ihrem Fall waren es Nähe und Zuneigung gewesen. Es hatte ihm überhaupt nichts bedeutet.

„Das heißt also, es war alles nur gespielt?“ Der Schmerz wurde immer stärker. „Liebevoll und sanft zu sein war nur eine deiner Verführungstaktiken?“

Gleichmütig zuckte er die Schultern. „Du hast dich jedenfalls nicht beschwert.“

Kimberley schloss gequält die Augen. Ja, sie war noch unschuldig gewesen, aber das rechtfertigte ihre Naivität nicht. In den sechzehn Jahren, die sie mit ihrem Vater zusammengelebt hatte, hätte sie eigentlich alles über Männer erfahren müssen. Er hatte eine Freundin nach der anderen gehabt und alle nur benutzt. Ihre Mutter hatte ihn kurz nach ihrem vierten Geburtstag verlassen, und von da an hatten sich zahllose „Tanten“ die Klinke in die Hand gegeben. Und Kimberley hatte sich geschworen, sich niemals von einem Mann so behandeln zu lassen.

Und dann begegnete sie Luc und glaubte für eine Weile, er sei ihre große Liebe. Dass er als Frauenheld galt und ihrem Vater sehr ähnlich war, ignorierte sie geflissentlich.

Sie hatte gegen all ihre Regeln verstoßen. Und sie hatte den Preis dafür gezahlt.

„Was habe ich eigentlich verbrochen? Warum bist du so grausam zu mir?“ Plötzlich musste sie es einfach wissen. „Warum hast du andere Frauen gebraucht?“

„Ich war noch nie der Typ, der einer Frau treu ist“, erwiderte Luc ungerührt. „Und ihr seid doch alle gleich, wie du mit deinen Shoppingtouren bewiesen hast.“

Kimberley zuckte zusammen. Dies wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, ihm alles zu erzählen. Sie atmete tief durch. „Ich habe dein Geld ausgegeben, weil ich es für etwas sehr Wichtiges brauchte“, erwiderte sie zögernd. „Und bevor ich dir sage, wofür, sollst du wissen, dass ich damals versucht habe, mit dir zu reden. Du aber wolltest mich nicht sehen und …“

Betont gelangweilt blickte Luc auf seine Uhr. „Ich sagte dir bereits, dass es mich nicht interessiert. Und wenn du Geld brauchtest, hättest du ja deinen anderen Lover darum bitten können.“

„Ich hatte keinen anderen Lover, und das weißt du ganz genau!“, entgegnete sie empört.

„Das wäre mir neu. Ich bin zweimal nach Hause gekommen, und es hieß, du seist ausgegangen.“

„Weil ich keine Lust hatte, im Bett zu liegen und darauf zu warten, dass du direkt aus den Armen einer anderen Frau zu mir kommst!“, schrie sie. „Ja, ich bin ausgegangen. Und das hast du nicht ertragen, stimmt’s? Weil du immer alles kontrollieren musstest.“

„Darum ging es nicht.“ Sein leidenschaftlicher Blick verriet seine exotische Herkunft. „Du hast mir gehört.“

„Das klingt ja, als hättest du irgendwelche Besitzansprüche gehabt!“, rief sie gequält und frustriert zugleich. Immer, wenn sie zur Sache kommen wollte, lief es darauf hinaus, dass sie wieder über die Vergangenheit sprachen. „So behandelst du jede Frau! Du benutzt sie und wirfst sie dann weg. Deswegen hätte es mit uns auch niemals geklappt. Du bist egoistisch und rücksichtslos. Ich bin ausgegangen, weil du ausgegangen bist.“

„Du solltest dich ausruhen und auf mich warten“, belehrte Luc sie trügerisch sanft.

Kimberley konnte es nicht fassen. Dieser Neandertaler! Sie musste an sich halten, um nicht hinauszustürmen und die Tür hinter sich zuzuknallen. „Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, Luc! Frauen wählen, leiten Firmen und bestimmen selbst über ihre Freizeit.“

„Und sie betrügen ihre Partner.“ Spöttisch zog Luc die Augenbrauen hoch. „Was für ein Fortschritt!“

„Ich habe dich nicht betrogen!“ Zornig funkelte sie ihn an und überlegte, wie ein intelligenter Mann wie er in dieser Hinsicht so dumm sein konnte. „Du warst doch derjenige, den man im Restaurant mit einer anderen Frau fotografiert hat. Offenbar war ich dir nicht genug.“ Betont gleichgültig zuckte sie die Schultern und versuchte, sich ihren Schmerz nicht anmerken zu lassen. „Wenn jemand gesündigt hat, dann du, Luc. Ich war achtzehn, und du hast mich verführt. Und dann hast du mich fallen lassen und dir die Nächste gesucht. Hast du überhaupt einen Gedanken daran verschwendet, als du mir meine Unschuld geraubt und mein Leben ruiniert hast?“

Ungläubig musterte er sie von Kopf bis Fuß. „Du hast bereitwillig mitgemacht, meine rothaarige Hexe. Falls du das aber vergessen haben solltest, helfe ich deinem Gedächtnis gern auf die Sprünge.“ Unvermittelt umfasste er ihr Handgelenk und zog sie an sich. „Als du dich an unserem ersten Abend in meinem Wagen an mich geschmiegt hast …“, seine Stimme klang gefährlich leise, und sein Atem fächelte ihre Lippen, „… war das keine Aufforderung?“

Es knisterte förmlich vor Spannung.

Kimberley versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, doch Luc hielt sie fest, und sie erinnerte sich daran, wie sehr sie gerade seine Kraft geliebt hatte. Seine Männlichkeit. Die Gegensätze zwischen ihnen hatten sie besonders fasziniert, und bei ihm hatte sie sich immer geborgen gefühlt. „Man hatte mich gerade angegriffen“, rechtfertigte sie sich. „Ich hatte Angst …“

Und er hatte sie gerettet. Er hatte es mit sechs Kerlen aufgenommen und seine Fäuste eingesetzt. Es war genau das gewesen, womit ein Mann eine Frau beeindrucken konnte.

„Du wolltest also getröstet werden.“ Nun verstärkte er seinen Griff. „Auch als du dich auf meinen Schoß gesetzt und mich angefleht hast, dich zu küssen?“

Vor Scham brannten ihr die Wangen. „Ich weiß nicht, was an dem Abend mit mir los war …“

Sie hatte ihn gesehen und plötzlich an Märchen geglaubt. An edle Ritter, die Jungfern in Not retteten.

„Du hast dein wahres Ich entdeckt“, erklärte er rau. „Also behaupte nicht, ich hätte dich verführt. Du warst ganz heiß auf mich und hast dich mir an den Hals geworfen.“

„Ich war unschuldig …“

Daraufhin lächelte Luc so aufreizend, dass ihr Herz noch schneller pochte. „Du warst verzweifelt.“

Gleich würde er sie küssen.

Kimberley beobachtete, wie seine Augen dunkler wurden, während er verlangend ihr Gesicht betrachtete. Als die Spannung unerträglich wurde, löste er sich allerdings von ihr und machte einen Schritt zurück.

„Warum bist du hier?“ Sein Tonfall war jetzt eisig, und seine Augen funkelten zornig. „Um in Erinnerungen zu schwelgen? Oder weil du auf eine Wiederholung hoffst? Dann solltest du vielleicht wissen, dass Frauen nur eine Chance bei mir bekommen, und die hast du vertan.“

Plötzlich tauchten die erotischsten Bilder vor ihrem geistigen Auge auf, und sie wich ebenfalls einen Schritt zurück, als könnte sie diese dadurch vertreiben. „Ich würde niemals wieder mit dir ins Bett gehen, Luc. Das war eine Erfahrung, die ich nicht noch einmal machen möchte. So dumm bin ich nicht.“

Nun verharrte er regungslos, und ein fragender Ausdruck huschte über sein Gesicht. „Tatsächlich?“

Zu spät wurde ihr klar, dass ein Mann wie Luc eine solche Aussage vermutlich als Herausforderung sah. Aus irgendeinem Grund waren sie wieder dort, wo sie vor sieben Jahren aufgehört hatten. Sie hatte sich fest vorgenommen, kühl und geschäftsmäßig aufzutreten, aber es war ihr nicht gelungen. Und noch immer hatte sie nicht gesagt, was sie sagen musste.

Langsam ging er um sie herum, wobei ein spöttisches Lächeln seine Lippen umspielte. „Noch immer bist du sehr leidenschaftlich, Kimberley, und genau wie damals versuchst du, es zu leugnen und zu verbergen.“ Dann strich er ihr übers Haar. „Wie könnte es auch anders sein? Lass dich nie mit einer Frau ein, die flammend rotes Haar hat.“

Trotzig hob sie das Kinn. Ihre grünen Augen blitzten. „Und halt dich von Männern mit einem übersteigerten Ego fern.“

Luc lachte. „In unserer Beziehung flogen immer die Fetzen, stimmt’s, meu amorzinho?“

Meu amorzinho. So hatte er sie immer genannt, und sie hatte es geliebt, wenn er in seiner Muttersprache mit ihr redete. Es hatte viel romantischer geklungen als „meine Liebste“.

Die Spannung hatte sich ein wenig gelöst, und Kimberley spürte, wie sie errötete, als sie sich ins Gedächtnis rief, dass sie sich vorgenommen hatte, nicht mit ihm zu streiten. „Wir müssen die Vergangenheit hinter uns lassen.“ Nachdem sie tief durchgeatmet hatte, fuhr sie fort: „Wir haben uns weiterentwickelt. Ich habe mich verändert.“

„Du bist immer noch dieselbe, Kimberley.“ Erneut ging er um sie herum, wie ein Tiger, der seine Beute taxierte. „Im Grunde ändern Menschen sich nicht. Es ist nur die Verpackung, die anders ist. Die Art, wie sie sich geben.“ Dann hob er die Hand und zog ihr die Spange aus dem Haar, sodass es ihr in Wellen über die Schultern fiel.

Sie stieß einen entsetzten Laut aus und versuchte, es zusammenzuhalten. „Was soll das?“

„Ich erinnere dich daran, was für ein Mensch in diesem Kostüm steckt.“ Verlangend musterte er sie von Kopf bis Fuß. „Du ziehst dich wie eine Lehrerin an und steckst das Haar hoch. Du gibst dich zugeknöpft, aber wir wissen beide, wie du wirklich bist.“ Seine Stimme klang plötzlich sehr sinnlich, und sein Akzent war noch stärker als sonst. „Leidenschaftlich. Wild.“

Kimberley bekam weiche Knie. „Das ist nicht wahr! Du hast keine Ahnung, was für ein Mensch ich bin!“, rief sie ungeachtet ihres Vorsatzes, ruhig zu bleiben. „Dachtest du tatsächlich, ich wäre immer noch der bemitleidenswerte Teenager, den du damals verführt hast? Glaubst du wirklich, ich hätte mich nicht verändert?“

Trotz ihrer hitzigen Proteste spürte sie, wie sie auf ihn reagierte, und entschlossen unterdrückte sie diese Empfindungen. Das würde Luc nicht noch einmal mit ihr machen. Sie war hierhergekommen, um ihm etwas mitzuteilen, das sie ihm eigentlich schon vor sieben Jahren hätte sagen sollen, und nicht, um jene Gefühle wieder aufleben zu lassen.

„Du warst nicht mitleiderregend, und ich habe dich auch nicht verführt“, widersprach er leise und berührte dabei eine Strähne ihres Haars. „Du hast bereitwillig mitgemacht. Im Gegensatz zu mir hast du dich aber deiner Gefühle geschämt. Ich dachte, im Lauf der Jahre hättest du dein leidenschaftliches Naturell akzeptiert.“

Entsetzt merkte sie, wie sie schwach wurde. Wie war es möglich, dass sie nach all den Jahren immer noch auf diesen Mann reagierte? Hatte sie denn überhaupt nichts dazugelernt?

Doch, das hatte sie, und es hatte sie viele Tränen gekostet. Und es spielte keine Rolle, wie ihr Körper auf diesen Mann reagierte, denn sie war jetzt älter und erfahrener und ließ sich von ihrem Verstand leiten.

„Deswegen bin ich nicht hier.“ Energisch strich Kimberley sich das Haar aus dem Gesicht. „Was zwischen uns beiden passiert ist, spielt keine Rolle mehr.“

„Das sagtest du bereits. Was hat dich dann nach Rio de Janeiro geführt? Du bist schließlich gegangen und hattest geschworen, nie zurückzukommen. Unsere goldenen Strände? Unsere spektakulären Berge? Der verführerische Rhythmus der Samba? Ich erinnere mich noch an den Abend, als wir auf der Terrasse getanzt haben …“

Einen Moment lang wandte sie den Blick ab und zwang sich, an etwas anderes zu denken, um die Bilder zu vertreiben, die Luc ständig heraufbeschwor. Und es gelang ihr tatsächlich, sich zusammenzureißen und ihren ganzen Mut zusammenzunehmen.

„Ich möchte nicht mehr über die Vergangenheit reden.“ Sie machte eine kurze Pause. Dies war der entscheidende Augenblick. „Ich bin hier, weil …“ Nervös befeuchtete sie sich die Lippen. „Wir … wir haben einen gemeinsamen Sohn, Luc, und er ist jetzt sechs.“ Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und sie bebte am ganzen Körper. „Er ist sechs, und sein Leben ist in Gefahr. Ich habe dich aufgesucht, weil ich deine Hilfe brauche. Sonst habe ich niemanden, an den ich mich wenden kann.“

2. KAPITEL

Eine Weile herrschte spannungsgeladenes Schweigen. Würde Luc überhaupt noch mit ihr sprechen?

Kimberley war zwar erleichtert, weil sie es ihm endlich gestanden hatte, hatte jedoch auch Angst vor seiner Reaktion.

„Das ist einfallsreich“, sagte er schließlich ausdruckslos, bevor er sich auf den nächstbesten Stuhl setzte. Der Ausdruck in seinen Augen war unergründlich. „Du weißt wirklich, wie man einen Mann auf Zack hält. Du bist immer für eine Überraschung gut.“

Kimberley blinzelte verstört. Er glaubt mir nicht?

Sie hatte sich auf einen Wutausbruch und heftige Vorwürfe gefasst gemacht. Sie hatte damit gerechnet, ihm erklären zu müssen, warum sie ihm die Existenz seines Sohnes so lange verschwiegen hatte. Aber ihr war nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen, dass er ihr nicht glauben könnte.

„Denkst du wirklich, ich würde über etwas so Ernstes Witze machen?“

Lässig zuckte er die Schultern. „Ich gebe zu, dass es ziemlich geschmacklos ist. Manche Frauen sind jedoch zu allem fähig, wenn sie einen Mann dazu bringen wollen, Geld herauszurücken. Und das willst du doch, oder?“

Das stimmte. Allerdings hatte sie ganz andere Gründe dafür, als er ihr unterstellte. Und nun wusste sie nicht, was sie sagen sollte, weil alles anders lief, als sie erwartet hatte.

„Warum glaubst du mir nicht?“, fragte sie schließlich.

„Normalerweise tauchen Frauen nicht einfach nach sieben Jahren des Schweigens auf und verkünden, sie seien schwanger.“

„Das … das habe ich auch nicht behauptet“, erwiderte sie stockend. „Ich sagte doch, er sei sechs. Er kam genau vierzig Wochen, nachdem wir … nachdem du …“ Kimberley verstummte und errötete tief, und Luc ließ den Blick zu ihren Lippen schweifen, bevor er ihr wieder in die Augen sah.

„Nachdem ich über dich hergefallen war? Du bist so verklemmt, dass du nicht einmal das Wort ‚Sex‘ über die Lippen bringst.“ Seine Augen funkelten spöttisch, und sie biss sich auf die Lippe und wünschte, sie wäre etwas gewandter und schlagfertiger.

Er hatte ihr unrecht getan, und trotzdem hatte sie plötzlich das Gefühl, dass sie sich bei ihm entschuldigen musste. „Wahrscheinlich wunderst du dich, warum ich es dir nicht früher erzählt habe.“

„Der Gedanke ist mir gekommen.“

„Du hast mich rausgeworfen, Luc“, erinnerte sie ihn mit bebender Stimme. „Und du wolltest mich nicht sehen und hast auch meine Anrufe nicht entgegengenommen. Du hast mich abscheulich behandelt.“

„Beziehungen enden nun mal“, meinte er gleichgültig. „Also sei nicht so theatralisch.“

„Ich war schwanger!“, rief sie. „Ich wollte es dir sagen, aber du hast mich aus deinem Leben ausgeschlossen. Und du hast mir so wehgetan, dass mein Kind dich nicht als Vater haben sollte. Deswegen habe ich es dir verschwiegen.“ Angespannt wartete sie auf den Wutausbruch, der nun unweigerlich folgen würde, doch Luc zog lediglich eine Augenbraue hoch.

„Sieben Jahre, und etwas Besseres fällt dir nicht ein?“

Seine Gleichgültigkeit machte sie fassungslos. „Glaubst du etwa, es wäre mir leichtgefallen? Ich hatte schreckliche Schuldgefühle, Luc! Ich habe meinem Sohn den Vater vorenthalten und wusste, dass ich ihm dafür eines Tages Rede und Antwort würde stehen müssen.“ Kimberley atmete tief durch. „Ich habe mich jeden Tag schuldig gefühlt.“

„Ja, das ist typisch Frau, und ich schätze, dass deine Gewissensbisse dich plötzlich überwältigt haben und du deswegen beschlossen hast, mir die freudige Nachricht zu überbringen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Hast du eigentlich eine Ahnung, wie schwer es mir gefallen ist hierherzukommen?“ Luc war noch herzloser, als sie es für möglich gehalten hätte. „Was muss ich denn tun, um dir zu beweisen, dass ich die Wahrheit sage?“

Er blickte zur Tür. „Ihn mir zeigen.“ Gleichgültig zuckte er die Schultern.

Ungläubig sah sie ihn an. „Glaubst du allen Ernstes, ich würde einen sechsjährigen Jungen mit nach Brasilien schleppen, um ihn mit einem Mann bekannt zu machen, der nicht einmal weiß, dass er sein Vater ist? Wir müssen gemeinsam entscheiden, wie wir es ihm beibringen, Luc.“

Erneut funkelten seine dunklen Augen spöttisch. „Das ist problematisch, stimmt’s? Ich treffe meine Entscheidungen immer allein. Allerdings spielt es in diesem Fall keine Rolle, weil unser vermeintlicher gemeinsamer Sohn nur ein Produkt deiner Fantasie und für dich Mittel zum Zweck ist. Du kannst ihn mir also gar nicht zeigen. Oder hast du ein Kind gefunden, das die Rolle spielt?“

Kimberley war sprachlos. Was war er doch für ein Mistkerl! Wie hatte sie nur vergessen können, wie gefühllos er war und wie wenig er von Frauen hielt? Wie hatte sie auch nur einen Moment lang annehmen können, sie sei nicht hartnäckig genug gewesen und hätte ihm doch sagen sollen, dass sie ein Kind von ihm erwartete?

Luc interessierte sich für nichts und niemanden, nur für sich selbst. Er war genauso wie ihr Vater, und sie wusste aus eigener Erfahrung, wie es war, bei einem solchen Elternteil aufzuwachsen. Es war richtig gewesen, ihren Sohn vor ihm zu schützen, und unter anderen Umständen hätte sie Luc auch nicht aufgesucht. Aber jetzt musste er ihr helfen und einen Teil der Verantwortung übernehmen.

Kimberley sank auf den Stuhl ihm gegenüber. „Warum denkst du so schlecht von mir?“

„Hm, mal sehen …“ Luc lächelte nachsichtig, als wäre sie geistig minderbemittelt. „Es könnte mit dem Geld zusammenhängen, das du nach unserer Trennung ausgegeben hast. Oder mit der Tatsache, dass du mir solche Lügengeschichten auftischst, um mich auf Unterhaltszahlungen zu verklagen. Du bist nicht gerade eine Heilige, oder?“

Es fiel ihr schwer, ihm zu folgen. „Ich habe nicht vor, dich zu verklagen.“

Daraufhin runzelte er die Stirn. „Du willst, dass ich für das Kind zahle.“

„Ja, aber es geht nicht um Unterhaltszahlungen. Damals habe ich dein Geld genommen, weil ich schwanger und ganz auf mich allein gestellt war und nicht wusste, wie ich ein Kind in die Welt setzen soll, wenn ich nicht einmal ein Dach über dem Kopf habe. Also habe ich mir eine kleine Wohnung gekauft. Hätte ich es nicht getan, hätte ich mir einen Job suchen und das Baby in eine Krippe geben müssen. Und ich habe die Sachen gekauft, die der Kleine dann brauchte: eine Wiege, einen Kinderwagen, Kleidung und Windeln. Ich habe nichts von dem Geld für mich ausgegeben. Mir ist klar, dass es deins war, aber wenn ich vor Gericht gegangen wäre, hättest du sehr viel mehr für Rio zahlen müssen.“

Verblüfft zog Luc eine Augenbraue hoch. „Rio?“

Wieder errötete Kimberley. „Ich habe ihn nach der Stadt genannt, in der er gezeugt wurde.“

„Wie eigenartig!“, bemerkte er mit einem drohenden Unterton. „Den Kinderwagen und die Windeln habe ich also schon bezahlt. Was gibt es noch? Braucht er vielleicht eine neue Schuluniform? Oder passen ihm seine Schuhe nicht mehr?“

Er glaubte ihr immer noch nicht.

„Letzte Woche hat man mir damit gedroht, ihn zu entführen.“ Nun bebte ihre Stimme. Vielleicht konnte sie ihn wachrütteln, wenn sie ihm die Wahrheit sagte. „Irgendjemand weiß, dass er dein Sohn ist. Und er bedroht sein Leben.“

Einen Moment lang herrschte Schweigen, und er betrachtete sie forschend. Sie saßen dicht beieinander und waren sich viel zu nahe. Sein Knie streifte ihres, und sie spürte, wie sich eine verräterische Wärme in ihr ausbreitete. Unwillkürlich ließ sie den Blick zu seinem Handgelenk und dann zu seinen Fingern schweifen …

Hitzewellen durchfluteten sie, als sie sich daran erinnerte, wie er sie damit intim liebkost und Gefühle in ihr geweckt hatte, die sie nie für möglich gehalten hätte. Unruhig rutschte sie hin und her. Daraufhin sah er sie an, und es schien zwischen ihnen noch mehr zu knistern.

„Zeig mir den Brief.“

Erleichtert zog sie den Brief aus ihrer Handtasche und warf ihn auf den Tisch neben Luc.

Lässig nahm er ihn in die Hand und öffnete ihn, um ihn zu lesen. Seine Miene war unergründlich.

„Interessant“, meinte er, bevor er ihn auf den Tisch fallen ließ. „Ich soll fünf Millionen Dollar lockermachen, und dann ist die Welt wieder in Ordnung? Habe ich das richtig verstanden?“

Kimberley konnte nicht fassen, dass ihm das Wohlergehen seines Sohnes so wenig am Herzen lag. „Meinst du, es sei der falsche Weg? Sollen wir die Polizei einschalten?“ Besorgt blickte sie ihn an und rieb sich die schmerzenden Schläfen. Sie hatte sich den Kopf darüber zerbrochen, was sie tun sollte. „Du hast ja selbst gelesen, womit er droht, falls ich es tue. Es heißt ja, man soll den Forderungen von Erpressern nicht nachgeben, aber das ist leicht gesagt, wenn es nicht dein eigenes Kind ist …“ Ihr versagte die Stimme. „Ich will sein Leben nicht aufs Spiel setzen, Luc. Er ist alles, was ich habe.“

Kimberley betrachtete seine markanten Züge und wünschte plötzlich, er würde sich in die Angelegenheit einschalten und sie genauso retten wie damals bei ihrer ersten Begegnung. Er war hart und rücksichtslos und hatte genau die richtigen Verbindungen. Sie wusste instinktiv, dass er mit der Situation fertig werden konnte, wenn er sich dazu bereit erklärte, ihr zu helfen.

„Ich glaube, es wäre keine gute Idee, die Polizei einzuschalten.“ Geschmeidig stand er auf und ging zum Fenster. „Die Beamten wären sicher nicht begeistert, wenn du ihnen die Zeit stehlen würdest.“

„Warum sollte ich das?“, fragte sie verblüfft.

Daraufhin warf Luc ihr einen ungeduldigen Blick zu. „Weil es nur Teil deines Plans ist. Wahrscheinlich sollte ich dankbar dafür sein, dass du so lange mit dem Geld ausgekommen bist, das du mir damals gestohlen hast“, fügte er verächtlich hinzu. „Es war sehr clever von dir, den Vorschlag zu machen, weil es deine Geschichte glaubwürdig erscheinen lässt. Wir wissen aber beide, dass es ziemlich peinlich hätte werden können, wenn die Polizei tatsächlich ermittelt hätte.“

Starr sah Kimberley ihn an. „Du glaubst immer noch, ich würde alles nur erfinden, stimmt’s?“

„Betrachte es mal von meinem Standpunkt“, riet er ihr trügerisch sanft. „Du tauchst nach sieben Jahren plötzlich hier auf, verlangst Geld für ein Kind, von dem ich nichts weiß und dessen Existenz du nicht beweisen kannst. Wenn der Junge tatsächlich mein Kind ist, warum hast du mir dann damals nichts von deiner Schwangerschaft erzählt?“

„Das habe ich dir doch erklärt!“ Da sie sehr verspannt war, strich sie sich über den Nacken. „Ich habe dich ständig angerufen und bin in dein Büro gekommen, aber du wolltest mich nicht sehen und nicht einmal mit mir reden.“

Es hatte so wehgetan, dass sie daran fast zugrunde gegangen wäre. Sie hatte ihn so vermisst.

„Unsere Beziehung war beendet, und anschließend über irgendwelche Dinge zu sprechen ist nicht meine Stärke.“ Lässig zuckte er die Schultern. „Reden ist sowieso eher Frauensache, ähnlich wie Schuldgefühle zu haben, schätze ich.“

„Wenn du nicht in der Lage bist, mit anderen zu kommunizieren, dann wirf mir gefälligst nicht vor, dass du nichts von deinem Kind weißt!“ Ihre Gefühle drohten nun überzukochen. „Er ist dein Sohn …“

Luc streckte die Hand aus. „Zeig mir ein Foto.“

„Wie bitte?“

„Wenn er tatsächlich existiert, zeig mir doch ein Bild von ihm.“

Kimberley fühlte sich, als würde sie im Zeugenstand stehen und von einem besonders widerlichen Ankläger verhört werden. „Ich … ich habe nicht daran gedacht, eins mitzubringen, weil ich in Panik war.“ Es war ein Fehler gewesen, denn sie hätte damit rechnen müssen, dass Luc wenigstens ein Foto von seinem Kind sehen wollte.

Er zog eine Braue hoch und ließ die Hand sinken. „Du bist ja eine tolle Mutter, wenn du nicht einmal ein Foto von deinem Kind dabeihast.“

„Das brauche ich auch nicht, weil ich von seiner Geburt an praktisch jede Minute bei ihm war!“, rief sie verzweifelt. „Zuerst habe ich nicht gearbeitet, um ihn nicht weggeben zu müssen, und jetzt tue ich es von zu Hause aus.“ Langsam schüttelte sie den Kopf. „Du glaubst wirklich, ich würde das alles nur erfinden, um an Geld zu gelangen?“

„In meinen Augen bist du ein geldgieriges Miststück, das zu allem bereit ist!“ Forschend betrachtete er sie. „Und den gekränkten Blick kannst du dir sparen. Er ist nicht mehr besonders überzeugend.“

Plötzlich wurde ihr eiskalt. „Warum denkst du so von mir?“

„Weil ich weiß, wie raffgierig du bist.“ Luc sah auf seine Uhr. „Und jetzt musst du mich entschuldigen, weil in einem anderen Besprechungszimmer eine japanische Delegation auf mich wartet, die genauso scharf darauf ist, mein Konto abzuräumen. Falls die auch nur halb so erfindungsreich sind wie du, wird der Nachmittag sehr interessant.“

War das wirklich alles? Wollte Luc sie hier einfach stehen lassen?

Kimberley wusste, dass sie ihn nie wiedersehen würde, wenn er jetzt den Raum verließ. „Nein!“, rief sie, denn nun ging es nicht mehr um ihre Gefühle, sondern nur noch um ihren Sohn. „Du kannst mich nicht wegschicken! Ich sage die Wahrheit, und wenn es sein muss, werde ich es dir beweisen. Ich kann Rio ans Telefon holen lassen oder ein Gespräch mit seiner Schule vermitteln. Ich tue alles, aber du musst mir das Geld geben. Ich flehe dich an, Luc. Bitte leih mir das Geld. Irgendwann zahle ich es dir zurück. Ich weiß sonst nicht, was ich machen soll …“ Resigniert verstummte sie und sank wieder auf den Stuhl.

Luc würde ihr nicht helfen. Die Verantwortung, die sie als alleinerziehende Mutter trug, hatte schon immer schwer auf ihr gelastet, allerdings noch nie so wie in diesem Moment. Sie wollte sich an jemanden anlehnen.

Er verharrte regungslos und kniff die Augen zusammen. „Für fünf Millionen Dollar würdest du wirklich alles machen?“

Obwohl sein Tonfall ein ungutes Gefühl in ihr hervorrief, zögerte Kimberley nicht. „Welche Mutter würde das nicht, wenn es um das Wohl ihres Kindes geht?“

„Das ist ein sehr interessantes Angebot.“ Nachdenklich betrachtete er sie. „Ich überlege es mir.“

Sie biss sich auf die Lippe und faltete die Hände im Schoß. „So lange kann ich nicht warten.“

„Wir sind hier in Brasilien, meu amorzinho“, erinnerte er sie sanft, während er die langen Beine ausstreckte. „Und gerade du solltest wissen, dass wir uns für alles Zeit lassen.“

Sein glühender Blick und die knisternde Atmosphäre im Raum nahmen ihr den Atem. Plötzlich fühlte sie sich sieben Jahre zurückversetzt und erinnerte sich an die langen Nachmittage, an denen Luc und sie sich auf seinem Bett oder im Swimmingpool geliebt hatten – Nachmittage, die sich bis zum Abend und dann bis zum nächsten Morgen ausgedehnt hatten. Mühsam schluckte sie.

Ja, die Brasilianer ließen sich viel Zeit.

„Die Frist läuft morgen Abend ab.“

Seine Augen funkelten. „Glaubst du etwa, ich gebe dir das Geld einfach so und lasse dich dann gehen?“

Erneut schluckte sie, wie gebannt von dem Ausdruck in seinen Augen. „Luc …“

„Betrachten wir einmal die Fakten …“ Mit seinen gebräunten Fingern trommelte Luc auf den Glastisch. „Du wirfst mir vor, ich hätte dich damals verführt. Du tauchst einfach in meinem Büro auf und ignorierst die Vergangenheit, als wäre sie eine ansteckende Krankheit, mit der du dich wieder infizieren könntest, wenn du in meiner Nähe bleibst.“ Dann musterte er sie. „Du trägst hochgeschlossene Sachen, um dich zu schützen, und die Wahrheit ist …“ Er beugte sich zu ihr herüber. „Du hast Angst vor den Gefühlen, die ich in dir wecke, stimmt’s? Deswegen leugnest du sie. Es ist viel einfacher, so zu tun, als würden sie nicht existieren.“

Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. „Ich empfinde überhaupt nichts.“

Er lächelte gefährlich. „Du vergisst, dass ich einmal jeden Zentimeter deines herrlichen Körpers kannte, minha docura. Ich weiß, was es bedeutet, wenn du errötest oder die Lippen öffnest.“

Seine Worte machten sie so nervös, dass Kimberley aufsprang und dabei fast ihren Stuhl umgestoßen hätte. „Du bist unerträglich arrogant!“ Ihr Herz pochte wie wild, und sie verspürte ein heißes Prickeln.

„Ich bin ehrlich.“ Luc drehte sich um, um sie unter gesenkten Lidern zu betrachten. „Und das kannst du von dir nicht gerade behaupten. Es ist viel einfacher, mir die Schuld zu geben, als selbst Verantwortung zu übernehmen, nicht? Ich frage mich, warum Sex für dich etwas ist, dessen man sich schämen müsste.“

„Weil es in einer Beziehung Ausdruck von Liebe ist“, sagte sie unüberlegt, woraufhin er überheblich lächelte.

„Wenn du das glaubst, bist du offenbar immer noch nicht in der Lage, den Tatsachen ins Auge zu sehen.“

Tränen brannten ihr in den Augen. „Warum bist du eigentlich so zynisch?“

Er zuckte die Schultern. „Ich bin realistisch. Und wie die meisten Männer kann ich beim Sex gut auf irgendwelche vorgetäuschten Gefühle verzichten.“

Wie hatte sie sich nur je mit diesem Mann einlassen können?

„Ich … ich hasse dich.“

„Das tust du nicht.“ Seine lässige Haltung stand in krassem Gegensatz zu ihrer wachsenden Anspannung. „Aber ich weiß, dass du es glaubst, und das macht die ganze Situation von Minute zu Minute faszinierender. Du scheinst das Geld wirklich nötig zu haben, wenn du dich dafür in die Höhle des Löwen wagst.“

„Das hier hat überhaupt nichts mit uns zu tun. Wir haben uns beide weiterentwickelt.“ Krampfhaft ballte Kimberley die Hände zu Fäusten. „Mir ist klar, dass du dich genauso wenig für mich interessierst wie ich mich für dich.“

„Stimmt das?“ Lässig lehnte Luc sich zurück und betrachtete sie amüsiert. „Und was ist, wenn du dich irrst und ich mich noch für dich interessiere?“

Plötzlich wurde ihr Mund ganz trocken. „Das ist doch lächerlich.“

„Ich möchte dir einen Rat geben.“ Das gefährliche Funkeln in seinen Augen strafte seinen sanften Tonfall Lügen. „Wenn du jemanden um eine horrende Summe erleichtern willst, wirf ihm so etwas niemals vor.“

Ich hätte nie hierherkommen dürfen, dachte sie hilflos. „Wenn du mir das Geld nicht leihen willst, gibt es nichts mehr zu sagen.“

Sie war gescheitert.

Panik erfasste sie, und Kimberley bohrte die Finger in die Handflächen, während sie zur Tür ging.

„Komm zurück und setz dich“, befahl Luc leise.

Obwohl sie wieder Hoffnung schöpfte, ermahnte sie sich zur Vorsicht. Die Hand auf der Klinke, drehte sie sich um.

„Setz dich, habe ich gesagt.“

Nach kurzem Zögern folgte sie seiner Aufforderung und hasste sich dann dafür, dass ihr Verhalten so vorhersehbar war. War es aber damals nicht genauso gewesen? Luc hatte Befehle erteilt, und sie hatte gehorcht, weil sie blind vor Liebe gewesen war. Und nun tat sie es wieder.

Doch sie hatte sich verändert und war fest entschlossen, nicht wieder in dieses Verhaltensmuster zu verfallen. „Es ist eine einfache Frage, Luc. Ja oder nein. Es spielt keine Rolle, ob ich sitze, stehe oder den Raum verlasse. Alle Informationen, die du brauchst, stehen in diesem Brief.“ In dem Brief, den er offenbar für gefälscht hielt.

Verzweifelt beobachtete Kimberley, wie Luc das Beweisstück gelangweilt wegschob. „Der Brief und deine Geschichten über irgendwelche vermeintlichen Schwangerschaften interessieren mich nicht – ganz im Gegensatz zu der Tatsache, dass du zu mir gekommen bist, meu amorzinho.“

Nun erstarrte sie. „Das sagte ich dir bereits. Ich …“

„Du sagtest“, unterbrach er sie sanft, „du seist bereit, alles für das Geld zu tun. Und jetzt muss ich nur noch entscheiden, wie das aussehen wird. Wenn es so weit ist, bist du die Erste, die es erfährt.“

3. KAPITEL

Sobald Kimberley wieder in ihrem Hotelzimmer war, zog sie ihre Kostümjacke aus und sank aufs Bett. Dabei kämpfte sie mit den Tränen. Sie hatte es vermasselt. Sie hatte sich fest vorgenommen, ruhig zu bleiben, Luc zu sagen, dass er einen Sohn hatte, und ihm zu erklären, warum sie es ihm so lange verschwiegen hatte. Doch kaum hatte er den Raum betreten, war alles aus dem Ruder gelaufen.

Und bis zum Ablauf der Frist blieben ihr nicht einmal mehr vierundzwanzig Stunden. In dieser Zeit musste sie einen Mann, der kein moralisches Empfinden hatte und keinen Anstand besaß, dazu bringen, fünf Millionen Dollar an den Erpresser zu zahlen.

An den Verbrecher, der seiner Meinung nach nur ein Produkt ihrer Fantasie war.

Kimberley atmete einige Male tief durch und versuchte, sich zusammenzureißen. Es war ihr unendlich schwergefallen, ihren Sohn ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt allein zu lassen, aber für ihn wäre es noch gefährlicher gewesen, wenn er sie auf dieser Reise begleitet hätte. Außerdem hoffte sie, höchstens zwei Tage in Rio de Janeiro bleiben zu müssen. Danach …

Für einige Sekunden schloss sie die Augen. Bisher hatte sie keinen Gedanken daran verschwendet, was passieren würde, wenn Luc sich weigerte, ihr das Geld zu leihen.

Selbst jetzt konnte sie nicht begreifen, dass tatsächlich jemand herausgefunden hatte, wer der Vater ihres Sohnes war, denn sie war immer sehr vorsichtig gewesen. Und sie hatte Rio in der Obhut des einzigen Menschen gelassen, dem sie vertraute. Des Mannes, der wie ein Vater für ihn war.

Wie aufs Stichwort klingelte in diesem Moment das Handy in ihrer Handtasche, und sie nahm es schnell heraus und schaltete es ein.

„Geht es ihm gut?“

„Ja, reg dich nicht auf“, hörte sie Jasons vertraute Stimme. Sie hatten sich darauf geeinigt, am Telefon keine Einzelheiten zu besprechen. „Und, bei dir alles in Ordnung? Hast du etwas erreicht?“

Erneut spürte Kimberley Panik in sich aufsteigen. „Noch nicht.“ Sie brachte es nicht fertig, ihm zu erzählen, dass Luc ihr nicht geglaubt hatte.

„Aber diesmal hat er dich empfangen?“

Unwillkürlich verstärkte sie ihren Griff um den Hörer. „Ja.“ Noch immer verspürte sie jenes erregende Prickeln. „Allerdings hat er mir noch keine Antwort gegeben. Er spielt irgendwelche Spielchen.“

„Hat er dich auf Knien um Verzeihung gebeten, weil er dich damals so mies behandelt hat?“

Kimberley legte den Kopf zurück und kämpfte erneut mit den Tränen. „Nicht direkt …“

„Wahrscheinlich gehört das Wort ‚Entschuldigung‘ gar nicht zu seinem Wortschatz.“ Er lachte humorlos. „Wenn er nicht innerhalb einer Stunde bei dir erscheint und an die Tür klopft, ist er nicht der Mann, für den ich ihn halte.“

Nun seufzte sie. Luc Santoro war nicht der Typ, der bei Frauen an die Tür klopfte. „Ich wünschte, ich wäre so zuversichtlich wie du. Was ist, wenn er sich weigert?“

„Das wird er nicht. Nur Mut.“ Jason klang entschlossen. „Ich bin aber immer noch der Ansicht, dass wir die Polizei einschalten sollten.“

„Nein!“ Energisch strich sie sich das zerzauste Haar aus dem Gesicht. „Du hast den Brief gelesen. Du weißt, womit dieser Kerl mir gedroht hat.“

„Okay. Aber wenn du es dir anders überlegst …“

„Auf keinen Fall.“ Sie würde kein unnötiges Risiko eingehen. „Ich möchte nichts machen, was ihn dazu bringen könnte, Rio etwas anzutun.“

Erschöpft von der Hitze und der aufwühlenden Begegnung mit Luc, schaltete Kimberley ihr Handy aus, legte sich aufs Bett und schloss die Augen. Beinah bereute sie, in diesem kleinen Hotel ohne Klimaanlage in dem etwas zwielichtigen Viertel abgestiegen zu sein, um Geld zu sparen. Nun allerdings, da ihr Schweißperlen auf die Stirn traten und sie fürchterliche Kopfschmerzen hatte, wünschte sie, sie hätte eine andere Wahl getroffen. Sie fühlte sich elend, zumal sie seit der Ankunft des Briefs vor zwei Tagen nichts mehr gegessen hatte.

Stattdessen war sie nervös in ihrer Londoner Wohnung auf und ab gegangen und hatte sich mit Jason einen Schlachtplan zurechtgelegt. Es war ihr schwergefallen, Rio gegenüber so zu tun, als wäre nichts passiert. Und noch schlimmer war es für sie gewesen, allein ins Flugzeug zu steigen, denn abgesehen von der Zeit, die er in der Schule oder mit Freunden verbrachte, waren sie fast nie voneinander getrennt.

Nach seiner Geburt war sie zu Hause geblieben und hatte angefangen, von dort aus zu arbeiten, indem sie selbst entworfenen Schmuck verkaufte. Jason, ein bekannter Modefotograf, den sie noch von ihrer Tätigkeit als Model kannte, half ihr dabei, eine neue Existenz aufzubauen. So gelang ihr der Spagat zwischen ihrer Rolle als Mutter und der als Unternehmerin, und sie stürzte sich in ihre Aufgabe, um nicht an Luc Santoro denken zu müssen.

Ihre Schuldgefühle hatte sie verdrängt, indem sie sich sagte, dass Luc zu den Männern gehörte, die sich einfach nicht als Vater eigneten. Schließlich sollte es ihrem Sohn nicht so ergehen wie ihr als Kind.

Da sie die Hitze plötzlich unerträglich fand, stand Kimberley auf und zog sich aus, bevor sie in das angrenzende winzige Bad ging, um zu duschen. Nachdem sie sich abgetrocknet und frische Unterwäsche angezogen hatte, kehrte sie ins Zimmer zurück und sank wieder aufs Bett.

„Wahrscheinlich gehört das alles zu deinem Plan, Mitleid zu erregen. Du steigst in einem Hotel ohne Klimaanlage ab, und das in einem Stadtteil, den sogar die Polizei meidet“, ließ sich plötzlich Lucs tiefe Stimme von der Tür her vernehmen.

Kimberley stieß einen schockierten Laut aus und sprang vom Bett. Sie hatte nicht einmal gehört, wie die Tür geöffnet wurde.

„Du kannst hier nicht einfach reinkommen!“ Schnell zog sie ihren Morgenmantel vom Stuhl und schlüpfte hinein, verlegen und gleichzeitig entsetzt darüber, dass Luc sie ausgerechnet in dieser Situation überraschen musste. Ihr Haar hing nass herunter, und sie war ungeschminkt. „Du hättest anklopfen sollen!“

„Du hättest abschließen sollen.“ Lässig schlenderte er herein, bevor er die Tür hinter sich zuzog und den Schlüssel herumdrehte. „In dieser Gegend kann man gar nicht vorsichtig genug sein.“

Mit zittrigen Händen verknotete sie den Gürtel ihres Morgenmantels und funkelte Luc dabei wütend an. „Was machst du hier?“

„Ich hatte den Eindruck, dass du schnell eine Antwort wolltest.“ Er ging zum Fenster und blickte durch die verschmierte Scheibe auf die Straße, auf der überall Müll lag. „Wenn du finanziell so schlecht gestellt bist, solltest du vielleicht mehr als fünf Millionen verlangen.“

Kimberley antwortete nicht. Sie konnte es nicht. Sogar das Atmen fiel ihr schwer in diesem kleinen, stickigen Raum, den Luc Santoro mit seinem athletischen Körper auszufüllen schien. Noch immer trug er den eleganten Anzug, der seine männliche Stärke und seine Macht erahnen ließ. Doch mit dem glänzenden schwarzen Haar, das bis zum Hemdkragen reichte, und dem markanten Kinn, an dem bereits Bartstoppeln zu sehen waren, erinnerte er vielmehr an einen Banditen als an einen Geschäftsmann.

Er war auf eine gefährliche Weise attraktiv, und entsetzt spürte Kimberley, wie ihre Knospen hart wurden. Beschämt schlang sie sich die Arme um die Taille und rief sich ins Gedächtnis, dass es keine Rolle spielte, wie sie auf diesen Mann reagierte. Diesmal ließ sie sich von ihrem Verstand leiten, und es ging hier nur um ihren Sohn.

„Ich sagte dir bereits, dass das Geld nicht für mich ist“, erklärte sie nervös. „Ich weiß nicht, wie ich es dir sonst klarmachen soll.“

Nun wandte Luc sich zu ihr um. „Offen gestanden, interessieren mich deine Gründe nicht. Mich interessiert vielmehr, was du mir als Gegenleistung für die … nennen wir es Investition … bietest.“

Der Ausdruck in seinen Augen machte sie misstrauisch, und ihr Magen krampfte sich zusammen. „Ich verstehe nicht, was du …“

„Nein?“ Luc trat vom Fenster zurück. „Dann möchte ich dir eine grundlegende Geschäftsregel nennen.“ Seine Stimme klang trügerisch sanft, und er betrachtete sie mit dem Blick eines Jägers, der seine Beute abschätzte. „Von einem Abschluss profitieren beide Seiten. Ich habe etwas, das du willst. Du hast etwas, das ich will.“

Ihr Herz pochte wie wild, und Kimberley befeuchtete sich die Lippen. „Ich habe nichts, das dich interessieren könnte. Also nehme ich an, dass deine Antwort Nein ist.“

Daraufhin hob er die Hand und strich ihr mit dem Finger über die Wange. „Ich sage, dass ich bereit bin zu verhandeln.“ Er verharrte an ihrem Mundwinkel, und sein Lächeln beunruhigte sie. „Du bekommst das Geld, aber ich möchte eine Gegenleistung.“

Bitte nicht Rio, flehte sie stumm.

Hilflos blickte sie ihn an und wagte kaum zu atmen. „Was?“ Sie fragte sich, wofür er sich interessieren mochte. Ihre Wohnung in London war für seine Verhältnisse geradezu lächerlich bescheiden, und sonst besaß sie kaum etwas. „Was willst du?“

Nicht Rio. Bitte nicht Rio …

Ohne den Blick abzuwenden, schob Luc die Hand in ihr Haar. „Dich. Ich will dich, minha docura. Wieder in meinem Bett. Nackt. Bis ich dir erlaube, dich anzuziehen und zu gehen.“

Verblüfft schwieg Kimberley. Heiße Wellen der Lust durchfluteten sie angesichts des unverhohlenen Verlangens in seinen Augen. Hatte sie richtig gehört? Er wollte sie? In ihre Erleichterung darüber, dass er Rio nicht erwähnt hatte, mischte sich eine Erregung, die sie nicht verstand.

„Das kann nicht dein Ernst sein“, brachte Kimberley schließlich hervor.

„Wenn es um Sex geht, mache ich keine Witze.“

„Aber warum?“ Das Blut rauschte ihr in den Ohren, und ihr war schwindelig. Sie wünschte, Luc würde zurückweichen. Er war ihr viel zu nahe. „Warum solltest du mit mir schlafen wollen? Wir haben es schon getan …“

„Und ich will es wieder machen.“ Sein Lächeln wirkte bedrohlich. „Und wieder. Und wieder …“

Ihr stockte der Atem. „Du kannst doch jede Frau haben.“

„Gut“, meinte Luc trügerisch sanft, während er die Hand zurückzog. „Das wäre dann erledigt.“

„Moment mal.“ Hätte sie nur nicht das Kostüm ausgezogen! Es fiel ihr sehr schwer, in dem fast durchsichtigen Morgenmantel auf Distanz zu bleiben, vor allem, wenn das Gespräch sich um Sex drehte. „Heißt das, du gibst mir das Geld, wenn ich mich bereit erkläre …“, sie verstummte und machte eine Pause, „… mit dir zu schlafen?“

„Nicht schlafen, nein.“ Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen. „Dazu werden wir sicher nicht kommen.“

Kimberley zog den Gürtel noch fester, als könnte sie sich dadurch vor den Empfindungen schützen, die sie durchfluteten. „Das ist lächerlich.“

Er runzelte die Stirn. „Warum? Ich frische nur eine Beziehung auf.“

„Wir hatten keine Beziehung, Luc!“, rief sie schrill. „Es war nur Sex.“ Ungezügelter, unglaublicher Sex, der sie um den Verstand gebracht hatte.

Im nächsten Moment klopfte jemand im Raum nebenan an die Wand, und sie schloss verlegen die Augen.

Luc registrierte die Unterbrechung nicht einmal. Seine Miene war so unergründlich wie immer. „Sex. Beziehungen“, gleichgültig zuckte er die Schultern, „das ist doch alles dasselbe.“

Bestürzt blickte Kimberley ihn an. „Nein, das ist es nicht, Luc!“ Sie war so wütend, dass ihr das Atmen schwerfiel. „Allerdings erwarte ich auch nicht, dass ein Mann wie du, der sich wie ein Neandertaler aufführt, das versteht.“

Ihre Worte ließen ihn ungerührt. „Es ist bekannt, dass Frauen andere Erwartungen haben als Männer. Ich brauche keine Romantik, um guten Sex genießen zu können. Aber wenn du dich damit besser fühlst, ist es deine Entscheidung.“

„Ich fasse es einfach nicht! Wofür hältst du mich eigentlich?“

„Für eine Frau, die fünf Millionen Dollar braucht und bereit ist, dafür alles zu tun“, erinnerte er sie schonungslos. „Und ich schlage dir ein Geschäft vor.“

Es ist typisch für ihn, dass er glaubt, mich kaufen zu können, überlegte sie hilflos. „Was du vorschlägst, ist unmoralisch.“

„Es ist ehrlich. Das aber bist du nicht gerade, wenn es um deine Gefühle geht, stimmt’s?“ Forschend betrachtete Luc sie. „Sag mir, dass du keine schlaflosen Nächte hattest, weil du an mich gedacht hast. Sag mir, dass du dich nicht nach meinen Berührungen sehnst. Sag mir, dass du dich nicht daran erinnerst, wie es mit uns war.“

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie befeuchtete sich die Lippen. „Du bist bereit, für Sex mit einer Frau zu zahlen, Luc?“, fragte sie betont lässig. „Anscheinend hast du dein Gespür verloren.“

„So, meinst du?“ Luc lächelte. „Sobald du Ja sagst, wirst du feststellen, dass es nicht der Fall ist. Und was das Geld betrifft …“ Wieder zuckte er die Schultern. „Ich kann sehr großzügig sein. Betrachte es als Geschenk. Nur werde ich dich diesmal vorher für deine Dienste bezahlen.“

Kimberley rang mit sich. Sie hatte Jahre gebraucht, um über die Trennung von Luc hinwegzukommen und ein neues Leben zu beginnen. Wie konnte sie überhaupt mit dem Gedanken spielen, sich wieder in diese Abhängigkeit zu begeben? Schließlich wusste sie, dass er bindungsunfähig war und ihr noch einmal das Herz brechen würde, wenn sie es zuließ.

Aber du bist jetzt kein idealistischer Teenager mehr, rief sie sich ins Gedächtnis. Diesmal wusste sie, worauf sie sich einließ. Und sie würde sich nicht mehr in ihn verlieben.

Dann hätte sie beinah gelacht. Was hatte sie überhaupt für eine Wahl? Wie hätte sie seinen Vorschlag unter diesen Umständen ablehnen können? Hier ging es einzig und allein um ihren Sohn.

Was waren dann Lucs Beweggründe? Warum wollte er sie zurückhaben, nachdem er ihre Beziehung damals beendet hatte?

„Warum willst du das?“, fragte Kimberley deshalb. „Ich begreife es einfach nicht.“

„Ach nein?“ Luc ließ den Blick zu ihrem Mund schweifen. „Zwischen uns ist noch einiges offen, meu amorzinho.“

Ihr Herz pochte wie wild. „Ich muss darüber nachdenken.“

„Ich gebe dir zehn Sekunden.“ Angewidert sah er sich in dem schäbigen Hotelzimmer um. „Und dann gehen wir.“

„Zehn Sekunden? Das ist lächerlich. So schnell kann ich mich nicht entscheiden!“

„Du hast doch selbst gesagt, du brauchtest das Geld sofort.“ Da er die Wimpern gesenkt hatte, konnte sie den Ausdruck in seinen Augen nicht erkennen. „Der Erpresser wartet, oder nicht?“, fügte er sarkastisch hinzu.

Hilflos sah Kimberley ihn an und suchte nach einem Zeichen dafür, dass es ihm um etwas anderes ging als nur Sex. Doch Luciano Santoro wirkte so hart und rücksichtslos wie immer.

„Warum willst du mich zurückhaben?“, fragte sie nun beinah flehend. „Du hast selbst gesagt, Frauen würden bei dir keine zweite Chance bekommen. Es ergibt einfach keinen Sinn.“

„Das wird es, wenn du nackt unter mir liegst“, versicherte er. „Deine Bedenkzeit ist um, meu amorzinho. Ja oder nein?“

Verächtlich funkelte sie ihn an. Wie konnte er nur so kalt und distanziert sein? „Du lässt mir ja keine Wahl.“

„Typisch, dass du so tust, als wärst du dazu gezwungen.“ Er hob die Hand und strich ihr sanft mit dem Daumen über die Lippe. „Du kannst jederzeit ablehnen.“

Starr blickte sie ihn an, wie hypnotisiert von dem verlangenden Ausdruck in seinen Augen. „Leider nicht. Ich liebe meinen Sohn, und seinetwegen brauche ich das Geld heute Abend.“

„Du meine Güte, sind wir verzweifelt!“

Energisch hob sie das Kinn. „Ich gehe mit dir ins Bett, wenn es sein muss. Aber ich bin nicht mehr der unschuldige Teenager, den du damals verführt hast. Womöglich wirst du nicht mehr mit mir fertig.“ Sie kochte vor Wut. „Du kannst mich zwingen, mit dir zu schlafen. Spaß machen muss es mir nicht.“

„Glaubst du?“

Ehe sie sich’s versah, neigte er den Kopf und presste die Lippen auf ihre, was sie gleichermaßen schockierte und erregte. Sein Kuss war leidenschaftlich und verführerisch, und schon nach kurzer Zeit erwiderte sie das erotische Spiel seiner Zunge mit unverhohlener Begierde.

Und er gab ihr noch mehr. Er gab ihr genau das, was sie brauchte. Während er sie immer verlangender küsste, ließ er die Hände zu ihrem Po gleiten und presste sie an sich, sodass sie spürte, wie erregt er war. Ausgehungert und von Sehnsucht verzehrt, drängte sie sich ihm aufreizend entgegen.

Sie erschauerte lustvoll und stieß einen Protestlaut aus, als er sich nach einer Weile von ihr löste. Am ganzen Körper bebend und schwer atmend stand sie da und schwankte ein wenig.

„Wie du siehst, werde ich ohne Weiteres mit dir fertig“, meinte er trügerisch sanft.

Benommen und mit den berauschenden Empfindungen kämpfend, die Luc in ihr geweckt hatte, versuchte Kimberley, in die Gegenwart zurückzukehren. Sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.

Falls sie einen Beweis dafür gebraucht hatte, dass sie noch immer für Luc Santoros machohaften Sex-Appeal empfänglich war, dann hatte sie ihn jetzt. Die Erkenntnis, dass er sie genau wie damals um den Verstand bringen konnte, indem er sie einfach nur küsste, war zutiefst erniedrigend.

„Danke, dass du mich daran erinnert hast, wie sehr ich dich hasse.“

„Ich schätze, ich habe gerade das Gegenteil bewiesen.“ Gleichgültig zuckte er die Schultern. „Und hör auf, so zu tun, als wäre unsere Abmachung eine Zumutung für dich. Sobald du wieder in meinem Bett liegst, wirst du mich anflehen, mit dir zu schlafen.“

Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Außer sich vor Zorn, holte Kimberley aus und verpasste Luc eine schallende Ohrfeige. Entsetzt und beschämt zugleich ließ sie dann die Hand sinken und wich zurück.

Noch nie im Leben hatte sie jemanden geschlagen, doch seine Worte hatten sie so getroffen, dass sie sich nicht mehr beherrschen konnte. Sie schwor sich, nicht mehr zu reagieren, wenn Luc sie das nächste Mal berührte, egal, was er mit ihr machte. Diese Genugtuung würde sie ihm nicht verschaffen.

„Du irrst dich. Ich hasse dich.“ Ihre leidenschaftliche Erklärung klang wie ein Schluchzen. „Bei dir erkenne ich mich selbst kaum wieder.“

„Weil du vergessen hast, wie du wirklich bist.“ Mit nachdenklicher Miene berührte er den roten Abdruck auf seiner Wange. „Ich freue mich schon darauf, dich immer wieder daran zu erinnern, meu amorzinho.“

Ihre Brust hob und senkte sich, während Kimberley versuchte, ihre hochkochenden Gefühle zu unterdrücken. „Du wirst mein wahres Ich kennenlernen, Luc, und ich hoffe, es ist kein Schock für dich.“ Sie fasste sich an den Hals. „Wie lange soll diese Farce dauern?“

„Bis ich mit dir fertig bin.“

Panik stieg in ihr auf. „Ich muss nach Hause zu meinem Sohn.“

„Ich will von diesem ‚Sohn‘ nichts mehr hören“, stieß er hervor. „Und nur zu deiner Information: Wenn du jemandem das nächste Mal eine Vaterschaftsklage anhängen willst, warte nicht sieben Jahre damit.“

Am liebsten hätte Kimberley ihn in diesem Moment erwürgt. Stattdessen sah sie ihn wütend und frustriert zugleich an und fragte sich, was sie eigentlich noch tun musste, um ihn von Rios Existenz zu überzeugen. Dann wurde ihr allerdings klar, dass es gar nicht nötig war. Sie brauchte nur das Geld, und das wollte er ihr offenbar geben. Vorausgesetzt, sie ließ sich auf seinen Vorschlag ein.

Kimberley schloss die Augen und suchte zum letzten Mal verzweifelt nach einer Alternative, aber es gab keine. Luc hatte ihr schon immer aus der Patsche geholfen. Wer sonst hätte ihr auch einfach so fünf Millionen Dollar geben können?

Rio wird eine Weile ohne mich zurechtkommen, sagte sie sich energisch und bemühte sich, ihre Ängste zu verdrängen. Jason war wie ein Vater für ihn. Er würde sich um ihn kümmern und auf ihn aufpassen. Sie konnte sich allerdings des Gefühls nicht erwehren, dass sie momentan in größerer Gefahr schwebte als ihr Sohn.

Kimberley öffnete die Augen wieder. „Zwei Wochen. Länger kann ich nicht bleiben.“ Sie musste wissen, wann sie nach England zurückkehren würde. „Und ich habe nicht viel mitgenommen. Ich muss mir einige Sachen kaufen.“ Sie war stolz auf ihren sachlichen Tonfall, doch Luc lächelte auf jene Art, die ihren Puls immer beschleunigte.

„Ja, zieh dich bloß an, denn ich habe keine Lust, deine Reize mit anderen Männern zu teilen. Kauf dir jedoch keine neuen Sachen, denn für das, was ich mit dir vorhabe, brauchst du keine.“

„Aber …“

„Mein Wagen steht draußen und erregt schon ziemlich viel Aufmerksamkeit“, unterbrach er sie. „Wir sollten lieber gehen, wenn wir das zweite Kapitel unserer Beziehung nicht so beginnen wollen wie das erste.“

Von ihrer ersten Begegnung wusste sie, dass Gewalt ihm nicht fremd und die ärmeren Viertel von Rio de Janeiro ihm nicht unbekannt waren. Doch die Gerüchte, dass er sich aus den Favelas, den berüchtigten Slums der Stadt, ganz nach oben gearbeitet hatte, hatten sich nie bestätigt, weil Luc Santoro sich weigerte, über sein Privatleben zu sprechen. Dies verlieh ihm eine geheimnisvolle Aura, die ihn wiederum für die Medien und besonders für die Frauen noch interessanter machte.

Schnell nahm Kimberley ihre Sachen und eilte ins Bad, um sich anzuziehen. Nachdem sie sich das Haar hochgesteckt und ihre Jacke zugeknöpft hatte, lächelte sie ihr Spiegelbild grimmig an. Das hier war ein Geschäft. Nicht mehr. Sie würde nicht schreien oder betteln. Und vor allem würde sie sich nicht verlieben. Beinah hätte sie bei dieser Vorstellung gelacht.

Das war eine Seite der Abmachung, bei der sie sich ganz sicher sein konnte. Es bestand überhaupt nicht die Gefahr, dass sie derartige Gefühle für Luc entwickelte.

Zuversichtlich verließ sie das Bad, nahm ihre Tasche und ging zur Tür. „Wollen wir?“

Luc warf einen geringschätzigen Blick zum Aufzug und nahm dann die Treppe. „Warum hast du dir ausgerechnet in dieser Absteige ein Zimmer gemietet?“

„Es hat Charme“, erwiderte sie unbekümmert, woraufhin ein amüsierter Ausdruck in seine Augen trat.

„In dem Fall muss ich mir ja keine große Mühe geben, um dich zu beeindrucken.“

Sein Lächeln ließ ihr Herz höher schlagen, doch sie rief sich ins Gedächtnis, dass er seinen Charme wie eine Waffe einsetzte.

„Du kannst mich überhaupt nicht beeindrucken, Luc.“

Für materielle Dinge hatte sie sich noch nie besonders interessiert. Ihr war es nur um ihn gegangen. Luc Santoro hatte ein unerschütterliches Selbstvertrauen. Hindernisse waren für ihn da, um aus dem Weg geräumt zu werden, und je größer das Problem, desto größer die Herausforderung. Zusammen mit seinem Reichtum und seinem umwerfenden Sex-Appeal machte es ihn für jede Frau zum Objekt der Begierde. Und er hatte ausgerechnet sie ausgesucht.

Oft war sie morgens in seinem riesigen Bett aufgewacht, völlig erschöpft nach einer leidenschaftlichen Nacht, und hatte seinen perfekten Körper betrachtet, unfähig zu glauben, dass dieser Mann tatsächlich ihr gehörte und dies die Wirklichkeit war.

Aber es war bald vorbei gewesen, und wie konnte etwas so Perfektes von Dauer sein?

Das wahre Leben ist nicht so, rief Kimberley sich düster ins Gedächtnis, als Luc und sie das Foyer betraten. Das hatte sie in den sechzehn Jahren gelernt, die sie mit ihrem Vater zusammengelebt hatte.

Luc deutete auf die lange silberfarbene Limousine, die vor dem Hotel parkte. Ein Fahrer wartete neben der geöffneten Tür, während ein Bodyguard den Blick durch die Straßen schweifen ließ.

Kimberley krauste die Stirn. Bisher war ihr noch gar nicht der Gedanke gekommen, dass Luc Ziel irgendwelcher Verbrecher sein könnte, und sie schauderte, weil sie an den Brief in ihrer Handtasche erinnert wurde.

„Fahren wir.“ Er hatte ihr die Hand auf den Rücken gelegt, aber sie blieb stehen.

„Ich muss noch die Rechnung bezahlen.“

„Heißt das, die Zimmer hier kosten etwas?“ Seine Augen funkelten amüsiert, als er sie vorwärtsschob. „Meine Sekretärin wird sich darum kümmern. Wir müssen von hier verschwinden, bevor die Reporter eintreffen, es sei denn, du möchtest dein Bild morgen in allen Zeitungen sehen. ‚Frau an den Höchstbietenden verkauft‘ wäre eine ideale Schlagzeile für die Regenbogenpresse.“

Kimberley ignorierte seinen Sarkasmus und zog die Augenbrauen zusammen. Sie hatte ganz vergessen, dass Luc Santoro stets im Blickpunkt der Öffentlichkeit stand und damit auch die Frauen in seiner Begleitung.

Kaum hatten sie das Hotel verlassen, leuchteten einige Blitzlichter auf, und Kimberley erstarrte verblüfft.

„Steig in den Wagen“, befahl Luc schroff, während sein Bodyguard sich um die Fotografen kümmerte.

4. KAPITEL

Als Kimberley in die Luxuslimousine stieg, war sie froh, dass die Scheiben getönt waren und niemand hereinsehen konnte.

„Woher wussten die, dass du hier bist?“ Sie beobachtete, wie der Bodyguard die Fotografen wegdrängte.

„Die Presseleute folgen mir auf Schritt und Tritt – und jedem, der irgendwie mit mir in Verbindung steht“, erinnerte Luc sie grimmig. Mit angespannter Miene beugte er sich vor und wies den Chauffeur an, Gas zu geben, was dieser auch sofort tat.

„Vielleicht würden sie dich nicht bemerken, wenn du keinen so auffälligen Wagen benutzen würdest“, meinte sie leise, doch ihr war klar, dass es für Luc Santoro praktisch unmöglich war, inkognito zu bleiben. Und jede Frau, mit der er gesehen wurde, bot Anlass zu den wildesten Spekulationen.

Bei ihr war es damals genauso gewesen. Obwohl Luc mit ihr die Öffentlichkeit mied, schafften es irgendwelche Reporter, sie beim Einsteigen in seinen Wagen abzulichten. Und aus der Zeitung erfuhr sie, dass Luc ihr Bett verlassen hatte, um den Abend mit einer anderen Frau zu verbringen. Zum Schluss hatte man ausführlich darüber berichtet, wie Luc sie zum Flughafen fuhr, und ihr verweintes Gesicht gezeigt.

Lässig lehnte er sich nun auf dem Sitz zurück. „Ich brauche dich wohl nicht daran zu erinnern, dass du diejenige warst, die in diesem zwielichtigen Viertel abgestiegen ist. Wenigstens hat das Auto eine Klimaanlage, und wir riskieren keinen Hitzschlag, wenn wir uns unterhalten.“

„Du bist hier aufgewachsen. Dir macht die Hitze nichts aus.“

Er legte die Hand auf die Lehne und spielte mit einer Haarsträhne von Kimberley. Dabei blickte er ihr tief in die Augen. „Du dagegen, minha docura, bist mit deiner hellen Haut und dem flammend roten Haar dafür geschaffen, drinnen im Bett eines Mannes zu bleiben.“

Ihr Herz pochte wie wild, und sie spürte verräterisches Verlangen in sich aufsteigen. „Mir reichen ein Hut und Sonnenschutz. Und dein Frauenbild entspricht dem eines Neandertalers.“

Die Wahrheit war, dass die Hitze, die ihr besonders gefährlich werden konnte, nicht von der Sonne kam. Einen Moment lang sah Kimberley Luc hilflos an, wie gebannt von dem bewundernden Ausdruck in seinen Augen.

So hatte es auch damals immer angefangen. Er hatte mit ihrem Haar gespielt, um sie zu verführen. Wie oft hatte er ihr ins Ohr geflüstert, wie sexy es sei? Wie oft hatte er die Finger hindurchgleiten lassen und dann ihren Kopf umfasst, damit er sie küssen konnte?

Eine verräterische Wärme durchflutete ihren Schoß, und ihr stockte der Atem. Unwillkürlich neigte Kimberley sich Luc entgegen. Sie wusste noch genau, wie es war, von ihm geküsst zu werden, und welche Gefühle er in ihr weckte.

Dann rief sie sich ins Gedächtnis, was für ein gefühlloser Kerl er war, und befreite ihr Haar aus seinem Griff.

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