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JULIA BESTSELLER – Anne Mather 2

ANNE MATHER

Heiße Eroberung auf Santonos

Sie sind sich wie aus dem Gesicht geschnitten! Genau das erkennen auch die 13jährige Melissa und der griechische Reeder Milos Stephanidis, als sie sich das erste Mal gegenüber stehen. Aber warum hat Melissas Mutter und Milos’ große Jugendliebe Helen dieses Geheimnis so lange für sich behalten? Warum ist sie damals einfach verschwunden? Helen zögert mit der Antwort …

Nur eine Nacht der Liebe?

Ihren Stolz, ihre Würde und ihr Herz – nichts von alledem will Olivia Mora je wieder verlieren. Dafür war die Ehe mit einem der reichsten – und treulosesten – Männer Floridas zu schmerzhaft. Aber das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und ein erotisches Knistern treibt sie eines Nachts in die Arme eines Bekannten Namens Christian. Eine Begegnung, die Folgen hat …

War alles nur ein heißes Spiel?

Für die junge Engländerin Tess ist es Liebe. Aber was empfindet Raphael di Castelli? Zwar sucht der attraktive Weingutbesitzer auffallend oft ihre Gesellschaft, doch etwas scheint störend zwischen ihnen zu stehen. Tess versucht es herauszufinden - und scheitert. Enttäuscht kehrt sie der Toskana und ihren Träumen den Rücken. Bis zu einem ungeahnten Wiedersehen …

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Heiße Eroberung auf Santonos

1. KAPITEL

Helen stand an der Reling, als die Fähre im Hafen von Santonos anlegte. Milos konnte sie gut erkennen, und er musste zugeben, dass sie immer noch eine der schönsten Frauen war, die er je gesehen hatte.

Obwohl ihre Begegnung über vierzehn Jahre zurücklag, weckte ihr Anblick intensive Gefühle in ihm und machte ihn sehr nervös. Aber warum? Seit jenem verrückten Intermezzo in London war Helen verheiratet gewesen, hatte ein Kind bekommen und ihren Mann verloren. Er hätte längst darüber hinweg sein müssen – und das war er auch, wie er sich einredete.

Bildete er es sich ein, oder wirkte sie nach der langen Reise etwas erschöpft? Er wusste schließlich nicht, wie es war, mit Linienmaschinen zu fliegen, denn er kannte nur Privatflugzeuge, Hubschrauber und Yachten.

Jedenfalls war sie jetzt hier, und Sam, ihr Vater, würde sich freuen. Seit sie seine Einladung angenommen hatte, sprach er von kaum etwas anderem. Milos war davon ausgegangen, dass Sam sie selbst abholen wollte, doch er hatte ihn darum gebeten, in der Annahme, er könnte ihre frühere Verbindung als Druckmittel einsetzen.

Wenn er wüsste, dachte Milos.

Allerdings konnte er verstehen, dass Sam aufgeregt war. Schließlich hatte er seine Tochter seit fast sechzehn Jahren nicht mehr gesehen. Nach der alles andere als erfreulichen Trennung von seiner Frau hatte er auf einer Geschäftsreise nach Athen eine Griechin kennengelernt und geheiratet.

Als Milos Helen ungefähr zwanzig Monate später begegnete, war sie ihrem Vater gegenüber genauso feindselig gesonnen gewesen wie zuvor. Sie hatte ihm die Schuld an seiner Untreue gegeben. Damals war sie jung und idealistisch gewesen. Und unglaublich naiv.

Aber sehr verletzlich, wie Milos einräumen musste. Und er hatte es ausgenutzt. Allerdings war es nicht nur seine Schuld gewesen, denn Helen hatte bereitwillig mitgemacht.

Die Schuldgefühle überwältigten ihn erst später, als er nach Griechenland zurückkehrte. Er hatte niemandem erzählt, was während seiner Reise passiert war, weder seiner Familie noch Maya, Sams zweiter Frau, noch Sam, der ihm vertraute.

Mit finsterer Miene beobachtete Milos, wie die Fähre am Kai anlegte. Das Problem war, dass seine Ehe, die sein Vater arrangiert hatte, damals auseinandergegangen und er auf der Suche nach einer Ablenkung gewesen war. Und dann hatte Helen ihn verlassen und damit ihre Unreife bewiesen.

Natürlich hätte er nie damit gerechnet, dass die Dinge sich so entwickeln würden. Umso verblüffter war er gewesen, als Sam verkündete, Helen und ihre Tochter würden die Ferien auf Santonos verbringen. Sams Brief nach dem überraschenden Tod ihres Mannes vor einem knappen Jahr hatte schließlich zu einer Versöhnung geführt.

Ein zynischer Beobachter hätte sich vielleicht gefragt, ob der Sinneswandel seiner Tochter mit Sams Wohlstand zusammenhänge. Sam Campbell war in England als Weinimporteur tätig gewesen. Nach der Heirat mit Maya hatte er Ambeli Kouros, das heruntergewirtschaftete Weingut ihrer Familie, übernommen und innerhalb von zehn Jahren zu einem florierenden Unternehmen ausgebaut.

Nun drängte sich ein Mädchen an den anderen Passagieren vorbei und stellte sich neben Helen an die Reling. Aber es konnte auf keinen Fall ihre Tochter sein. Sie trug ein schwarzes T-Shirt mit einem aufgedruckten Logo und schwarze Baggy-Jeans. Ihr Haar war grün getönt, ihr Lippenstift schwarz, und zahlreiche Piercings zierten ihre Ohren. Der Gegensatz zu Helen hätte nicht größer sein können.

Skata, dachte Milos, während er darauf wartete, dass sie sich den Rucksackreisenden im Teenageralter anschloss, die von Bord gehen wollten. Dies war einer der Momente, in denen er sich wünschte, dass die ganze Insel seiner Familie gehörte und nicht nur ein großer Teil.

Als die Passagiere zur Gangway drängten, beobachtete er, wie das Mädchen mit Helen sprach. Die beiden schienen eine Auseinandersetzung zu haben, bevor sie ebenfalls von Bord gingen.

Nein, es ist sicher eine Reisebekanntschaft, versuchte Milos sich einzureden. Er betrachtete Helens gerötetes Gesicht und fragte sich, ob ihr heiß sei, denn in dem Blazer und dem Rock war sie viel zu warm angezogen. Sie trug das Haar jetzt kürzer, doch sie war noch genauso schlank wie damals. Ob sie ihn erkennen würde? Und war es vermessen von ihm, zu glauben, dass sie sich genauso an ihn erinnerte wie er sich an sie?

Sobald sie seinem Blick begegnete, kannte er die Antwort, denn der Ausdruck in ihren Augen verriet Angst und Abscheu.

„Wer ist das?“

Melissas Worte rissen sie aus ihren Gedanken, und Helen riss sich von Milos’ Anblick los. „Wen meinst du?“, erkundigte sie sich beherrscht.

„Den Mann da.“ Melissa schwang sich ihren Rucksack über die Schulter. „Komm schon, Mum. Er starrt uns die ganze Zeit an. Das ist nicht dein Dad, stimmt’s?“

Nervös lachte Helen auf. „Wohl kaum. Sein Name ist Milos Stephanides. Anscheinend hat dein Großvater ihn geschickt.“

„Ach ja?“ Melissa zog die Augenbrauen hoch und ähnelte dabei so sehr ihrem Vater, dass es Helen einen Stich versetzte. „Und woher kennst du ihn?“

„Oh …“ Helen wollte nicht darüber sprechen. „Ich habe ihn vor Jahren kennengelernt. Dein Großvater hatte ihn gebeten, bei uns vorbeizuschauen, als er geschäftlich in England war.“ Sie befeuchtete sich die Lippen. „Das war vor deiner Geburt.“

„Und er erinnert sich noch an dich?“, fragte Melissa nachdenklich. „Was war zwischen euch? Erzähl mir nicht, dass meine steife Mutter in einen griechischen Arbeiter verknallt war!“

„Nein!“ Entsetzt blickte Helen sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand Melissas Worte gehört hatte. „Und soweit ich weiß, ist er kein Arbeiter. Er ist ein Angestellter deines Großvaters.“

„Was gibt es denn sonst auf einem Bauernhof zu tun?“, meinte Melissa ungeduldig, woraufhin Helen seufzte.

„Es ist kein Bauernhof.“

„Nein, natürlich nicht.“ Ihre Tochter warf ihr einen spöttischen Blick zu. „Du wirst es mir nicht sagen.“ Dann schnaufte sie verächtlich. „Ich hätte nicht fragen sollen.“

Helen konnte ihr nicht mehr antworten, denn sie standen jetzt auf dem Kai, und Milos kam auf sie zu. Er trug ein leger geschnittenes Hemd und schwarze Chinos, die seine schmalen Hüften und muskulösen Schenkel betonten. Er sieht umwerfend aus, dachte sie unbehaglich. War sein schwarzes Haar etwas länger, als sie es in Erinnerung hatte? Doch er wirkte so erschreckend vertraut, und sein attraktives Gesicht war dasselbe, das sie all die Jahre in ihren Träumen verfolgt hatte.

Am liebsten hätte sie kehrtgemacht und sich schnell wieder auf die Fähre geflüchtet. Ihr war die ganze Zeit klar gewesen, wie riskant es war, hierherzukommen. Aber woher hätte sie auch wissen sollen, dass sie ihm zuerst begegnen würde? Du musst das jetzt durchziehen, sagte sich Helen, und sei es nur, um diesem selbstgefälligen Kerl zu beweisen, dass du über die Geschichte mit ihm hinweg bist und etwas aus deinem Leben gemacht hast.

Obwohl sie hochhackige Pumps trug, musste sie den Kopf ein wenig nach hinten neigen, als sie zu Milos aufblickte. Einen Moment lang schien es, als wäre sie der Situation nicht gewachsen. Dann besann sie sich jedoch auf ihren gesunden Menschenverstand und riss sich zusammen. „Hallo, Milos“, begrüßte sie ihn beherrscht. „Nett von dir, dass du uns abholst. Hat mein Vater dich geschickt?“

Milos ließ sich von ihrem kleinen Seitenhieb nicht beirren. „Niemand hat mich geschickt“, erklärte er mit dem leichten Akzent, an den sie sich so gut erinnerte. „Ich bin schließlich kein Paket.“

Helen presste die Lippen zusammen. Nein, das bist du nicht, hätte sie am liebsten erwidert. Du bist viel zu gefährlich. „Du weißt, was ich meine“, antwortete sie stattdessen nur und sah ihn dabei flüchtig an. „Ist mein Vater auch da?“

„Nein“, sagte er kühl. „Hattet ihr eine gute Reise?“

„Sie machen wohl Witze“, ließ sich nun Melissa vernehmen, und Helen beobachtete, wie Milos den Blick zur Fähre schweifen ließ.

„Wo ist deine Tochter? Ich dachte, du hättest sie mitgebracht.“

„Ich bin ihre Tochter“, verkündete Melissa trotzig. „Und wer sind Sie? Der Chauffeur meines Großvaters?“

Er verzog keine Miene, wirkte jetzt allerdings angespannt. „Nein. Ist das alles, was ihr an Gepäck dabeihabt?“

Helen fühlte sich unbehaglich, weil sie sich für das Verhalten ihrer Tochter schämte. Es war schlimm genug, einem Mann wiederzubegegnen, dem gegenüber sie sich einmal so lächerlich gemacht hatte.

„Ja“, erwiderte sie und bedachte Melissa dabei mit einem vernichtenden Blick. „Ist … ist es weit nach Aghios Petros?“

„Nicht besonders.“ Milos nahm ihr den Koffer ab. „Kommt mit.“

„Sollten Sie nicht sagen: „Ilthateh sto Santonos?“, fragte Melissa. „Das heißt ‚Willkommen auf Santonos‘“, fügte sie an Helen gewandt hinzu. „Gut, nicht?“

Er sah sie an, aber falls sie eine wütende Reaktion erwartet hatte, wurde sie enttäuscht. „Es freut mich, dass du meine Sprache lernen möchtest“, erwiderte er gewandt. „Then to ixera.“

„Ja.“ Sie steckte das Wörterbuch mit den Redewendungen, das sie aus ihrem Rucksack genommen hatte, in ihre Jeanstasche und gab sich kratzbürstig wie immer, wenn jemand ihr etwas entgegensetzte. „Ich bin eigentlich nicht daran interessiert, Griechisch zu lernen“, erklärte sie unhöflich und blickte sich um. „Können wir jetzt los? Ich muss mal.“

Wieder presste Helen die Lippen zusammen. Melissa führte sich unmöglich auf. Und natürlich war Milos nicht entgangen, dass ihre Jeans noch ein Stück weiter hinuntergerutscht waren und zwischen Hosenbund und Top ihre gebräunte Haut freigaben. Außerdem konnte man das Nabelpiercing sehen, das noch am Vorabend Anlass zu einer Auseinandersetzung zwischen ihnen gewesen war. Vermutlich hielt er sie für eine Rabenmutter.

Die anderen Passagiere waren inzwischen gegangen, und auf dem Kai waren nur noch die Männer, die das Frachtgut entluden. Helen wünschte, sie hätte etwas Leichteres als den dicken Blazer angezogen. Sie hatte nicht geahnt, dass es so heiß sein würde.

„Dein Vater kann es gar nicht erwarten, dich zu sehen“, informierte Milos sie. Dann machte er eine lässige Geste. „Mein Wagen steht dahinten.“

„Ich freue mich auch darauf, ihn zu sehen“, gestand sie. Es fiel ihr schwer, mit ihm Schritt zu halten. „Ist er sehr krank?“

Daraufhin blieb er stehen und blickte sie verblüfft an. „Er … Es geht ihm den Umständen und seinem Alter entsprechend“, meinte er schließlich. Nach einer Pause fügte er steif hinzu: „Dass dein Mann verunglückt ist, tut mir leid.“

„Ja.“ Sie wollte nicht über Richard reden – schon gar nicht mit ihm. Daher wechselte sie das Thema. „Wie geht es deiner Frau?“

Ein angespannter Zug erschien um seinen Mund. „Wir sind geschieden.“ Offenbar war ihm die Frage genauso unangenehm wie ihr seine. „Dein … Mann muss sehr jung gewesen sein, als er starb.“

„Er war …“

„Klar, er war ja auch betrunken“, verkündete Melissa, der es offenbar nicht passte, dass man sie ignorierte. Bevor einer von ihnen antworten konnte, fuhr sie fort: „Wow, ist das Ihre Kiste? Cool!“

Unwillkürlich begegnete Helen Milos’ Blick. Ihr war klar, dass er sich gerade fragte, wie ein Teenager so verzogen sein konnte, und das zu Recht. Sie konnte es nicht einmal auf Richards vorzeitigen Tod schieben, denn Melissa war schon vorher unmöglich gewesen.

Ohne zu antworten öffnete Milos die Tür der Limousine. „Steig hinten ein“, wies er Melissa dann an.

Sein Unterton war ihr offenbar nicht entgangen. „Mit wem reden Sie?“ Sie lehnte die Hüfte an den Wagen und strich mit einem schwarz lackierten Fingernagel über den silberfarbenen Lack. „Sie können mir keine Vorschriften machen, Milos. Ich bin nicht Ihre Tochter.“

Ein zorniger Ausdruck huschte über sein Gesicht. Vermutlich überlegt Milos gerade, dass seine Tochter, hätte er eine, sich nie so benehmen würde. Wenn er wüsste, dachte Helen, ohne sich bewusst zu sein, dass ihre Miene ihre Gefühle verriet.

„Tu es einfach“, forderte er Melissa erneut auf, woraufhin diese leise fluchte und sich straffte.

„Melissa, bitte“, sagte Helen beinahe flehend.

Schließlich gab ihre Tochter nach. Sie klappte den Sitz nach vorn und warf ihren Rucksack auf die Rückbank, bevor sie selbst einstieg. Als sie dabei mit ihren Turnschuhen die Lehne des Vordersitzes beschmutzte, musste Helen wieder an sich halten.

„Und, bist du jetzt glücklich?“, erkundigte sich Milos.

Helen war alles andere als das, doch dies war nicht der richtige Zeitpunkt, es auszusprechen. Sie war sich deutlich der Gefahr bewusst, die von ihm ausging, und ihrer Unfähigkeit, ihm die Wahrheit vorzuenthalten. Nach der schlaflosen Nacht auf der Fähre hatte der Tag schon schlecht angefangen, und nun war alles noch schlimmer.

Auf sein Zeichen hin stieg sie ebenfalls ein und stellte fest, wie angespannt er war, als er am Steuer Platz nahm. Ob ihm irgendetwas an Melissa aufgefallen war? Und wenn ja, was sollte sie bloß tun?

Da ihr Rock ein wenig hochgerutscht war, konzentrierte Helen sich nun darauf, ihn hinunterzuziehen, während Milos den Motor anließ und Gas gab. Dennoch war sie sich unangenehm seiner Nähe bewusst, der Kraft, die er ausstrahlte, seiner langen Finger, mit denen er damals …

„So einen Wagen will ich später auch mal haben“, verkündete Melissa vom Rücksitz, und Helen überlegte, ob sie die spannungsgeladene Atmosphäre bemerkt hatte.

„Erst mal musst du dein eigenes Geld verdienen“, erklärte Helen.

„Ich könnte mir ja einen reichen Mann suchen“, meinte ihre Tochter ungerührt. „Zum Beispiel einen, der mehr als doppelt so alt ist wie ich.“

Die Anspielung auf ihren Arbeitgeber ließ Helen scharf einatmen. Sie wandte sich an Milos. „Wohnst du auch in Aghios Petros?“

„In der Nähe“, antwortete er nach kurzem Zögern. „Aber ich bin nicht das ganze Jahr auf Santonos. Ich habe auch eine Bleibe in Athen.“

„Tatsächlich?“, fragte sie überrascht. Offenbar bezahlte ihr Vater ihn gut.

Doch er belehrte sie eines Besseren. „Mein Vater besitzt … Schiffe.“

„Schiffe?“, ließ sich Melissa wieder vernehmen. „So wie diesen alten Kahn, mit dem wir von Kreta hergekommen sind?“

„Melissa!“, ermahnte Helen sie, aber offenbar reichte es Milos jetzt.

„Nein, keine Fähren, thespinis“, erwiderte er, wobei er das griechische Wort betonte. „Öltanker. Leider bin ich einer jener reichen alten Männer, von denen du gerade gesprochen hast.“

2. KAPITEL

Auf einer Anhöhe befand sich über terrassenförmig angelegten Weinbergen das Anwesen. Eine lange Auffahrt führte zwischen Zypressen, Olivenbäumen und Tamarisken hindurch zur Villa, die ziemlich groß und mit Wein und Bougainvilleen berankt war.

„Ist es das?“

Melissa beugte sich vor, sodass ihr Ellenbogen sich in Helens Nacken bohrte, und Milos fragte sich, was Sam wohl von seiner Enkelin halten würde.

„Mum!“, rief sie, als Helen schwieg.

„Ja, ich glaube, das ist das Haus deines Großvaters“, sagte Helen schließlich und warf ihm einen Seitenblick zu. „Das sind die Weinberge, nicht?“

Ineh … ja“, bestätigte er. „Das ist Ambeli Kouros.“

„Ambeli Kouros?“, mischte Melissa sich wieder ein. „Was ist das?“

„Melissa!“, ermahnte Helen sie, doch seiner Meinung nach war es nur Zeitverschwendung.

„Das bedeutet ‚der Weinberg der Kouros‘“, erklärte er geduldig. „‚Kouros‘ war der Familienname der Frau deines Großvaters.“

Einen Moment lang war Melissa nachdenklich. „Das muss der alte Drachen Maya sein, stimmt’s?“, fragte sie dann.

„Du meine Güte, Melissa …“

Helen wirkte entsetzt, doch Milos war klar, dass ihre Tochter nur ihre Worte wiedergab. „Richtig. Also pass auf. Maya nimmt keine Gefangenen.“

Offensichtlich enttäuscht über seine lässige Reaktion, lehnte sie sich zurück.

„In meiner Familie spricht man nicht gern über Maya“, lenkte Helen ein. „Meine Mutter wollte nicht, dass ich nach Griechenland reise.“

Das überraschte ihn nicht. Sheila Campbell hatte ihn auch nicht gemocht. „Ich schätze, sie vertraut Sam nicht“, sagte er. „Oder sie ist der Ansicht, dass es für einen Neuanfang noch zu früh ist.“

„Seit Richards Tod, meinst du?“ Helen presste die Lippen zusammen. „Nein. Sie … sie findet, ich soll mich wieder binden.“

„Ja, sie will, dass Mum einen Grufti heiratet“, warf Melissa ein, bevor er antworten konnte – was ihm nur recht war, denn Helens Worte hatten ihn völlig verblüfft. „Mark Greenaway. Er ist mindestens sechzig.“

„Mark ist kein Grufti“, protestierte Helen hitzig. „Und er ist viel jünger.“ Sie warf ihm einen verlegenen Blick zu. „Er ist mein Chef. Er ist Inhaber einer Maschinenbaufirma, und ich bin seine Assistentin.“

„Ach ja?“ Er schaffte es, nur mäßig interessiert zu klingen. „Hat er auch Familie?“

„Er ist verwitwet und hat keine Kinder“, erwiderte sie steif.

„Der Typ ist ein Weichei, und das weißt du auch“, bemerkte ihre Tochter verächtlich. „Hätte Dad gearbeitet, hättest du nie bei ihm angefangen.“

„Das ist nicht wahr!“, entgegnete Helen sichtlich verlegen.

Milos überlegte, warum sie ihre Tochter so einfach damit davonkommen ließ. Es schien, als hätte sie Angst davor, was diese als Nächstes tun würde.

Als ihm bewusst wurde, dass er Helen starr ansah, wandte er schnell den Blick ab. Stieg sie nicht aus, weil sie nervös war, oder wollte sie noch etwas sagen?

Sein Magen krampfte sich zusammen, doch bevor er sich nach dem Grund dafür fragen konnte, brach Melissa das Schweigen. „Steigen wir jetzt aus?“

Daraufhin setzte er eine unbewegte Miene auf und öffnete die Tür.

Als er um den Wagen herumgegangen war, war Helen ebenfalls ausgestiegen. Sein Blick wurde wie magisch von ihren langen Beinen angezogen. „Iseh kala?“, erkundigte er sich. „Alles in Ordnung?“

„Interessiert es dich denn?“, konterte sie und gab damit zum ersten Mal ihre Gefühle preis. „Interessierst du dich überhaupt für andere? Vergiss es, Milos. Es ist zu spät, so zu tun, als hättest du ein Gewissen.“

Milos wollte etwas erwidern, wurde allerdings von Melissa abgelenkt, die gerade über den Sitz nach vorn kletterte.

„Stört es Sie?“, fragte sie. „Ich möchte raus. Und ihr steht im Weg.“

Melissas unmögliches Benehmen verblüffte ihn so sehr, dass er nur Helens Hand nahm und sie beiseite zog. Sofort befreite Helen sich aus seinem Griff.

„Fass mich nicht an!“, sagte sie, wurde jedoch zu seiner Erleichterung von ihrer Tochter übertönt, die sich im selben Moment lautstark bei ihm bedankte.

Man hatte ihnen zwei Zimmer im hinteren Teil der Villa zugewiesen. Die hohen Decken, die hell gefliesten Böden und die dunklen Holzmöbel schufen eine angenehm kühle Atmosphäre. Ein Balkon, auf dem weiß gestrichene Stühle und ein eben solcher Tisch standen, lud zum Verweilen ein, und in der Ferne ging die hügelige Landschaft in die Küstenebene über.

Was für eine Aussicht, dachte Helen und verschränkte die vor Nervosität noch immer feuchten Hände im Nacken. Es war schlimm genug gewesen, Milos wiederzusehen, doch die Begegnung mit Maya, der zweiten Frau ihres Vaters, hatte sie auf eine harte Probe gestellt. Diese hatte ihnen unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass Melissa und sie hier im Gegensatz zu Milos nicht erwünscht waren.

Was Helen allerdings am meisten schockiert hatte, war die Tatsache, dass ihr Vater arbeitete. In seinen Briefen hatte er ihr den Eindruck vermittelt, dass es ihm sehr schlecht gehe und er sie noch einmal sehen wolle, bevor er …

Nein, dass er im Sterben lag, hatte er nicht behauptet.

„Was meinst du?“ Melissa war an der Tür erschienen, die ihr Zimmer mit Helens Suite verband. Sie wirkte ungewohnt unsicher. „Bleiben wir hier, oder husten wir ihm was und nehmen die nächste Fähre zurück?“

„Melissa!“, ermahnte Helen sie, aber nur halbherzig, da sie sich nicht sicher war, ob sie bleiben sollten.

„Na ja, begeistert bist du nicht gerade.“ Melissa deutete auf Helens Koffer. „Du hast noch nicht einmal angefangen auszupacken.“

„Und du?“

Als Helen herumwirbelte, sah sie, wie Melissa das Gesicht verzog. „Ich mache einfach meinen Rucksack auf, nehm die paar T-Shirts und Jeans raus und stopfe sie in die Schubladen.“

Helen presste die Lippen zusammen. „Du hast nur T-Shirts und Jeans mitgebracht?“ Wenn sie daran dachte, wie optimistisch sie gewesen war, was diese Reise betraf! Sie hatte es nicht nur für ihren Vater, sondern auch für sich und Melissa getan. Momentan pflegte ihre Tochter keinen besonders guten Umgang, und dies war eine willkommene Abwechslung.

Helen ging zu einer Kommode, auf die eines der Hausmädchen ein Tablett mit Kaffee und Limonade gestellt hatte. „Möchtest du etwas trinken?“

„Ja.“ Langsam kam Melissa auf sie zu. „Was ist los?“

„Die Frage ist wohl überflüssig.“ Helen schüttelte den Kopf. „Meine reizende Tochter tut ihr Bestes, um mich nach Strich und Faden zu blamieren. Ich erfahre, dass mein Vater, den ich seit sechzehn Jahren nicht gesehen habe, mich angelogen hat, und seine Frau macht keinen Hehl daraus, dass sie uns hier nicht haben will. Soll ich weiterreden?“

Ihre Tochter zuckte die Schultern. „Sehe ich so aus, als ob es mich interessierte?“

„Du willst also bleiben, obwohl wir hier nicht erwünscht sind?“ Helen streifte ihren Blazer ab und zog ihr Top aus dem Rockbund. „Im Gegensatz zu dir scheue ich Konfrontationen.“

„Bleib locker, Mum.“ Melissa schenkte sich ein Glas Limonade ein, bevor sie fortfuhr: „Ich finde jedenfalls, dass du ziemlich hart zu Milos warst. Wenn er nicht gewesen wäre, würden wir immer noch draußen in der sengenden Hitze stehen. Maya hatte es nicht eilig, uns reinzubitten, oder?“

„Ich brauche Milos Stephanides’ Hilfe nicht“, erklärte Helen angespannt. Auf keinen Fall wollte sie jetzt mit ihrer Tochter über Milos reden. Sie war viel zu nervös.

Helen umfasste die Tasse, die sie sich eingeschenkt hatte, mit beiden Händen und ging wieder zur Balkontür. Das Wiedersehen mit Milos war viel schwerer gewesen, als sie erwartet hatte. Eigentlich hätte er ihr längst gleichgültig sein müssen, aber das war anscheinend nicht der Fall.

„Glaubst du, er und Maya … na ja, tun es?“, fragte Melissa plötzlich hinter ihr, woraufhin Helen sich zu ihr umwandte und sie entsetzt ansah.

„Was meinst du damit?“, rief sie, obwohl sie es ahnte. Maya war hocherfreut gewesen, Milos zu sehen.

Melissa schnitt ein Gesicht. „Das weißt du ganz genau.“

Starr blickte Helen sie an. „Willst du damit etwa andeuten, dass Milos … dass Milos und Maya …?“

„Miteinander schlafen?“, beendete ihre Tochter den Satz für sie. „Ja. Warum nicht? Hast du nicht gesehen, wie sie an ihm gehangen hat? Außerdem ist er nicht verheiratet, das hat er selbst gesagt.“

„Sie aber.“

„Und das heißt?“

„Nein“, erklärte Helen nachdrücklich.

„Hallo? Erzähl mir nicht, dass du glaubst, deine Stiefmutter würde so etwas nie tun.“ Melissa schüttelte den Kopf. „Komm auf den Teppich, Helen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie eine Beziehung zerstört.“

Helen war entsetzt, brachte jedoch nur „Nenn mich nicht Helen“ hervor.

„Wie soll ich dich sonst nennen? Etwa Dummchen?“ Ihre Tochter stöhnte. „Mum, Milos ist ein Frauentyp. Und dass Maya verheiratet ist, bedeutet nicht, dass sie nicht noch was nebenbei laufen haben kann.“

„Melissa!“ Beinah hätte Helen sich an ihrem Kaffee verschluckt. „Ich bin entsetzt!“

Melissa zuckte die Schultern. „Sag nachher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“

„Sie hat sich nur gefreut, ihn zu sehen, das war alles.“

„Ach ja?“ Ihre Tochter schnaufte verächtlich. „Jedenfalls ist der Typ heiß. Das musst selbst dir aufgefallen sein. Oder hast du vergessen, wie es ist, wenn …?“

„Das reicht jetzt“, fiel Helen ihr ins Wort. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, wechselte sie das Thema. „Ist dein Zimmer schön?“

„Schön?“ Melissa leerte ihr Glas und stellte es dann wieder aufs Tablett. „Du willst mich einfach nicht wie eine Erwachsene behandeln, stimmt’s?“

„Weil du nicht erwachsen bist, Melissa. Du bist dreizehn, nicht dreiundzwanzig.“

„Ich werde bald vierzehn. Hast du das vergessen?“

„Nein, ich weiß genau, wie alt du bist“, erwiderte Helen nachdrücklich. Schließlich fügte sie versöhnlich hinzu: „Du findest also, wir sollten bleiben?“

„Haben Kinder denn was zu sagen?“

„Natürlich.“ Nun seufzte Helen. „Ich dachte, du möchtest deinen Großvater kennenlernen.“

Wieder schnitt ihre Tochter ein Gesicht. „Als könnte ich noch einen alten Kerl in meinem Leben gebrauchen!“

„Und, was sagst du?“

„Na ja, jetzt sind wir hier, oder? Und es ist nicht schlecht. Außerdem können wir Maya damit eins auswischen.“

Helens Mundwinkel zuckten. „Du bist unmöglich!“

„Aber du hast mich trotzdem lieb.“ Melissa wich ihrem spielerischen Schubs aus. Als im nächsten Moment ein Wagen auf der Auffahrt zu hören war, zog sie die Augenbrauen hoch. „He, wer könnte das sein?“

Helens Magen krampfte sich zusammen. Sie zweifelte nicht daran, dass es sich um ihren Vater handelte. Wahrscheinlich hatte Maya ihn über ihr Kommen informiert, und er hatte sich sofort in den Wagen gesetzt.

Was sollte sie ihm bloß sagen? Wie viele Lügen wollte er ihr noch auftischen?

Melissa, die auf den Balkon geeilt war, kehrte mit enttäuschter Miene zurück. „Man kann den Fahrer von hier nicht sehen. Meinst du, er ist es?“

„Falls du von deinem Großvater sprichst, ja“, antwortete Helen angespannt. „Hast du nichts Passenderes anzuziehen? Zum Beispiel Shorts?“, fügte sie dann hinzu.

„So laufe ich doch nicht rum“, erklärte Melissa verächtlich. „Und lass deine schlechte Laune gefälligst nicht an mir aus. Es ist nicht meine Schuld.“

Helens Zorn verflog sofort wieder. „Es wäre mir nur lieber, wenn du nicht immer Schwarz tragen würdest.“

„Das ist eben hip“, sagte Melissa lässig, während sie zur Tür ging. „Ich sehe mal nach, was unten los ist. Ich möchte nämlich nicht, dass die alte Hexe uns einen Strich durch die Rechnung macht.“

„Bleib, wo du bist.“ Helen eilte ihr nach und umfasste ihr Handgelenk. „Du verlässt diesen Raum nicht allein.“ Sie atmete tief durch. „Und pass auf, wie du über die Frau deines Großvaters redest. Hör auf, dich wie eine billige Kopie deiner Großmutter zu benehmen.“

Daraufhin errötete ihre Tochter leicht. „Ich hab keine Ahnung, wieso du sie verteidigst“, sagte sie leise. „Schließlich hat sie dein Leben zerstört, oder?“

„Schon möglich.“ Nach kurzem Zögern gab Helen nach. „Ich mache mich schnell frisch, und dann gehen wir beide nach unten und bringen es hinter uns.“

Melissa krauste die Stirn. „Du freust dich nicht gerade darauf, oder?“

„Nein, wirklich nicht.“

„Weil dein alter Herr dich angelogen hat?“

„Genau.“ Helen nahm ihre Handtasche vom Bett, um ihren Kamm zu suchen. „Wie sehe ich aus?“

Widerstrebend musterte Melissa sie. „Nicht schlecht für eine Frau in deinem Alter“, räumte sie ein. „Milos findet dich sowieso cool.“

Nun errötete Helen. Sie wollte sich nicht eingestehen, dass sie sich über die letzten Worte ihrer Tochter freute. „Gehen wir, bevor ich es mir anders überlege.“

3. KAPITEL

Bevor Helen jedoch die Tür öffnen konnte, klopfte jemand an. Prompt krampfte ihr Magen sich zusammen.

„Wer ist da?“, fragte sie, aber Melissa ergriff einfach die Initiative und machte auf.

Helen erkannte den Mann, der im Flur stand, sofort. Er war groß und schlank, hatte dichtes, grau meliertes Haar und hagere Züge und wirkte genauso angespannt, wie sie sich fühlte. „Helen“, brachte er hervor. „Verdammt, ich hätte euch selbst abholen sollen, statt Milos zu schicken! Ich habe so lange auf diesen Augenblick gewartet. Verzeihst du mir, dass ich Angst davor hatte, es zu vermasseln?“

Sie war wie erstarrt. Nun stand er tatsächlich vor ihr, und all die Jahre schienen einfach vergeudet.

„Nun sag doch etwas“, rief er rau. Offenbar hatte er ihr Schweigen falsch verstanden.

Daraufhin trat Melissa einen Schritt vor. „Hallo“, begrüßte sie ihn und betrachtete ihn dabei kritisch. „Ich bin Melissa Shaw, deine Enkelin.“ Sie machte eine Pause und blickte Helen an. „Mum fällt es schwer, sich an dich zu erinnern.“

„Das ist nicht wahr“, begann Helen schnell, um nicht alles zu verderben, bevor ihr Vater und sie die Chance hatten, einander neu kennenzulernen.

Sam Campbell ließ sie allerdings nicht ausreden. „Ich könnte es ihr auch nicht verdenken“, erklärte er schroff. „Ich bin wirklich nicht stolz darauf, dass ich alles so habe schleifen lassen.“ Dann atmete er tief durch. „Es ist so schön, dich wiederzusehen – euch beide. Es war dumm von mir, Sheila all die Jahre die Fäden ziehen zu lassen.“

Sie zögerte. „Es ist nicht alles deine Schuld“, sagte sie und ignorierte dabei, wie Melissa die Augen verdrehte. „Ich war wohl zu stur. Ich wollte dir nicht zuhören.“

„Und jetzt willst du es?“

Helen machte eine hilflose Geste. „Ich bin … älter“, erwiderte sie. „Als du gesagt hast, du seist krank …“

Eine hektische Röte stieg ihm ins Gesicht. „Das stimmte nicht …“

„Das weiß ich inzwischen.“

„Hat Milos es dir erzählt?“

„Nein. Maya.“ Helen beobachtete, wie ihr Vater die Lippen zusammenpresste. „Ich habe den Eindruck, dass wir ihr nicht willkommen sind.“

Sam schüttelte den Kopf. „Es ist mein Haus, nicht ihres.“ Nervös schob er die Hände in die Hosentaschen. „Macht es einen Unterschied, dass ich dich belogen habe?“

Nun hob sie die Schultern. „Ja, natürlich. Aber ich weiß nicht, was ich empfinde.“ Als sie sah, wie Melissa sie beobachtete, fuhr sie vorsichtig fort: „Vielleicht sollten wir es langsam angehen lassen.“

„Wärst du gekommen, wenn ich nicht so getan hätte, als wäre ich krank?“, erkundigte er sich heftig, und sie musste sich eingestehen, dass sie es wahrscheinlich nicht getan hätte. „Also kennst du meine Gründe“, fügte er dann hinzu, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

„Ich glaube schon.“

Sam atmete tief durch und blickte in den Flur. „Bestimmt seid ihr müde. Ihr solltet euch ausruhen. Habt ihr schon etwas gegessen?“

„Man hat uns Kaffee und Limonade gebracht.“

„Und nichts zu essen?“ Er sah auf seine Armbanduhr. „Okay. Es ist fast halb zehn. Ich werde Sofia bitten, euch Brötchen und frischen Kaffee und Limonade zu bringen. Dann könnt ihr euch bis zum Mittagessen ausruhen.“

„Das klingt nicht schlecht.“ Helen wandte sich an Melissa. „Was meinst du?“

„Ich will mich nicht ausruhen“, verkündete diese und blickte ihren Großvater an. „Kann ich mitkommen?“

„Melissa!“, rief Helen, doch ihr Vater lächelte, was ihn sofort weniger streng erscheinen ließ.

„Warum nicht? Wenn es deiner Mutter nichts ausmacht.“

„Hm … nein“, antwortete Helen leise. Dann kam ihr ein Gedanke. „Ist Milos noch hier?“

Erneut verdrehte Melissa die Augen, aber zum Glück bemerkte ihr Großvater es nicht. „Nein, er ist weg.“ Plötzlich klang er viel fröhlicher. „Okay, Melissa, ich zeige dir das Haus. Und stelle dich Alex vor.“

„Alex?“, wiederholten sie und Helen gleichzeitig.

„Alex Campbell“, sagte er ein wenig widerstrebend. „Mayas Sohn.“

Melissa kehrte vor dem Mittagessen zurück und war kaum zu bremsen.

„Das ist vielleicht ein Haus, Mum!“, rief sie und warf sich auf Helens Bett, ohne darauf zu achten, dass sie dabei die seidene Tagesdecke zerknitterte. „Wusstest du, dass sie hier nicht nur Wein anbauen, sondern auch keltern?“

Helen hatte es nicht gewusst und ließ sich deshalb alles von ihr erzählen. Nachdem sie den Vormittag damit verbracht hatte, sowohl ihre als auch Melissas Sachen auszupacken und anschließend zu duschen, fühlte sie sich schon viel zuversichtlicher. Sie wäre überglücklich, wenn ihre Tochter auf dieser Reise die Erfahrung machte, dass das Leben mehr bot als die Schule zu schwänzen und mit anderen Teenagern, die sich die Zeit mit Haschen und Ladendiebstählen vertrieben, auf der Straße herumzulungern.

Vielleicht erhoffte sie sich zu viel, doch es war wenigstens ein Anfang, und Melissa schien es genossen zu haben.

„Er hat mich mit zur Mühle genommen“, berichtete sie und zog dabei an ihren Ohrpiercings. „Es war gut. Ich habe den Wein probiert, den sie letztes Jahr hergestellt haben.“

„Wirklich?“ Helen verzichtete auf die Bemerkung, dass es nicht vernünftig war, in ihrem Alter und zu dieser Tageszeit Wein zu trinken. „Und, wie war er?“

„Der Wein? Ganz gut, glaube ich.“ Melissa wirkte nicht besonders beeindruckt. „Ich werde wohl keine Alkoholikerin werden.“

„Das freut mich.“

„Warum?“ Unter gesenkten Lidern blickte ihre Tochter sie an. „Hast du Angst davor, dass ich nach Richard schlagen könnte?“

„Nein.“

„Gut.“ Es sah so aus, als wollte Melissa noch etwas sagen, doch dann überlegte sie es sich offenbar anders. „Jedenfalls behandelt Sam mich so, als würde er Wert auf meine Meinung legen. Das gefällt mir.“

Darauf wette ich, dachte Helen, sagte jedoch nur: „Hat er dich gebeten, ihn Sam zu nennen?“ „Nein.“

Nun schmollte Melissa ein bisschen. „Aber ich kann schlecht Grandpa zu ihm sagen, oder?“

„Nein, wohl kaum. Und, hast du Alex kennengelernt?“

„Oh ja“, antwortete Melissa betont lässig. „Allerdings habe ich zuerst gefrühstückt. Sam wollte mir das Haus zeigen, aber Maya hat sich ständig beschwert, dass wir ihr im Weg sind. Deshalb sind wir in den Jeep gestiegen und zur Mühle gefahren.“

„Ach so.“

„Und da habe ich Alex kennengelernt.“ Melissas Mundwinkel zuckten. „Er ist cool.“

Cool? Nun wurde Helen neugierig. „Magst du ihn?“

„Er war ganz nett.“

„Spricht er Englisch?“

„Ja.“

„Und, wie alt ist er?“

„Älter als ich“, erwiderte ihre Tochter ausweichend.

„Melissa!“

„Schon gut.“ Melissa fuhr sich durchs Haar. „Er ist nicht dein Bruder, falls du das denkst. Er ist sechsundzwanzig. Maya war wie du. Sie war erst siebzehn, als er zur Welt kam.“

Einige Tage später beschloss Milos, nach Sams Gästen zu sehen, denn irgendetwas zog ihn zum Weingut. Er musste sich eingestehen, dass Helen und ihre Tochter ihn faszinierten. Er wollte mehr über sie erfahren, vor allem über Helen.

Sam frühstückte noch, als er auf dem Gut eintraf. Milos nahm an, dass sein Freund bereits in der Weinkellerei gewesen sei, um dort nach dem Rechten zu sehen. Nun saß er im Schatten einiger Zitronenbäume am gedeckten Tisch und ließ es sich gut gehen.

„Milos!“, rief er, als er ihn kommen sah. „Was für eine unverhoffte Freude! Willst du dich zu mir setzen?“

„Aber nur auf einen Kaffee.“ Nachdem Milos ihm die Hand geschüttelt hatte, drängte er ihn, wieder Platz zu nehmen. „Ich war gerade in der Nähe und wollte mich erkundigen, ob deine Tochter und deine Enkelin ihren Urlaub genießen.“

„Oh …“ Ironisch verzog Sam das Gesicht. „Na ja, ich glaube, Helen ist froh über die Abwechslung. Seit dem Tod ihres Mannes hat sie es nicht leicht. Richard … na ja, er hat anscheinend ziemlich über seine Verhältnisse gelebt, wenn du mich fragst. Warum hätte Helen sonst ihr Haus aufgeben und wieder zu ihrer Mutter ziehen müssen?“

Milos war sich nicht sicher, ob er das alles hören wollte. Über den Mann zu sprechen, der all die Jahre mit Helen zusammengelebt hatte, weckte gemischte Gefühle in ihm. Eifersüchtig war er nicht, denn schließlich war Richard tot. Trotzdem wollte er nicht an ihn erinnert werden. Ob Richard dafür verantwortlich war, dass Melissa sich so benahm?

In diesem Moment kam Maya aus dem Haus, und beide Männer standen unwillkürlich auf. Maya war Anfang vierzig und sehr attraktiv. Sie war mittelgroß, hatte einen dunklen Teint und eine sehr weibliche Figur. Normalerweise trug sie weite Röcke, die ihre Rundungen kaschierten, aber die Bluse, die sie an diesem Tag trug, war ziemlich tief ausgeschnitten. Sie war eine entfernte Cousine seiner Mutter und erinnerte Milos ständig daran, dass sie verwandt waren.

„Mir war so, als hätte ich Stimmen gehört“, rief sie auf Griechisch und gab ihm einen feuchten Kuss auf die Wange. „Ich wusste gar nicht, dass du hier bist, Milos“, fuhr sie dann vorwurfsvoll fort. „Sam, hast du ihm nichts zu trinken angeboten?“

„Doch, habe ich, und er möchte Kaffee.“ Sam setzte sich wieder. „Vielleicht solltest du Sofia bitten, welchen zu bringen. Der hier ist nur noch lauwarm.“

Maya presste die Lippen zusammen. „Ruf sie, dann kommt sie, Samuel“, erwiderte sie ungeduldig. „Schließlich hat sie kaum etwas zu tun.“ Sie wandte sich wieder an Milos. „Es ist so schön, dich zu sehen!“ Scherzhaft klopfte sie ihm auf den Arm. „Du kommst so selten vorbei.“

Höflich stritt er es ab, doch allmählich hatte er den Eindruck, dass es ein Fehler gewesen war, hierherzukommen. Sicher würde Maya den Grund dafür nicht gutheißen. Bei Helens und Melissas Ankunft hatte sie keinen Hehl aus ihren Gefühlen gemacht. Und Helen würde sich bestimmt nicht über seinen Besuch freuen. Während der Fahrt vom Hafen hierher war die Atmosphäre im Wagen sehr angespannt gewesen.

„Er wollte Helen besuchen“, sagte Sam nun zu Maya. „Wo ist sie eigentlich? Ich habe sie heute noch nicht gesehen.“

„Weil sie nicht so früh aufsteht wie wir“, erklärte diese, bevor sie sich lächelnd wieder an Milos wandte. „Bleibst du zum Essen?“

„Oh, ich glaube nicht …“, begann er, verstummte allerdings, als Helen ums Haus herumkam.

Sofort stand Sam auf. „Da ist sie ja“, rief er auf Englisch, bevor er ihr erfreut entgegenging. „Wir dachten, du wärst noch nicht auf.“

„Ach ja?“

Sie lächelte ihn an und ließ den Blick anschließend zu Milos und Maya gleiten. Dabei presste sie die Lippen zusammen. Offenbar glaubte sie, er würde sie für eine Langschläferin halten.

„Kalimera“, begrüßte er sie höflich und wich einen Schritt von Maya zurück. „Wie geht es dir?“

Helen atmete tief durch. „Gut, danke.“ Sie fasste sich an den Pferdeschwanz und verriet damit, wie nervös sie war, obwohl sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen.

Ihm entging es allerdings nicht. Und genauso fiel ihm auf, wie jung sie in dem ärmellosen Top und den marinefarbenen Shorts wirkte. Ihre Haut war bereits leicht gebräunt, und obwohl die hektische Röte in ihrem Gesicht wohl eher von ihrer Verfassung als von der Wärme herrührte, stand sie ihr.

„Kala“, sagte er nun. „Gut.“

„Milos wollte wissen, wie ihr euch hier fühlt.“

Erneut hatte Sam die Initiative ergriffen, und Milos beobachtete, wie Helen auf seine Worte reagierte.

„Wirklich?“, fragte sie ungläubig.

Maya schnalzte mit der Zunge. „Griechische Männer sind manchmal viel zu aufmerksam“, bemerkte sie.

Helen betrachtete sie nachdenklich. „Tatsächlich?“, meinte sie nur lässig, für Milos ein Beweis dafür, dass sie Maya zu nehmen wusste.

„Ja“, antwortete diese kurz angebunden.

Helens Worte hatten ihn an einem wunden Punkt getroffen. Verdammt, sie waren einmal ein Liebespaar gewesen! Und Helen verhielt sich, als wären sie Fremde.

„Bist du spazieren gegangen?“, erkundigte sich Sam, ohne sich von der Feindseligkeit zwischen Maya und ihr beirren zu lassen.

Lächelnd drehte sie sich zu ihm um. „Ich war nur im Garten. Hier sind so viele exotische Blumen, und Melissa hat mir den Brunnen gezeigt.“

Er blickte in die Richtung, aus der sie gekommen war. „Wo ist Melissa?“

„Wahrscheinlich treibt sie sich wieder irgendwo herum, wo sie nicht erwünscht ist“, sagte Maya leise, doch Helen hörte es.

„Das tun wir wohl alle gelegentlich, oder?“, konterte sie, bevor sie sich wieder an ihren Vater wandte. „Melissa kommt gleich. Sie hat hinter einem Wasserfass einen Wurf Kätzchen entdeckt und ist hin und weg.“

Maya schauderte demonstrativ. „Na, ich hoffe, sie kommt nicht auf die Idee, eins mit in die Villa zu nehmen.“

„Bestimmt nicht“, meinte Sam ungeduldig, blickte dabei allerdings seine Tochter fragend an.

„Ich hoffe es“, erwiderte diese, und Milos beobachtete, wie sie sich ein Lächeln verkniff.

Plötzlich verspürte er den übermächtigen Drang, mit dem Finger über ihre vollen Lippen zu streichen. Wenn sie so entspannt war wie in diesem Moment, wirkte ihr Mund unglaublich verführerisch. Erstaunt stellte er fest, wie gut er sich an ihre Küsse erinnerte …

„Ich gehe jetzt besser“, erklärte er abrupt.

„Aber du hast noch nicht einmal etwas getrunken“, protestierte Sam. Dann ging er zur Tür und rief das Hausmädchen. „Kaffee für meine Gäste, bitte“, ordnete er an, sobald Sofia erschien, sodass Milos sich ins Unvermeidliche fügte.

„Ich muss für eine Weile zur Mühle“, fuhr sein Freund fort, „aber Helen wird sich um dich kümmern, nicht, meine Liebe?“ Ohne Helen zu Wort kommen zu lassen, fuhr er an seine Frau gewandt fort: „Komm, Maya, ich muss etwas mit dir besprechen.“

Wenige Minuten später waren sie allein. Helen machte allerdings keine Anstalten, sich zu setzen. Es herrschte angespanntes Schweigen, das nur durch das Zirpen der Zikaden unterbrochen wurde, bis Sofia mit den Getränken erschien.

Nachdem sie das Tablett auf den Tisch gestellt hatte, verschwand sie wieder. Milos fand, dass Helen ihn nun lange genug ignoriert hatte.

„Möchtest du Kaffee?“, fragte er.

Helen, die in einiger Entfernung stand und starr in die Ferne geblickt hatte, warf ihm einen Blick über die Schulter zu.

„Nein danke.“

Er presste die Lippen zusammen. „Wie du willst.“ Über die gepflasterte Terrasse ging er auf sie zu. „Dann haben wir mehr Zeit, uns wieder neu kennenzulernen.“

Ihre Miene war nicht gerade ermutigend. „Ich glaube nicht. Warum steigst du nicht einfach in deinen teuren Wagen und fährst weg? Ich erzähle es auch nicht meinem Vater.“

Eine wütende Bemerkung lag ihm auf der Zunge, aber er schluckte sie hinunter. „Warum sollte ich das tun?“, fragte er stattdessen. „Dein Vater möchte, dass wir Freunde sind.“

Helen stieß einen verächtlichen Laut aus. „Er kennt dich nicht so gut wie ich.“

„Stimmt.“ Milos wollte sich nicht provozieren lassen. „Ich schlafe ja auch nicht mit Männern.“

„Du überraschst mich. Soweit ich weiß, sind Typen wie du mehr als bereit, etwas Neues … Au!“ Sie verstummte, als er ihren Arm umfasste und sie abrupt an sich zog.

„Was ist mit dir?“, stieß Milos wütend hervor. „Wir wissen beide, dass das, was damals zwischen uns passiert ist, nicht gerade unerwartet kam. Und was war es letztendlich?“, fügte er hinzu, als ihr blumiger Duft ihm in die Nase stieg und ihn vorübergehend vergessen ließ, was er sagen wollte. „Wir hatten Sex. Ziemlich guten Sex, aber das haben Männer und Frauen nun mal, wenn sie sich zueinander hingezogen fühlen.“

„Frauen aus deinen Kreisen“, konterte sie. Offenbar war sie nicht bereit nachzugeben, obwohl er ihr sicher wehtat. Verdammt, er verletzte sich selbst, allerdings auf eine ganz andere Weise! „Ich bin nicht wie du.“

„Oh doch, das bist du“, entgegnete er schroff. „Ich habe ja keine Ahnung, wie dein Mann war, aber damals hat es dich nicht gekümmert, wer ich bin.“

„Weil ich dich nicht kannte“, rief Helen. „Und rede nicht von Richard. Er … er war ein anständiger Kerl.“

„Deine Tochter behauptet etwas anderes“, erklärte er. „So wie ich es verstanden habe, war er nicht gerade ein Musterknabe. Warum hast du ihn geheiratet, Helen? Hast du ihn wirklich geliebt? Oder wolltest du nur nicht, dass deine Mutter von deinen Männergeschichten erfährt?“

„Du Mistkerl!“

Milos war klar, dass sie ihn am liebsten geschlagen hätte. Einen Moment lang blickte sie ihn nur starr an, und obwohl die Feindseligkeit zwischen ihnen beinahe spürbar war, entdeckte er noch etwas anderes in ihren veilchenblauen Augen. Helen wollte sich aus seinem Griff befreien, schaffte es jedoch nicht, und ihre Körperwärme ließ heißes Verlangen in ihm auflodern.

„Hast du wirklich geglaubt, wir könnten uns gleichgültig begegnen?“, fragte er schroff. Am liebsten hätte er sie noch enger an sich gezogen.

„He, was ist hier los?“

Der Klang von Melissas Stimme brachte Milos unvermittelt auf den Boden der Tatsachen zurück. Sofort ließ er die Hand sinken und wich zurück. Er hatte ganz weiche Knie.

„Melissa“, grüßte er und stellte erstaunt fest, wie beherrscht er dabei wirkte. „Deine Mutter … hatte etwas im Auge, und ich habe versucht, es zu entfernen.“

4. KAPITEL

Schließlich ließ Milos sich doch überreden, zum Mittagessen zu bleiben.

Helen hatte gehofft, er würde fahren, damit sie sich über ihre Gefühle klar werden konnte. Aus irgendeinem Grund hatte er jedoch nachgegeben, nachdem Maya ihn erneut eingeladen und Melissa sie bestärkt hatte.

Er ist ein Teufel, dachte Helen, während sie im Badezimmerspiegel ihr erhitztes Gesicht betrachtete. Sie hatte sich in ihre Suite geflüchtet und es Maya und ihrer Tochter überlassen, Milos zu unterhalten.

Allerdings war ihr klar, dass sie früher oder später wieder nach unten gehen und so tun musste, als wäre nichts passiert. Es war ihr nicht leichtgefallen, Melissa mit ihm allein zu lassen. Woher sollte sie wissen, was diese antworten würde, wenn man ihr persönliche Fragen über den Mann stellte, den sie für ihren Vater hielt? Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie Richard nicht sonderlich respektiert hatte.

Was Helen jedoch am meisten zu schaffen machte, war ihre Reaktion auf Milos. Sie hatte gespürt, dass er sie küssen wollte, und das Schlimme war: Sie hatte sich danach gesehnt.

Lieber Himmel, sie musste den Verstand verloren haben!

Das Mittagessen verlief nicht so schrecklich wie erwartet. Ihr Vater hatte sich auch dazugesellt, und Melissa war in seiner Gesellschaft viel umgänglicher. Helen hatte sie zwar nicht dazu bewegen können, statt Jeans eine ihrer Shorts zu tragen, aber wenigstens benutzte ihre Tochter jetzt keinen schwarzen Lippenstift mehr.

Außerdem war Helen froh darüber, dass Maya Milos den Platz zwischen Sam und sich zugewiesen hatte und er deshalb nicht mit ihr über persönliche Dinge sprechen konnte. Dennoch war sie sich ständig seiner Blicke bewusst.

Gerade als sie sich sicher wähnte, was Melissa betraf, wandte diese sich an ihn.

„Sind Sie mit dem Wagen da?“, erkundigte sie sich, während sie den Teller mit den Fleischspießen, die Maya mit Reis und Salat als Beilagen serviert hatte, beiseite schob und stattdessen zu den Loukoumades, kleinen Honigkugeln, griff. „Wie schnell ist er?“

„Auf der Insel? Nicht besonders schnell.“ Milos ließ den Blick zu Helen und dann wieder zu Melissa schweifen. „Frag doch deine Mutter, ob du eine Spritztour mit mir machen darfst. Dann zeige ich es dir.“

„Lieber nicht“, lehnte Helen ab. „Ich … Wir möchten dir keine Umstände machen.“

„Das ist kein Problem“, versicherte er gewandt, und Helen hätte am liebsten frustriert aufgeschrien, als ihre Tochter antwortete: „Siehst du, Mom? Wenigstens macht sich einer Gedanken darüber, ob ich meinen Spaß habe.“

„Oh, Melissa“, ließ sich nun Sam vernehmen. „Ich dachte, du wärst hier glücklich. Habe ich mich geirrt?“

Melissas blasse Wangen färbten sich ein wenig rot. „Nein“, erwiderte sie, offensichtlich bemüht, ihn nicht zu enttäuschen. „Ich meine, im Jeep durch die Gegend zu fahren ist nicht schlecht, aber nicht so gut wie in einem Mercedes.“

Ironisch verzog ihr Großvater das Gesicht. „Na, damit hast du mich in meine Schranken gewiesen, stimmt’s?“

„Nein.“ Sie merkte nicht, dass er sie nur aufzog. „Aber Milos hat mir angeboten, mich mitzunehmen.“

„Mr. Stephanides“, verbesserte Helen sie.

„Sie kann ruhig ‚Milos‘ zu mir sagen“, klärte Milos sie auf. „Also, was meinst du, Sam? Helen?“

Maya stieß einen ungeduldigen Laut aus. „Du willst dich doch nicht allen Ernstes mit einem Kind beschäftigen, Milos“, rief sie dann. „Habe ich recht, Sam?“, fügte sie an ihren Mann gewandt hinzu.

„Das muss Milos selbst wissen“, erklärte dieser. „Helen?“

Helen war klar, dass sie Milos kaum verbieten konnte, in die Nähe ihrer Tochter zu kommen, ohne es zu begründen. Die anderen dachten, sie würde sein Angebot nur aus Höflichkeit ablehnen. Dabei hatte sie Angst davor, er könnte herausfinden, wer Melissa war.

„Ich …“

„Das wäre dann ja erledigt“, verkündete Melissa triumphierend und sah Milos an. „Können wir heute fahren?“

„Von mir aus.“ Er runzelte die Stirn. „Hättest du Lust, mit nach Vassilios zu kommen? Das ist mein Haus. Ich habe einen Pool. Und Pferde. Wahrscheinlich wirst du auch Rhea, meine Schwester, kennenlernen. Sie ist gerade bei meinen Eltern zu Besuch, verbringt aber wegen des Pools mehr Zeit bei mir. Sie ist nicht viel älter als du.“

„Wie alt ist sie denn?“, fragte sie prompt, woraufhin Helens Herz einen Schlag aussetzte.

„Achtzehn“, antwortete Milos lässig, ohne Helens Anspannung zu bemerken. Und bevor Melissa sagen konnte, wie alt sie war, fügte er hinzu: „Deine Mutter kann uns gern begleiten.“

„Eigentlich wollte ich den Nachmittag mit Helen verbringen“, verkündete Sam daraufhin. „Wir haben seit ihrer Ankunft noch nicht viel Zeit miteinander verbracht, und ich möchte ihr gern unseren Betrieb zeigen.“

Unter anderen Umständen wäre sie seinem Wunsch sehr gern nachgekommen. Nun sagte sie allerdings mehr aus Pflichtgefühl zu, während Melissa Milos begeistert zu seinem Wagen folgte.

„Keine Sorge“, bemerkte Sam, nachdem die beiden weggefahren waren.

„Sie weiß gar nicht, was für ein Glück sie hat“, erklärte Maya mit dem für sie typischen Unterton in der Stimme. „Milos ist ein vielbeschäftigter Mann. Wäre er nicht mein Cousin, hätte er sich die Mühe wohl nicht gemacht.“

„Ich glaube, er mag Melissa“, warf ihr Mann ein und schenkte Helen ein Lächeln, das sie erwiderte. „Warum auch nicht? Ihr Äußeres ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber sie ist eine starke Persönlichkeit. Und Milos findet es bestimmt schade, dass er keine eigenen Kinder hat.“

„Haben seine Frau und er denn keine bekommen?“, erkundigte sie sich neugierig, woraufhin Maya einen spöttischen Laut ausstieß.

„Eleni?“, meinte sie verächtlich. „Diese Frau wollte ihre Figur nicht mit einer Schwangerschaft ruinieren.“ Sie schüttelte den Kopf. „Milos hätte sie nie geheiratet, wenn sein Vater nicht gewesen wäre.“

„Es … es war also keine Liebesheirat?“ Helen war sich durchaus bewusst, dass sie Mayas Misstrauen erregte, wenn sie so viel Interesse an Milos zeigte.

Maya schien es allerdings nicht zu merken. „Wie naiv bist du eigentlich, Helen? Aristoteles, Milos’ Vater, wollte eine Geschäftsverbindung mit Andreas Costas eingehen. Die Heirat seines Sohnes mit Eleni Costas war genau das Druckmittel, das er brauchte.“

Während Helen schweigend über ihre Worte nachdachte, umfasste Sam ihren Arm. „Komm, fahren wir, Liebes“, sagte er. „Es sei denn, es ist dir zu heiß. Der Jeep hat leider keine Klimaanlage“, fügte er hinzu und verzog das Gesicht. „Aber ich mache die Fenster auf.“

Zuerst besichtigten sie die Weinkellerei, wo Sam Helen einigen seiner Mitarbeiter vorstellte. Außerdem zeigte er ihr, wie er sich die natürlichen Gegebenheiten der Insel zunutze gemacht und einige der Höhlen als Lager für die Weinflaschen umfunktioniert hatte. Sie fand es angenehm, in den kühlen Gängen zwischen den Regalen umherzugehen.

„Noch ist es ein ziemlich kleiner Betrieb“, sagte Sam. „Die meisten Weinkellereien hier stellen nur für den Bedarf auf der Insel her. Das tun wir natürlich auch, aber wir verhandeln momentan mit einer Supermarktkette, sodass wir vielleicht auf dem Festland Fuß fassen und expandieren können.“

Helen sah ihn an. „Es macht dir Spaß, stimmt’s?“

„Mein eigener Chef zu sein?“ Er verzog das Gesicht. „Ja, klar. Aber am schönsten ist das Bewusstsein, dass ich das alles allein aufgebaut habe. Mayas Vater war Alkoholiker, und als wir den Betrieb übernommen haben, war er völlig heruntergewirtschaftet.“

„Dann hast du Maya also nicht ihres Geldes wegen geheiratet?“

Ihr Vater wandte sich um und blickte sie resigniert an. „Hat deine Mutter das etwa behauptet?“

Sie zuckte die Schultern. „Sinngemäß, ja.“

„Es ist jedenfalls nicht wahr. Als wir uns kennenlernten, besaß Maya keinen Penny, und die Firma war hoch verschuldet.“

Helen nickte, und als wollte er sich rechtfertigen, fuhr Sam fort: „Ich weiß nicht, was Sheila dir erzählt hat, aber wir hatten schon Probleme, lange bevor Maya auf der Bildfläche aufgetaucht ist. Okay, vielleicht hätte ich meine Familie nie verlassen dürfen, aber es war nie meine Absicht, dass wir beide uns entfremden, Helen.“

Helen schwieg, doch ihr Vater hatte so bewegt gesprochen, dass sie ihm glaubte. Sie wollte ihm glauben. Allerdings sollte er auch verstehen, wie sehr sie sich verraten gefühlt hatte. Vielleicht würden sie irgendwann Frieden miteinander schließen. Ihr Besuch bei ihm war zumindest ein Anfang.

Als sie die Weinkellerei verließen, trafen sie Alex. Helen hatte Mayas Sohn bereits am Vorabend beim Essen kennengelernt und dabei erstaunt festgestellt, wie wenig Ähnlichkeit er mit seiner Mutter hatte. Anders als diese war er nett und unkompliziert, und sie hatte ihn auf Anhieb sympathisch gefunden.

„Anscheinend hat Sam eine Führung mit dir gemacht“, bemerkte er und wechselte dabei einen amüsierten Blick mit seinem Stiefvater. „Versucht er dich davon zu überzeugen, dass Weinbau ein einträgliches Geschäft ist?“

„Du und ich wissen beide, dass es das Frustrierendste überhaupt sein kann“, erklärte Sam nachdrücklich, bevor er sich wieder an Helen wandte. „Alex nimmt mir übel, dass ich ihn gleich nach seinem Studium mit ins Geschäft geholt habe. Inzwischen ist er meine rechte Hand, und ich wüsste gar nicht, was ich ohne ihn tun sollte.“

„Du würdest schon klarkommen“, meinte Alex trocken.

Helen spürte, wie gut die beiden sich verstanden. Alex ist für Sam der Sohn, den er nie hatte, dachte sie und fragte sich, ob die Tatsache, dass sie keinen Bruder hatte, der Grund für die Trennung ihrer Eltern gewesen war. Sie hatte Sheila oft sagen hören, sie wolle keine weiteren Kinder.

Nachdem Sam und sie kurz bei der Mühle vorbeigeschaut hatten, wo die Trauben gepresst wurden, gingen sie in sein Büro. Ein junger Mann brachte ihnen eine Flasche Wein und zwei Gläser, und Helen war froh, dass sie sich einen Moment hinsetzen konnte, weil die Hitze ihr zu schaffen machte.

Sie unterhielten sich eine Weile über Weinbau und die unterschiedliche Qualität verschiedener Traubensorten. Plötzlich erklärte Sam: „Du weißt gar nicht, wie froh ich über deinen Besuch bin, Helen. Kannst du mir je verzeihen, dass ich zu solch drastischen Mitteln greifen musste, damit du kommst?“

Helen betrachtete einen Moment lang ihr Glas. Dann blickte sie zerknirscht zu ihm auf. „Wir haben beide Fehler gemacht“, räumte sie ein. „Ich, weil ich nicht auf die Stimme der Vernunft hören wollte. Und du, weil du viel zu früh aufgegeben hast, um mich zu kämpfen.“

„Ich habe Milos geschickt“, protestierte ihr Vater, und prompt dachte sie daran, wie schicksalhaft diese Begegnung gewesen war. Sie hatte ihr Leben für immer verändert und jede Hoffnung auf eine Versöhnung zerstört.

„Jedenfalls gehört das jetzt alles der Vergangenheit an“, sagte Helen. Mit siebzehn ungewollt schwanger zu werden war schlimm genug für sie gewesen. Zu allem Überfluss hatte ihre Mutter ihr damit gedroht, sie hinauszuwerfen, falls sie den Vater des Babys nicht heiratete …

„Ich möchte aber vieles wissen“, beharrte Sam. „Erzähl mir von dem Mann, mit dem du verheiratet warst, Richard Shaw. War deine Mutter denn nicht der Meinung, dass du für einen solchen Schritt noch zu jung bist?“

Helen verzog den Mund. „Eigentlich nicht.“

„Sie war also dafür?“

„Sie hat zumindest keine Einwände erhoben“, erwiderte sie ausweichend. „Und als Melissa geboren wurde …“

„Natürlich. Melissa.“ Ihr Vater lächelte. „Jetzt verstehe ich. Du warst schwanger und hattest keine andere Wahl. Hat deine Mutter dir nie erzählt, dass wir auch deswegen geheiratet haben?“

„Nein!“ Sie war verblüfft. Aber es erklärte so vieles.

„Wart ihr glücklich miteinander?“

Seine Frage war sicher nur gut gemeint, doch er verdiente es, zumindest einen Teil der Wahrheit zu erfahren. „Melissa … ist nicht Richards Tochter“, eröffnete Helen ihm deshalb. „Er wusste es, wollte mich aber trotzdem heiraten.“

„Warum auch nicht?“, meinte Sam, und ihr ging durch den Kopf, wie ihr Leben hätte verlaufen können, wenn er für sie da gewesen wäre und sie unterstützt hätte. „Du bist eine schöne Frau. Jeder Mann wäre stolz darauf, mit dir verheiratet zu sein.“

„Glaubst du?“

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, erinnerte er sie. „Wart ihr glücklich miteinander?“

„Am Anfang ja“, erwiderte Helen. „Zumindest machte Richard den Eindruck. Erst als Melissa älter und … schwieriger wurde, war sie plötzlich nicht mehr unser Kind, sondern mein Kind.“

Ihr Vater wirkte bestürzt. „Ach, Liebes! Hätte ich das gewusst!“ Er drückte ihr die Hand. „Erzähl mir von ihm. Was hat er beruflich gemacht?“

„Ach, dies und jenes.“ Sie mochte ihm nicht sagen, dass Richard in all den Jahren, die sie ihn gekannt hatte, nicht einmal einer geregelten Tätigkeit nachgegangen war. „Als er starb, hat er als Kurier gearbeitet.“

„Als Kurier?“ Sam runzelte die Stirn. „Nicht gerade der geeignete Job für jemanden, der fast jeden Abend im Pub verbringt.“

Starr blickte sie ihn an. „Woher weißt du …?“

Nun wirkte er ein wenig betreten. „Melissa hat es mir erzählt“, gestand er. „Aber ich habe sie nicht ausgefragt. Sie ist praktisch damit herausgeplatzt.“

„Das ist typisch für sie. Es tut mir leid, wenn sie dich in Verlegenheit gebracht hat.“

Er schüttelte den Kopf. „Das hat sie nicht. Aber mir ist klar, dass sie dich oft ganz schön nervt. Weiß sie eigentlich, dass Richard nicht ihr Vater war?“

Helen, die noch einen Schluck Wein getrunken hatte, stellte ihr Glas ab. „Du meine Güte, nein! Richard hat darauf bestanden, dass sie es nicht erfährt. Niemand sollte es wissen, nicht einmal meine Mutter.“

„Verstehe“, meinte Sam nachdenklich. Dann stand er auf und ging zum Fenster. „Wusste er, wer ihr Vater ist?“

„Nein“, antwortete sie kurz angebunden. Schließlich fügte sie bitter hinzu: „Du fragst mich nicht, ob ich weiß, wer er ist.“

„Natürlich tust du das.“ Er wirbelte zu ihr herum und funkelte sie wütend an. „Wer hat behauptet, es wäre nicht der Fall?“

Sie schüttelte den Kopf, doch ihr Vater zog die richtigen Schlüsse. „Er!“, rief er schroff. „Oh, Helen, warum hast du mir nicht geschrieben und mir alles erzählt?“

Flüchtig kam ihr in den Sinn, was hätte sein können, wenn sie es getan hätte. Doch es war nie infrage gekommen. Sie hatte geglaubt, Milos wäre verheiratet, und wäre niemals auf die Idee gekommen, nach Santonos zu fliegen und ihn mit seinem Verhalten zu konfrontieren. Sie war zu jung, zu verängstigt und zu stolz gewesen.

5. KAPITEL

Am Spätnachmittag brachte Milos Melissa zum Weingut zurück.

Krampfhaft umklammerte er das Lenkrad, während er vergeblich versuchte, seine Gefühle in den Griff zu bekommen. Noch immer war er fassungslos.

Eigentlich hatte er nicht lange in Vassilios bleiben wollen, doch wider Erwarten hatte seine Schwester Rhea sich trotz des Altersunterschieds von fünf Jahren bestens mit Melissa verstanden. Vielleicht lag es daran, dass diese ganz anders war als die Mädchen, mit denen Rhea sich sonst traf. Genau wie sie stammten diese aus wohlhabenden Familien und hatten normalerweise großen Respekt vor ihren Eltern. Das konnte man Melissa allerdings nicht vorwerfen, und Rhea, die schon immer zur Rebellion geneigt hatte, war offenbar fasziniert von ihr.

Jedenfalls überredete sie Milos, noch eine Weile zu bleiben, damit sie mit Melissa schwimmen konnte. Ihm war es nur recht, denn er musste sich auf eine Konferenz in Athen vorbereiten, und das vergnügte Kreischen der beiden vom Pool her bot eine willkommene Ablenkung.

Schließlich kam Rhea zu ihm ins Arbeitszimmer und fragte ihn, ob Melissa zum Abendessen bleiben dürfe. „Melissa will mir das Schminken beibringen“, fügte sie hinzu. „Sie kann es.“

„Komm schon, Rhea, wie alt ist sie?“, neckte er sie. „Zwölf? Sie tut zwar erwachsen, aber …“

„Melissa ist fast vierzehn“, verteidigte sie ihre neue Freundin. „Sie hat nächsten Monat Geburtstag und ist auch Zwilling, genau wie ich.“

Milos war so schockiert, dass sein Magen sich zusammenkrampfte. Das kann nicht wahr sein, sagte er sich. Bestimmt hat Rhea sie falsch verstanden. Wenn Melissa wirklich fast vierzehn ist …

„Ist alles in Ordnung?“, fragte seine Schwester.

Er spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. „Ich … ja, ich meine … nein. Mir ist nur ein bisschen schwindelig, das ist alles.“

„Du arbeitest zu viel“, bemerkte sie. „Es ist so heiß heute. Vielleicht geht es dir nach dem Abendessen besser.“

„Ja.“ Er wünschte, sie würde ihn allein lassen. „Es geht schon.“

„Kann Melissa dann zum Abendessen bleiben?“

„Nein. Tut mir leid, Rhea, aber ihre Mutter erwartet sie zurück.“

Nun schmollte Rhea. „Es gibt Telefone.“

„Eine Viertelstunde noch, mehr nicht.“ Krampfhaft umklammerte Milos die Armlehnen seines Stuhls.

„Du bist ein Spielverderber, weißt du das?“ Zum Glück schien sie sein Unwohlsein schon vergessen zu haben. „Was Melissa wohl dazu sagt …“

Das war allerdings seine geringste Sorge. Nachdem seine Schwester gegangen war, überlegte Milos, ob seine Vermutung stimmte. Nein, wahrscheinlich hatte Melissa sich älter gemacht.

Ironischerweise musste er sie unbedingt sehen, und sobald er sich dazu in der Lage fühlte, stand er auf und ging zum Fenster.

Melissa hatte sich von Rhea einen Bikini geliehen, und er versuchte sich einzureden, dass es der Schnitt war, der sie älter erscheinen ließ. Zu seinem Verdruss stellte er jedoch auch Ähnlichkeiten zwischen den beiden Mädchen fest, die ihm vorher wegen Melissas Make-up und den furchtbaren Sachen, die sie trug, nicht aufgefallen waren.

Unbändiger Zorn erfasste ihn. Wie hatte er nur so blind sein können? Und warum hatte Helen ihm die Wahrheit vorenthalten? Wenn er Melissas biologischer Vater war, hatte er das Recht, es zu erfahren.

Dann hatte er sich an etwas erinnert, das Helen auf dem Kai zu ihm gesagt hatte. Sie hatte sich nach seiner Frau erkundigt. Er hatte ihr damals nicht erzählt, dass er verheiratet war, und Sam hatte es in seinen Briefen an sie sicher auch nicht erwähnt. Warum hatte derjenige, der es ihr gesagt hatte, ihr die Scheidung verschwiegen?

Milos seufzte und merkte dann, wie Melissa, die auf dem Beifahrersitz saß, in seine Richtung blickte. „Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte sie.

Sofort verspürte er Gewissensbisse, weil er noch kein Wort mit ihr gewechselt hatte, seit sie aufgebrochen waren.

„Natürlich nicht.“ Flüchtig sah er sie an und war wieder schockiert. Verdammt, sie hatte seine Augen! Und seine Nase. „War es schön?“

„Ich habe deine Gastfreundschaft überbeansprucht, stimmt’s?“, meinte sie, ohne seine Frage zu beantworten. „Dafür ist deine Schwester verantwortlich.“

„Habe ich das etwa behauptet?“ Er verzichtete darauf, ihr zu sagen, dass sie nicht in diesem Ton mit ihm reden sollte, und atmete tief durch. „Ich hoffe nur, deine Mutter macht sich keine Sorgen.“

Aber das tut sie bestimmt, dachte er. Plötzlich war ihm klar, warum Helen dagegen gewesen war, dass er den Nachmittag mit ihrer Tochter verbrachte.

„Das macht sie immer“, sagte Melissa gleichgültig und zog das Bein an, wobei sie den Fuß auf den Sitz stellte.

„Hat sie denn einen Grund dazu?“, erkundigte er sich vorsichtig.

Sie schnitt ein Gesicht. „Das glaubt sie zumindest.“

„Warum?“

„Das willst du nicht wirklich wissen.“

„Doch. Gefallen deine Klamotten ihr nicht?“

„Hat sie dir das erzählt?“

„Nein.“

„Und was willst du dann damit sagen? Dass sie dir auch nicht gefallen?“

Milos schüttelte den Kopf. „Wir haben nicht von mir gesprochen.“

„Nein, ich weiß.“ Melissa warf ihm einen forschenden Blick zu. „Und warum interessiert es dich dann?“

„Ich versuche … dich besser kennenzulernen.“

„Aha“, erwiderte sie ziemlich spöttisch. „Du meinst wohl, du versuchst, meine Mum zu beeindrucken. Eigentlich wolltest du gar nicht mit mir wegfahren, sondern nur bei ihr punkten.“

„Du liegst völlig falsch.“ Tatsächlich konnte er sich gar nicht mehr an seine Beweggründe erinnern. „Möchtest du nicht, dass wir … Freunde sind?“

„Doch.“ Es war offensichtlich, dass sie ihm nicht glaubte. „Dein Glück, dass Rhea da war, nicht?“

So hätte er es nicht unbedingt ausgedrückt. Allerdings war ihm klar, dass er ohnehin früher oder später die Wahrheit erraten hätte.

„Und, was hat sie über mich gesagt?“, fügte Melissa unvermittelt hinzu.

„Wer?“

„Rhea natürlich.“

Milos legte sich seine Worte sorgfältig zurecht. „Sie hat mir erzählt, wie viel Spaß es ihr macht, mit dir zusammen zu sein. Du bist ganz anders als die Mädchen, mit denen sie sonst verkehrt.“

„Erzähl mehr.“ Er sah, wie Melissa die Lippen zusammenpresste, und einen Moment lang ähnelte sie ihrer Mutter sehr. „Ich habe sie also nicht gelangweilt?“

„Nein.“ Überrascht stellte er fest, dass er Mitgefühl verspürte, und zum ersten Mal wurde ihm klar, dass er ihre Zuneigung gewinnen wollte. „Hast du dich denn gelangweilt?“

„Ich?“ Melissa stieß mit dem Fuß gegen das Armaturenbrett, was er geflissentlich zu ignorieren versuchte. „Nein. Es war stark.“

„Das freut mich“, erklärte Milos. „Vielleicht können wir es mal wiederholen?“

„Vielleicht.“ Kritisch betrachtete sie ihn. „Solange du mir keine Vorschriften machst.“

„Tun deine Mitmenschen das denn sonst?“

Melissa zuckte die Schultern. „Ich schlage angeblich leicht über die Stränge.“

„Angeblich?“

„Natürlich nicht“, sagte sie entrüstet. „Aber ich hasse die Schule nun mal.“

„Und warum?“

Wieder hob sie die Schultern. „Ich hänge lieber mit meinen Freunden rum.“

Milos schüttelte den Kopf. „Wenn man etwas erreichen will, muss man auch etwas dafür tun.“

„Habe ich etwa behauptet, dass ich das will?“, fragte Melissa scharf.

„Du wolltest später so einen Wagen wie diesen haben“, erinnerte er sie. „Und Autos kosten Geld.“

„Du hast doch keine Ahnung“, konterte sie. „Bestimmt musstest du noch nie für etwas arbeiten.“

Er atmete tief durch. „Glaubst du das wirklich?“

„Ja. Nein.“ Nun wirkte sie ein wenig verlegen. „Ich meine, wir sind nicht wie du.“

Ihr könntet es aber sein, dachte er. Aber würde Helen zulassen, dass er Melissa und sie finanziell unterstützte? Wahrscheinlich nicht.

Als sie auf dem Weingut eintrafen, erwartete Helen sie bereits. Sie saß auf der Mauer, die die Terrasse umgab.

„Ach, du meine Güte, ein Empfangskomitee“, bemerkte Melissa düster. „Erzählst du ihr, was ich gesagt habe?“ Sie runzelte die Stirn. „Oder hat man dir befohlen, dir mich vorzuknöpfen?“

„Niemand erteilt mir Befehle“, erklärte Milos und verzog das Gesicht, als er ihrem Blick begegnete. „Normalerweise jedenfalls nicht“, fügte er hinzu und tauschte ein verständnisinniges Lächeln mit ihr, bevor er den Wagen neben der Mauer stoppte.

Helen trug dasselbe rückenfreie Oberteil und denselben kurzen Rock wie beim Mittagessen, und automatisch ließ Milos den Blick zu ihren Armen und anschließend zu ihren langen, schlanken Beinen gleiten. Dann stellte er fest, dass sich einige Strähnen aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatten.

Sofort öffnete sie die Beifahrertür, um Melissa beim Aussteigen zu helfen.

„Das kann ich allein“, erklärte diese unwirsch und sah Milos zerknirscht an. „Danke fürs Mitnehmen.“

„Es war mir ein Vergnügen.“

Da Melissa sofort in der Villa verschwand, war er nun mit Helen allein. Die ideale Gelegenheit, sie zur Rede zu stellen, dachte er. Warum fiel es ihm dann so schwer? Was war, wenn er sich irrte?

„Warum bist du so lange weggeblieben?“, fuhr sie ihn zu seiner Verblüffung an. „Du hättest dir doch denken können, dass ich mir Sorgen um sie mache. Was hast du so lange gemacht?“

Herausgefunden, dass ich eine Tochter habe.

Das konnte er ihr allerdings schlecht sagen. Was sollte er tun, wenn sie es leugnete? Und wollte er wirklich die Wahrheit erfahren?

„Ich habe dir doch schon erzählt, dass ich sie mit meiner Schwester bekannt machen wollte“, erinnerte er Helen. „Melissa wollte unbedingt schwimmen, und ich hatte nichts dagegen.“

„Ich schätze, es hat ihr Spaß gemacht.“

„Wir hatten alle unseren Spaß“, erklärte Milos und bemerkte den argwöhnischen Ausdruck in ihren Augen. „Rhea auch“, fügte er hinzu, weil sie ihm jetzt leid tat. „Sie ist nicht viel älter als Melissa.“

„Hast du nicht gesagt, sie sei achtzehn?“

„Und?“

Betont lässig zuckte sie die Schultern. „Na ja, Melissa ist wieder hier. Das ist das einzig Wichtige.“

„Ach ja?“

Prompt verspannte Helen sich. „Was ist?“

Milos betrachtete sie forschend. „Ich habe überlegt, ob du deinem Vater schon von uns erzählt hast.“

„Nein!“, erwiderte sie vehement.

„Warum nicht?“

„Das fragst ausgerechnet du mich?“ Ihr brannten die Wangen. „Hast du denn überhaupt kein Schamgefühl?“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Und du?“ Es verletzte ihn, dass sie ihn nach wie vor für das, was damals geschehen war, verantwortlich machte. „Ich bin davon ausgegangen, dass du es gar nicht erwarten kannst, ihn darüber aufzuklären, wie ich sein Vertrauen missbraucht habe. Aber vielleicht hattest du andere Gründe dafür?“

Nun trat ein ängstlicher Ausdruck in ihre Augen. „Was … was für andere Gründe?“, wiederholte Helen stockend.

Falls er noch irgendwelche Zweifel an seiner Vaterschaft gehabt hatte, beseitigte ihre Reaktion sie jetzt. „Sag du es mir.“

Bevor Helen antworten konnte, erschien Melissa oben auf der Treppe. „He, Sam sagt, ich soll dich auf einen Drink einladen“, rief sie ihm zu, und Milos spürte förmlich, wie erleichtert Helen war.

Dann kam Melissa die Treppe herunter. „Was ist?“, erkundigte sie sich mit zusammengekniffenen Augen. „Habe ich euch bei irgendetwas gestört?“

6. KAPITEL

Am nächsten Abend stand Helen in ihrem Bad und betrachtete sich mit einem unguten Gefühl in dem großen Spiegel. Warum hatte sie sich bloß von Melissa überreden lassen, zu der Familienfeier das schwarze Seidentop mit den Spaghettiträgern, unter dem sie keinen BH tragen konnte, und den dazu passenden zwar langen, aber hochgeschlitzten schwarz und cremefarben gestreiften Rock anzuziehen? Das Leinenkleid, für das sie sich ursprünglich entschieden hatte, wäre für den Anlass viel passender gewesen, doch ihre Tochter hatte erklärt, sie würde darin alt aussehen.

Und da diese sich ungewöhnlich gut benahm, hatte Helen sie nicht enttäuschen wollen. Offenbar hatte Milos’ Schwester einen positiven Einfluss auf sie ausgeübt, denn Melissa benutzte jetzt weder Lippenstift noch Nagellack. Ihr Haar hatte zwar immer noch grüne Strähnen, aber sie verzichtete auf das Gel, sodass es nicht mehr in alle Richtungen abstand.

Als Sam an diesem Morgen mit ihnen zu einem Einkaufsbummel in Aghios Petros aufgebrochen war, hatte Helen das Gefühl gehabt, sich auf dünnem Eis zu bewegen. Nachdem Milos sich ihr gegenüber am Vorabend so seltsam verhalten hatte, war sie darauf bedacht gewesen, die Feindseligkeit, die vor ihrer Abreise ihr Verhältnis zu Melissa bestimmt hatte, nicht wieder aufflammen zu lassen. Ihre Tochter war gegen die Reise gewesen, und manchmal glaubte Helen, sie hätte auf sie hören sollen.

Das Problem war, dass sie inzwischen kaum noch an Melissa denken konnte, ohne sie mit Milos in Verbindung zu bringen. Sie wurde von starken Selbstzweifeln geplagt, wenn Melissa erzählte, wie unkompliziert er sei, und ihre Gründe, seine Vaterschaft zu verschweigen, erschienen ihr plötzlich falsch und egoistisch.

Er verdiente es, die Wahrheit zu erfahren, und wäre er ein Angestellter ihres Vaters gewesen, hätte sie alles leichter ertragen. Doch er war ein reicher Mann und verfügte über die Mittel, vor Gericht zu gehen und einen Richter von ihrer Unfähigkeit als Mutter zu überzeugen, weil sie sowohl ihre Tochter als auch ihn belogen hatte.

Ob ein Richter berücksichtigen würde, dass sie damals erst siebzehn gewesen war? Milos war so charmant gewesen und hatte so aufrichtig gewirkt, dass sie ihm sofort verfallen war. Ihre Mutter hatte ihm nicht getraut, doch sie hatte nicht auf sie gehört und sich heimlich mit ihm getroffen.

Und fairerweise musste sie zugeben, dass seine Verbindung mit ihrem Vater ein weiterer Pluspunkt für ihn gewesen war. Nach der Scheidung ihrer Eltern hatte sie zutiefst bedauert, Sam keine zweite Chance gegeben zu haben, und unbedingt etwas über ihn erfahren wollen.

Und hätte Milos die Bitte ihres Vaters erfüllt und als Vermittler fungiert, wäre alles anders gekommen. Nach der Geburt ihrer Tochter hatte es kein Zurück mehr gegeben. Sie hatte Richard Shaw geheiratet, und damit war ihre Zukunft entschieden.

Helen schauderte und unterdrückte die Vorfreude, die sie bei der Vorstellung empfand, Milos bald wiederzusehen. Am Vortag hatte er sich gleich verabschiedet, weil er noch arbeiten musste. An diesem Abend veranstalteten Sam und Maya allerdings ein Essen für Melissa und sie, und natürlich hatte Maya darauf bestanden, dass Milos auch kam.

Den ganzen Tag lang hatte der köstliche Duft verschiedenster Gerichte das Haus erfüllt. Sam hatte Helen erzählt, dass mehrere Frauen aus dem Dorf ihre Angestellten unterstützten, und man hatte ihr Angebot, zu helfen, freundlich abgelehnt. So war der Einkaufsbummel am Vormittag eine willkommene Gelegenheit für sie und Melissa gewesen, ihre Garderobe zu ergänzen. Ihre Tochter hatte dabei ein ungewohntes Interesse am Shoppen gezeigt.

Als Helen sich nun vorbeugte, um bronzefarbenen Lidschatten aufzutragen, erschien Melissa hinter ihr auf der Schwelle.

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