Logo weiterlesen.de
JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 97

Marion Lennox, Meredith Webber, Jennifer Taylor

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 97

MARION LENNOX

Lebensretter Dr. Lockhart!

Nie wieder wollte Dr. Max Lockhart nach Wildfire Island zurückkehren, die Insel, auf der seine Frau starb. Aber er hat keine Wahl – und er kommt genau zur richtigen Zeit! Denn bei seiner Ankunft rettet er ein Kind vor dem Ertrinken. Zusammen mit der hübschen Inselschwester Hettie, die ihn schmerzlich daran erinnert, dass er nie wieder lieben wollte …

MEREDITH WEBBER

Die Ärztin und der Wüstensohn

Wüstenprinz Fareed wusste immer, dass sein Onkel, der Sultan, eines Tag für ihn entscheidet, wen er heiratet. Aber als er den goldenen Schleier seiner Braut lüftet, ist er schockiert. Keine arabische Prinzessin! Er schaut in das wunderschöne Gesicht der jungen Ärztin Kate, die er begehrt, seit er sie zum ersten Mal im fernen Australien erblickt hat …

JENNIFER TAYLOR

Das Glück wartet in Griechenland

Der süße Bengel, der ihn auf der Fähre anspricht, kommt Dr. Nico Leonides vage bekannt vor. Dabei ist er sicher, dass er ihn nicht kennt. Doch dann sieht er die Mutter des Kleinen. Und plötzlich ist Nico alles klar. Wie konnte Amy ihm nur jahrelang verschweigen, dass er einen Sohn hat! Und was will sie jetzt auf seiner griechischen Insel?

IMAGE

Lebensretter Dr. Lockhart!

IMAGE

1. KAPITEL

Seine Heimkehr drohte buchstäblich ins Wasser zu fallen. Es war nicht ausgeschlossen, dass seine Tochter ohne ihn heiraten musste, weil er auf See festsaß.

Max machte sich allerdings keine großen Sorgen. Nach dem Zyklon herrschten auf Wildfire Island sicher noch chaotische Zustände, aber das Wetter hatte sich beruhigt, und der Sunset Beach war bei einheimischen Spaziergängern sehr beliebt. Wäre die Strömung nicht so stark gewesen, Max hätte versucht, ans Ufer zu schwimmen, aber das hätte seinen sicheren Tod bedeutet. Stattdessen konnte er nur darauf hoffen, dass jemand am Strand entlangschlenderte, seine havarierte Jacht entdeckte und ein Boot zu ihm hinausschickte.

Dr. Max Lockhart, erfahrener Chirurg und nicht so erfahrener Segler, ging unter Deck und holte sich ein Bier. Es gibt Schlimmeres, als hier festzusitzen, dachte er. Seine Lillyanna war eine kompakte Dreißig-Fuß-Jacht und nicht so schwer beschädigt, dass es für ihn ungemütlich werden konnte. Sie lag in den tropischen Gewässern vor Wildfire Island. Schwärme winziger Fische glitzerten wie Silbertropfen, wenn sie die Oberfläche des im Sonnenlicht funkelnden Wassers durchbrachen. Die Sonne schien warm. Max hatte für eine weitere Woche Proviant an Bord, und im Windschatten der Insel war das Meer relativ ruhig.

Allerdings blieb die Tatsache, dass er nicht weiterkam. Der Ozean war immer noch aufgewühlt. Um die zerklüfteten Klippen der Landzunge herum in den Hafen von Wildfire zu fahren wäre selbstmörderisch gewesen. Und als der Wirbelsturm am heftigsten tobte, waren Max’ Funkgerät kaputt und sein Handy über Bord gegangen.

Ihm blieb also nichts anderes übrig, als geduldig abzuwarten, bis jemand auf ihn aufmerksam wurde. Aber hatte er sich nicht bewusst für den Segeltörn und gegen die Flugreise entschieden? Um Zeit zu haben, seine Gedanken zu ordnen und sich in Ruhe auf die Begegnung mit den Insulanern vorzubereiten?

Und wie sollte er voller Freude die Hochzeit seiner Tochter feiern, wenn in ihm Groll und Kummer schwelten? Max brauchte Abstand und hatte gehofft, dass die Einsamkeit auf See ihm helfen würde, Schuldgefühle und Trauer zu bewältigen.

Nicht, dass es viel gebracht hat, dachte er und trank den letzten Schluck Bier. Vielleicht wäre statt Ruhe Ablenkung besser für ihn?

Und da war sie – als hätten seine tristen Gedanken sie heraufbeschworen! Max sah zwei Personen auf der Insel.

Die eine war eine Frau, die mit ihrem Hund am Strand spazieren ging. Und die andere, auch eine Frau, bewegte sich oben auf der Landzunge genau auf die Klippe zu.

Zum Rand der Klippe? Was, zum …?

Als Kind war Max mit seinen Freunden von diesen Felsen ins Meer gesprungen. Allerdings nur bei ruhiger See. Sie hatten sich gegenseitig herausgefordert, den hundert Meter tiefen Sprung zu wagen. Unten angekommen, ließen sie sich von der Strömung zum Korallenriff tragen und sammelten Kräfte für den anstrengenden Rückweg zum Strand. Sie hatten stundenlang ihren Spaß. Ihren Eltern hingegen bescherten sie Albträume.

Die Frau auf der Landzunge schien ihren eigenen Albtraum zu durchleben. Zielstrebig marschierte sie zum Kliff.

Selbstmord? Der Gedanke hakte sich in ihm fest.

Max schnappte sich sein Fernglas, eins der wenigen Dinge, die der Sturm ihm nicht entrissen hatte. Die Frau war noch jung. Sie presste ein Bündel, eingewickelt in ein scharlachrotes Tuch, an die Brust. Ein Kind?

Wie von einem Magneten gezogen, näherte sie sich unaufhaltsam dem Rand des Kliffs. Seit dem Zyklon war das Meer unterhalb der Felsen ein weiß schäumender gieriger Schlund. Schon als Kind hatte Max gewusst, dass er vor seinem waghalsigen Sprung ausreichend Anlauf nehmen musste, um hinter den Felsen im Meer zu landen.

„Nein!“ Max wusste, dass der Wind seine Warnung davontrug, bevor sie sie hören konnte. „Bleib stehen!“, brüllte er trotzdem.

Sekunden später tat sie den letzten Schritt.

Hettie de Lacey, Pflegedienstleiterin des kleinen Inselkrankenhauses von Wildfire Island, hatte nichts gegen Stürme. Im Gegenteil. Sie vertrieben die Schwüle und klärten das Wasser in den Lagunen, sodass die Welt neu und wie frisch gewaschen wirkte.

Ein Unwetter wie das, das die Inselgruppe vor drei Tagen heimgesucht hatte, hätte sich Hettie allerdings nie im Leben gewünscht. Der Zyklon hatte massive Schäden angerichtet, viele Menschen waren verletzt worden, und das Krankenhaus platzte aus allen Nähten. Hettie hatte sich die Hacken abgelaufen, um die Verletzten zu versorgen.

Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte sie nun Zeit für einen Spaziergang und ein bisschen Ruhe. Der Sunset Beach lag recht geschützt, aber Hettie befand sich am nördlichen Ende, wo die Wellen krachend gegen die Landzunge donnerten. Draußen auf dem Meer herrschte gefährlich hoher Seegang.

In einem anderen Leben hätte sie sich jetzt ein Surfbrett geschnappt und wäre rausgepaddelt. Einen kurzen Moment lang erlaubte sie sich Erinnerungen an die achtzehnjährige Hettie, die alles liebte, was mit dem Meer zu tun hatte.

Darryn eingeschlossen …

Okay, auf diese spezielle Erinnerung konnte sie verzichten. Wie naiv sie gewesen war! Darryn hatte ihr ihre Träume genommen und ihr Leben zerstört …

Vergiss es endlich, ermahnte sie sich. Es ist Jahre her, du hast dir ein neues Leben aufgebaut. Ein wundervolles Leben. Und sie war glücklich und zufrieden damit, jedenfalls meistens.

Eine Bewegung hinter dem Korallenriff erregte ihre Aufmerksamkeit.

Es war eine Jacht, eine elegante alte Lady, klassisch aus Holz gebaut. Sie ankerte südlich des Bird’s Nests, eines kleinen Atolls am Ende des Unterwasserriffs, das an der Küste begann.

Der Besitzer der Jacht musste mit seinem Boot am Atoll Schutz gesucht haben.

Das ist bestimmt Max Lockhart, dachte Hettie erleichtert. Dem Himmel sei Dank! Sie alle hatten mit Caroline gefühlt, die seit dem Wirbelsturm um ihren Vater bangte. Der Eigentümer von Wildfire Island hatte sich mit der Jacht auf den Weg gemacht, um zur Hochzeit seiner Tochter zu kommen. Nachdem er von Cairns aus aufgebrochen war, hatte Caroline, eine von Hetties besten Krankenschwestern, vor drei Tagen jeden Kontakt zu ihm verloren. Sie wusste nur, dass er während des Zyklons dort draußen auf See war. Niemand hatte auch nur die geringste Ahnung, ob er überlebt hatte.

Hettie konnte ihn von ihrem Standpunkt aus ziemlich klar erkennen, aber sie war ihm bisher nicht begegnet. Der Zufall wollte es, dass sie bei seinen seltenen Besuchen auf der Insel jedes Mal nicht da gewesen war. Aber das musste er sein. Bei dem Wellengang war die Zufahrt zum Hafen nur unter Lebensgefahr passierbar. Max hatte sich den sichersten Platz rund um die Insel gesucht.

Sie wollte ihm schon zuwinken, stutzte jedoch. Der Mann auf der Jacht winkte bereits. Schrie dabei. Aber sie war nicht gemeint. Wer dann, jemand auf der Landzunge?

Max saß augenscheinlich da draußen fest. Hatte er jemanden entdeckt und versuchte, ihn aufmerksam zu machen, damit man ihn mit einem Dingi abholte? War da jemand auf den Klippen? Hettie lief zum Wassersaum und blickte hoch.

Im nächsten Augenblick hielt sie entsetzt den Atem an. Dort, wo das seichte Gewässer in tieferes überging und die Felsen steil aufragten, peitschte der Wind das vom Zyklon immer noch aufgewühlte Meer.

Und ganz oben auf der Landzunge war Sefina Dason.

Die junge Frau befand sich gut hundert Meter über ihr, doch Hettie hätte sie überall erkannt. In den letzten Tagen hatte Sefina im Krankenhaus gelegen, nicht als Opfer des Wirbelsturms wie so viele andere, sondern misshandelt von ihrem brutalen Ehemann. Ihren kleinen Jungen hatte sie mitbringen müssen, weil sich niemand um ihn kümmern wollte. Was in dieser eng verschworenen Gemeinde eigentlich undenkbar war.

Es gab Gerüchte, dass …

Hettie kappte den Gedanken. Sefina eilte die Landzunge entlang, als hätte sie nur ein Ziel. Den Rand der Klippe!

Sefina drehte sich, nur ein bisschen, aber die kurze Bewegung genügte. Hettie sah das Bündel in dem dunkelroten Tuch, das die junge Mutter an die Brust drückte. Ihr Entsetzen wuchs ins Unermessliche.

Joni!

Nein! Sie schrie auf und rannte los, stolperte über die Felsen, als der Sandstrand endete und ins Riff überging. Nein!

Hettie hörte den Mann auf der Jacht brüllen.

Sefina machte zwei Schritte und verschwand.

Max kannte die Gewässer unterhalb der Landzunge wie seine Westentasche. Bei schönem Wetter zeigte es sich still und unbewegt wie ein tiefer, rätselhafter Pool, der sich zum Korallenriff hin öffnete. Für wagemutige Kinder ein toller Ort für spektakuläre Mutproben. Die Strömung kam von Norden, traf das Wasserbecken und zog die Taucher hinaus zu den Felsausläufern, hinter denen Max vor Anker gegangen war. Damals hatten sie gelernt, sich von der Strömung so treiben zu lassen, dass sie über das flache Riff zum Atoll gelangten. Dort lagen sie dann auf den Felsen, schöpften Atem und ruhten sich aus, um sich schließlich der nächsten Herausforderung zu stellen: gegen die Strömung zum Strand zurückzuschwimmen.

Heute jedoch war dieser Sog zu stark, um ihn schwimmend zu überwinden. Und das Wasser im Pool sprudelte wie in einem Whirlpool und würde alles, was jetzt dort landete, in die Tiefe reißen.

Noch während ihm all das durch den Kopf ging, holte er den Anker ein, bediente mit einer Hand die Winsch und startete mit der anderen den Motor. Instinkt diktierte ihm sein Handeln.

Wo würde sie auftauchen?

Er hieb auf den Anlasser und drehte die Geschwindigkeit voll auf, verließ das schützende Atoll und hielt aufs Ufer zu. Zu nahe durfte er sich nicht heranwagen, zu hoch waren die Wellen, die sich tosend am Strand brachen.

Eine Frau rannte über den Sand, schrie dabei aus Leibeskräften. Die Spaziergängerin mit dem Hund? Hatte sie es auch gesehen?

Max gönnte ihr keinen zweiten Blick. Hoch konzentriert starrte er auf das schäumende Wasser, wartete, dass etwas an die Oberfläche kam. Was auch immer.

Wenn er nicht riskieren wollte, seine Jacht zu Bruch zu fahren, konnte er nicht näher heran. Und soweit er es beurteilen konnte, war hier die Stelle, wo die Strömung austrat.

Er ließ den Anker hinunter, wusste, dass er auf Sand traf und die Chance bestand, dass sein Schiff weggetrieben wurde, aber es blieb keine Zeit, sich etwas anderes zu überlegen.

Da … ein Hauch Scharlachrot … sichtbar nur für einen flüchtigen Moment. Das musste genügen.

Falls er sich nicht täuschte, zog die Strömung sie in einer Entfernung von zwanzig Fuß vor seiner Jacht vorbei.

Zu weit weg …

Max riss sich die Kleidung vom Körper. In diesem kochenden Ozean würden Hemd, Hose und Schuhe wie Bleigewichte an ihm hängen. Und mit Schwimmweste war er nicht schnell genug.

Der dunkelrote Stofffetzen tauchte wieder auf, und Max hechtete kopfüber ins wirbelnde Wasser.

Sefina.

Joni.

Hettie schrie, aber es kam kein Laut über ihre Lippen. Sie brauchte ihren Atem zum Laufen. Wo waren sie …?

Sie war hier schon öfter geschwommen. Es gab eine Strömung Richtung Süden. Hettie war eine gute Schwimmerin, Surfen hatte früher ihr Leben bestimmt. Aber bei diesem Wellengang gegen einen starken Sog anzuschwimmen war reiner Selbstmord.

Der Segler hatte alles mit angesehen. Wenn ich Sefina zu fassen kriege und mit der Strömung treibe, kann er mir vielleicht helfen.

Eine Mutter und ihr kleines Kind festhalten und gleichzeitig schwimmen?

Denk nicht darüber nach.

Als Teenager hatte sie sich zur Rettungsschwimmerin ausbilden lassen, weil sie hoffte, in Bondi, wo sie damals lebte, einen Ferienjob zu bekommen. Sie hörte wieder die Stimme ihres Trainers, der ihnen vor allem eins eingehämmert hatte: Checkt zuerst eure eigene Sicherheit, bevor ihr euch in die Brandung stürzt, um jemandem zu helfen.

Was sie vorhatte, war verrückt. Mehr als gefährlich.

Aber Joni … ein kleiner Junge, fünfzehn Monate alt, sie hatte ihn in den letzten Nächten in den Schlaf gewiegt. Und Sefina … Wie verzweifelt musste sie gewesen sein, nach allem, was sie durchgemacht hatte!

Vergiss den Trainer. Hettie warf ihre Sachen in den Sand. „Bleib!“, rief sie Bugsy zu und stürzte sich in die Wellen.

Die Strömung war so stark, dass Max Richtung Süden gerissen wurde, kaum dass er ins Wasser tauchte. Alles, was in diesem Pool unterhalb der Klippen landete, würde sofort hinausgezogen, am Riff vorbei und aufs offene Meer.

Er kam an die Oberfläche, spürte, wie der Sog an ihm zerrte.

Doch als Junge konnte er schwimmen wie ein Fisch, und in den letzten Jahren hatten Fitness- und Schwimmtraining ihm geholfen, bei Verstand zu bleiben.

Gegen die Strömung kam er nicht an, aber wenn er sich diagonal dazu hielt, hatte er vielleicht Glück und traf auf das, was er zu finden hoffte … etwas Scharlachrotes in dem strudelnden Weiß.

Max starrte auf den Pool, versuchte zu lokalisieren, wo er es zuletzt gesehen hatte.

Dann tauchte er den Kopf ins Wasser und schwamm los.

Hatte sie den Verstand verloren? In dieser Brandung zu schwimmen? Aber wenn sie hinter die Brecher gelangte, musste sie nur noch der Strömung Herr werden. Damit werde ich fertig, dachte sie. Sie war erfahren genug, um nicht in Panik zu geraten – was für die meisten Schwimmer in einer solchen Situation der Anfang vom Ende war. Und der Mann auf der Jacht hatte sie bestimmt gesehen. Wenn sie Sefina fand, brauchte sie sie nur zu halten und Wasser zu treten, bis Hilfe kam.

Sollte er sie nicht gesehen haben, würden die Kollegen nach ihr suchen. Mittags begann ihr Dienst, und alle wussten, dass sie einen Strandspaziergang machen wollte. Kehrte sie nicht zurück, würden sie Bugsy und ihre Kleidung am Strand finden. Also, wenn die Strömung sie aufs Meer hinauszog, konnte sie nur warten und hoffen …

Sichere Sache? dachte sie grimmig, während sie durch die nächste Welle tauchte. Ganz bestimmt nicht.

Was mache ich, wenn ich Sefina und Joni erreiche? Die Rettungsschwimmerin in ihr spielte die verschiedenen Szenarien durch.

Die schnellste Methode, euch umzubringen, besteht darin, euch in Reichweite eines Ertrinkenden zu begeben. Der zieht euch mit runter, weil er panisch versucht, sich selbst zu retten.

Da war sie wieder, die Stimme ihres Trainers.

Sefina würde nicht versuchen, sich zu retten. Sefina wollte sterben.

Ach Sefina …

Hettie hatte gewusst, wie unglücklich die junge Frau war. Doch in dem Chaos nach dem Wirbelsturm war nur Zeit für flüchtige Umarmungen und ein paar tröstliche Worte gewesen. So viele Patienten mussten versorgt werden. Hettie hatte ihr versichert, dass sie im Krankenhaus geschützt war, und versprochen, für alle Probleme eine Lösung zu finden, sobald wieder Ruhe einkehrte.

Ihr war nicht klar gewesen, dass ihr dafür nicht mehr viel Zeit blieb.

Hettie tauchte hinter dem letzten Brecher auf und blickte sich suchend um. Die Strömung war heftiger, als sie gedacht hatte. Vielleicht hatte sie die beiden verpasst.

Da sah sie noch jemanden im Wasser, der sich mit kraftvollen Schwimmzügen quer zur Strömung bewegte. Der Typ von der Jacht?

Eine Rettungsmöglichkeit weniger, wenn sie in Schwierigkeiten geriet. Alle im Wasser? Das verstieß gegen jede Rettungsschwimmer-Regel, aber es war zu spät, um es sich noch einmal anders zu überlegen. Hettie starrte auf die weißen Schaumstrudel am Rand des Pools, wo das Meer dahinter etwas ruhiger wurde.

Da! Etwas Scharlachrotes!

Sie musste laut gerufen haben, denn der Schwimmer hob den Kopf. Hettie winkte und deutete in die Richtung.

Er hob die Hand zum Zeichen, dass er verstanden hatte, und kraulte los.

Hettie tat es ihm nach.

Max konnte sie sehen oder wenigstens das scharlachrote Tuch, das sie um die Brust gewickelt hatte. Wenn ich nur schon näher dran wäre …

Der Sog der Strömung zog ihn zurück. Eigentlich müsste er ihren Körper direkt auf Max zutreiben.

Hing sie am Riff fest? Hatte das Tuch sich verfangen?

Zu seiner eigenen Sicherheit müsste er die dicht unter der Oberfläche lauernden scharfkantigen Felsen meiden …

Er blendete den Gedanken aus.

Du bist verrückt. Du bringst dich um. Schwimmen in diesem aufgepeitschten Wasser war unmöglich. Die Strömung zerrte so heftig an ihr, dass Hettie schon glaubte, ihr letztes Stündlein habe geschlagen.

Ein Brecher krachte donnernd gegen die Felsen, schleuderte ihr Gischt und Salzwasser ins Gesicht. Hettie sah nichts mehr.

Mit einem angstvollen, frustrierten Laut gab sie auf und ließ sich hinaustragen.

Als sie die schaumige Zone verlassen hatte, konnte sie Wasser treten, sah wieder etwas.

Aber nirgends eine scharlachrote Spur. Nur Weiß, tödliches Weiß …

Da! Max tastete blindlings um sich, bekam Stoff zu fassen. Ich habe sie!

Doch sie war zwischen den Felsen festgekeilt. Ein wilder Brecher nach dem anderen schlug über ihm zusammen. Max konnte nichts sehen. Er zog das Tuch hoch, um es besser zu fassen zu kriegen – und im nächsten Moment fiel ein Kind heraus.

Das Kleine musste sich an das Tuch geklammert haben oder darin eingewickelt gewesen sein. Die Strömung zog an Max, und sie wurden hinausgetrieben.

Er hatte ein Kind in den Armen, ihm blieb nichts anderes übrig, als sich treiben zu lassen. Max hielt es hoch, rollte sich gleichzeitig auf den Rücken, versuchte, es in der Luft zu halten. Wasser strömte über ihn …

„Hierher!“

Der Schrei kam wie aus dem Nichts, und plötzlich tauchte jemand neben ihm auf. Eine Frau, dunkle Haare, energisch.

„Geben Sie ihn mir. Helfen Sie Sefina, bitte!“

„Sie können ihn nicht halten.“ Er wusste nicht einmal, ob das Kind überhaupt noch am Leben war.

Ihr Gesicht war nur Zentimeter von seinem entfernt, nasse Locken hingen ihr in die Augen. Blitzende grüne Augen, entschlossener Blick. „Doch, ich kann. Ich weiß, was ich tun muss. Vertrauen Sie mir.“

Max wusste nicht, warum, aber er glaubte ihr. Drückte ihr den schlaffen kleinen Körper in die Arme und wandte sich wieder den Felsen zu.

Er musste ihr vertrauen … und hoffen.

Joni atmete. Er hatte sich nicht bewegt, als der Mann ihn ihr gab. Doch als sie auf den Rücken rollte, bereit, für ihn zu atmen – ja, das konnte sie, das Rettungstraining war gründlich gewesen –, da keuchte der Kleine auf, hustete, schnappte erneut nach Luft.

Seine Augen waren geschlossen, so als hätte er aufgegeben, bereit für den Tod. Wie viele Kinder waren schon so ertrunken? Dreizehn Jahre Erfahrung als Krankenschwester hatten sie gelehrt, dass Kinder nicht kämpften, wenn sie unter Wasser gerieten. Sie ertranken stumm.

Trotzdem musste Joni genug Luft eingeatmet haben, um zu überleben. Als sie mit dem Mund seine Lippen berührte, keuchte er und riss die Augen auf.

„Joni …“ Es gelang ihr, seinen Namen zu sagen, obwohl sie selbst völlig außer Atem war. „Alles gut, wir bringen dich wieder an Land.“

Mit seinen großen braunen Augen starrte er sie an. Joni war noch keine anderthalb, ein pausbäckiges Kleinkind mit kaffeebrauner Haut und dichten dunklen Locken, halb Insulaner, halb …

Genau das war das Problem, wie Hettie wusste, und ihr zog sich das Herz zusammen vor Angst um seine Mutter. Aber sie konnte für Sefina nichts tun. Der Segler – Max? – hatte ihr Joni gegeben, und das musste für den Moment ihre einzige Sorge bleiben.

Wo ist der Mann jetzt? fragte sich Hettie, während sie Wasser trat. Kraftvoll, stark, entschlossen, das war ihr erster Eindruck von ihm gewesen. Seine Miene nahezu teilnahmslos.

Er würde viel Kraft brauchen und noch mehr, wenn er zum Riff zurückschwimmen wollte. Es war riskant, lebensgefährlich …

Nein, nicht darüber nachdenken. Jetzt ging es nur darum, Joni in Sicherheit zu bringen. Ihn und sich selbst.

Hettie umfasste Jonis Kinn mit einer Hand und begann, seitwärts zu schwimmen. So schnell sie konnte. Dabei hoffte sie inständig, dass der Junge sich nicht wehrte. Die Strömung machte alles noch schwieriger. Zum Strand zurückzuschwimmen, das konnte sie vergessen. Die Jacht tanzte in den Wellen, zu nahe an den Brechern, als dass Hettie sicher hingelangen könnte. Blieb nur noch das kleine Atoll am Ende des Korallenriffs. Wenn sie die Felsen erreichte …

Zum Glück blieb Joni schlaff und reglos. Er steht unter Schock, dachte sie, als sie gegen den Sog anschwamm, war jedoch dankbar dafür. So lag er wenigstens still, während sie ihn zog.

Doch die Strömung war stärker als sie. Hettie kämpfte um jeden Atemzug, mobilisierte alle Kräfte, die sie noch hatte, aber es war aussichtslos. Sie würde es nicht bis zum Atoll schaffen. Es lag zum Greifen nah und war doch unerreichbar.

Wenn ich mich einfach treiben lasse und auf Hilfe warte? überlegte sie. Mit der Strömung gehe, Joni nur gut festhalte …

Wenn er sich allerdings wehrte, hatten sie beide verloren.

Ihr blieb keine Wahl. Gegen den unerbittlichen Sog kam sie nicht an.

Hettie hielt das Kind so weit wie möglich aus dem Wasser und ließ sich aufs Meer hinaustreiben.

Er hatte sie gefunden. Aber sie war tot. Max sah die Kopfverletzung, wusste, warum der Kopf schlaff im Wasser trieb.

Sie muss auf den Steinen aufgeschlagen sein, dachte er. Sie war senkrecht in die Tiefe gestürzt, statt hinter den Felsen einzutauchen. Wahrscheinlich war sie sofort tot gewesen. Ein Wunder, dass das Kind nicht weggeschleudert worden war.

Max hatte sie aus dem Riff befreit, aber was nun? Zum Strand schaffte er es nicht, nicht bei der Strömung. Sie trug sie beide rasend schnell auf das Atoll zu. Hatte er genug Kraft, mit ihr dorthin zu gelangen?

Allein würde er es schaffen, aber mit der toten Frau?

Unmöglich.

Sie ist tot. Lass sie los.

Auch das erschien ihm unmöglich. Max sah sich am Grab seines Sohnes stehen. Sah sich bei der Beerdigung seiner Frau vor so vielen Jahren.

Irgendwo wartete jemand auf diese Frau. Jemand, der sie liebte. Sich nicht verabschieden zu können … Das hätte Max umgebracht.

Sie mitzunehmen könnte ihn jetzt umbringen.

Trotz der starken Strömung war das Wasser um ihn herum relativ ruhig. Max hielt einen Moment in seinem Kampf inne, blickte sich um.

Und was er sah, warf alles eben Gedachte über den Haufen. Die Frau, der er das Kind übergeben hatte, hielt es immer noch über Wasser. Aber die beiden trieben dahin, zu schnell, um das Atoll noch zu erreichen. Sie wurden aufs offene Meer hinausgezogen.

Nicht, dass die Frau in Panik geraten war. Sie hielt das Kleine im klassischen Rettungsschwimmer-Griff. Anscheinend kannte sie sich aus, hatte aber nicht mehr die Kraft, zu ihrem Ziel zu schwimmen. In ein paar Minuten würde sie am Atoll vorbeigetrieben – in den sicheren Tod.

Eine Frau und ein Kind, die um ihr Leben kämpften.

Eine Frau in seinen Armen, die ihr Leben verloren hatte.

Triage. Für Sekunden war er wieder der junge Arzt in der Notaufnahme, der vor der Entscheidung stand, welchen Patienten er zuerst behandeln musste.

In diesem Moment war die Entscheidung nicht leicht, aber klar.

Er nahm sich die Zeit, der Frau ins Gesicht zu sehen, sich ihre Züge einzuprägen für den, der um sie trauern würde. Er berührte ihre Wange, ein Abschied, der ihm das Herz zusammenzog.

Mehr konnte er nicht tun.

Max ließ sie los.

Ihre Kraft ließ nach. Ihre Beine waren zu schwach, um sich gegen die Strömung zu stemmen. Dreißig Meter, weiter war das Atoll nicht entfernt, und doch war es aussichtslos, sie kam nicht näher heran.

Das Kind in ihren Armen regte sich unerwartet, und beinahe wäre es ihr entglitten. Hettie packte den Jungen fester, doch plötzlich wehrte er sich.

„Joni, schsch. Joni, bleib ruhig …“

Aber er schien sie nicht zu hören. Wer wusste schon, was in ihm vorging?

Er würde sie unter Wasser ziehen …

Auf einmal wurde sie bei den Schultern gepackt, wurde gehalten von jemandem, der wusste, was er tat. Jemandem, der trainiert genug war, um die Lage unter Kontrolle zu behalten.

Max?

„Geben Sie ihn mir.“ Es war ein Befehl, der keinen Widerspruch zuließ. „Bringen Sie sich in Sicherheit. Auf dem Atoll.“

„Sie können ihn nicht halten.“

„Sie erst recht nicht. Sie sind fertig.“

Hettie wusste, dass er recht hatte. „Wo ist Sefina?“

„Sie ist tot. Los, Bewegung! Ich bleibe direkt hinter Ihnen.“

Joni wurde ihren Armen entzogen.

Von ihrer Last befreit, sollte sie sich leichter fühlen … frei. Stattdessen verspürte sie den törichten Wunsch, sich einfach sinken zu lassen. Erst jetzt merkte Hettie, wie erschöpft sie war.

„Schwimmen Sie!“, brüllte Max. „Sonst ist alles umsonst. Schwimmen Sie, verdammt noch mal, und zwar jetzt!“

Mit letzter Kraft schwamm sie los.

Ich schaffe es. Ich schaffe es.

Nicht noch mehr Tote …

Vor drei Wochen hatte er seinen Sohn begraben. Vielleicht gab Christopher ihm die Kraft weiterzuschwimmen.

„Halt still“, herrschte er den kleinen Jungen an, als dieser mit Armen und Beinen strampelte. Für liebevolle Beschwichtigungen war keine Zeit.

Das Kind gehorchte, erschlaffte. Doch dann hob er eine Hand und berührte mit seiner kleinen Faust Max’ Hals. Als wollte er seinen Puls prüfen?

„Ja, ich bin am Leben“, murmelte Max grimmig, während er gegen die Strömung ankämpfte. „Und du auch. Sorgen wir dafür, dass es so bleibt.“

Felsen, ein Halt im endlos weiten Ozean. Das Atoll war winzig, aber es war zum Greifen nahe. Die letzten Meter gegen den Sog waren ein Albtraum gewesen, doch nun war sie in Sicherheit.

Geschafft. Wenn Max und Joni hinausgetrieben wurden, konnte sie Alarm schlagen.

Nein, sie war nicht in der Verfassung, Hilfe zu holen. Sie konnte gerade noch auf die Felsen klettern, zu mehr reichte es nicht.

Hettie kannte das Inselchen. Bei gutem Wetter war sie schon öfter hierhergeschwommen. Sie wusste, wohin sie die Füße setzen musste, aber ihre Beine waren wie aus Pudding. In Zeitlupe, so kam es ihr vor, erreichte sie endlich den flachen Felsen, der das Plateau des kleinen Atolls bildete.

Dort sank sie auf die Knie.

Ihr Magen revoltierte, doch sie bezwang den Drang, sich zu übergeben. Wie oft hatte sie in einer Notaufnahme die gleiche Übelkeit verspürt … bei furchtbaren multiplen Verletzungen oder wenn sie ein Menschenleben aufgeben mussten. Aber sie hatte gelernt, die körperlichen Reaktionen zu unterdrücken, zumindest bis die Krise überstanden war. Solange sie gebraucht wurde.

Das hier war eine Krise, nur, was konnte sie tun? Sie befand sich nicht in der Notaufnahme, ihre Professionalität nützte ihr hier nicht das Geringste.

Hettie saß auf einem Felseninselchen, während dort draußen ein Segler um sein und das Leben eines Kleinkindes kämpfte.

War er Max Lockhart?

Und noch wichtiger, wo war er? Vorhin hatte sie es nicht gewagt, einen Blick zurückzuwerfen, um ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, aber nun …

Max … Joni …

Bitte … wiederholte sie in Gedanken immer wieder, bis das Wort sich zu einem endlosen Echo formte, gerichtet an den, der es hören konnte. Für Joni. Für den Mann, der sein Leben riskierte.

Falls es Max war, falls er starb, wie sollte Hettie seiner Tochter Caroline sagen, dass sie ganz in seiner Nähe gewesen war und ihm doch nicht hatte helfen können?

Sie hatte Richtung Osten gestarrt, weil sie annahm, dass er sich von der Strömung treiben ließ. Da entdeckte sie ihn plötzlich südlich des Atolls. Er musste es irgendwie geschafft haben, den Sog zu überwinden, und schwamm nun die letzten Meter auf die Felseninsel zu.

Joni war bei ihm.

Hettie hatte fünf Minuten gehabt, um sich auszuruhen. Sie hatte nicht mehr das Gefühl, dass ihr die Anstrengung die Lungen aus dem Leib fetzte. Sie konnte helfen. Rasch kletterte sie über die Felsen hinunter ins seichte Wasser, griff nach Joni.

Dann hatte sie ihn.

Sie waren vorerst in Sicherheit.

Alle drei.

2. KAPITEL

Eine Zeit lang waren sie zu erschöpft, um zu sprechen. Zu erschöpft, um überhaupt etwas anderes zu tun, als einfach dazuliegen, Joni zwischen ihnen.

„S…Sefina?“, flüsterte Hettie schließlich.

„Genick.“ Mehr brachte Max nicht heraus, aber es genügte.

Oh, hätte ich nur … Ja, was? Sefina Geborgenheit gegeben, so wie sie sie jetzt Joni bot?

Unter anderen Umständen hätte sie sich mehr um sie gekümmert. Aber die junge Frau war eingeliefert worden, als der Zyklon sich über den Inseln zusammenbraute. Innerhalb von Stunden brach die Hölle los, und mehr als medizinische Versorgung hatte Hettie Sefina nicht geben können.

Keanu, der diensthabende Arzt, hatte die Polizei verständigt. „Ich will ihren Mann hinter Gittern sehen“, sagte er. „Bei den massiven Verletzungen hat sie Glück gehabt, dass er sie nicht umgebracht hat.“

Glück gehabt? Sie erinnerte sich an Keanus Worte und verlor für einen Moment die Fassung.

Hettie de Lacey war eine erfahrene Krankenschwester. Sie weinte nie. Gefühle ließ sie sich nicht anmerken, und sie wurde mit allem fertig, was ihr Beruf mit sich brachte.

Doch jetzt schluchzte sie auf, so tief, dass sie am ganzen Körper bebte.

Max legte den Arm um sie, schloss Joni mit ein. Sie war dankbar dafür, brauchte die tröstliche Berührung.

„Sie sind sicher und der Kleine auch“, sagte er und fügte hinzu: „Behalten Sie die Nerven. Seinetwegen.“

Max hatte recht. Sie war völlig fertig, physisch und seelisch, und es würde eine Zeit dauern, bis sie das Erlebte verarbeitet hatte. Doch jetzt war das Kind wichtiger als alles andere.

Und Max … Er war über die Felsen geschwommen, über scharfkantige Korallen …

Hettie holte einige Male tief Luft und schaffte es, sich aufzusetzen. Die Sonne stand hoch am Himmel. Der Sturm hatte sich nahezu verzogen. Abgesehen von den mächtigen gischtgekrönten Brechern, die gegen die Landzunge krachten, hätte dies ein ganz normaler Tag im Paradies sein können.

Wildfire Island. Die M’Langi-Inseln. Einer der herrlichsten Flecken der Welt.

Die Erde dreht sich noch, alles wird gut.

Hettie nahm Joni in die Arme, drückte ihn an sich und murmelte beruhigende Worte in seine nassen Locken. Er trug immer noch die vollgesogene Krankenhauswindel und ein T-Shirt, das eine der Krankenschwestern in der Kleiderkiste der Notaufnahme für ihn gefunden hatte. Es trug den Schriftzug: Meine Oma war in London und hat mir nur dieses T-Shirt mitgebracht.

Der Spruch hätte nicht unpassender sein können. Joni hatte keine Großmutter, geschweige denn überhaupt jemanden.

Max hatte lang ausgestreckt in der Sonne gelegen, als bräuchte er ihre Wärme. Natürlich. Sie alle brauchten Wärme. Aber nun richtete er sich auf, und Hetties Blick fiel auf seine Beine.

Schrammen und tiefe Kratzer bedeckten sie von den Oberschenkeln bis zu den Zehen, so als hätte das Meer ihn mit Riesenfäusten gepackt und über die Felsen geschleift.

Der Preis dafür, dass er versucht hatte, Sefina zu retten?

Er hatte Joni gerettet.

„Allein hätte ich ihn niemals hierherbringen können“, flüsterte sie, den Jungen immer noch fest in den Armen. „Ohne Sie hätte ich es nicht geschafft.“

„Wissen Sie, wer er ist?“

„Sein Name ist Joni Dason. Seine Mutter … hieß Sefina.“

„War sie eine Freundin von Ihnen?“

„Eine Patientin.“ Hettie zögerte. „Aber ich war bei Jonis Geburt dabei. Vielleicht war ich Sefinas Freundin … ihre einzige …“ Plötzlich konnte sie nicht weitersprechen.

„Ich bin Max Lockhart.“

Hettie war froh, das Thema wechseln zu können. „Das hatte ich mir gedacht, als ich Ihre Jacht sah. Caroline wird unendlich froh sein, sie hat sich solche Sorgen gemacht.“

„Mein Boot hat ein paar Brecher abbekommen. Dabei habe ich mein Funkgerät und das Handy verloren, und das Wasser hat so ziemlich alles beschädigt, was zu beschädigen war.“

„Deshalb haben Sie dort draußen darauf gewartet, dass jemand Sie sieht?“

„Ich kam gestern Abend hier an. Die Fahrt zum Hafen war zu riskant, und ich wollte nicht das Risiko eingehen und eine der weiter draußen liegenden Inseln anlaufen. Deshalb blieb ich hier, aber mich hat niemand bemerkt.“

„Ich schon.“

„Ja, danke. Sie sind …?“

„Hettie de Lacey, leitende Krankenschwester auf Wildfire.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Hettie.“ Er zögerte kurz, bevor er fortfuhr: „Sogar sehr. Ohne uns beide … Nun, wir haben unser Bestes gegeben.“

„Sie sind verletzt. Diese Schnittwunden müssen behandelt werden.“

„Ich weiß, sonst entzünden sie sich. Aber das musste ich in Kauf nehmen.“

„Um Joni zu retten, mussten Sie über das Korallenriff schwimmen.“ Sie barg das Gesicht in den Locken des Kleinen. „Danke.“

„Ich wünschte, ich hätte auch seine Mutter retten können.“

„Wir konnten nichts tun“, sagte Hettie sanft. „Sie ist genau auf die Felsen gesprungen.“

„War sie depressiv?“

„Verzweifelt. Ihr Mann hat sie schwer misshandelt.“

Max schien zu spüren, wie sehr sie all das mitnahm. Er berührte Hetties Wange, ganz leicht nur. Hettie hatte keine Ahnung, warum ihr diese flüchtige Geste Halt gab, aber es ging eine Kraft von dieser starken Hand aus, die sie beruhigte.

Max Lockhart war ein großer, athletisch gebauter Mann. Sie schätzte ihn auf Anfang, Mitte vierzig. Das tiefschwarze Haar war mit silbergrauen Strähnen durchzogen, und in seinem markanten Gesicht hatte das Leben seine Spuren hinterlassen. Er hatte tief liegende graue Augen, um die sich feine Fältchen zogen. Selbst in Boxershorts und mit völlig zerschrammten Beinen wirkte er … kultiviert.

Sie kannte seine Geschichte. Vor über zwanzig Jahren hatte er seine Frau verloren und vor Kurzem seinen Sohn.

„Das mit Christopher tut mir leid“, sagte sie.

„Hat Caroline es Ihnen erzählt?“

„Dass ihr Zwillingsbruder vor drei Wochen gestorben ist? Ja. Caroline und ich sind eng befreundet. Als sie zur Beerdigung nach Sydney flog, dachten wir alle, dass Sie mit ihr zurückkommen.“

„Ich hatte viel zu tun. Musste finanzielle Angelegenheiten wegen der Insel regeln. Wegen meines Bruders. Als es mit Christopher zu Ende ging, hatte ich alles Geschäftliche auf Eis gelegt, aber hinterher musste ich mich darum kümmern. Und außerdem …“

„Hielten Sie es für eine gute Idee hierherzusegeln?“

„Ich brauchte Abstand“, gab er zu. „Um mich zu besinnen. Es gab keine Sturmwarnungen.“

„Wir sind in den Tropen. Das Wetter ist unberechenbar.“

„Das kann man laut sagen.“

„Aber wir sind froh, dass Sie wieder da sind.“

Das trug ihr einen kritischen Blick ein.

Max Lockhart hatte Wildfire Island von seinem Vater geerbt. Über die Lockharts gab es in dieser Gegend unzählige Geschichten. Max selbst war in den vergangenen zwanzig Jahren selten hier gewesen, aber sein Bruder hatte das wieder wettgemacht.

Im schlimmsten Sinn …

Ian Lockhart hatte der Insel abgepresst, was sie hergab. Vor drei Monaten schließlich war er spurlos verschwunden. Zurück blieben ein Haufen Schulden und Verzweiflung bei den Insulanern.

Dafür hassten sie ihn abgrundtief.

Hettie drückte das Kind enger an sich, als könnte sie es so besser schützen. Konnte sie das wirklich?

Die Sonne brannte vom Himmel. Hetties Haut spannte. Ich werde mir einen Sonnenbrand holen, dachte sie. Dabei wurde ihr wieder bewusst, dass sie nur Höschen und BH trug. Allerdings war sie froh, dass sie ausgerechnet heute beschlossen hatte, ihre einzige passend abgestimmte Spitzenunterwäsche anzuziehen.

Sie war um vieles eleganter als die Boxershorts, die Max trug. Außerdem klaffte ein Riss in dem verwaschenen Stoff, der nicht mehr zu flicken war.

„Sie brauchen ja nicht hinzusehen“, hörte sie Max sagen. Als sie aufblickte, lächelte er.

Unwillkürlich musste sie auch lächeln. Überall auf der Welt war Humor oft der einzige Schutz, den Mediziner hatten, um den Tag in der Notaufnahme zu überstehen. Entweder man lachte, oder man brach zusammen. Und Hettie hatte nicht vor zusammenzubrechen. Max war Chirurg, er würde ihren Humor verstehen.

„Meine Hose ist schicklicher als Ihre“, meinte sie mit gesitteter Miene.

Er verschluckte sich fast. „Was? Das bisschen rosa Spitze?“

„Sie hat kein Loch dort, wo sie keins haben sollte“, konterte sie.

Max blickte an sich herunter, fluchte und versuchte, sich zu bedecken.

„Dr. Lockhart vergisst seine Manieren“, sagte sie zu Joni und kuschelte mit ihm. Der kleine Junge wirkte schläfrig. Gut, dachte sie, Kinder holen sich, was sie brauchen.

„Meine Jacht macht sich selbstständig“, sagte Max da.

Hettie blickte zurück zum Riff. Tatsächlich, der Anker schien nicht gefasst zu haben, und nun trug die Strömung das Schiff aufs offene Meer hinaus.

„Einer der Fischer wird ihr folgen. Die Strömung ist leicht zu lesen, die Insulaner wissen, wo sie nach ihr suchen müssen.“

„Schade, dass wir nicht an Bord gehen können.“

„Was hat eine Jacht, das ein grundsolider Felsen nicht auch zu bieten hat?“, tat sie erstaunt. Doch dann fiel ihr Blick wieder auf seine Beine. „Abgesehen vielleicht von Desinfektionsmittel, Verbandszeug und Sonnencreme.“

„Und einem guten kräftigen Rum.“

„Gestrandet auf einer Insel, zusammen mit einem Seemann und einer Flasche Rum? Nein, vielen Dank.“ Sie redete dummes Zeug, aber es half, lenkte sie von bedrückenden Gedanken ab.

Wie dem, dass Sefinas toter Körper aufs Meer hinaustrieb …

„Erzählen Sie mir von sich“, sagte Max.

Wahrscheinlich brauchte er genau wie sie auch Ablenkung.

„Was gibt’s da groß zu erzählen?“, antwortete sie achselzuckend. „Ich heiße Hettie, leite den Pflegedienst im Krankenhaus. Ich bin fünfunddreißig Jahre alt, kam vor acht Jahren nach Wildfire und habe vor zu bleiben.“

„Wo haben Sie schwimmen gelernt?“

„Sydney, Bondi Beach.“

„Sind Sie Rettungsschwimmerin?“

„Ich habe klein angefangen, bei den Nippers, als ich sechs war.“ Die Surfergemeinschaft von Bondi war damals ihre Familie gewesen. „Wie kommen Sie darauf?“

„Als Sie mir Joni abgenommen haben … So macht das nur ein trainierter Rettungsschwimmer.“

„Waren Sie auch bei den Nippers?“ Fünf- bis Vierzehnjährige lernten in speziellen Wettkämpfen, sich aufs Rettungsschwimmen vorzubereiten.

„Auf Wildfire gab es keine Nippers. Allerdings hatte ich eine Tante, die mitbekam, wie wir Kinder immer verrücktere Tauchsprünge wagten. Von der Landzunge da hinten bin ich öfter hinabgesprungen, als Sie warme Mahlzeiten hatten. ‚Wenn du riskant leben willst, musst du lernen, mit dem Risiko richtig umzugehen.‘ Das war Tante Dottys Credo. Also lernte ich, genau wie Sie, im Alter von sechs Jahren hier in der Bucht, wie ich mich und andere aus einer gefährlichen Situation befreie. Allerdings musste ich bis heute niemanden retten.“

„Sie sind Chirurg“, entgegnete sie. „Ich kann mir vorstellen, dass Sie vielen Menschen das Leben gerettet haben.“

Er lächelte, und sie dachte: was für ein sanftes Lächeln für einen so großen, kräftigen Mann … Es milderte seine strengen Züge, ließ ihn jünger wirken.

„Sehr vielen. Und wenn ich jede Blinddarmentzündung mitzähle …“

„Das sollten Sie.“

„Dann sind es sehr, sehr viele. Was ist mit Ihnen?“

„Zählt da auch jedes Mal, wenn ich antiseptische Salbe auf einen von Korallen verursachten Kratzer auftrage?“

„Warum nicht?“

„Dann sind es sehr, sehr, sehr viele.“

Max grinste jungenhaft. „Sie haben gewonnen.“

„Danke. Nicht jeder Chirurg hat die Größe zuzugeben, dass auch wir Krankenschwestern wichtig sind.“

„Damit hatte ich nie ein Problem. Ärzte, Schwestern, selbst die Floristinnen, die für den Blumenschmuck sorgen und sich einen Moment Zeit nehmen, um mit den Patienten zu reden … Jeder ist wichtig. Manchmal ist ein einziger Moment entscheidend.“

Hettie schloss die Augen. „Oh ja“, flüsterte sie. „Ich wünschte, ich hätte …“

Ihr versagte die Stimme, und Max hätte sich treten können. Die lockere Stimmung löste sich in Nichts auf, und das Erlebte hing wieder wie eine graue Wolke zwischen ihnen.

„Was?“, fragte er.

Sie ließ die Augen geschlossen. Der kleine Junge in ihren Armen schlief tief und fest.

„Was?“, wiederholte Max.

Ein tiefer Atemzug, dann blickte sie auf. „Ich hatte keine Zeit, nicht einen Moment. Das wird mich für den Rest meines Lebens verfolgen.“

„Warum?“

„Sefina wurde kurz vor dem Sturm bei uns eingeliefert. Mit Milzriss, Gehirnerschütterung, Prellungen, Platzwunden. Ihr Mann hatte sie bewusstlos geprügelt. Sefina stammt nicht von M’Langi, sie kam vor achtzehn Monaten aus Fidschi hierher. Schwanger. Man erzählt sich, dass … Jonis Vater sie hergebracht und Louis dafür bezahlt hat, dass er sie heiratet. Louis ist ein übler Kerl, der für Geld alles tut. Er hat sie miserabel behandelt und von der Dorfgemeinschaft isoliert. Was wahrscheinlich nicht allzu schwer war. Sefina hat sich sehr geschämt.“

Max schwieg, als ihn eine düstere Ahnung beschlich. „Und Jonis Vater …“, begann er.

Sie sah ihm direkt in die Augen. „Ist kein Insulaner.“

„Wer ist es?“

„Muss ich es Ihnen sagen?“

Die Ahnung wurde zur Gewissheit. Max blickte auf den kleinen Jungen hinunter. Seine Hautfarbe war nicht so dunkel wie die der Inselbewohner. Und seine Gesichtszüge …

Ihm zog sich das Herz zusammen. „Mein Bruder? Das ist Ians Sohn?“ Max wunderte sich, dass ihm die Stimme gehorchte.

„Ja. Sefina ist … war aus Fidschi. Ian scheint sich eine Weile dort aufgehalten zu haben. Sie wurde von ihm schwanger, und ihre Eltern setzten sie vor die Tür. Ian brachte sie hierher, sorgte dafür, dass Louis sie heiratete, und schickte ihm jeden Monat Geld, das der sofort vertrank. Vor einigen Wochen hörten die Zahlungen auf, und Louis ließ seine Wut an Sefina aus. Am Tag vor dem Zyklon eskalierte die Situation. Wir holten sie mit dem Rettungshubschrauber von Atangi nach Wildfire. Aber dann brach der Sturm los, und ich hatte keinen Moment Zeit für sie, von der medizinischen Versorgung abgesehen.“

„Ich bin sicher, Sie haben Ihr Bestes getan.“ Es hörte sich an wie eine Floskel, und prompt blitzte Ärger in ihren grünen Augen auf.

„Nicht genug!“

„Hatte sie sonst niemanden?“

„Sie war eine Fremde, schwanger von jemandem, den die Insulaner nicht ohne Grund hassten, und mit einem Mann verheiratet, der nur Scherereien macht. Ihre Schwiegermutter wollte nichts mit ihr zu tun haben und verteufelte jeden, der Kontakt zu ihr suchte. Und der einzige Mensch, der für all das verantwortlich war, blieb spurlos verschwunden.“

„Er ist tot.“

„Tot?“ Bestürzt sah sie ihn an.

„Auch deshalb konnte ich bisher nicht zurückkommen. Ian war spielsüchtig. Ohne dass ich etwas merkte, hatte er immense Schulden angehäuft und hier auf der Insel großen Schaden angerichtet. Vor zwei Wochen wurde seine Leiche in Monaco gefunden. Warum und weshalb, wer dahintersteckte … Die Polizei möchte es wissen. Ich nicht.“

Lange herrschte Schweigen.

Sie hat etwas Beruhigendes an sich, diese Frau, dachte Max. Während andere mit einem Aufschrei reagiert, nach Einzelheiten gefragt, Betroffenheit, Abscheu oder Entsetzen ausgedrückt hätten, sagte sie nichts, sondern drückte nur den Jungen ein bisschen fester an sich.

Und sie ist schön …

Bisher war sie, trotz der verführerischen Dessous, eine Kollegin gewesen, Teil der Tragödie, die sie buchstäblich in Atem gehalten hatte. Aber plötzlich schien sie mehr zu sein.

Sie war schlank und nicht größer als eins fünfundsechzig, sonnengebräunt und wirkte sportlich fit. Die Spitzenunterwäsche überließ kaum etwas der Fantasie … Ihr Körper war perfekt.

Fünfunddreißig, hatte sie gesagt, doch er hätte sie jünger geschätzt – von den Fältchen um ihre grünen Augen einmal abgesehen. Linien, die das Leben gegraben hatte? Sorgenfalten? Sie hatte sich um Sefina gesorgt und sorgte sich jetzt um Joni.

„Ihnen ist klar, dass er nun zu Ihnen gehört?“, flüsterte sie da.

Die Worte waren wie ein Messer. „Was …?“

„Dieser kleine Junge ist ein Lockhart“, sagte sie ruhig. „Die M’Langi-Insulaner kümmern sich um jeden, der zur Familie gehört. Joni ist keiner von ihnen, ist es nie gewesen. Seine Mutter stammt nicht von hier, und die Tatsache, dass ihr Mann dafür bezahlt wurde, sie zu heiraten, macht ihn nicht zu Jonis Vater. Und da die Familie, so weit verzweigt sie auch sein mag, immer füreinander sorgt, gibt es bei den M’Langi keine Waisen. Es existiert nicht einmal ein Wort für ‚Waisenkind‘.“

„Was wollen Sie damit sagen?“ Vor Max tat sich ein Abgrund auf, breit und unüberbrückbar.

„Ganz einfach“, antwortete sie sanft. „In den Augen der Insulaner ist dieser Kleine nicht verwaist, Dr. Lockhart. Er ist Ihr Junge.“

Sämtliche Hürden und Hindernisse, die er in letzter Zeit hatte überwinden müssen, waren nichts im Vergleich zu dem hier.

Ian hatte einen Sohn gehabt.

Der kleine Junge sah Ian nicht ähnlich. Er hatte die wundervolle Hautfarbe der Fidschi-Insulaner, nur etwas heller. Und seine dunklen Locken waren nicht ganz so kraus.

Er schlief immer noch, das Gesicht an Hetties Brust geschmiegt. Max konnte nur sein Profil sehen, und plötzlich …

Es war nur ein flüchtiger Eindruck, aber irgendetwas an ihm erinnerte Max an seine eigene Mutter. Und an seine Kinder: die sechsundzwanzigjährige Caroline, die nächste Woche heiraten würde, und Christopher.

Seinen Sohn, den er vor drei Wochen begraben hatte.

Dieser Kleine ist Ihr Junge.

Max hatte Mühe, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

Er hatte Ian verachtet. Großgezogen von liebevollen Eltern, behütet aufgewachsen auf dieser Insel … Es gab keine Erklärung dafür, dass Ian sich zu einem rücksichtlosen Zeitgenossen entwickelte. Aber er gehörte zu der Sorte Kinder, die Schmetterlingen die Flügel abrissen, war von drei Schulen geflogen und zog durch die Welt, bis er das Erbe seiner Eltern durchgebracht hatte.

Max erinnerte sich, wie er vor einigen Jahren zu ihm nach Sydney gekommen war.

„Ich bin pleite“, hatte er ungewohnt demütig erklärt. „Das Geld, das Mum und Dad mir hinterlassen haben, ist alle, und ich kann mir keinen ausschweifenden Lebensstil mehr leisten. Ich will zurück nach Wildfire. Ich kann alles für dich managen, Bruder. Du weißt, dass es Probleme gibt, und du hast keine Zeit, dich zu kümmern.“

Es war der Strohhalm, nach dem er gegriffen hatte. Nicht weil er Ian vertraute, sondern weil er verzweifelt war. Die Insel brauchte einen Manager, aber Max musste in Sydney bleiben. Sein Sohn Christopher war schwerbehindert auf die Welt gekommen und schlitterte von einer gesundheitlichen Krise in die nächste. Max arbeitete als Chefarzt am Sydney General Hospital, pumpte so viel Geld wie möglich in die medizinische Versorgung der M’Langi-Inseln. An Caroline mochte er gar nicht denken … Sie war immer zu kurz gekommen, hatte nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie gebraucht oder verdient hatte.

Wenn Ian ihn ein bisschen entlastete …

Okay, du bist naiv und viel zu vertrauensselig gewesen, dachte er. Ian hatte nicht nur ihn bitter enttäuscht. Und jetzt dies.

Es ist Ihr Junge.

Sein Junge war tot.

„Sie müssen nicht jetzt darüber nachdenken“, sagte Hettie, als ahnte sie, welcher Tumult in ihm tobte. „Wir finden eine Lösung.“

„Wir?“

„Ich liebe Joni. Ich gebe ihn nicht her, bevor ich nicht ganz sicher bin, dass Sie ihn wirklich haben wollen.“

„Wie können Sie ihn lieben?“

„Er hat niemanden. Seine Mutter hat mir vertraut, und ich war bei seiner Geburt dabei.“ Sie holte tief Luft. „Vielleicht kann ich an Ihrer Stelle für Joni sorgen, bis Sie bereit sind, die Verantwortung für ihn zu übernehmen.“

„Verantwortung …“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen“, fiel sie hastig ein. „Bis alles geregelt ist, bin ich die Einzige, die er hat. Er braucht jemanden, und er hat mich.“

„Aber Sie wollen ihn nicht adoptieren?“

„Darum geht es jetzt nicht.“ Sie drückte einen zärtlichen Kuss auf den kleinen Lockenkopf. „Im Moment ist er bei mir, und da bleibt er vorerst auch. Und übrigens, Max …?“

„Ja?“

„Am Strand sind Leute. Sie winken uns zu, also ist Rettung nahe. Caroline wird überglücklich sein. Ihre Tochter, Ihre Familie.“

Wie sie das sagt … Max blickte sie an.

Ich weiß nichts über sie, dachte er. Nicht das Geringste. Er war ein Lockhart. Die Inselbewohner, Hettie eingeschlossen, wussten bestimmt nahezu alles über ihn. Aber was wusste er schon von Hettie?

Abgesehen davon, dass das Kind in ihren Armen … sein Junge war?

3. KAPITEL

Sein zukünftiger Schwiegersohn behandelte die Schnittwunden, die Max sich am Korallenriff zugezogen hatte. Sam, der leitende Inselarzt, hatte an diesem Morgen einen Krankentransport zum Festland begleiten müssen.

„Du musst also mit mir vorliebnehmen“, meinte Keanu. „Das sieht ja übel aus, aber ich denke, wir müssen nicht nähen. Narkose?“

„Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, ist eine Vollnarkose. Ich habe genug Zeit verschwendet und nicht vor, nutzlos herumzuliegen, bis die Wirkung nachlässt. Lass gut sein, Keanu, die Wunden kann ich auch allein versorgen.“

„Und wenn sich deine Beine entzünden? Wer sagt Caroline dann, dass ihr Vater sie nicht zum Traualtar geleiten kann? Ich nicht.“

Max legte sich hin und biss die Zähne zusammen, während Keanu die Schrammen und Kratzer säuberte, desinfizierte und verband.

„Du hast keine Ahnung, wie froh sie sein wird, wenn sie dich hier findet“, erklärte er dabei. „Sie ist zu einer Sprechstunde nach Atangi geflogen, müsste aber bald zurück sein. Wir hatten uns schon überlegt, Bugsy an deiner Stelle zum Altar zu schicken.“

„Bugsy?“

„Den Hund.“ Der junge Arzt inspizierte eine besonders tiefe Verletzung. „Hey, das sieht fies aus. Halt kurz die Luft an, ich muss den Schmutz herausholen.“

Max wappnete sich und fand plötzlich, dass eine Betäubung gar keine schlechte Idee gewesen wäre.

„Den Hund?“, stieß er hervor, als der Schmerz nachließ.

„Ohne Bugsy hätten wir dich nicht so schnell gefunden. Hettie hatte ihn am Strand zurückgelassen. Normalerweise streunt er herum, wartet, bis sie aus dem Wasser kommt. Aber er scheint instinktiv gewusst zu haben, dass diesmal etwas nicht stimmt. Pitschnass und mit hängender Zunge tauchte er im Krankenhaus auf. Wir hatten uns bereits um Sefina und Joni Sorgen gemacht, weil sie sich auf eigene Verantwortung selbst entlassen hat. Nach Hause konnte sie ja nicht. Und als der Golden Retriever immer wieder hin- und herrannte zwischen uns und dem Pfad zum Sunset Beach und wir Hettie nirgends finden konnten, haben wir uns auf die Suche gemacht.“

„Ihr habt Sefina gehen lassen?“

„Eine Pflegeschülerin. Es ist nicht ihre Schuld, sie konnte sie ja nicht mit Gewalt zurückhalten. Als sie uns davon berichtete, tauchte kurz darauf Bugsy hier auf. Bugsy gehört einer unserer FIFO-Ärztinnen, die gerade in Elternzeit ist. Wir alle kümmern uns abwechselnd um den Hund, und er ist ein treues Kerlchen. Zurzeit hat Hettie ihn sozusagen in Pflege.“

„Hettie … Hat sie sonst niemanden?“

Keanu warf ihm einen scharfen Blick zu. „Hettie hat die ganze Insel hinter sich.“

„Ist das eine Warnung?“

Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann zuckte Keanu mit den Schultern. „Ich weiß, dass du nicht wie Ian bist. Allerdings muss ich das den Insulanern immer wieder klarmachen.“

„Das heißt, sie glauben, dass vor mir keine Frau sicher ist, die nicht bei drei auf dem nächsten Baum hockt?“

„Vor Ian war nichts sicher. Aber er war dein Bruder, und Hettie hat mir gesagt, dass er tot ist. Das tut mir leid.“

„Wirklich? Wird es irgendjemandem auf dieser Insel leidtun?“

„Nein.“ Keanu nahm kein Blatt vor den Mund. „Vielleicht hätte Sefina um ihn getrauert, aber jetzt …“ Er beugte sich über Max’ linkes Knie. „Hier müsste vielleicht doch genäht werden.“

„Nimm Steri-Strips“, knurrte Max. „Ein, zwei Narben schaden nichts.“

„Du kannst immer noch eine Strumpfhose anziehen, um sie zu verdecken.“ Keanu grinste. „Es ist gut, dass du wieder zu Hause bist, Max. Du hast so viel für die Insel getan.“ Er blickte auf, als sich die Tür knarrend einen Spaltbreit öffnete. „Hallo, Hettie, komm rein. Das heißt, falls Dr. Lockhart nichts dagegen hat, dass du seine nackten Beine siehst.“

„Da draußen habe ich mehr als seine Beine gesehen“, antwortete sie. „Und unser Dr. Lockhart hat auch nicht mehr als das, was ich schon tausend Mal gesehen habe.“

„Sollen wir die Dame hereinlassen?“, fragte Keanu.

Was soll’s? dachte Max. Hettie war Krankenschwester, er ein Patient. Warum sollte es ihm etwas ausmachen, wenn sie ihn halb nackt in einem Krankenhaushemd erlebte?

„Klar“, murmelte er, und schon stand sie lächelnd im Zimmer.

Es war ein Schwesternlächeln, das sie jedem Patienten geschenkt hätte. Rein professionell. Dazu passten die blaue Hose und der blaue Schwesternkittel und die zu einem schlichten Pferdeschwanz zusammengebundenen Locken.

Sie sieht jünger aus als auf dem Atoll, ging es ihm durch den Sinn. Bezaubernd …

Nicht, dass sie in klassischem Sinn schön gewesen wäre. Sie hatte eine Stupsnase, ausgeprägte hohe Wangenknochen und einen vielleicht zu breiten Mund.

Hettie trug kein Make-up.

Max fand sie schön.

„Wie geht es Joni?“, kam Keanu ihm mit seiner Frage zuvor.

Hettie lächelte wehmütig. „Er schläft auf der Kinderstation, die zurzeit leer ist. Bugsy schläft neben seinem Bett.“

„Der Hund?“, entfuhr es Max. In welchem Krankenhaus durften Hunde in der Kinderstation schlafen?

„Wir haben Monitore. Sobald Joni sich rührt, bin ich bei ihm. Aber wenn er die Augen aufmacht, sieht er als Erstes Bugsy. Er liebt Bugsy, der Hund ist sein Freund – und gerade jetzt kann Joni jeden Freund gebrauchen.“

„Was hast du mit ihm vor?“ Keanu versorgte immer noch Max’ Verletzungen, und Hettie machte sich nützlich, indem sie ihm wie selbstverständlich assistierte, Tupfer und Desinfektionsmittel anreichte.

Die Frage hing in der Luft, und erst allmählich begriff Max, dass sie an ihn gerichtet war.

„Das habe ich nicht zu entscheiden.“

Sein zukünftiger Schwiegersohn blickte erstaunt auf. „Die Insulaner sehen das anders.“

„Ich hatte es Ihnen gesagt. Er ist das Kind Ihres Bruders, Ihr Bruder ist tot, also gehört er zu Ihnen. Wollen Sie ihn nicht haben?“

„Warum sollte ich?“

„Tja, warum wohl?“ Keanu arbeitete weiter.

Es war seltsam, mit zwei gesenkten Köpfen zu sprechen und dann auch noch über ein Kind, von dessen Existenz er gerade erst erfahren hatte.

„Er ist ein Lockhart“, fuhr Keanu fort.

„Dafür habe ich keine Beweise.“

„Stimmt, haben Sie nicht.“ Hettie schien sich auf seine Beine zu konzentrieren, doch Max ahnte, dass sie in Gedanken bei dem Jungen auf der Kinderstation war. „Er könnte zu jedem gehören.“

Richtig, aber er sah aus wie ein Lockhart. „Gibt es irgendwo auf den M’Langis so etwas wie eine Sozialfürsorge?“

„Die brauchen wir hier nicht!“, fuhr Hettie auf und erntete einen verblüfften Blick von Keanu.

Doch dann nickte er. „Das stimmt. Die Inselbewohner kümmern sich umeinander. Joni ist allerdings eine Ausnahme, ein Außenseiter.“

„Ist er nicht. Er gehört hierher, und wenn Max nicht für ihn sorgen will, dann übernehme ich das“, murmelte Hettie, doch ihre Worte klangen wie ein Schwur.

Keanu hielt inne, richtete sich auf und sah Hettie an, die immer noch auf Max’ Beine starrte.

„Was, zum …? Hettie, willst du ihn etwa adoptieren?“

„Wenn es sonst niemand tut, ja.“

„Das kannst du jetzt nicht entscheiden.“

„Ich habe mich schon entschieden. Wenn seine Familie ihn nicht will, nehme ich ihn. Das ist mein voller Ernst. Keanu, machst du weiter, oder soll ich?“

Keanu starrte sie stumm an und beugte sich wieder über Max’ Knie. Es herrschte angespannte Stille, die nur unterbrochen wurde, wenn Korallenbröckchen in die Nierenschale fielen.

Seine Beine waren eine Katastrophe, aber alles andere auch. Nichts Neues unter der Sonne, dachte Max grimmig. Wann war sein Leben jemals einfach gewesen?

Heute Morgen, im Licht der aufgehenden Sonne, als er eine Gruppe Delfine beobachtete und silbrig glänzende Fische, die aus dem Wasser schnellten, da hatte er sich einen oft verdrängten Gedanken erlaubt.

Was wäre, wenn ich frei wäre, endlich frei …?

Vor sechsundzwanzig Jahren war auf dieser Insel seine Frau gestorben. Charlotte und er waren selbst fast noch Kinder gewesen, beide knapp zwanzig. Er hatte sie an der Universität kennengelernt, als sie noch gemeinsam Kunst studierten, und sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Sie hatten viele Freunde, genossen das Leben in vollen Zügen, und als schließlich ein Baby unterwegs war, waren sie beide überglücklich.

„Vielleicht soll es so sein“, sagte Charlotte. „Dass wir eine Familie sind.“ Auch die Tatsache, dass sie Zwillinge erwartete, konnte ihre jugendliche Begeisterung nicht trüben.

„Was hältst du davon, auf Wildfire zu heiraten?“, fragte er sie.

Sie war sofort Feuer und Flamme. „Auf eurer Familieninsel? Oh ja, Max!“

Bis zu den Semesterferien mussten sie sich allerdings noch gedulden. Sobald sie ihre Prüfungen hinter sich hatten, machten sie sich im Sommer auf die Reise. Charlotte war in der zweiunddreißigsten Woche schwanger und stolz auf ihre riesige Babykugel.

Max erinnerte sich noch genau, wie sie damals nach Hause gekommen waren. Seine Mutter war außer sich vor Freude, und sein Vater beglückwünschte ihn zu seiner schönen, warmherzigen Verlobten. Niemand machte sich Gedanken, dass sie hochschwanger war. Was konnte ihnen schon passieren, waren sie nicht vom Glück gesegnet?

Am nächsten Tag heirateten sie und tanzten bis in die frühen Morgenstunden.

Einige Stunden später setzten bei Charlotte die Wehen ein.

Auf der Insel gab es keinen Arzt, nicht einmal eine Krankenschwester. Die Zeit, bis das Rettungsflugzeug da war, verging quälend langsam, während seine Frau langsam verblutete.

Sie starb, bevor Hilfe eintraf. Die Zwillinge, Caroline und Christopher, überlebten zwar, aber Christopher hatte nicht genug Sauerstoff bekommen und kam schwerbehindert zur Welt.

Christopher. Sein Sohn.

Nein, Joni, dieses fremde Kind, konnte nicht sein Sohn sein. Wie könnte Max nach allem jemals wieder ein Kind wollen?

Er schloss die Augen.

„Ich kann dir noch die Narkose verpassen, wenn es zu sehr wehtut“, sagte Keanu.

„Mach einfach weiter.“ Max biss wieder die Zähne zusammen.

Eine Weile arbeiteten die beiden stumm.

„Du kannst ihn nicht einfach adoptieren, Hettie“, begann Keanu schließlich. „Natürlich würden wir dich unterstützen, aber so eine Entscheidung trifft man nicht aus dem Bauch heraus. Du wirst dich mit Behörden und einem Haufen Papierkram herumschlagen müssen. Wir unterliegen der australischen Gerichtsbarkeit, und das heißt, dass ich Sefinas Tod und Jonis Status melden muss. Drüben warten zig Paare darauf, ein Kleinkind wie ihn zu adoptieren. Du musst schon etwas Besonderes vorweisen, damit sie dir den Vorzug geben.“

„Sefina war meine Freundin.“

„Deine Patientin.“

„Ich habe sie im Stich gelassen.“

„Wenn du so willst, haben wir das alle. Ich will nicht, dass du dich aus einem Schuldgefühl heraus gezwungen fühlst, ihn zu adoptieren.“

„Ich fühle mich nicht gezwungen.“

„Warum wollen Sie ihn adoptieren?“, mischte sich Max ein, und die beiden unterbrachen ihre Arbeit, als hätten sie völlig vergessen, dass er da war.

Vielleicht sollten sie diese Diskussion ohne mich führen. Schließlich ging es ihn nicht das Geringste an. Nur weil der Junge Ians Sohn war …

Es ist Ihr Junge.

Nein. Mit Ians Kind will ich nichts zu tun haben.

Max’ Sohn war tot. Seine Tochter heiratete bald den Mann ihrer Träume, was Max von einer weiteren Verantwortung befreite.

Sein Leben lang hatte er die Verpflichtungen akzeptiert, die sich die Lockharts seit Generationen für diese Insel auferlegt hatten. Jeden Cent, den er erübrigen konnte, steckte er in das kleine Krankenhaus. Ja, er hatte geschuftet wie ein Tier.

Doch jetzt … In zwei Tagen würde er den Mann treffen, der eine der besten Forschungseinrichtungen für Tropenkrankheiten finanziert und ein paradiesisches Ferienresort auf Wildfire Island hatte errichten lassen. Ian hatte einen Ölmilliardär hierhergelockt mit dem Versprechen, ihm Land zu verkaufen. Der Deal war jedoch auf der Basis von Lügen und gefälschten Unterschriften zustande gekommen. Das Inselland gehörte zum unveräußerlichen Bestand der Familienstiftung, auf den Ian keinen Zugriff hatte.

Erstaunlicherweise war der Scheich nicht abgesprungen, als alles ans Licht kam, sondern begnügte sich damit, das Grundstück zu pachten. Er schien über unbegrenzte finanzielle Mittel zu verfügen. Er schaffte Arbeitsplätze für die Insulaner und gab allen neue Hoffnung. Zum ersten Mal seit seiner tragischen Hochzeitsnacht vor sechsundzwanzig Jahren verspürte Max das Gefühl von Freiheit.

Vielleicht konnte er von hier weggehen und nie mehr zurückkommen.

Es ist Ihr Junge.

Was Hettie und Keanu sagten, hatte nichts zu bedeuten. Max wollte keine Verantwortung mehr übernehmen.

„Ich möchte ihn adoptieren, weil ich es kann.“ Hettie klang entschieden. „Da draußen auf dem Atoll ist mir eins klar geworden: Mein Leben lang habe ich nur mich gehabt, nichts gegeben, nicht geliebt. Wenn ich Joni haben kann, werde ich ihn lieben, Keanu, das verspreche ich dir.“

„Da bin ich die falsche Adresse.“ Der Arzt warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Ich muss Sefinas Tod den Behörden melden, dann sehen wir weiter.“

„Ich will nicht, dass er die Insel verlässt.“

„Hettie, die Einheimischen werden ihn nicht akzeptieren“, meinte Keanu sanft. „Er ist Ians Kind, und Ian hat sie böse betrogen.“

„Er wird mein Kind sein.“

„Lass uns abwarten, was die zuständigen Stellen sagen.“ Er verband die letzte Schramme. „Fertig, Dr. Lockhart. Alles wieder gut, du kannst gehen, wohin du willst.“

Gehen, wohin ich will. Frei sein.

Das hört sich gut an, dachte Max, während er vorsichtig die Beine von der Liege schwang. Hettie streckte den Arm aus, bereit, ihn zu stützen, und er nahm das Angebot gern an. Ihm war tatsächlich schwindlig.

Hettie war schlank und zierlich, und doch spürte er ihre Stärke. Wie viele Frauen konnten nach einem solchen Erlebnis auf dem Meer an ihren Arbeitsplatz zurückkehren und weitermachen, als sei nichts gewesen?

„Alles in Ordnung?“, fragte sie ihn besorgt.

Sie machte sich Sorgen um ihn?

„Danke, nur ein bisschen klapprig.“

„Lass dir Zeit“, sagte Keanu. „Wir richten auf der Station ein Bett für dich her.“

„Lieber wäre mir etwas zum Anziehen, dann kann ich nach Hause gehen.“ Seine Kleidung war entweder im Wasser oder auf seinem Boot. Und wo war sein Boot?

„Sie brauchen jemanden, der auf Sie aufpasst. Nehmen Sie die Verletzungen nicht auf die leichte Schulter. Ich weiß nicht, wo Caroline ist …“

Wie aufs Stichwort flog die Tür auf, und Caroline stürmte herein.

„Dad!“, rief sie, kaum dass sie ihn sah. „Oh Dad …“ Sie fiel ihm um den Hals und brach in Tränen aus.

Hettie trat von der Liege zurück. „Jetzt sind Sie in guten Händen, bei Ihrer Familie.“

Damit verließ sie das Zimmer.

Keanu hatte sie nach Hause geschickt, sobald sie der Polizei alles berichtet hatte.

„Nimm Bugsy mit, und schlaf dich aus. Ärztliche Anweisung“, fügte er streng hinzu.

Hettie hätte lieber weitergearbeitet, um das Gedankenkarussell anzuhalten, das sich unaufhörlich drehte. Um Sefina, um Joni …

Langsam wanderte sie um die Lagune herum, hatte keine Eile, zu ihrer kleinen Villa mit Blick auf das türkisgrüne Wasser zu gelangen.

Bisher war es ihr immer gelungen, sich nicht emotional auf ihre Patienten einzulassen. Warum gelang es ihr nicht bei Joni? Warum sehnte sie sich so sehr nach diesem Kind, wollte es lieben, umsorgen … seine Mutter sein?

Ihr Mutterinstinkt war schon vor langer Zeit erloschen. Erstickt von Darryn.

„Ach, vergiss es!“ Sie starrte auf den Reiher, der auf einem Bein am Ufersaum stand. Sie sah ihn oft hier. Einsam, allein, ein Einzelgänger.

„Wie ich“, sagte sie sich. „Heute war die Ausnahme von der Regel. Joni wird in Australien neue Eltern finden, die ihn auf Händen tragen. Und ich …“ Sie holte tief Luft. „Ich werde die Pillen schlucken, die Keanu mir gegeben hat, damit ich schlafen kann. Und wenn ich morgen früh aufwache, sind alle mütterlichen Gefühle weg, und ich bin wieder ich selbst.“

Doch sie konnte nicht aufhören, an Joni zu denken.

Und seltsamerweise auch an Max. Max, der mit kraftvollen Zügen auf sie zugeschwommen war, als die Strömung sie aufs offene Meer hinauszutreiben drohte. Max, der sein Leben riskiert hatte, um eine Fremde zu retten. Max, der ein kleines Kind aus den Armen einer toten Frau zog.

Ein ehrenwerter Lockhart?

Ob er über Nacht im Krankenhaus blieb? Würde Keanu darauf bestehen, oder würde Caroline ihn mit nach Hause nehmen, zu dem herrschaftlichen Anwesen, das die Lockharts seit Generationen bewohnten?

Was geht es dich an? Du hast nie etwas mit den Lockharts zu tun gehabt!

Was nicht ganz stimmte. Als Pflegedienstleiterin war sie ständig mit Ian Lockhart aneinandergeraten. Die finanziellen Mittel für die medizinische Versorgung der M’Langi-Inseln kamen von der australischen Regierung und wurden über Spenden aus einem Treuhandfonds aufgestockt, den Max Lockhart nach dem Tod seiner Frau eingerichtet hatte.

Vor ein paar Jahren war Ian nach Wildfire gekommen und hatte versucht, die Kontrolle zu übernehmen. Anfangs hatten sie ihn, weil er ein Lockhart war, an den Entscheidungen des Leitungsgremiums beteiligt. Allerdings stellte sich bald heraus, dass das reibungslose Funktionieren des Krankenhauses nicht seine oberste Priorität war. Mit Fondsmitteln wurde Ausrüstung gekauft, die rätselhafterweise nie geliefert wurde. Wäre Hettie nicht am Ball geblieben, hätte es böse enden können.

Aber sie ließ sich kein X für ein U vormachen. Zum Schluss gab es eine gewaltige Auseinandersetzung, bei der sie mit rechtlichen Schritten drohte. Danach hatten Ian und sie kaum ein Wort miteinander gesprochen.

Max sah seinem Bruder sehr ähnlich.

Trotzdem waren sie völlig verschieden. Ian war ein Betrüger gewesen, ohne Moral und Gewissen und allein auf seinen Vorteil bedacht. Max hatte heute sein Leben riskiert, um eine Mutter und ihr Kind zu retten. Max pumpte seit Jahren Geld in die medizinische Versorgung der Inseln. Max hatte seinen Sohn bis zum Ende gepflegt.

„Ja, er ist ein Held. Und er sieht heiß aus in Boxershorts.“ Hettie fuhr sich durchs Haar, und die Locken lösten sich, fielen ihr auf die Schultern. Ärgerlich band sie sie wieder zusammen.

Sie war so durcheinander.

Nein, dachte sie, du stehst immer noch unter Schock.

„Dann geh nach Hause, und schlaf dich aus“, ermahnte sie sich laut. „Du weißt, dass das am vernünftigsten ist. Leg dich ins Bett, und mach dir keine Sorgen mehr um Joni. Und hör auf, an Max zu denken.“

Sie gab sich Mühe. Das Schlafmittel, das Keanu ihr mitgegeben hatte, ließ sie schlafen. Doch es bewahrte sie nicht vor Träumen.

Hettie sah Sefinas Körper im Meer treiben.

Einen kleinen, ungeliebten Jungen in einem Krankenhausbettchen.

Und Max Lockhart.

Warum drehten sich die meisten Träume um ihn?

Max ließ Keanus Einwände nicht gelten und bestand darauf, nach Hause zu gehen.

„Meine Tochter ist Krankenschwester, sie kann sich bei euch melden, wenn mein Zustand interessant wird.“

Caroline brachte ihn mit dem Jeep die kurze Strecke zur Lockhart-Villa hinauf. Doch kaum saßen sie im Wagen, herrschte unbehagliches Schweigen zwischen ihnen.

Wo soll ich anfangen? dachte Max. Herrschte nicht schon seit sechsundzwanzig Jahren mehr oder weniger Funkstille? Er hatte ihr nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die ihr zugestanden hätte. Zwangsläufig drehte sich alles um Christopher, während Caroline sich mit dem begnügen musste, was übrig blieb. Vielleicht fünf Prozent von hundert.

„Caro …“, begann er.

Sie warf ihm einen Seitenblick zu. Spöttisch? „Hast du vor, dich wieder zu entschuldigen?“

„Was soll ich sonst sagen? Ich hätte nicht mit der Jacht kommen sollen. Hettie sagt, du hättest dir große Sorgen gemacht.“

„Das stimmt.“

„Und … ich hätte dich nicht so lange allein lassen sollen.“ Da, er hatte es ausgesprochen. Christopher war tot, sie mussten endlich offen über alles reden. „Ich freue mich sehr, dass ihr euch gefunden habt, Keanu und du.“ Keanu stammte von der Insel, war Arzt geworden, ein kluger, beherzter Mann. Max hätte sich keinen besseren Schwiegersohn wünschen können.

„Mach dir keine Gedanken, Dad.“ Caroline hielt vor dem Haus, drehte den Zündschlüssel um, blieb jedoch sitzen. „Natürlich gab es in meiner Kindheit Zeiten, in denen ich mir gewünscht habe, dass du nicht immer nur bei Christopher bist. Aber je älter ich wurde, umso mehr verstand ich, dass er dich mehr brauchte als ich. Grandma und Tante Dotty waren wundervoll. Ich hatte Keanu als Spielgefährten und seine Mum als unsere Haushälterin. Ich wohnte auf dieser tollen Insel und hatte alle Freiheiten. Wenn du mich nach Sydney geholt hättest, wäre ich den ganzen Tag erst im Kindergarten, dann in Schule und Hort gewesen. Abgesehen von den Momenten, in denen du Zeit für mich hattest.“

„Ich hätte mehr für dich haben müssen.“

„Und weniger für Christopher? Nein, Dad.“ Sie drückte seine Hand. „Du weißt, wie sehr ich ihn geliebt habe. Wie sehr ich mir ein Wunder wünschte, damit er noch lange bei uns bleiben kann. Es sollte nicht sein. Doch weißt du, was mich am meisten getröstet hat? Dass du bei ihm warst, ihn voller Liebe begleitet hast bis zum Schluss. Ich kann mir auch vorstellen, dass du dir Vorwürfe machst, weil du Ian vertraut hast. Aber er war dein Bruder, und es war auch seine Insel. Wie solltest du ihm da nicht vertrauen?“

Vergebung? Öffnete seine Tochter ihm die Türen, die ihn von seiner Schuld erlösten? Konnte er sich darauf einlassen? Max hatte Kopfschmerzen. Seine Beine brannten. Die morgendliche Tragödie beschwerte seine Gedanken wie eine erstickende dunkle Decke.

So viel Leid …

„Hey!“ Caroline löste den Sicherheitsgurt, schlang ihm die Arme um den Nacken und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Mach nicht so ein Gesicht. Es ist vorbei, Dad. Der neue Investor pumpt massenhaft Geld in diese Insel. Wusstest du, dass er auch die medizinischen Einrichtungen unterstützen will? Okay, du musst ein paar rechtliche Dinge klären, aber das ist nicht so wild. Und, Dad … Christopher hat für immer seinen Frieden gefunden, ich heirate meine große Liebe, und zum ersten Mal in deinem Leben bist du für nichts und niemanden mehr verantwortlich. Du bist frei, Dad. Es wird Zeit, dass du die Schuldgefühle abschüttelst und dein Leben in vollen Zügen genießt!“

„Und Joni?“ Das hörte sich selbst in seinen Ohren schwermütig an. „Er ist ein Lockhart, davor kann ich nicht die Augen verschließen.“

Caroline atmete tief durch. „Stimmt, er ist mein Cousin. Vielleicht könnten Keanu und ich ihn zu uns nehmen.“

„Du kannst nicht ein fremdes Kind mit in die Ehe bringen.“

„Ehrlich gesagt, hatte ich das auch nicht vor“, antwortete sie zögernd. „Aber wenn Joni wirklich mein Cousin ist … Wahrscheinlich bleibt uns keine Wahl, Dad.“

„Das ist verrückt. Die Sozialbehörden tun viel für verwaiste Kinder. Es gibt genug Paare, die ihn adoptieren würden.“

„Dad, verstehst du denn nicht?“ Sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Du bist hier aufgewachsen, du müsstest wissen, dass Joni nach den Sitten und Gebräuchen der Insulaner dein Kind ist.“

„Wie kann er mein Kind sein?“ Max spürte, wie sich ein bleiernes Gewicht auf seine Schultern legte. „Hettie will ihn haben.“

Caroline sah ihn mit großen Augen an. „Hettie?“

„Ja, sie möchte ihn adoptieren.“

„Wie kommt sie denn darauf?“ Ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Sie steht bestimmt noch unter Schock. Sefinas Tod hat uns alle betroffen gemacht, aber deshalb gleich ihr Kind adoptieren zu wollen …“

„Du hast es selbst vorgeschlagen.“

„Weil wir verwandt sind. Wenn Keanu und ich ihn bei uns aufnehmen, wäre das für die Insulaner nur natürlich. Bei Hettie ist das etwas völlig anderes. Als Ians unehelicher Sohn hätte er hier einen schweren Stand.“

„Ich trage für ihn die Verantwortung.“ Die Worte kamen ihm nicht leicht von den Lippen, aber es war die Wahrheit. Ob es Max gefiel oder nicht, er war Jonis nächster Verwandter. Der Gedanke verursachte ihm Bauchschmerzen, aber gab es eine Alternative? Außer der, ihn weit weg von der Insel zur Adoption freizugeben?

„Du bist müde“, sagte Caroline. „Komm, iss etwas, und nimm die Schmerzmittel, die Keanu dir gegeben hat. Dann legst du dich am besten schlafen. Die meisten Probleme sehen nicht mehr so schlimm aus, wenn man eine Nacht drüber geschlafen hat.“

„Ich muss mir die Goldmine ansehen. Ich muss mit dem Scheich reden und …“

„Du musst gar nichts“, unterbrach sie ihn energisch. „Nur schlafen. Also, ab ins Bett!“

„Ja, Mum.“

Caroline lachte leise und umarmte ihn. Wenigstens habe ich meine Tochter bei mir, fuhr es ihm durch den Kopf.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Ärzte zum Verlieben Band 97" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen