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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 96

ALISON ROBERTS

SOS – ich liebe dich!

Dr. Sam Taylor hat ein Geheimnis: Er nutzt sein Privatvermögen, um die medizinische Versorgung auf Wildfire Island zu verbessern. Das Letzte, was er braucht, ist eine Frau, die es auf sein Geld abgesehen hat! Genau dafür hält er leider Lia Roselli, neue Sanitäterin auf der Insel. Aber warum löst die Schönheit in ihm dann dieses flammende Begehren aus?

FIONA LOWE

Ein neuer Anfang für Dr. Meredith?

Zärtliche Gefühle? Romantik? Das ist nichts für den IT-Unternehmer Raf. Bis die hochschwangere Meredith in das Strandhaus nebenan zieht. Ihr trauriges Lächeln berührt ihn tief, und als ihr Baby geboren wird, steht er ihr bei. Er liebt dieses kleine Wunder namens Zoe – und wenn er sich nicht vorsieht, verliert er sein Herz auch noch an die junge Mutter …

EMILY FORBES

Küsse unterm Polarlicht

Die eisige Einsamkeit der Antarktis war Gabe bis jetzt gerade recht. Doch dann landet ein Flugzeug an seiner Forschungsstation, und plötzlich teilt er sein Leben mit der jungen Ärztin Sophie Thompson. Das Polarlicht leuchtet hell, als er sie zum ersten Mal küsst. Aber Gabe weiß, dass Sophie nicht lange bleiben wird – es sei denn, er bittet sie darum …

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WILDFIRE ISLAND DOCS

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SOS – ich liebe dich!

1. KAPITEL

Das Läuten des Telefons ging fast im Lärm unter, als sich die Familie Roselli in der Küche zum Abendessen versammelte.

Der Raum war nicht besonders groß. Wäre die gesamte Familie hier gewesen, hätte man an den wuchtigen Holztisch unter der mit Weinreben bewachsenen Pergola draußen im Hof ausweichen müssen. Was schwierig geworden wäre, da es in Strömen regnete. Tropischer Regen, wie man ihn im Norden Australiens gewohnt war und der binnen Sekunden alles durchnässte. Dagegen bot auch das dichte sattgrüne Weinlaub keinen Schutz.

Also quetschten sich die Rosellis in die Küche. Der Tisch nahm die eine Hälfte ein und bot Platz für zehn Personen, wenn sie dicht zusammenrückten. Die andere Hälfte mit Arbeitsplatte, Herd und Ofen war unbestritten Adriana Rosellis Reich. Dass zusätzlich auch ein Rollstuhl manövriert werden musste, machte die Sache nicht einfacher, und genau deshalb war der Geräuschpegel gerade ziemlich hoch.

„Au … Das war mein Fuß! Kannst du nicht aufpassen, Fiona?“

„Wenn du dich nicht mit deiner schrecklichen Musik zudröhnen würdest, hättest du uns kommen sehen. Mach dich mal dünn, Guy!“

„Erst entschuldigst du dich. Du hast mir bestimmt den Zeh gebrochen.“

„Du solltest dich entschuldigen! Siehst du, jetzt hast du Angel zum Weinen gebracht …“

„Vorsicht! Wenn mir diese Lasagne hinfällt, habt ihr ein Problem. Mamma mia …“ Adriana hob rasch die große dampfende Auflaufform höher, als ihr jüngster Sohn die Ellbogen einsetzte, um an ihr vorbei zu seinem Stuhl zu gelangen. „Wann werden sich meine Kinder jemals ihrem Alter entsprechend verhalten? Womit habe ich das verdient? Lia, warum ist das Brot noch nicht auf dem Tisch?“

„Kommt sofort … Oh, ist das das Telefon?“

Es dauerte einen Moment, bis die anderen begriffen. Adriana ließ die Lasagne in die Mitte des Tisches plumpsen und schlug die Hände vor den Mund, bevor sie – wie auch alle anderen, bis auf Angel – Nico anstarrte.

War es der Anruf, auf den sie den ganzen Tag gewartet hatten?

„Ich gehe ran.“

„Nein, ich!“

„Es ist bestimmt für Nico. Er sollte rangehen.“

Doch Nico sah aus wie ein Opossum im Scheinwerferlicht … zu verängstigt, um sich rühren zu können.

„Ich gehe.“ Lia hielt den Korb mit frisch gebackenem, duftendem Brot ihrem Bruder Guy hin. Aber der hatte die Augen geschlossen und bewegte den Kopf zu dem hypnotisierenden Beat in seinen Ohren.

Außerdem war ihre jüngere Schwester Elena schneller.

„Lia? Ist für dich.“

„Was?“ Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Wer rief sie an ihrem freien Tag an? Ihr Leben bestand aus Arbeit und ihrer Familie. Für mehr war kein Platz, und sie wollte es auch gar nicht anders haben. Sie liebte ihr Zuhause und jeden Einzelnen dieser verrückten, lebhaften, lauten Familie von ganzem Herzen.

„Sag ihnen, dass ich zurückrufe. Ich bin beschäftigt.“

Lia stellte das Brot neben eine der Salatschüsseln und lächelte ihrem Vater zu, der am Kopfende saß und stumm darauf wartete, dass das Chaos sich legte. Danach warf sie einen prüfenden Blick auf Teller, Gläser und Besteck. Elena war fürs Tischdecken zuständig gewesen. Wo war das Spezialbesteck, das Angel brauchte, um selbstständig zu essen?

„Es ist Bruce!“, rief Elena. „Er sagt, es ist wichtig.“

Bruce? Ihr Vorgesetzter in der Ambulanz? Nein, er war mehr als nur ein Chef. Bruce hatte sie ermuntert, sich fortzubilden, um die nötigen Qualifikationen für ihren Traumjob bei den Rettungsfliegern zu erwerben. Er war ihr Mentor und ein guter Freund. Wenn Bruce sagte, es sei dringend, dann war es das auch.

„Komme …“ Der Geräuschpegel um sie herum stieg wieder an, doch sie hörte noch den leisen Disput, als ihre Mutter Guy kurzerhand die Ohrstöpsel herauszog. Oder dass Fiona Elena ermahnte, weil sie Angels Besteck vergessen hatte. Genauso nahm sie wahr, dass Nico Löcher in die Luft starrte und das Schweigen ihres Vaters nicht nur Ausdruck seiner üblichen Geduld zu sein schien.

Aber jetzt konnte sie sich darum nicht kümmern. All das musste warten.

„Bruce?“ Lia schob die dichten langen Locken beiseite und presste das Telefon ans Ohr. „Hallo. Was gibt’s?“

Bei dem Krach verstand sie nur die Hälfte. Lia schlüpfte aus der Küche in den Flur. „Sag das noch mal. Ich soll was tun …?“

Sam Taylor liebte die Stille auf Wildfire Island. Besonders um diese Zeit des Tages, wenn die Sonne fast am Horizont verschwand und der Duft tropischer Blüten intensiver wurde.

Er atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen. Dann öffnete er sie wieder und blickte von seinem Aussichtspunkt auf den Ozean, der die Insel umschloss. Sie war seine Heimat geworden, seit er vor einigen Jahren am hiesigen Krankenhaus angefangen hatte.

Von dort war er vorhin losgegangen und befand sich nun oberhalb der Goldmine. Er erhaschte einen Blick auf das Dorf und die felsige Landspitze mit der kleinen Kirche. Die Klippen auf der anderen Seite versperrten ihm die Sicht auf Sunset Beach, doch heute war kein Abend, um sich am Strand das feurige Naturschauspiel anzusehen, das der Insel ihren englischen Namen gegeben hatte. Dichte Wolken zogen über den Himmel und verdeckten die untergehende Sonne. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie sich zusammenballten und die für diese Jahreszeit typischen heftigen Regengüsse niederprasselten. Im Pazifik herrschten zu dieser Zeit tropische Wirbelstürme.

Ein anstrengender Arbeitstag lag hinter ihm, und er hatte diesen strammen Marsch gebraucht. Zurzeit fehlte es ihnen an Personal. Die Lage hatte sich verschärft, als Jack, der Hubschrauberpilot, zu einem Rettungseinsatz gerufen wurde und eine der Krankenschwestern ihn begleiten musste.

Sam setzte seine Hoffnungen auf die neuen FIFOs, die mit der morgigen Versorgungsmaschine auf die Insel kommen sollten – diesmal ein Rettungssanitäter und eine Krankenpflegekraft. Das Fly-in-fly-out-Programm, das medizinische Fachkräfte auf die entlegenen Inseln im Pazifik schickte, war eine der wichtigen Säulen, die den Bestand des Krankenhauses auf Wildfire sicherten.

Sam seufzte und spürte, wie die Anspannung allmählich von ihm abfiel. Nicht zum ersten Mal fand er bei dem Anblick, der sich ihm bot, tiefen Frieden. Weit draußen sah er die dunklen Umrisse der Inseln. Die größte, Atangi, war am längsten besiedelt. Dort gab es Geschäfte und Schulen. Andere Inseln wie French Island flogen er und seine Kollegen regelmäßig an, um dort Sprechstunden abzuhalten. Und dann waren da noch die winzigen unbewohnten Inseln, darunter die eine, die seit Kurzem ihm gehörte.

Was hatte er für ein Glück gehabt, dass so viele Handwerker nach Wildfire gekommen waren, um das Labor auszubauen und das neue Tagungszentrum zu errichten! Das verschaffte ihm die willkommene Gelegenheit, einigen von ihnen weitere Aufträge anzubieten und auf diese Weise sein Traumhaus und den Anleger bauen zu lassen. In seinem eigenen kleinen tropischen Inselparadies, für das er noch einen Namen finden musste.

In nicht allzu ferner Zukunft würde er nach dem Dienst nicht in eine der Unterkünfte zurückkehren, die für Klinik- und FIFO-Personal zur Verfügung standen, sondern sich in sein Boot setzen, um den Feierabend in herrlich ruhiger Abgeschiedenheit inmitten idyllischer, nahezu unberührter Natur zu genießen.

Sam dachte dabei nicht an seine Jacht. Auch wenn er seine Segeltörns liebte, so brauchte er für den Weg von und nach Wildfire ein Boot, das ihn in Notfällen in kürzester Zeit zum Krankenhaus brachte. Deshalb war er auf der Suche nach einem neuen Schnellboot. Vielleicht ein Festrumpf-Schlauchboot.

Anders als sonst packte ihn allerdings heute nicht die gewohnte Vorfreude auf den Tag, an dem es endlich so weit sein würde. Zum ersten Mal beschlichen ihn leise Zweifel, ob er wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

War der hektische Tag daran schuld, dass er sich fragte, ob es wirklich eine gute Idee war, wenn zwischen ihm und der Klinik der Ozean lag? Er sah die völlig panische Mutter vor sich, deren Kind ein anaphylaktischer Schock drohte, nachdem es allergisch auf einen Bienenstich reagierte. Wenn er nun nicht hier gewesen wäre, als ein paar Minuten über Leben oder Tod entschieden? Oder die Notoperation an einem entzündeten Blinddarm, der jeden Moment hätte platzen und eine lebensbedrohliche Sepsis auslösen können?

Oder machten die atmosphärischen Spannungen ihn einfach unruhig? Der Wind, der an Stärke zunahm, die dunklen Wolken, die sich auftürmten?

Nein. Die Ursache lag tiefer, hatte mit seiner Arbeit oder dem Wetter nichts zu tun. Der Schatten, den er spürte, kam von der Leere, die sich immer mal wieder in seiner Seele ausbreitete. Das Gefühl von Einsamkeit, das ihn gelegentlich wie aus dem Hinterhalt erwischte.

Aber war er nicht auf diese abgelegenen Inseln gezogen, um zu entkommen? Und Einsamkeit war nun einmal der Preis dafür.

Sam wandte sich vom Meer ab und sah sich um, hatte für einen Augenblick vergessen, dass Bugsy nicht bei ihm war. Der Hund gehörte zum Krankenhaus, und alle, die dort arbeiteten, kümmerten sich abwechselnd um ihn, solange sein Frauchen drüben auf dem Kontinent war. Heute hatte ihn eine der Schwestern übernommen, sodass Sam bei seinem täglichen Spaziergang auf den treuherzigen Labrador verzichten musste.

Das ist der Grund, dachte er. Bugsy war nicht bei ihm, deshalb fühlte er sich einsam.

Vielleicht sollte er sich einen vierbeinigen Gefährten anschaffen. Einen Portugiesischen Wasserhund zum Beispiel. Dem würde es Spaß machen, Boot zu fahren, ob nun zu den Inseln oder zum Fischen. Oder auch mit ihm zusammen in der malerischen Bucht mit dem schneeweißen Sandstrand zu schwimmen, die den Ausschlag gegeben hatte, die winzige Insel zu kaufen.

Dann hätte er den besten Job der Welt an einem Ort, wo er für immer ungestört glücklich sein konnte, und ein treues Wesen an seiner Seite. Ein Wesen, das nicht mehr von ihm erwartete als seine Liebe.

Was könnte er noch verlangen?

Am Tisch war nur noch ein Stuhl frei, als Lia in die Küche zurückkam. Teller, gefüllt mit köstlich duftender Hackfleischsoße, Nudeln und cremigem geschmolzenem Käse, wurden herumgereicht.

„Was wollte Bruce?“ Elena schnappte sich eine dicke, warme Scheibe Brot und legte sie zu ihrer Lasagne. „Mit dir ausgehen?“

„Bruce ist alt genug, um mein Vater zu sein“, erwiderte Lia ernst. „Und ich bin alt genug, um zu wissen, wie lächerlich so ein Date wäre.“

„Ach, hör auf“, fauchte Elena. „Mike ist erst neununddreißig.“

„Und du sechsundzwanzig. Dreizehn Jahre, Lena. Zähl mal nach, das ist fast eine Generation.“

„Ich habe wenigstens einen Freund. Du wirst noch als alte Jungfer enden, Lia.“

„Es reicht.“ Adriana sprach ein Machtwort. „Setz dich, Lia, und iss. Du bist viel zu dünn. Ich kann von hier aus deine Knochen sehen.“

Lia zog es vor, weder auf die Bemerkung ihrer Schwester noch die ihrer Mutter zu reagieren. Sie glitt auf den Stuhl neben Angels Rollstuhl.

„Wie gut du deinen Löffel hältst, Schatz. Braves Mädchen … Vergiss nicht zu pusten. Die Lasagne ist bestimmt noch heiß.“

Sie machte es ihr vor; Angel kicherte, der Löffel in ihrer Hand kippte, und das Essen landete in Angels Schoß.

„Vielen Dank auch, Lia.“ Aber Angels Mutter, Lias Schwester Fiona, lächelte, während sie das kleine Malheur aufwischte. „Komm, das versuchen wir noch mal, Angel, ja?“

„Was wollte Bruce denn nun?“ Nico stocherte in seinem Essen und hoffte anscheinend auf eine Ablenkung von dem, was ihm durch den Kopf ging.

„Er hat mir einen Job angeboten – für zwei Wochen bei einem Rettungshubschrauber-Team, auf einer Insel zweihundert Meilen nordwestlich von Cairns. Sie heißt Wildfire.“

„Eine Insel?“ Adriana schüttelte den Kopf. „Willst du Urlaub machen?“

„Dort gibt es ein Krankenhaus, Mamma. Das medizinische Personal ist für ein riesiges Gebiet zuständig und versorgt die Insulaner. Bruce meint, das wäre großartig für mich. Ich könnte Erfahrungen sammeln, zu denen sich hier nie die Gelegenheit bieten wird. Und falls es mir gefällt, hätte ich die Möglichkeit, in regelmäßigen Abständen für zwei Wochen hinzufliegen und dort zu arbeiten.“

„Du kannst nicht weg“, meldete sich Elena zu Wort. „Nico wird bald operiert, vielleicht schon übermorgen, und du weißt, dass Mamma in Krankenhäusern halb durchdreht. Du bist die Einzige, die uns richtig erklären kann, was abläuft, und die Mamma beruhigen kann. Sonst weint sie die ganze Zeit. Und es ist ja nicht nur die Operation. Hinterher kommt noch die Chemo. Das wird schrecklich.“

„Nein, wird es nicht.“ Lia warf ihrer Schwester einen warnenden Blick zu, bevor sie sich lächelnd an ihren Bruder wandte. „Du schaffst das, Nico. Natürlich hört sich das alles beängstigend an, aber Hodenkrebs hat sehr hohe Heilungschancen, und bei dir wird die Behandlung Erfolg haben. Mach dir keine Gedanken.“

„Versprochen?“ Für Nico war Lia – wie auch für den Rest der Familie – die medizinische Expertin.

Lia lächelte beruhigend. „Versprochen.“ Sie glaubte fest daran.

„Hast du denn Lust auf den Job?“, fragte Fiona skeptisch.

„Ja, es hört sich total aufregend an. Schon der Name der Insel klingt nach Abenteuer. Wildfire …“

„Brennt es da oft?“ Adriana warf ihrer Tochter einen sorgenvollen Blick zu. „Du willst doch nicht irgendwohin, wo Feuer ist!“

„Wildfire Island? War das nicht neulich in den Nachrichten?“ Guy legte die Gabel hin und fischte sein Handy aus der Tasche. „Ich glaube, in einer Goldmine gab’s eine Explosion.“

„Ausgeschlossen.“ Adrianas Löffel landete klirrend auf dem Steingutteller. „Ich lasse dich nicht dahin, wo Minen hochgehen!“

„War doch keine Explosion.“ Guy klang enttäuscht, nachdem er weiter nach unten gescrollt hatte. „Nur der Stollen ist eingebrochen. Es gab Verletzte und eine Riesenrettungsaktion, aber jetzt ist alles okay. Und warum sollte Lia in eine Mine gehen?“

„Eben. Wisst ihr, was das Beste an dem Angebot ist? In zwei Wochen würde ich drei Mal so viel verdienen wie hier im selben Zeitraum. Wir könnten endlich die neuen Gehhilfen für Angel kaufen.“

„Nein …“ Adriana reichte Lia einen reichlich gefüllten Teller. „Mir ist das alles zu gefährlich. Hubschrauberflüge zwischen Inseln weit draußen im Meer – was ist, wenn du abstürzt?“

„Ich mache nichts anderes als hier auch. Bruce kennt den Piloten. Der Mann soll top sein. Und es ist mein Job, Mamma, das weißt du doch. Mein Traumberuf!“

„Normal ist das nicht.“ Adriana seufzte. „Du bist zweiunddreißig, Lia. Du solltest längst verheiratet sein und bambini haben. Sieh dir deine Schwester an. In deinem Alter war sie schon mamma.“

„Mmm.“ Lia und Fiona warfen sich vielsagende Blicke zu. Fiona hatte einen hohen Preis gezahlt. Angel war zu früh zur Welt gekommen und hatte während der schwierigen Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen. Ihr Vater ertrug es nicht, eine behinderte Tochter zu haben, und verließ Frau und Kind.

„Das mit dem Geld ist Hammer“, sagte Guy mit vollem Mund. „Ich würd’s machen. Hey, du könntest das Dach reparieren lassen,. Dann muss ich in meinem Zimmer nicht mehr über den Eimer stolpern, wenn’s regnet.“

Ihr Vater hatte sich an der Diskussion bisher nicht beteiligt. Jetzt sah er von seinem Teller auf, und Lia erkannte den beschämten Ausdruck in seinen Augen. Es ging ihr zu Herzen.

Es ist nicht deine Schuld, versicherte sie ihm stumm. Du findest eine andere Stelle, bevor die Abfindung alle ist.

Laut sagte sie etwas anderes, bat als Tochter den Vater um einen Rat. „Was meinst du, Dad? Soll ich annehmen?“

Er erwiderte ihr Lächeln, und die Wärme in seinem Blick verriet ihr, dass er die Absicht hinter ihren Worten erahnt hatte und für diese Geste dankbar war.

„Wenn du es möchtest, solltest du es tun, cara.“

Lia nickte gedankenvoll. „Ich glaube, das werde ich.“

„Mamma mia.“ Adriana bekreuzigte sich. „Wann musst du los?“

„Morgen. Der Kollege, für den ich einspringen soll, hatte wohl einen Unfall, und Bruce wurde gebeten, Ersatz für ihn zu suchen. Bruce stellt mich gerne frei.“

Bewundernd und beklommen zugleich starrten alle am Tisch Lia an, als würde ihnen erst jetzt die Tragweite des Angebots bewusst.

„Ich habe ihm versprochen, so schnell wie möglich zurückzurufen, nachdem ich mit euch gesprochen habe. Nico? Du hast das letzte Wort. Möchtest du, dass ich während deiner OP hier bin? Dann sage ich ab und bleibe.“

„Mach es“, antwortete ihr Bruder. „Ich habe genug Familie um mich herum. Außerdem bin ich nur zwei Tage im Krankenhaus. Schick mir ein paar coole Bilder, dann kann ich mit meiner tollen Schwester angeben, die sich mutig darauf stürzt, die Welt zu retten.“

Lia grinste. „Worauf du dich verlassen kannst. Gut.“ Sie schob sich eine Gabel voll Lasagne in den Mund. „Ich telefoniere kurz mit Bruce und fange an zu packen. Morgen früh um halb sechs muss ich am Flughafen sein.“

„Ich fahre dich hin.“

Während ihr Vater bei seinen Worten lächelte, brach ihre Mutter in Tränen aus. Einen Moment lang war Lia versucht, es sich noch einmal zu überlegen. Doch dann sah sie zu Angel hinüber. Ja, sie konnten das Extrageld gut gebrauchen.

Sie schob ihren Stuhl zurück, stand auf und ging, um ihren Anruf zu erledigen.

„Holla …“ Jack Richards, der Hubschrauberpilot von Wildfire Island, schob die Sonnenbrille tiefer und lugte über den Rand. „Siehst du, was ich sehe, Sam?“

Zwei junge Leute waren aus dem Flugzeug geklettert und liefen nun über die Landepiste auf sie zu. Der Mann muss der Rettungssanitäter sein, dachte Sam und wunderte sich nicht, dass Jack ihm gerade einen bedeutungsvollen Stoß in die Rippen versetzt hatte. Die neue FIFO-Krankenschwester war in der Tat ein Hingucker: hochgewachsen und schlank, mit dunkler Lockenmähne, die der Wind genüsslich zerzauste, und endlos langen Beinen in knappen Shorts. Die große Sonnenbrille verdeckte fast ihr halbes Gesicht, doch selbst auf die Entfernung sah man, dass die junge Frau einen üppigen Mund hatte, wie geschaffen für ein hinreißendes Lachen.

Und zum Küssen …

Wie gut, dass sie während ihrer Arbeitszeit sicher im Krankenhaus untergebracht war, statt mit einem blendend aussehenden Rettungsflieger einsame Inseln anzusteuern. Romantische Techtelmechtel mit den FIFO-Kräften kamen vor, und vor allem Jack ließ sich kaum eine Gelegenheit entgehen. Für Sam hingegen war das Thema tabu. Eine Affäre kam nur weit weg von hier infrage, in seinem Urlaub, wo ihn niemand kannte. Die M’Langi-Inseln waren sein Zuhause, und das würde er nicht aufs Spiel setzen. Schließlich hatte er selbst erlebt, welch niederdrückenden Folgen es haben konnte, wenn man sich blind auf jemanden einließ.

Aus der kleinen Maschine wurde das Frachtgut ausgeladen. Neben allem anderen, das regelmäßig vom australischen Festland hierhertransportiert wurde, war auch der medizinische Nachschub, den Sam bestellt hatte, dabei. In den letzten beiden Wochen hatten es mehrere kleine Unfälle gegeben, sodass im Krankenhaus Verband- und Nahtmaterial knapp geworden war.

„Lass uns nachsehen, ob alles mitgeliefert worden ist“, sagte er zu Jack. „Bei diesem Wetter möchte ich den Piloten nicht länger als nötig hier aufhalten.“

Als sie aus dem Schatten traten, hatte der Wind merklich aufgefrischt.

„Hallo.“ Sam streckte dem männlichen Neuzugang die Hand hin. „Ich bin Sam Taylor – einer der dauerhaft ansässigen Ärzte hier am Krankenhaus.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Matt.“

„Willkommen auf Wildfire Island. Ist das Ihr erster FIFO-Einsatz?“

„O ja.“ Matt grinste schief. „Vielleicht auch der letzte – nach dem Flug!“

„Ach komm, Matt.“ Mit beiden Händen versuchte die junge Frau, ihr Haar zu bändigen. „Hat doch Spaß gemacht.“

Das freche Lächeln verriet, dass Schönwetterflüge ihr zu langweilig waren. Sam konnte nicht anders, er musste auch lächeln. Eine junge Frau, die nicht nur umwerfend schön, sondern auch mutig war – welcher Mann würde sich davon nicht angezogen fühlen?

„Ich bin Lia Roselli.“ Sie musste ihre Haare teilweise loslassen, um ihm die Hand zu geben, und prompt presste ihr der Wind die Locken auf Augen, Mund und Nase. Lachend strich sie sich die dunklen Strähnen beiseite.

Ihr Lachen passte zu ihrem atemberaubenden Aussehen. Kein Wunder, dass Jack sie wie ein Idiot angrinste.

Erst jetzt merkte Sam, dass er sie auch immer noch lächelnd ansah. Er hatte Mühe, wieder ein ernstes Gesicht zu machen.

„Irgendwo muss ich ein Haarband haben.“ Lia wühlte in ihrem weichen Lederrucksack. „Tut mir leid, ich hätte hier etwas professioneller auftauchen sollen.“

„Sie wussten ja nicht, dass sich ein Zyklon zusammenbraut.“ Jack hatte Matt die Hand geschüttelt und wandte sich Lia zu. „Ich bin Jack Richards.“

„Oh … Sie sind mein Pilot!“ Das Zopfgummi war vergessen, und sie schüttelte ihm begeistert die Hand. „Irre. Ich freue mich sehr, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.“

„Sie sind der Rettungssanitäter?“

Sam hatte nicht so erstaunt klingen wollen. Den Blick, den ihm die beiden Neuen jetzt zuwarfen, den hatte er verdient. Sogar Jack sah ihn verwundert an.

Er hatte es geschafft, mit nur wenigen Worten wie einer dazustehen, für den Krankenpflegekräfte immer weiblich waren und der einer Frau die gefährlichen Aufgaben der Rettungsmedizin nicht zutraute. Dabei vertrat er weder die eine noch die andere Ansicht.

Vielleicht hatte seine verblüffte Nachfrage weniger damit zu tun, dass er überrascht, als damit, dass er enttäuscht war. Selbst die Krankenschwestern, die in sicherer Entfernung im Krankenhaus arbeiteten, waren nicht gegen Jacks Charme immun. Lia hatte keine Chance.

Himmel noch mal … War er etwa eifersüchtig?

„Sam hat das Memo nicht bekommen“, versuchte Jack, ihm aus der Patsche zu helfen. „Und ich muss zugeben, dass uns die FIFO zum ersten Mal eine Rettungssanitäterin schickt.“

„Und wahrscheinlich auch die erste männliche Krankenschwester?“ Matt lächelte. „Gut, dass wir da sind, was, Lia? Wird Zeit, dass hier das einundzwanzigste Jahrhundert einkehrt.“

Alle lachten, und die Spannung löste sich. Danach nahm es noch einige Minuten in Anspruch, die Lieferungen mit der Bestellliste auf seinem Klemmbrett zu vergleichen, was zusätzlich für Ablenkung sorgte. Als schließlich das Gepäck der FIFOs ausgeladen wurde, hatte sich Sam so weit erholt, dass er einen Versuch unternehmen konnte, seinen Fauxpas wiedergutzumachen.

„Gut, dass Sie hier sind“, meinte er zu Matt, als der seinen Rucksack schulterte. „Wir versuchen, die Inselbewohner dazu zu ermuntern, sich als Krankenpflegekräfte ausbilden zu lassen. Sie könnten da ein Vorbild sein. Was halten Sie davon, in der Highschool drüben auf Atangi in einer Schulstunde über Ihren Beruf zu sprechen?“

„Ich bin für alles zu haben. Meine Arbeit macht mir viel Spaß, und ich bin gern bereit, die Jungs dafür zu gewinnen.“

„Hey … Ich liebe meinen Job auch.“ Lia lächelte Sam strahlend an. „Vielleicht könnte ich mitkommen und die Mädchen inspirieren?“

Jack grinste. „Das heißt, Sie sind auch für alles zu haben?“

Das war gewollt zweideutig. Aber Lia bewies, dass sie nicht nur mit rauem Wetter fertigwurde.

„Alles in professionellem Rahmen“, sagte sie bestimmt.

Als sie Bruce’ Angebot annahm, hätte Lia im Leben nicht daran gedacht, dass auf der Insel auch ein romantisches Abenteuer auf sie warten könnte. Abgesehen davon hatte sie dafür sowieso keine Zeit. Ihre Arbeit und ihre Familie beanspruchten sie voll und ganz.

Außerdem, falls sie überhaupt Interesse gehabt hätte, jemanden kennenzulernen, dann bestimmt nicht Jack. Diesen Typ Mann kannte sie. War mit solchen Männern ausgegangen, nur um festzustellen, dass sie eine Frau fallen ließen und weiterzogen, sobald sie sich mehr von der Beziehung wünschte.

Trotzdem fragte sie sich, ob sie nicht zu harsch gewesen war. Freundlicher fügte sie hinzu: „Ich freue mich sehr darauf, neue Erfahrungen zu sammeln. Wenn es mir gefällt, komme ich beim nächsten Einsatz wieder. Der Kollege, den ich vertrete, hat sich eine komplizierte Fraktur zugezogen und wird nicht so schnell wieder arbeiten können.“

„Ich hab’s ihm gesagt: Paragliding ist ein tückisches Hobby.“ Jack streckte die Hand aus, wie um Lia anzubieten, ihr das Gepäck zu tragen, überlegte es sich jedoch anders und rückte stattdessen seine Sonnenbrille zurecht.

Sam verkniff sich ein Lächeln. Lia konnte gut auf sich aufpassen.

„Nicht dass er Anfänger wäre.“ Jack sah zum Himmel und betrachtete die Wolken. „Hat einfach Pech gehabt, vermute ich.“

„Glück für mich …“ Lia schwang sich den Rucksack auf den Rücken, als hätte er kein Gewicht. „Vor allem das Timing. Wer hätte gedacht, dass sie einem so viel zahlen, wenn man in der Zyklon-Saison herkommt?“

Sam verging das innere Lächeln. Lia blickte ihn leicht erstaunt an. Hatte er sich seine Gefühle anmerken lassen? Es war ihm egal. Mehr als die meisten Menschen hatte er einen guten Grund, sich nicht um die Meinung von jemandem zu scheren, dem es ums Geld ging.

„Kommen Sie“, sagte er zu Matt und wandte sich ab. „Ich zeige Ihnen Ihre Unterkunft und das Krankenhaus.“

Was sollte das jetzt?

Lia stand da, den Rucksack auf dem Rücken, und kam sich vor wie bestellt und nicht abgeholt. Was war mit ihrer Unterkunft? Und müsste sie nicht auch das Krankenhaus besichtigen? Wenigstens die Notaufnahme, um sich ein Bild davon zu machen, wo sie Schwerverletzte und Kranke ablieferte, welche Ausrüstung vorhanden war, welche Standards dort herrschten?

Hatte es etwas damit zu tun, dass Jack ungeniert mit ihr geflirtet hatte? Natürlich musste sie ihn in die Schranken weisen. Sie würde zwei Wochen lang mit dem Mann zusammenarbeiten und wollte nicht mehr als eine kollegiale Beziehung zu ihm, die sich hoffentlich auf gegenseitigen Respekt und Vertrauen gründete.

Ihr fiel wieder ein, wie erstaunt Sam Taylor reagiert hatte, dass Matt die Krankenpflegekraft und nicht der Rettungssanitäter war.

Lias anfängliche Euphorie legte sich ein wenig. Sam war zweifellos ein attraktiver Mann, aber er strahlte etwas aus, das sie nicht ganz einordnen konnte. So als wäre er aus Versehen hier.

Ganz anders als Jack, der mit seinen markanten Zügen und dem verwegenen Lächeln wie ein Pirat aussah, der es sich auf diesen abgelegenen Inseln gut gehen ließ. Aber Sam? Sie wurde das Gefühl nicht los, dass er eine Rolle spielte … Ja, das war der richtige Ausdruck. Athletisch gebaut, dunkelblondes, von sonnengebleichten Strähnen durchzogenes Haar, tiefgründige blaugraue Augen – man hätte meinen können, einen Filmstar vor sich zu haben, der einen Arzt in einem tropischen Inselparadies spielte.

Faszinierend.

Du willst niemanden kennenlernen, ermahnte sie sich.

Falls doch, wäre es keine Frage, für wen von beiden sie sich entscheiden würde. Vielleicht war es da ganz gut, dass Sam nicht einmal einen Hauch von Interesse an ihr gezeigt hatte. Im Gegenteil, so wie er ihr den Rücken zugewandt hatte und davonmarschiert war, wollte er nichts mit ihr zu tun haben.

„Da gehen sie hin.“ Jack zuckte die breiten Schultern. „Wollen Sie einen Blick auf den Hubschrauber werfen, bevor ich Ihnen alles andere zeige?“

„Klar.“ Lia lächelte höflich. „Eine BK 117, oder? Voll ausgerüstet?“

„Wir haben alles, was ein Sanitäterherz begehrt. Sogar ein mobiles Beatmungsgerät und Ultraschall.“

„Beeindruckend. Dann brauche ich nur noch einen außergewöhnlich erfahrenen Piloten.“

„Stets zu Diensten, Ma’am.“ Er tippte sich an einen imaginären Hut. „Ich teste gelegentlich Grenzen aus, doch ich würde nie mein Leben oder das meiner Crew gefährden.“ Jack lächelte anerkennend. „Und Ihrer Vita nach zu urteilen, sind Sie eine der besten, mit denen ich je zusammengearbeitet habe. Entschuldigen Sie wegen … Sie wissen schon … das ist sonst nicht meine Art. Dieser Job ist mein Leben. Vielleicht habe ich ein bisschen überreagiert vor Begeisterung, jemandem zu begegnen, der genauso darin aufgeht wie ich.“

Er würde nicht wieder versuchen, mit ihr zu flirten. Jetzt lächelte Lia ihn offen an. „Wir werden uns gut vertragen, Jack.“ Wie von einem unsichtbaren Band gezogen, wandte sie den Kopf und sah dem Golfmobil mit Sam und Matt nach, das sich rasch entfernte und dabei eine kleine Staubwolke aufwirbelte.

Ob sie mit dem medizinischen Personal am Krankenhaus gut klarkam, stand auf einem anderen Blatt.

„Spendieren Sie mir bei Gelegenheit auch einen Rundgang durch die Klinik?“, fragte sie.

„Natürlich, das Krankenhaus ist unsere Basisstation. In den Pausen zwischen den Einsätzen halten wir uns im Personalraum auf, um in Funkreichweite zu bleiben. Kann sein, dass man Sie bei den Patienten einsetzt. Ein Paar zusätzliche Hände können die da immer gebrauchen.“

Also würde sie Sam wiedersehen. Und zwar oft. Nicht dass es eine Rolle spielte. Sie musste sich nur darauf einstellen, dass es Konflikte geben könnte, so wie der Mann austeilte!

Warum war sie dann auf einmal wieder bester Laune?

Weil sie einer Herausforderung nicht widerstehen konnte? Nein, sie war nur neugierig zu erfahren, wie Sam Taylor hierhergekommen und warum er geblieben war.

Abgesehen davon wollte sie ihm zu gern beweisen, dass ein weiblicher Rettungssanitäter genauso hoch qualifiziert war wie seine männlichen Kollegen.

Ja, das würde ihr Spaß machen!

Sie folgte Jack zum Helikopter, der gut gesichert war, um bei dem heraufziehenden Sturm keinen Schaden zu nehmen. Okay, in absehbarer Zeit würden sie bei dem Wetter nirgendwohin fliegen.

Dennoch konnte sie ihren ersten Einsatz kaum erwarten …

2. KAPITEL

„Oh, ganz in Weiß heute, Sam?“

„Das ist mein Arztkittel.“ Das amüsierte Lächeln seiner Lieblingskrankenschwester irritierte ihn. „Du trägst deine Schwesterntracht jeden Tag, Ana. Warum sollte ich nicht ein bisschen professioneller auftreten? Außerdem ist mir eben erst klar geworden, wie praktisch all diese Taschen sind. Hier, sieh mal – da passen mein Notizbuch, mein Handy und sogar das Stethoskop rein …“ Sam zupfte ein paar sterile Handschuhe aus dem Spender an der Wand und schob sie in eine andere Tasche. „Ich bin voll ausgestattet und zu allem bereit!“

„Ja, als hättest du gleich einen Auftritt in der Waschmittelwerbung. Du weißt schon … Labortests haben bewiesen, dass Wunderwasch um tausend Prozent effektiver ist als herkömmliche Waschmittel“, säuselte sie.

Sam schnaubte. „Du hast dich verändert, Ana. Früher warst du respektvoller.“

Sie lächelte strahlend. „Vielleicht liegt es daran, dass ich jetzt eine glücklich verheiratete Frau bin.“

„Das bist du wirklich“, erwiderte er lächelnd. „Und das ist wunderbar. Ich freue mich sehr für dich – obwohl du mich nicht zu deiner Hochzeit eingeladen hast.“

„Als hättest du hier alles stehen und liegen lassen, um für ein paar Tage nach London zu fliegen! Es war schon schwierig genug, meine Mutter dazu zu überreden, den langen Flug auf sich zu nehmen. Außerdem kommst du, was Hochzeiten betrifft, demnächst auf deine Kosten.“

„Stimmt. Nächste Woche? Oder wann besiegeln Caroline und Keanu den Bund der Ehe?“

„Übernächste. Oh … Wer ist das da neben Jack?“

Sam wandte den Kopf. Zwei Gestalten hatten den breiten Weg zu den drei Gebäudeflügeln des Krankenhauses betreten, das inmitten eines herrlichen tropischen Gartens lag.

Irgendetwas schien Lias Interesse geweckt zu haben. Sie und Jack waren stehen geblieben, als sie darauf zeigte. Vielleicht hatte sie am Teich in der Mitte des Gartens einen der farbenprächtigen exotischen Vögel entdeckt.

Sam ertappte sich dabei, dass er einen prüfenden Blick auf seinen Kittel warf, ob auch das Revers flach auflag. Nicht dass er es vor Ana je zugegeben hätte, aber er hatte tatsächlich einen Grund, gerade heute professionell aufzutreten.

„Das ist die neue FIFO-Rettungssanitäterin. Sie kam gestern zusammen mit dem Krankenpfleger hier an. Hast du Matt schon kennengelernt?“

„Natürlich. Er ist dabei, Rangi zu baden.“ Ihre Mundwinkel zuckten. „Das könnte eine Weile dauern, er muss viel Fläche waschen.“

„Wir müssen unbedingt Rangis Gewicht senken. Diabetes und wunde Hautstellen sind erst der Anfang. Seine gesundheitlichen Beschwerden werden zunehmen.“

„Ja, leider. Aber es ist ein Segen, dass wir einen Krankenpfleger im Team haben. Matt brauchte nicht einmal den Patientenlifter, um Rangi aus dem Bett zu bekommen.“ Ana wirkte abgelenkt, während sie zum Teich hinüberblickte. „Hat die Rettungssanitäterin auch einen Namen?“

„Lia … Soundso. Klang italienisch.“

„Sie sieht italienisch aus. Was für eine schöne Frau …“

Sam drehte sich wieder nach ihnen um. Jack und Lia waren näher gekommen. Natürlich war Ana beeindruckt.

Die knappen Shorts waren verschwunden, keine Spur mehr von der wilden Mähne gestern auf der Landepiste. Lia trug eine lange dunkle Cargohose und dazu das schwarze T-Shirt mit dem roten Logo des Wildfire-Rettungsdienstes. Ihr langes Haar war an beiden Seiten zu Zöpfen geflochten, die in einen dickeren Zopf auf dem Rücken mündeten.

Sie sah … professionell aus.

„Hey, Ana. Das ist Lia, meine neue Teamkollegin. Lia, dies ist Anahera Kopu, eine unserer ortsansässigen Krankenschwestern.“

„Wilson, Jack. Ich habe geheiratet, schon vergessen?“ Ana schüttelte Lia herzlich die Hand. „Sie müssen mir zeigen, wie Sie Ihr Haar flechten. Das sieht wunderschön aus.“

„Ist kinderleicht. Und … darf ich noch gratulieren? Die Hochzeit war erst vor Kurzem, oder?“

„Ja, vor zwei Monaten in London. Ich bin gerade erst wiedergekommen, wir haben unsere Flitterwochen in Paris verbracht.“

„Toll … Zwei Orte, die ich zu gern sehen würde.“

„Waren Sie noch nie dort?“

„Bei meinem Budget war Reisen nie drin.“ Lia lächelte. „Deshalb finde ich es ja so aufregend, hier zu sein.“

Wegen der neuen Umgebung oder weil sie damit ihr Budget aufstocken konnte? Der Druck im Magen war genauso ungewohnt wie der gestärkte Kittelstoff auf seinen nackten Armen. Sam schlug die Ärmel ein paarmal um. „Unsere Sprechstunde fängt gleich an, Ana.“

Er nickte Lia zu. „Hat Jack Sie gut untergebracht? Sind Sie mit Ihrer Unterkunft zufrieden?“

„Sie ist fantastisch! Als ich heute Morgen aufwachte und den Ozean und all die Inseln buchstäblich vor der Nase hatte, musste ich mich erst kneifen. Es ist traumhaft hier.“

Nicht nur ihre Augen spiegelten ihre Begeisterung wider, nein, ihr ganzes Gesicht schien aufzuleuchten. Unmöglich, dieses ansteckende Lächeln nicht zu erwidern.

„An sonnigen Tagen sieht es noch besser aus.“ Sam wandte sich an Jack. „Hast du den neuesten Wetterbericht gehört? Wo zieht der Sturm lang?“

„Leider nicht weit genug weg von uns. Wir haben wohl raue Tage vor uns.“

„Dann checke ich besser die Vorräte in der Notaufnahme“, sagte Ana. „Bei einem Zyklon sind auch die Schränke schnell leergefegt. Unglaublich, was so ein Sturm durch die Luft wirbelt, und dann kommen die Leute mit Platz- und Schürfwunden, mit Beulen, Prellungen und sonst was zu uns.“

„Das kann Hettie übernehmen, wenn es später ruhiger ist. Sie hat doch heute Nachmittag Dienst, oder?“

Ana nickte. „Okay, ich sehe nach, wie viele Patienten im Warteraum sitzen.“

„Ich würde mir gern Ihre Notaufnahme ansehen“, meinte Lia. „Wenn das okay ist …“

In der kurzen Stille, die ihren Worten folgte, wurde Sam mit Verzögerung klar, dass die Frage an ihn gerichtet war. Er spürte Lias Blick auf der Haut wie eine Berührung.

„Sicher doch.“ Sam erwiderte ihren Blick gerade so lange, dass er nicht unhöflich wirkte. „Jack kennt sich aus. Erkunden Sie ruhig die gesamte Abt…“ Sein Handy klingelte, und er unterbrach sich mitten im Wort.

Als er versuchte, das Telefon aus der Tasche zu ziehen, verhedderte sich sein Stethoskop. Er holte es heraus und hängte es sich um den Hals, während er mit der anderen Hand den Anruf entgegennahm.

Er hatte ihn erwartet.

„Ja, es ist alles geregelt, Pita.“ Sam senkte die Stimme und verließ die anderen. „Heute Vormittag bin ich in der Sprechstunde, aber ich lege es neben die Funkstation im Personalraum. Ein weißer Umschlag mit deinem Namen.“

Hinter sich hörte er Gelächter, doch er beendete das Gespräch und ging weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er hatte zu tun und für Small Talk keine Zeit. Im Warteraum würde es schnell voll werden. Nur kurz das Kuvert hinterlegen und dann sofort in die Sprechstunde.

Allerdings hatte die merkwürdige Anspannung, die er immer noch empfand, nicht allein damit zu tun, dass sich die Patienten vor seiner Tür drängten. Nein: Er spürte förmlich Lias Blick im Nacken, als sehe sie ihm immer noch nach.

Déjà vu.

Lia blickte Sam nach, als er davonmarschierte. Vielleicht sollte sie sich an das Gefühl gewöhnen, dass sie hier nicht sonderlich willkommen war.

Es sollte ihr nichts ausmachen. Sie klebte sich ein Lächeln ins Gesicht und sah Jack und Ana an. Aber der Pilot warf Ana einen verwunderten Blick zu.

„Wieso hat er den weißen Kittel an?“, fragte er. „War Sam heute früh schon im Labor?“

„Nicht dass ich wüsste.“ Ana lächelte bedeutungsvoll. „Er wollte professionell aussehen, meinte er.“

Lia biss sich auf die Unterlippe, um nicht damit herauszuplatzen, dass sie heute Morgen den gleichen Gedanken gehabt hatte. Den französischen Zopf zu flechten war längst nicht so einfach gewesen, wie sie gesagt hatte. Es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, und sie hatte an Sam gedacht, während sie in den Spiegel sah und versuchte, einen professionellen Look zu stylen.

Hatte er den makellos weißen Arztkittel aus dem gleichen Grund angezogen?

Und wenn ja … Warum?

Um mich zu beeindrucken?

Unwillkürlich schaute sie wieder in die Richtung, in die er gegangen war, und wurde Zeugin, wie er abrupt stehen blieb und auf etwas im Garten starrte. Lia hatte vorhin einen Schwarm regenbogenbunter Papageien entdeckt und sie begeistert Jack gezeigt. Der war nicht im Mindesten beeindruckt gewesen. Wahrscheinlich, weil er die prächtigen Vögel hier jeden Tag sah.

Sam war also bestimmt nicht stehen geblieben, um die tropische Tierwelt zu bewundern.

„Ana?“ Seine Stimme klang ruhig, aber für alle hörbar drängend. „Holst du bitte den Reanimationswagen? Da liegt jemand.“

Er verschwand hinter den dichten Büschen, die am Wegrand eine grüne Hecke bildeten. Lia reagierte augenblicklich. Während Ana losraste und im Krankenhaus verschwand, rannte sie in die entgegengesetzte Richtung – zu Sam.

Als sie sich durch das Gebüsch zwängte, sah sie ihn neben einer lang hingestreckten Gestalt knien. Gleichzeitig hörte sie das Rattern der Rollen, als Ana den Wagen den Weg entlangzog.

„Atmet er?“

„Kann ich noch nicht sagen. Helfen Sie mir, ihn umzudrehen.“

Der Mann war groß und schwer. Sobald sie ihn mit vereinten Kräften herumgerollt hatten, überstreckte Lia seinen Kopf, um die Atemwege zu öffnen, und hielt die Wange dicht an sein Gesicht. Nichts. Auch als sie eine Hand auf das Zwerchfell legte, tat sich nichts.

„Keine Atmung.“

Sam hatte die Finger am Hals des Mannes. „Und kein Puls.“

Ana musste einen Umweg machen, bis sie einen Durchgang in der Hecke fand, durch den der Wagen passte. Jack half ihr zwar, doch sie durften trotzdem keine Zeit verlieren.

Lia presste die Hände auf die Mitte des Brustkorbs und begann mit der Herzdruckmassage, ohne erst Sams Instruktionen abzuwarten.

„Wie lange ist er schon ohne Sauerstoff?“, überlegte sie laut.

„Nicht lange, hoffe ich. Ich glaube, sein Sturz hat mich dazu gebracht, über die Hecke zu blicken. Als er fiel, brachen einige Zweige unter ihm.“

Sie spürte, dass Sam sie beobachtete. Um ihre Technik zu beurteilen? Verständlich. Ihr Patient war korpulent, und man brauchte viel Kraft, um das Herz zum Schlagen zu bringen. Ihr brach bereits der Schweiß aus, doch sie hielt die Arme durchgedrückt und presste rhythmisch weiter. Mindestens hundert Mal pro Minute.

Ana hatte sie erreicht und warf Sam eine Beatmungsmaske zu. Geschickt fing er sie auf und stülpte sie auf Mund und Nase des Mannes. Ein flüchtiger Blick zu Lia, die ihre Druckmassage unterbrochen hatte, damit er mit dem Ambubeutel zwei unterstützende Atemstöße geben konnte. Die Brust hob und senkte sich zwei Mal, und Lia setzte ihre Wiederbelebungsmaßnahmen fort, kaum dass die Brust sich ein zweites Mal gesenkt hatte.

Ihre Arme schmerzten von der Anstrengung, aber Lia wusste, dass sie jetzt nicht nachlassen durfte. Auch nicht, als Ana das T-Shirt aufschnitt, um eine Elektrode des Defibrillators in Herznähe und die zweite auf der anderen Seite unterhalb des Schlüsselbeins aufzukleben.

Lia zählte jetzt laut, um Sam anzuzeigen, wann er die nächsten Atemstöße geben musste. Jack hatte mittlerweile die Sauerstoffflasche angeschlossen. „Achtundzwanzig … neunundzwanzig … dreißig …“ Lia hob die Hände.

Auf dem Defi-Bildschirm erschien eine Linie, die klar ein lebensbedrohliches Kammerflimmern verzeichnete.

„Übernimm du die Beatmung“, sagte Sam zu Ana. „Nach dem ersten Schocken lege ich einen Zugang.“

Mit einem jaulenden Ton lud sich der Defibrillator auf.

„Weg vom Patienten“, befahl Sam. „Ich schocke jetzt …“

Erfolglos. Die Linie veränderte sich nicht.

„Brauchen Sie eine Pause, Lia?“ Sam nahm das Infusionsbesteck vom Wagen.

„Nein, ich sage Bescheid.“

„Sie machen das gut. Nach dem nächsten Schocken übernehme ich.“

Sein Lob half ihr weiterzumachen, auch wenn ihr die Arme wehtaten und ihr der Schweiß in die Augen rann.

Der weiße Kittel schien Sam zu behindern, denn er streifte ihn ungeduldig ab und schob ihn auf die untere Ablage des Wagens. In Windeseile legte Sam dann einen intravenösen Zugang, um den Patienten mit Medikamenten zu versorgen, bevor die zwei Minuten mit Herzdruckmassage um waren und der Defibrillator wieder zum Einsatz kam.

„Kennt ihn jemand?“, fragte Jack.

„Es ist Rangis Bruder Keoni“, erklärte Ana. „Ich glaube, er hatte heute Morgen einen Termin bei uns. Sam will die ganze Familie auf Diabetes untersuchen.“

„Weg vom Patienten!“, warnte Sam wieder.

Lia ließ sich auf die Fersen sinken, bereit, Platz zu machen, damit Sam die Massage übernehmen konnte.

Diesmal jedoch kam Bewegung in die grüne Linie auf dem Bildschirm, die Herztätigkeit normalisierte sich.

„Er schnappt nach Luft“, sagte Ana kurz darauf. „Ich nehme den Tubus raus.“

„Wir brauchen ein Bett für ihn.“ Sam blickte auf. „Und jemanden, der uns helfen kann, ihn daraufzulegen.“

„Ich hole Matt.“ Ana rappelte sich hoch. „Und wen ich noch finden kann. Oder brauchst du mich hier noch, Sam?“

Sam suchte Lias Blick. „Nein … Geh ruhig, Ana, wir kommen klar.“

Es war nur ein flüchtiger Blickkontakt gewesen, aber Lia hatte das Gefühl, dass sie soeben einen Test bestanden hatte.

Mit guten Noten.

Natürlich versetzte es sie jedes Mal in Hochstimmung, wenn sie dem Tod ein Schnippchen schlagen konnte. In diesem Moment jedoch fühlte sich Lia euphorisch wie selten. Und die guten Noten gab sie gern zurück. Unter Sams ruhiger und kompetenter Führung hatte das Team großartig zusammengearbeitet.

„Wir bringen ihn auf unsere Intensivstation“, sagte er. „Kommen Sie mit, Lia, dann lernen Sie gleich unser Krankenhaus kennen.“

„Ich helfe euch beim Transport“, bot Jack an. „Danach sage ich im Warteraum Bescheid, dass die Sprechstunde etwas später anfängt.“

„Ruf Keanu an, ob er etwas eher kommen und für mich einspringen kann.“ Sam hielt den Infusionsbeutel mit der Kochsalzlösung hoch und drehte an dem Rädchen, um den Zufluss zu justieren. Er lächelte schief. „Es gibt so Tage … Und heute scheint wieder so einer zu sein.“

Der lebhafte Ausdruck in seinen Augen verriet jedoch, dass er gerade solche Tage nicht missen mochte. Unwillkürlich erwiderte Lia sein Lächeln. Auch sie liebte den Kick in Notfallsituationen, wenn Adrenalin durch ihre Adern rauschte und sie zu Höchstleistungen antrieb. Auch in aussichtsloser Lage.

Wenn sie ehrlich war, fiel es ihr sogar leicht, Sam Taylor anzulächeln. Ohne den steifen Arztkittel sah er viel besser aus. Das kurzärmelige, am Kragen offene Hemd zeigte sonnengebräunte Haut. Und anscheinend war er sich während des Einsatzes ein paarmal durch das hell gesträhnte Haar gefahren, was ihm ein charmant zerzaustes Aussehen verlieh.

Selbst das spöttische Lächeln war unwiderstehlich. Wie würde er wohl aussehen, wenn er aus vollem Herzen lachte? Wie würde er sich anhören? Lia hätte darauf wetten können, dass er ein ansteckendes Lachen hatte.

Ob ihr erster Eindruck täuschte? Vielleicht war Sam ein netter Kerl. Auf jeden Fall war er ein sehr guter Arzt, und das allein genügte, um ihre anfänglichen Zweifel zu zerstreuen. Ja, die Arbeit hier würde ihr bestimmt gefallen!

Trotz der vielen Helfer, die aus der Klinik herbeiströmten, wurde der Transport des schwergewichtigen Patienten zu einer Herausforderung für alle. Sam koordinierte die Aktion, als Keoni auf das Bett gehoben wurde, und achtete darauf, dass Schläuche, Kanülen und Kabel an ihren Plätzen blieben. Da das Bett keinen Infusionsständer hatte, drückte Sam den Beutel Jack in die Hand, der als Einziger neben ihm groß genug war, um ihn hochzuhalten.

Da ihr Patient zwar selbstständig, aber nicht ausreichend atmete, musste jemand neben dem Bett hergehen und die Maske auf Keonis Gesicht halten und, falls nötig, mit dem Beatmungsbeutel zusätzliche Atemstöße geben. Normalerweise hätte Sam diese Aufgabe Ana übertragen, die als Intensivpflegeschwester dafür am besten qualifiziert war. Aber Lia kümmerte sich darum, seit Ana Hilfe geholt hatte, und sie machte ihre Sache ausgezeichnet. Da wäre es grob unhöflich gewesen, sie davon abzuziehen. Außerdem war sie sowieso dabei, nachdem er ihr angeboten hatte, sich die Intensivstation anzusehen.

Und das war nicht alles … Natürlich konzentrierte er sich fast ausschließlich auf seinen Patienten, der noch nicht über den Berg war und jederzeit wieder einen Herzstillstand erleiden konnte. Gleichzeitig ertappte er sich dabei, dass er froh war, Lia hier zu haben.

Was bestimmt nur mit ihren fachlichen Fähigkeiten zu tun hatte und nicht damit, dass der Mann in ihm auf ein attraktives weibliches Wesen reagierte. Zumal er ihr eine Chance geben wollte, da sein erster Eindruck von ihr offensichtlich falsch gewesen war.

Oder lag es an ihrem Lächeln …?

„Bei uns würden wir ihn zur Herzkatheter-Untersuchung bringen“, meinte Lia, während sie das Bett den Weg entlangmanövrierten. „Können Sie hier Angiografien durchführen?“

„Nein“, antwortete Ana. „Wir besitzen zwar vieles, wovon man auf abgelegenen Inseln wie unseren nur träumen kann – wie zum Beispiel einen Computertomografen –, aber ein Katheterlabor wäre des Guten zu viel verlangt.“

„Wie behandeln Sie Ihre Herzpatienten?“

„Wir schreiben ein 12-Kanal-EKG“, erklärte Sam. „Und wir röntgen den Thorax, prüfen auf Biomarker und verabreichen, wenn nötig, Thrombolytika, um Blutgerinnsel aufzulösen.“

Ein anerkennender Pfiff irritierte ihn kurz, aber Sam beachtete ihn nicht weiter.

„Sobald er stabil ist, arrangieren wir einen Flug zum Festland, wo er in einem größeren Krankenhaus genauer untersucht und, falls notwendig, operiert wird.“

Wieder ein Pfiff. Verwundert wandte Sam den Blick vom Herzmonitor und sah, wie Lia ein Handy aus einer der Taschen ihrer Cargohose zog.

Was zum …? Okay, sie hielt immer noch die Beatmungsmaske an ihrem Platz, aber in dieser Situation ans Handy zu gehen, das ging gar nicht! Hatte sie überhaupt zugehört, als er ihre Frage beantwortete?

Und während die anderen Helfer das Bett in Position brachten und Keoni an die stationären Geräte anschlossen, trat sie zwei Schritte zurück und tippte mit flinken Fingern eine Nachricht.

Hatte Sam sie gerade noch für kompetent und professionell gehalten, schwand dieser Eindruck rasch. Mal sehen, was sie draufhat, dachte er, nachdem er das EKG geschrieben und den Ausdruck in der Hand hatte.

„Was halten Sie davon?“ Er deutete auf die Werte.

Lia zuckte zusammen. Ihr Blick flog hoch, doch sie dachte nicht daran, das Handy wegzustecken, bevor sie sich das Blatt ansah.

Ihre Einschätzung jedoch kam wie aus der Pistole geschossen. „Überhöhte T-Wellen und signifikante ST-Hebung bei den Ableitungen V3 bis V5. Sieht aus wie ein beträchtlicher Vorderwandinfarkt mit lateraler Ausdehnung.“

Sam ließ sie noch nicht vom Haken. „Und der Schenkelblock?“

„Da ist ein Linksschenkelblock, aber die ST-Hebung ist größer, als man erwarten würde, und wir haben Q-Wellen … hier … und hier …“

Bisher war ihm nicht aufgefallen, was für schöne Hände sie hatte, mit langen, schlanken Fingern und wohlgeformten, kurz geschnittenen Nägeln. Kein Nagellack, keine Ringe. Lia berührte das Papier nur ganz leicht, aber Sam spürte den sanften Druck bis in die Fingerspitzen.

„Und hier sind reziproke Veränderungen“, ergänzte sie. „Das EKG ist ziemlich schlüssig.“

Er war beeindruckt und drauf und dran, es ihr zu sagen, als plötzlich wieder der verdammte Pfiff ertönte.

Ein rosiger Hauch überzog ihre Wangen. „Ups, Entschuldigung. Das wollte ich längst stumm stellen.“

Sam blickte sie eindringlich an. „Vielleicht könnten Sie Ihre Privatangelegenheiten auf die Zeit nach Dienstschluss verschieben.“

„Die Blutproben hätte ich.“ Ana hatte Keoni ein paar Röhrchen Blut entnommen. „Sie müssten ins Labor. Soll ich die Biomarker bestimmen?“

„Danke, das mache ich.“ Sam wandte sich von Lia ab. „Bereite du die Tenecteplase-Infusion vor, ja? Und gib ihm Atropin, seine Herzfrequenz gefällt mir nicht. Ist zwar im Sinusrhythmus, aber zu langsam.“

Als er etwas Blut in das Spezialröhrchen abfüllte, um es in das Analysegerät zu stecken, bekam er aus dem Augenwinkel mit, dass Lia wieder eifrig SMS schrieb.

Wahrscheinlich war es für sie nichts Neues, dass sie hier Enzyme wie Troponin, Myoglobin und Creatin-Kinase bestimmen konnten, die alle darüber Aufschluss gaben, ob ein schwerer Infarkt vorlag. Aber sie hätte wenigstens ein bisschen Interesse zeigen können, weil sich ein solches Geräte auch an Bord des Hubschraubers befand – ihrem neuen Arbeitsplatz!

Diese Apparate waren nicht billig gewesen, wie so manche andere Ausrüstung hier. Aber Sam fand sie wichtig genug, dass er sie stillschweigend auf eigene Kosten angeschafft hatte.

Was er nicht an die große Glocke hängen wollte. Vielleicht war es besser, dass sie sich nicht dafür interessierte und möglicherweise Fragen stellte, die ihn in Verlegenheit gebracht hätten. Hier brauchte niemand von seiner Spende zu wissen.

Wenigstens steckte sie das verfluchte Handy sofort weg, als Jacks Pager bimmelte.

„Hört sich an, als hätten wir einen Einsatz“, sagte der Pilot. „Kommen Sie, Lia, ich zeige ihnen, wie die Funkstation funktioniert.“

„Heiliger Strohsack …!“ Die Gurte pressten Lia in den Sitz, als heftige Böen am Helikopter zerrten. „Wie weit draußen ist es?“

„In fünf Minuten sind wir da.“ Jacks Stimme klang erstaunlich ruhig durch die Kopfhörer in ihrem Helm. Doch der Blick wirkte teilnahmsvoll. „Es sind wirklich keine idealen Flugbedingungen. Geht’s Ihnen gut?“

„Machen Sie Witze?“ Lia lachte laut auf, als der Hubschrauber seitlich von einem Windstoß getroffen wurde. „Ich liebe es!“

Verschwunden war die Besorgnis, Jack sah sie beeindruckt an. „Ich hatte schon ein paar Männer auf Ihrem Sitz, die hätten sich jetzt krampfhaft festgeklammert.“

„Wie kommen wir zu unseren Patienten, wenn das Wetter sich verschlechtert? Glauben Sie, dass der Zyklon die Inseln voll erwischt?“

„Das ist gut möglich. Kann sein, dass wir ein, zwei Tage nicht starten können. Dann müssen wir das Boot nehmen, um zu den nahe gelegenen Inseln zu kommen. Was halten Sie von rauer See?“

Lia lächelte. „Mag ich auch.“

Jack schüttelte sichtlich verwundert den Kopf, schwieg jedoch, weil er sich darauf konzentrieren musste, seine Maschine unter Kontrolle zu halten. Die Hauptinsel Atangi kam in Sicht, und Lia sah, dass sie dichter besiedelt war als Wildfire. Irgendwo zwischen den vielen Gebäuden befand sich das medizinische Zentrum, von wo aus eine Krankenschwester den Notruf abgesetzt hatte.

„Früher bin ich viel geritten“, erklärte Lia. „Am liebsten Geländeritte. Da weiß man nie, was kommt, wann man springen muss und wie breit das Hindernis ist. Am besten noch im Wettlauf gegen die Zeit.“

„Reiten Sie noch?“

„Nein. Es ist nicht gerade ein billiges Hobby. Außerdem …“ Lia juchzte wie in der Achterbahn, als sie erneut in eine Turbulenz gerieten. „Was ich an Aufregung brauche, habe ich in meinem Job.“

„Geht mir auch so … Na, dann wollen wir diesem Baby mal festen Boden unter die Kufen geben. Ich hoffe nur, dass unsere Patientin auf dem Rückflug nicht luftkrank wird. Wenn doch, müssen Sie hinterher saubermachen.“

„Kommt nicht in die Tüte.“ Lia grinste. „Es ist Ihr Hubschrauber.“

3. KAPITEL

Die Praxis auf Atangi wurde von Marnie geleitet, einer älteren Krankenschwester, die auf der Insel zu Hause war. Sie wartete an der Tür, nachdem Jack und Lia auf dem Fußballplatz auf der anderen Straßenseite gelandet waren. Er schloss den Heli ab und begleitete Lia für den Fall, dass er zurückgehen und eine Trage holen musste.

„Sie ist sehr verängstigt“, warnte Marnie sie vor. „Ich konnte sie nur mit Mühe dazu überreden hierherzukommen. Es kann sein, dass sie versucht wegzulaufen. Allerdings wird sie nicht weit kommen …“

„Wie heißt sie?“, wollte Lia wissen. „Und was ist passiert?“

„Ihr Name ist Sefina. Sie wohnt am Rand des Dorfes und geht natürlich kaum aus dem Haus.“

Natürlich? Bei Lia leuchtete eine Warnlampe auf. Was war selbstverständlich daran, dass jemand nicht am Dorfleben teilnahm? Sie wollte schon nachfragen, doch da sprach die Krankenschwester weiter.

„Ich bin in der Mittagspause zu ihr gegangen, weil sie Joni letzte Woche nicht zu seinem Impftermin gebracht hatte. Die Impfungen sind wichtig.“

„Joni?“

„Ihr Junge, er ist fünfzehn Monate alt. Als sie endlich an die Tür kam, wusste ich sofort, dass etwas Schlimmes passiert war. Sie meinte, sie wäre gestern am Strand auf einen Felsen gefallen, aber …“

Lia berührte sie am Arm. „Aber was?“

„Jeder weiß, wie ihr Mann Louis nach ein paar Drinks ist“, murmelte Jack. „Glaubst du, dass er damit zu tun hat?“

Die ältere Frau zuckte mit den Schultern. „Es geht mich nichts an. Ich wollte nur nach Joni sehen.“

Verwundert blickte Lia zu Jack hinüber. Was war hier los? In einem Dorf wie diesem wusste doch jeder über jeden Bescheid, und man passte aufeinander auf, oder?

„Es ist eine lange Geschichte, ich erzähl’s Ihnen später“, sagte er.

Im Behandlungszimmer saß ein kleiner Junge mit kaffeebrauner Haut und wilden Locken auf dem Fußboden. Als er Fremde eintreten sah, stieß er ein Angstgeheul aus, lief zu seiner Mutter und drängte sich Schutz suchend an ihre Beine.

Die Mutter konnte sich nicht um ihn kümmern, weil sie sich gerade ins Handwaschbecken erbrach.

Lia eilte zu ihr. „Sefina? Ich bin Lia, ich möchte Ihnen helfen.“

Ihre Patientin sah auf, während sie den Wasserhahn öffnete. Lia erschrak bei ihrem Anblick. Das eine Auge war stark zugeschwollen, und darüber zog sich eine Platzwunde, die genäht werden musste. Auch Sefinas dunkle Haut konnte nicht die Schrammen und Blutergüsse verbergen, die sich um die Verletzung herum gebildet hatten.

Und noch etwas schockierte Lia: Sefina war sehr jung, fast noch ein Teenager – und schon Mutter.

„Mir geht es gut. Ich wollte nicht herkommen … Marnie hätte Sie nicht rufen sollen.“

„Ich weiß“, antwortete Lia beschwichtigend. „Aber da wir nun einmal hier sind, lassen Sie mich Sie kurz untersuchen. Ich bin neu hier, und ich möchte sicher sein, dass alles okay ist. Sie sind sogar meine erste Patientin.“

Ihr war es besonders wichtig, Sefina zu signalisieren, dass sie ihre Vorgeschichte nicht kannte und deshalb auch nicht wusste, warum das Mädchen isoliert vom Dorf lebte. Es sollte sich bei ihr sicher fühlen, ohne Angst vor Vorurteilen haben zu müssen.

Gleichzeitig war ihr klar, dass die Lage ernst war. Sie hatte das Blut im Waschbecken gesehen, bevor Sefina das Wasser angestellt hatte. Und bei der Menge mussten sie mit inneren Verletzungen rechnen.

„Marnie hätte Sie nicht rufen sollen. Mir geht’s gut.“

Sie wiederholte, was sie gerade gesagt hatte, auch das war für Lia ein Alarmzeichen. Die Gesichtsverletzung war so schwer, dass Sefina auch eine Gehirnerschütterung oder eine ernste Kopfverletzung haben konnte.

„Welcher Tag ist heute, Sefina?“

„Marnie hätte Sie nicht rufen sollen.“ Sefina wandte sich vom Waschbecken ab. „Joni … Komm, wir gehen nach Hause …“

Sie bückte sich, um ihren Sohn auf den Arm zu nehmen, der sich immer noch ängstlich an ihr Bein klammerte. Im nächsten Moment schrie sie auf, presste die Hände auf den Bauch und krümmte sich vor Schmerzen.

Lia stützte sie und ließ sie behutsam zu Boden gleiten, da sie es zur Liege nicht geschafft hätten.

„Jack?“

Er hatte draußen vor der Tür gewartet und stand zwei Sekunden später im Zimmer.

„Wir brauchen die Trage“, sagte sie. „Ich glaube nicht, dass Sefina noch einen Schritt gehen kann.“

Joni krabbelte in die Arme seiner Mutter, was es Lia schwierig machte, Sefina genauer zu untersuchen. Sie nahm das Kleinkind hoch und sah sich nach Marnie um. Die Arme vor dem mächtigen Busen verschränkt, stand die Krankenschwester da und beobachtete das Geschehen.

„Können Sie einen Moment auf Joni aufpassen, Marnie? Ich möchte Sefina untersuchen.“

„Neiiin …“ Die junge Frau versuchte, sich aufzurichten, sank jedoch mit einem Schmerzensschrei wieder zurück auf den Boden.

Marnie reagierte nur zögernd und übernahm den Jungen schließlich widerwillig. Lia ärgerte sich über sie. Was auch immer die Dorfgemeinschaft gegen Jonis Mutter hatte, durfte sie doch nicht an dem unschuldigen Kind auslassen!

Als Jack mit der Trage zurückkehrte, ging Lia ihm im Wartezimmer entgegen.

„Wir müssen Sefina ins Krankenhaus bringen. Abwehrspannung im Abdomen – ich tippe auf innere Blutungen nach Milzriss. Außerdem hat sie eine schwere Kopfverletzung, die wir hier nicht abklären können. Nur ein CT kann uns sagen, ob wir es mit einer Hirnblutung zu tun haben oder nicht.“

„Okay, dann wollen wir mal.“

„Noch etwas. Ich nehme den Jungen mit. Der darf auf keinen Fall zurück zu seinem Vater, und ich habe den Eindruck, dass sich auch sonst niemand hier um ihn kümmern wird.“

„Louis ist nicht sein Vater.“

Lia blickte Jack überrascht an. War das die Erklärung? Hatte Sefina ihren Mann betrogen, und jeder wusste davon? Glaubte der Mistkerl, dass er deshalb das Recht hätte, sie halb zu Tode zu prügeln?

„Ein Grund mehr, Joni mitzunehmen“, antwortete sie entschlossen.

„Der Flug wird kein Sonntagsspaziergang.“

„Wir schnallen ihn an. Oder ich halte ihn. Während des Transports kann ich sowieso nicht viel für Sefina tun. Ich gebe ihr ein Schmerzmittel und hänge sie an den Tropf, und dann müssen wir sie so schnell wie möglich ins Krankenhaus schaffen. Bevor das Wetter noch schlechter wird!“

Sam wartete mit Hettie und Anahera in der Notaufnahme, nachdem Lia ihnen per Funk eine Schwerverletzte angekündigt hatte.

Jack und Manu, der Pflegehelfer, schoben die Rollliege herein. Lia trug einen verängstigten kleinen Jungen auf dem Arm. Natürlich hatte Sam von dem Kind gehört … wie alle auf der Insel. Doch er hatte es bisher nie gesehen und auch nicht seine Mutter. Gütiger Himmel, sie war noch so jung …

„Heben wir sie aufs Bett.“ Sam stellte sich ans Kopfende. „Bei drei. Eins, zwei … drei!“

Behutsam wurde Sefina von vielen helfenden Händen von der Trage auf das Bett gehoben. Lia trat näher zu Sam, musste jedoch die Stimme heben, weil der Kleine herzzerreißend weinte.

„Das ist Sefina Dason“, berichtete sie. „Kopf- und Bauchtrauma. GCS-Wert bei 14. Palilalie und Erbrechen. Bauchdecke gespannt, Blutdruck niedrig bei 100 zu 40. Vorher 90 zu 40, nach einem Liter Kochsalzlösung intravenös leicht verbessert. Herzfrequenz im Sinusrhythmus, Tachykardie mit 135, Atemfrequenz 30. Sauerstoffsättigung lag bei 95, stieg nach Sauerstoffgabe auf 98. Ich habe ihr zehn Milligramm Morphin gespritzt. Vorläufige Diagnose: Verdacht auf Milzriss und Gehirnerschütterung.“

Anahera nahm den Beatmungsschlauch vom tragbaren Gerät ab und verband ihn mit der stationären Sauerstoffversorgung über dem Bett. Hettie legte Sefina die Blutdruckmanschette um.

„Was ist passiert?“, fragte Sam.

„Angeblich ist sie auf die Felsen gestürzt.“

Sam zog die Brauen hoch, als er zu ihr trat und ihr das Protokoll abnahm. Er überflog die Notizen und sah den Eintrag: Verletzung nicht unfallbedingt?

Eine schwere Anschuldigung. Er suchte Lias Blick. Sie hielt ihm stand, mehr noch, in ihren Augen las er unverhohlenen Ärger. Ihre Stimme klang jedoch ruhig, als sie etwas zu ihm sagte.

Leider konnte er nichts verstehen, weil das Kind immer noch brüllte.

„Ist er auch verletzt?“

„Nicht dass ich wüsste.“

„Warum haben Sie ihn dann mitgebracht? Sicher hätte doch jemand aus der Familie oder eine Freundin sich um ihn kümmern können.“

Hettie hatte den Infusionsbeutel an den Haken über dem Bett gehängt und drehte sich jetzt zu dem Kind um. Man sah ihr an, wie sehr ihr das Weinen des verängstigten Kleinen zu Herzen ging.

„Ich nehme ihn“, sagte sie. „Machen Sie in Ruhe Ihre Übergabe.“ Sie hob den Jungen auf den Arm. „Vielleicht hat er Hunger. Wir sehen mal in der Küche nach, ob Vailea etwas Leckeres für ihn hat.“ Hettie drückte ihn behutsam an sich. „Möchtest du ein Eis, mein Schatz?“

Sefina schien nicht zu bemerken, dass ihr Kind nicht mehr bei ihr war. Sie wirkte benommen – vom Morphin oder auch von der Kopfverletzung.

„Ana, kannst du noch mal die Vitalzeichen prüfen? Und den GCS-Wert, bitte.“ Mit der Glasgow-Koma-Skala wurde der Grad von Bewusstseinsstörungen eingeschätzt. „Ich schalle ihren Bauch.“

Als er sich zum Ultraschallgerät umdrehte, fing er einen eisigen Blick von Lia auf. Sie trat vom Bett zurück und sagte leise, aber nachdrücklich: „Sehen Sie sich Ihre Patientin genau an. Sie werden auf ihrem Bauch Abdrücke finden, die die Form einer Stiefelsohle haben. Hätten Sie in ein Kind in der Obhut von jemandem gelassen, der zu so etwas fähig ist?“

„Selbstverständlich nicht.“ Sam verstand, dass sie aufgebracht war. Er selbst spürte die aufkeimende Wut im Magen wie einen Knoten, der sich immer fester zuzog. „Haben Sie die Polizei verständigt?“

„Noch nicht. Ich kenne das Prozedere für solche Fälle bei Ihnen nicht, und außerdem war es wichtiger, Sefina hierherzubringen.“

Sam nickte und wandte sich wieder der jungen Frau zu. Lia hatte recht. Sie mussten schnell handeln. Sobald Sefina stabil genug war, würden sie ein CT schreiben und danach über die Behandlung entscheiden. Im Moment sah es so aus, als ob eine Notoperation nicht ausgeschlossen war. Das Wie und Warum ihrer Verletzungen aufzuklären musste vorerst zurückstehen.

Da Hettie das Kind betreute, fehlte ihnen hier eine Kraft. „Können Sie hierbleiben?“, fragte er Lia. „Wir bräuchten Unterstützung.“

Sie blickte zu Jack hinüber, der sich anschickte, die Rollliege zurückzubringen.

„Kein Problem“, sagte er. „Ich muss nur den Vogel abschließen und sichern. Wir werden für eine Weile nirgends hinfliegen. Wir können froh sein, dass wir es heil hierhergeschafft haben.“ Er grinste Sam an. „Es war ein wilder Ritt. Und ich kenne niemanden, der so gut damit klargekommen ist wie Lia.“

Sam hatte selbst einige ungemütliche Flüge hinter sich. Er wusste also, wie schwierig es war, unter solchen Bedingungen einen Patienten zu versorgen. Hinzu kam, dass einem schon das Herz in die Schuhe rutschen konnte, wenn der Hubschrauber in Turbulenzen geriet. Jacks Bewunderung für die neue Sanitäterin war nicht zu überhören.

Warum irritierte ihn das so sehr? Weil der Pilot für seine lockeren Affären bekannt war? Schließlich hatte sich schon mehr als eine Frau an Sams Schulter ausgeweint, nachdem auch sie einsehen musste, dass Jack sein Junggesellenleben liebte.

Die Vorstellung, dass Lia bei ihm Trost suchte, hatte einen Moment lang etwas Verlockendes. Doch schnell schüttelte er das Bild ab, es war zu lächerlich. Lia konnte gut allein auf sich aufpassen. Mehr noch, wenn sie sich tatsächlich mit Jack einließ, wäre es nicht ausgeschlossen, dass der Pilot sich an Sams Schulter ausweinte.

Der Gedanke verleitete ihn zu einem Schmunzeln, das allerdings rasch wieder verschwand, als Sam sich auf seine Patientin konzentrierte.

„Legen wir einen zweiten Zugang für mehr Flüssigkeit. Können Sie die Blutgruppe bestimmen und eine Kreuzprobe machen? Sefina? Öffnen Sie die Augen, Liebes. Wissen Sie, wo Sie sind?“

Sefina stöhnte, schlug aber die Augen auf. Sam merkte, dass sie wach genug war, um wieder Angst zu bekommen. Es war bedrückend, mitanzusehen, wie verstört sie war.

„Es ist alles gut“, versicherte er ihr. „Sie sind im Krankenhaus, wir kümmern uns um Sie. Hier sind Sie sicher.“

Sefina rollte den Kopf auf dem Kissen hin und her. „Joni … Wo ist Joni?“ Sie versuchte, sich aufzurichten. Eine der Elektroden des Herzmonitors löste sich, und das Gerät schlug Alarm.

Lia griff nach dem dünnen Kabel und befestigte die Elektrode wieder. Beruhigend nahm sie Sefinas Hand in ihre. „Es geht ihm gut, Sefina“, sagte sie. „Bei uns ist er in guten Händen. Wir haben Sie hergeholt, weil Sie verletzt sind. Aber hier sind Sie sicher.“

Ihre melodische Stimme klang ruhig und gelassen. Sogar Sam spürte, wie seine Anspannung sich legte. Und Lias Lächeln erst … Es war wie wärmender Sonnenschein, als sie jetzt hinzufügte: „Das verspreche ich, Sefina.“

Der jungen Mutter liefen die Tränen über die Wangen, doch sie nickte. „Es tut so weh“, flüsterte sie. „Mein Bauch tut so weh.“

„Wir finden heraus, warum, und dann tun wir alles, damit es Ihnen wieder besser geht, okay?“, beruhigte Lia die Patientin.

Sam hoffte, dass sie ihn richtig verstand, als er ihr mit einem Blick dankte. Dann sagte er sanft zu Sefina, die sich immer noch an Lias Hand klammerte: „Ich bin Sam, einer der Ärzte hier. Darf ich mir mal Ihren Bauch ansehen?“

Eine Stunde später lagen alle Untersuchungsergebnisse vor.

„Keine Hirnblutung, das ist schon mal gut.“

„Aber eine Gehirnerschütterung“, ergänzte Anahera und blickte über die Schulter zu Sefina, die in ihrem Bett schlief, während sie mit einer Bluttransfusion versorgt wurde. „Sie erbricht sich immer noch und ist sehr schläfrig. Ich muss die Platzwunde nähen. Oder willst du das machen?“

„Sie kommt sowieso in den OP.“ Sam sah Lia an. „Sie hatten recht mit Ihrer Vermutung: Die Milz ist gerissen und muss entfernt werden.“

„So etwas können Sie hier machen?“

„Uns bleibt nichts anderes übrig. Bei dem Wetter sind wir auf uns gestellt. Wir können noch nicht einmal den Mann ausfliegen, der heute Morgen die Herzattacke hatte. Wie es aussieht, müssen wir ihn ein paar Tage unter Beobachtung behalten. Gut, dass Sie und Jack so schnell hier sein konnten. Mit dem Boot wäre es äußerst schwierig geworden.“

„Kann ich noch etwas tun?“

„Vielleicht achten Sie eine Weile auf den kleinen Jungen. Wir brauchen Hettie im OP. Wissen Sie, wo die Küche ist?“

„Die finde ich schon.“

Als sie an der Tür war, sah er, wie ihre Hand in die Tasche glitt und Lia das Handy herauszog. Hatte es vibriert, während sie bei diesem Notfall half?

Und er hatte geglaubt, sie vor Jack schützen zu müssen!

Ehe er sich’s versah, rief er ihr nach: „Beeilen Sie sich! Es wäre besser, wenn Sie sich später um Ihr Liebesleben kümmern würden.“

Liebesleben? Von wegen …

Eine Krankenschwester zeigte Lia den Weg zum Küchenbereich, und sie lief den Verbindungsgang entlang. Zum Schutz vor dem Sturm waren die Fensterläden geschlossen worden, die nun im wütenden Wind klapperten. Noch regnete es nicht, aber das konnte nicht mehr lange dauern.

Hettie saß in der Küche und fütterte Joni mit Eiscreme. Sobald Lia Sams Nachricht überbrachte, stand die Pflegedienstleiterin auf, gab dem Kleinen einen Kuss und verabschiedete sich von der älteren Frau, die, über die Arbeitsplatte gebeugt, Gemüse putzte.

Lia lächelte ihr zu. „Hi … Ich bin Lia.“

„Ich weiß.“ Die Frau lächelte freundlich. „Ich bin Vailea, die Küche ist mein Reich. Möchten Sie einen Tee oder irgendetwas anderes?“

„Das wäre toll … Aber ich möchte Sie nicht von der Arbeit abhalten.“

„Wie Sie sehen, habe ich viele Helferinnen.“ Sie deutete auf eine kleine Gruppe Insulanerinnen in weißen Schürzen und mit Kochhauben. „Moana, bringst du Joni bitte auf die Station? Frage eine der Schwestern nach einer Windel und ob sie dir helfen kann, ihn zu wickeln. Und sie haben bestimmt ein freies Bettchen. Ich glaube, der kleine Mann ist müde.“

Der Tee war süß und stark, genau so, wie Lia ihn mochte. Es gefiel ihr auch, dass Vailea sich mit ihrer Tasse zu ihr setzte, um ihr Gesellschaft zu leisten.

„Sefina wird einige Tage im Krankenhaus bleiben müssen. Was wird mit Joni? Behalten sie ihn hier bei seiner Mutter?“

„Wahrscheinlich. Ich werde mit meiner Tochter sprechen, sobald sie Zeit hat. Anahera haben Sie doch schon kennengelernt, oder?“

„Ja. Das ist Ihre Tochter?“

Vailea nickte. „Sie hat selbst schon eine Tochter. Hana ist etwas älter als Joni – vielleicht nehme ich ihn auch mit zu uns nach Hause. Armer kleiner Kerl …“

Lia nippte gedankenverloren an ihrem Tee. Sie rang noch mit sich, ob sie über eine Patientin reden sollte, doch dann siegte ihre Neugier. Vaileas Mitgefühl schien sich nicht nur darauf zu beziehen, dass Jonis Mutter krank war. „Jack hat gesagt, dass Sefinas Mann nicht Jonis Vater ist.“

Sie erntete einen bösen Blick. Hieß das, sie sollte sich nicht in etwas einmischen, das sie nichts anging? Nein, ihr Gefühl sagte ihr etwas anderes …

„Ich hatte den Eindruck, dass sie Hilfe braucht“, fuhr Lia fort. „Auch von anderer Stelle.“

Vailea schnalzte mit der Zunge. „Hat dieser Taugenichts Louis ihr das angetan?“ Traurig schüttelte sie den Kopf. „Es konnte nicht funktionieren.“

„Was denn?“

„Dieses Arrangement.“

Lia schwieg abwartend.

„Joni ist der Sohn von Ian Lockhart“, erklärte Vailea seufzend. „Den Lockharts gehört die Insel, und sie haben auch die Goldmine in Betrieb genommen. Im Grunde sind es gute Menschen. Max Lockhart ließ das Krankenhaus bauen, damit es allen Inselbewohnern zugutekommt. Und seine Tochter Caroline ist eine unserer besten Krankenschwestern. Ian allerdings … Tja, jede Familie hat ihr schwarzes Schaf, nicht wahr?“

Lia nickte. Reichtum und Macht konnten verheerende Folgen haben, wenn jemand sie skrupellos zu seinem eigenen Vorteil nutzte.

„Die Geschichte ist kein Geheimnis, warum sollten Sie sie nicht erfahren?“, sprach Vailea gedankenverloren weiter. „Niemand war besonders überrascht, dass Sefina von Ian ein Kind erwartete. Allerdings hat niemand damit gerechnet, dass er sie mit hierherbringen würde, nachdem ihre Eltern auf Fidschi sie vor die Tür gesetzt hatten. Anscheinend hatte er nie vorgehabt, sie zu heiraten. Dafür spannte er Louis ein – jeder weiß, wie faul der Kerl ist. Für Geld tut der alles.“

„Er hat Louis bezahlt, damit er Sefina heiratet?“

„Nicht nur ein Mal, sondern regelmäßig, jeden Monat. Bis …“

Lia blickte sie fragend an.

„Bis das Geld irgendwann ausblieb. Ian war verschwunden, und niemand wusste, wo er sich aufhielt. Die Mine war heruntergewirtschaftet, und zu allem Überfluss brach der Stollen ein. Es gab Tote. Außerdem ist kein Geld da, um das Insektizid gegen die Moskitos zu sprühen, sodass wir auch Todesfälle wegen Enzephalitis zu beklagen hatten.“ Sie seufzte wieder. „Ian ist bei den Menschen hier so verhasst, dass niemand etwas mit seinem kleinen Sohn zu tun haben will. Oder mit seiner Mutter. Und Louis … Nun ja, er ist wohl so etwas wie das schwarze Schaf des Dorfes. Aber wenn er an ihrem Zustand schuld ist, muss etwas unternommen werden.“

„Sam weiß Bescheid. Ich denke, er wird die Polizei verständigen, sobald er im OP fertig ist. Vielleicht hat er auch schon angerufen. Sie haben hier doch Polizei, oder?“

„Natürlich!“

„Entschuldigen Sie. Ich weiß noch so wenig über die Inseln. Wenn es hier Polizei gibt, haben Sie sicher auch Gerichte, Gefängnisse und so weiter.“

„Auf Atangi steht ein Gefängnis. Schwere Fälle werden allerdings nach Australien gebracht.“ Vailea griff nach Lias leerer Tasse und stand auf. „Sie werden schnell lernen, wie es bei uns so zugeht“, meinte sie lächelnd. „Und ich hoffe, dass Sie wiederkommen. Ich habe gehört, dass Sie heute großartig waren.“

Wie rasch sich hier etwas herumsprach! Lia hatte jedoch geahnt, dass in einer kleinen Gemeinde der Buschfunk wie eine gut geölte Maschine funktionierte. Erschütternd fand sie allerdings, dass eine junge Mutter mit ihrem Baby derart ausgegrenzt wurde.

„Ich muss mich um das Abendessen kümmern“, sagte Vailea. „Und nach Joni sehen.“

„Und ich …“ Lia zögerte. Was wurde von ihr erwartet, wenn das Wetter keine Flüge zuließ? Im Personalraum neben dem Funkgerät warten, falls ein Notruf kam, und sich dann mit dem Boot auf den Weg machen? „… müsste mit Jack reden.“

„Wahrscheinlich ist er im Aufenthaltsraum. Da ist er meistens, wenn er gerade nichts zu tun hat.“

Die Fensterläden ratterten immer noch, als Lia zum anderen Flügel hinüberging. Sie hatte keine Angst Im Gegenteil, sie fand das Klappern und das Tosen des Windes belebend.

Lia liebte Stürme und fand es herrlich aufregend, wenn die Natur wild und unberechenbar wurde. Auch sonst war heute ein guter Tag gewesen. Sie hatte ihren ersten Einsatz auch unter schwierigen Bedingungen gemeistert. Sefina war in guten Händen, und ihr Unhold von Ehemann würde ins Gefängnis gesperrt, sodass die junge Frau endlich ein angstfreies Leben führen konnte.

Vielleicht änderte Sefinas Familie auf Fidschi ihre Meinung, wenn sie erfuhren, wie übel man ihr mitgespielt hatte, und nahmen sie und das Kind bei sich auf.

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