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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 95

MEREDITH WEBBER

Doktor, Scheich – und Herzensbrecher

Auf einer Trauminsel will Sarah den Ärmsten helfen – und ihre eigenen seelischen Wunden heilen lassen. Dass Scheich Rahman plötzlich vor der jungen Ärztin steht, scheint ihr wie Ironie des Schicksals: Der Chirurg ist ihr Traummann – doch seinetwegen hat sie das Liebste auf der Welt verloren. Und das kann Sarah auch nicht vergessen, wenn sie in seinen Armen liegt …

LOUISA GEORGE

Süße Versuchung für Schwester Gabby

Sich von der schwierigen Operation erholen – mehr hat Dr. Max Maitland nicht im Sinn, als er die Bar betritt. Die schöne Krankenschwester Gabby scheint genau die Richtige für eine Ablenkung zu sein. Er setzt alles daran, sie zu erobern – und merkt plötzlich, dass er mehr will als nur ihren Körper. Aber er weiß, dass er zu einer echten Beziehung nicht fähig ist …

AMY ANDREWS

Diagnose: wahre Liebe!

Sechs Monate ist es her, dass Miranda ihren Gefühlen nachgegeben hat. Die Zeit in den Armen von Patrick Costello, dem unglaublich attraktiven Mediziner, war märchenhaft! Noch immer denkt sie an seine Lippen auf ihrer Haut – und plötzlich steht Patrick wieder vor der Krankenschwester. Er ist ihr neuer Boss – doch jetzt trägt er einen Ehering …

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Doktor, Scheich – und Herzensbrecher

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1. KAPITEL

Rahman al-Taraq brütete vor sich hin, zumindest nahm er an, dass dies die richtige Bezeichnung für seinen derzeitigen Gemütszustand war. Düstere Verstimmung war ihm fremd, weil er es gewohnt war, stets alle Energie darauf zu richten, sich selbst zu beweisen. Er wollte für das bewundert werden, was er erreicht hatte, nicht für seine königliche Herkunft.

Schon früh war ihm bewusst geworden, dass man ihm im elterlichen Palast jede Laune gewährte und jeden Wunsch erfüllte, und zwar nicht, weil er irgendetwas getan hatte, um es zu verdienen, sondern einfach, weil er war, wer er war. Welcher sechsjährige Junge bekam schon einen Elefanten zum Geburtstag? Und nur, weil er den Elefanten im Zirkus gesehen und beiläufig erwähnt hatte, das Tier sollte nicht mit einer Kette um den Fuß leben müssen. Der Gedanke heiterte ihn auf. Wenn man Rajah hierherbrächte! Er würde das tropische Paradies im Südpazifik lieben, den Regenwald, aber er würde die Gärten der Dorfbewohner binnen einer Woche komplett verwüsten. Außerdem wurde Rajah langsam zu alt zum Reisen.

Er erhob sich und durchquerte den Bungalow, den er sich für seinen Aufenthalt auf Wildfire Island hatte errichten lassen, blind für die Schönheit des naturbelassenen Steinbodens, des polierten Holzes und der farbenprächtigen, handgewebten Matten. Von außen mochte es aussehen wie ein typisches Inselhaus, aber im Innern war es ein Meisterstück erlesenster Arbeit.

Arbeit! Da war es wieder, dieses Wort, das ihm solche Probleme bereitete. Sosehr er sich auch davon zu überzeugen versuchte, dass die Beschäftigung, der er derzeit nachging, wichtig und bedeutsam sei, fand er doch immer wieder ein „Aber“.

Als er im Alter von zehn Jahren auf ein Nobelinternat in England geschickt worden war, hatte er sich als Harry vorgestellt, damit sein außergewöhnlicher Name ihn nicht aus der Masse hervorhob. Er hatte immer aus eigener Kraft strahlen wollen, nicht durch seine herrschaftliche Abstammung.

Als Harry stürmte er von Erfolg zu Erfolg, wollte immer der Beste sein, und entsprechend verlief sein Weg durch Schule und Studium. Bald stellte er fest, dass seine wahre Leidenschaft die Chirurgie war, und er betätigte sich zunächst als allgemeiner Chirurg, um sich später auf Kinderchirurgie zu spezialisieren und sein Leben in den Dienst der so verwundbaren Kleinen und Kleinsten zu stellen.

Aber man konnte ein Neugeborenes schwerlich mit einer zitternden rechten Hand operieren, die ihm als Folge einer sehr schwer verlaufenden Enzephalitis geblieben war. Seine erste Reaktion auf den Verlust seiner Arbeit, die er leidenschaftlich geliebt hatte, war rasender Zorn gewesen – Zorn auf die Schwäche seines Körpers, der ihm das antat.

Schließlich war ihm die Sinnlosigkeit seines Ärgers bewusst geworden, und er hatte sich ein neues Betätigungsfeld gesucht: Er richtete medizinische Forschungszentren zur Erprobung neuer Impfstoffe ein und entwickelte Programme zur Bekämpfung von Moskitos in den am schlimmsten betroffenen Gebieten.

Es war eine lohnende Arbeit, außerdem musste er fast pausenlos durch die ganze Welt reisen, um die Zentren zu überwachen, was ihn auf gute Weise erschöpfte, aber es erfüllte ihn nicht mit der Leidenschaft, mit der er seiner wahren Berufung nachgegangen war.

Er seufzte und versank wieder ins Grübeln, diesmal allerdings nicht über seine berufliche Situation, sondern über diese Frau. Sarah Watson … Er hatte sie schon einmal getroffen, dessen war er sicher, aber er konnte sich nicht erinnern, wo und wann. Offenbar hat die Enzephalitis auch mein Gedächtnis in Mitleidenschaft gezogen, dachte er grimmig.

Jedenfalls hatte er sie auf der Einweihungsparty für das neue Zentrum angesprochen, und sie hatte nicht nur bestritten, ihn zu kennen, sondern sich so schnell von ihm abgewandt, als hätte sie sich verbrannt, und war dabei so flammend rot geworden, dass er sicher war, sie log. Aber warum? Und warum, verdammt, interessierte ihn das? Er war tatsächlich extra auf die Insel zurückgekommen, um sie wiederzusehen, obwohl er wichtige Termine in Westafrika und Malaysia hatte.

Es musste an ihrem Haar liegen. Dichtes, glänzendes Mahagoni, und dieser würzige Duft, wie Essig vermischt mit Rosenparfüm … Essig? Hatte er wirklich Essig gerochen und sich davon angezogen gefühlt? Wen, bitte schön, zog es denn zu Essig hin? Wie auch immer, er war sich sicher, sie schon einmal getroffen zu haben, denn er hatte den Geruch ihres Haars sofort wiedererkannt.

Von seinem Freund Luke wusste er, dass sie die Chirurgin war, die alle sechs Wochen für eine Woche auf die Insel kam, und dass sie aus England stammte, was zumindest erklären könnte, warum sie ihm so bekannt vorkam – sein ganzes Leben als Spezialist für Kinderchirurgie hatte sich in London abgespielt.

Die Einweihungsparty war jetzt sechs Wochen her, und hier war er wieder, zurück im Inselparadies, obwohl seine Anwesenheit an anderen Orten gefordert war. Er griff zum Telefon und wählte die Nummer der Krankenstation. „Ist Dr. Watson da?“, fragte er die Rezeptionistin.

„Sie ist für heute mit der Arbeit fertig und jetzt wahrscheinlich am Sunset Beach“, kam die knappe Antwort.

Der Sunset Beach war nur einige Gehminuten entfernt in der nächsten Bucht. Er würde sie dort wie zufällig treffen und herausfinden, woher er sie kannte. Er legte das Telefon beiseite und verließ entschlossen den Bungalow. Er würde sie sehen, mit ihr sprechen, vielleicht an ihrem Haar schnuppern …

War er verrückt? Als hätte er nicht schon genügend Frauen, die sein Leben komplizierten; seine Mutter, drei Schwestern, sieben Tanten plus Yasmina, die ihm als Ehefrau ausgesucht worden war – zum Besten des Landes natürlich. Sie drängten ihn, nach Hause zu kommen und die Herrscherrolle zu übernehmen, wenn sein alternder Vater starb. Sie alle wussten, dass sein jüngerer Bruder weit besser dafür geeignet war als er, und der bloße Gedanke an seine Rückkehr und das Aufhebens, das seine Familie um ihn machen würde, lähmte ihn. Eine Fremde zu heiraten, fiel in eine andere Kategorie. Er hatte lange im Westen gelebt, aber er wusste, dass einige der alten Traditionen ihren Wert hatten.

Inzwischen war er am Wasser angekommen. Er hätte sich Schuhe anziehen sollen, die Steine hier waren ganz schön scharfkantig. Die Flut war zurückgegangen und das Wasser seicht, er würde einfach um die Felsen herumwaten …

Sarah kam herrlich erfrischt aus dem glitzernden Meer, griff zum Handtuch und zog anschließend ihr langes weißes T-Shirt über den Bikini. Selbst kurz vor dem Untergang brannte die tropische Sonne intensiv genug, um ihre helle Haut zu verbrennen. Hellhäutig und rothaarig, brachte sie nicht die besten Voraussetzungen mit für den Aufenthalt auf dieser tropischen Insel, aber sie hatte das Gefühl, hier könnte sie endlich Frieden finden.

Langsam ihr Leben wieder aufnehmen, das vor vier Jahren zerbrochen war und sie ans Ende der Welt geführt hatte, nach Australien, wo sie einen Job fand, in dem sie umherziehen konnte, eine Woche hier, eine Woche da, niemals lange genug an einem Ort, um den Leuten Gelegenheit zu geben, in ihrer Vergangenheit zu graben und die Erinnerung zurückzuholen …

Ein lauter Schmerzensschrei schreckte sie aus ihren Gedanken, und sie wandte den Blick zu den Felsen am Ende des Strandes, wo ein Mann im knietiefen Wasser auf und ab hüpfte. Ein Eingeborenenritual? Nein, sie hatte Schmerzenslaute gehört – hörte sie immer noch. Eilig zog sie ihre Sandalen an und lief über den Sand zu dem Mann, der versuchte, aus dem Wasser zu gelangen, wobei er seinen Fuß umklammert hielt. Es war derselbe, den sie kurz auf der Party gesehen hatte und der sich Harry nennen ließ.

Scheich Rahman al-Taraq, genauer gesagt, ein Mann, dem sie einmal die allergrößte Bewunderung entgegengebracht hatte für das Fachwissen und die Neuerungen, die er in die Kinderchirurgie eingeführt hatte. Sie war geschmeichelt gewesen, als er sie nach der Arbeit auf einen Kaffee eingeladen hatte, und hatte ihm begeistert von ihrem Wunsch erzählt, sich ebenfalls auf sein Fachgebiet zu spezialisieren. Deshalb war sie zu spät zu ihrer Verabredung mit David gekommen, der sie von der Arbeit hatte abholen wollen. Eine halbe Stunde zu spät, eine halbe Stunde, die alles hätte ändern können.

Sie schloss die Augen, um der Erinnerung zu entgehen. Der Zusammenstoß, die Angst, das Blut … Natürlich war es nicht Harrys Schuld, aber sein Anblick brachte den ganzen Horror von damals zurück. Nicht auf dieser wunderschönen Insel, bitte, wo sie gerade dabei war, wieder heil zu werden, aber der Mann hatte Schmerzen. Sie ging zu ihm und stellte sich an seine verletzte Seite, um ihn zu stützen. „Was ist passiert?“, fragte sie.

„Ich bin auf irgendetwas getreten, es tut extrem weh.“ Sein Gesicht war schmerzverzerrt.

„Wir bringen Sie zurück und rufen das Krankenhaus an“, sagte sie und hoffte, sie hörte sich gelassener an, als sie sich fühlte. Die Körperwärme des Mannes verwirrte sie, nein, seine Gegenwart brachte sie durcheinander, und wenn sie ganz ehrlich war, hatte die Erinnerung an ihr kurzes Treffen auf der Party sie die letzten sechs Wochen beschäftigt. Es brachte Dinge zurück, die sie vergessen wollte … und auch andere Dinge. Aber das wusste Harry natürlich nicht.

„Ich bin Sarah. Wir haben uns auf der Party getroffen.“

„Harry.“ Er stieß seinen Namen zwischen zusammengebissenen Zähne aus, doch inzwischen waren sie ein gutes Stück vorangekommen und näherten sich humpelnd den ersten Bungalows.

„Haben Sie gesehen, was es war?“, erkundigte sich Sarah und dachte an die zahlreichen giftigen Bewohner, die im Wasser lauerten.

„Bin draufgetreten!“ Sie waren an der Tür angekommen.

„Dann war es vermutlich ein Steinfisch. Sie vergraben sich im Sand oder verstecken sich in Wasserlachen, sodass man sie nicht von der Umgebung unterscheiden kann. Sie sollten Schuhe tragen. Funktioniert Ihr Heißwassersystem? Ist das Wasser heiß?“

Mühsam unterdrückte Wut lag in Harrys Stimme, als er antwortete. „Wollen Sie eine schöne heiße Dusche, oder was?“ Sarah entschied, dass seine Schmerzen sein Verhalten entschuldigten, also sagte sie nichts, sondern führte ihn zu einem Stuhl und kniete sich hin, um seinen Fuß zu untersuchen. „Sie haben zwei Einstiche, die bereits anschwellen. Ich hole heißes Wasser und rufe dann das Krankenhaus an. Heißes Wasser, so heiß, wie Sie es aushalten, wird den Schmerz lindern.“

Sarah sah ihm zum ersten Mal direkt in die Augen. Sogar mit zusammengebissenen Zähnen und schmerzverzerrtem Gesicht sah er gut aus. Groß, dunkel und stattlich, wie ein Prinz im Märchenbuch, dachte sie, als sie in die Küche eilte, um eine Schüssel mit heißem Wasser zu holen.

„Testen Sie das Wasser mit dem Zeh“, sagte sie, als sie zurückkam und die Schüssel vor ihm abstellte. „Ich kann es mit kaltem Wasser ein wenig kühler machen, aber es sollte so heiß sein, wie Sie es eben aushalten.“ Vorsichtig stellte Harry seinen verletzten Fuß in die Schüssel und seufzte vor Erleichterung, als der Schmerz nachließ. Er sah zu Sarah auf und schüttelte den Kopf. „Woher wussten Sie das?“, fragte er, doch Sarah antwortete nicht. Sie war am Telefon und sprach mit einem Arzt.

„Sam kommt gleich rüber“, erklärte Sarah, nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte. Sie ging in die Küche, um mehr heißes Wasser zu holen. Der Schmerz würde wiederkommen, wenn das Wasser abkühlte.

„Ich kenne Sie“, sagte ihr Patient, als sie zurückkam, und sah sie mit seinen dunklen Augen fest an. „Ich erinnere mich. Sie waren bei meiner Vorlesung im GOSH über Echokardeographie bei Kindern. Wir haben anschließend einen Kaffee zusammen getrunken.“ Seine Stimme reizte sie dazu, es ein zweites Mal zu leugnen. Great Ormond Street Hospital, GOSH, natürlich, sie war dort gewesen. Wie könnte sie das jemals vergessen? Sie hatte sich so extrem gefreut, eingeladen zu sein, weil sie selbst vorhatte, pädiatrische Chirurgin zu werden, und der hervorragende Sprecher – Harry – hatte ihren Ehrgeiz nur verstärkt, aber jeder Gedanke an diesen Tag verursachte ihr eine solche Qual, dass sie ihm wehtun musste.

„Der Mann, mit dem ich Kaffee trinken war, war einer der führenden Kinderchirurgen der Welt, ein Erneuerer und Erfinder, ein Held der Medizin, der stets neue Wege fand, um den verletzlichsten und zugleich wichtigsten Menschen unserer Gesellschaft, den Kindern, zu helfen. Ich weiß, dass Sie krank waren, aber Sie hätten immer noch so viel zu geben.“ Sie reagierte viel zu heftig, das war ihr bewusst, und nun vermischte sich ihre Pein mit Schuldgefühlen über ihren Ausbruch.

Harry sagte nichts, doch seine Wangen hatten sich vor Ärger gerötet. „Der Arzt ist da, ich gehe dann jetzt“, sagte Sarah mit unsicherer Stimme. Sie ergriff die Heißwasserschale und wollte sich hinausstehlen, doch ihr Patient erhob die Stimme. „Nun, die Frau, die ich traf, wollte dieselbe Arbeit tun!“

Blind vor Tränen machte Sarah sich auf den Weg zum Strand, um ihre Sachen zu holen. Warum musste dieser Mann ständig auf jenem schrecklichen Tag herumreiten und sie wieder und wieder zwingen, sich den grausamen Erinnerungen zu stellen? Gerade hatten ihre Wunden begonnen zu verheilen, und er riss sie alle wieder auf.

„Mist gebaut, ja?“ Sam Taylor, Chefarzt des Krankenhauses, betrat den Bungalow. Unmöglich, in seiner Gegenwart schlechter Laune zu sein. Er war ein äußerst fähiger, heiterer Mann, der umgehend ein Schmerzmittel auf den verletzten Fuß auftrug, ehe er vorschlug, zur weiteren Behandlung das Krankenhaus aufzusuchen. Er geleitete Harry zu dem Elektrowagen, der draußen geparkt war, und fuhr ihn in die Klinik.

Der Fuß hatte wieder zu schmerzen begonnen, doch Harry war mit anderen Dingen beschäftigt. Wie hatte er so kindisch sein und Sarah Watson so verletzen können? Ihre Worte waren in der Tat so tief gegangen, dass er automatisch zurückgeschossen hatte. Das hatte sie nicht verdient, nachdem sie ihm zur Hilfe gekommen war, ihn in den Bungalow gebracht und sich so aufmerksam um ihn gekümmert hatte.

„Sind Sie am Grübeln, oder ist es nur der Schmerz?“, erkundigte sich Sam, als er vor dem Krankenhaus hielt. „Kommen Sie, wir bringen Sie rein!“ Keanu Russel, der zweite diensthabende Arzt, kam heraus und half Sam, Harry durch die Notaufnahme in ein gut ausgestattetes Behandlungszimmer zu führen.

Harry staunte. „Das alles wegen eines Stichs? Oder steckt der Stachel noch im Fuß? War es eine dieser tödlichen Kreaturen, die hier so gut gedeihen?“

Sam schüttelte lächelnd den Kopf. „Hier haben wir die beste Ausrüstung. Wir können Sie an Sauerstoff anschließen, Puls und Blutdruck kontrollieren und auch sonst jede Körperfunktion am Bildschirm beobachten. Und nein, es ist nicht tödlich. Nur sehr schmerzhaft.“

„Was Sie nicht sagen“, brummte Harry. „Ich betrachte mich nicht als Weichei, aber es ist mir schwergefallen, nicht zu jammern, als Sarah mich zu meinem Haus gebracht hat.“

„Behalten wir ihn da?“, fragte Keanu Sam, als Harry erfolgreich an die Monitore angeschlossen war.

„Nein, er ist stark, er kommt klar. Wir schießen das Gegengift rein, lassen ihn eine Weile ruhen, checken ihn durch und schicken ihn nach Hause. Er mag nur ein Chirung sein, aber er weiß genug über Allgemeinmedizin, um uns wissen zu lassen, wenn er Probleme hat.“

Harry lächelte über die entspannte, heitere Art der Ärzte. Sie wirkten Wunder, sicherten die medizinische Versorgung der gesamten M’Langi-Inselgruppe und verloren nie ihre gute Laune. Er hoffte, etwas von ihrer Leichtigkeit aufnehmen zu können, wenn er lange genug blieb, doch im Augenblick war das unmöglich, denn die Frau, die er eben so verletzt hatte, betrat den Raum.

Sie trug immer noch ihr langes weißes T-Shirt über dem Bikini, ein gestreiftes Handtuch über der Schulter und einen besorgten Ausdruck im Gesicht. „Geht es ihm gut?“, fragte sie Sam.

„Frag ihn selbst!“, erwiderte Sam, und ihre seegrünen Augen richteten sich auf ihn und wurden schmal. „Sind Sie okay?“

„Hey, sei nett. Er ist ein Patient!“, rief Sam lachend.

„Deiner, nicht meiner. Ich war nur zufällig zur Stelle, als er barfuß über das Riff spazierte.“ Sie sprach die Worte „der Idiot“ nicht aus, aber sie hingen greifbar in der Luft. Trotz ihrer deutlichen Verachtung für ihn war sie wunderschön. Wahrscheinlich waren es ihre Farben, die er so hinreißend fand: das feurige Haar, die blasse Haut, die leuchtend grünen Augen, Dinge, die er alle bereits bei ihrem ersten Treffen vor Jahren bemerkt hatte. Aber jetzt spürte er etwas Tieferes, das ihn zu ihr hinzog. Verborgener Schmerz? Da konnte er ein Lied von singen. Spürte er ihn nicht jeden Tag, wenn seine rechte Hand beim Rasieren zitterte? Dann lass dir eben einen Bart stehen, schlug eine spöttische innere Stimme vor, und Harry schloss die Augen, um die Stimme und die Frau auszublenden.

„Ich habe nur eben vorbeigeschaut, um mich zu vergewissern, dass er gut untergebracht ist“, sagte die Frau. „Also dann, ihr zwei, bis morgen.“

Sam hielt sie auf, indem er sie am Arm berührte. Harry unterdrückte ein Knurren. Es war kaum eine leidenschaftliche Berührung gewesen und überhaupt, was ging es ihn an, wer sie anfasste?

„Bitte, Sarah“, sagte Sam, „falls du ein paar Minuten erübrigen kannst, möchte ich gern, dass du bleibst, bis die Infusion durch ist. Wir haben gerade eine Teambesprechung oben, und dein Anruf hat uns unterbrochen. Mina kümmert sich um die anderen Patienten, aber ich glaube, Harry gehört unter Beobachtung.“

Ich soll ihn beobachten? Sarah beantwortete Sams Bitte mit einem Nicken und sagte sich, sie müsse ja nicht dauernd im Zimmer bleiben, sondern könne ab und an prüfend hineinschauen. Andererseits wäre es vielleicht eine gute Idee, sich ihn genauer anzusehen. Sie könnte sich noch einmal vergewissern, ob er tatsächlich so attraktiv war, und vielleicht würde ihr das helfen herauszufinden, warum er sie so beunruhigte. Er schien Fragen in ihr aufzuwerfen, die sie vier Jahre lang unterdrückt hatte.

Ganz definitiv sah er gut aus. Olivfarbene Haut, dunkelhaarig, markantes Gesicht, mit einer geraden Nase und ausgeprägtem Kinn. Die Lippen machten es ein bisschen weicher, schön geschwungen, sinnlich … Krieg dich ein, Sarah! Hör auf mit diesem Unsinn!

„Sehen Sie mich an?“ Überraschend blasse Augen, grau, schauten sie an, und schwarze Augenbrauen hoben sich.

„Ich sehe Sie nicht an, ich beobachte nur. Ich bin darum gebeten worden, wie Sie wissen.“

„Kein großer Unterschied, würde ich sagen“, erwiderte Harry, wobei die leise Andeutung eines Lächelns um seine Mundwinkel zuckte. Sie konzentrierte sich auf den Monitor. Gerade wurde der Blutdruck angezeigt. Ein bisschen erhöht, aber der Schmerz ließ gerade erst nach, also war das ganz normal. „Fühlen Sie irgendeine Reaktion auf das Gegengift?“, fragte sie. „Übelkeit, Schwäche …“

Er hob eine Augenbraue, als wollte er sagen: „Mehr hast du nicht anzubieten?“

Fast hätte sie ihn angelächelt, doch dann fiel ihr ein, dass es gefährlich war, diesen Mann anzulächeln, also ging sie aus dem Zimmer und schnappte sich eine uralte Zeitschrift, nahm einen Stuhl und kehrte zurück ins Krankenzimmer, wo sie sich so weit wie möglich in die Ecke setzte. Harry schien zu schlafen.

Der Steinfisch hatte ihn in den rechten Fuß gestochen, also hatte sie seinen rechten Arm um ihre Schulter gehabt, als sie ihn zurückbegleitete. Hatte der Arm gezittert? Sein rechter Arm lag auf dem Bett. Oder hielt er die Bettkante fest? Sie hatte von Parkinsonpatienten erfahren, dass das Zittern sich verstärkte, wenn sie sich entspannten, und nachließ, wenn sie etwas festhielten. Galt das auch für Enzephalitispatienten, oder betraf es einen anderen Teil des Gehirns? Und warum interessierte sie das?

Sie seufzte und richtete ihren Blick auf Harrys Gesicht. Er schaute sie an, und obwohl sie gerne weggesehen hätte, wollte sie nicht zugeben, dass sein Blick sie verwirrte.

„Es tut mir leid“, sagte er und sah ihr tief in die Augen. „Ich hatte kein Recht, eine so schäbige, persönliche Bemerkung zu machen. All meine Freunde sagen mir, dass ich wegen der Folgen meiner Krankheit überempfindlich bin, aber das ist keine Entschuldigung.“

Jetzt sah sie ihn wirklich an und erkannte die Aufrichtigkeit in seinen Augen. Beinahe wurde sie schwach, denn der Mann war durch die Hölle gegangen. Und war sie nicht auch abgehauen, so schnell wie möglich von zu Hause weg, hatte sich einen Job gesucht, der sie nicht zwang, sich irgendwo niederzulassen, Freunde zu finden und vielleicht wieder einen Verlust zu erleiden?

Aber sie war kein Genie gewesen, er schon. Die Welt brauchte ihn. Sie straffte ihre Schultern, sah ihm in die Augen und sagte: „Wenn Sie eine Entschuldigung von mir erwarten, vergessen Sie’s. Ich habe jedes Wort gemeint, das ich gesagt habe. Sie müssen unzählige Lakaien haben, die um die Welt reisen und alle Einrichtungen prüfen können, die Sie gegründet haben. Indem Sie das selber tun, vergeuden Sie Ihre Zeit und Ihr Talent, und das ist beinahe kriminell.“

Jetzt müsste sie eigentlich gehen, aber sie konnte nicht – sein Blick fesselte sie. Die Augenbraue hob sich erneut. „Lakaien?“

Sein spöttischer Tonfall verärgerte sie nur noch mehr. „Sie wissen sehr genau, was ich meine“, sagte sie scharf, und er nickte.

Zufrieden, dass sie das letzte Wort hatte, wandte sie sich zum Gehen, um so viel Raum wie möglich zwischen sich und diesen Mann zu bringen.

„Wenigstens haben Sie endlich zugegeben, dass wir uns sehr wohl schon einmal gesehen haben“, sagte er.

So viel zum letzten Wort! Das ging nun eindeutig an ihn, und zugleich brachte es die volle Wucht der Erinnerung – an den wunderschönen Tag im GOSH und seine entsetzlichen Folgen.

Ihr Herz schlug so heftig, dass sie fast fürchtete, er könnte es hören, und sie fühlte einen qualvollen Schluchzer in ihrer Kehle aufsteigen. Dankbar registrierte sie, dass der Vorhang zurückgezogen wurde und sie vor der Demütigung rettete, auch noch vor seinen Augen in Tränen auszubrechen.

Caroline Lockhart, eine der fest angestellten Krankenschwestern, kam herein und lächelte Sarah so strahlend an, dass es unmöglich war, nicht zurückzulächeln.

„Ich komme, um Sie abzulösen“, sagte Caroline leise. „Sam lässt Ihnen danken, dass Sie eingesprungen sind. Wir haben gerade darüber gesprochen, wie wir eine größere Spende, die wir kürzlich erhalten haben, am sinnvollsten anlegen. Da Sie uns so unglaublich großzügig mit allen notwendigen Geräten für Endoskopie und Schlüssellochchirurgie ausgestattet haben, sind wir operationstechnisch bestens gerüstet. Wenn Sie eine Idee haben, was wir noch verbessern oder aufstocken könnten, lassen Sie es uns bitte wissen.“

Sarah nickte wortlos und erhob sich. Sie wünschte sich weit weg, denn Carolines Worte hatten eine weitere Wunde aufgerissen. Vier Jahre nach Davids Tod und dem Verlust ihres Babys hatte die Versicherung ihr eine Entschädigung ausgezahlt, was sie ganz furchtbar fand – als könnte man einen Ehemann und einen Sohn mit Geld ersetzen.

Sie hatte das Geld so schnell wie möglich weggeben wollen und sofort an Wildfire Island gedacht. In der Ruhe und Schönheit dieser Insel hatte sie allmählich ihren Frieden wiedergefunden, hier hatten ihre seelischen Verletzungen angefangen zu heilen, und es schien ihr angemessen, nach all dem Guten, was die Insel ihr gegeben hatte, ihrerseits etwas für Wildfire zu tun.

Sie verließ das Krankenhaus durch den Hinterausgang und ging auf die kleine Villa zu, in der sie immer wohnte, wenn sie hier war, klopfte aber zuerst an die Tür ihres Nachbarn. Sie wollte Ben, ihren Anästhesisten, daran erinnern, dass sie morgen sehr früh operieren würden.

Ben öffnete die Tür in kurzen Hosen und mit zerzaustem Haar und sah sie abwesend an.

„Störe ich?“, fragte Sarah.

„Bin gerade dabei, einen Leichnam zu zerstückeln“, erklärte er, und Sarah grinste. Ben war ein hervorragender Anästhesist, aber anscheinend war er ein noch besserer Schriftsteller. Sein sechster Mordfall stand auf der Bestsellerliste, und es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich ganz auf das Schreiben konzentrieren würde.

Sie würde lange suchen müssen, um einen neuen Anästhesisten zu finden, der mit ihr in die entlegensten Winkel des Outbacks reiste.

„Wir haben morgen früh eine Thyroidektomie“, sagte sie. „Unsere Patientin wurde heute Nachmittag eingeliefert, falls du am Abend ins Krankenhaus rübergehen und mit ihr sprechen möchtest. Ich denke, die Operation wird drei bis vier Stunden dauern, je nachdem, ob Komplikationen auftreten – sie hat Probleme mit dem Herzen, darum müssen wir sie sehr sorgfältig beobachten.“

Ben nickte. „Mach dir keine Sorgen, es wird alles glattgehen. Ich habe ihre Krankenakte schon gelesen und mich mit meinem ehemaligen Chefanästhesisten in Sydney über die Dosierung der Narkotika besprochen. Wir sind gut vorbereitet.“

Er schickte sich an hineinzugehen, offensichtlich bestrebt, wieder zu seinem Roman zurückzukehren, doch dann hielt er inne, streckte die Hand aus und berührte ihre Wange. „Hast du geweint?“ Argwohn und ein Anflug von Ärger klangen in seiner Stimme mit, und er sah sie besorgt an. „Hat dich jemand aufgeregt?“

Sarah zwang sich zu einem Lächeln. Sie kannte sein Bedürfnis, sie zu beschützen. Einmal hatte er sich mit dem Chef einer Klinik im Outback angelegt, weil der von ihr verlangt hatte, außerhalb ihrer gesetzlichen Arbeitszeiten Dienst zu tun.

„Es geht mir gut“, versicherte sie ihm, nahm seine Hand von ihrer Wange und drückte sie leicht.

„Das will ich hoffen“, sagte er, bevor er in seiner Villa verschwand und sogleich das Klappern seiner Tastatur erklang.

Nach dem kurzen Gespräch fühlte sie sich etwas besser, und sie beschloss, sich nicht im Haus zu verkriechen, sondern auf die Klippen am Sunset Beach zu steigen, um noch das letzte feurige Aufglühen des Sonnenuntergangs zu erwischen. Sie verpasste es knapp, doch das sanfte Pink, Mauve und Violett, das den Abendhimmel erleuchtete, war immer noch unbeschreiblich schön und tröstete ihr wundes Herz.

2. KAPITEL

Keanu brachte Harry zurück in sein Haus und erbot sich, eine Weile zu bleiben, doch Harry spürte, dass der junge Arzt darauf brannte, in das neu eingerichtete Labor zurückzukehren.

Andere Wissenschaftler durften die Einrichtungen ebenfalls benutzen, in denen Harrys Team daran arbeitete, einen Impfstoff gegen Enzephalitis zu entwickeln. Keanus Leidenschaft – neben seiner Verlobten, Caroline, und der Rettung der Goldmine auf Wildfire Island – galt dem M’Langai-Tee, einem Projekt, das sein Vater vor vielen Jahren ins Leben gerufen hatte.

„Gehen Sie nur und forschen Sie weiter über Ihren Inseltee“, sagte Harry freundlich. „Haben Sie schon irgendwelche Ergebnisse?“, fragte er.

Keanu schüttelte den Kopf. „Wir wissen, dass wir weniger Fälle von Enzephalitis haben als andere Südseeinseln, und der einzige Unterschied, was die Ernährung betrifft, ist dieser Tee, den wir trinken.“

Harry nickte. „Dann drücke ich Ihnen die Daumen.“ Er lächelte. „Vielen Dank, Keanu, ich komme klar. Sausen Sie nur zurück ins Labor“, sagte er und schloss die Tür hinter dem jungen Mann. Sofort schweiften seine Gedanken wieder zu Sarah. Vielleicht waren es doch eher Zitronen und nicht Essig, oder etwas Herberes – Limetten? Er runzelte die Stirn.

Sarah hatte ihren Standpunkt unmissverständlich klargemacht, er erinnerte sich nur zu gut an die Geringschätzung in ihrer Stimme. Das war das Problem mit dieser Frau – jeder Gedanke an sie schmerzte wie ein pochender Zahn.

Sie war schwanger gewesen. Offensichtlich hatte sie eine Familie, Mann und Kind, oder zumindest ein Kind. Warum arbeitete sie dann als Flying Doctor, als fliegende Einsatzärztin? Da war sie doch nur alle fünf Wochen für ein paar Tage zu Hause, was für ein Familienleben mochte sie führen? Und was ging ihn das überhaupt an?

Sarah arbeitete gern in dem kleinen, aber perfekt ausgestatteten Operationsraum auf Wildfire. Die großen Fenster ließen helles Tageslicht in den Raum und boten einen wunderschönen Blick auf den Regenwald, der hinter dem Krankenhaus begann und sich in üppigem Grün den Hügel hinaufzog. Außerdem stand ihr ein großartiges Team zur Seite: Sam, der selbst hätte operieren können, aber immer zu beschäftigt war, um regelmäßig im OP zu stehen, Oberschwester Hettie, Schwester Caroline und Ben, der fähige Anästhesist. Die Patientin lag in Narkose, und Sarah wollte eben mit der Operation beginnen, als sie spürte, dass jemand ins Zimmer trat. Sie spürte auch, wer der Besucher war.

„Herzlich willkommen“, begrüßte Sam den Neuankömmling, der immer noch irgendwo hinter Sarah stand. „Wie schön, dass Sie hereinschauen konnten!“

„Vielen Dank für die Einladung.“ Die tiefe Stimme schien in Sarah widerzuhallen, und sie starrte angelegentlich auf ihr Skalpell und atmete tief ein, um ihre innere Ruhe nicht zu verlieren. Sam sah sie an, den Wundsperrer in der Hand, und Hettie machte eine ungeduldige Bewegung: Ihr Team war bereit.

Sarah begann konzentriert mit der Operation, doch sie war sich der Anwesenheit des Besuchers sehr bewusst. Dies war ihre Operation, vielleicht könnte sie ihn bitten zu gehen? Andererseits schien Sam ihn eingeladen zu haben. Sie schob den Gedanken beiseite und richtete alle Aufmerksamkeit auf die Frau vor sich.

Sie schnitt entlang einer Falte im Hals der Frau, damit die Narbe später so unauffällig wie möglich war. Die nächsten drei Stunden versank sie ganz in ihrer Arbeit, entfernte sorgsam die Schilddrüse, wobei sie darauf achtete, die umliegenden Organe wie die Nebenschilddrüsen, den Kehlkopf und die Speiseröhre nicht zu beschädigen. Jetzt warf sie einen abschließenden Blick in die Wunde, um sicherzugehen, dass sämtliche Blutgefäße verödet waren.

„Ich übernehme das Nähen, wenn Sie wollen“, bot Sam an, und Sarah trat zur Seite. „Soll ich einen Wundschlauch legen?“, fragte er.

„Nein, es ist alles sauber“, antwortete sie. Sie bedankte sich bei ihrem Team und ging in den anschließenden Waschraum hinüber, wo sie ihre Haube und die Handschuhe abstreifte und alles in den Abfallbehälter warf. Immer noch im grünen OP-Kittel, drehte sie sich um und warf einen Blick durch das Fenster in der Tür, um endlich ihren unerwarteten Besucher in Augenschein zu nehmen.

Er sah gut aus, das musste sie ihm lassen. Das dunkelblaue Polohemd betonte seinen muskulösen Oberkörper, er hatte eine breite, starke Brust, an die man sich bestimmt herrlich anlehnen konnte. Sofort rief sie sich streng zur Ordnung und zwang ihre Gedanken in eine andere Richtung.

Es war doch wirklich unmöglich, dass dieser fähige Mann der Chirurgie den Rücken gekehrt hatte. Sie hatte genug über ihn gelesen und gehört, um zu wissen, dass er außerordentlich talentiert war. Außerdem hatte er sie zum Weinen gebracht! Zweimal! Warum dachte sie überhaupt über ihn nach?

Sie zog sich aus, duschte schnell, schlüpfte in ihre weiße Freizeithose und ein weiches T-Shirt und machte sich auf den Weg zu ihrem Häuschen. Ben hatte Dienst im Krankenhaus und würde sich gut um ihre Patientin kümmern, bis Sarah morgen früh wieder nach ihr sah.

Beim Hereinkommen fiel ihr Blick auf die Glasschale, die sie bei ihrem überstürzten Aufbruch aus Harrys Bungalow gestern in den Händen gehalten und in ihrer Eile, seinem Spott zu entkommen, einfach mitgenommen hatte. Jetzt wäre bestimmt ein guter Zeitpunkt, sie zurückzubringen – Harry war bei Sam im Krankenhaus, also würde sie die Schale rasch vor seiner Haustür abstellen. Sie schnappte sich einen Sonnenhut vom Haken an der Garderobe, nahm die Schale und ging wieder hinaus.

Ohne Sarah war ihm das Krankenhaus längst nicht mehr so interessant erschienen, und so war Harry bald nach ihr aufgebrochen. Nun schlenderte er den Hauptweg entlang, der durch das Gelände führte, und erkannte die Gestalt, die da vor ihm den Weg entlangstiefelte, sofort, obwohl sie einen schwarzen Schlapphut über ihr prachtvolles Haar gestülpt hatte. Prachtvolles Haar? Diese Frau raubte ihm noch den Verstand. Und er hatte sie mit seinen bissigen Worten so unverzeihlich verletzt.

Er beschleunigte seinen Schritt und schloss zu ihr auf. „Sind Sie auf dem Weg zu mir?“

Sie stutzte bei seinen Worten, lächelte aber und hielt die Schale hoch. „Ich bringe Ihnen Ihr Eigentum zurück, aber da Sie jetzt hier sind, kann ich es Ihnen auch gleich mitgeben.“ Sie legte die Schale in seine Hände. Ihre Finger berührten sich, und die Atmosphäre veränderte sich schlagartig.

„Würden Sie mit mir Mittag essen?“, fragte er unvermittelt und traf Sarah damit anscheinend so unvorbereitet, dass sie ihn nur mit großen Augen unter ihrem Hut hervor anschaute. Was sah sie? Sein Bedauern? Oder hatte sie einen Hauch von Verzweiflung in seiner Stimme wahrgenommen? Sie dachte einen Moment nach, dann nickte sie. Offensichtlich war sie von ihrer Zusage genauso überrascht wie er von seiner Einladung, aber er verbarg seine Freude nicht, als er lächelnd ihren Arm nahm.

Sein Fuß tat ihm immer noch weh. Hatte sie seine Essenseinladung und seinen Arm aus Mitleid akzeptiert, weil sie ihn hatte humpeln sehen? Wahrscheinlich!

Das Gefühl von Harrys Hand an ihrem Ellbogen brachte Sarah völlig durcheinander. Sie fühlte dieselbe körperliche Anziehung wie am Vortag, als sie ihm aus dem Wasser geholfen hatte. Heute würde sie sich besser im Griff haben und ihm nicht wieder Vorhaltungen machen, ganz egal, was seine männliche Ausstrahlung mit ihren Gefühlen anstellte.

Harry schwieg, bis sie seinen Bungalow erreichten. Er führte sie durch das Zimmer, in dem sie ihn verarztet hatte, hinaus auf eine grün berankte Terrasse. Nachdem er ihr einen Platz angeboten hatte, setzte er sich ihr gegenüber und musterte sie gründlich, während sie ihren Hut abnahm und ihr Haar auflockerte. Er konnte seine Augen nicht von ihr lassen.

Sarah ihrerseits war zufrieden, ihm schweigend gegenüberzusitzen, denn so hatte sie Gelegenheit, darüber nachzudenken, was hier eigentlich passierte. Was verband sie mit diesem Mann? War es eine Schwingung aus der Vergangenheit, als ihrer beider Leben so anders war? Oder war es reine körperliche Anziehung? Sie hatte sich so lange nicht mehr von jemandem körperlich angezogen gefühlt, dass sie sich kaum daran erinnern konnte.

„Möchten Sie etwas Kaltes trinken? Saft?“, fragte er schließlich, und Sarah fragte sich, ob sie sich den Moment gegenseitiger Anziehung nur eingebildet hatte.

„Kaltes Wasser wäre perfekt“, antwortete sie und lehnte sich dankbar zurück, als er ins Haus ging. Sie war erleichtert, dass der Bann gebrochen war, aber ihre innere Spannung wollte nicht weichen. Nach wie vor fühlte sie sich magisch von diesem Mann angezogen. Sich zum Essen einladen zu lassen und dann in Schockstarre zu verfallen, war gar nicht ihre Art. Sarah Watson war praktisch, organisiert, eigenständig und völlig zufrieden mit dem neuen Leben, das sie sich aufgebaut hatte.

Harry brachte ein großes Tablett mit tropischen Früchten, fein geschnittenem Fleisch, diversen Käsestücken und einem Korb voller Brot und Brötchen. „Eine Sekunde“, sagte er und verschwand wieder im Haus, um gleich darauf beladen mit Tellern, Gläsern, Besteck, Servietten und einem kleineren Tablett mit Butter und Saucen zurückzukehren.

„Wow! Wie haben Sie das denn in so kurzer Zeit alles zusammengezaubert?“, fragte Sarah erstaunt und sah zu ihm hoch, während er prüfte, ob sie alles hatten, was sie brauchten.

„Lakaien“, gab er kurz zur Antwort und stellte ihr einen Teller und ein Glas hin. „Die Leute aus der Küche bringen mir jeden Tag so ein riesiges Mittagessen, obwohl ich ihnen immer wieder sage, dass ich allein unmöglich so viel essen kann.“

„Also darum haben Sie mich eingeladen – um beim Essen zu helfen!“, scherzte Sarah und lächelte ihn an.

Er sah sie einen Moment an und schüttelte dann den Kopf. „Weiß der Himmel, warum ich Sie eingeladen habe“, murmelte er und runzelte verwundert die Stirn. „Wahrscheinlich, weil Sam und Caroline mich fast in der Luft zerrissen hätten, weil ich Sie so gekränkt habe. Es muss mein schlechtes Gewissen gewesen sein.“

Also hatte Sam gesehen, dass sie geweint hatte, als sie aus dem Bungalow gekommen war, und Caroline hatte eindeutig gemerkt, dass sie gestern in der Notaufnahme aufgewühlt gewesen war … Aber ihn gleich in der Luft zerreißen? Sie konzentrierte sich auf das Essen, legte sich ein paar Obststückchen auf den Teller, nahm eine Scheibe Bruschetta und etwas Käse.

„Sie sind offensichtlich über meine jüngere Vergangenheit informiert, aber was ist mit Ihnen passiert?“, fragte Harry mit sanfterer Stimme und sah sie freundlich an. Sie runzelte angesichts seiner direkten Frage die Stirn, nahm ein Stück Melone und schwieg. „Sie müssen natürlich nicht antworten, aber ich habe Sie sehr aus der Fassung gebracht und würde das niemals absichtlich tun. Nicht um alles in der Welt.“

Nun musste sie doch zu ihm hinsehen und nahm die Sorge und das Mitgefühl in seinen Augen wahr. Es wäre so einfach, es ihm zu erzählen, ihre Grobheit damit zu entschuldigen, wie schmerzlich die Erinnerung an ihre erste Begegnung war, aber sie zögerte.

Er schob seinen Stuhl näher an sie heran, nahm ihr den Teller ab, fasste ihre Hände und sah ihr tief in die Augen. „Was ist aus Ihren Plänen geworden, Kinderchirurgie zu praktizieren? Wo ist das Kind, mit dem Sie schwanger waren? Was war so schrecklich, dass Sie um die halbe Welt geflohen sind und jetzt als Flying Doctor arbeiten?“ In seinen Worten lag der aufrichtige Wunsch, mehr über sie zu erfahren. „Ich habe Sie heute beobachtet. Sie sind die geborene Chirurgin. Sie waren so begeistert von der Kinderchirurgie …“

„Das waren Sie auch!“, schoss sie zurück. „Manchmal kommt eben etwas dazwischen.“ Er antwortete nicht, sah sie nur weiter an und schüttelte dann den Kopf. „Tut mir leid, ich hätte nicht fragen dürfen. Was Sie tun oder nicht tun, geht mich nichts an, und wenn ich Ihnen gestern zu nahe getreten bin, so bedaure ich das aufrichtig.“

Harry schob seinen Stuhl zurück und reichte ihr den Teller, den er ihr abgenommen hatte. Was war nur über ihn gekommen, dermaßen in sie zu dringen? Statt die Gesellschaft dieser attraktiven Frau einfach zu genießen, belästigte er sie mit Fragen, die sie eindeutig nicht beantworten wollte. Und warum sollte sie auch? Was ging es ihn an?

Er fühlte sich zu ihr hingezogen, aber woher kam dieser Wunsch, in ihrer Vergangenheit zu graben? Das machte er doch sonst nicht! Er nahm die Frauen, wie sie waren, und genoss die Freuden einer lockeren Beziehung, von der beide wussten, dass sie nirgends hinführen würde. Er hatte immer im Hinterkopf, dass er seinem Land verpflichtet war und dass dort eine arrangierte Ehe auf ihn wartete. Seine Beziehungen waren locker, und er blieb mit vielen seiner Freundinnen befreundet.

Aber diese Frau? Er schob seinen Teller beiseite und sah sie an. „Obwohl wir anscheinend nichts anderes tun, als einander mit Vorwürfen zu bombardieren und wehzutun, ist da doch irgendetwas zwischen uns“, sagte er in der Hoffnung, dass es helfen würde, die Dinge offen anzusprechen.

Sie lächelte. „Eine Tasse Kaffee vor vier Jahren und der Stich eines Steinfisches?“

„Nein! Eine Verbindung, eine Anziehung – eine starke Anziehung, die Sie doch auch spüren müssen.“

Sie sah von ihrem Teller auf und wandte den Blick wieder ab, wählte angelegentlich ein Stück Ananas aus und schob es zwischen ihre vollen rosa Lippen. Jeder Nerv in seinem Körper spannte sich an – Anziehung? Oder Anspannung, was sie wohl antworten würde?

„Und?“, fragte sie schließlich, nachdem sie das Stück Ananas viel länger gekaut hatte, als nötig gewesen wäre, und es schließlich herunterschluckte, wobei die zarte weiße Haut an ihrem Hals sich auf und ab bewegte und sie mit der Zungenspitze einen Tropfen Saft von ihrer Lippe leckte.

„Und was?“ Seine Stimme war rau vor Erregung. Ihre Lippen deuteten ein Lächeln an, wobei leichte Grübchen in ihren Wangen erschienen. „Und was sollen wir machen, wenn da, wie Sie sagen, irgendetwas zwischen uns ist?“

„Ich weiß es nicht!“ Er hob ratlos die Arme. So lief das normalerweise nicht. Er traf eine Frau, sie mochten einander, gingen essen und landeten schließlich im Bett. Nein, er sollte nicht ans Bett denken, vor allem, wo sein Bett direkt nebenan stand und er schon eine nackte Sarah Watson darauf ausgestreckt sah, während er sie von den Zehen bis zur Stirn mit Küssen bedeckte … Er verbannte das Bild aus seinem Kopf.

„Ich habe schon lange keine Beziehung mehr gehabt“, sagte sie leise, stellte den Teller ab und lehnte sich zurück, wobei sich ihr T-Shirt straff über ihren Brüsten spannte.

„Warum nicht?“, fragte er, aber sie schüttelte nur den Kopf und sah so verloren aus, dass er sie am liebsten in die Arme genommen und an seine Brust gedrückt hätte, bis der traurige Ausdruck aus ihren schönen Augen verschwand.

„Aber ich glaube, ich hätte gern eine.“ Er glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. „Mit mir?“, brachte er heraus, wobei er sich weniger als Mann von Welt fühlte denn je. Dieses Mal lächelte sie richtig. „Nun, Sie sind hier, und ich glaube, Sie haben recht, da ist irgendetwas zwischen uns. Wir sind beide alt genug, um körperliche Anziehung zu erkennen, und wir sollten es uns eingestehen, denn wir scheinen einander ja nicht besonders zu mögen, und ich glaube eigentlich nicht an sofortige …“

„Lust?“, schlug er vor, als sie verstummte.

„Ich denke, dieses Wort beschreibt es ganz gut“, gab sie zu, „und da ich nur für eine Woche hier bin, eigentlich nur noch fünf Tage, dürfte es nicht besonders kompliziert werden. Es wäre eine Urlaubsromanze ohne den Urlaub – eine Affäre.“

Er nickte, teilweise, weil er sprachlos war, und teilweise, weil er keine Ahnung hatte, was er jetzt tun sollte. Er könnte sie ins Schlafzimmer führen und ausziehen, aber das schien ihm ein bisschen zu übereilt. Verdammt, wie bekam er denn normalerweise eine Frau ins Bett? Er musste doch irgendeine Technik draufhaben, wie man vom gemeinsamen Essen ins Schlafzimmer kam!

Seine Verwirrung brachte sie zum Lächeln. Hatte sie wirklich gerade eine Affäre vorgeschlagen? Nun, der Mann war der attraktivste, heißeste Vertreter seiner Spezies, den sie je getroffen hatte, und wenn ein rasender Puls, flache Atmung und zitternde Nerven etwas zählten, dann war da zweifellos irgendetwas zwischen ihnen. Aber eine Affäre?

Kaum. Ein Abenteuer. Ein sehr kurzes Abenteuer … Sie blickte in diese schläfrigen grauen Augen, studierte seine schön geformten Lippen, ignorierte die Panik, die in ihr hochkochen wollte, und sagte: „Gut, und was machen wir jetzt?“

Er wirkte so perplex, dass sie ihm helfen musste. „Entweder küsst du mich oder ich dich. Was ist dir lieber?“

„Im Ernst?“

„Ich glaube schon, aber je mehr du hier herumdruckst, desto unsicherer werde ich. Vielleicht sollten wir drüber schlafen und morgen entscheiden.“

„Und die heutige Nacht verpassen? Auf keinen Fall.“ Endlich küsste er sie, und sie schmolz dahin. Dies war ganz anders als alles, was sie bisher erlebt hatte. Eine Welle des Verlangens stieg in ihr hoch. Lust? Na und? Wen interessierte, was es war? Sie konzentrierte sich auf den Kuss und erwiderte ihn mit aller Glut.

Er spürte ihr kurzes Zögern und erinnerte sich an ihre Tränen, darum hob er den Kopf, streichelte ihr Gesicht und sah ihr in die Augen. „Bist du sicher?“

Fast sicher. Sie sprach die Worte nicht aus, aber er las sie in ihren Augen. Fast sicher war nicht genug – nicht diesmal, nicht mit dieser Frau. Er wollte, dass sie sich ganz sicher war, also küsste er sie leicht auf den Mund und versuchte ein Lächeln, obwohl es bestimmt genauso falsch aussah, wie es sich anfühlte. „Denk drüber nach“, sagte er leise.

Sie nickte. „Ich glaube, das muss ich“, antwortete sie, erhob sich, dankte ihm höflich für das Essen und ging davon. Hinaus aus seinem Haus, aber nicht aus seinem Leben? Er wusste es nicht.

3. KAPITEL

Sarah ging direkt zum Sunset Beach. Dies war ihr Zufluchtsort auf der Insel, und je eher sie dort ankam, desto schneller würde sie herausfinden können, was da eben geschehen war. Sie musste den Verstand verloren haben, dem Mann in aller Ruhe mitzuteilen, dass sie nichts gegen eine schnelle Affäre einzuwenden hätte! Welchem Teil ihres kranken Hirns mochten diese Worte entsprungen sein? Falls das Hirn bei der ganzen Geschichte überhaupt beteiligt gewesen war!

Mittlerweile war sie an den Felsen am Strand angekommen und kletterte hinüber, um sich in den Sand zu setzen. Die Schönheit der Szenerie beruhigte sie. Zu Beginn, wurde ihr klar, hatte sie nur Trauer empfunden und sich durch den Trauerprozess von allen anderen entfernt, sodass ihr gar nicht richtig bewusst geworden war, dass mit David und ihrem ungeborenen Kind auch ihr sinnliches Verlangen gestorben war.

Rahman al-Taraq – Harry – auf der Party wiederzusehen, hatte nicht nur die Erinnerung an diesen furchtbaren Tag wieder auferstehen lassen, sondern auch ihre Sinne. Das Wiederaufflackern ihrer eigenen Lust hatte sie dermaßen verstört, dass sie vorgab, ihn nicht zu kennen, und die Party sofort verließ. Aber das innere Sehnen blieb, und während der folgenden Wochen träumte sie von Sex mit David, nur dass es manchmal nicht David war, und diese Erkenntnis verstörte sie.

Sie blickte hinaus auf das glitzernde Meer und seufzte. Was sollte sie jetzt tun? Sich auf eine kurze Affäre einlassen? Wäre es damit getan? Oder würde sie mehr wollen? Sie seufzte erneut und erinnerte sich daran, dass es in dem Fall eine Menge anderer Männer gab, mit denen sie Spaß und aufregenden Sex haben konnte.

Schnell sah sie zum Himmel empor und hoffte, dass Davids Geist ihre Gedanken nicht sehen konnte. Dann lächelte sie. David hatte ihr schließlich beigebracht, dass es okay war, den Sex zu genießen; mehr als okay. Er hatte ihr gezeigt, wie leicht und doch unglaublich intensiv die körperliche Liebe sein konnte. David …

Harry hatte das Gefühl, stundenlang im Zimmer auf und ab gelaufen zu sein. Erst teilte Sarah ihm in aller Seelenruhe mit, dass sie gern eine Affäre hätte, und dann ging sie ebenso gelassen weg. Vielleicht nicht ganz so gelassen – der Kuss war heiß gewesen! Noch schlimmer war, dass sie nicht gesagt hatte, dass sie eine Affäre mit ihm, Harry, wollte! Sie war einfach gegangen, als hätte das ganze Gespräch gar nicht stattgefunden. Er musste das klären. Ob sie am Strand war? Er hatte gehört, dass sie jeden Abend den Sonnenuntergang am Sunset Beach betrachtete.

Sein ganzer Körper schien vor Verlangen nach ihr zu schmerzen. Alles war gut gewesen, bis sie mehr oder weniger vorgeschlagen hatte, miteinander ins Bett zu gehen. Er versuchte, seine Gefühle zu analysieren. Ganz sicher war da eine starke Anziehung, aber damit könnte er umgehen. Neu war dieses schmerzliche Sehnen, und er wusste nicht, was es bedeutete. Am besten dachte er gar nicht weiter darüber nach, sondern ging direkt runter an den Strand, um sie dort zu suchen.

Er sah sie sofort; ihre schlanken weißen Arme pflügten rhythmisch durch das Wasser, ihr nasses Haar wirkte fast schwarz gegen ihre blasse Haut. Ihre Kleider lagen unter einer Palme im Sand, und er schnappte sich ihr Handtuch und stellte sich damit ans Wasser, um auf sie zu warten.

Wie Venus entstieg sie den Fluten und wrang sich das Wasser aus den Haaren. Ihre Haut schimmerte hell, das Wasser perlte von ihrem schönen Körper. Er betrachtete die Gestalt im schwarzen Badeanzug, sog den Anblick ihrer vollen Brüste unter dem nassen Stoff, der schmalen Taille, der geschwungenen Hüften und ihrer endlos langen Beine in sich auf.

Sie sah auf, bemerkte ihn und lächelte. Beinahe wurden ihm die Knie weich, als er ihr mit nervösen Händen das Handtuch um die Schultern legte und es unter ihrem Kinn zusammenhielt.

„Du zitterst ja“, murmelte sie und sah ihm prüfend ins Gesicht. Ob sie seine Not sehen konnte?

„Du musst mich verhext haben“, stammelte er. Er reagierte so stark auf diese Frau, dass er sich einen Moment lang fragte, ob seine Enzephalitis wieder ausgebrochen und er im Delirium war. Er atmete tief ein, um sich zu beruhigen, dann zog er sie ganz sacht näher an sich heran.

Gleich würde er sie küssen, aber für den Augenblick war es genug, sie zu halten, und mehr als genug, dass sie ihn nicht von sich wegstieß.

Meergrüne Augen blickten zu ihm hoch, und ihre rosa Lippen verzogen sich zu einem schüchternen Lächeln. „Das ist verrückt.“ Die Worte waren kaum mehr als ein Hauch, aber ihr Gesicht sagte ihm so viel mehr. Sie war unsicher, verletzlich …

Und er wollte sie nie wieder loslassen.

„Wolltest du etwas?“ Sie hatte sich leicht zur Seite bewegt, und ihr verlorener Gesichtsausdruck war einem schelmischen Lächeln gewichen.

„Dich!“, sagte er schroff, obwohl ihm bewusst war, dass er zu schnell voranpreschte. Dies war keine der karrierebewussten Geschäftsfrauen, mit denen er normalerweise zu tun hatte, und er war im Moment ganz sicher nicht der aufmerksame, lockere Gelegenheitsliebhaber, als den die Frauen ihn kannten und schätzten. Jener war ein versierter romantischer Verführer, während der Mann hier am Strand so verdammt unsicher war, dass er bebte.

Sie hatte sich ihm entwunden und sich selbst abgetrocknet – Himmel, er hätte das tun sollen, statt wie festgewachsen dort zu stehen und sie an sich zu drücken. Er hätte sanft ihre Beine abreiben, mit dem Tuch über ihre wunderschönen Kurven gleiten und die blasse Haut zwischen ihren Schulterblättern trocknen sollen.

Zum ersten Mal verstand er die Bedeutung des Satzes „Reiß dich zusammen!“. Er hatte diese Aufforderung immer idiotisch gefunden, aber jetzt war es genau das, was er brauchte.

Als sie das Handtuch auf den Sand fallen ließ, hatte er sich so weit erholt, dass er nach ihrer Bluse greifen konnte, sie ihr hinhielt. Er sah ihre langen, schlanken Arme in die Ärmel gleiten und drehte sie sacht um, sodass er die Bluse zuknöpfen konnte. Er schloss den Knopf über der Wölbung ihrer Brust und konnte kaum atmen, als seine Finger ihre Haut berührten und er ihre Spannung spürte.

„Iss mit mir zu Abend.“ Es sollte eine Bitte sein und klang wie ein Befehl.

Er rechnete mit ihrer Empörung und war überrascht, als sie sich entspannte und lächelnd bemerkte: „Machen die Lakaien dir auch das Abendessen?“

„Selbstverständlich“, sagte er und lächelte sie an. „Ich kann alles bestellen. Was isst du gern? Die Krebse sind himmlisch.“

„Ich werde sie probieren“, erwiderte sie und beugte sich hinunter, um ihr Handtuch auf dem Sand auszubreiten, setzte ihren riesigen Hut auf, richtete sich wieder auf und sah ihn an. „Um wie viel Uhr?“

Etwas Herausforderndes lag in ihren Worten, und er vermutete, dass es mehr ihr selbst galt als ihm. Es war eine Weile her, hatte sie ihm erzählt, und jetzt war sie offensichtlich nervös. Es gefiel ihm, aber es gab so viele Dinge, die ihm an dieser Frau gefielen …

„Willst du bleiben und dir den Sonnenuntergang mit mir ansehen?“ Sie bedauerte ihre Worte, kaum dass sie sie ausgesprochen hatte. Genoss sie die herrlichen Sonnenuntergänge nicht am liebsten allein? Sie waren der Höhepunkt ihrer Tage.

„Das würde ich sehr gern.“

Ihr Magen zog sich nervös zusammen. Herrje, wenn sie solche Reaktionen auf eine einfache Antwort von ihm zeigte, liefen die Dinge wirklich aus dem Ruder. Ob sie ihm anbieten musste, ihr Handtuch mit ihm zu teilen, nachdem sie ihn schon eingeladen hatte zu bleiben?

Er machte ihren unruhigen Überlegungen ein Ende, indem er sich neben ihrem Handtuch niederließ und eine Handvoll des weißen Muschelsandes aufnahm.

„So weiß“, murmelte er, als sie sich neben ihn setzte. „Nicht so fein wie der Sand bei mir zu Hause, aber auf seine eigene Art sehr schön.“

„Um die wirkliche Schönheit zu erleben, müssen wir noch etwas warten“, sagte sie und nickte in Richtung der Sonne, die kurz davorstand, hinter dem Horizont zu verschwinden. Der Himmel leuchtete in intensivem Rot und Gold. „Wenn sie tiefer sinkt, werden die Farben des Himmels nicht nur vom Wasser, sondern auch von den Sandkristallen reflektiert. Ich habe den Strand pink und rot und manchmal auch schon lila gesehen. Wie gemalt!“

Er nickte, und sie fragte sich, wie es in seinem Land sein mochte, warum er es verlassen hatte und ob die Sonnenuntergänge dort die Wüste auch in farbiges Licht tauchten. Und das erste Mal seit dem Unfall war sie wirklich neugierig auf ein anderes Land, fühlte ein Verlangen zu reisen, eine Wüste im Sonnenuntergang zu sehen und all die anderen Wunder, die das Land zu bieten hatte.

„Oh, ja“, sagte er leise. Dünne Wolkenbänder ließen die Farbexplosion noch dramatischer erscheinen, der westliche Himmel schien in Flammen zu stehen. Er nahm ihre Hand, und irgendwie fühlte sich das richtig an, angenehm sogar, denn sie beide teilten etwas Besonderes miteinander.

Der Himmel verschleierte sich in wunderschönem Rosa und Violett, und Sarah erhob sich zögernd. „Es wird jetzt sehr schnell dunkel“, erinnerte sie ihn. „Ich muss gehen, um auf dem Weg noch etwas sehen zu können.“

Er hielt noch immer ihre Hand. Er hatte ihr nicht aufgeholfen, also musste sie ihre Hand in seiner gelassen haben – sicher und warm. Um sich abzulenken, blickte sie zu den Felsen hinüber.

„Du solltest dort nicht langgehen“, erklärte sie. „Nimm lieber den Weg und komm mit bis zur Siedlung.“

Er antwortete nicht, folgte ihr aber. „Ich hätte dich ohnehin begleitet“, sagte er. „Ein paar Manieren besitze ich noch.“

Sie blieb kurz stehen und sah ihn an. „Dir ist klar, dass die Buschtrommeln schlagen werden?“

Er lachte auf. „Lass sie schlagen“, sagte er unbekümmert, dann fragte er mit sanfter Stimme: „Ist das für dich in Ordnung? Oder fühlst du dich nicht wohl bei dem Gedanken?“

Sie lächelte ihn an. „Ich habe mich jahrelang nicht wohl gefühlt“, antwortete sie ernst und atmete tief ein, um sich zu wappnen für das, was sie sagen musste. „Sie sind bei einem Unfall gestorben, mein Mann und mein ungeborener Sohn, in derselben Nacht, in der ich mit dir im GOSH gesessen habe. Wir waren auf dem Weg nach Hause, als es passierte. Dich auf der Cocktailparty wiederzusehen, hat alle Erinnerungen wieder hochgeholt.“

„Oh Sara, was soll ich sagen?“ Er schlang die Arme um sie. „Nichts, was dir helfen könnte, da bin ich sicher. Ich kann mir so einen Verlust nicht einmal vorstellen, geschweige denn deinen Schmerz.“

Sie ließ sich von ihm halten, kuschelte sich sogar an ihn; der warme Körperkontakt und die Sicherheit seiner Umarmung waren Balsam für ihre wunde Seele. Er küsste sie sanft auf den Kopf. „Und danach?“, wollte er wissen.

„Die Leute sind auf Zehenspitzen um mich herumgeschlichen, haben jedes Wort sorgsam abgewogen oder überhaupt nichts gesagt, was mir ganz recht war, weil ich sowieso voll und ganz mit meiner Trauer beschäftigt war.“ Mittlerweile hatte der Sonnenuntergang eingesetzt, und die sinkende Sonne tauchte die Szenerie in leuchtendes Gold. Sarah griff nach Harrys Hand. „Lass uns für einen Moment hinsetzen und den Sonnenuntergang genießen“, schlug sie vor.

Harry breitete das Handtuch auf dem Sand aus und zog Sarah neben sich. Er legte den Arm um ihre Schulter, und sie lehnte sich an ihn. „Ich habe lange gebraucht, mein Leben neu aufzubauen“, fuhr sie fort. „Nach Australien zu gehen, so weit weg von meinem alten Leben wie nur möglich, hat mir enorm geholfen, und Stück für Stück habe ich es wieder zusammengeflickt.“

„Aber es gibt noch Teile, die fehlen?“, vermutete er und wischte ihr behutsam eine Träne von der Wange.

„Oh ja, es fehlt einiges.“ Sie lächelte schwach. „Selbst, wenn zwischen uns nichts weiter passiert, hast du mir einen Teil zurückgegeben – den Teil, der von einem Mann in Erregung versetzt werden kann, den Teil, der Lust und Verlangen spürt. Und es ist auch gut, wenn es nichts Ernstes wird …“ Sie zögerte, unsicher, wie sie fortfahren sollte, und war überrascht, als er den Satz für sie zu Ende führte.

„Weil es zu schmerzhaft war, eine Liebe zu verlieren? Weil du nie wieder so verletzt werden willst?“

Sie nickte und sah ihn offen an, geborgen in seiner Umarmung. Er zog sie fester an sich und gab ihr einen sanften Kuss, der nichts verlangte, aber alles versprach. Wie auf Verabredung lösten sie sich voneinander und begannen, ihre Sachen einzusammeln. Hand in Hand spazierten sie über den Strand zurück und schlugen den Weg zu den Häusern ein.

„Hier wohne ich“, bemerkte Sarah heiser. „Die zweite Villa von unten ist meine. Acht Uhr?“ Sie konnte sich gar nicht erinnern, wann sie zuletzt so nervös gewesen war. Die ganzen Jahre über war sie für sich gewesen, und jetzt würde sie sich öffnen müssen. Ein Teil von ihr konnte es kaum erwarten, aber es machte ihr Angst.

„Nein, komm doch früher. Wir werden etwas trinken, reden … Komm, sobald du fertig bist.“ Harry sprach schnell, und Sarah wurde klar, dass er ebenso unsicher war wie sie. Ihr Herz flog ihm zu. „Ich dusche nur schnell und ziehe mich um, dann komme ich rüber.“

Harry öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und Sarah wusste, dass er anbieten wollte, sie abzuholen und zu ihm zu fahren. Sie verschloss seine Lippen mit dem Finger und sagte: „Ich komme zu Fuß. Denk an die Buschtrommeln – die Leute reden gern.“

„Und du glaubst, keiner wird dich sehen, wenn du ins Zentrum gehst?“

„Doch, aber ich laufe ständig überall rum. Niemand wird sich etwas dabei denken.“

„Aber werden sie dich nicht beim Abendessen vermissen?“

„Ich esse normalerweise in meiner Villa, mit einem Buch in der Hand.“ Sie sollte langsam hineingehen, aber sie genoss es zu sehr, hier mit diesem Mann zu stehen, den sie kaum kannte, und sich sein Gesicht einzuprägen. Die kleine halbmondförmige Narbe vor seinem rechten Ohr, die Linien, die sich beim Lächeln um seine Mundwinkel bildeten, die dunklen Wimpern, die seine Augen blitzschnell verschatten konnten, wenn er seine Gefühle nicht preisgeben wollte.

„Komm bald“, sagte er leise.

Harry war völlig durcheinander, während er sich an den Labors und Einrichtungen vorbei auf den Weg zu seinem eigenen Haus begab. Sarahs Geschichte hatte ihn zutiefst berührt. Obwohl sie sich mit Einzelheiten zurückgehalten hatte, war der Schmerz in ihren Worten unüberhörbar. Er fühlte sich jetzt sogar noch stärker zu ihr hingezogen, spürte aber, dass er sehr vorsichtig sein musste. Wie leicht konnte er sie mit einem falschen Wort dazu bringen, sich wieder in ihre stachelige Abwehrhaltung zurückzuziehen, wo er sich doch so sehr danach sehnte, sie in den Armen zu halten.

Sie in den Armen zu halten? Wann hatte er das je von einer Frau gewollt, außer im Bett? Er musste seine Distanz wiederfinden, einen Schritt zurücktreten, die Sache anders betrachten. Er ließ sich niemals zu tief ein, weil er wusste, dass es keinen Sinn hatte. Irgendwann würde er sein unstetes Leben aufgeben und in seine Heimat zurückkehren, zu den Verpflichtungen, die auf ihn warteten, und zu der Frau, die seine Familie für ihn ausgewählt hatte.

„Haben Sie Ihre Differenzen mit Sarah bereinigt?“, unterbrach Sams Stimme seine Gedanken. Der Arzt war offenbar gerade aus dem Labor gekommen und näherte sich von der Seite. Harry konnte nicht fassen, wie schnell die Nachricht die Runde gemacht hatte, aber er würde die Frage ohnehin nicht beantworten. Was zwischen ihm und Sarah war, ging niemanden etwas an.

„Was macht die Forschung?“, fragte er stattdessen, und sein Freund lachte.

„Breit angelegt“, sagte er und klopfte Harry auf die Schulter. „Aber es zieht sich ewig hin.“

„Und Sie bleiben trotzdem dran?“, bohrte Harry nach, weil er plötzlich an Sarahs Vorwürfe denken musste, er habe seine Berufung einfach weggeworfen.

„Ich liebe es“, erwiderte Sam schlicht, und Harrys Magen zog sich zusammen. Ob er wieder als Arzt arbeiten konnte, selbst wenn es ihm nicht mehr möglich war zu operieren? Die Erkenntnis, dass ihm nach der Enzephalitis ein Zittern in der Hand zurückgeblieben war, hatte ihn fast zerstört, vor allem, wie ihm jetzt klar wurde, weil er sich damit so geschwächt gefühlt hatte. Also hatte er sich schnell zurückgezogen und neue Herausforderungen gesucht.

Sam erzählte irgendetwas über das Krankenhaus und was sie mit seiner Spende anfangen wollten, aber er hörte nicht länger zu, weil er zu beschäftigt damit war, sich einzureden, er hätte auf keinen Fall in seinem Bereich weiterarbeiten können.

Sam verabschiedete sich, und er ging alleine weiter, aber die Freude, die er normalerweise über das wunderschön angelegte Gelände empfand, fehlte. Er dachte an Sarah, daran, ihr den Hof zu machen, sie zu verführen. Irgendwie fühlte er sich unbehaglich bei dem Gedanken. Sie war so verletzlich, ganz anders als die unabhängigen, starken Frauen, mit denen er sonst zu tun hatte.

Wäre eine kurze Affäre das Richtige für sie? Das war es offensichtlich, was sie wollte, und er konnte es verstehen. Er begriff, warum sie jede emotional tiefer gehende Verbindung scheute, konnte ihre Angst vor einem erneuten Verlust nachvollziehen. Ein leidenschaftliches Intermezzo war genau das, was sie brauchte, bevor sie ihr Leben wieder aufnehmen konnte.

Aus irgendeinem Grund fühlte er sich bei diesem Gedanken noch unbehaglicher, aber er versuchte, das Gefühl zu ignorieren. Sie würden es locker laufen lassen, nicht zu intensiv, leicht und heiter … Genau die Art von Urlaubsromanze, die Sarah vorgeschlagen hatte.

Sarah betrachtete ihre magere Auswahl an Kleidungsstücken und seufzte. Nach dem Unfall hatte sie alle ihre Kleider weggegeben, weil sie die Vorstellung nicht ertrug, Dinge zu tragen, die David berührt hatte. Ihre neue Garderobe war schlicht und ganz in Schwarz und Weiß gehalten, weil auf diese Weise jedes Stück zu jedem anderen passte.

Zum ersten Mal seit dem Unfall sehnte Sarah sich nach Farbe, nach einem leuchtenden Schal oder einer roten Bluse. „Ach, Unsinn“, murmelte sie. „Du wirst mit ihm ins Bett gehen. Völlig egal, was du anhast!“ Sie nahm ein schwarzes Oberteil aus dem Schrank, das so weich und vorteilhaft fiel, dass es auch ohne Schal wunderbar an ihr aussah. Dazu eine weiße Hose, das würde gehen.

Sie tuschte ihre Wimpern, trug etwas Rouge auf und zum Schluss ihren knallroten Lippenstift. Das war das Einzige, was sie nicht aufgegeben hatte. Stur und stolz hielt sie an derselben Marke und Farbe fest, seit ihr einmal jemand gesagt hatte, Rothaarige sollten keinen roten Lippenstift tragen. David hatte gelacht und gesagt, er liebe die Farbe und sie solle sie immer tragen, und daran hatte sie sich gehalten.

Oh, David, tue ich hier das Richtige? Dumme Frage. Er würde wahnsinnig eifersüchtig sein, wahrscheinlich aber verstehen, dass dies der nächste Schritt war, den sie gehen musste, und ihr auf die Schulter klopfen und alles Gute wünschen. Sie verdrängte die Gedanken an David, schnappte ihre Tasche, legte Bürste, Lippenstift und Telefon hinein, warf einen prüfenden Blick in den Spiegel und verließ mit klopfendem Herzen das Haus.

Während sie das bezaubernd schöne Gelände durchquerte, fand sie ihre innere Ruhe wieder. Sie verstand, warum dieser Ort so heilsam für überarbeitete und belastete Menschen war. Hier konnten sie sich in absoluter Ungestörtheit und Abgeschiedenheit erholen und neue Kräfte tanken, die Häuser standen in einiger Entfernung voneinander, und jedes war von schützenden Bäumen umgeben. Und hier, ganz am Ende, stand Henrys Bungalow.

Er hatte sie offensichtlich erwartet, denn er kam ihr bereits entgegen, nahm ihre Hände in seine und küsste sie wie ein alter Freund auf die Wange. „Komm rein!“, sagte er.

Sarah spürte ihre alte Unsicherheit wieder aufsteigen. War sie dem hier gewachsen? Ach was, natürlich war sie das, er würde ihr wohl kaum sofort die Kleider vom Leib reißen, und sie könnte schließlich jederzeit gehen.

Auf der Veranda brannten Kerzen, drinnen war das Licht gedämpft, und eine sanfte Musik spielte, die Sarah nicht kannte, die aber ihre angespannten Nerven sofort beruhigte. Auf dem Tisch vor dem Sofa standen eine Fruchtplatte, Käse und Brot bereit, daneben eine Karaffe mit Saft.

„Ich habe auch Wein“, erklärte Harry, „aber probier zuerst diesen Saft. Es ist ein Spezialrezept meiner Mutter, Granatapfelsaft mit Rosenwasser.“

„Keinen Wein, danke“, erwiderte Sarah. „Ich trinke sehr wenig Alkohol und niemals, wenn ich auf der Insel bin. Ich könnte ja jeden Moment ins Krankenhaus gerufen werden.“

„Passiert das oft?“, erkundigte sich Harry, während er ihr einen Platz anbot, dann füllte er ihr Glas mit dem zart gefärbten Saft und gab Eiswürfel hinzu.

„Sehr selten, aber es wäre furchtbar, gerufen zu werden und nicht operieren zu können.“ Sie bereute ihre Worte schon, während sie sie aussprach. Harry würde nie mehr operieren können, und sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie schmerzlich das für ihn sein musste. Er antwortete nicht, sondern nahm sich selbst etwas Saft, setzte sich neben sie auf das Sofa und hob sein Glas.

„Auf eine ungestörte und unfallfreie Nacht“, sagte er, und die Heiserkeit in seiner Stimme ließ Sarah erschauern. Sie stieß mit ihm an und bemerkte zum ersten Mal tatsächlich das leichte Zittern seiner Hand. Sie wollte sie berühren, ihre Gläser abstellen und seine Hand in ihre Hände nehmen, aber das wäre wohl kaum das passende Verhalten für jemanden, der eine unverfängliche Affäre wünschte. Andererseits hatte sie ihm von David und dem Baby erzählt, also könnte sie doch bestimmt …

Sie stellte ihr Glas ab und nahm seine Hand. „Du hast genauso viel verloren wie ich. Bei mir waren es geliebte Menschen, bei dir die geliebte Arbeit.“ Sie sah ihm in die Augen und küsste ihn zart auf den Mund. „Ich möchte mich für meine harten Worte entschuldigen. War das wirklich erst gestern?“

„Gestern oder vor einer Ewigkeit“, erwiderte er und entzog ihr seine Hand, um sanft ihre Wange zu streicheln. „Aber heute geht es um neue Anfänge, nicht um die Vergangenheit, also lass uns auf die Zukunft trinken.“ Er wartete, bis sie ihr Glas erhoben hatte. „Auf uns und unsere Affäre. Mögen die Erinnerungen, die wir uns hier auf Wildfire Island schaffen, einen Vorhang vor die Vergangenheit ziehen.“

Sie stießen an, und er fügte hinzu: „Vorhänge spielen in meinem Land eine große Rolle, wahrscheinlich, weil wir ursprünglich Nomaden waren und in Zelten lebten, die wir durch Vorhänge in Räume unterteilten. Und hauchdünne Gardinen lassen heute auch die karstigste Landschaft weich erscheinen.“

Sarah fand den Vorhanggedanken bezaubernd, konnte sich aber nicht recht darauf konzentrieren, weil sie völlig von dem köstlichen Geschmack des Saftes in Anspruch genommen wurde, der vertraut und doch fremd war. Ja, da war Rosenwasser, ganz fein, und natürlich Granatapfel, aber da war ein Hauch von Gewürzen, die sie nicht identifizieren konnte.

„Herrlich“, seufzte sie. „Ein wirklich exquisites Getränk.“

„Für eine wahrlich exquisite Frau.“ Erneut prostete er ihr zu, und Sarah errötete.

„Wohl kaum“, murmelte sie, führte verlegen das Glas an den Mund und verschluckte sich prompt. Harry rückte näher an sie heran und klopfte ihr auf den Rücken, und die Nähe seines Körpers ließ Hitze in ihr aufsteigen. Er legte den Arm um sie, und sie wandte ihm ihr Gesicht zu, um ihm zu danken, wusste aber, dass sie in Wirklichkeit auf seinen Kuss wartete.

Sie war also nicht wirklich überrascht, als er sie tatsächlich küsste, aber sie hatte nicht mit der Leidenschaft gerechnet, die sie ergriff. Sein Kuss war zärtlich, forschend, eher fragend als verlangend, doch ihr Herzschlag beschleunigte sich, ihr Atem wurde unregelmäßig, und sie klammerte sich an seine Schultern, um einen Halt zu finden. Als er ihre Lippen sanft mit der Zunge streichelte und in ihren Mund eindrang, war es um sie geschehen. Sie überließ sich ihrem Verlangen mit einer Hingabe, die sie seit Jahren nicht mehr verspürt hatte.

Inzwischen lagen sie auf der Couch, nur dass seine Hände mittlerweile unter ihr Top geglitten waren und sie ihn mit einer Verzweiflung an sich zog, die sie niemals zuvor verspürt hatte. Sie fuhren auseinander, als sie ein diskretes Hüsteln vernahmen.

„Lakaien?“, flüsterte sie, als sie rasch ihre Bluse zuknöpfte.

„Lakaien“, bestätigte Harry und zog seine eigene Kleidung zurecht. „Bleib“, bat er, während er zur Küche ging, in der ein Bediensteter mit einem Rollwagen stand. Harry sprach leise mit dem Angestellten, der durch die Hintertür verschwand, und schob den Wagen zum Tisch.

Sarah schaute ihn an, immer noch glühend von seinem Kuss, und fragte sich, was sie dermaßen zu ihm hinzog. Ja, er sah gut aus, mit ausgeprägten Gesichtszügen, reiner olivfarbener Haut, dunklen Brauen über überraschend grauen Augen, aber da war noch etwas anderes, das ihn unwiderstehlich machte.

Als er sie ironisch lächelnd anschaute und trocken bemerkte: „Ich kann die Buschtrommeln schon hören“, hatte sie die Antwort. Er war nicht nur extrem sexy, sondern auch aufmerksam und rücksichtsvoll genug, um sich Gedanken darüber zu machen, ob der Inselklatsch ihr etwas ausmachen könnte.

„Kein Problem“, versicherte sie. „Es ist an der Zeit, dass die Leute etwas Neues zum Reden bekommen. Dein Freund Luke und seine Romanze mit Anahera haben sie eine Weile beschäftigt, aber allmählich ist die Luft raus.“

„Macht es dir wirklich nichts aus?“, fragte er.

„Überhaupt nicht“, antwortete sie und lächelte, als ihr bewusst wurde, dass es stimmte. Ob es an der Anziehungskraft dieses Mannes lag oder an der Tatsache, dass ihr Heilungsprozess fast abgeschlossen war, konnte sie nicht sagen, vielleicht beides, aber sie spürte, dass sie endlich wieder leben wollte. Eine kurze, intensive Affäre war genau das, was sie jetzt brauchte, der erste Schritt hin zu einer neuen Sarah Watson.

Sie stand auf und ging hinüber zum Rollwagen, wo sie einige Deckel anhob, um die Speisen darunter zu betrachten und den Duft des köstlich zubereiteten Essens zu genießen.

„Ich danke dir“, sagte sie, als sie am Tisch Platz nahm. „Dass du mich ins Leben zurückholst. Mich an die einfachen Freuden erinnerst wie ein gutes Essen oder einen wirklich, wirklich guten Kuss.“ Es war im Kerzenschein schwer auszumachen, aber sie glaubte, ihn erröten zu sehen.

Sie leuchtete und war schöner als jede andere Frau, die er je gesehen hatte.

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