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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 93

Alison Roberts, Janice Lynn, Carol Marinelli

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 93

ALISON ROBERTS

Notfall im Paradies

Für Tropenarzt Luke Wilson ist der Kongressbesuch auf Wildfire Island eine Reise in die Vergangenheit. Hier hat er mit der schönen Ana die sinnlichsten Wochen seines Lebens verbracht! Jetzt ist der smarte Arzt erneut von ihr verzaubert, doch anstatt seine leidenschaftlichen Gefühle zu erwidern, scheint sie gegen ihn immun zu sein. Verbirgt sie etwas vor ihm?

JANICE LYNN

Per SMS ins Liebesglück

Perfekte Frauen wie seine Ex? Für Dr. Eli Randolph sind sie Geschichte. Jetzt will er eine Frau, die lacht und sexy ist! Kein Wunder, dass er dem sprühenden Charme von Beth verfällt. Ein heißer Flirt per SMS, ein noch heißeres Wochenende in den Bergen, und Eli spürt: Beth gehört für immer in sein Leben – doch dann begeht er einen verhängnisvollen Fehler …

CAROL MARINELLI

Verboten sexy wie Dr. Morales

Womanizer Dr. Juan Morales denkt nicht daran, sich für seinen abenteuerlichen Lebensstil zu entschuldigen. Auch nicht bei der bezaubernden Cate – Fallschirmspringen und heiße Affären sind nun mal seine Passion. Dass sie ihn für einen leichtsinnigen Draufgänger hält, ist ihm egal – bis Cates atemberaubender Kuss ganz neue Leidenschaften in ihm weckt …

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Notfall im Paradies

1. KAPITEL

Aus einem Flugzeug zu steigen, bedeutete manchmal mehr, als nur fremden Boden zu betreten.

Es konnte einen schlagartig in die Vergangenheit katapultieren.

Das Erste, was Luke Wilson an diesem frühen Morgen spürte, war die Hitze. Feuchte Wärme wie im Vorraum einer Sauna. Wie war er bloß auf die Idee gekommen, im Anzug zu fliegen?

Weil das der Dresscode eines international anerkannten Spezialisten für Tropenkrankheiten war, der als Hauptredner auf einer Konferenz sprechen sollte?

Zur Hitze kam der Duft, während Luke vom Flugzeug zu dem Golfmobil ging, das ihn wahrscheinlich zu seiner Unterkunft in das neue moderne Kongresszentrum von Wildfire Island bringen sollte.

Seine Anzugjacke hatte er schon ausgezogen, als er in Auckland an Bord der kleinen Privatmaschine ging, des letzten Transportmittels auf seiner langen Anreise von London hierher. Jetzt lockerte er die Krawatte und rollte die Hemdsärmel auf, während er die betörenden Düfte nach Frangipani und Jasmin einatmete.

Eine Flut von Erinnerungen überschwemmte ihn. Von der schmeichelnden milden Südseebrise zu ihm getragen, beschwor der paradiesische Duft das Bild einer Frau herauf … Ana. Gewissensbisse kämpften in ihm mit Wehmut und einer – selbst nach so vielen Jahren – erschütternd starken Sehnsucht.

Ich hätte nicht zurückkommen sollen.

„Lassen Sie mich das nehmen, Dr. Wilson.“ Lächelnd streckte der schlanke Insulaner die Hand nach Lukes Koffer aus. „Steigen Sie ein, ich bringe Sie zu Ihrer Hütte. Sie haben noch ein bisschen Zeit, sich frisch zu machen, bevor die Cocktailparty beginnt.“

Cocktailparty? Jetlag und das diffuse Gefühl, am falschen Ort zu sein, hinderten ihn einen Moment lang daran, klar zu denken. Ach ja … gemeint war das zwanglose Treffen vor dem morgigen Tagungsbeginn. Eine gute Gelegenheit, all jene Kollegen aus der ganzen Welt wiederzusehen, mit denen ihn vor allem eine Leidenschaft verband: in Forschung und Wissenschaft etwas für kranke Menschen zu bewegen. Natürlich würde auch Harry – formal bekannt als Scheich Rahman al-Taraq –, ein ehemaliger Patient und jetzt ein guter Freund von Luke, dabei sein.

Der Koffer war inzwischen festgeschnallt, und der junge Mann warf Luke einen fragenden Blick zu. „Können wir fahren, Dr. Wilson?“

Luke nickte knapp und versuchte, die Müdigkeit abzuschütteln – und die Geister der Vergangenheit gleich mit –, während er sich auf das konzentrierte, was in den nächsten beiden Tagen vor ihm lag. Anahera lebte nicht mehr hier. Sie war vor fünf Jahren, nachdem er Wildfire Island verlassen hatte, nach Brisbane gezogen. Sich von diesen merkwürdigen Gefühlen zwischen Bangen und Hoffnung hin- und herreißen zu lassen, war also reine Verschwendung mentaler Energie!

„Ich bin so weit.“ Er kletterte auf den Sitz und lächelte seinen Chauffeur an.

„Nicht zu fassen!“ Sam Taylor, einer der ortsansässigen Ärzte des kleinen Krankenhauses auf Wildfire Island, rührte nachdenklich in seinem Kaffee. „Monatelang haben sie das Forschungsgelände abgesperrt wie einen Hochsicherheitstrakt, und jetzt landet ein Privatjet nach dem anderen, weil hier ein internationaler Kongress vom Feinsten stattfindet. Warum ausgerechnet bei uns?“

Anahera Kopu zuckte mit den Schultern. „Weil es hier paradiesisch ist? Ungewöhnlich und exotisch genug, um Wissenschaftler anzuziehen, die sich austauschen und Kontakte knüpfen wollen, wie es in der Welt der Forschung wichtig ist?“

„Verstehe. Mir ist nur schleierhaft, wie sie auf die M’Langi Islands kommen. Die Inselgruppe liegt so weit draußen im Pazifik, dass sie kaum einer kennt. Und was das kosten muss! Wer steckt dahinter, und warum diese Geheimnistuerei die ganze Zeit?“

„Ich weiß es auch nicht. Aber es wäre nicht das einzige Geheimnis auf diesen Inseln, oder?“ Anahera hätte sich auf die Zunge beißen mögen. Das musste gerade sie sagen! Sie hatte es geschafft, ein großes Geheimnis vor den Menschen zu verbergen, die ihr am meisten bedeuteten: vor ihrer Mutter und den Kollegen und Freundinnen, die für sie wie eine Familie waren.

Sam grinste. „Erzähl, Ana! Du weißt bestimmt mehr als ich. Ich bin hier ein Neuling, aber du bist auf Wildfire aufgewachsen.“

Anahera hatte inzwischen genug Übung darin, ein Gespräch in sicheres Fahrwasser zu lenken. „Nein, bist du nicht“, antwortete sie unbekümmert, drehte den Heißwasserhahn auf und griff nach dem Spülmittel. „Du hast hier angefangen, kurz nachdem ich zur Fortbildung nach Brisbane gegangen bin.“

„Ja, und damals war die Forschungsstation nicht mehr und nicht weniger als genau das – eine Forschungsstation. Und nun soll sie Teil eines exklusiven Resorts sein, das als medizinische Ideenschmiede dienen soll. Außerdem geht das Gerücht um, dass sie eine bahnbrechende Errungenschaft verkünden wollen, einen Durchbruch, der unser aller Leben verändern wird. Findest du nicht, dass man uns hätte informieren sollen? Und worum geht es überhaupt?“

„Keine Ahnung. Vielleicht haben sie einen neuen Impfstoff entdeckt?“

„Das wage ich zu bezweifeln. So etwas braucht Jahre und jemanden, der bereit ist, einen Haufen Geld in abgelegene Pazifikinselchen zu stecken. Ich vermute eher, dass es mit dem M’Langi-Tee zu tun hat, der die Insulaner vor Enzephalitis zu schützen scheint. Wusstest du, dass die Forschungen dazu schon vor Jahrzehnten begonnen haben?“

Oh ja, das hatte Anahera gewusst. Allerdings wollte sie nicht daran denken, geschweige denn, darüber reden. Unerwünschte Bilder tauchten vor ihren Augen auf, von einer sanft schwingenden Verandaschaukel im Dämmerlicht einer beginnenden Tropennacht. Von starken Armen, die auf ihrem Körper ruhten, während sie sich an die breite Brust des Mannes schmiegte, der ihr erzählte, wie sehr ihn die Wirkstoffe dieses Tees faszinierten. Sie schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen loszuwerden.

„Ich glaube, dabei ist herausgekommen, dass sein einziger Nutzen in einer Art natürlichem Insektenschutz besteht“, sagte sie. „Man wird weniger gestochen, was das Risiko vermindert, sich eine Hirnhautentzündung zuzuziehen. Der Tee wird kaum unser Leben verändern.“

Sam setzte sich an den Tisch. „Vermutlich nicht. Viel wichtiger ist, dass hier wieder gesprüht werden muss, damit die Moskitos nicht überhandnehmen. Ich frage mich, ob jemand sich mit Ian Lockhart in Verbindung setzen konnte. Der hätte das organisieren müssen.“

„Er scheint wie vom Erdboden verschluckt. Allerdings wäre ich nicht überrascht, wenn er sich in Las Vegas herumtreibt, um die jüngsten Erträge der Goldmine in den Spielkasinos durchzubringen.“

„Falls wegen der Mücken nicht bald etwas unternommen wird, müssen wir mit lebensbedrohlichen Erkrankungen rechnen. Wir wollen so etwas wie mit Hami nicht wieder erleben.“

„Um Himmels willen, nein.“ Anahera presste die Lippen zusammen. Es fehlte nicht viel, und sie wäre in Tränen ausgebrochen. Auch wenn es zwei Jahre her war, dass sie den kleinen Jungen an die Krankheit verloren hatten, so saß der Schock darüber immer noch tief. Nicht nur, weil es das traurigste Erlebnis in ihrer Zeit als Krankenschwester gewesen war. Nein, Hami war genauso alt gewesen wie ihre kleine Tochter.

„Na, vielleicht verrät uns jemand auf dieser Cocktailparty mehr. Hast du dir schon ein hübsches Kleid zurechtgelegt, Ana?“

„Ich gehe nicht hin.“

„Aber du bist eingeladen. Wie wir alle.“

„Das heißt nicht, dass ich teilnehmen muss. Ich möchte bei Hana bleiben, ich habe sie den ganzen Tag nicht gesehen.“ Anahera trocknete ihre Tasse ab und stellte sie in den Schrank.

„Bring sie mit.“

Sie lachte auf. „Eine Dreijährige zu einer Cocktailparty? Ich glaube nicht! Außerdem bleibe ich wahrscheinlich bis zehn Uhr hier, falls Hettie hingehen will, bevor sie die Nachtschicht übernimmt.“

Die Worte waren kaum heraus, da wurde Anahera rot. Kein Wunder, dass Sam ihr einen erstaunten Blick zuwarf. Schließlich hatte sie selbst ihren Wunsch nach mehr Zeit mit ihrer Tochter als das entlarvt, was er war: eine Ausrede. „Ich habe keine große Lust auf Geselligkeit, okay? Davon hatte ich in Brisbane mehr als genug. Small Talk auf Partys, das ist nicht meine Welt.“

„In diesem Fall sind interessante Leute versammelt, die nur ein paar Tage bleiben werden. Experten für Dengue-Fieber und Enzephalitis. Ich bin schon ganz gespannt auf die aktuellen Forschungsergebnisse und ob es neue Therapie-Ansätze gibt. Und natürlich auf die mysteriöse Ankündigung, um die sie so viel Wirbel machen.“

„Und ich freue mich darauf, wenn du mir morgen davon erzählst“, entgegnete sie bestimmt. Sie wollte nichts von tropischen Krankheiten und vor allem nichts vom M’Langi-Tee hören. Es erinnerte sie zu sehr an jemanden, der davon geträumt hatte, auf diesem Gebiet die Welt zu verbessern. Und sie hatte hundertprozentig hinter diesen Träumen gestanden, weil sie an seiner Seite sein wollte, wenn er sie verwirklichte. Heute noch schnürten ihr die wehmütigen Gedanken den Hals zu, und sie spürte, wie Tränen hinter ihren Lidern prickelten.

„Es wird ein Hangi geben. Du liebst Hangis.“

„Ich weiß. Mum ist mitten in den Vorbereitungen. Deshalb müssen wir heute für die Patienten das Abendessen austeilen.“ Ein rascher Blick zur Uhr, und Anahera hatte die perfekte Ausrede, um zu verschwinden. „Ich fange besser mit der Medikamentenausgabe an und checke die Vitalwerte, damit ich rechtzeitig Essen ausgeben kann, bevor die Patienten schlafen wollen.“

Sam gab sich geschlagen. „Dann helfe ich dir noch, bevor ich unter die Dusche springe und mich in Schale werfe. Danach kannst du hier Chefin spielen.“

Eine Dusche war genau das, was Luke brauchte, um einigermaßen wieder munter zu werden. Als er jedoch das Bad betrat, staunte er nicht schlecht.

Wie alles in seiner luxuriösen Unterkunft ganz in Strandnähe und von tropischem Regenwald umgeben, hätte auch das Badezimmer aus einem Fünf-Sterne-Resort stammen können. Ein Puzzle aus Natursteinen bedeckte die Wände, und auf dem Fußboden bildeten graue und weiße Kiesel ein Mosaik, das einen großen Fisch zeigte. Die Seife duftete schwach nach Jasmin, und flauschige Handtücher lagen bereit.

Nach dem Duschen wickelte sich Luke eins um die Hüften und ging in den runden Schlafbereich, wo das Moskitonetz über dem Bett sich sanft in der Meeresbrise bewegte. Draußen hörte er die Stimmen der anderen Konferenzteilnehmer, die sich auf dem Weg zur Party begegneten und begrüßten.

Bei seinem letzten Aufenthalt hatten hier nur zwei, drei rustikale Hütten gestanden, die von Meeresbiologen genutzt wurden und in der Nähe der Labors errichtet worden waren. Anscheinend hatte man sie abgerissen, um Platz für den neuen Treffpunkt zu schaffen. Nicht, dass Luke je in einer geschlafen hatte. Er arbeitete damals im Rahmen seiner Ausbildung zum Facharzt für Tropenkrankheiten auf Wildfire Island und war in einer der Unterkünfte für die FIFO-Mediziner untergebracht. FIFO stand für Fly-In-Fly-Out – ein Programm, das die gesamte Inselgruppe mit medizinischem Fachpersonal versorgte, Rettungshubschrauber bereitstellte und den Betrieb des kleinen, aber exzellenten Krankenhauses sicherte. Auch die Einheimischen, die dort arbeiteten, waren hervorragend ausgebildet. Wie die Krankenschwestern zum Beispiel.

Wie Ana …

Luke streifte sich ein kurzärmeliges Hemd über und zog leichte Chinos an. Er kämmte sich die Haare, verzichtete aber darauf, sich zu rasieren. Heute Abend kamen Leute zusammen, die sich gut kannten und hierher eingeladen worden waren, um zu entspannen. In den nächsten Tagen sollten sie die Annehmlichkeiten eines tropischen Inselparadieses genießen, wissenschaftliche Neuigkeiten austauschen und ansonsten darüber beraten, wie dieses Forschungszentrum in Zukunft am besten genutzt werden konnte.

Die Sonne sank bereits hinter den Horizont, und der schwere Duft dichter Ingwersträucher, die Lukes Hütte von der nächsten abschirmten, hing in der Abendluft. Nach zwei Schritten kehrte Luke jedoch wieder um. Was für eine Ironie des Schicksals, wenn er hier als Arzt ankam, um als Patient zu enden?

In seiner Tasche fand er das mitgebrachte Insektenschutzmittel und sprühte sich rasch damit ein. Dann steckte er die kleine Spraydose in die Hemdtasche, um auszuhelfen, falls einer der Kollegen sich nicht vorsorglich damit eingedeckt hatte.

Wie die Unterkünfte, so war auch der Tagungsraum nach traditionellem Vorbild errichtet und ausgestattet. Palmwedel bedeckten das Dach, und das lang gestreckte Haus war nach allen Seiten hin offen. Polierte Holzbänke luden zum Sitzen ein, und auf dem Fußboden lagen handgewebte Matten. Ein Tisch bildete die Bar, von der sich jetzt aus einer Gruppe ein Mann löste und auf Luke zukam.

„Luke, ich freue mich, dich zu sehen!“

„Ich mich auch, Harry.“ Er ergriff die ausgestreckte Hand, doch aus der formellen Begrüßung wurde schnell eine herzliche Umarmung. Sie waren viel mehr als nur Kollegen nach allem, was sie vor Jahren zusammen erlebt hatten. „Bewundernswert, was du hier hochgezogen hast.“

„Es war deine Idee.“

„Vielleicht im Ansatz. Ich hatte nur vorgeschlagen, die Labors zu nutzen, um neue Forschungsvorhaben anzusiedeln. Ganz sicher habe ich nicht erwartet, dass du gleich einen der reizvollsten Tagungsorte der Welt aufbaust.“ Luke lächelte. „Du machst keine halben Sachen, stimmt’s?“

„Ich brauchte eine neue Aufgabe. Oder auch eine Ablenkung, ganz, wie man’s nimmt.“

Luke warf einen Blick auf Harrys Hand. „Und, wie ist es?“

„So schnell werde ich nicht an den OP-Tisch zurückkehren.“ Harry lächelte gezwungen, klang aber munterer, als er hinzufügte: „Komm, ich hole dir ein Bier. Oder möchtest du etwas anderes, einen Cocktail vielleicht?“

„Ein Bier wäre großartig, aber das hole ich mir auch gern selbst. Ich muss noch ein paar Leute begrüßen.“ Luke folgte Harry zur Bar, blieb jedoch auf halbem Weg stehen, als er ein bekanntes Gesicht entdeckte. „Charles! Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen. Wie sieht’s in Washington aus?“

„Als ich abflog, schneite es.“ Charles, ein amerikanischer Spezialist für Dengue-Fieber, grinste breit, als er auf den spektakulären Ausblick deutete, der sich ihnen von hier aus bot: tropischer Dschungel, dahinter schneeweiße Strände und der weite türkisblaue Ozean. „Ich muss schon sagen, wir werden hier verwöhnt.“

„Ja, es ist ein malerisches Fleckchen Erde. Wenn du am Ende des Strands um die Felsen herumgehst, kommst du zum Sunset Beach. Bei Sonnenuntergang leuchten die Klippen feuerrot, so als hätte sie jemand in Brand gesteckt. Daher hat die Insel ihren Namen.“

„Tatsächlich? Wie ich sehe, hast du deine Hausaufgaben gemacht.“

„Nicht ganz. Ich bin nicht zum ersten Mal hier. Während meiner Facharztausbildung habe ich eine Zeit lang am hiesigen Krankenhaus gearbeitet.“

Ein kurzer Aufenthalt, der ihn beruflich weiterbringen sollte und der dann letztendlich sein Leben verändert hatte.

Weil er ihn noch immer verfolgte …

Luke hatte damit gerechnet, dass sich die Geister der Vergangenheit regten, wenn er nach Wildfire Island kam. Allerdings hätte er nicht erwartet, dass sie immer noch so mächtig waren. Ich hätte mich von Harry nicht überreden lassen sollen, dachte er. Andererseits wurde mit dieser Eröffnungsfeier ein Traum wahr, und war er nicht als Erster dabei gewesen, als die Saat dazu gelegt wurde?

„Von der Klinik habe ich gehört.“ Eine große, schlanke blonde Frau mit skandinavischem Akzent gesellte sich zu ihnen. „Ist es normal, dass auf einer abgelegenen Inselgruppe ein derart gut ausgestattetes medizinisches Versorgungszentrum steht?“

„Keineswegs. Wir haben es der Familie Lockhart zu verdanken. Sie hat die Goldvorkommen entdeckt, die Mine errichtet und eine Forschungsstation aufgebaut.“

„Und weil die Mine genug abwirft, das Krankenhaus gleich dazu?“

„Die Geschichte geht etwas anders.“

Und wieder versetzten ihn seine Erinnerungen in den Moment zurück, als er diese Geschichte zum ersten Mal hörte: Hand in Hand saß er mit Anahera auf der Veranda, um das grandiose Schauspiel zu betrachten, das die Natur jeden Abend am Sunset Beach bot. Und er nahm wieder, als wäre es gestern gewesen, den traurigen Unterton in ihrer sanften Stimme wahr, während sie ihm ein Stück Inselgeschichte erzählte.

„Auslöser war eine Familientragödie“, erklärte Luke. „Ein Zwillingspärchen kam zu früh zur Welt, die Mutter starb, und der kleine Junge war schwer behindert. Sein Vater – Max Lockhart – machte es sich zur Lebensaufgabe, dafür zu sorgen, dass hier so etwas nie wieder passieren konnte. Er beendete sein Medizinstudium, gewann die australische Regierung dafür, Finanzmittel lockerzumachen, und ermutigte die Einheimischen, sich in medizinischen Berufen ausbilden zu lassen. Ich vermute stark, dass er einen Teil dieser Studiengebühren aus eigener Tasche bezahlt hat.“

„Bewundernswert“, murmelte Charles. „Und jetzt hat er noch dieses Tagungszentrum bauen lassen? Ein Mann mit Visionen, so viel ist sicher.“

„Nein, diese Vision hatte ein anderer.“ Lächelnd blickte Luke zu Harry hinüber. Er stand jetzt draußen, inmitten einer Gruppe Insulaner, und half dabei, die Abdeckung eines Erdofens zu entfernen. Dampf quoll aus der Grube, und ein köstlicher Duft wehte durch das an den Wänden offene Langhaus. „Hast du Scheich Rahman al-Taraq schon kennengelernt?“

„Ich habe mich ein bisschen über ihn informiert, nachdem ich die Einladung zu diesem Treffen bekommen hatte. Interessanter Mann. Chirurg, nicht wahr? Unterstützt er nicht auch finanziell massiv die Forschungen zu einem Impfstoff gegen Enzephalitis? Wie kommt es, dass ein Chirurg sich derart auf eine Tropenkrankheit stürzt?“

„Das solltest du ihn selbst fragen.“

„Worauf du dich verlassen kannst. Vielleicht ergibt sich beim Essen eine Gelegenheit. Was auch immer sie da drüben aus der Erde holen, macht einem den Mund wässrig. Ich habe einen Bärenhunger.“

„Fischauflauf mag ich nicht.“

„Hinterher gibt es noch Eis, Raoul. Aber erst musst du dein Gemüse essen.“ Anahera versuchte, bestimmt zu klingen, doch sie lächelte, als sie ihm das Tablett hinstellte. „Allerdings brauchst du schon bald kein Krankenhausessen mehr. Hat Dr. Sam nicht gesagt, dass du morgen nach Hause darfst?“

„Er will erst sehen, wie ich gut ich an Krücken gehen kann. Und mit meiner Mum darüber reden, wie ich zu den Sprechstunden komme, damit der Verband gewechselt wird.“

„Ja, es ist sehr wichtig, dass kein Schmutz an dein Bein kommt.“

„Ich werde ein großes Loch im Bein haben, oder?“

„Nein, kein Loch, aber eine großflächige Narbe und eine Delle, da wo der Muskel angegriffen wurde. Wichtig ist, dass du beim anderen Bein ordentlich Muskelkraft aufbaust. Du hast sehr lange im Bett gelegen. Die Übungen haben wir dir ja gezeigt.“

„Ana!“

Das klang dringend, und sie drehte sich alarmiert um. Sam tauchte an der Tür auf.

„Sam … Ich dachte du bist auf der Cocktailparty?“

„Ich war schon auf dem Weg, als ein Anruf kam. Du musst mitkommen.“

Anahera schob sich eine vorwitzige Strähne ihrer langen dunklen Haare zurück, die sich aus dem Knoten am Nacken gelöst hatte. Sie blickte an sich hinunter, auf den grünen Kittel und die dreiviertellange Hose, denen man den langen Arbeitstag bereits ansah, und schüttelte den Kopf.

Doch Sam wandte sich schon wieder ab und eilte in den kleinen OP-Bereich. Seine Stimme wurde schwächer, aber der Ton blieb drängend. „Jetzt, Ana! Es ist ein Notfall.“

Sämtliche Gedanken an ihr Aussehen verflüchtigten sich, als sie hinter Sam herrannte. Mit einer Hand griff er nach der schweren Notfalltasche, mit der anderen nach einem Sauerstoffzylinder.

„Was ist passiert?“

„Verdacht auf Herzinfarkt. Einer der Gastärzte, Brustenge und Übelkeit. Schnapp dir den Defi, und los geht’s!“

Manu, der Krankenpflegehelfer, wartete bereits im Golfmobil vor dem Eingang des Krankenhauses.

„Ich kann nicht mitfahren“, meinte Anahera. „Wir können das Krankenhaus nicht unbeaufsichtigt lassen.“

„Ich bleibe hier“, sagte Manu. „Und Hettie ist schon unterwegs.“

„Ana, du musst mit.“ Sam verstaute die Ausrüstung im Wagen. „Du hast eine intensivpflegerische Ausbildung. Wenn wir intubieren und beatmen müssen, brauche ich deine Hilfe.“

Sie kletterte in das Elektromobil. Sam hatte recht. Dies war genau die Situation, für die sie die aufwendige Zusatzausbildung gemacht hatte. Außerdem bekam sie nicht oft die Gelegenheit, die erworbenen Fähigkeiten anzuwenden.

Als sie saßen, gab Sam Gas, und das Golfmobil rumpelte den Weg entlang Richtung Konferenzzentrum. Anahera fragte sich, was sie vorfinden würden. Einen Patienten mit Herzstillstand? Wenigstens waren genügend Mediziner anwesend, um Erste Hilfe zu leisten, aber ohne den Defibrillator würden sie ein Herz nicht wieder in Gang bringen.

Am Ort des Geschehens war es wider Erwarten ruhig, als sei nichts Dramatisches geschehen. Neben einem Tisch, der aussah, als wären Gäste mitten beim Essen gestört worden und überstürzt aufgebrochen, standen ein paar Menschen. Auf dem Fußboden, von einem großen Kissen gestützt, saß ein Mann mittleren Alters. Ein zweiter hockte neben ihm und fühlte ihm den Puls. Die Frau, die dem Patienten Luft zufächelte, war Vailea Kopu, Anaheras Mutter. Sie entdeckte Sam und ihre Tochter als Erste.

„Da sind sie ja“, sagte sie. „Gleich wird es Ihnen besser gehen, Dr. Ainsley.“

„Mir geht es schon besser“, brummte der Mann. „Ich hatte nur zu viel von Ihrem köstlichen Essen gegessen, das ist alles.“

Sam ging neben ihm in die Hocke. „Das überprüfen wir lieber, um ganz sicher zu sein. Ich bin Sam Taylor, einer der ortsansässigen Ärzte.“

„Und das ist Charles Ainsley.“ Der Mann, der den Puls gemessen hatte, sah Sam an. „Er ist dreiundsechzig. Wenn es das Herz ist, wäre es nicht das erste Mal.“

Anahera konnte nicht weiter zuhören, als er die Vorgeschichte des Patienten schilderte. Ihre Hände zitterten, während sie die Elektroden aus der Tasche zog, um ein Zwölf-Kanal-EKG vorzubereiten.

Sie konnte nicht aufsehen, doch das musste sie auch gar nicht. Diese Männerstimme hätte sie überall auf der Welt erkannt …

Warum war ihr nicht der Gedanke gekommen, dass Luke Wilson an dieser Elite-Konferenz teilnehmen könnte?

Oder hatte sie es insgeheim geahnt? Hätte sie es sonst vermieden, über die bevorstehende Tagung auch nur zu sprechen? Hätte sie nicht unbefangen an der Cocktailparty teilgenommen? Stattdessen verhielt sie sich still wie ein Tier, das vor einem drohenden Gewitter Schutz suchte und wartete, bis die Gefahr gebannt war. Die Wissenschaftler würden ja nicht länger als ein paar Tage bleiben.

Und all das, weil sie fürchtete, dem Mann wiederzubegegnen, den sie bis heute nicht vergessen konnte.

Sie hatte recht gehabt. Allein der Klang seiner Stimme genügte, dass sie am ganzen Körper zitterte. Was würde erst passieren, wenn er sie ansah?

Luke sprach immer noch mit Sam. „… stabile Angina, aber im nächsten Monat steht eine Herzkatheter-Untersuchung an.“

„Lassen Sie uns ein EKG schreiben“, schlug Sam vor. „Haben Sie heute Aspirin eingenommen, Charles? Ihr Nitro-Spray benutzt?“

„Für den Flug hatte ich eine Aspirin zusätzlich geschluckt, aber das Spray zu Hause vergessen.“

„Kein Problem.“ Sam hatte ihm das Hemd aufgeknöpft und streckte die Hand nach den Elektroden aus, an denen Anahera Klebepads befestigt hatte. „Gib mir das Nitro, Ana. Wir sollten ihm auch Sauerstoff verabreichen.“

Ana …

Ihr Name schien in der Luft zu hängen wie ein feines Echo. Hatte Luke ihn gehört? Oder hatte er sie längst erkannt und beachtete sie nur nicht?

Verflixt … Ihre Hand bebte immer noch, während Ana den Deckel von der kleinen Sprühflasche abzog. „Öffnen Sie bitte den Mund“, sagte sie. „Und heben Sie die Zunge …“

„Ich mache das.“ Eine Hand schloss sich über ihrer, um ihr das Spray abzunehmen.

Ana konnte es nicht mehr vermeiden. Sie musste aufblicken.

Und Luke sah sie direkt an.

Einen Herzschlag lang nahm sie nichts anderes wahr als diese grünbraunen Augen, die Berührung seiner warmen Finger. Ana erstarrte, konnte kaum atmen. Denken war unmöglich. Stattdessen überschwemmten sie Emotionen, von denen sie geglaubt hatte, dass sie sie nie wieder empfinden würde: Liebe zu diesem Mann. Unerträglichen Schmerz, weil er sie betrogen hatte.

Und dann tauchte ein Gefühl auf, das alle anderen überlagerte.

Angst.

Luke Wilson war eine Gefahr, nicht nur für ihr Herz. Deshalb musste sie jetzt stark sein und mit dieser Situation fertig werden, damit alles so blieb, wie es war.

Der Entschluss gab ihr die Kraft, sich zu konzentrieren, und gleich darauf stellte sich die ersehnte Gelassenheit ein. Anahera brach den Blickkontakt ab und sagte zu ihrer eigenen Erleichterung ganz ruhig und ohne dass ihr die Hände zitterten: „Gut, dann kümmere ich mich um den Sauerstoff.“

Sam blickte auf. Hatte er etwas gemerkt? Nein, der Moment war nur kurz gewesen. „Das ist Anahera“, stellte er sie Luke vor. „Unsere Intensivschwester.“

„Ja.“ Luke drückte auf den Sprühknopf, um eine zweite Dosis unter die Zunge des Patienten zu geben. „Wir kennen uns bereits.“

„Natürlich …“ Vailea fächelte Dr. Ainsley immer noch mit dem Palmwedel frische Luft zu. „Wusste ich’s doch, dass ich Sie schon einmal gesehen hatte. Sie haben vor ein paar Jahren hier im Krankenhaus gearbeitet.“

„Das stimmt.“

„Damals mussten Sie ganz plötzlich abreisen. Wegen Ihrer kranken Frau, nicht wahr?“

Der scharfe Schmerz kehrte zurück. Ana hatte Mühe, sich nichts anmerken zu lassen.

„Ja.“ Das klang knapp, fast abweisend. Vielleicht wollte Luke genauso wenig wie sie daran erinnert werden, wie sie auseinandergegangen waren.

Das einzig Gute in diesem Augenblick war nur, dass lediglich zwei Menschen an diesem Ort wussten, was in Lukes wenigen Wochen auf Wildfire Island geschehen war. Und nur einer kannte die Folgen.

Anahera musste lediglich dafür sorgen, dass es auch so blieb.

2. KAPITEL

Ana …

Der Name kam wie aus dem Hinterhalt und traf Luke wie eine Faust, die er nicht hatte kommen sehen.

Sicher hatte er im Augenwinkel die grüne OP-Kleidung wahrgenommen und sich nichts weiter dabei gedacht. Höchstens, dass der herbeigerufene Arzt eine Krankenschwester mitgebracht hatte. Danach war Luke damit beschäftigt, die Informationen über Charles’ Gesundheitszustand weiterzugeben.

Und dann hörte er ihren Namen. Sah, wie ihre Hand bebte, als Ana den Deckel vom Nitro-Spray abzog. Ohne nachzudenken, nahm er ihr die Flasche aus der Hand – eine spontane Reaktion, weil Ana sich abmühte und er helfen wollte. Hätte er gewusst, was die Berührung bei ihm anrichtete, er wäre vorsichtiger gewesen.

Doch der Schock, ihren Namen zu hören und ihre weiche Haut unter seinen Fingern zu spüren, war nichts verglichen mit dem Gefühl, das ihn durchströmte, als er ihr nach fünf Jahren zum ersten Mal wieder in die Augen sah.

Wie konnte ihn das so stark mitnehmen? Ein einziger Blick in warme braune Augen, wie er sie in den letzten Jahren bei unzähligen Gelegenheiten gesehen hatte? Doch bei diesen war ihm, als würde sich der Boden unter seinen Füßen auftun …

Ana musste Ähnliches gespürt haben. Er las in ihren Augen, dass sie genauso erschrocken war wie er. Und nicht nur das. Sie schien Angst vor ihm zu haben, und das verstärkte den schmerzlichen Druck in seiner Brust.

„Er ist weg.“ Sein Patient klang auf eine Art fröhlich, die nicht zu Lukes Stimmungslage passte. „Der Schmerz ist komplett weg!“

Nein. Charles mochte es bessergehen, aber Luke wurde das verwirrende Gefühl nicht los, dass für ihn der Schmerz gerade erst begonnen hatte. Er ließ sich auf die Fersen sinken und suchte Anas Blick.

Sie beachtete ihn nicht. Absichtlich?

Ana hielt den Schlauch mit der Nasenbrille in der Hand, bereit, sie dem Patienten anzulegen, um ihn mit Sauerstoff zu versorgen. Und sie sah Sam an.

„Liegen Sie einen Moment still, Charles“, sagte der. „Wir schreiben ein EKG und sehen uns mal an, was los ist.“

Kurz darauf spuckte die Maschine die Aufzeichnungen aus. Luke schaute sich um, glaubte sich vergewissern zu müssen, warum er hier war. Zwei Tage auf einer tropischen Insel, in Gesellschaft passionierter Kollegen und eines sehr guten Freundes. Die Möglichkeit, dass Ana wieder auf Wildfire leben könnte, die hatte er sorgsam verdrängt. Und mit den Erinnerungen, so hatte er jedenfalls geglaubt, konnte er fertig werden.

Jetzt musste er feststellen, dass er sich mit etwas konfrontiert sah, dass er eben nicht so leicht wegsteckte: Ana hatte anscheinend Angst vor ihm.

Hatte er sie so sehr verletzt?

Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. Luke kam sich vor wie ein Schuft.

Er ließ den Blick über die anderen Tagungsteilnehmer schweifen, die stumm auf die Diagnose warteten, und sah wieder zu Ana hinüber. Sie und Sam beugten sich über den Ausdruck, die Köpfe dicht beieinander.

„Kein Anzeichen für eine ST-Hebung“, hörte er sie sagen. „Ich kann auch keinen Hinweis auf myokardiale Ischämie entdecken. Du?“

Sie sprach sanft, sachlich. Luke erinnerte sich daran, wie ihre Stimme geklungen hatte, als er das letzte Mal mit ihr sprach. Ana war so wütend gewesen, dass er sie ausfindig gemacht und während ihres Dienstes in jenem Krankenhaus in Brisbane angerufen hatte.

Was ist dein Problem, Luke? Ist dir langweilig in London? Hast du Lust, deine Frau mal wieder zu betrügen?

Er war gar nicht dazu gekommen, ihr zu sagen, was er sagen wollte.

Ich will nichts davon hören. Ich will nie wieder von dir hören! Niemals!

Zum Schluss steckte sie ihn mit ihrem Zorn an. Sie hasste ihn, und im ersten Moment glaubte er, sie auch zu hassen. Wie konnte sich innige Liebe so schnell in Hass verwandeln?

Gar nicht. Nicht, wenn diese Liebe echt war. Luke stellte schnell fest, dass er Anahera nicht hassen konnte. Nicht in tausend Jahren. Er an ihrer Stelle hätte ihr die Chance gegeben, alles zu erklären. Er hätte zugehört.

Und ihr verziehen.

Sogar jetzt konnte er ihr verzeihen, dass sie ihn ignorierte. Weil er die Furcht in ihren Augen gelesen hatte.

„Sieht gut aus, wie?“ Charles lächelte. „Ich habe doch gesagt, dass mein voller Magen schuld ist.“

„Ich tippe eher darauf, dass es Ihre Angina war … so schnell, wie das Nitro gewirkt hat.“

„Wie auch immer, mir geht’s blendend.“ Charles zupfte sich die Elektroden ab. „Es tut mir wirklich leid, dass ich allen einen Schrecken eingejagt habe. Hätte ich nur mein Spray nicht vergessen!“

„Behalten Sie dieses“, antwortete Sam. „Trotzdem möchte ich noch ein paar Tests vornehmen. Wir haben hier die Möglichkeit, kardiale Biomarker zu bewerten. Wenn Sie mir eine Blutprobe überlassen, ziehe ich mich ins Labor zurück und kann Ihnen im Nullkommanichts das Ergebnis zeigen.“

„Genehmigen Sie sich lieber einen Drink. Und etwas von dem herrlichen Essen.“ Jovial winkte Charles den Kollegen zu. „Bitte essen Sie weiter. Hier wurde wieder ein Leben gerettet.“

Erleichterung zeichnete sich auf den Gesichtern der Anwesenden ab, viele lächelten, und bald darauf erfüllten Stimmengewirr und hier und da Gelächter das Langhaus. Anahera allerdings blickte ernst drein, während sie EKG-Kabel und alles andere verstaute.

Luke musste etwas sagen.

„Es ist schön, dich zu sehen, Ana“, begann er. „Ich … ich hatte dich hier nicht erwartet.“

„Ich dich auch nicht.“ Die Leitungen hatten sich verheddert, und sie schüttelte sie leicht. „Obwohl es ja dein Fachgebiet ist. Aber es ist eine lange Reise, und ich hätte nicht gedacht, dass du …“ Sie sprach nicht weiter, warf ihm nur einen flüchtigen Blick zu.

Dass ich was? Nicht auf die Idee kommen würde, jemals wieder einen Fuß auf Wildfire Island zu setzen? „Ich dachte, du lebst in Brisbane.“ Kaum waren die Worte heraus, hätte er sich ohrfeigen können. Das klang, als hätte er damit gerechnet, dass sie weit weg von hier wohnte.

Was natürlich stimmte …

„Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen.“ Ana hatte die Tasche gepackt und stand auf. „Ich bin vor zwei Jahren zurückgekommen.“

„Ich bin nicht enttäuscht.“ Luke versuchte ein Lächeln. „Und es ist wirklich schön, dich zu sehen.“

So viel Zeit war vergangen. Er merkte, wie sehr es ihn traf, dass sie ihn ansah, als sei sie auf der Hut. Wie jemanden, mit dem sie nichts zu tun haben wollte. Als wäre nichts zwischen ihnen gewesen, absolut nichts.

Am meisten sehnte er sich nach ihrem Lächeln, aber darauf konnte er wohl lange warten.

Auf einmal kam ihm ein Gedanke. Wenn sie endlich die Wahrheit wüsste, würde sie sich anders verhalten. Luke fasste neue Hoffnung. Vielleicht sollten sie sich aussprechen, die Gelegenheit nutzen, um die Geister der Vergangenheit endlich zu bannen …

„Bleib du ruhig.“ Anahera schloss die Tasche, nachdem Sam von Charles die Blutprobe doch noch bekommen hatte. „Du wolltest sowieso hier sein. Ich bringe die Sachen ins Krankenhaus zurück.“

„Sicher?“ Sam sah ihrem Patienten nach, der zu den Kollegen zurückgegangen war. „Ich würde ihn gern im Auge behalten. Und der Labortest dauert nur ein paar Minuten“

„Das Labor hätte ich mir gern angesehen.“ Luke war Charles nicht zu den anderen gefolgt – sehr zu Anaheras Verdruss. „Anscheinend ist es inzwischen sehr viel besser ausgerüstet, seit ich das letzte Mal hier war.“

„Und ob. Sie sollten auch einen Rundgang durchs Krankenhaus machen. Damals gab es bestimmt noch keinen Computertomographen, geschweige denn das Beatmungsgerät, das für die Intensivpflege angeschafft wurde.“

„Sie haben ein CT? Großartig!“

„Anahera ist ausgebildete Intensivkrankenschwester. Und sie hat sich in Brisbane auch eine Qualifikation als Rettungssanitäterin erworben. Intubieren, auch unter schwierigen Bedingungen, ist für sie eine der leichtesten Übungen.“ Sam lachte. „Aber wahrscheinlich wissen Sie das alles. Ihr seid bestimmt in Kontakt geblieben.“

„Nein.“

Luke und Anahera hatten gleichzeitig geantwortet. Bei ihm allerdings schwang Bedauern in der Stimme mit, während sie so energisch klang, dass es sich fast wie ein Tadel anhörte. Sam warf ihr einen verwunderten Blick zu.

Achselzuckend versuchte sie, die Wirkung abzumildern. „Du weißt, wie viele FIFOs kommen und wieder gehen. Wenn wir mit allen in Verbindung blieben, kämen wir nicht mehr zum Arbeiten.“

Anahera schulterte die Notfalltasche, nahm den Defibrillator in die eine und den Sauerstoffzylinder in die andere Hand. Flüchtig blickte sie zu Luke hinüber, schaffte es sogar, ein Lächeln anzudeuten. „Genieß deinen Aufenthalt“, sagte sie. „Ich hoffe, diese Konferenz lohnt sich für dich.“

„Warte, ich helfe dir beim Tragen.“

Sie wich seinem Blick aus. „Nein danke, das schaffe ich schon.“ Begriff Luke denn nicht, dass sie von ihm wegwollte?

„Musst du aber nicht.“ Sam griff nach dem Defi und grinste. „Nicht nötig, die Heldin zu spielen, Ana. Schließlich wollen wir neben dir nicht wie Weicheier aussehen.“

Ein Mann kam auf sie zu, anscheinend auch, um zu helfen.

Anahera lächelte. „Na gut, wenn du dich dann besser fühlst.“

Im Grunde war es ihr auch lieber. Sie wollte nicht mit Luke allein sein. Anahera richtete sich auf. Ich habe Freunde hier, dachte sie. Und meine Familie. Luke konnte ihr nichts anhaben. Zu viele Menschen standen auf ihrer Seite.

Sam war stehen geblieben, weil Luke ihn mit dem Mann bekannt machte, der zu ihnen gestoßen war. „Das ist Harry, Scheich Rahman al-Taraq. Er steckt hinter allem, was Sie hier sehen, weil er fest entschlossen ist, ein Mittel gegen Enzephalitis und andere tropische Gemeinheiten zu finden.“

Ein Scheich? Anahera traute ihren Ohren nicht.

Sam schüttelte dem Scheich die Hand. „Ich kann es kaum erwarten, mich mit Ihnen zu unterhalten“, sagte er. „Aber erst muss ich kurz ins Labor. Bin gleich zurück.“

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie begleite? Wir haben vieles neu angeschafft, und das möchte ich mir ansehen. Luke, du solltest auch mitkommen.“

„So?“

„Kann sein, dass ich noch einen Job für dich habe … sobald du morgen deine Rede gehalten hast. Wir wollen ein Forschungsprojekt starten – eine klinische Versuchsreihe, falls alles so klappt, wie ich es mir vorstelle.“

„Ich bin nur zwei Tage hier, Harry.“ Lukes Lachen klang gezwungen. Fast nervös …

Da ist er nicht der Einzige, dachte Anahera, während sie sich auf den Weg zum Golfmobil machte. Sie konnte es kaum erwarten, wieder zum Krankenhaus zu fahren. Oder nein … Sie würde Hettie fragen, ob diese ihren Nachtdienst nicht etwas eher beginnen könnte. Sicher fühlte sich Anahera jetzt nur an einem Ort … zu Hause.

Bei ihrer Tochter.

Bessie, die Haushälterin in der Lockhart-Villa, passte auf Hana auf, wenn Anahera arbeitete.

„Sie war ganz brav“, sagte sie. „Deine Süße ist ohne Protest ins Bett gegangen und schläft tief und fest.“

„Da musst du jetzt auch schnell hin, Bessie. Du siehst müde aus. Vielen Dank für deine Hilfe. Ich wüsste nicht, was wir ohne dich machen sollten.“

Die ältere Frau umarmte sie liebevoll. „Ja, ich bin müde, aber auch sehr glücklich. Miss Caroline und Keanu kommen bald zurück, und ich möchte, dass dann alles im Haus glänzt und strahlt. Ich vermute, dass wir demnächst eine Hochzeit vorbereiten werden.“

Anahera lächelte. Keanu war der zweite ortsansässige Arzt auf Wildfire Island und wie Sam ein sehr guter Freund. Caroline war eine Lockhart, der Zwilling, der gesund zur Welt gekommen war. „Das sind schöne Neuigkeiten. Aber übertreibe es nicht mit dem Putzen.“

„Sag das auch deiner Mutter. Sie arbeitet zu viel. Erst hatte sie nur die Stelle im Krankenhaus, aber nun macht sie sich auch noch im Resort nützlich.“ Bessie schüttelte den Kopf, während sie ihren Korb und ihre Jacke nahm. „Zurzeit passiert auf Wildfire so vieles. Ich komme kaum noch mit …“

„Ich weiß. Mir geht es ähnlich.“ Vor allem jetzt. „Aber es gibt eine Menge guter Nachrichten. Caroline kümmert sich darum, dass in der Mine wieder gearbeitet werden kann, und auch das Konferenzzentrum wird für neue Jobs sorgen. Ich habe gehört, dass ein Forschungsvorhaben geplant ist. Das ist doch wunderbar.“

Bessie musterte sie prüfend. „Du wirkst nicht besonders glücklich, Ana.“

Lächelnd versuchte Anahera, sie zu beruhigen. Ich muss aufpassen, sagte sie sich, als sie Bessie zum Abschied zuwinkte. Keiner durfte ihr anmerken, wie es in ihr aussah. Zum Glück dauerte es noch eine Weile, bis ihre Mutter nach Hause kam. Bis dahin musste sie sich wieder gefangen haben.

Auf Zehenspitzen schlich sie in das Zimmer, wo Hana in ihrem kleinen Bett unter dem mit hübschen rosa Schmetterlingen übersäten Moskitonetz lag. Auch das Nachtlicht hatte die Form eines Schmetterlings, dessen Flügel mildes Licht verbreiteten. Schon als Baby hatte Hana Schmetterlinge geliebt. Anahera hob das Netz und strich ihrer Tochter die zerzausten blonden Locken aus dem Gesichtchen, bevor sie ihr einen liebevollen Kuss auf die seidenweiche olivbraune Haut gab.

Hana rührte sich. Sie wachte nicht auf, lächelte aber im Schlaf und flüsterte: „Mumma …“

„Ich bin hier, mein Liebling. Schlaf gut. Ich hab dich lieb bis zum Mond und zurück.“

Anahera küsste noch einmal das süß duftende Köpfchen und ließ den Mückenschutz wieder über das Bettchen fallen. Meine Kleine, dachte sie zärtlich, während sie spürte, wie sehr sie Hanas Nähe gebraucht hatte. Um sich daran zu erinnern, dass sie nichts bereute.

Sie musste etwas essen, duschen und saubere Schwesternkleidung für morgen zurechtlegen. Doch das hatte Zeit, bis ihre Mutter nach Hause kam. Ein paar Momente für sich zu sein, das erschien ihr viel wichtiger. Anahera machte es sich in dem alten Korbstuhl in einer Ecke der Veranda bequem, die in silbriges Mondlicht getaucht war. Die Frangipani-Büsche davor verströmten einen betörenden Duft.

Vielleicht war die romantische Stimmung schuld, dass Erinnerungen auftauchten wie ungebetene Gäste. Oder war es unausweichlich, sich mit der Vergangenheit zu befassen, nachdem Luke so unerwartet auf der Insel erschienen war? Sie musste ihr inneres Gleichgewicht wiederfinden, damit ihre Mutter keinen Verdacht schöpfte.

Anahera war sicher, dass Vailea keine Ahnung hatte. Sonst hätte sie wohl kaum diese Bemerkung gemacht.

Damals mussten Sie ganz plötzlich abreisen. Wegen Ihrer kranken Frau, nicht wahr?

Ja, sie hatten ihre Liebesbeziehung geheim gehalten, aber nicht aus den gleichen Gründen, wie sie geglaubt hatte. Wie naiv war sie doch gewesen! Dass sie für sie wie ein sorgsam gehüteter Schatz gewesen war, den es vor allem zu bewahren galt, hieß ja nicht, dass Luke genauso empfand.

Trotzdem hatte sie das geglaubt. Warum auch nicht, wenn sich ihre Blicke immer trafen? Oder sie einander wie zufällig berührten? Es war, als zöge eine unsichtbare Kraft sie zueinander hin, unaufhaltsam, prickelnd, sinnlich. Schließlich tat Anahera den ersten Schritt. Sie bot Luke an, ihm das Naturschauspiel am Sunset Beach zu zeigen, wo die untergehende Sonne die Klippen leuchtend rot erglühen ließ.

Dort küsste Luke sie zum ersten Mal, und Anahera verlor endgültig ihr Herz an ihn.

Sie wollte niemandem davon erzählen, weil sie fürchtete, den Zauber zu zerstören. Ihre Mutter hätte Angst gehabt, sie zu verlieren, wenn sie Luke nach London folgte. Ihre Kolleginnen und Kollegen hätten sich gefragt, wie sie sie ersetzen sollten. Und sie selbst konnte sich nicht vorstellen, ihr Leben auf der Insel aufzugeben und in der Fremde ein völlig neues zu beginnen. Also schob sie all diese Gedanken weit von sich, um verliebt und glücklich die gemeinsame Zeit ungetrübt zu genießen, solange es möglich war.

Welch eine Ironie des Schicksals, dass sie schließlich die Insel verlassen und ein neues Leben beginnen würde? Allein … Jedenfalls glaubte sie das, bis Kummer und Herzschmerz so weit nachgelassen hatten, dass sie begriff, was die Veränderungen ihres Körpers bedeuteten.

Und Luke? Der hatte seine eigenen Beweggründe, aus ihrer Affäre ein Geheimnis zu machen. Nicht etwa, weil ihm die Zweisamkeit zu kostbar war!

Einen flüchtigen Augenblick packte sie wieder der alte Zorn, aber sie wusste, dass es ihr nicht weiterhelfen würde. Außerdem hatte sie beschlossen, mit diesen Gefühlen abzuschließen, als sie Hana zum ersten Mal in den Armen hielt. Ihre kleine Tochter, ein Geschenk, für das sie unendlich dankbar war.

Sicher kamen die bitteren Gefühle anfangs immer wieder hoch, vor allem, wenn sie übermüdet war oder der finanzielle Druck zu groß wurde. Aber nachdem sie nach Wildfire zurückgekehrt war, ging es ihr besser. Seit zwei Jahren bekam sie die Unterstützung, die sie brauchte, arbeitete in dem Beruf, den sie liebte, und sah ihre Tochter am selben Ort aufwachsen, wo sie groß geworden war. Auf einer tropischen Insel von außergewöhnlicher Schönheit und voller bunter Schmetterlinge.

Ihr Leben verlief genau so, wie es sein sollte. Sie wollte nicht daran erinnert werden, dass etwas fehlte. Etwas, das sie bei Luke Wilson gefunden hatte. Das Einzige, das ihr nie wieder begegnen würde, erst recht nicht, nachdem sie in ihre abgelegene Heimat zurückgekommen war. Doch dieses Opfer brachte sie gern.

Für Hana.

Anahera war glücklich auf Wildfire Island, und so sollte es auch bleiben. Je eher sie Luke und alles, was mit ihm zusammenhing, aus dem Kopf bekam, umso besser!

Seufzend schloss sie die Augen, als der Gedanke, der die ganze Zeit an ihr nagte, lauter wurde. Diese Gewissensbisse würden nicht so leicht wieder verschwinden, selbst wenn Luke die Insel längst verlassen hatte. Sie könnten sogar noch stärker werden.

Luke hatte nicht die geringste Ahnung, dass er Hanas Vater war …

Wildfire Island hielt nicht nur eine Überraschung für ihn bereit. Nach dem unerwarteten Wiedersehen mit Anahera Kopu stellte Luke noch etwas anderes fest, das ihn ähnlich elektrisierte.

Seit dem Willkommenstreffen musste er immer wieder daran denken. Es war, als hätten sich gleichgesinnte Persönlichkeiten gefunden, die über eine Energie verfügten, mit der sich Besonderes erreichen ließ. Luke fühlte sich an die Wochen in London erinnert, als er Harry behandelt hatte. Zwischen ihnen war eine Verbindung entstanden, die nicht nur den Beginn einer Freundschaft markierte, sondern eine gemeinsame Wellenlänge, die inspirierend wirkte.

Sam Taylor mochte nach außen hin lässig wirken, ein ausgesprochen charmanter Kerl. Doch dicht unter der Oberfläche brannte eine starke Leidenschaft für das, was er tat. Dazu Harry, hochintelligent und außerdem mit den nötigen Mitteln ausgestattet, um seine Visionen in die Tat umzusetzen. Zu dritt, das ahnte Luke, könnten sie für die Menschen in dieser Region und vielleicht sogar weltweit einiges bewegen. Eine faszinierende Vorstellung.

Deshalb besuchte er – obwohl er es aus anderen Gründen nicht für die beste Idee hielt – während der veranstaltungsfreien Zeit am zweiten Konferenztag das Krankenhaus. Die übrigen Tagungsteilnehmer nutzten unterdessen das Rahmenprogramm und ließen sich zu einer der Inseln fahren, um zu schnorcheln und eine Schildkrötenkolonie zu besichtigen.

Natürlich sollte es für Anahera nicht so aussehen, als wollte er ihr zu naherücken. Er hätte gern mit ihr geredet, aber nicht vor anderen Leuten. Leider war ihm auch der Zufall keine große Hilfe, denn als er gestern lange an den Stränden und auch im Dorf spazieren gegangen war, begegnete er ihr nicht.

Und jetzt war er in der Klinik. Sam und er hatten eine Menge zu besprechen. Um sich ungestört unterhalten zu können, bot sich der Personalraum an. Er war mit einer Küchenzeile ausgestattet und einem kleinen Kühlschrank. Das Sofa sah bequem genug aus, um dort während einer Nachtschicht ein Nickerchen zu halten. Dahinter entdeckte Luke eine ordentlich gefaltete Decke und einen Stapel Kissen. Zwei Liegesessel und ein Tisch vervollständigten die Einrichtung. Einer der Sessel war besetzt.

„Tag, Leute.“

„Hallo, Jack. Dies ist Luke Wilson, der Enzephalitis-Spezialist, von dem ich dir erzählt habe. Luke, das hier ist Jack Richards, unser Hubschrauberpilot Nummer eins.“

Jack erhob sich und streckte die Hand aus. „Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Luke. Sam ist ganz aus dem Häuschen. So aufgeregt habe ich ihn seit Jahre nicht gesehen.“

Luke erwiderte den kräftigen Händedruck. „Es handelt sich auch um eine aufregende Entwicklung.“

„Was möchten Sie trinken, Luke?“ Sam zog die Kühlschranktür auf, hinter der sich eine erstaunliche Auswahl verschiedener Kaltgetränke verbarg. „Etwas Kaltes oder einen Kaffee? Tee?“

„Sehr gern eine Tasse Tee. Seit ich aus London abgeflogen bin, habe ich keinen mehr getrunken, und das kommt mir ziemlich lange vor.“

„Ich könnte auch einen vertragen.“ Sam grinste. „Meine englischen Wurzeln pflegen.“

„Woher kommen Sie?“

„Aus dem Norden. Studiert habe ich in Birmingham.“

„Und was hat Sie in die Südsee verschlagen?“

„Ich bin begeisterter Segler. Vor ein paar Jahren war ich mit meiner Jacht hierhergekommen, um eine Weile als FIFO-Arzt zu arbeiten. Es hat mir so gut gefallen, dass ich geblieben bin.“

Luke vermutete, dass das nicht die ganze Geschichte war, aber es ging ihn nichts an. Er wandte sich Jack zu, gespannt darauf, mehr über dessen Alltag als Rettungsflieger zu erfahren. Da erregte eine Bewegung an der Tür seine Aufmerksamkeit.

„Sam?“ Anahera betrat das Zimmer, in der Hand ein Klemmbrett. „Unterschreibst du kurz wegen der Antibiotika für Kalifa Lui?“ Als sie Luke erblickte, blieb sie wie angewurzelt stehen. Dann räusperte sie sich und sah weg. „Ich denke, er braucht auch mehr Ventolin. Er bekommt immer noch hörbar schlecht Luft.“

„Klar.“ Sam zog einen Kugelschreiber aus seiner Brusttasche und kritzelte sein Namenskürzel auf den Bogen. „Konntest du ihn überzeugen, über Nacht zu bleiben?“

„Daran arbeite ich noch. Anscheinend ist ihm nicht bewusst, welche ernsten Folgen eine Brustinfektion bei seinen chronisch kranken Lungen haben kann. Er will wieder zur Arbeit.“

„Welche Arbeit?“, fragte Jack. „Die Mine ist aus Sicherheitsgründen geschlossen.“

„Ins Bergwerk dürfen sie nicht, aber viele Männer legen sich schwer ins Zeug, um die Mine sicherer zu machen, damit sie bald geöffnet werden kann. Alle warten darauf, sich wieder ihren Lebensunterhalt verdienen zu können.“

„Ich rede nachher mit ihm“, versprach Sam. „Und wenn ich nichts ausrichten kann, hole ich seine Frau Nani her. Die wird das regeln.“

„Okay …“ Anahera wandte sich zum Gehen.

Luke starrte sie an. Hatte sie beschlossen, ihn wie Luft zu behandeln?

„Bleib noch ein paar Minuten“, sagte Sam da. „Luke und ich wollen etwas besprechen, und das betrifft auch dich.“

„Ich muss zu Kalifa zurück.“

„Seine erste Dosis Antibiotikum hat er bekommen?“

„Ja.“

„Und der Vernebler läuft noch?“

„Ja.“

„Eine Pflegehelferin ist bei ihm und wird uns sofort Bescheid sagen, falls sein Zustand sich verschlechtert?“

Diesmal nickte Anahera nur. Noch immer sah sie Luke nicht an, setzte sich jedoch auf einen der Küchenstühle, die um den Tisch herumstanden.

Sam stellte Tee auf den Tisch und bedeutete Luke, auch Platz zu nehmen.

Jack erhob sich aus seinem Sessel. „Dann will ich euch mal in Ruhe lassen. Den roten Vogel polieren oder sonst was machen.“

„Du kannst gern bleiben“, meinte Sam. „Wahrscheinlich geht dich die Geschichte genauso viel an wie Ana. Komm, setz dich zu uns.“

„Worum geht es?“, fragte Ana mit wachsamer Miene.

„Es gibt aufregende Neuigkeiten.“ Jack grinste. „Sie haben gestern von nichts anderem geredet.“

„Das stimmt. Es gibt einen Impfstoff für M’Langi-Enzephalitis, der für eine klinische Studie zugelassen wurde“, erläuterte Sam nicht ohne Stolz.

Der Pilot sah Luke an. „Nach allem, was Sam erzählt hat, ist die Eröffnungsansprache Ihres Freundes wie eine Bombe eingeschlagen.“ Jack wandte sich an Anahera. „Du hattest gestern frei, deshalb kennst du die Geschichte noch nicht, oder? Vom Scheich und seiner Investition?“

„Ich habe ihn nur kurz im Tagungszentrum gesehen, von dem neuen Impfstoff aber gehört. Alle auf der Insel reden nur noch darüber.“

„Die Entwicklung haben wir im Grunde Luke zu verdanken“, sagte Sam. „Gegen Japanische Enzephalitis gibt es bereits eine Schutzimpfung, doch haben wir es mit einer Vielzahl anderer Formen von Hirnhautentzündung zu tun, bei denen solche Maßnahmen noch fehlen. Dass Luke früher auf diesen Inseln geforscht hat, gab den Ausschlag, dass die Wahl auf M’Langi fiel.“

„Ich habe meine Zeit hier nie vergessen“, sagte Luke ruhig. „Ich denke jeden Tag daran.“

Die versteckte Botschaft war angekommen. Luke sah, wie Anaheras olivfarbene Wangen dunkler wurden. Sie hatte also verstanden, dass er nicht täglich an die Insel dachte, sondern an sie …

„Aber der Dank gebührt Harry“, fuhr er fort. „Er hat unglaublich viel Zeit und Geld investiert, damit das Serum entwickelt werden konnte.“

„Was er nicht hätte tun können, wenn Sie ihm nicht das Leben gerettet hätten.“ Sam blickte Anahera an. „Du hättest den Scheich gestern hören sollen. Im Langhaus blieb kein Auge trocken, als er uns erzählte, wie er mit dem Tod gerungen hat, nachdem er an Enzephalitis erkrankt war. Wie Luke Tag und Nacht bei ihm auf der Intensivstation verbrachte und um sein Leben kämpfte, als wäre es sein eigenes. Dass er nicht aufgab, hat Harry so sehr beeindruckt, dass er etwas zurückgeben wollte. Um Luke seine Dankbarkeit zu zeigen, beschloss er, etwas zu unternehmen, damit andere Menschen nicht das Gleiche durchmachen müssen wie er.“

Gestern waren Luke die Lobreden unangenehm gewesen. Schließlich hatte er nur seine Arbeit getan. Doch als er jetzt Anaheras Reaktion auf Sams Worte beobachtete, empfand er plötzlich Stolz. Er las Respekt in ihren schönen dunklen Augen und noch etwas, eine gewisse Wärme, so als wäre sie stolz auf ihn.

„Ich habe immer gewusst, dass du Großes schaffen kannst“, sagte sie sanft.

„Du brauchst dein Licht auch nicht unter den Scheffel zu stellen. Rettungssanitäterin und Intensivschwester, Spezialistin für Atemwegsblockaden … Wie lange warst du in Brisbane?“

„Ungefähr zwei Jahre.“ Ihre Stimme klang unerwartet kühl, und Ana wich seinem Blick aus. Also wollte sie mit ihm nicht über Brisbane reden. Warum nicht? Hatte sie sich zu dieser Zusatzausbildung nicht nur aus Karrieregründen entschlossen? Brauchte sie einen neuen Anfang, weit weg von dem Ort, wo sie ihn kennengelernt hatte?

Nein, du liest zu viel hinein. So wichtig konnte er ihr nicht gewesen sein, sonst hätte sie ihn nicht so eiskalt zurückgewiesen, nachdem er sie unter Mühen endlich ausfindig gemacht hatte. Ihr Leben war einfach weitergegangen, und es ging ihn nichts mehr an.

Schön, das konnte er auch. Luke besann sich auf das eigentliche Thema dieser Unterhaltung. „Harry plant einige Forschungsprojekte, die nur hier durchgeführt werden können. Eins davon erfordert Flüge zu den weiter draußen liegenden Inseln. Und da kommen Sie ins Spiel, Jack. Harry hat von der Wirkung des M’Langi-Tees gehört und glaubt, das könnte wichtig sein.“

„Warum?“, fragte Anahera verwundert. „Er wirkt doch nur wie ein Insektenschutzmittel, oder?“

„Richtig“, antwortete Sam. „Um von Mücken übertragene Krankheiten in Schach zu halten, greift man zu den üblichen Maßnahmen: Man versucht, den Biestern möglichst keine Brutstätten zu bieten, schützt sich mit Kleidung und Insektiziden. Die werden immer nur äußerlich angewendet. Es wäre ein genialer Durchbruch, wenn man etwas Wirksameres fände, das in den Körper aufgenommen wird. Wusstest du, dass 2013 weltweit schätzungsweise 77.000 Menschen an Enzephalitis gestorben sind?“

„Sie haben doch bestimmt Erhebungen gemacht, auf welcher Insel die wenigsten Krankheitsfälle registriert wurden?“, warf Luke ein.

Sam nickte. „Wenn ich mich recht erinnere, ist das French Island, wo die besondere Art Hibiskusbüsche wächst, aus denen der Tee gewonnen wird. Aber das kann ich nachsehen.“

„French Island?“

„Anscheinend ist vor langer Zeit dort ein französischer Dreimaster auf Grund gelaufen. Die Besatzung überlebte und ließ sich auf der Insel nieder. Seitdem fließt in einigen Insulanern französisches Blut. Heute noch kommen gelegentlich Segler aus Frankreich hierher, um auf den Spuren der Geschichte zu wandeln.“

Anahera schien sich nicht sonderlich dafür zu interessieren. Sie stand auf, noch bevor Sam zu Ende gesprochen hatte. „Ich muss jetzt wirklich zurück zu meinen Patienten“, sagte sie ungeduldig. „Mir ist nicht ganz klar, was das alles mit mir zu tun hat.“

„Bist du nicht in den nächsten beiden Tagen für die Sprechstunden auf French Island eingeteilt?“

„Ach so. Soll ich ein paar Teeblätter sammeln? Mit den Inselbewohnern sprechen?“

„Nein, ich möchte, dass du Luke mitnimmst.“

Sie erstarrte, ihr Blick flog alarmiert zu Luke. „Aber die Konferenz ist heute zu Ende. Musst du nicht nach London zurück?“

Da war sie wieder, die Angst, die er schon bei ihrem ersten Wiedersehen gespürt hatte. Luke fand das übertrieben. Schließlich hatte er Abstand gehalten, und ihr musste klar sein, dass er sich ihr in keiner Weise aufdrängen würde.

„Harry hat mich überredet, noch eine Weile zu bleiben, um die Forschungsvorhaben in Gang zu bringen und alles für die klinische Studie vorzubereiten.“

Anahera drehte sich zu Sam um. „Dann solltest du vielleicht an meiner Stelle die Sprechstunden halten. Du interessierst dich brennend für die Forschungen, während ich damit gar nichts zu tun habe.“

Sie versuchte also, ihm aus dem Weg zu gehen. Luke konnte sich keinen Reim darauf machen.

„Keine Sorge, die Einzelheiten besprechen wir noch“, antwortete Sam und lächelte ihn an. „Was halten Sie von einer Besichtigungstour durchs Krankenhaus? Sie müssen doch sicher bald zur Abschlussveranstaltung der Konferenz aufbrechen?“

Jack erhob sich ebenfalls. „Wird Zeit, dass ich mich auch wieder an die Arbeit mache. War nett, Sie kennenzulernen, Luke. Ich freue mich schon darauf, Sie zu den Inseln zu fliegen.“

Anahera ging voran, als sie alle zusammen den Aufenthaltsraum verließen. Die Klinikanlage war Luke noch immer vertraut: Das u-förmige Gebäude mit den kleinen Stationen auf der einen Seite, der Ambulanz, den Küchen und Personalräumen in der Mitte und auf der anderen Seite der Notaufnahme, Intensivstation und Röntgenabteilung – die inzwischen modernisiert und mit CT und Ultraschallgeräten ausgestattet war. An den breiten überdachten Gang, der die beiden Flügel miteinander verband, schloss sich ein prachtvoller tropischer Garten mit einem Teich in der Mitte an.

An der Decke des Verbindungsgangs hingen Ventilatoren, die zusammen mit der Meeresbrise für angenehme Kühle sorgten.

Eine ältere Frau mit einem Kind auf dem Arm eilte durch den Garten auf sie zu.

Anahera erschrak sichtlich. „Bessie! Was machst du denn hier? Was ist passiert?“

Luke hörte das kleine Mädchen weinen. Seine Hand war mit einem blutbefleckten Geschirrtuch umwickelt.

„Nichts Schlimmes, nur eine leichte Schnittwunde. Aber es dauerte eine Weile, bis es aufhörte zu bluten, und das hat Hana wohl Angst gemacht. Ich habe ihr versprochen, dass wir Dr. Sam und Mummy suchen.“

Mummy? Vielleicht eine der anderen Schwestern? Auch Luke war stehen geblieben. Als die Frau, eine Insulanerin, ebenfalls stehen blieb, entwand sich das Mädchen ihren Armen. Sobald seine kleinen Füße den Boden berührten, rannte es los. Das Handtuch flog zu Boden, als die Kleine die Ärmchen reckte.

„Mumma …“ Das Wort klang wie ein Schluchzen.

Anahera streckte die Arme aus und fing das Kind auf, hob es hoch und drückte es fest an sich, während sie beruhigende Worte in die hellen Locken murmelte.

Und dann sah sie auf, direkt in Lukes Augen.

Der kam sich vor wie ein Idiot, sprachlos, das Gehirn wie leer gefegt. Er hatte einige Überraschungen erlebt, seit er auf der Insel gelandet war, aber das hier war der größte Schock von allen.

Das Bild, das sich ihm bot, ließ keinen anderen Schluss zu. Das Kind hatte den Menschen gefunden, der ihm Trost und Geborgenheit schenkte wie niemand sonst: seine Mutter.

Anahera war Mutter?

Sein Hals war wie zugeschnürt, Luke musste schlucken. Wenigstens bemerkte niemand, was mit ihm los war. Jack stand hinter ihm, und Sam achtete nur auf die Kleine.

„Hast du dir wehgetan, Sweetheart? Lässt du Dr. Sam mal sehen?“

„Hab keine Angst, mein Schatz“, sagte Anahera beschwichtigend. „Es tut nicht weh. Wir wollen es nur mal anschauen.“

Eine kleine Hand kam hinter dem Nacken der Mutter hervor, und dann wurde der Zeigefinger ausgestreckt. Der Schnitt war tief, aber nicht groß.

„Sie hat eine Glasscherbe gefunden“, berichtete Bessie unglücklich. „Als wir zusammen den Schrank aufgeräumt haben.“

„Weißt du was?“, fragte Sam fröhlich.

Langsam schüttelte das Kind den Kopf.

„Ich glaube, ich habe da ein Pflaster in genau der richtigen Größe für deinen Finger. Mit einem Bild darauf. Was könnte das für ein Bild sein?“

Mit großen dunklen Augen blickte sie ihn an. „Ein Flatterling?“

Sam lachte leise. „Nein, diesmal kein Schmetterling, tut mir leid, Knöpfchen. Kann es auch eine Prinzessin sein? Ein Cinderella-Pflaster?“

„Hatte Cinderella nicht Schmetterlinge auf ihrem Kleid, Hana?“, sagte Anahera. „In dem Buch, das wir zu Hause haben?“

Hana. Ein Name, der wie der Kurzname ihrer Mutter klang. Die süße Kleine hatte Anaheras wunderschöne dunkle Augen, aber nicht ihre nachtschwarzen Haare. Die Locken waren blond und die Haut des Mädchens heller.

„Ein hübsches Kind“, hörte Luke sich sagen. „Wie alt ist sie?“

Im selben Moment kam ihm schlagartig der Gedanke, dass sie seine Tochter sein könnte. Die folgende Stille, in der niemand etwas sagte, schien noch zu unterstreichen, wie wichtig die Antwort auf seine Frage war.

Schließlich gab Hana sie ihm. „Ich bin dei“, piepste sie.

„Drei“, verbesserte Anahera. „Sogar schon dreieinhalb.“

Die Rechnung war schnell gemacht. Dreieinhalb Jahre plus neun Monate Schwangerschaft. Luke zählte die Jahre und Monate seit jener letzten leidenschaftlichen Nacht mit Anahera am Sunset Beach. Sechs Monate Differenz.

Ausgeschlossen, dass Hana von ihm war.

Er hätte erleichtert sein müssen. Warum bedrückte ihn dann der Gedanke so sehr?

Vielleicht, weil es der endgültige Beweis dafür war, dass er Anahera nichts bedeutet hatte? Sonst hätte sie sich kaum innerhalb weniger Monate jemand anderen gesucht und ein Kind mit ihm gezeugt! Wahrscheinlich lebte sie mit Hanas Vater hier auf Wildfire Island. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er ihm begegnete.

Luke schüttelte die Niedergeschlagenheit ab und blickte auf seine Uhr. „Ich muss zurück, Sam. Für eine Besichtigung ergibt sich in den nächsten Tagen bestimmt eine Gelegenheit. Wie Sie schon sagten, ich möchte die Abschlussveranstaltung nicht verpassen.“

3. KAPITEL

„Was hast du, Ana?“

„Nichts.“ Sie sah nicht auf und packte weiter Material in die große Plastikkiste, die auf der Bank stand.

„Du scheinst nicht du selbst zu sein.“ Sam lehnte am Türrahmen des Lagerraums im OP-Trakt, nachdem er die von Vailea gut gefüllte Lunch-Kühlbox gebracht hatte, die das Team für den Tag auf French Island mitnehmen sollte.

Anahera wandte sich ab und starrte auf eins der Regale. „Sag bloß, wir haben keine Urin-Teststäbchen mehr … Auf French Island haben wir einige Patienten, die ihren Diabetes nicht im Griff haben.“

Sam betrat den Raum und griff an ihrer Schulter vorbei nach dem Behälter, der direkt vor ihrer Nase stand.

„Danke. Da hatte ich wohl den Männerblick“, scherzte sie, um ihre Verlegenheit zu überspielen. „Sehen die Butter im Kühlschrank nicht, obwohl sie genau vor ihnen steht.“

„Keine Chauvi-Sprüche, ja?“ Sam grinste, wurde aber schnell wieder ernst. „Wenn dir der Blutzuckerspiegel Sorgen macht, ist ein Bluttest genauer.“

„Das weiß ich auch.“ Ihre Antwort fiel ungewollt scharf aus, und sie schlug schnell einen anderen Tonfall an. „Ich habe festgestellt, dass die Patienten eher bereit sind, eine Urinprobe abzugeben, als sich stechen zu lassen. Und Blutzucker im Urin ist immer ein Hinweis darauf, dass wir behandeln müssen. Außerdem brauche ich die Tests auch für die Schwangerschaftsvorsorge.“

„Okay …“

Sie spürte, dass er sie beobachtete. Vielleicht war sie wirklich zu barsch gewesen. „Entschuldige“, murmelte sie. „Letzte Nacht habe ich nicht gut geschlafen. Und es beschäftigt mich wohl, dass wir heute noch jemanden mitnehmen. Vielleicht, weil wir uns mit der Sprechstunde beeilen müssen, damit noch Zeit bleibt, dass er mit den Dorfleuten sprechen und den Tee sammeln kann.“

„Hmm …“ Sam machte keine Anstalten, den Raum zu verlassen. „Täusche ich mich, oder magst du Luke nicht? Ich werde mit dem Mann zusammenarbeiten, und mein erster Eindruck ist mehr als positiv. Gibt es etwas, das ich wissen sollte?“

„Nein.“

„Du kennst ihn besser als ich.“

Von wegen! Fast hätte sie aufgelacht. „Er ist ein großartiger, kluger Arzt, der hart arbeitet. Und seine Patienten liegen ihm sehr am Herzen.“ Anahera legte Spritzen und Tupfer in die Kiste, griff nach den Schwangerschaftstests und unterdrückte einen Seufzer. Sam war ein guter Freund von ihr. Vielleicht sollte sie ihm sagen, dass man Luke nicht trauen konnte. Dass er ihr gegenüber nicht ehrlich gewesen war …

„Ich weiß“, antwortete Sam. „Du hättest diesen Scheich hören sollen, als er von ihm sprach. Der hat Luke in den Himmel gelobt.“

„Mmm …“ Zeit, das Thema zu wechseln. „Hat Jack schon angerufen, ob der Hubschrauber startklar ist? Wir sollten bald aufbrechen. Wenn Luke nicht rechtzeitig hier ist, müssen wir ohne ihn fliegen.“

„Ich kümmere mich darum.“

Froh darüber, endlich allein zu sein, atmete Anahera tief durch. Sie brauchte ein paar Minuten für sich. Trotzdem blieb der Knoten im Magen, da halfen auch nicht weitere tiefe Atemzüge. Sie wusste genau, was der Grund war: Schuldgefühle.

Sie hatte Sam erzählt, dass sie schlecht geschlafen hätte. In Wahrheit hatte sie so gut wie gar nicht geschlafen. Wie in einer Endlossequenz liefen die Bilder in ihrem Kopf ab – Lukes Gesicht, als er Hana sah, seine Miene wie ein offenes Buch. Zuerst der Schock, dass sie Mutter war, dann der Moment, als er überlegte, ob er Hanas Vater sein könnte. Und zuletzt unerwartet ein Ausdruck von Enttäuschung.

Wollte er ein Kind?

Selbst wenn nicht, so war es doch sein Recht zu erfahren, dass er eins hatte, oder?

Der Druck im Magen wurde stärker, verursachte ihr Übelkeit.

Sei vernünftig, ermahnte sie sich. Sie hatte ihn getäuscht, weil es für alle besser war: für Hana, für Luke, für ihre Mutter und für Ana selbst. Das hatte sie nicht zuletzt ihre eigene Geschichte gelehrt. Was für eine Ironie, dass Sam gestern ausgerechnet Luke die Geschichte von French Island erzählt hatte.

Einer jener französischen Segler, den die Geschichte des gestrandeten Dreimasters und seiner Besatzung fasziniert hatte, war Anaheras Vater gewesen.

Er war nach French Island gekommen und hatte sich verliebt – in die Insel und in ihre Mutter. Vailea und Stefan heirateten und bauten auf der Hauptinsel Atangi ein Haus. Er plante, ein Ferienparadies für Touristen aufzubauen, wo sie Segeln und Tauchen konnten. Es sollte Geld auf die Inseln bringen und ihm ermöglichen, für den Rest seines Lebens das zu tun, was er liebte.

Doch er vermisste seine Heimat, und so flog er mit seiner jungen Familie nach Hause, um sie seiner Familie vorzustellen. Drei Monate lang lebten sie in einer Pariser Vorstadt.

„Es war furchtbar kalt“, hatte ihre Mutter ihr später oft erzählt. „Und ich konnte die Sprache nicht. Selbst mit dir und Stefan habe ich mich sehr einsam gefühlt. Ich wollte bei ihm sein, aber mit jedem Tag starb etwas in mir.“

Sie kehrten nach M’Langi zurück, doch der Zauber war verflogen. Stefan erkannte, dass die Inseln nur Urlaubsort für ihn gewesen waren und sein wahres Leben sich in Frankreich abspielte. Die Trennung brach ihnen das Herz, aber sie sahen keine andere Lösung. Sie beschlossen, dass Vailea und Anahera ihn einmal im Jahr im Sommer besuchen würden und Stefan die Winter auf Atangi verbrachte. Dazu war es jedoch nicht mehr gekommen, weil er kurz darauf bei einem Tauchunfall ums Leben kam.

Anahera wusste also aus erster Hand, wie schwer es war, in verschiedenen Welten zu leben. Sie hatte in Brisbane gewohnt, wo das Klima ihrer Heimat ähnlich war, und schon dort mit heftigem Heimweh zu kämpfen gehabt. Wie wäre es erst in London gewesen? In ihrer Vorstellung hing immer ein grauer Himmel über der unruhigen Großstadt, und die Leute mussten sich warm anziehen und immer einen Regenschirm dabeihaben. Hatte sie wirklich geglaubt, dass sie jemals mit Luke in London leben könnte? In ihrer Verliebtheit hatte sie eine rosarote Brille aufgehabt!

Nein, es wäre nie gut gegangen.

Wenn Luke erfuhr, dass er Hanas Vater war, erwartete er bestimmt, sie öfter zu sehen. Und dann müsste sie nach London. Schließlich war kaum anzunehmen, dass er als viel beschäftigter Arzt und Wissenschaftler die Zeit fand, regelmäßig Urlaub in der Südsee zu machen.

Später würde es sicher Konflikte wegen der Schulbildung geben. Wenn Luke nun verlangte, dass Hana auf eine englische Schule ging? Wenn Hana sich im Teenageralter dazu entschied, beim Vater zu leben, weil London so viel mehr zu bieten hatte als eine abgelegene tropische Insel?

Davor hatte Anahera Angst. Vielleicht war es der wahre Grund dafür, dass sie Luke und mit ihm alle anderen bisher getäuscht hatte.

Außerdem wehrte sie sich insgeheim dagegen, Hana mit dem Mann zu teilen, der ihr das Herz gebrochen hatte. Luke verdiente die bedingungslose Liebe ihrer Tochter doch gar nicht, oder?

Macht mich das zu einem schlechten Menschen? fragte sie sich. Falls ja, dann hatte sie schon vor langer Zeit beschlossen, mit dieser Schuld zu leben.

Es war allerdings leichter gewesen, als Luke nur eine Erinnerung gewesen war. Seit er hier aufgetaucht war, fiel es ihr schwer. Fast unerträglich schwer.

Und zu allem Überfluss musste sie heute einen ganzen Tag mit ihm verbringen!

Anahera presste die Hand auf den Bauch, als ein erneuter Krampf sie wie eine scharfe Klinge durchbohrte.

„Ana?“, drang Sams Stimme aus dem Flur zu ihr. „Jack ist startklar, und Luke wartet schon am Hubschrauber.“ Er kam zur Tür herein, als Ana sich aufrichtete und mit aller Kraft den Schmerz zu ignorieren versuchte. „Komm, die Kiste trage ich.“

Im Cockpit eines Hubschraubers zu sitzen und die Inseln unter ihnen aus der Vogelperspektive zu betrachten, war viel spannender als der Blick aus einem kleinen Flugzeugfenster.

Luke saß vorn neben Jack und konnte sich nicht sattsehen. „Das Wasser ist so klar, dass man die Korallen erkennen kann. Und Fische …“

„Umwerfend, was? Ich habe den besten Arbeitsplatz der Welt.“ Die Stimme des Piloten drang aus Lukes Kopfhörern. „Das da ist Atangi, die größte und am längsten besiedelte Insel. Dort sind auch die Schulen. Ana, du bist da aufgewachsen, oder?“

„Ja.“ Anahera saß hinter Luke, außerhalb seines Blickfelds. „Bis Mum anfing, im Krankenhaus zu arbeiten. Wir sind nach Wildfire gezogen, und ich bin jeden Morgen mit dem Boot zur Schule gefahren worden.“

Das hatte Luke nicht gewusst. Worüber hatten sie damals gesprochen? Vielleicht hätte er mehr zuhören als reden sollen. Jetzt war es zu spät dafür. Als sie vorhin zum Flugfeld kam, hatte Anahera ihn kaum beachtet. Und mehr als ein schlichtes „Guten Morgen“ brachte er nicht heraus, während ihm zig Fragen durch den Kopf gingen. Wer passt auf ihre Tochter auf, wenn sie arbeitet? Was macht ihr Mann? Wie hat sie ihn kennengelernt? Bis ihm schließlich auffiel, dass sie keinen Ehering trug – was noch mehr Fragen aufwarf.

Allerdings würde er so schnell keine Antworten bekommen. Anahera schien nicht mit ihm reden zu wollen.

Luke bereute es schon, dass er sich von Harry und Sam hatte überreden lassen, länger hierzubleiben. Da hatte er von ihrem Kind noch nichts gewusst und gehofft, sich mit ihr aussprechen zu können. Ihr endlich zu erklären, was damals passiert war.

Aber warum sollte er alte Wunden wieder aufreißen? Für Anahera war das Leben weitergegangen. Wahrscheinlich hatte sie keinen einzigen Gedanken an ihn verschwendet!

Doch der fehlende Ring gab ihm zu denken. Hatte die Ehe nicht gehalten? War Anahera wieder Single?

„Was ist das für eine Insel?“, fragte er, um den kreisenden Gedanken Einhalt zu gebieten. „Die kleine runde dort unten links. Damals war ich nicht auf den anderen Inseln. Ich hatte keine Ahnung, dass es so viele sind.“

„Die meisten von ihnen sind unbewohnt. Die runde ist Opuru. Vor zwanzig Jahren wurde sie bei einem Tsunami so schwer verwüstet, dass die Bewohner sich auf Wildfire eine neue Heimat aufgebaut haben. Zu der Zeit ist unser Dorf entstanden. Vorher haben dort nur die Lockharts und ihre Angestellten gewohnt, und die Minenarbeiter sind gependelt – die meisten von Atangi.“

„Welche ist French Island?“

„Weiter draußen. Sie ist nicht so groß wie Atangi und nicht so bergig wie Wildfire. Aber sie hat ein herrliches Korallenriff und natürlich das Schiffswrack, nach dem sie benannt wurde. Deshalb ist sie bei Tauchern so beliebt. Und das Wasser ist glasklar, sodass man von einem Hügel aus das Schiffsgerippe deutlich sehen kann. Ein unvergleichlicher Anblick.“

„Das würde ich mir gern anschauen.“

„Kann ich Ihnen zeigen“, bot Jack an. „Wir haben bestimmt Zeit dafür – vorausgesetzt, wir werden in der Sprechstunde nicht überrannt. Ich bleibe in der Nähe, falls Ana mich braucht.“

„Ich helfe auch gern bei der Sprechstunde, wenn das für dich okay ist, Ana.“

„Nicht nötig“, erwiderte sie kühl. „Die wenigsten Einwohner sprechen Englisch. Ich müsste alles übersetzen, und das würde uns nur aufhalten. Jack und ich haben das schon oft gemacht, es gab nie Probleme. Trotzdem danke für das Angebot.“

Luke schwieg, während der Hubschrauber tiefer ging und den Landeplatz anflog. Die Ablehnung war deutlich. Wenn sie schon seine professionelle Hilfe strikt zurückwies, war er klug beraten, sich auf persönlicher Ebene keine Blöße zu geben.

Er war nicht erwünscht. Vielleicht war das im Grunde schon immer so gewesen.

Die Patienten warteten bereits im Schatten eines mächtigen Feigenbaums.

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