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Dr. Knight - retten Sie mein Herz

Alison Roberts

Dr. Knight – retten Sie mein Herz

Für die schöne Professorin Jennifer Allen zählt nur der Erfolg. Doch nach einem Flugzeugabsturz in der Wildnis verliebt sie sich in Dr. Guy Knight. Trotzdem verlässt sie ihn nach ihrer Rettung, als man ihr in Auckland einen wichtigen Posten anbietet. Aber die Sehnsucht nach dem warmherzigen Landarzt lässt sie nicht mehr los ...

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Alison Roberts

Dr. Knight – retten Sie mein Herz

1. KAPITEL

„Mayday … Mayday …“

„Cessna Bravo Papa Tango … Three zero niner … Motorversagen …“

„Mayday Mayday …“

Für einen Notfall hört sich der Pilot viel zu ruhig an, dachte Jennifer Allen. Aber wahrscheinlich klang sie genauso emotionslos, wenn sie in einem letzten verzweifelten Versuch, das Leben eines Patienten zu retten, Skalpell und Rippenspreizer verlangte.

Obwohl der Eingriff eigentlich völlig sinnlos und das Ende nicht aufzuhalten war.

Vielleicht war der Funknotruf eines kleinen Flugzeugs, das gegen einen Berg zu prallen drohte, auch nur eine Formalität. Teil eines vorgeschriebenen Ablaufs. Etwas, um zu demonstrieren, dass wirklich alles Menschenmögliche getan worden und jede echte Hoffnung vergeblich war.

„Mayday Mayday …“

Hinter Jennifer schrie eine Frau. Felsen und Geröllhänge waren so nah, dass man eine einzelne Blume pflücken könnte. Eine Mount Cook Lily, die nur in Neuseelands Bergen wuchs. Für einen winzigen Augenblick waren deutlich die einzelnen weißen Blütenblätter und die goldene Mitte zu erkennen, die wie ein pochiertes Ei aussah. Das Bild brannte sich in Jennifers Netzhaut, während sie plötzlich ins … Nichts stürzten.

Warum war alles stockfinster? Und wieso war es so verdammt kalt? Jennifer wollte die Bettdecke höher ziehen, doch es gelang ihr nicht. Sie schlief noch immer tief und fest, gefangen in diesem merkwürdigen Traum, der wie ein Katastrophenfilm ablief. Sie versuchte sich zu drehen, aber ihr Arm wollte nicht mitmachen, und der restliche Körper fühlte sich bleischwer an. Ein Fuß war eingeschlafen und prickelte wie von tausend Nadeln gestochen. Oder war ihr ganzer Körper eingeschlafen? Verwirrend. Viel schöner wäre es, sich noch einmal die Blume anzusehen, aber die war verschwunden.

Das Gewicht, das auf ihr lastete, war für eine Bettdecke viel zu schwer. Jennifer hatte keinen Hund, und sie schlief schon seit Jahren allein. Die Last wurde schmerzhaft, und sie bemühte sich, aus dem Traum aufzutauchen … aufzuwachen, die Augen zu öffnen, das schwere Ding auf ihr wegzuschieben.

Irgendwas stimmte hier nicht.

Jennifer konnte sich nicht bewegen. Und was sie nur wenige Zentimeter vor ihren Augen sah, musste ein Trugbild sein. Sie träumte noch immer … Die Hand, die dicht über dem Boden baumelte, gehörte einer Frau. Einer älteren Frau, an deren Ringfinger ein wunderschöner Ring mit Diamanten und Saphiren steckte.

Der Ring kam ihr seltsam bekannt vor, und sie runzelte die Stirn. Und auch die Hand kannte sie. Ein älterer Mann mit dichtem grauen Haar hatte sie gehalten, als er der Frau beim Einsteigen in das kleine Flugzeug half. Jennifer saß bereits angeschnallt auf einem der schmalen Plätze der fünfsitzigen Maschine und sah zu, wie die anderen Passagiere einstiegen.

„Mayday Mayday …“

Die Erkenntnis, dass der Traum brutale Wirklichkeit war, traf sie wie ein Schlag in den Magen. Auch die Kälte hatte sie sich nicht eingebildet. Sie waren oberhalb der Baumgrenze übers Gebirge geflogen. Es war ein wundervoller, sonniger Frühsommertag gewesen, aber in dieser Höhe lag das ganze Jahr hindurch Schnee.

Die Hand hing leblos herab. Keine Bewegung ließ erkennen, dass die Frau noch atmete.

Panik schnürte Jennifer die Kehle zu. Sie hatte den Absturz überlebt, und nun war sie eingeklemmt unter einem Körper, der bestimmt doppelt so viel wog wie sie. Wie lange war der Absturz her? Jennifer hatte keine Erinnerung an den Moment des Aufpralls, und vielleicht war sie nur kurze Zeit bewusstlos gewesen.

Kleine Flugzeuge trugen eine Menge Treibstoff in den Flügeln. Dieser konnte sich jeden Augenblick entzünden und explodieren.

Jennifer war nicht bereit, einen Absturz zu überleben und dann bei lebendigem Leib zu verbrennen, gefangen im Heck einer winzigen Maschine. Sie wand sich und versuchte, Halt für ihre Füße zu finden.

„Au!“ Frustration, Schmerz und Angst ließ sie aufstöhnen.

„Wer ist das?“

Jennifer stockte der Atem. Es hat noch jemand überlebt, dachte sie erleichtert und voller Hoffnung.

„Ich bin Jennifer Allen!“, rief sie zurück. Der Körper auf ihr versperrte ihr jede Sicht. „Und wer sind Sie?“

„Guy Knight.“

Guy Knight war der gut gebaute jüngere Mann, der neben dem Piloten gesessen hatte. Sie hatte ihn davor schon einmal gesehen und auch seinen Namen gehört. Er war einer von rund zweihundert Landärzten gewesen, die an ihrem Wochenendseminar über Notfallmedizin teilgenommen hatten. Sie erinnerte sich, wie er am Ende ihres Vortrags über Herztam-ponade aufgestanden war und eine recht kluge Frage gestellt hatte.

„Ich könnte etwas Hilfe gebrauchen.“ Jennifers Stimme klang aus Furcht schärfer als gewollt. „Auf mir liegt eine Tote, und ich kann mich nicht bewegen.“

„Sind Sie verletzt?“

„Das kann ich erst beurteilen, wenn ich hier raus bin. Ich habe das Gefühl, als würde ein Elefant auf mir hocken.“

„Shirley hatte schon immer ein bisschen mit ihrem Gewicht zu kämpfen.“

Beinahe hätte sie hysterisch aufgelacht und dem Mann erklärt, dass sie jetzt damit zu kämpfen hätte, aber der Name erinnerte sie daran, dass die drückende Last ein Mensch war. Trotzdem wollte sie das Mitgefühl nicht. Es lenkte sie ab, sich auf das eigene Überleben zu konzentrieren. Und wie sollte sie anderen helfen, wenn sie selbst verletzt war?

„Bill, kannst du mich hören? Bill?“

Seine Stimme klang ganz nahe, und Jennifer fiel ein, wie eng die Kabine eigentlich war. Wenn das Wrack Feuer fing, würden sie alle innerhalb kurzer Zeit ersticken. Oder verbrennen.

„Wer zum Teufel ist Bill?“

„Shirleys Mann. Er ist Allgemeinmediziner in Te Anau. Ist immer gern geflogen. Jede Gelegenheit hat er genutzt, um in die Luft zu kommen. Ich schaffe es nicht vorbei an diesem … Verdammt!“

Das Gewicht auf Jennifers Brust hob sich leicht, als die Cessna sich zur Seite neigte. Deutlich hörte sie das Kratzen der Felsen am Metall, als sie zu rutschen begann.

Nur weil ein Möchtegernheld versuchte, irgendeinen Bill zu erreichen, würden sie womöglich alle zusammen den steilen Geröllhang hinabrauschen und vielleicht in eine abgrundtiefe Gletscherspalte stürzen!

Jennifer war stolz darauf, dass sie noch einen Funken Selbstbeherrschung besaß, um nicht in panischer Angst zu schreien. Stattdessen fluchte sie laut und erklärte Dr. Guy Knight ungeschminkt, was sie von ihm und seinen idiotischen Aktionen hielt.

„Herrgott noch mal!“, herrschte er sie schließlich an. „Halten Sie endlich den Mund!“

Sie schwieg.

„Wir haben uns höchstens fünfzehn Zentimeter bewegt“, fuhr er fort. „Das Heck wird von einem Felsen gebremst, der sich für mindestens eine Million Jahre nicht vom Fleck rühren wird.“

Er hat recht, erkannte Jennifer. Das Flugzeug lag still da. Ihr Herz allerdings raste noch immer wie verrückt, und Luft bekam sie auch kaum. Das Vernünftigste war wohl wirklich, den Mund zu halten.

Guy Knight schien anderer Meinung zu sein, attackierte das Wrack, ruckte und rüttelte.

„Bislang habe ich nur Digger herausschaffen können. Er sieht nicht allzu gut aus. Und Sie haben zwei Leute auf sich liegen. Wäre Bill nicht bewusstlos, könnte er mir jetzt helfen.“

Kein Wunder, dass sie das Gefühl hatte, langsam zerquetscht zu werden. Jennifer konzentrierte sich aufs Atmen. Langsam und tief, sagte sie sich immer wieder, nicht hyperventilieren.

„Aber er kann nicht helfen.“ Dr. Knight hörte sich jetzt gereizt an, und wieder schabte Metall an Stein. „Er ist tot.“

Da hob sich die Last ein wenig, und Jennifer konnte besser atmen. Der unglückliche Bill wurde von ihr gezerrt. Eigentlich sollte sie ihrem Retter für seine Anstrengungen dankbar sein, aber stattdessen ärgerte sie sich darüber, dass sie sich nicht selbst helfen konnte.

Über ihr hörte das Ziehen und Zerren auf. Einen Moment herrschte Stille. Dann hustete jemand schwach und stöhnte leise. Lebte Bill vielleicht doch noch? Oder war es der Pilot? Wieder erklang Guys Stimme, leise und beruhigend. Ganz anders, als er mit ihr gesprochen hatte. Danach wieder Schweigen. So lange, dass Jennifer beunruhigt war.

Warum kam er nicht zurück? Würde er überhaupt zurückkommen? Jennifer fiel ein, dass der Notfunksender durch den Aufprall aktiviert worden sein musste und wahrscheinlich schon Hilfe unterwegs war. Das beruhigte sie. Also war sie nicht ausschließlich von dem Mann abhängig, der da draußen rumorte.

Außerdem war es ihr egal, was er von ihr dachte. Sie konnte sich selbst befreien. Da jetzt nur noch ein Mensch auf ihr lag, müsste sie es schaffen, auch wenn es hier so eng wie in einer Sardinenbüchse war. Und um Hilfe zu betteln kam nicht infrage, das war klar.

Aber sie schaffte es nicht, sich zu drehen oder die Last beiseite zu drücken. Ihr Arm schmerzte höllisch. Außerdem fiel ihr das Atmen noch immer schwer. Für einen schrecklichen Moment lang war ihr danach zumute, aufzugeben und in Tränen auszubrechen.

„Ist mit Ihnen da drinnen noch alles in Ordnung?“

Er war zurück. Jennifer presste Lippen und Augen zusammen und unterdrückte mit aller Willenskraft die aufsteigenden Tränen, die ihre Schwäche verraten hätten.

„Hallo … Dr. Allen? Reden Sie mit mir.“

Es interessierte ihn also, ob sie noch lebte. Die Besorgnis in seiner Stimme war fast zu viel für sie, und sie hatte Angst, dass sie aufschluchzen oder sogar … um Hilfe flehen würde.

„Jennifer? Können Sie mich hören? Geht es Ihnen gut?“

„Das wird es … sobald ich, verdammt noch mal, hier raus bin.“ Noch immer kämpfte sie um Kontrolle. „Helfen Sie mir nun oder nicht?“

„Sofort, Ma’am“, kam die trockene, fast sarkastische Antwort. „Ich muss erst Shirleys Beine unter der Tür hervorziehen, beziehungsweise unter dem, was von der Tür übrig geblieben ist.“

Es dauerte unendlich lange. Das Wrack schaukelte leicht, angestrengtes Stöhnen war zu hören, gefolgt von lautem Hämmern. Und dann, endlich, wurde die Last von ihr gezogen, Zentimeter für Zentimeter. Jennifer konnte sich auf den Rücken drehen und mit Armen und Beinen mithelfen.

Sie rollte sich zurück auf den Bauch, erstarrte aber, als eine große, kräftige Hand ihren nackten Oberschenkel berührte. Sehr weit oben.

„Vorsicht, hier ist ein scharfkantiges Metallstück! Weiter zurückbiegen kann ich es nicht.“

Jennifer versuchte, ihr Bein wegzuziehen, aber die Hand blieb, wo sie war.

„Stopp!“, befahl Guy. Sein Tonfall ließ keinen Widerspruch zu.

„Und jetzt?“ Wenn Shirley durch die Öffnung gepasst hatte, müsste Jennifer zweimal durchpassen.

„Irgendwo muss ein Erste-Hilfe-Set sein. Es hat unter Ihrem Sitz gelegen.“

„Hier ist nichts.“

„Es sieht aus wie eine große flache Sporttasche. Rot.“

Jennifer entdeckte etwas Rotes, dort, wo sie gerade noch mit dem Kopf gelegen hatte. Um es zu packen, musste sie wieder tiefer in das Wrack kriechen, aber sie wollte raus. Nur weg aus dieser schrecklich engen Höhle.

„Wir brauchen sie“, drängte Guy. „Und ich bin nicht sicher, ob ich hineinkriechen kann.“

Jennifer zögerte lange, biss schließlich die Zähne zusammen und bewegte sich auf die Tasche zu. Sie hakte die Finger in den roten Stoff und zog kräftig. Heißer Schmerz durchfuhr sie. Das Gefühl in ihrem Arm, als die Knochenstücke aneinanderrieben, war unmissverständlich. Sie hatte ihn sich beim Aufprall gebrochen.

Vorsichtig streckte und beugte sie die Finger. Wenigstens keine neurologischen Schäden. Es war zwar nur die linke Hand, aber sie brauchte sie im Beruf. Ihre rechte Hand fühlte sich gut an, und Jennifer zerrte an der Tasche.

„Weshalb dauert das so lange?“

„Sie steckt fest.“

„Versuchen Sie’s mit mehr Kraft.“

„Mehr habe ich nicht, verdammt!“ So etwas musste ihr keiner sagen. Wieder erwachte ihr Ärger, und Jennifer packte die Tasche erneut, diesmal mit beiden Händen. Der Zorn half ihr, den Schmerz zu ignorieren, und tatsächlich gelang es ihr, die Tasche einige Zentimeter unter dem zerquetschten Ledersitz hervorzuziehen.

„Okay, ich glaube, ich habe sie.“

„Braves Mädchen!“

Braves Mädchen? So war sie zuletzt als Kind gelobt worden! Mit ihren vierunddreißig Jahren erwartete sie Respekt und nicht, dass man ihr den Kopf tätschelte. Warum war sie dann so lächerlich stolz darauf, dass sie es geschafft hatte? Und wild entschlossen, diese blöde rote Tasche nicht wieder loszulassen?

Auf dem Weg in die Freiheit spürte sie Guy Knights Hände erst auf ihren Schenkeln und dann auf ihren Hüften, als er ihr half, sich durch die enge Öffnung zu zwängen. Endlich hatte sie festen Boden unter den Füßen.

Nun, nicht ganz. Ihre Beine schienen wie aus Gummi zu sein, und das helle Tageslicht trieb ihr die Tränen in die Augen. Reflexartig kniff sie sie zu, während sie sich Halt suchend an die Tasche klammerte.

Er half ihr, sich hinzusetzen. „Waren Sie bewusstlos?“ Kräftige Finger befühlten ihren Hals und Nacken.

„Ja, ich glaube schon. Ich weiß noch, wie ich aufgewacht bin.“

„Können Sie sich noch erinnern, welchen Tag wir heute haben?“

„Sonntag. Und es muss so gegen fünf Uhr nachmittags sein.“ Bis auf leichte Kopfschmerzen hatte die Bewusstlosigkeit anscheinend keine Auswirkungen gehabt. „Um vier haben wir das Flugzeug bestiegen, und der Pilot meinte, es würde ungefähr eine Stunde dauern, bis wir die Gegend um den Fox-Gletscher erreichen.“

„Es ist jetzt kurz nach fünf. Haben Sie Beschwerden beim Atmen?“

„Nicht mehr.“

„Können Sie die Augen öffnen?“

Jennifer versuchte es, blinzelte gegen das gleißende Sonnenlicht. Sein Gesicht war jetzt dicht vor ihrem. Sie sah schwarze Haare und dunkle, mit dichten Wimpern besetzte Augen, die sie kritisch musterten. Er hatte eine Wunde an der Stirn, die aber nicht mehr blutete. Wangen und Nase waren mit Blut und Schmutz verschmiert. Ein entschlossenes Gesicht, dachte Jennifer geistesabwesend. Und nicht besonders freundlich.

„Tut Ihnen etwas weh?“

Jennifer fühlte sich, als wäre sie von einem Zug überrollt worden. Alles an ihr schmerzte, aber es ließ sich aushalten. Selbst der gebrochene Unterarm, jetzt, da sie ihn nicht bewegte. Der Mann vor ihr sah schlimmer aus. Eine hässliche Abschürfung verlief über einen Arm, und sein weißes Hemd und die Jeans waren blutgetränkt.

„Nein, alles okay.“ Jennifer starrte auf seine Beine. „Wessen Blut ist das?“

„Wahrscheinlich Bills.“ Guy nickte kurz. „Sie sehen einigermaßen unversehrt aus.“ Er streckte die Hand aus. „Geben Sie mir die Tasche. Digger braucht Hilfe.“

„Wer ist Digger?“

„Der Pilot.“

„Oh!“

„Es war nicht seine Schuld“, antwortete er scharf. „Er war erfahren und mutig genug, diese Bruchlandung zu wagen. Ohne ihn wären wir jetzt alle tot.“ Abrupt wandte er sich ab.

Jennifer erhob sich mühevoll, froh darüber, dass ihre Beine sie wieder trugen. Sie stand zwischen einem abgebrochenen Flügel und dem Rumpf der Cessna. Die Propeller waren verbogen, die Frontscheibe und das Dach weggerissen, die großen schwarzen Buchstaben verzerrt. B … P … L. Nein. Wie ein Echo hallte die Stimme des Piloten durch ihren Kopf. Bravo … Papa … Tango. Der letzte Buchstabe war ein T.

Ihr Blick glitt zu den reglosen Gestalten am Boden. Den beiden konnte niemand mehr helfen. Jennifer folgte Guy über Felsen und Geröll zu dem Mann mit dem grauen Haar, der vor einem geborstenen Flügel lag. Guy hockte neben ihm.

„Digger, kannst du mich hören, Kumpel?“

Welch eine Ironie des Schicksals. Sie war einmal quer durch Neuseeland gereist, um Allgemeinmedizinern beizubringen, wie sie sich in solchen Notsituationen verhalten sollten. Nun würde sie am eigenen Leib erfahren, was es hieß, mit eingeschränkten medizinischen Mitteln und mangelndem Personal arbeiten zu müssen. Unwillkürlich lauschte sie auf den typischen Klang eines Hubschraubers, der sie aus dieser Einöde herausholen würde.

Es war nichts zu hören, und sie blickte zum Horizont. Nicht dass es sie beruhigen könnte, den blauen Himmel nach Hilfe abzusuchen, aber was sie sah, raubte ihr den Atem.

So weit das Auge reichte, erstreckten sich vor ihr die gezackten Gipfel der Neuseeländischen Alpen, die sich auf der Südinsel Neuseelands entlangzogen. Die Schneeflächen zwischen den öden grauen Geröllhalden reflektierten grelles Sonnenlicht. Weiter unten waren die Hänge voller Büsche und Sträucher, eine dichte grüne Decke in verschiedenen Schattierungen, die dem zerklüfteten Gelände sanfte Formen verlieh.

Kein Wunder, dass hier oben Menschen – und Flugzeuge – für immer verloren gehen, dachte sie. Selbst mit einem Notfunksender war nicht sicher, wie lange es dauern würde, ehe sie entdeckt wurden. Vielleicht mussten die Retter erst den Sendebereich erreichen, und das bedeutete, Tausende von Quadratmeilen abzufliegen.

Sie war allein.

Nein. Sie waren allein.

Da bemerkte sie Guys prüfenden Blick.

„Wenn Sie die Gegend genug bewundert haben, könnte ich Ihre Hilfe gebrauchen.“

2. KAPITEL

Jennifer reagierte automatisch. Sie wurde gebraucht, und das half ihr, die Verzweiflung einzudämmen. Erleichtert machte sie sich daran, zu tun, was sie am besten konnte. Es gab ihr das Gefühl, inmitten der Katastrophe die Kontrolle zurückzugewinnen.

„Luftwege?“

„Frei.“ Guy Knight öffnete die rote Tasche. Jennifer sah die ordentlich aufgerollten Binden und Schienen aus festem Karton darin. Sobald sich eine Gelegenheit ergab, würde sie ihren gebrochenen Arm schienen. Aber im Moment tat er nicht so weh. Sie konnte die Finger bewegen und sogar eine Faust machen, ohne dass es unerträglich wurde. Im Vergleich zu dem Mann am Boden hatte sie nur leichte Verletzungen.

„War er die ganze Zeit bewusstlos?“ Jennifer ging um Guy herum auf die andere Seite des Patienten.

„Er ist aus eigener Kraft aus dem Wrack gekrochen, hat aber nur schwer Luft bekommen und klagte über starke Rippenschmerzen. Nachdem ich Bill herausgeholt hatte und nach ihm sehen wollte, war er kaum noch ansprechbar.“

Dennoch ist er zurückgegangen, um mir zu helfen, dachte Jennifer. Nun war es an ihr zu helfen, so gut sie konnte.

„Sein Name?“

„Jim Spade. Aber er wollte nur Digger genannt werden, solange ich ihn kenne.“

Jennifer beugte sich über den älteren Mann und rieb mit dem Handknöchel über sein Brustbein. „Digger! Können Sie mich hören? Öffnen Sie bitte die Augen.“

Der Mann stöhnte und schlug kurz die Augen auf. Dabei riss er den Kopf ruckartig herum und machte eine Handbewegung. Sprechen schien zu mühevoll zu sein.

„Seine Atmung ist eingeschränkt“, bemerkte Jennifer. „Haben Sie eine Sauerstoffflasche in der Tasche?“

„Nein.“

„Beatmungsbeutel?“

„Nein.“

„Stethoskop?“

„Ja.“

„Gut.“ Sie nahm es ihm ab und zog die Lederjacke auf Diggers Brust beiseite. Erst jetzt verstand sie, warum Guy bei diesen niedrigen Temperaturen nur mit einem T-Shirt bekleidet war. Er hatte die Lederjacke noch angehabt, als er an Bord ging, und musste sie vorhin dem Piloten gegeben haben. Digger trug ein kariertes Flanellhemd.

„Ist eine Schere dabei?“, fragte sie.

„Ich glaube nicht.“

„Das Hemd muss weg. So kann ich nichts sehen.“

Guy beugte sich über Digger, packte das Hemd am Ausschnitt und riss es mit einem Ruck auf, als wäre es aus dünner Baumwolle.

„Tut mir leid, Digger. Es wird sowieso Zeit, dass du dir ein hübsches neues Hemd leistest.“

Beide starrten einen Moment lang auf die magere Brust. Diggers Atem ging schnell und flach.

„Sehen Sie?“

„Mmh.“ Jennifer zeigte nicht, wie beeindruckt sie war, dass er die lebensbedrohliche Lage des älteren Mannes sofort erkannt hatte. „Paradoxe Atmung.“

Beim Einatmen hob sich Diggers Brustkorb zwar, aber auf der linken Seite sank er gleichzeitig ein. Beim Ausatmen wölbte er sich an der Stelle nach außen. Ein deutliches Zeichen für eine Rippenserienfraktur. Der Brustkorb konnte sich nicht wie gewohnt ausdehnen, es kam zur Schonatmung.

„Wir brauchen ein paar Handtücher oder Sandsäcke oder ein Kissen. Und eine breite Bandage.“ Jennifer blickte auf. Guy sah sie mit hochgezogener Augenbraue nachsichtig an. Na schön, sie war hier nicht in ihrer Notaufnahme, wo alles bereitstand. Sie würde trotzdem zurechtkommen. „Dann benutzen wir eben seinen Arm als Schiene. Verbandszeug haben Sie doch, oder?“

Dass Diggers Arm dicht an den Brustkorb gebunden war, erschwerte die Untersuchung, aber seine Atmung verbesserte sich langsam. Sein Gesicht bekam wieder Farbe. Digger öffnete schließlich die Augen und versuchte zu husten, brach aber sofort wieder mit einem Stöhnen ab.

„Legen wir ihn auf die verletzte Seite.“ Jennifer nahm das Stethoskop von Diggers Brust. „Wir wollen den intakten Lungenflügel so wenig wie möglich belasten.“ Sie seufzte. „Ich wünschte, wir hätten Sauerstoff. Oder zumindest einen Beatmungsbeutel.“

„Willkommen an vorderster Front der Notfallversorgung“, sagte Guy sanft, schob vorsichtig einen Arm unter Digger und drehte ihn auf die linke Seite. Digger stöhnte. „Tut mir leid, Kumpel … Wir versuchen nur, dir zu helfen. Sobald wir können, bekommst du etwas gegen die Schmerzen.“

„Haben Sie Morphin?“ Jennifer war angenehm überrascht.

„Nur ein paar Ampullen, aber sie dürften für eine Weile reichen.“

„Das ist mehr als genug.“ Jennifer nickte. „Wie lange wird es dauern, bis der Rettungshubschrauber hier ist?“

Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern prüfte noch einmal Diggers Puls. Stirnrunzelnd legte sie die Finger auf eine andere Stelle am Handgelenk. „Kaum zu spüren. Haben Sie ein Blutdruckmessgerät dabei?“

„Nein. Einen Defibrillator oder ein EKG kann ich Ihnen auch nicht anbieten.“ Guy zog die Lederjacke wieder über Diggers nackte Brust. „Ich fürchte, Sie müssen sich mit altmodischen Schätzungen begnügen. Wenn der Puls tastbar ist, liegt die Systole bei mindestens achtzig, und das heißt, die Nieren werden ausreichend durchblutet.“

„Aber es reicht nicht, um Morphin zu geben!“, entgegnete sie scharf. „Meine Frage war durchaus angebracht. Blutdruckmesser kosten nicht die Welt und passen in jede Erste-Hilfe-Tasche. Ich hatte angenommen, dass Sie den Wert eines solchen Hilfsmittels zu schätzen gelernt haben, um es auch in einer Landarztpraxis zu benutzen!“

„Meine Erste-Hilfe-Tasche liegt in meinem Jeep und ist hervorragend ausgestattet, vielen Dank. Da ich schon oft mit Digger geflogen bin, hatte ich zur Sicherheit eine Mindestausstattung im Flugzeug deponiert. Das Morphin dürfte eigentlich nicht so frei zugänglich sein, aber weil wir es schon einmal brauchten und nicht dabeihatten, haben wir das Gesetz etwas großzügig ausgelegt und führen es seitdem an Bord.“

„Oh.“ Eigentlich hätte sie sich entschuldigen müssen, doch sie tat es nicht. „Er ist also ein Freund von Ihnen?“

Er lächelte flüchtig. „So könnte man sagen.“

Jennifer untersuchte Digger auf äußere Verletzungen. „Wie alt ist er?“

„Zweiundsiebzig.“

„Und dann fliegt er noch?“

„Gibt es einen Grund, warum er es nicht tun sollte?“

Er musterte sie finster, aber sie zuckte nicht mit der Wimper. Nur den, dass wir abgestürzt sind, dachte sie. Aber der harte Blick aus seinen dunklen Augen ließ sie schweigen. Wenn der Pilot ernsthafte gesundheitliche Probleme hätte, wäre seine Lizenz nicht erneuert worden. Vorausgesetzt, er besaß überhaupt noch eine. Aber das sagte sie nicht laut.

„Irgendwelche Allergien bekannt?“

„Nein. Er hat zwar vor zehn Jahren eine neue Hüfte bekommen, ist aber ansonsten fit wie ein Turnschuh.“ Guy betrachtete Digger lächelnd. „Wahrscheinlich hat er sich in seinem Leben jeden Knochen mindestens einmal gebrochen. Als junger Mann war er Rodeoreiter. Er ist hart im Nehmen. Einmal hat er sich mit der Motorsäge das halbe Bein abgetrennt, die Wunde notdürftig mit Zahnseide geflickt und ist noch die fünfzig Meilen bis zu mir gefahren.“

Jennifer gab nur einen undefinierbaren Laut von sich und tastete Diggers Bauch ab. Als sie kräftiger drückte, stöhnte er und öffnete die Augen.

„Tut weh …“

„Okay, ich höre auf.“ Sie war froh, dass er jetzt wacher wirkte. „Links hat es Sie kräftig erwischt. Ein paar gebrochene Rippen und vielleicht innere Verletzungen. Wie steht es mit dem Atmen?“

„Etwas … besser.“

„Dr. Knight wird gleich einen intravenösen Zugang legen, weil wir Sie mit Flüssigkeit versorgen müssen“, fuhr sie fort. Hinter sich hörte sie ein ungläubiges Schnauben und sah sich kurz um. „Ist das ein Problem?“, erkundigte sie sich ruhig. „Im Notfallset befindet sich Kochsalzlösung, und ich bin davon ausgegangen, dass alles Nötige vorhanden ist, um sie dem Patienten zuzuführen.“

„Sicher.“

„Und wo liegt das Problem?“

„Es gibt keins.“ Guy hielt ihrem Blick stand. „Sie sind es gewohnt, das Sagen zu haben, nicht wahr, Dr. Allen?“

Jennifer unterdrückte ihren aufsteigenden Ärger, während sie zusah, wie Guy ein Infusionsset öffnete. Er hatte doch um Hilfe gebeten, oder? Da sie im Moment über die höchste Qualifizierung verfügte, war sie davon ausgegangen, dass sie die Verantwortung übernahm.

„Und Sie sind es offensichtlich gewohnt, ein großer Fisch im kleinen Teich zu sein.“ Sie lächelte humorlos. „Natürlich kann ich auch den Zugang legen.“

„Einverstanden.“ Guys Lächeln war ebenso eisig wie ihres. „Ich sehe mich inzwischen ein wenig um. Vielleicht finde ich etwas, womit wir Digger warm halten und es ihm ein bisschen bequemer machen können.“

„Versuchen Sie eine Funkverbindung herzustellen“, forderte sie ihn auf. „Ich möchte wissen, wann die Rettungsflieger hier sind.“

Digger hob die Hand. „Funkgerät ist … kaputt“, stieß er mühsam hervor.

„Ich bin mir sicher, Dr. Knight ist verantwortungsvoll genug, ein Handy bei sich zu führen. Und wenn nicht, ich habe eins in meiner Tasche … wo immer sie sich jetzt befinden mag.“

„Und wie viele Sendemasten haben Sie auf dem Flug hierher entdeckt, Dr. Allen?“

„Aufhören“, knurrte Digger. „Ihr … benehmt euch … wie kleine Kinder.“ Er rang nach Luft. „Meine Schuld, dass wir hier sind … Es wird eine Weile dauern … Hab keine Lust auf … solche Zankereien.“

Zankereien? Jennifer benahm sich nie so unprofessionell, besonders nicht, wenn sie mit weniger qualifizierten Untergebenen zu tun hatte. Und was hieß denn für eine Weile? Eine Stunde? Zwei? Die Luft war eisig, und ihr wurden die Finger steif. Sie merkte es, als sie die Kappe von der Kanüle abnehmen wollte.

Es war doch lächerlich, sich auf Machtspielchen mit einem Landarzt einzulassen!

„Vielleicht finden Sie etwas, womit wir Digger in eine aufrechte Position bringen können!“, rief sie Guy nach. „Im Liegen fällt ihm das Atmen schwerer.“

Er ging weiter, hob aber die Hand zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Sie wandte sich wieder ihrem Patienten zu.

„Gleich pikst es ein bisschen, Digger.“ Es dauerte ein paar Sekunden, ehe sie die Nadel in die durch den geringen Blutdruck flache Vene schieben konnte. „Tut mir leid“, murmelte sie. „Ich weiß, es schmerzt.“

„Ach was“, erwiderte Digger. „Ich müsste mich entschuldigen, Mädchen.“

„Es ist nicht Ihre Schuld gewesen“, hörte Jennifer sich sagen. „Und Guy meint, ohne Ihren Mut und Ihre Erfahrung hätte keiner von uns überlebt.“

„Shirley … Bill, … sind sie noch …?“ Seine Stimme klang rau.

Jennifer schüttelte den Kopf.

„Oh Gott!“ Digger schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, hatte Jennifer den Zugang mit Pflaster fixiert und mit dem Beutel verbunden. Sie hob den Beutel hoch und öffnete den Hahn.

„Wie heißen Sie, sagten Sie …?“

„Ich hatte mich noch gar nicht vorgestellt.“ Sie lächelte ihn entschuldigend an. „Das war unhöflich von mir. Ich bin Jennifer Allen.“

„Sie sind das … hohe Tier … aus Auckland, stimmt’s?“

„Ja …“ Jennifer lächelte bedauernd. „Aber das hilft uns hier nicht viel.“

„Ich werd schon wieder.“ Ein schwaches Lächeln spielte um Diggers Lippen. „Ich habe … neun Leben.“

„Fragt sich nur, wie viele du schon verbraucht hast.“ Guy war zurückgekehrt, in den Händen die Rückenlehne von einem der Sitze. Dazu einen gefütterten blauen Anorak. „Ziehen Sie den an“, befahl er. „Die Sonne verschwindet bald hinter den Bergen, und dann wird es hier ungemütlich kalt.“

Jennifer zögerte, und Guys Miene entspannte sich. „Shirley braucht die Jacke nicht mehr“, sagte er, einen Ton freundlicher. „Geben Sie mir den Beutel, während Sie sie anziehen. Danach bringen wir den Sitz hinter Digger.“

Kaum hatte Jennifer die Jacke an, wurde ihr schon wärmer. „Danke … Guy.“

„Gern geschehen … Jennifer.“

„Was ist denn mit Ihnen?“ Jennifer warf einen Blick auf seine nackten Arme. „Frieren Sie nicht?“

„Ich hole mir gleich Bills Jacke. Aber erst kümmern wir uns um Digger.“

Nicht zum ersten Mal hatte Jennifer den Eindruck, dass für diesen Mann andere Menschen an erster Stelle standen. Schuldbewusst fiel ihr ein, dass sie sich nicht genauer nach seinem Zustand erkundigt hatte. Das Blut an seinen Jeans sah noch beunruhigend frisch aus. Wenn es wirklich von Bill war, wieso war es dann nicht längst getrocknet? Sobald sie Digger versorgt hatten, war Guy an der Reihe. Ärzte waren wirklich die schlimmsten Patienten.

„Geben Sie mir etwas Klebeband?“ Als er sie wieder so spöttisch musterte wie vorhin, seufzte sie. „Bitte.“ Mit dem Band befestigte sie den Kochsalzbeutel an der Flügelspitze.

Nachdem Jennifer Digger in eine sitzende Position gebracht hatte, griff sie unter der Lederjacke nach seinem Handgelenk. Sie hoffte, dass die Flüssigkeitszufuhr seinen Blutdruck so weit erhöhte, dass sie ihm das Morphin verabreichen konnte.

Da schlossen sich seine Finger um ihre zarte Hand, und er grinste.

„Was manche Leute … alles anstellen, damit … sie die Hand eines … schönen Mädchens halten dürfen!“

Jennifer musste lächeln. „Warum haben Sie nicht einfach gefragt?“, ging sie auf seinen Scherz ein. „Was machen die Schmerzen?“

„Ziemlich … übel.“

Ihr Lächeln verblasste, als sie sich an Guy wandte. „Der Puls ist jetzt kräftiger. Können Sie etwas Morphin aufziehen?“

„Okay.“

Die quälende Sorge in seinen Augen war ihr nicht entgangen. Anscheinend verband die beiden Männer sehr viel mehr miteinander. Jennifer griff zum Stethoskop. Dieser Mann hatte mindestens zwei lebensbedrohliche Verletzungen.

„Was hören Sie?“ Guy hatte sich wieder gefangen und zog sterile Kochsalzlösung auf eine Spritze, um damit das Morphin zu verdünnen.

„Die rechte Seite ist in Ordnung. Die linke nicht, aber die Atemgeräusche sind schwächer geworden. Wahrscheinlich liegt ein Pneumothorax vor, verursacht durch die gebrochenen Rippen. Drücken wir die Daumen, dass sich kein Spannungspneumothorax entwickelt.“

Ihre Blicke trafen sich kurz, aber die Botschaft war deutlich. Beide wussten, wie dramatisch schnell sich die Situation verschlechtern konnte, und beide waren entschlossen, ihr Bestes zu geben, um mit Komplikationen fertig zu werden.

Ein dünner Strahl schoss aus der Spritze, als Guy die Luftbläschen herausdrückte. „Ich dachte, ich injiziere in Fünf-Milligramm-Dosen“, erklärte Guy. „Sind Sie der gleichen Meinung, Dr. Allen?“

„Bin ich, Dr. Knight.“

Diesmal ging es nicht darum, Kompetenzen abzugrenzen, aber Digger missverstand sie offenbar.

„Lasst endlich die Doktortitel weg“, knurrte er. „Man könnte auf den Gedanken kommen, ich wäre … krank oder sonst was.“

Das Schmerzmittel wirkte schon, aber nicht ausreichend, denn als sie seine Bauchdecke untersuchte, stöhnte Digger wieder.

„Abwehrspannung im linken oberen Quadranten.“

„Redet Klartext“, grollte Digger.

„Ihre Milz könnte geprellt oder eingerissen sein. Möglicherweise auch Ihre Leber.“

Jennifer warf einen Blick auf den Beutel. Ein Liter war fast verbraucht, und sie hatten nur noch zwei. Wenn Milz oder Leber wirklich verletzt waren, würde es bald echte Schwierigkeiten geben. Sie zog ihm das zerrissene Hemd wieder über den nackten Bauch und legte dann Guys Lederjacke sorgsam darüber.

„Danke … Jenna.“

Jennifer sah ihn scharf an. „Warum nennen Sie mich so?“

„Jennifer … mag ich nicht. Hört sich so … vornehm an.“

Guy grinste ungeniert. „Vielleicht mag sie ihren vornehmen Namen.“

„Er ist nicht vornehm“, erklärte sie ruhig. „Und ich bin es auch nicht.“

Als er einen ungläubigen Laut von sich gab, ärgerte sie sich.

„Was soll das denn heißen?“, fragte sie empört.

„Sehen Sie sich doch an – schicke Frisur, schicke Kleidung, beste Ausbildung, Topjob in einem der führenden Krankenhäuser des Landes. Sie tragen sogar zu einem Ausflug in die Berge Kostüm und High Heels.“

„Das ist kein Kostüm! Nur ein Rock, eine Bluse … und eine Jacke.“

„Für mich sieht das nach einem Kostüm aus. Die einzelnen Teile passen perfekt zusammen. Im Glenfalloch Pub holt man die Spitzendeckchen heraus, wenn Sie in der Aufmachung dort auftauchen.“

„Ich habe nicht die Absicht, auch nur einen Fuß in den Glenfalloch Pub zu setzen, wo immer der auch sein mag!“

„Es ist mein Stammlokal“, erklärte Guy lässig. „Der beste Pub in der ganzen Gegend.“

„Ist auch meine Stammkneipe.“ Digger hörte sich benommen an. „Ich würde jetzt … meinen linken Arm … für ein, zwei Pints geben.“ Er öffnete kurz die Augen und sah Jennifer anerkennend an. „Du hast recht, mein Sohn … sie sieht toll aus. Erinnert mich an … Diana.“

„Ich wollte mich über Großstädterinnen auslassen und keine Komplimente verteilen.“

„Vielen Dank für die Blumen“, murmelte Jennifer.

„Das soll nicht heißen, dass Sie kein Kompliment verdient hätten.“ Guy injizierte die zweite Dose Morphin. „Sie sollten nur nicht glauben, ich wollte Sie anmachen.“

„Auf den Gedanken wäre ich nie gekommen“, antwortete sie trocken.

Sie schüttelte den Kopf. Was für eine seltsame Unterhaltung, angesichts der Umstände. Oder auch nicht. Eine grausame Laune des Schicksals hatte sie in diese zerklüftete Einöde verschlagen, und sie waren aufeinander angewiesen. Lag es daran, dass sie Digger mit anderen Augen betrachtete, als wenn er einer der Patienten in ihrer Notaufnahme gewesen wäre?

„Es stört mich nicht, wenn man mich Jenna nennt“, sagte sie zögernd zu Digger. „Ich war nur überrascht. Bisher hat mich nur mein Vater so genannt …“ Ihre Stimme bebte leicht. „Er ist erst vor Kurzem gestorben.“ Sie räusperte sich und stand steif auf. „Wir müssen einen neuen Beutel aufhängen, Guy, aber das erledige ich. Suchen Sie sich besser eine Jacke. Sie sind schon ganz blau vor Kälte.“

„Okay. Mal sehen, was ich sonst noch auftreiben kann.“

„Versuch es … hinter der Seitenklappe.“ Digger schloss die Augen. „Da liegen ein paar … Campingsachen …“

Es war inzwischen eisig geworden. Jennifer fühlte ihre Finger kaum noch, während sie sich mit dem Kochsalzbeutel abmühte. Sie hielt einen Moment inne, hauchte in ihre Hände und rieb sie aneinander.

Als sie dann den Beutel mit dem Schlauch verband und aufhängte, konnte sie sehen, wie sich Guy seinen Weg ums Heck des Wracks herum suchte. Gleich darauf hörte sie ihn mit einem Stein auf eine Klappe einschlagen.

Das Tageslicht wurde immer schwächer. Als er zurückkehrte, war die Sonne fast untergegangen und färbte die feinen Wölkchen und den Schnee auf den entfernten Gipfeln rosa.

„Ich habe eine Plane gefunden“, erklärte er zufrieden. Zu ihrer Erleichterung hatte er jetzt eine dunkelblaue gefütterte Jacke an. „Und einen Campingkochtopf. Sogar etwas zu essen. Ohne heißes Wasser bringt das Trockenfutter natürlich nicht viel, aber wir haben immerhin eine Packung Schokokekse dabei.“

„Man weiß ja nie, wann man sie braucht …“, murmelte Digger.

„Ich hole uns ein paar Steine“, erklärte Guy. „Die Zeltbahn können wir am Flügel befestigen. Wenn wir dann so dicht wie möglich aneinanderrücken, sollten wir die Nacht einigermaßen gut überstehen.“

„Die Nacht?“ Es kam als Krächzen heraus, aber das war Jennifer egal. „Sie meinen, heute kommt keiner mehr?“

Guy deutete auf den orangeroten Horizont hinter den Bergspitzen. „Uns bleibt noch ungefähr eine halbe Stunde brauchbares Tageslicht. Wenn sie wüssten, wo wir sind, wären sie längst dicht genug, dass wir sie wenigstens sehen könnten.“

„Aber es ist doch ein Notfunksender an Bord, oder?“ Beide Männer wichen ihrem Blick aus. „Oder etwa nicht?“

Digger murmelte etwas, es wäre allein seine Schuld, und schloss dann wieder die Augen, als könne er den Schmerz kaum noch aushalten.

Guy deutete mit dem Kopf in eine andere Richtung. „Kommen Sie, und helfen Sie mir, Steine zu sammeln.“

Jennifer folgte ihm, bis sie außer Hörweite waren. „Verraten Sie mir bitte, was das zu bedeuten hat?“

„Es gab einen Zwischenfall, bei dem einer dieser Sender nicht funktioniert hat, und die Firma veröffentlichte einen Warnhinweis. Sie betraf auch das Gerät in Diggers Cessna. Natürlich hat er sofort ein neues bestellt, aber das taten alle anderen Betroffenen auch. Das Unternehmen hat Lieferschwierigkeiten.“

Jennifer brauchte noch einen Moment, um die Information zu verarbeiten. „Sie wollen also sagen, dass der Sender in unserem Flugzeug beim Aufprall möglicherweise nicht aktiviert worden ist? Dass man vielleicht gar nicht nach uns sucht?“

„Oh, bestimmt suchen sie nach uns.“

„Aber?“

Guy seufzte schwer und griff nach einem großen Stein.

„Aber wahrscheinlich nicht hier.“

„Warum nicht?“

„Die Sightseeingflüge führen in der Regel über Seen und Fjorde. Ein Rundflug bis zum Milford Sound und zurück.“

„Und?“

„Und wir haben einen anderen Kurs genommen. Zu den Gletschern.“

Jennifer hob einen Stein auf und legte ihn in die linke Armbeuge. Den Schmerz ignorierte sie. „Digger muss doch einen Flugplan vorgelegt haben, oder?“

„Das hat er auch.“

„Gut.“

„Nein. Sein Plan sah den Flug zum Milford Sound vor.“

„Und warum zum Teufel hat er eine andere Richtung eingeschlagen?“

Guy hatte jetzt die Arme voller Felsbrocken. „Weil jemand unbedingt diese verdammten Gletscher sehen wollte, deswegen!“

„Das ist doch nicht meine Schuld! Er hat mich gefragt, was ich gern sehen wolle. Niemand hat widersprochen, auch Sie nicht.“ Jennifer hob schwungvoll einen weiteren Stein auf, aber ihr Arm protestierte schmerzhaft, und beide Steine fielen zu Boden. „Oh, verdammt!“

Er ließ seine Steine fallen und griff nach ihrem Oberarm. „Lassen Sie mich sehen.“

„Nicht nötig, es ist alles in Ordnung.“

„Blödsinn.“ Er schob den Ärmel vom Anorak hoch und dann Jacken- und Blusenärmel und betastete ihren geschwollenen Arm. Obwohl er vorsichtig war, zuckte Jennifer zusammen, als die Knochenstücke aneinanderrieben.

Guy hielt ihren Blick fest. „Ist Ihnen klar, dass der Knochen gebrochen ist? Aber natürlich wissen Sie das.“ Kurz blitzte so etwas wie Respekt in seinen Augen auf. „Wollten Sie etwas dagegen unternehmen oder lieber Steine sammeln?“

„Wir brauchen sie.“ Seltsamerweise fiel es ihr schwer, den Blickkontakt abzubrechen. Hastig wechselte sie das Thema. „Was ist mit Ihnen? Das ist doch nicht Bills Blut, oder?“ Frische Tropfen glitzerten auf den Steinen zu seinen Füßen. „Wir haben nicht genug Kochsalzlösung für zwei Leute unter Schock. Können Sie mir verraten, was ich machen soll, wenn Sie auch noch umkippen? Als hätten wir nicht schon genug Probleme!“

Dummerweise brannten ihr die Augen. Sie saßen mitten in den Bergen fest, und niemand in der Welt da draußen hatte eine Ahnung, wo sie sich befanden. Alle drei waren sie verletzt, und die Nacht drohte bitterkalt zu werden.

„Ich sag Ihnen was – wir befestigen die Plane, danach schiene ich Ihren Arm, und Sie verbinden anschließend mein Bein.“ Er legte ihr den Finger unters Kinn und drückte es leicht hoch, damit sie ihn ansah. „Wir passen aufeinander auf“, fuhr er sanft fort. „Und dann schaffen wir es auch, okay?“

„Okay.“ In diesem Moment glaubte Jennifer wirklich, dass alles wieder gut werden würde. Zusammen würden sie überleben. Guy war stark. Er strahlte Ruhe und Sicherheit aus.

Und er konnte sehr behutsam sein. Das bewies er wenig später, als er Jennifers Unterarm mit der schmalen Kartonschiene richtete. Und dass er etwas aushalten konnte, zeigte er, als sie anschließend seinen abgeschürften Arm, eine tiefe Fleischwunde an der Wade und sein stark angeschwollenes Fußgelenk versorgte.

Als sie zu Digger in den provisorischen Unterstand krochen, war es bereits stockfinster. Im Licht einer Taschenlampe schauten sie nach ihrem Patienten, dann schmiegten sie sich dicht an seine Seite, um ihn warm zu halten.

„Richtig gemütlich“, murmelte Digger. „Sie haben gesagt, ich hätte einfach fragen sollen … Also, können Sie noch einmal meine Hand halten, Jenna?“

Ein paar Sekunden später waren mahlende Geräusche von Guys Seite zu hören.

„He, Jenna …?“

„Ja?“

„Wie wär’s mit einem Schokokeks?“

Jennifer musste lachen. Sie lag in einem provisorischen Zelt mit zwei Männern, die für sie vor wenigen Stunden noch Fremde gewesen waren, und diese Nacht würde wahrscheinlich die längste ihres Lebens werden. Ihre Situation war ganz und gar nicht lustig. Aber die Gefahr schaffte ein Gefühl der Verbundenheit zu den beiden, das sie schon lange nicht mehr empfunden hatte.

Im Augenblick standen Schokokekse auf ihrer Wunschliste ziemlich weit unten. Ganz oben ein Hubschrauber. Auch etwas Heißes zu trinken wäre wundervoll. Aber im Moment musste sie sich eben mit einem Keks zufriedengeben.

Ihnen blieb nichts anderes übrig, als aus der dramatischen Lage das Beste zu machen.

Gemeinsam.

„Ja, bitte“, sagte sie leise in die Dunkelheit hinein. „Ich nehme gern einen.“

3. KAPITEL

„Der rote Sonnenuntergang bedeutet also, dass morgen ein schöner Tag wird?“

„Eigentlich schon.“ Guy wollte nichts versprechen.

„Abendrot, Schönwetter-Bot’“, zitierte Digger. „Es wird einen klaren Himmel geben.“

Klares Wetter, bei dem die Wrackreste in der Sonne funkelten. Wenn sie an den großen Seen nach ihnen gesucht hatten, würden sie vielleicht morgen in Richtung Norden fliegen. Vielleicht hatte der Notfunksender nicht versagt. Irgendwann würde Rettung kommen.

Sie mussten nur die Nacht überstehen. Es war zwar eiskalt, aber nicht lebensgefährlich, wenn sie sich weiterhin aneinanderschmiegten, um die Wärme zu halten.

„Das mit dem Gras war eine gute Idee.“ Guy hatte mit dem Taschenmesser das kräftige Berggras geschnitten und es auf dem felsigen Boden wie einen Teppich ausgebreitet, ehe er die Plane darüberlegte. „Ist Ihnen warm genug, Digger?“

„Komme mir vor wie ein Brathähnchen.“ Beim Atmen waren jetzt stärkere Pfeifgeräusche zu hören, und er musste immer noch nach fast jedem Wort Luft holen. „Bin noch nie … in Folie gewickelt worden.“

„Durstig?“, erklang Guys Stimme in der Dunkelheit.

„Ja. Sehr.“ Die süßen Schokokekse hatten Jennifer wundervoll geschmeckt, aber auch bewusst gemacht, wie lange sie nichts mehr getrunken hatte.

„Eigentlich meinte ich Digger. Der Schnee, den ich im Alutopf gesammelt habe, ist endlich geschmolzen.“

Fast hätte Jennifer ihn scharf daran erinnert, dass Patienten vor einer Operation keinerlei Nahrung oder Flüssigkeit zu sich nehmen durften. Es würde Stunden dauern, ehe Digger auch nur in die Nähe eines OP-Saals kommen würde. Falls er es überhaupt bis dahin schaffen würde.

„Gib es Jenna …“ Digger holte wieder Luft.

„Na schön.“ Guy hörte sich resigniert an. „Ich reiche ihn an Diggers Füßen vorbei, damit ich ihn nicht versehentlich mit Eiswasser begieße.“

Die Foliendecke knisterte unter ihren Fingern, als Jennifer suchend die Hand ausstreckte. Sie spürte die Wärme von Guys Hand, noch ehe sie sie berührte. Viel lieber hätte sie danach gegriffen als nach der kalten Metalldose. Es hätte sie getröstet.

Nach ein paar Schlucken reichte sie die Dose zurück.

„Geben Sie mir die Taschenlampe?“

„Warum?“

„Ich möchte nach der Infusion sehen.“

„Das kann ich übernehmen.“ Die Lampe flammte kurz auf, der Lichtstrahl wanderte Diggers Arm hoch zum Beutel, der erschreckend flach aussah. Schon bald würde er leer sein.

„Haben Sie das Stethoskop griffbereit?“

„Nein.“

„Okay.“ Jennifer zog die Hand aus dem warmen Anorak und tastete hinter Diggers Kopf nach dem Gerät.

„Lassen Sie ihn nicht länger unbedeckt als nötig.“

„Ich bin nicht dumm, Guy.“

„Ich wollte Ihre Intelligenz nicht anzweifeln“, erwiderte er ruhig. „Aber ich bezweifle, dass Sie schon einmal eine Nacht auf einem Berggipfel verbracht haben. Es wird noch um einiges kälter werden, und wir wollen so viel Wärme bewahren wie möglich.“

„Ich habe schon eine Nacht auf einem Gipfel verbracht.“

„Wo denn? Vor einem prasselnden Après-Ski-Feuer? In einem schicken Ferienort in den Schweizer Alpen vielleicht?“

„Ach, und Sie sind Experte?“ Er war gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt, aber musste es denn so klingen, als hätte sie ein Verbrechen begangen?

„Ich weiß, was ich tue.“

„Das stimmt“, meldete sich Digger matt zu Wort. „Wir haben schon ein paar … ziemlich harte Nächte durchgestanden …“

„Weil du unbedingt einen neuen Goldrausch auslösen wolltest.“ Guy hörte sich an, als würde er lächeln.

„Sind Sie Goldgräber, Digger?“

„Nur als Hobby.“

„Digger hat viele Talente“, meinte Guy ruhig. „Schafscherer, Rodeoreiter, Jäger, Pilot, Tavernenwirt und in der jüngeren Zeit Reiseführer. Er kennt das Land besser als jeder andere.“

„Ich wollte … ich wüsste … wo wir … jetzt … sind …“

Er hatte immer mehr Schwierigkeiten beim Sprechen, fiel Jennifer auf. Nach dem letzten vehement hervorgestoßenen Wort war ein erstickter Laut zu hören, dann herrschte plötzlich Stille.

„Digger?“ Jennifer richtete sich auf den Knien auf und streifte dabei mit dem Kopf die Plane über ihr. Sie wollte gerade Diggers Brust frei machen, um ihn abzuhorchen, als die Taschenlampe aufleuchtete.

„Keine Atemgeräusche mehr auf der linken Seite“, erklärte sie.

„Digger?“ Aber es kam keine Antwort. Guy fluchte unterdrückt.

„Helfen Sie mir, seinen Arm von den Binden zu befreien“, befahl Jennifer. „Und dann brauche ich eine Kanüle. Ich denke, wir haben endgültig einen Spannungspneumothorax.“

„Im Set gibt es keine Dekompressionskanüle.“

„Eine 12-Gauge-Kanüle tut es auch. Und eine Spritze.“

Es war in gebückter Haltung schon schwierig genug, die Bandage um Diggers Arm und Brust zu entfernen. Und ihn dann schonend auf den Rücken zu legen, kostete wichtige Sekunden.

„Ich sagte 12-Gauge-Nadel.“

„Leider kann ich nur mit einer Vierzehner dienen.“

„Ich sehe absolut nichts.“

„Weil Ihr Kopf im Weg ist.“

Das Planendach hob sich, und Jennifer konnte ein paar Steine fortrollen hören, als Guy weiter vorkroch und die Taschenlampe direkt auf Digger richtete.

Jennifer tastete die Rippen ab, fand den zweiten Rippenzwischenraum und setzte die Nadelspitze auf den Punkt unterhalb der Mitte des Schlüsselbeins.

„Also los.“ Als die Kanüle das Gewebe durchstach, entwich die Luft, die die Lunge zusammengepresst hatte. „Geschafft.“ Jennifer atmete erleichtert auf. „Geben Sie mir die Spritze, damit ich Luft und Blut, das sich da gesammelt hat, herausziehen kann.“

Als sie fertig war, griff sie zum Stethoskop, konnte aber schon sehen, dass die Lunge arbeitete. Die paradoxe Atmung, verursacht durch mehrere gebrochene Rippen, setzte wieder ein.

„Wir sollten seinen Arm besser wieder festbinden.“

„Einen Moment.“ Jennifer setzte das Stethoskop auf Diggers Brust, unterhalb des Schlüsselbeins. „Ich möchte noch einmal Brust und Bauch abhorchen. Wie sieht es aus, kommt er wieder zu sich?“

„Ja, allmählich.“

Digger hatte das Bewusstsein wiedererlangt, sobald sie ihn aufgerichtet hatten. Er klagte über Schmerzen.

„Ich gebe noch eine Dosis Morphin“, entschied Guy. „Halten Sie bitte die Taschenlampe, Jennifer.“

„Natürlich.“ Sie richtete den Lichtstrahl auf den Beutel. „Wir brauchen noch mal Kochsalzlösung.“

Aber es war keine mehr da. Der klägliche Rest im letzten Beutel würde den massiven Blutverlust nicht ersetzen können. Diggers Zustand würde sich rapide verschlechtern. Und sie konnten absolut nichts dagegen tun.

Das Morphin linderte allerdings seine Schmerzen. Das Sprechen fiel ihm leichter, aber seine Gedanken wanderten ab, und irgendwann schien er nicht mehr zu wissen, wo er war.

„Gib mir einen Whisky … Danke, Di … Verdammt kalt, heute Nacht …“

„Das stimmt.“ Jennifer zerrte den Anorak fester um sich. „Wie spät mag es sein, Guy?“

„Keine Ahnung. Wenn wir das nächste Mal die Taschenlampe benutzen, schaue ich auf die Uhr.“

„Ach … Diana“, murmelte Digger. „Die Göttin.“

„Von wem redet er?“, wisperte Jennifer.

„Von der Frau, die er jahrelang geliebt hat.“

„Ja …?“ Etwas in seinem Ton ließ sie nachfragen.

„Sie war auch meine Mutter.“

„Oh.“ Jennifer runzelte die Stirn. „Dann ist Digger Ihr Vater?“

„So ähnlich.“

„Stiefvater?“

„Nein.“

Das war deutlich. Er wollte nicht darüber reden. Jennifer schwieg.

„He, was zum Teufel …!“ Sie fuhr zusammen, als Digger lospolterte. „Was machst du da, du ungezogener Lümmel … gib das wieder her!“

„Wir sind es nur, Digger. Guy … und Jenna. Wir sind bei dir.“

„Ich muss mit dem ersten Hahnenschrei aus der Koje … Du kleiner Dieb … klaut mir meine Zigaretten …“

„Rauchen ist schlecht für dich, Kumpel. Du weißt, dass du aufhören musstest.“

„Solche Rotzlöffel haben mir noch gefehlt … Wollen mir vorschreiben, was ich zu tun hab … Warte, bis ich … mit deiner Mutter rede …“

„Haben Sie ihm die Zigaretten weggenommen?“ Jennifer musste lächeln. „Wollte er wirklich aufhören, oder fanden Sie eine Gaunerkarriere ganz reizvoll?“

„Ich war damals gerade zwölf. Verbrecher waren schon faszinierend.“

Guy mochte jetzt Mitte dreißig sein, also kannte er Digger ziemlich lange. Eine Vaterfigur. Sie erinnerte sich an die tiefe Sorge in seinen Augen, als er sah, wie schwer Digger verletzt war. Und nun lag er neben dem Menschen, den er liebte, und wusste, dass dieser sterben würde. Jennifer schluckte.

„Es tut mir leid“, sagte sie nach einer Weile.

„Was?“

„Dass ich nicht mehr für ihn tun kann.“

Es dauerte lange, ehe er antwortete. „Nicht halb so leid wie mir.“

Jennifer kroch tiefer in ihren Anorak. Ging das gegen sie? Erwartete er von einer Chefärztin der Notaufnahme, dass sie Wunder vollbrachte? Sie schüttelte den Kopf. Nein, wahrscheinlich haderte er mit sich, weil er nichts ausrichten konnte.

Sie wusste, wenn Diggers innere Blutungen nicht aufhörten, würde sein Körper innerhalb weniger Stunden in einen irreversiblen Schockzustand geraten. Durch Sauerstoffmangel bedingt versagten dann wichtige Organe wie Nieren, Herz und Gehirn.

Dass sie von jeder medizinischen Hilfe abgeschnitten waren, ließ sie einen Moment fast verzweifeln, denn sie bedeutete den Tod eines Menschen, und sie konnte absolut nichts dagegen tun. Sie seufzte schwer.

„Was ist?“

„Nichts.“ Jennifer holte tief Luft und stieß sie bebend wieder aus. „Eigentlich alles“, berichtigte sie sich. „Es ist frustrierend. So … schrecklich.“

„Das müssen Sie doch gewohnt sein. Wie viele Fälle kommen jeden Tag bei Ihnen herein? Dutzende? Hunderte?“

„Irgendwo dazwischen. Aber das ist etwas anderes. Sicher, auch wir verlieren Patienten, aber wir retten ständig Menschen, die es sonst nicht geschafft hätten. Leute wie Digger.“ Sie machte eine Pause. „Er erinnert mich an meinen Vater.“

„Weil er Sie Jenna genannt hat?“

„Nicht nur das. Da ist noch mehr. Seine Unabhängigkeit. Oder sein Mut, sein Sinn für Humor. Die Fähigkeit, sich einer Situation zu stellen, ohne viel Aufhebens darum zu machen.“

„Ihre Menschenkenntnis ist nicht schlecht.“ Er bewegte sich. „He, Digger, hast du die netten Dinge gehört, die Dr. Allen über dich gesagt hat?“

Keine Antwort. Jennifer tastete nach Diggers Handgelenk.

„Ich spüre keinen Puls. Sein Blutdruck sinkt.“

„Er reagiert nicht“, fügte Guy hinzu. „Und mir gefällt nicht, dass er so schnell und flach atmet.“

Digger sank in Guys Richtung, und als Jennifer seinen Arm wieder unter die Lederjacke schob, fühlte sie, dass der alte Mann sich weiter bewegte. Erschrocken öffnete sie den Mund, um etwas zu sagen, aber dann wurde ihr klar, was gerade geschah: Guy zog Digger in die Arme.

„Schon gut, Kumpel“, sagte er weich. „Ich bin hier, Digger. Ich gehe nirgendwohin.“

Diesmal ließ Jennifer ihren Tränen freien Lauf. Würde sie auch jemand so halten, wenn sie sterben musste? Und so liebevoll mit ihr reden?

„Rücken Sie dichter heran“, bat Guy. „Wir müssen ihn so warm wie möglich halten. Wenn Sie können, ziehen Sie die Plane enger um uns.“

Jennifer schmiegte sich an Diggers Rücken und spürte deutlich seine unregelmäßigen Atemzüge an ihrer Wange. Dicht aneinandergedrängt hockten sie da, während die Minuten, die Stunden vergingen. Irgendwann verriet Diggers Herzrhythmus, dass das Ende nicht mehr weit war. Es war inzwischen so kalt, dass sie nur noch stumm warteten.

Auf die Morgendämmerung.

Auf Hilfe.

Für Jim Spade würde es leider keine Rettung geben. Als die Dunkelheit einem fahlen Morgenrot wich, tat Digger seinen letzten Atemzug, gehalten von Guy und Jennifer. Jennifer wusste nicht, wie lange sie so gelegen hatten, doch dann regte sich Guy. Er legte Digger behutsam auf den Boden und kroch ins Freie. Als Jennifer ihm schließlich folgte, war es schon hell genug, dass sie seine Silhouette in einiger Entfernung am Rand des Plateaus erkennen konnte.

Die gezackten Gipfel der Berge verstärkten das einsame Bild. Mit gebeugten Schultern und gesenktem Kopf stand Guy da. Jennifer schloss die Augen und legte die Hände vors Gesicht. Sie kannte keinen der beiden Männer richtig, und doch war sie seit dem Tod ihres Vaters nicht mehr so niedergeschlagen gewesen. Guy tat ihr unendlich leid, und sie musste sich zusammenreißen, um nicht zu ihm zu gehen und ihn zu trösten.

Guy kam zurück, als die ersten Sonnenstrahlen die Luft kaum merklich erwärmten. Sein Gesicht war ausdruckslos.

„Es tut mir so leid, Guy“, sagte sie leise.

„Sie haben ihn nicht einmal gekannt.“

„Das ändert nichts daran, dass ich traurig bin. Diggers … und auch Ihretwegen.“

„Ich brauche Ihr Mitgefühl nicht.“ Guy griff nach der Plane. „Die brauche ich“, murmelte er. „Wenn es windig oder regnerisch wird, können Sie ins Wrack kriechen.“

„Wie bitte?“ Verwundert sah sie, wie er die Plane auf dem Boden ausbreitete und den Campingkochtopf, sein Taschenmesser und ein Seil darauflegte. Er zog den blauen Anorak aus und seine Lederjacke an. Jennifer hatte sie genommen und Digger stattdessen mit einer der Rettungsdecken bedeckt. Guy warf keinen Blick auf die zusammengekrümmte Gestalt seines väterlichen Freundes, während er die zweite Rettungsdecke ebenfalls auf den Haufen legte.

„Was machen Sie da eigentlich?“

„Ich packe.“

„Warum? Haben Sie etwas gesehen?“ Jennifer blickte zum Horizont. Der blaue Himmel färbte sich heller, es würde ein klarer, sonniger Tag werden. Aber sie konnte nichts entdecken, was Rettung versprach.

„Ich laufe los und hole Hilfe.“ Guy nahm die angebrochene Packung Schokoladenkekse und legte sie neben Jennifer auf den Boden. „Die hier können Sie behalten.“

„Sie wollen gehen?“ Jennifer starrte ihn entsetzt an. „Wenn man sich in der Wildnis verirrt hat, soll man sich nicht vom Fleck rühren. Das weiß sogar ich!“

„Und ich weiß, was ich tue.“

„Wir sind hoch oben auf einem Berg, Herrgott noch mal! Da kann man nicht einfach loslaufen.“

„Es wird eine Weile dauern“, erwiderte Guy ruhig. „Ich schätze, bis ich wieder in der Zivilisation angekommen bin, vergehen drei Tage. Der Abstieg wird ein bisschen schwierig, aber ich habe mir einen Weg ausgesucht, den ich eigentlich schaffen müsste. Vielleicht finde ich im nächsten Tal einen Fluss, dem ich folgen kann, bis ich eine Gegend erreiche, die mir bekannt vorkommt. Ich kenne dieses Land ziemlich gut. Ich kann es schaffen.“ Er rollte die Plane mit den Sachen zusammen. „Falls man Sie zuerst findet, erklären Sie ihnen, was ich vorhabe.“

Falls?“

„Es gibt keine Garantie, dass sie ausgerechnet hier suchen. Aber ich habe nicht vor, tagelang hier zu hocken, irgendwann an Unterkühlung und Austrocknung zu leiden und mich dann auf den Weg machen zu müssen.“

„Sie können mich nicht einfach zurücklassen. Ich bleibe nicht mit drei Toten allein hier!“

Zum ersten Mal blickte Guy auf Digger. Dann wandte er sich abrupt ab.

„Ob es Ihnen gefällt oder nicht, ich gehe“, sagte er ausdruckslos. „Sie können mich nicht davon abhalten.“

„Dann komme ich mit Ihnen.“

„Ha!“ Es klang verächtlich. „Reden Sie keinen Unsinn. Sie schaffen es nicht einmal bis zum ersten Grat.“

„Warum sind Sie sich da so sicher?“

Guy sah sie nur an, und noch nie hatte Jennifer sich so unzulänglich gefühlt. Sie wusste nicht, was ihr am meisten Angst machte – der Weg hinunter, der auch scheitern konnte, oder hier allein zu sitzen und auf Rettung zu hoffen, die vielleicht niemals kommen würde.

„Wollen Sie steile Bergflanken hinabsteigen? Eiskalte Bergbäche durchwaten? Sich Ihren Weg durch dichtes Buschwerk und mehr oder weniger undurchdringlichen Regenwald bahnen?“

„Nein, natürlich nicht! Und Sie sollten es auch nicht tun. Wenn Sie sich dort unten verlaufen, sind Sie verloren. Man sucht schließlich nach einem Flugzeug.“

„Ich werde meinen Weg markieren.“

„Das ist viel zu gefährlich. Purer Leichtsinn!“ Jennifer schüttelte den Kopf, hatte fürchterliche Angst, dass sie gleich losheulen und ihn anflehen würde zu bleiben. „Was ist mit Ihrem Bein? Ihrem Knöchel? Was glauben Sie, wie weit Sie damit kommen?“

„So weit es nötig ist“, erwiderte Guy grimmig. „Ich werde im Wrack noch einmal nach Ihrem Handy suchen. Bei meinem ist der Akku leer. Es ist gut möglich, dass ich irgendwann Empfang habe. Vielleicht gibt es unterwegs sogar eine Rettungshütte mit Funkgerät.“

„Eine Rettungshütte?“

„Dies ist ein Nationalpark. Ich weiß zwar nicht genau, wo wir uns befinden, aber es gibt hier eine Menge Wanderwege und Bergsteigerpfade. Mit ein bisschen Glück erreiche ich einen von ihnen in ein, zwei Tagen. Was soll ich Ihnen für Ihren Arm dalassen?“

„Meinem Arm geht’s gut.“ Jennifer spürte ihre Verletzung im Moment gar nicht. Sie hatte ganz andere Sorgen. Als Guy aufs Flugzeugwrack zuging, folgte sie ihm.

„Das können Sie nicht machen“, beharrte sie. „Sie müssen hierbleiben. Sie wissen doch, dass man sich in einem solchen Fall nicht von der Stelle bewegen soll.“

„Nur, wenn man keine andere Wahl hat“, erwiderte Guy. „So wie Sie.“ Er gab die Suche nach ihrer Handtasche auf und sah Jennifer zum ersten Mal seit Diggers Tod direkt an.

„Sie werden es schon schaffen“, sagte er. „Halten Sie sich so warm wie möglich, und schmelzen Sie Schnee zum Trinken. Ich lasse Ihnen noch die andere Jacke hier. Zur Not können Sie sich auch etwas von Bill und Shirley anziehen.“ So etwas wie Sorge flackerte kurz in seinen Augen auf. „Ich hole Hilfe, so schnell ich kann.“ Unerwartet lächelte er. „Wir sehen uns in ein paar Tagen, Jenna.“

Jennifer sah ihn davongehen. Sah, wie er sich nach der aufgerollten Plane bückte und weiterging. Er erreichte das Ende des Plateaus und blieb für ein paar Sekunden stehen. Dann stützte er sich auf einem Felsen ab und stieg tiefer. Noch ein Schritt, und seine Hand verschwand. Gleich darauf war sein Kopf nicht mehr zu sehen.

Er war weg.

In ihrem ganzen Leben hatte Jennifer sich noch nie so verlassen gefühlt. Nicht nach dem Tod ihrer Mutter, als sie acht gewesen war. Oder als sie ihren Vater verloren hatte, viele Jahre später. Andere Verwandte hatte sie nicht. Diggers letzter Atemzug hatte Erinnerungen an erlittene Verluste zurückgebracht, und Guy verschwinden zu sehen, war einfach zu viel für sie.

Sie wollte nicht sterben.

Vor allem nicht einsam und allein. Nicht, wenn sie es verhindern konnte.

Wenn Guy glaubt, dass er es schafft, dann schaffe ich es auch, machte sie sich Mut. Vielleicht würden sie auch beide bei dem Versuch umkommen, aber sie hätten wenigstens nicht aufgegeben.

Und sie wären nicht allein.

Eigentlich blieb ihr gar keine andere Wahl.

„Tut mir leid, Shirley“, murmelte sie, als sie auf die tote Frau zuging. „Ich brauche deine Hose und deine Schuhe. In Rock und High Heels komme ich nicht weit.“

Nachdem sie eine Entscheidung getroffen hatte, musste alles schnell gehen. Jennifer hatte eiskalte Hände, und der gebrochene Arm war auch nicht besonders hilfreich, während sie mit Reißverschlüssen und Schnürsenkeln kämpfte. Als sie endlich die Jacke über ihre Kleidersammlung gezogen hatte, stolperte sie in ihrer Hast, so schnell wie möglich zum Plateaurand zu kommen.

Sie blieb an dem Felsen stehen, wo sie Guy zuletzt gesehen hatte, und stützte sich darauf ab. Nicht, um den ersten Schritt zu machen, sondern weil ihr der Anblick Angst einjagte. Aus dem schneebedeckten Abhang ragten nur ab und zu kahle Felsspitzen hervor, und er führte nicht wie erwartet hinunter zum Regenwald und damit zu begehbaren Wegen. So weit das Auge reichte, erstreckten sich Bergkämme und Plateaus. Schnee, Felsen und Berggrasbüschel war alles, was sie sah. Die Baumgrenze lag viel tiefer.

Wo war Guy?

Jennifer kniff die Augen zusammen, weil der Schnee sie blendete. Da entdeckte sie dicht unter ihr seine Fußspuren. Jeder zweite Schritt drückte sich tiefer in den Schnee ein, so als hätte er den verletzten Knöchel geschont. Sie folgte ihnen mit den Augen, über eine felsige Stelle hinweg, weiter nach unten.

Dann entdeckte sie ihn. Er stieg den Hang schräg hinab. Anscheinend war es sicherer als der direkte Weg. Jennifer spürte neue Hoffnung. Wenn Guy diese Strecke in so kurzer Zeit bewältigt hatte, standen die Chancen nicht schlecht. Der Himmel war klar, die Sonne schien, und es würde noch viele Stunden Tageslicht geben.

Er wusste, was er tat.

Jennifer klammerte sich an diesen Gedanken, als sie den ersten Schritt in den Schnee wagte. Sie nutzte Guys Fußstapfen, um schneller voranzukommen. Die felsigen Stellen dazwischen zu überwinden, erwies sich als unglaublich anstrengend. Mit dem gesunden Arm stützte sie sich so gut wie möglich ab, bis sie wieder den Schnee erreicht hatte. Guys Spuren gaben ihr die Sicherheit, dass sie sich nicht zu Tode stürzen würde.

„Ich schaffe es“, sagte sie laut vor sich hin. Immer wieder. „Ich schaffe es. Warte auf mich, Guy. Bitte!“

4. KAPITEL

Sie folgte ihm!

Es hatte einige ungläubige Sekunden gedauert, ehe er begriff, was der wirbelnde Schnee am Hang über ihm bedeutete. Guy fluchte und marschierte weiter.

Damit hätte er nie gerechnet. Er wusste, dass er ein großes Risiko einging, aber er besaß Erfahrung. Jetzt lagen die Dinge anders. Im besten Fall kam er nur langsamer vorwärts, was die Überlebenschancen zu ihren Ungunsten verschob. Im schlimmsten Fall würden sie beide umkommen.

Guy hielt den Blick fest auf die felsige Fläche vor ihm gerichtet. Vorsichtig prüfte er mit dem Absatz, ob der Schnee hielt, bevor er den nächsten Schritt mit vollem Gewicht wagte. Dabei schickte er ein Stoßgebet zum Himmel, dass sein Knöchel ihn nicht im Stich ließ und ihn als menschliche Lawine den Hang hinunterschickte.

Aber konnte er wirklich weiterlaufen und so tun, als hätte er Jennifer nicht bemerkt? Noch schneller gehen, bis er diesen eisigen Abhang überwunden hatte und sie ihn niemals einholen konnte?

Dann wird sie sterben, meldete sich laut und deutlich eine Stimme in seinem Kopf. Willst du das?

„Natürlich nicht“, murmelte er. „Aber wahrscheinlich wird sie sowieso sterben und mich dabei mitnehmen. Sie hätte bleiben sollen, wo sie war. Ich hätte Hilfe geschickt … so bald wie möglich.“

Du wolltest doch auch nicht bleiben, spottete die Stimme. Mit drei Toten als Gesellschaft? Mit Digger?

„Das hätte ich nicht gekonnt.“ Der Schmerz war noch immer unerträglich.

Sie vielleicht auch nicht.

„Sie kannte ihn kaum.“

Sie hat versucht, ihm das Leben zu retten. Er hat sie an ihren Vater erinnert. Du weißt, dass sie geweint hat. Es hat ihr etwas ausgemacht, dass er gestorben ist.

Guy weigerte sich, darauf zu antworten.

Warum zum Teufel hörte er plötzlich Stimmen? War er bereits unterkühlt und so erschöpft, dass sein Gehirn nur noch eingeschränkt funktionierte? Er sollte sich unbedingt auf den Abstieg konzentrieren und jeden negativen Gedanken vertreiben.

Die Stimme gab sich nicht so leicht geschlagen.

Was würde Digger wohl davon halten? flüsterte sie.

„Er würde dasselbe tun. Das Risiko eingehen und Hilfe holen.“

Er hätte niemanden zurückgelassen. Erst recht nicht jemanden, der versucht hat, ein Menschenleben zu retten. Jemanden, der Anteilnahme zeigte.

„Verdammt!Verdammt noch mal!“ Er hatte die Felsnase erreicht und damit zwei große Abschnitte des Abhangs sicher bewältigt. Und nun musste er warten.

Warten, bis Jennifer Allen ihn eingeholt hatte. Und dann musste er sie mitschleppen und versuchen, sie beide am Leben zu erhalten, bis sie Hilfe fanden, weil ihm sonst sein blödes Gewissen keine Ruhe lassen würde. Sonst würde diese verdammte Stimme in seinem Kopf ihn bis an sein Lebensende verfolgen.

„Ich hätte sowieso gewartet“, grollte er. „Ich wollte doch nur noch bis zu diesem Felsen, um mich kurz auszuruhen.“

Es dauerte zwanzig Minuten, bis Jennifer ihn erreicht hatte.

„Was zum Teufel haben Sie sich eigentlich gedacht?“, empfing er sie grimmig.

„Ich komme mit Ihnen.“

„Sie haben den Verstand verloren. Gehen Sie zurück, und bleiben Sie beim Flugzeug.“

„Auf keinen Fall. Ich bin doch nicht umsonst bis hierher gelaufen. Jetzt kehre ich nicht mehr um.“

„Was glauben Sie denn, wie weit Sie kommen?“

„So weit wie nötig“, gab sie hitzig zurück. „Wie Sie auch.“

„Das schaffen Sie nie.“

Immerhin hat sie einen Anfang gewagt, oder?

Guy verscheuchte die Stimme und musterte Jennifer von Kopf bis Fuß. Fast hätte er gelacht. Sie sah zu komisch aus. Die Hose musste Shirley gehört haben. Oder Bill. Auf jeden Fall war sie einige Nummern zu groß, und darüber hatte Jennifer ihren Rock angezogen. Mit zwei Anoraks übereinander sah sie aus wie aufgeblasen, und die Wildlederschnürschuhe, die sie gegen ihre High Heels getauscht hatte, waren bereits durchgeweicht. Wenn sie noch lange oberhalb der Schneegrenze blieben, würde sie innerhalb kurzer Zeit Frostbeulen an den Füßen haben.

„Tut mir leid“, fügte er etwas ruhiger hinzu, „aber das halten Sie nicht durch.“

„Woher wissen Sie das?“

„Sie haben keine Ahnung, worauf Sie sich da einlassen. Ich wette, die größte körperliche Herausforderung, der Sie sich gestellt haben, war Ihr letzter Pilates-Kurs.“

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