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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 78

KATE HARDY

Wenn dich ein Traumprinz küsst

„Lass uns den Moment genießen, hier und jetzt.“ Nur einmal noch will Marco sich mit Becca im Rausch der Sinne verlieren – wie damals im Sommer. Doch mit jeder Zärtlichkeit wird der Wunsch stärker, seine Pflichten als Prinz zu vergessen und sein Leben mit ihr zu teilen. Da entdecken Paparazzi die schöne Bürgerliche an seiner Seite – und ihre Vergangenheit …

AMALIE BERLIN

So süß, so sinnlich …

Wyatt wirft so leicht nichts um. Aber Imogen hat es scheinbar zu ihm in die Berge verschlagen, um seine wunden Punkte aufzuspüren: Erst bringt die sexy Aushilfsschwester ihn in verdammt unprofessionelle Situationen, dann entlockt sie ihm sein Geheimnis, und nun droht er sie zu verlieren – wie einst seine Familie. Oder hat er das Schicksal diesmal in der Hand?

CAROL MARINELLI

Nachtschicht für zwei

Es gibt ein Leben nach der Scheidung – und es ist echt stressig. Singlemom und Notfallschwester Jasmine findet weder Zeit noch Mut, sich dem gefährlich attraktiven Dr. Devlin zu nähern. Bis ihr Zusammenstoß im Vorratsraum eine heiße Romanze befeuert. Ob das Schicksal Jasmine endlich reueloses Liebesglück schenkt? Es sieht ganz so aus. Für zweieinhalb Wochen …

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Wenn dich ein Traumprinz küsst

HUNTER CLINIC

DAS TEAM:

 

Dr. Leo Hunter

Schönheitschirurg & Chef der Hunter Clinic

Dr. Ethan Hunter

Chirurg, Leos Bruder

Lizzie Hunter

Pflegedienstleiterin

Dr. Iain MacKenzie

Chirurg

Dr. Declan Underwood

Chirurg

Becca Anderson

Physiotherapeutin

Lexi MacKenzie

Leiterin der PR-Abteilung

Helen

Rezeptionistin

 

 

PATIENTEN:

 

Prinz Marco von Sirmontane

 

Mrs van der Zee

 

   

UND:

 

Pedro

Marcos Stellvertreter

Dr. Herrera

Militärarzt

Comandante Molina

Marcos Vorgesetzter

Prinz Ferdinand von Sirmontane

Marcos Bruder

Marianna

Ferdinands Verlobte

Arabella (Bella)

Marcos und Ferdinands Schwester

Luiz

ihr Mann

Rafa

Marcos Fahrer

Maria

Marcos Haushälterin

Miguel

Marcos Koch

Rupert, Henry

Nachtklubbesitzer

Seraphina, Talia

Ruperts Schwestern

Anastasia

Marcos Bekannte

Barney

Bekannter von Beccas Mutter

Elena

Marcos Mutter

Alfonso

sein Vater

PROLOG

Jetzt waren auch die letzten Männer in Sicherheit.

Oder? Marco wurde das dumpfe Gefühl nicht los, dass die Rettungsaktion zu leicht verlaufen war. Die Rebellen gaben sonst nicht so schnell auf. Wir sollten auf der Hut sein, dachte er, während er den Jeep zur Militärbasis zurückfuhr.

„Pedro, behalten Sie die Strecke im Auge“, sagte er zu seinem Stellvertreter. „Melden Sie mir sofort, was immer Ihnen verdächtig erscheint.“

„Ja, Sir. Erwarten Sie einen Hinterhalt?“

„Wir müssen damit rechnen.“

„Sie haben recht, das ging zu einfach. Viell…“ Ein lauter Knall unterbrach ihn mitten im Wort.

Marco wollte mit voller Wucht auf die Bremse treten, doch da erfasste die Detonationswelle schon den Wagen, die Windschutzscheibe zerbarst. Noch während Marco instinktiv die Hand hochriss, um seine Augen zu schützen, spürte er, wie sich die Glassplitter in seine Haut bohrten.

Kümmern konnte er sich darum nicht. Der Jeep war ins Schleudern geraten, und Marco musste versuchen, ihn unter Kontrolle zu bekommen. Alles verlief wie in Zeitlupe, Adrenalin schärfte Marcos Sinne, jeder Eindruck wirkte vergrößert, intensiver. Das Geräusch von splitterndem Glas, das Knirschen von Metall, der Geruch von Feuer und Rauch.

Endlich kamen sie zum Halten. Auf dem Dach.

Großartig!

Im Jeep gaben sie ein hervorragendes Ziel ab. Wir müssen hier raus. Ein Geschoss in den Treibstofftank, und das Ding explodiert …

Allerdings wusste Marco, dass den Aufständischen tote Soldaten nicht so viel nutzten wie lebende Gefangene. Vor allem, wenn einer von ihnen ein Prinz war – zwar nur Zweiter in der Thronfolge eines kleinen europäischen Fürstentums, aber Sirmontane war nicht völlig unbedeutend in der Welt des Hochadels.

Sie hatten gewusst, dass Marco seine Männer nicht im Stich lassen würde. Als er ihnen zu Hilfe eilte, brachte er sie alle in Gefahr. Idiot! Er war blauäugig in eine Falle getappt.

Der erste Jeep hatte keine Chance gehabt. Er war direkt auf die Mine gefahren und hatte die Explosion ausgelöst.

„Pedro?“

Ein Stöhnen war die Antwort.

„Wir müssen in Deckung gehen. Sofort!“, drängte Marco. „Warten Sie, ich hole Sie raus.“ Mit erhobener Stimme rief er nach hinten: „Bereit machen für Evakuierung und Deckung suchen!“

Seine Hand schmerzte, fühlte sich an wie mit tausend Nadeln gespickt. Doch das war jetzt nebensächlich. Zuerst musste er seine Leute in Sicherheit bringen. Die, die noch übrig waren.

Es kostete ihn viel Kraft, mit der Schulter die Tür aufzustemmen, aber schließlich hatte er es geschafft. Marco kroch um den Jeep herum zur Beifahrertür und wollte Pedro heraushelfen, als er merkte, dass etwas nicht stimmte. Er konnte die Finger der linken Hand nicht krümmen.

Was bedeutete, dass sie nutzlos war. Damit konnte er eine Waffe nicht einmal halten, geschweige denn, sie abfeuern.

Blut tropfte aus der Wunde und hinterließ im Sand eine deutliche Spur. Fluchend riss Marcos ein Stück Stoff von seinem Hemd ab und wickelte es um die Hand. Mit der anderen zog er die Tür auf.

Pedro stöhnte immer noch, aber Marco holte ihn aus dem Jeep heraus und half auch den anderen Männern. Sobald sie sich im Gebüsch nahe der Straße versteckt hatten, robbte er vorwärts, um die Lage zu checken. Vielleicht war die Explosion von den Überwachungsgeräten des Basiscamps aufgezeichnet worden. Hoffentlich schickte man ihnen Hilfe, bevor es zu spät war.

Er sah die Rebellen am Jeep auftauchen. Wenn nicht bald etwas passierte, würden sie die Gegend absuchen und ihn und seine Männer finden.

Sie hatten Glück. Reifen quietschten, Maschinengewehrfeuer ertönte. Die Aufständischen zogen sich zurück.

„Danke!“, flüsterte er.

Als Rufe ertönten, wusste er, dass er ohne Risiko auf sich aufmerksam machen konnte. Er brüllte zurück. Hilfe war unterwegs.

Die Schmerzen in seiner Hand wurden unerträglich. Marco verlor das Bewusstsein.

1. KAPITEL

Eine ungewohnte Umgebung erwartete Marco, als er wieder erwachte. Er versuchte, sich aufzurichten, doch eine Hand hielt ihn zurück.

„Bleiben Sie liegen, Capitán.“

„Wo bin ich?“

„Im Krankenhaus.“

Marco kannte den Mediziner. „Dr. Herrera, wie geht es meinen Männern?“

„Wir müssen über Sie sprechen.“

„Nein, über meine Leute. Hat jemand aus dem ersten Jeep überlebt?“

„Leider nein, aber aus Ihrem Wagen sind alle noch am Leben. Einige durch den Aufprall verletzt, aber nichts Ernstes.“

„Okay. Ich muss …“

Weiter kam er nicht, der Arzt unterbrach ihn energisch. „Sie müssen mir jetzt zuhören. Es sei denn, Sie wollen Ihre Hand verlieren.“

„Sagen Sie mir, was los ist.“

„Beugesehnenverletzung.“

Als Marco ihn verständnislos anblickte, erklärte Dr. Herrera: „Die Beugesehnen verbinden Ihre Unterarmmuskeln mit Daumen- und Fingerknochen. Sie sorgen dafür, dass Sie Ihre Finger krümmen und wieder strecken können.“

Er erinnerte sich an den Moment im Jeep, als das unmöglich gewesen war. Marco versuchte, die Hand zur Faust zu schließen. Zeige- und Mittelfinger bewegten sich nicht, und die Hand tat höllisch weh.

„Sehen Sie? Ich vermute, die Windschutzscheibe ist gesplittert, und Sie haben die Hand hochgerissen, um Ihre Augen zu schützen?“

„Ja.“

„Anscheinend haben Glassplitter eine Sehne, vielleicht auch mehrere, durchtrennt. Da sie nicht von selbst heilen, müssen wir etwas unternehmen.“

„Eine Operation?“

„Mikrochirurgie, und zwar innerhalb der ersten zwölf, allerhöchstens vierundzwanzig Stunden. Je länger Sie warten, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass an den Enden der beschädigten Sehnen Narbenbildung einsetzt.“

„Und das bedeutet?“

„Unterm Strich? Verminderte Beweglichkeit Ihrer Hand.“

Das genügte, um Marco zu überzeugen. „Okay. Tun Sie, was Sie tun müssen.“

Dr. Herrera schüttelte den Kopf. „Ich kann Sie nicht operieren. Außer dem Mikrochirurgen muss sich ein speziell ausgebildeter plastischer Chirurg Ihrer Hand annehmen, sobald die Sehnen genäht sind und die Wunde verheilt ist. Unser Zeitfenster liegt bei vierundzwanzig Stunden ab dem Zeitpunkt der Verletzung. Sagen wir, zwei Stunden hat es gedauert, Sie vom Explosionsort hierherzubringen. Sieben Stunden brauchen Sie mit dem Flugzeug nach London, eine für die Fahrt vom Flughafen zum Krankenhaus …“ Er verzog das Gesicht. „Ich muss Sie sofort in einen Flieger verfrachten.“

Marcos Chef Comandante Molina kam ins Zimmer und schien den letzten Satz gehört zu haben. „Du kennst die Regeln, Marco. Ärztliche Order steht höher als militärische. Ab ins Flugzeug mit dir.“

„Was ist mit meinen Leuten?“

„Um die Verwundeten kümmere ich mich, die sind hinterher so gut wie neu“, meldete sich Dr. Herrera zu Wort.

„Und ich spreche mit den Angehörigen“, fügte Comandante Molina hinzu.

„Ihr wollt ernsthaft, dass ich mich nach London absetze?“ Marco gefiel das gar nicht.

„Ja, und zwar in die Hunter Clinic. Zu Leo und Ethan Hunter. Die beiden haben einen exzellenten Ruf, was die Behandlung verletzter Soldaten angeht. Einer von ihnen war Militärarzt“, erklärte der Comandante.

Die Hunter Clinic. Marco hatte davon gehört. Marianna, die Verlobte seines älteren Bruders Ferdinand, war Anfang des Jahres wegen einer Lidstraffung dort gewesen. „Ich dachte, die machen nur Schönheitsoperationen.“

„Nein, Sie haben auch Spezialisten für rekonstruktive Chirurgie.“ Molina verschränkte die Arme vor der Brust. „Mikrochirurgie, Handchirurgie – genau, was du brauchst.“

Ihm schien keine Wahl zu bleiben. Trotzdem gab er noch nicht auf. „Warum kann ich nicht hier operiert werden? Für die Moral der Truppe ist es bestimmt besser. Ich möchte nicht, dass jemand denkt, ich bekomme wegen meiner Herkunft eine Sonderbehandlung.“

„Darum geht es nicht. Aber wir können nicht garantieren, dass die Medien sich nicht in die Sache reinhängen“, meinte der Comandante. „Und ich gebe zu, dass deine Mutter bereits interveniert hat.“

Seine Mutter machte sich ständig Sorgen um ihn. Sie sähe ihn lieber heute als morgen aus dem aktiven Dienst verabschiedet. Wie oft hatten sie hitzige Diskussionen darüber geführt? Diese Verletzung war nur Wasser auf ihre Mühlen. Dass er sich in London behandeln ließ, würde vielleicht etwas Dampf aus dem Kessel nehmen.

„Sie will, dass ich von hier verschwinde, oder?“

Statt einer Antwort warf Comandante Molina ihm nur einen mitfühlenden Blick zu.

„Okay.“ Marco fügte sich resigniert. „Ich fliege nach London. Aber ich komme so schnell wie möglich zurück.“

„Marco, deine Loyalität steht außer Frage“, sagte Molina leise. „Und deine Männer wissen genau, dass du dich nicht für etwas Besseres hältst. Wäre Pedro hier an deiner Stelle, würdest du nicht auch darauf dringen, dass er die beste ärztliche Behandlung bekommt?“

„Stimmt.“

„Also hör auf Herrera und tu, was er dir sagt.“

Marco schwieg.

„Während Sie bewusstlos waren, habe ich Ihre Hand mit Kochsalzlösung gespült, um Schmutzpartikel zu lösen und eine Infektion zu verhindern. Ich werde Ihnen gleich noch eine Tetanusspritze geben. Über eine Antibiotikagabe kann man streiten, doch da Sie stundenlang unterwegs sein werden, halte ich es für besser, Ihnen hier noch welche zu verabreichen.“

„Tun Sie, was nötig ist.“

„Danke.“ Dr. Herrera lächelte. „Mit dem Londoner Chirurgen habe ich bereits gesprochen. In Anbetracht des Zustands Ihrer Handfläche soll ich nicht nähen, sondern nur einen Verband auflegen.“ Während er zur Tat schritt, erklärte er Marco die verschiedenen Lagen und wozu sie dienten. Zum Schluss legte er ihm einen Stützverband an, um die Wunde vor weiteren Verletzungen zu schützen.

„Am Flughafen wartet ein Hubschrauber, der dich zur Klinik bringt“, sagte Comandante Molina. „Wir bleiben in Kontakt.“

Damit verließ er den Raum.

„Alles klar“, meinte Marco trocken. Seine Mutter würde nun erst recht darauf dringen, dass er seine Militärlaufbahn beendete. Das konnte darauf hinauslaufen, dass sein Vater bei Comandante Molina auf einer ehrenwerten Entlassung aus dem Dienst bestand. Etwas, das Marco nur unter einer einzigen Voraussetzung akzeptieren würde.

„Kann ich meine Hand hinterher uneingeschränkt benutzen?“, wandte er sich an Dr. Herrera. Der Arzt verstand sicher, wie die Frage gemeint war. Marco brauchte im Einsatz an der Seite seiner Leute eine voll funktionsfähige Hand. Jede Schwäche konnte die Männer, für die er verantwortlich war, gefährden.

„Ich will nichts beschönigen. Es kann sein, dass sie nicht mehr so beweglich ist wie vorher und dass Ihr Griff an Kraft einbüßt.“

Marco hatte immer gewusst, dass er der Armee eines Tages den Rücken kehren musste, um mehr fürstliche Pflichten wahrzunehmen. Eine Welt, die nicht seine war. Leider drohte dieser Tag schneller näher zu rücken, als er gedacht hatte.

Und ob er jemals wieder auf seiner geliebten klassischen Gitarre spielen konnte, wenn seine Greifhand zu schwach war, das stand auch in den Sternen.

Trübe Aussichten.

Acht Stunden später saß Marco in einem Wartezimmer an der Harley Street. Erlesener Luxus, wohin er auch blickte. Glänzende Marmorfußböden, weiße Ledersofas, Kronleuchter und mildes Licht bestimmten das Interieur der Schönheitsklinik.

Was ihn nicht sonderlich beeindruckte. Der Laden hätte eine Wellblechhütte sein können, Marco wollte nur eins: dass jemand ihm seine Hand wieder in Ordnung brachte. Dass er sein normales Leben zurückbekam.

Und zwar eher gestern als heute.

Leider war der zuständige Chirurg zu einem Notfall gerufen worden. Natürlich hatte Marco dafür Verständnis. Schließlich war er in dieser Klinik nicht der einzige Patient und sicher auch nicht aus der reichsten oder berühmtesten Familie. Er hatte kurz im Internet recherchiert und begriffen, an was für einem exklusiven Ort er sich aufhielt.

Aber ihm lief die Zeit davon. Je länger er warten musste, umso geringer wurde die Chance, dass seine Hand die volle Beweglichkeit zurückerlangte.

Marco war nicht bereit, das hinzunehmen.

„Ethan, du bist Leos Bruder“, sagte Declan. „In seiner Abwesenheit solltest du die Hunter Clinic leiten.“

„Du bist sein Stellvertreter.“

„Aber du trägst den Namen Hunter.“

Ja, der Klotz an meinem Bein. „Declan, ich habe kein Problem damit, dass du hier das Sagen hast, solange Leo nicht da ist.“

Ethan merkte wohl, dass Declan ihn prüfend musterte. Wahrscheinlich fragte er sich, ob die Brüder sich wieder einmal gestritten hatten und Ethan auf seine Weise darauf reagierte. Doch der irische Arzt würde nie direkt fragen. Er war ein charmanter Kerl, hielt jedoch die Leute auf Armlänge und sich selbst aus den Angelegenheiten anderer tunlichst heraus.

„Und als Aushängeschild der Klinik machst du dich einfach besser“, fügte Ethan hinzu.

„Nicht dein Ding, was?“ Declan lächelte, wurde aber schnell wieder ernst. „Ethan, bist du sicher, dass ich die Leitung übernehmen soll?“

„Für die Hunter Clinic ist es das Beste. Und letztendlich zählt nur die Klinik, oder?“

Declan nickte. „Okay, danke. Ich mach’s gern.“

„Gut.“ Ein Problem gelöst. Vorerst wenigstens. „Ich muss zu einem Patienten.“

„Bis später.“

Marco war drauf und dran, sich jemanden zu suchen und sehr höflich, aber bestimmt zu fragen, wie lange sie ihn zum Teufel hier noch warten lassen wollten!

Da kam ein Mann ins Zimmer. Besser gesagt, er humpelte.

Er war so groß wie Marco, also knapp ein Meter neunzig, hatte kurzes dunkelbraunes Haar und braune Augen. Schwarze Bartstoppeln bedeckten sein kantiges Kinn und verliehen ihm ein düsteres Aussehen, das – Marcos Meinung nach – Frauen alles andere als sexy fanden. Wenn das der Arzt war und der so wenig Wert auf sein Äußeres legte, bedeutete das dann, dass er auch in seinem Job nachlässig war? Oder hatte Marco den Pförtner vor sich?

„Ethan Hunter.“ Eine tiefe Stimme, die angenehm klingen könnte, wenn der Mann seinen Namen nicht buchstäblich geknurrt hätte.

Also einer der Hunter-Brüder. Chirurg. Auch der, der ihn operieren sollte?

Ethan Hunter machte keine Anstalten, Marco die Hand zu schütteln. „Tut mir leid, dass Sie warten mussten.“

Allerdings hatte Marco den Eindruck, dass es ihm überhaupt nicht leidtat.

„Bedauerlicherweise müssen Sie mit mir vorliebnehmen. Sonst kümmert sich mein Bruder um unsere Royals, Stars und Sternchen, aber er ist auf Hochzeitsreise.“

Aha, daher wehte der Wind. Ethan Hunter hatte für Reiche und Berühmte nicht viel übrig und automatisch angenommen, dass Marco als der jüngere Prinz von Sirmontane ein überprivilegierter, gedankenloser und selbstsüchtiger Lackaffe war. Marco hatte zu starke Schmerzen, um sich erst lange darüber auseinanderzusetzen. Hunter wollte Starallüren? Konnte er haben!

„Wie haben Sie das gemacht?“, fragte Ethan.

„Na, wie wohl? Im Skiurlaub, habe mit meinen Jetset-Freunden gebechert und war so betrunken, dass ich über meine eigenen Füße gefallen bin und mir die Beugesehnen durchtrennt habe.“

Ethan verzog keine Miene. „Wie wäre es mit der Wahrheit?“

Vielleicht sollte er vernünftig sein. Hunter musste wissen, wie es zu der Verletzung gekommen war, um ihn richtig behandeln zu können. Dr. Herrera hatte zwar sicher einen ausführlichen Bericht geschrieben, aber Marco stellte immer Fragen, wenn man ihm Meldung machte. Damit er auch nichts übersah. Möglicherweise war Ethan Hunter aus demselben Holz geschnitzt.

„Ich saß in einem Wagenkonvoi. Der Jeep vor mir fuhr über eine Mine. Meine Windschutzscheibe zerbarst, und ich hielt mir die Hand vors Gesicht, um meine Augen zu schützen.“

„Eine Bombe.“ Ethan wirkte für Sekunden wie erstarrt. „Verstehe.“

Interessant, dachte Marco. Hatte er den Hunter-Bruder vor sich, der Militärarzt gewesen war? „Afghanistan“, sagte er knapp.

„Sie waren Soldat?“

„Ich bin Soldat“, stellte Marco klar. „Und ich würde hundert Mal lieber dort meinen Job machen, als hier nutzlos herumzusitzen. Helfen, mit meinen Männern zusammen die Welt sicherer zu machen. Aber …“ Er atmete hörbar aus. „Das rechtfertigt nicht mein Verhalten Ihnen gegenüber.“ Haltung bewahren, dazu war er als Prinz erzogen worden, und das hatte er auch in der Armee gelernt. Eine doppelte Schande, dass er sich hatte gehen lassen. „Ich entschuldige mich.“

„Ich auch“, antwortete Ethan zu Marcos Überraschung. „Nur weil Sie reich und adlig sind, müssen Sie kein …“

„Verwöhntes Jüngelchen sein?“ Marco wusste genau, was er meinte. Solche Leute waren auch ihm zuwider. Er hatte sie oft genug erlebt, wenn sie seinen Bruder umschwirrten wie Schmeißfliegen einen fetten Braten.

Ethan schien sich zu entspannen. „Ja, genau das.“

„Waren Sie auch in Afghanistan?“

„Das ist unwichtig.“

„Wann wurden Sie verwundet?“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich verwundet wurde?“

Marco deutete mit dem Kopf auf seinen Arm und dann auf Ethans Bein. „Verschiedene Gliedmaßen, aber der Schmerz ist der gleiche.“

Die beiden Männer sahen sich an. Marco las in den dunklen Augen des Arztes, dass er verstanden hatte. Beide kannten die gleiche Frustration – wenn man hier festsaß und nicht helfen konnte, wo Hilfe gebraucht wurde.

„Was haben die Kollegen vor Ort gemacht?“, fragte Ethan.

„Die Hand wurde gespült und verbunden. Ich nehme an, Sie waren es, der davon abgeraten hat, die Handfläche zu nähen?“

„Ja. Spüren Sie noch Fremdkörper darin?“

„Ich bin mir nicht sicher“, musste Marco zugeben. „Die Schmerzen sind überall.“

„Haben Sie nur Glas abbekommen oder mehr, von dem ich wissen muss?“

„Hauptsächlich Glassplitter und vielleicht ein bisschen Schmutz. Herrera hat die Hand gesäubert.“

„Glas ist auf Röntgenbildern nicht gut zu erkennen. Bevor ich operiere, brauche ich ein CT, um sicherzugehen, dass auch der kleinste Glaspartikel raus ist.“

Bis das Computertomogramm erstellt war, schien eine Ewigkeit zu vergehen. Schließlich war Ethan Hunter zufrieden.

„Sauber. Das ist gut. Ich sage Ihnen, was auf Sie zukommt: Ich werde die Sehnen nähen und Ihre Hand mit einer Schiene ruhigstellen. Die Handfläche überlassen wir einem plastischen Chirurgen – später, wenn die Wunde abgeheilt ist. Und drittens brauchen Sie Krankengymnastik, um Ihre Hand wieder funktionsfähig zu machen.“

„Wie lange muss ich in der Klinik bleiben?“

Ethan überlegte. „In Anbetracht der Umstände und des langen Fluges behalte ich Sie für vierundzwanzig Stunden hier unter Beobachtung. Theoretisch können Sie danach nach Hause. In Anbetracht Ihrer Position und der Tatsache, dass die Medien Ihnen jedes Mal auf den Fersen sein werden, wenn Sie zur Behandlung hierherkommen, sollten wir uns allerdings etwas anderes überlegen.“ Er schien nicht begeistert. „Wir können gut darauf verzichten, dass vor unserer Tür Reporter campieren.“

Marco auch. „Die Presse soll nicht erfahren, dass ich in England bin. Wenn die Geschichte publik wird, kann ich unter Umständen nicht wieder zurück zu meiner Truppe. Als europäischer Fürstensohn gäbe ich eine begehrte Geisel ab, und damit würden auch meine Männer zur Zielscheibe.“

„Dann bleiben Sie besser eine Weile hier. Zur Physiotherapeutin müssen Sie sowieso.“

„Wenn ich nach ein paar Tagen entlassen werde, kann sie nicht zu mir nach Hause kommen?“

Der Blick, den Ethan ihm zuwarf, war deutlich: Führen Sie sich nicht auf wie ein verwöhnter reicher Prinz. „Sie sind nicht ihr einziger Patient.“

„Natürlich nicht. Tut mir leid. Geduld zählt nicht gerade zu meinen Stärken.“

Das trug ihm ein flüchtiges Grinsen ein.

„Danke für Ihre Mühe“, sagte Marco.

„Sie brauchen mir nicht zu danken. Ich tue nur meinen Job.“

„Wie da draußen auch, oder?“

Ethan wandte sich ab, sodass Marco seine Miene nicht deuten konnte. Was ihm wiederum einiges über den raubeinigen Hunter-Bruder verriet: Da war noch mehr passiert außer der Verwundung, und Ethan wollte nicht daran denken.

„Sie müssen in den OP“, sagte er. „Der Eingriff ist komplex, deshalb geben wir Ihnen eine Vollnarkose. Er wird eine Stunde, vielleicht auch etwas länger dauern. Hängt davon ab, was ich vorfinde, wenn ich die Hand eröffne.“

„Ich möchte nicht komplett weg sein.“

„Von mir aus, Zorro, wenn Sie unbedingt den Helden spielen wollen.“

„Zorro?“ Marco fixierte ihn mit scharfem Blick.

Ethan erwiderte ihn unbeeindruckt.

„Okay, ich habe Fechten gelernt und mit dem Nationalteam von Sirmontane trainiert.“ Dass er eine Goldmedaille gewonnen hatte, erwähnte er nicht. Er hatte es nicht nötig, sich mit Ethan Hunter zu messen.

„Dann passt der Name ja. Wahrscheinlich nennen Ihre Leute Sie hinter Ihrem Rücken so.“

Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit musste Marco lachen. „Schon möglich. Gut, wenn Sie mit Vollnarkose besser arbeiten können, tun Sie, was nötig ist. Aber beeilen Sie sich.“

„Ist das Ihr Waffenarm?“

„Nein, meine Greifhand.“

„Gitarre spielen Sie auch?“ Ethan unterdrückte ein Gähnen. „Sie sind das reinste Klischee, Zorro. Tanzen Sie Flamenco?“

„Ich bevorzuge Tango.“ Marco machte eine Kunstpause. „Sie kriegen besseren Sex nach einem Tango.“

Ethan grinste. „Vielleicht nicht schlecht, dass Sie eine Weile nicht Gitarre spielen können.“ Dann wurde er ernst. „Flirten Sie nicht mit unseren Mitarbeiterinnen, Zorro. Nicht einmal mit einer.“

„Für wen halten Sie mich?“ Die Unterhaltung machte ihm allmählich Spaß. Er konnte sich vorstellen, mit Ethan Hunter befreundet zu sein. Schroff im Umgang vielleicht, aber die Wellenlänge stimmte.

Wieder lag ein voller Tag vor ihr, und Becca freute sich darauf, als sie die Stufen zur Hunter Clinic hinaufeilte.

An der Rezeption erwischte sie die Chefin der PR-Abteilung in leidenschaftlicher Umarmung mit ihrem neuen Ehemann.

„Lass den Chirurgen los, Lexi“, sagte Becca lächelnd.

„Sehr witzig.“ Lexi gab Iain einen letzten Kuss und scheuchte ihn zu seinem Sprechzimmer. „Gut, dass du kommst, Becca. Mit dir wollte ich sprechen.“

„Ach ja?“, antwortete Becca und war sofort auf der Hut. Normalerweise bedeutete diese Ansage, dass Lexi eine PR-Kampagne plante und die Mitarbeiter zu einer verrückten Aktion überreden wollte.

Bei allen anderen hätte sie sich höflich herausgeredet und wäre auf Distanz gegangen. Aber Lexi war einer der wenigen Menschen, denen Becca nähergekommen war. Nicht dass sie Lexi ihre Vergangenheit anvertraut hätte, doch sie hatte das Gefühl, in ihr eine Freundin zu haben. Was selten vorkam

„Infos zu unserem neuesten Patienten. Er gehört dir, sozusagen. Zurzeit ist er bei Ethan im OP.“ Lexi führte Becca in ihr Büro. „Da er ein hohes Tier ist, müssen wir ein paar Sachen beachten.“

„Alles klar.“ Becca winkte ab. Sie kannte das schon. „Absolute Diskretion, nichts darf nach außen dringen.“

„Du bist die Diskretion in Person, ich weiß, aber ich würde meinen Job vernachlässigen, wenn ich uns nicht nach allen Seiten absicherte“, antwortete Lexi sanft.

„Entschuldige.“ Becca lächelte. „Ich bin wohl mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden. Also, erzähl mir von meinem Patienten.“

„Er ist ein echter Prinz.“

Becca war nicht sonderlich erstaunt. Die Hunter Clinic zog eine hochkarätige Klientel an. „Weshalb ist er hier?“

„Beugesehnenverletzung bei einer Militäroperation im Mittleren Osten.“

„Ein Prinz im Kampfeinsatz?“ Gegen ihren Willen war Becca nun doch beeindruckt.

„Groß, breitschultrig, schwarzes Haar, höllisch attraktiv“, betonte Lexi. „Prince Charming, wie er leibt und lebt.“

Ein Herzensbrecher. Die Sorte Mann kannte Becca. Und sie war dumm genug gewesen, auf einen hereinzufallen. Zu einer Zeit, als sie noch dabei war, ihr Leben aus der Gosse zu ziehen.

Die meisten Frauen damals im Camp der Kinderhilfsorganisation in Südafrika waren Sebs Charme erlegen. Becca jedoch hatte Seb gemieden wie die Pest. Nach ihren Erfahrungen konnte man Männern nicht über den Weg trauen. Doch Seb war sehr geduldig. Er gab ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, sie redeten stundenlang über alles Mögliche. Und eines Tages war es passiert: Sie hatte sich heftig in ihn verliebt. Von dort war es nur ein kleiner Schritt, sich ihm hinzugeben. Becca träumte von einer gemeinsamen Zukunft, hatte sie doch den Mann gefunden, der alle anderen in den Schatten stellte. Den Richtigen.

Bis Seb verschwand. Von einem Tag auf den anderen, ohne ihr Lebewohl zu sagen. Er hatte sie einfach verlassen, und Becca lernte die Lektion, von der sie heute noch zehrte. Der einzige Mensch, auf den sie sich verlassen konnte, war sie selbst. Niemand sonst.

Lexi betrachtete sie prüfend. „Alles in Ordnung, Becca?“

Keine zehn Pferde würden sie dazu bringen, ihr die Wahrheit zu erzählen. „Klar.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln.

Anscheinend sah es überzeugend aus. Lexi fuhr fort: „Auch in dieser schlammbedeckten Uniform, und obwohl er aussieht, als hätte er tagelang nicht geschlafen, ist unser Prinz wahnsinnig sexy.“

„Sagt eine, die gerade erst geheiratet hat. Solltest du nicht auf rosaroten Wolken schweben, wo man andere Männer gar nicht wahrnimmt?“

„Ich bin verheiratet, nicht blind.“ Lexi lächelte vergnügt. „Aber verrate Iain nicht, dass ich das gesagt habe.“

Becca lachte hell auf. „Na gut. Ich muss zu meinen Patienten. Bis später.“

Im Aufwachraum kam Marco wieder zu sich. Es war warm und behaglich, und er wollte gleich wieder einschlafen.

Plötzlich wurde ihm speiübel. Marco erbrach sich heftig.

„Alles okay.“ Sanfte Hände wischten ihm das Gesicht ab und halfen ihm, sich aufzurichten.“

„Tut mir leid“, sagte er zu der Krankenschwester.

„Kein Problem, das passiert öfter.“

„Sie sind also wieder bei uns.“ Ethan trat ans Bett.

„Hat es funktioniert?“

„Das müssen wir abwarten.“

„Mein Arm fühlt sich taub und schlaff an.“ Was schon genügte, um Marco in Panik zu versetzen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass man seinen Arm auf Kissen gebettet hatte. „Heißt das, ich kann ihn nicht benutzen?“

„Nach einer Operation ist es völlig normal, dass er gefühllos ist. Die Kissen sind dafür da, dass er erhöht liegt – was Schwellungen mindert. Ihr Arm muss auf Schulterhöhe und die Hand höher als Ihr Herz liegen.“

„Verstanden.“ Marco fühlte sich immer noch leicht benommen. „Aber vielleicht müssen Sie’s mir morgen noch mal erklären. Ich bin nicht sicher, wie viel ich später davon noch weiß.“

„Klar.“ Ethan schwieg kurz. „Wenn die Narkose nachlässt, werden Sie Schmerzen haben. Spielen Sie nicht den Märtyrer, Zorro. Nehmen Sie die Schmerzmittel, die mein Team Ihnen anbietet.“

„Wann kann ich den Arm wieder gebrauchen?“

„Vorerst gar nicht. Wenn Sie versuchen, Ihre Hand zu benutzen, bevor die Verletzung vollständig abgeheilt ist, werden die Sehnen wieder reißen. Und abgesehen davon, dass ich es nicht gern sehe, dass meine Arbeit für die Katz ist, wird die zweite Operation nicht so wirkungsvoll sein wie die erste.“

Das musste Marco erst einmal verarbeiten. „Wie lange brauchen Sehnen, um zu verheilen?“

„Zwei Monate.“

„Das ist nicht Ihr Ernst!“

„Minimum, danach müssen Sie sie immer noch schonen. Fahren Sie Motorrad?“

„Auto.“

„Gut, das müsste nach zwei Monaten klappen. Fürs Motorrad müssten Sie sich länger gedulden.“

„Und Mountainbike?“

Ethan schüttelte den Kopf. „Sport frühestens nach drei Monaten. Dann dürfen Sie die Hand auch etwas stärker belasten, vorausgesetzt, es gab keine Probleme mit dem Narbengewebe.“

Fassungslos starrte Marco ihn an. Das musste ein Scherz sein. Doch der Arzt lächelte nicht. „Wollen Sie damit sagen, dass ich für mindestens drei Monate ausfalle und höchstens am Schreibtisch sitzen darf?“ Einen sicheren Job haben, während seine Leute sich in Gefahr begaben? Weit hinter den Linien agieren, als wäre er wirklich ein verhätschelter Prinz? Er seufzte. „Das passt mir gar nicht.“

„Es ist, wie es ist“, meinte Ethan achselzuckend. „Die Armschiene darf nicht nass werden. Wenn Sie duschen oder baden wollen, müssen Sie sie wasserdicht einpacken. Schwimmen geht gar nicht – und nehmen Sie die Schiene nicht ab, bevor ich oder die Physiotherapeutin es Ihnen sagen. Was frühestens in einem Monat der Fall sein wird.“

Je mehr Marco hörte, umso frustrierter wurde er. „Kein Training … das ist nicht gut, ich werde Muskelmasse verlieren.“ Und seine Fitness auch. Das wiederum konnte die Rückkehr zu seiner Einheit noch weiter verzögern.

„Keine Liegestütze, keine Klimmzüge, keine Kombisprünge, kein Krafttraining“, sagte Ethan.

Na toll! Damit flog sein Workoutprogramm schon mal zum Fenster raus. „Was ist mit Laufen? Irgendein Herzkreislauftraining?“ Er versuchte, sich seine Verzweiflung nicht anmerken zu lassen.

Wieder schüttelte Ethan den Kopf. „Ihr linker Arm steckt in einer Schlinge. Dadurch kommen Sie beim Laufen, auch auf dem Crosstrainer, aus dem Gleichgewicht. Aus demselben Grund geht Fechten ebenfalls nicht, Zorro.“

„Ich werde durchdrehen.“

„Wahrscheinlich. Kein Reiten, kein Gitarrespielen, kein …“

„Sex?“

Ethan grinste. „Nur, wenn Sie nicht darauf bestehen, oben zu liegen.“

„Ich glaube, ich hasse Sie.“

„Nein, das tun Sie nicht. Ich habe Ihre Hand repariert. Und ich bin gut darin.“

„Das will ich Ihnen auch geraten haben, Clavo“, erwiderte Marco mit düsterer Miene.

„Clavo?“

„Spanisch für Nagel, Dorn. Das Ding, womit Sie operieren.“

„Fachlich ausgedrückt, wäre das eine Lanzette.“

„Clavo gefällt mir besser. Sind Sie sicher, dass Sie meine Hand wieder hingekriegt haben?“

„Ja. Außer Sie machen Dummheiten, wie zum Beispiel, dass Sie die Hand zu früh benutzen.“

Marco stöhnte auf. „Sie sagen also allen Ernstes, dass ich für einen Monat hier festsitzen werde?“

„Nein, ich habe nur gesagt, dass Sie die Schiene einen Monat lang tragen müssen. Regelmäßige Krankengymnastik ist unerlässlich. Und zwar mehrmals am Tag. Sie tun, was die Physiotherapeutin sagt, nicht mehr und nicht weniger. Haben Sie mich verstanden?“

„Wenn nicht, kann ich meine Hand für immer vergessen?“

„Genau.“

Ihm blieb keine Wahl. „Okay, ich tue, was Sie sagen. Oder die Krankengymnastin“, fügte er resigniert hinzu.

„Gut. Seien Sie froh, dass der Daumen heil geblieben ist. Ich wäre vielleicht gezwungen gewesen, ihn mit Ihrem großen Zeh zu ersetzen und Blutegel auf Ihnen zu verteilen.“

„Welches Jahrhundert haben wir noch mal?“

Ethan lachte. „Ich kann Ihnen versichern, dass Blutegelspeichel der beste Blutgerinnungshemmer ist – hundert Mal effektiver als Heparin.“

„Wenn Sie es sagen. Also kann ich nichts machen, außer hier im Zimmer auf und ab zu spazieren?“

„Wie ein Tiger im Käfig.“ Ethan schwieg einen Moment. „Unten im Keller sind Fitnessräume. Eigentlich für die Mitarbeiter, aber unsere Patienten dürfen sie auch benutzen.“

„Ich denke, ich darf nicht laufen oder Gewichte stemmen?“

„Richtig. Von Laufband und Crosstrainer müssen Sie die Finger lassen. Auch von Hanteln und Maschinen.“

„Toll.“ So ziemlich alles, was er sonst nutzte. „Was genau bleibt dann noch übrig?“

„Das Trimmrad. Ohne die Arme einzusetzen.“

Wie öde! Mit einem anständigen Rad in den Bergen steile Steigungen und unebenes Gelände bezwingen, das war mehr nach seinem Geschmack. Aber ein Trimmrad? Auch wenn man den Schwierigkeitsgrad erhöhen konnte, eine echte Herausforderung boten diese Dinger nicht. „Ganz große Klasse“, entgegnete er spöttisch.

„Ausfallschritte gehen noch, ohne zusätzliche Gewichte. Kniebeugen auch, an der Wand, mit einem stabilisierenden Ball im Rücken. Oder Sit-ups auf dem Gymnastikball.“

„Wie ein blutiger Anfänger?“

„Nein, wie jemand, der klug genug ist, kein Risiko einzugehen, bevor die Sehnen richtig verheilt sind.“ Zum ersten Mal flackerte so etwas wie Mitgefühl in Ethans Augen auf. „Es ist besser als gar nichts.“

„Wahrscheinlich.“ Doch Marco war ziemlich sicher, dass der längste Monat seines Lebens vor ihm lag.

Becca stemmte sich aus dem Becken, wrang das Wasser aus ihren schulterlangen Haaren und machte sich auf den Weg zu den Duschen. Einer der großen Vorzüge ihres Jobs in der Hunter Clinic war der Pool im Untergeschoss. Ein paar Runden Schwimmen nach der Arbeit glätteten die verspannten Muskeln und machten ihren Kopf frei, bevor sie zu ihrem Dienst in der Entzugsklinik aufbrach.

Als sie das Gebäude verließ, fiel ihr Blick durch die Glastüren zum Fitnessbereich. Ein Mann trainierte mit Ausfallschritten über die gesamte Länge des Raums. Er hatte ihr den Rücken zugewandt, musste aber ein Patient sein, weil sein linker Arm ruhiggestellt war.

Dunkles Haar, groß, schlank … genau wie Seb.

Ihr Herz machte einen Satz.

Sei nicht dumm.

Sie hatte Seb seit Jahren nicht gesehen. Es wurde höchste Zeit, dass sie ihn endgültig vergaß, statt jedes Mal an ihn zu denken, wenn sie einen hochgewachsenen dunkelhaarigen Mann sah. Zumal er deutlich klargemacht hatte, dass er ihre Gefühle nicht erwiderte. Seb hatte das Hilfscamp in Südafrika einfach verlassen, ohne sich von ihr zu verabschieden. Kein Wort, keine Nachricht, nichts. Hatte sie fallen lassen wie eine heiße Kartoffel!

„Hak es endlich ab, Becca“, ermahnte sie sich scharf. „Du hast jetzt ein neues Leben. Und dafür brauchst du keinen Mann.“ Ihre Arbeit war das Wichtigste. Gebraucht werden und Menschen helfen, wieder gesund zu werden – darauf kam es an.

Becca straffte die Schultern, eilte die Treppe hinauf und verließ die Klinik.

In den nächsten zwei Tagen langweilte sich Marco fast zu Tode. Den Krankenschwestern gegenüber, die ihn pflegten, gab er sich charmant, aber im Grunde hasste er es, umsorgt zu werden.

Seine Laune besserte sich nicht, weil er die Fitnessräume benutzen konnte. Klar, die Übungen waren besser als nichts, doch er hätte lieber die hochmodernen Geräte benutzt, sich bis zur Erschöpfung ausgepowert und mit dem guten Gefühl aufgehört, dass er wirklich etwas getan hatte. Stattdessen musste er sich mit einem Anfängerprogramm begnügen!

„Nicht leicht für Sie, was, Zorro?“ Ethan hatte sein Zimmer betreten.

„Nutzlos herumzusitzen, wenn ich anderswo gebraucht werde?“ Marco warf ihm einen finsteren Blick zu. „Wie würde es Ihnen an meiner Stelle gehen?“

„Sie müssen Geduld haben, auch wenn’s schwerfällt.“

„Haben Sie Geduld gehabt?“

„Tun Sie einfach, was ich Ihnen sage.“

„Also nicht.“

„Hier geht es nicht um mich, sondern um Sie.“

„Und mir fällt die Decke auf den Kopf. Ich bin es nicht gewohnt, Däumchen zu drehen. Ihr Fitnessstudio ist die reinste Tortur für mich. All die tollen Geräte vor der Nase, ohne dass ich sie benutzen darf!“

„Geduld, Geduld.“

Marco sparte sich die Antwort.

„Zeigen Sie mir Ihre Hand.“ Ethan untersuchte sie, lächelte schließlich. „Gute Nachrichten, Zorro. Morgen stelle ich Sie Ihrer Physiotherapeutin vor.“

„Dann kann ich endlich mit den Übungen anfangen?“

„Ja. Sie tun, was sie sagt – und nicht mehr.“

„Oder ich trage einen bleibenden Schaden davon … okay, okay, das haben Sie mir schon eingebläut.“ Marco holte tief Luft. Verdammt. Er wurde schon wieder grantig, und der Arzt meinte es nur gut mit ihm. „Entschuldigen Sie.“

„Das ist der Frust. Irgendwann erwischt er jeden. Machen Sie sich keine Gedanken. Wir sehen uns morgen, Zorro.“

Hasta luego, Clavo.“ Marco salutierte mit der rechten Hand, und beide Männer lachten.

Becca dachte daran, was Lexi ihr über den neuen Patienten erzählt hatte. Prince Charming. Ha! Solche Männer kannte sie. Als sie das letzte Mal den Fehler begangen hatte, auf männlichen Charme hereinzufallen, war die Lektion schmerzhaft gewesen. Doch vielleicht hatte Seb ihr sogar einen Gefallen getan, weil er sie an einem Scheideweg zurückließ.

Zurück in die Sucht, die bittere Enttäuschung in Wodka ertränken und damit die gleichen Fehler machen wie ihre Mutter? Oder hart arbeiten und sich eine gute, die beste Zukunft schaffen?

Letztendlich hatte sie die richtige Wahl getroffen und es aus eigener Kraft zu etwas gebracht, auf das sie stolz sein konnte.

Ethan hatte erzählt, der Prinz langweile sich. Bestimmt würde er ausgesprochen charmant zu ihr sein, sogar mit ihr flirten, weil er ein bisschen Abwechslung brauchte. Schön. Sollte er Süßholz raspeln, so viel er wollte. Das konnte sie auch, zum Wohl der Klinik. Aber immer in professionellem Rahmen. Becca hatte nicht vor, dem Prinzen persönlich als Zerstreuung zu dienen!

2. KAPITEL

Marco konnte den nächsten Morgen kaum erwarten, auch wenn er wusste, dass „morgens“ theoretisch die Zeitspanne zwischen einer Sekunde nach Mitternacht und eine Sekunde vor zwölf Uhr mittags bedeutete.

Endlich betrat Ethan, gefolgt von einer Frau im weißen Kittel, sein Zimmer.

„Zorro, auf diese Begegnung haben Sie sehnsüchtig gewartet.“ Ethan grinste. „Becca, darf ich dir …“

„Seb“, unterbrach die Frau ihn mit heiserer Stimme und wurde so weiß wie ihr Kittel.

„Nein, das ist Marco – Prinz Marco von Sirmontane“, sagte Ethan.

Prinz Marco? Der Mann war definitiv kein Prinz gewesen, als Becca ihn in Südafrika kennengelernt hatte. Damals nannte er sich Seb. Das war alles. Kein Nachname, nichts. Sie selbst hatte nicht weiter nachgefragt, weil sie ihre eigenen Geheimnisse hatte und nicht wollte, dass jemand ihnen auf den Grund ging.

Wenigstens sah er so schockiert aus, wie sie sich fühlte.

„Becca, ich wusste nicht, dass du Physiotherapeutin bist“, sagte er schließlich.

„Und ich nicht, dass du ein Prinz bist.“ Das kam schärfer heraus als beabsichtigt, und sie ärgerte sich darüber. Er brauchte nicht zu wissen, wie sehr sie gelitten hatte.

„Ihr kennt euch?“, fragte Ethan überrascht.

„Das kann man wohl sagen.“ Auch wenn sich später herausgestellt hatte, dass sie Seb – oder Marco – nicht im Geringsten gekannt hatte!

Kein Wunder, dass er ohne ein Wort gegangen war. Er war ein Prinz und hatte sich im Kinderhilfscamp nur eine Weile unters gemeine Volk gemischt. Wahrscheinlich, um sich nach dem Studium die Zeit zu vertreiben, bis er tun konnte, was Prinzen nun einmal so tun. Was das, was zwischen ihnen gewesen war, noch wertloser machte, als es ohnehin gewesen war.

Für die Medien wäre das ein gefundenes Fressen gewesen. Ein junges Mädchen abseits vom rechten Pfad – ein Mädchen, das an der Wodkaflasche gehangen hatte und beinahe in der Gosse gelandet wäre – hatte eine Affäre mit einem Prinzen gehabt.

„Becca, kann ich dich kurz sprechen?“ Ethan deutete zum Flur.

Sie folgte ihm aus dem Zimmer.

„Möchtest du, dass ich jemand anders bitte, Prinz Marco zu behandeln?“, fragte er ungewohnt sanft.

Ja! Sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Becca dachte an den jungen Mann, in den sie sich während eines romantischen Sommers verliebte, der für sie unter dem Sternenhimmel Gitarre gespielt und zärtliche Liebeslieder in einer Sprache gesungen hatte, die sie nicht verstand. Aber sie las in seinen Augen, was die Worte bedeuteten. Bei ihm hatte sie sich geliebt gefühlt – bis er sie eines Tages verließ und ihre Träume wie ein Kartenhaus einstürzten.

Doch diese spontane Antwort war von Emotionen geleitet, und Becca leistete sich keine Emotionen, keine Sentimentalitäten mehr. Sie hatte sich geschworen, nie wieder verletzlich zu sein. Und dennoch brach sie Sekunden, nachdem sie Seb nach sieben Jahren zum ersten Mal wiedergesehen hatte, innerlich fast zusammen. Zu viel stürmte auf sie ein. Dass er sie belogen, dass er mit ihr gespielt hatte, der junge freiwillige Helfer, der in Wirklichkeit ein Prinz war!

Mit Mühe gewann sie ihre professionelle Haltung zurück. „Ich bin Handspezialistin. Es ist meine Aufgabe, ihn zu betreuen.“

„Nicht, wenn es für dich ein Problem ist.“

Es tat gut, dass ihr Chef für sie eintrat. Jemanden auf ihrer Seite zu haben, fühlte sich wunderbar an. Als Kind hatte sie so etwas nicht gekannt. Aber es wäre nicht fair, sich auf Ethan zu stützen. Seb – oder Marco – war ein Patient. Und da er zu den Adligen gehörte, hatte ihn sicher der Ruf der Hunter Clinic bewogen, sich hier behandeln zu lassen. Becca hielt es für unverantwortlich, diesen Ruf durch unprofessionelles Verhalten zu gefährden.

„Es ist kein Problem“, log sie. „Trotzdem danke.“

„Sicher?“

„Ja.“

„Wo habt ihr euch kennengelernt?“

„Wir haben vor Jahren zusammen in einem Kinderhilfslager gearbeitet. Er war gerade mit dem Studium fertig.“ Falls das überhaupt stimmte. Wer garantierte ihr, dass das nicht auch eine seiner Lügen gewesen war? „Das ist lange her“, spielte sie die Angelegenheit herunter.

„Okay“, meinte er, wirkte jedoch nicht ganz zufrieden. „Falls es für dich doch ein Problem wird, ihn zu behandeln, sag Bescheid. Ich finde dann jemand anders.“

„Danke, aber das wird nicht nötig sein.“ Prinz Marco würde ihr nicht noch einmal das Herz brechen.

Wie sollte man etwas brechen, das längst in Stücke gesprungen war?

„Ich glaube, ich muss mich bei dir entschuldigen“, sagte Marco, als Becca wieder in sein Zimmer kam.

„Warum?“ Weil er sie nur benutzt hatte? Als ob es einen Prinzen interessierte, wie sie sich fühlte!

„Das weißt du genau.“

Ach, und jetzt sollte sie es ihm auch noch leicht machen? Großzügig verzeihen? Vielleicht war es besser, so zu tun, als hätten ihr die romantischen Stunden mit ihm genauso wenig bedeutet wie ihm. „Da gibt es nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest.“

„Ich habe dir damals nicht erzählt, wer ich bin.“

„Stimmt.“ Das konnte sie ihm nicht übel nehmen. Schließlich hatte sie aus ihrer Vergangenheit auch ein Geheimnis gemacht, nicht nur ihm gegenüber, sondern bei jedem im Lager. Selbst in der Hunter Clinic wusste niemand von jenen dunklen Tagen.

„Aber ich habe dich nicht völlig belogen. Mein Name lautet Marco Sebastian Enrique Guillermo García.“

„Aha.“ Becca versuchte, unbeteiligt zu klingen. Was ihr nicht leicht fiel, erinnerte sie sich doch in allen Einzelheiten an ihre erste Begegnung mit Seb, der ihr Team im Hilfscamp leitete. Sie war neunzehn gewesen, er einundzwanzig. Seb war der tollste Mann, den sie je gesehen hatte. Groß, schlank, gut aussehend, rabenschwarze Haare, tiefgründige Augen und eine Stimme wie geschmolzene Schokolade – sündig, verführerisch, mit einem leicht mediterranen Akzent. Alle Frauen im Camp schwärmten für ihn, und als er Becca anlächelte, hatte sie keine Chance. Sie verliebte sich auf den ersten Blick in ihn.

Anfangs war sie noch dagegen angegangen. Schließlich hatte sie nicht nur einmal erfahren, dass Männern nicht zu trauen war. Aber Seb war ausdauernd und sehr geduldig gewesen. Er suchte ihre Nähe, ihre Aufmerksamkeit, eroberte sie sanft, und irgendwann bekam die harte Schale um ihr Herz einen Riss. Becca schwebte wie auf Wolken, konnte es kaum fassen, dass unter allen Frauen im Lager er sich ausgerechnet für sie entschieden hatte.

Seitdem waren sieben Jahre vergangen. In seinen schönen Augen lauerten Schatten – vermutlich von der Erschöpfung und den Schmerzen der letzten Tage –, aber Prinz Marco war immer noch atemberaubend. Sogar attraktiver als damals, weil aus dem großen, schlaksigen Jungen ein breitschultriger, muskulöser Mann geworden war, mit markanten, härteren Zügen, die die glatte Jugendlichkeit ersetzt hatten.

Und sein Mund … immer noch die pure Versuchung. Becca erinnerte sich genau daran, welche lustvollen Gefühle diese warmen Lippen in ihr geweckt hatten. Es wäre ja so leicht, sich wieder der sinnlichen Anziehung zu ergeben.

Doch sie war entschlossen zu widerstehen. Für ein paar süße Erinnerungen ihre Karriere aufs Spiel setzen? Alles gefährden, was sie sich mit harter Arbeit aufgebaut hatte? Nein!

„Mein Großvater hieß Sebastian“, fuhr Marco fort. „Ich wurde auch nach ihm benannt. Für mich lag es nahe, seinen Namen zu benutzen.“

„Was wäre dabei gewesen, dich Marco zu nennen?“

„Die Medien hätten nur zu leicht eine Verbindung herstellen können. Außerdem wollte ich nicht, dass alle mich für einen gelangweilten Aristokraten halten, der sich mal kurz unters Volk mischt.“

„Warst du das nicht?“, entfuhr es ihr.

„Nein“, erwiderte er sanft. „Ich wollte etwas bewegen, Gutes tun.“

„Und dann warst du von einem Tag auf den anderen verschwunden. Ohne ein Wort.“

Marco seufzte. „Ich wurde in den Palast zurückgerufen. Mein Großvater war sehr krank. Das zu erklären, wäre zu kompliziert gewesen.“

„Hättest du mir nicht einfach sagen können, dass du nach Hause musst, weil jemand aus der Familie erkrankt ist?“

„Ich habe nie behauptet, dass ich in meinem Leben immer die beste Entscheidung getroffen habe – oder die richtige.“ Marco warf einen bedeutungsvollen Blick auf seine verletzte Hand. „Sonst hätte ich das hier nicht.“

„Was ist passiert?“

„Glassplitter, nach einer Explosion. Die Beugesehnen haben etwas abbekommen.“

Das hatte mehr oder weniger auch in dem Bericht gestanden, den man ihr auf den Tisch gelegt hatte.

Patient: männlich, Ende zwanzig, adlig, Soldat, verletzte Beugesehnen, braucht Physio, um Mobilität der Hand zurückzugewinnen

Nie im Leben hätte sie damit gerechnet, dass es sich um den Mann handelte, der sie so bitter enttäuscht hatte. Seinetwegen hatte sie sich geschworen, in Zukunft nur noch für ihren Beruf zu leben.

Genau darauf musste sie sich jetzt konzentrieren. „Ethan hat gesagt, die Operation war erfolgreich. Also liegt es nun an mir, deine Hand wieder fit zu machen.“

„Könnte das zum Problem werden, Becca? Ich meine, mit mir zu arbeiten?“

„Nein, Hoheit. Es ist mein Job.“

„Das ‚Hoheit‘ kannst du weglassen.“

„Wie möchtest du denn heute genannt werden?“ Das klang unbeabsichtigt schnippisch.

„Okay, das habe ich wohl verdient“, meinte er. „Nenn mich Marco. Und ich hoffe, dass ich immer noch Becca zu dir sagen darf.“

Oh nein. Sie bekam weiche Knie, wenn er ihren Namen aussprach, mit dem südländischen Akzent, der so unglaublich sexy klang.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich. Er ist dein Patient, mehr nicht. Außerdem war er ein Prinz, was eine gemeinsame Zukunft unmöglich machte. Und für ein kurzes Techtelmechtel würde sie ihre Karriere nicht aufs Spiel setzen!

„Klar“, antwortete sie lockerer, als ihr zumute war. „Darf ich mir deine Hand ansehen?“

Er deutete mit der gesunden Hand auf die verbundene. „Bitte sehr.“

Vorsichtig löste sie die Hand aus der Schlaufe.

Sieben Jahre.

Sie hat sich verändert, dachte er. Damals war Becca noch ein junges Mädchen gewesen. Süße neunzehn, ein bisschen schüchtern. Bezaubernd hübsch.

Jetzt stand eine hinreißende Frau vor ihm. Obwohl ihre weiblichen Rundungen unter dem gestärkten weißen Kittel nur zu erahnen waren, obwohl Becca ihr herrliches kastanienbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte und ihre klaren grünen Augen ihn durch eine schlichte Goldrandbrille ansahen …

Schlimmer noch, Marco wusste genau, wie es sich anfühlte, sie zu küssen. Wie ihr Körper in seinen Armen reagierte. Wie sie schneller atmete, kurz bevor sie kam.

Ach, verdammt.

Das Schicksal lachte sich mal wieder ins Fäustchen.

Becca Anderson war seine Handtherapeutin, und Ethan Hunter hatte ihm eingeschärft, nicht mit dem weiblichen Personal der Klinik zu flirten.

Toller Witz.

Was würde Ethan Hunter sagen, wenn er wüsste, was zwischen Marco und Becca damals passiert war? Marco versuchte, die Erinnerungen zu verscheuchen. Becca war Krankengymnastin. Er durfte sie nicht als Frau sehen. Oder überhaupt an sie denken, außer wenn sie ihm half, seine Hand wieder funktionsfähig zu machen.

Das hatte er sich schon damals verboten, nachdem er allein ihretwegen in das Lager zurückgekehrt war. Nur um festzustellen, dass sie zwei Tage zuvor abgereist war, ohne eine Adresse zu hinterlassen.

Die einzige Frau, die in ihm den Mann und nicht den Prinzen gesehen hatte. Becca hatte ihm einen magischen, unvergesslichen Sommer geschenkt. Und Marco hatte sich in sie verliebt.

Um sie gleich darauf wieder zu verlieren. Selbst der Privatdetektiv, den er beauftragte, konnte sie nicht ausfindig machen. Als wäre sie wie vom Erdboden verschluckt.

In sieben Jahren konnte viel geschehen sein. Marco warf einen flüchtigen Blick auf ihre Hand. Kein Ehering. Was nichts heißen musste. Vielleicht trug sie bei ihrer Arbeit keine Ringe. Es konnte durchaus sein, dass sie Familie hatte. Ein Kind.

Außerdem hatte sie deutlich gemacht, was er für sie war: nicht mehr und nicht weniger als ein Patient.

„Das sieht übel aus“, meinte sie, während sie seine Hand inspizierte. „Wie ist es passiert?“

„Hat Hunter dir das nicht gesagt?“

„Soldat, verletzte Beugesehnen, das sind meine Informationen. Deshalb vermute ich, dass du im Einsatz warst.“

„Meine Windschutzscheibe zerbarst, und ich habe die Hand vor die Augen gehalten.“

„Du hast Glück, dass die Splitter keine Arterie getroffen haben, du hättest verbluten können.“

„Ich weiß.“

Nicht dass er sich jetzt besser fühlte. „Andere hatten nicht so viel Glück wie ich.“ Marco seufzte. „Die Verwundeten sind versorgt, doch die, die …“ Der Rest des Satzes blieb ihm im Halse stecken.

„Marco, du warst im Kriegsgebiet. Menschen sterben oder werden verletzt. Dafür kannst du dir nicht die Schuld geben.“

„Sie standen unter meinem Kommando, ich hatte die Verantwortung für sie.“

„Ich nehme an, dass auch andere verwundet oder getötet werden, weil sie Befehle befolgen?“

„Ja.“

„Gibst du ihren Offizieren die Schuld?“

„Nein, wohl nicht.“

„Dann mach dir keine Vorwürfe. Hättest du die Befehle nicht gegeben, wäre es jemand anders gewesen. Du hast nur deine Pflicht getan, Marco.“

Woher nahm sie diese weise Gelassenheit? Marco konnte nicht umhin, sie dafür zu bewundern.

Zu seiner Erleichterung konzentrierte Becca sich wieder auf seine Verletzung. „In den nächsten Tagen wirst du leichte Übungen machen, die deine Sehnen davor bewahren, mit dem Narbengewebe zu verwachsen.“

„Verwachsen?“

„Dann müsste Ethan wieder operieren, und das Ergebnis könnte schlechter ausfallen als nach der ersten OP.“

„Du hast das Kommando, sag mir, was ich tun muss.“

Sie zog die Brauen hoch. „Lässt sich ein Prinz vom gemeinem Volk wirklich etwas sagen?“

„Medizinische Anweisungen stehen über militärischen.“

„Was ist mit fürstlichen Befehlen?“

„Soweit ich weiß, gilt mein Wort als Prinz von Sirmontane nur in meinem Land. Und zurzeit halte ich mich in deinem Land auf, nicht in meinem.“

„Stimmt.“ Becca seufzte leise. „Entschuldige, ich wollte nicht bissig sein.“

„Aber ich habe dich belogen. Ich kann verstehen, dass du deshalb wütend bist.“

„Mir geht es nicht so sehr darum, dass du mir nicht gesagt hast, wer du wirklich bist. Viel schlimmer fand ich, dass du einfach verschwunden bist – ohne ein Wort.“

„Du auch.“

„Nein, du bist gegangen.“

„Und du bist aus dem Lager abgereist, ohne eine Adresse zu hinterlassen.“

„Woher weißt du das?“

„Weil ich zurückgekommen bin, nachdem mein Großvater seine Operation gut überstanden hatte.“

Ihre Wangen färbten sich rosig. „Ich hatte keine Ahnung. Egal, das zwischen uns war so etwas wie ein Urlaubsflirt. Es ist eine Ewigkeit her, wir sind beide nicht mehr die, die wir damals waren.“

Marco suchte ihren Blick, hielt ihn fest. War es wirklich vorbei? Er fühlte sich immer noch stark zu ihr hingezogen. Und er glaubte, in ihren Augen zu lesen, dass er ihr nicht so gleichgültig war, wie sie vorgab. „Meinst du?“, fragte er sanft.

„Ja.“ Sie wandte den Blick ab. „Für meine Stelle an der Hunter Clinic habe ich hart gearbeitet, und das werde ich nicht aufs Spiel setzen. Für nichts. Du bist nur ein paar Wochen in London, danach tust du wieder das, was Prinzen so tun.“

„Und das wäre?“, hakte er amüsiert nach.

„Woher soll ich das wissen?“

Sie wirkte verunsichert.

Interessant.

Lag es an ihrem Wiedersehen? Erinnerte sie sich daran, wie es sich angefühlt hatte, ihn zu küssen? War sie – genau wie er – versucht herauszufinden, ob es zwischen ihnen immer noch knisterte?

„Abgesehen davon geht es mich nichts an“, fügte sie hinzu.

„Ich war in Afghanistan. Was meine Person betrifft, gibt es eine Nachrichtensperre. Keine Berichte über mich, damit mein Team nicht gefährdet wird. Niemand weiß, dass ich verwundet wurde, und niemand weiß, dass ich hier bin. Außer natürlich meinen Leuten in der Basis, meiner Familie und den Mitarbeitern dieser Klinik.“

„Und dabei soll es auch bleiben.“

„Genau.“

„Von mir oder irgendjemand sonst in der Hunter Clinic werden die Medien nichts erfahren. Erstens unterliegen wir der Schweigepflicht, und zweitens wird Diskretion hier großgeschrieben.“

„Danke.“ Mit der gesunden Hand nahm er ihre und drückte sie leicht.

Ein Fehler. Sein Körper erinnerte sich, wie ihre seidige Haut sich an seiner angefühlt hatte. Intim, erregend. Sein Körper reagierte.

Gut, dass sie nicht ihn, sondern seine verletzte Hand ansah. Marco holte tief Luft, dachte an Eiswasserduschen und daran, dass Becca nur aus einem Grund bei ihm war: um seine Hand wieder beweglich zu machen. Dafür musste er ihren Anweisungen folgen – ohne lustvolle Gedanken!

„Die Übungen, die ich dir gleich zeige, musst du stündlich wiederholen“, sagte sie.

Energisch und effizient. Marco gefiel diese neue Seite an ihr. Becca war nicht mehr der scheue Teenager wie damals, sie wirkte selbstbewusster.

„Die Schiene muss dranbleiben, aber für die Übungen kannst du die Armschlinge abnehmen. Fang mit dieser an, drei Wiederholungen.“

Marco lächelte. „Du hörst dich an wie ein Fitnesstrainer.“

Sie erwiderte sein Lächeln nicht. „Fitnessstudio ist nichts für dich. Jede Belastung deiner Hand während des Heilungsprozesses wird damit enden, dass du sie dauerhaft schädigst.“

„Damit hat Ethan mir schon gedroht. Bauchmuskelübungen und Kniebeugen mit einem Ball zur Stabilisierung sind aber erlaubt. Vorausgesetzt, ich kann das Gleichgewicht halten und benutze meine linke Hand nicht.“

„Richtig.“

„Ausfallschritte darf ich auch.“

Wieder errötete sie. „Dann warst du das gestern doch, unten im Fitnessbereich.“

Sie hatte ihn erkannt, ohne sein Gesicht richtig zu sehen? Das wurde ja immer interessanter … „Ich habe dich nicht bemerkt.“

„Ich war schwimmen und sah dich von Weitem, durch die Glastür. Wahrscheinlich hat Ethan dir auch erklärt, dass der Pool ebenfalls tabu ist.“

„Ja, und ich soll vor dem Duschen oder Baden den Arm mit einer Plastikhülle schützen, damit er nicht nass wird.“ Marco blickte sie erwartungsvoll an. „Aber ich könnte am Pool stehen und dir zusehen. Gehst du oft schwimmen?“

„Regelmäßig.“

Eine Antwort, die ihn auf Abstand halten sollte. Becca hatte also nicht vor, viel von sich preiszugeben.

„Es ist ein Klischee“, sagte er. Die Unterhaltung machte ihm Spaß.

„Was denn?“

„Dass Rothaarige wie du ein hitziges Temperament haben.“

„Habe ich nicht.“

„Wirklich nicht, Becca?“, neckte er sanft. „Oder nur nicht bei deinem Mann und deinen Kindern?“

Kühl blickte sie ihn an. „Mein Familienstand geht dich nichts an.“

Schon möglich, aber mit dieser Antwort hatte sie sich verraten. Wäre sie verheiratet, hätte sie es ihm gesagt, um ihn in die Schranken zu weisen. Oder als stolze Mutter von ihren Kindern geschwärmt, so wie seine Schwester Arabella, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit Fotos ihrer Kleinen herumzeigte.

„Die erste Übung geht folgendermaßen“, begann sie in professionellem Ton. „Mit der rechten Hand beugst du jeden Finger der linken Hand bis zur Handfläche.“ Sie demonstrierte es an seiner Hand.

Marco zuckte unwillkürlich zusammen, als ein heftiger Schmerz ihn durchfuhr.

„Hat das wehgetan?“ Sie klang besorgt.

„Ein bisschen“, gab er zu.

„Hast du ein Ziehen bemerkt?“

„Nein.“

„Vielleicht muss ich deine Hand erst massieren, um die Muskeln aufzuwärmen.“ Sie sah ihn an. „Kann sein, dass das wehtut.“

„Das macht nichts, Hauptsache, ich kann meine Hand irgendwann wieder richtig gebrauchen. Tu, was du tun musst. Ich gehöre ganz dir.“

Jetzt wurde sie richtig rot.

Ihm wurde auch warm.

„Leg dich hin, die Handfläche nach oben.“ Sie klang ein bisschen nervös, bemühte sich anscheinend, professionell zu bleiben.

Okay. Marco beschloss, sich zu benehmen. Auch wenn er ihr am liebsten seine gesunde Hand auf den Nacken gelegt, Becca zu sich herangezogen und geküsst hätte. Leidenschaftlich.

Sie stellte einen Stuhl ans Bett und setzte sich. „Sag Bescheid, wenn du Schmerzen hast.“

Marco schloss die Augen, während sie seine Hand massierte. Ja, es tat weh, aber es würde helfen, seine Hand wieder funktionsfähig zu machen. Außerdem gefiel es ihm, ihre warme, weiche Haut an seiner zu spüren. Becca saß nahe genug, dass er ihren Duft wahrnahm. Schon damals in Afrika hatte sie nach Blumen geduftet, erinnerte er sich. Nach Rosen.

Wie er so dalag, stumm und mit geschlossenen Augen, fiel es Becca viel leichter, mit ihm umzugehen.

Vielleicht sollte sie Ethan doch darum bitten, dass jemand anders Marcos Behandlung übernahm. Oder würde das kein gutes Licht auf sie werfen? Nicht dass man ihr weniger zutraute oder, schlimmer noch, sie für unzuverlässig hielt, weil persönliche Beziehungen ihre Arbeit beeinflussten.

Dabei hatte sie seit Marco keine Beziehung mehr gehabt. Ihr Leben spielte sich zwischen der Hunter Clinic und der Entzugsklinik ab, und so gefiel es ihr.

Doch als sie ihn erkannt hatte, war alles wieder da gewesen: die Erinnerungen an die Leidenschaft in seinen Armen. Daran, wie viel Selbstvertrauen seine Liebe ihr gegeben hatte.

Aber auch die abgrundtiefe Enttäuschung, als er sie verließ.

Inzwischen verstand sie seine Beweggründe zwar. Trotzdem schmerzte es noch immer, dass er ihr nicht vertraut hatte. Sie hätte sein Geheimnis für sich behalten.

Weil sie wusste, wie man Geheimnisse bewahrte.

Niemand ahnte, dass sie mit sechzehn in einer Klinik für Suchtkranke gewesen war. Becca hatte nicht nur aus den Fehlern ihrer Mutter, sondern auch aus ihren eigenen gelernt und ganz bestimmt nicht vor, auch nur einen davon zu wiederholen.

„Besser?“, fragte sie, nachdem sie mit der Handmassage fertig war.

„Ja.“

Sie führte ihn wieder durch die erste Übung. „Gut. Jetzt noch einmal.“

Marco lernte schnell. „Das war’s?“

„Drei Wiederholungen“, sagte sie. „Und nun lass die Finger gebeugt, während du die rechte Hand wegnimmst. Benutze deine Muskeln.“

Wieder hielt er sich präzise an ihre Anweisungen.

„Gut, nun ein letztes Mal. Berühre deine Handfläche und strecke die Finger, bis deine Fingernägel die Schiene berühren.“ Nachdem er das getan hatte, fragte sie: „Fühlt sich das Handgelenk steif oder schwer beweglich an?“

„Ein bisschen“, gab er zu.

„Dann heb die Hand …“ Sie zeigte es ihm. „… und lass sie sanft nach vorn fallen. Die Finger entspannt. Sehr gut“, fügte sie mit einem aufmunternden Lächeln hinzu.

Weiter ging es, und zum Schluss ließ sie ihn Übungen für die Schulter und den Ellbogen durchführen.

„So, das genügt vorerst“, sagte sie.

„Wie oft muss ich das machen?“

Zu oft für ihren Seelenfrieden. „Stündlich. Wir sehen uns später.“ Hoffentlich hatte sie sich bis dahin so weit gefangen, dass sie sich nicht mehr aus der Ruhe bringen ließ!

„Okay. Ach, Becca?“

„Ja?“ Sie wandte sich zu ihm um. Großer Fehler. Wenn er so lächelte wie jetzt, bekam sie weiche Knie. Damals wie heute.

„Danke.“

„Keine Ursache“, sagte sie und suchte ihr Heil in der Flucht.

Als sie nach ihrem Dienst in der Entzugsklinik nach Hause kam, fuhr Becca als Erstes ihren Laptop hoch, um im Internet nach Informationen über Prinz Marco von Sirmontane zu suchen.

Sie fand zahlreiche Fotos, die ihn an der Seite betörend schöner Frauen zeigten: Schauspielerinnen, Models, Künstlerinnen, High-Society-Prinzessinnen. Auf einer Jacht in Monaco, beim Filmfestival von Cannes, beim Skilaufen in Sirmontane. Marco schien keinen besonderen Typ zu bevorzugen, seine Begleiterinnen waren mal groß und schlank, mal kurvenreich, mal blond oder brünett oder rothaarig.

In den Klatschkolumnen nannte man ihn den „Playboyprinz“ und spekulierte wild, welche Frau ihn zähmen würde. Marco führte ein völlig anderes Leben als sein älterer, sehr viel ernsterer Bruder Ferdinand, der mit Prinzessin Marianna verlobt war und eines Tages den Thron besteigen würde. Für die Medien schien er der geborene Fürst zu sein.

Stürzte sich Marco deshalb in ein ausschweifendes Gesellschaftsleben? Weil er nur an zweiter Stelle kam, dazu bestimmt, im Schatten seines Bruders zu bleiben?

Nein, bestimmt nicht. Marco war kein verwöhnter Jetset-Prinz, sonst wäre er wohl kaum zum Militär gegangen. Außerdem nahm sich Ethan Hunter nicht viel Zeit für die mondänen Berühmtheiten unter den Patienten der Hunter Clinic. Bei Marco hingegen fand er öfter am Tag eine Gelegenheit, sich mit ihm zu unterhalten. Das würde er nie tun, wenn Marco oberflächlich und eitel wäre.

Prinz Marco von Sirmontane war ihr ein Rätsel. So viele Fragen, die nach Antworten verlangten.

Lass die Finger davon, ermahnte sie sich. Oder du wirst es bereuen.

3. KAPITEL

„Das sieht nicht schlecht aus“, meinte Ethan, nachdem er am Abend Marcos Hand untersucht hatte. „Wie klappt es mit Becca, Zorro?“

„Sie ist sehr gut.“ Amüsiert fügte er hinzu: „Und herrisch.“

Ethan lächelte. „Stimmt beides. Deshalb haben wir sie eingestellt.“ Er wurde ernst. „Woher kennen Sie sie?“

„Nach dem Studium habe ich ein paar Monate in einem Kinderhilfslager in Südafrika gearbeitet. Sie war zur selben Zeit dort.“

„Genau das hat sie mir auch erzählt.“

„Man könnte sagen, wir sind alte Freunde.“

„So gute Freunde, dass Sie ihr nicht einmal Ihren wahren Namen verraten haben?“

Marco seufzte. „Glauben Sie mir, ein Prinz zu sein, hat seine Nachteile. Die meisten Menschen sehen nur mein Geld und meinen Einfluss. Ich kann nie sicher sein, ob sie meinetwegen mit mir befreundet sein wollen oder wegen der Vorteile, die eine Bekanntschaft mit mir bietet.“

„Das hat man davon, wenn man reich und berühmt ist. Und Eltern hat, die immer im Rampenlicht stehen müssen.“

„Sie auch?“

Ethan verzog das Gesicht, sparte sich jedoch die Antwort.

„Aber Sie haben einen Bruder. Den, der auf Hochzeitsreise ist.“

„Ja“, sagte Ethan zurückhaltend.

„Sie stehen sich nicht besonders nahe?“

Einen Augenblick lang glaubte Marco, dass er zu weit gegangen war, und sah den Chirurgen schon zur Tür hinausspazieren.

Doch Ethan lächelte müde. „Wir haben unsere Differenzen.“

„Sehr bedauerlich. Ich möchte Ferdinand nicht missen.“

„Ihren Bruder?“

„Ja. Viele Leute glauben, ich sei neidisch, weil er der Thronfolger ist. Aber der Jüngste in der Familie zu sein – nach unserer Schwester Bella –, das hat auch viel Gutes. Während Ferdinands Weg von Geburt an vorbestimmt war, kann ich mir meinen Job aussuchen und mein Leben weitgehend so führen, wie ich es will. In gewissem Rahmen, natürlich. Mein Bruder dagegen trägt die ganze Last der Verantwortung für unser Land.“ Er sah Ethan in die Augen. „Aber ich würde alles tun, um ihm den Rücken freizuhalten. Jederzeit.“

„Es stört Sie nicht, dass er der Älteste ist und jeder ihn für großartig hält?“

Marco lachte. „Nein. Ich bin froh darüber, dass ich nicht in seiner Haut stecke. Natürlich würde ich den Fürstenthron besteigen, wenn es unvermeidlich wäre. Aber ich täte es allein aus Pflichtgefühl heraus, weil ich meine Familie nicht im Stich lassen kann.“ Er lächelte. „Ferdinand ist wirklich großartig. Sollte ich jemals in Schwierigkeiten geraten, wäre er der Erste, an den ich mich wenden würde.“

„Solange Sie bei uns sind, dürfte das nicht passieren. Ihr Leibwächter steht vor der Tür, und Ihr Bruder hat unser Sicherheitssystem auf Herz und Nieren prüfen lassen. Niemand von uns wird mit der Presse sprechen.“

„Das weiß ich sehr zu schätzen.“

„Okay, ich lasse Sie jetzt in Ruhe. Ach, eins noch, Zorro …“

Marco verdrehte die Augen. „Was denn?“

„Denken Sie dran: Nicht mit den Mitarbeiterinnen flirten.“

Marco war klar, dass der Arzt damit Becca meinte.

Das Problem war nur, dass die Warnung zu spät kam!

Freundlich und bestimmt, ja, so wollte sie sich Marco gegenüber verhalten. Professionell in jeder Beziehung, ohne persönliche Gefühle auch nur im Geringsten zuzulassen. Becca nahm es sich fest vor, als sie am nächsten Morgen die Klinik betrat.

Doch das war leichter gesagt als getan.

Seit sieben Jahren unterdrückte sie ihre sentimentalen Erinnerungen, hatte sich in Arbeit vergraben, um sich abzulenken.

Doch kaum sah sie ihn wieder, schrumpften all diese Jahre zusammen, und sie fühlte sich wie das naive Mädchen in Südafrika, das sich in einen jungen Mann verliebt hatte, dessen Lächeln voller Sonnenschein war.

Aber das bist du nicht mehr, sagte sie sich. Das Leben ist weitergegangen.

Sie nickte dem Bodyguard vor Marcos Zimmer grüßend zu, klopfte kurz und ging hinein.

„Guten Morgen. Hattest du eine angenehme Nacht?“

„Danke, ja.“

Marco schlug den gleichen höflichen Ton an wie sie. Anscheinend hatte er nachgedacht und beschlossen, vernünftig zu sein. Sehr gut. Das machte die Sache einfacher.

„Wie geht es deiner Hand?“

„Sie ist ein bisschen empfindlich“, gab er zu.

Nicht gut. Eine Entzündung konnte er jetzt nicht gebrauchen. „Lass mich mal sehen.“

Becca setzte sich neben ihn und versuchte, sich durch seine Nähe nicht verwirren zu lassen. Doch dazu hätte sie nicht mehr Luft holen dürfen … sein herber, männlicher Duft nach Sandelholz stieg ihr bei jedem Atemzug in die Nase.

Als sie dann auch noch aufsah, nachdem sie die Armschlinge gelöst hatte, war sie verloren. Marco starrte sie an, so intensiv und verlangend, dass sie unwillkürlich erbebte.

Nur mit Mühe riss sie sich zusammen. „Marco“, sagte sie sanft. „Deine Hand.“

„Ja.“ Aber jetzt blickte er auf ihren Mund. So, als erinnerte er sich genau, wie ihre Lippen sich angefühlt hatten. So, als ob er sie küssen wollte …

Ihre Fantasie spielte ihr gefährliche Streiche. Becca malte sich aus, wie sie mit dem Finger über seine volle Unterlippe strich. Sie warm und weich unter ihrer Fingerkuppe spürte.

Bis ihr einfiel, wie dumm, wie vertrauensselig sie damals gewesen war. Bemitleidenswert!

Die sinnlichen Tagträume zerplatzten wie Seifenblasen. Becca konzentrierte sich wieder auf seine Hand. „Sie ist leicht gerötet. Ich werde Ethan Bescheid sagen, vielleicht verordnet er dir ein Antibiotikum.“ Sie verteilte eine Spezialcreme auf seiner Handfläche und massierte sie behutsam ein. „Tut das weh? Brennt es?“

„Nein“, sagte er. „Ist schon besser.“

Seine Stimme klang heiser, dazu der sexy Akzent, und Beccas Herz schlug schneller.

„In fünfzehn Minuten muss ich zu meinem nächsten Patienten“, rettete sie sich in die Pflichten. „Wir sollten mit den Übungen anfangen.“

Er hielt ihren Blick fest, und sie war sicher, dass er genau wusste, was er mit ihr machte. Dass er auf sie die gleiche Wirkung hatte wie auf all die Frauen, von denen sie in den Klatschspalten gelesen hatte.

„Du hast nie erzählt, dass du Physiotherapeutin werden wolltest, Becca.“

„Du hast nie gesagt, dass du ein Prinz bist.“

„Aus gutem Grund.“

„Und der wäre?“

„Damals in Afrika wollte ich ich selbst sein, nicht nur der Fürstensohn. Und das konnte ich nur unter anderem Namen.“

Daran hatte sie nicht gedacht, aber er hatte recht. Man würde in ihm immer zuerst den Prinzen und dann den Mann sehen. Trotzdem … er hatte ihr wehgetan. Ihre Gefühle waren ihm egal gewesen. Und das konnte sie ihm nicht so einfach verzeihen.

Sie wiederholte mit ihm die Übungen, die sie ihm vorhin gezeigt hatte, und beobachtete genau die Bewegungsabläufe.

„Was behandelst du so?“, fragte er.

„Außer Sehnenverletzungen wie bei dir? Alle möglichen Probleme, die die Hand betreffen.“ Becca entspannte sich. Sie fühlte sich sicherer, wenn sie über die Arbeit sprach. Da konnte sie nicht auf dumme Gedanken kommen, wie zum Beispiel seine verletzte Hand zu nehmen und einen sanften Kuss auf die Handfläche zu drücken! „In der Hunter Clinic haben wir oft Patienten mit Brandverletzungen, Karpaltunnelsyndrom und RSI – Verletzung durch wiederholte Belastung oder auch ‚Mausarm‘ genannt. Manchmal sehe ich mir Arbeitsplätze an und gebe Empfehlungen, wie sie ergonomisch verbessert werden können.“

„Du behandelst also Probleme nicht nur, sondern sorgst auch dafür, dass sie gar nicht erst entstehen?“

„Wann immer das möglich ist, ja. Sportverletzungen gehören auch zu meinen Aufgaben oder Arthritispatienten, bei denen die Beweglichkeit stark eingeschränkt und schmerzhaft ist. Als Nächstes will ich eine Akupunkturausbildung machen, um mehr anzubieten als Reizstromtherapie und Schmerzmittel.“

„Gute Idee.“ Er schwieg kurz. „Warum hast du dich auf Hände spezialisiert?“

„Wahrscheinlich, weil Berührungen so wichtig sind.“

Becca hatte spontan, unbedacht geantwortet, was sich jetzt rächte: Sie erinnerte sich an seine Berührungen, daran, wie seine Hände sie liebkost und gestreichelt hatten. An die lustvolle Erregung, wenn sie seine schlanken Finger warm und forschend auf ihrem Körper spürte.

„Du bewegst etwas – im wahrsten Sinn des Wortes.“

Sie war heilfroh, dass er ihre Gedanken nicht lesen konnte. „Wie du. Bist du deshalb Soldat geworden?“

Marco nickte. „In Südafrika habe ich gelernt, Systeme zu organisieren. Ich sehe die Möglichkeiten, Infrastrukturen aufzubauen oder zu verbessern, um den Menschen zu helfen, die mit ihnen leben müssen.“

„Du warst auch ein guter Lehrer“, erinnerte sie sich. „Du konntest gut mit Kindern umgehen.“

„Ich mag Kinder. Sie sind offen und geradeheraus. Bei ihnen weiß man immer, woran man ist.“

Das schien von Herzen zu kommen. Als Prinz aufzuwachsen, immer im Licht der Öffentlichkeit, das jede Bewegung, jeden Fehler gnadenlos beleuchtete, das war sicher nicht leicht gewesen. Kein Wunder, dass Marco vorsichtig geworden war, weil er nie wissen konnte, ob er einen Freund vor sich hatte oder jemanden, der nur auf sein Versagen wartete.

„Und du hast ein Talent für Sprachen“, fügte sie hinzu, um ihn von unschönen Erinnerungen abzulenken.

„Meine Eltern haben darauf bestanden, dass ich mir Grundkenntnisse in der jeweiligen Sprache unserer Besucher aneigne, damit ich sie willkommen heißen kann. Ich will nicht prahlen, aber das hat dafür gesorgt, dass ich in zwanzig verschiedenen Sprachen jemanden begrüßen, ihm einen schönen Tag wünschen und danke und bitte sagen kann.“

„Dein Englisch ist perfekt“, meinte sie.

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