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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 70

MARION LENNOX

Wie erobere ich meinen Boss?

Ihre Jeans sind mit Blut beschmiert, die Locken hängen ihr wild ins Gesicht. Trotzdem ist sie bildhübsch. Und vor allem: Sie hat gerade seinen verletzten Hund zum Tierarzt gebracht und ihm damit das Leben gerettet! Wie kann Doktor Sam Webster ihr nur danken? Mit Geld? Doch Zoe will etwas von ihm, das er nur ungern ein zweites Mal in seinem Leben verschenkt …

SUE MACKAY

Du küsst meine Tränen fort

Sechs Jahre ist es her, seit Fiona ihren Ehemann Tom verlassen hat. Zu sehr hat er sie an den Tod ihres Sohnes erinnert. Doch jetzt wird sie, eine begabte Chirurgin, eine Woche lang in seiner Kinderklinik aushelfen. Und als er sie vom Flieger abholt, fragt sie sich voller Sehnsucht: Ist es zu spät für sie – oder heilt die Zeit wirklich alle Wunden?

LOUISA GEORGE

Gefährliches Spiel mit Dr. Price

Samtbraune Augen, ein jungenhaftes Lächeln und ein Kreuz, breit genug, dass sie sich dahinter verstecken könnte: Dani fragt sich, wer sie da gerade vor den zudringlichen Reportern gerettet hat! Jemand, um den sie besser einen Bogen macht, damit sie nicht wieder in die Schlagzeilen gerät? Sie wird die Party nutzen, um es herauszufinden. Und vielleicht auch die Nacht …

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Wie erobere ich meinen Boss?

GOLD COAST CITY HOSPITAL

DAS TEAM:

 

Dr. Callie Richards

Neonatal-Spezialistin

Dr. Sam Webster

Chefarzt der Pädiatrischen Kardiologie

Dr. Cade Coleman

Pränatalchirurg

Zoe Elizabeth Payne

Krankenschwester

Ros

Stationssekretärin

   

PATIENTEN:

 

Joshua Bennet

 

Molly Carthardy

 

Ryan Tobin

 

Reg

 

Rebecca Louise Hayden

 

Katie Foster

 
   

UND:

 

Susy

Zoes Schwester

Tony

Susys Freund

Dean

Zoes Exfreund

Doug

Tierarzt

Dr. Alex Rodriguez

Neurochirurg (Angel Mendez Children’s Hospital)

Lorna Tobin

Ryans Großmutter

Luke

Ryans Bruder

Marjory

Regs Frau

Mary Bennet

Liams Mutter

1. KAPITEL

Warum schienen Unfälle immer wie in Zeitlupe abzulaufen?

Als hätte man alle Zeit der Welt, um eine Warnung zu brüllen, hinzurennen, den Hund aus der Gefahrenzone zu reißen und den Idioten in seinem Strandbuggy dazu zu bringen, die Richtung zu ändern. Doch in Wirklichkeit blieben Zoe Payne nur Sekunden, um eine Katastrophe zu verhindern.

Nicht annähernd genug.

Sie hatte am Hang oberhalb des Strands gesessen, der vom Gold Coast City Hospital mit dem Auto in nur fünf Minuten zu erreichen war, und den Sonnenuntergang bewundert. Ein orangegoldener Hauch lag auf den Schaumkronen der Wellen, die warme Seeluft streichelte Zoes Haut, und der Blick auf den Pazifik war atemberaubend.

Wie der einsame Surfer dort draußen.

Er war gut. Sehr gut. Geduldig wartete er auf die richtige Welle, nahm sie geschickt und glitt mühelos darauf entlang, bis sich der Brecher schäumend am Strand ergoss.

Reine Poesie, dachte sie, fasziniert von der Eleganz, mit der er sich bewegte. Als wäre er eins mit dem Ozean. Und er sah nicht schlecht aus. Groß, athletisch gebaut, mit sonnengebleichtem Haar.

Doch sie hatte auch den Hund beobachtet. Er lag halb verborgen in den Dünen. Sie hätte ihn sicher nicht bemerkt, wenn er nicht jedes Mal aufgesprungen wäre, sobald der Surfer sich dem Strand näherte. Der schokoladenbraune Labrador preschte aus seinem Versteck und stürzte sich ins Wasser. Der Mann begrüßte ihn, tollte ein bisschen mit ihm herum und verschwand dann wieder aufs Meer hinaus. Und der Hund zog sich in sein Versteck zurück.

Zoe hatte überlegt, ob sie hingehen, ein bisschen mit ihm reden sollte. Es war ihre erste Woche am Gold Coast City Hospital, und sie hatte Heimweh. Doch sie blieb auf ihrem Platz. Ein unbestimmtes Gefühl verriet ihr, dass die beiden lieber für sich waren.

Sie blieben jedoch nicht allein. Ein Strandbuggy verließ mit aufheulendem Motor die Straße und röhrte auf den Strand.

Hier hatte er nichts zu suchen. Überall standen Schilder, dass dies ein geschützter Strand war. Verboten für Fahrräder, Pferde, Autos.

Der Kerl am Steuer beschleunigte, raste in halsbrecherischem Tempo auf die Dünen zu, setzte auf einer auf, hob ab, hielt auf die nächste zu.

Der Hund …

Zoe sprang auf, schrie, während sie loslief, doch sie war nicht schnell, ihre Stimme nicht laut genug.

Oh, lieber Himmel, nein!

Das Gefährt krachte auf die Düne, hinter der der Hund lag, landete in der Senke, nahm die nächste Hürde. Der Fahrer setzte seine wilde Fahrt auf dem Strand fort, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was er unter den breiten Reifen zermalmt hatte.

Sam Webster trieb auf seinem Surfbrett dahin und wartete auf die richtige Welle. Für heute sollte es genug sein. Er kannte die Gefahren, die im nächtlichen Meer lauerten, und nur ein Dummkopf ging das Risiko ein. Außerdem wurden die guten Wellen weniger, und wenn er nicht bald eine erwischte, blieb ihm nichts anderes übrig, als zum Strand zurückzupaddeln. Was durchaus zehn Minuten dauern konnte.

Ja, es war Zeit, aufzuhören und mit Bonnie nach Hause zu fahren. Ab ins Bett.

Zum Schlafen? Unwahrscheinlich. Sam schlief nicht gut, und ohne Surfen morgens und abends hätte er sicher kaum ein Auge zugetan. Sein Job am Krankenhaus forderte ihn, und er packte die Tage bis zur Erschöpfung mit Arbeit voll. Doch es nützte nichts, die Schlafstörungen blieben. Die Nacht war keine gute Freundin.

Aber Bonnie musste nach Hause. Wo war eine Welle, wenn man sie brauchte?

Sam hörte den Strandbuggy, noch bevor er ihn sah. Der starke Motor dröhnte, jaulte auf, als der Fahrer auf die Tube drückte und direkt auf die Dünen zuhielt.

Die Dünen …

„Bonnie!“, brüllte Sam und paddelte los, aber die Gezeitenwende hatte eingesetzt, und er kam kaum vorwärts.

Der Buggy rumpelte über den Strand.

Prallte auf die Düne, hinter der Bonnie lag.

Sam starrte auf die Senke, wo sich Bonnie eine Kuhle im kühlenden Sand gegraben hatte. Nichts rührte sich.

Als wäre Bonnie nie dort gewesen.

Eine Gestalt rannte den Hang hinunter. Eine Frau. Sam schenkte ihr keine Beachtung, dachte nur an Bonnie.

Eine Welle! Ich brauche eine Welle!

Im ersten herzzerreißenden Moment dachte sie, die Hündin wäre tot. Der braune Labrador lag im Sand, überall war Blut, sammelte sich unfassbar schnell zu einer großen Lache.

Zoe sank auf die Knie. „Hey“, flüsterte sie sanft, um den Hund nicht zu erschrecken. „Hey.“

Dunkle Augen blickten ihr schmerzerfüllt entgegen.

Instinktiv wusste Zoe, dass das verletzte Tier nicht nach ihr schnappen würde. Oder war es schon zu schwach dazu? Kopf, Brust und Vorderbeine sahen unversehrt aus, aber der linke Hinterlauf war fast auf ganzer Länge aufgerissen.

So viel Blut …

Zoe zerrte sich die Bluse vom Leib, zerriss sie in zwei Teile, faltete den einen zu einer Kompresse, die sie mit dem anderen auf die Wunde band. „Tut mir leid, Mädchen, ich will dir nicht wehtun, aber ich muss die Blutung stillen.“

Selbst wenn es ihr gelang … Das Tier hatte schon enorm viel Blut verloren.

Ich brauche Hilfe. Sie hatte Patienten gesehen, die nach hohem Blutverlust einen Herzstillstand erlitten, und genau das drohte hier auch.

Sie blickte aufs Meer hinaus. Der Surfer paddelte, als ginge es um sein Leben, doch er war viel zu weit draußen. Und keine Welle in Sicht, die ihn schneller hergetragen hätte.

Bis der Mann den Strand erreichte, würden noch gut fünf Minuten verstreichen. Für die Hündin zählte jede Minute. Zoe hatte die Blutung nur verlangsamt, nicht endgültig gestoppt.

In der Nähe des Krankenhauses hatte sie eine Tierarztpraxis gesehen, zufällig, als sie nach ihrem ersten Arbeitstag auf der Suche nach einem Supermarkt die Gegend erkundete. Zoe erinnerte sich genau an das Schild. „Für Notfälle jederzeit geöffnet.“

Und das hier war ein Notfall.

Ihr Wagen stand direkt am Strand. Kann ich den Hund tragen?

Wieder blickte sie aufs Meer, zum Surfer. Sicher der Besitzer des Hundes. Ich sollte warten, dachte sie.

Und ihm einen toten Hund übergeben?

Sie hatte keine Wahl. Zoe schrieb etwas in den Sand, hob das große Tier auf die Arme, strauchelte kurz unter seinem Gewicht, fing sich und lief los.

Sam paddelte wie ein Wilder, verzweifelt, weil er kaum vorankam.

Die lang auslaufenden Wellen, die ihn den ganzen Abend über zuverlässig ans Ufer getragen hatten, waren verschwunden. Ruhig und glatt wie ein Seidentuch lag das Meer da, doch das Bild täuschte. Die einsetzende Ebbe verursachte einen Sog, der jede Bewegung noch erschwerte.

Normalerweise hätte er sich parallel zum Gezeitensog von der Strömung ans Ufer treiben lassen, gemächlich und ohne diesen Kampf. Aber die Zeit hatte er nicht.

Er musste zu Bonnie.

Emilys Hund.

Sam erinnerte sich genau an den Tag, als sie den Welpen mit nach Hause brachte. „Sieh sie dir an, Sammy, ist sie nicht süß? Sie lag im Schaufenster einer Tierhandlung, ich konnte sie einfach nicht dalassen.“

Beide noch im Medizinstudium und arm wie die Kirchenmäuse, teilten sie sich damals ein Zimmer im Studentenheim der Universität. Einen Hund konnten sie dort nicht halten. Also mussten sie ausziehen und mehr Miete aufbringen. Abgesehen davon, dass ihnen das aufwendige Studium gar keine Zeit ließ, sich um einen lebhaften Hund zu kümmern. An all das hatte Em nicht gedacht.

Sie hatte einen niedlichen Hund gesehen und ihn gekauft. Ohne Rücksicht auf die Folgen.

Diese Sorglosigkeit – oder war es Eigensinn? – hatte sie auch das Leben gekostet. Emily war tot und der Hund das Einzige, das Sam von ihr geblieben war. Jetzt war sein Hund verschwunden, von einer Fremden über die Dünen zur Straße hochgetragen und nicht mehr zu sehen. Sam hatte das Gefühl durchzudrehen.

Als er endlich den Strand erreichte, ließ er sein Surfbrett fallen und rannte los.

Was er in den Dünen fand, jagte ihm einen eisigen Schauer über die Haut, Übelkeit drückte ihm auf den Magen.

Der Sand in der Kuhle, wo Bonnie gelegen hatte, war blutgetränkt.

So viel Blut … wie sollte sie bei dem Blutverlust überleben?

Und wo war sie?

Er sah sich um und entdeckte drei Buchstaben im Sand, krakelig, wie mit dem Fuß geschrieben.

VET

Sehr vernünftig. Aber wo? Wo war der nächste Veterinär?

Während er auf Bonnies Blut starrte, herrschte in seinem Kopf ein einziges Chaos.

Dann fiel es ihm ein – die Tierarztpraxis ganz in der Nähe des Krankenhauses! Dort war er mit Bonnie schon gewesen.

Sam zerrte sich den Neoprenanzug vom Körper und lief zur Straße hoch.

So viel Blut … Unmöglich, dass sie überlebte.

Aber sie musste überleben. Ohne Bonnie blieb ihm nichts mehr.

Die Tierarztpraxis war tatsächlich geöffnet, und ihr kam sogar ein Arzt entgegen. Vielleicht weil sie wie eine Irre auf den Parkplatz gerast war und ruckartig bremste, sodass die Reifen quietschten. Kaum war sie aus dem Wagen, tauchte auch schon ein Mann mittleren Alters im Arztkittel neben ihr auf.

„Verkehrsunfall.“ Zoe hielt sich nicht mit langen Erklärungen auf, verdrängte, wie sie aussehen musste … nur in BH, Jeans und Sandalen, vom Hals bis zur Hüfte mit Blut beschmiert.

Der Tierarzt packte sie am Arm und zog sie zu sich herum, ohne dem Hund auch nur einen Blick zu gönnen. „Sind Sie verletzt?“

Es waren doch ein paar mehr Worte nötig. Mensch ging vor Tier, auch für einen Veterinär.

„Ein Buggy unten am Strand hat sie erwischt“, antwortete sie. „Mir ist nichts passiert. Das ist alles ihr Blut. Sie gehört mir nicht. Der Besitzer war draußen beim Surfen, aber ich konnte nicht warten. Sie verblutet.“

„Noch nicht.“ Der Arzt beugte sich in den Wagen, hatte anscheinend den behelfsmäßigen Druckverband gesehen. „Das ist Bonnie.“ Er vergewisserte sich mit einem Blick auf die Hundemarke am Halsband. „Sie gehört einem der Ärzte hier. Sam Webster. Sind Sie Medizinerin?“

„Krankenschwester.“

„Großartig. Ich bin allein in der Praxis und könnte Hilfe gebrauchen. Schaffen Sie das?“

„Natürlich.“

Er hatte ihre Antwort nicht abgewartet, die Hündin bereits aus dem Auto gehoben und trug sie nun Richtung Eingang.

2. KAPITEL

Hier war er richtig.

Sam fuhr auf den Parkplatz der Tierarztpraxis und sah einen alten Wagen genau vor dem Eingang stehen. Roststellen und etliche Beulen verrieten, dass er schon bessere Tage gesehen hatte. Eine der hinteren Türen stand weit offen, und der Rücksitz war voller Blut.

Eine Spur von Blutflecken zog sich über den Asphalt bis zur Tür.

Ihm wurde schlecht.

Sein Neoprenanzug lag am Strand. Sam war barfuß und trug nichts am Leib außer seiner Surfershorts. Er fühlte sich entblößt, aber das hatte nichts damit zu tun, dass er kaum etwas anhatte.

Reiß dich zusammen, ermahnte er sich. Du bist Arzt. Handle wie bei jedem Notfall.

So spät am Abend war die Praxis leer. Von der Reinigungskraft abgesehen, die den Boden putzte. Der Mann blickte Sam missmutig an.

„Erst Blut, jetzt auch noch Sand. Ich habe hier gerade gewischt.“

„Wo ist mein Hund?“

„Wenn Sie den halb toten Labrador meinen, den die Frau gebracht hat – der Doktor ist mit ihm im OP.“ Er zeigte auf die Flügeltüren hinter dem Empfangstresen. „Die Frau ist auch da drin. Wollen Sie sich setzen und warten? He, Sie können da nicht rein. Warten Sie doch …“

Aber Sam hörte ihn kaum, marschierte über den feuchten Fußboden und stieß die Türen auf.

Die Hände noch an den Türen, blieb er abrupt stehen.

Er mochte ein Hundebesitzer sein, der vor Sorge fast verrückt wurde, aber Sam Webster war auch immer noch Arzt. Ein Herzchirurg, spezialisiert auf pädiatrische Kardiologie. Die OP-Säle, in denen er operierte, waren so steril, dass im Umkreis von fünfzig Fuß sich kein Keim auch nur in die Nähe gewagt hätte.

Obwohl ihn alles zu seinem geliebten Hund hinzog, so hatte Sam sich doch so weit im Griff, dass er keinen Schritt weitergehen konnte.

Bonnie lag auf dem OP-Tisch. Aus einem Infusionsbeutel tropfte Kochsalzlösung in einen intravenösen Zugang in ihrem Bein. Doug, der Tierarzt – Sam kannte den Mann, weil er Bonnie zu ihren jährlichen Impfungen herbrachte –, zog gerade eine Spritze auf.

Elektroden von einem Defibrillator lagen auf dem Boden. Wie achtlos hingeworfen.

Sam zählte eins und eins zusammen. Starker Blutverlust. Herzversagen.

Aber der Arzt injizierte den Inhalt der Spritze, und die junge Frau am Kopfende hielt Bonnies Kopf und sprach leise auf sie ein. Bei einem toten Hund hätten sie das nicht getan.

Doug blickte auf und sah ihn. „Na toll“, brummte er. „Der Arzt betritt die Bühne, nachdem die schwere Arbeit getan ist. Habe ich recht, Schwester Zoe?“

Sam hörte ihm an, wie angespannt er war. Bonnie war also noch nicht übern Berg. Doch die junge Frau hat seinen Hund hierhergeschafft, und Bonnie hatte wenigstens eine Chance, das hier zu überleben.

Wenn ihr Herz unten am Strand stehen geblieben wäre …

„Wie fit sind Sie in Anästhesie?“ Die barsche Frage riss Sam aus seinen Gedanken.

„Ein bisschen eingerostet, aber okay.“

„Besser als nichts. Menschen, Hunde, da ist kein großer Unterschied. Ich sage Ihnen die Dosierung. Sie müssten die Narkose einleiten und intubieren. Zoe kann das nicht übernehmen, und mein Partner wird nicht rechtzeitig hier sein. Also, wenn Sie sich nützlich machen wollen, fangen Sie an mit Schrubben, und helfen Sie uns.“

„Wie … wie ist die Lage?“ Sam betrachtete Bonnie, doch sein Blick glitt zu der Frau, die immer noch seiner Hündin den Kopf hielt.

Bis auf einen BH und Jeans hatte sie nichts an, ihre kastanienbraunen Locken klebten ihr im Gesicht, und sie war über und über mit Blut beschmiert.

Trotzdem sah sie … hinreißend aus.

„Sprechen Sie nicht“, beschwor sie ihn. „Nicht bis Sie sich steril gemacht haben und bei ihr sein können. Als sie Ihre Stimme gehört hat, wollte sie zu Ihnen.“

Sam schaltete endgültig in den Arztmodus und ging zum Waschbecken. Bonnie musste ruhig liegen bleiben, selbst den Kopf zu heben war zu anstrengend für sie.

„Alles gut, Mädchen, alles gut“, hörte er Zoe flüstern. Ihr Gesicht war dicht an Bonnies Kopf, während sie sie hinterm Ohr kraulte und das seidenweiche Fell streichelte.

Das war also die Frau, die seinem Hund das Leben gerettet hatte. Aus der Ferne, als er sie vom Meer aus beobachtete, war ihm nicht klar gewesen, wie schlank und zierlich sie war. Und das Blut … wäre sie in dem Zustand in der Notaufnahme des Gold Coast City aufgetaucht, hätte sie die gesamte Abteilung mit Code Blue auf den Plan gerufen.

Auf dem Fußboden entdeckte er ihre Bluse, entzweigerissen, ein Teil davon zu einer Kompresse gefaltet. Das erklärte, warum sie nur ihren BH trug.

Bewunderung erfüllte ihn, weil sie das für seinen Hund getan hatte.

War sie Tierarzthelferin? Wenn ja, dann hatte er ein unglaubliches Glück gehabt, dass sie zufällig am Strand gewesen war.

Glück? Sam sah zu Bonnie. Sie brauchte noch mehr davon.

Doug spritzte das Narkotikum. Sam trocknete sich Hände und Arme ab und zog Handschuhe über, bevor er die Intubation übernahm. Zoe trat beiseite, um ihn nicht zu behindern. Als der Tubus saß, assistierte sie mit einer Selbstverständlichkeit, die Sam erneut Respekt abnötigte.

Ganz bestimmt war sie Tierarzthelferin, und zwar eine ausgesprochen gute. Sie ließ Doug nicht aus den Augen, erahnte, was er brauchte, und kam seinen knappen Aufforderungen nach, bevor er sie zu Ende gesprochen hatte. Schnell, sicher und kompetent.

Doug war auch gut. Durch die Flüssigkeitszufuhr verbesserten sich Bonnies Vitalzeichen, und Doug hatte alles, was an Ausstattung nötig war, um sie gründlich zu untersuchen. Die Röntgenbilder zeigten, dass die Hündin tatsächlich Glück gehabt hatte.

Der linke Hinterlauf wies zwar einen komplizierten Bruch auf, und sie hatte auch zwei Rippen gebrochen, aber das war alles. Ihr Blutdruck blieb stabil, was schwere innere Blutungen ausschloss.

„Ich kann eine Platte einsetzen“, sagte Doug. „Das ist einfacher, als Ihre Hündin über Wochen ruhig zu halten. Wenn Sie mir assistieren …“

Selbstverständlich. Sam wagte zu hoffen, dass Bonnie es schaffte.

Die junge Frau sagte kaum etwas. Doch obwohl sie kreidebleich im Gesicht war und mitgenommen wirkte wie nach einem Schock, arbeitete sie umsichtig und zuverlässig mit.

Sam hatte sie hier noch nie gesehen, aber er wohnte auch erst seit einem Jahr in Gold Coast. In der Zeit hatte er Bonnie zwei Mal hierhergebracht. Nach nur zwei Besuchen kannte man wohl kaum das gesamte Praxispersonal.

Auch sie hatte Hände und Arme geschrubbt und Handschuhe übergezogen. Dass sie nur BH und Jeans trug, schien sie nicht zu stören. Ihre Haltung, ihre Bewegungen waren in jeder Sekunde äußerst professionell.

Trotzdem sah sie hinreißend aus. Ein bisschen dünn. Große Augen. Hinreißend war das einzige Wort, das ihm immer wieder zu ihr einfiel.

Wie sie wohl ohne all das Blut aussah?

Sam hatte nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken. Alles konzentrierte sich auf Bonnie. Dies war kein einfacher Bruch. Sie würde die Platte für den Rest ihres Lebens im Bein tragen.

Sam war kein orthopädischer Chirurg, aber er hatte genug Ahnung, um von Dougs Technik beeindruckt zu sein. Die zerschmetterte Tibia lag frei, und Doug nahm sich alle Zeit der Welt, um auch den winzigsten Knochensplitter zu entfernen. Die verbleibenden Bruchstücke schiente er mit Edelstahl und setzte dann die Bohrlöcher für die Knochenschrauben. Immer wieder überprüfte er seine Arbeit, bis sie größtmögliche Stabilität und maximale natürliche Heilung bot. Schließlich machte er sich an die langwierige Prozedur, die Wunde zu schließen.

Es wird auch Zeit, dachte Sam. Zoe sah aus, als würde sie gleich umfallen.

Aber sie brauchten sie noch. Sie erledigte den Job von zwei OP-Schwestern.

Endlich war es geschafft. Doug trat vom OP-Tisch zurück und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Ich denke, sie schafft es“, sagte er, und Sam sah, wie Zoe die Augen schloss.

Sie schwankte, und er machte instinktiv einen Schritt auf sie zu, um sie zu halten. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Schwester oder ein Arzt nach einer besonders anstrengenden, blutigen Operation in Ohnmacht fiel. Aber Zoe hatte sich schnell wieder in der Gewalt und trat beiseite, damit Doug den Tubus entfernen konnte.

„Ich … das ist großartig“, sagte sie leise. „Wenn es Ihnen recht ist, gehe ich jetzt.“

„Sie sehen aus wie ein Bombenopfer“, meinte Doug unverblümt. „Bringen Sie sie nach Hause, Sam. Es wird noch eine Weile dauern, bis Bonnie aufwacht. Ich lasse sie nicht allein, bis Sie zurück sind.“

„Aber mein Wagen steht draußen“, protestierte Zoe.

„Haben Sie mal in den Spiegel gesehen?“ Doug nahm kein Blatt vor den Mund. „Wenn Sie in dem Wagen und in dem Zustand durch die Stadt fahren, scheuchen Sie sämtliche Polizisten von Gold Coast auf, weil sie glauben, dass Sie knapp einem Axtmörder entkommen sind. Lassen Sie Ihre Schlüssel hier. Ich stelle das Auto hinter dem Haus ab, und Sie können es sich morgen abholen. Wo wohnen Sie?“

„In einer der Krankenhauswohnungen. Nur zwei Blocks von hier. Ich kann fahren.“

„Erzählen Sie mir nicht, dass Ihnen nicht immer noch die Beine zittern. Sie haben erstklassige Arbeit geleistet, aber jetzt sollten Sie sich helfen lassen. Sam, Sie hatten wirklich verdammtes Glück, dass Ihre Kollegin am Strand war.“

„Meine Kollegin …?“

„Wir mussten Bonnie reanimieren“, fuhr Doug fort. „Ihr Herz ist zwei Mal stehen geblieben. Bei dem Blutverlust ist es ein Wunder, dass sie überlebt hat. Hätte Zoe sie nicht hierhergebracht … Falls die Cops sie wegen zu schnellen Fahrens drankriegen wollen, sollten Sie die Rechnung bezahlen.“

„Ich würde sogar noch mehr bezahlen“, antwortete Sam, noch immer etwas verwirrt. „Sie sind keine Veterinärschwester?“

„Nein, ich bin Krankenschwester am Gold Coast City.“ Ihre Stimme bebte. „Und ich möchte lieber selbst nach Hause fahren.“

Sie war Krankenschwester. Am selben Krankenhaus, an dem er arbeitete.

„Bringen Sie sie hin, Sam. Jetzt sofort. Nehmen Sie sich einen Kittel aus dem Lagerraum, Zoe, damit Sie nicht die Leute erschrecken. Sie haben eine Medaille verdient, und wenn Sam Ihnen keine gibt, bekommen Sie eine von mir. Und nun ab mit Ihnen.“

„Ich gebe ihr eine Medaille, eine Wagenladung voll, wenn sie will“, stieß Sam hervor. „Was Sie getan haben …“

„Schon gut“, unterbrach sie ihn matt. „Schluss mit den Ehrungen. Doug hat recht, ich muss nach Hause.“

Aber sie wollte nicht, dass dieser Mann sie hinbrachte. Sie wollte nur in ihren Wagen steigen, zum Gold Coast City fahren, sich unbemerkt in ihre Wohnung schleichen, duschen und ins Bett.

Leider war das nicht so einfach. So, wie sie aussah, würde sie überall auffallen wie ein rosa Elefant.

Ehe sie noch länger darüber nachdenken konnte, hatte Sam sie nach draußen geführt, zu seinem Jeep, der neben ihrem Wagen parkte.

Er ist Arzt? dachte sie. Ein Kollege?

Sam Webster trug Surfershorts, sonst nichts. Anders als sie sah er nicht zum Fürchten aus. Nein, sondern eher wie eins dieser männlichen Models, die die Titelseiten der zahlreichen Surfmagazine in den Zeitschriftenläden zierten.

Gold Coast war in der ganzen Welt als Surferparadies bekannt. Viele Surfer hier lebten nur für die Wellen. Und genau so sah der Typ aus. Bronzebraune glatte Haut, schlank, athletisch, von Sonne und Meer gebleichtes Haar, grüne Augen, umrahmt von attraktiven Fältchen in den Augenwinkeln.

Er war Arzt und Surfer.

Wie passte der Hundebesitzer dazu?

Er schnappte sich ein T-Shirt von der Rückbank seines Jeeps und zog es über. Locker, lässig, nach allem, was passiert war. Sein Hund ist versorgt, dachte sie, und für ihn geht das Leben einfach weiter!

Zoe blickte an sich hinunter, auf den unförmigen, viel zu großen Kittel und ihre blutbefleckte Jeans. Stundenlang hatte sie sich zusammengenommen, um die arme Hündin durchzubringen. Ihre Schrottlaube von Auto war voller Blut! Sie sollte sich nach Hause bringen lassen wie ein kleines Kind? Was war aus ihrer Unabhängigkeit, ihrer Freiheit geworden?

„Fahren wir“, sagte er.

Zwei harmlose Worte, die das Fass zum Überlaufen brachten.

„Was haben Sie sich dabei gedacht?“, stieß sie hervor, versuchte, ruhig und entschieden zu sein. „Sie am Strand zu lassen, ganz allein, während Sie weit draußen Ihren Spaß haben? Wenn ich nicht gewesen wäre, wäre sie jetzt tot! Sie haben einen Hund wie Bonnie, und Sie lassen ihn einfach im Stich! Wie dumm, wie nachlässig, wie grausam ist das denn? Haben Sie eine Ahnung, wie froh Sie sein können, dass Sie einen Hund haben? Natürlich nicht. Sie sind Arzt, Sie sind gesund und fit, ein echter Surferboy. Sie können sich jeden Hund kaufen. Es interessiert Sie nicht, dass sie daliegt und wartet und wartet, weil sie Sie liebt! Ich habe gesehen, wie sie sich jedes Mal gefreut hat, wenn Sie ans Ufer kamen. Aber Sie haben sie allein gelassen. Sie wäre fast gestorben, weil Sie sich nicht um sie gekümmert haben!“

Ruhig und entschieden klang anders. Sie hatte ihn angeschrien, hilflos und voller Wut. Und er stand einfach nur da und sah sie schweigend an. Das machte sie noch zorniger. Zoe wollte ihn schlagen, auf ihn einprügeln und hörte einen imaginären Richter in einem imaginären Gerichtssaal sagen: „Er hat es verdient.“

Natürlich konnte sie ihn nicht schlagen. Sie musste sich unbedingt wieder in den Griff kriegen. Zoe schluchzte auf und ärgerte sich maßlos darüber. Sie weinte nicht, niemals, und sie wusste auch, dass sie sich aufführte wie eine arme Irre. Aber … aber …

Die letzten Tage waren schon verrückt gewesen. Ihr Leben lang hatte sie in einer kleinen Gemeinde gelebt, abgeschirmt, wohlbehütet. Der Umzug von Adelaide hierher mochte für andere ein Klacks sein, doch Zoe streifte damit endlich die Fesseln ihrer Kindheit ab.

Keine Frage, die Entscheidung war richtig gewesen. Aber der neue Job, der neue Arbeitsplatz, die ständigen Anrufe ihrer Eltern – und von Dean, der immer noch nicht verstand, warum sie weggegangen war –, all das untergrub ihre Entschlossenheit und erfüllte sie mit unendlichem Heimweh.

Trotzdem würde sie Dean niemals recht geben! „Du kommst schon zur Vernunft, Zoe“, hatte er gesagt. „Das weiß ich. Lauf in die weite Welt hinaus, aber komm bald zurück. Alles, was wir wollen, ist, dass du bei uns bist. Damit wir uns um dich kümmern können.“

Arrggh!

Sie wollte nicht nach Hause zurück. Sie wollte nicht, dass man sich um sie kümmerte!

Aber sie wollte auch nicht herumschreien. Und wie sie aussah! Abscheulich, in diesem sackartigen OP-Kittel, nur mit BH und Jeans darunter. Tränen stiegen ihr in die Augen, während Wut und Scham sie fast überwältigten. Irgendwie musste sie in ihre Wohnung kommen, vorbei an lauter fremden Menschen, an verwunderten, skeptischen Blicken. Und Milch musste sie auch noch kaufen … und …

Du schaffst das.

Zoe kramte in ihrer Hosentasche nach dem Wagenschlüssel, zog ihn heraus, doch Sam nahm ihn ihr aus der Hand, bevor sie auch nur einen Schritt Richtung Fahrertür machen konnte.

„Wir fahren mit meinem“, sagte er wie ein Arzt, der es mit einer Psychotikerin zu tun hatte.

„Ich bin nicht verrückt. Vielleicht bin ich zu laut geworden, aber Sie haben es verdient.“

„Glauben Sie, das wüsste ich nicht? Ich liebe Bonnie“, sagte er. „Sie haben recht mit allem, was Sie mir an den Kopf geworfen haben – mit einer Ausnahme. Ich könnte nicht einfach einen neuen Hund kaufen, ganz bestimmt nicht. Was passiert ist, tut mir zutiefst und unendlich leid. Dass Bonnie mir beim Surfen zusieht, seit sie als Welpe vor zwölf Jahren zu mir kam, ist keine Entschuldigung. Dass der Strand für Fahrzeuge verboten ist und der Kerl im Buggy sich darüber hinweggesetzt hat, auch nicht.“

Er holte tief Luft. „Vor ein paar Jahren hätte Bonnie den gesamten Strand beobachtet. Heute Abend hat sie nur auf mich geachtet und einen hohen Preis dafür bezahlt. Natürlich haben Sie sich zu Recht aufgeregt, Zoe, aber ich kann Sie nicht allein nach Hause fahren lassen.“

„Wie wollen Sie mich daran hindern? Es ist mein Wagen. Gehen Sie aus dem Weg.“

„Zoe, seien Sie doch vernünftig. Steigen Sie in den Jeep, seien Sie ein braves Mädchen …“

Er hörte sich an wie Dean, und Zoe sah rot.

Klatschend landete ihre Hand auf seiner Wange.

Sie hatte noch nie einen Mann geohrfeigt, in ihrem ganzen Leben nicht.

Oder sonst jemand. Selbst in den schrecklichen, hoffnungslosen Tagen nicht, nachdem die erste Transplantation gescheitert war. Als sie hörte, wie die Ärzte ihren Eltern sagten, dass sie mit dem Schlimmsten rechnen müssten. Zoe hatte sich eisern beherrscht. Hatte nicht geweint, nicht geschrien, nicht mit Fäusten die Wand bearbeitet oder irgendetwas anderes, das ihr in den Weg kam.

Nicht weil ihr danach nicht zumute gewesen wäre. Sondern weil sie Angst hatte, nicht mehr aufhören zu können, wenn sie sich ein einziges Mal gehen ließ. Sie wollte nicht in ein tiefes schwarzes Loch stürzen, aus dem sie nie wieder herauskam. Stattdessen ballte sie unter der Decke die Fäuste, presste die Fingernägel in die Handflächen, bis sie blutig waren, und lächelte ihre Eltern an, als hätte sie nichts gehört. Als wäre alles in Ordnung.

Und nun stand sie in der Abenddämmerung auf dem Parkplatz einer Tierarztpraxis, vor ihr ein Arzt aus dem Krankenhaus, in dem ihr neues Leben beginnen sollte.

Sie hatte ihn geschlagen.

Das tiefe schwarze Loch tat sich unter ihr auf, sie stürzte hinein, fiel …

Entsetzt starrte Zoe ihn an. Waren die Worte gerade noch aus ihr herausgeströmt, laut und anklagend, so brachte sie jetzt keinen Ton mehr hervor.

Sein Gesicht brannte, das Echo der Ohrfeige hing in der Abendstille.

Zoe blickte ihn an, als wären sämtliche Höllenhunde hinter ihr her.

Man brauchte kein Genie zu sein, um zu ahnen, dass diese Frau normalerweise nicht um sich schlug. Oder dass sie kurz davor war, hysterisch zu werden. Sie versuchte sich zusammenzureißen, das sah er, aber sie kämpfte.

Was machst du mit einer Frau, die dich geohrfeigt hat? Weggehen. Er hatte gelernt, so zu reagieren, wenn jemand außer Kontrolle zu geraten drohte.

Bleich, mit weit aufgerissenen Augen stand sie vor ihm. Und Sam wusste instinktiv, dass sie in ihrem Leben einiges durchgemacht hatte. Etwas, neben dem die dramatischen Ereignisse der letzten Stunden verblassten.

Sie hatte ihn geschlagen und machte ein Gesicht, als hätte sie ihn erschossen. In seinem Privatleben mied er gefühlsmäßige Bindungen wie die Pest. Aber diese junge Frau …

Nein, er konnte nicht weggehen.

Sam nahm ihre Hände in seine und zog sie an sich. Dann legte er die Arme um Zoe und hielt sie, wie er seit Jahren keine Frau gehalten hatte.

Die Ohrfeige war nahezu vergessen. Es störte ihn nicht mehr.

Wichtig war nur, Zoe in den Armen zu halten.

Sie hatte sich aufgeführt wie eine Furie. Und jetzt lag sie an Sam Websters breiter Brust, gehalten von seinen starken Armen.

Zoe war wie zu Eis erstarrt. Konnte sich nicht rühren. Wagte es nicht, aus Angst, dass sie wieder zu schreien anfing, wie wild um sich schlug.

Ich muss mich entschuldigen. Doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Stattdessen begann sie zu zittern. Ihre Schultern bebten. Wenn sie jetzt die warme, schützende Umarmung verließ, hatte sie keinen Halt mehr. Nicht auszudenken …

Zoe schmiegte sich an ihn, suchte seine Wärme, hörte sein Herz schlagen. Regelmäßig, beruhigend. Langsam rückte die Welt wieder ins Lot, und schließlich fand Zoe die Kraft, sich aufzurichten und einen Schritt zurückzutreten.

Sam hatte sich auf Kinderkardiologie spezialisiert. Er behandelte Kinder mit Herzproblemen, auch die allerkleinsten. Wie oft erlebte er Eltern, die unter der Last des Kummers zusammenbrachen. Gewöhnt hatte er sich bis heute nicht daran. Doch er hatte gelernt, ruhig sein Mitgefühl auszudrücken, Hoffnung zu wecken, wenn Hoffnung bestand, und zuzuhören, wenn es das Einzige war, was er noch tun konnte.

Was er jedoch in diesem Moment fühlte, passte in keine der Kategorien.

Es ergab keinen Sinn. Ja, sein Hund war schwer verletzt. Ja, die letzten Stunden waren anstrengend und nervenaufreibend gewesen. Aber Zoe war ausgebildete Krankenschwester. Dass sie wie ein Nervenbündel zitternd in seinen Armen lag …

Und diese Gefühle, die er plötzlich empfand …

Warum? Was hatte diese Frau, dass sich ihm das Herz zusammenzog, wenn er sie hielt?

Sam spürte, wie sie sich langsam entspannte. Trotzdem ließ er sie noch nicht los. Es fiel ihm schwer, die geübte Distanz zu wahren. Zoe erschien ihm so verletzlich … jemand, den er beschützen musste. Dabei hatte sie längst gezeigt, wie stark und belastbar sie war.

Als sie sich schließlich von ihm löste und einen Schritt zurücktrat, fühlten sich seine Arme seltsam leer an.

Sie hatte nicht geweint. Zwar war sie noch immer sehr blass, aber ihre Augen waren trocken.

Verlegen strich sie sich die Haare aus dem Gesicht. Sam widerstand nur mit Mühe dem zärtlichen Impuls, ihr dabei zu helfen.

Er war nicht blöd. Sie hatte ihn schon einmal geohrfeigt. Also rührte er sich nicht, wartete ab.

„Ich … es tut mir leid“, brachte sie schließlich hervor.

„Schon okay“, versuchte er, die angespannte Stimmung zu lockern. „Ich hatte Schuldgefühle wegen Bonnie. Jetzt kann ich gewissermaßen gekränkt sein, dass mich jemand angegriffen hat.“

„Und mir die Schuldgefühle zuschieben?“

„Genau.“ Sam versuchte es mit einem Lächeln.

Sie erwiderte es nicht. Zoe sah zu ihm hoch. „Schlagen ist nie in Ordnung“, sagte sie ernst.

„Sie wollten eine Fliege verscheuchen“, meinte Sam. „Sie haben sie verfehlt.“

Da lächelte sie. Schwach nur, aber immerhin. Und es weckte in ihm … Ja, was? Er wusste es nicht, aber sie zu halten, sie anzusehen … Warum ging ihm diese Frau so unter die Haut? Nur wenn er sie anblickte, wünschte er sich, mehr über sie zu wissen.

Bonnie, dachte er. Daran lag’s. Er hätte beinahe seinen Hund verloren, war emotional durchgeschüttelt. Das war der Grund.

„Lassen Sie mich Sie nach Hause fahren“, sagte er behutsam und trat einen Schritt zurück, vorsichtshalber.

Auch ihr reumütiges Lächeln ging ihm nahe.

„Ich bin unbewaffnet“, erklärte sie, während sie die Arme hinter dem Rücken verbarg.

„Ausgezeichnet.“ Sam grinste. „Wären Sie so freundlich, mein gut gemeintes Angebot anzunehmen?“

„Ich mache Ihnen den Jeep schmutzig.“

„Ich bin Surfer, ich habe massenhaft Handtücher im Wagen.“

„Und ich brauche noch Milch.“

Banalitäten des Alltags. Hervorragend geeignet, um wieder in ruhiges Fahrwasser zu kommen.

„Warum?“

„Weil meine alle ist.“ Sie holte tief Luft. Erleichtert, dass der Sturm vorbei war? „Mein Dienst beginnt Punkt sechs. Ich habe keine Milch. Wie soll ich Kaffee ohne Milch trinken? Oder ohne Kaffee in den Tag starten?“

„Ich verstehe“, sagte er ernst. „Priorität Nummer eins: Die Lady braucht Milch. Priorität Nummer zwei: Die Lady muss nach Hause, duschen, schlafen. Um Milch und darum, Sie nach Hause zu bringen, kümmere ich mich. Schaffen Sie den Rest?“

Er hatte die richtigen Worte gefunden. Den Rahmen abstecken, einen Plan mitgeben – eine Methode, die er bei gestressten Eltern anwandte. Sie funktionierte auch jetzt.

Zoe lächelte schwach und stieg bereitwillig in seinen Jeep.

Sam setzte sich hinters Steuer, nachdenklich, weil er immer noch dieses seltsame Gefühl verspürte. Das Gefühl einer besonderen Verbindung zu dieser Frau.

Vergiss es, ermahnte er sich. Kauf der Lady eine Flasche Milch, und sag Gute Nacht.

3. KAPITEL

Der Wagen war ideal für einen Surfer. Ein viel gefahrener Jeep, überall Sand und Spuren von Salz. Und Hundehaare. Zoes Bedenken, sie könnte einen dieser eleganten, teuren Sportwagen ruinieren, wie sie auf den Ärzteparkplätzen standen, lösten sich augenblicklich in Luft auf.

Sam war kein typischer Arzt.

Er sah nicht einmal wie einer aus. Der durchtrainierte, sand- und salzbedeckte Körper und das sonnengebleichte Haar verrieten, dass Sam oft draußen auf dem Meer war.

Aber er war Mediziner, und ein guter, vermutete sie. Zoe hatte gesehen, wie geschickt er intubiert hatte. Und sie hatte gehört, wie er von persönlich auf professionell umschaltete, als sie die Fassung verlor.

Trotzdem war er nicht die ganze Zeit distanziert gewesen. Sie hatte seine Angst um Bonnie gespürt. Und als er Zoe nach ihrem Wutausbruch in die Arme genommen hatte, war da mehr als professionelle Fürsorge gewesen. Eine Innigkeit, eine Wärme, die darüber hinausging.

Okay, sie hatte seinem Hund das Leben gerettet.

Zoe versuchte, die Ereignisse des Abends in eine sachliche Abfolge zu bringen.

Krankenschwester rettet Doktors Hund, Krankenschwester wütend auf Doktor wegen armem Hund am Strand, Krankenschwester ohrfeigt Doktor, Doktor umarmt Krankenschwester.

Das passte irgendwie nicht.

„Normalerweise bin ich ganz vernünftig“, sagte sie, als er vor einem Lebensmittelgeschäft hielt.

„Ich auch.“ Er grinste. „Meistens jedenfalls. Was für Milch?“

„Weiße.“

Makellose Zähne blitzten in dem markanten, sonnengebräunten Gesicht auf, als Sam auflachte. „Was? Keine nicht pasteurisierte, fettarme, kalziumreiche, laktosefreie …?“

„Weiß muss sie sein. Das genügt.“

Er lachte leise vor sich hin und stieg aus. Zoe blickte ihm nach. Schlank, athletisch gebaut, muskulöse Beine, Surfershorts, T-Shirt und salzverkrustetes Haar – der Mann war ein Surfer, wie er im Buche stand.

Pin-up-Material, dachte sie. Genau der Typ, von dem sie sich mit fünfzehn ein Poster übers Bett gehängt hätte.

Damals waren die Wände ihres Mädchenzimmers mit solchen Bildern gepflastert. Wenn sie ins Krankenhaus musste, packten ihre Eltern eine Pinnwand mit ihren geliebten Surfbildern ein, damit sie sich wie zu Hause fühlte. Und dann lag sie in einem fremden Bett, in steriler Krankenhausatmosphäre, betrachtete die Aufnahmen und begann zu träumen. Von Sonne, Meer und Freiheit …

Sam kam zurück, und sie schob die wehmütigen Erinnerungen beiseite.

„Meine Handtasche ist noch in meinem Wagen!“, fiel ihr plötzlich siedend heiß ein.

„Ich kümmere mich darum“, versprach er. „Sie bekommen sie noch heute Abend.“

Natürlich. Er kümmert sich.

Das gefiel ihr gar nicht. Dass andere ihre Angelegenheiten erledigten …

Aber wegen der Handtasche und um ihre Milch zu bezahlen, einen Streit vom Zaun brechen? Mach dich nicht lächerlich!

Zoe fügte sich und ließ sich die kurze Strecke zum Krankenhausparkplatz fahren.

Sam hielt in einer Parkbucht, die mit einem Schild gekennzeichnet war.

Sam Webster, Chirurg

Pädiatrische Kardiologie

Also er war Chirurg. Und Pädiatrische Kardiologie? Alle Achtung. Zoe warf ihm einen verstohlenen Blick zu und dachte an die hoch spezialisierten Chirurgen, mit denen sie bisher zusammengearbeitet hatte. Das Bild wollte nicht recht zu dem umwerfenden Surferboy neben ihr passen.

„Ich ziehe mich noch um“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen, und fügte belustigt hinzu: „Es gehört zu meinen eisernen Regeln, nicht in Surfershorts Visite zu machen. Hey, Callie!“

Am Steuer des Wagens, der auf den Parkplatz gefahren war, saß eine Frau. Dr. Callie Richards, Neonatologin. Zoe war ihr schon begegnet und stark beeindruckt gewesen. ­Callie mochte fünf Jahre älter sein als sie, aber in medizinischer Erfahrung trennten sie Welten voneinander. Und an Lebenserfahrung auch. Eine kluge Frau, selbstbewusst, freundlich distanziert – genau die Sorte Kollegin, der man nicht begegnen wollte, wenn, nun ja, wenn man so aussah wie Zoe in diesem Moment.

Sam jedoch winkte sie zu sich. „Hast du ein paar Minuten, Callie?“, rief er ihr zu. „Wir haben schwierige Stunden hinter uns. Bonnie wurde angefahren.“

„Bonnie!“ Ihrer entsetzten Miene nach zu urteilen, kannte sie die Hündin gut. Zoe vermutete, dass Bonnie mit ihren treuen braunen Augen im Krankenhaus viele Freunde hatte.

„Sie kommt wohl durch“, versicherte Sam schnell. „Aber sie ist noch beim Tierarzt, und ich muss zurück. Das ist Zoe.“ Fragend blickte er sie an. „Zoe …?“

„Payne.“

„Ich kenne Zoe.“ Callie lächelte sie an. „Neu hier, seit einer Woche bei uns. Aus Adelaide, stimmt’s?“

Zoe war beeindruckt. Sie waren sich nur kurz auf der Station begegnet. Aber Callie schien sich an alles zu erinnern.

„Und hat schon ihre Feuertaufe hinter sich“, meinte Sam grimmig. „Ich war draußen auf dem Meer, als der Unfall passierte. Zoe hat Bonnie das Leben gerettet. Wir haben zwei Stunden operiert, und Zoe war einfach großartig. Aber sie ist voller Blut und hat so etwas wie einen verspäteten Schock. Ich möchte sie nicht allein lassen, doch ich muss …“

„Zu Bonnie, natürlich.“ Mühelos übernahm Callie die Fürsorge. „Fahr nur, Sam, ich kümmere mich um Zoe.“

„Das ist nicht nö…“

„Lassen Sie ihn gehen, das können wir auch zu zweit klären.“

Wieder einmal riss sich Zoe zusammen und lächelte resigniert. Während sie ausstieg, drückte Sam Callie die Milchflasche in die Hand. Dann winkte er flüchtig und fuhr vom Gelände.

Callie nahm sie unter ihre Fittiche, Widerspruch war zwecklos. Sie schob Zoe in den Fahrstuhl, und als der im ersten Stock hielt, weil zwei Krankenschwestern zusteigen wollten, hob sie die Hand.

„Wegen Reinigungsarbeiten geschlossen“, sagte sie munter und deutete auf Zoe. „Sollte er zumindest. Nehmen Sie den nächsten, meine Damen.“

Die Türen glitten zu, und Zoe war mit der Ärztin wieder allein.

Vor ihrer Wohnungstür stellte sie fest, dass der Schlüssel ja in ihrer Handtasche lag. Für Callie kein Problem. Ein Anruf brachte den Hausmeister auf den Plan. Der Mann stellte keine Fragen und schloss ihnen einfach auf.

Dr. Callie Richards hatte etwas an sich, das Fragen ausschloss.

Oder Diskussionen. Zoe gab es endgültig auf, ließ sich ins Bad führen, stand geschlagene zehn Minuten unter der Dusche und verließ es wieder, in einen Bademantel gehüllt und himmlisch sauber.

Auf dem Küchentresen standen zwei Teller mit Rührei und Toast, daneben zwei dampfende Tassen Tee. Callie saß davor, als sei es das Normalste der Welt. Wie eine Mitbewohnerin, die mit Kochen dran war.

„Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen“, sagte sie. „Aber ich sterbe vor Hunger, und in meinem Kühlschrank herrscht gähnende Leere. Ich wollte mir eine Pizza bestellen, doch Sie haben hier genug für zwei.“

Zoe lächelte und schwang sich auf einen Stuhl. Der Toast duftete verlockend. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, wie hungrig sie war.

Schweigend aßen sie, bis die Teller leer geputzt waren. Zoe umschloss ihre Teetasse mit beiden Händen, genoss die Wärme und konnte einigermaßen entspannt antworten, als Callie anfing, ihr Fragen zu stellen.

„Wie geht es Bonnie?“, war das Erste, was sie wissen wollte.

„Ein Hinterlauf und zwei Rippen gebrochen, dazu einige Verletzungen, aber Doug – der Tierarzt – meint, dass sie es schaffen wird.“

„Gott sei Dank! Dem Krankenhaus würde es das kollektive Herz brechen, wenn sie nicht überlebt. Von Sam gar nicht zu reden. Die beiden sind unzertrennlich.“

„Er hat sie am Strand gelassen, während er surfte.“ Zoe versuchte, nicht allzu vorwurfsvoll zu klingen. „Ein Strandbuggy hat sie angefahren.“

„Oh, Mist. Aber der Strand ist doch für Fahrzeuge gesperrt.“

„Sie wissen, wo wir waren?“

„Sam surft immer am selben Strand beim Seaway. Tolle Brandung, Hunde müssen nicht an die Leine. Für Bonnie ist das der sicherste Platz.“

„Er hätte sie nicht allein lassen sollen“, beharrte Zoe, doch Callie zuckte nur mit den Schultern und schenkte Tee nach.

„Okay, ich erzähle Ihnen was“, meinte sie schließlich. „Sie müssen sowieso mehr über dieses Krankenhaus erfahren. Hier weiß jeder alles über jeden. Falls Sie etwas für sich behalten wollen, vergessen Sie’s. Normalerweise beteilige ich mich nicht am Gerede und trage Privates grundsätzlich nicht weiter, aber Sie haben sich heute ein paar Hintergrundinformationen verdient.“

Sie machte eine kurze Pause. „Bonnie hat Sams Verlobter gehört. Nach allem, was ich gehört habe, soll Emily ungestüm, temperamentvoll und sehr risikofreudig gewesen sein. Abend für Abend war sie draußen auf dem Meer, surfte mit Begeisterung genau wie Sam. Und sie nahm Bonnie mit. Sam hätte die Hündin lieber von Anfang darauf abgerichtet, dass sie im Wagen wartete, während die beiden surften. Aber Bonnie war Emilys Hund, und Emily hat einfach anders entschieden.“

Sie lächelte wehmütig. „Inzwischen ist Bonnie in die Jahre gekommen, doch sie liebt nichts mehr, als in der Abenddämmerung im Sand zu liegen und auf Sam zu warten. Wenn er sie zu Hause oder im Wagen ließe, würde sie heulen, als wollte jemand sie massakrieren. Nach Emilys Tod hat sie monatelang geheult, und da hat Sam beschlossen, dass er ihr die Stunden am Strand nicht auch noch wegnehmen kann.“

„Was ist mit Emily passiert?“

„Ihre Sorglosigkeit hat sie das Leben gekostet. Sam würde es nie zugeben, aber so ist es. Sie waren zum Surfen gefahren, doch die Brandung war gefährlich, mit Wellen, die sich steil und zu nah am Strand brachen. Sam wusste es und Emily auch. Trotzdem ist sie rausgegangen. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, zog sie es durch. Emily war jung, attraktiv und intelligent – und sie hat jeden um den Finger gewickelt.“

„Sam ist nicht mitgegangen?“

„An dem Abend hatten sie sich gestritten, und er ist mit Bonnie den Strand entlanggelaufen, um Dampf abzulassen. Emily nahm ihr Brett und stürzte sich in die Fluten. Gegen die Kräfte der Brandung hatte sie keine Chance. Sie wurde umgerissen und hat sich das Genick gebrochen. Bis heute macht sich Sam Vorwürfe, dass er sie nicht mit Gewalt vom Strand weggezerrt hat. Aber das hätte er wahrscheinlich genauso wenig geschafft, wie ­Bonnie klarzumachen, dass sie nicht allein am Strand bleiben darf.“

„Oh“, sagte Zoe leise.

Callie warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „Lassen Sie mich raten – Sie haben Sam die Leviten gelesen?“

„Schon … möglich.“

„Und die Rötung auf seiner linken Wange? Das sah verdächtig nach Fingerspuren aus.“

Zoe hatte das Gefühl, von den Zehenspitzen bis in die Haarwurzeln rot anzulaufen.

„Das vergeht wieder.“ Callie schien sich sehr zu amüsieren. „Wenn der Abdruck der Finger noch zu sehen ist, gibt es keine blauen Flecken. Ich sage es auch nicht weiter, versprochen.“

„Woher wissen Sie das mit den blauen Flecken?“, brachte Zoe hervor.

Callies Lächeln erlosch, eine unbehagliche Pause entstand. Schließlich zuckte die Ärztin mit den Schultern. „Ich habe eine Zeit lang in einem Frauenhaus gearbeitet“, antwortete sie in einem Ton, der jede Nachfrage von vornherein abwehrte. „Musste selbst über einen Fehler hinwegkommen. Aber machen Sie sich keine Gedanken. Sie haben Sams Hund das Leben gerettet. Gemessen daran wird es Sam nicht viel ausmachen, wenn jemand ihm ansieht, dass er sich eine Ohrfeige eingefangen hat. Möchten Sie morgen ausschlafen? Ich kann Ihren Dienst tauschen.“

Sie wechselt das Thema, dachte Zoe. Anscheinend verbarg sie etwas hinter der Fassade der attraktiven, tüchtigen Medizinerin, das man auf den ersten Blick nicht vermutete.

So wie hinter Sams Surfer-Image auch mehr steckte.

Plötzlich war Zoe unendlich müde. „Danke, aber morgen bin ich wieder fit. Ich muss nur schlafen.“

„Dann ab ins Bett. Träumen Sie etwas Schönes.“

Gegen Mitternacht war Doug mit Bonnies Zustand so weit zufrieden, dass er Sam nach Hause schickte.

„Ich sehe stündlich nach ihr. Meinen Schlaf kann ich morgen nachholen, wenn mich der Kollege ablöst. Aber Sie müssen morgen vermutlich zum Dienst. Also ab mit Ihnen.“

Bonnie war mit Medikamenten ruhiggestellt und schlief tief und fest. Sam kraulte sie hinter den Ohren, doch sie rührte sich nicht.

Doug hatte recht.

Sam verließ die Praxis. Zoes Wagen stand immer noch vor dem Eingang, nur hatte Doug inzwischen die Türen geschlossen und verriegelt.

Während Sam versuchte, den Motor zu starten, kam der Tierarzt nach draußen, um zu sehen, ob er Hilfe brauchte.

„Sie ist mit der Karre von Adelaide bis hierher gefahren“, meinte Sam. „Wie hat sie das nur geschafft?“

„Blindes Vertrauen“, meinte Doug. „Vielleicht hat sie auf einem Schrottplatz noch Geld dafür bekommen, dass sie das Ding wegschafft.“

Die Klapperkiste sah aus, als würde sie jeden Moment auseinanderfallen. Bei dem früher einmal blauen Kleinwagen waren Kotflügel und Türen ersetzt worden, die anscheinend gerade zur Hand gewesen waren. Einige Stellen waren mit leuchtend orangerotem Antirostmittel gestrichen. Manche sahen aus, als hätte jemand sie mit dem Schmiedehammer bearbeitet.

Als der Motor nach geschlagenen drei Minuten endlich ansprang, hörte er sich an wie ein erkältetes Kamel.

„Vorn klebt eine TÜV-Plakette drauf“, sagte Doug. „Wahrscheinlich braucht Zoe die, weil sie ständig von der Polizei angehalten wird.“ Er grinste. „Egal, mit dem Ding hat sie Ihren Hund hergeschafft. Sie und der Wagen haben eine Medaille verdient.“

„Ja“, antwortete Sam geistesabwesend. „Ich kümmere mich darum.“

Nachdem er Zoes Auto hinterm Haus abgestellt hatte, wünschte er Doug eine gute Nacht. Morgen war Freitag, ein normaler Arbeitstag. In acht Stunden musste Sam auf der Station sein.

Zoe in sechs.

Zoe …

Statt nach Hause zu fahren, machte er sich auf den Weg in die entgegengesetzte Richtung. Dorthin, wohin er immer fuhr, wenn er einen klaren Kopf bekommen wollte.

Der Strand war menschenleer. Am wolkenlosen Himmel hing silbrig schimmernd der Vollmond. Sein Surfbrett lag noch da, wo er es vor Stunden fallen gelassen hatte. Gut, dass vorhin die Ebbe eingesetzt hatte. Andererseits, dachte er, ist es ein Wunder, dass Bonnie noch lebt. Ein Surfbrett wäre ein geringer Preis dafür gewesen.

Die Kerle im Strandbuggy dagegen würden bezahlen für das, was sie getan hatten. Doug hatte die Polizei bereits verständigt, nachdem Zoe ihm das Logo der Mietwagenfirma beschrieben und sogar einen Teil des Nummernschilds erinnert hatte.

Zoe …

Der Wunsch, sie zu belohnen, ihr etwas zu schenken, ließ ihn nicht los. Und was war an ihr, dass sie ihm so naheging?

Sie hat deinen Hund gerettet. Das macht jeden zu etwas Besonderem.

Und doch gingen seine Gedanken verbotene Wege. Sam holte sie zurück. Er war allein, und er wollte es bleiben. Eine katastrophale Beziehung war genug. Er hatte Emily geliebt und war doch nicht in der Lage gewesen, sie zu beschützen. Deshalb war sie gestorben, und Sam blieb zurück, am Boden zerstört, einsam und voller Schuldgefühle.

Die Erinnerung an jenen Abend wurde wieder lebendig. So deutlich, als wäre es gestern gewesen. Emily hatte einen anstrengenden Tag auf der Station hinter sich gehabt und fand zu Hause einen Brief vor, in dem eine Beförderung abgelehnt wurde. Ihre Laune war denkbar schlecht, als sie zum Strand aufbrachen. Es war stürmisch, die Wellen waren unberechenbar. Sam schlug vor, statt wie gewohnt zu surfen, nur in Strandnähe eine Runde zu schwimmen. Aber Emily hatte wie immer ihren eigenen Kopf.

„Okay, die Brandung ist nicht ohne, aber wir sind keine Anfänger, Sam“, sagte sie in dem eigensinnigen Ton, den er nur zu gut kannte. „Wir wissen, welche Wellen wir auslassen müssen. Für heute habe ich genug davon, dass mir Leute sagen, was ich tun soll und was nicht. Komm mit surfen, oder lass es bleiben. Deine Entscheidung.“

Sam beschloss, am Strand zu bleiben. Er war sauer. Seit einiger Zeit hatte er immer öfter die Nase voll von ihren Stimmungsschwankungen und wie Emily darauf beharrte, dass alles nach ihrem Willen ging.

Er beobachtete sie eine Weile, aber sie schwamm weit raus, um auf die perfekte Welle zu warten. Also unternahm er mit Bonnie einen Spaziergang, um sich die Wartezeit zu vertreiben.

Sie kehrten gerade zurück, als Emily anscheinend die Geduld verloren und sich eine Welle ausgesucht hatte, von der sie wissen musste, dass sie gefährlich war.

Sam erinnerte sich, dass er aus voller Kehle gebrüllt hatte. Daran, wie Emily auf dem Wellenkamm ritt und zu ihm hinüberblickte. Sie winkte. Triumphierend, wie ihm schien.

Und dann verschlang die Welle sie, wirbelte sie herum und schleuderte sie auf die Sandbank, mit einer Wucht, die ihm heute noch ein Frösteln über die Haut jagte.

Genug davon. Denk nicht daran. Das war vor fünf Jahren gewesen. Allmählich sollte die Erinnerung verblassen. Warum kam sie ihm ausgerechnet heute Abend in den Sinn?

Weil er Zoe begegnet war?

Lächerlich. Sie war eine Frau, mehr nicht. Die Hälfte seiner Kollegen waren Frauen. Er hatte seine Mutter, seine Schwestern. Alle gehörten zu seinem Leben dazu, doch sie beschäftigten ihn nicht so wie Zoe.

Vielleicht lag es daran, dass er ihr etwas schuldig war, und zwar eine ganze Menge. Sam Webster hatte nicht gern Schulden.

Ihr Auto ist nur noch Schrott.

Ausgezeichnet! Sam hatte eine Idee, wie er sich erkenntlich zeigen konnte. Damit dürfte die Sache erledigt sein.

Dann würde er nicht mehr ständig an Zoe Payne denken.

Zoe schlief unruhig, immer wieder unterbrochen von Träumen, in den Strandbuggys vorkamen und Blutlachen im Sand und Sams entsetztes Gesicht.

Doch am nächsten Morgen war sie einigermaßen ausgeruht, um ihren Dienst antreten zu können. Fröhlich betrat sie die Station – und wurde wie ein Star begrüßt!

In der knappen Woche, die sie nun hier arbeitete, waren ihre neuen Kolleginnen und Kollegen zwar freundlich, aber zurückhaltend gewesen. Heute jedoch strahlte die Stationssekretärin sie an, als würde sie ihr am liebsten um den Hals fallen.

„Das ist sie ja. Zoe, die Lebensretterin. Sie haben unsere ­Bonnie gerettet!“

„Unsere Bonnie?“, wiederholte sie matt.

„Jeder in diesem Krankenhaus liebt Bonnie“, erklärte Ros. „Wenn sie nicht mit Sam am Strand ist, macht sie Patienten glücklich. Wir setzen sie als Begleithund vor allem bei älteren Menschen oder ängstlichen Kindern ein. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele Patienten sie schon beruhigt oder getröstet hat. Und diese Chaoten hätten sie beinahe umgebracht.“

Das Lächeln war verschwunden. „Aber anscheinend hat die Polizei sie inzwischen erwischt. Und vor einer halben Stunde hat der Tierarzt angerufen, dass Bonnie auf dem Weg der Besserung ist. Ach ja, und Sam lässt Ihnen ausrichten, dass Ihre Handtasche unten in der Verwaltung im Safe liegt. Sie können sie sich nach Dienstschluss abholen. Bonnie hatte ein Wahnsinnsglück, dass Sie an Ort und Stelle waren!“

„Ich bin froh, dass ich helfen konnte“, antwortete Zoe verlegen und eilte weiter zur Dienstübergabe. Auch dort wurde sie mit Glückwünschen und Dankesworten überhäuft.

Das ging den ganzen Tag so weiter. Bei Dienstschluss war sie müde und erschöpft, doch sie hatte das Gefühl, dass jeder im Krankenhaus auf einmal ihr bester Freund war.

Um drei hatte sie Feierabend. Juhu, Freitag! Vor ihr lag das Wochenende. Trotz ihrer Müdigkeit war sie voller Unternehmenslust. Ihr erstes Wochenende hier in Gold Coast. Freie Zeit für sich allein!

Es fühlte sich fantastisch an.

Zoe fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten zur Verwaltung, um ihre Handtasche abzuholen. Vergnügt summte sie vor sich hin. Der gestrige Abend mochte schrecklich gewesen sein, aber heute sah alles schon viel rosiger aus.

Sie hatte nicht übel Lust, Dean anzurufen und ihm etwas vorzuschwärmen. Nein, das ist kindisch! Zoe lächelte vor sich hin.

In dem Moment hielt der Lift, die Türen öffneten sich – und am Empfang wartete Sam Webster auf sie.

Der kaum wiederzuerkennen war.

Gestern Abend hatte er von Kopf bis Fuß wie ein Surfer ausgesehen. Heute war er von Kopf bis Fuß Kardiologe.

Unter dem weißen Kittel trug er einen eleganten Anzug. Bestimmt maßgeschneidert, italienisch. Was weißt du schon von italienischen Anzügen? dachte sie. Aber er saß perfekt. Dazu trug Sam ein weißes Hemd, das bestimmt nicht für ein paar Dollar zu haben war. Der einzige Hinweis darauf, dass er mit Kindern zu tun hatte, war die Krawatte: blaue Seide, mit Elefanten bestickt.

Schon sein Anblick würde besorgte Eltern beruhigen. Bei diesem Mann war ihr Kind in den besten Händen – fachlich und menschlich.

Ja, er sah aus wie der Beste.

Peinlich berührt merkte Zoe, dass sie ihn anstarrte. Sie brachte ein Lächeln zustande und ging auf ihn zu. Dabei versuchte sie nicht daran zu denken, dass sie einen langweiligen Schwesternkittel mit schlichter Hose trug, ihr Haar zu einem praktischen Knoten zusammengebunden war und sie sicher aussah, wie man nach einem langen, anstrengenden Dienst eben aussah.

„Hi“, brachte sie heraus. „Ich habe gehört, dass es Bonnie besser geht. Eigentlich von jedem. Mir war nicht klar, dass sie hier eine Berühmtheit ist.“

„Sie hat gute Freunde.“ Sam lächelte, und ihr Herz machte einen kleinen Satz. „Letzte Nacht hat sie eine sehr gute Freundin dazugewonnen. Callie hatte mir gesagt, dass Sie um drei Dienstschluss haben. Ich wollte sichergehen, dass Sie Ihre Handtasche bekommen.“

„Ich will sie gerade holen.“ Eine überflüssige Bemerkung, doch Zoe fiel nichts anderes ein. Unwillkürlich glitt ihr Blick zu seiner Wange.

Er bemerkte es. „Es tut nicht weh“, meinte er und grinste.

Zoe wurde rot. „Tut mir leid.“

„Dass es nicht wehtut?“

„Natürlich nicht.“ Sie straffte die Schultern. Wenn er sie necken wollte …

„Ich habe das mit Ihrem Wagen geregelt“, erklärte er. Das Lächeln schwand, aber das übermütige Funkeln in seinen Augen blieb. „Kommen Sie, sehen Sie ihn sich an.“

„Er steht nicht mehr beim Tierarzt?“

„Das war ja wohl das Mindeste, dass ich ihn herbringe. Holen Sie Ihre Tasche, und ich zeige Ihnen, wo er steht.“

Als sie immer noch zögerte, wandte er sich lächelnd an die Verwaltungsangestellte hinter dem Tresen. Die hatte jedes Wort mitbekommen und reichte ihm jetzt Zoes Handtasche.

Ehe Zoe wusste, wie ihr geschah, führte er sie nach draußen zum Parkplatz. Sie fing Blicke auf, sah, wie die Leute Sam anlächelten und sie auch, als gehörte sie zu ihm. Es war ein seltsames Gefühl. Vor allem weil er atemberaubend aussah und sie … nun ja, ihre wenig schmeichelhafte Schwesternkleidung anhatte.

„Sie hätten sich nicht um meinen Wagen kümmern müssen“, sagte sie, während sie über den Parkplatz gingen. „Wie haben Sie das so schnell geschafft?“

„Was tun Sie, wenn Sie kein einziges sauberes Hemd im Schrank haben, weil alle in der Wäsche sind – aber dringend eins brauchen?“

„Ich …“ Oh, oh. Er meinte nicht das, was sie vermutete, oder?

„Sie kaufen ein neues“, erklärte er und bestätigte ihre wahnwitzige Vermutung mit vier kurzen Worten. „Oder in Ihrem Fall ein gutes gebrauchtes, weil Sie ein nagelneues bestimmt nicht angenommen hätten.“ Sam blieb stehen und zeigte auf ein gepflegtes weißes Auto. Es war das gleiche Modell wie ihrs, nur an die zwanzig Jahre jünger. Und mindestens hundert Jahre weniger zerbeult.

„Der Wagen ist zwei Jahre alt und hat einer alten Dame gehört, die damit nur sonntags in die Kirche gefahren ist. Der Sohn des Händlers wurde mit einem Herzklappenfehler geboren, und ich sehe ihn regelmäßig zu Routineuntersuchungen. Seit der Operation geht es ihm blendend, und Dan hat mir versichert, dass dieses Auto fast so gut funktioniert wie das Herz seines Jungen.“

„Sie haben mir ein Auto gekauft?“

„Ich habe Ihnen zu danken“, sagte er sanft. „Ohne Sie würde meine Hündin nicht mehr leben. Gestern konnten Doug und ich nur mit Mühe den Motor starten, und wir waren uns einig, dass die Reinigung der Sitze mehr kosten wird, als Sie für das Auto bekommen würden, wenn Sie es verkaufen. Ich bin Chirurg, ich verdiene gut. Ich bin nicht verheiratet und habe keine Kinder. Bonnie ist alles, was ich habe, und dass ich sie noch habe, verdanke ich Ihnen. Diesen Wagen kann ich mir ohne Weiteres leisten, und ich hoffe, Sie übernehmen ihn gern.“

Zoe starrte den Wagen an. Ein hübsches weißes, sauberes Auto. Es sah verlässlich aus.

Sie dachte an die abenteuerliche Fahrt von Adelaide bis hierher. Daran, wie oft sie angehalten und das Reparaturhandbuch studiert hatte. Oder den Freund ihrer Schwester angerufen hatte, damit er ihr weiterhalf.

Wieder blickte sie den weißen Wagen an. Warum sollte sie ihn nicht nehmen? Der Mann konnte sich das leisten, und sie hatte seinen Hund gerettet. Sie selbst bräuchte Jahre, um sich so ein Auto zusammenzusparen.

Doch dann gewann ihr Stolz die Oberhand. „Ihr Angebot ist sehr großzügig, aber ich kann es nicht annehmen. Ich möchte nicht in Ihrer Schuld stehen, und …“

„Ich auch nicht in Ihrer“, unterbrach er sie matt.

„Was ich getan habe, habe ich für Ihren Hund getan, nicht für Sie. Außerdem ist es wirklich übertrieben. Wenn Sie mir die Reinigung bezahlen, ist das okay, aber gleich einen neuen Wagen kaufen?“

„Er ist nicht neu.“

„Mag sein, ich kann ihn trotzdem nicht annehmen.“

Zoe holte tief Luft. Natürlich fühlte er sich verpflichtet. Natürlich konnte er mit seinem Chefarztgehalt locker so ein Auto verschenken. Doch sosehr sie verstand, wie ihm zumute war, ihre Unabhängigkeit war ihr wichtiger.

Sie erinnerte sich an das wundervolle Gefühl, als sie sich zum ersten Mal hinter das Steuer ihres ramponierten Wagens gesetzt hatte. Eine Schrottkiste, aber ihre eigene. Dieses Gefühl war unbezahlbar, und sie wollte es auf keinen Fall aufgeben, damit Dr. Sam Webster sich besser fühlte.

„Ich liebe mein kleines Auto“, sagte sie.

„Das Ding ist eine tickende Zeitbombe.“

Eine Ohrfeige war genug – und unverzeihlich gewesen. Trotzdem juckte es ihr wieder in den Fingern. Andererseits hatte er vollkommen recht. Das kleine Auto konnte jederzeit in seine Einzelteile zerfallen, in Flammen aufgehen, was auch immer.

Er hat sich meinetwegen eine Menge Umstände gemacht, dachte sie. Vielleicht sollte ich ihm erklären, wie viel mir diese Zeitbombe bedeutet. „Ich hatte nicht viel Geld – und mit meiner Unabhängigkeit war es nicht anders. Dieser Wagen ist die erste große Sache, die allein mir gehört. Ich weiß, es ist eine alte Klapperkiste, aber ich hatte es mir genau überlegt, als ich sie kaufte.“

Sam sah sie an, wartete, dass sie weitersprach.

„Meine Schwester Susy ist mit einem Automechaniker zusammen. Ich habe Tony überredet, mir etwas über Autos beizubringen. Dabei habe ich eine Menge gelernt. Ich habe ein Reparaturhandbuch und die tollsten Werkzeuge. Und ich bin stolz darauf, dass ich meinen kleinen Wagen in Schuss halten kann.“ Sie holte noch einmal tief Luft. „Sie ahnen nicht, wie sehr.“

„Ist es wegen der Nierentransplantation?“

Die Welt stand plötzlich still.

Nierentransplantation. Wie eingefroren hing das Wort in der Luft.

Er weiß Bescheid, war der erste klare Gedanke, den sie fassen konnte. Aber es soll doch niemand davon wissen!

Ein neues Leben – das war ihr Traum gewesen, seit sie mit acht Jahren völlig elend von der Schule nach Hause gekommen war. Von einem Tag auf den anderen wurde sie zur Nierenpatientin, einer Invaliden, die von ihren Eltern, ihren Geschwistern, von Lehrern, Ärzten und Krankenschwestern in Watte gepackt wurde. Watte, in der sie manchmal zu ersticken drohte.

Schließlich versagten ihre Nieren. Dazu das zermürbende Warten auf eine Organspende. Als es endlich so weit war, schlug die Transplantation fehl. Ihre Eltern, die bisher nie den Mut aufgegeben hatten, glaubten, dass sie sterben würde.

Doch Zoe gab die Hoffnung nicht auf, während ihre beiden Schwestern und ihr Bruder erwachsen wurden und die Kinder, die sie in kurzen Phasen der Schulzeit kennengelernt hatte, ein völlig normales Leben führten. Mit Erkältungen, die sie nicht sofort ins Krankenhaus brachten, ohne den Kokon aus höchster Fürsorge und panischer Sorge.

Dann geschah das Wunder. Nach der zweiten Transplantation ging alles gut, ihr Körper stieß das fremde Organ nicht ab.

„Sie haben Ihr ganzes Leben noch vor sich“, hatte ihr Chirurg bei der letzten Kontrolluntersuchung gesagt. „Karriere, Kinder – die Welt wartet auf Sie, tun Sie, was Sie möchten. Gehen Sie Ihren Weg.“

Ausgeschlossen. Ihre Eltern drehten halb durch, wenn sie nur kurz hustete. Ihre Geschwister behandelten sie, als wäre sie aus Glas. Und für Dean war sie immer noch jemand, den er bis in alle Ewigkeit beschützen musste.

All das ging ihr durch den Kopf, während sie Sam anstarrte und dachte: Woher weiß er davon?

Sie war extra nach Queensland gekommen, weil sie hier mit Sicherheit niemand kennen würde. Damit sie ein neues und endlich normales Leben führen konnte.

Ihr Wagen gehörte auch dazu. Da ihre Eltern praktisch alles, was sie besaßen, mit einer Hypothek belegt hatten, um die Operationen, Arzthonorare und Krankenhausaufenthalte ihrer Tochter bezahlen zu können, hatte sie um nichts gebeten. Erwachsene kauften sich ihr Auto selbst, und sie war erwachsen. Auf niemanden angewiesen.

Ich bin nicht mehr nierenkrank!

„Entschuldigen Sie.“ Sam schien ihre Miene richtig zu deuten. „Aber Doug und ich hatten gestern Abend die Narbe bemerkt, und da habe ich mir natürlich Ihre Arme angesehen.“

Natürlich.

Dabei war sie so vorsichtig. Trug langärmelige Tops, damit die vernarbten Stellen von der jahrelangen Dialyse nicht zu sehen waren. Und ihre Narbe hätte sie freiwillig niemals gezeigt. All das war vergessen, als sie vor einem sterbenden Hund kniete. Sie hatte ihre Bluse ausgezogen, um ihn zu retten. Jetzt zahlte sie dafür.

„Mir geht es gut“, brachte sie hervor.

„Das weiß ich. Aber was wollen Sie mit diesem dummen Stolz beweisen? Dass Sie unabhängig sind?“

„Kann sein“, erwiderte sie verstimmt. „Ich habe mir das Auto von meinem eigenen Geld gekauft. Nach all den Jahren, in denen ich tagtäglich Hilfe brauchte, fühlte sich das unbeschreiblich gut an. Mein Wagen ist alt und klapprig, doch er gehört mir. Sie haben ihn hoffentlich nicht zum Schrottplatz gebracht.“

„Das würde ich ohne Ihre Erlaubnis niemals wagen.“

„Gut. Ich möchte mein Auto haben.“

Zoe sah ihn an, und das folgende Schweigen war wie ein stummer Kampf mit Blicken. Schließlich nickte Sam, lächelte sogar verhalten. „Verstehe“, sagte er. „Einigermaßen jedenfalls.“

„Heißt das, Sie halten mich immer noch für dumm?“

„Ich meine, dass Sie einem geschenkten Gaul ins Maul schauen.“

„Einem sehr eleganten Gaul“, entfuhr es ihr, bevor sie die Worte zurückhalten konnte.

„Elegant?“ Das klang irritiert.

„Ihr Anzug ist sehr schick.“

„Danke.“

„Gern geschehen. Wie komme ich jetzt an mein Auto?“

„Ich möchte es erst reinigen lassen.“

„Das dürfen Sie.“

„Wie großzügig von Ihnen.“

„Entschuldigung.“ Zoe lächelte. „Sie haben es gut gemeint, und dafür danke ich Ihnen.“

„Ich möchte mehr für Sie tun, als nur Ihren Wagen säubern zu lassen.“

„Das können Sie. Erzählen Sie niemandem von der Nierentransplantation.“

„Versprochen. Verraten Sie mir, wie lange das jetzt her ist?“

„Drei Jahre.“

„Ich hatte den Eindruck, dass Ihre Patientengeschichte sehr viel länger gedauert hat.“

Sie seufzte leise. Eigentlich wollte sie nicht darüber reden. Aber sie hatte diesen Mann schon genug vor den Kopf gestoßen.

„Mit acht hatte ich eine Infektion, und danach ging es bergab mit mir“, erklärte sie. „Als ich fünfzehn war, bekam ich eine neue Niere, doch es gab Komplikationen. Erst nach der zweiten Transplantation ging es mir besser. Für mich war es ein großer, unglaublicher Erfolg. Die Ärzte haben mir gesagt, dass ich geheilt bin. Ich habe mein ganzes Leben noch vor mir und bin entschlossen, jede einzelne Minute zu genießen. Endlich kann ich so vieles tun, wovon ich immer geträumt habe …“

Aber ihm ging es nicht um Träume. „Drei Jahre …“, meinte er nachdenklich. „Wann haben Sie die Schwesternausbildung absolviert?“

Zoe zuckte innerlich zusammen. Für ihn war sie immer noch die Nierenpatientin. Aber sie merkte auch, dass er nicht nur aus Neugier nachfragte, sondern aus freundlicher Anteilnahme und nicht zuletzt aus ärztlichem Interesse.

Er ist wirklich nett, dachte sie. Und er sieht umwerfend aus. Welche Frau wäre so blöd, es sich mit ihm zu verscherzen?

„Eine gefühlte Ewigkeit lang“, antwortete sie. „Ich habe sieben Jahre gebraucht, musste wegen der Krankheit immer wieder Pause machen. In den letzten zwei Jahren ging es mir jedoch so gut, dass ich Vollzeit gearbeitet habe. Ich bin gesund, ein normaler Mensch, und so möchte ich auch behandelt werden.“ Zoe lächelte schief. „Jetzt wissen Sie ein bisschen mehr über mich. Und wo ich herkomme, ist es nicht normal, sich ein Auto schenken zu lassen.“

Sam wurde ernst. „Mein Geschenk hat nichts mit Ihrer Transplantation zu tun. Es geht dabei mehr um mich.“ Er schwieg kurz, als suche er nach den richtigen Worten. „Ich bleibe nicht gern etwas schuldig. Also, lassen Sie mich vom Haken. Vielleicht haben Sie ja recht, und das mit dem Auto ist übertrieben. Aber ich möchte mich erkenntlich zeigen. Sie sind gerade erst hier angekommen, da werden Sie doch irgendetwas brauchen. Möbel für Ihre Wohnung, Einkaufsgutscheine, was auch immer.“

Ihr lag das Nein schon auf der Zunge, aber dann besann sie sich.

Zoe blickte ihn an. Sah ihn richtig an.

Der Mann war Surfer und Chefarzt in einem der besten Krankenhäuser Australiens. So wie er dastand, im Sonnenlicht, schlank, braun gebrannt und fit in seinem teuren Anzug, wirkte er wie jemand, dem die Welt zu Füßen lag.

Der Schein trog. Callie hatte ihr erzählt, dass er seine Verlobte verloren hatte. Zoe hatte genug Zeit auf Dialyse-Stationen verbracht, um bei sich und anderen zu erleben, wie schwer es irgendwann wurde, immer nur zu nehmen. Nie etwas zurückgeben zu können.

Sie konnte nur erahnen, wie viel Mitgefühl, wie viel Anteilnahme, wie viele Hilfeangebote er nach dem Tod seiner Verlobten hatte annehmen müssen. Sie war sicher, dass der gestrige Abend, der Schock, nun auch ihren Hund zu verlieren, ihn in diese Zeit zurückgeworfen hatte. Sam musste etwas geben, um seine Welt ins Lot zu bringen.

Sie werden doch irgendetwas brauchen …

Aber was? Sie spürte die wärmende Sonne auf der Haut, während sie den Mann mit dem sonnengebleichten Haar und den feinen Fältchen an den Augen betrachtete.

„Ich weiß etwas“, sagte sie. „Etwas, womit Sie mir wirklich eine echte Freude machen würden.“

Seine Gesichtszüge entspannten sich, und sie wusste, dass sie recht gehabt hatte. Es war ihm wichtig, ihr zu helfen.

Nun sag schon, dachte sie, musste sich aber noch einen Ruck geben.

„Bringen Sie mir Surfen bei.“

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