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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 68

ALISON ROBERTS

Verbotene Liebe mit Dr. Rodriguez

Ein neuer Anfang am Angel-Mendez-Krankenhaus in New York: Dort will Dr. Alex Rodriguez die heimliche Affäre mit Layla vergessen, die sie beide fast ihre Karrieren gekostet hätte. Doch die Vergangenheit holt ihn ein, als Dr. Layla Woods die neue Chefärztin der Kinderabteilung wird! Beginnt jetzt alles von vorn: Leidenschaft, heiße Küsse – verbotene Liebe?

ABIGAIL GORDON

Küsse, die „Verzeih mir“ sagen

„Goodbye.“ Lauras Herz brach, als sie sich damals von Gabriel trennte. Aber sie konnte nicht länger ertragen, dass sie und die Kinder immer hinter seiner Karriere als Krebsspezialist zurückstecken mussten. Doch nun ist Gabriel wieder da. Laura ahnt nicht, was er plant: Er will beweisen, dass er nie aufgehört hat, seine kleine Familie zu lieben …

JOANNA NEIL

Dr. Herzensbrecher kehrt zurück

Ganz dicht steht Katie neben Ross McGregor auf der Fähre, und als sie seinen Körper spürt, schießt ihr das Blut in die Wangen. Auf keinen Fall darf sie sich in diesen Herzensbrecher verlieben – der es auf denselben Job wie sie im Inselkrankenhaus abgesehen hat! Aber ihr größter Rivale ist nicht nur ein fantastischer Arzt, sondern leider auch als Mann unwiderstehlich …

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Verbotene Liebe mit Dr. Rodriguez

DAS TEAM:  
Dr. Layla Woods Leitende Chefärztin der Pädiatrie
Dr. Alex Rodriguez Leitender Chefarzt der pädiatrischen Neurochirurgie
Dr. Ryan O’Doherty sein Stellvertreter
Dr. Tyler Donaldson Kinderarzt
Dr. Eleanor Aston Kinderärztin
   
Dr. Cade Coleman Pränatalchirurg
Dr. Brad Davis Chefarzt der Pränatal-Station
Dr. Ann Foster Herzchirurgin
Dr. Jill Anästhesistin
Chloe Davis Kinderkrankenschwester
Gina Onkologieschwester
Monica Laylas Sekretärin
   
PATIENTEN:  
Jamie Kilpatrick  
Liam  
Madeline  
Tommy Jenner  
Felix  
Matthew  
   
UND:  
Ramona Felix’ Mutter
Cody Felix’ Bruder
Callie Richards Alex’ Freundin
Mike Jenner Tommys Vater
Celia Woods Laylas Mutter
Luke Laylas Exmann
Dayna Matthews Mutter
Dr. Jack Carter Laylas Vorgänger
Nina seine Frau
Janey Jacks Adoptivtochter
Blake Jacks Adoptivsohn
Tony Alex’ Tiefvater

1. KAPITEL

„Nein!“

Ein einziges Wort unterstrich den dramatischen Auftritt, als der hochgewachsene Mann in Laylas Büro stürmte und ihr ein Blatt Papier auf den Schreibtisch knallte.

Alex Rodriguez war wütend. Das dichte tintenschwarze Haar war zerzaust, dunkle Augen fixierten Layla zornig.

Sie widerstand dem Drang, aufzustehen. Vielleicht hätte sie sich größer gefühlt, mutiger – oder aber verraten, was Alex nicht wissen sollte: dass er sie verunsicherte. Immer noch.

Beruhigt, dass ihre Hand nicht zitterte, griff sie nach dem Ausdruck. Sie selbst hatte die Mail heute Morgen an alle leitenden Mediziner hier am Angel Mendez Children’s Hospital geschickt.

„Das ist die Tagesordnung für die nächste monatliche Fallbesprechung.“

„Und du hast mich als ersten Redner draufgesetzt.“ Alex verschränkte die Arme vor der muskulösen Brust. „Meine Antwort ist Nein. Ich lehne die Einladung ab.“

„Es ist keine Einladung“, erwiderte sie scharf. „Mit diesem Fall will ich das Treffen eröffnen. Tut mir leid, wenn es dir nicht gefällt, aber es ist dein Patient, Alex. Deshalb präsentierst du den Fall. Ende der Geschichte.“

Ein grimmiges Schnauben war die Antwort, und es sah aus, als wollte der leitende Chefarzt der Neurochirurgie kommentarlos aus dem Zimmer verschwinden. Genauso zornig, wie er gekommen war. Stattdessen blieb er an dem breiten Panoramafenster stehen. Nahm er den grandiosen Blick auf den New Yorker Central Park wahr, über dem sich ein strahlend blauer Oktoberhimmel spannte?

Eine Aussicht, die zu den Vorzügen ihrer Position als neue Leiterin der Pädiatrie in diesem renommierten Kinderkrankenhaus gehörte. Ihr Traumjob – dem vor wenigen Wochen noch das Aus drohte, hätte Alex sich nicht für sie stark gemacht.

„Was zum Teufel hast du vor, Layla?“

Anscheinend war die ärgerliche Frage bis ins Vorzimmer gedrungen, denn keine fünf Sekunden später erschien ihre Sekretärin mit besorgter Miene an der Tür.

Layla lächelte verhalten. „Stellen Sie bitte vorerst keine Anrufe durch, Monica.“

Taktvoll wurde die Tür geschlossen.

„Also?“ Alex wandte sich ihr zu um, und diesmal erhob sich Layla.

Langsam kam sie um ihren Schreibtisch herum und blieb stehen. Sie wagte es nicht, Alex noch näher zu kommen. Weil die gemeinsame Vergangenheit wie eine bedrohliche Warnung zwischen ihnen lag? Eine Büchse der Pandora, die unter allen Umständen geschlossen bleiben musste?

Oder war es vielmehr die Erinnerung an das, was passiert war, als sie Alex unverhofft am Angel’s wiedersah? An den heftigen Streit und den leidenschaftlichen Kuss, der darauf folgte? Das Feuer, das früher zwischen ihnen gebrannt hatte, war längst nicht erloschen. Ein Funke genügte, um es wieder auflodern zu lassen.

Aber das durfte nicht sein.

Ihre Vergangenheit hatte den Job gefährdet, den sie sich immer gewünscht hatte. Wie naiv sie doch gewesen war. Hatte sie wirklich geglaubt, eine gehobene Position annehmen zu können, ohne den Vorfall zu erwähnen, der vor fünf Jahren beinahe Alex’ Karriere zerstört hätte? Ein Vorfall, an dem sie beteiligt gewesen war und für den Alex sich vor Gericht verantworten musste.

Inzwischen war die Gefahr gebannt. Jetzt mussten sie lernen, wie normale Kollegen miteinander umzugehen.

„Ich wollte die Tagesordnung mit dir besprechen“, erklärte sie sachlich. „Aber du hattest keine Zeit, als ich letzte Woche einen Termin vorschlug.“

„Ich war beschäftigt.“

Er konnte sie nicht täuschen. Alex war ihr aus dem Weg gegangen.

Seit jenem Kuss.

Warum machte er dann einen Aufstand wegen der Fallbesprechung? Er hätte Ryan O’Doherty, seinen Stellvertreter, hinschicken können.

„Es ist kein aktueller Fall“, meinte er. „Und der Eingriff war ein Erfolg.“

Eben, dachte sie.

Wozu die Vergangenheit wieder aufwühlen? Die Erinnerung an den kleinen Jungen, dessen Behandlung Alex und sie zusammengeführt hatte? An einen nahezu inoperablen Hirntumor, die winzige Chance, die in einen Fehlschlag mündete? Jamie Kilpatrick war gestorben, und seine Familie hatte Alex angezeigt. Am Ende sprach man ihn von jeder Schuld frei, doch Layla war schon nicht mehr für ihn da gewesen. In der Nacht vor Jamies Operation hatte sie die Affäre beendet.

„Genau deshalb habe ich ihn ausgesucht“, entgegnete sie. „Manchmal ist es gut, einen Triumph zu reflektieren. Und Liams Behandlung war ein Triumph“, betonte sie.

„Es gibt noch andere.“

„Aber keine, die so viele Leute interessiert.“

Der Hirntumor des Neunjährigen war selten und derart kompliziert gewesen, dass sich im ganzen Land kein Chirurg fand, der operiert hätte. Das Angel’s war die letzte Hoffnung der verzweifelten Eltern gewesen. Damit Dr. Rodriguez seine legendären Fähigkeiten einsetzte, um ihrem kleinen Sohn eine Überlebenschance zu geben. Deshalb wäre es auch egal gewesen, ob Ryan darüber berichtet hätte. Hier wusste sowieso jeder, wer der wahre Held war.

„Der Fall wird danach ausgesucht, wie außergewöhnlich er ist“, fuhr sie fort. „Die Geschichte war in aller Munde, und ich habe gehört, dass du darüber einen Artikel in einer der Top-Fachzeitschriften vorbereitest. So etwas baut die Leute auf.“ Ein gutes Gegengewicht zu den niederschmetternden Erlebnissen, die keinem Mediziner hier erspart blieben.

„Hol jemand anders ins Scheinwerferlicht, Layla“, kam die barsche Antwort. „Irgendeiner wird sich fragen, warum du mich ausgesucht hast. Über mich wurde in letzter Zeit viel geredet, und das reicht mir.“ Alex sah sie eindringlich an. „Der Tratsch über den Fall Kilpatrick war schlimm genug. Was ist, wenn die Leute sich auch noch das Maul darüber zerreißen, dass ich damals eine Affäre mit einer verheirateten Frau hatte? Was meinst du, was das für meinen Ruf bedeutet?“

Unter seinem zornigen Blick wäre jeder zusammengezuckt.

Layla drückte die Schultern durch.

„Ich habe mich hier beworben, weil ich einen Neuanfang brauchte“, fügte er hinzu. „Deshalb werde ich es nicht zulassen, dass du meinen Namen in den Schmutz ziehst.“

Was zum …?

Okay, ihr Plan hatte nicht funktioniert. Gerade um den Tratsch zu ersticken, wollte sie Alex Gelegenheit geben, seine Kompetenz zu unterstreichen und sich noch mehr Respekt zu verschaffen.

Dass er ihr jetzt vorwarf, seinen Ruf schädigen zu wollen, brachte sie auf die Palme. „Du bist nicht der Einzige, der am Angel’s einen Neuanfang machen wollte!“, fuhr sie ihn an. „Und du wirst nicht vergessen haben, dass ich diese verheiratete Frau war. Mir liegt genauso wenig daran wie dir, dass das publik wird!“

„Dann bleib weg von mir.“

Layla stieß einen ungläubigen Laut aus. „Du bist in mein Büro gekommen!“

„Weil du nicht einfach Fakten schaffen kannst.“

„Du hast ganz andere Fakten geschaffen, mit denen wir klarkommen müssen“, entgegnete sie. „Wir arbeiten im selben Krankenhaus. Wieder einmal.“ Layla holte tief Luft. „Eine unglückliche Fügung, das gebe ich zu, aber du hattest die Chance, mich loszuwerden. Vielleicht hätten sie mich gefeuert, wenn du dich nicht für mich eingesetzt hättest.“

„Ich habe es nicht getan, damit du hierbleiben und deinen Job behalten kannst.“

Nein, natürlich nicht. „Weshalb dann?“

„Weil ich mir von der Vergangenheit nicht die Zukunft bestimmen lasse. Der Kilpatrick-Fall hat genug Schaden angerichtet. Und ich habe mich für dich eingesetzt, weil … es richtig war.“

Ihm dafür zu danken war ihrer Meinung nach auch wichtig und richtig gewesen. Aber Alex hatte es nicht zugelassen. Jetzt war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob sie ihm überhaupt danken wollte. Hatte er nicht gerade signalisiert, dass die Vergangenheit für ihn keine Rolle mehr spielte? Und dazu gehörte auch, was zwischen ihnen gewesen war …

Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen. „Wir müssen nun mal zusammen arbeiten. Ich bin nicht bereit, einen Job aufzugeben, den ich gerade erst bekommen habe.“

„Ich auch nicht.“

Er war immer noch wütend. Layla spürte es, obwohl sie in sicherer Distanz zu ihm stand. Und noch mehr. Alex war nicht nur ehrgeizig, er hatte auch das Zeug zum Erfolg. Ein hochintelligenter Mann, voller Energie und Tatkraft, die ihm eine unwiderstehliche Ausstrahlung verliehen. Alex Rodriguez besaß ein Charisma, dem sich nur wenige entziehen konnten.

Das Schweigen dehnte sich. Was hätten sie auch sagen sollen? Die Vergangenheit zählte nicht. Wenn sie mit der Gegenwart klarkommen wollten, mussten sie sich auf die Zukunft konzentrieren.

So einfach ist das nicht, klopften leise Zweifel an. Layla verdrängte sie. „Okay, dann sollten wir uns wie vernünftige Kollegen verhalten. Die Tagesordnung für das Treffen steht. Ich freue mich darauf, Ihre Präsentation zu hören, Dr. Rodriguez.“

Alex sagte nichts. Ein finsterer Blick war alles, was er ihr gönnte, bevor er sich abwandte und ihr Büro verließ.

Zwei Tage später füllte sich der kleine Vortragssaal in der Nähe des OP-Trakts langsam mit Zuhörern. Einige hatten Kaffeebecher und Papiertüten mit Sandwichs in der Hand, andere lasen Mitteilungen auf ihren Pagern. Notizblock und Kugelschreiber würde jeder von ihnen dabeihaben.

Tyler Donaldson, Säuglingsarzt und ein alter Freund aus der texanischen Heimat, begleitete seine hochschwangere Verlobte Eleanor zu einem der Sitze in der ersten Reihe, damit sie ausreichend Platz hatte.

Eleanor lächelte Layla an. „Sei mir nicht böse, wenn ich zwischendurch mal verschwinde. Meine Blase scheint mit jedem Tag zu schrumpfen.“

„Genau“, meinte Tyler voller Vaterstolz. „Der kleine Rodeo­reiter da drin hält sich fit, indem er sie als Punchingball benutzt.“

Layla erwiderte das Lächeln, sagte aber nichts. Sie war nicht in der Stimmung, um über Babys zu reden. Und auch wenn Tyler ein guter Freund war, so fand sie es nicht gerade professionell, dass er hier mit Eleanor Händchen hielt.

Die Leute unterhielten sich gedämpft, während immer mehr Sitze besetzt wurden. Alex war nirgends zu sehen. Layla warf Ryan einen fragenden Blick zu und deutete mit dem Kopf zur Tür. Aber Ryan zuckte nur mit den Schultern und wandte sich seinem Nebenmann zu, der ihn etwas gefragt hatte. Es herrschte eine entspannte Stimmung.

Was Layla von sich nicht behaupten konnte. Sie ertappte sich dabei, wie sie ungeduldig mit dem Fuß tippte. Wie lange schon? Hatte es jemand bemerkt? Sie hielt den Fuß still.

Wo blieb Alex nur?

Die Atmosphäre im Saal hatte sich verändert. Die meisten blickten erwartungsvoll nach vorn. Alle Anwesenden waren viel beschäftigte Mediziner. Sie hatten nur eine Stunde Zeit und opferten ihre Mittagspause, um dabei sein zu können. Ein paar Plätze blieben leer, aber das war normal. Patienten gingen immer vor.

Ich gebe ihm noch eine Minute, dachte sie.

„Musst du nicht bei der monatlichen Fallbesprechung sein?“

„Stimmt.“ Alex fixierte seinen Halbbruder Cade. Leicht vorgebeugt, beide auf dem Sprung, schwitzten sie in der Mittagssonne auf dem kleinen Platz hinter der Notaufnahme. An einer Wand hing ein Basketballkorb.

Im Moment hatte Alex den Ball, ließ ihn immer wieder aufprallen, während er nach einer Gelegenheit suchte, dem Korb noch etwas näher zu kommen.

„Und was machst du dann hier?“

„Das könnte ich dich auch fragen.“

„He, ich hätte sowieso nur zugehört. Solltest du nicht über einen Fall berichten?“

Alex ignorierte die Frage. Blitzschnell tauchte er seitwärts weg, visierte sein Ziel an und warf den Ball. Mit einem dumpfen Laut traf er das Brett und fiel durchs Netz.

„Ja!“

Die beiden Männer jagten dem Ball nach. Diesmal war Cade schneller.

„Du kannst auch gleich aufgeben, Bruder. Geh duschen und mach Layla glücklich.“

„Was soll das denn heißen?“

„Holla …“ Cade hörte auf, den Ball zu prellen, fing ihn auf und drehte ihn auf der Hand. „Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“

Dass er dabei Laylas weichen texanischen Akzent nachahmte, rieb bei Alex nur Salz in die Wunden. Cade sah den Angriff nicht kommen, und schon hatte Alex ihm den Ball aus der Hand geschlagen, dribbelte ihn übers Feld und holte sich den nächsten Punkt.

Cade lachte. Das Spiel ging weiter. Hart und unerbittlich kämpften sie um den Ball, während ihnen der Schweiß in Strömen über die Haut rann.

Alex dachte nicht daran, zu der Besprechung zu gehen und Layla glücklich zu machen. Klar, sie wollte ihm öffentlich auf die Schulter klopfen, ihm zusätzlich Anerkennung verschaffen wegen eines Falls, den er mit Bravour gemeistert hatte. Schön und gut, aber ihm gefiel nicht, was dahintersteckte.

Okay, er hatte Layla beim Direktorium in Schutz genommen und vielleicht vor einem Rauswurf bewahrt. Doch das hatte er für sich getan, nicht für sie. Deshalb wollte er ihren Dank nicht.

Er wusste genau, was passieren würde, wenn er sie zu nahe an sich heranließ. Ein Funke genügte, um das Feuer zwischen ihnen wieder zu entfachen. Sie würden alles um sich herum vergessen, sich küssen, als gebe es kein Morgen.

Und das musste er verhindern!

Verdammt, was denkt sie, wer sie ist? Er hatte ihr gesagt, dass er den Vortrag nicht halten würde. Sie hatte Zeit genug gehabt, ihre Tagesordnung zu ändern, und es trotzdem nicht getan. Dabei musste ihr doch klar sein, dass sie damit den Gerüchten neue Nahrung verschaffte.

Nein, er würde nicht auftauchen, und er würde sich auch nicht dafür entschuldigen. Zusammenarbeit gut und schön. Aber wenn Layla glaubte, die Puppen tanzen lassen zu können, dann nicht mit ihm!

Allmählich wurde es peinlich.

Oben auf dem Podium nickte Layla den Anwesenden zu. Höchste Zeit, anzufangen. Ihre hohen Absätze klickten auf dem Holzboden, als Layla ans Rednerpult trat. Sie klopfte sachte gegen das Mikrofon, um zu testen, ob es eingeschaltet war.

Unbekümmert und mit einem freundlichen Lächeln begrüßte sie ihre Zuhörer. Gute Manieren und sicheres Auftreten waren das A und O ihrer Erziehung gewesen. Und dazu gehörte auch, dass sie der Öffentlichkeit eine perfekte Fassade zeigte, egal, was in ihrem Kopf vorging.

Oder in ihrem Herzen.

„Sieht so aus, als hätte es unser erster Redner nicht geschafft“, fuhr sie locker fort. „Genauso gespannt dürfen wir auf unseren zweiten Fall sein. Dr. Donaldson wird uns über einen Patienten in seiner Neonatal-Abteilung berichten.“

„Danke, Darlin’ …“ Sichtlich widerstrebend ließ Ty Eleanors Hand los und schlenderte aufs Podium. Während er einen USB-Stick in den Beamer steckte, zwinkerte er Layla zu.

Ihr Lächeln drohte zu wanken, aber sie hatte sich im Griff. Layla wusste genau, was dieses Augenzwinkern zu bedeuten hatte. Oder die vielsagenden Blicke, die sich die Leute zuwarfen. Alex’ Name stand auf der Agenda ganz oben. Natürlich fragten sie sich, ob wirklich ein Notfall dahintersteckte oder etwas völlig anderes. Vielleicht ist an dem Getuschel über Alex und Layla doch etwas dran? Haben die beiden etwas mitei­nander?

Layla sah die Fragen buchstäblich durch den Raum geistern, als hätte sie jemand mit Leuchtschrift sichtbar gemacht.

„Das ist Madeline“, begann Tyler Donaldson, als das Bild eines winzigen Frühchens in einem Gewirr von Leitungen und Schläuchen auf der Leinwand erschien. „Geboren in der fünfundzwanzigsten Schwangerschaftswoche, wog die Kleine 680 Gramm, bei einer Länge von zweiunddreißig Zentimetern. Sie wurde sofort nach der Geburt intubiert und bekam Überdruck-Beatmung wegen ihrer Frühreife.“

Nach außen hin hörte Layla konzentriert zu. Aber in ihr brodelte es. Er hätte sich entschuldigen lassen können. Oder Ryan bitten müssen, den Fall an seiner Stelle zu präsentieren. Damit hätten sie beide das Gesicht gewahrt. Aber so? Dass er ohne eine Erklärung einfach nicht auftauchte, heizte die Gerüchteküche doch noch mehr an!

Layla verabscheute Tratsch, und sie hatte wenig Lust darauf, dass andere in der Asche ihrer Vergangenheit herumstocherten. Es war ein Fehler gewesen, sich mit Alex einzulassen. Ob sie je darüber hinwegkommen würde?

Über den Fehler oder über Alex?

Sie verdrängte die bohrende Frage und starrte Tyler an.

Alles seine Schuld, dachte sie mit wachsendem Unmut. Ty und sie kannten sich von Kindheit an. Er hatte gewusst, dass ihre Ehe am Ende und wie schwierig das Verhältnis zu ihrer Familie war. Okay, vielleicht hatte er keine Ahnung von ihrer Affäre mit Alex gehabt. Aber es war Ty gewesen, der sie überredet hatte, sich um eine Stelle am Angel’s zu bewerben.

Der Job, der sie wieder mit Alex zusammenbrachte.

Kollegen am selben Krankenhaus, wieder einmal.

Layla versuchte, sich auf Tylers Ausführungen zu konzentrieren, aber ihre Gedanken schweiften bald erneut ab.

Wie sollte sie mit der Spannung zwischen Alex und ihr umgehen? Es war ja nicht nur ihr Ruf, der auf dem Spiel stand. In seiner Nähe traute sie sich selbst nicht mehr. Alex brachte sie dazu, alles um sich herum zu vergessen. Immer noch. Der Kuss neulich hatte es bewiesen.

Niemals hätte sie gedacht, dass sie so auf diesen Mann reagieren würde. Nach all den Jahren, nach allem, was passiert war. Aber eine Berührung von Alex genügte, und sie spürte das gleiche heftige Verlangen wie damals. Als sie jede Vorsicht in den Wind schlug und mit ihr tief verwurzelte Überzeugungen, die bis dahin ihr Leben bestimmt hatten. Zum Beispiel, dass man als verheiratete Frau nicht in ein anderes Bett steigt.

War sie rot geworden? Warum herrschte plötzlich Stille im Vortragssaal? Alle schienen sie anzublicken.

Layla stöhnte stumm auf. Erst jetzt merkte sie, dass Tyler mit seiner Präsentation fertig war. Die Zuhörer warteten nur darauf, dass sie etwas sagte.

Sie setzte ein entspanntes Lächeln auf. „Entschuldigung, Leute … was für ein interessanter Fall, ich war ganz in Gedanken. Hat jemand eine Frage?“

Mehrere Hände gingen in die Höhe, und Layla nickte Herzchirurgin Ann Foster zu.

„Für welche Antibiotika hast du dich entschieden, um die Lungenentzündung zu behandeln? Und hast du eine Bluttransfusion gleich nach der ersten OP in Betracht gezogen?“

Layla konnte nicht anders, sie blickte an Ann vorbei zu den hinteren, im Dämmerlicht liegenden Reihen. Während Tylers Vortrag hätte jemand unbemerkt über die Hintertreppe den Saal betreten und dort oben Platz nehmen können.

Aber sie brauchte nicht hinzusehen, um sich zu vergewissern, dass Alex nicht da war. Sie fühlte es. Wie das plötzliche Frösteln, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schob.

Völlig verausgabt stand Alex vornübergebeugt da, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, und schnappte nach Luft.

Cade war genauso fertig. „So, mir geht’s besser“, keuchte er. „Und dir?“

Alex ignorierte die Frage. „Was hat dich geärgert?“

„Ich habe die Nase voll. Drüben in L. A. habe ich eine Abteilung geleitet. Ich mag es nicht, wenn man mir sagt, was ich tun soll. Mir die besten Fälle vorenthält. Meine Entscheidungen hinterfragt. Ich bin kein Assistenzarzt mehr.“

„Du hast gewusst, dass du die zweite Geige spielen musst, als du diesen Job angenommen hast.“

„Klar … ich wusste nur nicht, wie wenig mir das schmecken würde. Allmählich glaube ich, dass ich das Gleiche hätte machen sollen wie du – ans andere Ende der Welt verschwinden. Australien hört sich verdammt gut an.“

„Dich hat nichts weggetrieben.“

„Darauf würde ich nicht wetten.“ Cade holte sich den Ball.

Alex hakte nicht nach, was er mit dieser rätselhaften Bemerkung meinte. Wenn Cade so weit war, würde er ihm schon mehr erzählen. Und Alex hütete sich, das fragile Verhältnis zu seinem Bruder mit bohrenden Fragen zu belasten.

Cade sicherte sich den nächsten Punkt. Er lag weit in Führung.

„Wie auch immer …“ Er überließ Alex den Ball. „Die Sache ist erledigt, oder? Sie haben dich freigesprochen. Tut mir leid, dass ich hier die Katze aus dem Sack gelassen habe. Aber jetzt ist alles okay mit uns, oder?“

„Sicher.“ Alex zielte auf den Korb. Nach allem, was sie miteinander erlebt hatten, hätte er nicht mehr zu hoffen gewagt, sich so gut mit seinem Halbbruder zu vertragen.

„Und es besteht keine Gefahr mehr, dass sie dich feuern? Und Layla auch nicht, nachdem du dich für sie eingesetzt hast?“

Alex verfehlte den Korb und fluchte unterdrückt. Er griff nach dem Ball, zielte wieder.

Er kam nicht davon weg.

Von Layla.

Von den Erinnerungen.

Cade versuchte, ihn am Abwurf zu hindern, stand vor ihm, schwenkte die Arme. Grinste. Ahnte nicht, dass Alex an Layla dachte.

Er hatte gehört, dass sie inzwischen geschieden war. Wunderte ihn gar nicht. Der Kerl tat ihm leid. Hatte sie ihn einfach fallen lassen – so wie ihn, als sie seiner überdrüssig geworden war und die Affäre von heute auf morgen beendete?

Affäre.

Ein Wort mit schalem Beigeschmack. Aber an den Tatsachen war nichts zu rütteln. Er hatte etwas mit einer verheirateten Frau gehabt. Darauf war er nicht stolz, und es würde ihm gar nicht gefallen, wenn die Leute darüber redeten. Hatte Cade etwas ähnlich Schlimmes hinter sich lassen wollen?

Das würde er jetzt nicht herausfinden. Es war brutheiß hier draußen, sie brauchten dringend eine Dusche, um sich abzukühlen.

Alex nahm einen letzten Anlauf, und der Ball ging sauber durchs Netz, ohne das Brett dahinter auch nur zu berühren.

„Keiner wird gefeuert“, antwortete er schließlich. „Und das ganze Drama hat mich etwas sehr Wichtiges gelehrt.“

„Und das wäre?“ In schweigendem Einverständnis beendeten sie ihr Spiel, klatschten sich ab und machten sich auf den Weg zurück ins Krankenhaus.

„Du kannst vor deinen Gespenstern nicht davonlaufen“, erklärte er seinem jüngeren Bruder. „Du kannst sie nur bekämpfen, indem du dich ihnen stellst.“

Cade schnaubte ungläubig, und Alex konnte es ihm nicht verdenken.

Stellte er sich denn den Dämonen, die Layla heraufbeschwor? Nein. Erst mied er Layla wie die Pest, seit sie versucht hatte, ihm dafür zu danken, dass er ihr den Job erhalten hatte. Und dann marschierte er in ihr Büro und verlangte, dass sie ihn in Ruhe ließ. Was sollte das? Außerdem war er nicht ganz aufrichtig gewesen. Natürlich wollte er endlich einen Schlussstrich unter den Kilpatrick-Fall ziehen, hatte Layla deshalb beim Direktorium verteidigt. Aber seine Gefühle für Layla hingen eng mit Jamie Kilpatrick zusammen. Darüber hatte er kein Wort verloren.

Hatte nicht gesagt, wie schwer es gewesen war, sie aus seinen Gedanken zu verbannen, als er sich auf die OP an dem kleinen Jungen konzentrieren musste. Und auch nicht, dass ihn heute noch immer wieder dieselbe Frage quälte: War er an jenem Tag nicht in Topform gewesen, weil er nicht verkraftet hatte, was am Abend zuvor passiert war? Als Layla unerwartet Schluss machte?

Alex stand unter der Dusche, spülte sich mit kaltem Wasser den Schweiß vom Körper. Wenn man die Geister der Vergangenheit nur genauso leicht loswerden könnte …

Die Diskussion über Tylers Fall ebbte ab, noch zwei Fragen, dann war das Thema erledigt. Layla sah auf die Uhr. Das Treffen würde einige Minuten früher enden als geplant, doch für eine weitere Präsentation blieb definitiv keine Zeit mehr.

Die Lücke, die Alex provoziert hatte, war geschlossen. Niemand würde noch einen Gedanken daran verschwenden, sobald die Kolleginnen und Kollegen wieder an ihre Arbeit gingen.

Mit einer Selbstverständlichkeit, die sie und Alex auch aufbringen mussten, wenn sie ihre Jobs am Angel’s behalten wollten.

Was hinderte sie daran? Das Gefühl, dass etwas fehlte? Dass die Sache noch nicht abgeschlossen war?

Wenn Layla etwas noch mehr störte als Klatsch und Tratsch, dann war es das Gefühl, in der Warteschleife zu hängen, dieser inneren Unruhe ausgeliefert zu sein.

Auf dem Weg zurück zu ihrem Büro dachte sie nach. Was ihr in den Sinn kam, war nicht ungefährlich. Die Erinnerung an die hitzige Auseinandersetzung mit Alex verursachte ein feines Prickeln auf ihrer Haut. Und von dort war der Gedanke an seinen Kuss nicht weit. Bei Layla schlugen sämtliche Alarmglocken an.

Andererseits … war es nicht verlockend, sich der Gefahr zu stellen und am Ende dafür belohnt zu werden?

Und hatte sie nicht Herausforderungen schon immer unwiderstehlich gefunden?

Außerdem konnten sie beide davon profitieren. Schließlich lag es in ihrer Verantwortung, dass die Chefärzte gut zusammenarbeiteten.

Layla nahm sich einen Moment Zeit, um den herrlichen Blick aus ihrem Fenster zu genießen. Plan B nahm langsam Gestalt an.

2. KAPITEL

Die Geier warten schon.

Alex spürte die erwartungsvollen Blicke, als er am frühen Nachmittag an der Essensausgabe stand und Layla die Kantine betrat. Ein gefundenes Fressen für alle, die sich ein kleines Schauspiel erhofften.

Wenn Alex Rodriguez auf die Chefin der Pädiatrie traf, die er bei der Fallbesprechung versetzt hatte. Dass er sich für sein Fehlen nicht entschuldigt hatte, setzte dem noch die Krone auf. Was würde Dr. Woods zu ihm sagen?

Er biss die Zähne zusammen und wartete auf eine schneidende Bemerkung.

Stattdessen begrüßte sie ihn, zusammen mit allen anderen, die vor dem Tresen standen, mit dem Tausend-Watt-Lächeln, das für Layla so typisch war.

„Gut, dass du Zeit zum Essen findest“, sagte sie. „Ich habe gehört, dass du in der Neurologie schwer beschäftigt bist.“

Alex wartete auf den Seitenhieb. So beschäftigt, dass du deine Manieren vergisst. Ich hätte gern vorher gewusst, dass du es zur Besprechung nicht schaffst.

Aber sie lächelte immer noch, warf die schulterlangen blonden Locken zurück und ging zielsicher zu den Salaten, um sich einen Teller zu nehmen. Ein zarter, frischer Duft stieg Alex in die Nase. Nach Apfel?

Mit Verspätung wurde ihm bewusst, dass er ihr nachstarrte, während er überlegte, welche Duftnote ihr Shampoo hatte. Es war ihm peinlich – bis er merkte, dass er nicht der Einzige war, der Layla ansah. Vor allem die Männer betrachteten sie mit unverhohlener Bewunderung.

Apfel, dachte er am nächsten Tag. Eindeutig. Layla kam in den Aufwachraum, wo einer ihrer kleinen Patienten lag, der gerade eine Operation am offenen Herzen hinter sich hatte.

Sicher war es Zufall, dass ihr Patient genau neben dem Mädchen lag, bei dem er die Wirbelsäulenfehlbildung korrigiert hatte. Aber musste Layla auf seiner Seite des Bettes stehen? Musste sie ausgerechnet jetzt hier sein?

„Ich habe mir Sorgen um das Kerlchen gemacht“, hörte er sie zu der Krankenschwester sagen. „Ich musste einfach nach ihm sehen.“

„Es geht ihm gut“, versicherte die Schwester. „Wir bringen ihn bald auf die Intensivstation.“

Die Aufwachstation war Teil des OP-Trakts. Alex’ Revier. Als leitende Chefärztin der Pädiatrie hatte sie natürlich auch mit den schwierigen Fällen zu tun, und Alex sah sie oft auf der Intensivstation. Layla war Kinderkardiologin, sodass es durchaus normal war, wenn sie ihre kleine Patienten nach einer OP dort besuchte. Allerdings war er ihr bisher nie im Aufwachraum begegnet.

Litt er an Verfolgungswahn, oder nutzte Layla jede Gelegenheit, ihm unter die Augen zu kommen? Mit Vergnügen, wie ihm schien!

„Na, bereust du es, dass du nicht Chirurgin geworden bist?“ Alex konnte den spöttischen Unterton nicht vermeiden.

„Überhaupt nicht.“ Sie musterte ihn von oben bis unten, und er fühlte sich augenblicklich im Nachteil.

Da stand er, in OP-Kleidung, Hose und Oberteil zerknittert, die Kappe noch auf dem Kopf. Der Mundschutz hing ihm wie ein Lätzchen um den Hals. Layla hingegen trug einen schicken Bleistiftrock und eine tadellos gebügelte Bluse unter ihrem ebenso tadellosen weißen Arztkittel. Dazu, wie immer, elegante hochhackige Schuhe. Alex brauchte nicht auf seine Füße zu sehen, um zu wissen, welcher Anblick ihn dort erwartete: weiße Plastikclogs.

„Kardiologie ist genau das Richtige für mich“, fuhr sie fort. „Ich stelle die Diagnose und begleite den Patienten die ganze Zeit bis zur Operation und auch noch danach. Nur die anatomische Klempnerarbeit zwischendrin zu erledigen, das ist mir zu wenig.“ Bildete er sich etwas ein, oder wurde ihr Blick intensiver? „Als Assistenzärztin in der Chirurgie habe ich schnell begriffen, dass ich nicht da war, wo ich hinwollte.“

In dieser Zeit hatten sie sich kennengelernt. Layla schloss den kleinen Jamie ins Herz, und Alex ließ sich von ihr zu einer riskanten Operation an dem schwerkranken Jungen überreden. Zu dem Zeitpunkt waren sie weit mehr als nur Kollegen.

War ihre letzte Bemerkung darauf gemünzt?

Alex wollte es nicht wissen und trat den Rückzug an. „Ich habe dich nur nie in der Aufwachstation gesehen“, meinte er. „Das ist alles.“

Sie weiß es, verdammt. Layla wusste genau, dass es ihn störte, wenn sie ihm hier zu Leibe rückte.

Wir sind Kollegen. Sie sagte es nicht laut, aber die hochgezogenen Brauen sprachen Bände. Wir arbeiten im selben Krankenhaus. Wir sind Profis, Mediziner, die mit Leidenschaft ihrem Beruf nachgehen. Damit solltest du klarkommen.

Okay, kein Problem. Alex deutete mit dem Kopf auf den winzigen Patienten. „Was wurde gemacht?“

„Nur ein ASD-Verschluss. Aber das Loch in der Herzscheidewand war groß. Der kleine Josh ist ein ganz Süßer, ein Drillingskind.“

Drillinge? Bei Layla war aber auch nichts … gewöhnlich.

Selbst ihr Besuch hier war nicht nur unerwartet, sondern seltsam berührend.

Jeder andere Arzt hätte die Überwachungsgeräte gecheckt oder die Notizen gelesen. Oder zumindest eine Krankenschwester um einen kurzen Bericht gebeten. Layla hingegen beugte sich über den bewusstlosen Jungen, fand ein Stückchen freie Haut, das nicht von Elektroden bedeckt war oder von Leukoplast, das die Kanülen am Verrutschen hinderte. Und dann streichelte sie ihn dort so zart und liebevoll, dass Alex nicht wegsehen konnte.

„Hast du gehört, was die Schwester gesagt hat, mein Kleiner?“, flüsterte sie. „Du machst das prima. Deine Mommy und dein Daddy sind in der Nähe und können es kaum erwarten, dich zu sehen.“

Alex wandte sich ab, um die Monitoranzeigen seiner Patientin zu beobachten, aber der Druck in seinem Magen blieb. Er verstärkte sich noch, als er aufschaute und Layla dabei ertappte, wie sie sich vergewisserte, dass die Krankenschwester sie nicht beobachtete, dann zwei Finger erst an ihre Lippen legte und schließlich dem Jungen auf die Stirn.

Ein sanfter Kuss. Ein ganz persönlicher Moment. Hätte Layla sich nicht in seine Richtung gewandt, als sie sich aufrichtete, sie hätte nie erfahren, dass er sie betrachtete. Alex konnte nicht so tun, als hätte er sie nicht angestarrt. Er hielt ihren Blick fest, und Layla errötete.

Doch sie senkte den Blick nicht. Im Gegenteil, in ihren blauen Augen blitzte etwas auf, leidenschaftlich, entschlossen. Ich liebe meine Patienten, hörte er Layla buchstäblich sagen. Und ich zeige es ihnen. Na und? Ich glaube, dass es mich zu einem besseren Arzt macht.

„Wir sehen uns, Alex.“

„Da bin ich mir sicher.“

Erhobenen Kopfes verließ sie den Raum. Alex sah ihr nach und ertappte sich dabei, wie er ihre schlanken Beine in den modischen High Heels und ihre schwingenden Hüften betrachtete – genau wie gestern die Männer in der Kantine.

Eins musste man ihr lassen. Layla Woods hatte zu allem eine feste Meinung und den Mut, sie vehement zu verteidigen. Eine hinreißende Frau mit dieser Willenskraft – welcher Mann fühlte sich nicht unweigerlich angezogen?

Du auch, Rodriguez. Obwohl er sich schon einmal die Finger verbrannt hatte, als er dieser Anziehung nachgab …

Alex sah auf seine Patientin hinunter. Die Operation war erfolgreich verlaufen. Das kleine Mädchen würde bald sitzen und laufen können und in seiner Entwicklung schnell aufholen, was es bisher verpasst hatte.

Auch ihm lag viel an seinen Patienten. Sehr viel sogar. Aber er würde nicht anfangen, sie zu knuddeln oder zu küssen. Vor langer Zeit schon hatte er gelernt, wie gefährlich emotionale Bindungen werden konnten.

Bei Layla hatte er leider geglaubt, dass es anders sein würde, und ihr vertraut. Letztendlich bestätigte sie nur seine Erfahrungen. Und was seine Patienten betraf – je weniger er sich gefühlsmäßig auf sie einließ, umso mehr schützte er sich vor dem lähmenden Herzschmerz, falls er einmal einen Patienten verlor. Professionelle Distanz half ihm, exzellente Arbeit zu machen.

Die gleiche Haltung brauchte er auch in seiner Beziehung zu Layla. Sie waren Kollegen, mehr nicht, und sollten es auch bleiben. Egal, wie sehr er sich manchmal zu ihr hingezogen fühlte. Egal, wie attraktiv er sie fand.

Ob sie sexy High Heels trug, wonach ihr Haar duftete, all das waren Dinge, die ihn nicht zu interessieren hatten.

Plan B ging nach hinten los.

Layla hatte Alex zeigen wollen, dass sie mit der Vergangenheit abgeschlossen hatte. Was zwischen ihnen gewesen war, lag hinter ihnen. Sie waren Kollegen, mehr nicht. Und um ihm das zu beweisen, lief sie ihm bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit über den Weg. Es gefiel ihm nicht, das war klar. Natürlich sagte er nichts, doch er hätte seine Gedanken ebenso gut auf einem großen Schild vor sich hertragen können: Oh nein, nicht du schon wieder!

Leider stellte sich heraus, dass ihr Plan auch eine Kehrseite hatte.

Layla genoss es, wie Alex darauf reagierte. Vielleicht ein bisschen zu sehr. Wenn sie ihm anmerkte, dass er sich ihrer Nähe deutlich bewusst war. Wenn sie seinen intensiven Blick spürte, wie neulich im Aufwachraum. Wie eine Berührung, warme Finger auf ihrer Haut …

Ja, ihr Plan entwickelte unerwünschte Risiken und Nebenwirkungen!

Vor ein paar Tagen, zum Beispiel, als man sie in die Notaufnahme gerufen hatte.

Das Baby war zu Hause zur Welt gekommen, aber weil die Mutter nicht zur Schwangerschaftsvorsorge gegangen war, blieb der Herzfehler ihres Kindes unentdeckt – bis zur Geburt. Die Fahrt ins Krankenhaus, mit Blaulicht und Sirene, war ein Wettlauf mit dem Tod gewesen. Layla intubierte den Winzling und konnte ihn stabilisieren. Als sie das Baby bei den Neonatal-Chirurgen in sicheren Händen wusste, verließ sie den Schockraum.

Da sah sie Alex.

Er stand an der Tür zu einem der Schockräume, wo die schweren Fälle behandelt wurden.

Ihr Puls beschleunigte, ein Kribbeln jagte ihr über die Haut. Die Chancen, dass sie sich hier zufällig begegneten, standen schlecht. Umso mehr freute sie sich über die Gelegenheit, ihn ein bisschen zu ärgern.

Allerdings schien er sie diesmal überhaupt nicht wahrzunehmen. Er hatte nur Augen für die Frau neben ihm. Sie hatte langes dunkles, wild gelocktes Haar, war zierlich wie ein junges Mädchen und redete schnell und laut, immer wieder von Schluchzern unterbrochen, auf ihn ein. Auf Spanisch.

Alex wirkte wie vom Donner gerührt. Als hätte er keine Ahnung, wie er mit der Situation umgehen sollte.

So hatte Layla ihn noch nie erlebt.

Sie kannte ihn, wenn er in brenzligen Situationen im OP einen kühlen Kopf behielt. Wenn er ruhig und kompetent eine Wiederbelebung auf der Intensivstation leitete oder sich um verstörte Eltern kümmerte. Niemals jedoch hatte sie ihn so … verletzlich gesehen.

Oder doch. Ein einziges Mal, bei der Operation an Jamie Kilpatrick, als zum Schluss keine Hoffnung mehr blieb. Damals musste sie hilflos zusehen, ohne etwas tun zu können.

Anders als jetzt.

Layla ging auf die beiden zu. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie die junge Frau freundlich. „¿Le puedo ayudar? ¿Qué pasa …?“

Erleichtert packte die Frau sie am Arm und stieß weinend hervor, was sie bedrückte.

„Ramona sagt, dass du ihr Baby behandelst. Den kleinen Felix?“ Layla wandte sich Alex zu, der sie verblüfft ansah.

Dann nickte er knapp. „Er hat eine Schädelfraktur. Ich wollte genau wissen, was passiert ist, aber die Verständigung wurde immer schwieriger.“

Layla fragte bei Ramona nach und übersetzte ihre Antwort: „Sein Bruder hat ihn mit einem Bauklötzchen geschlagen.“

Ungläubig starrte Alex sie an. „Wir reden hier von einem Schädelbruch. Der Junge ist bewusstlos!“

In ihrem Kopf bimmelte eine Alarmglocke, die kein Kinderarzt ignorieren sollte. Oft genug hatte sie von Fällen gelesen, wenn Eltern vom Jugendamt die Kinder weggenommen wurden und Anzeigen wegen Kindesmisshandlung ergingen.

Aber es gab auch die anderen Beispiele. Ihr fiel der acht Monate alte Junge ein, dessen Schwester ihm mit einem Spielzeugauto tatsächlich eine Fraktur zugefügt hatte. Oder Tommy Jenner, bei dem vor einigen Monaten der Verdacht auf Misshandlung bestand. Man fand jedoch heraus, dass er sich bei epileptischen Anfällen, ausgelöst durch einen Hirntumor, die Verletzungen selbst zugezogen hatte.

Alex sollte also aufpassen, was er sagte. Doch während Layla ihn anblickte, gingen ihr auf einmal ganz andere Gedanken durch den Kopf. Waren ihr die silbergrauen Fäden in seinem rabenschwarzen Haar bisher nie aufgefallen? Und die Fältchen in seinen Augenwinkeln hatte es damals auch nicht gegeben. Einen Moment lang verlor sich Layla in seinen Augen. Schokoladenbraune Augen, die dunkel wurden im Rausch der Leidenschaft – oder wenn ihn etwas emotional stark mitnahm.

So wie jetzt. Sie waren fast schwarz.

Ramona reagierte entsetzt auf Alex’ zornigen Unterton. „Nein … nicht das sagen“, stammelte sie in holperigem Englisch. „Ich … ich liebe mein Baby.“

Alex legte ihr die Hand auf die Schulter. „Ramona, beruhigen Sie sich. Wir haben Felix stabilisiert und bringen ihn gleich in den OP.“

¿Qué? Ich … nicht verstehe …“

Layla übersetzte, konnte aber nicht den Blick von Alex’ Hand abwenden. Es war, als fühlte sie seine schlanken Finger selbst auf der Schulter.

„Frag sie, ob ihr Mann herkommt“, verlangte Alex.

Das verstand die junge Frau. „Nicht Mann. Mein … Freund. Ich war …“ Frustriert schüttelte sie den Kopf und wechselte hastig wieder ins Spanische.

„Felix war unterwegs, als sie ihn kennenlernte“, übersetzte Layla. „Er bringt ihren älteren Sohn mit. Sie hat Angst, dass du die Polizei rufst, sie will keine Schwierigkeiten.“ Vielleicht waren ihre Papiere nicht in Ordnung, vielleicht gehörte sie zu den illegalen Einwanderern. Layla überlegte, wie sie sich verhalten sollte.

Alex hatte die Hand sinken lassen, ballte sie zur Faust, für Layla ein Zeichen, wie aufgewühlt er war. Als er sich an sie wandte, schien er durch sie hindurchzusehen.

„Sag ihr, dass es mir einzig und allein darum geht, ihren Sohn zu behandeln.“

Inzwischen kümmerte sich eine Krankenschwester um Ramona, aber in Layla wirkte noch nach, wie sie Alex erlebt hatte. Angespannt, die Hand auf Ramonas Schulter, dunkle Augen, die mühsam unterdrückte Gefühle verrieten. Und eine Leidenschaft, die sie an damals erinnerte …

Als sie sich zum ersten Mal geliebt hatten. Wild und von glühender Lust getrieben, als hätten sie ihr Leben lang auf diesen Moment gewartet. Seine warmen, forschenden Lippen auf ihren, das heiße Verlangen, das Alex in ihr wecken konnte.

Hatte sie es nicht vor Kurzem erst wieder erfahren?

Oh ja. Gut, dass er nicht in der Nähe war, sie hätte nicht verbergen können, was in ihr vorging. Von wegen professionelle Distanz. Ihr Plan B war definitiv gescheitert.

Für den Rest des Tages fiel es ihr schwer, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Die meisten Kolleginnen und Kollegen waren längst nach Hause gegangen, als sie ihre Liste endlich abgearbeitet hatte. Es fehlte nur noch ein letzter Rundgang. Layla hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, bei allen Intensivpatienten vorbeizusehen, bevor sie ihren Dienst beendete.

Das Baby mit dem angeborenen Herzfehler lag auf der Kardiologie, und es ging ihm nach dem erfolgreichen Eingriff den Umständen entsprechend gut. Auf der Neonatal-Intensivstation war alles ruhig. Blieb die Pädiatrische Intensivstation übrig. Layla spürte, dass sie plötzlich ein bisschen nervös war. Vielleicht weil sie dort Alex über den Weg laufen konnte?

Ein bisschen nervös war noch untertrieben. Sonst wäre sie nicht heftig zusammengezuckt, als sie seine Stimme hörte – noch bevor sie ihn sah.

„Du meine Güte – eine Schädelfraktur mit akuten subduralen und epiduralen Blutungen. Erzähl mir nicht, dass ein Zweijähriger mit einem Bauklötzchen eine so schwere Verletzung bewirken kann!“

„Gibt es andere Anzeichen für körperliche Misshandlungen?“ Ein zweiter Mann.

Die beiden schienen nicht zu ahnen, dass sie einen Zuhörer hatten. Standen sie deshalb außerhalb der Station? Um in Ruhe reden zu können?

Unentschlossen blieb Layla stehen. Um zur Intensivstation zu kommen, musste sie an ihnen vorbei. Diese Zaghaftigkeit kannte sie nicht an sich, und sie gefiel ihr gar nicht. Sie trat von einem Fuß auf den anderen, nestelte an der Plastikkarte, die ihr den Zugang zu den verschlossenen Intensivräumen ermöglichte.

„Ich weiß es nicht.“ Alex war der mühsam unterdrückte Ärger anzuhören. „Ich hatte alle Hände voll zu tun, um dem kleinen Kerl das Leben zu retten. Aber die Schädelverletzung allein reicht für einen Bericht. Und ich muss meinen Verdacht innerhalb von sechsunddreißig Stunden nach der Aufnahme melden.“

„Sei vorsichtig. Weißt du noch, als ich das erste Mal zur monatlichen Fallbesprechung kam? Wie hieß der Junge, über den du berichtet hast? Der, der seit Monaten Chemo bekommt und den du bald operieren willst?“

„Tommy Jenner“, kam die ungeduldige Antwort. Anscheinend hatte er wenig Lust, das Thema zu wechseln.

„Du hast den Fall als Mahnung präsentiert. Um uns davor zu warnen, falsche Schlüsse zu ziehen. Denk dran, noch eine Anzeige kannst du dir nicht leisten.“

„Ich soll also zusehen und den Mund halten? Gerade von dir hätte ich diesen Rat nicht erwartet, Cade. Wir beide wissen doch genau, was man mit Stillschweigen und Stillhalten anrichtet!“

„Okay, okay, du hast recht. Trotzdem solltest du vorsichtig sein, Mann. Kann sein, dass du Gespenster siehst, weil du schon zu viel gesehen hast.“

Laylas Augen weiteten sich. Was meinte Cade damit?

„Am besten gehst du streng nach Vorschrift vor“, fuhr der fort. „Du behandelst das Kind, das steht an erster Stelle. Als Nächstes könntest du eine Untersuchung auf Kindesmisshandlung anfordern und die anderen Tests machen lassen. Zum Beispiel Röntgenaufnahmen, um alte Frakturen aufzuspüren. Der Junge ist hier vorerst in Sicherheit, das verschafft dir ein bisschen Zeit. Wichtig ist nur, dass du dich beruhigst und die Sache professionell angehst.“

Alex würde sich bestimmt nicht beruhigen, wenn sie jetzt um die Ecke kam. Layla wandte sich ab, um sich unbemerkt zurückzuziehen. Da kam ihr ein Mann mit einem kleinen Jungen entgegen. Das Kind war nicht älter drei, und der Mann hatte es am Ellbogen gepackt und schleifte es mehr oder weniger den Flur entlang. Mit seinen fettigen, langen Haaren, die nackten Arme mit Tätowierungen übersät, machte der Mann einen bedrohlichen Eindruck.

„Komm schon“, fuhr er das Kind an, ohne Layla zu beachten. „Wir suchen deine Mutter, und dann bin ich weg. Ich hab die Schnauze voll, auf plärrende Gören aufzupassen.“

Er stürmte an Layla vorbei um die Ecke und traf auf Alex und Cade. Layla war ihm gefolgt, nachdem ihr der verräterische Geruch nach Alkohol in die Nase gestiegen war.

„Hoppla …“ Cade streckte den Arm aus, um einen Zusammenstoß zu verhindern. „Immer mit der Ruhe.“

„Ich hab’s eilig.“ Der Besucher ignorierte Alex und ging um Cade herum. „Was zum …? Ist die Tür abgeschlossen? Wo sind wir hier? Ich dachte, das ist ein Krankenhaus und kein Gefängnis.“

Layla sah Alex an. Der hatte die Situation sofort erfasst und zählte, genau wie sie, eins und eins zusammen. Ein junger Mann mit einem kleinen Jungen auf dem Weg zur Intensivstation. Wo Alex’ Patient war, zusammen mit der Mutter. Ein Baby, dessen Bruder ihm angeblich eine schwere Kopfverletzung zugefügt hatte.

Alex fing ihren Blick auf, hielt ihn fest. Augenblicklich wusste sie, dass er das Gleiche dachte wie sie. Das Gefühl, auf einer Wellenlänge zu sein, elektrisierte sie. Doch sie spürte, dass es hier um mehr ging. Layla sah die Schatten in seinen Augen, etwas Dunkles, das Alex schon immer begleitet hatte. Damals hatte es den Reiz noch verstärkt, die Erregung, die er in ihr weckte.

Doch jetzt wurden die Fragen drängender, Layla suchte nach Antworten, nicht nur, um die Situation zu entschärfen. Ihr zog sich das Herz zusammen, und in dem Moment begriff sie … Sie wollte helfen. Alex helfen.

Als hätte er etwas in ihrer Miene gelesen, riss er den Blick von ihr los und richtete ihn auf den ungepflegten Besucher.

„Sie sind Ramonas Freund?“, fragte er ruhig. Gefährlich ruhig.

„Wer will das wissen?“

„Ich bin Alex Rodriguez, der Neurochirurg, der Felix operiert hat. Um die Blutungen in seinem Schädel zu stoppen, bevor sie sein Gehirn schädigen.“

„Gut für Sie.“ Der Mann musterte ihn von oben bis unten, was etwas lächerlich wirkte, weil Alex und sein Bruder einen Kopf größer waren. Aber das schien ihn nicht zu stören. Er trat näher an Alex heran. „Wenn Sie Arzt sind, können Sie mich da reinlassen. Ich muss zu Ramona.“

Alex holte Luft, und seine Augen wurden schmal, als er den Alkohol roch. „Vorher möchte ich mich mit Ihnen unterhalten, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Und ob ich das habe.“ Der Mann schob den Jungen grob beiseite und ballte die Fäuste.

Der Kleine stolperte, prallte gegen Cade und fing an zu weinen. Der ging vor ihm in die Hocke. „Alles okay, Kumpel?“

„Sei still, Cody, oder du kriegst Ärger“, zischte der Mann.

„Wie Felix?“, fragte Alex beiläufig.

„Alex …“, warnte Cade.

Keine Reaktion. Die aggressive Spannung war mit Händen greifbar. Gleich würden die beiden Männer aufeinander losgehen. Und das konnte Alex den Job kosten.

Ohne lange nachzudenken, ging Layla dazwischen – im selben Moment, als die Streithähne die Fäuste hoben.

Ramonas Freund versuchte, sie aus dem Weg zu stoßen, aber sie prallte gegen Alex. Layla spürte seinen harten Körper, die angespannten Muskeln. Alex blieb nichts anderes übrig, als die Fäuste zu senken, um Layla vor einem Sturz zu bewahren. Sie hatte das Gefühl, zu fallen, aber er hielt sie fest.

Aus dem Augenwinkel sah sie die gestreckte Faust, die auf Alex zukam. Sie hätte sie am Kopf getroffen, hätte Alex Layla nicht geistesgegenwärtig aus der Gefahrenzone gerissen.

Im nächsten Moment ließ er sie los und bewegte sich blitzschnell, sodass der Angreifer keine Chance hatte.

„Es reicht!“ Alex packte den erhobenen Arm des Mannes und drehte ihn ihm auf den Rücken.

„He … loslassen!“ Das wütende Fauchen wurde zu einem Wimmern, als Alex seinen Griff verstärkte.

Layla, Cade und der kleine Cody verfolgten das Schauspiel mit großen Augen.

„Hol den Wachdienst“, sagte Alex zu seinem Bruder. „Layla, bring Cody zu seiner Mutter.“

Sie streckte die Hand aus. „Komm, mein Kind. Deine Mommy wird sich so freuen, dich zu sehen.“

Hinter ihr redete Cade leise auf Alex ein. „Ich halte ihn fest, bis der Wachdienst kommt. Du solltest dich beruhigen, bevor du mit jemandem redest. Ich sage ihnen, dass du zu einem Notfall musstest.“

„Kommt nicht infrage …“ Alex’ Antwort ging in dem Wortschwall obszöner Flüche und Beschimpfungen von Ramonas Freund fast unter.

Layla zog ihre Karte durch und betrat die Intensivstation. Während die Türen sich hinter Cody und ihr wieder schlossen, hoffte sie inständig, dass Alex seinen Zorn im Griff hatte. Es spielte keine Rolle, wessen sich der Mann schuldig gemacht hatte. Tätlichkeiten zwischen einem Arzt und einem Angehörigen hätten schwere Folgen für den Arzt.

Sie vertraute Cody einer Krankenschwester an und berichtete kurz, was passiert war. Dann sprach sie mit Ramona. Zur Erleichterung aller hatte Felix die Operation sehr gut überstanden.

Ein paar Minuten später verließ Layla die Intensivstation. Alex war nirgends zu sehen, auch Ramonas Freund nicht. Der Wachmann unterhielt sich mit Cade.

„Ich werde gleich mit der Mutter des Jungen reden“, sagte er abschließend. „Dr. Rodriguez kann mir sicher auch einige Fragen beantworten, sobald er mit dem Notfall fertig ist.“

„Wo ist Alex?“, fragte Layla, nachdem der Mann gegangen war.

Der breitschultrige Arzt zuckte mit den Achseln. „Weg. Soll sich ein bisschen abkühlen, bevor er mit den Cops redet.“

Schweigend sahen sie sich an. Bildete sie sich etwas ein, oder lag etwas Herausforderndes in Cades Blick? So, als bekäme sie es mit ihm zu tun, falls sie Alex kritisieren sollte.

„Ich habe euch beide reden hören“, begann sie vorsichtig. „Was hast du damit gemeint, dass Alex zu viel gesehen hat?“

Seine Augen wurden ausdruckslos. Cade wischte ihre Frage mit einer lässigen Handbewegung beiseite. Eine Sache zwischen Brüdern, geht dich nichts an. Doch dann sagte er etwas, womit sie nicht gerechnet hatte. „Stimmt es, was man sich hier erzählt? Dass da etwas läuft zwischen dir und Alex?“

Layla ahnte, dass sie von Cade nur eine ehrliche Antwort bekam, wenn sie selbst auch aufrichtig war. „Nicht mehr“, sagte sie. „Aber wir waren mal zusammen, damals, während der Sache mit Jamie Kilpatrick. Du hast bestimmt von dem Fall gehört.“

„Deswegen habe ich mich ja bei Alex gemeldet – nachdem wir uns Jahre nicht gesehen hatten. Viel Zeit hatten wir allerdings nicht miteinander, er war schon auf dem Sprung nach Brisbane.“

„Ich habe bestimmt einiges falsch gemacht“, gestand Layla ein. „Aber im Moment ist viel wichtiger, dass ich Alex meinen Job verdanke, und ich werde alles tun, damit er wegen der Sache vorhin keinen Ärger bekommt.“

Cade wirkte erleichtert. „Ganz meinerseits. Die Ratte erzählt jedem, der es hören will, dass Alex angefangen hat. Hätte ihm einfach den Arm auf den Rücken gedreht.“

„Das kläre ich“, versprach sie. „Nachdem ich mit Alex gesprochen habe. Sagst du mir jetzt, wo er ist, damit ich ihn finde, bevor die Cops nach mir fragen?“

Cade seufzte ergeben. „Gesagt hat er nichts, aber ich vermute, er ist da, wo er immer ist, wenn er Dampf ablassen muss. Und ich auch.“

„Wo?“

„Am Basketballplatz auf der Rückseite der Notaufnahme.“

3. KAPITEL

Wütend donnerte Alex den Ball Richtung Korb, verfehlte sein Ziel, ließ den Ball immer wieder gegen die Handfläche prallen, so stark, dass es schmerzte.

Der nächste Wurf, diesmal ein Treffer. Das Stechen in der Schulter war ein untrügliches Zeichen dafür, dass er sich einen Muskel gezerrt hatte. Kein Wunder, hatte er doch eine alte Sportlerregel missachtet: erst aufwärmen, dann trainieren.

Bald war er völlig außer Atem, doch Alex machte weiter, kämpfte verbissen gegen den Zorn an.

Okay, bei Tommy mochte er sich geirrt haben, aber bei Felix war ihm von Anfang an klar gewesen, dass der Junge misshandelt worden war.

Alex hätte den Kerl umbringen können. Oder ihn wenigstens am eigenen Leib spüren lassen, was er einem unschuldigen Kind angetan hatte. Felix ist noch ein Baby, verdammt! Er konnte sich nicht einmal verteidigen.

Keuchend rannte Alex über das Spielfeld, dribbelte den Ball in atemberaubendem Tempo, ging in Position und warf das Leder mit Wucht Richtung Korb.

Er selbst hatte mehr Glück gehabt als Felix. Alex war schon zehn gewesen und groß für sein Alter, als sein Stiefvater mit der Prügelei anfing. Seine Frau war tot, ihr Sohn war ihm nur lästig. Aber Alex hatte es geschafft, seinen Halbbruder zu schützen, und war oft flink genug, um den Fäusten des wütenden Mannes zu entwischen.

Alex hasste diese Seite seines Berufs. Hasste die Erinnerungen, die mit Patienten wie Felix in ihm hochkochten. Es erfüllte ihn mit unbändiger Wut, wenn er seine Zeit und seine Fähigkeiten einsetzen musste, um Verletzungen zu heilen, die niemals hätten geschehen dürfen. Kinder waren kostbare Geschöpfe, sie verdienten es, geliebt und umsorgt zu werden. Wer ein Kind misshandelte, tat ihm nicht nur körperlich weh, sondern gab ihm für den Rest seines Lebens ein seelisches Trauma mit.

Und Alex war entschlossen, der Beste zu sein, wenn es um verletzte Kinder ging. Jeder wusste, dass er auf dem richtigen Weg dorthin war. Was die meisten jedoch nicht wussten, war, dass ihn nicht nur der starke Wille, sondern auch mächtige Schuldgefühle antrieben. Was ihm bei Jamie Kilpatrick passiert war, durfte nie wieder geschehen.

Alex gestand sich ein, dass es nicht nur die Wut auf Ramonas gewalttätigen Freund war, die er hier loszuwerden versuchte. Nein, es war die Bedrohung, die ihm seit einiger Zeit zusetzte.

Weil der Grund, warum er bei Jamie nicht in Top-Form gewesen war, wieder in seinem Leben aufgetaucht war.

Und weil er sich trotz der katastrophalen Ereignisse in der Vergangenheit immer noch zu ihr hingezogen fühlte.

Vorhin, verdammt, als er sie Spanisch sprechen hörte …

Wahrscheinlich hätte er sich mit Ramona mühelos verständigen können. Aber Alex hatte die Tür zu dieser Sprache, die er als ganz kleiner Junge ständig gehört hatte, schon vor langer Zeit zugeschlagen. Nach dem Tod seines Vaters weigerte sich seine Mutter, in ihrer Muttersprache zu reden. Nur manchmal, in gefühlvollen Situationen, wenn sie ärgerlich oder aufgeregt war, entfuhren ihr spanische Sätze oder einzelne Wörter. Auch in glücklichen Momenten, wenn sie Alex abends ins Bett brachte, ihn fest an sich drückte und ihm einen Gutenachtkuss gab.

Diese Sprache berührte etwas tief in ihm. Sie war Ausdruck glücklicher Zeiten, die so weit zurücklagen, dass sie ihm wie ein Märchen vorkamen. Als er Layla fließend Spanisch sprechen hörte, hatte er eine Gänsehaut bekommen. Und ihm wurde bewusst, dass ihn mehr mit dieser Frau verband, als er geahnt hatte.

Sie zog ihn zu sich, unaufhaltsam, unaufhörlich.

Wie stark diese Kraft war, hatte er erst vor wenigen Minuten begriffen. Als er fast blind vor Zorn Cades Warnung missachtete, als ihm die Folgen seines Handelns völlig egal waren, bis … ja, bis Layla zwischen ihn und diesen miesen Kerl getreten war. In dieser Sekunde änderte sich alles.

Plötzlich beherrschte ihn nur noch der Wunsch, sie zu beschützen.

Dann hatte der Typ sie gestoßen, und sie war gegen ihn geprallt. Er spürte ihre Wärme, ihren weichen, sinnlichen Körper. Layla in seinen Armen … er war einfach erleichtert gewesen, dass sie in Sicherheit war. Gleichzeitig wirbelten Gedanken und Gefühle durcheinander, verwirrten ihn. Cade hatte recht gehabt. Er musste eine Weile verschwinden, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Noch war er nicht so weit. Alex jagte über den Platz, seine Beinmuskeln brannten, Schweiß lief ihm über den Körper, und einen Moment lang wurde ihm schwindlig von der Anstrengung.

Doch er machte weiter. Sein Zorn war verraucht, aber nicht die anderen Emotionen, die ihn bedrängten. Er musste ihnen widerstehen, einen Weg finden, damit umzugehen. Schon einmal war sein Leben aus den Fugen geraten, das würde ihm nicht wieder passieren. Er hatte seine Lektion gelernt.

Zwar nicht sofort. Nach der verhängnisvollen Affäre mit einer verheirateten Frau hatte er sich Hals über Kopf in eine neue Liaison gestürzt. Callie Richards war eine seiner neuen Kolleginnen in Brisbane gewesen. Sie hatten ihre Leidenschaft hemmungslos ausgelebt, bis das Feuer irgendwann erlosch. Alex hatte allerdings nicht erwartet, dass daraus eine tiefe, vertrauensvolle Freundschaft entstehen würde. Eine Freundschaft fürs Leben. Callie war wie er. Ein gebranntes Kind und fest entschlossen, in Zukunft um die Liebe einen großen Bogen zu machen.

Callie hatte ihm geraten, alles zu vergessen und nach vorn zu blicken. So wie sie beide es geschafft hatten, nachdem ihre Affäre vorbei war. Sie blieben Freunde und konnten großartig miteinander arbeiten, ohne die Unruhe und Anspannung, gegen die er gerade ankämpfte.

Warum musste ihn die Vergangenheit gerade hier und jetzt wieder einholen? Erinnerungen an Jamie, an Tommy – und jetzt die Sache mit Felix.

Bei Layla waren es nicht nur die Erinnerungen. Sie war da, Tag für Tag. Und nicht nur das. Sie hatten sich geküsst, ein großer Fehler. Und vorhin, als er sie in den Armen gehalten hatte, sie beschützen musste, komme, was wolle …

Es durfte nicht sein. Wenn er nicht einen Weg fand, damit klarzukommen, würden ihn die Gespenster der Vergangenheit nie in Ruhe lassen. Solche Gefühle machten ihn unberechenbar, und schlimmstenfalls konnte es ihn eines Tages den Job und die Karriere kosten.

Völlig fertig blieb Alex stehen, vornübergebeugt, die Hände auf die Knie gestützt, und schnappte nach Luft.

Fachlich hatte er kein Problem. Er wagte sich an Fälle heran, die die meisten abschreckten. Er machte einen Plan, ging Schritt für Schritt vor. Zuerst eine gründliche Untersuchung, jedes Detail abwägen, dann die Behandlung. Immer das Ziel, die Heilung, vor Augen, das ihm den richtigen Weg wies. Wie ein Licht, das die Dinge klar beleuchtete.

Bei der Arbeit war er in seinem Element. Aber Persönliches? Nein, viel zu kompliziert.

Callie hatte bestimmt eine Idee, was er tun sollte. Sie hatte ihm schon oft grandiose Ratschläge gegeben.

Oder vielleicht konnte ihm Cade helfen. Sie waren bei demselben jähzornigen, gewalttätigen Mann aufgewachsen, der erst nach dem Tod der Mutter sein wahres Gesicht zeigte. Alex hatte versucht, seinen Halbbruder so gut es ging zu beschützen. Aber mit sechzehn hielt er es nicht mehr aus und verließ sein Elternhaus, auch in der Hoffnung, dass der Stiefvater Cade, seinen leiblichen Sohn, besser behandeln würde, wenn Alex nicht mehr da war.

Wie sehr er sich geirrt hatte, erfuhr er erst später. Cade war wütend und zutiefst von ihm enttäuscht gewesen, sodass die Brüder jahrelang keinen Kontakt hatten. Deshalb war Alex ihm unbeschreiblich dankbar, dass er den ersten Schritt getan hatte. Sicher wusste Cade, wie man es anfing, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen.

Du brauchst jemanden, mit dem du reden kannst. Wenn er nicht bald etwas unternahm, würde er irgendwann durchdrehen.

Alex richtete sich auf. Fünf Minuten noch, dann unter die Dusche. Und mit etwas Glück war er dann so müde, dass er kaum noch denken konnte.

Die automatischen Türen glitten auseinander, und Layla trat hinaus auf den Vorplatz. Ein Krankenwagen parkte dort, Sanitäter luden gerade einen Jungen aus, der anscheinend unter einem schweren Asthma-Anfall litt. Er saß auf der Rollliege und presste eine Inhalationsmaske aufs Gesicht. Seine Eltern sahen Layla im weißen Kittel, das Stethoskop um den Hals, und warfen ihr einen hoffnungsvollen Blick zu. Aber mehr als ein mitfühlendes Lächeln konnte sie ihnen nicht anbieten. In der Notaufnahme bekam ihr Sohn gleich schnelle Hilfe.

Layla war hier noch nie gewesen. Soweit sie wusste, standen auf der Rückseite der Notaufnahme die Müllcontainer. Jetzt entdeckte sie in einer Ecke einen asphaltierten, von starken Sicherheitsstrahlern beschienenen Platz. Brett und Korbnetz waren an die Krankenhausmauer montiert.

Alex schien sich seit dem Zwischenfall mit Ramonas Freund hier auszutoben. Er trug nur Shorts und Achselhemd, dazu Sportschuhe. Seine glatte, sonnenbraune Haut glänzte vom Schweiß.

Und … oh, Mann … es gab viel nackte Haut zu sehen.

Layla war im Schatten der Abfallbehälter stehen geblieben, außerhalb der Lichtkegel und für Alex so gut wie unsichtbar. Allerdings war er so sehr auf sein einsames Spiel fokussiert, dass er sie auch nicht bemerkt hätte, wenn sie näher herangekommen wäre.

Während sie so dastand, fühlte sie sich immer unbehaglicher, wie ein Eindringling, ein heimlicher Beobachter. Layla wollte etwas sagen, Alex etwas zurufen, aber ihr Mund war wie ausgetrocknet, es kam kein Ton heraus.

Doch wegsehen, geschweige denn weggehen, das konnte sie auch nicht. Wie gebannt betrachtete sie ihn. Alex Ro­driguez war athletisch gebaut und durchtrainiert. Er hatte kein Gramm überflüssiges Fett am Körper. Beeindruckende Muskeln spielten bei jeder Bewegung in den starken Armen, den kraftvollen Schenkeln. Layla ertappte sich dabei, dass sie jedes Mal den Atem anhielt, wenn er auf das Netz zielte, und erleichtert ausatmete, sobald der Ball sauber hindurchglitt.

Sie hatte oft erlebt, dass Frauen Alex anstarrten. Schon vollständig bekleidet und wenn er einfach nur dastand, war klar, dass er einen heißen Körper hatte. Aber ihn jetzt hier in Aktion zu erleben, das hatte etwas Erregendes, Erotisches. Sie hörte ihn keuchen, spürte fast die Hitze, die er ausstrahlte, und auf der Zunge den salzigen Geschmack seiner Haut.

Layla hörte ihr Herz klopfen, fühlte ein Zittern, das sich überall ausbreitete. So, als wäre sie einer Ohnmacht nahe wie die Heldinnen in Geschichten wie Vom Winde verweht.

Als Alex schließlich stehen blieb, um nach Luft zu schnappen, nahm Layla sich zusammen und besann sich darauf, weswegen sie hier war.

Um über den Vorfall vor der Intensivstation zu sprechen, damit kein falscher Eindruck entstand, wenn sie dazu befragt wurden. Layla wollte auf jeden Fall verhindern, dass Alex deswegen Probleme bekam.

Und danach würde sie versuchen, herauszufinden, was Cade vorhin gemeint hatte. Wovon hatte Alex zu viel gesehen?

Sie hatte sich gerade für das Gespräch gewappnet und wollte aus ihrer Deckung treten, da fing Alex wieder an zu laufen. Nicht so schnell, nicht so wütend wie vor einigen Minuten noch. Anscheinend war sein Ärger verflogen. Gut für mich, dachte sie, fasste sich ein Herz und ging los.

Dann fiel ihr ein, dass sie mit ihm reden musste, während er halb nackt und schweißbedeckt vor ihr stand. Keine gute Idee. Allein bei der Vorstellung bekam sie weiche Knie, und das erregende Gefühl in ihrem Bauch verstärkte sich. Besser, sie schlug ihm vor, kurz zu duschen und dann zusammen einen Kaffee zu trinken.

Die Zeit drängte. Bald würde die Polizei hier auftauchen und ihn zur Rede stellen.

Alex bemerkte Layla sofort, als sie auf ihn zukam, beachtete sie aber nicht, während er erneut den Ball über das Feld dribbelte.

Er konnte sich schon denken, was sie von ihm wollte. Schön … sollte sie ruhig noch eine Weile dort stehen und warten. Es störte ihn nicht, dass Shorts und Achselshirt schweißnass waren und ihm am Körper klebten. Alex hatte sich wieder unter Kontrolle. Layla hingegen, in ihrem eleganten Rock, während der laue Abendwind mit ihrem blonden Haar spielte, wirkte feminin und zerbrechlich. Unsicher.

Layla und unsicher? Ha! Nie im Leben.

Alex zielte und traf. Er ließ den Ball noch einmal aufprallen, fing ihn auf und drehte sich zu ihr um. Ihm entging nicht, wie ihre Augen sich weiteten, als er näher kam. Oder wie sie tief Luft holte, was ihm flüchtig einen Blick auf ihr reizvolles Dekolleté erlaubte. Sie sah ihn nicht einmal richtig an, als er schließlich vor ihr stand.

Tatsächlich, Layla fühlte sich nicht besonders wohl in ihrer Haut.

„Wir müssen reden“, sagte sie.

„Sicher.“ Er musterte sie spöttisch. „Kann ich erst duschen?“

„Natürlich, ich möchte … ja nicht, dass du dich erkältest.“

„Dauert nicht lange.“ Alex deutete mit dem Kopf auf den kleinen Anbau außerhalb der Notaufnahme. „Wir benutzen oft die Dusche im Dekontaminierungsraum da drüben.“

„Gut. Ich warte so lange draußen.“

Der Raum war groß genug, dass man eine Rollliege bequem hineinschieben konnte. Er wurde gebraucht, wenn Patienten oder Ausrüstungen mit giftigen Chemikalien oder hoch ansteckenden Keimen in Kontakt gekommen waren. Wände, Decke und Fußboden waren komplett gefliest, es gab fest installierte Duschen an den Wänden und Handbrausen mit langen Spiralschläuchen. Die Abflussrinnen waren besonders breit. Große Wannen gehörten ebenso zur Einrichtung wie Regale voller sauberer Handtücher und anderer notwendiger Utensilien wie Schutzkittel, Handschuhe und Mundschutz.

Alex zog sich aus, stellte sich unter eine der Duschen und pumpte Flüssigseife aus einem der Spender an der Wand. Er verteilte sie im Haar und spülte den Schaum ab, ließ das warme Wasser über Gesicht und Körper laufen. Dann stellte er die Dusche ab und schüttelte sich das Wasser aus den Haaren, bevor er nach einem Handtuch griff.

Ein kühler Luftzug streifte seinen Rücken. Alex hielt das Handtuch vor sich und drehte sich um. Layla schloss gerade die Tür und verriegelte sie.

„Was zum Teufel machst du da?“

Sie lehnte an der Tür, das Gesicht ihm zugewandt, aber die Augen geschlossen.

„Draußen steht ein Polizist. Der Streifenwagen parkt vor der Notaufnahme. Ich wollte nicht, dass er mich sieht … oder dich findet.“ Sie öffnete die Augen. „Tut mir leid.“

Sie versteckt sich vor der Polizei? Weil sie seltsamerweise annahm, ihn schützen zu können? Und warum sollte sie das tun?

In Gedanken noch bei ihren Worten, sah er, wie Laylas Blick tiefer glitt. Langsam, sehnsüchtig. Sie betrachtete ihn von oben bis unten, sah ihm dann wieder ins Gesicht. In ihren blauen Augen lag ein Ausdruck, bei dem ihm heiß wurde.

Plötzlich war die Atmosphäre wie aufgeladen, knisterte wie eine Lunte, die rasend schnell abbrannte. Er musste etwas tun, irgendetwas, bevor es zur Explosion kam, bevor sie beide in Flammen standen und es kein Zurück mehr gab.

Aber er konnte keinen klaren Gedanken fassen, geschweige denn, sich bewegen.

Er war nackt. In seinen schwarzen Haaren hingen Wassertröpfchen, rannen ihm über die breite braun gebrannte Brust, glitzerten in den feinen dunklen Härchen. Härchen, die sich auf seinem flachen Bauch zu einer Linie verjüngten und hinter dem Handtuch verschwanden, ...

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