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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 65

TINA BECKETT

Rivalen um Schwester Chloe

Flirten lernen, ihren Charme testen: Mehr will Chloe nicht, als sie Dr. Coleman anspricht, ihren neuen Kollegen am Angel’s. Doch dann wird alles kompliziert. Denn Dr. Brad Davis mischt sich ein. Der Freund ihres Bruders tut alles, um sie von seinem Kollegen wegzulocken – und flirtet selber mit ihr. Dieser Mann ist wirklich überraschend. Überraschend sexy …

ABIGAIL GORDON

Und plötzlich kamst du …

Müde freut er sich aufs Wochenende – und plötzlich steht eine fröhliche, impulsive Frau mit einem Koffer vor seiner Tür. Eigentlich will sie zu den Nachbarn, aber die sind nicht da. Dr. Hugo Lawrence ist entsetzt. Zumal sich herausstellt, dass die Obdach suchende Schöne, die er am liebsten verfluchen würde, Ruby Hollister ist – seine neue Praxispartnerin …

KATE HARDY

Ein Kuss wie ein Versprechen

Sie könnte mehr als eine Bekannte für ihn sein, findet Tom. Mit der hübschen Dr. Amy Rivers kann er zum ersten Mal seit dem Tod seiner Frau wieder lachen. Und auch seine kleine Tochter mag sie sehr. Doch auf mehr Nähe hofft er vergebens – nach einem zarten Kuss zieht Amy sich zurück. Was hat sie nur Trauriges erlebt, dass sie eine solche Mauer um sich errichtet?

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Rivalen um Schwester Chloe

1. KAPITEL

So nackt und schutzlos hatte sie sich noch nie gefühlt.

Chloe Jenkins zog den Gürtel ihres Trenchcoats enger. Was vor einer halben Stunde noch eine sexy Idee gewesen war, kam ihr jetzt jämmerlich und schlüpfrig vor.

Selbst zu dieser Zeit war die U-Bahn-Station voller Menschen, Körper überall, die sich berührten, aneinanderstießen, gegen sie drängten. Chloe strich sich die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Wenigstens war sie dem strömenden Regen entronnen.

Und was jetzt?

Ihrem Mistkerl von Mann den Ehering mit den Worten „Betrachte das als unsere Scheidung!“ entgegenzuschleudern, mochte ein einigermaßen würdiger Abgang gewesen sein. Aber seit sie das Hotelzimmer fluchtartig verlassen hatte, sah ihre Situation alles andere als rosig aus. Sie befand sich mitten in New York und kannte niemanden hier.

Bis auf …

Nein, es musste einen anderen Weg geben.

Sie konnte nach Connecticut zurückfahren.

Und ihrem Bruder gegenübertreten? Ihrer Familie? Die hatten sie gewarnt, aber sie war zu naiv gewesen, um auf sie zu hören.

Mit einem Zischen glitten die Türen auseinander, und sie betrat den Wagen, vorsichtig darauf bedacht, die nackten Füße vor schmerzhaften Begegnungen mit den Schuhen ihrer Mitfahrer zu schützen.

Ich könnte mir ein Auto mieten. Zum Glück hatte sie ihre Handtasche mit dem Portemonnaie dabei. Aber dummerweise waren ihre Schuhe im Hotelzimmer geblieben, und es war verboten, barfuß zu fahren. Und wenn sich der Gürtel löste, stand sie völlig entblößt da.

Ihre Wangen brannten. Völlig stimmte zwar nicht ganz, aber das durchsichtige schwarze Negligé und das hauchdünne Höschen überließen wenig der Fantasie des Betrachters.

Sogar ihr Ex, betrunken wie er war, hatte sie unverhohlen gemustert, als sie wie eine Furie unter der Bettdecke hervorgeschossen war. Mit genau dem männlichen Interesse in den Augen, das sie so lange vermisst hatte.

Oh, verflixt! Warum hatte sie es überhaupt versucht?

Weil sie nichts davon hielt, aufzugeben. Weil sie um ihre Ehe kämpfen wollte.

Bis jetzt jedenfalls.

Die U-Bahn fuhr in den nächsten Bahnhof ein, und Chloe verlor kurz das Gleichgewicht, als der Fahrer die Geschwindigkeit drosselte. Hastig packte sie die Schlaufe fester, während sie mit der anderen Hand krampfhaft ihren Mantel zuhielt.

Jemand rempelte sie beim Aussteigen von hinten an, und sie stolperte, biss sich dabei auf die Lippe und schmeckte Blut.

„Tschuldigung.“

Sie spürte zwei kräftige Hände, spontane Hilfe, aber sie wich ihnen aus. Nicht auszudenken, wenn jemand herausfand, dass sie unter dem Mantel so gut wie nichts trug!

Chloe betastete mit der Zungenspitze ihre geschwollene Lippe. Nein, so hatte sie sich diese Nacht nicht vorgestellt.

Du hast recht, Baby, sie sieht echt frigide aus.

Travis’ neueste Eroberung hatte kichernd an seinem Arm gehangen, als sie Chloe im Bett entdeckten, die Decke bis zum Kinn hochgezogen.

Der letzte, verzweifelte Versuch, ihre Ehe zu retten, endete in einer unerträglichen Demütigung. Nicht nur, weil Travis sich wieder mit einer anderen vergnügte. Nein, er schlug auch noch vor, sie solle doch bleiben. Zu dritt hätten sie bestimmt viel Spaß.

Chloe war drauf und dran gewesen, ihm einen rechten Haken zu verpassen, wie ihr Bruder es ihr einmal beigebracht hatte. Aber dann hatte sie die Fäuste sinken lassen. Was hätte es genützt?

Es war vorbei.

Eine Welle der Übelkeit brannte in ihrer Kehle.

Sie könnte ihren Bruder anrufen und … was dann? Es war fast Mitternacht und Jason Hunderte von Meilen weit weg. Außerdem würde er sie mit Fragen löchern. War sie wirklich schon bereit, zuzugeben, dass Travis nur hinter dem Familienvermögen her gewesen war? Sie wollte er jedenfalls bestimmt nicht. Auch wenn er sehr charmant um sie geworben hatte. Aber nur – wie sie inzwischen wusste –, um in der Investmentbranche Fuß zu fassen.

Sie hatte ihm vertraut. Und wofür? Damit er ihr die größte Enttäuschung ihres Lebens bescherte!

Chloe überlegte. Wenn sie Jason jetzt anrief, kehrte der den großen Bruder heraus. Doch sie brauchte keinen Beschützer. Sie musste für eine Weile verschwinden, um ihre nächsten Schritte zu planen. Dass sie als Allererstes die Scheidung einreichte, stand außer Frage. Gleich am Montag.

Bis dahin musste sie irgendwo unterkommen. In einem anderen Hotel.

In deinem Aufzug? Klänge aus „Pretty Woman“ tanzten ihr durch den Kopf. Ja, klar. Chloe ahnte, was die Hotelangestellten denken würden, wenn sie mit klatschnassen Haaren, in einem Trenchcoat, der zwei Handbreit über den Knien endete, und ohne Schuhe am Empfang aufkreuzte, um ein Zimmer zu mieten. Man würde sie aus jedem seriösen Hotel schnellstens hinauskomplimentieren.

Und die weniger seriösen …

Schaudernd betrachtete Chloe den bunten Linienfahrplan über der Tür. Der Gedanke gefiel ihr gar nicht, aber wahrscheinlich blieb ihr nichts anderes übrig, als sich an den einzigen Menschen zu wenden, den sie in New York kannte: Brad Davis. Sie wusste, dass er im Angel Mendez Children’s Hospital arbeitete, hatte jedoch keine Ahnung, in welchem Stadtteil das Krankenhaus lag. Geschweige denn, wo der alte Freund ihres Bruders wohnte. Oder auf welcher U-Bahn-Linie sie gerade fuhr.

Aber das ließ sich herausfinden. Soziale Netzwerke hatten auch ihr Gutes.

Bemüht, nicht wieder das Gleichgewicht zu verlieren, lehnte sie sich so gut es ging gegen die Haltestange und fischte ihr Smartphone aus der Handtasche.

Verwundert und erwartungsvoll zugleich wanderte Brad Davis im Wohnzimmer seines Apartments auf und ab. Es war Freitagabend, und er hatte sein Date gerade mit einem entschuldigenden Lächeln zur Tür begleitet. Unerwartet hätte sich Familienbesuch bei ihm angekündigt.

Was nicht völlig gelogen war. Chloe war praktisch Familie. Als Jugendlicher hatte er mehr Zeit bei Chloe und Jason verbracht als zu Hause. Trotz seiner Bikerjacke, der nietenbesetzten Armbänder und des höhnischen Grinsens, das er oft genug trug, war er bei den Eltern seiner Freunde immer willkommen gewesen. Sie hatten ihn akzeptiert, wie er war, sich um ihn gekümmert, während er sich fragte, ob seine Eltern überhaupt wussten, dass er existierte.

Und Chloe …

Bilder von früher tauchten vor seinem inneren Auge auf, allzu lebhafte Erinnerungen an rosige Wangen, glockenhelles Lachen und übermütige Neckereien.

Als er dann vor sechs Jahren hörte, dass sie heiraten würde, wollte er es zuerst nicht glauben. Und auf der Hochzeit wartete die nächste Überraschung. Aus dem schmalen Teenager war eine betörend schöne junge Frau geworden.

Er machte den Fehler, sie zum Tanz aufzufordern. Während sie sich auf der Tanzfläche drehten und ihr weißes Spitzenkleid raschelnd über den Boden glitt, erwachte in ihm verbotenes Verlangen. Der Anblick der Haarnadel, die eine seidig glänzende Locke an ihrem Platz hielt, weckte in ihm den Wunsch, sie zu lösen …

Beim Versuch, der Verlockung zu widerstehen, spannte er unbewusst die Arme an und zog Chloe dadurch näher an sich. Sein Körper reagierte, sein Puls beschleunigte. Brad hörte, wie sie leise nach Luft schnappte, spürte, dass sie die Finger, die auf seiner Schulter ruhten, unwillkürlich in seine Anzugjacke presste.

Er sah sie an, im selben Moment, als sie den Blick hob. Plötzlich war die Atmosphäre zwischen ihnen sinnlich aufgeladen. Chloe biss sich auf die Unterlippe, und beinahe hätte Brad aufgestöhnt. Wie gebannt starrte er auf ihren schimmernden Mund. Alles um ihn herum verblasste …

Wer weiß, wozu er sich hätte hinreißen lassen, wäre nicht Chloes Mann neben ihnen aufgetaucht. So als hätte er die Gefahr geahnt, streckte er mit warnender Miene die Hand aus und entführte Brad das bezaubernde Wesen mit den großen blauen Augen und den hinreißenden Kurven. Das Gefühl ihres anschmiegsamen Körpers an seinem verfolgte Brad noch bis spät in die Nacht.

Schluss! hatte er sich irgendwann ermahnt. Sie war die Schwester seines besten Freundes. Süß. Unschuldig.

Verheiratet.

Und Welten entfernt von den Frauen, mit denen er ausging. Frauen, die einer Affäre nicht abgeneigt waren und von Anfang an wussten, dass die Sache nicht von Dauer sein konnte. Nicht mit ihm. Frauen, die das genaue Gegenteil von Chloe Jenkins waren.

Was tat sie allein in New York, mitten in der Nacht? Es hätte Schwierigkeiten mit ihrer Hotelbuchung gegeben, hatte sie gesagt. Warum suchte sie sich kein anderes? Oder fuhr nach Connecticut zurück?

Nach ihrer Hochzeit hatte er sie nur ein einziges Mal gesehen und darüber hinaus keinen Kontakt zu ihr gehabt. Bis zu ihrem unverhofften Anruf vor wenigen Minuten.

Ich hätte Nein sagen sollen, dachte er. Hätte mich an den Tanz erinnern und ihr klarmachen sollen, dass ich Besuch habe. Damenbesuch.

Aber etwas in ihrer Stimme hatte ihn davon abgehalten. Ein bebender Unterton, so als erwartete Chloe, dass er rundweg ablehnen würde. Was ihm nie einfallen würde, nicht bei Chloe, auch wenn Jason nicht sein bester Freund gewesen wäre. Auch wenn es alle möglichen Risiken barg, sie wiederzusehen.

Es klingelte, und er drückte auf den Türöffner. Brad ging in den Flur und wartete darauf, dass der Fahrstuhl im fünfzehnten Stock hielt.

Keine Minute später glitten die Lifttüren auf. Anders als bei Katrina vorhin, deren zehn Zentimeter hohe Absätze auf dem Fußboden klackten, war kein Laut zu hören, als Chloe ihre zierlichen Füße anmutig wie eine Tänzerin auf den cremeweißen Marmor setzte.

Und da passierte es auch schon. Die Zeit schrumpfte zusammen auf einen einzigen Augenblick, die Erinnerung an die Minuten auf der Tanzfläche war wieder da, als wäre es gestern gewesen. Bei Brad klingelten die Alarmglocken.

Bis ihm etwas auffiel. Er blinzelte und sah genauer hin. Hatte er beim ersten flüchtigen Blick geglaubt, dass sie nudefarbene Schuhe trug, so stellte er jetzt fest, dass ihre Füße nackt waren. Rosa lackierte Fußnägel glänzten im matten Licht der Flurbeleuchtung. Noch während er sie anstarrte, zog Chloe die Zehen an, so als wollte sie ihre Blöße verstecken. Sofort war sein Kopf wieder klar.

Was zum Teufel war passiert? Hatte man sie überfallen? Ausgeraubt?

Brad ließ den Blick über ihre schlanken Waden gleiten, zu den Knien und verweilte schließlich auf ihrem Trenchcoat, den Chloe krampfhaft zusammenhielt.

„Chloe, ist alles okay?“, fragte er besorgt.

„J…ja.“

Er sah ihr in die Augen – verräterisch feuchte Augen –, nahm die verwischte Wimperntusche und die geschwollene Unterlippe wahr. Brad zählte eins und eins zusammen.

Chloe steckte in Schwierigkeiten.

Sie saß auf der Kante einer wuchtigen Ledercouch und trank einen Schluck Whiskey … ihr zweites Glas. Chloe zuckte zusammen, als der Alkohol auf ihrer wunden Unterlippe brannte.

Ihr gegenüber auf dem Polsterhocker aus dem gleichen teuren Leder saß Brad. In seinen Augen schwelte immer noch die kaum unterdrückte Wut wie vor einer Viertelstunde im Flur, als er ihren Mund berührt und gefragt hatte: „Wo ist der Bastard?“

Sie hatte eine Sekunde gebraucht, um zu begreifen, dass er dachte, Travis hätte sie geschlagen.

Hatte er auch. Nur nicht mit seinen Fäusten.

Aber um nichts in der Welt hätte sie über die bittere Demütigung sprechen können. Vor allem nicht mit einem Mann wie Brad, der schon damals auf der Highschool an jeder Hand zehn Mädchen hätte haben können. Mädchen, denen er mit seinem draufgängerischen Lächeln den Kopf verdreht hatte. Chloe war da keine Ausnahme gewesen. Nur hatte sich diese Schwärmerei mit der Zeit gegeben, war verblasst wie ein künstliches Tattoo.

Bis zu dem Abend ihrer Hochzeit. Als eine einzige Berührung von ihm genügte, um diese Gefühle wieder zum Leben zu erwecken. Sie war verlegen und zutiefst erschrocken gewesen, als sie begriff, dass er die Wahrheit in ihren Augen lesen konnte. Zum Glück hatte Travis sie rechtzeitig vor einer Dummheit bewahrt.

Glück? Damals ahnte sie nicht, dass sich ihr Prinz als Bösewicht entpuppen sollte, der die rosaroten Märchenwolken, auf denen sie schwebte, erbarmungslos zerriss.

Chloe nahm wieder einen Schluck, genoss die Wärme, die sich in ihrem Magen ausbreitete.

„Komm, lass mich dir den Mantel abnehmen.“ Brads raue Stimme holte sie aus ihrer Versunkenheit.

„Nein!“ Sie packte den Gürtel. „M…mir ist immer noch kalt.“

Was sollte sie tun? Wenn sie hier über Nacht blieb, würde er bald merken, dass sie unter dem Mantel nicht viel anhatte. Sie könnte sich auf Brads Sofa zusammenrollen, unter einer Decke. Der Gedanke weckte die Erinnerung daran, wie sie im Hotelzimmerbett lag, und sie konnte einen leisen Laut, halb hysterisches Lachen, halb Weinen, nicht ganz unterdrücken.

„Okay.“ Er richtete sich auf. „Erzählst du mir, was passiert ist?“

Sie wich seinem Blick aus, richtete ihn auf den anthrazitgrauen Marmorkamin. „Habe ich doch schon. Mein Hotel war überbucht. In meinem Zimmer waren … Leute.“

Ihre Fantasie schämte sich nicht, ihr vorzugaukeln, was diese „Leute“ dort gerade taten.

Falls Travis nicht schnarchend eingeschlafen war wie an den Abenden, wenn er zu viel getrunken hatte. Ihre Hochzeitsnacht war eine Katastrophe gewesen. Und die Nächte danach auch. Chloe hatte mitgelacht, wenn ihre Freundinnen kichernd berichteten, wie oft sie hintereinander „ihr-wisst-schon-was“ in ihren Flitterwochen getan hätten. Insgeheim fragte sie sich jedoch, ob mit ihr irgendetwas nicht stimmte.

Travis war unzufrieden mit ihr, das merkte sie deutlich. Also zwang sie sich, im Bett alles mitzumachen, in der Hoffnung, dass es irgendwann besser würde. Mit dem Erfolg, dass Travis anfing, abends länger zu arbeiten. Um für unsere Zukunft zu sorgen, sagte er. Sie hatte nicht gewusst, dass ihre Eltern zu seinen wichtigsten Kunden gehörten, bis sie eines Tages entsprechende Unterlagen auf seinem Schreibtisch fand. Anscheinend hatten sie ihm saftige Honorare dafür gezahlt, dass er sie in Investmentfragen beriet.

Wie es wirklich um ihre Ehe bestellt war, merkte sie allerdings erst, als sie von ihrer Nachtschicht wegen einer fiebrigen Erkältung frühzeitig nach Hause kam. Aus dem Schlafzimmer drangen schrille Schreie, und sie rannte mit klopfendem Herzen nach oben.

Travis lag nackt mit einer anderen im Bett, ihrem Ehebett. Er auf dem Rücken und sie rittlings auf ihm. Natürlich hatte er Chloe wortreich um Verzeihung gebeten, gesagt, es sei ein Fehler gewesen, und ihr versprochen, dass es nie wieder vorkommen würde.

Sollte sie ihn verlassen? Bei ihm bleiben?

Chloe beschloss, um ihre Ehe zu kämpften. Acht lange Monate versuchte sie, in ihm den Funken wiederzuerwecken, der sie damals zusammengeführt hatte. Und heute hatte sie zu dem letzten Mittel gegriffen, das ihr eingefallen war. Sie würde ihn verführen.

Aber Travis brauchte nicht verführt zu werden.

Travis brauchte eine andere Frau oder gleich mehrere. Aber nicht sie. Das war die bittere Wahrheit. Chloe setzte das Whiskeyglas an den Mund und trank einen großen Schluck.

„Hey.“ Das sanft gemurmelte Wort holte sie aus ihrem Jammertal. „Soll ich Jason anrufen?“

Sie hatte Mühe, das attraktive Männergesicht in ihrem Blickfeld zu fixieren. „Bitte nicht. Er macht sich nur Sorgen.“

„Das sollte er auch.“ Brad deutete mit dem Kopf auf ihre Füße. „Wo sind deine Schuhe, Chloe?“

Verflixt, warum hatte sie sich keine plausible Erklärung zurechtgelegt?

Weil es keine gab – außer der Wahrheit. Und damit konnte sie nicht herausrücken, unmöglich.

Wie war sie nur auf die blödsinnige Idee gekommen, den Vamp zu spielen? Wen konnte sie schon verführen? Bestimmt nicht ihren Ehemann, im Bett ein ruppiger, fordernder Kerl, bei dem sie sich hinterher benutzt und unfähig gefühlt hatte. Allerdings war sie ziemlich sicher, dass die Frau in ihrem Ehebett nicht vor Schmerzen geschrien hatte. An ihrem Mann konnte es also nicht liegen.

Frigide. Das schreckliche Wort hallte in ihren Ohren wider, trieb ein Schaudern durch ihren Körper. Chloe hob ihr Glas. Es war leer.

Sie streckte die Hand aus.

„Ich glaube nicht, dass …“, begann Brad.

„Bitte“, flüsterte sie, und er verstummte, stand auf, ging zur Bar und griff nach der Kristallkaraffe mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Ihr fiel auf, dass er sich nichts nachschenkte.

Brad reichte ihr das Glas und setzte sich wieder auf den Hocker.

Unbeholfen zuckte sie mit den Schultern. „Falls du was vorhattest, lass dich durch mich nicht stören.“ Beim letzten Wort entfuhr ihr ein albernes Kichern, und sie schlug die Hand vor den Mund. „Ups, entschuldige. Ich habe lange nichts getrunken.“ Sie hatte sich nie etwas aus Alkohol gemacht. Aber es war schon faszinierend, wie gut er den Schmerz betäubte.

Sie könnte sich daran gewöhnen …

Brad ignorierte ihre Bemerkung. „Deine Schuhe?“

Ach ja, richtig. Er wollte wissen, was sie mit ihren dummen Schuhen gemacht hatte.

„Hab sie dagelassen, zusammen mit meinen kleinen Fußfesseln.“ Der Klunker in ihrem Verlobungsring war allerdings nicht gerade klein gewesen. Wahrscheinlich hatte ihn ihr Daddy mit seinem Investmenthonorar bezahlt. Der Gedanke brachte sie wieder zum Lachen.

Brad legte seine Hand auf ihre, und seine Finger wärmten sie wie ein Kaminfeuer an einem eisigen Winterabend. Wie der Whiskey in ihrem Magen. Doch als sie das Glas heben wollte, um zu trinken, gelang es ihr nicht.

„Hey!“ Sie versuchte, ihm ihre Hand zu entwinden.

„Ich finde, du hast genug für heute.“

„Oh nein. Noch längst nicht.“ Ihr Kopf fühlte sich an wie eine komische Blume, die welker und schlaffer wurde, vornübersank, immer tiefer, weil sie nicht gegossen wurde …

Chloe fuhr hoch, als sie mit der Stirn Brads muskulösen Arm berührte. Eine seltsame Lethargie hatte sie befallen, und am liebsten hätte sie den Kopf wieder sinken lassen.

Behutsame, warme Finger entwanden ihr das Glas und stellten es auf den Holzfußboden. Als ihr Kopf … die Blume … wieder zu welken begann, spürte Chloe plötzlich starke Arme. Sie wurde hochgehoben, hatte das Gefühl zu schweben wie diese willenlosen Frauen in den Horrorfilmen, die von einem Dämon besessen waren.

Ihr Dämon sprach mit rauer, tiefer Stimme, genau wie in den Filmen, aber er klang nicht bedrohlich. Sein warmer Atem streichelte ihre Haut. Sie sog ihn tief ein in der beruhigenden Gewissheit, dass sie in Sicherheit war. Vor allen anderen bösen Geistern. Auch vor Travis. Chloe seufzte schwer, schmiegte sich an die breite Brust, die sie spürte, und ließ sich in die watteweiche Wolke sinken, die alles zudeckte.

Brad stieß die Schlafzimmertür auf, froh darüber, dass Katrina und er keine Zeit mehr gehabt hatten, das breite Bett zu benutzen … wie er es heute Nacht vorgehabt hatte. Er ließ Chloe vorsichtig auf die tabakbraune Seidenüberdecke gleiten und betrachtete sie unschlüssig. Das Gästezimmer war seit einer Ewigkeit nicht mehr benutzt worden. Wahrscheinlich war das Bett nicht einmal bezogen.

Während er sie ansah, berührten ihn Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit. Wie sie zu dritt im Swimmingpool der Jenkins’ herumtollten, die jüngere Chloe in die Luft warfen, die kreischend vor Vergnügen wieder ins Wasser platschte, schnell wieder auftauchte und mehr davon wollte.

Er dachte auch daran, wie peinlich es ihm gewesen war, als Jasons Eltern ihn von der Polizei abgeholt hatten. Damals war er achtzehn gewesen und hatte schon vom Leben die Nase voll gehabt. Sein Versuch, dem auf seinem Motorrad ein Ende zu setzen, war kläglich gescheitert, weil die blöde Maschine auf unbefestigter Straße unter ihm weggerutscht war, bevor er die Geschwindigkeit voll aufdrehen konnte. Als er die Augen aufschlug – noch immer sehr lebendig – war sein erster Gedanke, dass seine Eltern recht hatten: Er bekam nichts auf die Reihe.

Die Jenkins’ hatten ihn an dem Abend mit zu sich nach Hause genommen.

Brad sah wieder Chloe vor sich, als er damals durch die Tür kam, mit Hautabschürfungen auf einer Wange und am rechten Arm. Wie sie ihn entsetzt angestarrt und die Hände vor den Mund geschlagen hatte.

Ihr Blick hatte ihm die unerwartete Erkenntnis gebracht, dass es einen Menschen gab, dem er mit seinem Abgang wehgetan hätte. Seine Eltern hatten nur verächtlich die Nase gerümpft und sein Motorrad in die Reparaturwerkstatt bringen lassen. Sie hatten eine andere Art, ihre Missbilligung zum Ausdruck zu bringen – eine verschlossene Tür war eine mächtige Waffe.

Ja, Chloe Jenkins und er hatten schon einiges miteinander erlebt.

Aber nie, nicht einmal in seinen kühnsten Träumen, hatte er sie sich in seinem Bett vorgestellt. Okay, ein Mal. Und er verdammte sich bis in alle Ewigkeit dafür, dass er sich damals vorgestellt hatte, ihr das Brautkleid auszuziehen und ihre süße Unschuld ganz für sich zu haben.

Brad schüttelte die Erinnerungen ab und wollte Chloe schon zudecken, als ihm auffiel, dass ihr Mantel immer noch nass war. Es war besser, wenn sie nicht darin schlief, vor allem, weil sie schon gezittert hatte, als sie in seine Wohnung kam. Es war Spätfrühling in New York und damit warm und schwül. Aber Chloe schien zu frieren. Gerade deshalb hatte er ihr überhaupt Whiskey angeboten.

Was die Haare betraf, feuchte rotblonde Strähnen, die musste er so lassen, aber er konnte ihr wenigstens den Mantel ausziehen.

Es war nicht einfach, den Knoten zu lösen. Warum hatte sie den Gürtel so festgezurrt? Schließlich gelang es ihm, und er schlug den Mantel auf.

Brad schnappte nach Luft.

Unter dem Mantel war sie buchstäblich nackt. Das schwarze Negligé zählte nicht als Kleidungsstück, und das knappe Höschen darunter auch nicht. Wie ein zarter Schleier umhüllten hauchdünne Spitze und der durchsichtige Stoff ihren sinnlichen Körper.

Er wollte den Mantel schnell wieder schließen und kämpfte gleichzeitig mit dem Verlangen, sie ausgiebig zu betrachten. Die Vernunft siegte, und Brad drehte Chloe auf die Seite, um ihr den nassen Trenchcoat auszuziehen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, so durch New York zu spazieren?

Sie war immer die Vorsichtige gewesen. Hatte sich nie überwinden können, bei ihm auf dem Motorrad mitzufahren, auch nicht, als er längst nicht mehr wie ein Verrückter durch die Gegend heizte.

Und jetzt war sie hier, in seiner Wohnung. Lag aufreizend und sexy auf seinem Bett wie eine dieser Männerfantasien. Aber bestimmt war sie nicht hergekommen, um ihn zu verführen.

Wen dann?

Er dachte an die verwischte Wimperntusche, den gehetzten Ausdruck in ihren Augen. Und plötzlich passte alles ins Bild. Jasons Bemerkung über seinen Schwager bekam eine neue Bedeutung. Dass Chloe sich zwar nie über ihre Ehe beklagt hätte, aber Jason davon überzeugt war, dass da etwas nicht stimmte. Und zwar schon lange. Travis schien ständig unterwegs zu sein und Chloe immer öfter allein zu Haus.

Brad zog die Bettdecke über sie. Er würde jede Wette eingehen, dass Travis auch in New York war, in einem Hotelzimmer, wo auch Chloes Schuhe lagen. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie in die Stadt gekommen war – und was sie bei ihrer Ankunft vorgefunden hatte. Mit wachsendem Unmut betrachtete er die dunklen Ringe unter ihren geschlossenen Lidern, die leichte Schwellung an ihrer Unterlippe.

Verdammter Kerl, er hat ihr wehgetan.

Dafür sollte Travis Maroni bezahlen!

2. KAPITEL

„Ich habe heute Morgen einen Anruf bekommen. Er sucht nach ihr.“

Jason klang besorgt, als er Brad auf dem Handy anrief. Brad sah von den Unterlagen, die er gerade studiert hatte, auf. Seine neueste Patientin war fünfunddreißig Jahre alt, und beim Ultraschall war bei ihrem Baby ein Herzschaden festgestellt worden. In der Gebärmutter war das Kind sicher, aber es würde sofort nach der Geburt sterben, wenn nicht etwas unternommen wurde.

Und zur Krönung hatte er bei Dienstbeginn auf seinem Schreibtisch ein knappes Kündigungsschreiben von Katrina vorgefunden – seiner Verabredung gestern Abend. Anscheinend hatte sie es ihm sehr übel genommen, dass er sie aus der Wohnung hi­nauskomplimentiert hatte.

Leider bedeutete das auch, dass sie jetzt auf der Station unterbesetzt waren.

Das hatte er nun davon, dass er sich mit einer Mitarbeiterin eingelassen hatte. Lass dir das eine Lehre sein!

„Brad, bist du noch dran?“

„Ja, klar. Entschuldige, ich war in Gedanken. Es ging ihr nicht gut, deshalb hatte ich dich angerufen.“

„Danke. Wir hatten keine Ahnung, dass sie nach New York wollte. Dad schäumt vor Wut, und Travis schwört, es sei alles ein Riesenmissverständnis gewesen. Dass er sich mit Chloe gestritten hätte und sie einfach abgehauen wäre. Wir glauben ihm kein Wort.“

„Ist er noch in New York?“

„Nein, zu Hause. Spielt den besorgten Gatten. Sagt, dass er sich gewundert hat, als sie nicht zu Hause war.“

Brad hätte jeden Zentimeter der Stadt abgesucht. Wie konnte der Kerl einfach nach Hause fahren, ohne nach seiner Frau zu suchen? Ihr hätte sonst was zustoßen können!

„Hast du ihm erzählt, dass sie bei mir ist?“

„Mit keiner Silbe.“ Jason schwieg kurz. „Ist sie okay? Körperlich, meine ich?“

„Es sieht so aus. Als ich heute Morgen zur Arbeit fuhr, schlief sie noch.“

Sollte er Jason von der verletzten Lippe erzählen oder davon, was sie anhatte? Brad hatte ihr eine seiner Jogginghosen und ein schwarzes T-Shirt ans Bett gelegt. Die Hose würde ihr viel zu weit sein, aber wenn sie das Band im Bund festzog, würde sie ihr nicht über die Hüften rutschen.

Sofort wanderten seine Gedanken zu ihrem Körper, zu den weiblichen Rundungen, die einen Mann um den Verstand bringen konnten.

Aber sie war nicht irgendeine Frau, sie war Chloe, die kleine Schwester seines besten Freundes.

Brad beschloss, Jason ihr gewagtes Outfit zu verschweigen. Warum die Situation für Chloe noch peinlicher machen? Da kam ihm ein Gedanke. „Arbeitet sie noch am städtischen Krankenhaus bei euch in Hartford?“ Chloe hatte ihre Schwesternausbildung zur selben Zeit abgeschlossen wie er sein Medizinstudium. Und sich auf Pädiatrie spezialisiert, falls er sich richtig erinnerte.

„Ja, warum?“

„Kannst du da anrufen? Fragen, ob sie ihr eine Weile freigeben?“

„Sie wollte sowieso Urlaub nehmen, glaube ich. Aber ich kümmere mich darum. Dad hat vor einem oder zwei Jahren ziemlich viel Geld für die Kinderstation gespendet.“ Jason lachte leise. „Chloe hat fast einen Anfall gekriegt, als sie das hörte. Ich weiß noch, wie sie ihn ziemlich sarkastisch gefragt hat, ob er ihr einen sicheren Arbeitsplatz kaufen wollte.“

Das konnte er sich gut vorstellen. Ein paarmal war er selbst zur Zielscheibe geworden, wie damals, als er sie Händchen haltend mit einem Jungen auf der Veranda ihrer Eltern entdeckte. Ein grimmiger Blick hatte genügt, und ihr Freund verabschiedete sich hastig. Doch als er versuchte, Chloe einige warnende Ratschläge zu geben, unterbrach sie ihn nach dem ersten Satz. Kein Grund zur Sorge, sagte sie. Sie hätte beschlossen, „es erst zu tun“, wenn sie verheiratet war.

Gab es das heutzutage überhaupt noch?

Anscheinend ja, denn als er daraufhin schallend gelacht hatte, wurde sie knallrot, ballte die Faust und boxte ihn in die Brust. Genau auf die Stelle, die nach dem Motorradunfall noch nicht ganz verheilt war. Es hatte wehgetan, aber auch eins klargestellt: Wenn es um ihre Jungfräulichkeit ging, ließ Chloe nicht mit sich spaßen.

Auch das hatte ihn in ihrer Hochzeitsnacht beschäftigt: War sie wirklich als Jungfrau in die Ehe gegangen – als Geschenk an den Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte?

Nur um an einen Idioten wie Travis zu geraten?

Gedankenverloren rieb er sich den Punkt, wo ihn ihre kleine Faust getroffen hatte. Schon lange bedeckte ein keltisches Symbol die Stelle, zog sich von der Brust bis zu seiner linken Schulter. Der Baum des Lebens – eine mit Tinte in die Haut geritzte ewige Erinnerung daran, sich immer für das Leben zu entscheiden.

Er kehrte in die Gegenwart zurück und damit zu Jason. „Eine unserer Schwestern hat gerade gekündigt. Ich weiß nicht, was Chloe dazu sagen wird, aber vielleicht möchte sie für eine Weile einspringen. Wenigstens so lange, bis ich herausgefunden habe, was da mit Travis war. Oder bis ich die Schwester überreden kann, wieder bei uns zu arbeiten.“

Brad stellte fest, dass er gar keine Lust hatte, Katrina anzurufen.

„Großartig, gute Idee. Vielleicht schafft sie es dann endlich, dem Kerl den Laufpass zu geben.“

„Kann sein.“ Brad richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Patientenakte. „Ich melde mich, wenn ich mit ihr gesprochen habe. Sie kann bei mir wohnen, bis sie sich entschieden hat.“

Warum hatte er das jetzt angeboten? Er lebte nicht gerade wie ein Mönch und hatte auch nicht vor, das zu ändern. Wenn er sich mit Chloe das Apartment teilte, konnte er nicht jederzeit Frauen mitbringen. Brad schüttelte den Gedanken ab. Sie war erwachsen, sie würden sich schon irgendwie arrangieren. Außerdem war es ja nicht für ewig. Ein bis zwei Wochen höchstens. Vielleicht ließ sie sich ja auch gar nicht darauf ein. Was sicher besser wäre.

Das willst du doch in Wirklichkeit gar nicht, flüsterte eine feine, aber unüberhörbare Stimme im hintersten Winkel seines Bewusstseins. Brad wollte, dass sie blieb. Wollte sie beschützen vor jedem, der ihr wehtun könnte.

Und wenn sie einfach ging?

Er musste einen Weg finden, das zu verhindern …

„Ich soll was?“ Chloe starrte Brad über den Tisch hinweg an. Er bietet mir einen Job an?

Als sie ohne ihren Mantel in seinem breiten Bett aufwachte und ohne eine Ahnung, wie sie dort hingekommen war, hatte sie als Erstes gedacht, dass sie vielleicht mit ihm geschlafen hätte. Sein warmer männlicher Duft hing im Zimmer, haftete an ihrem Kopfkissen und den Kleidungsstücken, die sie nach dem Duschen angezogen hatte.

Dann stellte sie fest, dass er nicht in diesem Bett gelegen haben konnte, und sie verspürte auch nicht dieses unangenehme Gefühl, benutzt worden zu sein – ein unangenehmer Effekt jedes Mal, nachdem sie Sex mit ihrem Mann gehabt hatte.

Er blickte von seinem Teller Yakisoba auf, die er nach Dienstschluss von einem japanischen Restaurant mitgebracht hatte. „Eine meiner Schwestern auf der Frühchenstation hat unerwartet gekündigt. Ich dachte, du könntest für sie einspringen, bis wir die Stelle neu besetzt haben.“

„Warum?“

„Warum nicht? Oder hast du es eilig, nach Hause zu fahren?“

Ihr schoss das Blut ins Gesicht. Natürlich hatte sie nicht die geringste Absicht, sich zu Hause blicken zu lassen. Abgesehen davon, dass der monströse Kasten, in dem sie mit Travis gelebt hatte, nie wirklich ein Zuhause gewesen war. Chloe hatte schon in Hartford mit einem Rechtsanwalt telefoniert, um die Scheidung ins Rollen zu bringen. Natürlich sollte man sich mitten in einer Krise nicht zu weitreichenden Veränderungen hinreißen lassen. Aber die Verführungsnummer war sowieso der letzte Versuch gewesen. Chloe hatte längst beschlossen, Travis zu verlassen, wenn sie ihn damit nicht zurückgewinnen konnte.

Es war gründlich schiefgegangen. Statt sanft in lustvolle Gefilde einzutauchen, hatte sie einen Bauchklatscher hingelegt, bei dem ihr Hören und Sehen vergangen war.

Aber sie war aufgetaucht, atmete nach sechs langen erstickenden Jahren endlich Freiheit. Nie wieder wollte sie so tief sinken. Für niemanden!

„Ich hatte tatsächlich daran gedacht, zu wechseln“, sagte sie, während die Idee immer mehr Form annahm. Brad hatte recht. Warum nicht?

Es sei denn, ihr Vater steckte dahinter. Wie damals, als sie ihn im Verdacht hatte, dass sie ihre Beförderung indirekt seiner großzügigen Spende zu verdanken hatte. „Moment mal, hat Daddy angerufen und dich gebeten, mir eine Stelle zu besorgen?“

Seine Augen wurden schmal. „Glaubst du, dass ich dich anlüge?“

Es wäre nicht das erste Mal, dass man sie belog. „Nein, aber …“

„Aber was?“

Sie senkte den Blick, spielte mit den Essstäbchen. „Ich möchte nicht, dass du es aus Mitleid tust.“ Chloe konnte ihn immer noch nicht ansehen. „Ich habe die Scheidung eingereicht.“

„Gut.“

In seiner tiefen Stimme schwang ein Unterton mit, der sie ärgerlich aufblicken ließ. „Du und Jason, ihr habt ihm nie eine Chance gegeben.“

„Nein. Aber du.“

Klar, und jetzt könnt ihr euch hinter meinem Rücken über meine Blödheit auslassen.

Da legte er eine Hand auf ihre, und Chloe spürte die tröstliche Wärme seiner Finger auf ihrer eiskalten Haut. „Du kannst denken, was du willst, aber ich wollte, dass es dir gut geht. Dass du glücklich bist.“

Wie Jason auch. Nach der Trauung hatte er ihr einen Kuss auf die Wange gegeben und ihr zugeflüstert: „Werde glücklich, kleine Schwester.“

Eine Welle von Gefühlen überlief sie. Brad war immer für sie da gewesen, ohne groß darüber zu reden. Stets einer der Ersten, wenn etwas passiert war – ob damals im Krankenhaus bei ihrer Blinddarmentzündung oder als ihr geliebter Hund Treehouse gestorben war.

Und später auch, als er und Jason sie zu ihrem ersten Tauchgang vor der Küste von New Jersey begleitet hatten, um ihren erfolgreich bestandenen Tauchkurs zu feiern. Wie oft hatten sie auch danach noch mehrere Schiffswracks erkundet. Bilder von ihm stiegen in ihr auf, wie er mit seinen muskulösen Beinen mühelos das Wasser durchschnitt. Sie spürte wieder den Griff seiner schlanken Finger, als er sie von Ecken und Winkeln wegzog, die ihm zu gefährlich erschienen. Er hatte keine Ahnung, dass im gesamten Ozean er am gefährlichsten war. Zumindest für ihren Seelenfrieden.

Von solchen verwirrenden Momenten abgesehen hatte sie sich jedoch immer auf ihn verlassen können. Vielleicht sollte sie zur Abwechslung einmal ihm helfen. Etwas zurückgeben von dem, was er ihr ohne große Worte geschenkt hatte.

„Danke.“ Sie seufzte. „Wegen der Stelle … es gibt bestimmt eine Menge Krankenschwestern, die sofort im Angel’s anfangen würden.“

Wenn sie das Angel Mendez Children’s Hospital meinten, redeten alle nur vom „Angel’s“, und sie mochte den Namen. Chloe stellte sich das Krankenhaus dann immer als einen Schutzengel vor, der jedes kranke Kind unter seine Fittiche nahm.

Brad lehnte sich zurück. „Ja, das denke ich auch, aber ich möchte die Stelle gern ausschreiben und mir alle Bewerbungen in Ruhe ansehen.“

„Ich bräuchte eine Wohnung. Von Hartford aus kann ich unmöglich pendeln.“ Wollte sie auch nicht.

„Du kannst bei mir wohnen, ich habe ein Gästezimmer. Ich bin sicher, dass wir uns nicht in die Quere kommen werden.“

Chloe biss sich auf die Lippe. Ihr war aufgefallen, dass in allen Türen die Schlüssel fehlten, auch im Badezimmer. Gut, er lebte allein, aber wenn sie hierblieb, wollte sie wenigstens das Bad abschließen können.

„Was meinst du?“

Sie suchte nach den richtigen Worten, platzte dann aber he­raus: „Wo sind die Schlüssel?“

„Schlüssel?“

„Für deine Türen.“

Ein paar Sekunden lang wirkte sein Gesicht völlig ausdruckslos. Schließlich zuckte er mit den Schultern. „Ich habe sie nie benutzt. Wozu auch? Ich wohne allein.“

„Aber du hast sie irgendwo?“

„Ja.“

Irgendetwas an seiner Art zu antworten, irritierte sie. Sie wusste nur nicht, was. „Und was ist mit deinem Privatleben? Ich möchte nicht stören.“ Chloe redete nicht weiter, als er die Brauen zusammenzog. „Triffst du … dich mit jemandem?“

Seine Stirn glättete sich, und ein Lächeln umspielte seinen Mund. „Zurzeit nicht.“

„Oh.“

„Und selbst wenn sich das ändern sollte – das Apartment hat dicke Wände.“

Ihre Wangen wurden warm. Mit anderen Worten, sie würde nicht hören, was sich dahinter abspielte. Wahrscheinlich nicht, aber ihre Fantasie würde nicht mehr zu bremsen sein!

„Bist du sicher, dass du mich hier haben willst?“, fragte sie.

„Sonst hätte ich es dir nicht angeboten.“ Mit spöttischer Miene fügte er hinzu: „Wenn du damit natürlich nicht klarkommst …“

Da war sie wieder, die Herausforderung aus Kindertagen. Wenn du dich nicht traust … Ein einziges Mal nur hatte sie sie nicht angenommen. Brad, das erfolgreich bestandene Examen in der Tasche, hielt mit seinem chromblitzenden Motorrad neben ihr und wollte mit ihr eine Siegesfahrt durch die Stadt unternehmen. Aber die Vorstellung, dicht an ihn geschmiegt hinter ihm zu sitzen, mit ihren Schenkeln seine zu berühren, weckte gefährliche Gefühle. Das gleiche Verlangen, das sie auf ihrer Hochzeit gespürt hatte, als sie miteinander tanzten. Chloe bekam es mit der Angst zu tun, einer Angst, die weitaus größer war als die vor Motorrädern.

Also flüchtete sie sich in eine Ausrede, schob seinen längst vergessenen Motorradunfall auf der Highschool vor. Wie hatte sie sich insgeheim gewunden, weil sie vor ihm wie ein Feigling dastand!

Und jetzt? War sie immer noch feige?

Brad beobachtete sie, und sie hatte das Gefühl, dass seinen grünen Augen nicht das Geringste entging. Du wolltest einen neuen Anfang, sagte sie sich. Dazu gehörte dann wohl auch, dass sie die Zeit bei Brad überstand.

Angriff ist die beste Verteidigung. Chloe legte die Essstäbchen auf ihrem Teller ab und beugte sich vor. „Solange ich einen Schlüssel für mein Zimmer und das Bad habe, kein Problem“, antwortete sie zuckersüß. „Aber vielleicht hast du ja eins?“

Die Jeans saß perfekt.

Was Chloe nicht weiter wunderte. Brad brauchte eine Frau wahrscheinlich nur anzusehen, um ihre Kleidergröße zu wissen. Und die rauchgraue gegürtete Bluse brachte ihre blauen Augen zum Leuchten. Chloe konnte sich nicht erinnern, wann Travis ihr zuletzt Kleidung gekauft hatte.

Nicht dass sie es erwartet hätte. Männer hatten sicher keine Lust dazu, es sei denn, es handelte sich um verführerische Dessous.

In diesem Fall war Brad nichts anderes übrig geblieben. Sie konnte schlecht in den Sachen losgehen, mit denen sie hergekommen war. Die hatte sie heute Morgen gleich als Erstes in eine Plastiktüte gestopft und in den Müll geworfen. Je weniger sie an jene schreckliche Nacht erinnerte, desto besser.

Allerdings war sie schon überrascht gewesen, als es klingelte und der Pförtner ihr das Päckchen brachte. Chloe schluckte ihren Stolz hinunter und nahm es an. Was ihr nicht leicht gefallen war.

Aber jetzt konnte sie wenigstens einkaufen gehen und alles Weitere besorgen. Vor allem Krankenhauskleidung. Am besten etwas Unkonventionelles, hatte Brad gesagt und auch sein Versprechen gehalten und ihr zwei glänzende Schlüssel in die Hand gedrückt. Einen fürs Bad, einen fürs Gästezimmer.

Auf einmal war Chloe aufgeregt und voller Erwartung. Funkelnagelneue Krankenhauskleidung für ein funkelnagelneues Leben! Die perfekte Gelegenheit, einen neuen Anfang zu wagen. Ihr Rechtsanwalt hatte ihr versichert, dass sie Travis nur noch ein einziges Mal zu Gesicht bekommen würde – im Gerichtssaal, wenn die Scheidung rechtskräftig wurde.

Flüchtig befiel sie eine bedrückende Traurigkeit, weil ihre Ehe gescheitert war, doch die Erleichterung, frei zu sein, überwog. Nie wieder Leidenschaft im Bett vorspielen zu müssen, die sie nicht empfand, nie wieder Travis’ genervte Seufzer zu hören, wenn sie ihn wieder einmal enttäuscht hatte …

Chloe drehte sich vor dem mannshohen Spiegel in Brads Schlafzimmer, um zu prüfen, ob die Sachen richtig saßen. Dabei vermied sie es, auf die verspiegelte Glasscheibe an der Decke über dem riesigen Bett zu blicken. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Brad sie zum Rasieren brauchte.

Sie erschauerte. Wenigstens hatte ihr Ex nie vorgeschlagen, im Schlafzimmer Spiegel anzubringen. Ihr Blick fiel wieder auf das Bett, und sie sah Brad vor sich, seinen athletischen Körper mit dem Tattoo auf der muskulösen Schulter.

Ihr Mund wurde trocken. Chloe schloss die Augen und versuchte, sich an die Zeichnung zu erinnern. Ja, ein gezackter Kreis mit einem Baum in der Mitte. Damals, als sie noch ein Teenager war, hatte sie immer wieder hinsehen müssen, wenn Brad sich lässig auf der Liege am Pool ihrer Eltern ausgestreckt hatte. Schon damals war er beeindruckend männlich gewesen. Kein Wunder, dass sie sich in ihn verknallt hatte.

Doch er hatte etwas Wildes, Ungezähmtes an sich, das ihr manchmal Angst eingejagt hatte. Travis dagegen war ruhig und kultiviert gewesen – ein sicherer Hafen. Hatte sie jedenfalls gedacht.

Chloe lachte bitter auf. Wie man sich doch in einem Menschen täuschen kann!

Aber jetzt war sie frei. Endlich.

Sie kramte in der Tasche nach ihrem Handy und schickte Brad eine SMS, mit der sie sich für die Kleidung bedankte. Sie schrieb auch, dass sie einkaufen gehen würde. Er hatte ihr nämlich versprochen, sie morgen mit ins Angel’s zu nehmen, um sie den Kollegen vorzustellen.

Gerade, als sie die Wohnung verlassen und den Pförtner bitten wollte, ihr ein Taxi zu rufen, klingelte das Telefon. Unschlüssig blieb sie stehen. Sollte sie rangehen oder das dem Anrufbeantworter überlassen? Aber vielleicht war es Brad, der ihre SMS bekommen hatte und vielleicht mit ihr Pläne fürs Abendessen absprechen wollte.

Sie nahm das Telefon von der Station. „Hallo?“

Kurze Pause am anderen Ende der Leitung, dann erklang eine Frauenstimme. „Wer ist da?“

Oh, oh. Das klang alles andere als freundlich.

„Chloe Jenkins. Ich bin … eine Freundin von Brad.“ Stimmte doch, oder? „Er ist nicht da. Kann ich ihm etwas ausrichten?“

„Hier ist Katrina. Ich wollte wissen, ob er meine Nachricht bekommen hat.“

Nachricht? Brad hatte nichts dergleichen erwähnt. Die verspiegelte Decke tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Natürlich! Sie hatte anscheinend eine von Brads „Frauen“ am Apparat.

„Ich … also, ich weiß es nicht. Ich kann ihm sagen, dass Sie angerufen haben.“

„Nur keine Umstände.“ Eiszapfen klirrten in ihrer Stimme. „Er hat meine Nummer. Wenn er was von mir will, kann er mich jederzeit erreichen.“

Chloe schluckte. Wenn er was von ihr wollte …? Im Sinne von: unter dem Spiegel?

Oh, Hilfe. Das konnte ja heiter werden, wenn sich die Frauen hier nachts die Klinke in die Hand gaben!

Das monotone Tuten verriet ihr, dass die andere aufgelegt hatte, ohne sich zu verabschieden. Chloe steckte das Telefon wieder auf die Station und nahm sich vor, es nicht wieder anzufassen. Und wenn es hundertmal klingelte! Sie hatte wenig Lust darauf, dass andere sie für eine von Brads Affären hielten.

Ein Gutes hatte der Anruf allerdings. Er erinnerte sie daran, warum sie hier war: Um von Travis wegzukommen und nicht, um sich kopfüber in das nächste Abenteuer zu stürzen.

Andererseits bestand keine Gefahr. Travis’ abfällige Bemerkungen über ihre Qualitäten im Bett hatten sie vorsichtig gemacht, um nicht zu sagen, ängstlich. So etwas wie mit ihm wollte sie nie, nie wieder erleben, vor allem nicht mit einem Fremden.

Aber wie soll das gehen? fragte sie sich. Sie wollte nicht für den Rest ihres Lebens allein bleiben. Sie wünschte sich Kinder, eine Familie. Deshalb hatte sie doch geheiratet … weil sie sich nach dem sehnte, was ihre Eltern hatten: eine innige Liebe, die schon seit Jahrzehnten andauerte.

Vielleicht sollte sie mit jemandem über ihre Schwierigkeiten reden. Aber mit wem? Bestimmt nicht mit ihrem Bruder, das brachte sie nicht fertig. Und ihre Freundinnen konnten es ihr nicht aus der Sicht eines Mannes erklären. Travis ist ein Idiot und schlecht im Bett, würden sie sagen. Aber war er das wirklich? Andere Frauen schienen sich um ihn zu reißen, so wie die mondäne Blondine, die im Hotel nicht die Finger von ihm lassen konnte. Also liegt es an mir.

Wie sollte sie das Problem lösen?

Sie sah zum Telefon hinüber, hörte wieder Katrinas ärgerliche Stimme. Brad war schon mit vielen Frauen zusammen gewesen. Und Katrina schien nichts gegen ein Wiedersehen zu haben. Im Gegenteil, sie war sauer, weil sie ihn nicht erreichte.

Ja, Brad war genau der Richtige. Er konnte ihr sagen, was sie bei Travis falsch gemacht hatte, und ihr vielleicht ein paar Hinweise geben, wie sie sich bei der nächsten Beziehung verhalten sollte. Sie kannte ihn seit ihrer Kindheit, er war ihr vertraut, und er hatte keine Ahnung, dass sie früher einmal in ihn verknallt gewesen war. Und er war ein erfahrener Mann. Bei einem Fremden wäre es ziemlich peinlich, über solche Sachen zu reden, aber bei Brad? Bestimmt nicht.

Chloe holte tief Luft und atmete langsam aus. Okay, das wäre geregelt. Sie würde das Thema zur Sprache bringen und sehen, wie er reagierte. Wenn er sich darauf einließ, würde sie sich seine Erfahrungen zunutze machen und herausfinden, was ein Mann von einer Frau erwartete.

Denn was auch immer es war, sie hatte es nicht – und auch keine Ahnung, wo sie es herholen sollte.

Brad stand im verglasten Zuschauerraum über dem Operationssaal und beobachtete, wie der Chirurg seine Patientin für eine Hysterotomie vorbereitete. Eine ähnliche Prozedur würde Brads Patientin mit dem herzkranken Baby in ein, zwei Monaten über sich ergehen lassen müssen.

Bei diesem Eingriff jedoch sollte ein Neuralrohrdefekt am Fötus behoben werden, damit das Kind nicht behindert zur Welt kam. Solche aufwendigen, mit hohen Risiken für das Baby verbundenen Operationen wurden nicht oft durchgeführt. Aber auf dem Gebiet gehörte das Angel’s zu den besten Krankenhäusern im Land. Die Leute kamen aus allen Teilen der USA hierher.

Brad beugte sich vor, um bessere Sicht auf das Operationsfeld zu haben, als der Chirurg den Uterus eröffnete.

Cade Coleman, ein neuer Kollege im Chirurgenteam des Angel’s, war mit der schwierigen Aufgabe betraut worden. Er war ein exzellenter Operateur, das musste Brad zugeben, doch in den wenigen Wochen, seit Coleman hier war, hatte es zwischen ihnen schon einige Auseinandersetzungen gegeben.

Unter anderem zum Timing dieser Operation.

Brad wusste auch nicht, wie es der Mann ohne Probezeit auf die zweite Stelle in der Hierarchie geschafft hatte. Anscheinend hatte er einen gewissen Einfluss auf Alex Rodriguez, den besten Neurochirurgen am Angel’s. Es gab Gerüchte, dass die beiden sich zu einem geheimen Gespräch unter vier Augen getroffen hätten. Brad maß dem allerdings nicht viel Bedeutung bei. Alex war nicht der Typ, der sich etwas vorschreiben ließ. Andererseits war Brad nicht entgangen, dass Alex ihm nicht richtig in die Augen sehen konnte, als er ihm die Neuigkeiten mitteilte.

Verdammt, sein Leben war plötzlich ziemlich kompliziert geworden. Erst erschien Chloe auf seiner Türschwelle, mit einem verlorenen Ausdruck in den schönen Augen, der ihm immer noch zusetzte. Dann warf Katrina die Brocken hin und kündigte ausgerechnet jetzt, wo auf der Pränatal-Station jede Hand gebraucht wurde. Dazu noch ein eigensinniger Chirurg, der ihm das Leben schwer machte.

Großartig!

Brad blickte auf den Monitor und zoomte das Operationsfeld näher heran, als Cade in Melanie Roberts’ Bauch griff und den Fötus behutsam herauszog. Ein Junge. Aber das wusste Melanie sicher längst durch die Ultraschalluntersuchung, bei der die Fehlbildung entdeckt worden war.

Coleman drehte das Baby auf den Bauch, sodass die blasenartige Ausformung am unteren Ende der Wirbelsäule zu sehen war. Die Fehlbildung war nur gut zwei Zentimeter lang, aber sie musste korrigiert werden. Und jetzt in der einundzwanzigsten Woche war der richtige Zeitpunkt – laut Coleman.

Als hätte er Brads Blick gespürt, sah der Chirurg zu ihm hoch. Auf dem Monitor, der alles, was sich im OP abspielte, vergrößerte, waren die gefurchten Linien auf Colemans Stirn deutlich zu sehen. Klar war es nicht leicht zu verdauen, dass man einem anderen Rede und Antwort stehen musste, wenn man in Los Angeles eine Abteilung geleitet hatte. Aber wenn man den Arbeitsplatz wechselte, konnte man nicht erwarten, gleich ganz oben anzufangen. Wenn der Mann vorhatte, Brads Platz einzunehmen, nahm er den Mund zu voll. Falls einer von ihnen gehen würde, dann Coleman.

Brad sah vom Monitor auf und gab ihm mit einem leichten Nicken zu verstehen, dass er das Problem gesehen hatte und mit Cades Vorgehensweise einverstanden war. Der Chirurg wandte sich wieder dem winzigen Baby zu, und Brads Gedanken schweiften ab. Zu Chloe.

Vergiss nicht, dass sie meine kleine Schwester ist, hatte Jason bei seinem Anruf heute Morgen gesagt. Als ob ich das nicht wüsste. Was erwartete Jason? Dass er es darauf anlegte, sie ins Bett zu kriegen? Ausgeschlossen.

Verbotene Bilder schlichen sich in sein Bewusstsein: Chloe im durchsichtigen Negligé, kaum verhüllte sinnliche Kurven, glatte samtige Haut … Seine Reaktion war alles andere als brüderlich gewesen. Auch am anderen Morgen nicht, als sie in Jogginghose und T-Shirt durch seine Wohnung lief. Aber er gehörte praktisch zur Familie wie ein Cousin. Außerdem hatte Chloe Schlimmes durchgemacht und war jetzt besonders verletzlich.

Und er wusste besser als jeder andere, wie es war, von jemandem zurückgewiesen zu werden, der dich doch bedingungslos lieben sollte. Der dich am ausgestreckten Arm verhungern lässt, obwohl du alles tust, um diese Liebe zu gewinnen.

So etwas Ähnliches musste zwischen Travis und Chloe passiert sein. Wenn sie in verführerischen Dessous zu ihrem Mann ging, erhoffte sie sich etwas ganz Bestimmtes. Doch dann musste Travis etwas gesagt oder getan haben, das sie flüchten ließ, in die Nacht hinaus, ohne Schuhe, in einer fremden Stadt.

Brad wollte nicht so sein wie Travis. Wollte nicht einem Menschen wehtun, der ihm schon immer viel bedeutet hatte.

Süße unschuldige Chloe. Wenn er sich nicht im Griff hatte, würde sie dafür bezahlen müssen.

Vergiss das nie, ermahnte er sich.

3. KAPITEL

Das ist nicht sein Ernst.

Auf Brads Oberschenkel lag ein schimmernder dunkler Helm, das gleiche Modell, das Brad trug. Und Brad saß, den einen Stiefel lässig auf dem linken Pedal abgestützt, auf seinem Motorrad, das Visier hochgeklappt. Chloe hatte damit gerechnet, dass er mit einem BMW vorfahren würde, nachdem er ihr gesagt hatte, sie sollten sich in der Tiefgarage treffen. Nicht auf einer Harley.

„Da … da kann ich nicht mitfahren.“

Er reichte ihr den Helm. „Ich werde nicht rasen. Versprochen.“ Seine schwarze Lederjacke – zusammen mit der zweiten, die auf dem Sozius lag, sagte etwas ganz anderes. Beide schrien förmlich: GEFAHR. FINGER WEG!

Chloe klammerte sich an den Riemen ihrer Handtasche wie an eine Rettungsleine. „Hast du kein Auto wie normale Ärzte?“

„Wann habe ich jemals Dinge getan, die andere für ‚normal‘ halten?“

Meinte er seine Eltern? Die waren nicht gerade begeistert gewesen, dass er ständig mit dem Motorrad unterwegs war. Nicht dass sie es je aus ihrem Mund gehört hätte, aber Chloe hatte zufällig ein Gespräch zwischen Jason und ihren Eltern mitbekommen. Darüber, dass sich Brad bei ihnen mehr zu Hause fühlte als bei seiner Mom und seinem Dad. Jason hatte gesagt, er wisse auch, warum. Brads Eltern seien überheblich und ließen es jeden, der in ihren Augen nicht gut genug war, deutlich spüren. Ihr eigener Sohn stand da ganz oben auf der Liste.

Chloe zögerte. Brad wusste, dass sie Angst vorm Motorradfahren hatte. Nie würde sie seinen Unfall vergessen. Aber wollte sie wirklich, dass er dachte, sie wäre sich zu fein für eine Fahrt mit seinem Motorrad? Wie seine Eltern?

Er sah ihr in die Augen. „Ich passe gut auf dich auf, Chloe. Du hast mein Wort.“ Dann legte er den Helm wieder auf seinen Oberschenkel und streckte die Hand aus.

Wie von einem starken Magneten angezogen, legte sie die Finger auf seine und trat näher, bis sein Knie die Innenseite ihres Schenkels berührte. Wieder erschauerte sie, aber diesmal nicht vor Furcht, sondern vor etwas, das ihr noch beunruhigender erschien.

Sollte sie es wirklich tun? Sie hatte schon einmal gekniffen. Damals auch aus dem Gefühl heraus, Travis zu betrügen, wenn sie auf dieser Maschine hinter Brad saß, sich an ihm festhielt, sich an ihn schmiegte und dabei vielleicht etwas empfand, das nicht sein durfte.

Fast hätte sie aufgelacht. Travis gehörte nicht länger zu ihrem Leben. Warum also nicht jetzt entdecken, wovor sie sich damals gefürchtet hatte?

Aber … auf einem Motorrad?

Warum nicht, verdammt? Chloe schnappte sich den Helm und stülpte ihn sich über den Kopf.

Im ersten Moment glaubte sie zu ersticken. Nur mit Mühe konnte sie sich zurückhalten, sich das Ding wieder vom Kopf zu reißen.

Brad schien ihre Panik zu spüren. Er bockte das Motorrad auf, schwang das Bein über den Sitz und stellte sich vor sie. Seine warmen Finger streiften ihre Kehle, als er die Riemen nahm und sie unterm Kinn schloss. Als Nächstes schob er das Visier hoch und hob ihren Kopf an, um in den Helm hineinzusehen. „Wie fühlt es sich an?“

Oh, Mann. Meinte er den Helm oder seine Berührungen? Sei nicht albern, natürlich den Helm!

„Eng. Heiß.“

Sein Adamsapfel bewegte sich, und Brad starrte sie einen Moment lang an, bevor er antwortete: „Er muss fest sitzen.“

Seine Stimme klang auf einmal rauer. Hatte sie etwas Dummes gesagt? Oder hatte er es sich anders überlegt? „Ist das wirklich eine gute Idee, dass ich mitfahre?“

Er lachte leise. „Bis vor ein paar Sekunden fand ich nichts dabei.“

„Wie lange brauchen wir bis zum Krankenhaus?“

„Hängt vom Verkehr ab. Eine Viertelstunde vielleicht.“

„Okay, bringen wir es hinter uns.“

Brad nickte, gab ihr die zweite Jacke und wartete, bis sie sie angezogen hatte. Sein warmer männlicher Duft haftete an dem weichen Leder, und Chloe konnte sich gerade noch beherrschen, nicht die Augen zu schließen und tief einzuatmen. Stattdessen ließ sie sich davon einhüllen und spürte, wie er ihr den Mut gab, der ihr gerade noch gefehlt hatte. Brad hatte versprochen, auf sie aufzupassen, und sie hatte es noch nie erlebt, dass er ein Versprechen gebrochen hätte.

Er setzte sich wieder auf die schwere Maschine, schob sie ein Stück nach vorn und klappte mit dem Fuß den Ständer hoch. „Steig auf.“

Chloe legte die Hand auf seine Schulter und hob das Bein, als würde sie sich auf ein Pferd schwingen. Sie versuchte, so weit hinten wie möglich zu sitzen, aber das war schlicht ausgeschlossen. Der Sitz war so konstruiert, dass sie unweigerlich nach vorn rutschte und ihr Bauch buchstäblich an Brads Rücken klebte.

Vor ihr lagen die längsten fünfzehn Minuten ihres Lebens.

„Hörst du mich?“

Sie zuckte zusammen und begriff erst dann, dass die leise Stimme aus ihrem Helm kommen musste. Anscheinend waren die beiden Helme über eine Funkausrüstung miteinander verbunden.

Er nahm also öfter jemanden mit. Oft genug, um sich dafür Spezialhelme anzuschaffen. Warum löste der Gedanke in ihrem Kopf ein unüberhörbares Warnsignal aus?

„Chloe?“

„Ja, ich kann dich hören“, brachte sie schließlich heraus.

„Unter dem Riemen ist ein Mikro. Dreh es nach vorn.“

Sie fand das harte Plastikteil an der Seite des Helms und justierte es so, dass es vor ihrem Mund war. „Besser?“

„Yep.“ Brad rollte mit dem Motorrad einen halben Meter vorwärts, und Chloe legte schnell die Hände auf seine Taille. „Wenn wir losfahren, solltest du dich besser festhalten.“

Noch fester? „Okay.“

Chloe tastete nach den Fußrasten und hatte gerade die Füße darauf abgestützt, als Brad den Schlüssel drehte und die Maschine mit einem satten Brummen zum Leben erwachte.

„Sobald die Garagentür sich öffnet, geht’s los. Lass die Füße auf den Rasten, auch wenn wir anhalten, und leg dich mit in die Kurven.“

„Wird gemacht.“ Ein kleines übermütiges Lachen entfuhr ihr. Nicht, weil er ihr Anweisungen gab, das war ja nötig. Aber drei Tage nach der erniedrigenden Episode in Travis’ Hotel war sie jetzt auf dem Weg zu einem neuen Job, in ein neues Leben. Selbst das prickelnde Gefühl von Gefahr, während sie dicht an Brad gedrängt auf seinem Motorrad saß, konnte ihr Hochgefühl nicht dämpfen. Ihre Entscheidung war richtig gewesen.

Die Garagentüren glitten auseinander, Brad beschleunigte und fuhr los. Ruhig und vernünftig, ohne abenteuerliche Schnellstarts oder andere Manöver, mit denen er damals auf der Highschool die Mädchen beeindruckt hatte. Trotzdem schlug Chloe das Herz bis zum Hals, als er links abbog, hinein in den Berufsverkehr. Das Geräusch aufheulender Motoren und quietschender Bremsen, begleitet von Hupen, drang gedämpft durch ihren Helm.

Beim ersten Abbiegen hatte sie instinktiv die Arme um Brad geschlungen. Er hatte recht, sie musste mit jeder seiner Bewegungen mitgehen. Ähnlich wie beim Reiten, dachte sie. Früher, während der Schulzeit, hatte sie ein paar Jahre lang ein Pferd gehabt. Sie schob die Hüften noch ein Stückchen vor und presste die Schenkel fest an seine, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Chloe spürte Brads muskulösen Körper überdeutlich und hielt das Kribbeln erst für Anspannung, Adrenalin, ausgeschwemmt durch ihren Überlebensinstinkt. Aber was sie tief in ihrem Bauch fühlte, hatte nichts mit Überleben zu tun.

Dann bog Brad an der nächsten Kreuzung ab, und Chloe konnte an nichts anderes mehr denken als daran, sich gut festzuhalten.

In den ersten Minuten war sie ängstlich darauf bedacht, sich ja nicht zu rühren. Doch mit der Zeit gewöhnte sie sich an das Vibrieren des starken Motors unter ihr, und sie merkte schnell, wie sicher und geschickt Brad das schwere Gefährt lenkte. Da entspannte sie sich und konnte die Fahrt sogar ein bisschen genießen.

An einer roten Ampel mussten sie stoppen, und Brad hielt die schwere Maschine ruhig, die Stiefel auf dem Asphalt abgestützt. Chloe holte tief Luft, während sie feststellte, dass ihr der Helm längst nicht mehr so erstickend eng vorkam.

„Alles klar bei dir da hinten?“

„Bis jetzt, ja. Es ist nicht so schlimm, wie ich dachte.“

Ein sanftes Lachen kam aus den eingebauten Kopfhörern, füllte den Helm aus. „Und ich dachte, dass ich nie den Tag erleben werde, an dem Chloe Jenkins mit mir Motorrad fährt.“

Er hatte also nicht vergessen, wie sie ihm damals einen Korb gegeben hatte. Chloe lächelte, als ihr auf einmal seltsam leicht ums Herz wurde. „Die Zeiten ändern sich.“

„Hmm. Soll ich dir das Fahren beibringen?“

Ihr Magen machte eine Rolle rückwärts. „Na, so sehr ändern sie sich auch nicht. Ich bleibe lieber Beifahrer. Mehr schlecht als recht.“

Brad griff nach hinten und drückte kurz ihr Bein. „Du machst das sehr gut.“

Die Ampel sprang auf Grün, und Brad gab Gas. Hastig schlang sie wieder die Arme um ihn.

Obwohl die Autos Stoßstange an Stoßstange standen, kamen sie mit dem Motorrad gut voran, und ehe sich Chloe versah, fuhren sie am Central Park vorbei und auf ein stattliches weißes Gebäude zu.

„Hat es eine Tiefgarage?“

„Für unsere Patienten. Wir Mitarbeiter können einen Parkplatz in der Nähe nutzen.“

Auf dem Gelände kam ein Parkwächter auf sie zu, sichtlich beeindruckt von der glänzenden Maschine. Doch er fing sich schnell und streckte eine Hand aus, um Chloe herunterzuhelfen. Sie lächelte ihn an, verlegen, weil ihr immer noch die Beine zitterten. Brad bockte das Motorrad auf, nahm seinen Helm ab und zog den Schlüssel aus dem Zündschloss.

Als sie etwas hilflos an ihrem eigenen Verschluss nestelte, machten beide Männer einen Schritt vorwärts, aber der Parkwächter blieb wie angewurzelt stehen, als Brad ihm den Schlüssel in die Hand drückte und seinen Krankenhausausweis hochhielt. „Gegen sieben holen wir es wieder ab“, sagte er knapp.

Der junge Mann nickte und warf einen letzten Blick auf Chloe, bevor er Brad den Parkschein reichte.

Als der Angestellte die Harley startete, um sie einzuparken, wandte sich Brad Chloe zu und löste ihren Helm.

Sie verzog das Gesicht. „Ich möchte lieber nicht wissen, wie meine Haare jetzt aussehen. Ich werde keinen besonders guten Eindruck machen.“

Unerwartet strich Brad ihr die feuchten Locken an Stirn und Wangen zurück. „Du könntest nie einen schlechten Eindruck machen, Chloe.“

Denkst du. Du hast mich noch nicht im Bett gehabt.

Rasch verdrängte sie die bedrückenden Gedanken. Das lag hinter ihr, und sie wollte endlich nach vorn blicken. Vielleicht sollte sie einfach mit dem ersten attraktiven Mann flirten, der ihren Weg kreuzte.

Unwillkürlich sah sie zu Brad hinüber und schnell wieder weg. Puh! Nur die Vorstellung, mit ihm zu flirten, löste einen Anflug von Panik aus. Zusammen mit einer Ahnung von prickelnder Gefahr, die sie atemlos machte.

Plötzlich beschlichen sie Zweifel. Brachte sie das wirklich fertig? Ihn geradeheraus zu fragen, wie Männer tickten, was sie von einer Frau erwarteten? Im Bett? Nach dieser Motorradfahrt war sie sich nicht mehr so sicher.

Vielleicht sollte sie ihr Glück lieber bei dem zweiten attraktiven Mann versuchen, der ihr über den Weg lief. Vorsichtshalber. Bis sie den Mut aufbrachte, Brad in die Augen zu sehen und ihn zu bitten, ihr alles zu sagen, was sie wissen musste.

„Chloe, das ist Layla Woods, Chefärztin der Pädiatrie.“

Die schlanke Blondine lächelte freundlich, als sie ihr die Hand schüttelte. „Freut mich, Sie kennenzulernen. Brad hat erzählt, dass Sie bald zu seinem Team im vierten Stock gehören werden.“

„Ich helfe nur aus. Vorübergehend.“ Von einer dauerhaften Position hatte Brad nicht gesprochen. Außerdem musste sie nach ihrem Urlaub wieder in Hartford arbeiten.

„Schön, dass Sie hier sind. Ich bin auch neu am Angel’s. Falls Sie also irgendwelche Fragen haben, nur zu.“

Brads Handy klingelte, und er sah auf das Display. „Entschuldige, da muss ich rangehen. Wie Layla sagte, wir sind im vierten Stock. Fahr ruhig hoch, sie erwarten dich schon.“

Seine Kollegin schnalzte mit der Zunge. „Du kannst sie doch nicht einfach sich selbst überlassen. Ich führe sie ein bisschen herum und bringe sie dann nach oben.“

„Danke, Layla.“ Brad sah Chloe an. „Bis nachher.“ Dann nahm er den Anruf entgegen.

Neben Layla fühlte sich Chloe groß und plump, obwohl sie höchstens fünf Zentimeter größer war als die Ärztin. Aber ihre Hüften und ihre Brüste waren breiter, während Layla wie eine zierliche Elfe gebaut war. Auf Schuhe übertragen wäre sie eine anmutige Riemchensandalette und Chloe ein praktischer Pumps.

Sie seufzte. Kein Wunder, dass Travis sich nach etwas anderem umgesehen hatte.

„Sind Sie bereit?“

Ein breites Lächeln begleitete Laylas Frage, und Chloe entspannte sich wieder. Die Kinderärztin hatte nichts Hochnäsiges oder Aufdringliches an sich, ihre Augen blickten freundlich. Von einer leichten Melancholie, einem Hauch von Traurigkeit einmal abgesehen.

Wir alle haben unsere Probleme, dachte Chloe.

Das Krankenhaus war riesig, und Laylas Tour dauerte etwas länger als erwartet. Als Chloe wiederholt verstohlen auf ihre Armbanduhr lugte, legte Layla ihr beruhigend die Hand auf den Arm. „Machen Sie sich keine Sorgen. Brad hat den anderen bestimmt schon gesagt, dass Sie mit mir unterwegs sind.“

Chloe nickte und sah in den Toilettenraum, dessen Tür Layla aufgeschoben hatte. „Sind Sie New Yorkerin?“, fragte sie.

„Nein, aus Texas. Und Sie?“

„Connecticut.“

„Da haben Sie es wenigstens nicht weit bis nach Hause.“

Leider. Chloe entfuhr ein ersticktes Lachen, und auf einmal war sie den Tränen nahe. „Im Moment wäre ich lieber in Texas zu Hause.“

Layla zog sie in den Raum hinein und vergewisserte sich, dass die Kabinen leer waren. „Alles in Ordnung, Chloe?“

Beschämt schüttelte sie den Kopf. „Nein. Aber das wird schon wieder.“

Layla legte ihr die Hand auf den Arm, und die mitfühlende Geste genügte. Die Worte strömten nur so aus Chloe heraus. Nicht einmal im Traum wäre es ihr eingefallen, all das jemandem zu erzählen. Ganz bestimmt nicht ihrem Bruder oder Brad. Aber die blonde Ärztin hatte etwas an sich, das ihr Mut machte. Es war befreiend, die demütigenden Erlebnisse, die sie tief im Innersten vergifteten, endlich herauszulassen. „Ich habe die Scheidung eingereicht“, beendete sie ihre Geschichte.

Layla umarmte sie kurz. „Wir scheinen einiges gemeinsam zu haben. Erinnern Sie mich daran, dass ich Ihnen bei Gelegenheit davon erzähle.“ Sie seufzte. „Aber jetzt müssen wir Sie auf Ihre Station bringen.“

Als Chloe auf die Uhr sah, stellte sie entsetzt fest, dass schon eine Stunde vergangen war, seit Brad sie in Laylas Obhut zurückgelassen hatte. „Es tut mir leid. Sie haben sicher zu tun.“

„Ich bin froh, dass wir uns kennengelernt haben. Vielleicht können wir mal zusammen etwas trinken gehen. Das O’Malley’s ist direkt um die Ecke. Aus dem Angel’s gehen viele dorthin.“

„Danke, das ist eine nette Idee.“ Vielleicht war es gar nicht so schwer, ein neues Leben anzufangen. Wenn sie sich gut einarbeitete, würde Brad sie vielleicht behalten. Und Layla oder auch jemand anders konnte ihr bestimmt einen Tipp für eine günstige Wohnung geben. Oder falls jemand eine Mitbewohnerin suchte.

Brad wollte sicher nicht für immer mit ihr zusammenleben. Sie auch nicht. Nicht nach den verwirrenden Gefühlen, die sie während der gemeinsamen Motorradfahrt empfunden hatte.

Wenn diese Gefühle stärker wurden …

Bloß nicht, dachte sie, während sie mit Layla zum Fahrstuhl ging.

Sie würde Brad nur diese Fragen stellen, die ihr auf der Seele brannten, und dann aus seinem Leben verschwinden. Je eher, desto besser!

Sein Blut kochte.

An dem altmodischen Ausdruck musste etwas dran sein. Was vor wenigen Minuten noch ein leichtes Blubbern gewesen war, brodelte jetzt durch seine Adern wie ein heißer, unbändiger Strom. Füllte seine Brust aus, stieg ihm in den Kopf.

Brad starrte zur Stationszentrale, wo Cade Coleman mit Chloe stand. Seiner Chloe.

Okay, sie war nicht seine Chloe. Aber er sorgte sich um sie. Und so, wie sie Cade ansah, ihn anlächelte, mit sanft geröteten Wangen … Brad traute seinen Augen nicht, als sie sich gedankenverloren eine Haarsträhne um den Zeigefinger wickelte.

Frauen taten das. Er selbst hatte es schon oft genug erlebt. Und es bedeutete nur eins.

Chloe fand den Kerl doch wohl nicht attraktiv, oder?

Mich hat sie jedenfalls nicht so angesehen.

Und was Coleman betraf, was fiel dem ein, eine seiner Schwestern anzubaggern? Eine, die erst seit drei Tagen hier arbeitete?

Was auch immer da ablief, dem musste er einen Riegel vorschieben. Jason würde ihm gründlich den Kopf waschen, wenn er es zuließ, dass jemand Chloe für ein flüchtiges Abenteuer benutzte.

„Gibt’s ein Problem?“

Chloe sah ihn an, richtete sich kerzengerade auf, und die schimmernde Locke entglitt ihren Fingern. „Ich habe … habe nur …“ Flammende Röte überzog ihre rosigen Wangen.

Was zum Teufel ist hier los?

Cade, der lässig am Tresen lehnte, zog die Brauen hoch. „Überhaupt nicht. Wir waren einander nur nicht offiziell vorgestellt worden.“

Ein Versehen, das Brad ganz bewusst noch nicht korrigiert hatte. Was wahrscheinlich daran lag, dass sich die Spannungen zwischen ihm und dem Chirurgen bisher nicht gelegt hatten. Im Gegenteil. Weil sie sich zu ähnlich waren? Beide dickköpfig, von sich überzeugt und es gewohnt, das Sagen zu haben. Aber solange sie einander nicht in die Quere kamen und jeder seinen Job machte, dürfte der Frieden gewahrt bleiben. Doch jetzt kam Chloe ins Spiel, und da verstand Brad keinen Spaß.

„Chloe?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Wie er schon sagte, wir haben uns nur miteinander bekannt gemacht.“

Brad biss die Zähne zusammen. Aha, wenn sie mit ihm sprach, spielte sie nicht mit ihrem Haar. Stattdessen war der schuldbewusste Ausdruck in ihren blauen Augen unübersehbar.

Was hatte das alles zu bedeuten?

Bevor er etwas sagen konnte, klopfte Cade mit den Fingerknöcheln leicht auf die Holzplatte, woraufhin Chloe zusammenzuckte.

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