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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 58

FIONA MCARTHUR

Endlich die Richtige für Dr. D'Arvello

Bellissima! Dr. Marco D'Arvello hat nur die schönsten Komplimente für Emily. Und wenn er ehrlich ist, würde der italienische Geburtsspezialist die süße Hebamme nur zu gern verführen. Aber dieser Versuchung darf er nicht erliegen! Eine Frau wie Emily verdient einen Mann, der immer an ihrer Seite ist. Und er ist jemand, den noch keine Frau halten konnte …

KATE HARDY

Überraschung einer Ballnacht

Keine Namen, keine Fragen … Nur unter dieser Bedingung lässt Ed sich zu einem One-Night-Stand mit der sexy Cinderella hinreißen, mit der er auf dem Klinikball getanzt hat. Und so ist er auch reichlich konsterniert, als er kurz darauf feststellt, dass seine nächtliche Affäre und seine neue Assistenzärztin am London Victoria Hospital ein und dieselbe Frau sind …

ANNE FRASER

Monaco, die Liebe und du

Heute hier, morgen da: Dr. Fabio Lineham betreut seine Patienten rund um die Welt. Auch privat sucht er Freiheit und Abenteuer. Bis Katie ins Team kommt. Die hübsche Physiotherapeutin ist durchorganisiert, scheu, ernst – genau das Gegenteil von ihm. Eigentlich passt es ihm auch erst nicht, dass er mit ihr eine Patientin nach Monaco bringen soll. Aber dann …

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Endlich die Richtige für Dr. D'Arvello

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1. KAPITEL

Sonnenlicht fiel durch die Scheiben und warf einen hellen Fleck auf den Fußboden. Marco D’Arvello blieb einen Moment darauf stehen, genoss die Wärme und betrachtete die Fährschiffe und Segelboote im Hafen von Sydney. Einen solchen Ausblick bot nicht jeder Krankenhausflur.

Flüchtig verspürte er den Wunsch, mehr von diesem Land zu sehen, bevor er es wieder verließ. Aber er war voll ausgelastet mit Sprechstunden und OP-Terminen, bis seine Zeit hier ablief.

So war es geplant, und so gefiel es ihm.

Er konzentrierte sich wieder auf den Arztbericht in seiner Hand. Fetale obstruktive Uropathie. Dürfte leicht zu beheben sein, dachte er, während er die Tür öffnete. Man hatte ihm die Konsultationsräume für die Dauer seines Aufenthalts zur Verfügung gestellt. Ein Wartezimmer gab es nicht, sodass die Patienten in seinem Büro auf ihn warten mussten. Nicht gerade ideal, aber das grandiose Hafenpanorama dürfte sie entschädigen.

Buongiorno, Marlise.“

Seine geborgte Sekretärin errötete. „Guten Morgen, Dr. D’Arvello.“

„Bitte sagen Sie Marco.“ Er setzte sich auf ihre Schreibtischkante und beugte sich vor, um auf den PC-Bildschirm zu spähen. „Ist Miss Cooper schon da?“

Marlise zog den Bauch ein und deutete mit ihrem perfekt manikürten Zeigefinger auf die Terminzeile. „Ja, seit zehn Minuten.“

„Bene.“ Marco marschierte in sein Zimmer.

Hafenpanorama und die Gedanken an die intrauterine Operation verblassten jedoch zur Bedeutungslosigkeit, als Miss Cooper sich zu ihm umdrehte.

Bellissima! Die Sonnenstrahlen zauberten Glanzlichter in ihr seidiges blondes Haar. Die schimmernde Bobfrisur betonte ihre großen grünen Augen. Ruhig und gelassen erwiderte Miss Cooper seinen Blick, während Marco auf sie zuging.

Anmutig nahm sie die große und eine kleinere Handtasche von ihrem Schoß und stand auf. Zwei Handtaschen? Marco schob den irritierenden Gedanken beiseite, konzentrierte sich auf die schlanke Frauenhand in seinem Blickfeld und erinnerte sich ans Weiteratmen. Ihre Finger fühlten sich kühl an, ihr Händedruck war sanft, aber bestimmt, und Marco musste sich zwingen, ihre Hand wieder loszulassen.

Und ihr Gesicht … Die aparten Züge verrieten ein ernsthaftes, lebenserfahrenes und doch verletzliches Wesen. Sie war älter, als er erwartet hatte, vielleicht Ende zwanzig, Anfang dreißig, und wo sie ihr Baby versteckte, war ihm nicht klar. Auf jeden Fall besaß sie dieses faszinierende Strahlen, das werdenden Müttern eigen war.

Marco warf einen Blick auf die Unterlagen, um sich zu fangen, und wurde erst recht verwirrt. Sechsundzwanzigste Schwangerschaftswoche? „Sie sehen nicht sehr … schwanger aus“, entfuhr es ihm. Himmel, geht’s noch unprofessioneller?

Emily Cooper blinzelte. Warum hatte ihr niemand gesagt, dass der brillante neue Geburtshilfespezialist wie Antonio Banderas im Arztkittel daherkam? Dichtes schwarzes Haar, eine Spur zu lang, windzerzaust und glutvolle braune Augen. Es fehlte nicht viel, und sie schmolz auf dem Büroteppich dahin wie Eiswürfel in der Mittagssonne …

Leicht verspätet reagierte sie auf seine Bemerkung. „Ich bin nicht schwanger.“ Ein Mal reicht, dachte sie.

Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte sie keine Beziehung mehr gehabt. Ihre Beine schienen auf einmal aus Pudding zu sein, und als sie sich setzte und notgedrungen zu ihm aufsah, kam sie sich wie ein sexhungriges Weibchen vor. Aus ihrer Perspektive sahen seine muskulösen Schultern noch breiter aus. Verruchte Gedanken fuhren ihr durch den Kopf. Wenn ich mit jemandem ins Bett gehe, dann will ich einen wie ihn.

Ans Bett dachte sie sonst nur, wenn sie müde war – und sich auf eine ungestörte Nachtruhe freute!

Zum Glück trat er jetzt hinter seinen Schreibtisch und setzte sich.

„Aber Sie sind hier wegen eines Eingriffs in der Gebärmutter … ja?“

Was für ein köstlicher italienischer Akzent! Emily ließ sich den Klang seiner tiefen männlichen Stimme wie Schokolade auf der Zunge zergehen.

Marco starrte auf das Blatt in seiner Hand. Mühelos erfasste er hoch komplizierte Sequenzen minimalinvasiver Chirurgie, aber was sich gerade hier abspielte, war ihm schlichtweg schleierhaft. Nicht nur, dass sich seine Hormone wie eine Bande Halbstarker gebärdeten, nein, er war auch verblüffend froh darüber, dass Miss Cooper nicht schwanger war! Sehr seltsam. Sein Verstand funktionierte hoffentlich bald wieder …

Bevor sie auf seine Frage antworten konnte, waren Schritte zu hören, und eine junge Frau eilte ins Zimmer. Plötzlich fielen die Puzzleteilchen zu einem vollständigen Bild zusammen.

„Wie kannst du ohne mich anfangen, Mum?“

Idiot. Fast hätte er sich mit der flachen Hand an die Stirn geschlagen. Aber die Ähnlichkeit war unverkennbar. Die vollen rosigen Lippen zu einem Schmollmund verzogen, schnappte sich die junge Frau die kleine Handtasche.

„Ich muss mich entschuldigen, Miss Cooper.“ Lächelnd hielt er ihr die Hand hin. „Marco D’Arvello. Wir haben noch nicht richtig angefangen.“ Er wandte sich um. „Auch Sie bitte ich um Verzeihung, Mrs Cooper.“

Die Tochter machte ein finsteres Gesicht und warf ihrer Mutter einen flüchtigen Blick zu. „Wir sind beide Miss Cooper. Mum heißt Emily, und ich bin Annie. Uneheliche Kinder liegen bei uns in den Genen.“

Marco hatte Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Am liebsten hätte er sich zwischen dieses kleine Biest und ihre arme Mutter gestellt. Sehr zu seiner Erleichterung schenkte Emily der abfälligen Bemerkung ihrer Tochter keine Beachtung.

„Reden wir über Ihr Kind, Annie“, begann er sachlich und deutete auf den zweiten Besucherstuhl. „Bitte nehmen Sie doch Platz.“

Emily unterdrückte einen Seufzer und das Bedürfnis, sich mit beiden Händen Luft zuzufächeln. Warum musste sich der gehässige Zwilling, der seit Neuestem in Annie steckte, ausgerechnet hier präsentieren? Gut, versuchte sie sich zu beruhigen, das sind die Hormone, in der Schwangerschaft ist jede Frau emotionaler als sonst. Außerdem hat sie Angst um ihr Baby und ist wütend auf die ganze Welt, seit ihre geliebte Gran gestorben ist.

Zugegeben, Emily vermisste Gran genauso sehr, aber sie sehnte sich nach dem lieben, fröhlichen Mädchen zurück, das ihre Annie bis vor zwei Monaten noch gewesen war.

Uneheliche Kinder liegen bei uns in den Genen. Oh, wie peinlich! Einen Flirt mit ihm konnte sie jetzt vergessen.

Emily fing sich wieder – und stellte fest, dass sie den Anfang der Unterhaltung verpasst hatte.

„Es gibt zwei Verfahren bei vorgeburtlichen Operationen“, sagte Dr. D’Arvello gerade. „Das eine erfolgt über eine feine Nadel, das andere ist einem Kaiserschnitt ähnlich. Wir eröffnen den Uterus und operieren unter Narkose für Mutter und Kind.“

Unfassbar, was heutzutage alles möglich war. Emily beobachtete den gut aussehenden Arzt. Im OP standen bestimmt alle unter Hochspannung, doch so, wie er es sagte, hörte es sich nach einem Kinderspiel an.

„Das Risiko einer Frühgeburt erhöht sich natürlich, je aufwendiger der Eingriff ist. Und manchmal ist es ratsam, abzuwarten, bis das Baby auf der Welt ist, um dann sofort zu operieren.“

Annie kaute auf ihrer Unterlippe. „Können wir bei mir noch warten?“

„Das hängt von dem Problem ab, mit dem wir es zu tun haben. Ihr Baby ist sechsundzwanzig Wochen alt. Zu jung also, als dass wir vorzeitige Wehen und eine Frühgeburt riskieren dürften. Aber auch schon zu alt, um noch lange warten zu können, bevor die Anomalie nicht mehr zu beheben ist. Sehen wir uns einmal an, was wir haben.“

Er zog eine Reihe Ultraschallbilder aus einem großen Umschlag und klemmte sie an den Lichtkasten an der Wand. Emily und Annie traten zu ihm.

„In Ihrem Fall ziehe ich eine Fetoskopie vor. Die Instrumente, die wir verwenden, sind dünner als eine Bleistiftmine, und jeder einzelne Schritt wird am Monitor überwacht.“

„So fein?“

.“ Er lächelte, und Emily hätte fast ihre Sonnenbrille aus der Tasche geholt. Der Mann hatte ein blendendes Lächeln.

Marco deutete auf einen dunklen Fleck. „Bei Ihrem Baby besteht eine Verengung am Blasenhals.“ Ein schlanker, sonnengebräunter Zeigefinger umkreiste die Stelle. „Einfach ausgedrückt: Die Tür, aus der der Urin aus der Blase strömt, ist nahezu verschlossen, und durch den Rückstau schwellen die Nieren an. Ich hätte diesen Eingriff lieber schon vor vier Wochen durchgeführt, um die Nieren Ihres Babys besser zu schützen.“

„Wir wissen erst seit Kurzem, dass meine Tochter schwanger ist“, erklärte Emily rasch. „Es ist ihr erster Ultraschall. Das war für uns alle ein Schock.“

Beschönigend ausgedrückt. Sie hatte kaum glauben können, dass ihre Tochter in die gleichen Umstände geraten war wie sie selbst damals. Aber als sie dann erfuhren, dass das Leben des Babys in Gefahr war, wurde alles andere unwichtig. Ihr Mutterinstinkt übertrug sich auch auf das kleine runzlige Wesen auf den Ultraschallbildern. Sie liebte es schon jetzt von ganzem Herzen.

Sì. Wir sollten die Operation so bald wie möglich ansetzen.“ Er lächelte Annie beruhigend an. „Die Instrumente sind so fein, dass nur ein winziger Einschnitt nötig ist. Also morgen?“

„Morgen?“, quiekte Annie.

Sofort griff Emily nach der Hand ihrer Tochter. Die Finger waren eiskalt. „Je eher, desto besser“, sagte sie. „Für das Baby.“ Sie blickte den Mann an, dem sie Annies und die Zukunft ihres Enkelkinds anvertraute. „Was meinen Sie, haben die Nieren schon gelitten?“

Ihre Blicke trafen sich, dunkle Augen verrieten ein Mitgefühl, das ihr guttat. Er verstand, dass sie Angst hatte.

„Warten wir es ab. Nach der Operation wissen wir mehr. Sobald die Blase sich wieder entleeren kann, sollte auch das Fruchtwasservolumen steigen. Und das ist ein gutes Zeichen.“ Er blickte beide an. „Und in ein paar Monaten, nach der Geburt, werden sofort Tests gemacht, um den Zustand einzuschätzen.“

Marco betrachtete die junge Frau. Ob ihr die Risiken wirklich bewusst waren? Ohne guten Grund wagte sich kein Chirurg in den geschützten Raum, in dem ein Baby heranwuchs.

Annies Augen, grün wie die ihrer Mutter, schimmerten verdächtig, als sie seinen Blick erwiderte. „Der Eingriff schadet meinem Baby also nicht?“

„Natürlich bestehen, wie bei jeder Narkose, die üblichen Risiken für Sie und Ihr Baby. Auch dass eine vorzeitige Wehentätigkeit ausgelöst wird, können wir nicht hundertprozentig ausschließen. Aber ich habe schon unzählige Fetoskopien durchgeführt, und meistens ging alles gut. Ohne die Operation jedoch hätte Ihr Kind ein schwieriges Leben mit schwer geschädigten Nieren vor sich.“

Annie schluckte heftig. „Okay.“

War er zu deutlich gewesen? „Ich sage das nicht, um Ihnen Angst zu machen, sondern um Ihnen zu verdeutlichen, wie wichtig dieser Eingriff ist.“ Beruhigend legte er ihr die Hand auf die Schulter. „Verstehen Sie das?“

Die junge Frau sah ihre Mutter an, dann wieder ihn und nickte. „Aber erzählen Sie mir keine weiteren Einzelheiten. Ich will’s einfach hinter mich bringen.“

„Sì.“ Marco ging zur Tür, und die beiden Frauen erhoben sich. „Dann lasse ich Sie auf die Liste setzen.“ Er warf einen Blick auf die Unterlagen in seiner Hand. „Ihre Handynummer habe ich, ich melde mich, sobald ich die genaue Uhrzeit weiß. Sie wohnen zusammen?“

„Ja“, antwortete Emily. „Wie lange wird sie im Krankenhaus sein?“

Er schürzte die sinnlichen Lippen, und Emily blickte hastig zu ihrer Tochter, um diesen wundervollen Männermund nicht anzustarren. „Da das Risiko einer Frühgeburt besteht, mindestens achtundvierzig Stunden“, sagte er. „Meine Sekretärin wird dafür sorgen, dass Annie ein Medikament gespritzt bekommt, das die Lungenreife des Babys fördert. Heute noch und morgen vor der Fetoskopie. Falls wir den Uterus eröffnen müssen, behalten wir Annie eine knappe Woche bei uns.“

Emily vermied es, dem heißen Italiener in die Augen zu sehen, und blickte stattdessen auf seinen Hemdkragen. „Danke, Doktor.“

Marco wandte sich an Annie. „Sind Sie sicher, dass Sie keine Fragen mehr haben?“

„Ich möchte nur, dass mein Kind gesund ist, Doktor.“

„Bitte, nennen Sie mich Marco. Und Ihr Baby gesund zu machen, das ist unser Ziel. Bene. Wir sehen uns dann morgen.“

Annie straffte die Schultern. „Ja.“ Sie wirkte entschlossen, und Marco konnte nicht umhin, sie zu bewundern. Auf einmal sah sie ihrer Mutter sehr ähnlich. „Danke, Marco“, fügte sie hinzu.

Emily lächelte nur und folgte ihrer Tochter. Marco sah ihnen nach. Die Kleine ist kein Biest, korrigierte er seinen ersten Eindruck von Annie Cooper. Nur gestresst. Was er mit Sicherheit auch wäre, wenn seinem Kind das Gleiche bevorstände.

Und ihre Mutter … Sie ging ihm nicht mehr aus dem Sinn. Vergiss es, ermahnte er sich. Emily Cooper sah nicht aus wie eine, die sich auf eine Affäre einließ. Und mehr hatte er nicht zu bieten, da er nur noch einen Monat in Sydney sein würde.

Dennoch tauchte ihr Bild immer wieder vor seinem inneren Auge auf. Grüne Augen und ein weicher Mund, tiefgründige Blicke, die Klugheit und Verletzlichkeit zugleich verrieten.

Wie an so vielen Abenden in den vergangenen sechzehn Jahren ging Emily auch heute zur Nachtschicht. Nur die Bedingungen hatten sich mit der Zeit geändert, und inzwischen arbeitete sie nicht mehr als einfache Krankenschwester, sondern war als diensthabende Stationsschwester für alle anderen verantwortlich.

Natürlich hätte sie auf der Karriereleiter noch ein Stück höher klettern können, aber sie arbeitete grundsätzlich nur nachts. Tagdienst kam für sie nicht infrage, weil sie dann nicht nur ihre Tochter kaum gesehen, sondern auch ihrer Großmutter eine anstrengende Tagesmutterbeschäftigung zugemutet hätte.

Dabei hatte Gran auch so schon unendlich viel für sie getan, als sie sich um Annie kümmerte. Sonst hätte Emily nicht arbeiten gehen können.

Aber jetzt war Gran nicht mehr da und Annie alt genug, dass niemand mehr auf sie aufpassen musste. Und obwohl Emily sich damit abgefunden hatte, selbst Großmutter zu werden, so hatte sie noch nicht den Schock verarbeitet, dass ihre Tochter mit sechzehn ungeschützten Sex gehabt hatte. Wäre das nicht passiert, wenn ich nachts nicht gearbeitet hätte? Wie oft hatte sie schon mit dieser Frage gehadert.

Im Gegensatz zu dem Tumult, der sich in ihren Gedanken abspielte, war es auf der Station ruhig.

Emily bereitete das Bett für den Neuzugang vor, den sie von einem Vorortkrankenhaus erwarteten, und zog das Blutdruckmessgerät näher heran. Dann befestigte sie das Namensschild am Fußende.

Der verantwortliche Arzt war Marco D’Arvello. Anscheinend bekamen sie immer mehr Fälle für fetale Chirurgie. Emily schüttelte den Kopf.

„Stimmt was nicht?“ Ihre Kollegin und Freundin Lily berührte sie sanft am Arm, und Emily nahm sich zusammen.

„Alles in Ordnung. Ich musste nur an vorhin denken.“

„Wie war der Termin bei dem tollen Dr. D’Arvello?“ Lily hatte erst vor Kurzem ihren Traumprinzen kennen und lieben gelernt. Und weil sie glücklich war, wollte sie, dass auch alle anderen glücklich waren. „Der Mann soll ein Herzensbrecher sein, habe ich gehört.“

Emily bekam warme Wangen. Zum Glück herrschte während der Nachtschicht gedämpftes Licht, sodass Lily die verräterische Röte nicht auffallen konnte. „Er war sehr nett. Nachher kommt er bestimmt, um sich seine neue Patientin anzusehen. Danach kannst du mir ja sagen, was du von ihm hältst.“ Wie der dunkelhaarige Arzt auf sie gewirkt hatte, darüber wollte sie lieber nicht nachdenken. „Es wäre besser gewesen, wenn Annie die Ultraschalluntersuchung eher gemacht hätte. Aber ich weiß auch erst seit letzter Woche, dass sie schwanger ist. Die Geschichte wiederholt sich …“

„Das sehe ich anders“, widersprach Lily nachdrücklich. „Deine Eltern haben dich mit Vorwürfen überhäuft und sich von dir abgewandt. Diesmal ist es anders. Du hast nicht einen Moment gezögert, Annie alle Hilfe und Unterstützung zu geben, die sie braucht. Du bist für sie da, und das weiß sie auch. Auch wenn sie dir nicht sagen will, wer der Vater ist.“

„Es ist vorbei, hat sie mir erklärt, und er habe kein Interesse an dem Kind. Es hat wenig Sinn, da weiter nachzubohren, also lasse ich es. Aber es stimmt mich schon wehmütig, dass sie jetzt schlagartig erwachsen werden muss. Und dann ist ihr Baby auch noch krank.“

Lily war noch sehr jung, doch sie hatte keine leichte Kindheit gehabt und war früh erwachsen geworden. Sie wusste, wie stark eine Frau sein konnte, wenn sie es musste. „Viele Mädchen kommen wunderbar klar, Emily. Auch mit einem kranken Kind. Annie wird das auch schaffen. Falls ihr Baby nach euch beiden schlägt, kannst du mehr als beruhigt sein.“

Hoffentlich. Emily holte tief Luft und atmete langsam wieder aus. „Danke, Lily. Entschuldige, ich wollte meine Sorgen nicht bei der Arbeit abladen.“

„Wo denn sonst, wenn du niemanden hast? Ich bin froh, dass ich für dich da sein kann, wirklich. Ach, dabei fällt mir ein, wir sollten mal wieder zusammen Kaffee trinken. Evie wollte auch kommen. Wann passt es dir diese Woche?“

„Gute Frage. Annie wünscht sich eine Babyparty.“

„Mach dich nicht fertig, du schaffst das schon.“

Draußen auf dem Flur war das Geräusch von Rollstuhlrädern zu hören. „Ich werd’s versuchen“, antwortete Emily. „Hört sich an, als wäre unser Neuzugang da.“

Die Patientin sah noch jünger aus als Annie, und die beiden Krankenschwestern wechselten einen mitfühlenden Blick.

„Hallo, Sie sind June, nicht?“ Lächelnd begrüßte Emily sie. „Wie ich gehört habe, bekommen Sie Zwillinge.“

„Das hat der Arzt gesagt. Jetzt weiß ich endlich, warum ich aussehe wie eine Walkuh auf zwei Beinen.“ Ihr Lächeln zitterte und verschwand zusammen mit dem forschen Tonfall. „Meinen Babys wird doch nichts passieren, oder?“

„Wir werden alles tun, um die Kontraktionen zu stoppen. Und meine Freundin hier hat recht, wenn sie sagt, dass Babys zähe kleine Wesen sind.“

Der Pfleger rollte die Patientin in das vorbereitete Zimmer. June erhob sich schwerfällig, blieb jedoch stehen und atmete sich durch die nächste Wehe.

Emily legte ihr dabei die Hand auf den Bauch. „Die Kontraktionen sind stark, aber Sie kommen gut damit zurecht.“

June seufzte tief auf, als der Schmerz abebbte. „Ich habe bei einem Geburtsvorbereitungskurs mitgemacht. Eine Freundin meiner Mutter leitet ihn, und sie hat uns auch beigebracht, wie man richtig atmet.“

„Dann müssen Sie mir unbedingt ihre Nummer geben, für meine Tochter.“ Sie half ihr auf die Waage. „Mit ein bisschen Glück haben wir Sie gewogen und im Bett, bevor die nächste Wehe kommt.“

Die junge Frau schwankte leicht und stieß einen leisen Pfiff aus, als sie die Zahl sah. „Ui, ich wusste gar nicht, dass Babys so schwer sind.“

Lächelnd notierte Emily das Gewicht. „Es sind nicht nur die Babys, Sie haben auch viel Flüssigkeit in Ihrem Bauch.“

June warf ihr einen unsicheren Blick zu. „Das eine ist größer als das andere. Konnte man beim Ultraschall deutlich sehen.“

Kein gutes Zeichen bei einer Mehrlingsschwangerschaft, dachte Emily. „Deshalb sprechen Sie ja nachher mit dem Doktor.“

„Kommt er heute noch?“, fragte June und sah zur Uhr. „Es ist nach Mitternacht.“

„Ärzte arbeiten lange. Und dieser kennt sich mit Zwillingen, die unterschiedlich groß sind, sehr gut aus.“

„Oh.“ June setzte sich ächzend aufs Bett und kämpfte mit der nächsten Wehe.

„Ich gebe Ihnen gleich eine Tablette, die die Wehentätigkeit mindert. Da sie gleichzeitig gegen Bluthochdruck ist, muss ich bei Ihnen den Blutdruck vorher messen.“ Sie band die Manschette um Junes Oberarm und pumpte sie auf. Normale Werte. Sehr gut. „In einer halben Stunde messe ich noch einmal, und wenn die Kontraktionen dann nicht nachgelassen haben, bekommen Sie eine zweite Tablette.“

June lag schon im Bett, als draußen Stimmen zu hören waren. Emily vervollständigte ihre Notizen und schob die Karte in die Halterung am Fußende.

„Hier kommt Ihr Arzt“, verkündete Lily, als sie hinter Marco D’Arvello das Zimmer betrat, und zwinkerte Emily zu. Die musste sich auf die Lippe beißen, um ein Lächeln zu unterdrücken.

„Guten Abend allerseits.“ Die dunklen Brauen gingen in die Höhe, als er Emily erkannte. Dr. D’Arvello blickte auf ihr Namensschild. „Stationsschwester Cooper?“

„Guten Abend, Doktor.“ Ihr entging nicht, dass ein leichter Bartschatten sein kantiges Kinn bedeckte und das schwarze Haar leicht zerzaust war, als wäre er immer wieder mit den Fingern hindurchgefahren. Marco D’Arvello hatte zweifellos einen langen Tag hinter sich.

Leider sah er mit diesem Piratenlook noch attraktiver aus.

Jetzt wandte er sich seiner Patientin zu und begrüßte sie mit einem Lächeln, bei dem sie sich sichtlich entspannte. Fast so gut wie die richtige Atemtechnik, dachte Emily belustigt.

„Und Sie sind June, die Zwillinge erwartet.“ Er schüttelte ihr die Hand. „Meinen herzlichen Glückwunsch. Ich bin Marco D’Arvello.“ Nonchalant zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich ans Bett, als wäre es nicht weit nach Mitternacht und er nicht schon seit über zwölf Stunden im Dienst.

So, als hätte er alle Zeit der Welt für June. Das gefiel Emily. Zwar konnte sie nicht noch mehr gebrauchen, was ihr an diesem Mann gefiel, doch sie freute sich für June.

Die war inzwischen damit beschäftigt, eine weitere Kontraktion wegzuatmen. Marco runzelte die Stirn. „Immer noch Wehentätigkeit?“, fragte er, an Emily gewandt.

„Diese war kürzer als die davor. Ich hatte June gerade eine Dosis Nifedipin gegeben.“

„Gut.“ Er sah die werdende Mutter an. „Ihre Babys sind zurzeit besser bei Ihnen aufgehoben. Hoffen wir also, dass die Wehen aufhören. Und nun zu dem, weshalb ich hier bin. Ich habe mir die Ultraschallaufnahmen genauer angesehen und festgestellt, dass Ihre Zwillinge ein Problem haben. Aber ich gehe davon aus, dass ich es beheben kann.“

June straffte die Schultern. „Was für ein Problem?“

Marco lächelte. „Ich mag es, wenn eine Frau sofort zur Sache kommt.“

Emily verbot sich, über diese Bemerkung länger nachzudenken.

„Ihre Babys teilen sich die Plazenta und ernähren sich jedes über seinen eigenen Teil, aber da gibt es ein Blutgefäß, das ihre Blutzufuhr verbindet und das dort nichts zu suchen hat. Es führt nämlich dazu, dass eines der Kinder den Löwenanteil an Sauerstoff und Nahrung bekommt und das andere entsprechend schlechter versorgt wird.“

„Ist das gefährlich?“

„Für den benachteiligten Fötus kann es das sein, ja.“

June blickte Emily an, dann wieder Marco. „Und das können Sie verhindern?“

Er nickte. „Mit einem kleinen Eingriff. Ich führe ein dünnes Instrument durch Ihre Bauchdecke in den Uterus und verschließe das störende Blutgefäß mittels Laserstrahlen.“

Die junge Frau riss die Augen auf. „Laserstrahlen? An meinen Babys? Haben Sie das schon mal gemacht?“

„Dutzende Male“, beruhigte er sie. „Glauben Sie mir, ich werde sehr vorsichtig sein. Die größere Gefahr, vor allem für den kleineren Zwilling, besteht, wenn wir nichts unternehmen.“

Er war ein erfahrener Arzt, der Sicherheit und Kompetenz ausstrahlte, aber June schien noch zu zögern. Emily fand, dass sie sich ruhig einmischen konnte. „Hört sich an wie Science-Fiction, oder?“ Sie deutete auf Marco. „Dr. D’Arvello ist auf Wunsch des Chirurgenteams als Gastchirurg am Sydney Harbour Hospital. Als anerkannter Spezialist für intrauterine Chirurgie gibt er seine Erfahrungen vor allem an unsere geburtshilflichen und pädiatrischen Operateure weiter.“

June sah ihn forschend an. „Dann sind Sie also Experte?“

„Sì.“

„Das heißt, Sie holen die Babys nicht auf die Welt? Sie lasern sie nur?“

Blendend weiße Zähne blitzten auf, als er breit grinste. Emily spürte, wie ihre Mundwinkel zuckten, so ansteckend war sein Lächeln. „Aber nein“, hörte sie ihn antworten. „Ich bin bei vielen Geburten dabei. Zum Glück brauchen mich nur wenige Babys im OP, und eine normale Entbindung macht immer wieder viel Freude.“ Er sah Emily an. „Da geben Sie mir doch Recht, Schwester Cooper?“

„Natürlich.“

June hatte nachgedacht. „Okay“, sagte sie. „Und wie geht es jetzt weiter?“

„Sie bekommen noch eine zweite Spritze, die die Lungen Ihrer Kinder schneller reifen lässt, falls es doch zu einer Frühgeburt kommt.“ Er sah Emily an, und sie nickte zustimmend. „Und bitte nichts mehr essen und trinken, wir operieren morgen früh …“ Marco lächelte und verbesserte sich: „Heute früh, meine ich.“

Ihre Miene verriet, dass June mulmig zumute war. „Wann denn?“

„Gleich nach dem Frühstück.“ Er zwinkerte ihr zu. „Das für Sie leider ausfallen muss.“

Sie seufzte ergeben, und Emily hätte sie am liebsten gedrückt. Die junge Frau war so tapfer. „Danke, Doktor“, sagte June.

Auch er schien beeindruckt. „Sie sind eine starke Mutter. Möchten Sie etwas zum Einschlafen? Schwester Cooper kann Ihnen ein Beruhigungsmittel geben.“

„Nein, danke. Hinterher werde ich sowieso nur im Bett liegen, dann hole ich den Schlaf nach.“

Marco stand auf. „Bene. Gute Nacht.“ Er sah zu Emily hinüber. „Kann ich Sie kurz sprechen, Schwester?“

„Sicher.“ Sie lächelte June an. „Ich bin gleich wieder bei Ihnen.“

2. KAPITEL

Emily warf einen Blick auf ihre Uhr. Viertel vor eins. Dr. D’Arvello würde nicht mehr viel Schlaf bekommen, bevor ihn eine lange OP-Liste erwartete.

Er hatte vor ihr das Zimmer verlassen, saß jetzt am Schreibtisch des Stationsbüros und schrieb seine Anweisungen für den Nachtdienst. Im Licht der Lampe schimmerte sein Haar wie Rabengefieder, und sie konnte kein einziges silbernes Haar entdecken. Emily schätzte ihn auf Mitte dreißig, also etwas älter als sie.

„Sie wollten mich sprechen, Doktor?“, sagte sie.

Marco sah auf, dunkle Augen musterten sie. Dann lächelte er, und sie lächelte zurück. Wie eine dumme Gans, dachte sie, wieder einmal erstaunt, wie mühelos er sie zum Lächeln brachte. „Ich wusste nicht, dass Sie Hebamme sind, als Sie heute Morgen mit Ihrer Tochter bei mir waren“, meinte er.

Das schien eine Ewigkeit her zu sein. „Ist das so wichtig?“

„Ich hätte Ihnen genauere Erklärungen geben können. Möchten Sie noch mehr Einzelheiten wissen?“

„Nein, danke.“ Sie zögerte. „Natürlich habe ich im Internet nach Informationen gesucht und einiges gelesen. Ich denke, ich habe eine ungefähre Ahnung davon, wie diese Operation vor sich geht.“

„Manchmal wünsche ich mir, dass meine Patienten nicht so viel im Internet nachsehen. Aber ich bin sicher, dass Sie nur auf seriösen Seiten recherchiert haben. Der Eingriff ist relativ simpel. Vielleicht ein bisschen komplizierter als bei June, aber genauso schnell erledigt.“

Er stand auf, überragte sie mit seiner breitschultrigen Gestalt. Sekundenlang herrschte Schweigen, dann fragte er: „Müssen Sie nach der Operation Ihrer Tochter auch zum Nachtdienst?“

Ihr sank der Magen in die Kniekehlen. Rechnete er mit Komplikationen? „Nein.“

„Und wann schlafen Sie?“ Das klang besorgt.

„Sobald Annie aus dem OP kommt, fahre ich nach Hause. Danach schlafe ich dann, wenn sie schläft.“

„Sie werden müde sein.“ Marco reichte ihr die Unterlagen, und sie starrte auf das Papier, nahm die geschwungene Handschrift kaum wahr. Um nichts in der Welt hätte sie ihm jetzt ins Gesicht sehen können. Es war schon lange her, dass sich jemand Gedanken gemacht hatte, ob sie ausreichend Schlaf bekam. Die ganze Unterhaltung kam ihr unwirklich vor, weil sie sich seiner Nähe so deutlich bewusst war.

Emily wagte es, ihn wieder anzublicken. „Das Gleiche habe ich von Ihnen auch gedacht.“

Er zuckte lässig mit den breiten Schultern, und ihr Herz machte einen Satz. Das ist doch verrückt! Ihr ganzer Körper summte, nur weil dieser Mann vor ihr stand.

„Ich brauche nicht mehr als vier Stunden Schlaf.“

„Ich auch. Man gewöhnt sich daran.“ Sie schlug die Patientenakte auf. June musste ihre Spritze bekommen. Die letzte hatte sie vor zwölf Stunden im Vorortkrankenhaus erhalten. „Da haben wir etwas gemeinsam“, fügte sie, ohne nachzudenken, hinzu.

Er ließ sie noch nicht gehen. „Vielleicht gibt’s da noch mehr.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte sie verwirrt.

In den dunklen Augen blitzte ein schelmisches Lächeln auf, und Emily errötete. „Wir sorgen uns sehr um unsere Patienten.“

Was hast du denn gedacht? „Oh ja, natürlich. Ich werde gleich die Hydrocortison-Injektion für June fertig machen.“

„Eins noch.“ Marco hob den Zeigefinger. „Der Grund, warum ich Sie sprechen wollte.“

„Verzeihung?“

„Wegen morgen Abend. Ihre Tochter wird im Krankenhaus sein, und vielleicht können Sie etwas Ablenkung gebrauchen. Es ist Freitag.“

Sie verstand gar nichts. „Und?“

„Ich habe eine Bitte. Da ich mir ein Dinner mit Blick auf den Hafen von Sydney versprochen habe und nur für einen Monat hier bin, leisten Sie mir morgen Abend Gesellschaft?“

Gütiger Himmel! Er lud sie zum Essen ein. Zu einem Date? „Es gibt sicher viele Damen, die mit Freuden annehmen würden“, antwortete sie steif.

„Ich möchte aber Sie.“

Marco hatte sich noch nie einen Korb geholt, wenn er mit einer schönen Frau essen gehen wollte. Warum war es diesmal schwierig? Er wollte doch nur den Abend mit ihr genießen, sie nicht zur Mutter seiner Kinder machen.

„Danke, aber ich verabrede mich nicht“, sagte sie abwehrend.

„Es wäre kein Date. Sie täten mir einen Gefallen.“

„Tatsächlich? Gut, dann sage ich Ihnen morgen Bescheid. Vielleicht finden Sie ja in der Zwischenzeit jemand anders, der Ihnen den Gefallen tut. So, jetzt muss ich wieder zu June.“

Bene. Natürlich. Buonanotte.

„Gute Nacht.“

Zufrieden lächelnd verließ Marco die Station. Vorhin war er überrascht gewesen, der Frau, die ihm den ganzen Tag nicht aus dem Sinn gegangen war, ausgerechnet auf der Entbindungsstation wiederzubegegnen.

Und sie war Hebamme, er würde sie also während der Arbeit öfter sehen. Das Essen am Hafen hatte er zwar geplant, aber nicht unbedingt für morgen. Emily Cooper faszinierte ihn, auch wenn sie sicher nicht leicht zu erobern war. Aber einer Herausforderung hatte Marco noch nie widerstehen können.

Da fiel ihm ein, dass Emily ihre Tochter bestimmt nicht allein lassen würde, es sei denn, sie musste arbeiten. Die beiden wohnten zusammen. Ihm blieb also nur morgen Abend oder die Nacht darauf, um sie zu verführen. Marco lächelte. Vielleicht konnte Annies Arzt ihr eine weitere Nacht im Krankenhaus verordnen. Böser, böser Doktor …

Er wusste auch nicht, warum er so sicher war, dass es keinen Mann in Emilys Leben gab. Aber sie hatte etwas Unberührtes, Unschuldiges an sich, und bisher hatte er sich auf sein Gefühl immer verlassen können.

Zwar hatte sie noch nicht Ja gesagt, doch das erhöhte den Reiz des Spiels. Marco konnte es kaum erwarten.

Emily hatte im Nachtdienst alle Hände voll zu tun und keine Minute Zeit, um über Marco D’Arvellos unerwartete Einladung nachzudenken. Bei June hörten die Wehen zum Glück auf, aber dann kamen gleich zwei Hochschwangere hintereinander, bei denen die Geburt bereits eingesetzt hatte.

Es war schon hell, und die Sonne schien durch die Windschutzscheibe, als Emily nach Dienstschluss nach Balmain East fuhr, zu dem kleinen Cottage oberhalb des Piers, das sie von ihrer Großmutter geerbt hatte.

Von ihren Fenstern aus konnte sie den Hafen von Sydney zwar nicht sehen, aber abends, wenn sie sich für die Arbeit umzog, hörte sie das Schlagen der Wellen, aufgewühlt durch die vorbeiziehenden Boote und Schiffe.

Annie erwartete sie schon. Ungeduldig marschierte sie auf der Veranda hin und her.

„Warum musst du ausgerechnet heute so spät kommen?“, beklagte sie sich vorwurfsvoll.

Emily unterdrückte ein Seufzen und trug ihre Tasche ins Haus. „Wir hatten viel zu tun. Ich bin nicht aus Spaß länger geblieben.“

Sofort veränderte sich die Miene ihrer Tochter. Annie umarmte ihre Mutter. „Entschuldige, ich bin so aufgeregt …“ Sie knetete ihre Finger. „Ich dachte, wir schaffen es nicht rechtzeitig. Außerdem war das Baby fast die ganze Nacht wach. Ich glaube, sie ist auch aufgeregt.“

„Es würde mich nicht wundern. Die Kleinen haben feine Antennen für die Stimmungen ihrer Mutter.“

Annie betrachtete sie prüfend. „Du kannst bestimmt eine schöne Tasse Tee gebrauchen. Siehst du, ich kann auch spüren, wie du drauf bist.“ Sie lächelte. „Ich habe dir Rosinentoast gemacht.“ Nur für den Fall, dass ihre Mutter die großzügige Geste nicht als solche erkannte, fügte sie hinzu: „Obwohl ich einen Bärenhunger habe, weil ich fasten muss.“

Emily war froh darüber, dass Annie nach dem anfänglichen Stress wieder ruhiger geworden war. Und nett zu ihr. Trotzdem hatte Emily das Gefühl, keinen Bissen hinunterzubringen. Ihr Magen war wie verknotet, wenn sie nur daran dachte, dass Annie gleich ins Krankenhaus musste. Und dann die Narkose für ihre Tochter und ihre winzige Enkelin …

„Danke, das ist lieb von dir“, sagte sie. „Gib mir ein paar Minuten, ich will nur schnell duschen und mich umziehen.“

Drei Stunden später legte Emily das Kreuzworträtsel nieder. Diese Operation dauerte ja ewig! Die Zeitschriften hier im Warteraum waren alt und zerlesen und gehörten eigentlich alle in den Müll. Sie hatte sie trotzdem eine nach der anderen durchgeblättert, um sich irgendwie zu beschäftigen.

Gegen halb elf schwangen die Türen zum OP-Trakt auf, und Marco D’Arvello erschien. Er suchte unter den Wartenden, bis er Emily entdeckt hatte.

Sie sprang auf, und Sekunden später war er bei ihr. „Es ist alles in Ordnung. Der Eingriff verlief genau nach Plan.“

Gott sei Dank. Emily sank buchstäblich in sich zusammen. In ihren Ohren rauschte es plötzlich, und ihr Gesicht fühlte sich seltsam taub an. Der Raum begann sich zu drehen.

„He, nicht so hastig.“ Marco packte sie bei den Schultern und drückte sie sanft auf den Stuhl. Mit besorgtem Blick beugte er sich zu ihr herab. „Bleiben Sie sitzen. Haben Sie etwas gegessen?“

„Bitte?“ Das Schwindelgefühl ließ nach, das Summen in den Ohren wurde leiser. Emily schloss die Augen und öffnete sie wieder.

„Emily? Haben Sie gegessen?“

Er ließ sie los, und sie wünschte sich seine Berührung zurück. Fast hätte sie nach seinen Händen gegriffen. „Ich bin wohl zu schnell aufgestanden.“

„Sì.“

Habe ich etwas gegessen? Sie konnte sich nur an eins erinnern: „Rosinentoast, vor drei Stunden.“

„Kommen Sie. Wir trinken einen Kakao, und Sie essen noch eine Scheibe Rosinentoast, bevor Sie nach Hause fahren und sich ins Bett legen. Annie ist noch nicht wach, aber in einer halben Stunde bringen wir sie zurück zur Station. Wir gehen dann zusammen zu ihr.“

Die Situation war ihr mehr als peinlich. Stell dir vor, du wärst ihm ohnmächtig vor die Füße gefallen! „Mir geht es gut. Sie haben sicher Besseres zu tun, als mit mir Kakao zu trinken.“

„Ich wüsste nicht, was“, sagte er und zuckte mit den Schultern, so lässig und selbstbewusst, wie nur italienische Männer es konnten.

Emily hatte ihre Mühe, einen klaren Gedanken zu fassen, und kam deshalb auch nicht auf eine gute Ausrede, um sein Angebot abzulehnen. Außerdem war die Aussicht, die nächsten dreißig Minuten nicht allein warten zu müssen, sehr verlockend.

„Die Prognose für Annies Baby und auch für die Zwillinge von June haben wir deutlich verbessern können“, fuhr er fort. „Mehr kann ich im Moment nicht tun.“ Marco sah ihr prüfend ins Gesicht und nickte zufrieden. „Gut, Sie sind nicht mehr so blass. Aber Sie sollten jetzt wirklich etwas essen. Kommen Sie.“ Er hielt ihr die Hand hin.

Sie griff nach ihrer Handtasche und sah zur Uhr. „Sie haben recht, ein heißer Kakao wird mir guttun. Wenn ich müde bin, friere ich schnell. In zwanzig Minuten möchte ich wieder hier sein.“

„Sì.“

Als sie die Cafeteria im Erdgeschoss betraten, spürte Emily die Blicke, die man ihnen zuwarf. Vielmehr Marco, dachte sie, während sich ein paar Köpfe nach ihnen umdrehten. Da sie meistens nachts arbeitete, kannte sie nur wenige Kolleginnen und Kollegen, und auch in der Cafeteria ließ sie sich selten blicken. Irgendjemand würde sie aber erkennen, und dann verbreitete sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer.

Der neue Chefarzt und Nachtschwester Cooper von der Entbindungsstation …

Was Klatsch und Tratsch betraf, so war das Sydney Harbour Hospital das reinste Minenfeld. Auch das war ein Grund, warum Emily die Nachtschichten vorzog.

Sie entdeckte Finn Kennedy, den Leiter der Chirurgie, und Evie Lockheart, ihre Freundin, mit der Lily und sie sich diese Woche noch auf einen Kaffee treffen wollten. Evie war eine prominente Persönlichkeit am Harbour. Sie entstammte der Familie des Krankenhausgründers, die auch heute noch in Sydney hohes Ansehen und Einfluss besaß. Evie und ihre beiden Schwestern würden eines Tages die Lockheart-Millionen erben.

Finn und Evie waren in ein ernstes Gespräch vertieft und schienen die Welt um sie herum gar nicht wahrnehmen. Zu Emilys Erstaunen schob Evie die Hand über den Tisch, nahm Finns Hand und drückte sie. Es sah so aus, als wäre etwas Schlimmes passiert.

Evies Vater hatte sich damals, vor so vielen Jahren, sehr um Emily gekümmert. Sie war sechzehn und Mutter eines kranken Frühchens, als er zu ihr sagte, sie würde eine großartige Kranken­schwester abgeben. Er hatte sogar die nötige Empfehlung ausgesprochen, damit sie als ungelernte Pflegehelferin arbeiten konnte, bis sie die Zeit hatte, eine Krankenpflegeausbildung zu absolvieren. Und Evie, die hatte Emily von Anfang an gemocht.

Finn hingegen lief sie nicht so gern über den Weg. Er war ein mürrischer, grantiger Kerl. Zwar war er auch der erfahrenste Operateur am Sydney Harbour, doch in letzter Zeit häuften sich die Gerüchte, dass aufgrund einer Verletzung seine Chirurgenkarriere an einem seidenen Faden hing.

Emilys Bedarf an dramatischen Ereignissen war fürs Erste gedeckt, sie hatte gerade genug Kraft für die eigenen. Also machte sie einen großen Bogen um Finn und Evie und lotste Marco in die hinterste Ecke der Cafeteria.

Mehr Köpfe wandten sich nach ihr um, aber anstatt die Blicke verlegen zu ignorieren, nickte sie den neugierigen Gesichtern lächelnd zu. Vielleicht war sie es leid, langweilig zu sein. Warum nicht einmal im Rampenlicht stehen? Schließlich hatte sie einiges zu bieten als Mutter eines schwangeren Teenagers und in Begleitung des neuen italienischen Spezialisten, der, den schmachtenden Blicken der Frauen nach zu urteilen, der heißeste Arzt war, den das Sydney Harbour je gesehen hatte. Sollten sie doch tuscheln!

Sie wirkte verändert. Marco spürte, wie sie die Schultern straffte, und wollte spontan ihren Ellbogen berühren, um ihr Halt zu geben. Sie musste es doch gewohnt sein, dass andere sie bewunderten. Selbst mit dunklen Schatten unter den Augen, die verrieten, dass sie zu wenig Schlaf bekam, war sie eine hinreißend attraktive Frau.

Dass sie gut aussah, war ihm gestern schon aufgefallen. Aber heute Morgen, als er den OP verließ, um ihr zu berichten, erinnerte sie ihn an eine zarte Madonna. Unwillkürlich hatte er das Bedürfnis verspürt, sie zu beschützen, ihr Gesicht in seine Hände zu nehmen, um sie zärtlich zu beruhigen.

Wahrscheinlich hätte sie ihm eine heftige Abfuhr erteilt, wenn er so etwas versucht hätte!

Marco zog ihr einen Stuhl hervor, als sie an einem Tisch in der Ecke stehen blieb. „Sie lächeln“, sagte er. „Was ist so lustig?“

„Der Tratsch, der hier aus allen Poren sickert.“

Verwundert blickte er sich um. „In einem so großen Krankenhaus?“

„Zumindest in diesem Krankenhaus.“ Sie folgte seinem Blick, vermied es aber, zu Evie und Finn hinüberzusehen. „Ich kann Klatsch nicht ausstehen. Er dreht sich nur um das Leben anderer. Und dann tauche ich hier mit dem blendend aussehenden italienischen Chirurgen auf, der meine Tochter operiert hat. Ein gefundenes Fressen für die Tratschmäuler. Man sieht mich sonst nie mit einem Mann zusammen.“

„Danke für die Blumen.“

„Ich müsste schon blind sein, um nicht zu bemerken, dass Sie ein attraktiver Mann sind.“

Er ließ den Blick wieder durch den Raum schweifen. „Ich verabscheue Tratsch genauso sehr wie Sie.“ Bittere Erinnerungen stiegen in ihm auf.

Emily hörte den ärgerlichen Unterton und fragte sich, ob Marco persönlich betroffen war. Doch da kam die Kellnerin an den Tisch.

„Wir haben nur zwanzig Minuten Zeit“, sagte Emily und lächelte die mollige junge Frau an. „Lohnt es sich überhaupt, etwas zu essen zu bestellen?“

„Klar. Ich mache ein bisschen Dampf in der Küche. Was möchten Sie?“

Sie sah Marco an. „Scones mit Sahne?“

Der lächelte die Kellnerin an, die daraufhin bis zu den Haarwurzeln errötete. „Eine heiße Schokolade, einen Kaffee, schwarz, und zwei Mal Scones mit Sahne. Per favore.“ Sie nickte und verschwand in Windeseile.

Emily betrachtete ihn. Er wirkte nicht übermüdet. Wahrscheinlich kam er tatsächlich mit nur vier Stunden Schlaf aus. Sie selbst musste ein Gähnen unterdrücken. „Berichten Sie mir, wie es war?“, bat sie ihn.

„Die Operation verlief ohne Komplikationen. Auf den Ultraschallbildern konnten wir erkennen, dass der Zufluss zur Blase funktioniert.“

„Glauben Sie, dass die Nieren meiner Enkelin großen Schaden genommen haben?“

Er griff über den Tisch nach ihrer Hand. Es war nur eine kurze Berührung, aber ungemein tröstlich. Marco zog die schlanken, gebräunten Finger wieder zurück. „Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Wir müssen uns noch etwas gedulden.“

Sie hätte gern gehört, dass bei dem Baby alles in Ordnung war, aber sie rechnete es Marco hoch an, dass er ehrlich geantwortet hatte.

Die Kellnerin brachte Scones und Getränke.

„So schnell. Grazie.

„Toll, vielen Dank“, schloss Emily sich an. Die junge Frau grinste, eilte wieder davon und stieß fast mit Finn zusammen. Der war so abrupt aufgestanden, dass sein Stuhl beinahe umkippte.

Er knurrte die Kellnerin an und schüttelte Evies besänftigend ausgestreckte Hand ab, bevor er zum Ausgang stürmte. Evie war blass und sichtlich aufgewühlt. Vielleicht kann ich später mit ihr reden, dachte Emily mitfühlend. Es war ganz offensichtlich, dass die junge Ärztin den ruppigen Chirurgen liebte. Armes Mädchen, das wird nicht einfach für dich.

„Da ist aber jemand nicht glücklich“, meinte Marco.

Emily fuhr aus ihren Gedanken auf. „Wie bitte?“

„Finn. Wir haben uns vor ein paar Jahren in den USA kennengelernt. Sind gut miteinander ausgekommen.“

Natürlich kannten sich die Männer, beide waren international anerkannte Chirurgen. Sie strich Sahne auf das kleine runde Brötchen und löffelte einen dicken Klecks Erdbeerkonfitüre darauf. „Evie ist hart im Nehmen. Wenn jemand sich schnell von seinem barschen Verhalten erholt, dann sie.“

„Wer ist sie?“

„Eine unserer Notfallärztinnen, die beste, würde ich behaupten. Aber das ist nicht alles – ihr Vater sponsert das Harbour mit großzügigen Zuwendungen. Deshalb können wir auch so viele bahnbrechende Programme anbieten.“

„Dann heißt sie Lockheart?“

„Ja. Wenn man den Gerüchten glauben darf, haben Finn und Evie etwas miteinander. Tatsache ist, dass sie während der Arbeit schon heftig aneinandergeraten sind. Finn kann sehr herrisch sein, und Evie lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Dann wackeln hier die Wände.“

Marco betrachtete sie und stellte die Frage, die ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge lag. „Sie haben sicher den Kopf voll, aber haben Sie sich schon wegen heute Abend entschieden?“

„Nein. Ich konnte an nichts anderes denken, ich möchte erst Annie sehen.“

„Selbstverständlich. Verzeihen Sie.“ Sonst war er nicht so ungeduldig.

Eine Weile sagte keiner etwas. Emily trank ihren Kakao, er nahm einen Schluck Kaffee.

„Wie lange bleiben Sie am Sydney Harbour?“, fragte sie, als das Schweigen peinlich zu werden drohte.

„Vier Wochen. Danach fliege ich in die USA, als Berater an einem New Yorker Krankenhaus. Im letzten Monat war ich in London.“

„Ein aufregendes Leben“, meinte sie und hatte auf einmal keinen Hunger mehr. Das Scone mit Marmeladenklecks auf weißer Sahne starrte sie an wie ein rotes Auge. Emily hätte wetten können, dass sie auch rote Augen hatte. Warum hatte Marco D’Arvello sie zum Frühstück eingeladen? Reine Freundlichkeit, mehr nicht.

„Sì.“ Er hob die Kaffeetasse wieder an den Mund.

Ein Männermund, von dem Frauen träumen …

Emily verscheuchte den Gedanken. „Und wo sind Sie zu Hause?“, fragte sie rasch. „Ihre Familie?“

Seine Miene verriet nichts, aber die Temperatur schien plötzlich um zwei Grad gesunken. Dr. D’Arvello liebte es also nicht, wenn man ihm persönliche Fragen stellte. „Ich habe keine Familie“, antwortete er. „Ich miete mir eine Wohnung, wo ich sie brauche. Meistens arbeite ich.“

„Entschuldigen Sie. Ich wollte nicht neugierig sein.“ Sie blickte auf ihre Uhr und leerte ihre Tasse. „Annie müsste bald auf der Station sein.“

Du hast sie vor den Kopf gestoßen, kein Wunder, dass sie gehen will. Marco wusste, dass er dichtmachte, wenn jemand nach seiner Familie fragte. Es war ein Reflex, angelegt in einer Zeit, als er noch ein kleiner Junge war und die Polizei bohrende Fragen zu seinem Vater stellte. Oder weil die Nachbarn seine Familie schnitten, sobald sie herausfanden, wer sie waren.

„Sie müssen sich nicht entschuldigen“, sagte er höflich und deutete mit dem Kopf auf ihren Teller. „Essen Sie nichts mehr?“

„Eigentlich habe ich gar keinen Hunger.“ Sie gähnte. „Entschuldigung.“

Am liebsten hätte er sie auf die Arme gehoben und ins Bett gebracht und eine weiche Daunendecke über sie gebreitet, damit sie schlafen konnte. Oder auch nicht, wenn er sich zu ihr legte …

Marco sah sich nach der Kellnerin um und gab ihr ein Zeichen. Sofort setzte sie sich in Bewegung.

„Wir gehen“, sagte er zu Emily. „Erst sehen wir nach Annie, und dann müssen Sie nach Hause, ins Bett.“ Wieder gerieten seine Gedanken auf Abwege – Emily im Bett, ihr golden schimmerndes Haar auf dem Kopfkissen neben seinem.

Sie wollte ihr Portemonnaie herausholen, aber er hob die Hand. „Bitte, erlauben Sie.“ Marco legte einen Schein auf den Tisch und stand auf, um ihr den Stuhl abzurücken. Als die Kellnerin erschien, bedeutete er ihr lächelnd, das Wechselgeld zu behalten.

Emily ging voran, und er folgte ihr zur Tür. Er hätte sie gern noch einmal gefragt, ob sie heute Abend mit ihm ausging, aber er hielt sich zurück. Vielleicht würde sie es von sich aus ansprechen, sobald sie sich vergewissert hatte, dass ihre Tochter wohlauf war.

3. KAPITEL

„Hi, Ma“, flüsterte Annie schläfrig. „Sie haben gesagt, meinem Baby geht es gut. Ich werde sie Rosebud nennen.“

Rosenknospe. Emily wurde der Hals eng vor Rührung und grenzenloser Liebe zu ihrer Tochter und dem ungeborenen Mädchen. Annie hätte es Medusa nennen können, das hätte Emily in diesem Moment nichts ausgemacht. Sie war überglücklich, dass beide gesund waren.

„Das ist wundervoll, mein Schatz.“ Tränen verschleierten ihr die Sicht, als sie Annies blasse Hand drückte.

„Es war ein erfolgreicher Eingriff“, hörte sie Marco sagen. Seine tiefe Stimme weckte Gefühle in ihr, als würde sie ihn schon länger kennen und nicht erst seit vierundzwanzig Stunden.

Nachdenklich trat Emily zurück, aber Marco machte im selben Moment einen Schritt nach vorn. Sie stieß gegen eine muskulöse breite Brust, verlor kurz das Gleichgewicht und spürte dann seine warmen Hände auf ihren Schultern. Es fühlte sich so gut an, dass sie sich nicht rühren mochte.

Besorgt blickte sie zu ihrer Tochter hinüber, doch zum Glück lag Annie mit geschlossenen Augen da und bekam nichts mit. „Danke, Marco“, flüsterte sie nur benommen, während sie liebevoll über ihren leicht gewölbten Bauch strich.

Emily entspannte sich und genoss es, gehalten zu werden. In letzter Zeit hatte sie nicht viel Trost gehabt, vor allem nicht, seit Gran nicht mehr lebte. Außerdem war dies hier anders als Grans sanfte Liebe. Ein starker Mann hielt sie in seinen Armen, zeigte ihr, dass er für sie da war, sie beschützen wollte. Sie mochte gar nicht daran denken, wie viele Frauen es gab, die das jeden Tag genießen durften. Es fühlte sich so unglaublich gut an.

Aber es ist nicht die Wirklichkeit, sagte sie sich und trat beiseite. „Ich komme heute Nachmittag wieder, Schatz“, sagte sie zu Annie.

Die öffnete die Augen. „Musst du nicht, ehrlich. Ich schlafe doch die ganze Zeit. Besuch mich morgen wieder, ja, Mum? Ruh dich aus.“

Emily fühlte sich zurückgewiesen. „Wenn du das möchtest. Aber ich habe mein Handy immer an. Schick eine SMS, und ich komme sofort.“

Annie nickte müde. „Morgen. Hab dich lieb.“

„Ich dich auch, meine Süße.“ Sie zögerte noch, aber Annie rührte sich nicht mehr. Einen Moment später schlief sie tief und fest.

„Kommen Sie.“ Marco schob sie zur Tür. „Es geht ihr gut, und wir können hoffen, dass auch für ihr Baby noch einmal alles gut gegangen ist. Machen Sie sich keine Sorgen.“

„Nein.“ Sie musste sich beherrschen, um sich nicht an ihn zu lehnen, Halt in diesen starken Armen zu suchen. „Ich werde mich auch schlafen legen.“

„Gut.“

Emily dachte an den Abend, der vor ihr lag, an das leere Haus. Daran, dass sie nach vier Stunden aufwachen und allein sein würde mit all den Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen. Wie wäre es, mit einem atemberaubenden Mann auszugehen und sich für eine Weile von den Sorgen ablenken zu lassen?

„Ich überlege gerade …“ Sie zögerte, aber Marco war stehen geblieben und blickte sie fragend an. „Wegen heute Abend. Um wie viel Uhr?“

Hauptsache, er hatte nicht schon jemand anders gefunden …

Kritisch betrachtete sie sich im Spiegel, fragte sich, ob die Bluse nicht doch zu alt war. Soll ich ein Tuch dazu tragen? Kann ich noch auf High Heels laufen? Es war so lange her.

Die Türklingel klang schmerzhaft schrill in ihren Ohren, und Emily warf ihrem Spiegel einen finsteren Blick zu. Du bist ein großes Mädchen, du brauchst nicht nervös zu sein, lächle und lass dich von ihm ausführen. Er ist nur für einen Monat hier.

Es könnte eine gute Übung sein für die Zeit, wenn Annie ausgezogen war und ihr eigenes Leben lebte. Marco hatte gesagt, er würde sie abholen, also musste er einen Wagen haben. Gemietet, natürlich, weil er ja nur für einen Monat hier war. Emily musste immer wieder daran denken. Ein Monat, das war zu kurz, um ihr Herz zu verlieren. Hoffentlich.

Vorsichtig spähte sie durch die Spitzengardine nach draußen. Am Straßenrand parkte ein Aston Martin, das hatte sie nicht erwartet. Auch nicht, dass Marco ein schwarzes, am Kragen offenes Hemd trug und noch toller aussah als im Arztkittel. Er stand vor der Tür, wartete darauf, dass sie öffnete.

Und da stand sie, mit flatternden Nerven und einem nervösen Kribbeln im Bauch.

Marco atmete tief ein, während er das goldene Spätnachmittagslicht so deutlich wahrnahm, als wollte sich ihm dieser Augenblick besonders einprägen. Er hörte das träge Schwappen der Wellen und hatte den Salzgeruch von Tang in der Nase.

Aus den Nachbarhäusern drangen gedämpfte Stimmen. Dort wohnten die Menschen, die Emily jeden Tag sahen, sie wahrscheinlich schon seit Jahren kannten. Warum lebte sie allein? Schwer vorstellbar, dass sich bisher kein Mann für diese betörende Frau interessiert hatte.

Und warum machte sie nicht auf? Als er noch einmal nach der Hausnummer sah, wurde die Tür geöffnet.

Bewundernd stieß er einen leisen Pfiff aus. „Bellissima.“ Emily Cooper hatte Stil, das musste man ihr lassen.

„Danke. Kommen Sie herein.“

Emily strich sich ihren korallenroten Rock glatt und vermutete, dass ihr Gesicht die gleiche Farbe hatte. Sie hatte ganz heiße Wangen. So heiß, wie Marco aussah in der tadellos sitzenden schwarzen Hose und dem Seidenhemd, das mit Sicherheit von einem italienischen Schneider stammte.

Wenn er wüsste, dass sie kaum Geld für Kleidung ausgab – abgesehen von der edlen Unterwäsche, die sie sich gelegentlich gönnte, immer mit einem schlechten Gewissen. Grans Rock und die zarte Spitzenbluse, ja, sogar die zierlichen silbernen Tanzschuhe waren sechzig Jahre alt, aber sie passten ihr, als wären sie für sie gemacht worden. Seit sechzehn Jahren, seit Annies Geburt, hatte sich ihre Figur nicht verändert. Emily hatte die gleiche Größe wie ihre Großmutter.

Nur in den letzten Monaten war sie dünner geworden, Monate, in denen sie mit ansehen musste, wie ihre geliebte Gran zu einem Schatten ihrer selbst wurde und schließlich für immer von ihnen ging.

„Das Schiff legt um achtzehn Uhr ab. Tut mir leid, wenn ich drängen muss, aber ich wollte den Sonnenuntergang auf dem Wasser erleben.“

Keine Zeit für traurige Erinnerungen. Heute Abend würde sie an der Seite eines umwerfenden Mannes das Leben um­armen.

Sie hatte vergessen, wie gut es sich anfühlte, sich schick anzuziehen und dann die Bewunderung im Blick ihres Begleiters zu lesen. Zu sehen, wie seine Augen dunkel wurden, wie er sie betrachtete, als wäre sie schön und begehrenswert. Natürlich glaubte sie nicht, dass sie sein Verlangen geweckt hatte. Sechzehn Jahre, in denen niemand versucht hatte, sie zu verführen, hatten sie unsicher gemacht.

Marco stand abwartend da. „Ich brauche nur noch meine Handtasche.“ Lächelnd beugte sich Emily hinter ihm zum Flurtischchen und nahm das leichte Schultertuch und die schmale Clutch auf, die dort lagen. „Für einen Abend im Hafen hetze ich mich gern ein bisschen ab.“

„Erlauben Sie?“ Galant nahm er ihr das Seidentuch aus der Hand und legte es ihr um die Schultern. Ihre Haut kribbelte dort, wo er sie berührte, und Emily versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. „Mein Wagen steht unten“, fügte er hinzu.

„Brauchen Sie überhaupt einen Wagen, wenn Sie so viel arbeiten?“, fragte sie, während sie die Haustür ins Schloss zog.

„Sì.“ Er ließ sie die Treppe hinunter vorangehen, und Emily spürte seinen großen starken Körper hinter sich. Es war ein seltsames Gefühl. Sie kam sich vor wie ein junges Mädchen bei seinem ersten Date, genauso aufgeregt und nervös. Du musst wirklich öfter ausgehen!

„Meine Wohnung liegt drüben in Parramatta, und ich werde nachts oft ins Harbour gerufen.“

„Natürlich.“ Heute Abend hoffentlich nicht, dachte sie.

„Aber heute Abend nicht“, antwortete er, als hätte er ihre Gedanken gelesen, und schloss den Wagen auf.

Gleich darauf saß Emily auf dem Beifahrersitz und Marco neben ihr. Als er die Fahrertür zuzog, schien der Innenraum des Wagens zu einer dämmrigen Höhle zusammenzuschrumpfen. In die warme Luft mischte sich der schwache Duft von Marcos herbem Aftershave.

Es war wirklich wahr. Da saß sie nun in einem schicken Wagen an der Seite eines atemberaubenden Italieners, der diesen Abend mit ihr verbringen wollte. Emily konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal mit einem Mann ausgegangen war und sich so gefühlt hatte: erwartungsvoll, gespannt, als tanzten sprudelnde Champagnerbläschen in ihren Adern.

Gran und ihre Handarbeitsfreundinnen hatten sie immer ermuntert, die Einladung anzunehmen, wenn ein Mann mit ihr ins Kino oder essen gehen wollte. Aber die Männer hatten sich sehr schnell zurückgezogen, sobald sie merkten, wie viel Zeit sie für Annie brauchte.

Marco deutete auf die Häuser und die liebevoll angelegten Vorgärten. „Sie wohnen bestimmt gern hier.“

„Oh ja. An meinen freien Tagen laufe ich meistens zu Fuß zum Anleger, wenn ich die Fähre in die Stadt nehmen will. Oder ich gehe am Hafen spazieren.“

Er beugte sich vor und startete den Motor. „Vom Hafen habe ich bisher nicht viel mitbekommen, vom Blick aus den Krankenhausfenstern einmal abgesehen.“ Marco zuckte lässig mit den breiten Schultern, und Emily musste sich beherrschen, nicht hinzustarren. „Und natürlich nachts, vor dem Schlafengehen. Mein Schlafzimmer geht zum Hafen hinaus.“

Sie mochte nicht an Marco in seinem Schlafzimmer denken. Doch die Gedanken ließen sich nicht bändigen. Schwarze Boxershorts? Oder solche schicken Retroshorts, die die Models trugen und die sich eng an schmale Männerhüften schmiegten? Auf jeden Fall in Schwarz. Kein T-Shirt. Dunkles Seidenlaken. Darauf ausgestreckt Marco, athletisch gebaut, muskulös, sonnengebräunt. Puh. Ihr wurde schon wieder warm.

Sie versuchte sich zu erinnern, worüber sie gesprochen hatten, bevor ihre Fantasie mit ihr durchging. Ausblicke?

„Vielleicht sollten Sie weniger arbeiten?“

Marco lächelte verwegen, weiße Zähne blitzten, die dunkelbraunen Augen funkelten. „Wozu? Ich gebe lieber alles in meinem Job.“

„Und das Leben rennt an einem vorbei.“

Er warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. „Ist es an Ihnen vorbeigelaufen, Emily?“

„In den letzten sechzehn Jahren bestimmt.“ Sie liebte es, wie er ihren Namen aussprach. Mit diesem sexy Akzent, der ihm einen sinnlichen Klang verlieh. Nicht dass sie sich je sexy gefühlt hätte, aber gab es nicht für alles ein erstes Mal? Grans Bluse spannte ein bisschen an ihren Brüsten, vielleicht war sie sich deshalb ihrer Weiblichkeit so stark bewusst.

Am Hafen erwartete sie eine Überraschung. Marco brachte sie nicht zu einem dieser glänzenden weißen Hafenkreuzfahrtschiffe, die sie oft über das Wasser gleiten sah, hell erleuchtet, mit Kellnern im Smoking, die geschäftig von Tisch zu Tisch eilten. Ein schwimmendes Fünf-Sterne-Restaurant, wo man hinter Glaswänden saß, abgeschirmt von Wind und Wetter, damit die Frisur nicht durcheinandergeriet.

Stattdessen erhob sich vor ihr ein hundert Jahre alter Dreimaster aus poliertem dunklem Holz. Marco führte sie die hölzerne Gangway hinauf, und an Bord wurden sie von einem imposanten Kapitän mit Federhut begrüßt.

Auch seine Mannschaft war in historische Kostüme gekleidet, stellte Matrosen und Serviermädchen aus einer längst vergangenen Zeit dar. Es gab nur wenige Tische an Deck, die in intimen Nischen standen, gedeckt mit edlem Leinen, Kristallgläsern und matt schimmerndem antikem Silberbesteck.

Marco beobachtete Emily und genoss es, dass ihm die Überraschung gelungen war. Ihre Augen leuchteten, während sie sich zu ihm umdrehte. „Wunderschön …“, hauchte sie. „Wie haben Sie denn das geschafft? Ich dachte, diese Schiffe werden nur privat vermietet.“

„Über Ihren Dr. Finn. Er war sehr hilfsbereit.“

Finn und hilfsbereit? Es war schon ungewöhnlich, dass ein übellauniger Kerl wie er so etwas Romantisches überhaupt kannte. „Es ist fantastisch“, sagte sie. „Ich bin überwältigt. Danke.“

Er berührte ihre Hand. „Es ist mir ein Vergnügen.“

Der Kapitän zeigte ihnen ihren Tisch, und sie nahmen Platz. Es waren die besten Plätze, am Heck des Großseglers, wo sie hören konnten, wie das Wasser sanft gegen den Rumpf schwappte. Vor ihnen erhoben sich die stattlichen Masten in den Himmel.

Die Zeit war wirklich knapp gewesen. Jetzt wurde die Gangway eingezogen, das Rumpeln war weit übers Wasser zu hören. Geschäftige Seeleute machten die Leinen los, und langsam entfernte sich das Schiff vom Kai.

Emily legte den Kopf in den Nacken und betrachtete staunend die Matrosen, die an den Spieren hingen, an Tauen zogen und die kleineren Topsegel lösten. „Wie wunderbar.“

„Ja“, sagte er, betrachtete dabei aber ihr Gesicht. Marco lächelte leicht, als sie sich mit strahlenden Augen begeistert umschaute.

Champagner wurde serviert, und Marco nahm zwei Gläser von dem Silbertablett. Emily nippte abwesend an ihrem, während sie weiterhin aufmerksam das geschäftige Treiben an Bord beobachtete.

„Sie genießen es wirklich.“

„Oh ja!“

Die Mauern, die er fest und sicher um sein Herz errichtet hatte, bekamen einen ersten Riss. Marco hätte es nicht für möglich gehalten. Er brauchte niemanden, kam allein zurecht, seit er sein Elternhaus kurz nach dem Tod der Mutter verlassen hatte. Aber jetzt, als er Emily betrachtete, ihre leuchtenden Augen, die zart geröteten Wangen, da schlichen sich ungewohnte Gefühle in sein Herz. Anders als alles, was er bisher gekannt hatte.

„Sie nicht?“

Seine Gedanken waren zu weit abgeschweift. „Scusi?“

„Finden Sie es nicht herrlich?“ Eine goldblonde Strähne fiel ihr ins Gesicht, als sie sich vorbeugte, und Marco juckte es in den Fingern, ihr Haar zu berühren. Es sah seidig aus, bestimmt würde es sich genauso anfühlen. Emily war schön, und in ihren Augen lag eine Wärme, die ihm naheging.

Auch das war eine völlig neue Erfahrung für ihn. Je schöner die Frauen, umso seichter das Wasser, so hatte er es bisher erlebt. Für Emily galt das nicht. Sie war alles andere als oberflächlich.

, der Abend gefällt mir. Sie gefallen mir.“

Sie wurde rot und blickte aufs Wasser hinaus. „Ich habe nicht gefischt.“

„Natürlich nicht.“ Warum sagte sie das? „Sie haben ja auch keine Angel.“ Er sah sich um. „Möchten Sie angeln?“

Unerwartet fing sie an zu lachen, glockenhell und ansteckend. Im nächsten Moment schlug sie die Hand vor den Mund. Warum?

Der Kellner kam, gekleidet wie ein englischer Offizier. „Guten Abend, die Herrschaften.“ Er nahm die Bestellung entgegen und füllte ihre Gläser nach. Emily grinste ihn an, er grinste zurück. Marco runzelte die Stirn.

Emily wandte sich ihm zu. „Ich meinte nicht, dass ich Fische fangen will, sondern dass ich nicht auf ein Kompliment aus gewesen bin.“ Sie lachte wieder.

Marco lächelte. „Verstehe. Eine Redewendung. Ihr Australier habt eine ganze Menge davon, wie die Engländer.“

„Meine Gran war mit einem Engländer verheiratet. Er hat die lustigsten Sachen gesagt.“ Bei der Erinnerung daran lächelte sie versonnen.

Er hatte noch nie eine Frau so viel lächeln sehen. Es wärmte seine kalte Seele. „Erzählen Sie mir von Ihrer Familie. Von Ihren Eltern, Ihrer Großmutter.“

Sie stellte ihr Glas ab. „Meine Eltern leben nicht mehr. Sie waren sehr konservativ und unendlich enttäuscht von mir, als ich mit sechzehn schwanger wurde. Aber meine Gran hat mich bedingungslos geliebt. So, wie ich meine Tochter liebe. Ich hoffe, ich finde eines Tages jemanden, der mir genau das bedeutet.“

Einen Mann, der bei ihr blieb und für sie da war. Einer, der sich nicht für ein paar Wochen in seine Arbeit vergrub, dann seine Sachen packte und weiterzog, zum nächsten Job. Einer, der nicht so ist wie ich, dachte Marco. „Auf Annies Vater traf das nicht zu?“

Sie zuckte mit den schmalen Schultern. „Seine Familie war sehr reich. Zu gut für mich. Als der Skandal bekannt wurde, verschwand er von der Bildfläche. Wir haben ihn nie wiedergesehen.“

„Nicht ein einziges Mal?“ Bastardo. „Er hat nie seine Tochter kennengelernt?“

„Nein.“ Sie brach ein Stück von ihrem Brötchen ab, nahm ihr Messer und stieß es in die Butter. Unwillkürlich zuckte Marco zusammen. Sie bemerkte es und sah lächelnd auf. „Ich bin schon seit Jahren darüber hinweg. Obwohl ich mir für Annie gewünscht hätte, dass er sich ab und zu blicken lässt. Seine Eltern schicken jedes Jahr zu ihrem Geburtstag Geld, das ich angelegt habe. Wenn sie volljährig ist, kann sie damit machen, was sie will.“

Emily strich Butter auf das Brötchen und biss hinein, gerade als die Vorspeise serviert wurde. Gut, dass sie das Messer hingelegt hat, dachte Marco amüsiert, sie hätte den armen Seemann zu Tode erschreckt.

„Oh, Calamari! Ich liebe Calamari. Wie heißen sie auf Italienisch?“ Mit sichtlichem Appetit verputzte sie ihren Anteil, und Marco musste ein Lächeln unterdrücken. Er mochte Frauen, die nicht geziert im Essen herumstocherten.

„Tut mir leid, genauso. Calamari. Aber das Wort für Fisch …“ Er deutete auf die zarten Fischfiletstückchen auf dem Salatbett. „… ist pesce.“

„Pesce“, wiederholte sie. „Hört sich fast an wie Fische.“ Sie lächelte und sah auf seinen Mund, als er den letzten Bissen aß. „Ihr Englisch ist ausgezeichnet. Viel besser als mein Italienisch.“

Er schluckte den Fisch hinunter, ohne ihn wirklich zu schmecken. Wie ihr Blick auf seinen Lippen verweilte, weckte einen ganz anderen Appetit in ihm. „Ich habe viel Zeit außerhalb Italiens verbracht.“ Marco lenkte das Gespräch wieder auf sie. „Und Sie haben sich entschieden, Hebamme zu werden, nachdem Annie auf der Welt war?“

Sie tupfte ihre korallenroten Lippen mit der Serviette ab, und er war wieder abgelenkt. Marco hätte fast verpasst, was Emily sagte. „Annie lag auf der Intensivstation. Sie war vier Wochen zu früh gekommen, und für eine Mahlzeit hat sie Ewigkeiten gebraucht. In den drei Wochen, die sie im Krankenhaus war, habe ich viel Zeit dort verbracht und mich irgendwie verliebt – in die Hebammen, die Intensivpflege, die Babys. Auf einmal wusste ich, was ich werden wollte. Meine Eltern waren nicht gerade begeistert, doch Gran hat mich immer wieder in meiner Entscheidung bestärkt.“

Marco sah sie vor sich: eine junge Mutter, noch ein Teenager, mit einem winzigen Baby, die Tag und Nacht auf der Säuglingsintensivstation auftauchte, um für ihre Tochter da zu sein. Bewundernswert. Je mehr er von Emily Cooper wusste, umso faszinierender fand er sie.

„Jetzt aber genug von mir“, sagte sie da. Wollte sie nicht an jene Zeit erinnert werden? Daran, wie viel sie in ihrer Jugend verpasst hatte? Sie blickte sich um. „Können wir ein bisschen herumlaufen? Das Schiff erkunden?“ Emily sah zum Hauptmast hinüber. „Sachen anfassen?“

Sie könnte ihn anfassen. „Was kann ich Ihnen anbieten?“

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